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131013_An den Grenzen der Naturwissenschaft 3 - WDR 5

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MUSIK: Mark Polscher – Rosy Thrush TanagerTiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und LaienSprecherin: Jetzt beschäftigen sich die Amateurastronomen mit der Grobeinstellungihres Fernrohrs. Sie werden an diesem Abend noch etliche Stunden Kleinplanetenbeobachten. Tote Gesteinsbrocken von ein paar hundert bis ein paar tausendKilometern Durchmesser irgendwo zwischen Mars und Jupiter oder jenseits desNeptuns.Take 2Amateurastronomen beschäftigen sich ein bisschen ernsthafter damit,dass man versucht, was sinnvolles zu machen. Also sei esAstrometrie, sei es Sternenbedeckung oder richtig Aufnahmen zumachen, während bei Hobbyastronomen sag ich immer so, na ja, diegucken halt mehr ohne jetzt Daten zu gewinnen.Sprecherin: Amateur. Für Profis ein Schimpfwort. Für Laien eine Auszeichnung.Was ist ein Amateur der Naturwissenschaft? Jemand, der sich neben seinemeigentlichen Brotberuf als Forscher betätigt ? Wie beispielsweise Mitte des 18.Jahrhunderts der Musikdirektor des britischen Badeortes Bath. Ursprünglich Organistvon Beruf. Mit Passion für die Sternenguckerei. Wird der Mann heute deshalb alsAstronom und Wissenschaftler bezeichnet, weil er sein Fernrohr nicht irgendwie inden Nachthimmel hielt –MUSIK: Ulrike Haage - JimmySprecher: die Venus. Wie sie strahlt.Sprecherin (Forts.): - Sondern systematisch das Himmelszelt durchmusterte? Weiler als erster die Sterne nach deren scheinbarer Helligkeit klassifizierte und –Sprecher: Welche Fleißarbeit© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.2


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und LaienSprecherin (Forts.): - einen Katalog mit 2500 nebeligen Himmelsobjekten und einenmit 850 Doppelsternsystemen erstellte? Oder gilt er heute als Forscher, weil er am13. März 1781 durchs Teleskop auf dem Dach seines Hauses eine kleine helleScheibe am Himmelszelt entdeckte, die sich als Planet Uranus entpuppte?War der berühmte Astronom Wilhelm Herschel überhaupt ein Amateur-, einHobbywissenschaftler? Ein Laienforscher? Eine Frage an die Soziologin Karin Knorr-Cetina von der University of Chicago.Take 3Naturwissenschaft kann man eigentlich weder soziologisch nochphilosophisch abgrenzen, sondern man muss sagen, das ist das, wasNaturwissenschaftler tun – legitimierte Naturwissenschaftler, nicht,also Naturwissenschaftler, die nicht Laien sind, sondern die einenentsprechenden akademischen Grad haben, und es gibtRekrutierungsprozesse, man wird akzeptiert als Wissenschaftler odernicht, an einer Universität zum Beispiel.Sprecher: Was macht einen Laienforscher aus, was einen Wissenschaftler? ErstesKriterium für den Profi: Die Ausbildung, die der spätere Forscher in seinem Fachdurchläuft. Heute ist das ein Studium mit Abschluss Bachelor oder Master, mit derBefähigung, unter Anleitung wissenschaftlich arbeiten zu können. Darauf baut derNachweis der Befähigung zur selbständigen Forschung auf, die Promotion.Abschließend folgt der Nachweis, eigenständig Forschungsprojekte führen zukönnen. Die Habilitation.Danach kann man zum Professor an eine Universität berufen werden; dann ist manGleicher unter Gleichen.Sprecherin: Auch zu Herschels Zeiten gab es professionelle Himmelskundler Derköniglich englische Astronom an der Sternwarte von Greenwich hieß damals NevilMaskelyne. Maskelynes Astronomie war, wie man heute sagen könnte, keineGrundlagen- sondern eine angewandte Wissenschaft. Eine Forschung, die einen© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.3


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und Laienengumgrenzten, alltagstauglichen Zweck verfolgt. Darauf hätte ihn sein Arbeitgeber,König Georges III, ansprechen können.MUSIK: Michael Wollny SagéeSprecher: Hofastronom, was hab ich davon, dass du auf meine Kosten nächtelangin den Himmel starrst? Wo ist mein Ertrag deiner Arbeit?Sprecherin: Und Nevil Maskelyne hätte antworten können:Sprecher: Wenn wir feste Punkte am Himmel finden, können wir daran die Erdevermessen. Jeder Kapitän eurer glorreichen Flotte wüsste dann zu jeder Zeit, wogenau er auf den Weltmeeren segelt. Und das, mein König, ist die Grundlage deskommenden britischen Empires.Sprecherin: Auf dem Gebiet der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschungbetätigten sich in der frühen Neuzeit hauptsächlich wirtschaftlich begüterte Amateure.Sie hatten sich mit den Profis in Wissenschaftsakademien zusammengeschlossen.Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten sie in persönlichen Briefen, die sieeinander schickten.Take 4Es war ja über viele Jahrhunderte so, dass Wissenschaft, wie wir sieheute kennen, gar nicht existierte. Also nehmen sie klangvolle Namenwie Descartes, wie Leibniz – Wissenschaftler, die an keinerForschungseinrichtung in unserem Sinne gearbeitet haben, weil esdiese Einrichtungen nicht gab. Da knüpften sich Einsichten an Köpfe.MUSIK: Michael Wollny: SagéeSprecherin: Die Liste derjenigen ist lang, die man mit heutigem Blick alsLaienforscher bezeichnen könnte. In Frankreich rekrutierten sich die Forscher ausdem aufgeklärten Bürgertum. Die ausgebildeten Juristen und aktiven Mathematiker© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.4


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und LaienPierre de Fermat und Jean Baptiste de Rond d‘Alembert, der Jurist und PaläontologeÉdouard Armand Lartet, sowie Antoine Laurent de Lavoisier, Begründer dermodernen Chemie, als Steuerpächter 1794 während der französischen Revolutionhingerichtet. In den deutschen Kleinstaaten betrieben VerwaltungsbeamteWissenschaft. Zum Beispiel Friedrich Wilhelm Opelt, Mathematiker und sächsischerFinanzrat. In England waren es zumeist Pastoren. Thomas Robert Malthus, derheute als Begründer der politischen Ökonomie gilt. Thomas Bayes, ein schüchternerMann und erfolgloser Prediger, aber ein begnadeter Mathematiker. Und John Mitchellaus Derbyshire, der Wilhelm Herschel zeigte, wie man ein Teleskop baut.Sprecher: Ende des 18., und im frühen 19. Jahrhunderts wuchs die lose Gruppe derNaturforscher zu einer organisierten Scientific Community zusammen. Manpublizierte schon lange nicht mehr brieflich, sondern in Zeitschriften derWissenschaftsakademien. Auch das Arbeitsumfeld wandelte sich. Aus dennaturwissenschaftlichen Sammlungen und Kabinetten der Herrscherhöfe erwuchsenöffentliche Museen und Forschungslaboratorien.Weil mit dem Wissenszuwachs auch die Komplexität zunahm, wurde die fachlicheAusbildung immer wichtiger und entwickelte sich schließlich zur Zugangsschwelle indie Welt der Forschung. Trotzdem gilt für den Wissenschaftsphilosophen JürgenMittelstraß weiterhin: Forscher ist, wer forscht.Take 5Wenn sie diesen Standards folgen – begriffliche Klarheit,Überprüfbarkeit, prinzipielle Widerlegbarkeit, Wiederholbarkeit,Intersubjektivität -, dann wird man zunächst einmal sagen können,verhält man sich auf eine wissenschaftliche Art, ist manWissenschaftler.Sprecher: Mit der Anstellung der Forscher durch die Krone oder durch dieUniversität wandelte sich auch die Methodik : Öfter einmal weg vom Experiment,raus aus dem Labor, hin zur Theorie und dem großen, allumfassenden Entwurf einerWeltbeschreibung. Das senkte ganz nebenbei den finanziellen und materiellen© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.5


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und LaienAufwand. Labore waren nicht mehr unbedingt notwendig. Theoretische Physikbeispielweise kostete neben dem Gehalt nur noch den Preis für Bücher,Rechenknechte, Schreibfedern und ein paar Bögen Papier.Laien hätten sich jetzt zur Forschung beflügelt sehen müssen. Denken kannschließlich Jeder und schreiben konnten auch Einige. Aber denkste. Auf ihrem Gangin die Theorie hatten die Forscher ihre ganz eigenes Beschreibungssystementwickelt. Die Mathematik. Und Mathematik ist nichts, das man nebenbei lernt.Sprecherin : Herrje. Wie geht das Ableiten noch? Von der Hochzahl eins abziehenund – ja, und...wie jetzt...Take 6Es gehört eben zum Beispiel dazu, begrifflich und methodisch zudenken und sich als Querkopf darzustellen. Es gehört faktisch vielGeduld dazu, es gehört Zähigkeit dazu, man muss sehrenttäuschungsrobust in der Wissenschaft sein. Es gehört vor allenDingen Kritikfähigkeit dazu und Urteilsstärke.MUSIK: Boards of Canada – Ready lets goSprecher: Niemand würde wohl den damaligen Junglehrer für Mathematik undPhysik als Laienforscher betrachten, der es, gerade Anfang zwanzig, durchProtektion eines Freundes zum technischen Angestellten 3. Klasse des Patentamtesim Schweizerischen Bern gebracht hatte. Der dort in einer düsteren Schreibstubehockte und von einer akademischen Karriere träumte, während er abends seineDissertation und einige andere Ideen ausformulierte, für die ihm andere dieGleichungen lösten. Der dann in einem einzigen Jahr gleich drei bahnbrechendeArbeiten publizierte, die ihn in den Wissenschaftsolymp heben und zum Nobelpreistragen sollten. Albert Einstein.Haben heute Laien in der Forschung überhaupt noch eine andere Chance alslediglich Daten aufzunehmen?© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.6


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und LaienTake 7SA: So, dann könnten wir eigentlich das Teleskop eigentlich mal auf das Sternenfeldfahren – in der Nähe von M95 müssen wir hin – MH: ok- so, hetzthabe ich mich irgendwo verrannt – SA: jetzt runterfahren (E-Motor)So. Die Feinpositionierung machen wir dann vom Rechner aus – danngucken wir mal, was die Kamera jetzt sagt – So. dann machen wirerst mal fünf Minuten. Das heißt stillstehen, nicht wackeln –Sprecherin: Sven Andersson und Martina Haupt haben ihr Fernrohr ausgerichtet.Statt durch die Optik in den Nachthimmel zu schauen, haben sie die Kameraangeschlossen und sehen konzentriert auf den Computermonitor. Sie wollen dieDaten der Bahnen einiger Kleinplaneten messen. Seit der italienische TheologeGuiseppe Piazzi in der Neujahrsnacht 1801 den ersten Kleinplaneten entdeckte,Ceres genannt, hat das Minor Planet Center, das Zentrum für Kleinplaneten inWashington, USA, über 360.000 nummerierte und 250.000 unnummerierte Planetenregistriert. Viele davon wurden durch Amateurastronomen entdeckt. Zu welcherFrage könnten Amateurastronomen wissenschaftlich arbeiten, die hauptsächlichBahndaten von Kleinplaneten aufnehmen? Zur Theorie der Planetenentstehung?Oder wie die geheimnisvolle, nie gesehene dunkle Materie auf das Sonnensystemwirkt? Warum sollten sie überhaupt wissenschaftlich arbeiten? Vielleicht ist es auchausfüllend genug, einmal einen Kleinplaneten, seinen Kleinplaneten, zu finden undihn zu benennen.Sprecher: Laien in der Wissenschaft. Heute werden sie dort gebraucht, wo derprofessionelle Betrieb an seine Grenzen stößt. Weil es beispielsweise nichtgenügend Observatorien gibt, die Hunderttausende Asteroiden und Kleinplaneten imSonnensystem zu katalogisieren und deren Bahnen zu vermessen. Auch dieUmweltwissenschaften brauchen die Amateure. Wenn es beispielsweise darum geht,das Vorkommen bestimmter Wiesenblumen und Vögel zu bestimmen. Und in derArchäologie suchen und begehen Amateure mögliche Grabungsfelder.© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.7


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und LaienSind die Rollen von Laienforschern auf solche Zuliefertätigkeiten beschränkt?MUSIK: Ulrike Haage - JimmySprecherin: Laienforscher heute. Wie etliche ihrer professionellen Kollegen träumenviele von ihnen vom großen, wissenschaftlichen Durchbruch. Von einer Arbeit, dieihnen Eingang in die Geschichtsbücher verschafft. Wie dem größten allerLaienforscher, Charles Darwin. Der studierte Theologe, der zeitlebens dieBeobachtungen seiner dreijährigen Forschungsreise rund um die Welt auswerteteund dabei eine der wissenschaftlichen Theorien entwickelte, die das Selbstbildnis derMenschen komplett umkrempeln sollte. Die Evolutionstheorie. Kann einLaienforscher heute ähnliches zustande bringen?Seit Darwin 1831 auf dem Segelschiff „Beagle“ in See stach, hat sich die Sicht aufdie Welt grundlegend verändert. Sie ist – zumindest an ihrer Oberfläche - bis in denletzten Winkel bekannt und im 21. Jahrhundert nahezu vollständig erobert.Forschungsstationen arbeiten dauerhaft in der Antarktis; ein Labor kreist imerdnahen Weltraum und richtet seine Kamera auf den Planeten. Zudem sind heutedie Messinstrumente für die Grundlagenforschung für Privatleute unerschwinglich.Sechs Milliarden Euro kostete der weltgrößte Elementarteilchenbeschleuniger, derLarge Hadron Collider, am CERN bei Genf. Der noch im Bau befindliche EuropäischeElektronenlaser XFEL wird auf eine Milliarde Euro veranschlagt. Selbst ein einfachesChemielabor wird unter einer Million Euro kaum zu haben sein.MUSIK: Amontobin – Straight PsycheSprecherin: Eine häufige Strategie der Laien ist es, in "alternative" und"anomalistische" Bereiche auszuweichen. Heute bezweifeln Laien die allgemeineRelativitätstheorie, erklären das menschliche Bewusstsein aufgrundquantenmechanischer Wechselwirkungen und beschreiben, auf welche Weise mandie Vakuumenergie des Universums nutzen kann. Christliche Fundamentalisten© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.8


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und Laienformulieren Pseudo-Alternativen zur Evolutionstheorie auf Grundlage der biblischenWeltschöpfung. Weniger religiöse wie der Ufo-Forscher Andreas Anton versuchen,aus der Beobachtung von Lichtphänomenen eine neue Forschungsdisziplin zukreieren :Take 8Also, im Moment ist es ja so, dass UFO-Forschung eigentlich vorallem von Laienwissenschaftlern, also von Privatpersonen betriebenwerden, man muss dazu sagen, teilweise wirklich auf `nem sehrhohen wissenschaftlichen Niveau, also auf `nem Niveau, was wirklichan wissenschaftliche Standards herankommt. Meines Erachtenskommt man aber nicht richtig ran an dieses Phänomen, wenn mandas Ganze nicht tatsächlich auch in `nem wissenschaftlichakademischenRahmen untersucht, ne?MUSIK: Quadratsch – Scene 3Sprecherin: Laienforscher. Es gibt aber auch die Anderen. Die, die in ihrer Biografieetwas ausweisen , was die Deutsche Forschungsgemeinschaft „fachliche Migration“nennt. Wie es heute in trans- und interdisziplinären Forschungsprojekten Gang undGäbe ist. Beispiel: Alfred Wegener. Ausgebildeter Meteorologe, zu Lebzeiten alsGrönlandforscher bekannt. Entwickelte die Theorie der Kontinentaldrift, die erst 50Jahre nach der ersten Publikation durch experimentelle Messdaten erhärtet wurde.Beispiel zwei: Thor Heyerdahl, gelernter Geograf. Erarbeitete die These, dassOzeanien von Lateinamerika aus besiedelt wurde. Überprüfte die These 1946 miteiner Floßfahrt über den Pazifik. Gilt heute als Gründer des Fachbereichesexperimentelle Archäologie.MUSIK: Alma – Lahnjodler & SchwommatanzSprecher: Doch das sind Ausnahmen. Erfolgreich werden eher die Laienforscher,denen nicht am wissenschaftlichen Weitwurf gelegen ist. Die sich eine Nische© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.9


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und Laiengesucht haben und in dieser einen, engen Lücke zum Experten wurden. Wie OttoHölzl. Doktor honoris causa Otto Hölzl. Der sich mit der Pflanzenwelt des Tertiärauskannte, dem Zeitraum vom Aussterben der Dinosaurier bis kurz vor demAuftreten der ersten Vormenschen. Aber nicht mit der gesamten Pflanzenwelt.Sondern nur mit der, die in seiner Heimat sprießte. In Oberbayern.25 Jahre arbeitet Otto Hölzl als Bergmann im oberbayerischen Ort Hausham, gräbtVersteinerungen aus und sammelt sie. Erst nur ein paar Exemplare, dann immermehr.Sprecher (Forts.): Schließlich entsteht eine der größten privaten SammlungenSüddeutschlands. Hölzl büffelt lateinische Bezeichnungen. Dann lernt er einenanderen Paläontologen kennen. Einen Profi. Professor Herbert Hagn. Beidefreunden sich an und so findet Hölzl den Weg in die Forschung. Er publiziert zuseinen Fundstücken und darüber hinaus. Als Bergmann arbeitet Otto Hölzl schonlange nicht mehr. Er findet eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter desGeologischen Landesamtes in München.Sprecherin: Laienforscher gibt es heute kaum noch. Jedenfalls in denNaturwissenschaften. Zu komplex die Zusammenhänge, zu kompliziert dieFachsprache, zu teuer ein experimenteller Ansatz. Aber die Wissenschaft brauchtsie. Die Laienforscher mit dem unverbrauchten Blick, dem gesundenMenschenverstand und den einfachen Kinderfragen.Sprecher: Wieso? – Weshalb, warum?Sprecherin: In den Geisteswissenschaften sind sie häufiger zu finden. HeinzWarnecke ist Altertumsforscher und Privatgelehrter. Ihm, der die Schule nicht einmalmit der allgemeinen Hochschulreife abgeschlossen hat, könnte Hölzls Biografie alsBlaupause fürs eigene Leben gedient haben.© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.10


Take 9Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und LaienUnd dann bin ich nach Pforzheim gegangen,Wirtschaftswissenschaften studieren. Ich hatte aber damals gehofft..es gab eine Regelung, dass man nach zwei Semestern wechselnkonnte auf eine Universität sozusagen, und ich wusste dann, dass esnicht auffällt, wenn man innerhalb der Universität die Fachrichtungwechselt, wenn die nicht dem Clausus unterlag.Sprecherin: Heinz Warnecke setze sich an den Schreibtisch und schrieb Briefe.Take 10Ja, ich habe eben geschrieben, dass ich Betriebswirtschaft studierthabe und dergleichen, und dass ich kein Abitur hätte und mit nichtmöglich gewesen sei, jetzt je nach Professor alte Geschichte oder alteGeografie zu studieren, mich aber seine Veranstaltungeninteressieren würden, und ich aber gern an seinen Veranstaltungenund Kolloquien und dergleichen teilnehmen würde. Und ich glaube beisechs, sieben, die ich so angeschrieben habe, hatte ich glaube ich niene Ablehnung oder Abweisendes erfahren.MUSIK: Ulrike Haage – SchwarzSprecherin: Die Geschichte hat ein Happy End. In den Seminaren findet erprofessionelle Unterstützung , lernt, Hypothesen auszuarbeiten. Und er findet seineNische. Als er entdeckt, dass sich in wissenschaftlichen PublikationenÜbersetzungsfehler tradieren, weil niemand später mehr in die Originale schaut,beginnt er, historische und naturwissenschaftliche Fachschriften zu überprüfen.Seine erste Publikation widerlegt die Annahme, dass wie seit 1837 in der Zoologiebehauptet, die europäische Katzennatter auf zwei Felseilanden im ionischen Meerlebt. Später, noch immer ohne formales Studium, schreibt er seine Promotion. Mitdem Titel: „Die tatsächliche Romfahrt des Apostels Paulus“.© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.11


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und LaienTake 11Es gab damals irgendwie so 12 oder 16 Gründe, wieso manimmatrikuliert werden konnte, eben sozusagen das normale Abituroder dies und jenes. Aber für mich war ja dieHochschulzugangsberechtigung die Promotion gewesen, und dasmusste erst überhaupt aufgenommen werden. Und da merken Sieauch, wie verrückt (lacht) auch teils das System ist, und mit meinerPromotionsurkunde hab ich mich immatrikulieren dürfen.Sprecher: Für Sven Andersson und Martina Haupt war es ein langer AbendMUSIK: Mark Polscher – Bounteous FarinaTake 12SA: So. jetzt haben wir schon mal den Sternenkatalog nachgeladen – hier wo dasKreuz ist, ist unser Kleinplanet. Und jetzt müssen wir aber noch denKatalog übers Bild bringen. Wir müssen jetzt eine markanteSterngruppe suchen – hier zum Beispiel – dann schieben wir uns dasmal zurecht – Das sieht doch gut aus.– Manchmal hat man dann auchdas Problem, dass man so ne markante Gruppe auch nicht findet,dass man dann erst mal ne weile sucht. So. (Geräusch) So. J Das istja hier unser Objekt, das wir vorhin gesehen haben – das isser, dadrücken wir mal drauf und dann sagen wir ok, wir sind uns unsererMessung sicher – und dann ist der vermessen.Sprecher: Laien in Wissenschaft und Forschung. Es gibt sie noch. Wie dieProfiforscher suchen auch sie ihren Weg zum Baum der Erkenntnis. Doch der ist seitden Anfängen der modernen Wissenschaften um ein gutes Stück gewachsen.Niemand reicht allein an die Früchte heran. In Wissenschaft und Forschung hat mandaraus gelernt. Man bildet Teams, interdisziplinäre Klettergemeinschaften.MUSIK: Tied + Tickled Trio – Aelita© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.12


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und LaienSprecher: Laien stehen jedoch meist allein da; sie brauchen den Profi.Für den birgt die Zusammenarbeit allerdings Mühen und Risiken.Sprecherin :Tut mir leid, ich kann mich damit leider jetzt nicht beschäftigen. Können Sie sich bittean meinen Kollegen wenden?Sprecher :Anders als ihre hauptberuflichen Kollegen schließen sich Laienforscher seltenübergeordneten Theorien und Denkschulen an. Sie müssen „übersetzt“ werden,lassen sich nur schlecht einem bekannten Argumentationsschema zuordnen undhaben natürlich keine Reputation bei den Kollegen, die vielen Forschern zurwichtigsten Bezugsgruppe geworden sind. Kurz: als Profiforscher läuft man Gefahr,sich in der Zusammenarbeit mit einem Laien fürchterlich in die Nesseln zu setzen.Da wo der Laie nicht als Datensammler gebraucht wird, verzichtet man gerne. EinFehler. Vielleicht sogar ein Systemfehler im modernen Wissenschaftsbetrieb.An den Grenzen von Forschung und WissenschaftForscher und Laien– Wer darf vom Baum der Erkenntnis naschen ?Ein Feature von Uwe SpringfeldEs sprachen: Sybille Jaqueline Schedwill und Rudolf KowalskiTechnische Realisation: Olaf DettingerRegieassistenz: Ruth SternRegie: Axel PleuserRedaktion: Thomas NachtigallEine Produktion des Westdeutschen Rundfunks 2013Am kommenden Sonntag geht es weiter mit der Serie An den Grenzen vonForschung und Wissenschaft: Hypothese und Hype – wie viel Öffentlichkeit braucht© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.13


Tiefenblick, 13.10.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (3/4)Forscher und Laiendie Wissenschaft?MUSIK: Tied + Tickled Trio – Other voices other rooms© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.14

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