Januar 2013 - Internationale Bachakademie Stuttgart

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Januar 2013 - Internationale Bachakademie Stuttgart

E D I T O R I A LDiesmal fand sich keine passende jener historischenPostkarten, die der Redaktör mitunteran die linke Seite unserer Hefte zu pinnenpflegt. Dafür stieß er in seiner eigenartigenSammlung auf eine nicht sonderlich anmutigeund auf den ersten Blick deplatzierte Reklamemarkeaus den 60er Jahren, die ihm dennochauf Anhieb sehr gut gefiel.Zugegeben: Die (typo)grafischeGestaltung desMerkzettels entsprichtnicht ganz den IdealvorstellungenzeitgemäßerFormgebung. Die knappimperativ gefasste Botschaftaber stimmt – im Kern.Dachte er und machte dieseAusgabe kurzerhand zu einemH E F T D E R F R A G E N .– Fragen über Fragen sindes, die derzeit wie vordemdie Gemüter bewegen,innerhalb der Bachakademie,um sie herum undfernab von ihr. Dies sollte wiederum nicht zurSchlussfolgerung verleiten, sämtliche Fragen,die in wagemutigen Ellipsen um das Haus amStuttgarter Johann-Sebastian-Bach-Platz kreisen,seien per se die drängenden unserer Zeit.Andererseits: Fragen kostet ja nichts – einVorzug, der heutzutage unmöglich scheint.Und wo keine Fragen gestellt werden, stimmtohnehin was nicht. Also wurden für dieseAusgabe befragt und haben dankenswerterweisealle Fragen beantwortet: ■ unser neuer IntendantG E R N O T R E H R L , den wir auch miteinigen Fragen konfrontierten, von deren rasanterbachakademischer Umlaufbahn wir wissen;■ H E L M U T H R I L L I N G ,den Caroline Lazarou,unsere neue Referentin fürMarketing & Presse- undÖffentlichkeitsarbeit imWarmbronner Haus besuchtund mit ihm über diekommende Bach woche gesprochenhat; ■ H A N S -P E T E R K R E L L M A N N , seinerseitsFragesteller undAutor des neuen Buches»Helmuth Rilling. Ein Lebenmit Bach« und schließlich:■ P I C A N D E R , derDichter der Matthäus-Passionan Bachs Seite, ausdessen Drucken ein paar Vignetten in unserHeft gerutscht sind, wie kleine geheimnisvolleFragen am Rande…Wir wünschen Ihnen eine erhellende Lektüreund hellere Tage!Bei Fragen oder Reklamationen jeglicher Artwenden Sie sich bitte vertrauensvollan Ihren RedaktörF O R U M B A C H A K A D E M I E 79 ■ ■ ■ 1


Nach längerem Verweilen an den Ufern vonDonau, Isar und Spree haben Sie nun längs desNeckar den Anker geworfen: Sind Sie gut imneuen Hafen angekommen und wurden Siehier freundlich empfangen?■ Nach den spannenden Jahren an der Spree,die nicht zu meinen einfachsten zählen, fühleich mich mittlerweile hier am Neckar nicht nursehr wohl, sondern bin überaus freundlich aufgenommenworden. Dafür bin ich dankbar –selbstverständlich ist das nicht, wenngleich inden vielen Gesprächen, die ich mittlerweileführen konnte, eine große Erwartungshaltunghinsichtlich der Zukunftsfähigkeit der Bachakademiemitschwingt.Hans-Christoph Rademann wird im Sommerdie Akademieleitung übernehmen. An der Seitedes neuen »Käpt’n« ein so großes und stolzesSchiff wie die Bachakademie auch durch Flauteund Unwetter zu führen: Ist das nicht eineenorme Herausforderung – selbst für den erfahrenenSteuermann?■ Dass das Weiterführen in die Zukunft derInternationalen Bachakademie eine Heraus -» F R E U D E A U F D A S N E U E «Dreizehn Fragen an Gernot RehrlIntendant der Bachakademieseit Januar 2013forderung darstellt, ist unbestritten. Dazu istes notwendig, dass man ein hohes Maß anVertrauen zueinander hat und sich absolutauf einander verlassen kann, dies alles auf derBasis von fundiertem Wissen, Erfahrung undNetzwerk, verbunden mit einem hohen Maßan Kommunikationsfähigkeit. Was uns antreibtund motiviert, ist die Freude auf dasNeue.Solch klangvolle Namen wie Daniel Baren -boim, Kent Nagano oder Joachim Gaucksind – neben vielen anderen – während deskommenden Musikfests Stuttgart ebenfallsmit im Boot: Wie haben Sie das in so kurzerVorbereitungszeit geschafft?■ Das ist nur zu meistern durch persönlicheKontakte. Diese zu pflegen ist des Managerserste Pflicht.Verlassen wir das maritime Ambiente. Es istIhnen ein wichtiges Anliegen, die »Dachmarke«BACHAKADEMIE mit ihrer Vielfalt anAktivitäten wieder stärker in den Vordergrundzu rücken. Welche Schritte sind fürdieses Unterfangen bereits geplant?■ Ich halte die Dachmarke InternationaleBachakademie Stuttgart für ein klassischesAlleinstellungsmerkmal. Dies im Markt herauszustellenist eine wichtige Aufgabe. Einerster Schritt wird sein, dass wir als Bachakademiefür die kommende Saison 2013/2014 einekompakte, sauber und übersichtlich gegliederteBroschüre kreieren, die selbstverständlichauch im Internet ihren Platz zu finden hat.Das heißt, ein Gesamtüberblick über alle Aktivitäteneiner Spielzeit, beginnend mit demMusikfest 2013, dem Angebot der Abonnement-Reihen,der Bachwoche, bis hin zu verschiedenstenAspekten im Bereich der Musikvermittlung.Das Ganze sollte dann ein kleines»Gesamtkunstwerk« ergeben.Man munkelt ja, der Name Gächinger KantoreiStuttgart solle möglicherweise wegen seinerUnaussprechbarkeit jenseits des Umlaut-Sprachraums geändert werden. Ist da wasdran?■ Die Gächinger Kantorei und das Bach-Collegium Stuttgart sind das Herzstück derBachakademie, und so soll das auch in Zukunftbleiben. Wie wir im Veranstaltungsmarktsowohl national wie auch internationalwahrgenommen werden – ob das nun eher mitden Gächingern und dem Bach- Collegium vorteilhaftsein kann oder aber als BachakademieStuttgart – vermag ich derzeit noch nicht langfristigzu prognostizieren. Hier kommt Fremdbestimmungins Spiel.Ein aus dem Erzgebirge stammender Elbtal-Sachse und ein Mainfranke in Schwaben… Siekennen Hans-Christoph Rademann ja schonlänger und sind sicher überzeugt, dass das einenganz hervorragenden Zusammenklang ergebenwird?■ Von diesem Zusammenklang gingen wir vonAnfang an aus, sonst würden wir nicht als Duogemeinsam an diese Aufgabe gehen wollen.Die Harmonie dieses Zusammenklangs ist unabdingbar,und ich bin fest davon überzeugt,dass mit Hans-Christoph Rademann einer derBesten seines Fachs für diese Aufgabe alsKünstlerischer Leiter der Bachakademie gewonnenwerden konnte.Als Intendant der Bachakademie zeichnen Sieu.a. für die finanzielle Bodenständigkeit derStiftung verantwortlich, die ja von Stadt, Landund einer recht großen Zahl von Förderernunterstützt wird. Eine Aufgabe, die nicht nurIhnen Kopfzerbrechen bereitet. Worin bestehendie größten Herausforderungen für diekommenden Monate und Jahre?■ Ein Gesamtbudget mit 70 % Eigenleistungzu halten, ist eine enorme Herausforderung.Ob dies so beibehalten werden kann, vermagich derzeit nicht abzuschätzen. Der Mix ausMäzenatentum und Spenden auf der einen Seite,der Anteil von Sponsoring und Eigeneinnahmenwie Ticketing und Tourneetätigkeit wirdsich sicherlich in sich verschieben. Ganz entscheidendsind die persönlichen Kontakte, dieich derzeit aufbaue bzw. fortführen will. Hierbeisteht mir ein außerordentlich aktiver Vorstandzur Seite, wofür ich sehr dankbar bin.Ein gutes Entrée in die entsprechenden Unternehmenund zu den Persönlichkeiten, die unsvon jeher unterstützen, ist unabdingbar. Entscheidendist, dass wir ein außerordentlich hochqualifiziertes Topprodukt anbieten können. Andiesem Produkt beständig zu arbeiten, ist mirnicht nur Pflicht, sondern hohe Motivation. Mitdieser gehe ich auch in die Akquisition.Viele Bachakademie-Freunde bewegt offenkundigdie Frage, ob bzw. wann der NameHelmuth Rilling bei künftigen Konzert -planungen als Dirigent zu lesen sein wird.Können Sie hierzu schon etwas Konkretessagen?Helmuth Rilling, Hans-Christoph Rademann und Gernot Rehrlbei der gemeinsamen Pressekonferenz im November 2012■ ■ ■ 2W W W . B A C H A K A D E M I E . D E / F O R U MF O R U M B A C H A K A D E M I E 79■ ■ ■3


■ Wir pflegen zu Helmuth Rilling ein sehr gutesVerhältnis. Dies wird auch zum Ausdruckgebracht werden in einem bereits geplantenAkademiekonzert im Oktober des Jahres2014. Das haben wir vor längerer Zeit bereitsvereinbart.Sie haben zahllose Konzerte in vielen Städtenmitgestaltet und besucht. Was macht für Sieein besonders beeindruckendes Konzerter -lebnis aus?gen Reiseaktivitäten hindern mich, in RuheMusik machen zu können.Schließlich, bei der Gelegenheit: ein Wort, einWunsch, ein Gruß an unsere Leserinnen undLeser?■ Ein Wunsch, der von Herzen kommt: BleibenSie uns treu, sammeln Sie Menschen ein,die zu uns stehen und dieser einzigartigen Institutionmit Rat und Tat zur Seite stehen.» W O D A SV E R S T Ä N D N I SB E G I N N T «Fragen an Helmuth Rillingzur Bachwoche Stuttgart 2013■C A R O L I N E L A Z A R O U■ Ein beeindruckendes Konzerterlebnis istletztendlich für mich die Summe aller Einzelaspekte,also die Programmauswahl und ihreZusammenstellung, die Qualität der Aus -führenden, die Solisten und der Dirigent undschließlich die Interpretation der Werke.Entscheidend ist für mich stets, dass ich berührtund bewegt aus dem Konzertsaal oderdem Opernhaus gehe. Das ist keine Selbst -verständlichkeit, sondern die Ausnahme;umso dankbarer bin ich dann, wenn das geschieht.Haben Sie einen »Lieblingskomponisten«?Wahrscheinlich nicht… Bei welcher Art vonMusik aber fühlen Sie sich besonders wohl?■ Bei Johann Sebastian Bach auf der einenSeite, bei den Opern von Richard Wagnerund den Sinfonien und Werken von GustavMahler auf der anderen Seite.Und wie sieht’s da bei den Interpreten aus –irgendwelche Stars, denen Sie hinterher reisenwürden?■ Es gibt nur einen Star, dem ich hinterherreise und das ständig: Das ist meine Frau[– die Mezzosopranistin Lioba Braun – anden großen Häusern und Orchestern derWelt zuhause. Anm. d. Red.]Musizieren Sie auch selbst?■ Ich musiziere leider nicht mehr aktiv, meineGeige liegt und liegt und ruft mittlerweileauch gar nicht mehr nach mir. Meine Arbeitund das Zusammenleben unserer Familie, dieverstreut ist auf viele Städte, sowie die ständi-Vielen Dank(und: Immer eine Handbreit Wasser untermKiel!) d. Red.G E R N O T R E H R LNach seinen Studien im Fach Violine und Dirigierenmit abschließendem Staatssexamen an der Hochschulefür Musik Würzburg ging Gernot Rehrl 1988 ins Orchestermanagementnach Wien. 1990 wurde er zumLeiter des künstlerischen Betriebsbüros der MünchnerPhilharmoniker in der Ära Sergiu Celibidache berufen.Danach leitete er die weltweite Konzerttätigkeit unddas Tourneemanagement des Windsbacher Knabenchors.1997 wechselte Rehrl zum Bayerischen Rundfunk inMünchen und übernahm das Management des Chorsdes BR und ab 2000 das Orchestermanagement desMünchner Rundfunkorchesters. Gemeinsam mit demFreund und damaligen Chefdirigenten Marcello Viottiverhalf er diesem Orchester in kürzester Zeit zu überregionalemund internationalem Ansehen – durch geschickteProgrammformate wie auch neue Konzertmodelle,ambitionierte Konzertreihen und die Aufführungkonzertanter Opern. Die Verdopplung der Besucherzahlenwar die Folge. Für diese Arbeit erhielt er den»Stern des Jahres 2004« der Münchner Abendzeitung.Im selben Jahr wandte er sich öffentlich gegen die Auflösungdes von ihm gemanagten Orchesters. DerProteststurm einer breiten Öffentlichkeit, aber auchdie inhaltliche Neuausrichtung durch seinen damaligenOrchestermanager retteten schließlich das Rundfunkensemble.In den Jahren 2005 / 2006 organisierteGernot Rehrl im persönlichen Auftrag des BayerischenMinisterpräsidenten das Konzert der drei Spitzen -orchester Münchens zum Auftakt der Fußball-Weltmeisterschaft.Dieses Konzert fand statt vor rund25.000 Besuchern, dem gesamten internationalenFIFA-Kongress und vor einem Millionenpublikum, dasdurch TV-Übertragung zugeschaltet war, statt.Im Juli 2006 übernahm Gernot Rehrl die Intendanz derRundfunkorchester und Chöre GmbH in Berlin. Mitdem Jahr 2013 beginnt er seine neue Tätigkeit als Intendantder Internationalen Bachakademie Stuttgart.Die Matthäus-Passion wurde 1727 in derThomaskirche in Leipzig uraufgeführt, gerietnach Bachs Tod allerdings in Vergessenheit.Erst durch die Wiederaufführung unter FelixMendelssohn Bartholdy im Jahre 1829 erfreutsich das Monumentalwerk seitherweltweiter Beliebtheit. Glauben Sie, dass dieBotschaft des Werkes nach nunmehr fast 300Jahren weiterhin aktuell ist?■ Ich habe keinen Zweifel daran. Die Matthäus-Passionist eines der ganz großen undwirklich sehr bedeutsamen Werke der Musikgeschichte,und sie ist eines der zentralenWerke Bachs. Wir veranstalten die Bachwochejetzt schon seit langer Zeit, und es ist fürmich eine besonders bedeutsame und wichtigeAufgabe, sie mit ganz jungen Menschen zugestalten. Die Sänger und Instrumentalistendes Jungen Bach Ensembles kommen aus derganzen Welt, und es ist für mich sehr wichtig,gerade diese jungen Leute in die Sprache unddas Denken eines solchen Meisterwerkes wieder Matthäus-Passion einzuführen. Wir habenin den vergangenen Jahren schon einigegroße Werke mit diesem jungen Ensemble erarbeitet,2012 die h-Moll-Messe, im Jahr davordie Johannes-Passion und jetzt also dieMatthäus-Passion. Und ich weiß, auf welchgroßes Interesse ich bei diesen jungen Leutenstoße. Einerseits werden da sehr ehrgeizigeLeute sein, die wollen diesen Notentext, derja instrumental und auch vokal nicht so ganzeinfach ist, natürlich perfekt gestalten undwerden sich darum bemühen, andererseitshaben sie ein ganz großes Interesse daran,was diese Musik bedeutet, was sie über dasrein Musikalische hinaus zu sagen hat. Unddarauf werde ich natürlich eingehen. Wirwerden in den Proben immer wieder dieFrage stellen: Warum hat Bach so und nichtanders komponiert?Die jungen Musiker des JSB Ensembles kommen,wie Sie erwähnten, aus der ganzen Welt,haben unterschiedliche Schulen durchlaufenund sehr unterschiedliche Lebensläufe. WelcheSchwierigkeiten müssen da bewältigtwerden?■ Ganz richtig, was Sie sagen: Das ist einProblem dieses Ensembles, dass man nichtirgendetwas als nahezu selbstverständlichvoraussetzen kann, wie das zum Beispiel beieinem deutschsprachigen Ensemble der Fallwäre. Gerade der Text der Matthäus-Passionmacht auch insofern Schwierigkeiten, als er■ ■ ■ 4W W W . B A C H A K A D E M I E . D E / F O R U MF O R U M B A C H A K A D E M I E 79■ ■ ■5


ja für viele zunächst übersetzt werden muss.Wir werden auf Englisch proben, das ist dieSprache, die die meisten der jungen Leute erreicht,wenn auch nicht alle. Man wird sichalso verständigen müssen. Und gerade das istmir sehr wichtig, dass diese Leute wirklichverstehen, was der Text bedeutet und wieBach diesen Text in Musik setzt. Aber genaudas ist auch eine sehr spannende Arbeit! Wirhaben ja auch diesmal wieder vier Gesprächskonzertein der Musikhochschule, wo es darumgehen wird, anhand musikalischer Beispielezu erläutern, was die Musik will undwie Bach sie schreibt. Das ist etwas, was diejungen Leute natürlich mitbekommen, und inden Proben dazu kann ich ihnen dann auch inEnglisch erklären, worum es geht. DieGesprächskonzerte hier sind natürlich aufDeutsch, allerdings werden sie bei unsererReise nach Chile dann in Spanisch geführtsein, aber auch das ist eine Sprache, dieletztlich nicht alle verstehen.Apropos: Was wird Sie nach der Bachwocheerwarten, wenn Sie mit dem JSB Ensemblenach Chile reisen?■ Wir haben Bachakademien auf der ganzenWelt initiiert. In Chile haben wir erst im vergangenenJahr eine Bachakademie neu gegründet.Das heißt, es gibt dort eine Gruppevon Menschen, die die Musik von Bach fürbesonders interessant und so wichtig halten,dass sie sie regelmäßig in Konzerten, Vorträgen,Workshops und Symposien betrachtenund sie ihren Landsleuten näherbringen wollen.Da wird es also in Zukunft immer wiederKurse, Vorträge und Konzerte geben, die sichmit Bach beschäftigen. Und eine solche Bachakademiefindet dort auch wieder im Anschlussan unsere Bachwoche statt, in einemKulturzentrum ganz im Süden des Landes, inFrutillar. Es wird einen Meisterkurs mit Dirigentenaus Chile geben, außerdem Gesprächskonzerteund natürlich eine Aufführungdes Gesamtwerkes. Das JSB Ensemblewird für die Arbeit in der Dirigentenklassezur Verfügung stehen und in den Gesprächskonzertendie Beispiele unter der Leitung dieserStudenten musizieren. Das wird sowohlfür die Kursteilnehmer und das Publikumdort, wie auch für unsere jungen Leute sicherein großes Erlebnis sein!Ist es heutzutage schwerer, junge Menschenfür Bach zu begeistern, als beispielsweise vordreißig Jahren?■ Überhaupt nicht. Die jungen Menschensind in einer unglaublichen Weise an dieserMusik interessiert, das erlebe ich weltweit,wo ich hingehe. Gerade war ich in Los Angelesund hatte dort einen ganz jungen Chor derUniversity of Southern California vor mir,also Durchschnittsalter Anfang zwanzig. Unddas Interesse an der Musik, die wir dortmachten – das war das Mozart-Requiem –war brennend groß. Immer wenn ich etwaserklärte, waren die Leute hochinteressiertund dankbar für alles, was zur Musik gesagtwurde. Und das wird hier genauso sein.Haben die jungen Musiker heute mehr Vorkenntnisse?Oder sind sie weniger bibelfest?■ Bibelfest sind natürlich die Wenigsten, aberdas ist sicher individuell ganz verschieden.Ich möchte einmal annehmen, dass ein paarAmerikaner, die aus entsprechenden Chörenin Amerika kommen oder entsprechend erzogensind, relativ viel wissen, und etliche deutscheMusiker auch. Aber ich las gerade voneinem Kursteilnehmer aus Sri Lanka: was dernun davon versteht – keine Ahnung. Aber daswird meine Aufgabe sein, ihn dorthin zu führen,wo das Verständnis beginnt.Was können Sie von den jungen Musikern beidieser Arbeitsphase lernen, was geben sieIhnen zurück?■ Da möchte ich auf den Enthusiasmus dieserjungen Leute verweisen, diese Freude, diesie ausstrahlen, wenn sie solche Musik kennenlernen.Ich finde, das ist eine besondersschöne Sache für den Lehrenden, dass mandiese Empfangsbereitschaft, diese Freude,dieses Interesse an der Musik spürt.JSB Ensemble, Bachwoche 2012 ➜Lassen Sie uns noch einmal auf das Hauptwerkder Bachwoche eingehen. Wenn Sie diebeiden Schlüsse, den der Matthäus- und dender Johannes-Passion, miteinander vergleichen,welcher stimmt Sie zuversichtlicher aufOstern?■ Das ist eine sehr differenzierte und einesehr gute Frage. Denn die Schlusssätze sindtatsächlich sehr verschieden. Im letzten Drittelder Johannes-Passion, also des früherenPassionswerkes aus dem Jahre 1724, weistBach ganz eindeutig auf Ostern hin, vor allemmit dem Schlusschoral »Ach Herr, lassdein lieb Engelein«, in dessen zweiter Hälfteganz deutlich von Auferstehung die Rede ist.In der Johannes-Passion beobachten wir alsodiesen Hinweis auf das kommende Osterfest.In der Matthäus-Passion ist das ganz anders!Dort versagt sich Bach diesen Ausblick. Erbleibt bei dem Karfreitagsgeschehen, und dieAbschlusssätze denken in keiner Weise an daskommende Osterfest.Auf welche Stellen in der Matthäus-Passionfreuen Sie sich besonders?■ Auf die Alt-Arie mit der Solovioline »Erbarmedich«, die nach der Verleugnungs-Szenedes Jüngers Petrus erscheint. Sie ist sichereines der bewegendsten Stücke der Passionund einer ihrer vielen großen Höhepunkte.Glauben Sie, dass Stuttgart inzwischen eineBachstadt ist?■ Hans Grischkat hat hier in der Stiftskircheeine Gesamtaufführung sämtlicher Bachkantatengemacht, längst vor meiner Zeit, und ichhabe damals als Student diese Aufführungengehört und die Kantaten lieben gelernt. Undnatürlich hat die Gründung der Bachakademie,meine eigene und unsere gemeinsame Arbeitden Kreis der Liebhaber von Johann SebastianBach hier in Stuttgart vergrößert und das Wissenum das Bachsche Werk bereichert. Denkenwir weiterhin an die Reihe »Bach vokal« vonStiftskantor Kay Johannsen oder künftige Vorhabender Bachakademie wie die »Sichten aufBach« im Musikfest und das Schülertanzprojekt»Bach bewegt!« – Also, man kann Stuttgartschon eine Bachstadt nennen!Am 16. März werden Sie in der Musikhochschulezusammen mit Hanspeter Krellmannund dem Bärenreiter Verlag Ihr neuestes Buchprojekt»Ein Leben mit Bach« vorstellen.Worum geht es in dieser Veröffentlichung?■ Dieses neue Buch beruht auf Gesprächen,die ich mit dem Musikwissenschaftler DoktorHanspeter Krellmann geführt habe. Er hatmich zu den unterschiedlichsten Ansätzen meinerArbeit befragt, ich habe darauf geantwortetund versucht, viele der grundsätzlichenÜberlegungen darzustellen, die meine Arbeitüber die vielen Jahre bestimmt haben. Und wirhaben uns sehr gut verstanden.Wir sind gespannt, lieber Herr Rilling –vielen Dank für das Gespräch.Sa, 16. März 2013,16 UhrKammermusiksaalder MusikhochschuleBuch-Präsentation»Helmuth Rilling.Ein Leben mit Bach.«(Bärenreiter/Henschel)Mit Helmuth RillingDr. Hanspeter KrellmannDr. Michael GassmannIm Anschluss Umtrunkim Foyer und SignierstundeHelmuth Rilling■ ■ ■ 6W W W . B A C H A K A D E M I E . D E / F O R U MF O R U M B A C H A K A D E M I E 79■ ■ ■7


Hanspeter Krellmannund Helmuth Rillingim Gespräch,Bachakademie,Mai 2011» I C H W O L L T E V I E L E S E R F A H R E N «Fragen an Dr. Hanspeter Krellmann, Autor des Buches»Helmuth Rilling. Ein Leben mit Bach«kürzere Korrektur- und Ergänzungssitzungen.Die Sitzungen im einzelnen dauertennicht von morgens bis abends, nahmen aberimmer mehrere Stunden in Anspruch.»Helmuth Rilling. Ein Leben mit Bach« – solautet der Haupttitel des neuen Buches. Wiewäre der Titel einer denkbaren analogen Publikationbei Ihnen zu ergänzen: »HanspeterKrellmann. Ein Leben mit ...«?■ Für Helmuth Rilling ergibt sich der Titellogisch-zwangsläufig, wie aus dem Buch zuerfahren ist. Ebenso lernen wir, wie wichtigfür ihn – gewissermaßen aus der Ableitungvon Bach – auch Musik von Mozart, Schubert,Mendelssohn und anderen ist. Bei vielenMusikwissenschaftlern existieren ähnlicheSituationen: es gibt die zentrale Auseinandersetzungmit einem Komponisten ein Lebenlang, aber es entstehen auch Nebenschauplätzemit anderen. Bach bleibt für jeden Interpreten,und sei es im Hintergrund, beherrschendfür seine Arbeit, auch wenn Brahmsoder Bruckner im Vordergrund stehen. Dievorzunehmende Rückbezüglichkeit auf Bach,und sei es geistig, nicht praktisch, bleibt wohlfür jeden Interpreten, wenn er ehrlich ist, zentral.Bei Musikwissenschaftlern verhält essich ähnlich. Wenigstens mir geht es so. Ichhabe in meinem Leben über viele unterschiedlicheMusik geschrieben. Aber die expliziteFormulierung »Ein Leben mit…« fände sichbei mir nicht. Sie wäre im übrigen vermessengegenüber musizierenden Künstlern.Die Kapitel-Gliederung des Bandes warsicherlich eine der größeren Herausforderungen.Inwieweit hat sich Ihre anfänglicheDisposition im Verlauf der Gesprächemöglicherweise gewandelt?■ Gar nicht. Nur an den Übertitelungen habeich gearbeitet.Mitunter gehen Sie einer Fragestellung mitcharmanter Hartnäckigkeit auf den Grund,lassen nicht locker, bevor sie beantwortet ist.In diesen Passagen wird auf schöne Weisedeutlich: Da begegnen sich zwei Gesprächspartnerauf Augenhöhe. Rilling bezeichnetees als »übergroße Freude«, Sie als Autor gewonnenzu haben. Worauf gründet diese nahezusymbiotische Atmosphäre?■ Gesprächspartner auf Augenhöhe kann ichgerade noch gelten lassen, ohne vermessen zuerscheinen. Symbiotische Atmosphäre…Sie haben sich mit der Form des Gesprächsgegen jene einer »klassischen« Monographieentschieden. Warum?■ Bei Monographien über Personen, lebendewie verstorbene, ist selten, vielleicht gar nichtBetrachtungsobjektivität herzustellen. Biographienprovozieren Gegen-Biographien.Wir kennen das aus Beschreibungen berühmterPersönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik,den Künsten… Lebt der Biographierte,sollte man ihn nicht übergehen, weil er mehrüber sich weiß als andere. So wird er automatischzum Mit-Autor. Da erweist sich die Gesprächsformals praktikabler. Sie ist lebendigund authentisch, wenn auch nicht unbedingtobjektiver.Die Vorteile der Dialogform liegen auf derHand. Als mittlerweile unverzichtbare Quellenfallen mir etwa die Gesprächsaufzeich-nungen französischer Musiker (Honegger,Milhaud) ein, bei denen ja der Rundfunk dieentscheidende Rolle spielte. Hierzulandekann man solche umfassenden Resümeeszwar hin und wieder hören (aktuell: Begegnungenmit Hans Pischner), meines Wissensaber recht selten lesen. Ist diese Form besondersaufwändig? Oder nehmen wir uns zuwenig Zeit für Gespräche?■ Es ist keine Frage des Zeitaufwands. DasVerfassen einer Monographie bedarf ebenfallseiner sorgfältigen Vorbereitung – vonder reinen Schreibarbeit zu schweigen.Haben Sie einmal nachgerechnet, wie vielZeit Ihre Gespräche mit Helmuth Rilling inAnspruch nahmen?Es waren drei jeweils eintägige Sitzungen,zwei jeweils zweitägige Sitzungen und zwei■ ■ ■ 8W W W . B A C H A K A D E M I E . D E / F O R U MF O R U M B A C H A K A D E M I E 79■ ■ ■9


Dezember 2012Naja, gestritten haben wir uns nie. Dazu fehlteauch jede Veranlassung. Aber ich wolltevieles erfahren von Helmuth Rilling, manchesschon vorher Gesagte vielleicht vertieft hörenwenn möglich. Ich habe dieses Buch mit Rillingausgesprochen gern gemacht, mit sehrvielen anderen hätte ich es nicht gemacht.Eine Ihrer Fragen an Helmuth Rilling hatmich sehr erheitert: »Haben Sie auch ein vergleichsweisenutzloses Hobby betrieben?« Istdiese Frage reiner Neugier entsprungen oderim Kontext eigener Erfahrungen gestellt worden.Kurzum: Ich richte sie hiermit auch anSie.■ Nicht reiner Neugier, sondern um denMenschen Rilling komplex sichtbar werdenzu lassen. Der Umgang mit Musik ist Hobbygenug. Ich habe auch kein anderes Hobby.Um Musik zu verstehen, muss man sich breitinformieren. Rilling tut das, ich auf meineWeise auch.In manchen Passagen wird es richtig spannend,wenn Sie Rilling beispielsweise eine beeindruckendeReihe oratorischer Werke mitder Frage, wie er zu ihnen steht, wie Bälle zuspielen.Die Antworten, so knapp sie zuweilenauch ausfallen, sind sicher auch für engeRilling-Freunde erhellend, mitunter überraschend.Waren Sie geneigt, die eine oder andereseiner Antworten aus der Sicht des ebenfallserfahrenen Musikkenners durch Ihre eigene,kontroverse Meinung zu ergänzen?■ In den meisten Fällen bin ich mit ihm einig.Durch meine Fragen sollte lediglich die Interessenbreitedes Interpreten Rilling deutlichwerden. Es steht mir nicht zu, ihn ergänzenzu wollen.Zu Helmuth Rillings Antworten: Seine Interviewpartnerbescheinigen ihm immer wiederdie Fähigkeit, druckreife Sätze zu formulieren.Können Sie das nach Ihren Gesprächenbestätigen?■ Wir mussten beide nicht druckreif sprechen,haben uns frei unterhalten. In der nachfolgendenText-Redaktion konnte die Redepräzisiert werden.Gab es Fragen, die zurückgenommen bzw. gestrichenwurden?■ In einigen wenigen Fällen, wie ich michschwach erinnere. Aber ich habe einige meinerZwischeneinwürfe beim Redigieren herausgenommen,weil sie unwichtig waren undden Fluss von Rillings Ausführungen gestörthaben würden.»Man muss hören, was es zu hören gibt, undnicht, was man zu hören erwartet.« – Diesesschöne Cage-Zitat steht über Ihrem abschließendenEssay. Sie haben diese Forderung gegebenermaßenwährend Ihrer Gespräche beherzigt.Sind darüber hinaus auch Ihre Erwartungenerfüllt worden?■ Durchaus und absolut komplett. Aber dasCage-Zitat zielte nicht auf meine Erwartung,sondern auf die Tatsache, dass der InterpretRilling beim Musizieren Situationen schafft,die mündige Hörer zu authentischem Hörenauffordern und nicht affirmativ Eindrückevon gestern und vorgestern bestätigen. Erwartungenzu bestätigen, ist langweilig.Ein schönes Schlusswort –Vielen Dank lieber Herr Krellmann.d. Red.» W A R U MP I C A N D E RN I C H T ? «Eine Begegnung.Mit eingestreuten Fragenan Christian Friedrich Henrici■H O L G E R S C H N E I D E RLeipzig, Zum Arabischen Coffe Baum.Wir haben uns mit einem jungen Mannum die Dreißig verabredet. Klein undhager soll er sein, eine Erscheinung, die in unseremgalanten Leipzig nicht viel Glück machendürfte. Ist aber eine Bekanntheit in derStadt, der Herr »Ober-Post-Commissarius«Henrici – freilich nicht vermöge seiner Beamtenkarriere,sondern weil er offenbar Zeit genugund ein schönes Talent zum Dichten hat.So schickt er sich dieser Tage an, einen erstenvon etlichen Bänden mit Gereimtem hier imDrucke vorzulegen. Gelegenheitsarbeiten,Hochzeitsgedichte meistenteils, recht witzig,auch albern, unartig, anzüglich, zotig, geknitteltoder in Alexandrinern – von allemund für jeden ist was dabei. Den Leuten gefällt’s,und als Dichter Picander (wie er sichselbst betitelt) kennt ihn hier jeder Leipziger.Warum die gelehrten Kollegen so fürchterlichgegen ihn wettern? – Fragen wir ihn nachher.Und verweilen hier und da bei Details, werdenleider nicht umhin kommen, die Zeitenund Perspektiven ein wenig durcheinanderzuschüttelnzwischen dem Leipzig des Jahres1727 und dem Thema der B A C H W O C H ES T U T T G A R T knapp dreihundert Jahre später.Korrekt ist das alles sicher nicht, für eine ersteBekanntschaft aber recht wohl geeignet. Oderkennen Sie ihn vielleicht, Herrn Henrici?Von Picander ist noch nichts zu sehen (apropos:es gibt bis heute kein einziges Bild vonihm!), also vertreiben wir uns die Zeit mit einerAnekdote. Zu diesem Pseudonym gibt esnämlich eine tragikomische Geschichte, vonder niemand weiß, ob sie wirklich wahr ist,wenngleich der Protagonist selbst sie einmalknapp bestätigt hat. Danach soll Henrici, bevorer hier sesshaft wurde, in der Nähe vonDüben bei der Vogeljagd auf eine Elster gezielt,stattdessen aber einen Bauern getroffenhaben, der als Eierdieb nestwärts unterwegswar. (Ja, so etwas Frevelhaftes wie die Jagdauf Singvögel ist allhier durchaus verbreitet.)Henrici, der Tolpatsch, habe den Bauern, soheißt es, »erheblich beschädiget« und sei füreinige Zeit in Arrest genommen worden.Letzthin habe alles einen glimpflichen Ausganggenommen, doch der zutiefst betroffeneSonntagsschütze trug fortan sein bekanntesDer dritte von fünfTheilen, diezwischen 1727 und1751 in mehrerenAuflagen gedrucktwurden■ ■ ■ 10W W W . B A C H A K A D E M I E . D E / F O R U MF O R U M B A C H A K A D E M I E 79■ ■ ■11


Titelblatt zu Bachsautographer Partiturder Matthäus-Passion(Detail)Pseudonym als »Elstermann« (vom lat. pica)in Erinnerung an Vogel, Bauer und lebensgefährlichesUngeschick mit sich. Dass dieElster emblematisch auch für Unabhängigkeitverwendet wird, mag ihm dabei nicht weniggefallen haben.Seit ein paar Jahren arbeitet Picander mitdem Kantor Bach zusammen und die beidensind, soviel ich weiß, auch gut befreundet.Bach schätzt ihn wohl sehr, weil er mit feinemGespür genau den richtigen Rhythmus zutreffen weiß. Mittlerweile hat sich in der Stadtlängst rumgesprochen, dass er für Bach (bzw.mit ihm gemeinsam) die große Passion nachMatthäus unsers Anno 27 ausgearbeitet hat,wofür er sogar von des Meisters Hand aufdem Titelblatt verewigt wurde! Kennern dererbaulichen Literatur dürfte möglicherweiseaufgefallen sein, dass manche der Passions-Textpassagen an anderer Stelle ähnlich lautendzu lesen sind…Bei der Arbeit am Libretto der Matthäus-Passion hat Picander mehrfach (und bezeichnenderweisefür die besten Gedanken der Rezitativeund Arien) auf Predigttexte des auchvon Bach geschätzten Rostocker TheologenHeinrich Müller sowie auf weitere Anregungenzurückgegriffen. (Eine ausführliche synoptischeDarstellung veröffentlichte ElkeAxmacher 1984.) Die »Musikalisierung« dertheologisch bildreichen, gleichwohl unvertonbarenVorlagen zum sangbaren Versrhythmusund ihre dramaturgische Kompilationfür eine Gemeinde, die nicht nur keine altenPredigten hören wollte, sondern eine zeitgemäßeAuslegung der LeidensgeschichteChristi erwartete, dies alles ist viel mehr alsnur ein »Nebenverdienst« Picanders an einemder wichtigsten Bachschen Textbücher.Bach dürfte sich für dieses wichtige Werk mitäußerst geschärftem Sinn auf Picanders Qualitätenverlassen haben.Wer bereit ist, sich ein wenig in die Lektüreder »Ernsthafften Gedichte« zu vertiefen,wird auf eine weitere Ausprägung des Picanderschen»Parodieverfahrens« stoßen. So habenwir im Dezember 2012 für einen der MusikalischenSalons der Bachakademie etlicheParallelen bei Picander selbst finden können,die auf seine nahezu sichere Co-Autorschaftam Text des Weihnachtsoratoriums hindeuten(bisher gilt dies »lediglich« als sehr wahrscheinlich).Ebensolche Parallel-Verse gibt esauch zur Matthäus-Passion, etwa in zweiKantaten auf Sonntage nach Trinitatis:»Können meine nassen Wangen, Und der Anblickmeiner Pein, Nichts bewegen, nichts erlangen«(BWV 244, 52: »Können Tränen meinerWangen Nichts erlangen, O, so nehmtmein Herz hinein!«) oder »Der trägt ein Oelblattalle Stunde, Wie Noah Taub, in seinemMunde« (BWV 244, 64: »Und trug ein Ölblattin dem Munde. O schöne Zeit! OAbendstunde!«), letzteres Beispiel übrigensaus einer Anregung durch Müllers Predigtentstanden. Auch ein Trauergedicht von 1729greift einen der Passionsgedanken fast wörtlichauf: »Ach! das geht meiner Seelen nahe!«(BWV 244, 59 »Das gehet meiner Seelenah«).Sprung zurück…Verehrter Herr Henrici, schön, dass Sie sichZeit nehmen konnten. – Wir wissen das sehrzu schätzen und kommen auch gleich zur Sache:Ihre Schriften erfreuen sich zunehmenderBeliebtheit; man reißt sich ja förmlich um IhreHochzeitsgedichte…■Die Leipziger sind furchtbar gespannt darauf,Ihre gesammelten Gedichte endlich als gedrucktesBüchlein lesen zu können. Ich binmir andererseits nicht sicher, ob die Leipzigerinnengleichermaßen entzückt sein werden.Denn während die Junggesellen – von unglücklichenHahnreien mal abgesehen – inIhren Nouvellen einigermaßen glimpflich davonkommen,müssen sich »Mädgen undJungfern« umso beißenderen Spott gefallenlassen. Schier unerschöpflich seien Ihre Methodenund Formen, mit denen Sie das Themader Jungfernschaft behandeln, Sie könntensich »nicht genug thun in faunischerSkeptik gegenüber allem, was Jungfer heisst«(Flossmann 1899), und dies sei letztlich derGrund jener »tödlichen Feindschaft der LeipzigerFrauenwelt« gegen Sie?■Erst 1736 sollte ihm die Tochter eines angesehenenLeipziger Juristen ein »Ja!« schenken.Damit war Henrici nach Aussage eines Zeitgenossennun noch »mit einer kränklichenFrau beladen«. Die Häme gegenüber Picandersspitzer Feder wider unschickliche Frauenzimmersollte sogar seinen Tod überdauern.So berichtete das Hannoversche Magazin1768: »Henrici in Leipzig, der unter demNamen Pikander höchst unwitzige scherzhafteGedichte und Lustspiele herausgegebenhatte, die das Vergnügen vieler Leser waren,fiel auf einmal [hin] und ward die Ergötzungder Jungemägde.«Herr Henrici, ist Ihnen das schöne Geschlechtmöglicherweise vollends suspekt?In unserem Forum wird gar nichts ausgestrichen!Bitte denken Sie doch an Ihre eigenenschmerzlichen Erfahrungen mit der Zensur.Hat nicht der Rat erst kürzlich Schriften vonIhnen konfiszieren lassen, im selben Zugeauch gleich noch die von Gottsched, der Sieauf höchst verunglimpfende Weise als»Schmierander« tituliert hat. War das etwarechtens?Aber ich wollte mich wirklich nicht mit Ihnenstreiten.■■… schon recht …■■■ ■ ■ 12W W W . B A C H A K A D E M I E . D E / F O R U MF O R U M B A C H A K A D E M I E 79■ ■ ■13


Aber warum hasst man Sie denn?■Sie meinen damit jene getroffenen Hunde, dieüberzeugt sind, Picanders Feder sei speziellgegen die Erhabenheit ihrer Person gespitzt.In den Druckausgaben haben Sie ja jeglicheNamensnennung konsequent vermieden.Doch sprechen wir’s ruhig aus: die offen ausgetrageneFehde mit Gottsched ist längst publik.Im Übrigen: Ich treffe mich ja mit Ihnenund nicht mit ihm, denn es geht mir um Ihrefein gedrechselten Verse; Gottsched wiederumsollte es tunlichst unterlassen, weiterejämmerliche Versuche gereimter Dichtung zuunternehmen. Jedenfalls fällt es schwer zuglauben, dass nicht der eine oder andere SeitenhiebIhrerseits dem Kollegen Weltverbesserergilt. Hand aufs Herz: Nehmen Sie wirklichniemanden aufs Korn, werden nur immerSie selbst angegriffen?■Die Geringschätzung Picanders durch seinegelehrten Zeitgenossen aus dem universitärenUmfeld sollte auch die Nachwelt prägen.Lediglich von Vorurteilen zu sprechen, wärezunächst eine Verharmlosung – zu konsequentwurde die Liste verbaler Empörungs -tiraden durch die Bach-Literatur befüllt. DasBild des anpassungsfähigen »Lebens- undÜberlebenskünstlers« (Schulze) schöpferischan der Seite des großen Genies schienschlichtweg unvorstellbar. So mag ZeltersSatz an Goethe: »Wenn ein Heutiger einPicandersches Gedicht in Musik setzen sollte,er müßte sich kreuzigen und segnen« (1829)noch ein gewisses Maß an hintersinnigemRespekt erkennen lassen, Spitta aber empfanddie »Niedrigkeit und Geschmacklosigkeitseiner Anschauungs- und Ausdrucksweise«nur als abstoßend und AlbertSchweitzer entdeckte gar »die widerwärtigstenund gemeinsten Sachen« in PicandersTexten. Selbst die einzige größere Arbeit zuPicander (Heinrich Paul Flossmanns Dissertationvon 1899) konstatiert rechthaberisch,viele der Texte seien »eben eine matte undplatte Reimerei«, und in seinen Quodlibetssei Picander »einfach widerlich«. Doch ausgerechnetall die Stürmchen im Wasserglas,die Picanders aus heutiger Sicht absolutharmlose Frechheiten aufwühlten, entbehrenihrerseits nicht einer großen Lächerlichkeit,und so »muss Picanders Beitrag zur Chroniquescandaleuse […] als bescheiden und keineswegsaufregend gelten« (Schulze).Werfen wir noch einen Blick auf all die gedrucktenAusgaben, die folgen werden: Dasmacht am Ende unzählige Reime in weit über600 Gedichten auf insgesamt fast dreitausendDruckseiten. Die meisten sind als Auftragentstanden, oft sehr kurzfristig, und nunkommt die »Gesamtausgabe« hinzu, die ja ihrerseitseine enorme Herausforderung darstellt.Wie ist ein solch riesiges Pensum quasials »Nebenjob« zu bewältigen?■Dies Geständnis des Mangels an allergeringstempoetischen Sternenschimmer war ziemlichfreimütig. Manch einer Ihrer Neider undWidersacher sah sich darin bestätigt, dies miteiner Flucht ins Belanglose, einem Mangel anErnsthaftigkeit gleichzusetzen. Auch mir, Siemögen bitte verzeihen, erscheint es so, alsflöge Ihr Geist nicht immer ganz so frei in den»Ernsthafften« Gedanken. Sie bilden schonlieber lustige Reimpaare, nicht wahr?Teurer Picander, kunstreichster Poete, wirmögen ja auch gerade Eure Hochzeit-Lieder!Keiner sonst hat die Alexandriner so gut imGriff wie Ihr, niemand sonst schaut unseremVölkchen so pfiffig aufs Maul, unerreichtbleiben Neugier und Geschick beim ZielenEures Okulars auf prominente Schrullen undin Leipzigs Schlafgemächer! Picander, pikantergeht’s nicht! Eure Hochzeitscarmina mitden schwindelerregenden Knittelvers-Rutschpartien,diese rhythmisch fulminant choreographiertenWortkaskaden (»CupidensInventarium«), das ist doch alles herrlich,lieber Picander!■■*- - - Picander? Nun also… Haben Sie herzlichenDank und leben Sie wohl!Nun hat er es offensichtlich doch ziemlich eiliggehabt – wie schade! Es wäre doch noch so vieleszu erfragen gewesen, auch wenn er es zu diesemZeitpunkt noch nicht hätte kommentierenkönnen. Seine Zusammenarbeit mit Bach anweltlichen Kantatentexten, der einigermaßenrätselhafte »Picander-Jahrgang« von 1728/29,seine Schauspiele, die Mitwirkung als Geiger imCollegium musicum, etc. etc. – Wir müssen dasirgendwann nachholen. Er hätte ja auch nocherfahren sollen, wie nahe uns seine Passionswortegehen, wenn sie sehr viel später immer wiederihren Weg in die Herzen der Zuhörer finden,Verse von bestechender Schönheit, schon beimLesen: »Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen«,»Das gehet meiner Seele nah«, »Mache dich,mein Herze, rein«, oder die letzten Worte seinerDichtung in der Passion: »Höchst vergnügtschlummern da die Augen ein.« –Kupferstich aus dem1. Theil zum IV. Paquetseiner »AufgefangenenBriefe«Einige schöne*Beispiele der PicanderschenReimkunstkönnen Sie sich inunserer Online-Bei lage anhören(Link ganz unten auflinker Seite).■ ■ ■ 14W W W . B A C H A K A D E M I E . D E / F O R U MF O R U M B A C H A K A D E M I E 79■ ■ ■15


Ein Büchlein allein ward je zu Picander verfasst,und es ist über 100 Jahre alt. Aus Leipzigerhielt er immerhin noch einen mehrseitigenherzlichen Geburtstagsgruß zum 300.von Hans-Joachim Schulze. An näherungenmit literaturhistorischem oder kulturwissenschaftlichemAnsatz fehlen ebenso wie gescheiteUntersuchungen zur Zusammenarbeitmit dem Thomaskantor. Gemessen anseiner Bedeutung allein als Bachs Co-Autoreinerseits und angesichts tausender Abhandlungenmit teilweise irrwitzigen Variationendes Bach-Themas andererseits darf diesesMissverhältnis als zumindest erschreckenderscheinen. Besonders vorsichtigen Menschenkönnte sich glattweg der Verdacht aufdrängen,es seien noch alte Leipziger Ratsaktenrechtsgültig, nach denen eine ernsthafteBeschäftigung mit dem »Elstermann« rigorosund effizient zu ahnden ist. Wir werden unsder Sache wohl demnächst etwas eingehenderannehmen…Frontispiz im3. Teil der Gedichtevon 1732■ ■ ■ 16W W W . B A C H A K A D E M I E . D E / F O R U M


H Ä N D E L - B A C H - H Ä N D E L O D E RS A A L E - N E C K A R - S A A L EAls sie Anfang 2008 zur Bachakademie kam, hatteC L A U D I A B R I N K E R noch die Luft der Händelstadtin der Nase. Nach einem Jahrfünft ist sie nunwieder an die Saale gezogen, in ihrer neuen Position alsDirektorin der Staatskapelle Halle. So neu, sagt sieselbst, seien die Aufgabenstellungen wiederum nicht,vielmehr eine Fortführung ihrer bisherigen Tätigkeitenauf einer anderen Ebene. In erster Linie sei sie dafürverantwortlich, die Position des Orchesters innerhalbder Stadt zu stärken und natürlich auch Gastspiele zuakquirieren. Als einziges Sinfonieorchester in Deutschlandgibt es innerhalb des Hallenser Klangkörpers einSpezialensemble für Alte Musik – das Händelfestspielorchester.Claudia Brinker freut sich sehr auf das gemeinsame(und schon seit längerem geplante) Projektmit den Gächingern: eine h-Moll-Messe am 7. April inder Marktkirche.Aus der spannenden und schönen Zeit bei der Bachakademieetwas hervorzuheben fällt ihr nicht leicht.»Rillings Gesprächskonzerte haben mich wirklich beeindruckt«sagt sie, »auf der anderen Seite Musikfestkonzertewie das erste Sonnenaufgangskonzert mit demarmenischen Klosterensemble St. Geghard, das Synchronschwimmen2011 oder die Kunst der Fuge mit denGebrüdern Ghielmi«. Nach viel Bach nun wieder mehrHändel: auch die sei ein Kulissenwechsel, der ihr zusagt,hat sie doch mehr als ein Faible für die italienischeOper. Wir wünschen ihr von Herzen viel Erfolg undFreude in ihrer neuen Position in vertrauter Umgebung.N E U I M T E A MD E R B A C H A K A D E M I EC A R O L I N E L A Z A R O U , geb. 1979 in Lahnstein,studierte in Koblenz und später in Köln Musikwissenschaft,Kunstgeschichte und Philosophie. Schon währendihres Studiums arbeitete sie in den Bereichen Dramaturgie,Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Marketing,u. a. beim Gürzenich-Orchester Köln, beim WDR oderder Oper Frankfurt am Main. Noch bevor sie ihreMagisterprüfung ablegte, trat sie 2008 beim RheingauMusik Festival eine Stelle als Assistentin der Dramaturgie-und Presseabteilung an. Parallel dazu beendete sie2009 ihr Studium und arbeitete bis 2011 als Marketing -referentin des Festivals. Anschließend ging sie zurücknach Köln, wo sie als Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeitfür das Ensemble musikFabrik beschäftigt war.Mit dem Beginn des Jahres 2013 ist Caroline LazarouReferentin für Marketing sowie für Presse- und Öffentlichkeitsarbeitbei der Internationalen BachakademieStuttgart.A M E N D E E I N E F R A G E ? – E I N E B I T T E !Unsere liebe neue Kollegin sucht momentan ein schönesZuhause für die kommenden Zeiten. Sie ist Nichtraucherinund zöge allein – also auch ohne Haustier – in dieWohnung. Ihre Wünsche: eine bezahlbare Zwei zimmer -wohnung mit Einbauküche und eine gute Verkehrsanbindungnach Stuttgart-Mitte/West. Bitte verraten Sie ihrdoch, wo eine solche Chance auf sie warten könnte –nicht nur sie, wir alle würden uns sehr darüber freuen.caroline.lazarou@bachakademie.deFOTO: MARCO BORGGREVESINFONIEKONZERTE MITSYLVAIN CAMBRELING7. / 8. APR 2013LEBENSLAUFFRANZ LISZT VON DER WIEGE BIS ZUM GRABE (1881– 82)HANS ZENDER ISSEI NO KYÕ – DAS LIED VOM EINEN TON (2008– 09)ROBERT SCHUMANN SINFONIE NR. 3 »RHEINISCHE« ES-DUR OP. 97 (1828)7. / 8. JULI 2013GOTTES ZORNGALINA USTWOLSKAJA KOMPOSITION NR. 2 »DIES IRAE« (1973)GIUSEPPE VERDI MESSA DA REQUIEM (1868/ 1873 – 74)LIEDERHALLE, BEETHOVENSAALWWW.OPER-STUTTGART.DE | 0711 20 20 90

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