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Eva HoffmannGoethe aus Goethe gedeutet


Goethe aus Goethe gedeutet


Eva HoffmannGoethe aus Goethe gedeutet2. Auflage


Titelbild: Fresko von Stabia/ Flora, Der FrühlingMuseo Archeologico Nazionale, NeapelBibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.2., durchgesehene Auflage 20111. Auflage 2009© 2011 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 · D-72070 TübingenDas Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmungdes Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischenSystemen.Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Werkdruckpapier.Internet: http://www.francke.deE-Mail: info@francke.deSatz: Satzpunkt, BayreuthDruck und Bindung: Hubert&Co., GöttingenPrinted in GermanyISBN 978-3-7720-8413-3


MAGISTRIS TRIBUSPATRI · PAULO · POETAE


Inhaltsverzeichnis1. „Warum ist Wahrheit fern und weit?…“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52. Trilogie der Leidenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153. Pandora . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1014. Der Bräutigam. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1385. Namen, Parechese und Paronomasie, Buchstaben. . . . . . . . . . . . . . . . . 1576. „Vergangenheit und Gegenwart in Eins“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1657. Die Zahl Sieben. Harzreise im Winter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1858. Sonette . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2109. Das geopferte Mädchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24910. Helena . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25811. Andere Grenzüberschreitungen in Faust II. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27012. Śakuntalā. Indisches Vor-Bild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29813. Das Nußbraune Mädchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31814. Makarie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34115. Wandrer und Pächterin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35316. Das Märchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37017. West-östlicher Divan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42118. Chaos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47119. Kästchen und Schloß; Schlüssel und „Schlüssel“. . . . . . . . . . . . . . . . . . 56020. Himmel: Firmament und Paradies . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 586Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 612Goethe-Ausgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 613Benutzte Primär- und Sekundärliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 613Personenregister. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 626Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6303


1. „Warum ist Wahrheit fern und weit? …“Dieses Buch geht, wie der Titel sagt, von Goethe aus. Es versucht, seinen Intentionennachzudenken. Über alles von ihm in Worte Gefaßte liegt eine unübersehbareMenge von Literatur vor. Sollte man – dies nun eine Frage, die sich gleich zuBeginn dieser Arbeit vor über dreißig Jahren stellte – sollte man, wenn man einemDichter auch als Person gerecht zu werden sucht und seine Absichten zu bedenkentrachtet, das, was er bewußt nicht klar ausgesprochen oder worüber ergeschwiegen 1 hat, im Zwielicht belassen oder könnte es in mehrfachem Sinne dasRechte sein, aufzugreifen, was zwischen den Zeilen steht? Den Ausschlag gebendie unzähligen und vielfältigen Andeutungen und Hinweise von Goethe selbst,die über das gesamte Werk verstreut sind und, einmal als solche wahrgenommen,den „Enkeln“ 2 eine Botschaft bereitgelegt haben: jene von der Nachwelt immerwieder zitierten und dennoch nie befriedigend zusammengefügten „Bruchstückeeiner großen Konfession“. In zwiefachem Wortsinn 3 verstanden, wird sich diese„Konfession“ auf Goethes Leben wie auch auf seine Religiosität beziehen lassen,vorausgesetzt, man nimmt die leisen Zeichen auf, die er zu geben nicht müdewurde. Ihre Relationen untereinander fügen sich zu einem Netzwerk, das dieganze Dichtung durchzieht, unleugbar vorhanden für jeden, dem es, einmalgewahr geworden, eine neue Dimension in Goethes Leben und Werk aufschließt.Dabei muß festgehalten werden, daß diese Arbeit ihren eigenen, auf Wegweiserdes Dichters ausgerichteten Pfad geht und dabei keinerlei Versuch macht, Andersmeinendebzw. gängige Überlieferungen zu widerlegen. Daß aufgenommeneErkenntnisse anderer Autoren unter allen Umständen angegeben werden, verstehtsich von selbst. Grundsätzlich soll Goethe vor allem aus Goethe selbst erklärtwerden.Dementsprechend gilt es als eine der wesentlichen Voraussetzungen dieser Studie,daß Goethe nach eigenen Aussagen schrieb, was er erlebt, wenn auch nichteben so, „wie er es erlebt“ habe 4 , und nichts, das ihm nicht „auf die Nägel brannteund zu schaffen machte“ 5 , wie er ja auch „Liebesgedichte nur gemacht [habe],wenn [er] liebte“ 6 . Ja, er geht so weit, von „der neuesten Ausgabe meiner Lebensspuren“zu sprechen, „welche man, damit das Kind einen Namen habe, Werke zunennen pflegt.“ 7 Daß für Goethe die Identität von ‚lyrischem Ich’, ‚dramatischemIch’ (auch aufgeteilt auf Personen, ja gerade auf Antagonisten), ‚Erzähler-Ich’, mitdem ‚auktorialen Ich’ legitimerweise für sein Schaffen durch alle Lebensabschnit-1 Vgl. Josef Pieper, Über das Schweigen Goethes, München 1951.2 „Erwachsne gehn mich nichts mehr an, / Ich muß jetzt an die Enkel denken“. („Ist denn dasklug“, Zahme Xenien I; FA 2, S. 621.)3 Vgl. „Bekenntnis heißt nach altem Brauch / Geständnis wie man’s meint; / […]“ FA 2, S. 726.4 Eckermann, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens. Vollständiger Text nach dem24. Band der Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche Johann Wolfgang Goethes, Zürich 1976.17. Februar 1830. S. 395.5 Eckermann, 14. März 1830; a. a. O., S. 733.6 Ebd.7 An Zelter, 23. Januar 1815. FA 34, S. 400.5


te hindurch angenommen werden darf, hat er selbst insofern nahegelegt, als er inspäten Jahren in Dichtung und Wahrheit bereits hinsichtlich der Leipziger Zeit(1765–1768) schreibt:Und so begann diejenige Richtung, von der ich mein ganzes Leben übernicht abweichen konnte, nämlich dasjenige was mich erfreute oder quälte,oder sonst beschäftigte, in ein Bild, ein Gedicht zu verwandeln und darüber mitmir selbst abzuschließen, um sowohl meine Begriffe von den äußeren Dingenzu berichtigen, als mich im Innern deshalb zu beruhigen. Die Gabe hierzu warwohl Niemand nötiger als mir, den seine Natur immerfort aus einem Extremein das andere warf. Alles was daher von mir bekannt geworden, sind nurBruchstücke einer großen Konfession, welche vollständig zu machen diesesBüchlein ein gewagter Versuch ist. 8Aber obwohl alles von Goethe Mitgeteilte auf Lebenserfahrung beruhte 9 , wie er ineinem wichtigen Brief festhält, geschah solche Mitteilung, wie erwähnt, in ihrem„Wie“ verändert, geschah sie auf mannigfache Weise verschlüsselt. Fragen wir,welche Mittel der Dichter einsetzte, um auf ein im Mitgeteilten Verborgenes hinzuweisen,so finden wir eine Vielzahl von Praktiken, die dem Zweck dienen,Geheimnisse zu umkreisen. Eine wesentliche, immer wieder angewandte Methode,ist die der Analogie. So stellt Goethe fest:Mittheilung durch Analogieen halt ich für so nützlich als angenehm; der AnalogeFall will sich nicht aufdringen, nichts beweisen, er stellt sich einem andernentgegen, ohne sich mit ihm zu verbinden: Mehrere analoge Fälle vereinigensich nicht zu geschlossenen Reihen, sie sind wie gute Gesellschaft die immermehr anregt als giebt. 10Wieder spricht Goethe hier von „Mitteilungen“, von Erlebtem. Dieser Verhaltenheitder Vermittlung von Inhalten entspricht auf der Ebene des Stils die Litotesoder Untertreibung. Ein Brief an Schiller klärt darüber auf:[…] Der Fehler, den Sie mit Recht bemerken, kommt aus meiner innerstenNatur, aus einem gewissen realistischen Tic, durch den ich meine Existenz,meine Handlungen, meine Schriften den Menschen aus den Augen zu rückenbehaglich finde. So werde ich immer gern incognito reisen, das geringere Kleidvor dem bessern wählen, und, in der Unterredung mit Fremden oder Halbbekannten,den unbedeutendern Gegenstand oder doch den weniger bedeutendenAusdruck vorziehen, mich leichtsinniger betragen als ich bin […]. 11Gemäß seinem Analogie-Denken suchte und fand Goethe auch in Leben undWerk früherer Dichter der verschiedensten Zeiten und Zonen Parallelen zu seinemeigenen Leben, was er zuweilen bloß mit Zitaten anzeigte, die der Leser8 DuW II, 7; FA 14, S. 309 f.9 An Carl Jacob Ludwig Iken, 27. Sept. 1827; HA Briefe 4, S. 250.10 Sprüche in Prosa; FA 13, S. 77 (1.521; H 1247), s. auch: „Nach Analogien denken ist nicht zuschelten; […]” ebd., S. 44 (1.282; H 532).11 9. Juli 1796; Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe. Nach den Handschriften des GoetheundSchiller-Archivs herausgegeben von Hans Gerhard Gräf und Albert Leitzmann, Frankfurta. M. / Wien / Zürich 1964. S. 179 f.6


erkennen sollte. Auf diese Weise konnte Goethe problemlos an bereits vorgegebeneSituationen anknüpfen. Meist ließ er es aber nicht dabei bewenden, sondernüberbot in solchen Fällen die Haltung des Vorgängers oder setzte einer negativenEinstellung eine eigene, positive, entgegen. Selber sprach er von „WiederholtenSpiegelungen“ (von denen später noch die Rede sein wird) oder er nannte solcheSichtweise in eigener Wortschöpfung „symphronistisch“ 12 , um mit dieser Bezeichnungdas rein Gedankliche, ‚Logische’ der Analogie durch den Einschluß desGemütes (φρήν) zu erweitern. Analogie oder, eben umfassender, Symphronismusgab Goethe auch die Möglichkeit, sich selbst oder geliebte Mitmenschen in mythische,allegorische oder Figuren der Literatur zu projizieren und so aus der Zeit zuheben.Des weiteren konnte er, Petrarca nachfolgend, Namen verschlüsselt in seineDichtung übernehmen oder sie in parechetischer Abwandlung in Teile trennen,um sie so in verschiedenster Variation, auch übersetzt, als Chiffren zu verwenden.Er spielte etymologisch mit Namen seiner Umwelt, holte aus Wortfeldern, denensie angehören, Chiffren zu seinem Gebrauch, gelegentlich auch hier in Übersetzungin eine andere Sprache. Zudem wurden ihm in der Nachfolge Dantes undPetrarcas auch gewisse Zahlen bedeutsam.Geheimes sollte verhüllt bleiben, aber dennoch die Möglichkeit seiner Aufdekkungbieten. Fingerzeige auf ‚verborgene Wahrheit’ hat Goethe immer wiedergegeben, und im folgenden seien einige wenige seiner Hinweise auf Thesen undMethoden herausgegriffen:Das Wahre ist gottähnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir müssen es ausseinen Manifestationen erraten. (Aus: Makariens Archiv 13 .)Es ist nicht immer nötig daß das Wahre sich verkörpere; schon genug, wennes geistig umher schwebt und Übereinstimmung bewirkt; wenn es wie Glokkentonernst-freundlich durch die Lüfte wogt. (Aus: Betrachtungen im Sinne derWanderer 14 )Die beiden Aphorismen aus den Wanderjahren von 1829 verhelfen zu einem besserenVerständnis des folgenden, wesentlich früher entstandenen Gedichts, indem Goethe auf kleinstem Raum Einblick in einige seiner immer wieder angewandtensprachlichen Kunstmittel gewährt. Dabei handelt es sich um Anklängean Schriften, die als bekannt vorausgesetzt werden können, wie um heimlicheWortspiele, um eine immer wieder thematisch mittels Buchstabenkombinationeneingesetzte Sprachmusik, besonders auch um Metrik als Ausdrucksmittel und umbezeichnete wie auch um unausgesprochen belassene Symbole:„Warum ist Wahrheit fern und weit?Birgt sich hinab in tiefste Gründe?“Niemand verstehet zur rechten Zeit! –Wenn man zu rechter Zeit verstünde;12 WMWJ, 2, 2; FA 10, S. 425, Z. 7.13 FA 10, S. 746, Nr.3; auch in Sprüche in Prosa, FA 13, S. 53, (1. 333; H 619).14 FA 10, S. 561, Betrachtungen im Sinne der Wanderer, Nr. 26; auch FA 13, S. 40 (1. 250; H 466).7


So wäre Wahrheit nah und breit,Und wäre lieblich und gelinde. (West-östlicher Divan, Buch der Sprüche 15 )Das Gedicht scheint Aussagen der Sprüche schon vorwegzunehmen und poetischdarzustellen. Seine Frage setzt die Existenz der Wahrheit nicht in Zweifel, sonderngilt dem Grund ihrer Verborgenheit, entsprechend der etymologischen Deutungvon ἀλήθεια als der ‚Unverborgenheit’! Ihre Existenz wird also a priori vorausgesetztund, indem sie vermißt wird, auch ihr wohltuendes Wesen. Die Antwort, dieder Dichter gibt, weist auf mangelndes Verständnis der Menschen und klingt anden Vers des Johannes-Evangeliums an: „Und das Licht scheinet in der Finsternis,und die Finsternis hat es nicht begriffen.“ 16 . Im Gedicht liegt jedoch der Akzent aufdem Zeitpunkt: „Niemand versteht zur rechten Zeit!“ Und eben diese Zeitbestimmungwird in leichter Variation, ins Allgemeine gehoben, in der nächsten Zeilenoch wiederholt, in Form der Protasis eines potentialen Konditionalsatzes: „Wennman zu rechter Zeit verstünde“. Der Doppelpunkt danach hat starken Verweisungscharakterund leitet über zu der die Möglichkeitsform weiterhaltenden Apodosismit ihrem hoffnungsvollen „So“.Die wenigen Verse sind mit einer ganzen Reihe von Wortspielen durchsetzt, diedie „Wahrheit“ musikalisch umkreisen. Bereits der Beginn des Gedichts bringt im„Warum“ einen Vorklang mit Assonanz und Alliteration, so daß dem Wort „Wahrheit“schon phonetisch der Weg bereitet scheint. In von ‚a’ zu ‚ä’ abgeschwächterVariation wiederholt sich der Vorgang in der fünften Zeile: „So wäre Wahrheit[…]“,mit einem Nachklang in der sechsten und letzten, wo „wäre“ wieder die gleichePosition in Vers und Metrum innehat, jetzt aber ohne das Wort „Wahrheit“: DieVerborgenheit hat sich also auf der sprachlichen Ebene noch intensiviert. Unddennoch verstärkt sich die Gewißheit ihrer tröstlichen Eigenschaften. Vom Gehaltund von den Phonemen angeregt, stellt sich, als von einem möglichen Keimpunktdes Gedichts die klangliche Assoziation eines Verses aus den Psalmen ein: „Dennder Herr ist freundlich und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für undfür.“ 17 Aber es gibt mehr zu entdecken: die im Sprachgebrauch gängigen Wortfolgenvon ‚nah und fern’, und ‚weit und breit’ erscheinen hier gegenseitig verstelltzu „fern und weit“ (v. 1) und „nah und breit“ (v. 5). Im Leser klingt das erwartetePartnerwort ohne eigenes Zutun auf. Das fehlende ‚nah’ (zu „fern“) im tautologischen„fern und weit“ reflektiert in seinem Ausbleiben intensivierend die Abwesenheitder Wahrheit. Im fünften Vers geschieht das Umgekehrte: zu „nah“ assoziierenwir unwillkürlich das „fern“ der ersten Zeile; vor „breit“ fügt sich das obenebenfalls schon genannte „weit“, wobei die Wortpartner sich im Vergleich zuVers 1 gewandelt haben und nun nicht mehr auf Trennung weisen, sondern aufuniverselle Gegenwart: „nah und breit”, eine an sich ungelenke und daher Aufmerksamkeitfordernde Wortverbindung, vereint verheißungsvoll nun beides:„nah und fern“ und „weit und breit“. Es ist, als schwinge der Klöppel einer Glockeleise hin und her.15 FA 3/1, S. 64; (hier Z. 4 des Gedichts zitiert nach der minimal veränderten Version im Brief anSulpiz Boisserée vom 1. Mai 1818, HA Briefe 3, S. 429, an Stelle der buchstabengetreuen Wiederholungder Zeitbestimmung von Z. 3).16 Joh. 1. 5.17 Psalm 100, 5.8


Auf der Ebene des Satzes vollzieht sich ein Ähnliches. Zunächst einmal wandeltsich das negierende Pronomen „niemand“ der dritten Zeile zum positiven „man“der vierten. Sodann wechseln Prädikat und Zeitbestimmung in diesem Verspaarihren Ort; aus „Niemand versteht zur rechten Zeit! –“ wird „Wenn man zu rechterZeit verstünde“ – auch hier die Bewegung des ‚Glockenklöppels’ diesmal im Platztauschvon Verb und Adverbiale. Dabei wandelt sich das klanglich blasse, wennauch durch seinen Indikativ bestimmtere, jedoch negierte „versteht“ zum immerhinpotentialen „verstünde“, das mit seiner volleren Intonation, der stärkerenAkzentuierung am Versende und seinem auf die utopisch-klimaktische Schlußzeilehinzielenden Reim Hoffnung erweckt.Der „Glockenton, der ernst-freundlich durch die Lüfte wogt“ – man denke andas befreiende Läuten der Osterglocken in Faust – manifestiert sich auch imMetrum. Der ansteigende Klang der vierhebigen Jamben, den der erste Verszunächst modellhaft kirchenlied-ähnlich darstellt (etwa wie in „Ein’ feste Burg istunser Gott“) wird unterbrochen. Die Verse 2 bis 4 kennzeichnet ein anderesMetrum: sie setzen jeweils mit einem Choriambus ein, ehe sie das jambische Versmaßweiterführen. Eine zweite Glocke scheint sich dazugesellt zu haben. Zu Endedes Gedichts stellt sich der steigende rein jambische Rhythmus des Beginns wiederher, die beiden Endverse sind von ihm getragen, das ‚Wogen’ hat aufgehört, bevordas Gedicht nun in Ruhe ausklingt.Wenn man sich nun den einzelnen Lauten zuwendet, bemerkt man das alliterierende‚w’, das im ersten Vers mit „Warum“ und „weit“ das Wort „Wahrheit“umrahmt, mit „Wenn“ den vierten einleitet, dann im fünften in „wäre Wahrheit“wieder aufscheint, innerlich ergänzt durch das ‚w’ in ‚weit’, das wir bei „breit“mitdenken, und letztlich nochmals aufgenommen im nur wenig betonten „wäre“des letzten Verses. Es ist, als nähme man anfangs und am Ende, da die Jambenihren regulären Ablauf nehmen und das ‚Wogen’ noch nicht oder nicht mehrerklingt, das Wehen des Luftstroms wahr, den die Glocke erzeugt. Ferner: wennvon der Wahrheit, ihrem Tun oder Sein, die Rede ist, taucht der helle ‚i’-Laut auf,eingeführt durch den Diphthong ‚ei’, der phonetisch ja ‚a’ und ‚i’ vereint. In „Birgtsich hinab in tiefste Gründe“ bestimmt das ‚i’ den Vers fast ausschließlich, (dennauch das ‚ü’ von „Gründe“ wird zuletzt seinen Reimrespons in einem ‚i’-Wort finden),aber der helle Vokal kommt noch nicht zum Tragen und bleibt, dem Inhaltder Zeilen entsprechend, verhalten. Noch fehlt ihm der Konsonant, der vor demletzten Vers im ganzen Gedicht kein einziges Mal vorkommt: das ‚l’. Mit dem dreimalerklingenden und, wie man später immer wieder sehen wird, von Goethe alsChiffre intensiver Bejahung, ja Beglückung, eingesetzten Phonem „li“ 18 in „lieblichund gelinde“ erreicht das Gedicht seinen Höhepunkt und seinen Ausklang.Zurück bleiben, nachschwingend, klangliche Assoziationen von Lindheit, Lichtund Liebe als Erscheinungsformen der Wahrheit, ihren Hypostasen. Aber sie werdennur verhalten genannt. Der Konjunktiv wird nicht aufgehoben, das „wäre“bleibt in Doppelung unvermindert bestehen, und dennoch wurde mögliche Erfüllunggewiß. Denn: „Das Wahre ist gottähnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wirmüssen es aus seinen Manifestationen erraten.“18 Zu Goethes Sprachmusik und ihrer Auslegung siehe S. 35–37.9


Dies ist ein Leitsatz Goethes, gültig auch für die Interpretation seiner Werke,wobei es sehr darauf ankommt, daß man „zur rechten Zeit“ verstehe, daß mannicht hinweglese über scheinbar Unbedeutendes, das sich oft erst sehr viel späterals relevant erweisen wird. So läßt sich z. B. die von der Handlung her gänzlichunmotivierte doppelte Einführung einer Person in Goethes Novelle entdecken alsFingerzeig auf die Formstruktur der Wiederholung, die diesem Werk zugrundeliegt.19 Und hinsichtlich der Lehrjahre verriet Goethe Eckermann gegenüber:Den anscheinenden Geringfügigkeiten des Wilhelm Meister liegt immer etwasHöheres zum Grunde, und es kommt bloß darauf an, daß man Augen, Weltkenntnisund Übersicht genug besitze, um im Kleinen das Größere wahrzunehmen.Andern mag das gezeichnete Leben als Leben genügen. 20Zuletzt das wohl Wichtigste, das beim zitierten Gedicht bereits gezeigt, aber nichtbenannt wurde: die Symbolik. „Das Wahre“, im zweiten der beiden Aphorismenumschrieben als Vergleich „wie Glockenton“, wird als Symbol in dem Gedicht als‚geistig umherschwebend und Übereinstimmung bewirkend’ fühlbar und so, beiall seiner Verborgenheit, unausgesprochen erfahrbar gemacht. In gleichem Sinnelesen wir in Wilhelm Meisters Lehrbrief:[…] Die Worte sind gut, sie sind aber nicht das Beste. Das Beste wird nichtdeutlich durch Worte. Der Geist, aus dem wir handeln, ist das Höchste. DieHandlung wird nur vom Geiste begriffen und wieder dargestellt. 21Dieser Lehrsatz greift über das Gedicht hinaus, weist aber ebenfalls die Richtungzu einer von Goethe nahegelegten Interpretation seiner Schriften, also, gegebenenfallsauch über das geschriebene Wort hinauszudenken. In diesem Sinne solleinigen von den zahlreichen in seiner Dichtung angelegten ‚Geheimnissen’ nachgegangenwerden, wobei die folgenden Aphorismen aus Wilhelm Meisters Lehrbriefals Leitsätze gelten sollen:Des echten Künstlers Lehre schließt den Sinn auf, denn wo die Worte fehlen,spricht die Tat.Und, folgend:Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln, undnähert sich dem Meister. 22Noch konkreter wirkt Goethes Wunsch,[…] daß [der Erklärer] nicht gerade beschränkt seyn soll, alles was er vorträgtaus dem Gedicht zu entwickeln, sondern daß es uns Freude macht, wenn ermanches verwandte Gute und Schöne an dem Gedicht entwickelt. […] 2319 Vgl. Peter Höfle in seinem Nachwort zu Goethe, Novelle, Frankfurt a. Main 2000. S. 14 und S. 16.20 Eckermann, 25. Dezember 1825; a. a. O., S. 166 unten f.21 WMLJ 7, 9; FA 9, S. 875.22 Ebd.23 Über Goethe’s Harzreise im Winter, in Kunst und Altertum III (1821); FA 21, S. 139.10


Dabei sollte – sit venia verbo – in Goethes eigener behutsamer Weise vorgegangensein. Wenn der Versuch glückt, könnten in anteilnehmendem Lesen die Entdeckungen,die Verf. gemacht zu haben glaubt, nachvollzogen und jene Prämissengeprüft werden, welche zu ungewohnten Perspektiven führen. Dazu ist aber nötig,Goethes Texte bzw. diejenigen anderer Autoren, auf die er sich bezieht, auch vorAugen zu haben, weshalb diese Studie lieber zitiert, statt zu paraphrasieren odersich auf bloße Stellenangaben zu beschränken. Darüber hinaus wird, was zurUnterbauung der Argumentation wichtig ist, meist im Text selbst aufgeführt,anstatt es in die Fußnoten zu verbannen.Der Versuch geht von der späten Dichtung Trilogie der Leidenschaft 24 aus, in der,wie in einem geschliffenen Kristall, Leuchtkraft und Glut eines ganzen Lebensgesammelt und in vielen Facetten wieder ausgesprüht erscheinen. So wird vonhier aus „ein frisches Licht“ 25 auch auf andere Werke des Dichters fallen, die, nunihrerseits rückstrahlend, wiederum die Trilogie erhellen, gemäß der bekanntenprogrammatischen Äußerung gegenüber Iken, darin der alte Goethe anhand derHelena-Dichtung eine seiner wichtigsten Kompositionsmethoden darlegt:Auch wegen anderer dunkler Stellen in früheren und späteren Gedichtenmöchte ich folgendes zu bedenken geben: Da sich gar manches unserer Erfahrungennicht rund aussprechen und direkt mitteilen läßt, so habe ich seit langemdas Mittel gewählt, durch einander gegenübergestellte und sich gleichsamineinander abspiegelnde Gebilde den geheimeren Sinn dem Aufmerkenden zuoffenbaren. 26Der „geheimere Sinn“, das ist die innere Wahrheit des Gedichts oder Werks. DaGoethe in „hohen Kunstwerken […] zugleich die höchsten Naturwerke“ 27 sah, sowandte er in der Kunst sein Konzept der Wirklichkeit an. Darin folgte er wesentlichPlatons Ideenlehre, doch übernahm er sie vielfach in der differenzierterenForm, wie sie der Neuplatoniker Plotin (205–270) weiterentwickelt hat. Nicht alsSchatten, die sich an der Rückwand einer dunklen Höhle abzeichnen 28 , erfaßtePlotin die dem Menschen mögliche Wahrnehmung der Welt der Ideen , sondern als deren Bild in einem Spiegel, in einem „schaffendenSpiegel.“Alles Seiende, das in seinem Sein und Wesen verharrt, bringt aus sich selbstmit Notwendigkeit ein Wesen hervor, das an die gegenwärtige Kraft desselbengeknüpft ist, gleichsam ein Abbild des Urbildes, aus dem es entstanden ist 29 .24 FA 2, S. 456 ff.25 Vgl. wieder Brief an Carl Jakob Ludwig Iken v. 27. Sept. 1827. HA Briefe IV, S. 250.26 Ebd.27 Goethe, Italienische Reise, 6. Sept. 1786: „Die hohen Kunstwerke sind sogleich die höchstenNaturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden.Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen, da ist Notwendigkeit, da ist Gott.“ MA 15, S. 478.Vgl. auch Wolfgang Schadewaldt, Goethe-Studien, Zürich 1963. S. 300 u. Anm.28 Vgl. Platon, Staat, 514 A–515 B.29 Enneaden V 1, 6. Vgl. Franz Koch, Goethe und Plotin, Leipzig 1925, S. 83. Goethes Lektüre vonPlotins Enneaden, höchstwahrscheinlich in der Übersetzung Marsilio Ficinos, ist dokumentiert fürAugust und September 1805; s. Rose Unterberger, Die Goethe-Chronik, Frankfurt 2002, S. 259.11


Und weiter:[…] die Natur des Weltalls bildet mit wunderbarer Kunst alle Wesen nach demBilde der Begriffe, die sie besitzt, in jedem ihrer Werke ist der Begriff vereinigtmit der Materie, da er das Abbild des Begriffes ist, welcher vor der Materie war,mit dem göttlichen Geist verknüpft, nach welchem er erzeugt wurde und aufwelchen die Weltseele blickte bei ihrem Schaffen. 30In Quintessenz bringt Franz Koch Plotins Konzept unserer Erfassung der wahrnehmbarenWelt:Nach Plotin ist die Sinnenwelt nichts anders als die Welt der Ideen im Spiegeldes Stoffes, der Materie, an der sich das Licht des Geistes bricht und von der esreflektiert wird. Dabei liegt besonderes Gewicht auf dem Umstande, daß dieseSpiegelung zugleich Weltschöpfung ist, und daß erst das Dasein dieser Spiegelwand,der Materie, […] Ursache der Entstehung dieser Welt wird […]. 31Die Kunst nun vollzieht das kosmische Geschehen im kleinen. In Zusammenfassungeiner These zur Kunsttheorie von Carl Philipp Moritz formuliert Goethe:„Jedes schöne Ganze der Kunst ist im Kleinen ein Abdruck des höchsten Schönen,im Ganzen der Natur.“ (WA I, 47, S. 86) 32Während der Renaissance entwickelte, in Nachfolge von Plotins Lehre, MarsilioFicino (1433–1499) das Konzept weiter und entwarf eine ganze Stufenfolgevon Phasen, in welchen der „Geist“ für den Menschen wahrnehmbar wird: so alswürde ein Künstler zuerst eine lebensähnliche Statue seiner selbst verfertigen,diese dann in einem Gemälde porträtieren, dieses Bild wieder in einem Spiegelauffangen und projizieren 33 , wobei diese letzte Stufe normaler Wahrnehmungentspräche. Aber während bei Platon, Plotin und Ficino das dem Menschen Vorbehaltenestufenweise immer mehr verblaßt, läßt Goethes Konzept durchaus aucheine Steigerung zu 34 . Goethes Vertrautheit mit Ficinos Werken hat BernhardBuschendorf in seiner Interpretation der Wahlverwandtschaften entlang derenHandlung und mit vielen Zitaten nachgewiesen. 35Die Form, in der Goethe solche ‚Spiegelung’ Ficinos als eigene Schaffensmethodeübernahm 36 , bekundet sich darin, daß er Konstellationen aus Mythos und30 Enn. IV. 3. 11; Franz Koch, Goethe und Plotin. Leipzig 1925, S. 83 f.31 Ebd., S. 84 mit Nachweis der zusammengefaßten Plotin-Stellen, S. 241, Anm. 4.32 Vgl. Karl Pestalozzi, „…dieses Ganze // ist nur für einen Gott gemacht“ in Von der Pansophie zur Weltweisheit,hrsg. von Hans-Jürgen Schrader und Katharine Weder in Zusammenarbeit mit JohannesAnderegg, Tübingen 2004. S. 120.33 Ebd., S. 117.34 Vgl. Aus Makariens Archiv, Aphorismen 17–25 (FA 10, S. 748 f.), welche eine in einem Brief anZelter vom 29. 8. 1805 gesandte Übersetzung Goethes aus Ficinos lateinischer Plotin-Übertragungaus Enn. V. 8. 1 (Basel 1515) darstellen, während die drei folgenden Aphorismen 26–28 (FA 10,S. 749) Plotins Aussage modifizieren, indem statt einer von Plotin angenommenen Abschwächungder Bilderfolge auch eine Steigerung gewährleistet ist. Vgl. Kommentar FA 10, S. 1257.35 Bernhard Buschendorf, Goethes mythische Denkform. Zur Ikonographie der „Wahlverwandtschaften“,Frankfurt a. M. 1986.36 Ein Hinweis auf Ficino expressis verbis findet sich bei Goethe in diesem Zusammenhang nicht,doch scheint der Name bereits in den Ephemerides (1770–1771) auf. Der junge Goethe, neu bearbeiteteAusgabe in fünf Bänden, hrsg. von Hanna Fischer-Lamberg, Berlin 1963. Bd. 1, S. 426–440.Zu Goethes Vertrautheit mit Ficinos Lehre vgl. auch Franz Koch a. a. O., S. 23 f.12