Mord am Kanal - Haufe.de

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Michael KoglinHausmeister hofers erster FallMord am Kanal


Mord am KanalMichael Koglin


1. Auflage 2013© 2013, Haufe-Lexware GmbH & Co. KG,Munzinger Straße 9, 79111 FreiburgAlle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischenWiedergabe (einschließlich Mikrokopie) sowie der Auswertung durch Datenbankenoder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.Umschlagentwurf: Haufe-Lexware GmbH & Co. KGFoto: Heike TiedemannDruck: Schätzl Druck & Medien, 86604 DonauwörthZur Herstellung der Bücher wird nur alterungsbeständiges Papier verwendet.


1»Wie würden Sie Ihre Frau umbringen?«Die rüstige Dame, die da vor ihm stand, mochte Mittesechzig sein. Schwer zu schätzen. Sie sah ihn mit blau-grauenAugen an und ein wenig bebten ihre Lippen, während sie aufseine Antwort wartete.»Andreas Hofer, raus damit, wie würden Sie es machen?«»Ich bin nicht verheiratet und Umbringen kommt für michsowieso nicht infrage.«Sie stand in seiner Hausmeisterloge und er fragte sich seitein paar Minuten, wie er sie loswerden konnte.Vor knapp einem Monat hatte er den Job bei der Wohnungsbaugesellschaftangenommen, eine Mischung ausHausmeister, Concierge und Mädchen für alles. Eigentlichwar es ganz gut angelaufen. Die Nachbarn nickten ihmfreundlich zu, holten die bei ihm abgegebenen Pakete ab oderkamen auf einen Kaffee herein. Und seltsame Zeitgenossengab es schließlich überall, da war dieser Ort keine Ausnahme.»Sie bringen niemanden um?«, sagte die resolute Frau, dieeinen seidenen Schal umgeworfen hatte.»Was haben Sie denn in Afghanistan gemacht?«»Woher wissen Sie, dass ich …«»Ich hab mir Ihre Facebook-Seite angesehen, jungerMann.«»Oh, die wollte ich schon vor Wochen abschalten.«»Ja, mit seinen Daten sollte man vorsichtig umgehen. Alsowie würden Sie es machen, Sie haben doch Fantasie.«»Kommt drauf an«, sagte er.Sie zog die Augen zu Schlitzen zusammen.3


»Vielversprechend«, sagte sie. »Und worauf kommt esan?«»Die Umstände. Ist es Tag oder Nacht, befinden wir uns inden Bergen oder am Meer. Isst das Opfer gern außergewöhnlicheSachen, in die man Gift einbringen könnte. Kann esschwimmen oder hat es Höhenangst. Solche Gegebenheitenmuss man berücksichtigen.«Er hoffte, sie mit diesem Redeschwall in die Flucht zu treiben.Doch sie lächelte ihn lediglich an, um nach einer Pausebedächtig zu nicken, durch ihre grau-violetten Haare zustreichen und mit Nachdruck zu sagen: »Sie sind meinMann.«»Fein, und wie würden Sie es machen, Frau …?«»Winterfeld. Alice Winterfeld. Also ich bin da mehr derpraktische Mörder. Und als Frau darf ich meine körperlichenKräfte nicht überschätzen.«»Also? Strychnin in den Kaffee? Oder Arsen?«»Unsinn. Ein Spaziergang über den Friedhof und dann mitdem Messer«, sagte sie. »Von hinten selbstverständlich. Ichbrauche das Überraschungsmoment, Sie verstehen?«Mit einem unsichtbaren Dolch führte sie einen Hieb durchdie Luft.»Wieso auf einem Friedhof? Weil dort wenige Menschenunterwegs sind? Keine Zeugen?«»Nein, nein«, sagte sie mit ernster Miene und klemmtesich das Paket unter den Arm, das der Postbote am Morgenfür sie abgegeben hatte. »Das Schwierige an der Angelegenheitist: Wie werde ich die Leiche los?«»Und auf einem Friedhof gibt es …«»… genau, Andreas. Ich darf Sie doch so nennen, ja? Aufdem Friedhof gibt es offene Gräber, in denen am nächstenTag jemand bestattet wird. Also braucht man nicht mal langezu graben, bisschen Sand drauf und zack kommt ein Sargdrüber. Liegen eben zwei in der Grube. Zwei für einen ist4


sowieso ökonomischer und spart Platz. Die ruckeln sich daunten schon zurecht. Und einsam sind sie auch nicht mehr.Außerdem …«»Ja?«»Leichenhunde auf dem Friedhof muss man auch nichtbefürchten. Die würden alle zwei Meter anschlagen.«Mit dem Paket bewaffnet machte sie einen Schritt auf dieTür zu und drehte sich noch einmal um: »Andreas Hofer, ichmuss mit Ihnen reden. Sehr wichtig. Heute Abend, gegen zehnUhr in meiner Wohnung?«»Um was geht es denn?«»Über das, worüber wir gesprochen haben.«»Und das wäre?«»Ja, haben Sie in Ihrem Alter schon Alzheimer, Herr Hofer?Wir sprachen über Mord.«Ohne eine Antwort abzuwarten, sagte sie »Danke« undschloss energisch die Tür hinter sich.Andreas war in seinem Leben schon einigen schrägen Typenbegegnet, aber diese Alice Winterfeld war im Begriff, sicheinen Ehrenplatz zu erobern. Dabei wollte er doch nur seineRuhe.Nach dem Dienst in Afghanistan hatte er, wie viele seinerehemaligen Kameraden, zunächst bei einer Sicherheitsfirmaangeheuert. »Objektschutz« war ihm in Aussicht gestelltworden. Zwei Wochen später fand er sich als Türsteher voreiner Diskothek wieder und musste sich von Jugendlichenanpöbeln lassen.Dann hatte er sich mit einer eigenen Detektei versucht.Aber auch das hatte nicht funktioniert.Und nun also ein ruhiger Posten als Hausmeister, Portier,Postannehmer und Ersatzschlüssel-Verwahrer.Hier und da erledigte er kleinere Reparaturen oder rief dieFachleute, wenn seine handwerklichen Fähigkeiten nichtausreichten. Die Anstellung als Concierge betrachtete er alszeitlich befristetes Experiment. Allerdings musste er sich5


eingestehen, dass ihm die Bewohner, die jeden Tag an seinerPförtnerloge vorbei kamen, langsam ans Herz wuchsen.Alice Winterfeld war eben der berühmte Ausreißer. VonMord hatte sie fantasiert! Wahrscheinlich hat sie zu vieleKriminalromane gelesen, dachte er. Oder ihr war einfachlangweilig.Er schloss die Pförtnerloge ab und schlenderte in seinekleine Wohnung in der nahe gelegenen Gärtnerstraße. Kurzhatte er überlegt, einfach nicht zu erscheinen, doch das warnicht seine Art. Und wenn er an die vorwurfsvollen Blickedachte, mit denen sie ihn jeden Tag traktieren würde …Also machte er sich auf den Weg und stand bereits einehalbe Stunde vor der Zeit an ihrer Tür. Mord! Je eher er ihrklar machte, dass er nicht an ihrem Detektivquatsch interessiertwar, desto besser.Sie öffnete die Tür. Über einer weiten schwarzen Hose trugsie eine Art schwarzer Tunika, die von einem weißen Gürtelzusammengehalten wurde.»Andreas!«, sagte Sie. »Ehrlich gesagt bin ich von den Socken,dass Sie tatsächlich gekommen sind.«Bevor er etwas sagen konnte, zog sie ihn durch den miteinigen Kleinmöbeln vollgestellten Flur ins Wohnzimmer.Vier Augenpaare musterten ihn. Drei Frauen und einMann saßen auf Matten am Boden, alle hatten ihr rechtesBein in die Höhe gestreckt.»Der Storch grüßt die Seerose«, sagte sie.»Bitte?«»Eine Yogaübung. Machen Sie mit, da hinten ist meineMatte.«Er schüttelte den Kopf und wandte sich zur Tür.»Nun stellen Sie sich mal nicht so an. Das hier ist nur einYogakurs und der Sonnengruß, den wir gleich angehen, wirdIhnen nicht schaden.«Sanft aber bestimmt bugsierte sie ihn zu ihrer Unterlage,die sie ihm gerne abtreten würde. Dann ging sie auf einem6


Teppichläufer in die Hocke und forderte ihn auf, es ihrgleichzutun. So recht wusste er nicht, warum er ihrer AufforderungFolge leistete. Nun gut, er war kein Spielverderberund Zuschauer gab es Gott sei Dank auch nicht.»Das mit Afghanistan ist wohl schon ein bisschen her«,sagte sie. »Sieht steif aus, Andreas.«Eine der Frauen kicherte, während eine andere ihn mitleidigansah. Worauf hatte er sich nur eingelassen?Nach einer halben Stunde wurden die Matten zusammengerollt,der Kurs war beendet. Alice Winterfeld geleitete dieTeilnehmer zur Wohnungstür und verabschiedete sich vonjedem Einzelnen.»Ich biete das hier für die Nachbarn an«, sagte sie. »Sieglauben ja gar nicht, wie dankbar sie sind.«Dann zwinkerte sie ihm verschmitzt zu und sagte: »Beieinigen klappt es sogar wieder mit dem Liebesleben. Manmuss nur wissen, an welchen Chakras man drehen muss.«Was sie damit meinte, überließ sie seiner Fantasie.»Eigentlich bin ich nur gekommen …«»Andreas Hofer, so heißt der Tiroler Freiheitsheld, nichtwahr?«»Was hat das mit ihren Mordgeschichten zu tun?«»Nichts, kommen Sie.«Diesmal führte sie ihn durch den Flur, auf dem noch dieMöbel aus dem Wohnzimmer standen, in ihre Küche.»Sehen Sie mal aus dem Fenster! Nun los, machen Sieschon.«Das Küchenfenster gab einen malerischen Blick auf denIsebekkanal frei. Andreas sah zwei Männer in angeregtemGespräch, die den lauen Sommerabend für einen Spaziergangnutzten. Einige Meter weiter schaukelte fest vertäut dasKindertheaterschiff auf dem Wasser.»Und?«, sagte sie.»Nichts Besonderes.«7


»Eben«, sagte sie. »Bis vor drei Tagen hat sich um dieseZeit dort unten am Anleger regelmäßig ein Pärchen getroffen.«»Das soll vorkommen.«»Ein Rendezvous«, sagte sie schwärmerisch und schauteverträumt gegen die Zimmerdecke.»Aber am letzten Tag gab es Ärger.«»Und deshalb reden Sie von Mord?«»Motiv, Gelegenheit und Entschlossenheit«, sagte sie. »DieWahrheit ist, sie haben sich fürchterlich gestritten.«»Hatte jemand ein Messer in der Hand?«, fragte er belustigt.»Oder waren es Maschinengewehre?«»Nein, das wäre auch völlig unangebracht gewesen.«»Und wie kommen Sie auf ein Verbrechen?«Gestikulierend schritt sie zum Herd und hob eine Pfannean.»Hier habe ich gestanden und mir Venusmuscheln zubereitet.Ich höre Geschrei, sehe die beiden mit den Armen rudern,sie läuft los und er hinterher.«»Das konnten Sie im Licht der Lampen sehen?«»Es dämmerte. Plötzlich ein Schrei und …«»Und?«Sie schlug mit der flachen Hand auf den Kühlschrank.»Ein Schlag, ein Bersten und das Geräusch eines Körpers,der ins Wasser fällt. Und dann …«»… dann was?«»Stille. Tödliche Stille.«»Ich bitte Sie«, sagte Andreas. »Das kann alles Möglichegewesen sein. Sie haben nichts Konkretes. Vielleicht ist einSchwan gelandet. Das hört sich so ähnlich an.«»Andreas, ich bin stolz auf eine gewisse Beobachtungsgabe.Etwas, was man von Ihnen nicht gerade sagen kann.«8


»Was soll das jetzt heißen?«»Waren Sie überrascht über den Yoga-Kurs?«, fragte sie.»Das kann man so sagen«, erwiderte er.»Dabei kommt meine Gruppe einmal in der Woche auchvormittags. Das müssten Sie bemerkt haben.«»Na ja, es kommen viele Leute.«»Zwei von ihnen kommen von außerhalb. Die sind ihnenaber gar nicht aufgefallen.«»Ich mische mich eben nicht in die Privatangelegenheitender Leute ein.«»Ich auch nicht«, sagte sie und ihre Augen funkelten.»Welche Farbe hatte das T-Shirt der Dame gleich nebenIhnen?«»Soll das jetzt ein Verhör werden?«»Unsinn. Aber ich bin hier oben noch ganz gut beieinanderund ich weiß, was ich gesehen und gehört habe.«Sie tippte sich zur Bestätigung an die Stirn.»Und wie kann ich da helfen?«»Wir müssen herausfinden, was genau passiert ist.«»Frau Winterfeld …«»Alice.«»Schön, Alice. Kannten Sie die Leute?«»Natürlich nicht. Wir stehen ja erst am Anfang mit unserenErmittlungen.«»Wir?«»Ich dachte, Sie hatten mal eine Detektei?«»Woher wissen Sie das schon wieder?«, sagte Andreas.Sie zeigte auf das Notebook neben dem Brotkorb.»Damit kann man eine Menge in Erfahrung bringen.«Er erinnerte sich, warum er die Detektei aufgegeben hatte.Weil er sich mit Industriespionage per Computer nicht9


auskannte, hatte er über Jahre untreuen Männern und Frauennachgespürt und fotografiert. So etwas kam für ihn niewieder infrage.»Es tut mir leid, aber ich bin nicht interessiert«, sagte er.»Wollen Sie ein Honorar?«, fragte Alice.»Darum geht’s nicht«, sagte er und verabschiedete sich.Seltsamerweise hielt sie ihn nicht zurück.In einer Kneipe in der Bismarckstraße trank er noch einBier. Als er das Glas anhob, verspürte er ein schmerzhaftesZiehen in der Schulter.»Yoga!«, dachte er.Er hatte gerade den ersten Schluck getrunken, als ihm einZeitungsverkäufer die Abendausgabe vor die Nase hielt.Er verschluckte sich, als er die Schlagzeile las.»Tote im Isebekkanal«, las er die zentimetergroße Schlagzeile.Und daneben das Bild einer Frau mit der Zeile: »Werkennt das Opfer?«Er blätterte die Seite um.»Ich bin keine Leihbibliothek«, sagte der Zeitungsverkäufer.»Macht einen Euro.«Andreas bezahlte und begann zu lesen.»In den Abendstunden machten Spaziergänger einen grausigenFund. In einem von Anwohnern mit Seerosen bepflanzten Teil desKanals hatte sich eine weibliche Leiche verfangen. Bei einer erstenBegutachtung noch am Auffindeort stellten Rechtsmediziner erheblicheKopfverletzungen fest. Es sei unwahrscheinlich, dass diese voneinem Sturz herrührten. Vielmehr müsse man von Fremdverschuldenausgehen. Die Frau wurde demnach getötet. Zu weiteren Untersuchungenwurde die Leiche in die Rechtsmedizin des UniversitätskrankenhausesEppendorf gebracht. Da die Tote keine Papierebei sich trug, fragt die Polizei: Wer kennt die Frau? Wer hat sie inder Nähe des Isebekkanals gesehen? Wem ist etwas Besonderesaufgefallen? Alle Hinweise könnten wichtig sein.«10


Fotos zeigten Spurenermittler und Rechtsmediziner inOveralls am hell ausgeleuchteten Fundort. Der Leichnam derermordeten Frau lag verborgen unter einer Decke.Andreas leerte sein Glas in einem Zug.Das war’s mit dem ruhigen Job, dachte er und bezahlte.11


122»Sie müssen zur Polizei!«, sagte er. »Sonst machen Sie sichstrafbar.«»Andreas, allein geh ich nirgendwohin«, sagte Alice Winterfeldund stellt ihm einen Espresso auf den Schreibtisch.»Trinken Sie, das ist keine Pads-Plörre. Transfair gehandeltund mit einer richtigen Espressomaschine zubereitet.Probieren Sie.«Der Kaffee schmeckte außergewöhnlich mild und keineSpur bitter.»Die Maschine müssen Sie mir zeigen«, sagte er und fügtehinzu: »Nachdem Sie bei der Polizei waren.«»Wie Sie meinen. Aber: Sie sind Mitwisser, also müssen Sieauch mitkommen.«Alice Winterfeld amüsierte sich über das Wortspiel: »Mitgewusst,mitgekommen.«»Ich fahre Sie mit dem Firmenwagen hin.«»Nur, wenn Sie mit reinkommen. Sonst können Sie’s vergessen.«Natürlich gehörte das überhaupt nicht zu seinen Pflichten.Andererseits, es ging um einen Mordfall und Alice Winterfeldhatte womöglich den Täter gesehen.Eine halbe Stunde später standen sie vor der Pförtnerlogedes Präsidiums.»Junger Mann, wer leitet die Ermittlungen im Fall der Isebek-Leiche?«,sagte sie fordernd zum Beamten am Empfang.»Da muss ich mal nachfragen«, sagte er sichtlich beeindruckt,griff zum Telefon und murmelte etwas hinein.Nach drei Minuten notierte er eine Zimmernummer aufeinem Stück Papier und schob ihn durch den Schlitz.»Alice, ab hier schaffen Sie es allein«, sagte er.


»Wagen Sie es nicht, Andreas Hofer! Sobald Sie versuchenzu verschwinden, schreie ich um Hilfe und zeige auf Sie. Ichmach das.«Zehn Minuten später saßen sie in einem karg möbliertenBüro. Ein großgewachsener Mann Mitte Fünfzig betrat denRaum und stellte sich als Hauptkommissar Heiner Dierksenvor.»Sie haben Angaben zu machen?«, fragte er und taxiertedabei ausgiebig Alice Winterfeld.»Ich habe den Mord gesehen. Direkt vor meinem Haus.«Sie schilderte das Paar, das sich regelmäßig vor dem Hausgetroffen hatte und den Streit.»Sie ist weggelaufen?«, fragte der Polizist.»Und er ihr hinterher. Ich hab noch gedacht: wenn das malgut geht.«»Und dann haben Sie die Geräusche gehört?«»So war es.«Sie schlug mit der Faust auf die Schreibtischplatte.»Falsch«, sagte Dierksen. »Sie glauben, das gehört zu haben,haben Sie eben noch gesagt.«»Ich weiß, was ich weiß.«»Sie haben also gar nichts gesehen«, sagte der Polizist.»Selbstverständlich …«»Ich meine die Tat. Eine akute Bedrohung.«»Nein, aber …«Heiner Dierksen stieß einen tiefen Seufzer aus, erhob sichund reichte ihr über den Schreibtisch die Hand.»Also vielen Dank für Ihre Angaben. Wir sehen mal, obwir was damit anfangen können.«»Begeistert sind Sie nicht gerade.«»Stimmt«, sagte Dierksen.13


»Darf ich fragen, warum?«, mischte sich Andreas Hoferein.»Das darf ich ihnen aus ermittlungstaktischen Gründennicht sagen«, erwiderte Dierksen. »Guten Heimweg.«»Raus damit«, sagte Alice Winterfeld.Der Kommissar sah sich um, als könnte jemand sie belauschen.»Sie sagen, die beiden hätten sich dort regelmäßig getroffen?«»Stimmt.«»Dann können Sie nicht unser Opfer gesehen haben.«Er drehte seinen Bildschirm so, dass seine Besucher auf dasDisplay sehen konnten. Sie sahen ein Datenblatt, das diegetötete Frau zeigte.»Und?«, fragte Andreas.»Das ist ein Passauszug. Ein amerikanischer Pass. Die Frauhielt sich erst einen Tag in Hamburg auf.«Alice Winterfeld fasste sich plötzlich an die Stirn und verdrehtedie Augen.»Mein Kreislauf«, stöhnte sie und sackte in den Stuhl.»Wasser, ich brauche ein Glas Wasser.«Dierksen schnellte von seinem Stuhl hoch und rannte aufden Flur.Plötzlich quicklebendig sprang Alice Winterfeld auf undzog einen USB-Stick aus ihrer Handtasche.»Sie können doch nicht …«»Und wie ich kann«, sagte sie.Sie stopfte den Stick in den Polizeicomputer, rief die Dateiauf und kopierte sie.»Dauert ‘nen Moment«, sagte sie.Mit einem Glas Wasser in der Hand kam Dierksen überden Flur zurückgerannt.14


»Andreas, Sie müssen den Stick rausziehen, während ermir das Wasser einflößt, verstanden?«, sagte Alice.»Das mach ich nicht.«»Und wie Sie das machen.«Gerade noch rechtzeitig ließ sie sich auf ihren Stuhl fallen.Der Hauptkommissar reichte Andreas das Wasserglas, dochder schüttelte den Kopf.»Ich bin nur der Fahrdienst«, sagte er. »Flößen Sie es ihreinfach ein, die kann das ab.«Der Polizist stöhnte und stützte den Kopf der vermeintlichbewusstlosen Alice Winterfeld.Er führte das Glas an ihre Lippen und kippte es leicht an,was bei ihr einen heftigen Hustenanfall auslöste. Das Wasser,das sie wieder ausprustete, verteilte sich auf seinem Jackett.Sie trat Andreas gegen das Schienbein.Er machte einen Schritt hinter den Kommissar, zog denStick aus dem Computer und ließ ihn in seiner Hosentascheverschwinden.Alice Winterfeld ging es schlagartig besser.Sie schlug die Augen auf und herrschte den Polizisten an:»Was machen Sie da? Wollen Sie mich umbringen? Gibt esWaterboarding jetzt auch schon bei der deutschen Polizei?«Scheinbar empört erhob sie sich von ihrem Stuhl undmachte sich, einen verwirrten Andreas Hofer im Schlepptau,erhobenen Hauptes von dannen.»Ich kann nicht glauben, was ich getan habe.«»Finden Sie nicht, dass wir ein gutes Team sind?«»Ich habe Datendiebstahl bei der Polizei begangen.«*15


»Andreas, das ist kein Grund, sich ins Hemd zu machen.Die Polizei wird schließlich von unseren Steuergeldern bezahlt.«»Es war Datendiebstahl. In einem superschweren Fall.Mitten im Präsidium. Dem Polizeipräsidium!«Das letzte Wort betonte er Silbe für Silbe.»Dann müssen wir uns jetzt wohl an die Arbeit machen«,sagte sie. »Erfolg ist sexy. Und wenn wir die Hintergründerausbekommen, fragt niemand mehr nach einem vertrotteltenHauptkommissar, der seinen Computer nicht schützenkann.«Sie fuhren die Hoheluftchaussee hinauf und parkten vordem Haus am Kaiser-Friedrich-Ufer.»Woher können Sie das?«, fragte Andreas.»Was?«»Das technische Zeug. Mit einem Computer umgehen,Dateien kopieren …«»>Saugen< nennt man das. Ich hab mal Computerkursegegeben. An der Volkshochschule.«»Aber, wie haben Sie es gelernt?«»Man darf keine Angst davor haben. Notfalls kann manbei jedem Gerät den Stecker ziehen oder auf AUS schalten.«»Sie haben es sich selbst beigebracht?«»Während eines Nebenjobs, bei dem man lange Pausenhat«, sagte sie. »Ich rede nicht gern darüber.«»Und?«»Ach, lassen Sie schon.«»Nennen Sie das ein Vertrauensverhältnis, Alice?«»Ich bin Seniorenmodell. Da muss man ständig warten.«»Seniorenmodell?«»Naja, der Apothekenrundblick muss ja Faltencremes anpreisenund die Bäckerblume ein Hohelied auf Dinkel absondern.Und dafür brauchen sie Seniorengesichter wie meins«,16


sagte sie und begann zu kichern. »Immerhin noch nicht alsAbschreckung.«In ihrer Wohnung bereitete sie eine Kanne Sencha-Tee undsteckte den USB-Stick in den Computer.»Mal sehen, was wir erbeutet haben.«Andreas rief das Datenblatt auf und druckte es aus.Die erste Seite war eine Fotokopie, angefertigt von derPasskontrolle am Flughafen Frankfurt am Main. Sie war vorvier Tagen als Touristin eingereist.»Joyce Cremlin, 36 Jahre, aus Kalifornien. Im SternzeichenStier geboren.«»Ist das wichtig?«, fragte er belustigt.»Wenn man so wenige Informationen hat, ist alles wichtig.Besonders die Frage, warum sie sich in Hamburg aufhält,dann zurück in die USA reist, um hier kurze Zeit später imKanal zu landen.«»Ist es die Frau, die Sie vor dem Fenster gesehen haben?«»Hundertprozentig«, sagte Alice Winterfeld und starrtegedankenverloren gegen die Decke.Die weiteren Seiten enthielten Angaben zur Person desMordopfers, ihrem Führerschein und die Berufsbezeichnung»aircraft engineer«.»Eine Flugzeugingenieurin«, sagte er und pfiff durch dieZähne.Alice Winterfeld suchte die Telefonnummer der Airbus-Werke heraus, gab die Zahlen in ihr Handy ein und schalteteauf Lauthören.»Können Sie mich mit der Personalabteilung verbinden?«,fragte sie.»Wer bitte spricht dort?«»Anna Dierkens von der Hamburger Kriminalpolizei.«Andreas zuckte zusammen. Nicht nur, dass sie im PräsidiumDaten geklaut hatten, nun gab sich diese Frau auch noch17


als Beamtin aus. Er hob protestierend den Arm, doch siewinkte mit grimmiger Miene ab.Die Telefonistin bedauerte. Nein, eine Kollegin dieses Namensgäbe es dort nicht und auch auf den Besucherlisten seiihr Name nicht zu finden.»Sind Sie sicher?«»Wir werden doch keine Behörde belügen.«Alice Winterfeld legte auf und wandte sich Andreas zu.»Keine Sorge, ich hab meine Rufnummer unterdrückt.«»Aber sie könnte Ihre Stimme erkennen und aufgezeichnetwerden die Gespräche sicher auch. So ein Flugzeugherstellerist ein sicherheitsrelevanter Betrieb.«»Nicht immer gleich das Schlimmste annehmen«, sagte sieund tätschelte beruhigend seine Hand. »Warum war dieseAmerikanerin hier? Urlaub? Unwahrscheinlich.«»So?«»Da fliegt man nicht nach Hause und kommt sofort zurück.Das ist doch ungewöhnlich. Nein, dahinter steckt etwasanderes.«»Wir sollten die ganze Sache der Polizei überlassen«, sagteAndreas. »Ich hatte schließlich mal eine Detektei …«»Das weiß ich doch längst«, sagte Alice ungeduldig. »Wasglauben Sie, warum ich Sie überhaupt mit dem Fall vertrautgemacht habe? Glauben Sie, ich rekrutiere Dilettanten?«Vertraut gemacht! Rekrutiert! Jetzt tat sie auch noch, alswäre sie die Polizeipräsidentin höchstpersönlich.»Wie nett von Ihnen«, erwiderte er.»Nun werden Sie mal nicht komisch. Ich habe eine Aufgabefür Sie. Wo Sie doch so gern mit Menschen zu tun haben.«18


3Nun stand er an der Hoheluftchaussee, in der Hand einFoto der Toten. Mit Photoshop hatte Alice die Fotografie ausdem Datenblatt so bearbeitet, dass es dem jetzigen Alter desOpfers entsprach.Er betrat den Verkaufsshop an der U-Bahn-Station Hoheluftbrücke,legte das Foto in die Schale für das Wechselgeldund fragte, ob die Frau hier gesehen worden sei.»Bis du vonne Polizei?«, fragte der blonde Verkäufer.»Private Ermittlungen«, sagte Andreas.»So? Was hat ’n die Ische gemacht?«»Es ist die Tote, die aus dem Isebekkanal gezogen wurde.«Der amüsierte Ausdruck im Gesicht des Mannes verschwandaugenblicklich.»War groß inne Zeitung gewesen«, sagte er, nahm dasFoto in die Hand und warf einen prüfenden Blick darauf.»Nö. Kein’ Schimmer.«Er drehte sich in Richtung der hinteren Räumlichkeiten.»Achmed! Tu ma komm.«Aus einem angrenzenden Raum trat ein dunkelhaarigerLockenkopf hervor, der seine mehlbedeckten Hände an seinerBackschürze abwischte.Hoffentlich hat er die Frage überhaupt verstanden, dachteAndreas skeptisch.»Komma kucken. Kennze die Tusse?« und, nach einemschuldbewussten Seitenblick auf Andreas: »Ich mein’, dieTante hier.«Er zeigte dem Lockenkopf das Foto. Der schüttelte denKopf.»Ich bedaure sehr. Kann ich sonst noch irgendwie behilflichsein?«19


»Nein«, sagte Andreas verdutzt.»Dann würde ich mich gern wieder den Brötchen zuwenden,die gerade ihren optimalen Bräunungsgrad erreichthaben.«»Geschwollener Spinner«, sagte sein Kollege.Auch im Imbiss, dem Schnellrestaurant und beim Blumenhändlererinnerte sich niemand an die Frau.»Doch, doch. Die kenn ich«, sagte dann endlich eine Kassiererinim Bio-Supermarkt. »Die war öfter hier. Hat immerKekse und vegetarischen Brotaufstrich gekauft.«»Hat sie, abgesehen davon, mal sonst irgendetwas gesagtoder gefragt?«»Sie hat mich mal nach dem Weg zur Post gefragt.«»Auf Englisch?«»Nee, die kam aus Hamburg. Hörte sich jedenfalls so an.«»Und Sie können sich genau erinnern, dass es diese Frauwar?«Sie tippte auf das Foto. »Sieht der hier zumindest sehr ähnlich.Genauso eine Frisur. Ach, und kann ich mal IhrenDienstausweis sehen?«Andreas verabschiedete sich eilig und versuchte es noch beider Post und in einer kubanischen Bar. Der Wirt besah sichdas Bild, schüttelte den Kopf und fragte, ob Andreas denn imDienst einen Cuba Libre trinken dürfe.Andreas nickte. Der Longdrink war mit einem kräftigenSchuss Havanna Club gemischt. Klassisch. Aus dem Innerendrangen kubanische Salsa-Rhythmen.Vor der Bar war neben ein paar Stühlen und zwei Tischenein Strandkorb aufgestellt. Er setzte sich hinein.Das Ganze war eine Schnapsidee. Er lief sich die Füßewund und hatte mit Müh und Not verhindern können, dassAlice Winterfeld ein Foto der Frau an die Scheibe seinerPförtnerloge klebte. Sie war kaum zu bremsen. Geradezubesessen.20


Andreas hatte sein Glas gerade geleert, da kam der Wirtmit zwei Drinks, stellte sie auf den Tisch und setzte sich.»Das geht alles aufs Haus«, sagte er mit spanischem Akzent.»Kann ich das Foto noch einmal sehen? Weshalb wird siegesucht?«»Sie ist tot.«»Oh. Die Frau aus dem Kanal?«Sie stießen an. Der Fotografie zugewandt, sagte der Wirtmit kubanischem Singsang und ernster Miene: »Auf deinnächstes Leben. Warst eine bildschöne Frau«.Nachdem sie einen Schluck getrunken hatten, fuhr er fort.»Vor vier Tagen. Hat einen meiner kubanischen Burgergegessen und dazu«, er zeigte auf sein Glas, »einen CubaLibre bestellt.«»War sie allein?«Der Wirt nickte.»Sie sah nachdenklich aus, traurig.«»Hat sie was gesagt?«»Nichts Besonderes. Ich hab ein paar Späße gemacht, abersie wollte allein sein. Dann ist sie rübergegangen.«»Was heißt >rüber


»Vielleicht war es für ihre Kinder«, sagte er. »Hatte sieKinder?«»Ich weiß nicht«, sagte Andreas.22


4Alice Winterfeld war den Tag über nicht in seiner Logeaufgetaucht. Vielleicht waren die eigenmächtigen Ermittlungennichts weiter als eine vorübergehende Marotte. Möglich,dass sie den Spaß an der Sache verloren hatte. Aber das bliebwohl ein Wunschtraum. Jemand vom Schlag Alice Winterfeldsgab nicht so leicht auf.Jens Ingelheim, der mit seinem Partner im Parterre wohnte,holte das Paket ab, das die Post bei Andreas abgeben hatte.»Setzlinge«, sagte er, und dass er sie in seinen Steingartenhinter dem Haus pflanzen wolle.»Ich hoffe, sie vertragen das Klima.«Eine halbe Stunde später kam ein Mann, der sich als DennisWeinheim vorstellte. Er sagte, dass Alice Winterfeld ihngeschickt habe.»Ich arbeite unten beim Ruderverein und bräuchte eineStichsäge.«»Was hat denn Frau Winterfeld mit dem Ruderverein zuschaffen?«»Sie trainiert die Seniorenmannschaft. Einmal die Woche.«*Kurz vor Feierabend half Andreas einer älteren Mieterinaus dem zweiten Stock beim Ausfüllen eines Nachsendeantrags.Glücklich und erleichtert verließ sie seine Loge.Dann vereinbarte er einen Termin mit einer Klempnerei,die in der Dachwohnung ein neues Waschbecken installierensollte.Gegen sieben Uhr packte er seine Sachen zusammen undverließ beunruhigt sein Hausmeisterbüro. Am Telefon hatte erAlice von dem Hinterhof berichtet, den ihm der kubanische23


Wirt genannt hatte, und hatte sie nicht davon abhaltenkönnen, sofort loszustürmen. Seitdem hatte er sie wedergesehen noch von ihr gehört.Er ging an einem Gebüsch vorbei, als er aus den Augenwinkelneine dunkel gekleidete Gestalt entdeckte. Hatte erjemanden durch seine Schnüffelei aufgeschreckt?Er beschleunigte seine Schritte. Das Beste war wohl, siewürden ihre Informationen an die Polizei weitergeben.Dierksen machte eigentlich einen vernünftigen Eindruck. Dasser als Profi wahrscheinlich keine Lust hatte, sich von einerAmateurin wie Alice Winterfeld ins Handwerk pfuschen zulassen, war nur zu verständlich.Verstohlen sah er um sich, aber es war niemand zu sehen.Er hatte sich wohl getäuscht.Ich bin ein Idiot, dachte er. Mich so einfach von dieserFrau einspannen zu lassen!Er kam an den Gedenktafeln vorbei, mit denen der Bücherverbrennungendurch die Nazis kurz nach der Machtergreifunggedacht wurde. Eine schmale Brücke führte über denIsebekkanal. Er wählte den Weg vorbei an dem eingezäuntenSportplatz, der zu einem Gymnasium gehörte. Vier Jugendlichekickten sich einen Ball zu und probierten Übersteiger.Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Instinktivduckte er sich und wirbelte herum.Vor ihm stand eine Gestalt in einem grauen Overall. Überdas Gesicht war eine Motorradmaske gezogen. In der Handhielt sie eine Plastiktüte, unter der er eine Waffe vermutete.»Wie finden Sie mich?«, sagte Alice Winterfeld und brachin schallendes Gelächter aus.24


5Niemals hätte er sich darauf einlassen dürfen!»Aber Andreas, Sie sehen ja aus, als litten Sie unter Blähungen.Alles wird gut, alles wird gut. Beruhigen Sie sich, eskann nichts schief gehen.«Auch Dennis Weinheim blickte skeptisch zu Boden.»Aber zu tun haben will ich auch nichts damit«, sagte erund reichte ihm einen Spezialdietrich.»Und wenn es ein Sicherheitsschloss ist?«, fragte Andreas.Weinheim grinste und zog einen längeren, an der Spitzegebogenen Metallgegenstand aus seinem Leinenbeutel.»Das ist ein Kuhfuß«, sagte er. »Rein in den Spalt zwischenTür und Rahmen und dann Aufhebeln.«»Aufhebeln«, wiederholte Andreas. »Das macht einenHöllenlärm und jeder weiß, dass wir da eingebrochen sind.«»Ist ja nur für den Notfall«, sagte Alice Winterfeld undwog den Kuhfuß in den Händen. Ihr schien das brachialeEinbruchswerkzeug zu gefallen. Sie nickte und sagte: »Das istPlan B. Sehen Sie Andreas, mit dem Ding kann nichts mehrschief gehen.«Dann zog sie eine Wollmaske aus ihrer Tasche.»Hab ich selbst gestrickt. Fürs Skifahren.«»Ich werde mich doch nicht maskieren«, protestierte Andreas,während Weinheim grinsend im Schuppen seinesRuderclubs verschwand.»Andreas, seien Sie doch kein Idiot. Es könnten Kamerasauf die Tür gerichtet sein.«»Also meinetwegen, ich werde Sie begleiten, aber reingehenmüssen Sie schon allein. Ich stehe Schmiere und auch dasnur unter einer Bedingung.«»So?«25


»Wenn wir Hinweise auf den Mörder von Joyce Cremlinfinden, informieren wir die Polizei. Und zwar umgehend.«»Klar«, sagte Alice Winterfeld. »Schließlich sollen die jaauch noch was zu tun haben.«»Auf der Stelle«, sagte Andreas und probierte widerwilligdie Maske aus.»Die hätten Sie ruhig mal waschen können«, sagte er undbekam prompt ein »Stellt sich an wie ein Mädchen« zurück.»Bitte?«»So was müssen Sie doch aus Afghanistan gewöhnt sein.«»Muffige Wollmützen? Um Gotteswillen, was haben Siedamit gemacht?«»Bei mir hat mal ein Igel überwintert und der … nun stellenSie sich nicht so an, Andreas!«*Eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit bogen sie vonder Hoheluftchaussee in den Hinterhof ab.Vor ihnen erhob sich ein Gebäude, das einmal eine Zigarettenfabrikbeherbergt hatte. Gleich daneben ein weiteresHaus, dessen breiten Luken und dem davor herunterbaumelndenSeil man ansehen konnte, dass es einst als Speichergedient hatte.»Was ist mit den Masken?«, sagte Andreas.»Noch nicht«, zischte sie. »Erst im letzten Augenblick.«»Und wenn die Kameras uns bereits aufnehmen?«»Seien Sie nicht albern, oder sehen Sie hier etwa eine Kamera?«Sie zog ihre Lesebrille aus dem Overall und schob ihrenKopf vor das Klingelschild.»Was ist?«26


»Werbeagenturen, Versicherungsagentur, Callcenter undeine Spielefirma.«»Eine was?«»Toys Development.«»Das könnte passen«, sagte Andreas.»Wieso nicht die Werbeagentur?«»Weil sie in der Bar in einem Katalog mit Modellflugzeugengeblättert hat.«»Und das erfahre ich erst jetzt?«, sagte Alice.»Hab ich für nicht so wichtig gehalten.«Sie schüttelte tadelnd den Kopf und drückte gegen die Tür.»Ist ein einfaches Schloss«, sagte sie und zog den Dietrichheraus, den ihr Dennis Weinheim zugesteckt hatte.»Maske?«, fragte Andreas.»Herrgott, wenn wir drin sind.«Nach drei Minuten schnappte das Schloss zurück und siedrückte die Tür auf. Er wollte auf den Lichtschalter drücken,doch sie schüttelte energisch den Kopf und bedeutete ihm,dass es nun Zeit für die Masken sei.Die Firma »Toys Development« lag im Erdgeschoss.»Das ist schon eine ganz andere Sache«, sagte sie, als sieden Schließmechanismus der Firma untersucht hatte.»Nicht den Kuhfuß«, bettelte Andreas.»Haben Sie eine bessere Idee, junger Mann?«»Das ist ein Einbruch. Wir gehen ins Gefängnis.«»Quatsch, das ist eine Ermittlung«, sagte sie. »Dafür verdienenwir den goldenen Polizeistern.«»Und was soll das sein?«»Wenn's den nicht gibt, sollte man ihn unbedingt einführen.«Mit einem metallischen Knirschen gab die Tür nach.27


Sie durchquerten einen bis auf einen Tisch leeren, abererleuchteten Vorraum und öffneten die einzige Tür. Vorihnen breitete sich eine Lagerhalle aus. In den rustikalenRegalen lagen elektronische Bauteile. Andreas nahm einigedavon in die Hand und begutachtete sie von allen Seiten.»Elektromotoren, Lithiumakkus, Funksteuerungen.«»Da hinten«, zischte Alice, die plötzlich eine Taschenlampein der Hand hielt.Der Lichtstrahl zeigte auf ein Regal mit modellgroßenHubschraubern. Andreas konnte sehen, dass sie jeweils vierRotoren hatten, statt, wie üblich, einen. Einige waren mitKameras versehen.Drei Arbeitstische mit Lötkolben, Feinmechanik-Schraubenziehern und elektronischen Plänen standen imRaum.Alice zog einen Aktenordner aus einem Regal und blätterteihn durch. Sie pfiff durch die Zähne.»Nicht gerade billig die Dinger«, sagte sie. »DreitausendEuro mit Funksteuerung.«»Die Hubschrauber?«»Euro Hawk, klingelt da was?«, sagte sie.»Ach, jetzt ziehen wir also in den Krieg«, sagte Andreas.»Das hier sind Minidrohnen, kein Zweifel.«»Die werden tatsächlich eingesetzt«, sagte Andreas. »Ichweiß, dass die englische Armee damit ausgerüstet ist. Die sindnoch kleiner und erkunden die feindlichen Linien.«»Nun wird also ein Schuh daraus.«»Ich sehe aber keine Hinweise auf eine militärische Nutzung«,sagte er. »Den Funksteuerungen nach sind das nurSpielzeuge.«Sie zog einen weiteren Ordner heraus und blätterte Lieferlistendurch.»Das sind private Abnehmer, Spielzeugfirmen, Modellbauläden.«28


»Und wenn wir in der falschen Etage gelandet sind?«, fragteAndreas. »Was mag so eine Eingangstür kosten?«»Unsinn«, sagte Alice Winterfeld und tippte sich an dieNase. »Sie hatte einen Katalog mit diesem Zeug bei sich. Alsowird sie schon hier gewesen sein. Ihr Tod muss mit denHubschraubern in Verbindung stehen.«»Wenn ich mich recht erinnere, sind Sie von einer Eifersuchtstatausgegangen.«»Neue Erkenntnisse, neue Theorien«, sagte sie knapp.»Aber wenn sie nur ein Spielzeug für ihren Neffen kaufenwollte?«, fragte er. »Wenn das hier nichts mit ihrem Tod zutun hat?«»Sie war Ingenieurin, besucht eine Firma, die sich aufSpielzeug-Drohnen spezialisiert hat, da muss es einen Zusammenhanggeben«, sagte sie.»Und wenn es nun doch eine Eifersuchtsgeschichte war?«,hielt Andreas dagegen. »Sie lernt hier jemanden kennen, eskommt zum Krach, der Mann bringt sie um …«»Schön und gut«, sagte Alice Winterfeld. »Aber warumreist die Frau aus, um nach drei Tagen wieder einzureisen?Das ergibt doch keinen Sinn. Die USA liegen doch nichthinter Kassel.«Plötzlich wurde mit einem Knirschen die vordere Tür aufgeschoben.»Oh Gott«, sagte Andreas. »Jetzt sind wir am Arsch.«29


306Sie saßen auf einer Bank vor dem Büro von HauptkommissarDierksen.»Den Einbruch werden wir verschweigen«, sagte AliceWinterfeld. »Sonst fall ich bewusstlos vom Stuhl.«Andreas nickte. Die Frau bekam das fertig.Auch, dass sie in allerletzter Minute aus einem der hinterenFenster geklettert waren, würden sie für sich behalten. Dasalles war nicht etwa an der Grenze der Legalität, es war weitdarüber. Einbruch, Sachbeschädigung und Ausspähung vonFirmengeheimnissen. Nicht zu vergessen der Datendiebstahl.Aus einem Polizeicomputer. Die Liste wurde länger undlänger.»Mal sehen, ob die was mit unseren Hinweisen anfangenkönnen«, sagte sie.Eine Stunde später tauchte Dierksen auf.»Sie schon wieder?«, sagte er und beorderte sie zähneknirschendin sein Dienstzimmer.Nachdem Alice mit ihrem Bericht, in dem sie »Toys Development«als eine »Spielzeugfirma« bezeichnete und auch derEinbruch nicht vorkam, geendet hatte, sprang Dierksen mithochrotem Kopf von seinem Stuhl auf.»Sind Sie denn wahnsinnig?«»Im Gegenteil«, sagte Alice Winterfeld selbstbewusst.»Sie können doch nicht mit einem Bild des Mordopfersdurch die Gegend rennen und Leute ausfragen!«»Warum denn nicht?«, sagte Alice. »Sie sagen doch immer:Der Nachbar ist der beste Wachhund.«»Der beste Einbruchsschutz«, korrigierte Dierksen.Andreas sackte auf seinem Stuhl zusammen.»Na, schön. Aber es geht um aufmerksame Nachbarn.«


Heiner Dierksen ließ die Faust auf den Tisch krachen.»Es geht hier nicht um Einbruch und auch nicht um Eierdiebe,sondern um einen Todesfall. Wo kommen wir hin,wenn jeder aufs Geradewohl los ermittelt?«»Zu Ergebnissen«, sagte Alice.»Also, also …«»Ich hab doch gesagt, es hat keinen Zweck«, sagte Alice zuAndreas. »Beamtenhirne.«»Bitte? Überhaupt, woher haben Sie all die Informationenüber Joyce Cremlin? Und das Bild, das Sie herumgezeigthaben?«»Das Foto war in der Zeitung abgedruckt«, sagte Andreas.»Darauf war doch kaum was zu erkennen.«Dierksen musterte sie misstrauisch.»Und was denken die Hobbydetektive, was die Polizei jetztmachen soll?«»Sich mal um ihr amerikanisches Vorleben kümmern«,sagte Alice.»Vorleben«, wiederholte Dierksen, indem er das Wort indie Länge zog.»Was hat sie da gemacht, für wen hat sie gearbeitet? Ist sieauf dem Radar von FBI oder CIA?«, fragte Alice.»CIA?«»Oder NSA.«»NSA?«»Das ist die National Security Agency, Herr Hauptkommissar.«»Ich weiß, was die NSA ist.«»Die Leute, die hier jeden Pups ausspionieren. Würde michnicht wundern, wenn die sogar Brieftauben durchleuchten.«31


»Und warum sollte sie auf dem Schirm amerikanischerDienste sein?«, fragte Dierksen. »Vielleicht eine passendeTheorie zur Hand?«»Wir haben Ihnen doch von diesem Katalog mit Mini-Helikoptern erzählt.«»Und?«»Es könnte um Waffengeschäfte gehen.«»Großer Gott!«»Um eine Verletzung des Kriegswaffenkontrollgesetzes«,betonte Alice.»Verschwinden Sie. Raus hier, und zwar sofort. Sonstnehme ich ein Protokoll auf.«»Was denn für ein Protokoll?«, sagte Alice schnippisch.»Wegen Behinderung der Polizeiarbeit.«»Hach, ein Protokoll«, wiederholte Alice. »Dafür sind Siedoch viel zu faul.«»Raus«, brüllte er und schob sie zur Tür hinaus.Als sie vor dem Eingang des Präsidiums standen, sah sieAndreas tadelnd an.»Erstens hab ich Ihnen gleich gesagt, dass die Polizei zuträge ist und zweitens …«»Ja?«»… hätten Sie auch mal was sagen können. Sie könnendoch nicht alles mir alter Frau überlassen, Teufel auch.«*Sie nahmen die S-Bahn und stiegen am Hauptbahnhof um.Während sie auf den Zug warteten, sagte er: »Wird Zeit, dassich meine Hausmeisterbude öffne. Die Leute werden sichschon wundern.«32


»Was soll dieses fliegende Spielzeug«, sagte Alice. »Washatte Joyce Cremlin damit vor?«Sie standen am Bahnsteig. Trotz der Vormittagsstundenwartete ein großer Menschenpulk auf die Bahn.»Ich müsste wohl mal ein paar Anrufe erledigen«, sagtesie.»Wir sollten die Finger davon lassen. Wenn Dierksen mitbekommt…«»Was bekommt der schon mit? Völlig fehlbesetzt derMann. Wenn ich was zu sagen hätte, würde der Parksünderaufschreiben.«Mit kreischenden Rädern fuhr die S-Bahn ein. Plötzlichspürte Andreas etwas im Rücken und Alice sah ihn mitentsetztem Ausdruck an. Jemand versuchte, sie auf die Gleisezu drücken! Hinter ihnen brüllte ein Mann und eine Frauschrie auf.Andreas stürzte zu Boden. Alice lag über ihm. Sie rappeltesich auf und sah wutschnaubend zu den Leuten, die einenHalbkreis um sie gebildet hatten.»Wer zum Teufel …«»Da hinten«, sagte eine Frau und deutete zum Treppenaufgang.»Der Mann da. Er hat Sie gestoßen.«Es war sinnlos, ihn zu verfolgen. Der Mann mit der heruntergezogenenBaseballkappe und dem Regenschirm in derHand verschwand im Menschengedränge.»Er hat den Schirm quer gehalten und nach vorn geschoben«,sagte die Frau. »Der wollte Sie umbringen!«»Könnten Sie den Kerl beschreiben?«, fragte Alice.Die Frau verneinte. Alles sei viel zu schnell gegangen, außerdemhabe er die Mütze ins Gesicht gezogen und ein Tuchvor dem Gesicht gehabt.»Wir sollten zur Bahnpolizei gehen«, schlug Andreas vorund deutete auf eine Überwachungskamera. »Vielleicht istdarauf etwas zu erkennen.«33


»Da sitzen wir nur stundenlang herum und müssen dummeFragen beantworten«, sagte Alice. »Das können wir unsabschminken.«34


7»Wir müssen Dierksen informieren«, sagte Andreas.»Ach der! Hat sicher genug mit seinem Papierkram zutun.«»Aber das war ein Anschlag.«»Eben«, sagte Alice. »Und das bedeutet zweierlei.«»Und was soll das sein?«»Erstens: Wir sind auf der richtigen Spur. Und zweitens:Der oder die Täter werden nervös.«»Welche Spur denn?«»Tote Frau im Kanal, Modellflugzeuge, Krach zwischenzwei Personen.«»Das nennen Sie eine Spur?«»Wofür kann man die fliegenden Dinger gebrauchen?«»Um Leute auszuspähen. Mit Kameras.«»Das ist doch keine Spannergeschichte. Nur weil einereinen Blick auf eine nackte Frau werfen will, die sich aufihrem Balkon sonnt? Nee, das glaube ich nicht.«Andreas sortierte ein noch nicht abgeholtes Einwurfeinschreibenin seine Schreibtischschublade und überprüfte seineTaschenlampe.»Kommen Sie nicht auf falsche Ideen. Das wird ein Kontrollgangdurch den Keller«, sagte er zu Alice. »Ganz legal.«Es klopfte an der Tür.Andreas öffnete die Tür. Vor ihm stand Jens Ingelheim.»Nanu«, sagte Ingelheim. »Großes Palaver?«»Frau Winterfeld wollte gerade gehen«, sagte Andreas.Alice nickte, schrieb etwas auf einen Notizzettel und legteihn mit der beschriebenen Seite nach unten auf den Schreibtisch.Dann verließ sie die Loge.35


Stirnrunzelnd sah Ingelheim auf den Zettel.»Ich hoffe, ich hab Sie nicht gestört«, sagte er.»Nein, nein.«»Kann ich helfen? Ich meine …«»Sind Sie deshalb hier? Zum Helfen?«, fragte Andreas.Ingelheim lachte nervös.»Nein, nein. Ich bräuchte mal eine Schnur. Ich will dieSetzlinge in eine gerade Linie bringen. Haben Sie so etwas?«»Reicht eine Paketschnur?«Ingelheim bejahte.»Ich hoffe, aus den Setzlingen kommt auch wirklich dasraus, was auf der Packung steht. Manchmal erlebt man jaböse Überraschungen.«»Sicher«, sagte Andreas. »Das kommt schon mal vor. Ichhoffe, das sind keine Haschpflanzen.«Er hatte nur einen Scherz machen wollen, doch er meinte,in Ingelheims Gesicht ein nervöses Zucken gesehen zu haben.»Was geht mich das an«, beeilte er sich zu sagen.»Um Gotteswillen«, sagte Ingelheim. »Von so was lass ichdie Finger.«Als Ingelheim mit dem Paketband verschwunden war,drehte Andreas den Zettel um.Nun verhielt Alice sich auch noch wie eine Geheimagentin.Er überlegte fieberhaft, wie er sie von ihren »Ermittlungen«abhalten konnte. Offenbar hatte sie trotz ihrer vielfältigenAktivitäten überschüssige Freizeit. Die einzige Möglichkeitschien ihm darin zu bestehen, ihr ein neues Hobbyschmackhaft zu machen. Allerdings hatte er keine Idee unddieses Energiebündel an Weib mit einem Kreuzworträtsel inder Hand … nein, das war undenkbar.»Treffen unmittelbar nach Feierabend in meiner Wohnung«,hatte sie auf dem Zettel notiert. Und das Ganze dickunterstrichen.36


Wie ein Feldwebel, dachte er. Dann sah er auf einen Zipfelder Plastiktüte, die er unter einen Karton geschoben hatte.Die Wollmaske. Er musste das Ding so schnell wie möglichzurückgeben.Seufzend machte er sich auf den Weg in ihre Wohnung.37


388Sie empfing ihn in einer viel zu großen verwaschenen Bundeswehrjacke.Als sie seine verwunderten Blicke bemerkte,sagte sie: »Die hab ich bei meinen Exkursionen in den Amazonas-Dschungelgetragen. Sehr praktisch. Ich hab gedacht,Sie fühlen sich etwas wohler, wenn ich das anhabe. AlteZeiten und so.«Er reichte ihr kopfschüttelnd die Plastiktüte mit der Wollmütze.»Am Besten Sie verbrennen sie«, sagte er. »Daran lassensich bestimmt DNA-Spuren finden.«»Von meinem Igel?«, sagte sie mit todernster Stimme undlachte.»Sieh an, sieh an, der Herr Hofer ist aufgewacht. Auf insEinsatzzentrum.«Sie marschierte durch den Flur ins Schlafzimmer. An derWand neben dem Bett hatte sie Fotos der Toten, die Datenblätterund Zeitungsausschnitte über Drohnen aufgehängt.Daneben hingen mit Stecknadeln angepinnte Zettel, auf diesie Begriffe und zahllose Fragezeichen geschrieben hatte.»Und hier schlafen Sie?«, entfuhr es ihm.Sie deutete auf eine indische Decke mit Sonnenemblemen.»Die hänge ich nachts darüber. So findet die Tote zumindestnachts ihre Ruhe und ich kann auch besser schlummern.Aber so lässt sich ein prima Überblick verschaffen.«»Kann es sein, dass Sie zu viele amerikanische Kriminalseriengesehen haben?«»Ach, die meisten sind strohdoof gemacht«, winkte sie ab.»Ich war mal mit einem Rechtsmediziner liiert. Da konnteman was lernen.«»Und warum ist das auseinandergegangen?«Sie machte ein betrübtes Gesicht.


»Ich habe es versucht, kam aber gegen den Geruch nichtan.«»Sie waren in der Pathologie?«»Nein, der Mann hat die Ausdünstungen mit nach Hausegebracht. Nach ein paar Monaten konnte ich herausriechen,ob er gerade an einer Wasserleiche, einem exhumiertenKörper oder einer frischen Leiche herumgeschnippelt hatte.Heute gibt es neuartige Schutzanzüge und Deodorants, aberdamals … Zurück zur Sache. Plaudern können wir später.«»Genau«, sagte Andreas. »Ich würde gern aussteigen. DasGanze ist mir zu heiß.«Sie lächelte ihn an, als hätte sie ihn beim Naschen aus demMarmeladetopf erwischt.»Sie können nicht aussteigen«, sagte sie.»Und warum, bitteschön, kann ich nicht aussteigen?«»Ist doch klar. Weil ein Anschlag auf uns verübt wurde.«»Genau, der Täter ist hinter uns her«, sagte Andreas. »Darumkönnen wir nur verlieren. Und überhaupt kommen wirnicht weiter.«»Quatsch! Und wie wir weiterkommen. Also hören Sie aufmit Ihrem Opfer-Gerede. Wir haben keine andere Wahl,verstehen Sie? Jemand wollte uns vor eine S-Bahn schubsen.Wir sind also diesem Unbekannten schwer ins Gehege gekommen.Wir sind in großer Gefahr, auch wenn wir aufhören.Wir müssen vorsichtiger und schneller sein. Die Initiativeergreifen.«»Wir haben nicht die geringste Ahnung, mit wem wir es zutun haben.«»Außerdem habe ich Neuigkeiten«, fügte sie hinzu.Alice stellte sich an ihre Schauwand und tippte auf das Bildder toten Frau.»Es wird also eine Frau erschlagen und anschließend insWasser entsorgt.«39


»Woher wissen Sie das? Sie könnte betäubt worden unddann ertrunken sein.«»Wie gesagt, ich habe Beziehungen zur Rechtsmedizin«,sagte sie. »Wir haben einen überforderten Polizisten, dem derFall zu schaffen macht. Ich würde mich nicht wundern, wenner Druck von oben bekommt. Warum? Das muss geklärtwerden.«»Druck von oben?«, fragte Andreas. »Etwa das Bundeskriminalamtoder der Bundesnachrichtendienst?«»Möglich. Sie ist Ingenieurin, blättert in einem Spielzeugkatalogund geht zu einer Spielzeugfirma. Übrigens: Wanngenau?«»Muss abends nach acht gewesen sein. Die Bar öffnet erstum diese Zeit«, sagte Andreas.»Ungewöhnliche Zeit für einen Firmenbesuch, Herr Hofer,finden Sie nicht?«»Vielleicht hatte sie eine Verabredung?«»Mit Sicherheit, aber warum am Abend?«, fragte Alice.»Zufall?«»Unsinn. Wir sehen uns den Laden genauer an und zackkommt der Besitzer zurück. War er informiert? Von wem?Wir können trotz Ihrer etwas steifen Gelenke gerade nochrechtzeitig entkommen, gehen zur Polizei und werden aufdem Rückweg fast umgebracht.«»Ja, weil wir durch unsere Schnüffelei jemanden aufgeschreckthaben.«»Möglich«, sagte sie nachdenklich. »Was fängt man mitdiesen Spielzeugdrohnen an?«»Waffen können sie nicht tragen«, sagte Andreas. »Nochsind die eindeutig zu schwer.«»Ja, das glaube ich auch. Was noch?«»Aufnahmen. Man kann mit ihnen Fotos oder Videos machen.«40


»Also andere Leute ausspähen. Aber warum? Sie habendoch so eine Kamera in der Hand gehabt, was wiegt die?«»Nicht sonderlich viel, davon könnte es locker zwanzig anBord geben.«»Zwanzig …«Plötzlich hielt sie inne und stierte wie zur Salzsäule erstarrtbewegungslos in die Luft.Nach ein paar Sekunden wurde ihm das unheimlich und ersagte: »Jens Ingelheim hat sich doch Pflanzen schicken lassen,könnten das Haschischsamen sein?«»Was?«, sagte sie plötzlich und sah ihn verwundert an.»Wiederholen Sie das!«»Ich hab gefragt, ob Jens Ingelheim …«»Haschischsamen«, sagte sie. »Natürlich. Mit den Dingernkann man ein oder zwei Kilo Rauschgift transportieren. Dasstimmt doch?«»Kommt auf die Stärke der Motoren an, aber grundsätzlichist das kein Problem. Die Reichweite dürfte allerdingsnicht sehr groß sein.«»Drogenschmuggel«, sagte sie. »Das wäre ein Motiv.«»Sie glauben Jens Ingelheim aus dem Parterre …«»Unsinn. Wer redet denn von Ingelheim. Der hat einenSteingarten und sammelt seltsame Kakteenarten.«»Wissen Sie das genau?«»Ich habe ihm gezeigt, wie man so etwas anlegt. WelcheErde man braucht, die Himmelsausrichtung. Der war völlignaiv.«Alice überlegte eine Weile und wiederholte das Wort»Drogenschmuggel«.Sie verhängte die Bilder mit der indischen Decke und fragte,ob er einen Schluck weißen Portwein ablehnen würde.*41


Das Telefonklingeln hämmerte in seinen Kopf. Er machteeinen Versuch, die Augen zu öffnen, doch auch die Helligkeitverursachte heftiges Stechen auf der Innenseite seines Schädels.»Ja?«, meldete er sich, als er den Hörer erwischt hatte.»Wo bleiben Sie denn? Ist was passiert?«»Was zum Teufel war in diesem Portwein?«»Nichts. Mir geht es prima.«»Ich komme später.«»Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps«, flötete sie insTelefon und beendete mit »Ich habe Neuigkeiten« das Gespräch.Nach einer kalten Dusche und mit ein paar Pfefferminztablettenim Mund machte er sich auf den Weg zur Arbeit.Noch bevor er seine Loge aufschließen konnte, zog Aliceihn auf eine Bank, die am Ufer des Isebekkanals stand.»Ich habe Kontakte«, sagte sie.»Das habe ich befürchtet.«»Zur amerikanischen Polizei.«»Oh, nein!«»Doch, doch. Ein kleiner Lieutenant aus Sacramento. Warals Soldat in Mannheim stationiert und wir …«»Verschonen Sie mich bitte mit Ihrem Liebesleben«, brachteer hervor. »Wieso Sacramento?«»Hauptstadt von Kalifornien. Er hat in den Computer gesehen.«»Und?«»Nichts. Absolut nichts. Außer ein paar Standardangaben.«42


»Und das heißt?«»Das heißt, dass alles gelöscht wurde. Kein Hinweis aufVorstrafen, nicht mal ein Ticket wegen zu schnellen Fahrens.Hat nie geheiratet, hat keine Sozialversicherungsnummer, hatkeine Kinder gekriegt … das ist ein Unding.«»Keine Kinder kriegen?«»Nun werden Sie mal wieder klar im Kopf. Jeder Amerikanerhat irgendeinen Aktenvermerk.«»Da sind Sie ja«, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihnen.»Misses Sherlock Holmes und Mister Watson höchstpersönlich.«»Hauptkommissar Dierksen«, sagte Alice. »Werden wirjetzt verhaftet?«»Unsinn.«Andreas sah sehnsüchtig zu seiner Conciergeloge hinüber.Was hätte er jetzt dafür gegeben, friedlich darin zu sitzen undmit dem einen oder anderen Hausbewohner zu plaudern.Dierksen räusperte sich, fragte »Ich darf doch« und nahmPlatz.»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte Alice spitz.»Bitte?«»Kleiner Scherz. Worum geht es? Haben Sie den Täter?«»Nun, das werden auch Sie aus der Zeitung erfahren,wenn es soweit ist. Also auf dem Präsidium …«»Ja?«»Nun, ich hab mich da wohl etwas unpassend verhalten.Das tut mir leid«, sagte Dierksen.»Dafür gibt es sicher einen Grund«, erwiderte Alice.Heiner Dierksen sah sie erschrocken an.»Einen Grund? Warum denn? Wie kommen Sie darauf?«»Sie werden doch nicht aus heiterem Himmel in Ihren Benimmregelngeblättert haben?«43


»Kein Grund. Allerdings habe ich eine Bitte.«»Wir sollen von unserer Dienstaufsichtsbeschwerde absehen«,sagte Alice munter.Andreas wünschte sich, auf der Stelle im Boden zu versinkenund auch Dierksen entgleisten vor Überraschung dieGesichtsmuskeln.»Wieso denn eine Dienstaufsichtsbeschwerde?«, fragte er.»Wegen Untätigkeit«, sagte Alice lächelnd. »Also, worumwollen Sie uns bitten?«»Die Finger von Ihren Privatermittlungen zu lassen.«»Jetzt wird’s interessant«, sagte Alice. »Worum geht esdenn, dass Sie sich extra herbemühen? Das ist doch keingewöhnlicher Mord, den Sie da an den Backen haben.«»Ich kann darüber nicht reden, aber bitte halten Sie sichaus der Angelegenheit raus.«Er erhob sich abrupt und sagte zum Abschied: »Ich hoffe,ich habe mich klar ausgedrückt. Ansonsten rücken Ihnen dieKollegen vom Bundeskriminalamt auf den Hals und in demFall kann selbst ich nichts mehr für Sie tun. Es geht um einenFall von nationalem Interesse.«»Sonnenklar«, sagte Andreas, dem die Schweißperlen aufder Stirn standen.44


9Er stand zusammen mit Alice in einem Elektronikladen inder Langen Reihe, einer Straße direkt am Hauptbahnhof.Nach zwei Minuten erbarmte sich ein Verkäufer. Andreashatte sie die unmissverständliche Anweisung gegeben, sichzunächst rauszuhalten.»Haben Sie eine Großmutter?«, eröffnete Alice das Gesprächmit dem Verkäufer.»Ja, wieso?«»Die würden Sie doch nicht betuppen, oder?«»Selbstverständlich nicht.«»Dann stellen Sie sich mal vor, das wäre ich. Einverstanden?«»Klar. Aber meine Großmutter ist tot.«»Was geht mich das an?«»Aber Sie sagten …«»Ein wenig Fantasie, junger Mann. Sie sind genauso liebzu mir wie zur Ihrer Großmutter, verstanden? Gut, also ichhabe hier ein paar Fotos.«Sie klappte ihre Handtasche auf und zog zehn Fotos heraus.»Können Sie mir wohl sagen, was genau das ist? MeinEnkel hat mit dem Zeug zu tun und ich mache mir Sorgen.«»Funksteuerungen, da müsste ich einen Kollegen holen«,sagte er und machte sich auf die Suche.»Wo haben Sie die Bilder her?«, zischte Andreas. »Sie hattenkeine Zeit, bei Toys Development zu fotografieren!«»Ich war nochmal da«, sagte Alice und schob den Unterkiefervor.»Sie haben die Tür …«45


»Da war nur ein Behelfsschloss eingebaut, das hätte ichmit einer Stricknadel aufbekommen.«»Großer Gott, wir haben das Bundeskriminalamt am Hals.Nationales Interesse.«»Wie kann man in Ihrem Alter nur so schreckhaft sein«,sagte sie und sah sich nach den Verkäufern um.Ein Mann von höchstens Dreißig stellte sich zu ihnen undsagte: »Dann zeigen Sie mal.«Schon beim zweiten Bild pfiff er durch die Zähne.»Das hab ich noch nie gesehen«, sagte er und holte eineLupe. Er untersuchte die Aufnahmen Quadratzentimeter fürQuadratzentimeter.»Das hat Ihr Enkel gebaut?«, sagte er zu Alice und Andreasgewandt: »Dann sind Sie also direkte Verwandte einesGenies.«»Wieso Genie?«, fragte Alice.»So was hab ich noch nie gesehen«, sagte er und tippte aufein Foto, das eine geöffnete Funksteuerung zeigte.»So wie es aussieht, kann die Steuerung von einem Gerätauf das Nächste übertragen werden und in Sekunden zu einerneuen Frequenz springen. Die Reichweite dürfte enorm sein.Wie alt ist er denn, der Herr Erfinder?«»Vierzehn«, sagte Alice.»Dann haben Sie ausgesorgt. Der Junge ist mehr wert alsjeder Tennisspieler der Welt. Lassen Sie ihn mal fix eineFirma gründen.«»Er bastelt gern«, sagte Andreas mit schiefem Grinsen.Irgendetwas musste er ja auch beitragen.»Den würde ich gern mal kennenlernen«, sagte der Verkäufer.»Das Ding muss eine Reichweite von einigen Kilometernhaben, genaugenommen ist es unbegrenzt, wenn manmehrere Funksteuerungen verteilt. Dann gibt es nur noch dasProblem des Treibstoffs. Sehen Sie das?«46


Alice kramte ihre Lesebrille aus der Tasche und sah aufdas Foto.»Das ist eine Umschaltautomatik auf das GPS-System.Man kann das Flugzeug sogar mit einem Autopiloten fliegen,der alle naselang die Frequenzen ändert. Danach sehenjedenfalls die Komponenten aus, die hier eingebaut sind. Ermuss also ein Programm entwickelt haben, das alles miteinandersteuert. Klasse!«»Müsste ich damit zur Polizei gehen?«, fragte Alice besorgt.»Mein Enkel liegt mir sehr am Herzen.«»Nur wenn er zu Hause ein paar Handgranaten hortet, dieer mit dem Flugzeug abwerfen will«, sagte der Verkäufer.Dabei versuchte er, verschwörerisch zu zwinkern.*Als sie den Laden verlassen hatten, blieb Andreas stehenund sagte: »Haben Sie die Kamera über dem Verkaufstresengesehen? Was, wenn uns Dierksen oder irgendein amerikanischerGeheimdienst beobachtete? Mir ist schlecht.«»Alles ist prima«, sagte Alice vergnügt. »Wir wissen, worumes sich handelt. Es geht um Drogenschmuggel im großenStil. Grenzüberschreitend und mit einer Drohne. Wird dieabgeschossen, gibt es niemanden, den man zur Verantwortungziehen könnte. Niemand muss eingeweiht werden,zuverlässige Drogenkuriere braucht man auch nicht mehr.Die Kartelle müssen verrückt werden vor Freude.«»Kartelle?«»Joyce Cremlin kam aus Kalifornien. Hallo? Woran grenztKalifornien? An Mexiko. Auch Kolumbien ist nicht weit.Klingelts endlich?«Sie nahmen den Bus und sahen sich um. Als sie an der Hoheluftbrückeausstiegen, trat ein Mann auf sie zu.»Frau Winterfeld, Herr Hofer?«47


Er sprach mit amerikanischem Akzent.»Hauptkommissar Dierksen hat mich gebeten, mit Ihnenzu reden.«»Schön«, sagte Alice. »FBI, NSA?«»Bitte halten Sie sich raus. Wir werden alles erklären. Siewerden sonst rechtlich belangt.«»Toll«, sagte Andreas. »Eine Bitte, die eine Drohung ist.«»Sie haben mich verstanden?«, sagte der Mann, der einengrauen Anzug trug und mit seinem Bauchansatz nicht geradewie ein Agent wirkte.Er nickte bekräftigend und schlenderte über den Lehmwegdavon.»Und was machen wir jetzt?«, fragte Andreas. »Weiß derTeufel, was die sich da zurechtmauscheln.«»Auch wenn Joyce für die amerikanische oder mexikanischeDrogenmafia gearbeitet hat, trotzdem kann man dieFrau nicht so einfach erschlagen.«»Seh ich auch so«, sagte Andreas. »Jeder will, dass wir unsraushalten. Fortschritte allerdings gibt es nicht.«Draußen glitzerte der Isebekkanal im Mondlicht. ZweiSchwäne flogen auf und landeten mit vorgestreckten Beinenauf dem Wasser. Sie zerteilten die Wellen und begannensofort nach erfolgreicher Landung ihr Gefieder zu ordnen.»Ich trau denen nicht«, sagte Alice. »Was ist, wenn sie denTod der Frau einfach so unter den Teppich kehren. Auchwenn es Hauptkommissar Dierksen nicht schmecken würde,dagegen tun kann er sicher nichts.«Das Mondlicht über dem Isebekkanal bekam einen rötlichenGlanz, der zu zucken begann. Deutlich hoben sich jetztdie Konturen der Büsche ab.»Was zum Teufel …«, sagte Andreas und sprang zumFenster. Auch Alice starrte mit aufgerissenem Mund durch dieScheibe.48


Mit der Strömung zog ein brennendes Ruderboot vorbei.Vom Bootskörper und den ausgestreckten Paddeln lodertenFlammen in die Höhe. Soweit sie erkennen konnten, befandsich niemand an Bord.Als Alice das Fenster öffnete, hörten sie das Knistern.»Die Einschläge kommen näher«, sagte Andreas.»Ja«, sagte Alice. »Das Seniorenrudern am Mittwoch fälltwohl aus.«Zehn Minuten später stiegen sie die Treppe zum Bootsanlegerhinunter.Dennis Weinheim sah mit entsetztem Gesichtsausdruckdem Ruderboot hinterher. Brennend hielt es gemächlich Kursauf die vierspurige Brücke an der Hoheluftchaussee.»Wer war das?«, fragte Alice.»Ich habe keine Ahnung.«Von der Straße her kam das Röhren eines Motors.»Das zumindest war ein Ferrari, 12 Zylinder«, sagte Alice.»Unverwechselbarer Klang.«»Ein Ferrari?«»Ein Ferrari Testarossa«, sagte Alice. »Ich hatte mal soeinen in Malibu, aber das gehört nicht hierhin.«49


10Dennis Weinheim kauerte sich auf den Boden der Portiersloge.»Das war eine Warnung«, schluchzte er. »Ich brauche eineUnterkunft.«»Hier drin dürfte es zu eng sein«, sagte Andreas. »WiesoWarnung? Was hat das mit Ihnen zu tun?«»Die Mini-Drohnen«, sagte er.Alice richtete sich kerzengerade auf und setzte ihre Tassescheppernd auf die Untertasse.»Was wissen Sie über die Mini-Drohnen?«»Ich bau die Dinger nur zusammen, ich bin Spezialist fürdie Funksteuerung.«»Dann ist das Ihre Firma da im Hinterhof?«Er nickte und berichtete, dass er sein Geld über Jahre mitverbesserten Funksteuerungen verdient habe. Irgendwannseien dubiose Leute bei ihm aufgetaucht.»Geht es um Drogenschmuggel?«, fragte Andreas.»Könnte sein«, sagte Weinheim.»Und Joyce Cremlin? Was ist mit der?«»Na, das war die Spezialistin dieser Leute. Die hat die Gerätegeprüft.«»Warum haben Sie nie etwas darüber gesagt, um Himmelswillen.Wir haben uns doch oft genug im Ruderclubgetroffen.«»Was hätte ich denn sagen sollen? Hallo, liebe Frau Winterfeld,ich arbeite übrigens für die Drogenmafia?«Weinheim schüttelte den Kopf. Seine Augen wirkten gehetzt.»Die bringen mich um«, sagte er.50


»Warum denn, ich denke, Sie liefern den Leuten ihre Spielzeuge?Ist das Geschäft geplatzt?«, sagte Andreas.»Wir konnten uns nicht einig werden und jetzt ist es zuspät. Haben Sie nicht einen leerstehenden Keller, in dem ichmich verbergen könnte?«»Wer hat Joyce Cremlin getötet?«, sagte Alice.»Keine Ahnung«, sagte Weinheim. »Vielleicht ihre eigenenLeute? Oder die amerikanische Drogenfahndung?«Andreas trommelte auf den Tisch.»Und Sie haben uns einen Dietrich und einen Kuhfuß gegeben,damit wir in Ihre eigene Firma einbrechen können?«»Ich habe die wichtigsten Papiere und Baupläne vorherweggeschafft. Ich habe gedacht, Sie sehen, dass da ein harmloserModellbau-Freak am Basteln ist, und lassen die Sacheauf sich beruhen.«»Gar nicht mal so dumm«, sagte Alice. »Und ohne unserWissen über Joyce und dass sie einen Modellflieger-Katalogbei sich hatte, hätte das auch klappen können.«»Außerdem wollte ich wissen, was Sie in Erfahrung bringen«,sagte Weinheim.»Als Test?«»Genau. Was Sie rausfinden, ermittelt mit Sicherheit auchdie Polizei, hab ich gedacht. Und da wollte ich sehen, wiesicher ich bin.«»Aber so ganz geheuer war Ihnen das Ganze dann dochnicht«, sagte Alice.»Ich bin nach zehn Minuten zur Tür rein, damit Sie möglichstschnell wieder durch das Fenster verschwinden«, sagteWeinheim.»Sie haben uns verarscht«, sagte Andreas. »Nach Strichund Faden.«»Was sollte ich denn machen? Jetzt hab ich die amerikanischenBehörden und das Drogenkartell am Hals.«»Da gibt es nur eine Überlebenschance«, sagte Alice.51


»Ja?«»Eine Einzelzelle. Sie müssen sich mit HauptkommissarDierksen einigen. Wurde eines der Dinger, die Sie bauen,geliefert?«»Nur ein Prototyp«, sagte Weinheim und grinste. »An demfehlte aber ein entscheidendes Bauteil. Ich lass mich dochnicht abzocken.«*Eine halbe Stunde später stand Hauptkommissar Dierksenmit einem Kollegen in der Pförtnerloge.Wütend sah er Alice an und bedachte auch Andreas miteinem bösen Blick. Alice setzte eine Unschuldsmiene auf undsagte schneidend: »Sie sollten sich bedanken, dass wir IhreArbeit erledigen.«Dierksen zeigte mit dem Finger auf sie und wurde puterrot.Dann atmete er durch und sagte zu Dennis Weinheim: »Dannmal los jetzt.«»Das wäre geklärt«, sagte Andreas, als sie wieder alleinwaren.»Nichts ist geklärt«, sagte Alice. »Wir wissen immer nochnicht, wer Joyce Cremlin getötet hat. Und auch nicht, warumsie im Kanal enden musste.«52


11Andreas kam aus einer Wohnung, in der er einen tropfendenWasserhahn repariert hatte. Er packte Rohrzange undDichtungsringe in den Werkzeugkasten. Als er aus der Hockehochkam, sah er ihn auf einer Bank sitzen.»Das kann doch nicht wahr sein«, murmelte Andreas.Da draußen am Kanal saß Dennis Weinheim und blätterteseelenruhig in einem Magazin.Andreas schloss die Loge ab, schlenderte zur Bank undsetzte sich neben Weinheim. Sein Gesichtsausdruck und auchseine Körperhaltung hatten sich seit ihrer letzten Begegnungverändert. Der Bastler wirkte vollkommen entspannt. Lächelteihn an und sagte: »Ich hab auf Sie gewartet, Hofer.«»Das Gefängnis scheint Ihnen gut zu bekommen.«»Gefängnis? Nein, das ist nicht nötig«, sagte Weinheim.»Was soll das heißen?«»Dass ich einen Deal mit der Polizei ausgehandelt habe,der mich schützt.«»Und Sie glauben, dass sich die Drogenbosse an den Dealhalten?«Dennis Weinheim grinste.»Das werden sie.«»Und warum sollten sie so dumm sein, einen wichtigenBelastungszeugen am Leben zu lassen?«»Weil ich kein Belastungszeuge bin.«»Trotzdem werden Sie auf ihrer Lieferung bestehen. Oderauf Rückgabe der Entwicklungsgelder oder was auch immerSie kassiert haben. Sie haben doch kassiert?«»Und für das Geld werde ich liefern.«»Raus damit. Was für ein Deal? Und wieso machen dieBehörden da mit?«53


»Sie müssen mir versprechen, dass Sie sich raus halten«,sagte Weinheim. »Sie und Frau Winterfeld. Wenn überhaupteiner diese Frau bremsen kann, dann sind Sie das.«»Warum sollte ich das machen?«»Weil ich Sie darum bitte, weil Hauptkommissar DierksenSie dazu auffordert und weil gewisse amerikanische Dienstedie Schnauze von Ihnen voll haben. Reicht das?«»Okay, wir halten uns raus, aber was ist das für ein Deal,bei dem am Ende alle glücklich sind?«»Sie halten sich wirklich raus?«»Klar, also?«»Ich werde das Geschäft mit diesen kalifornischen Geschäftsleutenmachen. Ich werde liefern. Und zwar genau das,was sie bestellt haben. Funkgesteuerte Drohnen, die miteinem Minikernreaktor als Antriebsstoff über HunderteKilometer zwei Kilo transportieren können.«»Reaktoren?«»Hört sich viel gefährlicher an, als es ist. Die Technologieist ausgereift und wird in U-Booten eingesetzt. Ich habe dasminiaturisiert und man braucht nur ein paar Gramm spaltbarenMaterials.«»Und das bekommt man einfach so?«»Das ist das geringste Problem. Die Russen unterbietensich gegenseitig im Preis. Problematisch ist die Koordinationverschiedener Funkfernsteuerungen. Und die eigene Tarnungdurch das Springen auf verschiedene Frequenzen.«»Die Polizei und die amerikanischen Behörden sind damiteinverstanden, dass sie die Dinger an die Drogenleute verticken?Das können Sie mir nicht erzählen.«»Alles läuft wie geplant. Mit einem klitzekleinen Unterschied.In dem Minireaktor, der sich selbstverständlich ausSicherheitsgründen nicht öffnen lässt, ist ein Peilsenderverborgen.«»Damit man die Route verfolgen kann, nicht schlecht«,sagte Andreas.54


»Und genau das ist ein Obergeheimnis. Sie und Frau Winterfeldkommen nie wieder aus dem Knast, wenn das rauskommt.Außerdem würde das Menschenleben gefährden.«»Und warum erzählen Sie mir das?«, wollte Andreas wissen.»Weil Dierksen meint, dass Sie ohnehin keine Ruhe geben.Wenn Sie aber wüssten, dass zahlreiche Menschen sterbenmüssen, wenn das rauskommt …«»Ja?«»Also er meint, das würde Sie bremsen.«55


5612»Deal, Geheimhaltung, wenn ich das schon höre«, sagteAlice Winterfeld. »Menschen sterben und anschließend wirdder Mantel des Schweigens darüber ausgebreitet.«»Mantel des Schweigens«, wiederholt Andreas. »SchreibenSie gerade an einem Kriminalroman? Irgendwas Gemütlichesvielleicht? Mit Hausmeister und ein paar knalligen Witzen?«»Wenn das hier nur ein Roman wäre, könnten wir uns denSchluss ausdenken.« Sie machte eine Pause und sagte: »Sollenwir uns jetzt wirklich raushalten?«Andreas schüttelte den Kopf.»Das bekomme ich nie aus dem Kopf«, sagte Alice. »UndJoyce Cremlin wird nachts an meinem Bett erscheinen. Mitblutendem Kopf und glotzenden Augen. Nee, wir müssenherausbekommen, für wen die Frau gearbeitet hat.«»Außerdem passt nicht dazu, wie sie zu Tode gekommenist«, sagte Andreas.»Die Drogenleute erschießen die Leute oder verbrennen siebei lebendigem Leib. Schon aus Abschreckungsgründen. JoyceCremlin wurde erschlagen und dann entsorgt.«Alice bereitete ihm einen Espresso zu und verschwand mitihrem Telefon in der Küche.Andreas sah sich um. Auf dem Bücherregal stand nebeneinigen klassischen Wälzern auch ein Ebook-Reader. DanebenReisebücher über Neuseeland, Griechenland, die Seychellenund die Kapverdischen Inseln. Daneben Magazine, eindicker Band über Forensik und das Bändchen »Leichenschauam Fundort«.Sicher, zunächst hatte er sich mit Händen und Füßen gegendiese Ermittlungen gewehrt, aber jetzt einfach alles auf sichberuhen zu lassen, nein, das kam nicht in die Tüte.Er dachte an seinen Kameraden Klaasen, der ihn mehr alseinmal aufgemuntert hatte. Ohne ihn hätte er es in Afghanis-


tan nicht geschafft. Er hatte nach seinem Dienst bei derBundespolizei gearbeitet und am Flughafen Einreisepapiereüberprüft. Irgendwann hatte er mitten in einer Kontrolle zuzittern begonnen. »Posttraumatisches Syndrom«, nannten dasdie Ärzte. Er war jetzt seit zwei Jahren in ärztlicher Behandlungund schaffte es, zumindest an einem Tag in der Wochedie Wohnung zu verlassen.Andreas griff zum Telefon und wählte seine Nummer.»Mensch Hofer, wir müssen uns sehen«, sagte er. »Istdoch sicher auch schon wieder ein paar Monate her.«»Wie geht’s dir?«»Ich werd den Tatter nicht los.«»Und das Saufen?«»Das ist vorbei. Aber manchmal weiß ich nicht, wie ichden Tag rumbringen soll. Was machst du so? Filzt du nochTeenies vor der Disco?«Andreas erzählte über seinen neuen Job und dass er überetwas gestolpert sei.»Gestolpert?«»Wie ist das bei der Passkontrolle. Nimm mal an, du hastda eine Amerikanerin, die du überprüfst.«»Dann schiebe ich den Pass unter den Scanner. Wenn etwasauffällig ist …«»Ruft ihr auch mal Daten direkt aus den USA ab?«»Wo die herkommen, weiß ich nicht. Aber Daten bekommenwir schon.«»Angenommen, es kommt gar nichts«, sagte Andreas.»Wie gar nichts?«»Nichts außer dem Namen, keine weiteren Informationenoder eben gesperrt.«Auf der anderen Seite der Leitung war lange nichts zu hören.57


»Dann sag ich: »Schönen Tag noch« und lasse sie passieren.«»Was?«»Wenn es keinerlei Informationen gibt oder es sich umeinen gesperrten Datenzugang handelt, dann gibt es dafür nureinen Grund.«»Und der wäre?«»Dass es sich um Regierungsmitarbeiter handelt.«»Aber es könnte sich um Geheimdienstmitarbeiter handeln,die hier … sagen wir mal unsauber arbeiten.«»Na und?«»Die Geheimdienste kooperieren absolut eng. Datenaustausch,Ermittlungen im jeweils anderen Land. Die stimmensich ab. Das sind keine Gegner.«»Einen anderen Grund für fehlende Daten kann es nichtgeben?«»Keine Ahnung«, sagte Klaasen. »Aber normalerweisenicht. Es gibt Sozialversicherungsnummern, Führerscheineinträge,Armeeeinberufungen … Es gibt kein leeres Blatt. Es seidenn, der Zugang wird verwehrt.«Er hatte das Gespräch gerade beendet, als Alice den Raumbetrat.»Mein Lieutenant aus Sacramento hat plötzlich die Maulsperre«,sagte sie. »Nichts mehr rauszukriegen aus demMann.«Andreas berichtete ihr, was er von Klaasen erfahren hatte.Alice pfiff durch die Zähne und sagte: »So also. Joyce Cremlinarbeitete für Drogenbekämpfer, CIA, DEA oder FBI.Wahrscheinlich als Undercoveragentin fädelte sie den Dealmit den Drohnen ein.«»Und wer hat sie getötet? Da kann doch niemand Interessedran haben«, sagte Andreas.»Es sei denn, sie ist aufgeflogen, aber das glaube ich nicht.Dann wäre Dierksen nicht so ahnungslos gewesen.«58


Alice stand Wut ins Gesicht geschrieben. Sie griff zum Telefonhörer,ließ sich über die Zentralnummer der Universitätdie Rechtsmedizin geben und stellte das Gespräch auf Lauthören.»Ja«, meldete sich eine Frauenstimme.»Ich bräuchte mal eine Auskunft«, sagt Alice.»Der Herr Professor ist nicht im Haus. »Und wer sindSie?«»Hier spricht die Assistentin von Hauptkommissar Dierksen.«»Der hat ’ne Assistentin?«»Seit vier Tagen«, sagte Alice. »Und ich möchte es nochein wenig bleiben.«»Worum geht’s denn?«»Um den Obduktionsbefund von Joyce Cremlin.«»Aber den haben wir Ihnen doch zugeschickt!«»Ja, ja. Aber Hauptkommissar Dierksen ist unterwegs undich habe keinen Zugriff …«»Aber wenn Sie seine Sekretärin sind …«»Der Bericht liegt in einer anderen Abteilung und ichkomm nicht ’ran. Hören Sie, es geht um die Tatwaffe«, sagteAlice.»Einen Moment«, sagte die Frau mit nöliger Stimme.Nach einer Minute war sie wieder am Apparat.»Das Übliche«, sagte sie.»Was soll das heißen?«»Stumpfer Gegenstand. Wahrscheinlich aus Holz.«»Wieso Holz? Warum nicht Metall oder Stein?«»Weil Holzsplitter in der Wunde gefunden wurden, Herzchen.«»Holzsplitter?«»Holzsplitter mit Bootslack, so steht es hier.«59


13Sie warteten anderthalb Stunden, bis Dennis Weinheimerschien. Er pfiff ein Lied und trug ein Modellboot unter demArm, mit dem er wahrscheinlich seine Funksteuerung ausprobierenwollte.»Das ist ein Ruderverein«, herrschte Alice ihn an. »KeinPlatz für Ihre unsauberen Machenschaften.«»Gott, haben Sie mich erschreckt.«Er musterte sie misstrauisch und sagte: »Was wollen Sie?«»Mit Ihnen über Joyce reden.«»So?«»Ich habe Sie gesehen. Sie haben die Frau erschlagen undins Wasser geworfen.«Plötzlich überzog ein Grinsen sein Gesicht.»Gesehen? Glaube ich nicht und wenn es so sein sollte, istmir das auch egal.«»Ich werde das Hauptkommissar Dierksen mitteilen«, sagteAlice.»Alles kalter Kaffee«, sagte er. »Der Deal ist ganz einfachüber die Bühne gegangen. Die Drohnen mitsamt den Peilsendernsind bei den amerikanischen Auftraggebern. Allesprima.«»Ich rede über eine ermordete Frau«, sagte Alice. »HabenSie dazu gar nichts zu sagen?«»Das gehört zum Deal«, sagte er. »Straffreiheit wegen dieses… nun, es war ein Unfall.«»Sie haben der Frau eins mit dem Ruder über den Kopfgezogen, das nennen Sie Unfall?«, fragte Andreas.»Egal. Es gehört zum Deal. Ich spiele mit und im Gegenzugwerden alle Verfahren gegen mich eingestellt.«60


»Und damit können Sie leben?«, fragte Alice. »Sie habeneine Frau getötet!«»Die ist im Dienst gestorben«, sagte er. »Das war eineAgentin. Das Ganze …«»Ja?«, bohrte Andreas nach.»Das war ein Dienstunfall. Ich hab sie für ein Syndikatsmitgliedgehalten.«»Um was ging es bei Ihrem Streit?«»Wir sind uns nahegekommen«, sagte er. »Und ich habemir gedacht, wie viel Geld die wohl mit meiner Erfindungmachen. Sie hat gesagt, ich soll auf keinen Fall mehr Geldfordern.«»Eine verliebte Agentin?«, fragte Alice.»Ja, das kann man wohl sagen. Sie wollte mich überredenauszusteigen. Ist sogar zurück in die USA geflogen, um mitihren Vorgesetzten zu reden.«»Sie wollte Ihr Leben schützen«, sagte Alice. »Die Frau hates ernst gemeint.«»Einmal im Leben bin ich am Drücker«, sagte DennisWeinheim. »Ich konnte den Preis bestimmen und eine Umsatzbeteiligungverlangen. Ja, einen Großauftrag an Landziehen und sie wollte mir das alles nehmen.«»Und dann haben Sie die Frau, die Sie schützen wollte,erschlagen?«, fragte Andreas.»Ich musste handeln. Ich wollte mir mein Geschäft nichtkaputtmachen lassen. Aber meine Straffreiheit gehört zumDeal mit den Behörden«, sagte er. »Rufen Sie Dierksen an. Erwird das bestätigen.«61


6214»Wie fühlt man sich als Whistleblower?«, fragte Alice. »Soschnell hat man einen neuen Beruf. Darauf werden wir einenheben«, sagte sie.Gemeinsam schlenderten sie über die Hoheluftchaussee.Die Havanna-Bar hatte geöffnet und ohne eine Bestellungabzuwarten, kam der Wirt mit zwei Cuba Libre an ihrenTisch.»Ist das der Mann, der Ihnen von Joyce Cremlin und demKatalog mit den Spielzeugflugzeugen erzählt hat?«»Und der mir berichtet hat, nach welchem Hinterhof siegefragt hat. Aber mal was anderes.«»Was haben Sie auf dem Herzen, Andreas. Raus damit.«»Warum vertrauen Sie mir eigentlich nicht?«»Aber das mach ich doch.«»Sie hätten mir sagen können, dass Sie Dennis WeinheimsGeständnis mitschneiden.«»Ach, hab ich das nicht? Wichtig ist doch, dass die Zeitungeinen Beweis in den Händen hält. So einfach kommt dersaubere Herr Weinheim mit seinem Mord nicht davon. Jetztwerden alle bedient: Dierksen verhaftet einen Mörder, Weinheimwandert in den Knast und die Drogenkartelle habeneinen schweren Schlag erlitten.«Zwei Stunden später traf der Verkäufer mit der Nachtausgabeder Tageszeitung ein.»Geheimdienstaffäre: Modellbauer gesteht Mord«, lautetedie Überschrift. Gefragt wurde, warum die Polizei den Täterso lange unbehelligt gelassen hatte und erst jetzt tätig wurde.»Das Mordgeständnis auf Seite zwei«, stand in Großbuchstabendaneben. Zu sehen war ein Foto, das die Reporter aufdem Bootsanleger gemacht hatten. Es zeigte Dennis Weinheim,der seine Hände vor sein Gesicht hielt und von Polizistenabgeführt wurde.


»Die Acht steht ihm gut«, sagte Alice.«Die Acht?«»Na, die Handschellen. Sie müssen noch viel lernen, Andreas.«»Bekommen wir jetzt Ärger mit Hauptkommissar Dierksen?«»Ach wo«, sagte Alice. »Der ist froh, dass er einen Mörderaus Geheimhaltungspflicht und nationalem Interesse, wie esheißt, nicht laufen lassen muss. Der ist uns dankbar. Ich freumich schon, ihn wiederzusehen.«»Ein unglaubliche Geschichte«, sagte Andreas.»Kann man so sagen. Da bestellen Drogenkartelle bei einemBastler Mini-Drohnen, um ihren Stoff zu transportieren,und die amerikanischen Behörden setzen eine Undercover-Agentin auf ihn an.«»Und genau die verliebt sich in den vermeintlich naivenBastler«, sagte Andreas. »Sie will ihn schützen, weil sie jaweiß, dass die Behörden das unterbinden werden, und dererschlägt die Frau. Quasi als Dankeschön.«»Und dann versuchen die Geheimdienste das alles unterden Teppich zu kehren«, sagte Alice. »Aber schließlich …«»Ja?«»Kommen wir ins Spiel, Andreas. Eine wirklich guteTeamarbeit.«Sie hob das Glas und sagte: »Prost!«Der Wirt brachte zwei neue Gläser und bevor er wieder imInnern der Bar verschwinden konnte, sagte Alice sichtlichangeheitert: »Kommen Sie mal, Commandante Che Guevara.Sie müssen mit uns anstoßen. Darf ich Ihnen Ihren Kollegen,den Tiroler Freiheitshelden Andreas Hofer vorstellen?«❧63


Zum AutorVon Michael Koglin sind neben den Psychothrillern »Bluttaufe«,»Blutengel«, »Blutteufel« und »Seelensplitter« (alle imGoldmann Verlag) auch zahlreiche andere Romane undSachbücher erschienen. So lüftete Michael Koglin das Geheimnisum die leeren Stühle an Miss Sophies Tafel in »Dinnerfor one – Killer for Five« und spürte dem seltsamenPärchen auch in »Dinner for one auf der Titanic« und »Dinnerfor One mit Al Capone« nach. Daneben entstandenKinderbücher, Drehbücher und Theaterstücke. Zu den vonihm verfassten Sachbüchern gehören neben zahlreichenMuseumsbüchern und »Italien in Hamburg« auch das in dervierten Auflage erschienene »Zu Fuß durch das jüdischeHamburg«. Darin wird dem einstigen Alltagsleben derjüdischen Gemeinde nachgespürt. Mehrfach wurde MichaelKoglin mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Weitere Infosunter www.michael-koglin.de.64


Stadtbau und StadtentwicklungNeubau und Sanierung Energie und Technik Markt und Management Rechtssprechung Haufe GruppeDW GrünDas Magazin für die Wohnungswirtschaft – kompetent, klar, meinungsstarkSeit 65 Jahren ist die DW Die Wohnungswirtschaftdas Leitmedium der Branche und für Sie immer amPuls der Zeit!Überzeugen Sie sich selbst und testen Sie jetzt3 Ausgaben im Miniabo.www.diewohnungswirtschaft.de/miniabo0800 / 72 34 253 (kostenlos)


DW – Crime Time in der NachbarschaftMord am KanalEs dämmerte. Plötzlich ein Schrei und ...“„Und?“Sie schlug mit der flachen Hand auf den Kühlschrank.„Ein Schlag, ein Bersten und das Geräusch eines Körpers, der ins Wasser fällt.Und dann ...“„… dann was?“„Stille. Tödliche Stille.“Zunächst hält Andreas Hofer das für die Spinnerei der etwas überdrehten NachbarinAlice Winterfeld. Doch schon am nächsten Tag wird eine Leiche aus demKanal gezogen.Eigentlich hatte sich der ehemalige Afghanistansoldat auf seinen ruhigen Job alsHausmeister und Concierge in einer Wohnanlage gefreut. Doch die rüstige Alicelässt nicht locker. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem Mörderder jungen Amerikanerin. Die scheint in dunkle Geschäfte verwickelt gewesen zusein. War es eine Beziehungstat? Ein Raubmord? Oder stecken Drogengeschäftedahinter?Der zuständige Leiter der Mordkommission ist gar nicht begeistert von dieser„Privatermittlung“, doch schon bald stoßen die beiden auf eine heiße Spur.Plötzlich geraten auch sie ins Fadenkreuz und müssen sich ihrer Haut erwehren.Neugierig geworden? Alles Weitere in Michael Koglins packendem Krimi „Mordam Kanal“, der exklusiv für „DW Die Wohnungswirtschaft“ aus Anlass des65. Jubiläums geschrieben wurde.Weitere Infos unter www.diewohnungswirtschaft.de

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