Auf der Suche nach Patagoniens Naturschönheiten (PDF 686 kb)

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Auf der Suche nach Patagoniens NaturschönheitenReise ans Ende der WeltText und Bilder: Annette Lepple Patagonien, der Stoff, aus dem die echten Abenteuer gemacht sind. EndloseWeite, Einsamkeit und wilde, unberührte Landschaften, die in unserer Welt immer seltener werden. «Nirgendwosonst bist du so allein», schrieb Florence Dixie 1881 in ihrem Reisebericht. All das und mehr wolltenauch Annette und Jörg Lepple finden und machten sich im Januar auf den Weg ans südliche Ende der Welt.Buenos Aires, der brummende,alles verschlingendeMoloch, liegt zumGlück hinter uns. Wir sindkeine Stadtmenschen, aberein Besuch der Tango-Stadt gehört bei einer Patagonienreisetrotzdem dazu. Mit dem Fahrradhaben wir die Stadt erkundet, haben abendsstundenlang mit offenem Mund vor Bühnenverharrt, auf denen begnadete Musiker undTänzer herumwirbelten. Dieses ungezwungeneKörperbewusstsein, diese scheinbar müheloseLeichtigkeit – Dinge, von denen wir in unserenBreiten nur träumen können. Völlig übernächtigt,stürzen wir uns nach zwei Tagen ins AbenteuerRichtung Süden.Natur und Schokolade. Für einen sanftenÜbergang von der Zivilisation in die Wildnissorgt die argentinische Schweiz: San Carlos deBariloche ist ein anmutiges, etwas verschlafenesStädtchen am Lago Nahuel Huapi, der wieleuchtend blaue Seide im Tal liegt. Die zweiHauptstrassen sind von hübschen Geschäftengesäumt, die Schokoladeproduktion boomt,was bei der Liebe der Argentinier zu Süssemnicht erstaunt. Im Winter ist die Region beliebtbei Skisportlern.Die Landschaft ist von malerischer Schönheit,das Wetter wie im Ferienprospekt: blauerHimmel und Sonne. Was wollen wir mehr? Ineiner Chocolateria treffen wir den rotblondenHünen Erik aus Essen. Er lebt seit acht Jahrenin Bariloche. Zuerst jobbte er in einem Hotel,lernte Paula kennen, sie heirateten, bekamen46 GLOBETROTTER-MAGAZI 100 WINTER 2012


südamerikadrei Kinder, und mittlerweile hat er sich alsGuide und Skilehrer einen Namen gemacht.Ob er seine alte Heimat vermisse? «Keine Spur!Hier haben wir eine prima Lebensqualität, dieKinder wachsen in einer sicheren und dazuwunderschönen Umgebung auf. Deutschland,nein, da könnte ich gar nicht mehr leben.» Einnetter Kerl, befinden wir und nehmen sein Angebot,uns in die Hosteria Pampa Linda im NationalparkNahuel Huapi mitzunehmen, gernean. Dort muss er eine französische Gruppe füreine Rundfahrt abholen. Die Hosteria strahltPostkartenidylle aus – plätschernde Bäche, gewaltigeBerge, sattgrüner Regenwald. Die Ruheist nach Buenos Aires die pure Wonne. Dafürnehmen wir die faden Mahlzeiten im Restaurantohne Murren in Kauf. Wir werden ein paarTage hier verbringen und die Gegend auf Wanderungenerkunden. Im Park gibt es ein Netzvon Wegen, um die Natur zu entdecken. DieFlora interessiert mich als leidenschaftliche Botanikeringanz besonders.Wie wunderbar rein die Luft hier ist, riechtman nicht nur, sondern sieht es an den langen,Spektakuläre Ausblicke. Im Torres del Paine-Nationalpark.zartgrünen Flechtenbärten, die an den eindrücklichenCoihue-Südbuchen hängen. Wirfühlen uns wie im Zauberwald, spüren, wieunsere Seele von dieser Landschaft, die trotzder eisigen Berg- und Gletscherwelt lieblich ist,berührt wird. Ich denke, jeder Mensch trägteine Landschaft in sich, mit der er sich identifiziertund die ihm Frieden schenkt. Mir gehtes hier so.47


An einem Tag reiten wir mit einem lokalenGaucho auf klapprigen, vernachlässigten Pferdenzum schwarzen Gletscher. Die Morgensonneund die aufsteigenden Nebelschwadenverleihen dieser Urlandschaft mit ihren knorrigenBäumen und Wildwasserbächen eineMystik, die ihre Wirkung nicht verfehlt. Einfantastisches, abenteuerliches Erlebnis. DieTatsache, dass die Tiere hier nicht viel zu lachenhaben, rückt so eine Weile in den Hintergrund.Zum Glück halten die aus Strohballenschnurgeflochtenen Sattelgurte.Schafe. Ideal fürs raue, oft windige Wetter inPatagonien (ganz oben).Gaucho. Ein Leben im Pferdesattel (oben).Reitpause. Mit Pferden unterwegs in derUrlandschaft (links unten).Vulkan. Der Osorno (2652 m) gehört zu denschönsten Vulkanen Chiles (unten).Nachdenkliche Bekanntschaft. Pedro hatganz vernarbte Hände. Ich wende meinen Blickab, will nicht neugierig wirken, obwohl ich esbin. Seit Bariloche sitzt er neben mir im Busnach Puerto Varas. Wir haben uns einandervorgestellt, aber kurz darauf fällt er in brütendesSchweigen und blickt mit gerunzelter Stirnaus dem Fenster. Er ist um die vierzig, zu jung,um so ernst oder so traurig zu sein.Jörg und ich haben beschlossen, getrenntzu sitzen, damit wir Kontakt zu anderen Reisendenaufnehmen können. Das ist oft einespannende Angelegenheit, aber nicht, wennsich eine verschlossene Auster neben einemniedergelassen hat.Ich werde durch einen herabrutschendenKoffer aus meinen Träumereien gerissen. DieBesitzerin reist mit sechs kleinen Kindern undist offensichtlich gestresst, so fällt ihre Entschuldigungflüchtig aus. Aber, oh Wunder,mein Nachbar ist wegen des Vorfalls wie ausgewechselt.Wir kommen ins Gespräch undessen zusammen handgemachte Schokoladeaus Bariloche. Pedro kommt ursprünglich ausBuenos Aires. «Aber ich hasse Argentinien!»Er spuckt diesen Satz aus wie einen unverdaulichenKnochen.Für einen Moment bin ich sprachlos, fassemich aber und versuche, der Aussage mit einemLachen die Schärfe zu nehmen. Unwillkürlichnicke ich dem wohlgenährten Ehepaar,das sich irritiert umdreht, freundlich zu. DochPedro meint es ernst. Seine ganze Familiewurde von der Militärjunta ausgelöscht. Alleverschwanden spurlos. Bis auf seine jüngsteSchwester, die mit der Tante in Paraguay untertauchenkonnte. Und du? Er sieht mir dieunausgesprochene Frage an und senkt denBlick auf seine geschundenen Hände. «Ich hatteGlück», murmelt er. Der Hass ist so schnellverschwunden, wie er aufkam, irgendwo in denTiefen seiner verwundeten Seele. Wie reagiertman auf solche Ungeheuerlichkeiten? Etwasratlos drücke ich ihm den Rest meiner Schokoladein die Hand. Wieder dieses scheue Lächeln.Er erzählt, er habe seine Schwester inBariloche besucht. Sie ist mit einem Lehrer verheiratet.Kinder habe sie nicht, die Ärzte könnensich den Grund dafür nicht erklären, aberes gibt nicht für alles eine rationale Erklärung.An der Grenze zu Chile müssen wir alleaussteigen. Die Hälfte der Pappe-Sandwiches,die der Fahrer unterwegs ausgeteilt hat, undzahlreiche Früchte fliegen hier in die Müllcontainer.Nichts Derartiges darf nach Chile eingeführtwerden, schliesslich könnte ein mitgebrachterApfel das ganze Land verseuchen. Gelangweiltbeobachten die Zöllner, wie die Reisendenihre schweren Koffer auf das klebrigeFörderband hieven, auf dem sie durchleuchtetwerden. Könnte ja sein, dass sich doch nochein Apfel zwischen den Klamotten verbirgt.Nach geschlagenen zwei Stunden darf der Busweiterrumpeln. Der Fahrer singt lauthals zueinem Lied im Radio und fährt in Schlangenlinien,um den Schlaglöchern auszuweichen.In Puerto Varas verabschiede ich mich von Pedround wünsche ihm viel Glück.Im chilenischen Seengebiet. Im Gepäckberggraben wir nach unseren Rucksäcken und machenuns auf die Suche nach einer preiswertenUnterkunft. Puerto Varas liegt am Lago Llanquihue,in der Ferne thront der Vulkan Osornowie ein weisser Riese über dem See.Abends finden im Zentrum ein Konzertund ein Schönheitswettbewerb statt. Leicht bekleidetejunge Mädchen trotzen dem kalten48 GLOBETROTTER-MAGAZI 100 WINTER 2012


südamerikaSchiffsreise. Die Fjordlandschaft entlang derchilenischen Küste ist grossartig (oben).Freundlicher Empfang. Vor der Post von PuertoEden im Süden Chiles (unten).Nachtwind und den gierigen Blicken der Besucher.Am nächsten Tag machen wir einenAusflug zum Lago Todos los Santos, der inmittenvon schwarzsandigen, kargen Lavafeldernliegt. Das Wasser schimmert in den verführerischstenBlau- und Grüntönen. Ich ziehe dieSchuhe aus, um die Temperatur zu testen, undbin überrascht: Es ist angenehm, nicht zu kalt.Schwupp, schon ziehe ich meine Kleider ausund tauche ins glatte Nass. Als alte Wasserrattebin ich immer für ein erfrischendes Bad zu haben.Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, in diesemSee zu schwimmen. Das Wasser ist klar,kein Mensch weit und breit und der Blick aufden Vulkan Osorno schlichtweg umwerfend.Ich habe ein Gefühl von Leichtigkeit undkönnte ewig weiterschwimmen. Als ich dochnoch aus dem Wasser herauskomme, ist meinganzer Körper von feiner, schwarzer Ascheüberzogen. Was solls – ich lache über die Mienevon Jörg, der Sand nicht mag, erst recht nicht,wenn er stark mit Asche angereichert ist. «Anderswozahlt man viel Geld für solche Beauty-Anwendungen», sage ich fröhlich.Am nächsten Tag geht es mit dem Bus weiternach Puerto Montt. Von dort wollen wir dieNavimag, ein umgebautes Frachtschiff, nachPuerto Natales nehmen. Alle Patagonienreisendensind sich in diesem Punkt einig: Aufdiesem Weg kann man die unberührte Schönheitder Fjorde am besten geniessen und dabeihautnah die Gletscherwelt erleben.Im Hafen Angelmo bei Puerto Montt kommenwir aus dem Staunen nicht heraus. BunteStrassenstände bieten allerlei feil. Bei einer gebrechlichen,farbenfroh gekleideten Alten kaufenwir Obst für die Reise. Vor der Tür eineskleinen Restaurants steht ein bauchiger Kessel,dahinter eine Frau mit langem Zopf und einemHolzlöffel. Strahlend lässt sie uns einen Blickin den Topf werfen: «Delicioso!» Wir nickenund sie schiebt uns durch die geöffnete holzwurmzerfresseneTür. Wir quetschen uns aufschmale Bänke. Der Laden ist berstend voll mitEinheimischen. Das gefällt uns,die müssen ja wissen, wo esschmeckt. Wir verspeisen unsereFischplatte in einvernehmlichemSchweigen und beobachten dabeifasziniert die Schaben, die an Tischenund Wänden Klimmzügemachen. Andere Länder, andereSitten. Aber das Essen ist wirklichsehr schmackhaft.Draussen treffen wir auf dieAlte vom Obststand: Sie ist erleichtert,als sie uns sieht unddrückt uns ein paar Münzen indie Hand. Wir verstehen nur wenigvon ihrem aufgeregten Geplapper,aber ihre Ehrlichkeitrührt uns. Sie hatte uns vorhin zuwenig Wechselgeld gegeben.Navimag ahoi! Diese Schiffsreise von PuertoMontt nach Puerto Natales ist wirklich empfehlenswert.Die Fjordlandschaft mit ihren einsamenTorfmooren und Gletschern zieht beinaheunwirklich an uns vorüber. Wie ein endlosesimpressionistisches Gemälde, das Einsamkeitund Wildnis wiedergibt. Dies so starkund intensiv, es lässt einen nicht los, rückt allesandere in den Hintergrund. Ab und zu schwimmenMagellanpinguine und Seehunde nebenher.Sie schauen neugierig zum Schiff, als scheinensie sich zu fragen: Was habt ihr hier verloren,Leute?Täglich gibt es interessante Vorträge zuKlima, Flora und Fauna. Das Essen stimmt,49


Paine treffen. Wir leihen uns ein Zelt,Isomatten und Kochgeschirr. Sichbeim Einkaufen und Packen auf dasWesentliche zu beschränken, will gelerntsein. Zwanzig Kilo für jeden – dagibts nichts zu ändern.Mit einem Minibus fahren wir inden Park und setzen mit einem Bootüber den Gletschersee Lago Grey. RiesigeEisschollen treiben im graublauenWasser. In der Ferne taucht derGrey-Gletscher auf. Es ist bewölktund kühl. Wir sind froh über unsereThermokleidung. Das Klima Patagoniensist wechselhaft und fordert Flexibilität.In den nächsten Tagen machenwir so richtig Bekanntschaft mit demberüchtigten patagonischen Wind,Bergpanorama. Blick auf den Lago Nahuel Huapibei Bariloche (oben).Heruntergekommen. Stopp auf der Schiffsreiseim kleinen Hafenstädtchen Puerto Eden (links).Trekking. Zu Fuss die Bergwelt erkunden (unten).Camping. Nach anstrengendem Wandern amAbend müde ins Zelt (rechte Seite; links unten).Felszacken. Die Torres wirken wie Zähne einesRiesen (rechte Seite; rechts unten).der oft mit bis zu 180 Stundenkilometern übersLand fegt und keine Gnade kennt. Die Trekkingtourist anstrengend, aber die spektakuläreNatur entschädigt uns für alle Torturen. Diegut markierten Routen, auf denen uns oftmalsehemalige Navimag-Mitreisende über den Weglaufen, führen abwechselnd bergauf, bergab,durch Lichtungen mit pastellfarbenen Fingerhut-Blumen,durch Nothofagus-Wälder, antürkisfarbenen Seen vorbei.ebenso die Unterhaltung am Abend – Filme,Tanz, Spiele. Die Unterbringung in offenen Kojen,von denen aus man seinen Mitreisendenbequem die Hand schütteln kann, steigert denGemeinschaftssinn.Einziger Landgang ist in Puerto Eden: Hierleben die letzten einheimischen Indianer. VomGarten Eden ist dieser trostlose Ort weit entfernt.Ist dieser Name Ausdruck von Ironie?Von den baufälligen Hütten blättert die Farbe,die Fenster sind mit Lumpen verhängt, der Müllliegt verstreut im hohen Gras. Eilig werden wackeligeTische aufgestellt, eine Handvoll Gebastelteswird feilgeboten. Beschämt laufen wirdurch das Dorf. Wir sind sicher, dass es nichtdie Bestimmung dieser Menschen ist, ihr Daseinderart trostlos und deprimiert zu fristen.Selbst die Hunde scheinen depressiv zu sein.Zu Fuss von Camp zu Camp. Puerto Natales,eine farblose Kleinstadt mit Outdoorläden, inder wir die letzten Vorbereitungen für unseregrosse Tour durch den Nationalpark Torres del50 GLOBETROTTER-MAGAZI 100 WINTER 2012


südamerikaDas ständige Auf und Ab bringt uns insSchwitzen. Bei einer Pause wagen wir einenSprung in den Lago Grey. Am Horizont treibendie Eisschollen, wir fühlen uns mutig und erfrischt,wie die ersten Eroberer, die aber wahrscheinlichnie so verrückt gewesen und ins eisigeNass gesprungen sind. Am Abend imCamp finden wir dann das eiskalte Wasser zumDuschen nicht mehr so toll. Die Dauerduscherhaben die Warmwasservorräte geschröpft undsitzen nun vergnügt in der Hütte, während wirmit Gletscherwasser und klappernden Zähnenduschen und die verschwitzten Haare waschen.Unsere Köpfe fühlen sich an wie Eiswürfel.Die Campingplätze sind idyllisch gelegen,aber sehr überlaufen. Frau Dixie hat damals –als sie 1881 ihren Reisebericht geschriebenhat – vermutlich andere Verhältnisse vorgefunden.So richtig einsam fühlen wir uns nie.An einem Abend beschliessen wir, am LagoNordenskjöld unser Nachtlager aufzuschlagen.Heute haben wir einen ruhigen Platz in besterAussichtslage. Warm eingepackt und in behaglichemSchweigen essen wir unser Fertigrisottound geniessen das Panorama und die Einsamkeit.In der Nacht bläst uns ein Sturm mitsamtdem Zelt fast weg. Das will etwas heissen beizwei Erwachsenen mit Gepäck! Erst in den frühenMorgenstunden fallen wir in einen narkoseähnlichenSchlaf.Am nächsten Tag scheint die Sonne undtaucht die Berge in sanftes Licht. Wir machenuns eilig auf den Weg, da heute die grössteEtappe ansteht: Wir wollen es bis zum hochgelegenenCampingplatz Chileno am Fuss derTorres del Paine schaffen. In fast meditativerStimmung setzen wir einen Fuss vor den anderen.Meine Schultern tun weh und werdenmit einem Schal gepolstert. Das Gewicht desRucksacks fordert seinen Tribut. WillkommeneAblenkung ist die Pflanzenwelt – vor allem derchilenische Feuerbusch mit seinen leuchtendkorallenroten Blüten verzaubert mich. DasHolz dieses Grossstrauchs ist rosa und wirdgerne von Kunsthandwerkern zum Schnitzenverwendet. Die Südbuchen sind vom rauenKlima gezeichnet und muten mit ihrem bizarrenWuchs wie Bonsais an.Wir beobachten kreisende Kondore, dieFutter suchen, Gänse und Enten. Kleinere Vögelsind hingegen im dichten Buschwerkschwierig auszumachen. In der Laguna Ingespringen wir unter den ungläubigen Blickeneiner Gänsefamilie ins Wasser. Es ist nicht tief,am Boden ist dichter Bewuchs. Beim Abtrocknenentfernen wir rasch und angeekelt die Egel,die schon genüsslich unser Blut saugen. Die51


Infos zu Patagonien – FeuerlandGeografie: Als Patagonien wird der unterste Teil Südamerikasbezeichnet. Der Río Colorado in Argentinienund der Río Bío Bío in Chile bilden die nördliche Grenze.Südlich der Magellanstrasse liegt Feuerland mit seinenzahlreichen Inseln.Grösse: Patagonien ist rund fünfmal grösser alsDeutschland.Bewohner: Die Region ist sowohl auf der chilenischenwie auf der argentinischen Seite – abgesehen von wenigenBallungszentren – sehr dünn besiedelt. Die meistenEinwohner haben europäischeVorfahren. IndigeneBevölkerung gibt esin diesem Teil Südamerikaspraktisch keine.Wirtschaft: Im chilenischenTeil Patagoniensist der Tourismus die wichtigsteEinnahmequelle. Imargentinischen Teil sindnebst dem Tourismus dieSchafzucht und die Erdölförderungvon grössererBedeutung.Einige Höhepunkte: NationalparkTorres del Paine(Chile), Nationalpark LosGlaciares mit Perito Moreno,Fitz Roy und Cerro Torre(Argentinien), Nationalpark Tierra del Fuego undBeaglekanal (Chile und Argentinien), Halbinsel Valdés(Argentinien)Beste Reisezeit: In den Sommermonaten von Novemberbis Februar. Der für Patagonien typische starkeWind bläst jedoch auch in diesen Monaten. Im chilenischenTeil fällt bedeutend mehr Regen als im argentinischenTeil.Verkehrsmittel: Zwischen den grösseren Orten oderNationalpärken gibt es Busverbindungen. Wer unterwegslieber Stopps einlegt, mietet ein Auto oder engagierteinen Taxifahrer. Für weite Distanzennutzt man am besteneines der zahlreichen Flugangebote.Für die Strecke von PuertoMontt nach Puerto Natales (v.v.)ist die Navimag mit ihren Fährschiffenein lohnenswertes Transportmittel.Bücher: «Argentinien», LonelyPlanet Travel Guide (Deutsch),ISBN: 978-3-8297-2212-4,«Chile und die Osterinsel», ReiseKnow-How Verlag, ISBN: 978-3-8317-2113-9, «In Patagonien –Reise in ein fernes Land», BruceChatwin, ISBN 978-3-499-12836-3, «Patagonien – Von Horizontzu Horizont», Carmen Rohrbach,ISBN 978-3-492-40387-0Karten: Argentinien, 1:1,2 Mio.(World Map), Reise Know-HowVerlag, ISBN 978-3-8317-7154-7,Chile, 1:1,6 Mio. (World Map),Reise Know-How Verlag, ISBN:978-3-8317-7116-5Gänseeltern schütteln missbilligenddie weissen Köpfe. Unglaublich, wassich die Touristen alles erlauben!Beeindruckende Felstürme. Derletzte Anstieg, natürlich auch wiedergewürzt mit stetem Auf und Ab, erweistsich wegen eines immer stärkerwerdenden Windes mit Orkanböenals echte Herausforderung. Wir stemmenuns wild entschlossen gegen dieseNaturgewalt und werden Zeugeneiner komischen Szene: Im einenMoment sitzt am Wegrand ein Wanderer,im nächsten ist er wie vom Erdbodenverschwunden. Seine Partnerinschaut sich verwundert um. DerSturm hat ihn mit seinem Rucksackhintenübergeblasen. Wir helfen, denUnglücklichen zu bergen. Zum Glückist ihm nichts passiert. Kein Patagonienreisendersollte je den Wind unterschätzen.Er ist brutal und unberechenbar.Diese Erfahrung lehrt uns,an ausgesetzten Wegabschnitten stetsnah am Berg zu gehen und die Nähezum Abgrund zu meiden.Am späten Nachmittag kommen wir erschöpftam Campingplatz an und bauen unserZelt auf. Morgen soll das Wetter unbeständigwerden. Eigentlich sind wir total kaputt, machenuns aber dennoch gleich auf den Weiterweg,schliesslich ist der Aussichtspunkt LosTorres ein absolutes Muss. Anfangs geht es aufeinem kleinen Pfad durch verträumten Laubwald.Sobald wir den Wald verlassen, verliertsich der Weg in einem Geröllfeld. Der Aufstiegwird beschwerlich, der höchste Punktlässt sich nur schwach erahnen. Oft müssenwir stehen bleiben und uns neu orientieren.Wir setzen jeden Schritt mit Bedacht, sonst istes unter Umständen für eine Weile der letzte.Wir haben keine Lust, herauszufinden, wie esum die Qualität der Bergrettung in Patagoniensteht.Nach einer schier endlosen Quälereischleppen wir uns über den letzten Felsen undsind einen Moment sprachlos, bevor wir unsumarmen. Die Zacken der Torres ragen wie dievernachlässigten Zähne eines Riesen in denblauen Himmel. Das «Zahnfleisch» ist vonSchnee bedeckt und verschwindet in grobenFalten in einem trübgrünen Gletschersee. DerWind tost und heult. Wir fühlen uns klein undschutzlos im Angesicht dieser Gewalten. KeinOrt, um länger zu verweilen. Vorsichtig machenwir uns an den Abstieg.Die Torres sollen in der Morgensonneüberwältigend schön sein, aber in diesem Augenblickmag ich nicht an einen neuerlichenAufstieg denken. Ich will nur noch warm duschenund schlafen. Trotz Erschöpfung schlafeich schlecht, habe aber nicht die Energie, mittenin der Nacht die Tour nochmals zu machen,um den Vollmond über den Torres zu sehen.Jörg hingegen macht sich um kurz nach3 Uhr mit der Stirnlampe auf den Weg. DerVollmond wird von Nebelschwaden umschmeichelt,leichter Nieselregen setzt ein. Der Aufstiegsei nachts wesentlich leichter als am Tag,weil das Licht der Lampe die Reflektoren anden Felsen sichtbar macht. Der Weg ist wohlfür eine Wanderung im Dunkeln ausgelegtworden. Nach knapp zwei Stunden ist Jörg amZiel und kann sich noch kurz am Naturschauspielerfreuen, ehe sich der Nebel wie eine Deckeüber die Berge und den Mond legt. Ich binfroh, als er ein paar Stunden später heil beimFrühstück erscheint.52


spannende Tage im 600 000 Hektar grossen NationalparkLos Glaciares, der 1981 zumUNESCO-Welterbe deklariert wurde.Das Klima ist kühl und gemässigt mit regelmässigemNiederschlag. Die Regenwäldersind üppig, dunkelgrün und lebendig. Die Südbuchenbilden einen undurchdringlichen Teppich.Es ist die Heimat des Huemuls, auch Andenhirschgenannt. Er ist klein und hat sich gutan das unwegsame alpine Gelände angepasst.Wir haben grosses Glück und sehen gleich amersten Tag ein weibliches Tier an einem Geröllhang.Scheinbar sorglos frisst es von den kargenHälmchen. Wir sind hellauf begeistert überdiese Begegnung.Magellangänse und Sturzbachenten sindweitere Highlights. Letztere sind grandiose,furchtlose Taucher, für die auch Wildwasserkein Schrecken birgt. Dafür fliegen sie nichtgerne und beschränken derleiAktivitäten auf kurze Strecken.Kondore kreisen häufig am bedeckten,regenschwangerenHimmel, elegant und ohne Anstrengung– so scheint es wenigstensfür uns am Boden. Füchse,Pumas und vom Aussterben bedrohtekleine Wildkatzen gibt esim Park, aber sie sind sehr scheuund nur mit viel Glück zu beobachten.Die Fahrt mit dem Boot andie Abbruchkante des Gletschersist eindrücklich. «Unbelievable!»haucht die rundliche EngländesüdamerikaWeite. Patagonien ist wild und leer (links oben).Gletscher. Der Perito Moreno schiebt sich in denSee hinein (oben).Eisabbruch. Mit etwas Glück sieht man denGletscher kalben (links unten).Ushuaia. Staubige und lärmige südlichste Stadtder Welt (rechts unten).Von Tieren und Gletschern. Hunderte Kilometerfahren wir per Anhalter durch die Pampa.Dies mag bei dem geringen Verkehrsaufkommenals eine riskante Sache scheinen,klappt aber gut. Nur einmal ist der Fahrer totmüdeund schiesst mit zeitweise geschlossenenAugen wie ein Kamikaze über den Asphalt. Istdas die Sorte Abenteuer, die uns vorschwebte?Flache, wüstenähnliche Landschaft mit typischemBewuchs: kugelige Grasbüschel, stachlige,krüpplige Büsche, die sich verzweifelt flachan den Boden pressen, um dem ständigenWind keinen Widerstand zu bieten. «Survivalof the fittest», eine eindrückliche Demonstrationvon biologischen Grundsätzen.Der Wind treibt den Staub in meterhohenWellen vor sich her. Hier und da sind NanduundGuanako-Herden unterwegs. Was sie indieser Öde fressen, ist uns ein Rätsel. Sie scheinensich aber pudelwohl zu fühlen und wälzensich verzückt im Staub. Ein lustiger Anblick.An der argentinischen Grenze spielen dieZollbeamten Tischtennis und wirken sichtlichbelästigt durch unsere Ankunft. Die Formalitätensind schnell erledigt, weil sie es nicht abwartenkönnen, zu ihrem Spiel zurückzukehren.Auch recht.Eis und Gletscher haben wir zwar auch inder Schweiz, aber eben nicht einen Lago Argentino.Wir wollen den kalbenden Perito-Moreno-Gletschersehen und verbringen ein paarWINTER 2012 100 GLOBETROTTER-MAGAZIN 53


südamerikarin neben mir, als ein gewaltiger Eisbrockenins Wasser stürzt und das Boot zumSchaukeln bringt. Alle versuchen hektisch,diesen Moment mit der Kamera festzuhalten.Der Gletscher zeigt sich entgegenkommendund wiederholt die Show einzweites Mal. Das Foto im Kasten und einbreites Grinsen auf dem Gesicht, lassenwir dieses ungestüme, dramatische FleckchenErde hinter uns.Am echten Ende der Welt. Ushuaia, diesüdlichste Stadt der Welt, trägt den Übernamen«Ende der Welt». Wie stellt mansich das Ende der Welt vor? Natürlich habenwir uns monatelang vor der Reise Gedankendarüber gemacht. Wir dachten dabeian ein verschlafenes, gottvergessenes Kaff, indem sich Fuchs und Huemul Gute Nacht sagenund die Zeit stehen geblieben ist. Wir dachtenan Blockhütten, Pioniergeist und Mulis amStrassenrand, Stille und Unverdorbenheit.Von wegen! Ushuaia ist laut, staubig undunnahbar. Hier zeigt jeder, was er hat und vorallem über wie viele PS er verfügt. Es dröhnendie Motoren und quietschen die Bremsen.Gnadenlos. Diese Stadt schläft nie. Beim erstenHostel in angeblich idyllischer Lage ergreifenwir sofort die Flucht. Die Suche erweist sich alsschwierig, aber abends gibt es ein Ende-der-Welt-Bier, mit dem wir unsere Enttäuschungertränken.Der Feuerland-Nationalpark wiederum istvon melancholischer, wilder Schönheit. 1960erklärte die Regierung 63 000 Hektaram südlichsten Andenzipfel zumSchutzgebiet. Die magellanschen Torfmooresind ein charakteristischesMerkmal von Feuerland. Sie bieten erstaunlichvielen Arten Lebensraum.Einen patagonischen Rotfuchs sehenwir gleich bei der Ankunft beim Postamt«Fin del Mundo», das sich im Parkbefindet. Dort lassen wir uns den Passstempeln – «Ende der Welt» hat nichtjeder in seinem Pass stehen. Entspanntund zutraulich sitzt der zottelige FuchsWilde Schönheit. Im Nationalpark Tierra delFuego finden sich auch Spuren der Ureinwohner.Das Ende Amerikas. Leuchtturm am Beagle-Kanal.Abendstimmung. Kurze Nächte im Südsommer.Autorin. Annette Lepple mit Ehepartner Jörg.(Von oben nach unten)im Gras und beobachtet uns gelassen. Gibt eshier Tollwut? Soviel Freundlichkeit macht unsmisstrauisch, aber auch andere tierische Parkbewohnerkennen keine Scheu. Die Caracaras,eine Falkenart, hüpfen um uns herum und erhoffensich eine Belohnung.Abends gehen wir auf Biberbeobachtung.Zwei junge, häufig kichernde Typen sind unsereGuides. Wir schauen uns an. Ihre cooleArt ist okay, solange sie später, wenn es daraufankommt, den Mund halten. So kommt esdann auch, als wir auf Zehenspitzen durch dasurzeitlich wirkende Gelände schleichen, welchesdie Biber profimässig unter Wasser gesetzthaben. Vorsicht ist angebracht, will man einunfreiwilliges Bad vermeiden. AbgestorbeneBäume ragen wie Wurzeln in den rosafarbenenAbendhimmel.Die Biber tauchen und schwimmen geschicktund leise zwischen ihren gefälltenStämmen umher. Wir vergessen vor Spannungfast das Atmen. Bis auf das gelegentliche harteKlatschen, wenn einer von ihnen uns erspähtund warnend seine Kelle, den haarlosenSchwanz, auf die spiegelglatte Wasseroberflächeheruntersausen lässt, ist es hier totenstill.Der Biber ist nicht heimisch, sondern wurdevor Jahrzehnten aus wirtschaftlichen Gründeneingeführt. Mittlerweile sind sie verwildert, habensich erfolgreich angepasst und die Landschaftmarkant geprägt. Wir fühlen uns privilegiert,einen Einblick in das Leben dieserschlauen Tiere zu bekommen.Die ersten Menschen liessen sich indiesem rauen Land vor etwa 10 000 Jahrennieder. An den Stränden im Park stossenwir beim Wandern nicht selten auf Middens.Diese Muschelhaufen weisen auf dieErnährungsgewohnheiten der UreinwohnerYámana hin, die damals vom maritimenReichtum profitierten. Sie führten eingesundes Leben im Einklang mit der Natur.Dies änderte sich, als Ende des19. Jahrhunderts die ersten europäischenSiedler eintrafen. Schiessübungen undEpidemien sorgten für den schnellen Untergangder Feuerlandindianer.Eine Wucht ist die Bootsfahrt auf demBeagle-Kanal: Kormorane, Seehunde und -löwenso weit das Auge reicht. Ein wenig könnenwir nachempfinden, wie sich Charles Darwinfühlte, als er 1833, anlässlich seiner Weltumsegelungan Bord der HMS Beagle, in Feuerlandanlegte.Das Ushuaia von heute blieb ihm erspart.Zum Glück ist diese Stadt nur ein kleines Puzzleteilvom gigantischen Naturerlebnis Patagonien.Wie so oft hat sich auch der Tourismusin Patagonien als vorteilhaft für die Natur erwiesen:Man schützt und pflegt, was die Reisendensuchen und schätzen.Wir haben gefunden, was wir gesucht haben:Wildnis, Freiheit, Naturschönheit, vielseitigeFlora und Fauna und – vor allem auch –Freundlichkeit und interessante Begegnungen.j-alepple@sunrise.ch54 GLOBETROTTER-MAGAZI 100 WINTER 2012

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