Die Vielvölkerstadt Los Angeles entwickelt sich zur ... - Hannes Klug

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Die Vielvölkerstadt Los Angeles entwickelt sich zur ... - Hannes Klug

Foto: Alessandra MattanzaVom Sprachgewirr zur kreativen Vielfalt:In Los Angeles finden die Nationalitäten über einbrodelndes Kulturleben zueinander – unddas weit gehend ohne öffentliche Förderung.Von Hannes KlugDie Stimmender StadtUnter den Palmen findet ein Experiment statt: Los Angeles ist das Zukunftslabor der USA.Ob reich oder arm, obweiß, braun oderschwarz, sie alletreffen sich auf denFreeways. Egal wieprunkvoll die Villain Beverly Hills, wie schäbig die Budein Little Armenia oder wie undurchlässigdie Gitter der „Gated Community“sein mögen: Irgendwann müssen allehinaus auf die Straße. Welcher Nationalitätjemand auch angehört: DieStraße ist der große Gleichmacher.Hier steckt jeder im Stau.Dass angesichts dieser hochdemokratischenEigenschaft der Freewaysniemand so recht ins Schwärmen gerät,liegt am Leiden, das die verstopftenStraßen jedem Einzelnen Tag für Tagauferlegen. Mancher steht um fünf Uhrauf, um der Rush Hour zu entgehen,doch die Rush Hour selbst steht mittlerweilefrüher auf und dehnt sichlangsam aber sicher über den ganzenTag. Viele Einwanderer können sichnur noch eine Wohnung in „Sub-Suburbia“leisten: draußen, noch jenseits derVorstädte, wo die Wüste die Stadt schonwieder verschluckt. Ihre Jobs aber findensie als Hilfskräfte in den Büros undHotels downtown, und so kreuzen sieüber die Auf- und Abfahrten der 101East, 405 South oder 110 North in einemheiligen, niemals endenden Ritual.Rund zehn Millionen Menschenleben im LA County, über 16 Millionensind es in Greater LA. Los Angelesund seine Vorstädte verschmelzen zurgrößten Metropole der USA, und inden nächsten zwölf Jahren, so wirderwartet, soll die Einwohnerzahl umweitere 40 Prozent steigen. Die meis -ten hier sprechen eine andere Mutterspracheals Englisch.Viele halten diese Stadt für ein einziges,großes Chaos: LA, ein wuchernderFlickenteppich ohne Zentrum, ist derAlptraum für alle, die es gern orden t -lich mögen. Doch ausgerechnet dieEinwandererstadt Los Angeles hat esgeschafft, mitten im großen Sprachgewirreine integrative Kraft zu entwikkeln:mit wenig öffentlichen Geldern,dafür mit umso mehr privatem Engagement.Theaterbühnen, Kulturzentrenoder Konzert häuser sind die Orte, andenen sich die Stadt quer durch alleSchichten immerzu neu erfindet.Noch vor 30 Jahren besaß LosAngeles eine zu 70 Prozent weißeBevölkerung und galt als blütenweiße,konservative Festung. Heute sind geradenoch 30 Prozent der Bewohner weißerHautfarbe. „Die Wandlungen, die LAdurchmacht, werden sich bald auch imRest der USA zeigen“, sagt Dr. MaraMarks, die das „Center for the Studyof Los Angeles“ an der Loyola MarymountUniversity (LMU) leitet: LosAngeles ist das große Zukunftslaborder USA. Steht man auf dem Campusder LMU auf den Hügeln von West LA,40 | AMERICA 6/07 6/07 AMERICA | 41


LOS ANGELESheimische Künstler zeigen, dass diekünstlerische Substanz viel mit denbesonderen Erfahrungen in ihrerStadt zu tun hat. Seit 40 Jahren lebtder Künstler Ken Price in LA, seineabstrakten Skulpturen bestehen aussich überlagernden Materialschichten,die Farben scheinen aus ihnen hervorzu brechen. Die Stadtlandschaften vonMark Bradford, die Collagen von LariPittman – sie zeigen das Gegenteil einerGroße Kultur und kleine Geschäfte:gleißende Fassade der DisneyConcert Hall (oben), mexikanischerImbiss-Stand beim Einkaufszentrum„The Grove“ (rechts).homogenen Umwelt, ihr Thema sindVerwandlungen, Brüche, Instabilität.Die Kunst aus LA, so sagt KuratorGary Garrells, lasse sich aufgrund ihrerVielfalt gerade nicht auf einen Nennerbringen – ihre Kennzeichen sind dieUneinheitlichkeit, der Überschuss.Auch junge Filmemacher zieht eswieder hierher: „Noch vor ein paarJahren wurden 60 Prozent der unabhängigenFilme in New York gedreht.Jetzt sind es nur noch 20 Prozent“, sagtRichard Raddon von „Film Independent“und Gründer des Los AngelesFilm Festivals, das sich vom kommerziellenMainstream-Kino Hollywoodsabsetzen will. Wohin die Nachwuchs-Filmer aus New York abwandern? Klar– nach Los Angeles. Über 6.000 Regisseure,Autoren, Produzenten und Schau -spieler sind bei „Film Independent“organisiert und verbreiten Aufbruchstimmung.„Dies ist die aufregendsteZeit, die es jemals für die Künste inLA gegeben hat“, sagt Raddon. Währenddie Ostküste mehr und mehr fürdas Establishment steht, ist in LA diejunge, experimentierfreudige Szenezuhause. „Es ist eine große Offenheitfür die Zukunft, die LA charakterisiert“,beschreibt der Architekt ThomMayne die Stimmung in der Stadt.Für die meisten der Ankömmlingeist Los Angeles schon längst nichtmehr nur „der Westen“ wie er es fürdie Farmer aus Oklahoma oder Texaswar, die einst vor der „dust bowl“hierher flüchteten. LA ist „el Norte“ –der verheißungsvolle Norden für dieMenschen aus Mittel- und Südamerika.Sichtbar wird diese Veränderung auchin der Wahl des Latino-BürgermeistersDas kulturelle Leben ist der Kitt für den Vielvölkermix in der Stadt.Antonio Villaraigosa im Jahr 2005.Bald danach waren einige der höchstenÄmter der Stadt mit Politikern mexikanischerAbstammung besetzt.Ray Cortines, Deputy Mayor unddamit Stellvertreter des Bürgermeisters,ist einer der neuen Latinos an denSchaltstellen der Macht. Cortines willdie Probleme der Stadt nicht weg -diskutieren. Die Schul- und Bildungs -politik, sagt er, sei das vorrangige Zielder neuen Stadtregierung. Hier sammelteer seine Erfahrung, bevor er inein Regierungsamt wechselte. Dochauch da spielt die Kultur auf besondereWeise hinein: „Es geht uns um mehrals nur um Schulen, es geht auch ummehr als nur um Jobs oder eineBekämpfung des Gangproblems. Esgeht um die Möglichkeit, sich in dieGemeinde einzubringen. Und die findenJugendliche wie Erwachsene nurüber die Kultur.“ Das kulturelle Lebenist ein wesentlicher Bestandteil desKitts, der das Vielvölkergemischzusammenhält und wie in Downtownein Motor, der ganze Stadtviertel neuerblühen lassen kann. Wenn dann inSichtweite der Disney Concert Hallwie mit der Colburn School eineMusikschule einen Neubau hinstellt,der bald Schüler und Studenten beherbergenwird, setzt sich der Effekt auchüber die Generationen hinweg fort.Und dabei, erklärt Cortines fast entschuldigend,inves tiere keine anderegroße Stadt in den Vereinigten Staatenso wenig öffentliches Geld in denBereich Kunst und Kultur. Für „nichtan gemessen“ hält er die hier verwen de -ten Summen, doch komme die Dynamikder Stadt eben oft aus privatenInitiativen, die komplizierte „publicprivatePartner ships“ wie im Falle derDisney Concert Hall durch das Engagementvon unten ergänzten.Über 300 Theater sind in der „LAStage Alliance“ organisiert und gebenden vielen Stimmen der Stadt einenOrt, an dem sie sich in kleinerenZusammenhängen Gehör verschaffenkönnen. Gerade hier, sagt „Alliance“-Direktor Terence McFarland, sei einebesondere „Ökologie“, eine Wechselwirkungim Gange: zwischen lokalenInitiativen, Geldgebern und Kreativen:„Öffentlich gefördert wird in diesemBereich gar nichts, die Impulse kommenalle von unten, aus der Sub -kultur“, sagt McFarland. Viele Schauspieler,die in Hollywood ihr Geldverdienten oder verdienen wollten,gründeten etwa kleine Bühnen,um sich künstlerisch zu verwirklichen.Sie wenden sich dabei auch an einPublikum, das nicht aus traditionellenTheatergängern besteht. „Wir müssenlernen, für Stimmen offen zu sein, andie wir bisher nicht gewöhnt waren“,sagt Filmemacher Phillip Rodriguez –Stimmen, die roher und traditionellergefärbt sind als in der bürgerlichenKlientel der Hochkultur. Denn vieleImmigranten sind kulturell weniggeschult und verfügen über ein niedrigesBildungsniveau.Die Einwanderer, sagt Dr. MaraMarks von der LMU, seien in dem großenMix die mit Abstand zuversichtlichstealler Be völkerungsgruppen.Niemand glaubt heute stärker an denamerikanischen Traum als die Latinosaus dem Süden, die unter höchstemRisiko und oft illegal die Grenze überqueren,um hier den Erfolg zu suchen.Sogar den Traum haben sie den Weißenweggenommen. Mancher magdarüber klagen oder fühlt sich fremdim eigenen Land. Für ein idyllischesMultikulti-Treiben geht es in LAimmer schon zu rau zu. Trotzdem istdie Kriminalitätsrate so niedrig wielange nicht. Im Film „Los AngelesNow“ sagen junge Latino-Künstler:„Wir Latinos ver körpern Fortschritt,Ideen, wir denken nach vorne gewandt.Rückwärtsgewandt sind dagegenWeiße, die sich abschotten wollen undfremdenfeind liche Ideen verbreiten.“So entsteht aus den vielen Stimmen derStadt eine neue Geschichte. Eine, diedie Menschen selbst erzählen. ★Info-Karte 25 ankreuzenSOUTH CAROLINAFür Ferien gemachtInfo-Karte 31 ankreuzenSüdstaaten-Feeling,tolle Strände undGolfplätze und vieles mehr ...Einfach kostenlosenReiseplaner anfordern:06172/92 16 04Email: es-tm@t-online.dewww.SouthCarolinaUSA.de44 | AMERICA 6/076/07 AMERICA | 45

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