Wir entdecken - Landschaft zwischen Elbe und Weser

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Wir entdecken - Landschaft zwischen Elbe und Weser

Wir entdeckenDIE ELBEMit Rolf Zuckowskivon der Quelle biszur MündungNatur • Historie • Lieder • Leute


Wir entdeckenDIE ELBEMit Rolf Zuckowskivon der Quelle bis zur Mündung


Dieses Buch entstand in Zusammenarbeit mit demVerein Elbkinderland.(Dieser Fisch als Logo des Vereins taucht in diesem Buch immerwieder dort auf, wo Ausflugtipps stehen, die Kinder ansprechen.)Impressum:Herausgeber:Redaktion/Lektorat:Umschlag- und Buchgestaltung:Druck:Verlag:MCE Verlag in Zusammenarbeit mit Rolf Zuckowski und dem Verein Elbkinderland e. V.Peter von AllwördenNikolaus Ruhlcreaktiv print + more, Stade© 2008 MCE Verlagsgesellschaft mbH & Co.KG (Medien Contor Elbe)Sietwender Straße 48, D-21706 Drochtersen, Tel. 04143 / 435www.mce-verlag.deSämtliche Rechte der Speicherung, Nachnutzung sowie Verbreitung liegen beim Verlag.ISBN: 378-3-938097-14-4


EditorialBunt und vielfältig ist unsere Elbe. Ganz unspektakulär entspringt sie dem Riesengebirge, mäandertals kleines Bächlein durch die Berge und mündet als eine der größten Schifffahrtsstraßender Welt nach rund 1100 Kilometern in die Nordsee. An dieser Strecke erleben die Elbentdecker dieunterschiedlichsten Landschaften, Städte und Naturschönheiten. Wir wollen die Leserinnen undLeser dieses neuen Bild- und Lesebandes über den großen Strom, seine Menschen, Städte undGeschichte mitnehmen auf eine spannende Entdeckungsreise, zu der der Elbefreund und LiedermacherRolf Zuckowski als Herausgeber einlädt. Hinter dem Wir verbirgt sich ein ganzes Team vonAutoren.Warum Rolf Zuckowski? Der Musiker, der in Hamburg direkt an der Elbe auf dem Süllberg lebt, hatden Fluss für sich ganz persönlich neu entdeckt, als er im Sommer 2000 zu einer Tournee entlangder Elbe gestartet ist. Tausende Kinder zwischen Cuxhaven und Podebrady hat der engagierte Liedermacherauf die Freilichtbühnen geholt und mit ihnen gesungen. „Wir hier an der Elbe“ ist als Liedzum Symbol dieser großartigen, verbindenden Tournee geworden. Drei Jahre später entstand unterder Schirmherrschaft Zuckowskis der gemeinnützige Verein Elbkinderland, der regelmäßig Begegnungenund Konzerte organisiert und sich für den Erhalt der Elblandschaft stark macht. KünftigeBegegungsprojekte des Vereins werden mit einem Teil der Erlöse aus diesem Buch unterstützt.Nun soll es losgehen mit dieser einmaligen Elbreise: Zunächst blickt Rolf Zuckowski auf seine Konzertreiseim Jahr 2000 zurück, und die Reiseautoren Christine und Jürgen Reimer nehmen mit aufeine Tour per Fahrrad und Schiff von der Quelle bis zu Mündung. Danach porträtieren Journalistenvon der Elbe Menschen, die an oder auf der Elbe arbeiten und leben. Der Schriftsteller Burghard Bartoserzählt im Plauderton vom geschichtsträchtigen Fluss und seinen Städten. Die FachautorenChristian Schmidt und Ernst-Paul Dörfler entführen in die Schönheiten der Naturlandschaft. Ineinem letzten Teil haben Zuckowski und ein Team vom Verein Elbkinderland eine kleine Liederreisezusammengestellt. Sie basiert auf zahlreichen Zusendungen nach einem öffentlichen Aufruf entlangder Elbe.Also, liebe Elbefreunde und Elbentdecker, machen Sie sich auf, erkunden Sie diesen einmaligen Flussund seine Menschen und lassen Sie sich durch unser Buch zu einer eigenen Elbreise anregen. VielSpaß beim Lesen, es gibt viel zu erleben.Peter von AllwördenMCE Verlag


Natur am FlussQBrief von RolfNaturraum Elbe: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .114Das Wunderkind unter den FlüssenFauna und Flora dieser einmalige FlusslandschaftPflanzen und Tiere an der ElbeNaturschutz an der Elbe: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .150Die wichtigsten NaturschutzgebieteGeschichte am FlussQBrief von RolfHistorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .154Rübezahl, Störtebeker & Co: Eine historische Reise durch die FlusslandschaftSingen am FlussQ Brief von RolfLiederteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .186Wir singen von der Elbe. Eine Liederreise von der Quelle bis zur MündungService: Musikfestivals an der Elbe7


Aufbruch am Fluss


Aufbruch am Fluss„Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise!“ So sangen wir als Kinder,denn unser Papa war Seemann. Da gab es keine größere Sehnsuchtals die, hinaus aufs weite Meer zu fahren. Freddy Quinns Lied„Heimweh nach St. Pauli“ hat mich einige Jahre später tief beeindruckt.Es musste also noch eine zweite Seite der Sehnsuchtsmedaillegeben, die ich nicht kannte.Die Elbe fließt in die Nordsee, daran gibt es keinen Zweifel, aberwoher kommt sie? Wer das herausfinden will, sollte sich auf den Wegzur Quelle machen, also hinauf ins tschechische Riesengebirge. DieElbe ist knapp 1100 Kilometer lang, zum Glück wurde sie von derNatur in überschaubare Abschnitte aufgeteilt. Es gibt abwechslungsreicheLandschaften zu entdecken, pulsierende Großstädte vollerKultur und Freizeitangebote, verträumte Dörfer und Städtchen, vorallem aber immer wieder sie selbst, die Elbe.Auf den Weg machen muss man sich schon selber. Nun gilt es, eineEntscheidung zu treffen: Fahren wir flussauf oder -abwärts? Ich habemich für unsere Elbtournee im August 2000 mit der HamburgerHafenfähre „Jan Molsen“ zunächst für die Fahrt nach Stade undCuxhaven entschieden, um dann elbaufwärts nach Dresden zuschippern. Wir hatten die Rechnung allerdings ohne die Elbegemacht und wären über Boizenburg mangels Wassers nicht hinausgekommen.Hadag-Kapitän Kurt Richter war nicht weniger überraschtals ich.In diesem ersten Kapitel habe ich meine eigenen Erinnerungen anunsere Elbtournee aufgeschrieben. Einen Überblick über die gesamteFlusslandschaft, die bedeutendsten Städte und Sehenswürdigkeitenliefern uns aber zwei profunde Kenner der Elbe: Christine undJürgen Reimer. Die beiden Reisejournalisten haben die Elbregionenmit dem Fahrrad bereist und einen Elbe-Rad-Reiseführer geschrieben.Sie starten mit ihrer Tour an der Quelle.


Aufbruch am FlussWir hier an der ElbeRückblicke auf eine Konzertreise durch die Flusslandschaftenvon Rolf ZuckowskiDie altehrwürdige Hamburger Speicherstadtbot uns den Hintergrund für denStart der Konzertreise gegen den Stromunter dem Motto „Wir hier an der Elbe“.Ein aus der Sicht der vielen mitwirkendenKinder und Erwachsenen sowie der alsSchirmherren fungierenden Ministerpräsidentenvon fünf Elb-Bundesländer einmaligesEreignis. Es galt nicht nur, unserengemeinsamen Fluss neu zu entdecken. ZehnJahre nach der Öffnung der Grenzen zwischenden beiden Teilen Deutschlands wolltenwir mit 40 Kinderchören in 23 Elbortenunseren Teil zur Überwindung der 40-jährigenTrennung Deutschlands beitragen unddabei helfen, Gemeinsamkeiten und Unterschiedezu entdecken.Wir starteten unsere Tournee am 30. Juli2000 mit einem Eröffnungskonzert vor denalten Kaispeichern am Rande des HamburgerHafens mit Besuch aus Dresden, mitdem Philharmonischen Kinderchor ausDresden, der Lütt Finkwarder Speeldeel, denAlsterfröschen und anderen HamburgerKinderchören, begleitet von Michael Gundlach.Die Speicherstadt kann man getrostals städtische Landschaft bezeichnen. Sieerlebt seit einigen Jahren als historischerKern der neuen Hafencity völlig neue Aufmerksamkeit.Diese Backsteinwelt liegt imElbstrom und lässt sich daher am besten perBarkasse erleben, wobei ein Blick in die Kaf-10


Aufbruch am Flussfee- und Gewürzspeicher nicht fehlen sollte.Wir traten unsere Reise am Vortag symbolischauf der Hadag-Fähre MS Jan Molsen inSchulau an, nahe der weltberühmtenSchiffsbegrüßungsanlage Willkommhöft.Unser Schiff unter Kapitän Kurt Richter undseinem Steuermann Hans-Peter Ottobrachte uns zunächst in die Speicherstadtund am Abend, nach einem nasskalten undwindigen, aber gelungenen Auftakt, elbabwärtsnach Cuxhaven. Dort, unmittelbar hinterdem Nordseedeich, waren wir nach etwavier Stunden unmissverständlich an derMündung der Elbe angekommen. Der salzigeSeewind auf der Haut und der Sand inden Augen erzählten uns davon, dass dieElbe nun bis zur Hamburger Insel Neuwerknur noch als Wasser im Wasser zu ahnenwar – danach alles eins, alles Meer.War es schon eine Herausforderung, dieKinderchöre aus Ost und West miteinanderzu verknüpfen, so überraschte uns umsoHamburg - Speicherstadt.mehr, wie sehr die breite Elbmündung dieMenschen in Cuxhaven und Brunsbüttelvon einander trennte. Die Versuche, zwischenbeiden Städten eine ständige Autofährverbindungeinzurichten, scheitertenimmer wieder an der fehlenden Wirtschaftlichkeit.Wir erlebten eine Ausnahmesituationund konnten daher unsere Bühnentechnikmit der Autofähre übersetzen. SoStart in Schulau.fuhren wir nach einem noch windigerenKonzert als in Hamburg vom Nordseestrandbadim Zickzackkurs elbaufwärts,zunächst zu unserem Konzert in das Elbeforumvon Brunsbüttel. Auch hier kann mandas Meer riechen und das weite Deichvorlandgenießen. Das, was der Stadt am Nord-Ostsee-Kanal prägt, ist aber vor allem dieZufahrt zum meist befahrenen Seeschiffkanalder Welt mit einem nie endendenSchleusenbetrieb.Ein kleines Stück elbaufwärts erschließtsich bei Glückstadt, mit der Fährmöglichkeitnach Wischhafen, das typische rechtselbischeMarschenland, fruchtbar und hinterhohen Deichen versteckt, die zum Wandernund Verweilen einladen. Hier schmeckenScholle und Stint mit Bratkartoffeln,Bratäpfel, Apfelkuchen und all die anderenLeckereien dieser Region in einem der vielenurigen Landgasthöfe besonders gut. DieFahrt auf die linke Elbseite dauert vonGlückstadt nicht viel länger als 30 Minutenund sie lohnt sich schon wegen des „Kurzurlaubs“auf dem Wasser. Das „Alte Land“11


Aufbruch am Flussvon Stade bis Cranz zu verpassen (vorallem zur Obstblüte) hieße, an einem Landstrichvorbeizufahren, der nicht nur mit seinenObstplantagen, sondern vor allem auchmit seinen schmucken Bauernhöfen in weißemFachwerk zu beeindrucken weiß. DieMarsch bietet auf der rechten Elbseite eineeinmalige reiche Vogelwelt und außer demHaseldorfer Schlosspark mit der HetlingerSchanze einen für viele sicher überraschenden,weißen Elbstrand, der seit einigenJahren sogar wieder zum Baden einlädt.Unser Konzert in der halb ausgeräumtenBootshalle am Glückstädter Hafen war entsprechendzünftig. Leider verpassten wirBootshalle Glückstadt.ganz knapp die legendären „GlückstädterMatjeswochen“. Wir setzten unsere Technikmit der Fähre nach Wischhafen überund unser Käpt'n bugsierte seine Jan Molsengeschickt durch die tideabhängigeSchwinge, direkt in die von beeindruckendenBacksteinbauten geprägte StaderInnenstadt. Nach dem Konzert in dermodernen Stadthalle „Stadeum“, wo wirdie Buxtehuder Stieglitze und die Muldespatzenaus Dessau kennen lernten, schautenwir uns beim Auslaufen in einer WerftKonzert in Boizenburg.an der Schwinge noch ein paar schmuckeYachten an und träumten von weiterenFahrten elbaufwärts. Inzwischen hatte sichabgezeichnet, dass wir mit unserer Hadag-Fähre bei dem für August nicht ungewöhnlichenWasserstand von 1,50 Meter bei Boizenburgnicht elbaufwärts fahren konnten.Schade, aber fast alljährliche Elbwirklichkeit.Ein kurzer Stopp zu einem hochsommerlichenKonzert im Wedeler Freibad, unddann hieß es umpacken vom Schiff in meinblaues VW-Wohnmobil, das uns nun zusammenmit den Technikfahrzeugen am Elbuferentlang zunächst nach Geesthacht und Boizenburgbrachte. Leider erlaubte unserZeitplan kein Verweilen in den traditionsreichenHamburger Vier- und Marschlanden,der Obst- und Gemüsekammer Hamburgs,die der Elbmetropole überraschend ländlicheZüge geben.Der Feldherrenhügel in Geesthachtermöglicht einen für diese Gegend ungewöhnlichenWeitblick – uns bescherte ereine Tourneepanne erster Güte: Stromausfallbeim Open-Air. Nun kam es darauf an,ohne technische Unterstützung zu singen,kein leichtes Unterfangen bei etwa 3.000Zuschauern. Die Laune hielt, der Feldher-12


Aufbruch am Flussrenhügel blieb unvergessen. In Boizenburgbeichtete mir eine Chorleiterin, dass sietrotz Abriss der Grenzzäune und Schießanlagenam Todesstreifen in den zehn Jahrennach der Wende nie an der Elbe gewesensei. Die Angst davor saß zu tief. Erst durchihre Chorkinder wurde sie hierher geführtund genoss es zutiefst, sicherlich auch denBlick in die sich bei Boizenburg öffnendeElbtalaue. Unsere Fahrt ging wieder auf dieFeldherrenhügel in Geesthacht.andere Elbseite nach Hitzacker. Dort hatteich hoch auf dem Geestrand vor etwa 20Jahren mit meinen Kindern nach Ostengeblickt und noch nicht einmal geahnt,welch eine wundervoll weite und vielfältigeNaturlandschaft sich hier eröffnet. Von derbezaubernden Fachwerk-Altstadt Hitzackersaus lässt sie sich nun wieder erwandernund erradeln oder mit dem Ausflugsschifferkunden. Ein Abstecher nach Bleckedelohnt sich, um das Elbschloss mit seinerhervorragenden Elbtal-Naturschau zugenießen. Im Frühsommer ist es ebenso wieHitzacker auch Schauplatz einer beliebtenKonzertreihe. In dieser Gegend spielt dasLeben hinterm Deich eine prägende Rolle,leider auch die Erfahrungen mit überflutetenund brechenden Deichen. Das Schöneund das Erschreckende liegen am Strom sonah beieinander, zum Glück auch die Erfahrungvon Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeitin der Not. Nach einem Blick voneinem der hölzernen Aussichtstürme überden Elblauf mit seinen vielen Buhnen lagein längerer Elbabschnitt vor uns, den dieRadwanderer besonders genießen können,weil sie für einige Zeit weit und breit keinAuto sehen werden.Wir überquerten die Elbe nördlich beiSchnackenburg, um nach Wittenberge zugelangen. Der Wechsel von Niedersachsennach Brandenburg ist nicht nur ein Landschaftswechselan den Rand der Prignitz,es ist auch ein Eintauchen in die Ausspracheder Menschen, die den Hamburgersofort an Berlin erinnert, auch das isttypisch Elbe. Das Land zwischen Elbe undMüritz ist mit seinem vielen Wasser undsanften Hügeln ein wahres Paddler- undRadler-Paradies. Wir genossen den Blickvon unserer Open-Air-Bühne über denneuen Nedwighafen auf das vor Wittenbergebesonders weite Land mit seinemhellen, blauweißen, brandenburgischenHimmel. Der Besuch des damaligen MinisterpräsidentenManfred Stolpe ehrte unsTouneeleiterin Heidi Lindner auf dem Aussichtsturm.13


Aufbruch am FlussAuf Entdeckungstour am großen StromEine Elbe-Reise per Rad und Schiff von der Quelle bis zur MündungVon Christine und Jürgen ReimerDie Vielfalt des FlussesDie Elbe: Gewaltig ist dieser Strom anseiner Mündung bei Cuxhaven. Ozeanriesenfahren auf einer der verkehrsreichstenWasserstraßen der Welt,ziehen vorbei in Richtung Hamburg,zum flächenmäßig größten Hafen derErde. Doch woher kommt das Wasser,das hier in die Nordsee fließt? Wo entspringtdie Elbe?Es lohnt sich, diese Fragen zuerkunden und dem 1094 Kilometerlangen Flusslauf zu folgen. Stück fürStück lässt sich die einzigartige Vielfaltvon Landschaft, Natur und Kulturerleben. Die Elbe ist der vierzehntlängsteFluss in Europa und gehört zuden 200 längsten Wasserläufen derErde. Fast ein Drittel ihrer Gesamtlänge(364 Kilometer) entfällt auftschechisches Gebiet.Die beeindruckende Bergwelt rundum die Schneekoppe bildet das Elbquellgebiet.Das Wasser der Hochmooresammelt sich, bildet ein Rinnsal,findet sich zu einem Bächlein,formt ein Flüsschen und rauscht zuTal. Mit jedem Zulauf wird die Elbegrößer. Freundliche alte Städtchenempfangen uns mit ihren Kirchen,bunten Häusern und herrschaftlichenSchlössern. Durch Naturschutzgebieteund vorbei an entlegenen Dörferngeht die Fahrt. Bei Mělník mündet24


Aufbruch am Flussdie Moldau in die Elbe, die sich ab hierdurch herrliche Berg- und Hügellandschaftenschlängelt. Beeindruckendsind Form und Ausmaß der Böhmischenund Sächsischen Schweiz. DieElbsandsteine bilden einen einzigartigenund gewaltigen Anblick. Dresdenund Meißen locken zu einem Besuch.Dann säumen Weinhänge den Weg.Immer breiter wird der Fluss. DieWeite der Elbtalauen beeindruckt mitihren unzähligen Vogelarten und denvielen blühenden Pflanzen. Weißstörchezieren die Landschaft und bevölkernganze Dörfer. Das Tor zur Welt– Hamburg – taucht auf und großeSchiffe dominieren das Bild. Dannkündigt die Kugelbake bei Cuxhavendas Ende unserer Reise an: Der mächtigeFluss verbindet sich mit der Nordsee.Die Elbe von der Entstehung bis zurMündung zu begleiten, ist absoluterlebenswert. Wir wollen zu Fuß, perFahrrad und mit dem Schiff ihre Vielfaltund Schönheiten entdecken…An der ElbquelleBevor wir uns auf die Reise entlangder Elbe begeben, heißt es, das Reichvon Rübezahl zu erkunden. Das Riesengebirgeist Heimat wunderlicherGeschichten, aber auch einer herrlichenNatur und Berglandschaft. Hier,im Grenzgebiet von Tschechien zuPolen, entspringt die Elbe. Es handeltsich dabei um große Hochmoorflächenauf über 1000 Meter Höhe, indenen sich das Wasser allmählichsammelt.☞ 1Auf 1386 Metern Höhe befindetsich der offizielle Quellpunkt der Elbe.Sportlich Ambitionierte steigen tapferin die Wanderschuhe und beginnen inŠpindlerův Mlýn den Aufstieg. Da derTag etwas länger werden wird, entschließenwir uns zu folgender Variante:Gleich morgens um zehn Uhrnehmen wir die Seilbahn auf den Medvědínund lassen uns hinauf tragen.Vom Gipfel wandern wir in einer gutenStunde hinüber zur Elbquelle. Wirerleben grandiose Ausblicke auf dieumliegenden Berge und hinunter insTal, wo sich die Elbe wie ein Würm-Kinder beim Münzenfischenan der Elbquelle.Wappen bedeutsamer Städtean der Elbe.1Labe oder ElbeDer tschechische Name Labe für dieElbe kann auf das alte schlesischeWort labrig (ermüdend, langsam)zurückgeführt werden. Die Römernannten das Gewässer fluvius albis,abgeleitet von albico, was weißlichschimmernd bedeutet. Hierauskönnte sich der Name der Elbeableiten.25


Aufbruch am FlussAb in die Tiefe -der Elbwasserfall.2WandernGute Wandermöglichkeiten bestehenentlang der „Weißen Elbe“hinauf zum höchsten Berg des Riesengebirges,der Schneekoppe (1602Meter) und auf dem Grenzkammzwischen Tschechien und Polen. AlleWanderwege sind beschildert.3Zwei regelmäßige Linien(Riesengebirgs-Fahrradbusse)fahren durch das Riesengebirge. DieBusse verkehren von Juni bis September.Detaillierte kostenloseTaschen-Fahrpläne erhält man inden Infozentren.4Alles über das Riesengebirge stehtunter:www.ergis.cz/krkonose5Informationszentrum/NationalparkverwaltungKrkonoseCZ - 543 51 Špindlerův MlýnŠpindlerův Mlýn 269Tel. + 420499433 28www.krnap.czwww.ergis.cz/krkonosechen dahinschlängelt. Stetiges Plätschernbegleitet uns, denn überall inden Hochmooren sammelt sich dasWasser. Krüppelkiefern und riesigeWollgrasfelder bestimmen die Landschaft,dazwischen viele seltenePflanzen wie der Weiße Gerber, diehier im Nationalpark noch zu findensind.Von der Sesselliftstation ist derWanderweg ausgeschildert. Wir laufenzur Vrbatova bouda, vorbei amWasserfall Pančavská. Tief zu unserenFüßen schlängelt sich fein die jungeElbe durch grüne Wiesen. An derLabska bouda biegen wir links ab undlaufen über die Hochfläche. An deroffiziellen Quelle sind die Wappenbedeutsamer Orte entlang der Elbean einer Steinmauer aufgereiht. Sieselbst ist in einen schlichten Betonringeingefasst. Der Blick hinein isteher ernüchternd und wir fragen uns:Das soll die Elbe sein? Wenige Zentimeterhoch steht das Wasser, in demeinige Münzen liegen, hineingeworfenmit dem Wunsch, Glück zu bringen.Wenn man die Elbe zwischen Hamburgund Cuxhaven kennt, bekommtman diese so unterschiedlichen Bilderdes Flusses nicht in Einklang.Ein ausgeschilderter Wanderweg(roter Querbalken auf weißem Grund)führt uns hinab ins Tal. Etwa zehnKilometer und gut 500 Höhenmetersind bis nach Špindlerův Mlýn zurückzulegen.Zum Teil ist der Abstieg steilund der Weg uneben. Festes Schuhwerkist auf jeden Fall ratsam. Nochist die Elbe ein Rinnsal. Doch schonfällt sie in gischtenden Kaskaden überMoos bewachsene Felsen, bildet sichzu einem Wasserfall aus, stürzt in dieTiefe, sammelt weitere Wasser undformt sich mehr und mehr zu einemrauschenden Bach. Dann trifft die„Weiße Elbe“ hinzu. Jetzt wird dasWasserbett etwas breiter, in demgewaltige Geröllmassen auf demGrund liegen. Wir können uns leichtvorstellen, welche Kräfte hier im Frühjahrzu Schmelzwasserzeiten wirken.Der Weg folgt dem Fluss durch denjetzt dichter werdenden Wald, Vogelgezwitscherbegleitet uns, bis wirŠpindlerův Mlýn erreichen.☞ 2+3+4+526


Aufbruch am Fluss27


Aufbruch am FlussBlick auf die Schneekoppe.6Tourist-InformationszentrumFahrplan für den FahrradbusCZ - 543 51 Špindlerův MlýnSvatopetrská 173Tel. + 420 499 523 656www.spindlmu.info7HauptinformationszentrumRiesengebirgs-NationalparkKRNAP – Informační centraSprávy Krkonošský národní parkCZ - 543 01 Vrchlabí,náměstí Míru 223Tel. + 420 - 499 456 761www.krnap.cz8Schloss VrchlabíCZ - 54301 Vrchlabí, Zámecká 1Tel. + 420 - 499 405 311Von Špindlerův Mlýn nach JaroměřVon Spindlermühle nach Jaromir (65 km)Špindlerův Mlýn liegt in einem Tal desRiesengebirges auf 700 bis 850Metern Höhe, etwa zehn Kilometervon der Elbquelle entfernt. Es ist eintypischer Ferienort mit zahlreichenRestaurants, Privatzimmern, Pensionenund Hotels. Vor allem im Winterkommen viele Touristen in diesesrecht schneesichere Gebiet zumLang- und Abfahrtslauf. Seilbahnenführen auf die umgebenden Berggipfel.Mitten durch den Ort rauscht dienoch junge Elbe. Hier startet derinternationale Elberadweg und hierbeginnt unsere Reise entlang diesesspannenden europäischen Flusses.☞ 6Wir schwingen uns in die Sättelunserer Fahrräder. Es gibt nur eineStraße, die talabwärts führt und diewir uns mit dem Autoverkehr teilen.Dafür brauchen wir nicht viel in diePedale zu treten, unsere Räder rollenwie von selbst. Kurz hinter dem Ortsausgangist die Elbe zum ersten Malaufgestaut. Ein kurzer Stopp lohnt.Die mächtige Talsperre wurde schon1916 errichtet, um die reißendenKräfte der Elbe zu bändigen.Weiter geht der Fahrradspaß. DasTal windet sich durch die Berge, dieRäder rollen abwärts. Etwa 17 Kilometersind es, bis wir das „Tor zum Riesengebirge“Vrchlabí (Hohenelbe)erreichen, dem ersten größeren Ortan der Elbe. Mit ihren 13.000 Einwohnernist dies eine der netten altböhmischenKleinstädte, die uns mit Fachwerkhäusernund den in Böhmen sotypischen Arkadenbögen begeistern.Neben dem viertürmigen Renaissanceschlossim Park sind der Marktund die Einkaufsstraße sehenswert.Ebenso sind das alte Rathaus aus demJahr 1591 und das barocke Augustinerklostereinen Blick wert.☞ 7+828


Aufbruch am FlussHinter Vrchlabí ist für Downhill-Fans das große Fahrradvergnügenschon zu Ende. Denn hier, rund 25Kilometer von der Quelle entfernt, hatdie Elbe bereits 870 Meter an Höheverloren. Wir folgen der Ausschilderungin Richtung Hostinné, direktneben der Elbe, die sich durch dieWiesengründe schlängelt. ☞ 9Bei Klášterská Lhota recken sichrote Sandsteinfelsen über dem immernoch kleinen Flüsschen in die Höhe.Ländliche Idylle umgibt uns mit denalten malerischen Holzbauernhäusern,den schmucken Blumenkästenund den blühenden Gärten. Dieälteste Stadt der Region ist Hostinné.Die Altstadt mit ihrem großen Marktplatzempfängt uns. Neben dem Rathaussteht ein Uhrturm, dessen Pendeldurch eine Glasscheibe zu beobachtenist. „Bewacht“ wird der Platzvon zwei riesigen Figuren an der Fassade.Zu sehen gibt es die gotischeDekanatskirche und die barocke Klosterkirche.Einige Industriebetriebe,darunter auch eine Papierfabrik,haben einen ungeheueren Wasserbedarf,weswegen die Elbe hier aufgestautist.Hinter der Elbbrücke ändert sichdas Landschaftsbild. Die weite Ebeneweicht einer eher bewaldeten Hügellandschaft,die bis auf 500 Meteransteigt. Über Dolní Brusnice geht esnach Bílá Tremesá. Auf der Landstraße299 radeln wir durch einesanfte Hügellandschaft mit viel Waldbis Nemojov. Hier ist der Fluss erneutaufgestaut. Danach weitet sich dasTal. ☞ 10Eine Besichtigung der schönherausgeputzten Altstadt vonDvůr Králové (Königinhof) lohnt. DasGesamtbild ist typisch für die altböhmischenOrte: Der Marktplatz im Zentrum,die Marien-Säule in dessenMitte, umstanden von den Bürgerhäusernmit ihren so charakteristischenArkadenbögen. Daneben die allesMarktplatz in Dvůr Královénad Labem (Königinhof) mitMarien-Säule und Arkadenbögen.9RiesengebirgsmuseumCZ - 54301 VrchlabíHusova 213Tel. +420 - 49945670810ZooEtwa ein Kilometer vor der StadtDvůr Králové nad Labemtreffen wir auf „Afrika im HerzenEuropas“. Es ist ein zoologischerGarten mit der größten Kollektionafrikanischer Tiere in Europa. TropischeHäuser, Raubtiergehege, Primaten,Elefanten können wir auf Safari-Rundfahrten erleben.Zoo Dvůr Králové nad LabemCZ - 544 01 Dvůr Králové nadLabemŠtefánikova 1029Tel. + 420 - 499329515www.zoodk.cz29


Aufbruch am Fluss11Státní zámek Kuks – HospitalCZ - 544 43 KuksTel. + 420 - 499 692 161www.zamky-hrady.cz12Informační centrum JaromírStadtinformation JaromírNámźstí ČSA 16CZ - 551 01 JaroměřTel. + 420 - 491 847 220www.jaromer-josefov.czLädt zur Rast ein – Café in Kuks.überragende Johannes-Kirche.Wir kehren zurück an den Fluss.Nach nur wenigen Kilometern erreichenwir Kuks (Kukus). Über der Elbethront ein riesiger barocker Gebäudekomplex.Das imposant gelegene Kurhausund das Schloss wurden unterFranz Anton Graf Sporck erbaut. Amschönsten ist es hier am Vormittag,wenn die Sonne direkt auf die Hauptfassadedes Schlosses scheint. ☞11Der Radweg wird jetzt zeitweiseüber die Elbwiesen geführt. Dannerreichen wir Jaroměř. Durch diemächtigen Stadttore gelangen wir auforiginalem Kopfsteinpflaster in dieschöne Altstadt, oberhalb der Elbegelegen. Hier lockt uns die Cukrána(Eiscafé und Konditorei) am zentralenPlatz zu leckeren Naschereien. Blickenwir nach links über die Elbe,sehen wir am anderen Ende der Brückedie große Schlossfassade, hinterder sich heute die Kunstschule befindet.☞ 12Von Jaroměř nach PardubiceVon Jaromir nach Pardubitz (50 km)Wir verlassen die Altstadt über dieBrücke zum Schloss. Links der Elbegeht es hinauf zur Festung Josefov(Josefstadt). Der Anstieg lohnt, dennwir gelangen hinein in diese Garnisonsstadt,die schon deutlich bessereTage gesehen hat. Zum Bau der Festungwurden 500 Millionen Ziegelsteineverwendet, die einzelnen Anlagenbildeten zusammen ein durchdachtesVerteidigungssystem. DerBesuch der Festung mit Führung lohntgenauso wie ein Rundgang durch dieStraßen dieser interessanten K.u.k.-Stadt. Hinter Josefov treffen wir kurzeZeit später wieder auf den Elberadweg,dem wir linkselbisch durch eineseichte Hügellandschaft mit riesigenWiesen und Feldern nach Hradec Královéfolgen. So gelangen wir, teilweiseauf schmalem Pfad, die letzten Kilometerdirekt am Elbufer entlang, insZentrum dieser königlichen Stadt.Hradec Králové (Königgrätz) isteine der ältesten böhmischen Städte.1225 erstmals urkundlich erwähnt,wurde sie im 14. Jahrhundert zum„Witwensitz“ der böhmischen Königinnen.Vorbei an den Resten desSchlesischen Tores kommen wir insStadtzentrum mit seinem großenMarktplatz (Velke náměstí). Das historischeStadtensemble beeindrucktdurch seine Größe und Vollständigkeit.Das kleine Eintrittsgeld und derAufstieg auf den „Weißen Turm“ sindgut investiert (Eingang gleich linksvon der Stadtinformation). Von obenhaben wir einen beachtlichen Blicküber den Marktplatz, die Dächer derAltstadt, die Elbe und die weitere30


Aufbruch am FlussUmgebung. Von der Elbbrücke (mostU Soutoku) haben wir den Blick aufden ersten größeren Zusammenfluss,die Einmündung der Orlice (Adler) indie Elbe. Von jetzt an kann man beider Elbe wirklich von einem Flusssprechen. ☞ 13Auf der kleinen Landstraße rollenwir durch sanfte Hügel. In dieser weitgehendflachen Landschaft erhebtsich ein etwa 300 Meter hoher Berg.Obendrauf thront die HussitenburgKunětická Hora (Kunietitzer Berg). Derrecht steile Weg hinauf ist wegen deserhabenen Ausblicks auf das weiteLand und den elegant geschwungenenElbbogen allemal die Mühe wert.Neben den archäologischen und geologischenSammlungen gibt es hieroben Erfrischungen, Verpflegung undÜbernachtungsmöglichkeit. ☞ 14Nach 167 Kilometern erreicht dieElbe ihren südlichsten Punkt. Hierbefindet sich die Stadt Pardubice (Pardubitz),von wo es gut 900 Kilometerbis Cuxhaven sind. Auf dieser Streckeverliert die Elbe nur noch etwa 221Höhenmeter, obwohl Böhmisches Mittelgebirge,Elbsandsteingebirge undSächsische Weinstraße noch vor ihrliegen.Bevor wir überhaupt ahnen, in eineStadt zu kommen, treffen wir auf dasin vollem Glanz erstrahlende Renaissance-Schloss.Zu besichtigen sind dieRittersäle, die historische Waffensammlungund die Ausstellung desostböhmischen Museums. ☞ 15Durch den Torbogen gelangen wir indas Stadtzentrum. Pardubiceschmückt sich mit einem der wohlschönsten Plätze Europas. Das harmonischeEnsemble strahlt Ruhe und entspannteAtmosphäre aus. Auch hierkönnen wir den Stadtturm ersteigen,um einen imposanten Rundblick zuhaben. ☞ 16Blick vom Weißen Turm aufdie Altstadt von Hradec Kralove(Königgrätz).13Informationszentrum Hradec KrálovéCZ - 500 02 Hradec Králové,Gočárova 1225Tel. + 420 - 495534482,+420 - 495 534 485www.ic-hk.cz14Burg (Hrad) Konźtická horaCZ - 53352 Staré HradištěTel. + 420 - 466415428www.kuneticka.hora.cz15Museum Pardubitz / Zámek PardubiceCZ-530 02 PardubiceTel. + 420 - 466799240www.zamky-hrady.cz16City Information CenterCZ - 53116 PardubiceTrida Miru 60,Tel. +420 466 613 223www.mesto-pardubice.cz31


Internetadressen vonBoots-Vermietern an der Elbewww.happycharter.dewww.charterboote-dresden.dewww.yachtcharter-werder.dewww.yachtcharter-oberelbe.de(Für die Befahrung der Elbe ist derSportbootführerschein Binnenerforderlich.)Für Kanuten und PadlerÜbersicht der Landes-Kanu-Verbände an der ElbeDeutscher Kanu-VerbandTel. 0203 - 997590www.kanu.deAufbruch am FlussWir hier auf der ElbeErinnerungen an eine Bootsfahrt durch Elbe und Havelvon Rolf ZuckowskiDas Singen an der Elbe ist seit demSommer 2000 eine wichtige Farbein meinem Leben geworden. Unsere Tournee-Hymne„Wir hier an der Elbe“ erklangdabei so oft, dass ich immer neugierigerwurde, den Fluss, der mir abwärts vonHamburg seit meiner Kindheit vertraut ist,auch oberhalb von Lauenburg vom Wasserher zu entdecken, ihn zu befahren, wieTausende von Seglern, Paddlern, Kanutenoder Motorbootfahrern. Wir entschiedenuns im Mai 2004 mit guten Freunden,unter ihnen erfahrene Unterelbe-Segler,eine kleine, familiäre Motoryacht mitsechs Betten zu chartern. Ein beliebterund sehr empfehlenswerter Rundtörnführte uns von Werder (am Rand vonPotsdam) die idyllische Havel und denElbe-Havel-Kanal hinab durch mehrereSeen und Schleusen hindurch RichtungMagdeburg.Vor der Domstadt fuhren wir übereinen Verbindungskanal nach Westen indie Elbe, dann über Tangermünde elbabwärtsbis nach Havelberg und schließlichdie Havel hinauf zurück nach Berlin.Unvergessliche Stunden in unberührterNatur mit erstaunlichem Tierreichtum,vielfältigem Vogelgesang, plätscherndemWasser und gemächlich wechselnden Eindrückenvon Landschaften, Dörfern undStädten wurden uns geschenkt. Diefreundlich winkenden Elbanwohner grüßtenwir mit unserem Elbtour-Lied in derVariante „Wir hier auf der Elbe“.Die Elbe bietet gestressten Großstädternvor allem eins: Eine beglückendeRuhe. Zitat eines weit gereisten HamburgerSeglers: „Die Elbe ist ein Traum“. Hierund da ein anderes Schiff oder Boot, vielöfter aber schwimmende und fliegendeBegleiter: Biber, vielerlei Fische, Enten,Störche, Reiher, sogar der Seeadler wurdegesichtet. Der Blick aufs Wasser und dasvorbeiziehende Land machen mit ständigwechselnden Perspektiven die friedlicheLebendigkeit des Flusses spürbar.Ich kann nach dieser unvergesslichenErfahrung nur jedem empfehlen, unserengroßen Strom auch vom Wasser aus zuentdecken. Am zünftigsten ist sicherlichimmer noch das Paddeln oder Segeln. Weres etwas bequemer haben will, findet entlangder Elbe und ihrer Nebenflüsse eineVielzahl kleiner und größerer Häfen undgut ausgestatteter Marinas sowie Vermieterfür Boote und Yachten aller Art (sieheHinweis auf Internetadressen von Bootsvermietern).Als eine besondere Perle an der mittlerenElbe wurde mir von Elbfahrern immerwieder Tangermünde mit seiner inzwischentopmodernen Marina genannt.Auch wir haben uns mit unserer gemietetenYacht dort besonders wohl gefühltund die beeindruckende Stadt mit ihrer70


Aufbruch am FlussYachthafen in Cuxhaven.aufwändig restaurierten Backsteingotikvom großen Hafentor in der mächtigenStadtmauer über das urige Kopfsteinpflasterbis hinauf zum Schloss liebengelernt. Entlang der Elbe lohnt sich mancherStopp an anderen, viel gelobten Perlendes Stroms wie Dresden, Meißen oderdie Lutherstadt Wittenberg. Aber auch diedabei oft im Schatten stehenden Orte wieWittenberge mit seiner beschaulichen Elbpromenadeund dem exquisiten RestaurantKranhaus, inmitten des Unesco BiosphärenreservatsFlusslandschaft Elbe-Brandenburg, sind einen Besuch wert.Da unsere kleine Elbschipperreise unsnur bis nach Havelberg führte unddanach mit weiteren, spannenden Schleusendurchfahrtendie malerische Havelhinauf über Brandenburg wieder RichtungBerlin ging, blieben uns sicherlichlohnenswerte Elbestopps wie Bleckede,Dömitz, Hitzacker, Boitzenburg und Lauenburgverborgen. Meine nächste Elbfahrtwird darum bestimmt nicht langeauf sich warten lassen. Dann steige ich,bis dahin hoffentlich mit eigenem Sportbootführerschein,in Magdeburg ein,mache einen Schlenker in luftiger Höheüber Europas längste Kanalbrücke amWasserstraßenkreuz, meistere hoffentlichunbeschadet die berüchtigte Enge bei derDomplatte und entdecke die Elbe stromaufwärtsüber Coswig, Riesa, Meißen undDresden hinaus durch das Elbsandsteingebirgebis nach Bad Schandau. Auf derFahrt vorbei am berühmten RestaurantKornhaus von Dessau und vielen anderenOrten, alle voll klingender Elbtour-Erinnerungen,gibt es dann sicherlich ein fröhlichesWiedersehen mit vielen kleinen, undgroß gewordenen Elbkinderlandfreunden,die mit mir gemeinsam singen: „Wir hierauf der Elbe“.Paddler auf der mittleren Elbe.71


Menschen am Fluss


Menschen am FlussIch mag die Menschen an der Elbe, habe von Brunsbüttel bis hinaufnach Bad Schandau die unterschiedlichsten Typen kennen undschätzen gelernt. Ob es die Unterhaltung mit dem Fährmann derGierfähre von Coswig war, der auch nach tausend Mückenstichenstoisch die Ruhe bewahrte, oder der nie um einen Döntje verlegene „HeLücht“ auf einer Hamburger Hafenrundfahrt-Barkasse – sie alleschienen mir im wahrsten Sinne des Wortes mit Elbwasser getauftzu sein. Der pensionierte Fahrensmann, der am Willkommhöft inSchulau die Schiffe mit der Hymne ihres Landes begrüßt, hat michebenso in seinen Bann gezogen wie die beherzte Verlegerin desErzählbändchens „Elbische Impressionen“ im StorchendorfRühstädt. Ob ich in Meißen beim Kauf der Weine von der Elbe beratenwurde oder im Alten Land beim Pressen von Saft aus „meinem“Paten-Apfelbaum, immer hatte ich bei den „Elbleuten“ das Gefühl,dass sie genau hierher gehören, an ihren Fluss, und dass sie mir nirgendwoanders hätten begegnen können.Im Gästehaus von Fürst Otto von Bismarck in Schönhausen wird eseinem ähnlich ergehen wie im Elbschloss von Bleckede oder imElbmarschenhaus in Haseldorf. Mein 1996 verstorbener väterlicherFreund, Adi Albershardt, „Speelboos“ der „Finkwarder Speeldeel“ vereinigteviele Züge des für mich typischen Elbmenschen in sich:Humorvoll, sangesfreudig, ein wenig melancholisch, zurückhaltend,aber überhaupt nicht schüchtern, nicht klein zu kriegen, wenn esums Feiern geht, aber morgens pünktlich bei der Arbeit, denn: „Werfeiern kann, der kann auch aufstehen“.Also, lernen wir sie kennen, die Menschen am Fluss… Einige vonihnen sind auf den folgenden Seiten porträtiert. Sie kommen ausPodebrady, Dresden, Magdeburg, Hamburg oder Brunsbüttel, aber siealle eint eines: Sie haben in ihrem Leben unmittelbar mit dem Flusszu tun, auf ihm oder an seinen Ufern gearbeitet und gelebt.


Menschen am FlussDer letzte Elbfischer aus dem Alten LandLothar Buckow hält eine alte Familientradition aufrechtEr ist der einzige AltländerElbfischer. Mit seinemFischkutter „Elise“ ist derSohn eines Leuchtturmwärtersfast täglich auf der Elbeunterwegs und fängt Stinte,Aale, Butt und mehr. Seitdem Jahr 1648 hat dieFischerei in der Familie Tradition– angefangen hat allesam Buckower See inPommern. Lückenlos istdiese von allen männlichenNachkommen fortgeführtworden. 1957 im Leuchtturmin Lühe geboren,prägte und prägt die Elbedas Leben von Lothar Buckowaus Jork-Wisch bereitsvon Kindesalter an.Der Fluss bestimmt sein Leben.Die Arbeit ist hart. Esist ein Knochenjob. Der Wind blästoft eisig auf der Hahnöfer Nebenelbe.Dort liegen seine bedeutendstenFanggründe. Die Elbe ist seinFluss – und der Stint sein Fisch.Bereits mit seinem Vater, derFischer und Leuchtturmwärter inWisch, Lühe, Krautsand und Brokdorfwar, warf Lothar Buckowseine Netze aus. Seit 20 Jahren istBuckow hauptberuflich auf derElbe unterwegs. Das Fischen, dieFische und ihr Lebensraum „sindunsere Lebensgrundlage, prägenunseren Alltag und bestimmenunser Familienleben“, sagtBuckow.Zwischen Hamburg und Freiburglegt der Altländer seineNetze und Reusen aus. Doch derStrom hat sich verändert seit derletzten Vertiefung von 1999, dieStrömung hat sich erhöht. EinigeFanggebiete könne er nicht mehrnutzen. „Früher fing ich fast jedenTag Butt. Heute freue ich mich,wenn ich zwei oder drei in derWoche fange“, sagt der Fischer.Der Salzgehalt steige. Die Brackwasserzonesei bis Schulau vorgerückt,auch der Klimawandelmöge eine Rolle spielen. Steingarnelen,Wolfsbarsch und Doradenlanden im Netz – Fische, die inNordsee und Mittelmeer heimischsind. Vor allem Aal- und Stintfangprägen seinen, vom Gezeitenkalenderbestimmten Alltag. „Bei78


Niedrigwasser lasse ich die Netzerunter und fünf Stunden später,bei Hochwasser, hole ich sie wiederrein. Egal ob frühmorgens,mittags oder in der Nacht, montagsoder sonntags, Sommer oderWinter.“Und die Gezeiten besiegeln –rund sieben Meter unter demWasserspiegel – das Ende derFische. Die Strömung treibt dieStinte in die rund 42 Meter langenNetze des Hamenkutters „Elise“;die Maschen werden zum Endeimmer enger; erst sind es 30 Millimeter,dann 14 Millimeter. Unzähligeder silbern glänzenden Stinte,fast 95 Prozent der Fische in derElbe, gehören dieser Art an, zappelndann im Netz. Bis zu 250 Kilogrammtäglich. Doch für dieSchönheit dieser Delikatesse hatder Fischer an Bord kein Auge.Der Fang muss an Bord, außerdemschweift sein Blick ständig überdas Wasser. „Das Fischen an dieserSchifffahrtsstraße wird immerschwieriger“, sagt Buckow.Früher hat der Altländer aufder Elbe mehr gefangen, doch seit1999 verschlickt die Nebenelbe,drei Meter sind es mittlerweile.Immerhin hilft die Technik einwenig. Mit seinem Fisch-Sucher –einem Echolot mit GPS – hatBuckow seine besten Fanggründemarkiert. „Früher habe ich hierwie in Abrahams Schoß gefischt,mit der Ausgleichsmaßnahme fürAirbus auf Hahnöfersand verschwandder Wald.“ Der Windpfeift jetzt stärker. „Wer, wie ich,täglich von und mit der Natur lebt,der hat ein ganz anderes Verhältniszur Elbe – ein Grund, warumich alles ablehnen muss, was diesenFluss endgültig zum Kanalmachen würde“, sagt Buckow.Stintfang auf der der Elbe.Bukow fängt Aal und Stint,frische Edelfische wie Zander,Butt, Hecht und Lachsforelle,Kabeljau, Rotbarsch und Seelachs.79


Menschen am FlussDer Fischer Lothar Buckow mit seinemKutter (im Hintergrund).Seit 2006 wird der Fang im eigenenLaden vermarktet.Mensch und Natur – für einenFischer wie ihn seien das eigentlichkeine Gegensätze. Doch dieWirklichkeit sehe leider oftmalsanders aus. Er meidet die naheFahrrinne, große Containerschiffekönnten einen Mini-Tsunami auslösen,dann könnten die Netzewieder einmal reißen. Eins kostet10.000 Euro. „Den Schadenersetzt mir niemand“, sagtBuckow. Fischer wie er spüren dieGlobalisierung hautnah. PrächtigeAale zappelten früher häufigerin Netz und Reusen. Der Aal istam Aussterben. Schuld ist einParasit aus Japan, so Buckow;auch eine Folge der Globalisierungund des Hafens.Doch Buckow, der vor 20 Jahrenals Erster an der Niederelbebegann, wieder Stint zu vermarkten,klagt nicht. Zwei Mal am Tagholt Buckow in der Regel seineNetze ein, frühmorgens geht eszum Fischmarkt. Heute belieferter mehr als 30 Gastronomen imGroßraum Hamburg mit Aal undStint, frischen Edelfischen wieZander, Butt, Hecht und Lachsforellen,Kabeljau, Rotbarsch undSeelachs. Seit 2006 wird der Fangim eigenen Laden („Der Elbfischer“)vermarktet, zehn Arbeitsplätzehat er gemeinsam mit EhefrauRita geschaffen. Motto:Appetit auf heimischen Fischmachen. „Von der Fischerei alleinzu leben, das wäre nicht einfach“,sagt Buckow, „man muss einfachmehr aus dem Fisch machen. Dasist genauso wie im Leben. Und dieElbe gibt mir immer wieder Kraft– allen Schwierigkeiten zumTrotz.“Björn Vasel80


Fünf Elbfischer gibt es heuteDie Elbfischerei war im Mittelalter von solch großer Bedeutung, dasssich Hamburg in dem angeblich von Kaiser Barbarossa ausgestellten,in Wahrheit gefälschten Freibrief von 1189 neben der zollfreien Fahrtauf der Elbe auch das Fischrecht sicherte. 1929 erklärte der Reichsministerdie Fischerei unterhalb Hamburgs als nicht mehr lebensfähigesAuslaufmodell und wies Beschwerden der Altenwerder Fischer wegendrastisch sinkender Fangmengen zurück.Vor der Gründung des zweiten Deutschen Kaiserreiches waren auf derUnterelbe noch 420 Boote unterwegs, noch im Ersten Weltkrieg lebtenmehr als 1500 Menschen von der Fischerei auf der Unterelbe. Abden 1930er Jahren gaben immer mehr Fischer auf, durch die Verschmutzungder Industrie gingen die Fänge zurück, Eindeichungenund Flussvertiefungen taten ein Übriges. Nach dem Fall der Mauer1989 verbesserte sich die Wasserqualität erheblich. Das Ende der Gifteinleitungenin der ehemaligen DDR und strengere Umweltauflagenfür Industriebetriebe und Kraftwerke wirkten sich positiv auf die Elbeaus, die Elbvertiefung von 1999 und die Zuschüttung des MühlenbergerLochs hingegen negativ.Heute gehen auf der Unterelbe – während der Saison zwischenNovember und März – nur noch fünf hauptberufliche Elbfischer wieLothar Buckow mit ihren Hamenkuttern auf Stintfang. Der Stint ist deram häufigsten an der Unterelbe gefangene Fisch und neben dem Aaldie Haupteinnahmequelle der Fischer, aber auch Zander oder Kabeljaugehen ins Netz. Elbbutt oder Finte, typische Arten im Brackwasser,finden sich nur noch vereinzelt in den Netzen.Bei der Aufsicht in Hamburg sind die Kutter unter dem Kürzel HF(steht für Hamburg-Finkenwerder) registriert und dürfen auch auf Seefischen. Die Elbfischer fischen umweltfreundlich. Das Prinzip: DerHamenkutter geht vor Anker, beiderseits des Schiffes werden – an denOber- und Unterbäumen eingehängt – die Netze zu Wasser gelassen,der Gezeitenstrom treibt die Fische hinein. Sieben Meter unter demWasserspiegel treibt die Strömung die Stinte in die 42 Meter langenNetze des Hamenkutters. Der Fisch bleibt frisch: Er kommt nach demFang in die so genannte „Bünn“; das ist „ein Swimmingpool“ mit Elbwasserim Schiffsbauch.Noch Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Stint an den Elbufernmassenweise mit Netzen gefangen, viele Bauern verfütterten denFisch an Hühner und Schweine oder brachten ihn als Dünger auf Felderaus. Nach dem Ersten Weltkrieg verschwand der Stint zeitweiligvöllig und geriet als Speisefisch in Vergessenheit – bis sich die Wasserqualitätänderte. Seitdem ist die regionale Delikatesse ein wahrer Kultfischund die Fischerei lohnt sich für die verbliebenen Fischer wieder.


Menschen am FlussMöbis Traum aus Holz und EisenEberhard Möbius und das einzige hochseetüchtige Schiffstheater in EuropaEr ist Autor, Schauspieler,Produzent. Er war Hafenarbeiter,Bierzapfer,Theaterdirektor und – wiees Neudeutsch heißt –Eventmanager.Vor allemaber ist er Erfinder undGründer des HamburgerKulturschiffs. Mit diesem„Traum aus Holz undEisen“ ist EberhardMöbius einer der ganzgroßen Kulturschaffendender Hansestadt geworden.„Möbi“, wie ihn alle liebevollnennen, gehört zuHamburg und zum Hafenwie der Michel und dieBarkassen.Auf zwei Dinge ist EberhardMöbius heute besondersstolz, wenn er von seinem großenLebenstraum, seinem Kultur- undTheaterschiff, erzählt: Erstens hater immer ein Programm geboten,bei dem er sich nie verbiegenmusste. Zweitens war er mit diesemProgramm und seiner Theaterschiff-Ideeso erfolgreich, dasser immer ohne Subventionen ausgekommenist. Aber – auch dassagt er – er war auch auf das Vertrauenanderer Menschen angewiesen.So auf das der Handwerker,die den ursprünglichenElbewer zu einem Theaterschiffumgebaut hatten. Mehrere hunderttausendMark hat das gekostet.Geld, das Eberhard Möbiusund seine Frau Christa 1975 nichthatten. „Nach zwei Jahren hattenwir alles aus eigener Kraftbezahlt“, sagt der Wahlhamburger,der 1958 die DDR verlassenhat und in sein seit Kindertagengeliebtes Hamburg gekommen ist.1961 war es, als das jungvermählteEhepaar Möbius auf derdalmatinischen Insel Mali Losinjeine Theatergruppe beobachtet,die per Schiff anlandete, um anLand „Romeo und Julia“ zu spielen.Hier wurde die Idee geboren,in Hamburg ein Kulturschiff zubetreiben. 14 Jahre sollte es dauern,bis sich die beiden ihrenTraum erfüllen konnten. „Wirhaben jede Mark beiseite gelegt“,erinnert sich Möbius, Jahrgang1926, an diese Zeit des Wartens.Schließlich konnten sie für35.000 Mark einen zum Küstenmotorschiffumgebauten Ewerkaufen.Am 13. Oktober 1975 schließlichwar es soweit: Die Möbius’ eröffnetenmit der Premiere des Mitspielkrimis„Polizeistunde“ „DasSchiff“ an seinem Liegeplatz amNikolaifleet. Diverse Kleinkunstprogrammeund mehrere Theaterstücke(auch für Kinder) werdenfortan auf dem Schiff gezeigt,das zum Inbegriff der HamburgerKulturszene wird. BerühmteKünstler wie Gert Fröbe, HeinzReincke, Peter Ustinov, Senta Bergeroder Evelyn Künneke tratenauf „Möbis“ Bühne auf. Vor allembot „Das Schiff“ ein Forum fürKabarett und literarische Kleinkunst.Eberhard Möbius selbst82


Menschen am FlussAuch der berühmte Gert Fröbe gastierte auf dem Schiff.Die Ehrenmatrosen (von links) Gert Fröbe, Heinz Reincke und Richard Münchmit Christa und Eberhard Möbiusgriff immer wieder aktuelle Themenauf in seinen Programmen,die er alle selbst geschrieben hat.Der Künstler: „Wir haben unsimmer eingemischt und auchGehör gefunden.“Während Eberhard Möbius sichum die Programme, die Texte,aber auch um die Schiffstechnikund das Bierzapfen in der Pausekümmerte, war seine Frau Christafür die Kostüme, die Ausstattungund das Kaufmännische verantwortlich.Viele der insgesamt 25Jahre, die die beiden „Das Schiff“betrieben haben, waren sie alleinefür alles an Bord verantwortlich,sich für keine Arbeit zu schade.Mit 74 Jahren beschloss EberhardMöbius, „seinen Lebenstraum“ inneue Hände zu geben. Mit Ankeund Gerd Schlesselmann fand dasEhepaar Möbius Nachfolger. Auchhier übernimmt die Ehefrau denkaufmännischen Part. GerdSchlesselmann, der hunderteKilometer weiter elbaufwärts alsDirektor des Theaters „Wechselbadder Gefühle“ der „KomödieDresden“ arbeitet, kümmert sichum den künstlerischen Part. So istdie Zukunft des „einzigen hochseetüchtigenTheaters Europas“– wie die Schlesselmanns nochheute gerne werben – gesichert.Apropos Hochsee: Regelmäßiggeht das fahrtüchtige Theaterschiffauch heute noch auf Tournee.Es gehört zu den Gästen aufder Kieler Woche, machte schonin Glückstadt, Stade oder Brunsbüttelfest. Und vor allem ging esschon mehrfach über die raueNordsee zur Felseninsel Helgoland.Einmal kamen sie auf einersolchen Hochseetour in so schweresWetter, dass Eberhard Möbiusnoch heute ganz mulmig wird,wenn er davon erzählt.Der Künstler Möbius war übrigensparallel zur seiner Arbeit aufdem Theaterschiff als Autor undSpielleiter im Theater, bei Inszenierungen,bei Fernsehproduktionenoder als Erfinder des Alstervergnügenstätig. Letzteres hat ergemeinsam mit dem damaligenHamburger Kultursenator Biallas1976 als künstlerisches Stadtfestauf den Weg gebracht.Hamburg ist eine der großenLieben von Eberhard Möbius.Geboren am 11. Oktober 1926 alsSohn eines Kaufmanns in Wernigerodeim Ostharz zog es den kleinenEberhard schon als Achtjährigenzum Onkel Onni in die großeHansestadt und zur Elbe. Seinezweite große Liebe, seine Frau83


Menschen am FlussDas Schiff on Tour – hier in Glückstadt.Christa, sollte Möbius ja auch späterin Hamburg kennen lernen.Nach Arbeitsdienst und Marinezeitverschlug es Möbius 1945 wiederin seine Geburtsstadt. Dannstartete das Naturtalent, nochnicht einmal 20 Jahre alt, seineschauspielerische Laufbahn amStadttheater Wernigerode. Esfolgten mehrere Stationen anTheatern der DDR – unter anderemin Stralsund und Dresden.Wegen eines unerlaubten Gastspielsin Hamburg bekam MöbiusÄrger mit dem DDR-Regime. 1959zog er die Konsequenz, ging insein geliebtes Hamburg undbegann dort einen Neuanfang.Obwohl er von Friedrich Schütter,der ihn später als Spielleiteran das „Junge Theater“ holte, einAngebot hatte, wollte Möbius sicherst einmal im kapitalistischenWesten zurechtfinden, die Stadtund Menschen erkunden, bevor erdort Theater machte. Er wolltekörperlich arbeiten im Hafen undfand eine Anstellung als SchiffsundKesselreiniger. Bis 1964machte er den Job und parallelauch schon kleine Gastinszenierungen.Später inszenierteMöbius am „Theater für Kinder“und an Bühnen in Köln, Berlin undAntwerpen.Bei aller Vielfalt und Umtriebigkeitfand Tausendsassa Möbiusseine künstlerische Heimat undErfüllung letztlich auf seinemSchiff. Hier konnte er sein „kleinerHerr“ sein, was er immer schondem Dasein als „großer Knecht“vorgezogen hatte. Hier konnte ersich verwirklichen und getreuzum Motto seines großen Lebenstraumesstehen und „Dem Worteine Heimat“ geben.Seine persönliche Heimat hatMöbius auch in Hamburg gefunden.Seine Eigentumswohnung amSüllberg, die er sich – wie er selbstsagt – nur dank des kaufmännischenTalents seiner Christa undeines freundlichen Verkäufers hatleisten können, hat Möbius inzwischengegen ein Appartement inder noblen Elbschlossresidenz fürSenioren getauscht. Von ihrerWohnung aus haben die beidendirekten Blick auf die Elbe und dasgegenüberliegende Airbus-Werk.Hier sind sie nun auf ihrer letztenEntdeckungstour in ihrem Hamburg– der Stadt, die es „Möbi“ bisins hohe Alter angetan hat. EinenTrick, wie sie ihm nie langweiliggeworden ist, verrät er in demBüchlein „Hamburger Ansichtenund Ansichten eines Hamburgers“,das er gemeinsam mit demMaler Ole West 2003 herausgegebenhat:„Meine Frau Christa, geboreneHamburgerin aus Harvestehude,und ich haben eine einleuchtendeMethode entwickelt, Hamburgnicht zur Gewohnheit werden zulassen. Von Zeit zu Zeit mieten wiruns in Hamburger Hotels ein undsaugen die Stadt wie Touristenauf.“Peter von Allwörden84


Menschen am FlussAus der „Seemöve“ wird das TheaterschiffBis ins Jahr 1912 gehen die Ursprünge des HamburgerTheaterschiffes zurück. Es war einer der ersten Elbewer,die nicht mehr aus Holz, sondern aus Stahlgebaut wurden. Die Holländer waren seinerzeit führendbei dieser erheblich preiswerteren Produktionvon Transportschiffen. Mit der Baunummer 366wurde das Schiff auf der Werft van Diepen in Waterhuizengefertigt. Auftraggeber war Jürgen Schröderaus Jork-Borstel im AltenLand. 14.500 Goldmarkmusste Schröder dafürberappen. Am 19. Juni1912 bekommt die „Seemöve“den ersten, vomköniglichen Amtsgerichtin Harburg ausgestelltenSchiffsbrief.So exakt wie die Ursprüngeder „Seemöve“ist auch ihr weiterer Werdegangbelegt. EignerSchröder wollte, ganzdem Trend der damaligenZeit folgend, nicht mehrallein vom Wind abhängigsein und stattete den Segler1923 mit einer Hilfsmaschineaus.Im Jahre 1929 kaufteKapitän Wilhelm Raap vonder Elbinsel Krautsanddas Schiff. Die „Seemöve“ wurde ihm bald zu klein. Sogab es 1934 den ersten großen Umbau. Das gut 20Meter lange Schiff wurde zwar noch nicht verlängert,aber bekam neue Aufbauten und vor allem einenneuen Motor mit 100 PS. Es blieb vom Ewer nur nochein Hilfsegel.Die so ertüchtigte „Seemöve“ überstand den Kriegaber nicht schadlos und sank in einer Bombennachtim Hamburger Hafen. Doch Kapitän Raap ließ dasSchiff heben und reparieren und einige Jahre später,1950, sogar erstmals verlängern, um etwa acht Meter.1955 wiederholte sich die Vergrößerungsaktion unddie „Seemöve“ wuchs auf ihre heutige Gesamtlängevon 34,5 Metern. Sie hatte danach 251 Ladetonnen.Aus dem Segler war endgültig ein Kümo (Küstenmotorschiff)geworden.Zehn Jahre nach dieser Erweiterung kaufte SchifferHorst Funck – wie Raap ein Kehdinger von der Unterelbe– die „Seemöve“ undbenannte sie in „MS RitaFunck“ um. Als die Schiffeimmer größer wurden,verkauft Funck schließlichdas unwirtschaftlichgewordene Schiff für35.000 Mark an Christaund Eberhard Möbius.Auf der FamilienwerftGarbers in Hamburg-Rothenburgsort wurdedie „Rita Funck“ alias„Seemöve“ schließlichzum Hamburger KulturundTheaterschiff umgebaut.120 Menschen findenim ehemaligen Laderaumvor der BühnePlatz. Damit hatte sichdas Ehepaar Möbius seinen„Traum aus Holz undEisen“ erfüllt. Bis heuteist „Das Schiff“, das seit 2000 von Anke und GerdSchlesselmann betrieben wird, das einzige hochseetüchtigeSchiffstheater in Europa.DAS SCHIFF, Anke und Gerd SchlesselmannLiegeplatz:Holzbrücke 2/Anleger Nikolaifleet, 20459 HamburgBüro/Postadresse: Deichstraße 21, 20459 HamburgTel. 040/69650560 (Vorverkauf)www.theaterschiff.de85


Menschen am FlussWie Musik junge Menschen verbindetDaniela Červenclová setzt sich in Tschechien für das Elbkinderland einSchon als junge Studentinwar sie dabei, hat mitgeholfen,Konzerte zu organisieren,und seit 2004 das ProjektElbkinderland in Tschechienmit aufgebaut. DanielaČervenclová ist an der Elbe,oder hier besser Labe, indem kleinen StädtchenPoděbrady aufgewachsenund sieht in dem gemeinsamenSingen eine der bestenMöglichkeiten, den Kindernihres eigenen Landes neueWelten zu eröffnen und siemit anderen Kindernzusammenzuführen.Zuletzt hat Daniela ČervenclováPfingsten 2008 einChorfestival des Vereins Elbkinderlandim Kurpark mit organisiert. Dashabe schon Kraft gekostet, aberauch viel Spaß gemacht, meint dieMutter von zwei kleinen Kindern.Auch wenn sie jetzt eine Verschnaufpausebenötige, sei siebeim nächsten Mal wieder dabei,sagt sie im Gespräch mit RolfZuckowski, dem Schirmherren undMitinitiator des Vereins, der sichdrei Jahre nach dessen Elbetourneeim Jahr 2000 gegründet hat.Daniela Červenclová ist 1974 ander Elbe geboren und aufgewachsen.Für sie ist der Fluss verbundenmit Spielen, langen Spaziergängen,wunderbaren Radfahrten oder Picknicksmit der Familie. Der Flussgehörte einerseits zum Alltag derHeranwachsenden, andererseits ister bis in die Gegenwart immer einbesonderes Stück Natur geblieben.Die ruhig dahin mäandernde Labebei Poděbrady löst noch heute beiDaniela Červenclová ein Gefühl vonRuhe und Frieden aus. Manchmalmuss die junge Frau, die längst inder nahe gelegenen Weltstadt Praglebt und eine Agentur für Werbungund Kommunikation betreibt, einfachin ihren Heimatort zurück,nicht nur um ihre Eltern zu besuchen,sondern um ein wenig Kraftan der Labe zu tanken.Die studierte Lehrerin, die immereinen Bezug zur Musik und zum Singengehabt hat, hat ab 1997 inihrem ursprünglichen Beruf zweiJahre in Poděbrady gearbeitet undauch den Elbkinderland-Chor Kvitekgemeinsam mit ihrer Kollegin VeraFronkova betreut. Seit dieser Zeitengagiert sie sich in ihrer Geburtsstadt.Die Chorkinder sind mittlerweilenach Magdeburg, Hamburgoder Brunsbüttel gereist, um dortaufzutreten. So kämen die Kinderund Jugendlichen hinaus in dieWelt, sagt die junge Mutter. Dabeiwürden deren Eltern diese Reisenmit gemischten Gefühlen betrachten,sie hätten auch ein wenigAngst, ihre Kinder in diese Welt zuentlassen. Man müsse diese Unsicherheitihrer Landsleute verstehen,wirbt Daniela Červenclová umVerständnis. Die Menschen seienzur Zeit noch hin und her gerissenzwischen den früher vermitteltenWerten zur Zeit des Kommunismusund den gegenwärtigen westlich102


Menschen am FlussDaniela Červenclová (rechts) mitRolf Zuckowski und Jana Olsakovsky.geprägten.Und genau deswegen setzt diejunge Frau, die vor der Wende alsaufwuchs, aber als Studentin schonvon der neuen Freiheit geprägtwurde, auf das völkerverbindende,integrative Moment von Chormusikund Elbkinderlandverein. Sie selbstsei von ihren Eltern immer schonweltoffen und auch mehrsprachigerzogen worden. Ihr Vater, mit 70Jahren immer noch als beliebterPädagoge in der Lehrerausbildungan der Technischen Universität Pragtätig, sei mit der Familie viel gereist.So wundert es nicht, dass es derjungen Tschechin in ihrer HeimatstadtPoděbrady „zu eng geworden“und sie für ein Jahr nach Irlandgegangen ist. Zurück in ihrem Heimatland,ging sie dann mit ihremMann, einem Ingenieur, nach Prag,wo sie trotz der ihr manchmal fehlendenElbe sehr gerne lebt.Ob die Elbe für sie denn auch einschützenswerter Naturraum sei,möchte Rolf Zuckowski gerne vonder jungen Tschechin wissen.Natürlich sei das Bewusstsein fürUmweltfragen und Naturschutzauch in Tschechien geschärft, sagtDaniela Červenclová. Und dazugehöre auch die Elbe. Gleichwohl seisie nun mal auch ein Wirtschaftsfluss.Hier die richtige Balance zufinden, sei eine große Generationenaufgabe,meint daraufhin derSänger und bezieht das sicher aufdie gesamte Elbe, auch die wirtschaftlichsehr bedeutungsvolleUnterelbe, an der der Hamburgerlebt.Die beiden kommen ins Plaudernüber Natur, Sprachprobleme unddie Anerkennung des Elbkinderlandvereinsin Tschechien. Sie schmiedenPläne für eine erneute Elbtournee,die Zuckowski im Jahr 2010unternehmen möchte, zehn Jahrenach seiner ersten Tournee amgroßen Strom. Diesmal möchte er inTschechien starten und flussabwärtsfahren.Die beiden sitzen im Garten desSchloss-Restaurants direkt an derElbe, genießen das Frühlingswetterund die herrliche Flusslandschaft.Und das alles vor dem Schloss, dasKönig Georg von Poděbrady vor 550Jahren hat erbauen lassen. Er warein moderner, weltoffener König, einVordenker des heutigen Europas.„Im Grunde setzen wir ja auch seineTradition fort mit unseren Aktivitäten“,sind sich Daniela Červenclováund Rolf Zuckowski einig.Peter von Allwörden103


Natur am Fluss


Natur am FlussWas ist Natur? Ist sie nur das, was an Pflanzen und Tieren ohnemenschliches Einwirken auch da wäre? Oder ist sie einfach alles, wasläuft, krabbelt, schwimmt, fliegt, fließt, blüht und gedeiht – mal mehr,mal weniger vom Menschen gefördert, bedrängt oder bedroht? Wer dieNatur entlang der Elbe erleben will, sollte seine Definition nicht allzueng ziehen, sonst würde er den Zauber des „Alten Landes“ mit seinerObstblüte im Mai oder den Farbenrausch der Weinberge im MeißnerElbtal nicht wirklich genießen können, denn die gäbe es ohneMenschenhand gewiss nicht. Andererseits: Nur wenige Flüsse inEuropa haben sich so viele vom Menschen kaum veränderte Abschnitteerhalten können. Manche sagen sogar, die Elbe sei diesbezüglich einmalig.Wo Wasser fließt, spüren wir seine segensreiche Lebenskraft, aber auchseine oft bedrohliche Macht. Eben noch freuen wir uns über den erfrischendenRegenguss im Mai, ahnen beim ersten Blitz und DonnerSchlimmeres, schon steigen in den Quellgebieten der Elbe und ihrerNebenflüsse die Wasserpegel an. Hochwasser hat an der Elbe über dieJahrhunderte immer wieder fortgerissen, was Menschen mit Ideen undMühe errichtet oder kultiviert hatten.Der ernsthafte Dialog mit dem Fluss darf nicht aufhören. Das gilt fürdie Containerschifffahrt und die Freizeitschipper an der Unterelbeebenso wie für den Binnenschiffer aus Tschechien. Wer versucht, denStrom zu bändigen, wird bald seine Grenzen kennen lernen. Der Preissolcher Bändigungsversuche ist immer zuerst ein Verlust anNatürlichkeit für die Elbe. Sie scheint diesbezüglich ein sehr gutesGedächtnis zu haben.Worin denn nun die Vielfalt dieser wundervollen Flusslandschaftbesteht, haben uns zwei Experten aufgeschrieben: Die beidenNaturwissenschaftler Dr. Ernst-Paul Dörfler (Ökologe) und ChristianSchmidt (Biologe) sind ausgewiesene Kenner der Elbe. Sie erzählenuns spannend, verständlich und kompetent Wissenswertes über dieNatur am Fluss.


Natur am FlussDas Wunderkind unter den FlüssenNaturraum Elbe: Fauna und Flora dieser einmaligen FlusslandschaftUnsere Elbe. Sie ist der zweitlängsteFluss in Deutschland nachdem Rhein. Doch was die Elbe anNatur aufzuweisen hat, ist unübertroffen.Sie ist Spitze in Deutschland, jasogar in ganz Mitteleuropa: Biber undStörche, Adler und Reiher, Aale undLachse, bis an den Horizont reichendeÜberschwemmungswiesen und undurchdringlicheAuenwälder, wunderschöneFlussschleifen und bezauberndeSandstrände – das alles undnoch viel mehr hat die Elbe zu bieten.Man muss sich nur darauf einlassen,die Elbe zu entdecken – am besten mitdem Fahrrad auf dem Elbe-Radwegoder per Kanu direkt auf dem Wasser.Wer der Elbe mit offenen Augen begegnet,wird aus dem Staunen nicht mehrherauskommen: Sie ist eine Arche, vollerPflanzen, Tiere und Lebensräume,die es anderswo kaum mehr gibt. Sie istdas Wunderkind unter den Flüssen,dasahnen lässt, wie lebendig und verspieltnatürliche Flüsse sein können.Wir beginnen unsere Natur-Entdeckungsreisean der Mündung der Elbein die Nordsee und begeben uns dannRichtung ihrer Quelle, immer derStrömung des Flusses entgegen. Dasist schlau, denn auf diesem Wegehaben wir meist Rückenwind von derNordsee. Besonders beim Radfahrenist es sehr angenehm, sich vom Nordwestwindein wenig schieben zu lassen.Sitzt man im Kanu, sollte man dieReise allerdings in umgekehrter Richtungantreten und mit der Strömungfahren. Insgesamt ist unsere Abenteuerfahrtbis zur Elbquelle rund 1100Kilometer lang. Na dann, auf geht´s!114


Natur am FlussDer Elbabschnitt von Cuxhaven bis GeesthachtVon Christian SchmidtWir stehen an der „Kugelbake“,dem legendären Wahrzeichenvon Cuxhaven – mit rund 30 MeternHöhe eines der ältesten Seezeichen ander Elbe. Hier, so heißt es, endet derFluss und die Nordsee beginnt. Sehenkönnen wir das nicht, denn alles fließtund das auch noch viermal am Tag inverschiedene Richtungen. Denn dieElbe ist ein Gezeitenstrom: Unter dennicht nur für Landratten schwer zubegreifenden Kräften von Sonne,Mond und der sich drehenden Erdeströmt Salzwasser der Nordsee jedenTag zweimal für etwa sechs Stundenflussaufwärts in Richtung Hamburg.„Flut“ nennen das die Menschen hierund anschließend kommt die „Ebbe“,bei der das Wasser wieder in RichtungMeer fließt.Erst bei Geesthacht, 150 Kilometervon der Nordsee entfernt, verhinderteine vom Menschen errichtete Staustufe,dass sich der Puls des Meeresnoch weiter flussaufwärts spüren lässt.Wie gewaltig die Wassermassen sind,die sich bei Ebbe und Flut bewegen, istschwer vorstellbar. Denn die Elbe istan ihrer Mündung mit 15 Kilometernziemlich breit. Um rund drei Metersteigt der Pegel innerhalb einer „Tide“vom Niedrigwasser auf die Marke desHochwassers. Mit fast zehn Kilometernpro Stunde, so beobachten dieElbfischer, strömen die Wassermassenheute streckenweise aus RichtungNordsee in die Elbe. Segler, Fischerund die Kapitäne der riesigen Container-Pötte,wie wir sie in Cuxhaven vonNahem bestaunen können, müssendeshalb genau auf Ebbe und Flut achten.Außerdem kann die Unterelbesehr ungemütlich werden. Acht Meterhohe Deiche bändigen den wildenStrom, wenn der Nordweststurm überdas flache Land tobt.Mit der Ebbe taucht an vielen Stellendes Stromes zweimal am Tag fürNationalpark-Zentrum CuxhavenDort, wo die Elbe in die Nordseemündet, grenzen die drei Wattenmeer-Nationalparksvon Niedersachsen,Hamburg und Schleswig-Holsteinaneinander. Jawohl, auch dieHamburger besitzen ihr Wattenmeermit den Inseln Neuwerk und Scharhörn.Wer sich über die faszinierendeWelt des Wattenmeeres informierenmöchte, ist im Nationalpark-ZentrumCuxhaven-Sahlenburg richtig. DreiSeewasseraquarien, ein Tidemodell,in dem Ebbe und Flut simuliert werdenkönnen sowie Vogelvitrinen stellendas weltweit einzigartige Ökosystemvor. Außerdem bietet das Nationalpark-ZentrumVorträge und Exkursionenins Watt. Unter Anleitung vonExperten können die Ausflügler imSommer nach Wattwürmern buddelnoder sich erklären lassen, wie eineHerzmuschel im Sand atmet. Nachder Exkursion werden im Nationalpark-Zentrumdie Tiere und Pflanzenunter die Lupe genommen.Hans-Claußen-Str. 1927476 CuxhavenTel. 04721 - 28681www.nationalpark-wattenmeercuxhaven.deSibirische Nonnengänse amElbufer im Kehdinger Land.115


Natur am FlussElbkinderland-Ausflug aufdem Tidenkieker.Elbe-Safaris besonderer Art bietet derTidenkieker des Stader Vereins zurFörderung von Naturerlebnissen.Das hochmoderne Flachbodenschiffmit nur einem halben Meter Tiefgangist für Fahrten in die sonst nichterreichbaren Nebenelben und Priele,ins Watt oder an die Strände der Elbinselngebaut. Erfahrene Kapitäne,die immer eine Geschichte zu erzählenhaben, und ein fachkundigerBegleiter lassen die Tour über dieElbe zu einem spannenden, lehrreichenund unvergesslichen Erlebniswerden. Abfahrten von Stade, Drochtersen-Krautsand,Wischhafen undHaseldorf.Verein zur Förderungvon Naturerlebnissen e.V.Am Sande 421682 StadeTel. 04141 - 12561www.tidenkieker.demehrere Stunden der Grund der Elbeaus dem Wasser auf. Die trocken fallendenFlächen nennen die Küstenbewohner„Watt“. Auf den Wattboden,eben noch von kühlem Elbwasserüberströmt, strahlt bei Niedrigwasserdie wärmende Sonne. Besonders imNeufelder Watt gegenüber von Cuxhaven,aber auch auf Sandbänken beiWischhafen und Schwarztonnensandsonnen sich nicht selten Seehunde.Wir nutzen die Gelegenheit, mitdem Naturerlebnis-Schiff „Tidenkieker“von Stade aus das Watt der Elbean einem Sommertag zu besuchen.Also, Schuhe aus, und Vorsicht beimAussteigen! Denn in stillen Buchtenbesteht das Watt aus feinem Schlickbodenund wir sinken bis zu den Knienein.Wo die Strömung der Elbe den feinenSchlick wegspült, bewegen wir unsbei Niedrigwasser dagegen auf festemSand.Wir bemerken dabei nicht, dass wirmillionenfaches Leben mit Füßen treten:Strahlt die Sonne länger auf dasWatt, wird die Oberfläche plötzlichbraun. Kieselalgen, die einzeln in vollerSchönheit nur mit dem Mikroskop zuerkennen sind, kommen aus den Sandlückenzum Vorschein. Sie fangen dieSonnenstrahlen ein, um zu wachsen.Schließlich sind Kieselalgen Pflanzen –wenn auch winzig kleine. Und weilTiere sich von Pflanzen ernähren,wimmelt es im Wattboden von Millionenkleiner Würmer und Krebse, diesich die Kieselalgen und andereMikro-Pflanzen einverleiben. Dochauch Würmchen und Krebse lebengefährlich.Zehntausende von Wasservögeln,viele mit langen Beinen und spitzen,kitzligen Stocher-Schnäbeln ausgestattet,wie Uferschnepfe, Austernfischer,Rotschenkel und Brachvogel spürenim Wattboden Nahrung auf. Anderewie Säbelschnäbler und Brandentedurchseihen im Watt die Pfützengeduldig mit hin- und herwiegenden116


Natur am FlussKöpfen nach im Wasser schwebendenKöstlichkeiten.Wurm frisst Alge,Vogelfrisst Wurm – das nennen Biologeneine Nahrungskette.Weil das Elbwasser bei Flut dieWattflächen mit im Wasser gelöstenNährstoffen versorgt und bei Ebbe dieSonne für die nötige Energie sorgt,gehört das Watt zu den ertragreichstenLebensräumen der Welt. Es produziertetwa so viel Nahrung für Vögel undFische wie der Urwald oder das Korallenriffin den Tropen. Gleichzeitigbauen Bakterien auf dem Schlickabgelagerte Schmutzpartikelchen inNährsalze um – Kreislaufwirtschaft imPuls der Gezeiten.Viele See- und Wiesenvögel brütenauf den scheinbar endlosen Wiesenund Weiden der Niederelbe: „Emma“,die Lachmöwe, kennt jeder. Aber auchdas kleine Blaukehlchen und so seltsameVogelgesellen wie der Kampfläufersorgen in den Elbmarschen fürNachwuchs. Kampfläufer-Männchen,individuell mit bunten Halsfederkrausengeschmückt, treffen sich in einerBalz-Arena. Die Weibchen pickenscheinbar desinteressiert in der Nachbarschaftnach Insekten, ohne natürlichihren heimlichen Favoriten beimSchaukampf aus den Augen zu lassen.Und natürlich fehlt am Ufer derElbe nicht der Wachtelkönig. Diesekleine Ralle war früher der König dersaftigen Marschwiesen. Meistens ver-Für Säbelschnäbler bietet das Elbuferreichlich Nahrung.Das Ausflugsschiff Mocambo startetregelmäßig vom Anleger desNatureums Niederelbe in der Ostemündung.Sein Fahrtgebiet ist derLachsfluss Oste und der Mündungsbereichder Elbe, so dass die Fahrgästeauch Seehunde beim Sonnenbadenbeobachten können.Tel. 04772 - 861084www.osteschifffahrt.deDer Aukieker verkehrt auf derWilster Au in Schleswig-Holstein.Die Gäste lernen die idyllischeWilstermarsch vom Wasseraus kennen.Tel. 04823 - 92610Unzählige Schlickhäufchen zeugenvon einem regen Wurmleben im Watt.117


Natur am FlussElbebiberMit 35 kg Körpergewicht und bis zu 1,40 m Länge ist der Elbe-Biber das größte Nagetier Europas. Er lebt familiär in festenRevieren, die er gegen Konkurrenten verteidigt. Entweder gräbter Erdbaue in die Flussufer oder er errichtet Biberburgen ausÄsten und Zweigen. Im Frühsommer werden die Jungbiber geboren,bis zu 5 Junge pro Familie. Ein Biber kann bis zu 25 Jahrealt werden. Er ist ein hervorragender Schwimmer und Taucher.Spielend kann er gegen den Strom schwimmen und problemlosbis zu 15 Minuten unter Wasser bleiben. Der Biber ist ein reinerVegetarier und frisst vor allem die Rinde von Weiden und Pappeln,aber auch Seerosen und viele andere Wasserpflanzen.Blühender Wiesen-AlantVom Sommerbeginn bis weit in den Herbst hinein finden wir amElbufer und auf den Auenwiesen vielerorts die leuchtend gelbenBlüten des Alants. Ursprünglich in Zentralasien beheimatet fühltsich diese ausdauernde Pflanze schon seit langer Zeit auch beiuns wohl. Mit wechselnden Wasserständen und gelegentlichenÜberflutungen kann sie ohne Probleme leben. Dem Alant wirdeine hustenlindernde und krampflösende Wirkung nachgesagt.Der Wurzelstock wird in der Medizin als Bestandteil von Hustenteesund Mitteln gegen Asthma eingesetzt.Weniger auffällig doch eine umso größere Besonderheit ist dieElbe-Spitzklette. Sie ist in ihrem Vorkommen auf Mitteleuropabeschränkt und vor allem an der mittleren und unteren Elbebeheimatet. Wie andere Uferkletten ist auch sie eine typischeStromtalpflanze, die auf wechselnasse Ufer angewiesen ist.SolitäreichenZeugen längst vergangener Zeiten: Über 25.000 Solitäreichenwurden entlang der Elbe gezählt. Diese freistehenden und weitausladenden Bäume sind meist über hundert Jahre alt. Die ältestenvon ihnen werden auf nahezu fünfhundert Jahre geschätzt.Die meisten Solitäreichen finden wir an der mittleren Elbe, insbesondereim Dessau-Wörlitzer Gartenreich. Gepflanzt wurden siein den Zeiten des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau (1740 -1817). Die Eichen bereicherten die Landschaft schon damalsnicht nur durch ihre Schönheit. Sie dienten Reitern und Boten alswichtige Wegmarken und Orientierungshilfen. Dem Weideviehund den Hirten spendeten sie Schatten und Schutz. Die Früchteder Bäume, die Eicheln, dienten vor allem der Schweinemast.Geröstet wurden sie jedoch auch von den Menschen geschätztund als „Kaffee-Ersatz“ verwendet.142


Natur am FlussQuer durchs Gebirge:Der Elbabschnitt von Riesa bis Usti nad LabemAb Riesa werden die Hügel in derLandschaft höher und ab derStadt Meißen kann man durchaus vonBergen sprechen, durch die sich dieElbe schlängelt.Hier bei Meißen leuchtetuns ein besonderes Felsgestein entgegen.Es ist der berühmte MeißnerRote Granit, der sich in mächtigen,steilen Wänden der Elbe entgegenstellt.Davon unbeeindruckt bahnt die Elbesich ihren Weg. Vorbei an Weinbergenan den südlichen Elbhängen erreichenwir Dresden. Hier spiegelt sich eineschöne Stadt mit vielen berühmtenBauwerken, wie der Frauenkirche, inder Elbe. Doch auch für die Elbwiesenwurde noch Platz gelassen, so dass sichdas Wasser ausbreiten kann, zumGlück, denn sonst würden die Hochwasserständenoch höher ausfallen.Auf unserer Reise gen Süden reckensich immer höhere Berge gen Himmel.Es sind Berge aus Sandstein. Dasälteste Sandsteingebirge Europaskommt immer näher, das Elbsandsteingebirge.Es ist über 100 MillionenJahre alt. Kaum vorstellbar, aberdamals war hier ein Meer. Unter diesemUr-Ozean liegt die Wiege des heutigenFelsengebirges. In diesem Meersammelten sich mehrere hundertMeter mächtige (dicke) Sandschichten,die sich durch den Druck zuSandstein verfestigten. Nachdem sichdas Meer zurückgezogen hatte,tauchte dieses Felsengebirge auf.Windund Wasser formten das Gestein undauch die Elbe war nicht untätig. Siearbeitete sich durch den Felsen undschuf einen Canyon, der uns heuteeine atemberaubend schöne Ansichtbietet. Das ging aber nicht von heuteauf morgen. Mehr als zwei MillionenJahre hat die Elbe gebraucht, um dieüber 200 Meter tiefen Schluchtenheraus zu waschen. Was wir bewundern,sind die Ruinen eines einst riesigenSandsteinblocks. Die weichenTeile wurden gelöst und als Sandkörnerhinabgespült, die harten Teile sindals Felsblöcke stehen geblieben. DiesesGebirge nennt man auch Schweiz. Aufdeutscher Seite Sächsische Schweiz,auf der tschechischen Seite BöhmischeSchweiz. Zwei Schweizer Künstler, diesich vor über 200 Jahren in Sachsenaufhielten, kamen auf diesen treffendenVergleich. Der höchste Berg derBöhmisch-Sächsischen Schweiz ist mit723 Metern der Hohe Schneeberg.Von seinem Aussichtsturm kann manNationalparkzentrum SächsischeSchweizEines der modernsten und familienfreundlichstenNaturschutzinformationszentrenDeutschlands ist dasNationalparkzentrum SächsischeSchweiz in Bad Schandau. In Ausstellungen,Projekten und Veranstaltungenwird die NationalparkregionSächsische Schweiz vorgestellt. DenBesuchern stehen viele Erlebnis- undInformationsbereiche zur Verfügung.Für Wanderungen können über dasNationalparkzentrum auch Nationalparkführergebucht werden.Dresdner Straße 2B01814 Bad SchandauTel. 035022 - 502-30www.saechsische-landesstiftung.deDresden bei Niedrigwasser.143


Natur am FlussDie junge Elbe.Sage nach die Heimat des legendärenRübezahl ist.Das Städtchen Spindlermühle istdas Tor zur Elbquelle. Von hier auskommen wir über Wanderwege durchMischwälder und Täler der Elbquelleimmer näher.Auf einer Höhe von etwa1000 Metern lichten sich die Wälder,die Bäume werden seltener und kleiner.Die letzte Baumart, der wir begegnen,ist die Latschenkiefer. Sie istschon mehr Strauch als Baum und vorallem eine Überlebenskünstlerin. Stürmen,Frost, Eis und Schnee müssendiese elastischen und fest im Bodenverankerten Miniatur-Kiefern widerstehen.Mit steigenden Höhenmeternmachen nach und nach auch dieseletzten Bäume einer waldfreien HochebenePlatz. Die Waldgrenze isterreicht. Den Bäumen ist es hier zukalt zum Wachsen. Die langen Winter,viel Schnee und Sturm halten dasGebirge baumfrei. Umso häufiger treffenwir im Frühling und Sommer aufblütenreiche Bergwiesen und mit Wassergesättigte Moore. Hier oben habensich unter den extremen klimatischenBedingungen Pflanzen und Tiereerhalten, die es nirgendwo sonst gibt.Darunter befinden sich die Riesengebirgs-Glockenblumeund die Riesengebirgs-Eintagsfliege.Jung und frischplätschert hier die Elbe als Bächlein148


Natur am Flussdurch die Berglandschaft.Um die wertvolle und schöne Landschaftsowie die seltenen Arten wirkungsvollzu schützen, wurde schon1963 der Nationalpark Riesengebirgegegründet, weit früher als der erstedeutsche Nationalpark, der BayerischeWald.Endlich, in 1384 Metern Höhe treffenwir auf die Elbquelle, die das Wasserder umliegenden Moore und Bergwiesensammelt und wieder freigibt.Brunnenartig ist die Quelle in Steingefasst. Wir haben es geschafft undsind am Ziel.Von hier beginnt der Laufunserer Elbe. Dabei wird aus einemkleinen Bächlein durch den Zuflusstausender weiterer Bäche aus tausendenweiteren Quellen ein großer, breiterStrom, der Gebirge durchfließt,Städte bereichert, breite Talauen fülltund schließlich im Meer mündet.Wenn man annimmt, dass das Wasserder Elbe im Durchschnitt täglich100 Kilometer zurücklegt,dann brauchtjeder Tropfen von derElbquelle mehr alszehn Tage, um in Hamburganzukommen.Durch die Stauseen,die den Aufenthalt desWassers erheblich verlängern,handelt es sichhierbei allerdings nurum eine theoretischeRechnung.Latschenkiefer an der Baumgrenze.Wollgraswiesen an der Elbquelle.Elbequelle / NationalparkRiesengebirgeEin großer Teil des Quellgebietes derElbe befindet sich unweit der Schneekoppeund der tschechisch-polnischenGrenze im Nationalpark Riesengebirge.Er wurde 1963 als ersterNationalpark in Tschechien eingerichtet.Auch die symbolisch in einenRing aus Steinen eingefasste Quelleder Elbe finden wir hier. Das Riesengebirgebildet mit seinem Hauptkammdie Wasserscheide zwischender Elbe und der Oder und ist derhöchste Gebirgszug in der TschechischenRepublik. In ganz Mitteleuropawird er an Höhe nur noch vonden Karpaten und den Alpen überragt.Das Riesengebirge ist einbeliebtes Ski- und Wandergebiet.Tipp: Von dem Ort Špindlerův Mlýnführt der Weg über den idyllischenElbgrund zum 130 Meter hohen Elbfallund zur Elbquelle.149


Natur am FlussNaturschutz an der ElbeDie wichtigstenGroßschutzgebiete sind:• Nationalpark Riesengebirge• Landschaftsschutzgebiet„Böhmisches Mittelgebirge“• Nationalpark „Böhmischeund SächsischeSchweiz“• UNESCO-Welterbegebiet„Dresdner Elbtal“(22 Elbkilometer)• UNESCO-Welterbegebiet„Dessau-WörlitzerGartenreich“ (43 Elbkilometer)• UNESCO-Biosphärenreservat„FlusslandschaftElbe“ (400 Elbkilometer)• Europäische Vogelschutzgebiete(u. a.Havel-, Mulde-, SaaleundElstermündungsgebiete)• Europäische Schutzgebietefür Pflanzen,Tiereund Lebensräume(FFH-Gebiete)• FFH-Gebiet„Unterelbe“ mit über12000 Hektar.• EU-Vogelschutzgebiet„Unterelbe“ mit knapp17000 HektarWeil die Elbe der letzte großeFluss in Deutschland ist, andem noch viele frei lebende Tiere undwild wachsende Pflanzen vorkommen,die andernorts schon ausgestorbensind, ist der Fluss mit seinen Auen überweite Strecken – oft sogar mehrfach –geschützt. Insgesamt bestehen an derElbe von der Quelle bis zur Mündung222 Schutzgebiete.Das UNESCO-Biosphärenreservat„Flusslandschaft Elbe“ als ein Beispielfür den Naturschutz: Dieses bedeutendeGroßschutzgebiet, 1997 von derUNESCO als Biosphärenreservatanerkannt, erstreckt sich über 400 Elbkilometervon Schleswig-Holstein überMecklenburg-Vorpommern, Niedersachsenund Brandenburg, durch ganzSachsen-Anhalt bis zur Grenze nachSachsen. Lauenburg im Norden undPretzsch im Süden begrenzen das miteiner Fläche von 380.000 Hektargrößte Schutzgebiet in Deutschland.Es ist in drei Schutzzonen gegliedert:Die Kernzone: In dieser Zone – eshandelt sich zumeist um Auenwälderund Auengewässer – herrschen diestrengsten Schutzbestimmungen. Hierhat allein die Natur das Sagen. DerMensch muss draußen bleiben! DerFlächenanteil am gesamten Biosphärenreservatbeträgt allerdings nur dreiProzent.Die Pflegezone: Sie umfasst dieNaturschutzgebiete, die auf Wegenbetreten werden dürfen. Der Schutzvon Pflanzen und Tieren hat Vorrang.Die Wiesen, Wälder und Gewässerdürfen jedoch vom Menschen pfleglichgenutzt werden.Die Entwicklungszone: Es handeltsich zumeist um Landschaftsschutzgebiete,in denen nachhaltige Nutzungendurch Land- und Forstwirtschaft stattfindendürfen, ohne den Charakter derLandschaft zu verändern. Diese Zonenimmt mit Abstand den größten Anteilam Biosphärenreservat ein.Die Vielfalt von Pflanzen, Tierenund Lebensräumen ist im BiosphärenreservatFlusslandschaft Elbe unvorstellbargroß. Allein 1050 unterschiedlichePflanzenarten wurden gezählt.Die Zahl der Tierarten wird auf über10.000 geschätzt. Stellvertretend seiendie vorkommenden 250 Vogelartenund 750 Schmetterlingsarten genannt.Mehr als 100 Fischarten schwimmenim Elbwasser zwischen der Quelle undder Nordsee. Fast alle in Deutschlandheimischen Amphibien, also Frösche,Kröten, Unken und Molche, finden inden Elbauen ihre Lebensräume.Die Voraussetzungen für das Überlebendieser bunten Vielfalt sind denkbareinfach: Der Fluss und seine Auenmüssen möglichst natürlich bleiben.Dazu gehört in erste Linie sauberesWasser. Wasserverschmutzung zerstörtdas Leben in seiner vollen Pracht.Deshalb wurden über einhundertKläranlagen an der Elbe gebaut, diedas Wasser reinigen sollen. Genausowichtig wie sauberes Wasser sind aberauch intakte, flusstypische Lebensräume.Dazu gehören unverbaute, vorallem flache Sand- und Kiesufer sowieFlussinseln. Neben dem Hauptstromzählen Fluss-Nebenarme dazu sowiekleine und große, flache und tiefeAuengewässer. Alte und junge Bäume150


Natur am Flussdirekt an den Ufern sind lebensnotwendigfür den Biber und für vieleVogelarten. Schädlich für die Natur istder Umbau der weichen Sandufer inharte, versteinte oder betonierte Ufer.Ein Fluss und seine Bewohner brauchenfreie Spielräume und keine übertriebeneEinengung. Gerade die flachauslaufenden Ufer sind die bestenKinderstuben für die Fische.Wir könnendie Jungfische im Frühjahr undSommer vor allem im flachen Wasserbeobachten, das ist ihr Zuhause.Wirdder Fluss eingezwängt, vertieft undwerden die Ufer mehr und mehr mitSteinen verbaut, gehen eben diese Kinderstubenverloren.Ein weiteres Problem für denNaturschutz ist die Industrie, wenn siegiftige oder schädliche Stoffe in denFluss ableitet. Großkraftwerke schadender Natur, weil sie das Flusswasseraufheizen. Je höher die Temperaturenim Fluss, desto weniger Sauerstoffsteht den Fischen zur Verfügung. Bei28 Grad Celsius Wassertemperaturmüssen deshalb die Kraftwerke abgeschaltetwerden. Für das Leben imFluss würde es sonst zu heiß werden.Gerade im Sommer, wenn der Flussdazu einlädt, im Wasser herum zuplantschen, verfärbt sich des Elbwasserolivgrün bis bräunlich und wirdundurchsichtiger. Gleichzeitig steigenGasbläschen auf und bilden an derOberfläche Halbkugeln. Was ist dieUrsache? Von den Feldern wird Düngereingeschwemmt, der das Pflanzenwachstumauch im Wasser ankurbelt.Es wachsen massenhaft grünbrauneAlgen, die Sauerstoff im Überflusserzeugen, aber auch die Sichttiefe imFluss verringern und das Wasser eintrüben.Wennwir klares Wasser habenwollen, müssen wir dafür sorgen, dassdie Düngestoffe auf dem Acker bleiben.Ambesten für die Elbe ist die ökologischeLandwirtschaft, die ohneIndustriedünger wirtschaftet.Bürger engagiern sich dielebendige Elbe.151


Geschichte am Fluss


Geschichte am FlussMeine persönliche Geschichte am Fluss beginnt 1953. Ich muss etwasechs Jahre alt gewesen sein, als mein Vater, der damals als Steward beider Reederei Hamburg-Süd fuhr, mich zu einer „Schiffsreise“ einlud.Sie ging von einem Hamburger Hafenbecken ins andere, das Schiffwurde von Schuppen zu Schuppen verholt. Für mich als kleinen Buttjewar es allemal das erste Seemannsabenteuer.Ähnliche Geschichten haben viele zu erzählen, die an der Elbe leben.Der Fluss selber kann uns andere, bedeutendere Geschichten erzählen.Er entspringt im sagenumwobenen Riesengebirge und hat sich seinBett in Jahrtausenden durch unterschiedliche Böden gegraben. SeineWandlung zum breiten Schifffahrtsstrom an der Unterelbe verdankter schließlich der letzten Eiszeit.Hatte ich in der Schule einiges vom Bischof Ansgar und der erstenchristlichen Ansiedlung zwischen Alster und Elbe vor etwa 1000Jahren, von Überfällen der „Nordmänner“, der Gründung der Hanseund dem Piraten Störtebeker gehört, so erwachte mein Interesse für dieGeschichte entlang der Elbe doch erst so richtig nach dem Fall derMauer und Grenzzäune im November 1989. Östlich von Lauenburgwar ihr Ufer über 100 Kilometer Niemandsland gewesen, wegen tödlicherDDR-Grenzsicherungsanlagen unnahbar und darum unberührt.Heute „verdanken“ wir den 40 Jahren der Teilung Deutschlands dienatürliche Auenlandschaft der Elbe.Burghard Bartos hat die Geschichte der Elbe für uns aufgeschrieben.Der Autor hat dabei als Grundlage das opulente Werk seiner Mutter,der bekannten Autorin Barbara Bartos-Höppner, „Elbsaga“ benutztund für uns zusammengefasst. Bartos’ Geschichte am Fluss ist sospannend erzählt, dass ich dieses Kapitel in einem Rutsch durchgelesenhabe. Denn die Elbe erzählt uns lebendige Geschichte, plastischund zum Greifen nah, hören wir ihr zu...


Geschichte am FlussRübezahl, Störtebeker & CoEine historische Reise durch die Flusslandschaft von der Quelle bis zur MündungVon Burghard BartosManche Menschen sind sonderbar.Auf die Frage: „Kennst du große deutsche Flüsse?“kommt die Antwort: „Der Rhein.“Ja, schön. Aber der Rhein liegt ganz am Rand von Deutschland.„Vielleicht die Donau?“Na, liegt die Donau nicht weit im Süden von Deutschland?Also, welcher Fluss geht mitten durch Deutschland?„Vielleicht die Elbe?“Ja, genau! Die Elbe geht mitten durch Deutschland.Und die Elbe bringt uns Geschichten mit.Geschichten vom Berggeist Rübezahl etwa aus dem Riesengebirge.Geschichten von der Gründung des Böhmischen Reiches.Geschichten aus den schönsten Städten, die es gibt,Geschichten von weitem Land und hohen Brücken,von Schiffen und kostbarer Fracht,Geschichten von Krieg und Frieden.Geschichten aus einem der größten Häfen der Erde,Geschichten von schrecklichen Seeräubern,von flachen Äppelkähnen und Pferderennen auf dem Meeresgrund.Kennst du große deutsche Flüsse?„Die Elbe!“Na, geht doch.154


Geschichte am FlussEs war ein nebelfeuchter Tag damals, der Wind pfiffüber die Kuppe. Er biss den Leuten in die Ohren undstieg sogar den hohen Geistlichkeiten unter denRock, dass es eine Schande war. Beschwerlich waren diesteinigen Wege, links gezackt und rechts gezackt. Undsteil.1684 Aber einmal musste Schluss sein mit dem gottlosenUnglauben, den heidnischen Blutopfern in der Dämmerung.Und so stieg der Bischof von Königgrätz eben aufzur Elbquelle. Warum sie so hieß, diese Elbequelle? Wegender elf Quellen, die dort zusammenlaufen, Euer Eminenz.Aber dass die Leute immer wieder hinaufstiegen und einenlebendigen Hahn dort oben als Blutopfer bringen, einemHeidengott vielleicht oder Satan selbst. Nein, das mussteaufhören, und zwar endgültig und im Namen des Herrn.Lange Schritte, krumme Knie,da kommt man rauf, man weiß nicht wie.Spruch aus dem Riesengebirge (hochdeutsch)So wollte der Bischof den finsteren Aberglauben beenden.Den Anfang machte ein echtes Kamel aus dem HeiligenLand. Danach stapften Seine Eminenz, der Bischof, mitdem ganzen Hofstaat, dann weitere Würdenträger und vielVolk in einer langen Reihe. Bretter und Balken brachten dieZimmerleute mit für eine kleine Kapelle, zur Sicherung desGlaubens. Die Kapelle war schnell gezimmert, der Altartischaufgestellt. Dann segnete der Bischof von Königgrätzim Jahre des Herrn 1684 diese elf Quellen, die Elbquellen,oben im Riesengebirge. Die guten Leute waren tief ergriffenvon dem Schauspiel, denn kaum hatten die Elbquellenden christlichen Segen erhalten, brach der Himmel auf unddie Sonne lachte herunter. Ein wunderbarer Aufstieg, dawaren sich alle einig.Seit diesem Tag sind die Elbwiesen ein besonders schönerFlecken und überhaupt nicht mehr gruselig, kein bisschen.Höchstens in der Dämmerung, manchmal, wenn die Nebellautlos aus den Tälern kriechen, wenn der Wind wieder soum die Felsen heult im eisigen Sturm ...deutsch: Elbetschechisch: LabeDie Elbe tat auch nach diesem denkwürdigen Tag, wasGebirgsbäche so tun; hüpfte sozusagen von einem Beinaufs andere, schäumte und gurgelte ins Tal. Aus dem dünnenBachgeriesel im Elbebrunnen auf 1390 Metern Höhe155


Geschichte am FlussRübezahl-Gemälde vonLudwig Richter.von der Liebe, das lässt sich ja verstehen.Nur war der Berggeist Rübezahl eben nicht irgendwer.Er herrschte über den ganzen Riesengebirgskamm von derSchneekoppe bis zum Reifträger. Alles Gold und Silber imRiesengebirge war seins, die Tiere und alle Winde und Wetterstanden ihm sowieso zu Gebot. Nur die schöne Fürstentochterzierte sich und wollte nichts von ihm wissen.Und dann lief sie ihm auch noch davon, während er geradeseine Rüben zählte.deutsch: Rübezahlpolnisch: Licerzepatschechisch: Krakonošwird schnell ein Gebirgsbach. Und der fließt die Hänge derSudeten hinunter erst einmal nach Südwesten.Gar nicht weit steht die erste Baude. Solche Bauden imRiesengebirge waren nur anfangs Schutzhütten oder Notquartiere.Längst sind Bauden gemütliche Wirtschaften,die jeden Wanderer mit Kachelofenwärme, Glühwein undeiner heißen Suppe empfangen.Um den Skifahrern, den Händlern und Neugierigen etwaszu bieten, hatten die Leute bei der Elbfallbaude die Elbesogar aufgestaut. Wer ein paar Groschen springen ließ, fürden sprang die Elbe über die Klippe. Fünfzig Meter stürztsie sich unerschrocken in die Tiefe und stäubt hochauf inden Elbfalltopf. Der Baudenwirt, nicht faul, erzählte gleichdie schöne Geschichte von der großen, der unglücklichenLiebe hier an dieser Stelle, eine Geschichte fast so alt wiedie Berge selbst. Denn im Elbfall hat mal ein Fürstentöchterleingebadet, splitternackt und bildschön, natürlich.Rein zufällig kam Rübezahl vorbei, Rübezahl, der Herr derBerge. Er sah das Mädel und war vom Fleck weg getroffenRübezahl tückschte, wie man so sagt. Und unglücklich verliebtblieb Rübezahl bis auf den heutigen Tag. Warumsonst wäre er manchmal so schlecht gelaunt? Den Leutenerscheint er dann als wilder Eber oder Hagelschauer odernoch Schlimmeres. Aber nur die Hinterlistigen und Gemeinenmüssen ihn fürchten. Wer freundlich ist und hilfsbereit,dem hilft der Berggeist Rübezahl und lässt sogarmanchen Golddukaten springen. Ach, ganze Abende langerzählt der Wirt in der Elbfallbaude vom Rübezahl. Vor Aufregungwill keiner zeitig ins Bett, trotz der Bergluft, die jabekanntlich müde macht.Die Elbe fließt, fließt weiter nach Spindlermühle oderŠpindlerův Mlýn, wie der Ort auf Tschechisch heißt. Dortmacht die Elbe sich nützlich und treibt Mühlräder an, dievor langer Zeit einem Müller Spindler gehört haben, weshalbder ganze Ort bis heute seinen Namen trägt.Mühlen waren die ersten Fabriken überhaupt, in Mühlenwurde nicht nur Mehl gemahlen, sondern Holz gesägt,Eisen geschmiedet, Erz gesiebt oder Wolle gewalkt. Woeine Mühle stand, hatten die Menschen Arbeit und Brot.1533 Die Elbe fließt, fließt weiter nach Hohenelbe.Christoph von Gendorf hat die Stadt gegründet. Als Berghauptmannkannte er das Geheimnis, wie sich aus Eisenund Kupfer, aus Arsen und Uran tief im Boden Gold und Silbermachen ließen ganz ohne Zauberei: nämlich durch denHandel. Er warb Tiroler Holzknechte an, die mit ihren Hör-156


Geschichte am FlussDas Schloss in Hohenelbe.nerschlitten gutes Langholz aus dem Riesengebirge herunterbrachten. Und die Bergleute aus dem Harz, die er auchanwarb, verbauten die Stämme tief unten im Berg zu Stempelnund Stützen und schürften das Erz. Es dauerte nichtlange, da hatte der königlich-böhmische Rath von Gendorfaus dem weiten Waldland die blühende, reiche Stadt Hohenelbegemacht.Die Bodenschätze von Hohenelbe waren zu bald ausgebeutet,damals im 16. Jahrhundert. Aber der Handel blieb,aus Hohenelbe wurde eine reiche Leineweberstadt. Ringsum den Markt bauten die Fabrikanten sich ihre Laubenhäuser,unter denen man in trockenen Socken um den ganzenMarkt kommt, ob’s regnet, ob’s hagelt oder schneit. Erstnach dem Zweiten Weltkrieg verfielen die Laubenhäuser,weil die Sudetendeutschen aus dem Land vertrieben wurden.Heute sind die Häuser wieder aufgebaut als eine Brückezurück in die Geschichte. Hohenelbe wird auch das Torins Riesengebirge genannt, ab hier ist die Elbe nämlichschiffbar.Und die Elbe fließt, fließt immer noch nach Süden, zu einerso ganz anderen Stadt, nach Kukus. Hier herrschte diePracht, das feine Leben.Endlich vor Sporck.Neben seinem Schimmel ragt der Graf.Sein langes Haar hat den Glanz des Eisens.Der von Langenau hat nicht gefragt.Er erkennt den General, schwingt sich vom RossUnd verneigt sich in einer Wolke Staub.Er bringt ein Schreiben mit,das ihn empfehlen soll beim Grafen.Der aber befiehlt: „Lies mir den Wisch.“Und seine Lippen haben sich nicht bewegt.Er braucht sie nicht dazu,sie sind zum Fluchen gerade gut genug.Was darüber hinaus ist, redet die Rechte.Punktum. Und man sieht es ihr an.Der junge Herr ist längst zu Ende.Er weiß nicht mehr, wo er steht.Der Sporck ist vor Allem.Sogar der Himmel ist fort.Da sagt Sporck, der große General: „Cornett.“Und das ist viel.„Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“,Rainer Maria Rilcke157


Geschichte am FlussWattrennen in Duhnen.Das wussten die „dwatschen Molers“, die verrücktenMaler und Künstler auch nicht so genau, als sie vor hundertJahren das erste „Pferderennen auf dem Meeresboden“starteten, im Sommer, wenn das Watt bei Ebbe trockenfiel. Den Pferden gefällt es, Elbsand ist gut für dieHufe.Ein Wahrzeichen von Cuxhaven ist nicht nur die AlteLiebe, an der Seemannsherzen hängen, sondern auch derHapagTurm. Er blickt über den Amerikahafen, der bis aufden heutigen Tag ein Stückchen Hamburg geblieben ist, soDas Steubenhöft in Cuxhaven.wie es 600 Jahre lang ganz Cuxhaven war. Hier stand dasTor zur Neuen Welt, hier ging’s ab nach Amerika, hier sagtenfünf Millionen Verarmte, Vertriebene, Verfolgte undHoffnungsvolle aus ganz Europa der alten Welt zwischen1850 und 1939 Lebwohl.Mit kleinen Atlantik-Seglern war der Auswandererstrom,der da auf Hamburg zuwalzte, bald nicht mehr zuschaffen. Die Hapag (Hamburger Paket-Aktien-Gesellschaft)musste einen Schnelldampferverkehr einrichten.Albert Ballin ließ vier neue Doppelschraubendampferbauen, zu tiefgängig für die ständig verschlickte, verschlungeneElbe – neuer Hafen also Cuxhaven. Von denQuarantäne-Baracken der BallinStadt auf der HamburgerElbinsel Veddel brachte die Eisenbahn alle Europamüdenmit dem Zug zur Elbmündung nach Cuxhaven und weitermit Tendern aufs Schiff.Ach, übrigens: Cuxhaven ist Ursprung aller Kreuzfahrerei,der edlen Luxusliner, die für alle Reichen und Schönendas Reisen so unvergleichlich vergnüglich machen.Obwohl man’s nicht glaubt, die Elbe fließt weiter. Fließt anNeuwerk vorbei, der Hamburger Insel mit bärbeißigemBacksteinturm, weiter zur Insel Scharhörn mit Vogelwarte.Dann kommt nur noch die Nordsee. Nein, dann kommtHelgoland. Fünfundsechzig Kilometer weit draußen vor derElbe liegt Helgoland in der Deutschen Bucht.182


Geschichte am FlussInsel Neuwerk von Henry Winkles.1890 Helgoland, der steile, rote Felsen, der gegen dieschöne Insel Sansibar getauscht wurde, weil das DeutscheKaiserreich unbedingt einen Marinestützpunkt in der Nordseebrauchte. Auf Helgoland reimte sich der Dichter Hoffmannvon Fallersleben „Das Lied der Deutschen“ zusammen.Es wurde zu unserer Nationalhymne. Aber wer kenntheute noch den Text.Eigentlich ist es mit der Geschichte ganz wie mit demElbewasser. Den meisten ist es zu kalt, die bleiben amSpülsaum stehen. Manche spaddeln so am Ufer herumoder werden hineingeschubst. Ein paar von uns schwimmenhinaus und machen sogar Wellen. Aber früher oderspäter steigen sie wieder aus dem Wasser heraus. Wie ausder Geschichte.Immerhin, wir sind dabei gewesen, eine Zeit lang.Die Sandsteinfelsen von Helgoland.183


Singen am Fluss„Fohr mi mol röber, fohr mi mol röber, fohr mi mol röber no'n KohwarderHeuft!“ Diese Worte von Walter Rothenburg sind für mich derInbegriff dessen, wie man bei uns in Hamburg an der Elbe singt:Nach Lust und Laune und zu jeder Zeit, wenn sich die Gelegenheitergibt. Noch heute erklingt gegen Mitternacht, nicht nur auf derBühne, sondern an allen Straßenecken von St. Pauli, der Schlagervon Ralf Arthur Roberts „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“.Keine Frage: In Hamburg hat das Singen Tradition.Wie sieht es aber elbabwärts und elbaufwärts aus? „Elbkinder lebenauf dem Land, Elbkinder spielen gern am Strand“ singen die Kindervon Cuxhaven bis Bad Schandau seit dem Sommer 2000, als sich 40Kinderchöre in 23 Orten an der Elbe begegneten und Freundschaftenschlossen. Diese Sangesfreude hat uns vom Verein Elbkinderland neugieriggemacht. Wir wollten wissen, was man in Wittenberge,Magdeburg, Dresden und östlich von Bad Schandau singt.Eine kleiner Schatz erschloss sich uns, romantisch Überliefertes undoriginelles Neues: „Ist denn die Elbe immer noch dieselbe?“, fragen sichdie Magdeburger Elbkinder. Wovon sollten die tschechischen Mädchenin dem Lied „Koraby“ singen, wenn nicht von den sonnengebräunten,zum Tanzabend geschniegelten, jungen Elbkahn-Schippern. Wirhaben einige Perlen, die wir bei der Suche nach Elbliedern fanden, diesemBuch beigefügt und bedanken uns bei allen, die in ihrerErinnerung und in Archiven fündig wurden.Das „Singen am Fluss“ möge lebendig bleiben, indem Eltern Kinderndas gewachsene und neue Liedgut weitergeben, mal in hochdeutschund mal in der Mundart. „Wir hier an der Elbe“ werden das Singennicht verlernen, so lange noch Wasser vom Riesengebirge in dieNordsee fließt. Wer die Elbe bereist, sollte als Souvenir mindestens einLied im Rucksack mit nach Hause bringen.


Singen am FlussElbkinderMusik: Michael Reinecke / Rolf ZuckowskiText: Rolf ZuckowskiShuffle&4 4 ‰. j˚œ œ.œ .CVERS3œ œ œ ‰ .1. Ich hei - ße An - ni - ka(2.) Hen - drik nochj˚œ œ.œ œ.undamwohn in Fin - ken - wer -sel - ben Tag ge - schrie -œG7œœderben‰. j˚œ œ.undundœneu - lichmei - nen& œ.œ œ.fandBriefichamei -A -œnebend3œ œ œ œ.Fla -gleichschen - postzur Postœamge -Cœ Œ ‰. j˚œ œ.Strand.bracht.IchIchhabhabœsieer -F& œ.œ œ.œ œ.œ œ.auf -zählt,ge -wiemachtwirundingleichFin -den Briefken - wer -œge -derCœle -le -œsen.ben,‰. j˚œ œ.Nunundhörtdassœmaldie&D73œ œ œ œ.œ œ.œ œ.al -El -lebezu,unswasauchdaman -ge - schrie -chen Kum -œbenmerG7˙stand:macht.‰. j˚œ œ.IchIchbinhabœJan -inC& œ.œ œ.œ œ.œ œ.Hen - drick undDres - den mei -ich wohnnen al -im schö -ler - bes -œnentenG7œDres -Freun -œden,den‰. j˚œ œ.wirganzsindstolzœaufden© by MUSIK FÜR DICH Rolf Zuckowski oHG, Hamburg190


Singen am Fluss& œ.œ œ.œ œ.œ œ.Klas -ers -sen - rei -ten BriefsevonhierAn -am Kö -ni - kaœnig -ge -C˙ ‰. j˚œ œ.steinzeigt,undunddie -al -œseleF& œ.œ œ.œ œ.œ œ.Fla -sag -schen - post,ten: “Mensch,die sollJan - Hen -ein Grußdrick, viel -œausleichtC E7 Amœ.œ œ.œ ˙mei -klapptsnerjaHei -ir -mat sein,gend-wann,F& ‰.Cj˚œ œ.œ œ.œ œ.wenndanndufährstsiedufin -sel -destberschreibzuœzu -ihrG7œ ‰. j˚œ œ.œ œ.rück,hinichundwürdschaustmichdirrie -al -œsiglesC& ˙freun.an.”Œ ‰. j˚œZuDannGDm/Gœ.œ œ.œ .Haus nahm ichnah - men wirœ œ œ.den At -den At -laslasininœdiedieG˙HandHandŒ ‰. j˚œundundD7& œ.œ œ.œ œ.œ œ.œ2 4 œ.œ œ.# œ 4 staun -fuh -te,renwasmitichdemdaFin -sogeral -im -lesmeranander El -der El -bebeG˙fand.lang.Ó&CREFRAIN˙ œ œG7œ.œ œ.œ œŒ˙ œ œCœ.œ œ.œ œŒElb - kin - derle - ben auf dem Land,Elb - kin - derspie - len gern am Strand.191


Singen am Fluss& ˙ œ œFœ.œ œ.œ œ.œ œ.œC G7œ œ œ œElb - kin - derle - ben in der Stadt, sie sin - genmal auf hoch unAm G7& œ œ œŒC˙ œ œG7œ.œ œ.œ ˙mol up Platt,Elb - kin - derspie - len Ka - pi-tän,& ˙ œ œCœ.œ œ.œ œŒ˙ œ œElb - kin - derwoll’nauf Rei - sen gehn.Elb - kin - derFC G& œ.œ œ.œ œ œ.œ2 Dm7œ œ œ œ 4 œ G7. œ œ . œ 4 spu - cken in den Wind, weil sieJungs und Mäd - chenvon der El - be1.&4 4 C Dm7 F/G G7œ Œ Ó Ó ‰. j˚œ œ.œ .sind.2. Ich hab Jan–2.Cœ Œ Ósind,F& Ó Œ œ.œC Gœ œ œ œFGœ.œ ˙ œCœ Œ ÓweilsieJungs undMäd - chenvon der El - besind.192


Singen am Fluss193


Singen am FlussWo kommt denn wohl die Elbe her?Musik und Text: Kurt KlausWalzer& b 43 .œ1. DortF˙VERS(1.) o -(2.) El -(3.) Zeit,nœbenbesie˙annimmtgehtnœderbeiso˙Wa -ih -schnellœ ˙ œkantLaufvor - bei,ter -remsingtdurchsie˙manuns -lässtœsoresich& b ˙vie -deut -kaumœleschener -C˙.Lie -Lan -mes -˙derde,sen,œvonerstwas˙Wel -al -ges -nœlen,letern˙WindWas -All -œundserge -˙ei -Böh -mein -œnemmensgut& b ˙Fluß,auf,war,œdenführtist˙nenntsieheu -œ˙ œim -Nord -te schonmanzummersee -ver -F˙.wie -stran -ges -˙der;de.sen.œinObSteht's˙Ham -Mol -auchœburgdau,in& b˙dort,Be -kei -nœamraun,nem˙TorSa -Lehr -œ˙zur Welt,za - wa,plan mehr,œnichtobich˙weitI -fra -œvomser,ge˙Deut -E -im -œschenger,mer -Bb˙.Meer,Mies,zu:& b œŒœobsieSagt˙manflie -mir,œsichßenwo˙daall'kommtœdiezurdieFœ œ œFra - geEl - beEl - be dochwohlwohl˙stellt:hin,her?œC7˙Wo kommtbe - vorDas lässtœdiesiemir© Die Eigentümer des Copyrights konnten trotz intensiver Recherche nicht ermittelt werden.194


Singen am FlussMäßig bewegtDas Lied der ElbequellMusik: Wilhelm MayerText: Adolf Skall& # 8 6j œGœ.œ œ œ œ œœjœœjœ1. Wo2. Derü -Herr -ber dergott, derHei -sorg -delichderdenHim -Wegmelihmblaut,weist,hochdurch& # Amœ.œ œ œ œ œo -Bäch -benleinamundKam -Flüs -mesederihnœNe -nährtJ œbelundœbraut,speist;jœwoge -& # D7œ œ œ œ œ œKnie -wor -holzdnsichzumducktStromundimdieSu -Gœ J œ œPfa -de -de säumt,ten - land,jœinlenktD& # œ œ # œ œ # œ œEn -erzi -ihnan -mitblü -seg -tennen -diederAœBerg -Füh -D7U# œ œ œwelt träumt,rer - handjnœwozum& # Gœ.œ œ œ œ œü -e -ber diewi - genHö -Mee -henrederduchœSchnee -Deutsch -jœsturmlandsœbraust,Gau'njœwennund© Die Eigentümer des Copyrights konnten trotz intensiver Recherche nicht ermittelt werden.196


Singen am FlussAm& # . œ œ œ œ œ œRü -lässtbe -ihnzahldasbösSchöns -imteGe -aufœbir -Er -J œ U H Emœ j œgedenhaust:schaun:DortDesC& # œ œ œ œ œ œspru -freutdeltsicheindasWäs - ser - leinWäs - ser - leinGœ œ J œU j œsil -sil -ber - hellber - hell,ausvonD7œ œ œ œ œ œfel - si -Zwerg - leingembe -Grun - de:hü - tet:DerDer& # œ œ œ U Gœ j œEl -El -be - quell,be - quell,dortdesCœ œ œ œ œ œspru -freutdeltsicheindasWäs - ser - leinWäs - ser - leinGE7œ J œ œ U J œsil -sil -ber - hellber - hell,ausvon& # Gœ œ œ œ œ œAmœ.D7œ.Gœ.jœ ‰fel - si -Zwerg - leingem Grun - de:be - hü - tet:DerDerEl -El -be -be -quell.quell.3. Vom Riesengebirge zum Nordseestrandein fruchtbarer Garten der Elbe Strand;rings Städte und Dörfer in Blüte stehn,verfallene Burgen von Bergen sehn,an sonnigen Ufern reift süßer Weinund Dolden des Hopfens voll Duft gedeihn:So reich ward das Wässerlein silberhellin Rübezahls Schutze: Der Elbequell,so reich ward das Wässerlein silberhellin Rübezahls Schutze: Der Elbequell.4. Dir singen ein Loblied wir, Elbequell,du sprudelndes Wässerlein silberhell;dich preisen die Schiffer am Lastenkahn,bewimpelte Dampfer auf ihrer Bahn,am Flößholz die Flößer, des Fischers Boot,sie danken dir alle ihr täglich Brot.Und nennt man auch Vater den stolzen Rhein:Du, Elbe wirst immer uns Mutter sein,und nennt man auch Vater den stolzen Rhein:Du, Elbe wirst immer uns Mutter sein.197

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