DIE WÜSTENKIRCHE - hoffnung weltweit ev

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HOFFNUNG-WELTWEIT.DE . BIBELSTREAM.ORG . ISSN 2191-5253 . AUGUST 2012VersöhnungstagDIE WÜSTENKIRCHE


ImpressumINHALTDas MagazinVersöhnungstag3 Vom Apostel zum Papstengagiert sich für Versöhnung mit Gott und zwischenMenschen aus verschiedenen Kulturen.Denn heute am endzeitlichen Versöhnungstagamtiert Jesus, Bruder aller Menschen, als HoherPriester im himmlischen Heiligtum, dem kosmischenGerichtshof. Dort tilgt er die bereuten Sünden seinerNachfolger aus den Büchern. Bald schließt er die Aktenund kommt als Befreier und König, um Menschen ausallen Völkern und Sprachen in seine Hauptstadt, dasneue Jerusalem, zu bringen.Deshalb lädt diese Zeitschrift ein, Jesus nachzufolgenund Versöhnung zu erleben.Herausgeberhoffnung weltweit e.V.Postfach 115079332 HerbolzheimDeutschlandTelefon/InternetTel./Fax: (+49) 0700 46364938bzw. 0700 INFOHWEV (12 Cent/Minute)info@hoffnung-weltweit.dewww.hoffnung-weltweit.deAbonnementFür 12 Ausgaben pro Jahr: 25,00 €Kostenloses Probeabo für drei AusgabenBefristetes Freiabo möglichBankverbindung und SpendenKontonummer 81 18 762Bankleitzahl 683 518 65Sparkasse MarkgräflerlandIBAN: DE83 6835 1865 0008 1187 62BIC: SOLADES1MGLRedaktionKai Mester, Alberto Rosenthal, Friedebert RosenthalGrafik video-musik.deDruckMHA e.V., 73635 RudersbergBibelzitate – falls nicht anders vermerkt – aus derSchlachterübersetzung 2000.ISSN 1862-62625 Auf der Abschussliste8 Papsttum im Mittelalter11 Der Gang nach Canossa12 Irrlehren und ihre Folgen15 Die Wüstenkirche16 Kelten, Kopten und Armenier18 Ursprung der Waldenser19 Der Sabbat bei den Waldensern20 Gemeinschaftsleben in den Bergen24 Der Auftrag der Waldenser27 Zwei gegensätzliche Frömmigkeitsstile30 Rom schlägt zurück32 MedienViele Jahrhunderte lang gab esChristen, die von den großen Kirchenverfolgt wurden. In Anspielungan Offenbarung 12,19 bezeichnenwir sie als die Wüstenkirche. MitWüste sind einsame und unwirtlicheRückzugsgebiete gemeint. Der Textin diesem Heft ist über hundertJahre alt, ein Klassiker unter denPlädoyers für Gewissensfreiheit.hoffnung weltweitist ein Arbeitskreis, der von Siebenten-Tags-Adventisten gegründet wurde. Sein Ziel ist es, die Gesundheit des Menschen ganzheitlichzu fördern. Zu diesem Zweck veröffentlichen wir seit 1996 Informations- und Ratgeber-Literatur, veranstalten Seminare undunterstützen Projekte.Unsere Ausrichtung wird getragen von den Aussagen »Jesus heilt« und »Jesus kommt« sowie vom adventistischen Glaubensgut,wie es sich im literarischen Nachlass der bekannten Bibelkommentatorin Ellen Gould White (1827-1915) darstellt. In diesem Rahmenfördern wir die Verbreitung der Guten Nachricht durch Literatur, moderne Medien, Bildungsangebote, Gesundheitsarbeit und einnaturverbundenes Leben.2V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


Vom Apostel zum PapstDer Apostel Paulus hat in seinem zweiten Brief an die Thessalonicher einen großenGlaubensabfall vorausgesagt. Dieser Glaubensabfall würde zur Gründung desPapsttums führen.Er erklärte, der Tag des Messias werde noch nicht kommen. »Denn es muss unbedingtzuerst der Abfall kommen und der Mensch der Sünde geoffenbart werden, der Sohn desVerderbens; der sich widersetzt und sich über alles erhebt, was Gott oder Gegenstand derVerehrung heißt, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt als ein Gott und sich selbst fürGott ausgibt.« (2. Thessalonicher 2,3.4)Das Geheimnis der GesetzlosigkeitDer Apostel warnt seine Geschwister weiter: »Das Geheimnis der Gesetz losigkeit ist schonam Wirken.« (2. Thes salonicher 2,7) Schon damals sah er, wie sich Irrtümer in die Kirche schlichen,die dem Papsttum den Weg bahnten.Ganz allmählich, zuerst heimlich, still und leise, dann offener, als es stärker wurde undMacht über die Gedanken der Menschen gewann, trieb »das Geheimnis der Gesetzlosigkeit«sein trügerisches und blasphemisches Werk voran. Fast unmerklich fanden die Bräuchedes Heidentums ihren Weg in die christliche Kirche. Der Geist der Zugeständnisse und derAnpassung war eine Zeit lang durch die heftigen Verfolgungen zurückgedrängt worden, diedie Kirche unter dem Heidentum erduldete.Henry Stober - dieschoepfung.eu3


Doch als die Verfolgung aufhörte und dasChristentum Gerichtshöfe und Königspalästeeroberte, legte es die demütige SchlichtheitJesu und seiner Apostel ab und ersetzte siedurch den Prunk und Stolz der heidnischenPriester und Herrscher. An die Stelle vonGottes Forderungen setzte es menschlicheTheorien und Traditionen.Das Heidentum –Sieger oder Verlierer?Die Namensbekehrung von Kaiser Konstan tinAnfang des vierten Jahrhun derts löste großeFreude aus. Nun stolzierte die Welt scheinheiligin die Kirche hinein. Schnell machtedas Werk des Verderbens Fortschritte. DasHei dentum wurde zum Sieger, während esso schien, als sei es bezwungen worden. SeinGeist lenkte die Kirche. Seine Lehren, Ritenund sein Aberglaube wurden in den Glaubenund den Gottesdienst der bekennendenNachfolger Jesu integriert.Dieser Kompromiss zwischen Hei den tumund Christentum führte zur Entwicklungdes »Menschen der Sün de«, von dem in derProphetie vorausgesagt wurde, er werde sichgegen Gott wenden und sich über ihn stellen.Jenes gigantische System einer falschenReligion ist ein Meisterwerk satanischerMacht – ein Denkmal seiner Bemühungen,sich auf den Thron zu setzen und die Erdenach seinem Willen zu regieren.Glitzernder GlanzSatan versuchte einst mit Jesus einenKompromiss auszuhandeln. Er kam zum SohnGottes in die Wüste der Versuchung, zeigteihm alle Reiche der Welt, ihren Glanz und botihm dies alles an, falls er die Oberherrschaftdes Fürsten der Finsternis anerkennen würde.Der Messias wies den dreisten Versucherzurecht und zwang ihn zum Rückzug.Doch Satan hat mit denselben Versu chungenbei den Menschen größeren Erfolg. Auf derSuche nach weltlichem Gewinn und irdischerEhre buhlte die Kirche um die Gunstund Unterstützung der hohen Herren dieserErde. So kehrte sie Jesus den Rücken,erlag der Verführung und schwor demRepräsentanten Satans – dem Bischof vonRom – die Treue.Die Rolle des PapstesEine der führenden Lehren des römischenKatholizismus ist die Rolle des Papstes alssichtbares Oberhaupt der ganzen KircheJesu, seine uneingeschränkte Vollmachtüber Bischöfe und Pastoren auf der ganzenWelt. Mehr noch, der Papst hat die Titelder Gottheit übernommen. Man redeteihn mit »Herrgott Papst« (dominum deumnostrum papam) an und erklärte ihn fürunfehlbar. Von allen Menschen verlangt erEhrerbietung. Derselbe Anspruch, den Satanin der Wüste der Versuchung erhob, wird immernoch durch die Römische Kirche erhobenund die Massen sind bereit, ihm dieseEhre zu erweisen.Doch alle, die Gott fürchten und ehren, begegnendieser himmelschreienden Anmaßungwie Jesus den Annährungsversuchen desbösen Feindes: »Du sollst den Herrn, deinenGott, anbeten und ihm allein dienen.« (Lukas4,8) Gott hat nirgendwo in seinem Wortauch nur anklingen lassen, dass er irgendeinenMenschen zum Kirchenoberhauptbestimmt hat. Die Lehre von der päpstlichenOberhoheit steht völlig im Gegensatz zu denLehren der Heiligen Schrift. Der Papst kannüber Jesu Kirche nur durch widerrechtlicheAneignung Macht gewinnen. •4V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


Auf der AbschusslisteDie Katholiken haben denProtestanten immer Ketzereiund bewusste Trennung von derwahren Kirche vorgeworfen. Doch dieseVorwürfe treffen eher auf sie selbst zu. Siezu erkennen und seiner Macht zu widerstehen.Durch das Wort hat sogar der Heilanddieser Welt seinen Angriffen widerstanden.Bei jedem Angriff hielt ihm Jesus den Schildder ewigen Wahrheit entgegen und sagte:Henry Stober - dieschoepfung.eusind diejenigen, die die Fahne Jesu niedergelegtund sich vom »Glauben [getrennt haben],der den Heiligen ein für allemal überliefertworden ist« (Judas 3).BibelverbotSatan weiß nur zu gut, dass die Heilige Schriftden Menschen befähigt, seine Täuschungen»Es steht geschrieben.« Jedem Vorschlagdes Widersachers setzte er die Weisheit unddie Kraft des Wortes entgegen.Damit Satan die Menschen weiter im Griffhatte und die Vollmacht des päpstlichenEindringlings aufrichten konnte, musste erdafür sorgen, dass sie die Schriften nichtkannten. Die Bibel erhöht Gott und rückt densterblichen Menschen an seinen richtigen5


Platz. Satan musste ihre heiligen Wahrheitenverbergen und unterdrücken. Dieser Logikfolgte die Römische Kirche. Hunderte vonJahren war die Verbreitung der Bibel verboten.Das Volk durfte sie weder lesen noch inihren Häusern haben. Gewissenlose Priesterund Prälaten legten ihre Lehre so aus, dasssie ihre Behauptungen damit stützten. Aufdiese Weise wurde der Papst fast überall alsVizeregent Gottes auf Erden anerkannt, derüber Kirche und Staat regiert. Dadurch, dasser den Lügendetektor beseitigt hatte, konnteer frei schalten und walten.Bilder- undReliquienverehrungDie Prophetie hatte erklärt, dass dasPapsttum »danach trachten [würde],Zeiten und Gesetz zu ändern« (Daniel 7,25).Fest entschlossen ging er an dieses Werk.Damit Heiden, die sich bekehren, für ihrenGötzendienst Ersatz finden würden undso leichter dem Namen nach Christen würden,wurde nach und nach die Bilder- undReliquienverehrung in den christlichenGottesdienst eingeführt. Der Erlass eines allgemeinenKirchenkonzils verankerte diesenGötzendienst schließlich fest im System. Umdie Gotteslästerung komplett zu machen,maßte sich Rom an, das zweite Gebot, dasdie Bilderverehrung untersagt, aus GottesGesetz zu streichen und das zehnte Gebotzu teilen, damit die Anzahl wieder stimmt.SabbatentheiligungDer Geist der Zugeständnisse ans Heidentumöffnete den Weg für eine weitereMissachtung der himmlischen Autorität.Satan machte sich durch ungeheiligteKirchenführer am vierten Gebot zu schaffen.Er versuchte den althergebrachten Sabbatabzuschaffen, den Tag, den Gott gesegnetund geheiligt hatte (1. Mose 2,2.3). An seineStelle erhob er das Fest, das die Heiden als»ehrwürdigen Tag der Sonne« feierten.Diese Änderung wurde zuerst nicht offenangestrebt. In den ersten Jahrhundertenhatten alle Christen den wahren Sabbatgehalten. Sie eiferten für Gottes Ehre undglaubten, dass sein Gesetz unwandelbarsei. Die Heiligkeit seiner Vorschriften durfteniemand antasten. Doch mit großer Listarbeitete Satan durch seine Agenten aufsein Ziel hin. Um die Aufmerksamkeit desVolkes auf den Sonntag zu lenken, wurde erzum Fest der Auferstehung Christi erklärt.Gottesdienste wurden an ihm abgehalten;doch galt er als Tag der Erholung, währendman den Sabbat immer noch heilig hielt.Um sein Ziel zu erreichen, hatte Satan dieJuden schon vor Jesu Kommen dahin geführt,den Sabbat mit starken Einschränkungen zuversehen, sodass es eine Last war, ihn zu halten.Nun nutzte er dieses falsche Licht, in dasder Sabbat dadurch geraten war, und brachteihn als jüdische Einrichtung in Misskredit.Die Christen feierten den Sonntag alsFreudenfest. Warum sollten sie nicht ihrenHass gegen die Juden dadurch zeigen, dasssie den Sabbat zu einem traurigen und düsterenFasttag machten?Anfang des vierten Jahrhunderts erließKaiser Konstantin ein Dekret, in dem er denSonntag im ganzen Römischen Reich zumöffentlichen Feiertag erklärte. Der Tag derSonne wurde sowohl von seinen heidnischenUntertanen als auch von den Christengefeiert. Die Politik des Kaisers war, die widersprüchlichenInteressen von Heiden- undChristentum zu vereinen. Die Bischöfe der6V e r s ö h n u n stag gAugust 2011


Kirche drängten ihn dazu. Denn sie warenvon Ehrgeiz und Machtgier getrieben undmeinten, wenn derselbe Tag von Christenund Heiden gefeiert würde, könnten dieHeiden leichter Christen werden. Das würdeder Kirche mehr Macht und Glanz bringen.Doch während viele gottesfürchtigeChristen allmählich zur Sonntagsfeier geführtwurden, weil sie ihm einen gewissenGrad Heiligkeit zusprachen, hielten sie dennochden wahren Sabbat weiter dem Herrnheilig und befolgten so das vierte Gebot.ErfüllungsgehilfeKirchenkonzilNoch hatte der Erzverführer jedoch seinWerk nicht vollendet. Er war entschlossendie christliche Welt unter seiner Fahnezu einen und seine Macht durch seinenVizeregenten auszuüben, den stolzenPontifex, den Stellvertreter Christi, wie ersich nannte. Durch halbbekehrte Heiden,ehrgeizige Prälaten und weltliebendeKirchenmänner erreichte er sein Ziel. VonZeit zu Zeit wurden große Kirchenkonzileabgehalten. Aus der ganzen Welt kamendie Würdenträger der Kirche zusammen. Infast jedem Kirchenkonzil wertete man denSabbat, den Gott gestiftet hatte, ein wenigweiter ab, während der Sonntag entsprechendaufgewertet wurde. So wurde dasheidnische Fest schließlich als göttlicheEinrichtung geehrt, während der biblischeSabbat als jüdisches Überbleibsel galt. Werihn hielt, war verflucht.Der SchöpfungsgedenktagDer große Apostat hatte sich erfolgreich»über alles erhoben, was Gottoder Gegenstand der Verehrung heißt«(2. Thessalonicher 2,4). Er hatte es gewagt,das einzige Gebot des göttlichenGesetzes zu verändern, das die gesamteMenschheit eindeutig auf den wahrenund lebendigen Gott hinweist. Im viertenGebot offenbart sich Gott als Schöpferdes Himmels und der Erde. Dadurch hebter sich von allen falschen Göttern ab.Als Gedenktag ans Schöpfungswerkwar der siebte Tag als Ruhetag für denMenschen ausgesondert worden. Ersollte dem Menschen immer den lebendigenGott als Ursprung alles Seins vorAugen halten und als allein ehrfurchtsundanbetungswürdig. Satan sucht denMenschen von seiner Treue zu Gott abzubringenund davon, dass er sein Gesetzbefolgt; daher wirkt er vor allem gegendas Gebot, das auf Gott als den Schöpferhinweist.Der protestantischeBlickwinkelDie Protestanten behaupten heute steifund fest, dass Jesu Auferstehung amSonntag diesen zum christlichen Sabbatgemacht habe. Doch dafür gibt es keineSchriftbeweise. Weder Jesus noch dieApostel haben diesem Tag solche Ehrezugemessen. Die Sonntagsfeier als christlicheEinrichtung hat ihren Ursprung injenem »Geheimnis der Gesetzlosigkeit«(2. Thessalonicher 2,7), das sogar schonzur Zeit des Paulus zu wirken begonnenhatte. Wo und wann hat der HERR diesesKind des Papsttums adoptiert? WelcherGrund kann für die Änderung angeführtwerden, die von der Heiligen Schrift nichtgebilligt wird? •7


Papsttum im MittelalterHenry Stober - dieschoepfung.euIm sechsten Jahrhundert hatte dasPapsttum seine Macht gefestigt. SeinRegierungssitz war die Kaiserstadt undder Bischof von Rom war zum Oberhauptder ganzen Kirche erklärt worden. DasHeidentum war dem Papsttum gewichen (2.Thessalonicher 2,7). Der Drache hatte demTier »seine Kraft und seinen Thron und großeVollmacht« gegeben (Offenbarung 13,2).Nun begannen die 1260 Jahre päpstlicherUnterdrückung, die in den Prophezeiungenvon Daniel und Offenbarung vorausgesagtwaren (Daniel 7,25; Offenbarung 13,5-7).IntoleranzDie Christen mussten sich entscheiden:Entweder sie gaben ihre Integrität auf undakzeptierten die päpstlichen Riten und denrömisch-katholischen Gottesdienst odersie fristeten ihr Dasein in Kerkern oder erlittenden Tod auf der Folterbank, demScheiterhaufen oder durch das Henkersbeil.Jetzt erfüllten sich Jesu Worte: »Ihr werdetaber auch von Eltern und Brüdern undVerwandten und Freunden ausgeliefert werden,und man wird etliche von euch töten,und ihr werdet von allen gehasst werden ummeines Namens willen.« (Lukas 21,16.17)VerfolgungDie Verfolgung brach über die Treuen mitgrößerer Macht denn je herein. Die Weltwurde zu einem riesigen Schlachtfeld.Über Hunderte von Jahren fand Jesu KircheZuflucht in der Abgeschiedenheit und imVerborgenen. Der Prophet spricht: »Und die8V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


Frau floh in die Wüste, wo sie einen von Gottbereiteten Ort hat, damit man sie dort 1260Tage lang ernähre.« (Offenbarung 12,6)So wurde die Aufmerksamkeit des Volkesvon Gott weg und auf fehlbare, irrende undgrausame Menschen gelenkt. Ja mehr noch:auf den Fürsten der Finsternis selbst, derseine Macht durch sie ausübte. Die Sündewurde mit einem Talar bekleidet.Immer wenn die Heiligen Schriften unterdrücktwerden und der Mensch sich alsoberste Instanz betrachtet, sind Betrug,Täuschung und schlimmste Sünden nichtweit. Durch die Heiligsprechung vonmenschlichen Gesetzen und Traditionenwurde die Verdorbenheit offenbar, die immerdas Ergebnis ist, wenn man GottesGesetz zur Seite schiebt.Evangelium minus,Zeremonialismus plusFinsternis über der TiefeDer Aufstieg der römischen Kirche zur Machtkennzeichnet den Beginn des finsterenMittelalters. Mit der Zunahme ihrer Machtvertiefte sich auch die Finsternis. Der Glaubewurde von Jesus, dem wahren Fundament,auf den Papst von Rom verschoben. Statt zuvertrauen, dass Gottes Sohn Sünden vergibtund ewige Rettung bringt, setzte das Volk seineErwartungen in den Papst sowie in Priesterund Prälaten, denen er Vollmacht verlieh. Manlehrte, der Papst sei unser irdischer Mittler,keiner könne sich Gott nahen außer durchihn. Ferner stehe er an Gottes Stelle, und dahermüsse man ihm blindlings gehorchen.Eine Abweichung von seinen Forderungengenügte, um den Übertretern härteste körperlicheund seelische Strafen zu bringen.Für die Kirche Jesu war dies eine gefährlicheZeit. Treue Fahnenträger gab es wenige.Obwohl die Wahrheit nicht ohne Zeugenblieb, schienen doch zeitweise Irrtum undAberglaube die völlige Oberhand zu gewinnenund der wahre Glaube vom Erdboden verbanntzu sein. Das Evangelium wurde aus denAugen verloren. Immer größer wurde dagegendie religiöse Formenvielfalt. Die Menschenstöhnten unter den strengen Auflagen.Religion der guten WerkeMan brachte ihnen nicht nur bei, den Papstals ihren Vermittler zu betrachten, sondernauch mit Werken ihre Sünden wieder gutzumachen.Lange Pilgerreisen, Bußübungen,Reliquienverehrung, Kirchenbauten, Schreineund Altäre, die Zahlung hoher Summen an dieKirche – diese und viele andere Werke würdenangeblich den Zorn Gottes besänftigenoder seine Gunst gewinnen. Als ob Gott ein9


Mensch wäre, der sich über Kleinigkeiten aufregtoder mit Geschenken oder Bußübungenbestochen werden könnte.Gespinst der LügeObwohl böse Laster sogar auch unter denVerantwortlichen der Römischen Kirche vorherrschten,schien ihr Einfluss ständig zuzunehmen.Gegen Ende des achten Jahrhundertsbehaupteten die Papstanhänger, die römischenBischöfe hätten schon in den erstenJahrhunderten der Kirche die geistlicheMacht besessen, die sie sich nun anmaßten.Um diese Behauptung zu stützen, bedurftees einiger Beweise. Die Inspiration dafürlieferte der Vater der Lüge gerne. Mönchefälschten alte Schriftstücke. Man entdeckteKonzilsbeschlüsse, von denen man vorhernie gehört hatte. Diese belegten die universaleOberherrschaft des Papstes von frühesterZeit an. Solche Täuschungen wurden vonder Kirche bereitwillig angenommen, hattesie doch die Wahrheit abgelehnt.Die Treuen wankenEin paar treue Bauleute, die auf dem wahrenFundament bauten (1. Korinther 3,10.11)waren verwirrt, als sie durch das Gerümpelfalscher Lehren an ihrer Arbeit gehindertwurden. Wie die Bauarbeiter beim Bauder Mauer von Jerusalem in NehemiasTagen, wollten einige sagen: »Die Kraft derLastträger wankt, und es gibt so viel Schutt;wir können nicht mehr an der Mauer bauen!«(Nehemia 4,4)Sie waren müde vom ständigen Kampf gegenVerfolgung, Betrug, Bosheit und alleHindernisarten, die Satan sich auch nur ausdenkenkonnte, um sie am Vorankommen zuhindern. Einige der treuen Bauleute wurdenso entmutigt, dass sie um des lieben Friedenswillen das wahre Fundament verließen. IhrEigentum und ihr Leben waren ihnen wichtiger.Wenige bleiben standhaftAndere ließen sich vom Widerstand ihrerFeinde nicht schrecken und erklärten furchtlos:»Fürchtet euch nicht vor ihnen! Gedenktan den großen, furchtgebietenden Herrn!«(Vers 6) Sie arbeiteten weiter mit umgürtetemSchwert (Epheser 6,17).Darum wacht!Derselbe Geist des Hasses und desWiderstands gegen die Wahrheit hat GottesFeinde in jedem Zeitalter inspiriert. Daherist auch dieselbe Wachsamkeit und Treuevon seinen Dienern gefordert. Jesu Wortean seine ersten Jünger gelten ebenso seinenNachfolgern am Ende der Zeit: »Was ichaber euch sage, das sage ich allen: Wacht!«(Markus 13,37)Aberglaube plus, VernunftminusImmer dichter schien die Finsternis zu werden.Weiter und weiter verbreitete sich dieBilderverehrung. Man entzündete Kerzenvor Bildern, Gebete stiegen zu ihnen auf.Völlig absurde und abergläubische Bräucheherrschten vor. Derart abergläubisch warendie Menschen, dass die Vernunft ihrenEinfluss völlig zu verlieren schien. Priesterund Bischöfe waren selbst genusssüchtig,sinnlich und korrupt. War da zu erwarten,dass das Volk, dessen Vorbilder sie waren,nicht auch der Dummheit und dem Lasteranheimfallen würde? •10V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


Der Gang nach CanossaHenry Stober - dieschoepfung.euIm elften Jahrhundert ging das Papsttumeinen weiteren anmaßenden Schritt:Papst Gregor VII. verkündete dieVollkommenheit der Römischen Kirche. Erbehauptete unter anderem, die Kirche habesich gemäß der Heiligen Schrift nie geirrt,noch würde sie je irren. Biblische Beweisedafür konnten jedoch nicht geliefert werden.Der stolze Pontifex behauptete auch, erhabe die Macht Kaiser abzusetzen und seineUrteile seien von niemandem anfechtbar. Erjedoch habe das Recht die Urteile aller anderenaufzuheben.Was für ein tyrannisches Wesen dieserUnfehlbarkeitsvertreter an den Tag legte,zeigte sich eindrücklich in seinem Umgangmit dem deutschen Kaiser Heinrich IV. Weildieser Monarch sich wagte, der Vollmachtdes Papstes zu trotzen, wurde er kurzerhandexkommuniziert und als Kaiser abgesetzt.Heinrich war entsetzt, dass seine eigenenFürsten sich vom päpstlichen Gebot dazuermutigen ließen, ihn im Stich zu lassen,sich gegen ihn aufzulehnen und ihn zu bedrohen.Daher sah er sich gedrungen, mitRom Frieden zu schließen.Gemeinsam mit seiner Frau und einem treuenDiener überquerte er mitten im Winterdie Alpen, um sich vor dem Papst zu demütigen.Er erreichte die Burg Canossa, in diesich Gregor zurückgezogen hatte. Dort wurdeer ohne seine Wachen in einen äußerenVorhof geführt und wartete in der strengenWinterkälte barfuß, ohne Mütze und inschlechter Kleidung auf eine Audienz beimPapst. Erst nach drei Tagen Fasten und nacheiner Beichte ließ sich der Pontifex herab,ihn zu begnadigen. Doch auch dies nur unterder Bedingung, dass der Kaiser die Erlaubnisdes Papstes abwarten würde, bevor er sichwieder in Amt und Würden kleidete und alsKönig herrschte. Gregor prahlte, von seinemTriumph beglückt, er habe die Pflicht, denStolz der Könige zu demütigen.Was für ein Kontrast zwischen dem unglaublichenStolz des hochmütigen Pontifex und derSanftmut und Demut Jesu! Der Messias stelltsich uns vor als einer, der vor der Herzenstüreum Eintritt bittet, damit er uns Vergebungund Frieden bringen darf. Er lehrte seineJünger: »Wer unter euch der Erste sein will,der sei euer Knecht.« (Matthäus 20,27) •11


Irrlehren undihre FolgenIn den fortschreitenden Jahrhun dertenzeigte sich, dass die römischen Irrlehrenimmer weiter zunahmen. Die Lehren derheidnischen Philosophen hatten schon vorder Entstehung des Papsttums in der KircheAufmerksamkeit erregt und Einfluss ausgeübt.Viele Scheinbekehrte hielten immernoch an den Grundsätzen ihrer heidnischenPhilosophie fest. Sie studierten sie nicht nurweiter, sondern drängten auch andere dazu,damit ihren Einfluss unter den Heidenauszubauen. Schwerwiegende Irrtümer gelangtenauf diese Weise in den christlichenGlauben.Unsterbliche SeeleBesonders ragte der Glaube an die natürlicheUnsterblichkeit des Menschen herausund an sein Bewusstsein im Tod. DieseLehre legte das Fundament, auf das Rom dieAnrufung der Heiligen und die Verehrungder Jungfrau Maria gründete. Hieraus entwickeltesich auch die Irrlehre der ewigenQual für die Unbußfertigen, die schon frühins päpstliche Glaubenssystem aufgenommenwurde.FegefeuerDann wurde der Weg gebahnt für dieEinführung einer weiteren Erfindung desHeidentums. Rom nannte sie Fegefeuer.Damit wurden die leichtgläubigen undHenry Stober - dieschoepfung.euabergläubischen Massen geängstigt. DieseIrrlehre geht von einem Ort aus, an demSeelen gequält werden, die Sünden begangenhaben, welche zwar Strafe, aber keineewige Verdammnis verdient haben. Sobaldsie dort von ihrer Unreinheit geläutert wordenseien, würden sie in den Himmel aufgenommen.SündenablassEine weitere Erfindung war jedoch nötig,damit Rom von der Angst und den Lasternihrer Anhänger profitieren konnte. DiesenZweck erfüllte die Lehre vom Ablass. VölligeSündenvergebung für Vergangenheit,Gegenwart und Zukunft, Befreiung von al-12V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


Protestantism, b. 1, ch. 4). Die Heilige Schriftwar fast unbekannt, nicht nur dem Volk, sondernauch den Priestern. Wie die Pharisäerin alten Zeiten hassten auch die päpstlichenFührer das Licht, das ihre Sünden offenbarte(Johannes 3,20). Doch Gottes Gesetz, derMaßstab für Gerechtigkeit, war beseitigtworden. So herrschten sie uneingeschränktund waren dem Laster hemmungslos ergeben.Betrug, Habsucht und Verschwendung gediehen.Die Menschen schreckten vor keinemVerbrechen zurück, das ihnen Reichtumoder Namen sicherte. Die Paläste der Päpsteund Prälaten wurden Zeugen der abscheulichstenAusschweifungen. Einige der regierendenPäpste begingen Verbrechen, die soabstoßend waren, dass weltliche Herrscherversuchten, diese kirchlichen Würdenträgerabzusetzen als Monster, deren Bosheit mannicht dulden könne. Jahrhunderte langmachte Europa in der Bildung, den Künstenoder der Zivilisation keine Fortschritte. Einemoralische und intellektuelle Lähmung hattesich des Christentums bemächtigt.Der Zustand der Welt unter der RömischenMacht erfüllte die Worte des ProphetenHosea auf entsetzliche und verblüffendeWeise: »Mein Volk geht zugrunde aus Mangelan Erkenntnis; denn du hast die Erkenntnisverworfen, darum will ich auch dich verwerfen… und weil du das Gesetz deines Gottesvergessen hast, will auch ich deine Kindervergessen!« »Es [gibt] keine Wahrheit, keineLiebe und keine Gotteserkenntnis im Land… Fluchen und Lügen, Morden, Stehlen undEhebrechen hat überhandgenommen, undBlutschuld reiht sich an Blutschuld.« (Hosea4,6.1.2) Das war das Ergebnis davon, dassman Gottes Wort verbannt hatte. •Henry Stober - dieschoepfung.eu14V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


Die WüstenkircheInmitten der Finsternis, die sich während der langen Zeit der Papstherrschaftauf die Erde senkte, glomm das Licht der Wahrheit doch weiter. In jedemZeitalter gab es Zeugen für Gott – Menschen, die an Jesus als einzigenMittler zwischen Gott und Mensch glaubten (1. Timotheus 2,5); Menschen, diedie Bibel als einzigen Führer für ihr Leben akzeptierten und den wahren Sabbatheiligten. Wie viel die Welt diesen Menschen verdankt, wird die Nachwelt nieerfahren. Man brandmarkte sie als Ketzer, unterstellte ihnen böse Motive, verleumdeteihren Charakter, unterdrückte oder verfälschte ihre Schriften. Dochsie gingen ihren Weg unbeirrbar, hielten von Jahrhundert zu Jahrhundert anihrem reinen Glauben fest und gaben ihn als heiliges Erbe den kommendenGenerationen weiter.Spuren verwischtDas finstere Mittelalter brach an, sobald Rom seine Vormachtstellung innehatte.Die Geschichte von Gottes Volk in dieser Zeit steht im Himmel geschrieben,doch in menschlichen Berichten ist darüber wenig zu finden. Nur ein paarSpuren kann man außerhalb der Anklageschriften seiner Verfolger finden.Aber es hat tatsächlich existiert.Roms Politik bestand darin, alle Spuren derer auszulöschen, die von seinenLehren und Urteilen abwichen. Es suchte alles Ketzerische, ob Mensch oderSchrift, zu vernichten. Zweifel zu äußern oder die Vollmacht der päpstlichenDogmen zu hinterfragen, genügte, und man hatte sein Leben verwirkt. Dabeiwar es gleich, ob man reich oder arm war, von hohem oder niedrigem Rang.Rom bemühte sich auch, alle Berichte über die Grausamkeiten zu beseitigen,mit der es Dissidenten behandelte. Päpstliche Konzile beschlossen, Bücherund Schriften mit solchen Aufzeichnungen den Flammen zu übergeben. Vorder Erfindung des Buchdrucks gab es ohnehin nur wenige Bücher, und die besaßenkeine lange Haltbarkeit. Daher konnten die Anhänger Roms kaum darangehindert werden, ihren Plan auszuführen.Keine Kirche im Gebiet, für das sich Rom zuständig fühlte, konnte sich längererund ungestörter Gewissensfreiheit erfreuen. Sobald das Papsttum an derMacht war, streckte es seinen Arm aus, um alle zu vernichten, die sich ihm nichtbeugten. So unterstellte sich Kirche um Kirche seiner Oberherrschaft. •15


Kelten, Koptenund ArmenierIn Großbritannien hatte das Urchristentumsehr früh Wurzeln geschlagen.Die Briten nahmen das Evangeliumschon im ersten Jahrhundert an, als es nochnicht vom römischen Abfall angesteckt wordenwar. Die Verfolgung durch heidnischeKaiser, die sich bis an diese fernen Strändeerstreckte, war das einzige Geschenk, dassdie Urgemeinden von Britannien aus Romerhielten. Viele der Christen flohen vorder Verfolgung in England und fanden inSchottland Zuflucht. Von dort gelangte dieWahrheit nach Irland. So wurde sie in allendiesen Ländern freudig aufgenommen.Die iroschottische KircheAls die Sachsen in Britannien eindrangen,gelangte das Heidentum zur Macht.Die Eroberer wollten sich nicht von ihrenSklaven belehren lassen; die Christen warengezwungen, sich in die Berge und wildenMoore zurückzuziehen. Doch das Lichtbrannte weiter, wenn auch zeitweise imVerborgenen. Ein Jahrhundert später schienes von Schottland aus wieder strahlend hellbis auf ferne Inseln.Aus Irland kamen der fromme Columbanund seine Mitarbeiter. Sie scharten die verstreutenGläubigen auf der einsamen InselIona um sich und machten die Insel zumZentrum ihrer Missionsarbeit. Unter diesenEvangelisten war ein Sabbathalter. Aufdiese Weise fand diese Wahrheit Eingangunterm Volk. Eine Schule wurde in Ionagegründet, von ihr wurden Missionare ausgesandt,nicht nur nach Schottland undEngland, sondern auch nach Deutschland,in die Schweiz und sogar nach Italien.Konfrontation mit RomDoch Rom hatte seine Augen auf Britanniengerichtet und war entschlossen, es unterseine Herrschaft zu bringen. Im sechstenJahrhundert machten sich seine Missionarean die Bekehrung der heidnischen Sachsen.Die stolzen Barbaren empfingen sie wohlwollendund wurden zu Tausenden fürden römischen Glauben gewonnen. Als dieArbeit sich ausweitete, trafen die päpstlichenFührer und ihre Bekehrten auf dieUrchristen. Was für ein Gegensatz! Sie wareneinfach, demütig, ihr Charakter, ihreLehre und ihr Verhalten biblisch. Die römischenKatholiken hatten jedoch etwasvon dem Aberglauben, dem Prunk und derÜberheblichkeit des Papsttums an sich.Der Gesandte Roms forderte, dass diesechristlichen Kirchen die Oberherrschaftdes allerhöchsten Bischofs anerkannten.Die Briten erwiderten sanftmütig, sie liebtenzwar alle Menschen, der Papst habejedoch kein Recht, die Kirche zu regieren.Sie könnten ihm nur die Unterwerfung entgegenbringen,die jedem Nachfolger Jesugebührt. Wiederholte Versuche wurden un-16V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


ternommen, sie für Rom zu gewinnen; dochdiese demütigen Christen zeigten lediglichgroßes Erstaunen über den Stolz der römischenBotschafter und antworteten beharrlich,sie würden keinen anderen Meister alsJesus kennen.Nun trat der wahre Geist des Papsttums zuTage. Der römische Führer sagte: »Wenn ihrdie Brüder, die euch Frieden bringen, nichtempfangen wollt, müsst ihr die Feindeempfangen, die euch Krieg bringen. Wennihr mit uns nicht zusammenarbeiten wollt,um den Sachsen den Weg des Lebens zubringen, werdet ihr von ihnen erschlagenwerden.« (J. H. Merle d‘Aubigne, History ofthe Reformation of the Sixteenth Century,b. 17, ch. 2.) Das waren keine leerenDrohungen. Krieg, Intrigen und Täuschungwurden gegen die Zeugen für einen biblischenGlauben eingesetzt, bis die britischenKirchen zerstört oder gezwungenwaren, sich der Autorität des Papstes zuunterstellen.Koptische und armenischeKircheIn Ländern, die außerhalb der ReichweiteRoms lagen, existierten viele Jahr hundertelang christliche Ge meinschaften, die fastgänzlich frei blieben von der päpstlichenVerfälschung. Das Heidentum in ihrerUmgebung hatte mit seinen Irrtümernzwar auch einen verfälschenden Einfluss;doch sie hielten weiter an der Bibel alsoberster Richtschnur des Glaubens undan vielen biblischen Wahrheiten fest. Sieglaubten, dass Gottes Gesetz gültig bleibtund hielten den Sabbat des vierten Gebots.Kirchen dieser Glaubenspraxis existiertenin Zentralafrika und unter den Armeniernin Asien. •Henry Stober - dieschoepfung.eu17


Ursprung derWaldenserHenry Stober - dieschoepfung.euUnter denen, die dem Drängendes Papsttums nicht nachgaben,standen die Waldenseran erster Stelle. Genau in dem Land,in dem das Papsttum seinen Thronaufgerichtet hatte, widerstand manseiner Falschheit und Verdorbenheitam beharrlichsten. Jahrhundertelanghatte die Kirche von Piemont ihreUnabhängigkeit bewahrt; dochschließlich kam die Zeit, als Rom aufseiner Unterwerfung bestand. Nacherfolglosen Kämpfen gegen seineTyrannei, erkannten die Führer dieserKirchen widerwillig die Oberherrschaftdieser Macht an, der die ganze Weltzu huldigen schien.Es gab jedoch einige, die sich derAutorität von Papst und Prälat nichtunterstellen wollten. Entschlossenhielten sie an ihrer Treue zu Gottfest und bewahrten die Reinheit undSchlichtheit ihres Glaubens. EineSpaltung fand statt. Die Anhänger desAlten Glaubens zogen sich zurück;einige verließen die heimischen Alpenund pflanzten die Fahne der Wahrheitin fremden Ländern auf; andere zogensich in schwer zugängliche Täler undin die Felsenfestungen der Bergezurück. Dort bewahrten sie sich ihreFreiheit, Gott zu dienen.Erben derapostolischen KircheDer Glaube, den die WaldenserchristenJahrhunderte lebten und lehrten, standin krassem Gegensatz zu den falschenLehren Roms. Ihr Glaube gründete sichauf das geschriebene Wort Gottes,das wahre Christentum. Doch diesedemütigen Bauern, die ihrer täglichenArbeit als Viehhirten und Weingärtnernachgingen, abgeschieden von derWelt an unbekannten Zufluchtsorten,sie hatten ihren Glauben nichtselbst erdacht, um den Dogmenund Ketzereien der abtrünnigenKirche zu trotzen. Sie folgten nichteinem Glauben, den sie erst kürzlicherworben hatten.Ihre Glaubensüberzeugungen stammtenvon ihren Vätern. Sie tratenfür den Glauben der apostolischenKirche ein – »den Glauben …, der einfür alle Mal den Heiligen überliefertist« (Judas 3). »Die Gemeinde in derWüste« (Apostelgeschichte 7,38) undnicht die stolze Hierarchie auf demThron der Welthauptstadt war diewahre Kirche Jesu, die Hüterin derWahrheitsschätze, die Gott seinemVolk zur Weitergabe an die Weltanvertraut hat. •18V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


Der Sabbat beiden WaldensernZu den Hauptgründen für dieSpaltung der wahren Kirche vonRom gehörte Roms Hass auf denbiblischen Sabbat. Wie in der Prophetievorausgesagt, hat die Papstmacht dieWahrheit zu Boden geworfen undGottes Gesetz in den Staub getreten,während sie menschliche Traditionenund Bräuche erhöht hat. Die Kirchenunter der Papstherrschaft wurdenschon früh dazu gezwungen, denSonntag als heiligen Tag zu feiern.Durch Irrtümer und Aberglauben derdamaligen Zeit waren viele so verwirrt,auch unter Gottes wahrem Volk, dasssie neben dem Sabbat auch noch amSonntag keine Arbeit taten. Doch dasstellte die Leiter der Römischen Kirchenicht zufrieden. Sie forderten nicht nurdie Heiligung des Sonntags, sondernauch die Entheiligung des Sabbats. Mitscharfen Worten kritisierten sie alle, diesich wagten ihn zu ehren. Nur durchFlucht vor der Macht Roms konnte manGottes Gebote in Frieden halten.Die Bibel in derMutterspracheDie Waldenser waren unter den erstenVölkern Europas, die eine Übersetzungder Heiligen Schrift erhielten. Jahrhundertevor der Reformation besaßensie schon Bibelmanuskripte in ihrereigenen Sprache. Sie hatten die unverfälschteWahrheit. Daher wurden siezur besonderen Zielscheibe des Hassesund der Verfolgung.Babylon der ApokalypseSie erklärten die Kirche Romszum abtrünnigen Babylon derApokalypse und widerstanden ihrenVerdorbenheiten unter Einsatz ihresLebens. Unter dem Druck der langeanhaltenden Verfolgung gingen einigeGlaubenskompromisse ein undgaben allmählich ihre charakteristischenGrundsätze auf. Doch anderehielten an der Wahrheit fest. Währendder Finsternis und dem Abfall gab esWaldenser, die Roms Oberherrschaftnicht anerkannten, den Bilderdienst alsGötzendienst ablehnten und den wahrenSabbat hielten. Unter den stärkstenStürmen des Widerstands bewahrtensie ihren Glauben. Obwohl der Speerder Savoyarden sie verwundet und derScheiterhaufen der Römer sie versengthatte, standen sie doch unnachgiebigfür Gottes Wort und seine Ehre ein. •19


Gemeinschaftslebenin den BergenHenry Stober - dieschoepfung.euHinter den erhabenen Bollwerkender Berge – die zu allenZeiten Zufluchtsort derVerfolgten und Unterdrückten gewesenwaren – fanden die Waldenserihren Schlupfwinkel. Hier branntedas Licht der Wahrheit mitten in derFinsternis des Mittelalters weiter. Hierbewahrten Zeugen tausend Jahre langden Glauben der Väter.Gott hatte seinem Volk ein Heiligtummit ehrfurchtgebietender Größe geschaffen,das den gewaltigen, ihnenanvertrauten Wahrheiten entsprach.Für diese Treuen in der Verbannungwaren die Berge ein Symbol derunwandelbaren Gerechtigkeit desHERRN. Wenn sie mit ihren Kinderndie hohen, immer majestätischenGipfel betrachteten, erzählten sie ihnenvon dem Einen, »bei dem keineVeränderung ist, noch ein Schatteninfolge von Wechsel« (Jakobus 1,17).Sein Wort bleibt wie die ewigen Berge.Gott hat sie fest gegründet und mitKraft gegürtet; kein Arm kann sie verrücken,nur der Arm der unendlichenMacht.20V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


Genauso fest gegründet ist sein Gesetz,das Fundament seiner Regierung imHimmel und auf Erden. Der Arm derMenschen kann Mitmenschen umbringenund Leben zerstören; dochsein Arm kann genauso wenig diedes HERRN zu lieben. Sie erlaubtensich kein Murren über die Nöte ihresSchicksals und fühlten sich nieeinsam in der Abgeschiedenheit derBerge. Sie dankten Gott, dass er ihnenAsyl gewährte vor dem Zorn undder Grausamkeit der Menschen, undfreuten sich an ihrer Freiheit, Gott anzubeten.Oft, wenn sie von Feindenverfolgt wurden, boten ihnen dieBerge eine sichere Zuflucht. Von vielenhohen Felsen sangen sie GottPreis, und die Armeen Roms konntenihre Danklieder nicht zum Schweigenbringen.WaldensererziehungBerge aus ihren Fundamenten reißenund ins Meer werfen, wie er auch nureine Vorschrift aus dem Gesetz desHERRN verändern kann oder eine seinerVerheißungen, die denen gelten,die Gottes Willen tun. In ihrer Treue zuseinem Gesetz sollten Gottes Dienerso standhaft sein wie die unwandelbarenBerge.Die Berge, die ihre tiefen Täler säumten,waren ein ständiger Zeuge fürGottes schöpferische Macht und einefeste Zusicherung seiner schützendenFürsorge. Jene Pilger lerntendiese stillen Symbole der GegenwartRein, schlicht und feurig war die Frömmigkeitdieser Nachfolger Jesu. Sieschätzten die Grundsätze der Wahrheitmehr als Häuser, Länder, Freunde,Verwandte, ja das Leben selbst. DieseGrundsätze suchten sie ernsthaft denHerzen der jungen Leute einzupflanzen.Von ihrer frühesten Kindheit wurdendie Jugendlichen in den Schriftenunterrichtet. Man brachte ihnen bei,die Forderungen von Gottes Gesetz alsheilig zu betrachten.Abschriften der Bibel waren selten;daher lernte man ihre wertvollenWorte auswendig. Viele konnten ganzeAbschnitte des Alten und NeuenTestaments aufsagen. Gedanken überGott wurden auch mit den Schönheitender Natur verknüpft und mit den einfachenSegnungen des täglichen Lebens.Kleine Kinder lernten dankbar zu Gottaufzuschauen als dem Geber aller gutenGaben.21


Die Eltern waren liebevoll und warmherzig.Doch ihre Liebe war zu weise, alsdass sie sich ihre Kinder daran gewöhnenließen, zu tun und zu lassen, wassie wollten. Vor ihnen lag ein Leben derPrüfungen und Herausforderungen,vielleicht sogar der Märtyrertod. Siewurden von Kindesbeinen an erzogen,Härten auszuhalten, sich einerFührung zu unterstellen und dennochselbstständig zu denken und zu handeln.Schon sehr früh lehrte man sieVerantwortung tragen, vorsichtig zureden und die Kunst des Schweigenszu beherrschen. Ein unbedachtes Wortbei ihren Feinden konnte nicht nurdas eigene Leben, sondern das vonHunderten Geschwistern gefährden.Denn so wie Wölfe auf ihre Beute lauern,verfolgten die Feinde der Wahrheitalle, die es wagten, Religionsfreiheit zubeanspruchen.Die Waldenser hatten ihren weltlichenWohlstand für die Wahrheit geopfert.Sie arbeiteten geduldig und ausdauerndum ihr tägliches Brot, bearbeitetensorgfältig jedes Fleckchen urbarenBodens in den Bergen; in den Tälernund an den weniger fruchtbarenHängen holten sie größere Ernten ein.Sparsamkeit und strenge Selbstverleugnunggehörten zur Erziehung, diedie Kinder als einziges Erbe empfingen.Ihnen wurde beigebracht, dassGott das Leben als Schule geschaffenhat und dass sie ihre Bedürfnissenur durch persönliche Arbeit, durchVorausdenken, Fürsorge und Glaubestillen könnten. Dieser Prozess warmühsam und ermüdend, aber er warheilsam, und genau das braucht derMensch in seinem gefallenen Zustand,genau das war die Schule, die Gott fürseine Ausbildung und Entwicklungvorgesehen hat. Während die jungenLeute durch Arbeit und Nöte abgehärtetwurden, wurde ihre intellektuelleKultur jedoch nicht vernachlässigt. Sielernten, dass alle ihre Fähigkeiten Gottgehörten und dass sie für seinen Dienstzu steigern und zu entwickeln sind.Waldensergemeinden und-pastorenDie Waldensergemeinden glichen inihrer Reinheit und Schlichtheit denGemeinden der Apostelzeit. Sie lehntendie Vormachtstellung von Papstund Prälat ab und hielten an der Bibelals einziger oberster und unfehlbarerAutorität fest. Ihre Pastoren folgten,anders als die herrischen PriesterRoms, dem Vorbild ihres Meisters, der»nicht gekommen [war], um sich dienenzu lassen, sondern um zu dienen«(Matthäus 20,28).Sie weideten Gottes Herde auf dengrünen Weiden und an den frischenWassern seines heiligen Wortes. Fernvon den Denkmälern menschlichenPrunks und Stolzes versammelte sichdas Volk, nicht in herrlichen Kirchenoder großartigen Kathedralen, sondernunter dem Schatten der Berge, in denAlpentälern oder, wenn Gefahr drohte,in Felsenfestungen, um dem Wort derWahrheit aus dem Mund der DienerJesu zu lauschen. Die Pastoren predigtennicht nur das Evangelium, sie besuchtenauch die Kranken, stellten denKindern Fragen, ermahnten die Sünder22V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


Der Auftrag derWaldenserHenry Stober - dieschoepfung.euWährend die Waldenser dieFurcht des Herrn als Anfangder Weisheit betrachteten,übersahen sie doch nicht, wie wichtiges ist, Kontakt mit der Welt zu haben,die Menschen und das aktive Lebenzu kennen, wenn unser Geist gefordertund unsere Wahrnehmung geschärftwerden soll.WaldenserbotenVon ihren Bergschulen wurden einigejunge Leute an Bildungseinrichtungenin den Städten Frankreichs undItaliens gesandt, wo sich ein breiteresFeld für Studium, Nachdenkenund Beobachten bot als in den heimischenAlpen. Die ausgesandtenJugendlichen waren nun derVersuchung ausgesetzt, sie wurdenZeuge des Lasters und begegnetenSatans gerissenen Agenten, die ihnendie raffiniertesten Irrlehren und gefährlichstenTäuschungen nahebringenwollten. Doch ihre Ausbildungwar von Kindheit an so gewesen, dasssie darauf vorbereitet waren.In den Schulen, in die sie gingen, solltensie niemand zum Vertrauten machen.Ihre Kleidung war so geschneidert,dass sie ihren größten Schatz24V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


– die wertvollen Bibelmanuskripte– darin verbergen konnten. Immerwenn es keinen Verdacht erregte,legten sie vorsichtig einen Teildaraus in den Weg jener, derenHerzen für die Wahrheit offen waren.Schon auf Mutters Schoß waren dieWaldenserkinder auf diese Aufgabevorbereitet worden. Sie verstandenihren Auftrag und erfüllten ihn gewissenhaft.In diesen Bildungsstättenwurden so Menschen für den wahrenGlauben gewonnen. Oft durchsäuertenseine Grundsätze die ganzeSchule. Doch die päpstlichenFührer konnten selbst durch genaueNachforschungen der so genanntenverderblichen Ketzerei nicht auf denGrund gehen.Der Geist Jesu ist ein Missionsgeist.Der allererste Impuls des erneuertenHerzens ist, auch andere zumHeiland zu bringen. Das war der Geistder Waldenserchristen. Sie spürten,dass Gott mehr von ihnen wollte, alsnur seine Wahrheit in ihren eigenenKirchen rein zu erhalten. Eine heiligeVerantwortung ruhte auf ihnen: Siemussten ihr Licht auch denen scheinenlassen, die in der Dunkelheit waren.Durch Gottes mächtiges Wortsuchten sie die Fesseln zu zerreißen,die Rom den Menschen angelegt hatte.WaldensergeistlicheDie Waldensergeistlichen wurden alsMissionare ausgebildet. Jeder der insPredigtamt eintreten wollte, musstezuerst Erfahrung als Evangelistsammeln. Jeder diente drei Jahre imMissionsfeld, bevor er Verantwortungfür eine Kirche daheim übernehmendurfte. Dieser Dienst erforderte vonAnfang an Selbstverleugnung undOpfer – eine angemessene Einführungins Pastorenleben in jener Zeit derSeelenprüfung für die Menschen. DieJugend, die zum heiligen Amt eingesegnetwurde, hatte keine Aussichtauf irdischen Reichtum und Ruhm,sondern auf ein Leben der Arbeit undGefahren, möglicherweise sogar aufdas Martyrium.Die Missionare zogen zu zweit hinauswie Jesu Jünger. Der Begleiter jedesjungen Mannes war in der Regelein älterer und erfahrener Mann,der den Jüngeren anleitete, für seineAusbildung sorgte und dessenAnweisungen der Jüngere folgte.25


Die beiden Kollegen waren nicht immerzusammen, aber sie trafen sichoft zum Gebet und zur Beratung.So stärkten sie sich gegenseitig imGlauben.Das Ziel ihres Auftrags bekannt zumachen, hätte ein Scheitern ihrerMission bedeutet. Daher verbargensie sorgfältig ihre wahre Identität.Jeder Geistliche hatte ein Handwerkoder einen Beruf erlernt. So gingendie Missionare ihrer Arbeit unterdem Deckmantel einer weltlichenBerufung nach. Meist waren sieKauf mann oder Krämer. »Sie führtenSeide, Schmuck oder andere Warenmit sich, die zu jener Zeit nicht leichtzu bekommen waren, nur auf weitentfernten Märkten. So waren sie alsKaufmänner gerne gesehen, wo siesonst als Missionare abgelehnt wordenwären.« (Wylie, b. 1, ch. 7)Die ganze Zeit beteten sie in ihrenHerzen zu Gott um Weisheit, denSchatz vorzustellen, der wertvollerals Gold und Edelsteine ist. Heimlichtrugen sie komplette Abschriftenoder Auszüge der Bibel bei sich. Wosich die Gelegenheit bot, machten sieihre Kunden auf diese Manuskripteaufmerksam. Häufig wurde so dasInteresse an Gottes Wort gewecktund ein Auszug konnte dem überlassenwerden, der dies wünschte.Die Arbeit dieser Missionare begannin den Ebenen und Tälern am Fuß ihrereigenen Berge, aber sie erstrecktesich weit darüber hinaus. Barfuß undwie ihr Meister in rauen und von derReise schmutzigen Gewändern zogensie durch die Großstädte und drangenbis in ferne Länder vor. Überallstreuten sie den kostbaren Samen.Kirchen entstanden auf ihrem Pfadund das Blut der Märtyrer bezeugtedie Wahrheit. Der Tag Gottes wird diereiche Seelenernte offenbaren, diedurch die Arbeit dieser Treuen eingesammeltwurde. Verschleiert undschweigend bahnte sich Gottes Wortseinen Weg durch die Christenheitund wurde in den Heimen undHäusern der Menschen freundlichaufgenommen.Bibel und Erlösungsplan beiden WaldensernDen Waldensern war die HeiligeSchrift nicht nur ein Bericht überGottes Handeln mit den Menschen derVergangenheit und eine Offenbarungder Verantwortlichkeiten und Pflichtender Gegenwart, sondern aucheine Entfaltung der Gefahren undHerrlichkeiten der Zukunft. Sie glaubten,dass das Ende aller Dinge nichtmehr fern war. Unter Gebet undTränen studierten sie die Bibel. Vonihren wertvollen Aussagen waren siebeeindruckt. Sie konnten nicht anders,als ihre rettenden Wahrheitenanderen bekannt zu machen.Deutlich sahen sie den Erlösungsplanauf den heiligen Seiten offenbart. ImGlauben an Jesus fanden sie Trost,Hoffnung und Friede. Als das Licht ihrVerständnis erleuchtete und ihr Herzerfreute, sehnten sie sich danach, dieStrahlen auf jene scheinen zu lassen,die sich in der Finsternis des päpstlichenIrrtums befanden. •26 V e r s ö h n u n stag g August 2012


Zwei gegensätzlicheFrömmigkeitsstileHenry Stober - dieschoepfung.euDie Waldenser sahen, dass sich unter der Führung von Papst und Priester Massenumsonst bemühten, Vergebung zu finden, indem sie ihre Leiber wegen der Sündeihrer Seelen kasteiten. Man hatte ihnen beigebracht, sich auf ihre guten Werke zuverlassen. So schauten sie ständig auf sich. Ihre Gedanken kreisten um ihren eigenen sündigenZustand, sie sahen sich selbst Gottes Zorn ausgeliefert, kasteiten Seele und Körper,fanden aber keine Erleichterung. Viele gewissenhafte Seelen standen so völlig im Bannder Lehren Roms.Tausende ließen ihre Freunde und Verwandten im Stich, um ihr Leben in Klosterzellenzu verbringen. Durch häufig wiederholtes Fasten und grausames Geißeln, durchGebetsnächte und durch stundenlanges ermüdendes Knien auf den kalten, feuchtenSteinen ihrer trostlosen Zellen, durch lange Pilgerreisen, demütigende Bußübungen undfurchtbare Quälereien suchten Tausende vergeblich Frieden für ihr geplagtes Gewissen.Niedergedrückt von Schuldgefühlen, getrieben von der Furcht eines Rachegottes litten27


viele so lange, dass die erschöpfte Naturnachgab und sie ohne einen Licht- oderHoffnungsstrahl ins Grab sanken.Die Waldenser sehnten sich danach, diesenhungernden Seelen das Lebensbrot zubrechen, ihnen die Botschaft des Friedensin Gottes Verheißungen zu zeigen und sieauf den Messias als einzige Heilshoffnungzu verweisen. Die Lehre, dass gute Werkedie Übertretung von Gottes Gesetz wiedergutmachen könnten, betrachteten sie alsWeiterentwicklung einer Lüge. Wer sich aufmenschliche Verdienste verlässt, kann Jesuunendliche Liebe nicht erkennen. Jesusstarb als Opfer für den Menschen, weil diegefallene Menschheit nichts tun kann, umsich bei Gott zu empfehlen.Die Lehren der Päpste und Priester hattendie Menschen dahin geführt, dass sieGottes und sogar Jesu Wesen als streng,düster und abschreckend betrachteten. DerHeiland wurde so dargestellt, als hätte er sowenig Mitgefühl für den Menschen in seinemgefallenen Zustand, dass man Priesterund Heilige als Mittler anrufen müsse.Alle, die von Gottes Wort erleuchtet waren,sehnten sich danach, diesen Menschen zusagen, dass Jesus ihr mitfühlender, liebenderHeiland ist, dass er mit ausgebreitetenArmen alle einlädt, ihre Sündenlast, Sorgeund Müdigkeit zu ihm zu bringen. Sie sehntensich danach, die Hindernisse zu beseitigen,die Satan aufgetürmt hatte, damitMenschen die Verheißungen nicht sehen,aufgrund derer sie direkt zu Gott kommen,ihm ihre Sünden bekennen und Vergebungund Frieden finden können.Eifrig entfaltete der Waldensermissionardem Wissbegierigen die kostbarenWahrheiten des Evangeliums. Vorsichtigholte er die sorgfältig geschriebenenAuszüge der Heiligen Schrift hervor. Eswar seine größte Freude der gewissenhaften,sündengeplagten Seele Hoffnungzu schenken, sah sie doch nur einenRachegott, der darauf wartete, sein Gerichtzu vollstrecken. Mit bebenden Lippen,Tränen in den Augen und oft auf Knieneröffnete er seinen Brüdern die kostbarenVerheißungen, die des Sünders einzigeHoffnung offenbaren.So drang das Licht der Wahrheit in dieFinsternis vieler Herzen und schob diedüstere Wolke zurück, bis die Sonne derGerechtigkeit mit ihren heilenden Strahlenins Herz schien (Maleachi 3,20). Oft wurdeein Schriftabschnitt wieder und wiedergelesen, als verlange der Zuhörer nachBestätigung, dass er richtig gehört hatte.Besonders folgende Worte wollte man immerwieder hören: »Das Blut Jesu Christi, seinesSohnes, reinigt uns von aller Sünde.« (1.Johannes 1,7) »Und wie Mose in der Wüstedie Schlange erhöhte, so muss der Sohn desMenschen erhöht werden, damit jeder, deran ihn glaubt, nicht verlorengeht, sondernewiges Leben hat.« (Johannes 3,14.15)Es gab auch viele, die sich von RomsAnsprüchen nicht hinters Licht hatten führenlassen. Sie sahen, wie vergeblich dieVermittlung von Menschen oder Engeln zuGunsten des Sünders ist. Als ihnen das wahreLicht bewusst wurde, riefen sie jubelndaus: »Jesus ist mein Priester; sein Blut istmein Opfer; sein Altar ist mein Beichtstuhl.«Sie vertrauten sich völlig den VerdienstenJesu an und wiederholten die Worte: »OhneGlauben ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen.«(Hebräer 11,6) »Es ist kein andererName unter dem Himmel den Menschengegeben, in dem wir gerettet werden sollen!«(Apostelgeschichte 4,12)28V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


Die Gewissheit eines liebenden Heilandsschien einigen dieser armen, vom Sturm gebeuteltenSeelen zu viel zu sein. So groß wardie Erleichterung, die sie spürten, in solcheinem Flutlichtkegel standen sie plötzlich,dass sie sich in den Himmel erhoben fühlten.Sie legten ihre Hände vertrauend inJesu Hand, stellten ihre Füße auf den Felsdes Heils. Alle Todesfurcht war verbannt.Gefängnis und Scheiterhaufen sehnten sieförmlich herbei, um dadurch den Namenihres Erlösers zu ehren.An geheimen Orten wurde Gottes Wort herausgeholtund vorgelesen, manchmal einemEinzelnen, ein andermal einer kleinenGruppe, die sich nach Licht und Wahrheitsehnte. Oft wurde auf diese Weise die ganzeNacht verbracht. Das Staunen und dieBewunderung der Zuhörer war häufig sogroß, dass der Bote der BarmherzigkeitPausen machen musste, damit dieHeilsbotschaft verstanden werden konnte.Häufig hörte man Worte wie: »Wird Gottmein Opfer wirklich annehmen? Wird ermir gnädig sein? Wird er mir vergeben?« AlsAntwort wurde gelesen: »Kommt her zu miralle, die ihr mühselig und beladen seid, sowill ich euch erquicken.« (Matthäus 11,28)Der Glaube hieß die Verheißung begeistertwillkommen und man hörte die Antwort:»Keine langen Wallfahrten mehr, keinePilgerreisen zu heiligen Schreinen! Ich kannzu Jesus kommen, wie ich bin, sündig undunheilig. Er wird mein Reuegebet erhören.›Deine Sünden sind dir vergeben.‹ Mir, sogarmir, kann vergeben werden!«Heilige Freude strömte ins Herz und derName Jesu wurde durch Lob und Dank verherrlicht.Diese glücklichen Seelen kehrtenin ihre Heimat zurück, um dort das Licht zuverbreiten und andern so gut sie konntenihre neue Erfahrung weiterzuerzählen. Siehatten den wahren und lebendigen Weggefunden. Es lag eine merkwürdige undfeierliche Kraft im Wort der Heiligen Schrift.Sie sprach die Herzen der Wahrheitssucherdirekt an. Es war Gottes Stimme, die allenHörern ins Mark drang.Der Wahrheitsbote ging seinen Weg,doch seine demütige Erscheinung, seineAufrichtigkeit, sein Ernst und tiefer Eifer warenoft Gesprächsthema. Häufig hatten dieZuhörer nicht gefragt, woher er kam undwohin er zog. Sie waren so überwältigt, erstvor Überraschung und später vor Dank undFreude, dass sie nicht daran gedacht hatten,ihn zu fragen. Als sie ihn zu sich nach Hauseeingeladen hatten, hatte er geantwortet, ermüsse die verlorenen Schafe der Herde besuchen.War es ein Engel vom Himmel gewesen?So fragten sie.In vielen Fällen ward der Bote der Wahrheitnicht mehr gesehen. Er war in andereLänder weitergezogen oder fristete seineletzten Tage in einem unbekannten Kerker.Vielleicht blichen seine Knochen auch schondort, wo er für die Wahrheit Zeugnis abgelegthatte. Doch die Worte, die er hinterlassenhatte, ließen sich nicht auslöschen. Sievollbrachten ihr Werk in den Herzen derMenschen. Erst im Jüngsten Gericht werdendie gesegneten Ergebnisse vollständig bekanntwerden. •Henry Stober - dieschoepfung.eu29


Rom schlägt zurückDie Waldenserboten drangenins Reich Satans ein. Das rütteltedie Mächte der Finsterniszu größerer Wachsamkeit auf. JederVersuch, die Wahrheit zu verbreiten,wurde vom Fürst des Bösen beobachtetund weckte die Furcht seiner Agenten.Die päpstlichen Führer sahen ihreSache von der Arbeit dieser demütigenWanderer bedroht. Wenn das Licht derWahrheit ungehindert scheinen konnte,würde es die dunklen Wolken desIrrtums auflösen, die das Volk einhüllte.Es würde die Gedanken der Menschenauf Gott allein lenken und schließlichdie Vormachtstellung Roms beenden.Schon allein die Existenz dieses Volks, dasam Glauben der Urgemeinde festhielt,war ein ständiges Zeugnis gegen RomsAbtrünnigkeit. Deshalb löste es bitterstenHass und heftigste Verfolgung aus.Ihre Weigerung die Heilige Schrift abzugeben,war ein weiteres Verbrechen,das Rom nicht tolerieren konnte. Es warentschlossen, sie vom Erdboden auszulöschen.Jetzt begannen die schlimmstenKreuzzüge gegen Gottes Bergvolk.Inquisitoren wurden auf sie angesetzt.Das Schauspiel des unschuldigen Abels,der durch den Mörder Kain umkam, wiederholtesich häufig.Immer wieder wurden ihre fruchtbarenÄcker verwüstet, ihre Behausungenund Kapellen weggefegt, sodass nurWüste blieb, wo einst blühende Felderund Heime eines unschuldigen undarbeitssamen Volkes standen. Wiedas gefräßige Tier wilder wird, wennes Blut leckt, wurde auch der Zornder Papstanhänger durch das Leid ihrerOpfer immer größer. Viele dieserZeugen für einen reinen Glauben wurdenüber die Berge verfolgt und bis indie Täler gejagt, in denen sie sich versteckten,verborgen von mächtigenWäldern und Bergzinnen.Keine Anklage konnte gegen den moralischenCharakter dieser verachtetenKlasse erhoben werden. Selbst ihreFeinde erklärten, sie seien ein friedfertiges,stilles, frommes Volk. Ihr großesVerbrechen war, dass sie Gott nichtim Sinne des Papstes dienen wollten.Für dieses Verbrechen erlitten sie jedeDemütigung, Beleidigung und Qual,die sich Menschen oder Teufel auch nurerdenken können.Die KetzerbulleAls Rom einmal entschlossen war, dieverhasste Sekte auszurotten, erließder Papst eine Bulle, die sie als Ketzerbrandmarkte und sie dem Gemetzelpreisgab. Sie galten nicht als faul, unehrlichoder unordentlich, aber alsscheinfromm und scheinheilig unddaher als Verführung für »die Schafeder wahren Herde«. Daher ordneteder Papst an, »dass die heimtückischeund abscheuliche Sekte der Bösen wieGiftschlangen zertreten werden solle«,30V e r s ö h n u n stag gAugust 2012


falls sie »nicht abschwöre«. (Wylie, b. 16,ch. 1) Ob dieser hochmütige Herrscherdamit rechnete, seinen eigenen Wortenwiederzubegegnen? Wusste er, dass siein den Himmelsbüchern aufgezeichnetwurden, um im Gericht verlesenzu werden? »Was ihr einem dieser meinergeringsten Brüder getan habt«,sagte Jesus, »das habt ihr mir getan!«(Matthäus 25,40)Die Bulle rief alle Kirchenglieder dazuauf, sich dem Kreuzzug gegen dieKetzer anzuschließen. Als Anreiz, sichan diesem grausamen Werk zu beteiligen,»sprach sie von allen kirchlichenallgemeinen und besonderen Bußenund Strafen frei; befreite alle, die sichdem Kreuzzug anschlossen von jedemSchwur, den sie womöglich geleistethatten; legalisierte Besitz, derillegal erworben wurde und versprachjedem, der einen Ketzer umbrachte,Vergebung aller Sünden. Sie annulliertealle Verträge, die zu Gunsten vonWaldensern abgeschlossen wurden,befahl allen Hausangestellten sie zuverlassen, verbot allen Personen, sie inirgendeiner Form zu unterstützen undbevollmächtigte alle Personen sich anihrem Eigentum zu bedienen.« (Wylie,b. 16, ch. 1) Dieses Dokument offenbartdeutlich den Geist dessen, der hinterden Kulissen die Fäden zog. Das Brüllendes Drachen, nicht die Stimme Jesu,war hier zu hören.Die päpstlichen Führer änderten ihrWesen nicht, um dem großen Maßstabvon Gottes Gesetz zu entsprechen, sondernsie richteten einen Maßstab auf, derihnen passte. Sie entschlossen sich, allezu zwingen, sich nach diesem Maßstabzu richten, weil Rom es so wollte. Dieschlimmsten Tragödien ereignetensich. Verdorbene und blasphemischePriester und Päpste führten das Werkaus, zu dem Satan sie beauftragte. DieBarmherzigkeit fand hier keinen Raum.Derselbe Geist, der Jesus kreuzigte unddie Apostel umbrachte, derselbe Geist,der den blutrünstigen Nero gegen dieTreuen seiner Zeit hetzte, war am Werk,um die Erde von denen zu befreien, dieGott liebte.Samen der ReformationDie Verfolgungen, die dieses gottesfürchtigeVolk viele Jahrhunderteerlitt, ertrug es in einer Geduld undStandhaftigkeit, die ihren Erlöser ehrte.Trotz der Kreuzzüge gegen sie unddem unmenschlichen Gemetzel, demnicht wenige zum Opfer fielen, sandtensie weiter ihre Boten aus, um diekostbare Wahrheit zu verbreiten. Siewurden zu Tode gejagt, doch ihr Blutwässerte die gesäte Saat und brachteFrucht. So zeugten die Waldenserfür Gott schon Jahrhunderte, bevorMartin Luther geboren wurde. Überviele Länder verstreut, säten sie dieSamen der Reformation, die in der Zeitvon John Wyclif begann, in den TagenMartin Luthers tiefer und breiter wurdeund bis zum Ende der Zeit weitergeführtwerden muss von allen, die bereitsind alles zu erleiden, »um des WortesGottes und um des Zeugnisses JesuChristi willen.« (Offenbarung 1,9) •Gesamter Text dieser Ausgabe:The Great Controversy, Seite 49-7831


NEWSTARTCENTERJohann-Neusch-Passage 179336 HerbolzheimFon: (+49) 07643 - 933-1010Fax: (+49) 07643 - 933-1012e-Mail: info@newstartcenter.dewww.bucheinkaufen.deDer Text in dieser Zeitschrift stammt aus dem Bestseller TheGreat Controversy der Autorin Ellen Gould White (1827­1915). ImDeutschen sind folgende Versionen des Buches erhältlich:Das FinaleDie gekürzte Fassungin modernem DeutschAdvent-Verlag Lüneburg, D431 Seiten, paperbackDer große KonfliktBebilderte missionsausgabeGihon publishing, D608 Seiten, paperback,(kleines odergroßes Format)Der große Konflikt, Teil 2Stark bebildertØko-Tryk, DK239 Seiten,paperback (größeres Format)Der große Konflikt, HörbuchGelesen von Klaus BruckmeierNewStartCenter, DCD im mp3-FormatDer große Konflikt, in AuszügenBebildertØko-Tryk, DK254 Seiten, paperbackVom Schatten zum Lichtungekürzte premiumversionBebildert und neu übersetztTop Life Center, A525 Seiten, Hardcover, 29,00 €oder704 Seiten, paperback, 7,00 €WWW.NeWSTARTCeNTeR.De . WWW.ADVeNTISTBOOKCeNTeR.AT

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