film - Ethos

schwengeler

film - Ethos

Sophie Scholl gehörte zu den wenigen,

die sich gegen die Unmenschlichkeit

des Dritten Reichs auflehnten. Nach

ihrer Verhaftung folgten stundenlange

Verhöre, ein kurzer Schauprozess und

die Hinrichtung. In seinem Porträt über

die Widerstandsaktivistin ist Regisseur

Marc Rothemund das Porträt einer

jungen Frau mit bewundernswerter

Zivilcourage gelungen.

München, im Februar 1943. Heimlich

treffen sich einige Mitglieder der studentischen

Widerstandsgruppe «Weisse Rose»

in einem Keller. Darunter sind auch

die Geschwister Sophie (Julia Jentsch)

und Hans (Fabian Hinrichs) Scholl und

ihr Freund Christoph Probst (Florian

Stetter). Sie drucken Flugblätter, in denen

sie Hitlers Nazi-Regime anprangern.

Hans plant für den folgenden Tag eine

riskante Verteilaktion an der Münchener

Universität. Es geht darum, während den

Vorlesungen unbemerkt einige hundert

Pamphlete auszulegen. Sophie will ihren

Bruder bei seinem gefährlichen Unterfangen

unterstützen.

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ethos 4 2005

Einige Mitglieder der «Weissen Rose»

treffen sich, um Flugblätter zu schreiben,

zu vervielfältigen und unter die

Leute zu bringen.

film

Unauffällig begeben sich Hans und Sophie

am nächsten Tag zur Universität und

mischen sich unter die Studenten. Kaum

haben sich die Türen der Auditorien geschlossen,

machen sie sich ans Werk. Alles

läuft wie am Schnürchen … bis sie in

letzter Minute vom Abwart entdeckt, festgenommen

und der Gestapo übergeben

werden.

Der Hauptteil des Films konzentriert

sich ganz auf Sophie, die während den

folgenden vier Tagen immer wieder vom

Verhörspezialisten Robert Mohr (Alexander

Held) vernommen wird. Zwischendurch

lässt man sie in ihre Zelle, die

sie mit Else Gebel teilt, «damit du dich

nicht umbringst», wie diese erklärt. Doch

so furchteinflössend die Umstände sind –

die 22-Jährige kämpft. Unbeirrt beharrt

sie auf ihrer Unschuld und hält Mohr

eine ganze Palette Alibis entgegen. Mohr

ist sichtlich beeindruckt von Sophie, die

ihm immer direkt in die Augen sieht, sich

aber nicht frech gibt, sondern äusserst

konzentriert, beherrscht und überlegt.

Erst als sie mit dem Geständnis ihres Bruders

konfrontiert wird, gesteht auch sie,

ihn dabei unterstützt zu haben. Mutig

übernimmt sie von nun an die volle Verantwortung

für ihr Handeln und lehnt es

Sophie und Hans bei ihrer gefähr

Verteilaktion.

strikt ab, als unbedarfte Helferin ihres

Bruders milde behandelt zu werden. Sie

steht entschlossen zu ihrer Einstellung

und versucht möglichst, die anderen Mitglieder

der «Weissen Rose» aus der Sache

rauszuhalten. Selbst als Mohr ihr schliesslich

eine «goldene Brücke» baut, mit der

Sophie das eigene Leben retten könnte,

lehnt sie ab. «Die Idee verraten will ich

nicht», meint sie entschlossen, «nicht Sie,

ich habe die richtige Weltanschauung!»

Bereits vier Tage nach der Festnahme

reist Roland Freisler, der Präsident des

berüchtigten Volksgerichtshofs, extra von

Berlin nach München, um Christoph

Probst und den Geschwistern Scholl den

Prozess zu machen. Nach einer kurzen

Verhandlung werden alle drei Angeklagten

«wegen landesverräterischer Feindbegünstigung,

Vorbereitung zum Hochverrat

und Wehrkraftszersetzung» zum Tode

verurteilt. Nur wenige Stunden später erfolgt

die Hinrichtung durch das Fallbeil.

Mit seinem neusten Film hat Regisseur

Marc Rothemund ein eindrückliches

Porträt über Sophie Scholl geschaffen.

Um die letzten Tage der Studentin zu rekonstruieren,

konnte er neben historischen

Fakten auch auf bisher unveröffentlichte

Verhörprotokolle zurückgreifen.

Dabei setzte Rothemund ganz auf die

schauspielerische Leistung von Julia

Jentsch in der Titelrolle. Die Rechnung

ging auf: Die Schauspielerin schaffte es in

beeindruckender Weise, Sophie auf der

Leinwand wieder lebendig werden zu lassen:

der Schrecken der Verhaftung, der

versteckte Triumph, als Mohr ihren Alibis

nichts mehr entgegenzusetzen weiss, der


lichen Selbst Verhörspezialist Robert Mohr

glaubt nach fünfstündigem Verhör an

die «Unschuld» Sophies.

Schock, als sie von der sofortigen Vollstreckung

des Todesurteils erfährt.

Glaubwürdig verkörpert Jentsch, wie Sophie

es fertig bringt, vor dem Beamten

Fassung zu bewahren und erst, wenn sie

allein oder mit Elsa in der Zelle ist, Gefühle

zulässt. Dann vergiesst sie Tränen,

schreit ihre Angst hinaus, schaut sehnsüchtig

aus dem kleinen Fenster der Zelle

zum Himmel, betet.

Von Mohr befragt, weshalb sie sich für

ein so riskantes Unternehmen einsetze,

nimmt Sophie Bezug auf ihr Gewissen,

das ihr keine andere Wahl als den Widerstand

lasse. «Das Volk will Gott, Gewissen

und Feingefühl», rechtfertigt sie ihre feste

Haltung, worauf Mohr schreit: «Gott –

gibt es nicht!» Offensichtlich war die Protestantin

gegenteiliger Meinung. «Ich bin

überzeugt, dass Sophie kurz vor ihrem

Tod, als sie so allein war, grosse Kraft aus

ihrem Glauben geschöpft hat», erklärt Julia

Jentsch, die zur Vorbereitung für ihre

Rolle neben den Verhörprotokollen auch

Briefe und Tagebücher von Sophie studiert

hat. «Ihre Gebete im Film sind jedenfalls

überliefert», führt sie in ihrem

Interview gegenüber Filmstar.de aus.

Für Regisseur Rothemund ist der Film

wichtig, «weil mich die Zivilcourage von

Sophie Scholl ungeheuer beeindruckt hat

und weil ich denke, dass diese Zivilcourage

für uns heute Vorbild sein kann».

Tatsächlich fordert Sophies Geschichte

heraus: Wie hätte ich mich an ihrer Stelle

verhalten? Handle ich immer so, wie ich

es vor meinem Gewissen vertreten kann?

Wie weit bin ich bereit, für meine Überzeugungen

zu gehen? Nach Julia Jentsch

war Sophie ein ganz normales Mädchen,

Sogar nach der Verkündigung des

Todesurteils behält die junge Frau

ihre Zivilcourage und ihre aufrechte

Haltung.

«das Entscheidungen getroffen hat, die

wir auch treffen könnten». Sie meint:

«Sophie ist nicht als Heldin geboren worden,

sondern dank ihres Sinns für Freiheit

und Gerechtigkeit an ihrer Aufgabe

gewachsen. Ihr Beispiel zeigt uns, dass

man seine eigenen Ängste und Schwä-

Am Rande

Damit das Gewissen beisst …

Während der Gestapo-Beamte

Mohr Sophie Scholl mit Gesetzesparagraphen

konfrontiert, beruft

sie sich fest auf ihr Gewissen, dem

sie mehr gehorchen müsse.

Doch was ist das Gewissen

überhaupt? Weshalb reagiert es so unterschiedlich?

Warum konnte Sophie

beobachten, wie während des Dritten

Reiches die einen, ohne mit der Wimper

zu zucken, Juden misshandelten,

während sich in anderen Mitleid und

Widerstand regte?

Mit dem Gewissen hat Gott jedem

Menschen die Möglichkeit in die Wiege

gelegt, richtige Urteile zu fällen, Gut

und Böse zu unterscheiden. Als leise

Stimme in unserem Innern warnt es,

klagt an, bestätigt, lobt … Allerdings ist

das Gewissen wie ein feines Instrument,

das immer neu gestimmt werden muss.

Denn es kann auch manipuliert, fehlgeprägt,

abgestumpft werden.

Die gefährlichste Art, das Gewissen

zum Schweigen zu bringen, besteht

darin, uns an falsches Handeln zu gewöhnen.

Anstatt eigenes und fremdes

Unrecht beim Namen zu nennen, versuchen

wir mit scheinbar vernünftigen

Kurz vor der Hinrichtung bittet Sophie

den Pfarrer um den letzten Segen.

chen auch überwinden kann – und dass

man für seine Stärke kämpfen muss.» Damit

hat der Film eine wichtige Botschaft,

die es zu beherzigen gilt. Denn Anlass,

Mut und Zivilcourage zu zeigen, haben

wir genug – auch hier und heute!

Carole Huber

Argumenten das zu rechtfertigen, was

nichts anderes als Sünde ist. Tun wir

dies wiederholt, wird die Stimme des

Gewissens leiser, bis irgendwann der

Zeitpunkt erreicht ist, wo es sich nicht

mehr meldet. Wir verspüren dann bei

einem Unrecht – sei es gross oder klein

– kein Unbehagen mehr.

Es ist deshalb von grösster Bedeutung,

das eigene Gewissen immer wieder

zu schärfen. Der beste «Wetzstein» dafür

ist die Bibel. Gott zeigt in seinem Wort

unmissverständlich auf, was Recht und

Unrecht ist. Alles Aufbegehren gegen

Gott und der daraus resultierende Egoismus

ist Sünde, welche letztlich zu

Handlungen führt, die nicht nur uns selber,

sondern auch unser Umfeld verderben.

Wenn wir dies anerkennen, falsches

Handeln zugeben und um Vergebung

bitten, verhindern wir, dass unser Gewissen

abgestumpft wird. Stellen wir

uns deshalb diesem hohen Massstab! –

Denn was geschieht, wenn das Gewissen

eines ganzen Volkes nicht gegen die totalitäre

Herrschaft eines wahnsinnigen

Despoten aufbegehrt, wird in «Sophie

Scholl – Die letzten Tage» mit beklemmender

Deutlichkeit gezeigt. ■

ethos 4 2005 27

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