Dokument Facharbeit - SF Project
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Wissenschaftliche Hausarbeitfür das Lehramt an Haupt- und Realschulen (L2)eingereicht dem Wissenschaftlichen Prüfungsamt für das Lehramt an Grund-Schulen, Haupt- und Realschulen in Frankfurt am MainThema: Ruth Lewin Simes Darstellung des Verhältnisses Lise Meitner - Otto HahnGutachter: Prof. Dr. Martin TrömelFach: Chemie / GeschichteAbgabetermin: 21. September 1998Verfasserin: Vera MorgenweckÜberarbeitet (2011)
InhaltA. "Lise Meitner - A Life in Physics" -Anmerkungen zur Biographie von Ruth Lewin Sime .. 21. Einleitung .... 22. Zur Autorin .. 43. Anmerkungen zu den Quellen . 53.1. "Geheimtreffen" in Kopenhagen .. 63.1.1. Die Berliner Arbeitsgruppe ohne Meitner .. 63.1.2. Tagung bei Bohr 83.1.3. Meitners "Einwände" .. 93.1.4. "A physicist`s nightmare" . 133.1.5. Das "Geheimnis" 163.2. Darstellung der Entdeckung . 183.2.1. War Meitner noch immer Mitglied des Teams? .... 193.2.2. "Without Meitner Hahn was somewhat adrift" ... 233.2.3. Erkannte Meitner als Erste die Kernspaltung? .. 283.2.4. Das zweite Spaltprodukt 353.3. "Hahn beansprucht die Entdeckung allein für die Chemie" 413.3.1. "Hahn leugnet den Anteil der Physik" .. 413.3.2. Die Nachkriegsjahre 524. Andere Sichtweisen 625. Schlussbetrachtung .... 66B. Was ist eine Entdeckung? .. 701. Einleitung ............................................................................................... 702. Wissenschaft als Gegenstand der Philosophie ..................................... 712.1. Der Wissenschaftsbegriff ............................................................... 712.2. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis ........................................... 712.2.1. Karl Popper .......................................................................... 722.2.2. Thomas S. Kuhn .................................................................. 733. Das Wesen der Entdeckung .................................................................. 753.1. Problemstellung .............................................................................. 753.2. Allgemeine Elemente der Erkenntnis .............................................. 764. Anwendung auf die Entdeckung der Kernspaltung ................................ 81Literatur ....................................................................................................... 86
A. "Lise Meitner - A Life in Physics"Anmerkungen zur Biographie von Ruth Lewin Sime1. EinleitungDie Leser des Wochenmagazins "Der Spiegel" konnten im HeftNr. 21/96 auf Seite 208 Erstaunliches lesen: "Lise Meitner, brillantePhysikerin, wurde lange von Kollegen unterdrückt - und von demGroßgelehrten Otto Hahn ausgetrickst". Im folgenden Artikel liest sich dieGeschichte der Kernspaltung etwa so: Die Jüdin Meitner gründete 1934die Arbeitsgruppe Hahn-Meitner-Straßmann und arbeitete an derEntdeckung der Kernspaltung. Leider musste sie kurz vor Erreichen desZieles vor den Nazis fliehen und wurde so um die Früchte ihrer Arbeitgebracht. Der orientierungslose Hahn musste sich per Post immer Rat beiihr holen, bis sie sich schließlich heimlich in Dänemark trafen, damit sieihn ausführlich instruieren konnte, wie es weiter gehen sollte. NachdemHahn die Arbeit glücklich vollendet hatte, beanspruchte er die Entdeckungfür sich allein und verleugnete für den Rest seines Lebens MeitnersBeitrag.Diese Darstellung des berühmten Chemikers, dem eine Unzahlvon Schulen ihren Namen zu verdanken haben, lässt zu dem konträrenBild in der Öffentlichkeit eine Spannung entstehen. Darüber möchte manmehr wissen. Das Interesse für die Meitner-Biographie der amerkanischenChemikerin Ruth Lewin Sime "Lise Meitner - A Life in Physics" istgeweckt. Aus unterschiedlichen Gründen wird sich jedoch der größere Teilder Leser mit der Lektüre dieses Artikels begnügen. Das Sensationelle derThesen prägt sich ein, und nach einiger Zeit wissen die Leser noch, dassHahn seine Kollegin Meitner ausgetrickst haben soll, aber ohne sich nocherinnern zu können, woher diese Information stammt. Es entstehenaffektive Einstellungen, die nicht begründet werden können und geradedeswegen schwer korrigierbar sind. Bei einer Verkaufsauflage des'Spiegel' von über 1 Million Exemplaren pro Woche wird deutlich, dass die2
Wirkung dieser Buchbesprechung nicht unerheblich ist. Andere Autorengreifen die Thesen auf und tragen sie weiter, wobei die Orientierung ander historischen Realität immer weiter ins Hintertreffen gerät. Als Beispielsei der Artikel von Gabriele Metzler in der 'Frankfurter AllgemeinenZeitung' genannt. Unter der Rubrik 'Politische Bücher' wird Simes Arbeitunter dem Titel "Verjagt und verbittert" besprochen. Der Artikel schließtmit der Behauptung, Otto Hahn habe die politischen Verhältnisse bewusstfür seine Wissenschaft genutzt und dabei auch Opfer, nämlich LiseMeitner, in Kauf genommen. 1Aus Anlass dieser Thesen geht die vorliegende Arbeit denzugrunde liegenden Quellen der Meitner-Biographie nach und vergleichtsie mit der Darstellung der Autorin Sime. Dabei berücksichtige ich nur dieveröffentlichten Quellen. Teil A. untergliedert sich deshalb in die dreiHauptthesen, die Otto Hahn betreffen. Es soll untersucht werden, welcherArt die verwendeten Quellen sind, was sie an gesicherten Kenntnissenvermitteln und welche Rückschlüsse daraus für das Verhältnis zwischenHahn und Meitner zu ziehen sind.Bei der Beschäftigung mit den Vorgängen wird deutlich, dass eszu der Frage, was eine Entdeckung sei, unterschiedliche Meinungen gibt.Straßmann (und sich auf ihn berufend Sime) betrachtete Meitner alsMitentdeckerin der Kernspaltung, Hahn dagegen nicht. Die Kriterien fürdie Beurteilung einer Entdeckung sollen im Teil B. der Arbeit reflektiertwerden. Hierfür habe ich mich erkundigt, welche Aussagen in derPhilosophie zu diesem Problem gemacht wurden. Da mir das Gebietfremd war, betrachtete ich zunächst die Hauptströmungen zur Frage derwissenschaftlichen Erkenntnis, um die Resultate einer Arbeit von RainerEnskat einordnen zu können. Die Kriterien Enskats werden durchBezugnahme zur Lernpsychologie erweitert und auf die Entdeckung derKernspaltung angewendet.1 Gabriele Metzler, Verjagt und verbittert, FAZ 07.11.1996, S. 153
2. Zur AutorinRuth Lewin Sime wurde 1939 in New York geboren, studierteChemie und promovierte 1964 über Röntgenbeugungsuntersuchungen anmolekularen Strukturen. Neben ihrer Lehrtätigkeit arbeitete sie anProgrammen zur Förderung des Anteils von Frauen und Studenten ausMinoritätsgruppen in naturwissenschaftlichen Studiengängen mit. Sie istheute am Sacramento City College in Kalifornien beschäftigt. Ihrbesonderes Interesse an Lise Meitner begann Mitte der siebziger Jahre,als sie ein Seminar über "Frauen in der Wissenschaft" hielt. Dabei befandsie, dass Meitners Leben und Werk bisher in Fachkreisen wenigBeachtung gefunden hätte. Dies war Anlass für sie die Arbeitaufzunehmen an einer "wissenschaftlichen und persönlichen Meitner-Biographie" 2 . Die Vorboten waren Artikel über Meitner in verschiedenenFachzeitschriften seit 1986.Im Vorwort ihres Buches offenbart Sime ihre gefühlsmäßigeEinstellung zu ihrem Thema. Lise Meitner war ihr von Kind auf ein Begriff.Als Sime sechs Jahre alt war, wurde Meitner in den USA gefeiert als 'Fraudes Jahres'. "... the tiny woman who barely escaped the Nazis, thephysicist responsible for nuclear fission, ... To me, she was a hero, " 3Auf der ersten Seite ihres Buches verrät Sime den Lesern nochmehr über sich: sie deutet an, dass ihre Vorfahren Emigranten ausDeutschland sind und sie bekennt sich explizit als Feministin. Zitate ausRezensionen auf dem Buchumschlag lassen Emotionalität erwarten.Simes Buch wird als "a labor of love" bezeichnet und Simes Schreibstil sei"infused with a passion that is both refreshing and exhilarating."Die Autorin, gewohnt Partei zu nehmen für Benachteiligte, nimmtbereits im Vorwort klar ihren Standpunkt ein. Entschlossen weist sie aufden, den sie dafür verantwortlich macht, dass Meitners Leben und Werk inFachkreisen wenig Beachtung fände. Es ist Meitners Kollege Otto Hahn.Absicht der Autorin ist es, die bisherige Sicht der Dinge zurechtzurücken.Diese sei allein von Hahns Darstellung bestimmt, die verzerrt sei, wie allesaus Nazi- und Nachkriegsdeutschland.2 Sime, Fallout der Entdeckung, Angew. Chem. 103 (1991) S. 9573 Sime, Lise Meitner, S. vii4
"The unrecognized dishonesty, its careless acceptance, and deliberateperpetuation are among the most disturbing issues I address in this biography." 4An wen richtet sich dieses Buch? Der immerhin hundertdreißigSeiten umfassende Anmerkungsteil inklusive Anhang, Kurzbibliographieund Register wahrt die Form einer gründlichen wissenschaftlichen Arbeit.Von einer solchen wird das Bemühen um Objektivität gefordert. EineForderung die Sime, wie oben gezeigt, bereits im Vorwort zurückweist.Die wissenschaftlich orientierten Leser werden eine weitere Forderung,der der Zuverlässigkeit, im Verlauf der Lektüre prüfen. Andererseitsweisen die ausgewählten Zitate aus Rezensionen darauf hin, dass einbreiter Leserkreis angesprochen werden soll, von dem die Überprüfungder Quellen nicht erwartet wird. Die Frage wird sein, ob die angestrebteGratwanderung zwischen Wissenschaftlichkeit und Breitenwirkunggelungen ist.3. Anmerkungen zu den QuellenNach Lektüre des ganzen Buches habe ich die drei Punkte zurnäheren Untersuchung ausgewählt, für die Sime eine Korrektur derbisherigen Darstellungsweise fordert und die ihr nach eigenem Bekundenein besonderes Anliegen sind. Es wird zunächst das Treffen Hahns mitMeitner in Kopenhagen betrachtet, dann die Darstellung der Entdeckungund schließlich Hahns Verhalten gegenüber Meitner nach der Entdeckungbis zum Ende ihres Lebens. Dabei werde ich zu den Einzelthesen desDeutungskonzeptes zunächst die betreffende historische Situationbetrachten und diese jeweils mit der Darstellung Simes vergleichen.4 a.a. O. S.x5
3.1. "Geheimtreffen" in Kopenhagen3.1.1. Die Berliner Arbeitsgruppe ohne MeitnerSime weist darauf hin, dass Straßmann darauf bestanden hätte,dass Meitner die intellektuell Führende in ihrem Team gewesen sei. Wasmachte nun das 'Rumpf-Team' nach dem Weggang der 'Anführerin'? Ausden Briefen Hahns geht hervor, dass sie sich nach Laborbeginn am 29.August, veranlasst durch Arbeiten Gottfrieds von Droste, dem einePhysikertagung bevorstand, mit den Reaktionen des Poloniumsbeschäftigten. Die Laborarbeit verblieb zum größten Teil bei Straßmannallein. Hahn war eingespannt in Verwaltungsarbeit, Behördengängewegen Meitner und Besuchen bei Edith Hahn, die im Krankenhaus amanderen Ende der Stadt lag. Im Oktober nahmen sie sich abermals den"2,5-Stunden-Körper", das vermutliche Eka-Platin aus der ersten der dreiaufgestellten Umwandlungsreihen, zur Untersuchung vor. DieTrennungsmethoden von der Muttersubstanz Eka-Iridium hattenUnklarheiten gezeigt.Hahn berichtete Meitner darüber in seinem Brief vom 19. Oktober."Wir vergleichen bei dieser bisher wenig erfolgreichen Arbeit auch dasVerhalten des 2,5ers mit den Curieschen Angaben über ihren sog. 3,5-Stunden-Körper." 5Meitner, beunruhigt über die Zweifel, fragt darauf am 23.10. nach:"Ich soll ja am 8. Nov. in Göteborg über Uran u. Th.[orium] vortragen undmöchte also wissen, wie das mit dem EkaPt (2,5h) steht. Wir haben doch mehrereTrennungsmethoden des 2,5h vom 66h-Körper angegeben. [ 6 ] Sind alle zweifelhaftgeworden? ... Und was denkt ihr darüber und was kann man mit Sicherheit sagen? Undglaubt Ihr an den 3,5h-Körper? Bitte um Antwort auf all diese Fragen." 7In Simes Darstellung wird Curies entscheidender "3,5h-Körper"anders eingeführt. Sie beginnt mit dem Zitat des Meitner-Briefes vom23.10. und erzählt anschließend die Geschichte der rätselhaftenSubstanz, die von Irène Curie und Pavel Savitch 1937 aufgefundenworden war.5 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 2356 siehe Hahn, Meitner, Strassmann in Ber. D. Dt. Chem. Gesellsch. 70 (1937) S. 1388 ff. Eswurden sechs verschiedne Trennungsmethoden für Eka-Platin angegeben.7 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 2356
"It was still very much in Meitner´s mind. When she wrote to Hahn on 23October, Meitner had not yet seen Curie and Savitch´s latest publication in Journal dePhysique et le Radium." 8Als hätte Meitner auch im Exil in Gespür, dass eben in diesenTagen der neueste Bericht aus Paris in Berlin eintreffen müsste, fragt siegerade jetzt danach. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, aber den Lesernwird auf diese Weise suggeriert, der Impetus für Hahn/StrassmannsUntersuchung des 3,5h-Körpers wäre von Meitner ausgegangen, weil sievon der Ferne aus in Berlin 'mitarbeitete'. Das hätte sie zweifellos auchgerne getan. Dass die Frage eine Reaktion auf Hahns Erwähnung des 3,5h-Körpers im vorangegangenen Brief war, wird nicht erwähnt. Dies sei einerstes Beispiel dafür, wie Sime Geschichte schreibt, bzw. Geschichte"korrigiert". Meitner wurde aber immer im Nachhinein über erzielteResultate informiert. Im Zusammenhang mit dem Hahn-Brief vom 19.10.,als auch in Berlin Curies neue Publikation noch nicht bekannt war, lässtsich darum diese Darstellung nicht aufrechterhalten. Straßmann erinnertesich später, dass Meitner zu diesem Zeitpunkt jedes Interesse an einerweiteren Untersuchung des "Curiosums" verloren hatte. 9 Am 25.10.beantwortete Hahn Meitners Fragen und berichtete über den neuen Curie-Artikel, der "Ende voriger Woche" herausgekommen war und von dessenÜberprüfung, an der sie gerade arbeiteten. Er konnte inzwischen dieIdentität ihres 2,5h-Körpers mit dem Curieschen 3,5h-Körperausschließen. 10An welchem Tag die Versuche begannen, ist nichtfeststellbar, da das Laborheft "Chem. I." nicht verfügbar ist. Der Artikelmuss nach Hahns Angaben am Donnerstag dem 20. oder Freitag, dem21.10. eingegangen sein, und Straßmann berichtete, dass dieExperimente unverzüglich nach der Lektüre begannen. 11 Meitners Fragevom 23.10. konnte sich, wenn sie so gemeint gewesen wäre, nichtverstärkend auf die Entscheidung für die Versuchsreihe auswirken.Vom Zeitraum zwischen 19.10. und dem Zusammentreffen inKopenhagen sind sechs Hahn-Briefe und vier Meitner-Briefe veröffentlicht.Wie Sime richtig bemerkt: Meitner fragt und fragt. Aber die8 Sime, Lise Meitner, S. 2219 Krafft, Im Schatten der Sensation, S.7910 a.a.O. S. 23611 Straßmann, Kernspaltung, S. 177
Kommunikationssituation, wie sie sich hier darstellt, ist so, dass Hahn derInformations-Gebende ist, und Meitner ist die Empfangende. Ihre Fragensind Bitten um Information, weil sie sich ein Bild von den Arbeiten machenmöchte, aus fachlichem Interesse, veranlasst durch den geplanten Vortragam 08.11., und vielleicht auch, um ein Stück Heimat festzuhalten. Mandarf nicht zuviel in diese Fragen hineininterpretieren, denn Meitnerverstand von chemischen Trennungen nicht viel. Es lag ihr deshalb fern,Hahn und Strassmann Anweisungen für die Laborarbeiten zu geben.Das Konzept, das Meitner als die Führende des 'Teams' sieht,erklärt nicht die Tatsache, dass Hahn es sich ohne Rücksprache mit ihrzugetraut hat, schon am 08.11. eine Publikation mit sehr gewagtenAussagen einzureichen, zumal das Treffen mit ihr in Kopenhagen schongeplant war.3.1.2. Die Tagung bei BohrErst im persönlichen Gespräch in Kopenhagen war es möglich,dass Lise Meitner ihre Meinung zu den Arbeiten in Berlin sagte. DenBriefen zuvor ist eine Stellungnahme noch nicht zu entnehmen. Ausdiesem Grund ist dieses Treffen für Simes Argumentation besonderswichtig. Auf Seite 227 schildert sie im vorletzten Absatz die Fakten, die zudiesem Treffen bekannt sind. Es sind nicht viele. Sie hält fest: Hahn warvon Bohr eingeladen worden, einen Vortrag zu halten. Recherchen vonStraßmanns Nachfolger Günter Herrmann ergaben, dass es im Nils-Bohr-Archiv keinen Beleg für einen Vortrag Hahns gibt. Die Diskussion derHahn/Straßmannschen Ergebnisse zwischen Hahn, Meitner, Otto RobertFrisch und Nils Bohr und sicher auch anderen Physikern fandmöglicherweise eher am Rande dieser Tagung statt. Alle waren sehrskeptisch, hatten aber auch keine Alternativen vorzuschlagen. Hahn ließsich nicht entmutigen. Das Bestreben, die Existenz des Radiums zubeweisen, wurde eher verstärkt. Günter Herrmann erinnert sich, dass esHahns Naturell entsprach, seinem Lehrer Rutherford zu folgen, der die"facts" als das Wichtigste ansah und danach erst die "opinions". 1212 Brief von G. Herrmann vom 02.07.19988
Theoretische Einwände konnten das scheinbar eindeutige Ergebnischemischer Experimente nicht so leicht ins Wanken bringen.Was zwischen Hahn und Meitner gesprochen wurde, als sie alleinwaren, ist nicht überliefert. Aber Sime hat den Mut zur Interpretation:"There can be no doubt, however, that the person who was most skeptical, theone who commanded Hahns´s closest attention, would have been Lise Meitner. Face toface, in the strongest possible terms, she must have told him that for all her trust in hisand Strassmann´s chemical expertise, their new results were a physicist´s nightmare, acatalog of everything wrong with the transuranes, and more. We know that it was shewho urged Hahn to rigorously reexamine their findings. This was the message Hahn tookback to Berlin." 13Insofern man es für bedeutsam hält, Schussfolgerungen über dieGespräche zwischen Hahn und Meitner zu ziehen, so ist dabei zubeachten, dass die Ergebnisse aus Hahns Labor nicht die einzigenwichtigen Dinge in Meitners Leben waren. Wenige Tage zuvor warMeitners Schwager Jutz Frisch, der Vater des ebenfalls anwesendenNeffen Otto Robert, verhaftet worden, einen Tag nachdem Hahn ihn undMeitners Schwester in Wien getroffen hatte. Da waren zudem MeitnersAngelegenheiten in Berlin, deren Regelung Hahn oblag. Die Überführungdes Hausrates war für Meitner ein vordringliches Problem. Dievollständigen Briefe spiegeln dies deutlich wider. Unter vier Augen,während des Vormittags, mussten während der knappen Zeit dieseprivaten Dinge besprochen werden. Seit der Flucht sahen sie sich zumersten Mal. Es ist in Hahns Notizbuch festgehalten, dass man vom Mittagdes 13. November bis zur Abreise am nächsten Morgen mit den Bohrszusammen war, sodass die wissenschaftlichen Gespräche wahrscheinlichgemeinsam geführt wurden. Es gibt keinen Hinweis, dass Meitner dieskeptischste war.3.1.3. Meitners EinwändeSime glaubt, bei Meitner "vehemente Einwände" 14 gegen dieRadium-Isomere feststellen zu können. Die Quellen dazu sind die Meitner-Briefe vom 28.10., 01.11. und vom 04.11. 15 Man bedenke dabei immer,13 Sime, Lise Meitner, S. 22814 a.a.O. S. 23515 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 236 - 2409
dass Meitner am 08.11. auf einer Physikertagung einen Vortrag darüberhalten sollte.Brief vom 28.10.:"[Curie] gibt jetzt die Intensität I 3,5h , I 16' , mit 1 : 2 an. Das ist also ein sehrintensiver Körper. Habt Ihr auch durch 0,8 gr. Cu gemessen und welche Reaktion habtIhr benützt? Die so harte β-Strahlung ist auch merkwürdig für die lange Lebensdauer.Warum haben wir den Körper seinerzeit nicht beim UX gefunden, als wir die CurieschenVersuche wiederholten, wenn er in 2n und selbst in ½n HCl nicht mit H 2 S gefällt wird?"Da ist zunächst die Feststellung, dass die Strahlungsenergie fürdiese Halbwertzeit ungewöhnlich hoch ist. Die letzte Frage enthält dieÜberlegung, dass wenn es kein Transuran ist, es sich doch nur umThorium handeln könne. Darauf antwortet Hahn:"Beim Thor [UX] konnten wir ihn nicht finden. Er ist ja kein Thor. Höchstenswird allmählich Thor draus." 16Meitner-Brief vom 01.11.:"Wie stehen nun Eure Versuche? Ich werde bestimmt bei Hedvall [bei demgeplanten Vortrag Meitners in Göteborg] nur sagen, dass I. Curie den Körper gefundenhat und daß Ihr es nachprüft. Aber ich möchte für mich gern wissen, wie Eure Versuchelaufen. Das wirst Du ja begreifen. Also schreibt ohne Sorge, was Ihr habt und was Dudarüber denkst. ... Wie stark ist der 3,5h-Körper ohne Cu? Ich frage nur austheoretischem Interesse. ..." 17Der Brief zeigt, dass Meitner in dieser Phase nicht die geistigFührende war. Fast entschuldigte sie sich für ihre Fragen: "...ich möchtefür mich gern wissen ... Das wirst Du ja begreifen." Die Fragen sind keineAnweisungen, sondern Bitten um Information wegen des geplantenVortrages und aus persönlichem Interesse, um sich ein Bild von denArbeiten in Berlin machen zu können. Hahn hatte ihr am 02.11.geschrieben, dass es ihnen sehr nützlich wäre, wenn sie sich überlegenwürde, wie eine α-Strahlenumwandlung auch mit langsamen Neutronenmöglich sein könnte. Damit gab er ihr die Möglichkeit 'mitzuarbeiten',damit sie auf diese Art noch teilhaben kann. Meitner nahm dieses Angebotauch sehr gerne an. Meitner-Brief vom 04.11.:"Ich will mir brennend gern überlegen, wie Ra- od. Ac-Isotope entstehenkönnen, wenn Du mir nur tatsächlicher schreiben wolltest. ... Warum glaubt Ihr, dassmehrere Körper da sind, habt Ihr mehrere Halbwertzeiten? Warum glaubt Ihr, dass esverstärkbar ist? Habt Ihr mit langsamen Neutronen erheblich mehr bekommen? Und wiestark ist denn die Aktivität bei Gleichgewichtsbestrahlung ohne Cu gemessen, verglichenmit dem 16 min-K.? Warum glaubt Ihr an mehrere Isomere? Sind mehr als 2 Körper16 Hahn an Meitner 30.10.38, a.a.O., S. 23717 a.a.O. Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 236 - 240. Hervorhebungen wie im Original10
nachweisbar? Bitte sei lieb und beantworte alle Fragen. Auch wenn es noch nicht sodefinitiv ist."Dazu kommentiert Sime:"Meitner was astonished: several half-lives? Several isomers? She askedagain and again. She could scarcely believe it." 18Diese Interpretation liegt falsch. In Meitners Brief kommt wederUnglauben noch Ablehnung zum Ausdruck. Die Haltung ist nochindifferent. Es sind Erkundigungen nach den Reaktionsbedingungen. WasMeitner sich dazu ausgedacht hat, ist nicht überliefert. Sie wird es eineWoche später in Kopenhagen mitgeteilt haben. Die Physiker-Meinungenzu Hahns Vortrag waren offenbar einhellig. Wenn Hahn MeitnersÄußerungen nicht extra erwähnte, dann deutet das eher darauf hin, dasssie sich in die aller anderen einpasste. Dass sie skeptisch war, dafür gibtes von anderer Seite einen Hinweis. Otto Robert Frisch, der inKopenhagen dabei war, schrieb 1974, sechs Jahre nach Meitners Tod:"Worried by Hahn´s statement that neutron bombardement of uranium leads toisotopes of radium, she had written to Hahn to ask for irrefutable data concerning theproperties of these substances. Her request led Hahn and Strassmann to undertake aseries of tests designed to demonstrate that these products were chemically identical toradium." 19 Dabei bezieht er sich offensichtlich auf den oben angeführtenMeitner-Brief vom 04.11., den er aber nicht selbst gelesen haben kann, dader Briefwechsel im Zusammenhang erst 1988 von Fritz Krafftveröffentlicht wurde. Man kann dieser Quelle aber entnehmen, dassMeitner sich mit Frisch darüber unterhalten hat und er sich an Zweifelerinnert. Das kann dann eigentlich nur in Kopenhagen gewesen sein, alsalle zusammen trafen.Aber die Physiker-Kritik scheint Hahn nicht so sehr bestürzt zuhaben, dass er unmittelbar nach seiner Rückkehr am 14.11. das Labor-Programm abgesetzt hätte. Bis zum 24.11. liefen die Versuche weiter, diedrei Radium-Isotope voneinander zu unterscheiden, um Daten für dieKurvenblätter zu sammeln. Dies geschah durch Variation derBestrahlungszeiten. Es wurde sehr kurz bestrahlt und in anderenDurchgängen sehr lang, um eine Sättigung der kurzlebigen Isotope zu18 Sime, Lise Meitner, S. 2241919 Frisch, Meitner, Lise, Dictionary of Scientific Biography, S. 26211
erreichen. Die Untergrundstrahlung musste, um sie abziehen zu können,ermittelt und die Tochtersubstanzen abgetrennt werden 20 . Erst am 25.11.begannen die Versuche, um das Radium vom Träger Bariumabzutrennen. Ob diese Fraktionierungen eine labortechnischeNotwendigkeit waren, oder ob die Zweifel Meitners oder die der Physikerdazu bewogen haben, ist nicht feststellbar. Tatsache ist jedenfalls, dassman glaubte, mit der hochselektiven Bariumchlorid-Fällung das Radiumsicher nachgewiesen zu haben. Vielleicht hätte man sich ohne diePhysiker-Zweifel mit dieser Erklärung zufrieden gegeben. Genauso hättees aber sein können, dass man trotzdem irgendwann, etwa wegen zuschwacher Aktivitäten, versucht hätte, dass Radium anzureichern.Bis zu Hahns Brief vom 19.12., in dem er ihr den Bariumfundmitteilt, fragte Meitner noch zweimal nach Hahns Arbeit. Eineentscheidende Stütze für die Radium-Hypothese wäre der Nachweis eineskurzlebigen α-strahlenden Thoriumisotops gewesen. Darum fragte sie am26.11.:"Was macht die Arbeit über die 3 Radiumreihen? Habt Ihr was weiteres; gibt esein nachweisbares Thorium vor oder nach den 3 Reihen?" 21und am 05.12.:" Habt Ihr noch oder schon wegen kurzlebigem (vor dem Radium)nachgesehen? Und wegen des Uran Y?" 22Meitners Fragen nach dem α-strahlenden Thorium nahmen aberkeinen Einfluss auf die Versuche in Berlin. Hahn antwortete am 10.12.:"Alpha-Strahler (Th) wurden bisher nicht gesucht; sie werden auch vielleichtnicht leicht zu finden sein; wenigstens nicht mit abgetrennten Präparaten. Denn wirbekommen außer dem Ra I ... schon bei 6 Min. Bestrahlung schon nicht unerheblicheMengen Ra II mit etwa 110 Min. Halbwertzeit. Da kann kein Alpha-Strahler dazwischensein mit mehr als 1-2 Min. Lebensdauer. Es bliebe nur das Ra III mit ca. 12 TagenHalbwertzeit, das aus einem Alpha-Thorium mit etwas längerer H.Z. entstehen könnte." 23Was die wissenschaftlichen Inhalte betrifft, so sind dies sämtlicheMeitner-Briefe vor dem Barium-Fund, die veröffentlicht sind. Sie zeigen,dass die Kritik, die zur nochmaligen Überprüfung des 'Radiums' führte,nicht speziell oder besonders vehement von Meitner kam. Es ist aber20 Diese Hinweise verdanke ich Günter Herrmann21 Meitner an Hahn, 26.11.38, in Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 25022 Meitner an Hahn, 05.12.38, a.a.O. S. 251, UY entspricht 231 Th, d.h. Thorium in der Zerfallsreihenach dem Radium. Das war ein bekanntes Isotop, also relativ leicht nachweisbar.23 a.a.O. S,. 25312
anzunehmen, dass sie in Kopenhagen bezüglich der Hahn-Straßmannschen Arbeiten mit Bohr einer Meinung war.Es ist aus diesen Briefen auch nicht herauszulesen, dass sie mitihren Fragen Versuche anregte, die dann durchgeführt wurden. Dies meintFritz Krafft in seiner Publikation von 1988, die von Sime ebenfalls ananderer Stelle zitiert wird:"Am 2. und 3. November werden von Strassmann Versuche durchgeführt, nachdenen Lise Meitner besonders gefragt hatte, ob nämlich der neue Körper auch nachBeschuß mit thermischen Neutronen entstehe, wie auch die Pariser in ihrer letzten ArbeitEnde Oktober mitgeteilt hatten. Eigentlich hätte dann ja ein 'Resonanzprozeß', der zueinem Transuran führt, stattfinden müssen ... Auch Meitner meinte, daß es sich bei demvermeintlichen Radium wohl um ein Transuran handeln müsse, und regte in ihren Briefenimmer wieder neue Versuche an, dieses wenigstens experimentell auszuschließen." 24Das erscheint so, als ob Hahn und Strassmann nicht selbst aufden Gedanken gekommen wären, die Verstärkbarkeit nachzuprüfen. InMeitners Briefen vom 28.10. und 01.11. wird nicht danach gefragt. AberHahn schreibt am 28.10.:" Wir müssen ja auch verstärkt und unverstärkt vergleichen." 25Aus der Ferne, ohne Kenntnis sämtlicher Daten, wäre es fürMeitner schwierig gewesen, notwendige Versuche vorzuschlagen. DieLaborprotokolle bieten keine Hinweise hierfür und die Briefe als einzigeQuellengrundlage belegen diese Annahme nicht ausreichend. Von denFragen, die Meitner stellte, war wohl keine dabei, die sich Hahn undStraßmann nicht schon früher gestellt hatten. Darum ist davonauszugehen, dass sie hauptsächlich zu ihrer persönlichen Informationdienten: "Aber ich möchte für mich gern wissen, wie Eure Versuchelaufen. Das wirst Du ja begreifen ..." (01.11.38).3.1.4. "A physicist´s nightmare" 26Diese Dramatisierung vermittelt den Lesern das Bild eines'führerlos' taumelnden Hahn, was auch einen ungünstigen Schatten aufStraßmann wirft. Doch der "Albtraum", gemeint ist der (n,2α)-Prozess ausdem Uran-Isotop 239 U, war im November 1938 von Hahn und Straßmannnicht vertreten worden. Hahn schrieb am 2. November an Meitner:24 Krafft, Atomzeitalter, S. 24225 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 23626 Sime, Lise Meitner, S. 22813
"Denn der Befund - vermutlich über ein α-strahlendes Thorium zum Radium,dabei vielleicht sogar verstärkbar - ist doch so interessant und unwahrscheinlich, daß wirihn veröffentlichen möchten, bevor Curie dahinter kommt..." 27heißt es:In der Mitteilung vom 8. November in den 'Naturwissenschaften'"Bei der Bestrahlung des Urans mit Neutronen entstehen vermutlich dreiisomere Radiumisotope, die also durch zwei sukzessive α-Umwandlungen über Thoriumentstanden sein müssen."Und weiter unten:"Ob die α-Abspaltung beim Uran zu einem einzigen α-strahlendenThoriumisotop führt, das dann die drei isomeren Radiumisotope bildet, oder ob schondrei mit verschiedener Halbwertzeit zerfallende Thorisotope entstehen, soll durchVersuche entschieden werden." 28Der Weg sollte auf jeden Fall über Thorium gehen. Von einer(n,2α)-Reaktion war seitens Hahns und Straßmanns nicht die Rede. FünfTage nach Einreichung des Beitrages für die 'Naturwissenschaften' wirdHahn in Kopenhagen wohl keinen anderen Standpunkt vertreten haben.Für den (n,2α)-Gedanken stammen die Belege erst aus spätererZeit. Einige stammen scheinbar von Hahn selbst. 29Seine ungenaueAusdrucksweise deutet darauf hin, dass Hahn dieser Frage nicht vielBedeutung beigemessen hat. Die wissenschaftliche Autobiographieerwähnt sie überhaupt nicht. 30In seiner Publikation vom 8. Novemberhatte Hahn einmal ausführlich dargelegt, wie Straßmann und er sich den27 Hahn an Meitner, 02.11.38, Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 23928 Hahn, Straßmann. Über die Entstehung von Radiumisotopen aus Uran ...Naturwissenschaften 46(1938) S. 755 f29• Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 331 Hahn-Brief an Norman Feather vom02.06.1939: "...that slow neutrons should initiate two successive α-processes in uranium ..."• Hahn 1946 Festvortrag z. Nobelpreisverleihung. Abgedruckt in Hahn 1968. S. 255"Zwei sukzessive α-Strahlabspaltungen" ohne den Zusatz 'über Thorium'.• Hahn 1948 Die Auffindung der Uranspaltung FIAT Review. Wiederabgedr. in: Wohlfarth1979 40 Jahre Kernspaltung S. 306 "Abspaltung von zwei α-Teilchen nacheinander."• Hahn, Die 'falschen' Trans-Urane. Naturwissenschaftliche Rundschau 2. 1962, S. 45Verzicht auf den Zusatz 'über Thorium'• Hahn, Mein Leben, S. 150 "Bohr ... fragte mich ..., ob es nicht sehr unwahrscheinlich sei,daß aus dem Uran ... zwei Alphateilchen herausgelöst würden."An anderer Stelle drückt er eindeutig aus, was er meint, und zwar in seinen Erinnerungen1901 -1945 von ihm zeitnah aufgeschrieben in der englischen Gefangenschaft, abgedruckt in:Hahn 1974, Erlebnisse und Erkenntnisse, S. 57: "...3mal je 2 sukzessive α-Umwandlungen -über das Thorium zu Ra ...". Die Diskussion ging also darum, ob aus dem Uran direkt zwei α-Teilchen abgingen (n,2α), oder ob aus dem Uran durch α-Abspaltung ein Thoriumisotop miteiner gewissen Halbwertzeit entstand, aus dem durch abermalige α-Abspaltung schließlichRadium entstand. Hahn neigte zur zweiten Annahme, weshalb im Briefwechsel immer wiederThorium thematisiert wurde.30 Hahn, Vom Radiothor zur Uranspaltung, 1962, S. 128 ff14
Vorgang vorstellten. Im zusammenfassenden Schusssatz verkürzt erdeshalb zu 'zwei sukzessiven α-Abspaltungen', es geht aber aus demvorangegangenen Text eindeutig hervor, dass der Prozess über Thoriumgehend gedacht ist. In diesem Sinne drückte sich Hahn später teilweiseverkürzend aus, sich dessen wohl nicht bewusst, dass dadurch die Gefahrder Missverständlichkeit entsteht. Weiter unten in dieser Arbeit wird einweiteres Beispiel zu betrachten sein, für Hahns kürzendeAusdrucksweise, weil vermeintlich allen geläufig.Der Aufsatz von Siegfried Flügge zum zehnten Jahrestag derEntdeckung der Uranspaltung aus Sicht der Physiker deutet darauf hin,dass ein (n,2α)-Prozess und sogar eine (n,Be)-Reaktion schon nach derNovember-Veröffentlichung von Hahn und Straßmann im Gespräch war,und zwar seitens der Physiker. Flügge beschreibt darin, dass die Frageder Kernisomerie im Denken der Dahlemer Physiker stark im Vordergrundstand und wie die Meinungen darüber geteilt waren. 31 GegenHahn/Straßmanns Hypothesen sprachen neben den theoretischenErklärungsschwierigkeiten vor allem auch die bisherigen experimentellenBefunde. Durch Neutronen ausgelöste α-Strahlung kannte man damalsnur bis zu Elementen um die Ordnungszahl 20. Mit derartigen Reaktionenbei schweren Kernen hatte man kernphysikalisches Neuland zubetreten. 32 Meitner hatte knapp ein Jahr zuvor nach α-Teilchen anneutronenbestrahlten Thorium und Uran suchen lassen. Ohne Erfolg. DesWeiteren haben Meitner und Straßmann im Frühjahr 1938, veranlasstdurch eine frühere Veröffentlichung Curies über den 3,5h-Körper,vergeblich nach Thorium gesucht. 33 Meitner berechnete, dass nur schnelleNeutronen ein Thorium zur α-Abspaltung bringen können, während der3,5h-Körper aber verstärkbar war 34 . Hahn und Straßmann postuliertendeshalb ein sehr kurzlebiges Thoriumisotop, das es noch zu finden galt.In ihrer Entwicklung waren die experimentellen Befunde demtheoretischen Konzept entwachsen. Die Physiker spürten das undversuchten die Theorie den empirischen Erfahrungen anzupassen, indem31 Flügge, Zur Entdeckung der Uranspaltung, Zeitschrift für Naturwissenschaften 1949, S. 8332 Diesen Hinweis verdanke ich Günter Herrmann.33 Straßmann, Kernspaltung, S. 1634 Meitner, Straßmann, Hahn, Zeitschrift für Physik 109 (1938) S. 548 f.Mit "Verstärkung" ist der Beschuss mit abgebremsten Neutronen gemeint.15
neue Ideen konstruiert, diskutiert und wieder verworfen wurden. Die(n,2α)-Idee ist ein Abfallprodukt aus der theoretischen Werkstatt derPhysiker. Sie könnte auch eine Verkürzung der Hahn/StraßmannschenHypothese sein, wäre dann aber sachlich nicht korrekt. Jedenfalls hat siesich in vielen Veröffentlichungen festgesetzt und durch Abschreiben bisheute fortgepflanzt. 35Auch Sime greift sie gerne auf, obwohl sie imAnmerkungsteil selbst darauf hinweist, dass auch ein Weg über Thoriumgedacht wurde. Im Haupttext ist davon allerdings nicht die Rede. 36Betrachtet man nach diesen Ausführungen nochmals SimesSchlussfolgerungen über die Gespräche Hahns mit Meitner inKopenhagen auf Seite 228, so wird deutlich, dass es sich hier um reineSpekulation handelt, die zudem unwahrscheinlich ist. Weder die Physikerals Gruppe, noch speziell Lise Meitner, hatten Hahn irgendeine Botschaftmitzugeben, denn sie waren selbst ratlos. Hahn dagegen hatte immerhinErgebnisse chemischer Versuche vorzuweisen, auf die er meinte, sichverlassen zu können, und keiner der Physiker hatte soviel chemischenSachverstand, um sie anzuzweifeln. Meitner jedenfalls hatte Vertrauen inHahns Arbeit. Ein Beleg dafür liefert Frisch in seinem Bericht über dasZusammentreffen mit seiner Tante an Weihnachten 1938:"The suggestion that they might after all have made a mistake was wavedaside by Lise Meitner; Hahn was too good a chemist for that, she assured me " 37Es bleibt aber festzuhalten, dass "der Albtraum eines Physikers"von den Physikern selbst geträumt wurde. Hahn und Straßmann habendiese Hypothese nicht vertreten. Zwischen den Physikern und denChemikern des Instituts bestand diesbezüglich auch kaum einGedankenaustausch, sodass dieser Frage in der Entdeckungsgeschichtekeine übermäßige Bedeutung zugemessen werden sollte.3.1.5. Das "Geheimnis"Straßmann schrieb 1978 in "Kernspaltung":35 Vgl. z.B.• Gerlach, Otto Hahn ... Wiederhrsg. W. Gerlach, D. Hahn Otto Hahn, S. 82• Keller, Geschicht d. Radioaktivität, 1982, S. 35• Weart, Discovery of Fission. In: Shea 1983 Otto Hahn ... S. 11036 Sime, Lise Meitner, S. 450 Anm. 81 Hier wird sogar angedeutet, dass der Name Bohrs in HahnsDarstellungen des Kopenhagen-Treffens eventuell durch 'Meitner' ersetzt werden müsste.37 Frisch, What little I remember, S. 11516
"Ich bin noch heute überzeugt, dass es die kritische Forderung von L. Meitnerwar, die uns zur nochmaligen Prüfung veranlasste, wonach das Ergebnis uns zufiel. Eindiesbezüglicher Brief konnte bis jetzt nicht gefunden werden. Oder sollte O. Hahn damalsLises 'Forderung' nur vorgegeben haben, weil er wußte, daß Zweifel von ihrer Seite michzum sofortigen Handeln veranlassen würden?? Dann könnte man auch dies als Beweisdafür ansehen, welches Gewicht ihre Meinung hatte - ein Beweis, daß ihr Anteil an demNachweis der Kernspaltung dem unseren gleichwertig war." 38Diese ist eine der Aussagen Straßmanns, die das Fundament fürSimes Argumentation bilden. Was ist daraus an unzweifelhaftenTatsachen zu entnehmen? Vor allem wird noch einmal deutlich, dass esspeziell über Meitners Forderung keine schriftliche Überlieferung gibt. Esgibt an diesbezüglichen Quellen nur den oben zitierten Brief vom04.11.1938, der aber, wie gezeigt, nicht als Forderung nach weiterenÜberprüfungen zu verstehen ist, sondern als Nachfrage über die genauenReaktionsbedingungen. Straßmann selbst kann darüber nur mittelbar überHahn etwas davon erfahren haben. Nach eigenen Angaben hatte erdamals keinen Einblick in die Korrespondenz zwischen Hahn und Meitner,sondern erfuhr nur das, was Hahn ihm erzählte. 39 Weiterhin manifestiertStraßmann in dieser Aussage, was Meitner insbesondere für ihnbedeutete. Er verengte die "Forderung" in der Erinnerung auf die PersonMeitners, weil von allen Physikern sie die Vertraute war. In derselbenSchrift bezeichnet er sich selbst als "Außenseiter", der von den Arbeitender anderen Physiker und Chemiker im Institut praktisch nichts erfuhr. 40Noch weniger nah war ihm natürlich der Physikerkreis, der sich inKopenhagen um Bohr versammelte. Straßmanns Erlebnissituation wardeshalb eine ganz andere als die Hahns, auch wenn beide an derselbenSache gemeinsam arbeiteten.Straßmanns Äußerung deutet also viel über ihn selbst und übersein eigenes Erleben an, weniger aber über dasjenige Hahns und dieGewichtungen, die er vornahm. Hahn hatte ein ganz anderesBeziehungsgefüge und seine Äußerungen 41 deuten darauf hin, dass er dieZweifel als die des Physikerkreises als Ganzes auffasste, der durch diezentrale Figur Bohr verkörpert wurde. Dass Meitner dazugehörte war fürihn selbstverständlich und nicht der ausdrücklichen Rede wert.38 Straßmann, Kernspaltung, S. 20. Hervorhebungen wie im Original.39 a.a.O. S. 940 a.a.O. S. 1941 vgl. z.B. in D. Hahn, Erlebnisse und Erkenntnisse, Erinnerungen S. 5817
Sime schließt aus Straßmanns Bemerkungen, dass Hahn vorStraßmann verschwieg, dass er Meitner in Kopenhagen getroffen hatte.Das lässt sich schlüssig weder beweisen, noch widerlegen. Sie machtaufgrund dessen das Treffen zu einem "absoluten Geheimnis" 42 , dasbegraben wurde. Wäre das plausibel? Hahn und Straßmann konnteneinander politisch vertrauen. Hahn wusste sogar davon, dass dieStraßmanns 1943 die Jüdin Andrea Wolffenstein zwei Monateversteckten. 43 Die Annahme, dass Hahn aus Angst das Zusammentreffenmit Meitner gegenüber Straßmann verschwiegen hätte, ist nichteinzusehen, zumal Sime selbst weiter unten beschreibt, wie vertraut alledrei miteinander gewesen wären. Oder man muss bis zu diesem Abschnittin ihrem Buch vergessen haben, was sie weiter oben postuliert hat. DieTatsache, dass Straßmann von einer Forderung Meitners spricht, deuteteher darauf hin, dass Hahn es erzählt hat.Es war kein Geheimnis. Warum wird nun eines daraus gemacht?In Simes Konzept hat das Geheimnis eine bestimmte Funktion. Danachhatte Hahn ja eine 'Botschaft' mitbekommen, die ihn auf den richtigenWeg leiten würde. Nun musste er alles geheim halten, damit er späterMeitner von der Entdeckung ausschließen konnte. Man merkt, wie dieAutorin Hilfskonstruktionen errichten muss, um ihre Hauptthesevorzubereiten.3.2. Die Darstellung der EntdeckungAm 25. November begannen die Fraktionierungsversuche, umdas vermeintliche Radium anzureichern. Günter Herrmann zeigt anhandder Laborprotokolle, dass die ersten Merkwürdigkeiten schon an diesemTag auftraten. Anstatt zwischen jeder der drei gebildeten Fraktionen einesprunghafte Abnahme der Aktivität zu zeigen, ergaben die Messungeneine stetige Abnahme. Das 'Radium' hatte sich nicht, wie erwartet, in derersten Fraktion angereichert. 44 Gegenüber Meitner erwähnte Hahn abernoch nichts. Lediglich am 10.12. schreibt er:42 Sime, Lise Meitner, S. 22743 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 4644 Herrmann, Vor fünfzig Jahren, in: Angewandte Chemie 102 (1990), S. 480 f18
"Es sind da noch Schwierigkeiten, die wir bisher nicht aufklären konnten." 45In diesen Tagen verdichtete sich bei Hahn und Straßmann dieErkenntnis, dass sie etwas Neuem auf der Spur waren. Der aus demBefund zu ziehende Schluss war so außerordentlich, dass Hahn Scheuhatte, ihn mit einem Begriff zum Ausdruck zu bringen. Nur der engstenKollegin wagt er es am 19.12. auszusprechen, und auch ihr gegenübernur als Negation:"Wir wissen dabei selbst, dass es eigentlich nicht in Ba zerplatzen kann." 46Dieser wichtige Brief ist vollständig nur bei D. Hahn in 'Erlebnisseund Erkenntnisse' 47 abgedruckt. Erst berichtete Hahn über eine gedruckteSeite lang über Persönliches. Die Behördengänge, um MeitnersAngelegenheiten abzuwickeln, stehen an erster Stelle. Dann berichtetHahn, dass er eine eidesstattliche Versicherung zu seinerReichsbürgerschaft abgeben musste, weil sein Name in der Ausstellung"Der ewige Jude" aufgetaucht war. Bevor Hahn auf die Neuigkeit aus demLabor zu sprechen kam, wurden noch Institutsangelegenheiten erwähnt.Sime kommentiert diesen Brief wie folgt:"...the tone and detail of Hahn´s letter clearly show that Meitner was still verymuch a member of their team and that the barium finding was an integral part and anatural consequence of their four years of work together. Indeed, in the five months sinceMeitner left Berlin, the pattern of their work had not changed much. As before, nearly allthe experiments were done in her former Section on the ground floor of the institute,using the neutron sources, paraffin blocks, lead vessels, counters, and amplifiers that shehad assembled and build. Although Meitner was no longer present to perform theirradiation and physical measurements, she followed the experiments and providedintellectual direction through her correspondence with Hahn and their meeting inCopenhagen. And it was Meitner´s objections that had driven them to make this final testfor the "radium" that now appeared to be barium, a most unexpected result. And now, asso often before, Hahn and Straßmann were expecting Meitner to interpret the findingsand place them in their physics context. It was not solicitude for Meitner that keptHahn and Strassmann from talking to other physicists; as a team they had been so close,so familiar with each other´s work and thought processes, that she was still, in everyessential way, one of them." 48Diese Interpretation wird im folgenden Abschnitt untersucht.3.2.1. War Meitner noch immer Mitglied des 'Teams'?Dass Hahn und Straßmann mit denselben Apparatenweiterarbeiteten, die Meitner entworfen und die in ihrem Bereich, dem45 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 25346 a.a.O., S. 26447 D. Hahn, Erlebnisse und Erkenntnisse, S. 77 - 7948 Sime, Lise Meitner, S. 23419
Erdgeschoss aufgebaut waren, ist noch kein Beleg, dass sie weiterhin"zum Team gehörte". Nebenbei bemerkt hatte Meitner die Geräte erdacht,nicht "gebaut". Das konnte sie nicht, sonst hätte sie sich auch inSchweden Apparate bauen können. Mittels dieser Apparate konstruiertSime eine Kontinuität über die gesamten vier Jahre, die als "natürlicheKonsequenz" den Barium-Fund hervorbrachte. Mit diesen oder gleichenApparaten wurde aber noch bis nach dem Krieg weitergearbeitet. EineTeam-Mitgliedschaft Meitners lässt sich logischerweise nicht darausableiten.Weiter oben habe ich bereits gezeigt, dass die Meitner-Briefe bisMitte Dezember nicht auf eine intellektuelle Führung in der kollegialenPartnerschaft Hahn/Meitner hinweisen und, dass die Physiker-Zweifelnicht speziell die Meitners waren. Aufgrund dieser Briefe malt aber Simeein romantisch verklärtes Vertrauensverhältnis zwischen den dreiArbeitskollegen aus, mit dem Ziel, Hahn einige Seiten später dessenVerrat vorwerfen zu können. War aber wirklich jeder mit des anderenArbeits- und Denkprozessen so eng vertraut, wie es von Sime behauptetwird?Zunächst ist Straßmann aus dieser Nähe herauszunehmen.Obwohl als Mitautor genannt, wurden ihm die Publikationen vor derVeröffentlichung nicht gezeigt. Die Korrespondenz verlief zwischen Hahnund Meitner. Straßmann hatte keinen Einblick und erfuhr nur manchesvon Hahn. 49Innerhalb des "Teams" gab es also eine Hierarchie. DieVertrautheit mit den Denkprozessen und Arbeiten des jeweils anderenkann nur für die beiden einander gleichrangigen 'Teammitglieder'betrachtet werden. Wohl kann aber kann es im Verhältnis Straßmanns zuMeitner eine von ihm so empfundene intellektuelle Führungsrolle gegebenhaben, die er vielleicht eher anerkannte als die Hahns, weil der eher einpraktischer Typ war.Die vollständigen Briefe, die von Dietrich Hahn aber erst ab dem26. November 1938 herausgegeben sind, 50 können darüber Aufschlussgeben. Die Anordnung der Themen ist deutlich adressatenbezogen.Darum lässt sich daraus schließen, in welcher Rangfolge für Meitner die49 Straßmann, Kernspaltung, S. 950 D. Hahn¸ Erlebnisse und Erkenntnisse, S, 75 -12920
einzelnen Aspekte wichtig und interessant waren. Für Meitner ist,verständlich in ihrer Situation, in diesem Moment noch die Organisationder eigenen Angelegenheiten am dringlichsten, die Hahn für sie in Berlinabwickelte. Was Hahn selbst am meisten bewegte, wird hinten an gestellt.Die Möglichkeit, dass das Spannendste an den Schluss kommen soll, triffteher nicht zu, da in den vorangegangenen Teilen des Briefes keinerleispannungsaufbauende Hinweise gegeben werden. Der Brief zeigt, dassfür Meitner bis zu diesem Zeitpunkt Hahns Arbeit interessant, aber nichtausgesprochen vorrangig war. Das wird umso deutlicher, wenn manbetrachtet, wie sich in den nun anschließenden Briefen dieThemenabfolge ändert. Wissenschaft tritt dann als Thema immer mehr inden Vordergrund und wird in den folgenden Wochen nach der Entdeckungbeherrschend. Also erst nach der Entdeckung begann ein intensiverfachlicher Austausch. Mitgerissen von dieser Entwicklung vollbrachteMeitner, gemeinsam mit dem Neffen Otto Robert Frisch, selbst einegroßartige Leistung: Die theoretische Erklärung für das "Zerplatzen" desAtomkerns. Die Briefe bis zum 19.12. sind von einer Vertrautheit wenigerauf wissenschaftlicher, sondern auf persönlicher Ebene bestimmt, von derStraßmann aber ausgeschlossen war.Wenn Fritz Krafft in seinem Buch "Im Schatten der Sensation" nurden wissenschaftlichen Teil der Briefe zitiert und neben das Laborprotokollstellt, dann öffnet dies interessante Perspektiven. Isoliert aus demGesamtzusammenhang besteht jedoch die Gefahr, dass diesenTextpassagen dann eine Bedeutung zugemessen wird, die sie für Hahnund Meitner zu diesem Zeitpunkt nicht hatte. Die Briefe, so wie sie sichdarstellen, genügen nicht als Beleg, dass Meitner, weiterhin Mitglied eines'Arbeitsteams' gewesen sei.Die Bezeichnung "Team" für die Zusammenarbeit zwischenHahn, Meitner und Straßmann ist erst später aufgekommen. Tatsächlichtreffen die meisten Kriterien eines Teams auf diese Arbeitsgruppe zu, bisauf eines: Gleichberechtigt waren nur zwei Mitglieder. Straßmann wardamals hierarchisch untergeordnet. Nicht nur seine Stellung als Assistent,auch die Umgangsformen weisen darauf hin. Hahn und Meitner duzten21
sich, Straßmann sprach sie mit "Herr Professor" 51 und "Frau Professor" 52an. Gegenüber anderen bezeichnete Straßmann Hahn als "Chef". 53 Auchmit scherzhaftem oder denkbarem ironischen Unterton im vertrautenUmgang deutet diese Bezeichnung auf eine Hierarchie durchWeisungsgebundenheit hin. Besonders bitter drückte sich dieserSachverhalt in der Tatsache aus, dass bei der NobelpreisverleihungStraßmann durch das Komitee nicht berücksichtigt wurde, was damalsaber von niemandem moniert wurde. Erst Mitte der fünfziger Jahre hobensich die Rangunterschiede auf. 54 Auf die Unterordnung weist vor allemauch die Tatsache hin, dass die Publikationstexte ohne seine Mitwirkunggeschrieben und ihm auch nicht gezeigt wurden. Er erwähnt selbst, dasser manchmal anders formuliert hätte. 55Hahn, Meitner und Straßmannhaben sich auch selbst damals nicht als Team bezeichnet. Otto Hahnerklärte 1967 in einem Fernsehinterview wie das war:"Ja, wir haben nie eigentlich an Team gedacht, aber ich hatte jahrelang schonmit Lise Meitner gearbeitet gehabt, und wir haben eine ganze Reihe Arbeiten publiziert.Und dann kam der Straßmann mit seiner ausgezeichneten Chemie dazu, und da habenwir uns sofort entschlossen, als er bei uns gewesen und eingearbeitet war, mit ihmzusammenzuarbeiten, weil wir von ihm nur lernen konnten. Die Meitner war Physiker, ichwar Radiochemiker, und Herr Straßmann war doch gerade der gegebene Mann für gutechemische Trennmethoden, die wir dann brauchten." 56Auch von Meitner gibt es dazu ein Zeugnis. Im November 1945schrieb sie an eine Bekannte:"... I believe that Frisch and I contributed something not insignificant to theclarification of the process of uranium fission ... For this reason I found it a bit unjust thatin the newspapers I was called a Mitarbeiterin of Hahn´s in the same sense thatStrassmann was." 57Der Begriff "Team" ist für diese Arbeitsgruppe deshalbunhistorisch. Das gemeinsame Interesse an der Erforschung radioaktiverSubstanzen hat Hahn und Meitner zusammengeführt und ließ beide offensein für fachkundige Beiträge anderer Disziplinen. So wurde von beidender Analytiker Straßmann dazugeholt. Die politische Entwicklung erzwangMeitners Flucht und damit das Ende der Zusammenarbeit. Die51 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 29852 a.a.O. S. 38f53 a.a.O. S. 68 Brief Straßmanns an seine Schwester vom 18.02.194654 a.a.O. S. 10 Anrede im Straßmann-Brief vom 11.01.1957: "Lieber Herr Hahn!"55 a.a.O. S. 220 und Straßmann, Kernspaltung S. 956 Zitiert nach dem Mitschnitt in der Fernsehdokumentation von Wischnewski, Geboren inBoppard. Gedruckt in Krafft, Atomzeitalter, S. 23057 Sime, Lise Meitner, S. 327, Meitner to Birgit Aminoff, 20.11.194522
persönlichen Bindungen blieben darüber hinaus bestehen, aber auch sieblieben nicht unverändert.Die Notwendigkeit von Meitners Flucht empfindet jeder, der sichmit Lise Meitners Leben befasst, besonders im Licht der nachfolgendenEntwicklung, als brennende Ungerechtigkeit. Straßmanns Bemühen, sie inseinen Memoiren durch eine geistige Verbundenheit miteinzubeziehen,wird von daher umso verständlicher, ebenso wie Simes Mitgefühl.Meitners Briefe aus Stockholm sprechen die deutlichste Sprache überihren Seelenzustand. Ich möchte aber nicht aus den Augen verlieren,dass sich Lise Meitners Schicksal vor dem von Millionen Menschen inEuropa während des Krieges relativiert. Sie war begünstigt und das hattesie ihren Freunden, nicht zuletzt auch Otto Hahn, zu verdanken.Es bleibt festzuhalten, dass die Arbeiten, die zur Entdeckung derKernspaltung führten, auf dem Wissen und den Methoden aufbauten, diein den Jahren zuvor gemeinsam mit Lise Meitner erarbeitet worden waren.Diese gemeinsame Arbeit endete mit Meitners Flucht. Im Prozess bis zurEntdeckung spielte Meitner keine entscheidende Rolle. Danach begannihre eigene Arbeit mit Otto Robert Frisch, nämlich die Interpretation undspäter in Kopenhagen die Rückstoßversuche Frischs zum Nachweis derSpaltung, während in Berlin versucht wurde, die Spaltprodukte zuidentifizieren. Beide Arbeiten liefen voneinander unabhängig, aber durchden Hahn-Meitner-Briefwechsel im Informationsaustausch. Es sind auchhier Mitteilungen von Ergebnissen. Inwiefern die Briefe Meitners denVerlauf der Versuchsprogramme in Berlin beeinflusst haben, istspekulativ. Die Annahme einer fortgesetzten Zusammenarbeit alsGrundvoraussetzung für ein ganzes Deutungskonzept ist einhistoriographisches Wagnis.3.2.2. "Without Meitner Hahn was somewhat adrift." 58Hahns Brief vom 19.12. enthält eine merkwürdige Frage:"Also überleg Dir mal, ob sich nicht irgendeine Möglichkeit ausdenken ließe,eventuell etwa Barium-Isotope mit viel höherem Atomgewicht wie 137?"58 Sime, Lise Meitner, S. 23423
Es ist heute schwer verständlich, was Hahn sich dabei gedachthatte. War es ein unausgegorenes Gedankenspiel, auf der Suche nachAlternativen zu dem befremdlichen "Zerplatzen"? Hat er noch nicht an einBruchstück gedacht? Das ist unwahrscheinlich. Eine Umwandlung von 36Protonen zu Neutronen wäre, wenn es so etwas gäbe, mit einerunübersehbaren β + -Strahlung verbunden, die sie schon hätten feststellenmüssen. Soviel wussten auch Hahn und Straßmann. Der Brief vom 28.12,zeigt auch ganz klar den Gedanken an zwei Bruchstücke:"Ba + Ma, also z. B. 138 + 101, ergibt 239!" 59Hat Hahn Atommasse mit Kernladung verwechselt? Er versuchte,über die Summe der Atommassen eine Erklärung zu finden. Das diesnicht gelingen konnte, weil durch die Kernprozesse Neutronen abgegebenwerden und die Kernladung erhalten bleiben muss, überblickte er alsChemiker anscheinend nicht gleich. Aber er hat das bald eingesehen.Dieser Fehler ist aber kein Beweis, dass Hahn und Straßmann nichterkannt hätten, dass der Urankern sich gespalten hatte. Das behauptetSime:"Without her, Hahn was somewhat adrift. The idea of uranium "bursting"crossed his mind, but he was thinking of nuclear mass rather than atomic number: he didnot yet realize that uranium had split in two." 60Als Beleg für diese Behauptung wird in der Fußnote einKommentar des Physikers Walter Gerlach angeführt. Er schrieb im Jahre1969:"Die ... Bemerkung ist etwas sonderbar: ob Barium-Isotope mit einemAtomgewicht viel höher als 137 entstehen können, also ein dem Uran massenmäßignahe stehendes Barium. An ein Zerplatzen in zwei Teile wird offenbar noch nichtgedacht." 61 Walter Gerlach hat das Geschehen weder unmittelbar miterlebt,er war Professor in München, noch ist er zu dieser Zeit mit Hahnbesonders eng verbunden. Zu Hahns Lebzeiten konnte er ihnoffensichtlich auch nicht dazu befragen. Anlässlich der Publikation zuHahns Gedenken wurde ihm der Brief erst nach seinem Tod zugänglich.Die Veröffentlichung erfolgte durch Dietrich Hahn erst 1975. So mussteGerlach diese Stelle interpretieren. Als Beleg kann diese Bemerkung nicht59 Kafft, Im Schatten der Sensation S. 26760 a.a.O., S. 23461 Gerlach, Ein Forscherleben, S. 9024
dienen. In diesem Punkt liegen keine eindeutigen Aussagen oderTatsachen vor.In Hahns Brief gibt es Implikationen, die leicht zu übersehen sind.Liest man nur das, was ausdrücklich aufgeschrieben ist, dann entstehtmöglicherweise ein schiefes Bild. Dies ist ein grundsätzliches Problem beider Interpretation von Briefen. Zu beachten ist insbesondere, dassKollegen, die dreißig Jahre zusammengearbeitet haben, nicht jedes Detailerwähnen, zumal oft unter Zeitdruck geschrieben wurde. Dadurchbekommen die Briefe einen eigentümlichen Charakter, der von Simemanchmal missverstanden wird. Hinzu kommt, dass sich beideBriefeschreiber der Postzensur bewusst waren, wie manche Abkürzungenvon Namen zeigen. Daraus folgt, dass neben dem manifesten Briefinhaltder eventuelle Raum zwischen den Teilen in die Betrachtungmiteinbezogen und vorsichtig interpretiert werden muss. Simes Auslegungkann und muss deshalb auch eine andere entgegengehalten werden.Zur Frage, ob Hahn und Straßmann erkannt hatten, warum ausdem bestrahlten Uran Barium entstanden war, gibt das Laborprotokollkeinen Aufschluss. Die Versuchsauswertungen sind darin nichtausdrücklich festgehalten. In der Publikation ist der Absatz, der denGedanken des Zerplatzens in zwei Teile enthält, erst am 27.12. in dieKorrekturfahnen eingefügt worden. Die einzigen Zeugnisse diesesErkenntnisprozesses sind wiederum nur die Briefe. Aufgrund desLaborprotokolls ist eine zeitliche Eingrenzung möglich. Am 25. Novemberwar die erste Merkwürdigkeit aufgetreten, die zu diesem Zeitpunkt nochfür eine labortechnische Unzulänglichkeit gehalten wurde. Am 10.12.schrieb Hahn an Meitner, dass es da noch "Schwierigkeiten" gäbe. Am 15.Dezember wurde eine Prüfung auf Lanthan, dem Nachbarelement vonBarium mit der Ordnungszahl 57, durchgeführt. Der Zeitraum desErkennens lässt sich durch eine Bemerkung Hahns in seinem Brief anMeitner vom 03.03.1939 noch weiter eingrenzen:"Hätten wir gepfuscht wie die Irène Curie, dann hätten wir das Ba im Novemberveröffentlicht." 6262 D. Hahn, Erlebnisse und Erkenntnisse, S. 11025
Irgendwann in diesem Zeitraum war Hahn und Straßmann klargeworden, dass sie nicht länger nach Radium und Actinium zu suchenbrauchten. Das 'epochale Ereignis' offenbarte sich in unscheinbarenZahlenreihen. Erst als die Vermutung zur Gewissheit geworden war, am19.12., erfuhr Meitner etwas davon.Sime geht davon aus, dass Hahn und Straßmann Barium fandenund Tag um Tag vergehen ließen, ohne sich jemals zu fragen, woher eskam. Dies ist eine sehr unwahrscheinliche Annahme bei Wissenschaftlern,die es gerade durch Meitner gewohnt waren, in interdisziplinärenZusammenhängen zu denken. Sime kann zwar nicht leugnen, dass Hahnetwas von 'zerplatzen' gesagt hat, aber sie deutet das als eine Idee, die"durch seinen Kopf kreuzte", ohne sie zuordnen zu können. Hahn schriebaber am 19.12. nicht: Wir haben Barium. Was ist passiert? Er schrieb:"Wir wissen dabei selbst, dass es eigentlich nicht in Ba zerplatzen kann." 63'Aber es tut es!', steht ungeschrieben dabei. Der Gedanke einerdramatischen Veränderung des Kerns kam von Hahn und Straßmann. Dergewählte Begriff 'zerplatzen' manifestiert die vorhandenen Vorstellungen:Nach der Kollision mit den Neutronen sollte dem Kern eine Art Explosionwiderfahren, wobei zunächst nicht klar war, in wie viele Teile er zerplatzenwürde. Wie das aber möglich ist, können Chemiker nicht erklären. Das istAufgabe der Kernphysik. Die ganze Spannung der Wissenschaftlerzwischen Theorie und widerstreitender Empirie spiegelt sich in dernegierenden Formulierung und in der Scheu, Uran und Barium in einemAtemzug zu nennen.Barium war gefunden, wo vor der Bestrahlung nur Uran war. Dashieß, dass mit dem Urankern etwas geschehen war, was niemand fürmöglich gehalten hätte. Deshalb musste nun auch das mit durchdachtwerden, was man vorher nie zu denken gewagt hätte. Weil Hahn undStraßmann sich der physikalischen Vorgaben sehr bewusst waren,besonders eingedenk der Gespräche wenige Wochen zuvor inKopenhagen, wurden auch Alternativen für das nahe liegende"Zerplatzen" gesucht. Hatte Hahn den Physikern dort mit den Radium-Isomeren Schwerverdauliches vorgesetzt, so musste er jetzt etwas ganz63 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 26426
'Verrücktes' präsentieren. Er mochte dabei auch an Irène Joliot-Curiegedacht haben, die den 3,5-Stunden-Körper mehrmals für etwas andereshielt und die er ja selbst als "verrückt geworden" 64 bezeichnet hatte. DerHahn-Meitner-Briefwechsel ist von Spontanität geprägt, nicht darandenkend, dass später einmal Historiker und Nichthistoriker den Briefinhaltvon verschiedenen Standpunkten her abklopfen würden. Die Briefe sinddie schriftliche Fortsetzung der Gespräche, die früher auf der Treppezwischen Erdgeschoss und erstem Stock oder im Frühstückszimmergeführt wurden. Da entstanden Ideen und wurden im nächsten Momentwieder verworfen. Auch in Meitners Antwort vom 21.12. wurdenAlternativen gesucht. In Erinnerung an die Arbeiten Grosses, derherausfand, dass Protactinium und Zirkonium ähnliches chemischesVerhalten zeigen, bietet sie als Alternative die Idee eines Eka-Quecksilbers, welches sich wie Barium verhält. Von diesem wäre, wie beiBarium, Zweiwertigkeit zu erwarten gewesen. Doch welche Reaktion hätteablaufen müssen, um es direkt aus Uran zu bilden? Das wäre auch nachdamaligen Vorstellungen höchst unwahrscheinlich gewesen. Um einFolgeprodukt der ersten der drei Radium-Umwandlungsreihen zu sein,dazu waren die Halbwertzeiten der Zwischenprodukte zu lang (Eka-Iridium66 h). Beispielsweise wurde am 25.11. sechzehn Stunden lang bestrahltund eine halbe Stunde später gemessen. Aber das konnte Meitner ausder Ferne natürlich nicht wissen.Dieser gewagte Vorschlag von Meitner, an den Hahn undStraßmann aber auch schon dacht hatten, wird von Sime nicht zitiert. Die'Ba-Isotope mit viel höherem Atomgewicht' dienen aber als Beleg, dassHahn nicht wüsste, was er tut. Sie waren jedoch ebenfalls eine derartigeIdee. Mir scheint, dass sich Hahn in einer Phase der theoretischenEntgrenzung befand. Das war notwendig, um das gewohnte Denkschemazu durchbrechen. Um die schöpferische Fantasie zu aktivieren, wirdkurzfristig die Aussprache aller Gedanken legitim. Heute würde man dasBrainstorming nennen. Die Autorin Sime hat das entwedermissverstanden oder sie nutzt Hahns Äußerung mit Absicht, um ihn im6464 a.a.O., S. 76 f27
Nachhinein, wenn man alles besser weiß, als "umhertreibend"bloßzustellen.Die 'schweren Barium-Isotope' stellen die Suche nachAlternativen dar, die aus der Spannung zwischen Theorie undempirischen Befunden entsprang. Sie widersprechen in keiner Weise derAnnahme, dass Hahn und Straßmann vom 'Zerplatzen' des Urankernsüberzeugt waren. Generell kann ein spontaner abweichender Gedankeein durchdachtes Gesamtwerk nicht abwerten.3.2.3. Erkannte Meitner als Erste die Kernspaltung?"Mir scheint vorläufig die Annahme eines so weitgehenden Zerplatzens sehrschwierig, aber wir haben in der Kernphysik so viele Überraschungen erlebt, daß manauf nichts ohne weiteres sagen kann: es ist unmöglich." 65Diese Aussage in Meitners Brief vom 21.12. bringt zum Ausdruck,dass ihr Hahns und Straßmanns Befund so vertrauenswürdig war, dasssie sich auf ein Umdenken einstellte. Kritisieren oder bestätigen kann mannur etwas Bekanntes, von dem man einen eigenen Denkentwurf hat.Etwas Fremdes kann zunächst nur rezipiert werden. Meitner musste denBefund zunächst hinnehmen und konnte nur die Alternative eines Eka-Quecksilbers zu bedenken geben. Sie bekundete später selbst, dass ihrVertrauen in Hahns und Straßmanns Arbeit zu groß war, um an denErgebnissen zu zweifeln. 66 Für eine Bestätigung war es indessen nochviel zu früh.Die Autorin Sime sieht das anders."Imagine what that letter meant to Hahn! In November, Meitner had vehementlyobjected to the radium isomers; now she was surprised but not opposed, ready toconsider the barium an expansion rather than a contradiction of previous experience.Unlike Hahn Meitner understood that existing nuclear theory applied only to minordisruptions of the nucleus: intuitively, she was ready for its massive disintegration. Herresponse arrived in Berlin on 23 December, surely the best Christmas present hereceived. Years later, Hahn was known to say that if Meitner had stayed in Berlin, shemight have talked him out of the discovery, might even have 'forbidden' him to make it. Such reports are consistent with Hahn´s later refusal to credit Meitner with any but anegative role in the discovery. Her letter of 21 December indicates quite the opposite. Onthe day she first learned of barium, she instantly responded: it is not impossible. And atthe time, Hahn must have found her response most reassuring, for it was only after hereceived it that he began to recognize the significance of the barium finding." 6765 a.a.O., S. 26466 Meitner, Wege und Irrwege, S. 16867 Sime, Lise Meitner, S. 235 f. Hervorhebung wie im Original28
Es wird nun klar, warum es für Sime so wichtig war, dass imNovember die Zweifel speziell von Meitner kamen. Es soll suggeriertwerden, dass Meitner die Kernspaltung gleichsam auf der Zunge lag undes nur noch eines Anstoßes von außen bedurfte, um sie explizit zumachen. Anders als Hahn wäre sie innerlich bereit für ein massivesZerbrechen des Kerns gewesen. Der oben zitierte Satz von Meitner lässtdies aber nicht erkennen. Nur wenn vorher ein starker Kontrast aufgebautwurde, lässt sich, wenn man es will, so etwas hineinlesen. Die"vehementen Zweifel" erfüllen hier also eine wichtige Funktion in SimesArgumentationskonzept, denn so lässt sich Meitners Aussage alsBestätigung auslegen. Wie ich in Kapitel 3.1.3. ausgeführt habe, sind'vehemente Zweifel' Meitners aber nicht überliefert. Simes These fehltdaher die manifeste Grundlage. Weiterhin wird Bezug genommen auf eineÄußerung Hahns, die von Heisenberg überliefert wurde: "Ich weiß nicht;ich fürchte, Lischen hätte mir die Uranspaltung verboten." 68 Heisenbergerklärt im darauf folgenden Absatz, warum er dieser scherzhaftumschriebenen Auffassung zustimmt:"Lise Meitner dachte in Zusammenhängen. Sie wußte, daß dieNeutronenbeschießung bei allen anderen Atomkernen so verlief, wie wir das vorhergeschildert haben (nämlich, daß dabei nicht allzu viel geschehe), und sie war daher nichtgeneigt, die neuen verwirrenden Ergebnisse beim Uran grundsätzlich anders zuinterpretieren. Hahn aber wollte nur wissen, was wirklich geschah. ... Was an anderenAtomkernen geschah, mußte dafür gleichgültig sein."Hahn war geistig unabhängiger von theoretischen Konzepten undhatte so einen freieren Kopf für besondere Beobachtungen. DieMöglichkeit, dass Meitner die Radium-Versuche in eine andere Richtunggewiesen hätte, wenn sie in Berlin gewesen wäre, bestand natürlich undihre Bemerkung, zu nichts könne man sagen, es sei unmöglich, beweistnicht das Gegenteil, wie Sime behauptet, denn sie wurde in einer bereitsanderen, fortgeschrittenen Phase gesagt. Hahn meinte, dass Bariumvielleicht gar nicht gefunden worden wäre, weil Meitner die Suche nachRadium von vorneherein als sinnlos abgetan hätte. Im Nachhinein lässtsich viel spekulieren, aber Meitner war wie Curie geneigt, die fraglicheAktivität den Transuranen zuzuordnen. Sie gab, wie oben zitiert, ein "Eka-Quecksilber" zu bedenken, das wäre ein Element der Ordnungszahl 112.68 Heisenberg, Gedenkworte, S. 11629
Doch ein nun einmal sicher nachgewiesenes Barium verlangte, anders alsdie 'Radiumisotope', völlig neue Sichtweisen. Einer Forscherin verbietet essich generell, dies 'vehement' zurückzuweisen. Nach Simes Auslegungschrieb Meitner, das Barium sei nicht unmöglich ("...she instantlyresponded: it is not impossible."). Meitner schrieb aber: zu nichts in derKernphysik solle man von vorneherein ablehnend sein. Hier wird sehrsubtil mit der Wortwahl bei der englischen Übersetzung der Inhalt derAussage verändert. Wenige Wochen zuvor hatte sie beispielsweise dieErfahrung gemacht, dass der 3,5 h-Körper von Curie, den sie für einen"Dreckeffekt" gehalten hatte, tatsächlich existierte. Meitners Aussageberuht zu diesem Zeitpunkt, am 21.12.1938, noch auf keiner theoretischenGrundlage und kann deshalb noch kein Urteil sein. Sime löst dieseSchwierigkeit in ihrem Konzept mit 'Intuition' ("...intuitively, she was readyfor its massive disintegration."). Für Hahn aber konnte Meitners Aussageweder Weihnachtsgeschenk noch Ermutigung gewesen sein. Sie wareinfach die unmittelbare Reaktion auf die Nachricht, die Hahn so wohlauch erwartet hatte. Erst danach konnte Meitner beginnen in der Literaturnachzuschlagen und eigene Überlegungen anzustellen. Die Behauptung,dass Hahn erst nach Erhalt ihres Briefes vom 21. begann, die Bedeutungdes Barium-Fundes zu verstehen, entbehrt der belegten Grundlage. Hahnhätte nicht auf die schnellstmögliche Publikation gedrängt, wenn ihm nichtdie Bedeutung der Ergebnisse bewusst gewesen wäre. Das Manuskriptwurde am Donnerstag, dem 22.12. bei 'Naturwissenschaften'eingereicht. 69 Einer "Ermutigung", wenn sie so gemeint gewesen wäre,hatte es nicht bedurft. Meitners Brief erreichte Hahn erst am 23.Dezember.Das Erkennen der Bedeutung wird Hahn und Straßmannabgesprochen, um die nächste These vorzubereiten. Weiter unten wirdnämlich Otto Robert Frischs Darstellung des Winterspaziergangs mitseiner Tante aus "What Little I Remember" zitiert. Dazu Sime:"Frisch´s story is too well told to be omitted from an account of Meitners life. Itconveys the excitement and delight of a truly new idea, the first recognition that a nucleuscan split, and the first understanding of how and why it does." 7069 Hahn, Straßmann: Nachw. u. Verh. der bei der Bestrahlung d. Urans mittels Neutronenentstehenden Erdalkalimetalle, Naturwissenschaften 27 (1939) S. 11 ff70 Sime, Lise Meitner, S. 23730
Den Kernpunkt ihrer Argumentation präsentiert Sime den Lesernverpackt als Nebensatz der richtigen Aussage, dass hier das ersteVerstehen und die Erklärung der Kernspaltung beschrieben wurde.Meitner wird aber auch das erste Erkennen der Kernspaltungzugeschrieben. Diese These wird vorbereitet auf Seite 234:"The idea of uranium 'bursting' crossed his mind, but he was thinking of nuclearmass rather than atomic number: He did not yet realize that uranium has split in two."Ich habe schon oben gezeigt, dass diese Aussage unrichtig ist,und auch Meitner nicht gleich sagen konnte, ob der Kern in zwei odermehr Teile zerbricht,sie ist aber notwendig, um Meitner das ersteErkennen zuzusprechen. Dennoch muss auch Sime auf Seite 236zugeben, dass Hahn begann, die Bedeutung des Bariumfundes zuerkennen. Wenn ihm das auch erst für den Zeitpunkt nach dem Erhalt desMeitner-Briefes vom 21.12. zugestanden wird, so ist das noch immer voroder zumindest zeitgleich mit dem beschriebenen Waldspaziergang vonMeitner und Frisch. Das genaue Datum des Spaziergangs ist nichtbekannt. Lise Meitner schrieb am 29.12. an Hahn:"Otto R. u. ich haben uns schon sehr die Köpfe zerbrochen; leider habe ich dasManuskript nicht nachgesendet bekommen, es aber nun reklamiert und hoffe es morgenzu haben. Dann können wir besser überlegen."am 01.01.1939:Am 30.12. teilte sie mit, das Manuskript erhalten zu haben und"Wir haben Eure Arbeit sehr genau gelesen und überlegt, vielleicht ist esenergetisch doch möglich, dass ein so schwerer Kern zerplatzt." 71Daraus ist zu schließen, dass der berühmte Spaziergang um den31.12. herum stattgefunden hat. (Wenn es denn tatsächlich, so wie vonFrisch beschrieben, nur ein Spaziergang war, oder alles bei dem einenSpaziergang berechnet wurde. Von Meitner gibt es dazu keineÜberlieferung. Festzuhalten ist aber, dass sich in den Tagen vor Neujahreine Erkenntnis durchgesetzt hat.) Sime dagegen rückt ihn zeitlich näheran Hahns Abgabe der Arbeit bei den 'Naturwissenschaften' am 22.12.,nämlich Frischs ersten Tag in Kungälv am 23.12., und damit vor Hahns71 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 26831
"Ba-Phantasien" vom 28.12. 72 , die über die Korrekturen vom 27.12.Eingang in die Publikation gefunden hatte. Sie unterstellt damit auch, dassMeitners und Frischs Überlegungen ohne Kenntnis der Publikation, alleinaufgrund der Angaben in Hahns Brief vom 19.12. gemacht wurden. 73Meitner schrieb aber am 29.12., das Manuskript abwarten zu wollen.Sime ist sich der Ungenauigkeit der Daten auch bewusst. In derFußnote Nr. 28 74 räumt sie ein, dass die zitierte Darstellung Frischs umdes dramatischen Effektes willen zeitlich verdichtet sein könnte und, dassüber die Dauer des gemeinsamen Aufenthaltes in Kungälvunterschiedliche und ungenaue Angaben gemacht werden. FrischsErinnerungen, aus denen zitiert wird, sind fast vierzig Jahre nach denEreignissen aufgeschrieben. Sie wurden nach seinem siebzigstenGeburtstag (1974) begonnen und sind 1979 erschienen. Es ist klar, dassnur das Wichtige erinnert wird. Er konnte auch nicht wissen, dass seineZeitangaben jemals als Beleg dienen müssten, dass Meitner vor Hahn dieIdee hatte, warum Barium entstanden war. Zur Quellenlage äußert sichFrisch selbst im Vorwort und im Abschnitt der Danksagungen:"Reminiscences come mainly out of the author´s memory." 75 Auch derTitel, "What little I remember", soll das zum Ausdruck bringen. DieseHinweise des Autors, wie sein Werk zu verstehen ist, sind ernst zunehmen. Quellenangaben fehlen daher ganz. Nur ein Beispiel: Im Absatzüber dem von Sime zitierten schreibt Frisch:"It was hard to see how radium ... could be formed by the impact of a neutron,and Lise Meitner wrote to Hahn, imploring him not to publish that incomprehensible resultuntil he was completely sure of it." 76In dem 1975 veröffentlichten Hahn-Meitner-Briefwechsel ab dem26.11.1938, der Frisch hätte bekannt sein können, steht aber etwasDerartiges nicht drin. Und auch der von Fritz Krafft 1981 veröffentlichteBriefwechsel ab dem 11.08.1938, aus den Beständen der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin und des Churchill College in Cambridge72 a.a.O., S. 267 Das ist der Gedanke mit den Massenzahlen, anstatt der Ladung ("Ba + Ma, also z.B. 138 + 101, ergibt 239!") Das wäre in der Nähe der Massenzahl von Uran, 238. Die Betrachtungder Massen ist falsch, zeigt aber ganz klar, dass Hahn an ein Zerplatzen in zwei Teile denkt.73 Sime, Lise Meitner, S. 23674 a.a.O., S. 454 f75 Frisch, I remember, S. ix f und 22176 a.a.O., S. 11532
zusammengestellt, kann eine solche Äußerung Meitners nicht belegen.Frischs Darstellung sind Memoiren, also ein sehr subjektiver Bericht, mitden üblichen Ungenauigkeiten. Dies muss berücksichtigt werden, wennein solches Werk als Quelle benutzt wird. Diejenigen Aspekte, denen derAutor großes Gewicht beimisst, können eher als Beleg genutzt werden,als jene die als nebensächlich betrachtet werden. So könnte man FrischsBericht als halbwegs verlässliche Quelle ansehen, was die Inhalte desGespräches zwischen ihm und seiner Tate betrifft, nicht jedoch bezüglichder genauen Daten. Durch viele verschiedene äußere Einflüsse verändertsich mit den Jahren die Erinnerung. Dieses Problem, welchesgrundsätzlich bei Aussagen von Zeitzeugen auftritt, ist wie jedemernsthaften Historiker, auch Sime bewusst, denn sie räumt das in derFußnote ein, nimmt dann aber trotzdem im Haupttext Frischs Zeitangabewörtlich. Auf Seite 238 unten werden dann Meitner ohne QuellenangabenÜberlegungen zu dem zweiten Spaltprodukt zugeschrieben und inBeziehung zu Hahns "Ba-Phantasien"vom 28.12. gesetzt, die erst ineinem Brief Meitners an Frisch vom 04.01.1939 belegt sind und die erstnach ihrer Rückkehr nach Stockholm erfolgt waren. 77 Nach Simes Zeitplanund durch Umstellung der Reihenfolge der Überlegungen erscheinenHahns "Ba-Phantasien", die den Gedanken einer Spaltung in zwei Teilenachweisen, als von Meitner induziert."Could it be that the transuranes were not higher elements at all but smallernuclei like barium, which were formed when uranium split? ... Hahn, meanwhile, wasthinking along the same lines. After he received Meitner´s letter of 21 December, he toosuspected that the transuranes might be lighter elements. A few days later he telephonedPaul Rosbaud, editor of 'Naturwissenschaften' to add the new idea to the page proofs." 78Anschließend wird Hahns Brief vom 28.12. zitiert, in dem er dieseGedanken Meitner mitteilt. Zur Erinnerung noch einmal, was Meitner am21.12. tatsächlich geschrieben hat:"Mir scheint vorläufig die Annahme eines so weitgehenden Zerplatzens sehrschwierig, aber wir haben in der Kernphysik so viele Überraschungen erlebt, daß manauf nichts ohne weiteres sagen kann: es ist unmöglich."Es bleibt festzuhalten, dass der Gedanke des Zerplatzens seinenUrsprung bei Hahn und Straßmann hat und Meitner erfuhr davon durchden Brief vom 19. Dezember. Es dauerte bis zum Jahreswechsel, bis77 Lemmerich, Geschichte der Kernspaltung, S. 17978 Sime, Lise Meitner, S. 23933
Meitner und Frisch diese Idee auf eine theoretische Basis gestellt hatten.Inzwischen machte sich Hahn, unabhängig von Meitner und auch vomverreisten Straßmann, seine eigenen Gedanken, die am 27.12. in dieKorrekturfahnen eingefügt wurden. Zu Meitners Brief vom 29.12., in demeine physikalische Bestätigung des Zerplatzens noch nicht enthalten ist,kommentiert Sime:"Meitner was asking quite a lot, and telling very little. She knew Hahn could notpublicly acknowledge anything she wrote to him, and she did not want him or the institutephysicists to learn too much about what she and Frisch were thinking."Wenn sich Meitner schon am 23.12. ihrer Erkenntnis sichergewesen wäre, dann ist es unplausibel, dass sie Hahn zehn Tage langnichts davon wissen ließ, denn sie schrieb erst am 01.01., von Sime auf S.240 zitiert, dass es energetisch vielleicht doch möglich ist, dass ein soschwerer Kern zerplatzt. Das passt nicht zu diesem Verhältnis, so wie essich in den Briefen darstellt. Und es passt schon gar nicht zu demverklärten Verhältnis im Team, welches sie wenige Seiten vorherbeschrieben hat: "...as a team they had been so close, so familiar witheach other´s work and thought processes, that she was still, in everyessential way, one of them."Meitner wusste, dass zu diesem Zeitpunkt nur sie in Kenntnis derHahn-Straßmannschen Versuchsergebnisse war und, dass sie Hahn nichtnur diesen Umstand zu verdanken hatte. Warum sollte sie ihm gegenüberihre Überlegungen zurückhalten? Wahrscheinlich ist, dass sie die Zeit bisNeujahr benötigte, um diese Vermutung lückenlos begründen zu können.Ebenso hat auch Hahn sein Ergebnis erst am 19.12. mitgeteilt, als dieBefunde sicher waren. Es ist völlig abwegig zu postulieren, dass Meitnernichts schrieb, weil Hahn sich ohnehin nicht öffentlich zu ihremBriefwechsel bekennen würde. Durch die Postzensur konnte denBehörden kein Briefwechsel verheimlicht werden und das wussten alle(das müsste auch Sime wissen). Er war privater Natur, sodass Meitnernicht davon ausging, dass Hahn mit ihren Briefen gleich an dieÖffentlichkeit gehen würde. Und wenn es so wäre, warum schrieb sie am01.01. dann doch, was sie und Frisch dachten? Simes Argumentation istin sich selbst unlogisch.34
Mit der Konstruktion eines angeblichen Nichtverstehens Hahns,(vom 'Teammitglied' Straßmann ist mittlerweile keine Rede mehr, nurnoch von Hahn) und den Verschiebungen im zeitlichen Ablauf will Simedie These stützen, dass es eigentlich Meitner war, die als Erste dieKernspaltung als solche erkannte. Die Belege sind jedoch in einenunkorrekten Zusammenhang gestellt und werden durch suggestiveKommentare in die gewünschte Deutungsrichtung gelenkt.Sime steht mit dieser Darstellung in einer langen Tradition.Bekanntlich hat Einstein behauptet, Hahn hätte seine eigene Arbeit nichtverstanden, da er die Massenzahlen, statt der Ladung betrachtete. Daraufbezieht sich auch Sime. In Fußnote 35 79 nennt sie als Quelle FriedrichHerneck. Dieser zitiert, leider ohne Quellenangabe, Albert Einstein, der1945 äußerte:"Ich betrachte mich nicht als den Vater der befreiten Atomenergie. Ich habe nureine indirekte Rolle dabei gespielt. Tatsächlich habe ich nicht vorausgesehen, dass sienoch zu meinen Lebzeiten frei würde. Ich habe nur an ihre theoretische Möglichkeitgeglaubt. Praktisch brauchbar wurde sie erst durch die zufällige Entdeckung derKettenreaktion, und diese konnte ich nicht voraussehen. Sie wurde von Hahn in Berlinentdeckt, welcher noch falsch interpretierte, was er entdeckt hatte. Die korrekteInterpretation gab Lise Meitner, die aus Deutschland flüchtete und ihre InformationenNiels Bohr aushändigte." 80Hahn entdeckte nicht die Kettenreaktion, sondern dieKernspaltung. Meitner hat Bohr nichts ausgehändigt. So entstanden dieZeitungsberichte über die "jüdische Mutter der Atombombe". Herneckzitiert korrekt, aber wieder ohne Quellenangabe, eine Reaktion Hahns zuEinsteins Angaben. Sie stammt aus Carl Seeligs <strong>Dokument</strong>e-Sammlung'Helle Zeit - Dunkle Zeit':"Ich habe gelegentlich einmal in einer der zahlreichen Mitteilungen vonProfessor Einstein gelesen, daß Herr Straßmann und ich gar nicht gewusst hätten, waswir machten, sondern, daß das Hauptverdienst der Arbeit Professor Meitnerzuzuschreiben sei. Bei aller Freundschaft zu meiner Kollegin war diese Art derDarstellung nicht korrekt." 81Schon in den ersten Wochen nach der Entdeckung, als eineganze Flut an Publikationen zu diesem Thema entstand, musste Hahnfeststellen, dass die Darstellungen einen für ihn und Straßmannungünstigen Trend bekamen. Am 03.03.1939 schrieb er an Lise Meitner:79 a.a.O., S. 4568080 Herneck, Bahnbrecher des Atomzeitalters, S. 382 f81 Hahn an Seelig 27.07.1955 und Seelig, Helle Zeit - Dunkle Zeit, S. 10735
"Der einzige, der dies Dinge absolut ruhig beurteilt, ist Straßmann selbst, der -das muß man sagen - in jeder Beziehung am schlechtesten wegkommt. Er meint: Jederdenkende Mensch, der unsere Publikation genau lese, könne nicht im Zweifel sein, daßwir das Zerplatzen des Urans beobachtet und auch behauptet haben." 82Lise Meitner musste am besten wissen, wer von ihnen beiden zuerst die Kernspaltung erkannte. Dazu ihr Brief vom 06.03.1939:"Der Titel 'A New Type of Nuclear Reaction" bezog sich selbstverständlich aufdeine und Straßmanns Befunde ... Genauso ist die Darstellung von Bohr gemeint, derwörtlich sagt, daß 'the authors (d.h. wir) propose an interpretation of the remarkablefindings of Hahn and Straßmann'. Dabei ist seine nachfolgende Formulierung vielleichtinsofern nicht ganz glücklich, als man (wenn man schon mißtrauisch ist) herauslesenkönnte, daß Ihr nicht an eine Kernspaltung gedacht habt. Aber seine Meinung ist dasbestimmt nicht, das weiß ich bestimmt. Er diskutiert begreiflicherweise eingehender nurdie theoretische Seite und nimmt Eure Befunde als so gesichert an, daß er sie ebenvoranstellt und dann als Faktum betrachtet." 83Dieser Briefwechsel wird von Sime nicht zitiert, wie viele anderewichtige Briefe und Fakten, die nicht in ihr Bild passen.3.2.4. Das zweite SpaltproduktAm 27.12. hatte Hahn, ohne Absprache mit Straßmann, in diePublikation noch die Vermutung eingefügt, dass es sich bei denTransuranen, statt um höhere Homologe der Platinmetalle, um derenniedrigere handeln könnte (die "Ba-Phantasien"). Es mag töricht undunqualifiziert erscheinen, dass Hahn sich dabei auf die Massenzahlen undnicht auf die Ladung bezog. Aber es bleibt festzuhalten, dass hier, intuitiv,also ohne jede theoretische Grundlage, als Anhaltspunkte lediglich dasBarium und die vermeintlichen Transurane, zum ersten Mal der Gedankeformuliert wurde, dass der Urankern nicht in unbestimmt viele, sondern inzwei Teile zerplatzt. Dies erwies sich als richtig. Dass es sich bei demzweiten Bruchstück nicht um ein Element aus der Reihe von Masurium(das heutige Technetium) bis Palladium handeln konnte, weil die Ladungauf jeden Fall erhalten bleiben muss, sah er bald selbst ein. Am 07.01.schieb er an Meitner:"... die Atomgewichts-Summe war ein seltsames Zusammentreffen." 84Da es die Summe der Massenzahlen nicht sein kann, bleibt nurdie Summe der Ladungen: 92 U = 56 Ba + 36 X. Folglich kann daskomplementäre Spaltprodukt zu Barium nur Krypton sein, das weiß jeder8282 D. Hahn, Erlebnisse und Erkenntnisse, S. 109 f83 a.a.O., S. 11284 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 27636
Chemiker. Dazu brauchten Hahn und Straßmann keinen Hinweis vonMeitner. Die Zerfallsreihe Rubidium-Strontium-Yttrium-Zirkoniumausgehend von Krypton als zweitem Bruchstück wird von Hahn am 10.01.erwähnt:"Wir wollen nach den letzten Kontrollversuchen über Ba + Y (event. Krypton,Rb und Zr) im Tempo der Arbeit etwas nachlassen." 85Am 23.01. wurden Versuche zur Prüfung der Uranlösung aufStrontium durchgeführt 86 und am 24.01. berichtete Hahn, dass er gerade("heute") die beiden 'Nature'-Artikel von Meitner/Frisch und Frisch erhaltenhabe. Dort hatten sie die Schlussfolgerung gezogen:"If one of the parts is an isotope of barium, the other will be krypton (Z = 92 -56), which might decay through rubidium, strontium and yttrium to zirconium." 87Darauf ging Hahn in seinem Brief ein:"Dagegen haben wir dann auch an Krypton etc. als zweite Spaltstückegedacht. Bisher konnten wir Krypton und Rubidium nicht sicher nachweisen. Wohl aberStrontium und Yttrium. Wir lassen das Sr und das Y gerade abklingen, wollen denVersuch aber mit einem stärkeren Präparat noch wiederholen." 88Am selben Tag wurde von Straßmann ein Versuch zum Nachweisvon aktiven Edelgasen als mögliche Bruchstücke vorbereitet, was auchgelang, wie Hahn am nächsten Tag an Meitner berichtete. In derPublikation vom 28.01. wird allerdings nur das Strontium und Yttrium alsMitglieder der zweiten Bruchstückgruppe als sicher nachgewiesenerwähnt. Ob es sich bei dem nachgewiesenen Edelgas um Krypton alsBruchstück zu Barium oder um Xenon als Bruchstück zu Strontiumhandelt, wollten die Autoren noch nicht festlegen. Zunächst betrachtetenHahn und Straßmann das Strontium als Folgeprodukt von Krypton. Darauflässt der Brief vom 07.02. schließen:"Straßmann und ich hatten schon das Sr (und daraus natürlich als Anfang dasKrypton)..." 89Bei Sime sieht dieser Prozess für Hahn wieder ungünstiger aus.Sie zitiert Meitners Brief vom 18.01."Theoretisch ist der Hauptwitz der, daß zwar eine oder mehrere α-Abspaltungen energetisch unmöglich sein können, dagegen ein Zerfallen in 2 leichtereKerne - wegen des tiefen Tales in der Massendefektskurve von etwa Z = 40 bis Z = 60 -85 a.a.O., S. 27786 a.a.O., S. 283, Fußnote87 a.a.O., S. 28088 a.a.O., S. 28289 a.a.O., S. 29537
energetisch möglich ist und auf Grund des Tröpfchenmodells des Kerns auchverständlich wird." 90Sime kommentiert dazu:"Meitner´s letter, it seems, finally prompted Hahn to consider the fissionfragments in terms of atomic number rather than mass and to recognize, finally, thatwhen barium is one fission fragment, krypton must be the other. Her letter arrived inDahlem on 20 January; on the 23d, Strassmann tested for and found radioactivestrontium and yttrium." 91Auch hier wird eine zeitliche Verschiebung versucht. Für Meitnerwurde der Zeitpunkt einer Erkenntnis zeitlich nach vorn verschoben. Hahndagegen braucht in Simes Augen besonders lange bis er etwas begreift.Bei ihm wird eine zeitliche Verschiebung nach hinten versucht. Dass dieAtomgewichts-Summe ein seltsames Zusammentreffen war, hatte eraufgrund der Versuchsergebnisse schon am 07.01. an Meitnergeschrieben. Hier soll er sich erst nach Erhalt des Meitner-Briefes vom18.01., also am 20. veranlasst gesehen haben, die Massenzahlenaufzugeben und die Ladungszahlen als richtig anzuerkennen. DieVersuche vom 23.01., die Strontium nachweisen sollten, werden mitMeitners Brief in kausalen Zusammenhang gebracht. Wenn man aberberücksichtigt, dass Hahn die Krypton-Zerfallsreihe schon am 10.01.erwähnte, dann das wird fraglich. Denn die Versuche, um Mitglieder derKrypton-Zerfallsreihe zu suchen, waren die ganze Zeit schon im Gange.Für Sime sind die Zusammenhänge aber ganz eindeutig. Siekommentiert Hahn-Straßmanns zweite Veröffentlichung vom 28.01.:"Throughout his narrative Hahn gave not the slightest indication that the ideafor several of the experiments had come from Meitner. When he finally mentioned theMeitner-Frisch-Paper, it was almost as a postscript: 'As we were writing up our lastexperiments [the search for krypton] we received manuscripts of two communicationswhich will appear in Nature, kindly sent to us by their authors, Lise Meitner and O.R.Frisch, and O.R. Frisch., Meitner and Frisch discuss the splitting of uranium and thoriumnuclei into large fragments of approximately equal size, e.g., barium and krypton, andbase the possibility of such an occurrence on Bohr´s new liquid drop model for nuclei.' Byplacing this paragraph directly after the experimental discussion, Hahn - intentionally ornot - characterized the Meitner-Frisch work as a fairly meaningless description of knownresults. Moreover, the Meitner-Frisch manuscript did not, in fact, arrive as Hahn andStrassmann were writing up their krypton results but before that experiment began - andmay have been the impetus for it. And Hahn said nothing to indicate that Meitnerprompted the search for light elements and anticipated the discovery of strontium andyttrium. Already depressed about her situation in Sweden, the paper plunged Meitner todespair. It seemed that nothing she had done before or after fission would berecognized." 9290 a.a.O., S. 281 f91 Sime, Lise Meitner, S. 25192 a.a.O., S. 25438
Nachdem Sime den bedenklichen Versuch gemacht hat, dieExperimente Hahns und Straßmanns mit den Briefen Meitners in einendirekten kausalen Zusammenhang zu bringen, in dem Sinne, dass Meitnerdie Suche nach den Krypton-Zerfallsprodukten angeregt habe, wirft sienun Hahn vor, er habe nicht den leisesten Hinweis gegeben, dass die Ideedazu von Meitner stamme.Anschließend wird Meitners Brief an Hahn vom 05.02. zitiert. Sieschilderte darin ihre für sie deprimierende Situation in Stockholm, wo siemit geringen Mitteln ein wenig forschen durfte. Es wäre ihr ein schönerTrost gewesen, schrieb sie, wenn er erwähnt hätte, dass auch sie dieNotwendigkeit der Krypton-Zerfallsreihe postuliert hatte. Diesen Passushat Meitner aber verkürzt an Hahn geschrieben. Im Entwurf des Briefes,der nur von Sime veröffentlicht ist, heißt es:"I had hoped a little that our note would have give you some pleasure also, andit would have been so nice for me if you had just written that we - independently of yourwonderful findings - had come upon the necessity for the existence of the Kr-Rb-Srseries." 93 Neben dem Kummer Meitners kommt hier zum Ausdruck, wie sieselbst die Sache sah. Meitner-Frisch und Hahn-Straßmann hatten nämlichvoneinander unabhängig die Krypton-Zerfallsreihen postuliert. In Berlinwar man durchaus in der Lage, das Versuchsprogramm selbst zu planen.Mit Vorwürfen sollte man deshalb zurückhaltend sein. Deren Grundlage istlediglich das zeitliche Zusammentreffen von Meitner-Briefen mitdokumentierten Versuchen im Protokollheft. Die darin festgehaltenenZeiten betreffen die Messungen der Aktivität im Geiger-Müller-Zähler. Bisdiese vorgenommen werden können, sind die Vorarbeit und diechemischen Fällungen bereits abgeschlossen. Wenn die Zeit als Belegbenutzt wird, dann ist noch eine Reihe weiterer Aspekte zu beachten.Es standen nur drei Zähler zur Verfügung, bei einer großen Zahlan notwendigen Messungen. Straßmann führte seine Versuche alleinedurch. Alle Nebenarbeiten, wie etwa Spülen oder Beseitigung vonStörungen der anfälligen Messgeräte, erledigte er selbst. Zusätzlich wurdeauch die Spaltbarkeit des Thoriums untersucht und nachgewiesen, den93 a.a.O., S. 254 f39
Protokollen nach zwischen dem 10. und dem 16. Januar. Bei der Suchenach den Mitgliedern der Krypton-Zerfallsreihe begann man zunächst mitden Nukliden, die durch einfache Fällungen nachweisbar waren, nämlichStrontium und Yttrium. Mehr Aufwand bedeuteten dieEdelgasexperimente. Dazu brauchte man ein spezielles,edelgasdurchlässiges Uranpräparat und eine gekühlte Edelgasfalle. 94 DieVorbereitungen für die Experimente konnten also unterschiedlich langsein. Hahn weist in seinem Brief an Meitner 95 vom 03.03.1939 darauf hin,dass das für die Indikatorversuche benötigte Mesothor I erst langwierigvom Thor X (verschiedene Thorium-Isotope) befreit werden musste undauch der 'Kreislaufversuch' bedurfte einer längeren Vorarbeit.Angesichts dieser Situation, die Sime als Chemikerinnachvollziehen können müsste, ist eine Gleichzeitigkeit von eintreffendenBriefen und Messungen der fertigen Präparate eher als zufälliganzusehen. Jedenfalls ist sie kein zwingender Beweis, dass die Versuchezum Nachweis leichter Elemente von Meitner veranlasst waren. Die Frageist auch, ob Hahn den wissenschaftlichen Inhalt der Briefe an Straßmannsofort nach Erhalt weitergeleitet hat. Sonst würde es auch mit derGleichzeitigkeit knapp werden. Wer Hahn so schwer der Unehrlichkeitbezichtigt, muss lückenlos belegen können. Ein Einfluss Meitners lässtsich aber nicht schlüssig belegen.Und nicht nur Meitner, Frisch, Hahn und Straßmann stelltenderartige Überlegungen an. Hahn wusste auch von anderen, die überKrypton nachdachten. Am 24.01. schrieb er an Meitner:"Ich glaube, wir beschreiben kurz unsere Versuche und sagen, daß auch Ihrdiese Vermutung ausgesprochen habt. Dasselbe vermuten allerdings auch andere; z.B.Schintlmeister, der mir gestern eine lange Arbeit mit allerhand Vermutungen zugeschickthat. Auch die Physiker hier dachten natürlich an die Differenz der Ordnungszahlen 92 -56, nachdem die Differenz der Atomgewichte nicht klappen will." 96Am 25.01. bat er sie, nachdem er von den positivenVersuchsergebnissen berichtet hatte,"... die Krypt. + Rb + Sr-Sache noch vertraulich (außer Otto Robert) zubehandeln." 9794 Diese Hinweise verdanke ich Günter Herrmann95 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 324 f96 a.a.O., S. 28397 a.a.O., S. 28540
Meitners Enttäuschung über seine Zitierweise in der Publikationkonnte Hahn nicht wirklich nachvollziehen:"Und nun habe ich, in der Art, wie ich Euch zitiert habe, gegen jede Absichtetwas nicht recht gemacht. Ich weiß nur, daß ich es anfangs noch kürzer zitiert habe,dann habe ich noch das Bohrsche Tröpfchenmodell hinzugefügt, damit es etwas längerwird. Ich sehe jetzt, ich hätte noch statt der 2 Bruchstücke das Sr und Y beim Namennennen sollen. Ich kann mir allerdings nicht denken, wieso das einen Unterschied macht.Straßmann und ich hatten schon das Sr (und damit natürlich als Anfang das Krypton), dakam von den verschiedensten Seiten diese Ansicht." 98(Bei Sime ist der letzte Satz unkorrekt übersetzt: "Strassmannand I already had thought of Sr ... 99Es ist ein bemerkenswerterUnterschied, ob man an Strontium nur denkt, oder ob man es schonexperimentell nachgewiesen hat.) Für Hahn waren dies unnötigeWiederholungen. In seinen Augen war klar, dass jedermann diesesexklusiven Leserkreises an die gesamte Zerfallsreihe denkt, wenn vonaktivem Krypton die Rede ist, zumal dies drei Absätze weiter obenausführlich erläutert wurde. Auch dies ist ein Beispiel für die NeigungHahns, sich verkürzend auszudrücken, wenn es einmal ausführlich erklärtwurde. Auch Straßmann deutet in seiner Schrift "Kernspaltung" dasProblem auf S. 9 an, sodass er gerne "manchmal anders formuliert hätte."Meitner hatte in ihrer angespannten Seelenlage sicher ein feineresGespür dafür, dass diese Ausdrucksweise bei vielen Lesernmissverständlich ankommen könnte. Enttäuschend war es für sie auchdeshalb, weil sie in ihrem Brief vom 25.01. ausdrücklich um Zitationgebeten hatte:"Natürlich publiziert Ihr Euere Sr Y Resultate, sie sind doch wunderschön, undzitiert, daß wir die Vermutung auf Grund unserer einfachen Überlegungen in der Nature-Notiz ausgesprochen haben. Ob Du Schintelmeister auch zitierst, mußt Duentscheiden." 1003.3. "Hahn beansprucht die Entdeckung für die Chemie""Unsettled in Sweden, [Meitner] feared for her reputation, worrying that thosewho did not know her work or consider the political situation might think she hadcontributed nothing to the discovery - or worse, impeded it. She never imagined thatHahn himself would soon suppress and deny not only their ongoing collaboration but thevalue of nearly everything she had done before as well." 10198 a.a.O., S. 29599 Sime, Lise Meitner, S. 255100 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 284101 Sime, Lise Meitner, S. 24141
3.3.1. "Hahn leugnet den Anteil der Physik"Sime beschreibt Hahn als einen Mann der ohne Meitnerwissenschaftlich ins Schwimmen geriet:"Scientifically, too, Hahn was floundering. Without direction from physics, helacked confidence in the barium finding, so that he and Strassmann spent the first weeksof January 1939 verifying it over and over again." 102Dass Hahns Gründlichkeit als Unsicherheit interpretiert wird, istfür eine Chemikerin, die weiß, wie oft Analysen manchmal wiederholtwerden müssen, erstaunlich, hat aber in Simes Argumentationskonzeptdie Funktion, die enge Zusammenarbeit von Physik und Chemie in denPersonen Hahn und Meitner zu unterstreichen. (Allerdings kann diePhysik auch nicht weiterhelfen, wenn die chemischen Befunde unsichersind.) Wie aus den Quellen hervorgeht (Brief vom 10.01. undLaborprotokolle), hat man sich aberkeineswegs nur mit Bariumbeschäftigt, um es zu "verifizieren", das war nicht mehr nötig, sondernman hat nach weiteren Spaltprodukten des Urans und gesucht undzusätzlich die Spaltbarkeit von Thorium untersucht.Für die Leser muss es nach Simes vorbereitenden Bemerkungendieser Art um so verwerflicher erscheinen, wenn von Hahn anschließendbehauptet wird, er würde den Anteil der Physik und von Meitner leugnen,insbesondere den vermeintlichen Sachverhalt, dass er und Straßmannerst durch Meitner auf die Idee gebracht werden mussten, nach derKrypton-Zerfallsreihe zu suchen .Diese Behauptung aber wurde von Sime konstruiert. Wie stellt siesich das vor? Im folgenden Abschnitt versuche ich, ihrenArgumentationskomplex zu einer Übersicht zusammenzufassen.Simes Grundthese für ihre weiteren Behauptungen ist dieAnnahme, die Entdeckung der Kernspaltung sei ein kontinuierlicherProzess, seit Meitner 1934 die Transuran-Arbeiten angeregt hat. 103 Belegtwird das durch ein Zitat aus Straßmanns Schrift 'Kernspaltung - Berlin,Dezember 1938':"Meine Meinung: Was bedeutet es, dass Lise Meitner nicht direkt teilhatte ander 'Entdeckung'?? Ihrem Impuls ist der Beginn des gemeinsamen Weges mit Hahn, ab102 a.a.O., S. 250103 a.a.O., S. 24142
1934, zuzuschreiben - 4 Jahre danach gehörte sie zu unserem Team - anschließend warsie von Schweden aus gedanklich mit uns verbunden (Briefwechsel Hahn-Meitner). Hahnhatte gründliche radiochemische, nur übliche analytische Kenntnisse - bei mir war esumgekehrt, und Analytik gab den Ausschlag! Aber es ist meine Überzeugung: LiseMeitner war die geistig führende in unserm Team gewesen, und darum gehörte sie zuuns - auch wenn sie bei der 'Entdeckung der Kernspaltung' nicht gegenwärtig war." 104In der englischen Übersetzung ist weggelassen, was Straßmannin diesem Abschnitt zweimal betont hat: Es handelt sich um seinepersönliche Meinung. Der Ausdruck "anschließend" wird von Sime mit"and" übersetzt. Es wurde der Satz weggelassen, in Straßmann darlegt,wie er die Bedeutung seinen eigenen Beitrages einschätzt.Für Hahns Verhalten wird als Quelle ein Satz aus seinem Brief anMeitner vom 07.02.1939 oft zitiert: "Wir haben bei der ganzen Arbeitereidie Physik absolut nicht berührt, sondern immer wieder nur chemischeTrennungen gemacht." 105Aus Simes These ergibt sich, dass dieseAussage als Leugnung gedeutet werden muss. Weiterhin befindet siegenerell, dass Hahn in seinen späteren Artikeln, Interviews, Erinnerungenund in seiner Autobiographie, Meitners Initiative für die Transuran-Arbeiten, ihrer leitenden Rolle in der Berliner Arbeitsgruppe und ihrerMitarbeit, nachdem sie geflohen war, nicht gebührend gerecht gewordenwäre.Sime glaubt, den Grund für Hahns verhalten zu kennen:"Hahn´s problem was that he wanted more from fission than a place in itshistory: it was to be his salvation, the heaven-sent gift that would render him politicallyand professionally invulnerable. For this, he had to transform the discovery intosomething that was his and his alone. The product of his institute, his Mitarbeiter, hisdiscipline - unencumbered by ties to other scientists and other disciplines. What madethis difficult was that the discovery was so inherently interdisciplinary. "Hahns Methode, um dieser Schwierigkeit beizukommen:"Hahn´s response was to define the discovery as the three week´s work he andStrassmann had done in Dahlem in December. Although at Christmas 1938 he stillregarded Meitner as a partner and the discovery as, a kind of work by the three of us', byFebruary 1939 he was sure he and Strassmann had 'absolutely never touched uponphysics, instead 'we only did chemical separations over and over again', and in March hebelieved the discovery was 'contrary to every physical authoritiy.'. The evolution wasinexorable: physics - and Meitner - were absent, irrelevant, opposed, obstructive. For aradiochemist in the shadow of physics the success of his discipline must have been asappealing as his disengagement from Meitner was politically useful." 106104 Straßmann, Kernspaltung, S. 23 Hervorhebungen wie im Original105 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 298106 Sime, Lise Meitner, S. 26543
Deshalb war es für Hahn notwendig gewesen, die fortgesetzteZusammenarbeit zu leugnen. Eine gemeinsame Publikation mit einerNicht-Arierin wäre nicht opportun gewesen. 107 Diesem Zweck dienteHahns "selektive Erinnerung" 108 und seine Behauptung, die Physik undMeitner habe eine frühere Entdeckung der Kernspaltung verhindert, belegtdurch Heisenbergs Erinnerung an Hahns Äußerung: "Ich weiß nicht; ichfürchte, Lischen hätte mir die Uranspaltung verboten." 109 Die Physiker-Einwände wurden von ihm als Beitrag nicht anerkannt. Dies sind, so findetSime, von Hahn erfundene pseudo-wissenschaftliche Gründe, weil ernicht zugeben wollte, dass Meitners Ausschluss politisch bedingt war. 110Die Folge von Hahns Verhalten: Wegen dieser Unterdrückung dergemeinsamen wissenschaftlichen Vergangenheit 111 wurde Meitner beimNobelpreis übergangen, obwohl die Arbeit interdisziplinär war. Einewissenschaftliche Wiedergutmachung nach dem Krieg war nicht möglich,weil sonst die Bedingungen wieder hätten thematisiert werden müssen,warum Meitner gezwungen war Berlin zu verlassen. 112 Hahns Versionging in die Geschichtsschreibung ein, weil er so überaus populär war.Simes Erklärung für Meitners Schweigen zu HahnsGeschichtsklitterung: gemeinsame Erinnerungen. 113Sime erstreckt den Entdeckungsprozess zurück bis 1934. Dannaber wäre zu bedenken, inwiefern nicht nur Meitner, sondern noch eineganze Reihe anderer Wissenschaftler miteinbezogen werden müssten:angefangen, um nur die wichtigsten Stationen zu nennen, von Chadwicküber Fermi bis zu Curie/Savitch. Sie alle haben entscheidende Beiträgegeleistet, ohne die die Entdeckung der Kernspaltung nicht möglichgewesen wäre. Jeder aus diesem Kreis hätte potentiell Entdecker werdenkönnen. Sie alle, die Beiträge geleistet haben, als Mitentdecker zubezeichnen ist sicher nicht Simes Intention. Und doch wäre es dieKonsequenz aus ihrer Definition des Entdeckungsprozesses als ein107 a.a.O., S. 241108 a.a.O., S. 264109 Heisenberg, Gedenkworte, S. 116110 Sime, Lise Meitner, S. 374111 Aus "surpressing the past" machte 'Der Spiegel' eine Unterdrückung Meitners. Der Spiegel Nr.21/96, S. 208112 Sime, Lise Meitner, S. 366113 a.a.O., S. 36944
Kontinuum seit Meitners Anregung zu den gemeinsamen Uran-Arbeiten1934. Als Beleg dient das oben genannte Zitat von Straßmann.Wie kam Straßmann zu diesen Aussagen? Ich denke mir, in ihmwirkte die wissenschaftliche Arbeit mit Meitner nach und beeinflusstebeispielsweise seine Überlegungen, die er zu Curies Bericht in 'Le Journalde Physique et le Radium' im Oktober anstellte. Die Hypothesen, die eineBildung von Radium durch Bestrahlung von Uran postulierten, warenanalog zu dem Schema, das er und Meitner im Frühjahr des gleichenJahres zu den Folgeprodukten aus der Bestrahlung des Thoriumsaufgestellt hatten. Ein Mensch, der für andere persönlich und beruflich vongroßer Bedeutung war, bleibt diesen auch bei Abwesenheit oder Todgedanklich gegenwärtig, gewissermaßen als innere Person. Ich denke, soist es gemeint, wenn Straßmann schreibt, "sie gehörte zu uns". Dieintensive Korrespondenz Hahns mit Meitner weist darauf hin, dass auch erähnlich empfunden haben muss. Der Inhalt der Briefe sagt in vielenVariationen: 'Ich wünschte, Du wärst dabei.' Emotion undVerstandesleistungen sind auch in der Wissenschaft nicht immer klar zutrennen. Das Ausmaß der gegenseitigen Beeinflussung als historischesFaktum festzulegen, ist jedoch kaum möglich. Es bleibt festzuhalten, dassdie persönlichen Bindungen stark waren. Sie jedoch als fortgesetztewissenschaftliche Zusammenarbeit zu deuten, ist gewagt. Auch das ZitatStraßmanns ist nicht zwingend ein Beleg für eine kontinuierlichewissenschaftliche Zusammenarbeit. Dort heißt es über Meitner: "4 Jahredanach gehörte sie zum Team - anschließend war sie von Schweden ausgedanklich mit uns verbunden." Bewusst oder unbewusst gab es auch beiStraßmann durch das erzwungene Ausscheiden Meitners eine Zäsur. Diedarüber hinaus bestehenden Bindungen waren persönlicher Natur. Esentsprach aber nicht den damaligen Publikationsgepflogenheiten, Meitnerwegen der persönlichen Verbundenheit als Mitautorin anzugeben. Ebensohat auch Otto Robert Frisch seinen physikalischen Nachweis derSpaltprodukte allein unter seinem Namen veröffentlicht. Die Arbeit beruhteauf den Überlegungen, die er gemeinsam mit seiner Tante angestellt hat,die gemeinsam in 'Nature' veröffentlicht wurden, aber die Versuche hat erin Kopenhagen allein durchgeführt und deren Ergebnis deshalb allein45
unter seinem Namen publiziert. Das Argument politischer Opportunitätgreift hier nicht. Es greift auch nicht bei Hahn und Straßmann. SolangeMeitner mitgearbeitet hat, gab es keine Scheu, sie bis zum Juli 1938, kurzvor ihrer Flucht, als Mitautorin aufzuführen und auch später praktizierteHahn nicht die Gepflogenheit, Juden nicht zu zitieren. Wenn also diePublikation in den 'Naturwissenschaften' nur die Namen Hahns undStraßmanns trägt, so ist dies kein Hinweis auf eine UnterdrückungMeitners, sondern ein Beleg dafür, das von einer fortgesetztenwissenschaftlichen Zusammenarbeit nicht gesprochen werden darf. AlsAutor wurde genannt, wer mit gearbeitet hat und verantwortlich für dieveröffentlichten Ergebnisse war. Es gibt keinen manifesten Hinweis, dassHahn dies anders gehandhabt hätte, wohl aber für das Gegenteil.Wenn Sime eine fortgesetzte Zusammenarbeit postuliert undbeklagt, dass Meitner von Hahn nicht in die Publikation miteinbezogenwurde, 114 die die Entdeckung veröffentlichte, so müsste siekonsequenterweise auch für die Novemberveröffentlichung Hahns undStraßmanns über die drei vermeintlichen Radiumisomere eineMitautorenschaft fordern. Davon ist bei ihr aber nicht die Rede. Da passtes besser, 'vehemente Einwände' Meitners zu konstruieren. Für dieHypothesen dieser Veröffentlichung, die sich später als falschherausstellten, sollte sie nicht mitverantwortlich sein. Die Logik diesesDeutungskonzeptes ist auch an dieser Stelle mangelhaft.Wie gliederte Hahn selbst die Vorgänge? Ein Blick in dasInhaltsverzeichnis seiner wissenschaftlichen Autobiographie kann darüberAufschluss geben. Darin unterteilte er die Arbeiten mit künstlichradioaktiven Atomarten wie folgt:"1. Bestrahlung des Urans und Thoriums mit Neutronen - mit Lise Meitner undFritz Straßmann ...2. Nicht erkannte Spaltung des Thoriums3. Lise Meitner, ihr Fortgang aus Berlin4. Fritz Straßmann5. Die sogenannten "Radium"-Isotope6. Die "Radium"-Isotope w a r e n Barium7. Indikatoren-Beweise für die Zerspaltung von Uran und Thorium8. Entwirrung der bei der Zerspaltung auftretenden aktiven Atomarten ..." 115114 a.a.O., S. 234, 241115 Hahn, Vom Radiothor zur Uranspaltung, S. VIII46
Der Einschub der Kapitel 3 und 4 vor den "Radium"-Arbeitendeutet auch hier eine Zäsur an. Zur unmittelbaren Vorgeschichte derEntdeckung gehört nach seiner Wahrnehmung Curies '3,5-Stunden-Körper' und der eigene Versuch, diesen abzutrennen.Auch chemisch wurde das Arbeitsgebiet erweitert:"Neben der für die Trans-Urane immer benutzten Schwefelwasserstoffällungwurden jetzt einzelne andere analytische Gruppen geprüft." 116Es wurden jetzt hauptsächlich Fällungsreaktionen der zweiten,dritten (Seltene Erden) und vierten Hauptgruppe durchgeführt auf derSuche nach Radium, Actinium und Thorium.Nach dem Weggang Meitners endete auch weitgehend dieZusammenarbeit mit der Physik. Sime betont selbst das Fehlen derPhysik in dieser Phase (freilich auf ihre Weise):"Scientifically, too, Hahn was floundering. Without direction from physics, helacked confidence in the barium finding " 117oder:"Without [Meitner], Hahn was somewhat adrift." 118Beispielsweise unterblieb die eigentlich notwendige Suche nachα-Strahlung, weil sich die entsprechenden Instrumente dafür in derMeitnerschen Abteilung befanden, zu der der Kontakt nun gestört war.Den Physikern dort wollte Hahn nichts von seinen Ergebnissen sagen.Persönlich und weltanschaulich lag man nicht auf einer Linie. DieKorrespondenz mit Meitner betrachtete Hahn als Privatangelegenheit. DieBriefe in ihrer gesamten Länge belegen dies. In seiner Gefangenschaft inEngland 1945 erinnerte sich Hahn an die Gründe seines Verhaltens:"Lise Meitner hatte ich schon 1938 regelmäßig über unsere Ergebnisseinformiert. Dabei hatte ich die eigenen Physiker bei uns im Institut nicht informiert. ... Ichhielt diesen Weg für anständiger und loyaler der Lise Meitner gegenüber, die doch durchihr Fortgehen aus Dahlem diese schönen Ergebnisse des Instituts nicht mitmachenkonnte. Außerdem waren unsere, Straßmanns und meine Arbeiten die unmittelbareFortsetzung der 'Trans-Uran-Arbeiten' mit Lise Meitner." 119116 a.a.O., S. 129117 Sime, Lise Meitner, S. 250118118 a.a.O., S. 234119 D. Hahn, Erlebnisse und Erkenntnisse, S. 6047
Als Leugnung einer fortgesetzten Zusammenarbeit, womöglichaus Angst um den Posten, ist das Verschweigen dieses Briefwechsels vorden Physikern des Instituts nicht zu deuten. Hahn begründet es alspersönliche Loyalität gegenüber Meitner. Bei der wissenschaftlichenArbeit lassen sich Kollegen nicht beliebig austauschen.Die Transuran-Arbeiten waren interdisziplinär. Mit der Aufstellungder drei isomeren Zerfallsreihen waren sie zu einem vorläufigenAbschluss gekommen, sodass die ausführlichen Publikationen in der'Zeitschrift für Physik' 120und in 'Berichte der Deutschen ChemischenGesellschaft' 121 von 1937 die bis dahin erarbeiten Ergebnissezusammenfassten. Danach wurden die Arbeiten über die Folgeprodukteder Uranbestrahlung eingeschränkt. Im Sommer 1938 folgte dann nocheine Mitteilung über eine neu gefundene 60-Stunden-Aktivität, die letztegemeinsame Publikation. Hahn und Meitner befassten sich daneben auchwieder mit eigenen Arbeiten. Meitner hatte sich, gemeinsam mitStraßmann, wieder dem Thorium zugewendet. Auch Curies 3,5-Stunden-Körper wurde als vermeintliches Thorium im Filtrat der Lösungenbestrahlten Urans gesucht, allerdings vergeblich. Als Curie daraufhin dieAktivität einem Actinium-Isotop zuschrieb, hielt das Meitner für derartunwahrscheinlich, dass sie sie einem 'Dreckeffekt' zuschrieb und dasInteresse daran verlor. Bald danach sah sie sich gezwungen zu fliehen.Die wissenschaftliche Arbeit zeigt also in verschiedener Hinsichtkein klares Kontinuum bis zur Auffindung der Kernspaltung und sie warennur bis zu Meitners Ausscheiden als interdisziplinär zu bezeichnen. DieArbeiten, die zur Entdeckung führten, wurden von Straßmann nach derLektüre der Curie/Savitch-Arbeit im Oktober 1938 initiiert. Straßmann istscheinbar oft danach gefragt worden:"Was heißt bei wissenschaftlichen Entdeckungen 'Datum'? ... Nach Jahren derArbeit in einer Richtung - Vergleichen mit ähnlichen Arbeiten anderer Forscher in derganzen Welt - Zweifeln an der Richtigkeit das allmählich sich Entwickelnden in dereigenen Forschung - reift schließlich der Entschluss, das erhaltene Resultat derÖffentlichkeit mitzuteilen." 122Das 'Datum' der Entdeckung, der Beginn des "sich allmählichEntwickelnden", findet seine Eingrenzung also mit dem Beginn der120 Meitner, Hahn, Straßmann, Umwandlungsreihen des Urans, Zeitschr. f. Physik 1937, S. 249121 Hahn, Meitner, Straßmann, Über die Trans-Urane, Berichte. Dt. Chem. Gesellsch. 1937, S. 1374122 Straßmann, Kernspaltung, S. 3748
Fraktionierungen am 25. November und dem Abschluss derIndikatorversuche am 17. Dezember. Hahn selbst sah es so und daraufbezog sich seine Aussage "wir haben bei der ganzen Arbeiterei die Physikabsolut nicht berührt". Dass die Arbeit nicht ohne die Transuran-Arbeitenmit Meitner möglich gewesen wäre, war Hahn klar (siehe oben Zitat derFußnote 116). Um noch mal eine Wort von Straßmann zu benutzen:"Jeder fußt auf den Erkenntnissen der Vorangegangenen ..." 123Kompliziert wird die Deutung von Hahns Aussage allerdingsdadurch, dass es sich hier um ein Missverständnis seinerseits handelt.Meitner hatte am 05.02.1939 geschrieben:"Aber das wesentliche ist eben, daß ich mit so leeren Händen hergekommenbin. Jetzt wird Siegbahn allmählich glauben - besonders nach Euren so schönenErgebnissen -, dass ich überhaupt nichts gemacht habe und Du auch die ganze Physik inDahlem gemacht hast. Ich verliere allmählich allen Mut." 124Diese Befürchtung, resultierend aus der Niedergeschlagenheitund eigentlich etwas abwegig, wurde von Hahn völlig falsch verstanden.Wo Meitner die gesamte Zusammenarbeit betrachtete, bezog sich Hahnnur auf die Wochen seit den Radiumfraktionierungen. Dies wird deutlich,wenn man noch einmal den gesamten Absatz im Antwortbrief vom 07.02.betrachtet:"Wie Du glauben kannst, Siegbahn denkt, Straßmann und ich machten auchdie Physik, verstehe ich nicht. Wir haben bei der ganzen Arbeiterei die Physik absolutnicht berührt, sondern immer und immer wieder nur chemische Trennungen gemacht.Wir kennen doch unsere Grenzen und wissen natürlich auch, daß in diesem besonderenFalle es zweckmäßig war, nur Chemie zu machen." 125Dies wurde nun wieder von Sime missverstanden, die dieseÄußerung auf den Zeitraum der gemeinsamen Arbeit bezieht. Hahn hatteaber Meitner mehrmals geschrieben, dass in den vergangenen Wochenungewöhnlich intensiv gearbeitet wurde. Wenn er den Ausdruck 'dieganze Arbeiterei' benutzt und von 'diesem besonderen Falle' spricht, sollfür die Adressatin klar werden, dass er diesen unmittelbarvorangegangenen Zeitraum meint. Aus dieser Äußerung im richtigenZusammenhang gesehen, ist deshalb keine Leugnung des Anteils derPhysik oder Meitners bei den gemeinsamen Transuran-Arbeiten123 a.a.O., S. 22124 D. Hahn, Erlebnisse und Erkenntnisse, S. 99125 a.a.O., S. 10149
abzuleiten. Die Eindeutigkeit mit der Sime ihre These vertritt und darausschwere Vorwürfe gegen Hahn ableitet, ist nicht angemessen.Es bleibt nach diesen Betrachtungen festzuhalten, dass auchHahns Definition des Entdeckungszeitraumes berechtigt ist. DieBedeutung der Vorgeschichte wird von ihm keineswegs geleugnet,sondern er hat die Transuran-Arbeiten nie unerwähnt gelassen, wenn erden Weg zur Entdeckung beschrieb, z.B. im o.g. Zitat der Fußnote 116oder seiner wissenschaftlichen Autobiographie (s.o. Ausschnitt aus demInhaltsverzeichnis Fußnote 112). Hahns Brief vom 07.02., "ein Zeugnisseines Selbstbetruges aus Angst" 126 , wird von Sime zum Großteil zitiert.Bezeichnenderweise fehlt eben der Absatz, in dem Hahn die Absichtseines Schlusssatzes der Publikation erläutert:"Dann überlegte ich mir, wohin ich einen Passus über das Segensreicheunserer früheren Erfahrungen setzen könnte, und kam, wie ich bis heute dachte, zu demschönen Ergebnis, unsere gemeinsamen Erfahrungen als Schlusssatz zu setzten, denjeder liest. Ich wurde bestärkt darin, als mich Rosbaud nach Einsenden der Arbeit an dieNaturwissenschaften telefonisch anrief und mir sagte, der Schlusssatz habe ihm so gutgefallen und ihn besonders gefreut." 127Es ist natürlich nicht möglich, in einem solchen Buch allesvollständig zu zitieren. Wer jedoch antritt, das Verhältnis von Hahn undMeitner zu analysieren, der zitiert sinnentstellend, wenn gerade dieserAbschnitt ausgelassen wird.Der genannte Schlusssatz der Publikation lautet:"Daß die im Vorstehenden beschriebenen, zahlreichen neuen Umwandlungsproduktesich in verhältnismäßig kurzer Zeit mit - wie wir glauben - erheblicher Sicherheitfeststellen ließen, war nur möglich durch die Erfahrung, die wir bei den früheren, inGemeinschaft mit L. MEITNER durchgeführten systematischen Versuche über dieTransurane und die Thorumwandlungsprodukte sammeln konnten." 128Wo und wie hätte es Hahn noch deutlicher machen können? Undnoch einmal seine Erinnerung in der Gefangenschaft 1945:"Außerdem waren unsere, Straßmanns und meine Arbeiten die unmittelbareFortsetzung der 'Trans-Uran-Arbeiten' mit Lise Meitner." 129Dass die "Uranplatzerei" 130 sich günstig auf Hahns Stellung imInstitut auswirkte und ihn politisch unverletzlicher machte, ist ein positiver126 Sime, Lise Meitner, S. 256127 Krafft, Im Schatten der Sensation, S. 298128 Hahn/Straßmann, Aktive Bariumisotope, Naturwiss. 6, 1939, S. 95 u. Krafft, Im Schatten derSensation, S. 293129 D. Hahn, Erlebnisse und Erkenntnisse, S. 60130 a.a.O., S. 10150
Nebeneffekt. Ein von Sime oft zitierter Satz aus dem Hahn-Brief vom07.02.:"In dieser Sache [den Instituts-Querelen mit den nationalsozialistisch gesinntenWissenschaftlern] ist mir die Arbeit über das Uran ein vom Himmel gesandtesGeschenk." 131Es war tatsächlich, wie Sime bemerkt, 132 eine Rettung. Aber dafürwar es nicht notwendig, sich von Meitner oder der gesamten Physikloszusagen. Straßmanns und seine Arbeit war auch mit Meitners Anteilspektakulär genug. Simes Argumentation entbehrt auch hier dermanifesten Grundlage.Sinneswandel:Des Weiteren konstatiert die Autorin bei Hahn einen"Although at Christmas 1938 he still regarded Meitner as a partner and thediscovery as 'a kind of work by the three of us', by February 1939 he was sure he andStrassmann had 'absolutely never touched upon physics, ', and in March he believedthe discovery was 'contrary to every physical authority', The evolution wasinexorable" 133Sime bezieht sich dabei auf den Hahn-Brief vom 07.02.1939, densie auf den Seiten 255 und 256 zum größten Teil, aber mitentscheidenden Auslassungen zitiert hat. Sie durchschaut dabei auch,warum hier ein "Sinneswandel" vollzogen wurde:"If in December he still thought of a publication by Meitner almost as 'work bythe three of us', it was because he still needed her active contribution. By February, hecould barely bring himself to cite her name." 134Hahns Zitate wurden aus ihrem Zusammenhang gerissen undweiter oben zeigte ich, dass Sime die Aussagen auf einen falschenZeitraum bezieht. Das konnte passieren, weil die englische Übersetzungdie Hahnschen Ausdrücke in ihrer Bedeutung nicht genau erfassen kann."Bei der ganzen Arbeiterei" wurde übersetzt mit "In all our work", was sehrleicht so verstanden werden kann, dass die gesamte gemeinsame Arbeitmit Meitner gemeint sei. "nicht" wurde mit "never" übersetzt, was demMissverständnis auch noch mal Nachdruck verleiht. In ihren richtigenKontext gestellt, ergeben Hahns Aussagen aber in keiner Weise einenBeleg für einen Sinneswandel in Bezug auf Meitner. Sie in einekonstruierte Entwicklungsreihe zu stellen, ist in historiographischer131 w.o.132 Sime, Lise Meitner, S. 265133 w.o.134 a.a.O., S. 25651
Hinsicht nicht vertretbar. Hier begibt sich Sime wieder auf das Terrain derFiktion, was aber als solche nicht kenntlich gemacht wird.Dieser 'Sinneswandel' aus Angst um den Posten infolge derRassenpolitik ist logisch und psychologisch kaum nachvollziehbar. Warumhat Hahn seit 1933 über fünf Jahre lang zu Meitner gestanden, nach ihremWeggang Behördengänge für eine Reichsflüchtige getätigt, um ihrenHausrat nach Schweden transportieren zu lassen und andere wichtigeAngelegenheiten abzuwickeln, und nun nach der großen Entdeckung, dieihn doch "gerettet" hat, wie Sime selbst bemerkt, soll er Angstbekommen? Das ist logisch nicht nachvollziehbar. Die äußerenBedingungen hatten sich innerhalb dieser Zeit noch nicht entscheidendverschlechtert. Warum sollte sich Hahn gezwungen sehen, MeitnersBeitrag zu unterdrücken, da er zu diesem Zeitpunkt, am 07.02, inDeutschland noch gar nicht bekannt war? Meitners und Frischs Arbeiterschien erst Mitte Februar in 'Nature'.Sime stört sich auch an der Aussage Hahns, dass der entdeckteBefund allen bisherigen kernphysikalischen Erfahrungen undVorstellungen widersprach. Damit wollte er sich von der Physikdistanzieren, um die Entdeckung allein für die Chemie zu beanspruchen.Die Physiker-Zweifel, dass es am Kern größere Veränderungen gebenkönnte, hat Sime aber selbst ausführlich beschrieben. Auch Straßmannhat das noch Mitte der fünfziger Jahre genauso dargestellt. 135 DerPhysiker Heisenberg hat diese Ansicht wie weiter oben zitiert (S. 30,Fußnote 66) ebenfalls geäußert. Von Sime wird ein Dissens konstruiert,den es nie gegeben hat. Die Zitate werden so ausgesucht undzusammengestellt, dass beim Lesen der Eindruck entsteht, Hahn hätteschon 1939 mit einem Auge auf den Nobelpreis geschielt, den er für sichallein einheimsen wollte.3.3.2. Die Nachkriegsjahre135 Straßmann, Fritz: Über die Entdeckung der Uranspaltung In: Mitteilungen der MPG, Göttingen1, S. 17-18, 1957 "Ich glaube, nur die Gewissheit, in unermüdlicher jahrzehntelanger geduldigerArbeit sich einen Stamm von Mitarbeitern zu einer unerlässlich notwendigen Arbeitsdisziplinherangezogen zu haben, die eine Infektion unwahrscheinlich machte, konnte die Sicherheit derAussage rechtfertigen, die im scharfen Gegensatz zu den damals gültigen Anschauungen derKernphysik stand."52
Nach Simes These wurde Meitner beim Nobelpreis übergangen,wegen Hahns Unterdrückung der gemeinsamen wissenschaftlichenVergangenheit, obwohl die Arbeit interdisziplinär war. Hier ist wiederSimes These zugrunde gelegt, dass der Entdeckungszeitraum bis 1934zurück reiche. Ich habe weiter oben gezeigt, dass auch die Sichtweise,dass der Zeitraum seit November 1938 maßgeblich sei, in gleicher Weiseberechtigt ist. Das Nobelkomitee jedenfalls kam zu letzterer Auffassungund erteilte den Preis an Hahn für die Entdeckung der Spaltung schwererKerne durch Neutronenbestrahlung. Gehören die interdisziplinärenTransuran-Arbeiten dazu, oder nicht? Die Frage, ob Meitnermiteinzubeziehen sei, war schon damals umstritten. Der Aufsatz vonCrawford, Sime und Walker zu dieser Thematik ist aufschlussreich,insbesondere bezüglich der hervorgebrachten Argumente derGutachter. 136Die Zeitgenossen fragten sich aber kaum, warumStraßmann außen vor blieb. Auch Sime fertigt diese Tatsache in einemNebensatz ab. 137 Es ist nicht ihr Anliegen, seinen Anteil ins Bewusstseinzu rücken. Dafür wird auf unverhältnismäßig vielen Seiten dieUngerechtigkeit von Meitners leerem Ausgehen beklagt. Dass die Schulddafür nicht Hahn zuzusprechensei, geht aus meinen obigenAusführungen hervor. Ein möglicher Grund wird auch von Sime selbstgenannt:"Quite possibly the decision to stay with Hahn was also constrained by theNobel three-person rule: if Meitner joined Hahn, it would be difficult to excludeStrassmann and Frisch." 138Das Komitee hatte eine komplizierte Entscheidung zu treffen. DasProblem war die schwer zu beantwortende Frage: Was ist eineEntdeckung und was alles gehört dazu?Für Meitner war die Nobelpreisverleihung 1946 eineEnttäuschung. Nachdem sie wieder einmal für den Physikpreisvorgeschlagen war, ist sie wieder einmal leer ausgegangen. Aus ihrenBriefen geht hervor, dass sie sich aber viel tiefer getroffen fühlte durch dasVerhalten Hahns bei seinem Aufenthalt in Stockholm anlässlich seinerPreisverleihung.136 Crawford, Sime, Walker, Kernspaltung und ihr Preis, Kultur u. Technik, 2/97, S. 31137 Sime, Lise Meitner, S. 328138 a.a.O., S. 32853
"I found it quite painful that in his interviews he did not say one word about me,to say nothing of our thirty years of work together." 139Zwischen beiden war es zu tiefgreifenden Differenzengekommen. Meitner hatte Hahn gedrängt, sich mit den Verbrechen derNazis auseinanderzusetzen, wobei sie bei ihm auf große Widerstände traf.Meitner war besorgt und enttäuscht:"Hahn came here completely permeated with the idea that Germans are beingtreated unjustly, especially by the Americans, which from a certain point of view isunderstandable. Less understandable to me, he absolutely suppresses the Nazi crimes,and is thereby led to very wrong convictions. He does have the faults of his virtues.Probably one cannot be such a charming person and also very deep." 140An James Franck schrieb sie zur selben Zeit:"... he suppresses the past with all his might, even though he always trulyhated and despises the Nazis. As I am part of the suppressed past, Hahn never, inany of his interviews about his life work, mentioned our long years of work together, nordid he even mention my name." 141Hahns Verhalten erscheint unverständlich. Nachdem Meitner zuihrem Entsetzen kurz zuvor als 'jüdische Mutter der Atombombe' gefeiertworden war, hätte er nun die Möglichkeit gehabt, vor den Augen derÖffentlichkeit klarzustellen, für was ihr Name wirklich steht. Da erwarteteMeitner vielleicht zu viel von ihm. Beide hatten eine schwere Zeit hintersich, die Spuren hinterlassen hat. Verluste und Trennungen, sowohl inberuflicher Hinsicht, wie auch privat, mussten von beiden verkraftetwerden. Die Schuld, die sich Deutschland durch die Taten der Nazisaufgeladen hat, ist für den einzelnen Deutschen in so kurzer Zeit nicht zuverarbeiten. Die Abwehrreaktion ist vielleicht nicht akzeptabel, aberverständlich. Was muss diese Schande für einen Patrioten wie Hahnbedeutet haben, sich fragen zu müssen, was man unterlassen hat, obman nicht doch ungewollt kollaboriert hat? Sein in der Kaiserzeitgründendes Selbstverständnis verlangte von ihm Pflichterfüllung demStaat gegenüber. Ein von den verachteten Nationalsozialisten geführtesHeimatland musste ihn in Konflikt bringen. Aber vielfache Beispiele(Haber-Feier, Einsatz für jüdische Freunde und Mitarbeiter,Behördengänge für die geflohene Lise Meitner) zeigen, dass er sich beialler Staatstreue nicht bedingungslos angepasst hat. Viel mehr, etwa139 Meitner an Eva Bahr-Bergius, 24.12.1946, a.a.O., S. 344140 Meitner an Lola Allers, 29.12.1946, a.a.O., S. 345141 Meitner an Franck, 16.01.1947, w.o.54
aktiver Widerstand, kann von einer Persönlichkeit mit diesenGrundeinstellungen eigentlich kaum erwartet werden. Ich finde,angesichts der damaligen Verhältnisse, seiner Persönlichkeitsstruktur undseiner sozialen Stellung ist Hahn in seiner Antihaltung relativ weitgegangen. Ich denke, dass nach dieser konfliktreichen Zeit, nach seinermoralischen Verurteilung des Bombenabwurfs über Hiroshima, dasBewusstwerden der unermesslichen Gräueltaten, die im Namen seinesHeimatlandes begangen wurden, traumatisch gewesen sein muss. DasWegsehen war die natürliche Reaktion, das Nicht-wahr-haben-wollen warfür jeden Vernünftigen angesichts der Fakten unmöglich.Es bleibt auch die Frage offen, wie sich Meitner verhalten hätte,wenn sie nun nicht jüdischer (genauer: halbjüdischer) Herkunft gewesenwäre. So sehr unterschied sie sich im Denken und Handeln nicht vonihren Kollegen. Leicht ist es nach dem Krieg, wenn man es besser weiß,vorzuwerfen, die Kollegen hätten sich, um des Überlebens derWissenschaft willen, dem Unrechtsregime angepasst und es dadurchstabilisiert. Sime reklamiert zwar für Meitner, sie hätte schon vorKriegsende ihre Freunde bedrängt, die Verbrechen ihres Landes offenanzuerkennen, 142 erbringt dafür aber keinen Beleg. Die zitierten Briefesind aus dem Jahr 1946. Sime spricht dabei Max Planck, aufgrund einesZitates ohne Quellenangabe, die Anerkennung von individuellerVerantwortung und Kollektivschuld zu - und allen anderen von LisesFreunden ab. Davon abgesehen, dass diese Einschätzung Plancksmeinen Kenntnissen nach völlig daneben liegt, wird hier die These der'Kollektivschuld der Deutschen' nicht diskutiert, sondern einfach alsTatsache genommen. Möglicherweise sind es Simes eigene Gedanken,die sie Lise Meitner in den Mund legt, denn ich kann nicht glauben, dassMeitner von den Deutschen annahm, sie würden angesichts derGräueltaten der Nazis nichts fühlen und zur Tagesordnung übergehen.Solche Pauschalurteile verbreiten Stammtischatmosphäre. Aus MeitnersBriefen lese ich die Forderung, hinzuschauen, auch wenn es weh tut.Doch dazu war es offensichtlich für die meisten noch viel zu früh.14255
Wer aus Widerwillen vom Tagesgeschehen zurückgezogen lebte,dem konnte die ganze Inhumanität dieses Systems, zum Zeitpunkt alsman sich 'anpassen' musste, nicht unbedingt bewusst gewesen sein.Hahn mag Meitners Vorwürfe als ungerechtfertigt empfunden haben, auchwenn es ihr mehr darum ging, sich seines eigenen passiven Verhaltensbewusst zu werden, damit es sich in Zukunft nicht wiederhole. Dochdarüber konnten sich die beiden damals nicht einigen. Spätere Zeugnissedieser Auseinandersetzung gibt es offensichtlich nicht. Entweder habensie sich ausgesprochen, oder das Thema wurde begraben.Vielleicht kann diese Betrachtung Hahns Interviews und seineArgumentation unter Freunden erhellen. Möglichweise nutzte er aber aucheinfach die Gelegenheit, die Radiochemie aus dem Schatten derKernphysik herauszuholen. Man kann dazu nur Vermutungen anstellen.Meitner jedenfalls, in einer anderen Situation als er, fühlte sich persönlichverletzt, aber Hahn nahm das offensichtlich nicht wahr. In seinemFestvortrag am 13. Dezember, der die Entwicklung von Bequerel bis zurAtombombe zusammenfasste, hat er jedoch in sachlich knappen Wortendie dreißigjährige Zusammenarbeit mit Meitner und ihre physikalischeDeutung der Kernspaltung korrekt aufgeführt. 143nicht erwähnt.Meitners Flucht wurdeFür Sime ist Hahns Verhalten eindeutig Teil seines Planes, dieKernspaltung allein für die Chemie und für Deutschland zu beanspruchen.Zu Hahns Festvortrag muss Sime zugeben, dass er Meitner nichtvollständig ignorieren konnte, kritisiert aber, dass Hahn die Entdeckungallein aus der Sicht der Radiochemie beschrieb und dadurch wiedereinmal seine fortgesetzte Zusammenarbeit mit Meitner unterschlug unddarauf bestand, dass die Kernspaltung entgegen den Erfahrungen derKernphysik festgestellt wurde. 144Dass eine Entdeckung, die ausschließlich durch chemischeExperimente erfolgte, aus chemischer Sicht beschrieben wird, istberechtigt. Zudem ist in Hahns Vortrag nur die Phase der Arbeiten überdie 'Radium'-Isotope und den Nachweis der Spaltprodukte auschemischer Sicht beschrieben. Die Vorgeschichte und die Entwicklung143 Hahn, Mein Leben, S. 247 ff144 Sime, Lise Meitner, S. 34256
nach der Entdeckung betrachtet die eigenen radiochemischen und dieentscheidenden physikalischen Arbeiten. Die Feststellung, dass dieEntdeckung den damaligen kernphysikalischen Erfahrungen widersprach,war richtig. Da Hahn seinen Briefwechsel mit Meitner als Privatsachebetrachtete, sah er aus seiner Sicht wahrscheinlich keinen Grund, ihn inseinem fünfzig Jahre Strahlenforschung zusammenfassenden Festvortragzu erwähnen.Hahns Darstellung seiner Differenzen mit Meitner von 1946 inseinen Memoiren von 1968 findet Sime offenkundig unwahr. Sie fragt sich:"Was his faulty memory the guilty expression of having wished her away? One wonders: Why did he feel the need to make himself look good and Meitner bad,when he could easily have said nothing at all?" 145Sime kann sich die Antwort denken:"Hahn was not resting comfortably on his laurels. At the center of hisdiscomfort, always was Lise. With her, his character was always somewhat in question;with her, he could never be completely sure his version of the discovery would hold. Andso, in what he knew would be his final memoir, written when he was in his eighties, heasserted his Lesart one last time: he distorted the facts of Lise´s emigration to avoidacknowledging that she would have shared in everything had she not been forced to flee;he denied that she took part in the discovery because he could not admit he hadexcluded her to protect himself and then lied about it ever since; he twisted the issue ofthe Nobel Prize, because he would not concede that it was wrong for him to be rewardedfor work all three had done." 146Ein fehlerhaftes Gedächtnis ist nicht Ausdruck dafür, dass Hahnsich Meitner weggewünscht hätte. Es ist die sehr subjektive Erinnerungeines fast Neunzigjährigen zu Begebenheiten, die über zwanzig Jahrezurück liegen. Dies ist bei der Quelleninterpretation zu berücksichtigen.Hahn hat niemals die Anerkennung verweigert, dass Meitner an allembeteiligt gewesen wäre, wenn sie nicht hätte fliehen müssen. Hahns Preiswurde nicht für die Transuran-Arbeiten erteilt, sondern für die Entdeckungder Kernspaltung, die er mit Straßmann gemacht hatte. Auch wenn Simedas heute anders sieht, die Vorgeschichte gehörte für Hahn, und auch fürdas Nobelkomitee, nicht zum unmittelbaren Entdeckungsprozess. Das warseine Überzeugung und deshalb gab es für ihn einfach nichts anderes zusagen oder zu schreiben bis an sein Lebensende. Folglich erübrigen sichalle weiteren Vorwürfe der Leugnung, der Lügen und Verzerrungen, denn145 a.a.O., S. 206146 a.a.O., S. 34357
diese setzen voraus, dass Hahn es eigentlich besser gewusst hätte, unddas wurde von Sime nicht belegt.Wie lautete Hahns 'Lesart', die sich nach derNobelpreisverleihung endgültig in der Geschichtsschreibung durchgesetzthätte? Während seiner Internierung in Farm Hall hat er seine Sicht derEntdeckung in einem Memorandum an Major Rittner am 8. August 1945festgehalten:"As long as Prof. Meitner was in Germany the fission of uranium was out of thequestion. It was considered impossible. Based on extensive chemical investigations ofthe chemical elements which resulted from irradiating uranium with neutrons, Hahn andStrassmann were forced to assume by the end of 1938 that in these processes uraniumsplits into two pieces, of which one piece, the chemical element barium, was determinedwith certainty.The production of barium from uranium was communicated to Prof. Meitner inStockholm in a number of letters even before publication in Germany. With her nephewDr. O.R. Frisch she explained the experimental findings of Hahn and Strassmann, the'nuclear fission' which had previously been thought impossible." 147Die Fakten dieser Darstellung sind korrekt. Aber Sime ist empört,dass Hahn nach dem Krieg nichts anderes zu tun hatte, als seine Versionder Entdeckung zu wiederholen. Es fehlen ihr die dreißig Jahregemeinsamer Arbeit mit Meitner, die 'fortgesetzte Zusammenarbeit' inBriefen, das 'entscheidende' Treffen in Kopenhagen." In 1939, Hahn made it clear that fear for his professional survival drove him topull the discovery out of its physics context and to distance himself from Lise Meitner. Butin 1945 the war was over and the Third Reich gone. Why was he still pushing her away?Hahn was calling on fission to serve again - not just himself this time, bit hisdefeated country He would use the importance of the discovery and his personalprestige to call attention to Germany's misery and rebuild German science. He saw nopurpose in looking back to the injustices of the Third Reich; he felt no personal necessityto make amends. He wanted the discovery to be his alone. And Germany´s." 148Hahn fand Unterstützung für seine 'Version' bei Kollegen:"Among the most ardent supporters of Hahn´s Lesart would be severalmembers of the Farm Hall fraternity: Erich Bagge, Walther Gerlach, Heisenberg andWeizsäcker. Farm Hall had forged them into an exceedingly loyal group; they wouldspeak with one voice about fission and its development. Their message was simple: thediscovery of fission belonged to chemistry, to Hahn, and to Germany A detailed, openexamination of the science was never on their agenda: it would have exposed theinterdisciplinary of the discovery and the injustice, fear, and dishonesty of that time. Mostespecially, Lise Meitner was not to be part of the history they were constructing. Withrespect to her, as with so much else, they abandoned whatever standards of justice andfairness they may once have had." 149In Simes Darstellung scheint sich gegen Meitner eine richtigeVerschwörung zusammengebraut haben, aus Angst, dass die 'Wahrheit'147 a.a.O., S. 343148 a.a.O., S. 324149 w.o.58
ans Licht kommen könnte. Ihre Person scheint deutschem Wohlbefindenentscheidend im Weg zu stehen. Hahn wird dabei auch in die Nähe zueiner angeblich geplanten deutschen Atombombe gebracht:"... an honest description that included physics and Meitner would have shownthat she was unjustly denied her share of the discovery; and that would have spoiledhis political message: that fission was a pure achievement of German science, thatGerman scientists were upright men who had not succumbed to Hitler or tried to turnfission into a weapon of war. (That, too, was mostly false, as was Hahn´s claim that hisinstitute never did military work during war.) 150Die dazugehörige Fußnote erläutert diese Bemerkung:"Mark Walker ... notes that research was done in Hahn´s institute - in particular,studies of resonance absorption and the chemistry of transuranic elements - that wouldhave been necessary for the manufacture of nuclear weapons had the German fissionproject ever gotten that far. In Otto Hahn, A Scientific Autobiography is a table of some100 fission fragments identified in Hahn´s institute during the war; knowledge of thechemistry and neutron absorption characteristics of such fission products would havebeen vital for running a reactor, either for energy production or breeding plutonium. InOperation Epsilon: The Farm Hall Transcripts for example, Hahn says "Element 93can be quantitatively separated from 92. Strassmann and I have worked out thequantitatively separation"; it is evident that they were quite prepared to work on thechemistry of element 94, had they been able to produce it in quantity. In hisAutobiography, Hahn complains about his weak neutron sources, but in OperationEpsilon he states that Heisenberg´s laboratory had a high-tension apparatus from whichhe obtained stronger preparations, even after his institute was moved to Tailfingen.Altogether, it is evident from the Farm Hall scientific discussion that Hahn and his coworkersin the KWI for Chemistry were knowledgeable contributors to the fissionproject." 151 Es wird festgestellt, dass Hahn und Straßmann vorbereitetgewesen wären, die Chemie von Plutonium zu untersuchen, da siepraktisch reines Element 93 gewinnen konnten. Um das zu erfahren hätteman Hahn in Farm Hall nicht belauschen müssen. Er und Straßmannhatten 1942 ihre ausgearbeitete Methode zur Abtrennung und dieEigenschaften von Element 93 in einer ausführlichen Publikation in den'Naturwissenschaften' beschrieben. 1940 war es McMillan und Abelsongelungen, erstmals Element 93, Neptunium, das erste wirklicheTransuran, zu identifizieren. Im Frühjahr 1942 konnten Straßmann undHahn diesen Befund bestätigen. Wegen der schwachen Neutronenquellenmussten sie sich zur Isolierung des Elements 93 von Uran und denSpaltprodukten ganz eigene Methoden einfallen lassen. Neben derBeschreibung der Eigenschaften ging es dabei vor allem auch um dieEntscheidung, ob es sich dabei um ein Eka-Rhenium handelt, oder obdem Uran eine Reihe sehr ähnlicher Elemente analog den Lanthaniden150 a.a.O., S. 371151 a.a.O., S. 49959
folgt, denn die Unsicherheit über die vermuteten Eigenschaften hattelange Zeit die Suche erschwert. 152 Es ging also um nichts weniger (aberauch nicht mehr) als die Erforschung der Anordnung desPeriodensystems. Dass Thorium, Protactinium und Uran die ersten dreiMitglieder der Reihe der so genannten Actiniden sind, war damals nochnicht klar. Das Element unter Rhenium hat heute die Ordnungszahl 107,Nilsbohrium. (Mittlerweile kennt man schon Element 109, Meitnerium.)Element 93 ist, wie sich später herausstellte, ein Eka-Promethium. Es zerfällt in Element 94, Plutonium. Sime schreibt: "wärensie in der Lage gewesen, es in großen Mengen herzustellen." Gerade dasist aber das Entscheidende für eine eventuelle militärische Nutzung: Werim Labor einige Atome Plutonium herstellen kann, der ist noch sehr weitvon einer großtechnischen Produktion entfernt. Wurde in Berlin das Zielder Plutoniumherstellung für die Bombenproduktion verfolgt? GünterHerrmann hat sich mit dieser Frage beschäftigt:"Not even an attempt to find the decay product, element 94, is mentioned in thelaboratory notebooks of Hahn and Strassmann. likely, [they] considered a search forthe decay product of 239 Np as a hopeless enterprise since McMillan and Abelson hadalready tried without success, to find alpha particles emitted by an element 94 growing ina strong 239 Np sample. Thus, 239 Pu was in fact already accessible, in very smallamounts of a few bequerel but sufficient enough for detection.The fact that Hahn´s group was so easily discouraged by the McMillan-Abelsonreport from independently searching for element 94 lends credence to the view thatatomic bomb research was not seriously pursued in Germany during World War II." 153Nach Durchsicht der Laborprotokolle und auch so genannter"Geheimberichte" (Tätigkeitsberichte, deren Inhalt man auch in denPublikationen nachlesen konnte) kommt Herrmann zu dem Schluss, dassHahn und Strassmann nicht nach Plutonium gesucht haben. 154 Ob ausmoralischen Gründen oder aus praktischen Gründen, sei dahingestellt.Der Aussage Hahns, in seinem Institut wäre keine militärische Forschungbetrieben worden, ist Glauben zu schenken. Auch Straßmann hat sicheinmal dazu geäußert:"Wenn auch Uran in hinreichenden Mengen in Deutschland zur Verfügungstand, so fehlten doch sämtliche Voraussetzungen zur Errichtung eines Piles und zurPlutoniumgewinnung und damit auch zur Herstellung einer Atombombe." 155152 Straßmann, Hahn, Eigenschaften des Elements 93, Naturwissenschaften 17/18 1942, S. 256153 Herrmann, Leserbrief, Physics Today, 1/1996, S. 13 f154 Herrmann, Geschichte eines Nobelpreises, Skript zum Vortrag am 04.02.1997, Mainz155 Seelig, Helle Zeit - Dunkle Zeit, S. 109 f60
Soviel zu Otto Hahn und die angebliche deutscheAtombombenforschung. Zurück zu den weiteren Vorwürfen Simes. Siebeklagt, die zahlreichen deutschen Ehrungen für Meitner wären keinewissenschaftliche Wiedergutmachung gewesen."Yet Meitner was never really part of German life again: her role was that ofhonoured guest, visitor from the past. And the awards, for all their number and prestige,were without scientific resonance. She was associated primarly with fission, but only atthe margin; her earlier work was often cited, but not its relationship to the discovery. Shewas neither here nor there: her work was regarded as important, but it was not clear why.It may be that a full evaluation of Meitner´s work, especially her contributions to fissionwas not possible so soon after the Third Reich: it would have exposed the conditions thathad separated her from her laboratory in Berlin, a Pandora's box very few Germanscared to open:" 156Als Beispiel wird die Rede des Bürgermeisters Willy Brandtanlässlich der Einweihungsfeier des Hahn-Meitner-Institutes fürKernforschung 1959 genannt, der ihr 'für ihre Arbeit in Berlin' dankte. 157Hätte der Politiker Willy Brandt eine wissenschaftliche Wiedergutmachungvornehmen können? Diejenigen Preise, die ihr gegen Ende ihrerpraktischen Arbeiten für ihr Lebenswerk verliehen wurden, konntennatürlich keine aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen auslösen undwenn die Geschichte der Kernspaltung dargestellt wurde, so niemals ohnedie Geschichte der 'Transurane'. Meitners Arbeiten vor der Entdeckungrichteten ihr Interesse darauf, das Periodensystem zu erweitern, nichtalles davon kann in Beziehung zur Kernspaltung gesetzt werden. FallsSime fordert, dass auch ihre noch früheren Arbeiten zitiert werden sollen,so ist das fachlich unpassend. Die Autorin würde Meitner falschverstehen, wenn sie ihre gesamte Arbeit nur auf die Kernspaltunggerichtet sähe.Meitners Interpretation der Hahn-Straßmannschen Entdeckungwurde auch in Deutschland geehrt. Herausragend ist wohl derhochdotierte Otto-Hahn-Preis. Die Urkunde hat folgenden Wortlaut:"Der Otto-Hahn-Preis für Chemie und Physik wird im Jahre 1955, im Jahre derStiftung, an erster Stelle verliehen an Professor Dr. LISE MEITNER als Auszeichnung fürihr Lebenswerk.Diese Auszeichnung gilt gleichermaßen der Forscherin und dem Menschen,zumal bei ihr beides unlösbar verbunden ist.Bei voller Wahrung ihrer Selbständigkeit hat sie ein Menschenalter hindurch invorbildlicher geistiger Ergänzung mit OTTO HAHN gemeinsam die Lehre von derRadioaktivität mächtig vorangetrieben. Sie hat nach der Lösung dieser Verbindung durch156 Sime, Lise Meitner, S. 366157 a.a.O., S. 36961
politischen Druck als Erste die physikalische Deutung der Uranspaltung gegeben und aufden damit zu erzielenden Energiegewinn hingewiesen.Durch alles dies hat sie sich einen dauernden Platz in der Geschichte derPhysik und Chemie gesichert.Deutscher Zentralausschuß für Chemie (KLEMM)Verband deutscher Physikalischer Gesellschaften (K. WOLF)" 158Schon 1948, zu Meitners siebzigsten Geburtstag, hatte Otto Hahnin der 'Zeitschrift für Naturforschung' einen Aufsatz publiziert, der LiseMeitners wissenschaftlichen Werdegang sachlich korrekt würdigte und erhat diese 'Version' oft wiederholt. Sime allerdings wird darin dieErwähnung von Meitners geistiger Führerschaft, der fortgesetztenZusammenarbeit in Briefen, etc. vermissen. Sie kann jedoch nichterwarten, dass dieses 'Problem' bei den Preisverleihungen in denfünfziger und sechziger Jahren hätte berücksichtigt werden sollen, da siees selbst der Öffentlichkeit erst in den neunziger Jahren bekannt gemachthat. Das letzte Zitat zeigt, dass auch die Politik zehn Jahre nach Ende desDritten Reiches nicht unberührt bleib. Es ist allerdings eine Tatsache, dassin Nachkriegsdeutschland dieses Thema eine "Pandorabüchse" war undviel zu oft gemieden wurde. Die gründliche Auseinandersetzung mit derVergangenheit wurde weitgehend der folgenden Generation überlassen.Die Auswahl dieses Zitates soll hier nicht das Gegenteil belegen, denn dieNazizeit wurde eher selten offen angesprochen. Viele Politiker undWissenschaftler hatten braune Flecken in ihrer Vergangenheit, über diedurch Schweigen Gras wachsen sollte. Hahn und Straßmann gehörtennicht dazu. Das Zitat soll aber die Behauptung Simes widerlegen, dassMeitners Arbeit nach dem Krieg nicht richtig bewertet worden wäre, weilsonst ihre Beiträge zur Kernspaltung publik geworden wären.4. Andere SichtweisenFast alles, was zu seinen Motivationen und Absichten aus HahnsFeder kam, ist für Sime unglaubwürdig. Wenn Hahns 'Lesart' aber sofalsch und verlogen war, warum hat man von Meitner niemals Protest oder158 Hahn, Lise Meitner 80 Jahre, Naturwissenschaften 21, 1958, S. 4162
eine eigene Darstellung der Vorgänge vernommen? Ihre Bescheidenheitoder gemeinsame Erinnerungen sind als Begründung zu schwach. Sie hatauch an anderer Stelle Hahn gegenüber ihren Standpunkt vertreten. VonSime wird sie sogar als geistig Führende bezeichnet. Meitner hatte auchviele Freunde. Warum hat von ihnen niemals jemand sie alsMitentdeckerin bezeichnet? Warum musste erst Frau Sime in denneunziger Jahren kommen, um die scheinbar wahren Hintergründeaufzudecken? Hätte sie nicht im privaten Gespräch oder in Briefen dieWahrheit über Hahn gesagt, so wie sie es auch in ihren Briefen imDezember 1946 getan hat? Derartige Zeugnisse gibt es aber im Meitner-Archiv offensichtlich nicht, sonst hätte sie Sime mit Sicherheitveröffentlicht. Warum hat Straßmann zu Meitners Lebzeiten die Dingenicht klargestellt? Sollten alle vor der Popularität Hahns kapituliert haben,wie Sime argumentiert? Können die fehlenden Einwände derZeitgenossen, einschließlich ihr selbst, nicht auch ein Beleg dafür sein,dass es in Bezug auf Meitner nicht viel zurechtzurücken gab? Indessengibt es Hinweise in die andere Richtung. Der österreichischeMolekularbiologe Max F. Perutz wurde mit Meitner bekannt, als sie 1960nach Cambridge übersiedelte. Er berichtet:"Frischs Witwe versicherte mir, daß Meitner in ihren Cambridger Jahren immernur ihre enge Freundschaft mit Hahn schilderte. Diese Freundschaft beeindruckte auchden viel jüngeren Nobelpreisträger der Chemie Manfred Eigen, als er in den sechzigerJahren mit den beiden in Göttingen zusammen war. " 159Max Perutz konnte an ihr keine Bitterkeit feststellen. Er schrieb inseinem Aufsatz von 1997, dass Meitner sich über ihren Ruhm und dievielen Anerkennungen freute, die ihr nach dem Krieg in Deutschland undAmerika zuteil wurden. Sie erneuerte ihre freundschaftlichen Beziehungenmit ihren Berliner Kollegen und anderen führenden Physikern. 160Auch Günter Herrmann kannte Lise Meitner und Otto Hahn. Zuder anfangs erwähnten Rezension von Gabriele Metzler in der FrankfurterAllgemeinen Zeitung schieb er einen Leserbrief."Das Verhältnis zwischen Otto Hahn und Lise Meitner nach dem Kriege hätteRuth Lewin Sime sorgfältiger analysieren müssen; hier wirkt sie voreingenommen. Ihremassiven Vorwürfe gegen Hahn, die in zahlreichen Rezensionen plakativ aufgegriffenwurden, passen nicht zu dem Otto Hahn, den ich als Student kennen gelernt habe; darin159159 Perutz, Lise Meitner und die Kernspaltung, Naturwissenschaftliche Rundschau 12/1997, S.470160160 a.a.O., S. 46363
werden mir viele zustimmen. Genauso wenig konnte ich bei Lise Meitner eineVerbitterung beobachten, wenn sie mit Hahn zusammen war." 161Hermann hat lange Jahre mit Straßmann zusammengearbeitetund kann sich an viele Gespräche über das Gespann Hahn-Meitnererinnern."Wie Otto Hahn und Lise Meitner über so lange Zeit und so erfolgreichzusammengearbeitet haben ist Fritz Straßmann natürlich oft gefragt worden. Er sah denGrund nicht nur darin, daß die Radioaktivitätsforschung als Grenzgebiet eineZusammenarbeit von Chemikern und Physikern geradezu herausforderte und die beidensich auch nicht genierten, einander ziemlich stupide Hilfsdienste zu leisten: Hahn imPräparieren von Nukliden für Meitners kernspektroskopische Studien, und Meitner in derPflege der Strahlungsmessgeräte für Hahns Abteilung. Beide hätten sich auch in ihremArbeitsstil vortrefflich ergänzt: Lise Meitner als eine Forschernatur, die Experimentelogisch plante und Resultate theoretisch zu interpretieren suchte, während Otto Hahneher intuitiv mit einem unerhörten Spürsinn für scheinbare 'Dreckeffekte' vorging, die sichdann als etwas Wichtiges entpuppten. ... Schon Wilhelm Ostwald hat ja die Naturforscherin 'Klassiker' und 'Romantiker' eingeteilt. Nur, zwischen diesen beiden Kategorienfunktioniert in der Regel nichts, weil auch die Charaktere zu gegensätzlich sind - beiHahn-Meitner funktionierte die Zusammenarbeit trotzdem vorzüglich." 162Die "leadership" Meitners relativiert sich hier zu einer Ergänzungverschiedener Begabungen. Möglicherweise lag die Betonung auf 'geistig',wenn Straßmann schrieb, dass Meitner die "geistig Führende" war. DieseMöglichkeit muss berücksichtigt werden. Aus Aufzeichnungen von 1974wurde 1978 die Schrift "Kernspaltung" zusammengestellt, als Straßmannnach schwerer Krankheit im Sprechen und Schreiben stark eingeschränktwar. 163 Solche Feinheiten im Ausdruck könnten dann leichtuntergegangen sein."Kernspaltung" ist kein Versuch einer objektiven Darstellung. DieSchrift ist ein sehr persönliches Zeugnis Straßmanns zur Entdeckung derKernspaltung, ergänzt durch gesammelte Aphorismen. Sie richtet sich aneinen kleinen Kreis persönlich bekannter Personen ("Liebe Freunde!" 164 ).Deutlich ist auch die Intension, der Rolle Meitners Nachdruck zu verleihen.Trotz aller Besonderheiten ist diese Schrift in die Kategorie der Memoireneinzuordnen. Diese Quellenart zu interpretieren verlangt eine sorgfältigeVorarbeit. Vieles, aber nicht alles, darf als objektives Faktum wörtlichgenommen werden. Die Bewertung kann man für jeden Einzelfall nur aus161 Herrmann, Meitner ohne Verbitterung gegen Hahn, Leserbrief FAZ 04.12.1996162 Herrmann, Brief an d. Verf. Vom 02.07.1998163 Fernsehdokumentation von Alexander Wischnewski, Geboren in Boppard ... Fritz Straßmann.Erstsendung Südwestfunk, 3. Programm, 01.11.1977. Straßmann konnte selbst nicht vor derKamera sprechen. Ein von ihm verfasster Text wurde von seiner Frau vorgelesen.164 Straßmann, Kernspaltung, S. 564
dem Kontext erschließen. Beispielsweise schreibt Straßmann: "Zum Glückhatte L. Meitners Ansicht und Urteil bei ins in Berlin ein so großesGewicht, daß die erforderlichen Kontrollversuche sofort unternommenwurden." 165 Hahn war am 14. November aus Kopenhagenzurückgekommen, die Fraktionierungsversuche begannen aber erst am25. November. An Information kann man daraus entnehmen, dass inStraßmanns Erinnerung bei den Fraktionierungsversuchen Lise MeitnersMeinung für ihn eine Rolle gespielt hat. Um einen Ereignishergang zurekonstruieren sind solche Erinnerungen nach Jahrzehnten weniggeeignet, da sie bruchstückhaft und durch äußere Einflüsse vielfacheingefärbt sein können. Historikern ist die Problematik dieser Quellenartbekannt. Zur Widerlegung zeitgenössischer Quellen sind sie alleine nichtausreichend. Oft können sie jedoch helfen, vorhandene Lücken zuschließen. Beispielsweise kann den Standpunkt Straßmanns amauthentischsten er selbst beschreiben. Wer ihn und seine Ausdrucksweiseetwas einschätzen kann, wird aus dieser Schrift vieles über denMenschen Straßmann herauslesen können. Die Entdeckungsgeschichtewurde damit um die Perspektive Straßmann erweitert, der sich, imGegensatz zu Hahn, bis dahin nur wenig geäußert hatte. Es gibt aus denNachkriegsjahren nur wenige Veröffentlichungen von Straßmann, z.B."Friedliche Chemie der Atomkerne" von 1949, "Zur Erforschung derRadioaktivität - Lise Meitner zum 75. Geburtstag" von 1954 oder "Über dieEntdeckung der Uranspaltung" von 1956, in welchem er die Vorgängeganz aus chemischer Sicht beschreibt. Auffallend ist, dass die Schrift"Kernspaltung" von 1978 sich in Stil, Ausdrucksweise und Intension sehrstark von den anderen Schriften unterscheidet. Wie schon erwähnt, warStraßmann damals schon sehr von Lähmungserscheinungeneingeschränkt, sodass er sich sprachlich nicht mehr selbst ausdrückenkonnte. "Kernspaltung" hat wohl nicht zuletzt deshalb einenfragmentarischen Charakter. Der Nachdruck auf Meitners Rolle lenkt vonsich selbst ab und ist eine Hommage an diese bedeutungsvolle Frau. Sichselbst in das Zentrum der eigenen Betrachtung zu stellen, musste abereinem Menschen wie ihm widerstreben. Diese Erinnerungen165 a.a.O., S. 1865
eabsichtigen wohl nicht, die Entdeckungsgeschichte neu zu schreiben.Über Unehrlichkeiten Hahns kann ich in dieser Schrift keine Hinweisefinden. Es wäre auch höchstens Insidern möglich, bei Straßmann etwasDerartiges zwischen den Zeilen herauszulesen, wenn er das hätteandeuten wollen. In seinen früheren Schriften hat er sich jedenfalls geradeauch zur Person Hahns immer auf das Positivste geäußert. Wären daVorbehalte gewesen, hätte es durchaus gereicht, Hahns wissenschaftlicheLeistungen zu würdigen.Bei Sime bleibt Fritz Straßmann konturlos, wenn auch die aufMeitner bezogenen Passagen seiner Schrift "Kernspaltung" sehr oftwiederholt zitiert werden. Während Hahns angeblich schlechter Charaktermit viel Liebe fürs Detail ausgemalt wird, erscheint die Erwähnung, dassStraßmanns Familie längere Zeit eine Jüdin in der Wohnung versteckte,fast wie eine Pflichtübung. Dabei hat Fritz Krafft in seinem Buch "ImSchatten der Sensation" reichlich Material über den Menschen undForscher Straßmann zusammengetragen. Bei ihrem Vorhaben, dieGeschichte der Kernspaltung zu revisionieren und zu korrigieren ging esSime nicht darum, Straßmanns Schlüsselrolle auch im englischsprachigenRaum mehr Nachdruck zu verleihen. Es wird nicht mehr festzustellen sein,ob Hahn gelegentlich "wir" schrieb, wenn Straßmann eine weiterführendeArbeit aus eigener Initiative konzipiert und durchgeführt hat. Seineneigenen Beitrag bewusst zu machen, entsprach gar nicht StraßmannsNaturell. Er schrieb: die "Analytik gab den Ausschlag!" 166 , sein eigenesFachgebiet. Einen deutlicheren Hinweis hierzu konnte man vonStraßmann nicht erwarten. Vielleicht fand auch er, wie Sime, dass HahnLise Meitner zu knapp und zu sachlich erwähnt hat. Wir haben schonvorher gesehen, das es zu Hahns Schreibstil gehörte, scheinbarSelbstverständliches verkürzend darzustellen, was man durchauskritisieren kann, zumal dadurch mehrfach Missverständnisse entstandensind. Zum objektiven Ereignishergang war bis 1974 schon viel gesagtworden. Straßmann nutzte seine Erinnerungen, um einmal andereAkzente zu setzen. Ihn selbst aus dem Schatten der Sensationherauszuholen, war dann erst das Verdienst von Fritz Krafft. Dies ist166 a.a.O., S. 1866
meine persönliche Meinung: Die Hälfte des Nobelpreises für Chemie hätteihm zugestanden. Das ist natürlich meine heutige Sichtweise, aberdarüber wird nach meiner Auffassung viel zu wenig diskutiert. Man klagtimmer nur, dass Meitner durch ihre Flucht der Preis entgangen ist.Obwohl er in den Publikationen immer als Mitautor genannt wird, galtStraßmann damals bezüglich der Radiochemie eben als Hahns Schüler.Hahn selbst hatte für diese Ungerechtigkeit auch eine Empfindung und hatihm einen Bruchteil des Preisgeldes zukommen lassen. Mehr konnte manzu dieser Zeit nicht erwarten. Das muss bei der Beurteilung immerberücksichtigt werden.5. SchlussbetrachtungOtto Hahn hat eine wissenschaftliche Autobiographie undMemoiren geschrieben, also ein Buch für Chemiker und eines fürs breitePublikum. Sime hat mit ihrer Meitner-Biographie den interessantenVersuch gemacht, beide Arten miteinander zu verbinden, indem dieWissenschaft in ihren Lebenskontext gestellt wurde. Ich denke, das ist einsinnvoller Beitrag, um bei breiten Leserschichten Verstehen undUrteilsfähigkeit zum Thema Forschung und die Beziehungen zwischenden wissenschaftlichen Disziplinen zu fördern. Sime hat reichlich Literaturgesichtet und auch neue Quellen erschlossen.Problematisch ist der emotionale Schreibstil. Wenn die Rede aufPersonen kommt, die Sime nicht leiden kann, ist sie ganz offensichtlichund absichtlich voreingenommen. Im Vorwort nimmt sie Otto Hahn explizitins Visier und mit einem Trommelfeuer auf ihn schließt das letzte Kapitel.Das Buch soll nicht nur ein notwendiges Denkmal für Lise Meitner sein,sondern auch die Geschichte der Kernspaltung korrigieren. Letzteresverlangte eine genauere Untersuchung.Die vorliegende Arbeit hat deshalb den Versuch unternommen,Simes Darstellung des Verhältnisses von Hahn und Meitner mit dem Bildzu vergleichen, das sich aus den Quellen ergibt.67
Sie kommt dabei zu dem Ergebnis, dass Simes Deutungsmusterauf nicht eindeutig belegbaren Annahmen beruht. Die Autorin behauptet,dass Meitner Mitentdeckerin der Kernspaltung sei und dies in derWissenschaftsgeschichtsschreibung übersehen worden wäre, weil Hahnihren Anteil immer geleugnet hätte. Die Voraussetzungen für ihreHauptthesen sind im Einzelnen:1. Die Entdeckung ist ein kontinuierlicher Prozess seit MeitnersAnregung zu den Transuran-Arbeiten 1934 bis zum Barium-Fund imDezember 1938.2. Meitners Führerschaft des Berliner Teams.3. Die fortgesetzte Zusammenarbeit Hahns mit Meitner nach ihrerFlucht über den Briefwechsel. Meitners Anregung zu den entscheidendenExperimenten.4. Meitners entscheidende Botschaft in Kopenhagen.Aus diesen Punkten folgen für Sime die Hauptthesen, dassMeitner Mitentdeckerin sei, und, da Hahn dies niemals behauptete, erihren Anteil absichtlich unterschlagen habe. Die Autorin interpretiertHahns Verhalten als Feigheit aus Angst um seinen Posten im Institut.Nach dem Krieg blieb er bei seiner Version, weil er die Entdeckung alleinfür die Chemie und für Deutschland beansprucht hätte.Ich habe gezeigt, dass die genannten Voraussetzungen unter denPunkten 1. bis 4. nicht schlüssig belegt sind. Punkt 1. ist Ansichtssache,die Punkte 2. bis 4. sind Vermutungen. Damit ist MeitnersMitentdeckerschaft nicht eindeutig. Mehrere Behauptungen Simes sindunplausibel oder sogar unlogisch, wodurch die weiterenSchlussfolgerungen noch mehr ins Wanken geraten.Hahn hat die Zusammenarbeit mit Meitner niemals geleugnet, erhat bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hingewiesen. In denPublikationen der Nachkriegszeit würdigte er immer wieder ihre Arbeit.68
In der Nobelpreisrede und in Interviews zu diesem Anlass hat erdie Zusammenarbeit nachweisbar 167 erwähnt. Es ist zu bemerken, dasssein Schreibstil generell sehr sachbezogen und manchmalmissverständlich knapp ist. Seine Darstellung der Entdeckung ist korrekt,Persönlichkeiten auszumalen war allerdings nicht seine Art. Hahnbetrachtete sich als Wissenschaftler, nicht als Literat.Es offenbarte sich schnell, dass Sime nicht gewillt ist, HahnsHinterlassenschaft vorurteilsfrei zu analysieren. Auseinandersetzung mitanderen Deutungsmöglichkeiten gibt es nicht. Zitate wurden ausgewähltund aus dem Zusammenhang gerissen, wie es ins Konzept passte,Zuwiderlaufendes blieb unerwähnt. Teilweise wurden die Intentionen derZitate missverstanden oder auf einen anderen Sachverhalt bezogen. Wodie Quellen nichts mehr hergeben, wurden die Lücken mit regelrechtErdichtetem geschlossen, als Spekulation aber nicht kenntlich gemacht.Die Folgen dieser mangelnden Sorgfalt sind journalistische Produkte wieder 'Spiegel'-Artikel. Infolgedessen ist die Forderung der Zuverlässigkeit inFrage gestellt, die der Objektivität wurde schon im Vorwort verweigert.Geschichtsschreibung und Kommentar sind unzulässig vermischt. DieKriterien für eine wissenschaftliche Arbeit müssen deshalb als nicht erfülltangesehen werden.Generell haben moralische Wertungen nichts in Schriften zusuchen, die als historische Darstellungen gelten wollen. Vor allem aberwegen der aufgezeigten Mehrdeutigkeit der Vorgänge sind die Vorwürfegegen Hahn zurückzuweisen. Maßgeblich sind nicht die Ansichten derGegenwart, sondern es muss aus der Zeit heraus und aus der Sicht derZeitgenossen geurteilt werden.Ich wage zu behaupten, dass sich Meitner, der die Wahrheit überalles ging, über dieses Buch nicht gefreut hätte.167Ein Artikel auf der Titelseite einer schwedischen Tageszeitung enthält einen eigenen Abschnitt unter derÜberschrift “Wertvolle Zusammenarbeit mit Lise Meitner” (Värdefullt samarbete med Lise Meitner), in demHahn zitiert wird: “Es war für mich ein großer Vorteil, dass ich als Chemiker bis 1938 mit Lise Meitnerzusammenarbeiten durfte, die Physikerin ist.”, Morgon-Tidningen 06.12.194669
B. Was ist eine Entdeckung?1. EinleitungEindeutig liegt der Fall, wenn Forscher entdecken und gleich auchrichtig deuten. Häufig ist der Entdeckungsprozess aber komplizierter unddie Meinungen gehen darüber auseinander, wer als Entdecker gelten darf.Ist die Beobachtung ausschlaggebend oder die Deutung?Die Frage ist schon oft aufgetaucht. So auch bei der Entdeckungder Kernspaltung. Die Autorin Sime bezeichnet Meitner als Mitentdeckerinund reklamiert, dass Otto Hahn diesen Tatbestand absichtlichverschwiegen hätte. Dabei beruft sie sich letztlich auf Straßmann, der inder späten Schrift "Kernspaltung" aussagte, dass lediglich ihre persönlicheAnwesenheit fehlte. In der Tat hat Hahn immer nur Straßmann und sichselbst als die Entdecker bezeichnet.Es soll betrachtet werden, welches Verständnis vonEntdeckungen sich in den Äußerungen Hahns und Straßmanns zeigt.Weiterhin ist zu fragen, was die Autorin Sime unter einer Entdeckungversteht. Was verstanden die Wissenschaftler der dreißiger und vierzigerJahre unter einer Entdeckung?Zunächst ist aber zur übergeordneten Frage Klarheit zu schaffen.Auch wenn’s sie vielleicht nicht endgültig zu beantworten ist, so kann dochversucht werden, ob man die speziellen Fragen durch ein Schemabehandelbar machen kann.Die Wissenschaftstheorie hat betrachtet, auf welche Weisewissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden und dazuunterschiedliche Theorien hervorgebracht. Die beiden wichtigsten werdeich kurz skizzieren, um anschließend die Theorie von Rainer Enskat zuErkenntnissen und Entdeckungen vorzustellen. Dies Konzept werde ichauf die Entdeckung der Kernspaltung anwenden und versuchen zudiskutieren, inwiefern Meitner als Mitentdeckerin zu bezeichnen ist oderauch nicht.70
2. Wissenschaft als Gegenstand der Philosophie2.1. Der Wissenschaftsbegriff 168Die Wissenschaftsidee vollzog einen Bedeutungswandel voneinem zusammenhängenden Denksystem (Aristoteles), das seineErkenntnisse aus unmittelbar einsichtigen letzten Prinzipien logischdeduktivherleitete, hin zu einem locker verbundenen multidisziplinärenWissenschaftsbetrieb. Die Basis der Erkenntnis waren nun nicht mehrapriorische Prinzipien, sondern die Erfahrung, aus der induktivhypothetisch Verallgemeinerungen abgleitet wurden. Der Wissenschaftlerwandelte sich vom Denker zum Forscher, wodurch die Frage derEntdeckungsansprüche an Bedeutung gewann. In der Chemie vollzog sichdieser Wandel, als ihr die Lösung konkreter praktischer Probleme zurAufgabe gemacht wurden. Der Beginn dieser Entwicklung ist mitParacelsus zu sehen, der erstmals die Erfahrung und das Experiment alsErkenntnisquellen den alten Schriften vorzog und damit die Autorität derscholastischen Naturlehre (Thomas von Aquin) in Frage stellte. In derPhysik ist dieser Wandel an die Person Galileis gebunden, für den nurmess- und zählbare Phänomene von Bedeutung waren.Mit diesem Wandel zur modernen Wissenschaft vollzog sichgleichzeitig ihre Loslösung von der Philosophie. Letztere beschränkt sichseitdem darauf, Ort wissenschaftlicher Selbstreflexion zu sein. Aufgabeder Wissenschaftstheorie als Teilgebiet der Erkenntnistheorie ist es,Strukturen der Wissenschaft zu klären, Kriterien für Wissenschaftlichkeitaufzustellen, den Weg wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse zubeleuchten, zu fragen, welche Art von Erfahrung als Basis der Erkenntniszu akzeptieren sei, u.s.w.2.2. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis 169Zur Frage des wissenschaftlichen Fortschritts gibt es innerhalbder Wissenschaftstheorie verschiedene Richtungen. Die bekannteste, unddarum beschränke ich mich um der Kürze willen auf sie, wird von Karl168 Dieser Abschnitt folgt dem Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Krings (Hrsg.), S. 1741 -1764169 Dieser Abschnitt folgt den Ausführungen Wolfgang Stegmüllers in 'Hauptströmungen', S. 483 -53471
Popper und seinen Schülern vertreten. Eine diesen Vorstellungen ganzentgegen laufende Theorie entwickelte zu Beginn der sechziger Jahre dertheoretische Physiker und Wissenschaftshistoriker Thomas S. Kuhn. Dieinteressante Kontroverse zwischen dem Vertreter der Philosophie unddem der praxisnahen Wissenschaftsgeschichte soll kurz umrissenwerden.. Eigentlich geht es hier um die Frage der Entstehung neuerTheorien bzw. die Erweiterung alter, die jeweils durch Entdeckungenausgelöst werden. Sie kann also nützlich sein, um Hahn/StraßmannsEntdeckung und Meitners Deutung einen geschichtlichen Stellenwertzuzuordnen, was bei der Beurteilung von Entdeckungen von Bedeutungist.2.2.1. Karl PopperIn der Wissenschaftstheorie ist die Vorstellung verbreitet, dasssich die empirischen Wissenschaften in Form einer linearen Akkumulationdes Wissens entwickeln. Dabei werden immer neue Tatsachen entdecktund Regelmäßigkeit in immer umfassendere Theorien eingebettet.Irrtümer und unwissenschaftliche Bestandteile werden andererseits mit derZeit aufgegeben. Wenn gelegentlich neue Theorien entstehen, dann wirddadurch die alte nicht entwertet, sondern die neue ist ein Grenzfall deralten.Insoweit steht auch Popper in dieser Tradition. Zur Frage, was dieempirische Erkenntnis als solche auszeichnet, kam es innerhalb derWissenschaftstheorie zu keiner einheitlichen Auffassung. Popperbetrachtet das Entdeckungsverfahren selbst als spekulativ und lehnt esdeshalb ab, wie andere Wissenschaftstheoretiker nach Regeln desinduktiven Schließens zu suchen. Was jedoch die daraus gestiftetenHypothesen und Theorien betrifft, so können diese einer strengenempirischen Überprüfung unterzogen werden. Diese Prüfung folgt einerdeduktiven Logik: Man versucht, Hypothesen zu falsifizieren und behält sievorläufig bei, wenn sie dem Falsifikationsversuch standhalten. Andernfallswird die Hypothese fallengelassen bzw. eine ganze Theorie preisgegeben(deduktive Methode der Nachprüfung).72
2.2.2. Thomas S. KuhnKuhn differenziert die Naturwissenschaften in Wissenschaftsartenund Wissenschaftsformen. Die Wissenschaftsarten ergeben sich aus derGeschichte. Ihnen liegen unterschiedliche theoretische undweltanschauliche Bedingungen zugrunde. Beispiele sind etwa diearistotelische Physik oder die Phlogistonchemie. Daraus ergibt sichsogleich eine Widerlegung der wissenschaftstheoretischen Annahme einerlinearen Akkumulation des Wissens.Die Wissenschaftsform betrifft die Dynamik deswissenschaftlichen Fortschrittes. Kuhn unterscheidet zwischen dernormalen Wissenschaft und der außerordentlichen Wissenschaft. NormaleWissenschaftler forschen im Rahmen einer bestimmtenwissenschaftlichen Tradition, d.h. innerhalb einer bestimmten Theorie, undverschaffen ihrem Wissen eine allmähliche Erweiterung. Kuhn bezeichnetdiese Vorgänge als sukzessives Rätsellösen.Diese Form kann gelegentlich in eine Phase deraußerordentlichen Forschung übergehen. Sie ist einetraditionssprengende Ergänzung der normalen Form und ihr Produktmündet in eine Revolution des wissenschaftlichen Denkens ein. SolcheErgänzungen schaffen den Übergang von einer Tradition zu einer anderenoder gar von einer Wissenschaftsart zu einer anderen. Wenn sich einKreis von Personen zusammengefunden hat, die von derLeistungsfähigkeit der neuen Vorstellung zur Deutung bestimmterPhänomene überzeugt sind, kommt es zur Etablierung einer neuenwissenschaftlichen Tradition.Solche wissenschaftlichen Traditionen bezeichnet Kuhn alsParadigma. Er versteht darunter eine gemeinsame intuitiveGrundeinstellung gegenüber einem bestimmten Bereich vonPhänomenen. Dieses gemeinsame Verfügen über eine Theorie bestimmt,welche Fragen als relevante Probleme anerkannt sind und welcheLösungsmethoden als zulässig betrachtet werden. Das Paradigma wirktsogar bestimmend für das, als was etwas wahrgenommen oderbeobachtet wird. Insofern werden die Phänomene durch das Paradigma73
mitkonstruiert. Es ist Kuhns These von der Theorienbeladenheit allerBeobachtungen. 170Dem wissenschaftstheoretischen Bild der linearenWissensakkumulation stellt Kuhn also das Bild des diskontinuierlichenParadigmenwechsels gegenüber. Er schafft dabei bewusst eine Analogiezu den Evolutionsfaktoren Mutation und Selektion, wobei die Mutation demEntstehen einer neuen Theorie gleichgesetzt wird und die Selektion derBewährung bzw. dem Vergehen bei Nichtbewährung.Sehr viel Kritik verursachte Kuhns These von der Immunität einerParadigmentheorie gegenüber empirischer Widerlegung. Kuhn bestreitetPoppers Konzept, dass falsifizierende Gegenbeispiele zur Preisgabe einerTheorie führen. Ein Widerstreit zwischen Theorie und Erfahrung schlagenämlich nicht auf die Theorie, sondern auf die diese Theorie benützendenPersonen zurück. In einer Epoche normaler Forschung sind dieWissenschaftler schwer dazu zu bewegen, eine Theorie aufzugeben.Zuwiderlaufende Phänomene testen als 'Rätsel' die Geschicklichkeit vonPersonen und Theoretikern.Wirklich bedroht wird die Theorie erst in Phasen deraußerordentlichen Forschung. Aus einer vorangehenden Phase derUnzufriedenheit, Unsicherheit und Unruhe konstituiert sich urplötzlich dasneue Paradigma. Dieser Prozess kann Jahre oder Jahrzehnte in Anspruchnehmen, aber der Wechsel vollzieht sich dann schlagartig oder überhauptnicht.Es fällt auf, dass Kuhn nur von Theorien spricht, nicht aber vonHypothesen. In diesem Punkt wurde Kuhns Konzept später präzisiert undzu einer Versöhnung mit Poppers Auffassung gebracht. 171 Dabei unterteiltman eine Theorie in eine logische Komponente und eine empirischeKomponente. Die logische Komponente beinhaltet die Grundaussage derTheorie in axiomatischer Form, die als Strukturkern bezeichnet wird. Dieempirische Komponente umfasst die angezielten Anwendungen. JederProzess der Bereicherung der Grundaussage ist eine Kernerweiterung.Diese Kernerweiterungen werden durch die wissenschaftlichen170 Kuhn hat mit Lise Meitner und O.R. Frisch 1963 ein Interview geführt. Siehe Sime S. 499Fußnote 41: Archive for the History of Quantum Physics, American Institute of Physics, 18 -20171 Stegmüller, Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, 506 ff74
Hypothesenbildungen angestrebt. Und Hypothesen, die auch unter denKuhnschen Begriff des 'Rätsellösens' gehören, werden sehr wohl einerÜberprüfung im Popperschen Sinne unterzogen.'Normalwissenschaftlicher' Fortschritt umfasst also die Aufstellungverbesserter Kernerweiterungen (logische Komponente) und dieVergrößerung des Anwendungsbereiches (empirische Komponente)innerhalb eines Paradigmas, während durch die erfolgreiche'außerordentliche' Forschung ein Paradigmenwechsel herbei geführt wird.3. Das Wesen der Entdeckung3.1. ProblemstellungDie Struktur des Entdeckungsvorganges selbst betrachten Kuhnund Popper als spekulativ und wird von ihnen als undurchsichtighingenommen. Die Betrachtungen von Wissenschaftstheorie undWissenschaftsgeschichte untersuchen die Entstehung und die Bedeutungeiner Entdeckung.Rainer Enskat verglich in seiner Habilitationsschrift von 1982 dieResultate, die bis dahin in den verschiedenen Disziplinen der Philosophiezur Entdeckungsfrage erzielt wurden. Er befand, dass sie allenfallsgestreift wurde, weil die Auffassung überwog, dass eine Entdeckung keinelogische Operation sei. Allein die traditionelle Erkenntnistheorie frage seitPlaton und Aristoteles immer wieder nach den Bedingungen des Lernens,Erkennens und Entdeckens.Enskat geht davon aus, dass die Entdeckung auch eine logischeKomponente hat. Auf dem Boden der Erkenntnistheorie und unterZuhilfenahme von Elementen aus den anderen Disziplinen untersuchte erdie logischen Formen von Aussagen, durch die Entdeckungendokumentiert werden. Er betont die große Bedeutung der <strong>Dokument</strong>ationvon Entdeckungen für den Erfolg. Probleme mit Entdeckungsansprüchenhaben meist hier ihren Ursprung. Häufig sind die <strong>Dokument</strong>e nachIntention und Herkunft vorläufig. "Die Berechtigung eines mit solchen75
<strong>Dokument</strong>en verbundenen Entdeckungsanspruchs kann dahernormalerweise jederzeit ernsthaft in Zweifel gezogen werden." 172Im folgenden Abschnitt werden Enskats Resultate in aller Kürzeskizziert.3.2. Allgemeine Elemente der Erkenntnis 173Entdeckt werden können nur Dinge und Eigenschaften vonDingen. Was ist ein Ding? Es ist real und kann Handlungen in Raum undZeit ausgesetzt werden. Dies ist Bedingung, damit etwas entdeckt werdenkann. Gedanken oder Gesetze sind keine Dinge in diesem Sinn, da sienicht behandelbar sind.Die Entdeckung unterscheidet sich von einer Erkenntnis, diekeine Entdeckung ist, durch ihre Erstmaligkeit. Aber ausschlaggebend istdieser Umstand nicht. Es können auch Entdeckungen durch ungenügendeProportionalisierung (die Bedeutung wird weiter unten erläutert) inVergessenheit geraten und müssen neu entdeckt werden. Maßgebendsind geschichtlicher Stellenwert und kognitive Tragweite. Gemeinsam istihnen die Erschließungsfunktion für die Welt, in der die Urheber derErkenntnis und deren potentielle Adressaten leben. Weiterhin sind ihnennatürlich die Elemente der Erkenntnisgewinnung gemeinsam. 174Die Manifestation einer Erkenntnis ist eine hinweisende singuläreAussage. Von der Wahrnehmung hin zu einer solchen Aussage führt derGebrauch verschiedener geistiger Fähigkeiten, die Kant als logischeFunktionen bezeichnete. Dies sind formulierungstechnische Fähigkeiten,die jeder beherrscht. Zur Bildung einer Aussage gehören darüber hinausauch gründliche Kenntnisse des Sachverhaltes, also Fachkompetenz.Zusammenhänge und Abhängigkeiten müssen erkannt werden können,172 Enskat 1983 S. 19173 Der folgende Abschnitt folgt der Arbeit von Rainer Enskat, die als Aufsatz und alsHabilitationsschrift publiziert wurde. Diese Schriften sind für Nichtphilosophen schwer lesbar. Ichbin mir deshalb nicht völlig sicher, ob ich den Bedeutungshof der verwendeten philosophischenBegriffe in ihrem gesamten Ausmaß erfasst habe. Bei der 'Übersetzung' in meine eigene Sprachesind, wie bei allen Übersetzungen, Ungenauigkeiten nicht ausgeschlossen. Ich muss deshalbanmerken, dass ich die Resultate Enskats so darstelle, wie ich sie mit meinen begrenztenMöglichkeiten verstehe. Nur der philosophisch geschulte Leser wird entscheiden können,inwieweit meine Darstellung sich mit der Intension Enskats deckt und wo mein eigenes Konstruktbeginnt. Mir kommt es darauf an, verwendbare Kriterien als 'Werkzeuge' herauszuarbeiten, die insich sinnvoll sind und die ich begründen kann.174 Enskat 1983 S. 4476
um Erfolg versprechende Handlungsschemata entwerfen oder einetreffende Aussage über eine Erkenntnis machen zu können.Diese begrifflich schwer fassbaren Fähigkeiten versammeln sichim Hinblick auf die Formulierung von wahrheitsfähigen Aussagen unterdem Terminus propositionale Funktionen. Sie sind das verbindendeZusammenspiel von verschiedenen geistigen Funktionen zwischenWahrnehmung und Aussage. 175 Mit Aussage sind nicht nur Sätze gemeint,sondern der Begriff beinhaltet den ganzen Gedanken mitsamt seinertreffenden Formulierung. Unabdingbar für eine hinweisende Aussage istirgendeine erfolgreich getätigte Handlung.Propositionale Funktionen werden aber auch benutzt, bevor eineHandlung stattgefunden hat. Dies ist nämlich dann der Fall, wenn mangezielt fragt bzw. Hypothesen aufstellt. Wenn derartig gefragt wird, soerkundigt man sich ganz gezielt nach einem Sachverhalt, der genau dieseund keine anderen Bedingungen erfüllt. Anschließend werdenHandlungsschemata entworfen und durch Handlungen überprüft, ob esDinge oder Eigenschaften von Dingen gibt, die sich mit diesem Entwurfdecken.Enskat sieht darin den Schlüssel zur Auflösung desEntdeckungsproblems:"Wenn diese Überlegungen richtig sind, dann ist die Beherrschung undBenutzung propositionaler Funktionen eine notwendige Bedingung dafür, daß manEntdeckungen machen kann. Denn entweder hat man etwas schon gefunden oderentdeckt, was eine bestimmte propositionale Funktion und keine andere erfüllt. Oder mansucht noch ... [danach]. Es mag dabei immer wieder einmal vorkommen, dass man etwasentdeckt, wonach man gar nicht gesucht hat. Und mancher Suche mag der intendierteErfolg gar nicht beschieden sein. Aber der Erfolg den man durch eine Suche intendiertund den man durch eine Entdeckung erzielt, ist nie ohne propositionale Struktur." 176175 Hier berührt sich die Erkenntnistheorie mit dem Arbeitsgebiet der Lernpsychologie, die dieEntstehung der Erkenntnis, also die vermittelnden Fähigkeiten, untersucht, während diephilosophische Disziplin die Bedingungen der Erkenntnis betrachtet. Das Schema desWissenserwerbs ist ähnlich (und Nichtphilosophen vertrauter):"Black-Box"-Modell des Lernens (nach Burrhus Skinner):Unabhängige Variablen → Vermittelnde Variablen → Abhängige VariablenBedingungen der LernsituationCodierung in der "Black(Wahrnehmung) Box" (nicht beobachtbar) Lernleistungmittels kognitiver FähigkeitenErkenntnistheoretisches Modell:Nichtpropositionale Elemente → propositionale Funktionen → propositionale ElementeBedingungen der Wahrnehmung Umsetzung in Handlungs-Schemata und TerminiAussage, Deutung176 Enskat 1986 S. 40877
Propositionale Funktionen sind das eine wichtige Element derErkenntnis. Doch wie Enskat bemerkt, besteht eine Suche nicht nur darin,dass man um der Erkenntnis willen eine gezielte Frage stellt und eineEntdeckung erschöpft sich nicht in der Wahrheit einer Aussage. Um Dingeoder Eigenschaften von Dingen entdecken zu können, müssennaturgemäß manuelle Handlungen vollzogen und mittels irgendwelcherDetektoren Wahrnehmungen gemacht werden. Andernfalls kann es keineauthentische hinweisende Aussage über eine Erkenntnis geben. Wer abernicht in kompetenter Weise Handlungen ausführen kann, der wird auch beinoch so intelligenter Fragestellung keine Wahrnehmungen machenkönnen, die interpretiert und dokumentiert werden könnten.Enskat fasst das Zusammenspiel dieser drei Faktoren zusammen:"Meine Theorie ist in diesem Punkt nun die, daß man durch die Benutzungeiner propositionalen Funktion, und nur dadurch, die F o r m des Erfolges festlegt, denman durch Handlungen in Raum und Zeit, zusammen mit dem Gebrauch vonSinnesorganen, erzielen kann. ... Wer suchen will, muß einen Handlungserfolg schon imVorgriff korrekt proportionalisieren. Andernfalls weiß er gar nicht, wonach er sucht; erkann dann gar nicht suchen. Und wer entdecken will, muß eine von ihm korrekt benutzteproportionale Funktion durch einen Handlungserfolg erfüllen." 177Und wer entdeckt hat, der muss wiederum propositionaleFunktionen benutzen, um seine Wahrnehmungen mittels einer treffendenhinweisenden Aussage zu dokumentieren. Wenn mit der Aussage einEntdeckungsanspruch verbunden ist, dann muss sie natürlich wahr sein.Die erfolgreiche Behandelbarkeit beweist ihre Wahrheit.Soweit wie beschrieben, kann der Entdecker die Bedingungendes Entdeckungsvorganges souverän gestalten. Aber er hat es nicht in derHand, ob seine Planungen in Erfüllung gehen oder nicht. Denn er versuchtetwas zu erschließen, das er nicht geschaffen oder gestaltet hat, von demer nicht einmal weiß, ob es existiert. An dieser Stelle endet dieSouveränität des Suchenden und es ist eine nicht dirigierbare Fügung, obes Dinge oder Eigenschaften gibt, die sich mittels des entworfenenHandlungsschemas erfassen lassen.sein.Für eine Entdeckung müssen alle Elemente zusammen erfüllt177 Enskat 1983 S. 4278
Dies sind die Hauptthesen Rainer Enskats in seinen Arbeiten. Diewichtigsten Ergebnisse und eigene Ergänzungen aus dem Bereich derLernpsychologie sind in der umseitigen Übersicht zusammengestellt. MitHilfe dieser Erkenntniselemente soll im Folgenden versucht werden, dieEntdeckungsansprüche in der Geschichte der Kernspaltung annäherndobjektiv zu beurteilen. Dieses Raster betrachte ich nicht als endgültigausgereift. Es ist ein Vorschlag, der zur Diskussion gestellt wird.79
Die naturwissenschaftliche ErkenntnisElemente →ERKENNTNIS-Arten ↓Lernen vonBegriffen undRegelnEntdeckendesLernenErkennenGezieltfragenHypothesePropositionaleFunktionen(Denken)HandlungsschemaentwerfenHandlung Fügung WahrnehmungBeobachtungAngeleitetesExperimentBeobachtungEntworfenesExperiment- Finden- nicht finden- etwasanderes findenIntuitivesEntdecken Beobachtung FindenMethodischesEntdeckenGezieltfragenHypotheseHandlungsschemaentwerfenBeobachtungEntworfenesExperiment- Finden- nicht finden- etwasanderes findenPhänomenMessungPhänomenMessungPhänomenMessungPhänomenMessungPropositionale Funktionen(Lernen durch Belehrung oderdurch selbstständig gewonneneEinsicht)LernprozessLernprozessDeutungBegriffsbildung→ TragweiteDeutungBegriffsbildung→ TragweiteErwerb vonFähigkeitenund WissenErwerb vonFähigkeitenund WissenErwerb v.WissenAussage →Geschichtl.StellenwertErwerb v.WissenAussage →Geschichtl.StellenwertErstmaligkeitTreffendeAussageErschließungfür die WeltTreffendeAussageErschließungfür die Welt80
4. Anwendung auf die Entdeckung der KernspaltungVergleicht man die Geschichte der Entdeckung der Kernspaltungmit diesem Schema, so zeigt sich, dass alle Kriterien der Erkenntnisartdes methodischen Entdeckens zutreffend sind, wenngleich nicht dasgefunden wurde, was man gesucht hatte.Eine Frage, die 1938 nur für ganz wenige Menschen, vielleichtnur für Straßmann, der ein halbes Jahr zuvor mit Meitner Thoriumbestrahlt hatte, fragbar war, ist die folgende: "Entsteht in einerUranlösung Radium, wenn man sie mit langsamen Neutronenbestrahlt?" Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass die Bestrahlungdes Urans zu einem α-strahlenden Thorium führt, aus dem β-strahlendes Radium entsteht, das zu Actinium und schließlich zuThorium zerfällt.Curie und Savitch hatten den 3,5h-Körper mit Kalium-Lanthan-Sulfat gefällt und versucht, vermeintliches Actinium vom TrägerLanthan mittels Fraktionierung abzutrennen, was scheinbar erfolgreichwar. Straßmann überlegte, dass die voluminösen Sulfationen aucheventuell vorhandenes Radium mitgerissen haben könnten, sodass dieabgetrennte Substanz nicht eindeutig Actinium sein musste. AlsHandlungsschema entwarf er den Fällungsversuch mit Barium in Formseines Chlorids. Insofern in diesem Niederschlag Aktivität festgestelltwurde, so konnte es sich nur um Radiumisotope handeln. EineMischkristallbildung mit Ionen anderer Wertigkeiten ist hierausgeschlossen. Was mit Barium ausfällt, konnte nach dem damaligenKenntnisstand nur Radium sein. Es wäre theoretisch höchstens nochdas bisher noch nie nachgewiesene Transuran Eka-Quecksilber inFrage gekommen, von welchem man ebenfalls Zweiwertigkeiterwartete und von dem auch Lise Meitner in ihrem Brief vom21.12.1938 als Alternative zu Radium gesprochen hat. Das damalsgeltende Periodensystem von Antropoff aus den zwanziger Jahren(abgebildet bei Sime S. 386) zeigt die Zusammenhänge nachOxidationsstufen. Wegen der langen Halbwertzeiten der81
Zwischenprodukte konnten Hahn und Straßmann aber nicht daranarbeiten.Was nun das Erkenntniselement der manuellen Handlung betrifft,so ist Hahns und Straßmanns große Sicherheit und Sauberkeit beimExperimentieren ein entscheidender Faktor. Der gab ihnen dann beider Wahrnehmung durch Detektoren, der Messung mittels Geiger-Müller-Zählern, das Selbstvertrauen, dass keine 'Infektion' vorlag, alsdie Fraktionierung des 'Radiums' nicht gelang. Man muss bedenken,dass die Radiochemiker im Prinzip 'blind' arbeiten. Sie haben es nurmit wässrigen Lösungen und zumeist mehr oder weniger weißenNiederschlägen zu tun, die mit den Sinnesorganen kaum zuunterscheiden sind. Die Identifizierung der Stoffe erfolgt nur durch dieMessung der Halbwertzeiten. Nur die höchst disziplinierte Sauberkeitbeim Experimentieren aller Mitarbeiter im Hahnschen Institut konntedie Verunreinigung durch andere stark aktive Präparate, diegefürchteten "Dreckeffekte", verhindern, was ein Erkennen unmöglichmachen konnte. Bei der Suche müssen die Radiochemiker in derRegel nur mit relativ wenigen oder gar nur einigen Ionen arbeiten.Dabei ist höchste Präzision notwendig. Hahns jahrzehntelangeErfahrung, Straßmanns Einfallsreichtum beim Experimentieren undschließlich die Indikatorversuche mit größten Verdünnungen ließenüber das Ergebnis schließlich keine Zweifel offen.Weil das entworfene Handlungsschema aber nicht allein Radium,sondern die ganze zweite Hauptgruppe erfasste, fügte es sich, dasszwar nicht das Gesuchte, aber ein leichteres Erdalkalimetallfestgestellt wurde. Dieser Fund wurde von Hahn und Straßmann alsBruchstück einer gravierenden Reaktion des Urankerns gedeutet. Fürdiese erstmalige Erkenntnis bildeten sie den Begriff "Zerplatzen". DieAussage wurde in Form der Publikation am 22.12. bei'Naturwissenschaften' eingereicht. Hier zeigte sich dann dieProblematik, die Enskat erwähnt. Der thematische Bruch im Text,Hahns übervorsichtige Ausdrucksweise und das Verwechseln vonMasse und Ladung machen den unausgereiften Charakter dieses<strong>Dokument</strong>s aus. Dies ist ein Beispiel für Enskats Behauptung, dass82
Probleme mit Entdeckungsansprüchen meist in der <strong>Dokument</strong>ationihren Ursprung haben.Auch Thomas S. Kuhns These von der Theoriebeladenheit allerBeobachtungen findet in der Geschichte der Kernspaltungsentdeckungein eindrucksvolles Beispiel. Im Mikrobereich kann man meist nurfinden, wenn man weiß, wonach man sucht. Vier Jahre lang hattenmehrere Wissenschaftler, nicht nur im Hahnschen Institut, mitSpaltprodukten gearbeitet, ohne sie als solche zu erkennen. Alle, dieauf diesem Gebiet gearbeitet hatten, verband eine gemeinsameintuitive Grundeinstellung, ein Paradigma, nämlich, dass mit demAtomkern keine allzu großen Veränderungen geschehen könnten, weilman die Kernkraft als zu stark ansah.Die Grundlage für eine Kernerweiterung der Grundaussage desParadigmas macht die kognitive Tragweite der Hahn-StraßmannschenEntdeckung aus und den geschichtlichen Stellenwert zeigte schonMeitner, indem sie die Freisetzung großer Energiebeträgevoraussagte.Angenommen, man lässt sich auf Simes Deutung von MeitnersBeiträgen ein, so muss sich die postulierte Mitentdeckerschaft anhanddieser Kriterien nachvollziehen lassen.Zunächst ist festzuhalten, dass die Transuran-Arbeiten vondiesem Schema nur als Erfahrungshintergrund erfasst werden. Zweifelan einer Hypothese sind noch keine gezielten Fragen. Als solchekönnte man die Fragen zu den Reaktionsbedingungen aus dem Briefvom 04.11.1938 deuten. Der Briefwechsel zeigt, dass von Meitner keinHandlungsschema zur Lösung des Problems entworfen wurde. AlsPhysikerin hätte sie das nicht machen können, da hier wirklich reineChemie notwendig war. Die Elemente Handlung und Wahrnehmungmussten durch die Flucht gezwungenermaßen ganz fehlen, wodurchsich naturgemäß auch nichts fügen konnte. Gemeinsam mit Frischleistete sie dann erstmals die physikalische Deutung für dasZerplatzen des Urankerns und prägte mit ihm in der 'Nature'-Publikation (Aussage) den Begriff "fission" - Spaltung. Frisch hattedann in Kopenhagen die Möglichkeit, die Aussagen experimentell zu83
überprüfen und als richtig (wahr) nachzuweisen. In Relation zumPhänomen Kernspaltung war es der zweite Nachweis, erstmals vonphysikalischer Seite. Frisch erfüllt damit die Kriterien der Erkenntnisartdes Erkennens. Die kognitive Tragweite von Meitners und FrischsArbeit macht die Kernerweiterung der Grundaussage aus, die aufgrundvon Hahns Deutung geleistet wurde.Erzwungen durch ihre Situation beschränkt sich Meitners Beitragauf ihre Überlegungen. Diese sind aber aus erkenntnistheoretischerSicht keine Dinge oder Eigenschaften im raum-zeitlichen Geschehenund können somit nicht entdeckt werden. Ausgeschlossen von derEmpirie war Meitner ausgeschlossen vom Entdeckungsgeschehen.Das ist sehr bitter und in ihren Briefen bringt sie ihren Kummer deutlichzum Ausdruck. Ob es ihr letztlich ein Trost sein konnte, durch dieFlucht das Dritte Reich überlebt zu haben, geht aus keiner Quelledirekt hervor. Doch auch nachträgliche Versuche, siemiteinzubeziehen, weil sie dabei gewesen wäre, wenn sie nicht hättefliehen müssen, ändern nichts an der Tatsache, dass sie, so wie dieSituation war, aus erkenntnistheoretischer Sicht keine Mitentdeckerinist, weil nicht alle Elemente des Entdeckens auf sie zutreffen. DassStraßmann sie dennoch als solche empfand, weil sie für ihnallgegenwärtig war, ist eine persönliche Perspektive, die neben derobjektiven Betrachtung Geltung haben muss. Aufgrund dessen kanndann aber nicht von Hahn verlangt werden, eine MitentdeckerschaftMeitners anzuerkennen, wenn er anderer Ansicht ist.Zu seinen Lebzeiten hat das anscheinend auch niemand getan.Die zeitgenössischen Wissenschaftler hatten, ohne es in dieser Formexplizit zu machen, alle eine ähnliche Auffassung vonnaturwissenschaftlichen Entdeckungen, nämlich, dass man daranetwas 'gearbeitet' haben musste, die Handlung. In seiner Schrift'Kernspaltung' zitiert Straßmann Max von Laue bevor er als Gegensatzdazu seine eigene Meinung zu Meitners Entdeckerschaft äußerte:"Der Geist, der im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie waltete, wargleichermaßen bestimmt durch Otto Hahn und durch Lise Meitner. Es ist vonunerhörter Tragik, daß sie ein halbes Jahr vor dem entscheidenden Dezember 193884
aus Deutschland fliehen musste. Denn sonst wäre sie zweifellos in der einen oderanderen Form an der Entdeckung der Uranspaltung mitbeteiligt ..." 178Damit sprach einer von Meitners und Hahns engsten Freundenaus, dass sie eben nicht beteiligt war. Hahns Antwort wäre sicherlichgenauso ausgefallen, hätte Ruth Lewin Sime ihn zu seinen Lebzeitendaraufhin ansprechen können. Das von ihr ungezählt oft angeführteZitat von Straßmann bezieht sich seinerseits auf das Zitat von Laueund muss deshalb in diesem Zusammenhang gesehen werden. Dannwird nämlich deutlich, dass auch Straßmann den objektivenSachverhalt anerkannte. Diesem wollte er seine persönliche Sicht derDinge, wie man sie eben auch sehen kann, gegenüberstellen ("MeineMeinung..."). 179Von diesen Betrachtungen unberührt bleibt die Frage derNobelpreiswürdigkeit, weil hier andere Kriterien zum Tragen kommen.Eine spekulative Frage bleibt unbeantwortet: Wäre Meitner dabeigewesen, welchen Preis hätte das Nobelkomitee verliehen - den fürChemie oder den für Physik (oder gar keinen)?In diesem Sinne ist Simes Buch sehr subjektiv. Es steht natürlichjedem frei, seine Meinung zu diesen Vorgängen kundzutun, auch wennsie offensichtlich auf fragwürdigen Voraussetzungen beruht, und zurDiskussion zu stellen. Nachdrücklich zu kritisieren ist allerdings diePraxis, die eigenen Meinungen nicht als solche zu kennzeichnen undals scheinbare Tatsachen in die Geschichtsschreibung einfließen zulassen. Ruth Lewin Sime hat ein umfangreiches Quellenstudiumbetrieben, welches an dieser Stelle ausdrücklich zu würdigen ist. Aberentsprechend ihrem eigenen Verständnis der Geschichte wurden dieZitate ausgewählt, aus dem Zusammenhang genommen oderweggelassen. Ihr Umgang mit den Quellen bestätigt in eindrucksvollerWeise einmal mehr Thomas S. Kuhns These von derTheoriebeladenheit aller Beobachtungen.178 Max von Laue, Rede zur Enthüllung der Gedenktafel im früheren Kaiser-Wilhelm-Institut, jetztOtto-Hahn-Bau, Mitteilungen aus der MPG 1957, hier zitiert nach Straßmann, Kernspaltung, S. 23179179 Straßmann, Kernspaltung, S. 2385
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Morgon-Tidningen: “Hahn lurade nazisterna, publicerade upptäckter”, gezeichnet“Jackson”, Stockholm, 6.12.1946.Perutz, Max F.: Lise Meitner und die Kernspaltung, NaturwissenschaftlicheRundschau 12 (1997), S. 470Seelig, Carl: Helle Zeit - Dunkle Zeit, In Memoriam Albert Einstein, Zürich u.a. 1956Sime, Ruth Lewin: Lise Meitner und die Kernspaltung: "Fallout" der Entdeckung,Angewandte Chemie 102 (1991), S. 480 ffSime, Ruth Lewin: Lise Meitner - A Life in Physics, Berkeley u.a. 1996Straßmann, Fritz; Hahn, Otto: Über die Isolierung und einige Eigenschaften desElements 93, Naturwissenschaften 17/18 (1942), S. 256Straßmann, Fritz: Erinnerung an die Entdeckung der Uranspaltung In: Mitteilungen derMPG, Göttingen 1, S. 17-18, 1957Straßmann, Fritz: Kernspaltung - Berlin, Dezember 1938, Mainz 1978Weart, Spencer: Discovery of Fission, In: Shea, William R. (Hrsg.): Otto Hahn and theRise of Nuclear Physics, Dordrecht 1983Literatur zu Teil BEnskat, Rainer: Wahrheit und Entdeckung, Logische und erkenntnistheoretischeUntersuchungen über Aussagen und Aussagenkontexte, Freiburg i. Br. 1982Enskat, Rainer: Über Wahrheit und Entdeckung. Thesen zur Erkenntnistheorie undzur Ontologie, Allgemeine Zeitschrift für Philosophie, Band 8, 1983Krings, Hermann (Hrsg.): Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Band 3, München1973/74Stegmüller, Wolfgang: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, Band 2,Stuttgart 1975Straßmann, Fritz: Kernspaltung - Berlin, Dezember 1938, Mainz 197888
Ich versichere hiermit, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst, keineanderen als die angegebenen Hilfsmittel verwendet und die Stellen, dieanderen Werken im Wortlaut oder dem Sinne nach entnommen sind, mitQuellenangaben kenntlich gemacht habe.89