ZEICHEN ZEIT

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ELI DIEZ-PRIDAVerlagsleiter und Chefredakteur im Advent-Verlag, Lüneburg,ist verheiratet und Vater von zwei erwachsenen Söhnen.WIR LEBEN AUS DER VERGEBUNGLIEBE LESERIN, LIEBER LESER!Handelt ein christlicher Unternehmer während der Wirtschaftskrise andersals ein Unternehmer, dem der Glaube egal ist? Kürzlich äußerte sich einChrist, dessen Firmengruppe weltweit mehr als 10.500 Mitarbeiter beschäftigt,dazu in einem Interview des Handelsblatts. An der Betriebswirtschaftslehreund dem Erzielen von Gewinnen komme auch ein Christ nicht vorbei,für ihn sei jedoch der finanzielle Aspekt nur Mittel zum Zweck und nicht derInhalt seines Lebens. Es komme für ihn darauf an, wie ehrlich und verantwortungsbewusster mit Menschen umgehe und dass er sich ehrenamtlichfür die Gesellschaft einsetze.Dass dieser Unternehmer zehn Prozent seines Einkommens spendet, istsehr nachahmenswert, da diese Praxis auf eine Empfehlung der Bibel zurückgeht.Aber etwas anderes hat mich noch mehr angesprochen, nämlichsein Bekenntnis: Die Gesellschaft stellt an Christen höhere Erwartungen,„aber letztlich sind wir Christen Menschen wie andere, Geschöpfe Gottes,befähigt, aber fehlerhaft. Wir leben aus der Vergebung, menschlich wie unternehmerisch“.Wie recht er hat! Ich selbst mache mir das jeden Tag bewusst und dankeGott dafür. Dabei habe ich den Eindruck, dass mich dieses Darandenkenetwas barmherziger und verständnisvoller meinen Mitmenschen gegenübermacht, die sich mir gegenüber unfair verhalten. Dass so viele Menschenim Streit mit ihren Nachbarn leben, dass in so vielen Familien Unversöhnlichkeitherrscht, hat meiner Meinung nach damit zu tun, dass wir schnellvergessen, was Gott uns alles vergeben hat.Der Jahreswechsel eignet sich zur persönlichen „Inventur“. Ich empfehleIhnen: Bitten Sie Gott um Hilfe, alles zu bereinigen, was diesbezüglichunerledigt ist. Um Vergebung bitten, Vergebung erfahren und Vergebunggewähren – welch eine seelische Erleichterung, um ein neues Jahr im Zeichender Befreiung zu beginnen und zu gestalten!IhrElí Diez-PridaZEICHENDERZEIT | 03


RAUS AUS DERENERGIEKRISE – ABER WIE?WELCHE ENERGIEQUELLEN WIR NUTZEN KÖNNENIst das die Ruhe vor dem Sturm? Die Benzinpreise bleiben moderat, die Verfügbarkeit vonÖl, Kohle und Gas ist in unserem Land problemlos gewährleistet, die erneuerbaren Energienwerden immer wichtiger. Eine Energiekrise wie Anfang der 1970er Jahre scheint momentanundenkbar zu sein. Damals gab es autofreie Sonntage, um wertvollen Kraftstoffzu sparen.© Alterfalter – Fotolia.comDoch wie lange werden wir zuverlässigmit bezahlbarer Energieversorgt werden können?Die Vorräte an Kohle und Ölsind nicht endlos und auch dieUranvorräte für Kernkraftwerkewerden in wenigen Jahrzehntenausgebeutet sein. Es bleibtdie Hoffnung, dass erneuerbareEnergien (Windkraft, Photovoltaik,Erdwärme etc.) schnellund günstig nutzbar gemachtwerden können. Schließlichhängen unser Wohlstand unddas Schicksal der modernentechnisierten Welt schlechthinvon einer beständigen Energiezufuhrab. Wer möchte schonzurück in die Steinzeit?Energie ist wichtig, ein ungehinderterEnergiefluss unverzichtbar.Das gilt auch imübertragenen Sinn für unserpersönliches Leben. Denn auch04 | ZEICHENDERZEIT


hier gibt es Energiekrisen:„Burn-out“, Orientierungslosigkeit,Zukunftsangst oderResignation. Welche Energiequellenwirken dem entgegenund bringen uns wieder auf dieBeine?Da der Mensch ein Geschöpfaus Körper, Seele und Geistist, benötigen alle diese Bestandteiledes menschlichenWesens ihre Kraftzufuhr.Hier können nur einigeHinweise auf Kraftquellengegeben werden, die unszur Verfügung stehen. Aberjeder kann sie nutzen undseine eigenen Erfahrungendamit machen. Hier gilttatsächlich: Probieren gehtüber studieren.LEBENS-ENERGIE QUELLENErnährung und Bewegung:Eine ausgewogene, vollwertigeErnährung versorgt den Körpermit allem, was er braucht, ohneihn zu belasten. Immer mehrMenschen erkennen die Vorteileeiner vegetarischen oderfleischreduzierten Ernährung.Diese sind durch zahlreicheStudien belegt, darunter auchwelche vom Bundesgesundheitsamtin Berlin, dem KrebsforschungszentrumHeidelbergund der Universität Gießen(näheres unter www.vegetarierbund.de).Für die körperliche Fitnessist darüber hinaus regelmäßigeBewegung unabdingbar. Gutgeeignet dafür sind Ausdauersportarten,die man an der frischenLuft ausüben kann, z. B.Dauerlauf, Radfahren oder Nordic-Walking.Bewegung fördertübrigens auch eine positiveLebenseinstellung. Stresssubstanzen,die sich in nicht-aktivenPhasen im Körpergewebeanreichern, werden verbranntund körpereigene „Glückshormone“(Endorphine) freigesetzt.Den Anforderungen desFreundschaftliche Beziehungen geben Halt.Lebens tritt man dadurch zuversichtlichergegenüber.Fernsehpause: Der HirnforscherProfessor Manfred Spitzerwarnt davor, seinen Geistzu lange und zu oft dem Fernsehkonsumauszusetzen. Diesgelte vor allem für Kinder. „Werviel fernsieht, lernt schlechter,ist weniger kreativ, nimmtDinge eher oberflächlich auf,denkt weniger kritisch nachund übernimmt Rollenstereotypien.“(Vorsicht Bildschirm,S. 123 – s. auch Zeichen der ZeitIII-2005, S. 4f.)Eine Alternative zum Medienkonsumist die Stille. MancheMenschen ziehen sichregelmäßig für einige Tage imJahr in ein ruhiges Gästehauso. ä. zurück, um dort eine Zeitder Besinnung und innerenEinkehr zu halten. Mancheverbringen diese Zeit sogarkomplett schweigend, oder siefasten. Viele, die solche Aus-Zeiten genommen haben, berichtenmit Begeisterung, welcheKraft sie dadurch erhaltenhaben.Solche stillen Zeiten lassensich auch in „kleineren Portionen“genießen. ReligiöseMenschen reservieren häufigeine bestimmte Zeit desTages dafür, sich zurückzuziehenund nachzudenken.Christen lesen dabei häufigin der Bibel und sprechenzu Gott durch das Gebet.Diese Gemeinschaft mitGott kann die wirksamsteKraftquelle des Tages werden.Denn Gott hört uns undbeschenkt uns tatsächlich mitseiner Gegenwart.Eine weitere geistige undseelische Tankstelle ist der wöchentlicheRuhetag (hebräisch:Sabbat). Seit Jahrtausendenwird dieser Tag von Juden undauch vielen Christen gefeiert.Sie berufen sich dabei auf dieSchöpfungsordnung: So wieGott nach 1. Mose 1 in sechsTagen die Erde schuf und amsiebten Tag „ruhte“, so hat sichdieser Rhythmus aus Arbeitenund Innehalten auch für dieMenschen als sinnvoll erwiesen.Nicht zuletzt heißt es imvierten der Zehn Gebote: „Gedenkedes Sabbattages, dassdu ihn heiligst.“ (Zählung nachdem Originaltext in 2. Mose 20).© godfer – fotolia.comZEICHENDERZEIT | 05


An diesem Tag dürfen wir, ohneein schlechtes Gewissen zubekommen, mit unserer Arbeit„aufhören“ (wie es im hebräischenOriginaltext heißt).Leider ist dieses Geschenkdes Ruhetages in der Kirchengeschichtebeinahe vergessenworden. Der heutige Sonntaghat seinen Ursprung in einemheidnischen Sonnenkult undtransportiert nicht mehrdie Werte des Schöpfungs-Sabbats der Bibel. Kannes sein, dass sich deshalbviele Menschen trotz desarbeitsfreien Wochenendesausgebrannt fühlen?Die meisten Menschenfinden Halt in Beziehungen.Die Familie, eineintakte Ehe oder Freundschaftenkönnen die Menschentrösten, stärken undwieder neu motivieren.Freundschaften tun derSeele gut. Im Gespräch mitAnderen verarbeiten wirbelastende Erlebnisse besserund müssen diesen „Ballast“nicht alleine tragen. Nichtumsonst heißt es: GeteiltesLeid ist halbes Leid – geteilteFreude ist doppelte Freude.Beziehungen machen unsbewusst, dass unser Lebeneinen tieferen Sinn hat. Siezeigen uns, dass wir gebrauchtwerden und dass wir nicht vergeblichauf der Welt sind. Wenndies schon für die Beziehungenmit Menschen zutrifft, wie vielmehr gilt das für die Beziehungzu Gott, der uns geschaffen hatund uns durch seinen SohnJesus Christus ganz nahe seinmöchte!Der Glaube an Gott vermittelt Lebenssinn –unsere stärkste EnergiequelleDIE STÄRKSTE ENERGIE-QUELLEDie stärkste und nachhaltigsteEnergiequelle für uns ist jedochder Lebenssinn. Wenn ichweiß, woher ich komme, wozuich lebe und wohin ich gehe, erhalteich eine ganz andere Antriebskraft,als wenn ich glaube,dass ich nur ein Zufallsproduktohne Bestimmung bin. OhneSinn im Leben sind auch dievorgestellten Kraftquellen nurTechniken, die eine vorübergehendeEntlastung bieten. Erstin Verbindung mit Lebenssinnentfalten sie eine dauerhafteWirkung.Und wie bekommt unser Lebeneinen Sinn? Ich bin davonüberzeugt, dass dieser nicht inuns selbst liegt (obwohl vieleRatgeberbücher dies behaupten)sondern von außen zu unskommt – uns also verliehenwird. Gott, der Schöpfer dieserWelt, hat uns gewollt und insLeben gerufen. Er liebt uns so,wie wir sind, und möchte unseremLeben eine ewig gültigeBedeutung geben: „Gott hat dieMenschen so sehr geliebt, dasser seinen einzigen Sohn hergab.Nun werden alle, diesich auf den Sohn Gottesverlassen, nicht zugrundegehen, sondern ewigleben.“ (Johannesevangelium3,16 Gute NachrichtBibel)Jesus Christus, GottesSohn, hat Gottes Liebe zuuns – und damit zu jedemeinzelnen Menschen – dadurchunter Beweis gestellt,dass er sich für uns© FutureDigitalDesign – Fotolia.comaufopferte bis zum Tod, umso das wahre Wesen Gotteszu demonstrieren: Liebeund Menschenfreundlichkeit.Sein Sterben undseine Auferstehung bilden dieBrücke zu einem ewigen Lebenin Gottes Gegenwart. Jesuswird erneut auf die Erde kommen,um dieses Versprecheneinzulösen: „Dieser Jesus, dervon euch weg in den Himmelaufgenommen wurde, wird aufdieselbe Weise wiederkommen,wie ihr ihn habt weggehen sehen!“(Apostelgeschichte 1,11)Und bis dahin können wir dieKraftquellen nutzen, die er füruns bereit gestellt hat.Thomas Lobitz06|ZEICHENDERZEIT|


STILLE IM STURMDIE KRAFTQUELLE,DIE UNSERE LEBENSANGST BESIEGTDas Leben ist wie eine Ketchup-Flasche: Entweder es kommt gar nichts, oder es kommt allesauf einmal.Beide Situationen sind mirbekannt, und beide sind ähnlichstrapaziös. Ob man esglaubt oder nicht: Zeiten desNichtstuns können unheimlichkräftezehrend sein. Vormeiner Zeit als Pastor war ichals Programmierer in einerInternet-Agentur tätig. Müdefiel ich nach langen Überstundennachts ins Bett, wenn eineAuftragsflut bewältigt werdenmusste. Doch überraschenderweiseging es mir ähnlich, alsich mir selbst künstlich neueAufgaben geschaffen, um nichteinzurosten. Wir brauchen einePerspektive, um kraftvoll durchden Tag zu gehen.Doch im Kontrast zu den Momentender gähnenden Leerestehen die Zeiten der Überbeanspruchung.Plötzlich kommtalles auf einmal. Aus jeder Eckekommen die unterschiedlichstenAnforderungen. In diesen Zeitenist es unmöglich, über Ziele undPerspektiven überhaupt nachzugegenEnde meiner Tätigkeiteine Flaute eintrat. 40 Stundenin der Woche starrte ichauf mein Telefon, wann es mirwohl den nächsten Auftragübermitteln würde. Doch esblieb stumm. Der größte Aufwanddes ganzen Tages bestanddarin, das Arbeitsnachweisformularauszufüllen, um zu belegen,was man acht Stundenam Tag getan hatte – nichts.Ziel- und Auftragslosigkeit sindermüdend. In dieser Zeit habe© jpcasais – Fotolia.comZEICHENDERZEIT | 07


denken. Es zählt nur noch, denKopf über Wasser zu halten.DER STURM BRICHT LOSEine Gruppe von Mitarbeiternsteckte gerade in einer solchenPhase, in der das ganze Ketchupauf dem Teller landete. Siehatten, wie so oft, einen langenArbeitstag. Früh morgens warensie aufgestanden und spätabends blickten sie auf ihr vollesTagewerk zurück. Irgendwieschien der Tag zu wenige Stundenzu haben. Es war nicht nurheute so. Solche Tage häuftensich. Die Kräfte ließen nach.Doch sie hatten einen gutenChef, der sensibel mit seinenMitarbeitern umging. Er lud siezu einer gemeinsamen Bootsfahrtein, um einfach mal Abstandvon der Arbeit zu bekommen.Gemeinsam stiegen sie inein Segelboot und genossen dasruhige Plätschern der Wellen.Doch dann zerreißt ein plötzlichesUnwetter die Stille. Ein gewaltigerSturm kommt auf undwirft das Boot von einer Seitezur anderen. Mit allen Kräftenkämpft das Team nun ums Überleben.Die Schweißperlen aufihrem Körper vermischen sichmit dem tosenden Meereswasser.Mit aller Kraft versuchensie die Segel zu bändigen undeinzuholen. Mit Leibeskräftensetzen sie alles daran, den Kopfüber Wasser zu behalten. Alle –bis auf einen: Der Chef schläft.„Der Chef hat doch sonstalles immer im Griff! Diesmalanscheinend nicht. Diesmalgehen wir unter. Und hier aufdem Schiff sollten wir neueKraft bekommen?!“ Sie rennenzu ihm und schütteln ihn:„Chef, hilf uns! Wir kommenum!“ Fassungslos beobachtensie, dass ihr Chef sich gar nichtaus der Ruhe bringen lässt. Ersteht auf und fragt: „Warumhabt ihr solche Angst? Vertrautihr mir nicht mehr?“ Er stelltsich mitten in den Wind. Sturmund Wasser peitschen ihm insGesicht. Er holt tief Luft undschreit Wind und Wasser an:„Genug! Jetzt ist Ruhe!“ … Dawurde es ganz still. Das einzigzu vernehmende Geräusch wardas erstaunte Ausatmen derzwölf Mitarbeiter. Ihre heruntergefallenenKinnladen bekundetenihre Fassungslosigkeit:„Unser Chef ist sogar der Befehlshaberder Naturgewalten.“Sie hatten mit ihrem ChefJesus Christus hier ganz schönviel durchgestanden. Es war jakein laues Lüftchen, das sie inAngst und Schrecken versetzthatte. Hier waren Profis amWerk. Einige der Mitarbeiter(Jünger) kannten sich mitStürmen aus. Sie waren Fischer.Sie kannten den See undwussten, mit welchen Wetterlagennicht zu spaßen war. Unddieser Sturm brachte sogar dieProfis zum Zittern. Wenn siesagen: „Oh, weh! Wir sterben!“,dann war das durchaus Ernstzu nehmen. Doch nun lernensie etwas Neues über ihrenHerrn. Sie stellen fest: „UnserHerr ist auch Herr über Windund Wasser.“HERR ÜBER ALLESDer Evangelist Matthäus, derdieses Abenteuer überliefert(Matthäusevangelium 8,23–27),erzählt die Begebenheit in einemgrößeren Zusammenhang.Darin sagt er uns: Jesus ist Herrüber alles. Er reiht viele seinerErlebnisse mit Jesus aneinander,um uns mit dieser FeststellungMut zu machen. Er istmächtiger als Krankheit (siehez. B. Matthäusevangelium 8,1–15), größer als Naturgewalten(s. o.), stärker als alles, was unsbeängstigt (z. B. Kapitel 8,28),liebt uns trotz aller unserer begangenenFehler (9,1–-8) undschließlich ist er sogar mächtigerals der Tod (Kapitel 9,18–26). Jesus ist Herr über alles.Das hatte der Jünger Matthäusgemeinsam mit seinen Freundenerlebt.08 | ZEICHENDERZEIT


Ich bin froh, dass ich dieseGewissheit auch für mein Lebenhaben darf. Mein Glaubean Gott bedeutet: Da ist jemand,der ist größer als ich. Erist Herr über alles. Das schenktmir Ruhe und gibt mir Kraft.Egal auf welchem Gebiet: Ichstoße immer wieder an Grenzen.Sei es in meiner Arbeit alsProgrammierer, als Pastor oderFamilienvater. Aber Gottist Herr über alles: Übermeinen Programm-Code,meine Kirchengemeinde,meine Kinder. Was sichin meiner Verantwortungbefindet, möchte ich mitbesten Kräften bewältigen.Doch meine Begrenztheitfindet ihre Ruhe und Kraftin der Gewissheit der Geborgenheitin dem Größeren,dem ich mich anvertrauthabe.UND UNSER LEBEN?Ich muss allerdings gestehen,dass Theorie und Praxis, Wissenund Fühlen so manchesMal voneinander abweichen.Ich weiß, Jesus ist Herr überalles. Ich weiß, da ist jemand,der ist größer als ich. Doch ichfühle mich manchmal wie diezwölf Männer im Boot: „Jesus,verschläfst du gerade meinenSturm?“ Als Christ traue ichGott viel zu, was die Rettungder Welt betrifft. Doch wennes um meine täglichen Problemegeht, werde ich bisweilenängstlich. Das ist meist dannder Fall, wenn in meinem Le-bensboot der Sturm wütet, bzw.das ganze Ketchup aus der Flascheschießt und meinen Tellerüberflutet.Ich erinnere mich an dieentscheidende Schlussphasemeines Theologie-Studiums.Fünf Jahre hatte ich den, dergrößer ist als ich, versucht zustudieren, und doch hatte ichdas Wichtigste übersehen. AberGeborgenheit entsteht, wenn uns jemandhält, der größer ist, als wir.ich sollte es entdecken. Es warkein Dozent oder Mentor, dermir die Augen geöffnet hat. Eswar mein kleiner einjährigerSohn. Mein Studium befandsich auf der Zielgeraden. WichtigeArbeiten mussten abgegebenwerden. Nebenbei hatteich noch einige Projekte, diebesonderer Aufmerksamkeitbedurften, und meine jungeFamilie musste durch zusätzlicheArbeit versorgt werden. Ichfühlte mich in dieser Zeit mehrwie eine Produktionsmaschineals wie ein Mensch. In diesergespannten Atmosphäre kamnoch eine Hiobsbotschaft, meinAuto betreffend. Es fiel allmählichauseinander, nachdem esmir so lange treu gedient hatte.Die Ketchup-Metapher war mirnie präsenter als in dieser Zeit,und ich fragte: „Warum ausgerechnetjetzt? Ich bin doch angewiesenauf mein Auto.“ Nachvielen Berechnungen kamenmeine Frau und ich zu dem Ergebnis:Das Auto kann repariertwerden, doch dann bleibt nichtsmehr zum Leben.Wer mich gut kennt, derweiß, dass ich in solchen© Ilan Amith – Fotolia.comSituationen schlechteLaune bekomme. Ich saßalso auf meinem Platz undgrummelte vor mich hin,bis mein kleiner Sohn angekrabbeltkam und michangrinste, als wäre allesin Ordnung. Er strahlteeinfach nur Lebensfreudeaus. Ich habe ihm gesagt:„Ja, ja. Du weißt nochnichts von den Problemen desLebens.“ Daraufhin hat er micheinfach nur angeschaut, undsein Blick sagte mir: „Mamaund Papa, ich fühle mich sicherbei euch.“ Mein Sohn besaßdas unerschütterliche Vertrauen,dass seine Eltern ihnversorgen – mit allem, was erbraucht. Er fühlte sich sicher.„Da ist jemand, der ist größerals ich, und der sorgt für mich.“Als Baby hatte er noch geheult,wenn er Hunger hatte. Aber imLaufe der Zeit gelangte er zuder Gewissheit: „Ich bekommeimmer etwas zu Essen. Es sorgtjemand für mich.“Ja, da ist jemand, der ist größerals ich. Immer wieder hatteich es in den fünf Jahren meinesZEICHENDERZEIT | 09


„WENN ICH NUR DIE ZEITZURÜCKDREHEN KÖNNTE …“WIE WERDEN WIR MIT BELASTUNGEN AUS DERVERGANGENHEIT FERTIG?Anna ist 62 Jahre alt. Als junges Mädchen wurde sie von einem Nachbarn etwa drei Jahre langsexuell missbraucht. Er hörte erst damit auf, als sie in die Pubertät kam und die Gefahr einerSchwangerschaft entstand. Aber die Folgen blieben: Anna kapselte sich ab, war jahrzehntelangdepressiv, unglücklich in der Ehe und aß sich einen Schutzpanzer an.Conrad ist 29 Jahre alt. Als kleinerJunge wurde er regelmäßigvon seinem alkoholisiertenVater verprügelt und misshandelt.Narben von ausgedrücktenZigaretten am Rücken zeugennoch heute von den Qualen,denen er damals ausgesetztwar. Conrad lebt schon fast 15Jahre nicht mehr bei seinemVater, aber die Folgen spürt ernoch heute. Er hat Schwierigkeiten,in seinen Beziehungenzum anderen Geschlecht eineadäquate männliche Rolle ein-zunehmen. (Namen und Umständewurden so verändert,dass keine Personen identifiziertwerden können).Diese Beispiele zeigen: SolcheMenschen leiden an einem„Schicksal“, also an Ereignissenim Leben mit zum Teilgravierenden Folgen. Einigemüssen von Geburt an damitzurecht kommen, anderen istdurch eine falsche Erziehungoder durch eine destruktiveUmgebung Schaden zugefügtworden, wieder andere habenaufgrund falscher Entscheidungendie negativen Folgen selbstverursacht.Wer solche Schicksale erlebt,beobachtet oder erzähltbekommt, stellt sich meist Fragen,die mit der Frage nach derUrsache oder der Schuld zu tunhaben. Aber wir wollen an dieserStelle nicht der Schuldfragenachgehen, sondern überlegen,warum zwei Menschen trotzvergleichbarer Schicksale unterschiedlichdamit umgehen.Weshalb zerbricht der eine© Andres Rodriguez – Fotolia.comZEICHENDERZEIT | 11


unter seiner Last, während dersich andere „nur“ beugt? WelcheRolle spielt Gott dabei?Zunächst einmal ist festzuhalten,dass Menschen sehrunterschiedlich auf negativeEreignisse reagieren. Man kannmit seinem Schicksal hadernoder auf Gott schimpfen, weilman diesen Schicksalsschlagdoch gar nicht verdient habe.Man kann aber auch in eineDepression fallen, seine erlebteHilflosigkeit verallgemeinernund das ganze Leben öde, ungerechtund lebensunwert empfinden.Andere reagieren aggressivoder fliehen in Alkoholund Drogen. Manche nehmenihr Schicksal an, manche bäumensich dagegen auf.TROTZDEM DAS LEBENANPACKENIn den letzten Jahren wurde vermehrtdarüber geforscht, weshalbMenschen so unterschiedlichauf eine schlechte Vergangenheitreagieren. Unter anderenhat Ben Furman (ein finnischerPsychiater), untersucht, wasMenschen dabei geholfen hat,eine belastete Vergangenheitpositiv zu verarbeiten.Zunächst räumt er mit demMythos auf, dass unser ganzesLeben entscheidend vom Verlaufunserer Kindheit abhängt. MehrereStudien belegen, dass dieserZusammenhang nicht zwangsläufigist. Manche Menschensind zäh und nicht unterzukriegen.Ihre „Überlebensfähigkeit“wurde untersucht. Einige derwirksamsten Methoden, sogenannte„schützende Faktoren“,das Leben trotz einer belastendenVergangenheit zu meistern,möchte ich erwähnen.ANDERE MENSCHENEine gute Beziehung zu einerwichtigen Bezugsperson, darüberist man sich einig, ist einwichtigere Schutzfaktor. ZweiElternteile stellen dabei dasIdeal dar, aber man weiß heute,dass eine gute Beziehungausreicht. Dabei kann es sichauch um einen Großelternteil,ein Geschwisterkind oder einePatentante handeln.NATUR UND SCHÖPFUNGEin weiterer schützender Faktorist die Natur. Es wurde schon öfterfestgestellt, dass Haustiereeinen gewissen Ersatz oder einenAusgleich für menschlicheDefizite schaffen können. Auchder Aufenthalt in der Natur undderen Beobachtung wurden alshilfreich empfunden.PHANTASIEIn der Phantasie kann einMensch sich Erfahrungen undErlebnisse schaffen, die dieWirklichkeit nicht bieten kann.Mit ihrer Hilfe können sich Kinderund Erwachsene Problemeerleichtern. Viktor Frankl, derbekannte österreichische Psychiater,überlebte das Konzentrationslagerdurch seine Vorstellungenvon der Zukunft, und erträumte davon, wie er hinterherseine schrecklichen Erlebnis-se nutzen und veröffentlichenwürde. Nach seiner Befreiungwurde er der Gründer der Logotherapie,die u. a. den Grundsatzvertritt, dass unser Wohlgefühlsich mehr an der Zukunft als ander Vergangenheit orientiert.SCHREIBEN UND LESENViele Menschen berichten, dassIhnen das Führen eines Tagebuchesoder das Verfassen vonGedichten geholfen hat. DasSchreiben erfordert ein Strukturierenunserer Gedanken.Diffuse Gefühle werden in Wortegekleidet und dadurch klarerund geordneter. Außerdem verschafftman sich damit etwasAbstand zum Erlebten.Auch das Lesen von Büchernentlastet und schafft Abstand.Literatur kann ein Spiegel dereigenen Emotionen, Erlebnisseund Lebenssituationen sein.Ein Buch kann lehren, tröstenoder neue geistige Fensteröffnen. Die Bibel ist auf dieseWeise vielen Menschen zumwertvollsten Buch geworden.HILFREICHE CHARAKTER-EIGENSCHAFTENWillensstärke, Hartnäckigkeitund Zielstrebigkeit unterstützenein gelungenes Leben trotzbelasteter Vergangenheit. Wirdbeispielsweise einem Sohnvon seinem Vater über Jahreimmer wieder eingebläut, dasser „nichts kann, nichts ist,und nichts wird“, kann er diese„Prophezeiung“ entwederverinnerlichen, ausleben und12 | ZEICHENDERZEIT


damit schließlich zur Erfüllungbringen, oder er kann durcheine innere Trotzhaltung („Demwerde ich es zeigen!“) zu überdurchschnittlichenLeistungenfähig sein und damit die „Prophezeiung“zunichte machen.HUMORZu den schützenden Faktorengehört auch der Humor, der,wie der Volksmund schon langeweiß, die beste Medizinsein kann. Wer seine Lebensgeschichtein einem eher komischenstatt tragischen Lichtsehen kann, befreit sich einStück von den Fesseln der Vergangenheit.RELIGION UND GLAUBESchließlich will ich noch diedurch Untersuchungen gutbelegte Wirksamkeit des Glaubensals inneren Schutzfaktorerwähnen (so Ronald Grossarth-Maticek).Das Vertrauenin einen mächtigen Gott kannErkrankungen vorbeugen, Heilungbeschleunigen und giltals eine wichtige Ressourcezur Überwindung von negativerVergangenheit. Allerdingsmuss hier betont werden, dassder christliche Glaube nur dannhilfreich ist, wenn das Gottesbildeinen liebenden, gnädigenVaters vermittelt und keineAngst vor einem strafenden,drohenden Rachegott schürt.Worin liegt das Geheimnisder heilenden Kraft des Glaubens?In der Bibel erfährt manGott als menschenfreundlich(Titus 3,4). Es gilt das Prinzip:„Gnade vor Recht“. Man mussGott nicht mit Opfern und Ritualenbesänftigen, das wäreauch gar nicht möglich! Im Gegenteil:Gott zeigt sich als liebendesWesen, das der Menschheit,die sich von ihm entfernthat, eine Brücke baut. Er bringtdas Opfer. Er wird in JesusChristus Mensch, macht sichuns gleich und reicht uns trotzunserer Unzulänglichkeit seineHand. Diese Liebe ist nichtan Bedingungen geknüpft. Wirwerden von Gott um unsererSelbst willen geliebt, nicht wegenunserer Leistungen. Diesebedingungslose Liebe erfahrenleider viele Menschen nicht inihrem Elternhaus und vielleichtauch nicht von ihrem Ehepartner.Der christliche Glaube bietethier eine echte Chance.Die Überwindung einernegativen Vergangenheit geschiehtmeist in Etappen, undnicht in jedem Fall ist das Kennender negativen Umständeund der Ursachen wirklich hilfreich.Manchmal ist es sogarschädlich. Eine wesentliche Voraussetzungist allerdings, dassman an seiner Vergangenheitwirklich heil werden will. „Esist nicht damit getan, abzuwarten,die Wunden zu lecken, dieVergangenheit zu beklagen undauf ein Wunder zu hoffen. Dumusst die Entscheidung treffen,emotional gesund werden zuwollen und die nötigen Schrittezu tun.“ (Rokey/Kuzma, WieGefühle heilen können, Advent-Verlag, Lüneburg, S.149) DieAutoren betonen auch die Bedeutungder Vergebung gegenüberden Tätern und der Fähigkeit,sich selbst zu verzeihen,um den emotionalen Schmerzzu lindern.Matthias Dauenhauer,Dipl. Psychologe, Dipl Sozialpädagoge,Psychotherapeut(Infos zu seinem HörbuchFluriel, der Engel, der Angstvor dem Fliegen hatte unterwww.fluriel.de.)Zutaten einer hilfreichen Lebenseinstellung (frei nach Ben Furman):• Wertschätze es, wie du Probleme in deiner Vergangenheit gelöst hast.• Betrachte Probleme als Herausforderungen, die dich reifen lassen.• Vergiss nicht die Ressourcen (Talente, Erfahrungen, Mitmenschen) die dir geschenkt wordensind. Meist besitzt du mehr davon, als du ahnst.• Führe dir immer wieder vor Augen, welche Erwartungen du an das Leben hast und was du dir fürdie Zukunft wünschst.• Sei barmherzig mit dir selbst. Du musst mit dir nicht strenger umgehen, als Gott es tut.ZEICHENDERZEIT | 13


LESENSWERTElí Diez-Prida:Leben 2.0Neu starten, befreit leben, sicher ankommen144 Seiten, Advent-Verlag Lüneburg(Art.-Nr. 7715), € 3,00 / 5.00 CHFIm Internet zu bestellen unterwww.adventist-media.de.Siehe auch: www.lebenzweipunktnull.info• Identität: Wo komme ich her? Welchen Sinn hatmein Leben?• Kommunikation: Wie können Beziehungen –sowohl zwischenmenschliche als auch die Beziehungzu Gott – gelingen und heil werden?• Lebensqualität: Wie kann ich ein neues Lebenohne Altlasten beginnen?• Zukunft: Wie geht es nach dem Tod weiterDieses Buch wird keinen unberührt lassen, derüber sein Leben ernsthaft nachdenkt. Es fordertheraus und macht Mut, einen neuen Anfang imLeben zu wagen.ZEICHENDERZEITHERAUSGEBERFreikirche der Siebenten-Tags-AdventistenREDAKTION UND VERLAGElí Diez-Prida (edp), Thomas Lobitz (tl),Saatkorn-Verlag GmbH, Abt. Advent-Verlag,Pulverweg 6D-21337 LüneburgTelefon 04131 9835-02Fax 04131 9835-502www.advent-verlag.deGESTALTUNGIngo Engel, MünchenPRODUKTION UND DRUCKThiele & Schwarz GmbH,Werner-Heisenberg-Str. 7, 34123 KasselGedruckt auf chlorfrei gebleichtem PapierAuflage: 110.000 ExemplareTitelbild: Maren Beßler – Fotolia.comZEICHEN DER ZEIT erscheint vierteljährlich und wirdvon aktiven Christen der örtlichen Adventgemeindenfinanziert und kostenlos verteilt. Auch Sie können dieVerbreitung dieses Heftes durch Spenden auf folgendeKonten unterstützen: Deutschland: Adventmission,ZEICHEN DER ZEIT – Dresdner Bank Darmstadt,Kto-Nr. 173 79 58 (BLZ 508 800 50); Österreich:Advent-Mission, ZEICHEN DER ZEIT – Creditanstalt-Bankverein, Kto-Nr. 74-12240/04; Schweiz: Stimme derHoffnung, CH-8046 Zürich – PC-Konto Nr. 80-36100-3WIR ÜBER UNSDie Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten istaus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhundertshervorgegangen. Einzige Glaubensgrundlage ist fürsie die Heilige Schrift. Mitte ihres Glaubens und Lebensist nicht ein Buch oder ein System von Lehren,sondern Jesus Christus, der lebendige und wiederkommendeSohn Gottes.Gegenwärtig zählen die Siebenten-Tags-Adventisten16 Millionen erwachsene Mitglieder in 204 Ländernder Erde. In Deutschland sind es knapp 36.000 Mitglieder,in der Schweiz 4.300, in Österreich 3.800.Wenn Sie über den Glauben und das Engagementder Siebenten-Tags-Adventisten mehr wissen wollen,dann fordern Sie weitere Informationen an.Freikirche der Siebenten-Tags-AdventistenKörperschaft des öffentlichen Rechtswww.adventisten.de; www.stanet.ch; www.sta.atKontaktstellen:D-73760 Ostfildern, Senefelderstraße 15,Tel. 0711 448190, D-30519 Hannover, HildesheimerStraße 426, Tel. 0511 97177-100CH-8046 Zürich, Wolfswinkel 36, Tel. 044 3156500A-1090 Wien, Nußdorfer Straße 5, Tel. 01 319930114 | ZEICHENDERZEIT


BIN ICH EINVOLLWERTIGER MENSCH?WIE GOTT MIT UNZULÄNGLICHKEITEN UMGEHTIch bin in Berlin mit der S-Bahn unterwegs. Mir gegenüber sitzt ein Siebenjähriger mit seinerTante. Sie fahren zum Naturkundemuseum. „Ich möchte aber lieber die Loks ansehen, bitte,können wir danach zu den Loks?“ Er bettelt lange. Endlich verspricht sie es.Er bemerkt einen freien Sitzplatzund fragt laut: „Warumsetzt sich da keiner hin? Es stehendoch so viele!“Seine Tante kommentiertes nicht. Sie gräbt einen Lippenstiftaus ihrer Handtasche.Blitzschnell greift er danachund malt sich den Mund rot.„Das schmeckt!“Sie lacht. „Machst du das beideiner Mutter auch?“ Sie fordertihn zurück.Er gibt ihn ihr, streckt ihrden Mund entgegen und fragt:„Sieht es gut aus?“Hätte ich das gewagt, mir denMund rot anzumalen? Einfachzum Spaß? Ich hatte als KindZweifel, ob ich ein vollwertigerMann werden würde. Wegenmeines Rundrückens und derSkoliose (seitlich gekrümmteWirbelsäule) musste ich zurGymnastik. Dort kam ich mir vorwie in einer Gruppe von Ausgestoßenen.In meiner Vorstellungwar ich ein Krüppel.Bald mied ich die Krankengymnastik.Mein kleinesSelbstbewusstsein verkraftetees nicht, an den körperlichenMakel erinnert zu werden.Wäre das nur alles gewesen! Ichhabe mich außerdem nicht fürFußball interessiert. Ich kanntenicht mal die berühmtestenTorschützen und Vereine. Ichtrainierte nicht mit Hanteln. Ichhörte nicht die richtigen Musikgruppen,um cool und männlichzu sein.Während ich aufwuchs, fragteich mich oft: Bin ich ein vollwertigerMann?Ich wage gar nicht, mir vorzustellen,wie es Frauen indieser Beziehung geht. Ihnen© ChantalS – Fotolia.comZEICHENDERZEIT | 15


wird heute so viel abverlangt anFigur, an Make-Up, Kleidung,Schuhen, Handtaschen, Frisurund Verhalten. Immer müssensie chic sein, gut drauf sein, dierichtigen Accessoires haben.Wann sind sie als Frau vollständig,wann sind sie akzeptiert?Seltsamerweise erscheintmir der Junge, der sich zumSpaß die Lippen rot anmalt, besondersmännlich. Er brauchtdie Regeln nicht, die ihn offiziellzum Mann erklären. Erweiß, wer er ist, und kann sichdeshalb einen Jux erlauben.liche Versagensangst. Singenist nicht mein Beruf, nicht malmein Hobby. Ich hatte Sorge,dass auf der Bühne alles gehörigschiefgehen würde. In diesemWechselbad von Arroganzund Angst betrat ich die Bühne.Die Musikerin am Keyboardgab mir meinen Ton. Ich sollteein Lied allein beginnen, dieanderen Sänger würden spätereinsetzen. Sekundenbruchteile,bevor ich zu singen begann,bemerkte ich, dass ich meinenTon verloren hatte. Ich sangtrotzdem los, mit dem falschenTon, und suchte beim Singendie richtige Tonlage. Vor Aufregungverschluckte ich mich,hustete. Meine Mitsängerin bemerktees und übernahm raschmeine Stimme. Ich ging nachdem Lied mit rotem Kopf von derBühne. Wie ich mich schämte!Wenig später aber wurde ichvon wildfremden Menschenumarmt, man lächelte mich anund redete freundlich mit mir.Ich begriff: Sie mögen michnicht, weil mir etwas gelingt,sie mögen mich einfach so! DieMischung aus Arroganz undVersagensangst fiel von mir abwie eine hässliche Hülle. Gottsprach zu mir! Ich spürte es imHerzen, wie eine Melodie. Ichverstand, dass alle Menschengleich wertvoll sind vor Gott.Meine Arroganz war absurd.Meine Versagensangst genauso.Gott begegnete mir in derSchwäche. Ich kam mit meineneigenen Kräften nicht weiter– und da merkte ich, dass ichWIE GOTT UNS SIEHTJesus fordert in der Bibelmehrfach zum Loslassen auf.Das Streben danach, der Beste,Höchste, Angesehenste zusein – wir sollen es loslassen.Die Sicherheit durch den angehäuftenBesitz – wir sollen sieloslassen. Den Stolz auf unsereLeistungen – wir sollen ihn loslassen.Mein kleines Selbstbewusstseinsagt: Aber das kannich nicht hergeben, das braucheich! Diese Dinge machenmich aus! Sie sind Teil meinerPerson, ich bin ohne sie keinrichtiger Mann!Vor einiger Zeit sprang ichbei einer großen Veranstaltungfür meinen Bruder ein.Ich sollte mit zwei anderen voreintausend Leuten singen. Vorder Veranstaltung wurde ichvon vielen Besuchern auf meineBücher angesprochen undgelobt. Ich war stolz auf mich.Gleichzeitig hatte ich fürchtermehrbin als diese Dinge, andie ich mich klammere.Christine Bruckmann mailtemir: „Schon öfter habe ich Frauenbeobachtet, die eine sehr positiveAusstrahlung haben. Manspürt, sie sind mit sich im Reinen,finden sich gut, so wie siesind. Man fühlt sich automatischin ihrer Nähe wohler, alsob sie ihre positive Einstellungnicht nur sich selbst gegenüberhätten, sondern dieses Wohlwollenauch automatisch aufandere übertragen würden. Sienehmen sich selbst nichts übel,verzeihen sich alle Fehler undman hofft, dass man in dieseGroßzügigkeit mit eingeschlossenwird.“Seien Sie großzügig mit sichselbst. Sie sind ein Mann, Siesind eine Frau. Niemand kannIhnen das nehmen. SchämenSie sich nicht für Ihre Mängel.Ich bin sicher, es gibt Menschen,die Sie einfach so lieben.Gott tut es jedenfalls.Titus MüllerTitus Müller ist Autor historischerRomane und wurde mit demC. S. Lewis-Preis und dem bronzenenLorbeer des Sir-Walter- Scott-Preises ausgezeichnet.16|ZEICHENDERZEIT|

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