Impulse_KJ2012_NAK - religionsreport.de

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Anregungen zum Nachdenken überAussagen der Heiligen Schrift, dienicht unbedingt den gewohntenKonventionen folgen. Sie lassen sichauch dann mit Gewinn lesen, wennihr Inhalt Widerspruch erregt.Impulse30 kurze Essays zuausgewählten BibelzitatenSteffen Liebendörfer


Zahlreiche positive Reaktionen waren nun Anlass dafür, eine Auswahl in durchgesehener undüberarbeiteter Form zusamenzufassen. Es soll zu einem Nachdenken über Texte der HeiligenSchrift anregen, das nicht immer den gewohnten Konventionen folgt. Deshalb ist es selbstverständlich,dass sich die Ausführungen auch dann mit Gewinn – vielleicht sogar mit größeremGewinn – lesen lassen, wenn ihr Inhalt Widerspruch erregt.Steffen Liebendörfer, im November 20132


Trial and Error (1Joh 5,13-15) ........................................................................................................... 94Der Zweifel – Dein Freund und Helfer (Jud 20-25) ....................................................................... 97Selig ist, der da liest (Offb 1,1-3) .................................................................................................... 102Von Ewigkeit zu Ewigkeit (Offb 1,17b.18) ................................................................................... 1054


Schöpfung und EvolutionUnd Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäumeauf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so. Unddie Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die daFrüchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.(Gen 1,11.12)„Es ist anziehend beim Anblick einer dicht bewachsenen Uferstrecke, bedeckt mit blühendenPflanzen vielerlei Art, mit singenden Vögeln in den Büschen, mit schwärmenden Insecten inder Luft, mit kriechenden Würmern im feuchten Boden, sich zu denken, daß alle diese künstlichgebauten Lebensformen, so abweichend unter sich und in einer so complicirten Weisevoneinander abhängig, durch Gesetze hervorgebracht sind, welche noch fort und fort um unswirken. Diese Gesetze, im weitesten Sinne genommen, heißen: Wachsthum mit Fortpflanzung;Vererbung, fast in der Fortpflanzung mit einbegriffen, Variabilität in Folge der indirecten unddirecten Wirkungen äußerer Lebensbedingungen und des Gebrauchs oder Nichtgebrauchs;rasche Vermehrung in einem zum Kampfe um’s Dasein und als Folge zu natürlicher Zuchtwahlführenden Grade, welche letztere wiederum Divergenz des Characters und Erlöschenminder vervollkommneter Formen bedingt. So geht aus dem Kampfe der Natur, aus Hungerund Tod unmittelbar die Lösung des höchsten Problems hervor, das wir zu fassen vermögen,die Erzeugung immer höherer und vollkommenerer Thiere. Es ist wahrlich eine großartigeAnsicht, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder nur einereinzigen Form eingehaucht hat, und daß, während unser Planet den strengsten Gesetzen derSchwerkraft folgend sich im Kreise schwingt, aus so einfachem Anfange sich eine endloseReihe der schönsten und wundervollsten Formen entwickelt hat und noch immer entwickelt.“Mit diesem Absatz als Schlussbemerkung endet das berühmte Werk „Über die Entstehung derArten“ („On the Origin of Species“) des britischen Naturforschers Charles Darwin, eine derfrühesten und zugleich bedeutsamsten Ausarbeitungen zur Evolutionstheorie, die gegen Endedes Jahres 1859 erstmals publiziert worden ist. Die Bereiche der Biologie und Genetik sindnicht die Einzigen, die dazu geführt haben, dass die Menschen bis heute Fragen an traditionelleSchöpfungsmythen stellen.Erst gegen Ende 2012 wurden in Australien 36 Radioteleskopschüsseln in Betrieb genommen.Sie sind der erste Teil eines Netzwerks aus dann 3.000 solcher Teleskopanlagen, das bis zumJahr 2023 fertig sein soll. Die Forscher erhoffen sich davon neue Einblicke in das Universumund seine Entstehung. Bis zurück zum Urknall will man blicken – das geht deshalb, weil ein5


Blick durch den Raum immer auch ein Blick durch die Zeit ist (was aber im täglichen Lebennicht weiter auffällt). Mögen die Einblicke der Wissenschaftler neue Durchblicke für dieMenschheit hervorbringen!Zurück zum biblischen Schöpfungsbericht. Entstehungsgeschichtlich ist er vermutlich durchmythologische Literatur aus dem Alten Orient inspiriert. In der modernen Theologie ist längstanerkannt, dass er nicht als Tatsachenbericht zu verstehen ist. So ist beispielsweise in der neuestenAusgabe des Neuen Lexikons der katholischen Dogmatik nachzulesen: „Die Schöpfungserzählungender Bibel wollen und können kein in sich kohärenter Schöpfungsreport o-der Tatsachenbericht sein. Schon die Zweizahl und die bei wörtlicher Auslegung auftretenden(scheinbaren) Widersprüche zwischen ihnen legen dies nahe, was den Autoren wohl auch bewusstwar. Gelegentliche Versuche, das Siebentagewerk mit der Evolutionstheorie kompatibelzu machen, indem man Tage zu Evolutionszeiträumen uminterpretiert, werden weder demStand der Hermeneutik bzgl. der Schöpfungsberichte noch den allgemein akzeptierten Erkenntnissender Evolutionstheorie gerecht.“ Zwar hat man das nicht gleich nach Darwins ersterVeröffentlichung von „On the Origin of Species“ so gesehen, doch seit dem Zweiten VatikanischenKonzil („Gaudium et spes“) setzte sich diese Einsicht schrittweise in der katholischenTheologie durch. Ähnliches gilt mit modifizierter Zeitleiste für die protestantische Theologie– auch wenn es in der evangelischen Konfessionsfamilie einen fundamentalistischenRand gibt, der sich dieser Einsicht beharrlich verweigert. Und in den apostolischen Glaubensgemeinschaftenwurde vor wenigen Jahren die Evolution zum Erklärungsmodell für Entstehungund Entwicklung der belebten Welt erklärt.Einen signifikanten Unterschied zwischen Naturwissenschaft und Theologie gibt es weiter –er betrifft eine Beteiligung Gottes, in welcher konkreten Form auch immer. Dazu sind zweiHinweise zu geben. Erstens ist das Unterlassen des Stellens der Frage nach Gott in der Naturwissenschaftkeine antireligiöse oder antikirchliche Polemik, keine absichtsvolle Provokation,sondern schlicht und einfach eine Anforderung an die wissenschaftliche Redlichkeit aufGrundlage geltender fachlicher Konventionen. Zweitens ist das Sichbeziehen auf Gott in derkirchlichen Verkündigungspraxis keine gegen die Naturwissenschaften gerichtete Polemik,sondern eine in der christlichen Theologie verbindliche Konvention, die beispielsweise imApostolikum ihren Ausdruck findet. Für die christliche Theologie ist allerdings mit Joh 1,1-5zum Thema Schöpfung alles gesagt:Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfangbei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemachtist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in derFinsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.6


Das ist höchst abstrakt und verdient so höchstes Lob. Gott wird damit als der Schöpfunggleichsam vorausliegend (wobei man bei „voraus“ schon vorsichtig sein muss) und sich in ihräußernd verstanden; zugleich wird die Schöpfungsidee in jenem Kapitel zu einer christologischenEntfaltung hingeführt. Die Frage nach der konkreten Rolle Gottes in der Schöpfung/imSchöpfungsakt – was darunter auch immer zu verstehen sein mag – ist für die christliche Theologieweder beantwortbar, noch ist sie von Relevanz. Allerdings steht die Theologie damitheute vor dem Problem, wie zwischen dem so nahegelegten Deismus und dem Christusglaubeneine Brücke geschlagen werden kann.Deshalb kann es beim Stichwort „Schöpfung“ wohl eher auf eine Aktualisierung alttestamentlicherÜberlieferungen im Lichte christologischer und ekklesiologischer Reflexion ankommen.Größtmögliche Distanz sollte etwa zu Aussagen gewahrt werden, die einer teleofunktionalistischenWeltsicht entspringen. Was ist damit gemeint? Beispiele:Die Sonne ist dazu da, damit es auf der Erde hell und warm ist.Die Früchte an den Bäumen (vgl. Gen 1,11) sind dazu da, damit Menschen und Tieresich davon (und in der Folge ggf. auch voneinander) ernähren können.Kein seriöser Geistlicher oder Theologie könnte so etwas heute noch (unter-)schreiben. DasProblem dabei ist, dass aus dem Vorhandensein von Etwas auf seinen Zweck geschlossen unddabei Zweck und Grund gleichgesetzt werden. Bedenklich ist das nicht nur bei rein logischerBetrachtung, sondern auch vor dem Hintergrund, dass die moderne Theologie die Evolutionanerkennt, was eine solche Sehensweise als Absurdität bloßstellt. Die Erkenntnisse der Evolutionund derlei Überlegungen stehen in einem echten Alternativverhältnis zueinander; sieschließen sich mithin kategorisch aus.7


Wahl zwischen Pest und Cholera?Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel her und sprach: Ich habe bei mir selbstgeschworen, spricht der HERR: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont,will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und wie den Sand amUfer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlechtsollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.(Gen 22,15-18)Zwischen Kalabrien auf dem italienischen Festland und der Insel Sizilien liegt eine Meerenge– die Straße von Messina. Deren Passieren ist heute relativ ungefährlich, jedenfalls solangeman keinen Ärger mit einer bekannten auf Sizilien ansässigen Organisation hat. Das war möglicherweisenicht immer so: In der Antike, so überliefert es die griechische Mythologie, wurdedie Meerenge an ihren beiden Ein- bzw. Ausfahrten von zwei Ungeheuern bewacht. Da wareinerseits Szylla (andere Schreibweise: Skylla), die mit ihren sechs Köpfen und drei Zahnreihenin den Mäulern jeden fressen wollte, der in ihre Nähe kam. Andererseits war da Charybdis,ein Ungeheuer ohne Gestalt, das die für Seefahrer mehr als nur unangenehme Angewohnheithatte, das Meerwasser kraftvoll anzusaugen, nur um es brüllend wieder auszustoßen.Das Ergebnis war ein Sog mit tödlicher Wirkung für jeden, der das Pech hatte hineinzugeraten.Und der arme Odysseus segelte zwischen beiden hin und her. Er war zwischen Szyllaund Charybdis.Eine andere Geschichte:Einige Zeit später stellte Gott Abraham auf die Probe. „Abraham!“, rief Gott. „Hier bin ich“, antworteteAbraham. „Nimm deinen einzigen Sohn Isaak, den du so lieb hast, und geh mit ihm ins Land Morija.Dort werde ich dir einen Berg zeigen, auf dem du Isaak als Brandopfer für mich opfern sollst.“ Schließlichkamen sie an die Stelle, die Gott Abraham genannt hatte. Dort baute Abraham einen Altar undschichtete das Holz darauf. Dann fesselte er seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf dasHolz. Abraham nahm das Messer, um seinen Sohn als Opfer für den Herrn zu töten. In diesem Augenblickrief der Engel des Herrn ihn vom Himmel: „Abraham! Abraham!“ „Ja“, antwortete er. „Ich höre.“„Lass es sein“, sagte der Engel. „Tu dem Kind nichts. Denn jetzt weiß ich, dass du Ehrfurcht vor Gotthast. Du hättest sogar deinen einzigen Sohn auf meinen Befehl hin geopfert.“ Da sah Abraham auf undentdeckte einen Schafbock, der sich mit den Hörnern in einem Busch verfangen hatte. Er holte denSchafbock und opferte ihn anstelle seines Sohnes als Brandopfer. (Gen 22, 1.2.9-13 NL)Beide Geschichten – die Zweite davon aus dem Kontext des Bibeltextes – zeigen Situationen,in denen praktisch nur die sprichwörtliche Wahl zwischen Pest und Cholera besteht. Von8


Szylla gefressen werden oder in den Sog von Charybdis geraten, den eigenen Sohn töten odersich Gott gegenüber als ungehorsam erweisen.Die Episode auf dem Berg in Morija ist durchaus geeignet, ein positives Gottesbild infrage zustellen. Da verlangt er – anscheinend grundlos – die rituelle Tötung eines Menschen. Einegrausame und furchtbare Vorstellung. Und zum Glück nicht wirklich eine göttliche Handlungsanweisung:Man kann heute davon ausgehen, dass Gott dies nicht wirklich von Abrahamverlangt hat. Die Geschichte von der Opferung Isaaks geht vermutlich auf eine Sage zurück,die dazu diente, die Verurteilung des Menschenopfers zu illustrieren. Dieses wurde vonden alten Phöniziern praktiziert, und vereinzelt haben wohl auch Israeliten Gefallen am Menschenopfergefunden – ungeachtet der Warnungen der Propheten:Sie haben ihre Gräuelbilder gesetzt in das Haus, das nach meinem Namen genannt ist, um es unrein zumachen, und haben die Höhen des Tofet im Tal Ben-Hinnom gebaut, um ihre Söhne und Töchter zuverbrennen, was ich nie geboten habe und mir nie in den Sinn gekommen ist. (Jer 7, 30b.31)Zugleich aber zeigt die Geschichte Abraham als das Urbild des Glaubenden, der bereit ist,Gott alles zurückzugeben, was er von ihm empfangen hat. Der bereit ist, auch unter extremenVoraussetzungen und in innerer Zerrissenheit Gott gegenüber Gehorsam zu sein. Dass Abrahamfür seinen Gehorsam gleichsam eine Belohnung in Gestalt eines in größerem Maßstabevolutionsrelevanten Reproduktionserfolgs versprochen worden ist, gehört zur Sage von derOpferung Isaaks. Es wäre fatal, wenn man heute sagen würde: „Wenn ich Gott gehorche, bekommeich eine Belohnung.“ Es geht vielmehr darum, Abraham als Vorbild für einen Gottesglaubenzu sehen, der von einem tiefen Vertrauen geprägt ist und der selbst dann Gehorsamermöglicht, wenn der innere Widerstand fast unüberwindbar groß erscheint. Der KirchenlehrerAugustinus, der im vierten und fünften Jahrhundert gelebt und gewirkt hat, räumte inseiner Tugendlehre dem Gehorsam eine besondere Stellung ein, und zwar als „Mutter undWächterin aller Tugenden“.Ein weiteres Vorbild im Gehorsam gegenüber Gott – das Vorbild schlechthin – ist Jesus Christus.Sein Tod am Kreuz war kein Ereignis, dem er etwa mit Begeisterung entgegengesehenhätte. Im Gegenteil: Mehrfach hat er im intensiven Gebet im Garten Gethsemane nach eineralternativen Lösung gesucht. Und selbst als er schon ans Kreuz geschlagen war, wurde er versucht:„Hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!“ (Mk 15, 30). Christus blieb gehorsam,Christus blieb am Kreuz. Im Übrigen zeigt der Blick vom Kreuz zurück nach Morija den Sagencharakterjener alten Geschichte: Gott verlangt nicht die Tötung eines Menschen, er willkein Menschenopfer; eher lässt er sich selbst zu Tode martern.Heute haben die Menschen – Dank dieser großen und ewig gültigen Erlösungstat des Herrn –nicht mehr nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, segeln nicht mehr zwischen Szylla und9


Nach Gott fragen ist klugDer HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nachGott frage.(Ps 14,2)„Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler.“ Dieses Zitat vonWilliam Shakespeare kann eine erste Assoziation beim Lesen des Bibeltextes sein. Der liebeGott schaut aus dem Himmelreich herab auf die Erde und macht sich so seine Gedanken.Heute würde man wohl von „Big Brother“ sprechen, von dem großen Bruder, und sich Gottwie den Zuschauer vorstellen, der beim Beobachten des Lebens im „Big Brother“-Containerseinen voyeuristischen Neigungen frönt – ähnlich den Leuten, die sich mit für bildungsferneSchichten gemachten Fernsehsendungen am Leben der ebenfalls eher bildungsfernen Menschenim Container erfreuen. So niedlich das klingt: Die Idee des alles beobachtenden großenBruders stammt aus Orwells Werk „1984“, das keineswegs eine freundliche Utopie, sondernvielmehr eine Horrorvision erster Güte ist.Auch wenn das heute keiner mehr so gerne hört bzw. liest: Die Vorstellung von Gott als einerArt Über-„Big Brother“ ist ein urreligiöses Motiv. Nicht selten wurde kleinen Kindern in derreligiösen Erziehung mit einem global agierenden Überwachungsfanatiker Angst gemacht.Doch kann so Urvertrauen in den Schöpfer entstehen? Wird damit eine fruchtbare Grundlagefür die Liebe zu Gott gelegt? Oder vielleicht eher eine Motivation dafür geschaffen, ihm beipassender Gelegenheit ein Schnippchen schlagen zu wollen; dafür, den Glauben an Gott aufzugeben,zu unterdrücken, zu verlieren, nur um der unerwünschten Totalüberwachung zuentgehen? Die Logik dabei ist klar: Kein Gott, also keine Überwachung, also ich kann tun undlassen, was ich will, ohne göttliche Racheakte fürchten zu müssen.Oder ist es vielmehr so: Gott nimmt in dem Umfang an Deinem Leben teil, wie Du ihn dazueinlädst. Du kannst tun und lassen, was Du willst. Mit welcher Technik Du Dir morgens dieZähne putzt (oder ob überhaupt) wird wohl kaum Bezugspunkt göttlicher Aufmerksamkeitsein. Vielleicht – aber selbst das kann niemand mit Gewissheit sagen – freut sich Gott, wennDu auf eine der vielfältigen möglichen Arten Begegnung mit ihm suchst. Der Gottesdienst istein Angebot dazu. Aber auch im zweifelnden Fernbleiben vom Gottesdienst kann Gott Begegnungschenken, weil man da womöglich sogar noch viel intensiver nach ihm fragt. Man kannGott sogar aus dem Leben ausschließen. Diese Freiheit hat der Mensch.11


Und genau um diese beiden Extreme geht es eigentlich im Bibeltext. Die Verse eins und zweides kurzen 14. Psalms stellen letztlich ein Leben mit Gott einem Leben ohne Gott gegenüber:„Die Toren sprechen in ihrem Herzen: ‚Es ist kein Gott.‘ Sie taugen nichts; ihr Treiben ist einGräuel; da ist keiner, der Gutes tut. Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder,dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.“ (Ps 14,1.2) Wenn hier von einem aufdie Menschenkinder schauenden Gott die Rede ist, dann wird zugleich deutlich, dass dieserBeobachtungsvorgang nicht der Beobachtung wegen geschieht, sondern weil Gott Ausschaunach denjenigen Menschen hält, die ihrerseits Ausschau nach Gott halten.Nun zu den beiden Extremen. Der Bibeltext ist nicht wertungsfrei: Gott ignorieren, ihn ausschließen,das wird hier als Torheit dargestellt. Ihn suchen, ihn zur Teilhabe am eigenen Lebeneinzuladen, hingegen als Klugheit. Doch warum ist das eine dumm und das andere klug – woich doch einerseits für Variante eins keine Konsequenzen fürchten muss, für Variante zweikeine Belohnung erwarten kann? Mit Drohungen und Verheißungen zwischen den Extremen– Himmel und Hölle – wäre sofort klar, warum das eine dumm und das andere gescheit seinsoll. Aber ohne Drohung oder Verheißung im Hintergrund: Warum sollte man da nach Gottfragen?Ein Angebot für eine Antwort: Weil die Frage nach Gott sich letztlich als notwendige Bedingungzu einem Leben in Würde herausstellt. Hier ist eine Klarstellung angebracht: Auch wernicht nach Gott fragt, hat im juristischen und politischen Sinne die unveräußerliche Menschenwürde.Er hat davon auch nicht mehr oder weniger davon als jeder gläubige Mensch.Es geht um ein inneres, um in ganz subjektives Würde-Empfinden. Könnte das Leben desMenschen von Würde erfüllt sein, wenn es Gott nicht gäbe? Hat ein Leben Würde, wenn eskeinen Sinn hat, sondern nur einen Zweck? Viele Menschen sind offenbar glücklich damit, ihrDasein in einem rein biologischen Kontext zu sehen. Geboren werden, essen, schlafen, Aufzuchtvon (möglichst eigenem) Nachwuchs, altern, sterben, verfaulen. Der Sinn des Lebenswird hier im Leben als sich selbst reproduzierendem Vorgang gesehen. Es dient damit nurdem Zweck, sich fortzupflanzen und dabei idealerweise den Genpool zu verbessern. Mandient damit im Ergebnis einem biologischen System, das aus einer Aneinanderreihung vonZufällen entstanden ist und in wie durch eine Aneinanderreihung von Zufällen fortexistiert.Alles, was keinem Überlebensvorteil dient, hat in diesem System keinen Sinn. Es ist rein funktionalauf den Selbsterhalt gerichtet. Dieses System ist gegenüber den größten Grausamkeitenin der Menschheitsgeschichte indifferent. Seien es Genozide in Afrika oder sei es das furchtbareVerbrechen des Holocaust im Nationalsozialismus. Selbst eine Rassenideologie wäre hierals systemkonform zu betrachten. Denn die Biologie selbst ist ein moralfreier Raum. Zwar gibtes Versuche, diese systemische Vorstellung vom Dasein mit humanistischem Gedankengut zuläutern. Eine von metaphysischen Erwägungen freie Letztbegründung für humanistische Ide-12


ale gibt es freilich nicht. Eine Weltanschauung, die wesentlich auf darwinistischen Vorstellungengründet, kann keine systemimmanente Erklärung für die moralische Missbilligung vonMord liefern – sehr wohl aber für das Gegenteil. Eine darwinistische Weltsicht vermag vonWürde und Sinn nur dann zu sprechen, wenn dabei auf systemfremde Vorstellungen zurückgegriffenwird.Im Fragen nach Gott hingegen liegt schon die Antwort auf die Frage nach Sinn und Würdedes menschlichen Lebens. Und hier formuliert die Lutherübersetzung – wie auch fast alle anderenÜbersetzungen – den Bibeltext sehr treffend: Nach Gott fragen. Das ist im Grunde genommeneine Vorstufe des Glaubens. Nach Gott fragen kann auch der Mensch, der, wofür esviele Gründe geben kann, dann nicht glaubt bzw. zum Glauben findet. Nach Gott fragen, dasbedeutet das Bejahen der Möglichkeit und sie nicht a priori in einem Akt bewusstseinsgesteuerterWillkür auszuschließen.Die Existenz Gottes kann ebenso wenig bewiesen werden, wie seine Nichtexistenz. Ich kannfür mich ganz persönlich entscheiden, ob ich dem Glauben an Gott in meinem Leben eineChance gebe oder nicht. Dieses Gewähren der Chance, die der Mensch dabei doch letztlichsich selbst gibt, ist ein Vorgang, der vom Vorhandensein des Vermögens zu glauben unabhängigist. Klug und töricht – diese in Ps 14 genannten persönlichen Eigenschaften lassen sichnicht einseitig dem Glauben oder dem Unglauben zuordnen. Das geht munter durcheinander.Es gibt ebenso törichte Gläubige, wie es kluge Ungläubige gibt. Die Erkenntnis aus der Beschäftigungmit dem ist also, dass es „klug“ ist, nach Gott zu fragen – für alle Menschen; undzwar zunächst einmal ganz unabhängig vom weiteren Inhalt der weltanschaulichen Biografie.13


Werdet wie die KinderSo hört nun auf mich, meine Söhne! Wohl denen, die meine Wege einhalten! Hört die Mahnung undwerdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wachean meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet das Leben underlangt Wohlgefallen vom Herrn.(Spr 8,32-35)„Der, die, das.Wer, wie, was?Wieso, weshalb, warum?Wer nicht fragt, bleibt dumm!“Seit rund vier Jahrzehnten gibt es die bekannte Kindersendung „Sesamstraße“ und dieserkleine Reim ist der Text des Titelliedes. Auch wenn das Hauptpublikum aus Kindern im Vorschulalterbesteht, ist die letzte Zeile doch ein Hinweis an alle Generationen: Wer nicht fragt,bleibt dumm!Es steht außer Frage, dass dies ganz selbstverständlich auch für den Bereich der Religion gilt,ja dort vielleicht sogar besonders. Christsein geht einher mit der sich ständig aktualisierendenAufforderung, die Fragen Wieso, Weshalb und Warum zu artikulieren. Aussagen wie zumBeispiel „wir glauben das eben“ oder „das ist halt so“ sind für den Erkenntnisprozess im Glaubenpures Gift; eine geistige und geistliche Bankrotterklärung.Natürlich kommt man manchmal an Punkte, wo eine Frage nicht beantwortet werden kann.Zum Beispiel: Warum hat Gott alles erschaffen? Gibt es dafür überhaupt ein Warum? An diesenund ähnlichen Stellen, wenn es um solche letzten Fragen geht, helfen inhaltsleere Basta-Antworten nicht weiter. Nur dass eine Antwort nicht – möglicherweise: noch nicht – gegebenwerden kann, heißt nicht, dass es keine (plausible) Antwort gibt. Es kann auch darauf hindeuten,dass einfach noch nicht die richtigen Fragen gestellt worden sind. Schon Goethe weistdarauf hin: „Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen.“Keine Antwort – das versteht der am Wachstum im Glauben interessierte Mensch als Aufforderungzur Artikulation immer neuer Fragen. Christsein, das bedeutet Freude daran zu haben,am Ende jeder Antwort wieder mindestens ein neues Fragezeichen entdecken zu können.Nun spricht im achten Kapitel des Buches der Sprüche, aus dem der Bibeltext entnommen ist,ab Vers 4 bis zum Schluss die Weisheit selbst in einer personifizierten Form. Das Buch der14


Sprüche ist ein Lehrwerk, das für die Unterweisung der Mitglieder der frühjüdischen Gemeindenzusammengestellt worden ist. Im Neuen Testament hat das Buch der Sprüche ein hohesMaß an Rezeption erfahren. In didaktisch-methodischer Hinsicht hat Jesus Christus durch dieRede in Gleichnissen die gleiche Art des Lehrens genutzt, wie man sie in den Sprüchen findet.Auch inhaltlich hat sich Jesus teilweise bekannter Elemente aus den Sprüchen bedient. EineVielzahl von Parallelen gibt es zudem in den Petrusbriefen und auch Paulus hat auf die SprücheBezug genommen. Sogar heute sind „sprüche-wörtliche“ Aussagen im Gebrauch, selbstaußerhalb eines religiösen Bezugsrahmens, so beispielsweise wenn man eine Grube gräbt undselbst hineinfällt (Spr 26,27) oder glühende Kohlen auf jemandes Haupt häuft (Spr 25,22).Im Bibeltext (Spr. 8,35) formuliert die Weisheit eine Anweisung. Sie lautet: Finde mich! Ansich ist es bedauerlich, dass dies mit dem Inaussichtstellen einer „Belohnung“ verbundenwird, hier „Leben“ und „Wohlgefallen vor dem Herrn“. Dabei liegt der eigentliche Wert imStreben nach der Weisheit selbst. Klar ist: Wer nicht nach Weisheit strebt, kann keinesfalls dasLeben und Wohlgefallen vor Gott erlangen. Wer nicht fragt, bleibt eben dumm.Man könnte lange darüber philosophieren, was Weisheit ist. Verkehrt sind solche Überlegungennicht, würden aber den Rahmen dieses kleinen Beitrages sprengen. Weisheit ist mehr alsnur Wissen. Weisheit ist mehr als nur Intelligenz. Weisheit ist mehr nur die Verbindung vonWissen und Intelligenz. Weisheit hat demgegenüber ein ideelles Mehr, während Wissen undIntelligenz oft ein instrumentelles Schwergewicht haben. In der Theologie des neuen Testamentesist der „Logos“ der Begriff, welcher der Weisheit wohl am nächsten kommt. Bereits imUrchristentum wurde das achte Kapitel des Buches der Sprüche christologisch ausgedeutet.Das Johannesevangelium gibt den Hinweis auf das fleischgewordene Wort (Logos) (Joh 1,14).Paulus stellt den Korinthern Jesus Christus als Kraft und Weisheit Gottes vor (1Kor 1,24).So wird das Streben nach Weisheit zu einem Streben nach Christus – und umgekehrt. Und derhat ganz klar gesagt, an wem man sich orientieren soll, wer die Vorbilder sind. Es sind dieKinder: „Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: Wahrlich, ichsage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreichkommen. Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größteim Himmelreich.“ (Mt 18,2-4)Worin sind Kinder ein Vorbild? Naivität und Infantilität hat Jesus Christus sicher nicht gemeint.Kinder haben die für Erwachsene nicht selten unbequeme Eigenschaft, dass sie Fragenstellen, manchmal sehr hartnäckig. Sie wollen etwas wissen, man versucht es ihnen zu erklären,und ihre ganze „Dankbarkeit“ packen sie dann in die Worte: „Und warum?“Darin sind Kinder ein Vorbild für den Menschen auf seinem Weg zu Christus, zur Weisheit,zur Erkenntnis. Weil sie das, was für sie subjektiv heute noch eine unumstößliche Wahrheitist morgen schon wieder aus einer ganz anderen Perspektive betrachten können. Erwachsene15


neigen demgegenüber dazu, einen Nimbus des Wissens zu erzeugen, hinter dem sie sich dannaber viel zu oft nur vor sich selbst verstecken. Kehrt um und werdet wie die Kinder! StelltFragen, hinterfragt, zweifelt ruhig auch mal. Das Fragezeichen soll unser Ausweis sein, undnicht der Punkt. Wer nicht fragt, bleibt dumm…Wer hingegen den Menschen vom Hinterfragen abrät, ihnen Angst vor dem Zweifel – einemwichtigen Helfer eines erkenntnisorientierten Glaubens – macht, führt einen von der Weisheit,von Christus weg, weit weg von Gott und seiner Einladung zum Leben. Wer nicht hinterfragtund zweifelt, kann nicht zur Erkenntnis gelangen. Im Buch der Sprüche teilt uns die Weisheitaber mit: „Achtet Erkenntnis höher als kostbares Gold“ (Spr 8,10b).Ja – stimmt denn das, was hier so steht? Diese Frage ist nicht nur zulässig, sondern ausdrücklicherwünscht, drückt sie doch aus, dass das hier verfolgte Kernanliegen verstanden wordenist. Zum Abschluss eine kleine Episode zum Weiterdenken. Sie stammt aus der Feder einesunbekannten Verfassers und hat den Titel „Das Versteck der Weisheit“:„Vor langer Zeit überlegten die Götter, dass es sehr schlecht wäre, wenn die Menschen die Weisheit desUniversums finden würden, bevor sie tatsächlich reif genug dafür wären. Also entschieden die Götter,die Weisheit des Universums so lange an einem Ort zu verstecken, wo die Menschen sie so lange nichtfinden würden, bis sie reif genug sein würden. Einer der Götter schlug vor, die Weisheit auf dem höchstenBerg der Erde zu verstecken. Aber schnell erkannten die Götter, dass der Mensch bald alle Bergeerklimmen würde und die Weisheit dort nicht sicher genug versteckt wäre. Ein anderer schlug vor, dieWeisheit an der tiefsten Stelle im Meer zu verstecken. Aber auch dort sahen die Götter die Gefahr, dassdie Menschen die Weisheit zu früh finden würden. Dann äußerte der weiseste aller Götter seinen Vorschlag:‚Ich weiß, was zu tun ist. Lasst uns die Weisheit des Universums im Menschen selbst verstecken.Er wird dort erst dann danach suchen, wenn er reif genug ist, denn er muss dazu den Weg in seinInneres gehen‘ Die anderen Götter waren von diesem Vorschlag begeistert und so versteckten sie dieWeisheit des Universums im Menschen selbst.“16


am Ende zu Gott gelangen. Selbstverwirklichung verdient nur dann kritische Betrachtungen,wenn jemand danach strebt, der sein Selbst nicht kennt. Wer hingegen sein Selbst erforschtund erkennt, vollzieht den göttlichen Willen, wenn er nach Selbstverwirklichung strebt.Grundlage einer so verstandenen Selbstverwirklichung, ist das Vertrauen darauf, dass Gottfür jedes Individuum das ultimativ Gute, das wahrhaft Beste will. Es ist letzten Endes eineFrage des Glaubens, dies zu für sich zu bejahen. Zum Glauben und Gottvertrauen gehört derZweifel ganz selbstverständlich dazu. Er bewirkt eine beständige Auseinandersetzung, die einaktives, ein bewusstes Vertrauen auf Gott erst möglich macht. Das Vertrauen auf Gott gewinntan Wert, wenn es immer wieder neu im Prozess des Hinterfragens und Verstehens aktualisiertwird; es verliert hingegen an Wert und wird zu einer Leerformel, wenn es sich keinen Fragenstellen muss.Das Vertrauen auf Gott macht den Menschen in seinen Plänen flexibel und erfüllt sein Lebenmit Dynamik. Denn dass man sich etwas vornimmt und auf dessen Umsetzung hinarbeitet,ist eine Grundlage menschlicher Lebensgestaltung. Man braucht einen „Plan A“ und wer strategischdenkt, hat sich auch noch einen „Plan B“ ersonnen. Idealerweise berücksichtigen diesePläne den mutmaßlich erkannten göttlichen Willen. Dennoch kann der göttliche Lenkeingriffdazu führen, dass die Pläne A und B nicht mehr passen, dass sie überarbeitet oder verworfenwerden müssen. Dann gibt es einen neuen Plan, den „Plan G“. Wenn es also doch mal wiederanders kommt als gedacht, dann sollte darin kein Akt göttlicher Gewalt gesehen werden, dieauf und gegen einen wirkt; besser ist es, den „Plan G“ als neue Perspektive, als Optimierungsangebotzu sehen. So wird der göttliche Lenkeingriff zu einer Kraft, die in mir und für michwirkt und mir am Ende dabei hilft, mich selbst umfänglich zu verwirklichen.19


MissionDenn ich bin der HERR, der von Gerechtigkeit redet und verkündigt, was recht ist. Versammelt euchund kommt miteinander herzu, ihr Entronnenen der Heiden. Keine Erkenntnis haben, die sich abschleppenmit den Klötzen ihrer Götzen und zu einem Gott flehen, der nicht helfen kann. Tut es kund, bringtes vor, beratet miteinander: Wer hat dies hören lassen von alters her und vorzeiten verkündigt? Habich's nicht getan, der HERR? Es ist sonst kein Gott außer mir, ein gerechter Gott und Heiland, und esist keiner außer mir. Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet, aller Welt Enden; denn ich bin Gott,und sonst keiner mehr. Ich habe bei mir selbst geschworen, und Gerechtigkeit ist ausgegangen aus meinemMunde, ein Wort, bei dem es bleiben soll: Mir sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen schwörenund sagen: Im HERRN habe ich Gerechtigkeit und Stärke. Aber alle, die ihm widerstehen, werdenzu ihm kommen und beschämt werden. Im HERRN wird gerecht werden Israels ganzes Geschlecht undwird sich seiner rühmen.(Jes 45,19b-25)„In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließtund die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mitumso größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionensteht. Gemäß ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unterden Völkern zu fördern, fasst sie vor allem das ins Auge, was den Menschen gemeinsam istund sie zur Gemeinschaft untereinander führt. Alle Völker sind ja eine einzige Gemeinschaft,sie haben denselben Ursprung, da Gott das ganze Menschengeschlecht auf dem gesamten Erdkreiswohnen ließ; auch haben sie Gott als ein und dasselbe letzte Ziel. Seine Vorsehung, dieBezeugung seiner Güte und seine Heilsratschlüsse erstrecken sich auf alle Menschen, bis dieErwählten vereint sein werden in der Heiligen Stadt, deren Licht die Herrlichkeit Gottes seinwird; werden doch alle Völker in seinem Lichte wandeln.“Dieses etwas längere Zitat stammt aus der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils, das vorrund 50 Jahren im Herbst 1962 begonnen und bis zum Dezember 1965 gedauert hat. Die Erklärung„Nostra aetate“ („In unserer Zeit“) setzte sich dabei mit dem Verhältnis zu den nichtchristlichenReligionen auseinander.Nun heißt es im Bibeltext sinngemäß: „Ich bin Gott und sonst keiner.“ Das erinnert an daserste Gebot und es ist offensichtlich, dass damit der Gott Israels gemeint ist. Nicht nur zur Zeitdes Propheten Jesaja, sondern auch davor und danach, gab es immer wieder Entwicklungen,die dazu führten, dass der Alleinanspruch dieses Gottes infrage gestellt wurde.20


Mal war es das Goldene Kalb, mal war es Baal, mal waren es – wie es in Jes 45,20 (NL) heißt –„hölzerne Götzen“, die angebetet wurden.Zugegeben: Das Goldene Kalb passt nicht ganz in die Reihe, denn es wurde in einem Akt derApostasie geschaffen. Baal und die Holzgötzen aber waren Produkte einer heidnischen Religiosität.Einer Religiosität fremder Völker. Und offensichtlich fühlte sich der Gott Israels, jedenfallsnach der deuterojesajanischen Darstellung, herausgefordert, ein für alle Mal klarzustellen,wer hier „der Boss“ ist. Zugleich wird damit deutlich, dass er einen universellen Ansprucherhebt. Alle Völker auf der ganzen Welt sollen nur ihn zum Gott haben. Ihn und keinenneben ihm – oder gar an seiner statt. Gott fordert hier die Bekehrung der Menschen zu ihmein.Heute, im 21. Jahrhundert, weht in Westeuropa ein Zeitgeist, der diese Forderung irgendwieillegitim erscheinen lässt. Die Aussage des preußischen Königs Friedrich II., jeder solle „nachseiner Façon selig werden“ ist zu einem geflügelten Wort geworden. Friedrich II. hatte damitnoch für Toleranz u.a. gegenüber nach Preußen zugewanderten Katholiken geworben, dochheute ist der Klang ein völlig anderer. Wer heute sagt, dass man sich zur Erlangung der Seligkeit(sofern Derartiges überhaupt noch geglaubt wird) Gott zuwenden muss – konkret: demchristlichen Glauben zuwenden muss – schwimmt praktisch automatisch gegen den Strom.Gegen einen sehr starken Strom. Denn selbst innerhalb des Christentums ist es keine allgemeinverbindliche Konvention mehr, dass andersgläubige oder Heiden freundlich zur Bekehrungmotiviert werden sollten. Man soll sein Leben leben, anderen möglichst nicht schaden, undschon winkt die Erlösung.Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass man ein idealerweise glückliches Leben führen sollund aus christlicher Perspektive gibt es nichts daran auszusetzen, wenn man niemanden schadensoll. Beides ist ausdrücklich gutzuheißen. Aber wird man auf diese Weise gerecht? Wirdman selig? Das wäre ja Rechtfertigung ohne Glauben und ohne Werke, Rechtfertigung lightgewissermaßen. Aus christlicher Perspektive wirklich belastbar dürfte dieses gedanklicheKonstrukt wohl nicht sein.Für Christen wird der Stand in der Moderne jedoch schwer. Denn zentraler Inhalt des christlichenBekenntnisses ist der Glaube an Jesus Christus als den Sohn Gottes und den Retter derWelt. Nun überliefert das Johannesevangelium von ihm den die Aussage: „Ich bin der Wegund die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Joh 14,6)Zugleich gibt es den Auftrag des Auferstandenen, den, wie es in der Überschrift der Lutherübersetzungheißt, „Missionsbefehl“ (vgl. Mt 28,16-20). Beides führt dazu, dass der christlicheGlaube – aus christlicher Perspektive – als exklusiv zu verstehen ist und eine missionarischeAusrichtung bekommt.21


Seit anno 1996 Samuel Phillips Huntington seine Schrift über den „Kampf der Kulturen“ publizierthat, müsste jedem klar sein, dass Mission eine politische Komponente hat, ja eine sogareine friedensgefährdende Komponente haben kann. In der pluralen deutschen Gesellschaftmit dem etablierten Neben- und manchmal auch Miteinander verschiedener Weltanschauungen,gilt es stets den inneren Frieden im Blick zu haben. Gleichzeitig ist der äußere Frieden einbekanntlich fragiles Gut, das immer wieder zerbricht; sehr häufig dann, wenn Akteure versuchen,kulturgeografische Grenzen zu modifizieren. Das sollte stets bedacht werden.Jedoch: Mission ist ein unverzichtbares Aktiv-Element des christlichen Glaubens. WennDeutschlands bekanntester Kettenraucher unter Verweis auf Huntington sogar vorschlägt,dass die Religionen auf Mission verzichten sollen, ist das wenig zielführend. Denn theologischdürfte das nicht ernsthaft vertretbar sein. Deshalb müssen Formen des Umgangs miteinandergefunden werden, die eine nicht-aggressive Mission erlauben, ohne dass damit der Friede gefährdetwird.Es ist unverzichtbar, sich im Zusammenhang mit Christus als dem prinzipiell einzigen Wegund Überlegungen zur missionarischen Ausrichtung des Christentums, Hinweise zum besonderenVerhältnis Christentum-Judentum zu geben. Es geht um die Frage der sogenannten Judenmission.Das ist schon aus historischen Gründen ein schwieriges Thema. Im Jahr 2000wurde dies in einer Denkschrift der EKD folgendermaßen formuliert (der Sache nach stimmtdies auch mit der Position der römisch-katholischen Kirche überein):„Judenmission – sofern man darunter eine planmäßig durchgeführte, personell und institutionellorganisierte Aktivität von Christen mit dem Ziel der Verbreitung christlichen Glaubensunter jüdischen Menschen versteht – gehört heute nicht mehr zu den von der EvangelischenKirche in Deutschland und ihren Gliedkirchen betriebenen oder gar geförderten Arbeitsfeldern.[...] Gott hat Israels Bund zu keinem Zeitpunkt gekündigt. Israel bleibt Gottes erwähltesVolk, obwohl es den Glauben an Jesus als seinen Messias nicht angenommen hat. ‚Gott hatsein Volk nicht verstoßen‘ (Röm 11,1). Diese Einsicht lässt uns – mit dem Apostel Paulus –darauf vertrauen, Gott werde sein Volk die Vollendung seines Heils schauen lassen. Er bedarfdazu unseres missionarischen Wirkens nicht.“Mit Ausnahme der Juden ist der christliche Missionsbefehl aber als umfassend zu verstehen.Das ist im 21. Jahrhundert vielleicht keine bequeme Erkenntnis. Denn sie verlangt, sich mitdem anderen auseinanderzusetzen und es nicht, was ja viel einfacher ist, einfach sich selbst zuüberlassen. Toleranz darf kein Synonym für Desinteresse werden. Der Ansatz einer tolerantenMission ist in der Erklärung „Nostra aetate“ skizziert:„Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heiligist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriftenund Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt,22


doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ‚der Weg, die Wahrheitund das Leben‘ (Joh. 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden,in dem Gott alles mit sich versöhnt hat. Deshalb mahnt sie ihre Söhne, dass sie mit Klugheitund Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowiedurch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichenGüter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahrenund fördern.“Und an späterer Stelle heißt es dann:„Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen,die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern. DasVerhalten des Menschen zu Gott dem Vater und sein Verhalten zu den Menschenbrüdern,stehen in so engem Zusammenhang, dass die Schrift sagt: ‚Wer nicht liebt, kennt Gott nicht‘(1.Joh. 4,8).“Mission sollte stets den Charakter einer liebevollen Einladung haben – sonst könnte sie auchgar nicht in einem christlichen Sinne authentisch sein. Wer von Christus im Inneren erleuchtetist, der erleuchtet die Welt, ist ein lesbarer Brief Christi (vgl. 2Kor 3,3), beschriftet mit dem LobGottes.Jauchzet dem HERRN, alle Welt! Dienet dem HERRN mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mitFrohlocken! Erkennet, dass der HERR Gott ist! Er hat uns gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volkund zu Schafen seiner Weide. Gehet zu seinen Toren ein mit Danken, zu seinen Vorhöfen mit Loben;danket ihm, lobet seinen Namen! Denn der HERR ist freundlich, und seine Gnade währet ewig undseine Wahrheit für und für. (Ps 103)23


Boten Gottes haben KinderaugenWie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen,Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!(Jes 52,7)„Ist das Kindlein noch so klein, kann es doch schon Bote sein.“ Dieser Merkspruch aus demdeutschen Zivilrecht besagt, dass prinzipiell jeder im Rechtsverkehr eine Botschaft – genauer:Willenserklärung – überbringen kann, der zur Artikulation imstande ist. Darauf, dass der Inhaltder Nachricht hinsichtlich seiner juristischen und wirtschaftlichen Bedeutung und mitBlick auf etwaige Konsequenzen korrekt erfasst wird, kommt es nicht zwingend an.Die Verkündigung des Evangeliums ist eigentlich nichts anderes, als das Weitersagen einergöttlichen „Willenserklärung“. Damit erklärt Gott: Ich will das Heil für alle Menschen, ihreErlösung und dass sie ewig in mir und mit mir leben. Jeder, der das will, kann dieses Angebotmit einem simplen „Ja“ – dem „Ja“ zum Glauben, dem „Ja“ zu Christus – annehmen, und kannselbst zum Boten werden und diese göttliche Willenserklärung weitersagen. Selbst wenn ihrInhalt intellektuell nicht vollständig durchdrungen sein mag – aber wer könnte schon behaupten,dass er das Evangelium in seiner Fülle komplett verstanden hätte?Wäre ein umfassendes Verständnis für die ersten Christen Bedingung für Mission und Evangelisationgewesen, dann wäre das Christentum bestenfalls eine bedeutungslose und kurzlebigejüdische Sekte gewesen, aber nicht zu einer Weltreligion geworden. Jeder darf die froheBotschaft – das Evangelium – weitertragen, egal ob der Prozess des Verständnisses am Anfangsteht, fortgeschritten ist, stagniert oder gelegentlich auch Missverständnisse hervorbringt. Ja,auch das Missverständnis muss kein Schaden sein, jedenfalls sofern es als das Ergebnis derindividuellen oder auch in Gruppen vorgenommenen Verarbeitung des Evangeliums bezeichnetwird und somit unter einem ausdrücklichen, ursprünglichen Vorbehalt steht. Außerdemweiß der aufgeklärte Christ um seine Fehlbarkeit, und die Bereitschaft zur Korrektur gehörtdemnach zu seinen Grundeigenschaften.Ein verantwortungsbewusster Bote differenziert also und sagt beispielsweise: „Im Evangeliumsteht dieses und jenes. Ich/Wir interpretiere(n) es in dieser und jener Weise, ich/wirkann/können damit auf der richtigen Spur sein – oder auf dem Holzweg.“ Es wäre unredlich,mit einem solchen Interpretationsvorgang einen absoluten Wahrheitsanspruch zu verknüpfen.Auch wäre ein solches Handeln keine Botentätigkeit mehr, kein Weitertragen einer göttlichenWillenserklärung, sondern einer eigene Erklärung, von der aber behauptet wird, siewäre göttlicher Natur.24


Das Motto für den Gottesdienst, dessen Predigttext obiges Bibelzitat war, lautete: „Gott sprichtdurch seine Boten.“ Wer sind nun diese Boten, durch die Gott zu uns Menschen spricht, unddie im Bibeltext als „Freudenboten“ bezeichnet werden? Zu Erinnerung: „Ist das Kindleinnoch so klein, kann es doch schon Bote sein.“ Dazu eine Geschichte, die sehr bekannt ist unddie vermutlich fast jeder schon mindestens einmal gehört hat. Sie hat die Überschrift „Mit Gottzu Mittag gegessen“ – sie stammt aus dem Englischen und der eigentliche Verfasser ist leiderunbekannt.„Ein kleiner Junge wollte unbedingt Gott treffen. Er ahnte, dass es ein sehr langer Weg zu Gottsein würde. Also packte er seinen Rucksack voll mit einigen Coladosen und mehreren Schokoriegelnund machte sich auf den Weg. Er lief eine ganze Weile und kam in einen kleinenPark. Dort sah er eine alte Frau, die gebückt auf einer Bank saß und den Tauben zuschaute.Der kleine Junge setzte sich zu der Frau auf die Bank und öffnete seinen Rucksack. Er wolltesich gerade eine Cola herausholen, als er den hungrigen Blick der alten Frau bemerkte. Alsogriff er zu einem Schokoriegel und reichte ihn der Frau. Dankbar nahm sie die Süßigkeit undlächelte ihn an. Und es war ein wundervolles Lächeln. Der kleine Junge wollte dieses Lächelnnoch einmal sehen und bot ihr auch eine Cola an. Sie nahm die Cola und lächelte noch strahlenderals zuvor. Der kleine Junge war selig. Die beiden saßen den ganzen Nachmittag langauf der Bank im Park, aßen Schokoriegel und tranken Cola – und sprachen dabei kein Wort.Als es dunkel wurde, machte sich der Junge auf den Heimweg. Nach einigen Schritten aberdrehte er sich um, ging zurück zur Frau und umarmte sie. Die Frau schenkte ihm dafür ihrallerschönstes Lächeln. Zu Hause sah seine Mutter die Freude auf seinem Gesicht und fragte:‚Warum siehst du so fröhlich aus?‘ Der kleine Junge antwortete: ‚Ich habe mit Gott zu Mittaggegessen – und sie hat ein wundervolles Lächeln.‘ Auch die alte Frau war nach Hause gegangen,wo ihr Sohn schon auf sie wartete. Auf die Frage, warum sie so glücklich aussehe, antwortetesie: ‚Ich habe mit Gott zu Mittag gegessen – und er ist viel jünger als ich gedachthabe!‘“In dieser Geschichte begegnen sich zwei Boten Gottes und überbringen einander ohne großeWorte die frohe Botschaft. Man sieht am Beispiel des Jungen und der älteren Dame auch, dasses oft gar nicht der richtige Weg ist, andere Menschen in ein missionarisches Gespräch zu verwickeln,ihnen eine Predigt zu halten – möglicherweise auch noch unaufgefordert. Viel wirkungsvollerist es, Taten sprechen zu lassen und sich in einer Art und Weise zu begegnen, dieeinen zu einem gut lesbaren Brief Christi werden lassen: Ist doch offenbar geworden, dass ihr einBrief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geistdes lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.(2Kor 3,3)Das Botendasein ist also viel umfassender, als es zunächst aussieht. Es handelt sich um eineAufgabe, die sich nicht in einer vom Alltagsleben abgeschiedenen Frömmigkeit etwa nur am25


Sonntagmorgen vollzieht. Wer sich von Christus hat berühren lassen und sich immer wiederneu vom Heiligen Geist inspirieren lässt, der ist lebenslang Bote, ohne Rentenalter, ohne Abwartender Volljährigkeit, nicht nur „9 to 5“, sondern „24/7“.Was bedeutet Bote sein heutzutage ganz konkret? Dazu drei Aspekte – was natürlich nur einAuszug ist:Wirkung auf andere MenschenWirkung in der GesellschaftImpulsgeber für den GlaubenWirkung auf andere Menschen: Wenn Gott durch Dich spricht, dann hast Du eine positive Wirkungauf andere Menschen. Ein Beispiel für ein solches Wirken ist der kleine Junge in derKurzgeschichte. Ein in sowohl positiver wie negativer Hinsicht illustratives Beispiel hat JesusChristus im Gleichnis vom Pharisäer und dem Steuereintreiber gegeben. Vor allem zeigt es,dass Selbstgerechtigkeit ein ganz schlechter Zug ist – und selbst wer sich als Bote Gottes versteht,andere nicht mit Herablassung zu betrachten hat.Zwei Männer gingen in den Tempel, um zu beten. Der eine war ein Pharisäer, der andere ein Steuereintreiber.Der stolze Pharisäer stand da und betete: „Ich danke dir, Gott, dass ich kein Sünder bin wiedie anderen Menschen, wie die Räuber und die Ungerechten, die Ehebrecher oder besonders wie dieserSteuereintreiber da! Denn ich betrüge niemanden, ich begehe keinen Ehebruch, ich faste zwei Mal inder Woche und gebe dir regelmäßig den zehnten Teil von meinem Einkommen.“ Der Steuereintreiberdagegen blieb in einigem Abstand stehen und wagte nicht einmal den Blick zu heben, während er betete„O Gott, sei mir gnädig, denn ich bin ein Sünder.“ Ich sage euch, dieser Sünder – und nicht der Pharisäer– kehrte heim als ein vor Gott Gerechtfertigter. Denn die Stolzen werden gedemütigt, die Demütigenaber werden geehrt werden. (Lk 18,10-14 NL)Wer Bote Gottes ist, an dem werden die Früchte des Heiligen Geistes sichtbar – idealerweisemit positiver Ausstrahlung und Wirkung auf die Umwelt. Diese Früchte sind im Galaterbriefaufgezählt: „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.“(Gal 5,22.23)Nicht mit der Boteneigenschaft vereinbar sind hingegen diese weniger erfreulichen Eigenschaften:„Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader,Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen.“ (Gal5,19-21) Gut, dass im Galaterbrief auch zu lesen ist, dass diejenigen, die in Christus leben, dieseEigenschaften mit dem Fleisch gekreuzigt haben. Insofern wandelt sich das Negative zum Positiven,wenn von seiner Überwindung durch die Begegnung mit Jesus Christus Zeugnis gegebenwerden kann – freilich ohne Prahlerei.26


Wirkung in der Gesellschaft: Es ist kein Geheimnis, dass christliche Werte und Normen in modernenGesellschaften eine immer unbedeutendere Rolle spielen. Nicht selten geht damit einZustand moralischer Verwahrlosung einher. Man muss kein gläubiger Christ sein, um ein vonmoralischen Verfehlungen wenig belastetes Leben führen zu können. Aber gerade als Christhat man die Aufgabe, in seinem Umfeld, in der Gesellschaft darauf hinzuwirken, dass die ausdem Glauben an Gott entspringenden Wertevorstellungen gesellschaftliche Relevanz haben.Dass es wenig Sinn hat, mit permanent erhobenem Zeigefinger durch die Straßen zu gehen,dürfte klar sein. Das wäre übrigens genau die Haltung des Pharisäers aus dem Gleichnis imLukasevangelium. Dass Jesus kein Freund von Zeigefinger-Mentalität ist, hat er seinerzeit beider im Johannesevangelium überlieferten Begegnung mit der Ehebrecherin, die kurz vor derSteinigung gestanden hatte, deutlich gemacht (vgl. Joh 8,1-11).Christen wirken in der Gesellschaft, indem sie sich für sie engagieren. Das kann bei sozialenProjekten sein, durch die Beteiligung an der öffentlichen Meinungsbildung, ja sogar in derPolitik: Von Fragen der Bioethik über das Eintreten für Ehe und Familie bis hin zum Strafrechtgibt es genügend Baustellen, wo ein politisch engagierter Christ seine aus dem Glauben kommendenWertevorstellungen vertreten und für ein christliches Menschenbild werben kann.Ende 2011 hat etwa die CDU eine Broschüre herausgegeben, in der 50 ihrer Spitzenfunktionäreauf je rund zwei Seiten beschreiben, was „christlich“ für sie bedeutet. Von eher oberflächlichenAussagen bis hin zu bemerkenswerten Glaubenszeugnissen war einiges dabei. Wer sich nichtengagiert, nicht in Debatten mitmischt, hat keinen Anlass zur Beschwerde, wenn es auch keinanderer tut. Für eine Gesellschaft wäre es fatal, wenn alle Christen ihren Mund halten würden.Impulsgeber für den Glauben: Boten bemühen sich darum, die ihnen aufgetragene Botschaftmöglichst authentisch und fehlerfrei zu überbringen. Nur dann kann Jesus durch sie sprechen.Wer etwas anderes verkündigt, verführt die Menschen mit einer falschen Botschaft, die sieGott sicher nicht näher bringt, sondern nur unnötig Distanz zur Wahrheit aufkommen lässt.Wenn die Botschaft zeitgemäß sein soll und kein Zeugnis inhaltlicher Stagnation, dann vermittelnBoten neue Impulse für den Glauben. Sie regen zum Nachdenken kann, animierenmitunter sogar dazu, Überkommenes infrage zu stellen. Boten laden auch zum Zweifeln ein!Jesus Christus hat den Zweifel an vielen Komponenten des Systems, das er vorgefunden hat,gewissermaßen kultiviert. Vor dem Zweifel braucht man keine Angst zu haben, denn er istder beste Freund des Glaubens. Der Zweifel liefert dem Erkenntnisprozess im Glauben neueNahrung. Boten Gottes können Impulse geben, indem sie durchaus bewusst zum aktivenZweifeln motivieren und den Menschen dabei helfen, daraus Inspiration für den christlichenGlauben zu gewinnen. Wer inspirieren will, gibt keine Antworten vor, sondern regt dazu an,Fragen zu stellen, möglichst die richtigen.27


Infrage stellen, hinterfragen, zweifeln, den Dingen auf den Grund gehen wollen, unstillbarerWissensdurst – das weist Boten Gottes aus. Es ist letztlich der fragende Blick von Kindern, derBoten Gottes selbst gut zu Gesicht steht, wenn die Kinder wieder einmal neugierig nachbohren:„Mama oder Papa oder wer auch immer – warum ist das so?“Die glaubwürdigsten Boten Gottes sind vielleicht gerade diejenigen, die sich selbst gar nichtin der Rolle des Boten sehen. Die aus dem Glauben kein Sendungsbewusstsein entwickeln,sondern ein Seinsbewusstsein. Die Geschichte des Christentums (und anderer Religionen) istvoll von Menschen, die sich mit unterschiedlichen Titeln selbst zu Boten Gottes erhoben habenund noch immer erheben – und sich dem Menschen auf seinem Weg zur Wahrheit eher in denWeg stellen, als ihn zu ebnen. Ein selbst ernannter Bote nimmt sich dabei wichtiger als derandere, meint und behauptet vielleicht noch ein Stückchen mehr im Teil- oder gar Vollbesitzder Wahrheit zu sein.Zu derselben Stunde traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist doch der Größte im Himmelreich?Jesus rief ein Kind zu sich und stellte es mitten unter sie und sprach: „Wahrlich, ich sage euch: Wennihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Wer nunsich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ (Mt 18,1-4)28


Chaos als ChanceIch will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer machen im ganzen Lande.(Jer 1,18a)„Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.“ – So lautet Gen. 1,2a in der Buber/Rosenzweig-Übersetzungdes Alten Testaments. Im Hebräischen heißt das „Tohuwabohu“, ein Begriff, der auchin der deutschen Sprache Verwendung findet. Wer heute die Vorgänge und Ereignisse inStaat, Wirtschaft, Gesellschaft, Kirche, persönlichem Umfeld usw. betrachtet und versucht,entsprechende Informationen wenigstens halbwegs zur Kenntnis zu nehmen, könnte auf denGedanken kommen, dass die Welt inzwischen ein Stadium erreicht hat, das sich – bei analogerBetrachtung – als dieser Ausgangssituation vor dem in den entsprechenden Mythen beschriebenenschöpferischen Eingreifen Gottes sehr ähnlich erweist.Irrsal und Wirrsal (welch wunderbare Begriffe!), Veränderung ist gleichsam ein Dauerzustand,alles neu macht nicht mehr nur der sprichwörtliche Mai, sondern jeder neue Tag. Schondas Zurechtfinden in der äußerlich an den Menschen herangetragenen Spannung zwischenOrientierung und Desorientierung erfordert mitunter ein gehöriges Maß an Disziplin und Kreativität.Und auch innerlich ist diese Spannung wahrnehmbar, bei einem jeden selbst zuerst,aber auch bei Mitmenschen, die einem nahe genug stehen, um derart tiefe Einblicke zu gewähren.Das Chaos, es hat seinen Charme, zweifellos. Doch ein zunehmendes Nichtwissen über dengenauen eigenen Standort, das ist weder für einen Menschen gut noch für eine Gesellschaft.Der verständliche und legitime Wunsch nach Individualität, Unabhängigkeit, Flexibilität undsteter Verfügbarkeit alternativer Optionen, kann als Kehrseite Verunsicherung, Vertrauensverlustund Bindungsunfähigkeit erzeugen. Bei vielen Menschen weckt dies den Wunsch nachwenigstens einem Grundmaß an Orientierung und Stabilität. Sonst droht die Suche des Menschennach sich selbst zu einer Jagd auszuarten, bei welcher man sich groteskerweise auf einerKreisbahn als Jäger und Gejagter zugleich wiederfindet.Der Bibeltext lässt sich auf diese Sehnsucht nach Stabilität beziehen. Inhaltlich berichtet Jer1,18a vom Ruf Gottes und seiner Beistandszusage an den Propheten Jeremia. Wer daraus einefür die Gegenwart taugliche Aussage gewinnen will, muss eine Reduktion auf die Essenz vornehmen:Wer für Gott spricht, unterwegs und aktiv ist, kann sich des göttlichen Beistandesversichert sein, der dabei hilft, äußere wie inhaltliche Herausforderungen zu meistern.29


Wer sich dafür entscheidet, im Kontext der Gegenwart sein Bekenntnis zu Gott nicht für sichzu behalten, der braucht gewissermaßen die Robustheit, von der in der BerufungsgeschichteJeremias die Rede ist. Es geht dabei keinesfalls darum, herumzujammern, wie schlimm dochunsere Zeit ist, und dass früher ja doch alles besser war. Aus dem christlichen Glauben solltevielmehr eine Haltung erwachsen, welche die Veränderung und das Neue erst einmal willkommenheißt – als Chance, als Herausforderung, als Einladung. Genau wie „Irrwarr undWirrwarr“ nach dem Schöpfungsmythos ein gestaltendes Eingreifen Gottes mit bis heute bewundernswertenResultaten zur Folge hatte, so sollten die Elemente von Verwirrung undChaos auch heute für die Christenheit insgesamt, für die Kirchen und für jeden einzelnenChristen Anlass und Ermutigung sein, kreativ und gestaltend aktiv zu werden, um Neues undWunderbares hervorzubringen. „Irrwarr und Wirrwarr“ – das ist steter Anreiz zur Innovationund lässt einen die bisweilen notwendige Neuerfindung von einem selbst oder auch der Kirchefröhlich angehen.Die Beistandszusage Gottes an Jeremia, die aus Sicht ihres heutigen Lesers wohl nur verallgemeinerndinterpretiert werden kann, befähigt zu einer positiven, zu einer hellen und freundlichenWeltsicht, in der Schlechtes stets Episode bleibt, das Gute hingegen zuletzt endgültigsein wird. Das ist die Einstellung der Multiplikatoren Gottes, die darin für sich selbst innereGelassenheit sowie Orientierung im Leben auf ein Höheres hin erfahren und so zu wahrnehmbarenZeichen der Stabilität auch für ihre Mitmenschen werden:Ihr seid das Licht der Welt. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werkesehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt 5,14a.16)30


Mit dem Ungläubigen im BundeSiehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Judaeinen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ichsie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, obich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israelschließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihrenSinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andernnoch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alleerkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben undihrer Sünde nimmermehr gedenken.(Jer 31,31-34)Man kann „die Tugenden der Heiden nicht nur darum nicht als glänzende Laster betrachten,weil sie eine natürliche, aber dem Heil in Christo vorausliegende, für es letztlich gleichgültigeGüte haben. Man wird im Gegenteil in vielen Fällen durchaus die Möglichkeit offen lassendürfen, dass es sich um eigentlich übernatürliche, durch die Gnade Christi getragene Tugendenhandelt, die das ewige Leben bewirken. Jeder wird, wenn er gerettet wird, nur durch dieGnade Jesu Christi gerettet. Es gibt kein Werk, das für das ewige Leben tauglich wäre, außeres ist vollbracht in der Gnade Christi. Aber damit ist nicht gesagt, dass dies alles nur dortgeschähe, wo der Mensch ausdrücklich im Bereich seines gegenständlichen, begrifflichen artikuliertenWissens weiß, dass es in Christi Gnade geschieht. Wenn wir daher in unserer UmgebungMenschen begegnen, vor deren sittlicher Haltung wir die größte Achtung haben können,dann stehen wir vielleicht vor Menschen, die nur nicht wissen, welche Macht die GnadeChristi und die heilige Kraft Gottes in ihrem Wesen schon ausgeübt hat. Vielleicht! Das abergenügt, um vertrauensvoll zu hoffen.“Dieses ausführliche Zitat stammt aus einem Aufsatz mit dem vielsagenden Titel „Der Christund seine ungläubigen Verwandten“, den der bekannte katholische Theologe Karl Rahner1954 publiziert hat. Er entfaltet darin ein sehr weites Verständnis von Heil, das jeder Mensch,selbst der Heide und der Atheist, erlangen kann, ja sogar derjenige – und das ist bei einerkatholischen Perspektive alles andere als selbstverständlich -, der die kirchliche Gemeinschaftverlassen hat. An seine katholischen Schwestern und Brüder appelliert Rahner sehr eindringlich,auf das Heil auch für diese Menschen zu hoffen und umfänglich dafür einzutreten.Man könnte die an dieser Stelle nicht unverständliche Frage stellen, was diese Ausführungenmit Blick auf den Bibeltext sagen sollen. Dieser beinhaltet die bekannte Prophetie des neuen31


Bundes, die auch im achten Kapitel des Hebräerbriefes zitiert wird. Von Agnostikern, Atheistenund Apostaten ist dort nirgendwo die Rede – zumindest nicht auf der reinen Wortlaut-Ebene. Es bietet es sich hier an, den Bibeltext gegenwartsbezogen zu reflektieren. Der ersteGedanke dabei liegt nahe: In Christus ist das Heil real und bleibend gegenwärtig. Das ist abernur ein Aspekt. Denn dieses Heil ist universell und damit prinzipiell für alle Menschen aufvielfältigste Weise erschließbar. Das ist ein Charakteristikum des neuen Bundes: Universalitätund allgemeine Erschließbarkeit.Im Bibeltext gibt es dazu mehrere Hinweise. So ist in Jer 31,31 von zwei Häusern – Israel undJuda – die Rede. Das kann zeitgemäß als Chiffre dafür gesehen werden, dass der neue Bundkeine Art Sonderabkommen mit einem bestimmten, zahlenmäßig fassbaren Volk als einemTeil der Menschheit ist. Für das Gegenüber des göttlichen Bundesangebotes gibt es deshalbzwei positive Interpretationsmöglichkeiten. Die Häuser könnten beispielsweise aus ökumenischerPerspektive für verschiedene Konfessionen stehen. Oder sie stehen für zwei grundverschiedenemenschliche Lebensentwürfe: Bekenntnisgebunden (idealerweise freiwillig) undbekenntnislos, für Gläubige und für Ungläubige. So würde in der ersten Variante das Ja zumneuen Bund die Christen in die Einheit führen, die zweite Variante würde den Schwerpunktauf die universelle, ja auf die maximale Reichweite des göttlichen Heilwillens legen, der alleMenschen einschließt. Eine Entscheidung zwischen beiden Varianten ist nicht notwendig,denn sie konkurrieren nicht miteinander.Zur ökumenischen Dimension gibt der Bibeltext einen interessanten Hinweis. Denn in Vers 34heißt es: „Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenneden HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht derHERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“Unmissverständlich kann dies als Mahnung zum Unterlassen von Rechthaberei und Besserwissereiverstanden werden – sowohl im Verhältnis der Christen bzw. Konfessionen untereinander,als auch im Verhältnis von Gläubigen und Ungläubigen. Das gilt intrakonfessionell,interkonfessionell und auch im religiös-säkularen Umgang.Ein spannender Aspekt des Bibeltextes ist im 32. und 33. Vers zu lesen, wo es heißt: „Nichtwie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, umsie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben [...]. Ich will mein Gesetzin ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.“In einem Bibelkommentar ist zu lesen, Gott hätte hier wohl zwei Möglichkeiten gehabt: Entwederseine Forderungen an die Menschheit soweit reduzieren bis sie erfüllbar sind, oder aberdas Herz der Menschen (gemeint ist hier das Wesen) entsprechend verändern. Gott habe sichfür Letztgenanntes ausgesprochen, wird dort weiter gemutmaßt. Das ist eine ganz schwierigeAussage, wobei diese freilich durch den Wortlaut gängiger Übersetzungen gestützt wird. Es32


ingt auch nur wenig Erleichterung, wenn man sich daran klammert, dass bezweifelt werdenkann, dass Gott dies so formuliert hat. Nur bedingt hilfreich ist weiter der Hinweis, dass auchBibelkommentatoren höchstwahrscheinlich nicht persönlich anwesend waren, wenn etwaGott Entscheidungsalternativen erwogen haben könnte.Man sieht sich hier einer Andeutung gegenüber, mit der die gesamte Konzeption der Freiheitin der Schöpfung zur Disposition gestellt wird. Wenn Gott autoritativ umgestaltend den Wesenskernder Menschen modifiziert, dann wird damit die Freiheit des Menschen prinzipiellnegiert. Der Fall in die Sünde kann aber ohne die Freiheit dazu nicht gedacht werden. AmEnde wäre die Heilstat Gottes im Tod Christi am Kreuz belanglos, weil ein zu in umfassenderFreiheit zu treffenden Entscheidungen unfähiger Mensch nicht schuldig werden kann, wenner eigentlich nur ein Programm ausführt.Die wirklich enorme Herausforderung an dieser Stelle liegt also darin, die Vorstellung vomMenschen als autonomem Subjekt mit dem Gedanken eines heilsförderlichen göttlichen Gestaltungseingriffszusammenzubringen, ohne dass es zu einer Art gegenseitiger Aufhebungkommt. Nachstehende Überlegung dazu kann nur ein Vorschlag sein, es mag andere Ansätzehierzu geben – es möge jedoch stets gelten: In dubio pro libertate, im Zweifel für die Freiheit.Ausgangspunkt der im Jeremiabuch berichteten göttlichen Überlegung zur Umgestaltung istder Befund, dass ein vorhergehender Ansatz gescheitert ist: Das alte Bundesvolk hat den Bundnicht gehalten, hat gegen göttliche Ordnungen und Gesetze verstoßen. Es gab ein autoritativverfügtes Normenregime mit einer objektiven Häufung von Grenzverletzungen. Die Gestaltungsoptionenfür die Mitglieder dieses Bundesvolkes waren damit kein Anwendungsfall autonomerSubjektivität, sondern schlicht der Anpassung oder auch Nichtanpassung an einevorgefundene und kraft ihrer vorgeblichen Herkunft modifikationsresistente Gehorsamsstruktur.Das sind Rahmenbedingungen, die echter Autonomie entgegenstehen – ebensowie ein unmittelbarer verändernder Eingriff Gottes.Eine Veränderung, die den Menschen innerhalb eines neuen Bundes zu einem göttlichen Qualitätsansprüchengenügenden Leben befähigt, kann eigentlich nur auf eine Stärkung dieserAutonomie abzielen. Wenn Gott das Herz der Menschen verändert und etwas in ihren Sinnschreibt, kommt dazu nur ein mittelbarer Modus infrage. Die Interpretation des Bibeltextesführt damit zu der anthropologischen Erkenntnis, dass die Gutartigkeit des Menschen definitivzu bejahen ist. Diese Gutartigkeit kann begründet werden aus Geschöpflichkeit und Gottesebenbildlichkeitdes Menschen, oder – eher säkular intoniert – als die Einsichtsfähigkeit indas Richtige im Sinne eines gerade aus der Autonomie entspringenden wesensmäßigen Strebensnach dem moralischen Guten. Die mittelbare Umgestaltung des Menschen findet sodurch eine Veränderung der Rahmenbedingungen statt, die, um es modern zu formulieren,33


auf Deregulierung und Rücknahme der Kontrolldichte setzt und vom Vertrauen darauf zeugt,dass das Potenzial des Menschen zum Guten in Freiheit am ehesten zu Blüte gelangt.Umfassend verstandene Freiheit schließt ein: Der Weg zur Realisierung des Guten ist individuell,Einfallsreichtum und Variantenreichtum in der Nächstenliebe sind erwünscht und spiegelndie Vielgestaltigkeit des Lebens wider. Der christliche Glaube kann dabei eine mächtigeHilfe sein, er bietet Orientierung, Halt, Geborgenheit, und verbindet – jedenfalls theoretisch –Menschen in ihrem gemeinsamen Streben nach Vollendung. Gemeinsam gelebter Glaubekann auf das Gute gerichtete Kräfte bündeln, etabliert ein Forum gegenseitiger Inspiration.Und das ist ein Weg, aber es muss nicht der einzige Weg sein.Damit soll einem säkularen Dasein, welches Gott ausklammert, nicht das Wort geredet werden.Der Glaube ist einerseits eine Erleichterung, schon weil er dem Menschen eine Zugehörigkeitin einen höheren Sinnzusammenhang aufzeigen will. Andererseits weiß jeder um denGlauben Bemühte, dass das „Ja“ zum Glauben und dessen beständige Erneuerung oft sehrschwerfallen können. Wenn in einer Biografie ein solches „Ja“ nicht entstehen kann oder auchaus einem „Ja“ vielleicht ein „Nein“ wird, wäre es verkehrt, den Menschen deshalb mit einemVorhalt zu konfrontieren. Denn das „Ja“ Gottes zu den Menschen, zu allen Menschen, bestehtunverbrüchlich. Christsein bedeutet solchermaßen, seinen Mitmenschen mit diesem „Ja“ gegenüberzutretenund für ihr Heil bei Gott einzutreten.Zu den Merkmalen des neuen Bundes zählt mithin seine Weite, die jedem Menschen einenPlatz anbietet – jedenfalls wo er seine Freiheit in verantworteter Weise wahrnimmt. Der neueBund beinhaltet eine Zusicherung der Grenzenlosigkeit göttlicher Liebe. Und der neue Bundhat eben nicht nur zwei Parteien – Gott und mich -, sondern drei: Gott, meinen Mitmenschenund mich. Das heißt: Ohne die Verbindung der Menschen untereinander bleibt er unvollständig.Karl Rahners Aufsatz „Der Christ und seine ungläubigen Verwandten“ hat also sehr viel zutun mit dem Bibeltext. Er verdeutlicht die Reichweite christlicher Nächstenliebe, ohne die derneue Bund praktisch ungeschlossen bleibt. Zustimmung verdient deshalb das zum Schlusswortjenes Aufsatzes, wo es heißt:„Weil Christus leiden und Widerspruch finden muss, darum leben wir heute in einer Diasporamitten unter unsern Liebsten und Nächsten. Wir haben es zu tragen in Geduld und Glauben,in Verantwortung und echter Sorge um das Heil dieser andern. Wir dürfen nicht meinen, demHimmel treu sein zu können, indem wir der Erde Gottes untreu wären. Wir dürfen für allehoffen, unerschütterlich und beharrlich, weil Gottes Erbarmen seine Grenze nicht an unseremUnvermögen hat.“34


I live a dreamIm ersten Jahr Belsazars, des Königs von Babel, hatte Daniel einen Traum und Gesichte auf seinem Bett;und er schrieb den Traum auf und dies ist sein Inhalt: Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe,es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uraltwar, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leuteaus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und seinReich hat kein Ende. Ich, Daniel, war entsetzt, und dies Gesicht erschreckte mich. Und ich ging zueinem von denen, die dastanden, und bat ihn, dass er mir über das alles Genaueres berichtete. Und erredete mit mir und sagte mir, was es bedeutete. Diese vier großen Tiere sind vier Königreiche, die aufErden kommen werden. Aber die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen und werden'simmer und ewig besitzen.(Dan 7,1.13-18)Manchmal werden Träume Wirklichkeit. Ob sich Martin Luther King Jr., als er am 28. August1963 in Washington D.C. seine berühmte „I have a dream“-Rede gehalten hat wirklich undrealistisch vorstellen konnte, was gegen Ende des Jahre 2012 die ganze Welt mit Spannungverfolgt hat – nämlich die Wahl, in diesem Fall sogar Wiederwahl, Barack Obamas zum Präsidentender Vereinigten Staaten von Amerika? Wie auch immer man zu dessen politischemProgrammen stehen mag – es zeigt, dass Martin Luther Kings Traum Wirklichkeit geworden.(Auch wenn es für die Gegenseite in diesem konkreten Fall eher ein Alptraum gewesen ist).Träume: Sie können, wenn auch nicht alle, Wirklichkeit werden, wenn man über sie sprichtund wenn man dafür nichts unversucht lässt.Auch Daniel, von dem der Bibeltext handelt, hatte einen Traum, er war ein Träumer und einTraumdeuter. Das siebte Kapitel des Danielbuchs beschreibt den Inhalt eines Traumes ebensoausführlich wie dramatisch. Viele Gelehrte haben sich über mögliche Quellen der darin vorkommendenMotive und deren Bedeutung den Kopf zerbrochen. Auch ob Daniel selbst alshistorische Figur durchgehen kann oder seinerseits eine literarische Schöpfung ist oder irgendwiebeides, mag ein interessanter Diskussionsgegenstand sein.Die Wiedergabe des Traumes in Dan 7 ist jedenfalls apokalyptisch geprägt. Beschrieben werdenchaotische Zustände und Entwicklungen. Und, einer Insel der Ruhe und es Friedensgleich, taucht inmitten des stürmischen Ozeans die eigentliche „I have a dream“-Passage auf:„Die Heiligen des Höchsten werden das Reich empfangen.“ Dieses wahrhaft visionäre Motivsteht in der Bibel keinesfalls allein.35


Was hat es damit auf sich? Aus christlicher Perspektive sind die Heiligen des Höchsten diejenigen,die sich um die Annahme des Wesens Christi redlich und mit Gottes Hilfe letztlicherfolgreich bemühen. Hier taucht die Eschatologie auf, die eine futurische Dimension hat, alsoauf der menschlichen Einflusssphäre entzogenes Zukünftiges verweist, aber auch eine präsentischeDimension, was den Menschen hier und heute vor die Aufgabe stellt, die Wirklich ihrerselbst und der Welt in verantwortlicher Weise zu gestalten. Das geht, wie der Blick zu MartinLuther King und Barack Obama zeigt.Daniels Traum, von dem der Bibeltext berichtet, ist mit und in Christus im Grunde schon zurWirklichkeit geworden. Er hat sein Reich begründet, das, wie er es gegenüber Pilatus sinngemäßausgedrückt hat, nicht von dieser Welt ist. Die Menschen dieser Welt haben aber Zugangzu diesem Reich, haben dieses Reich sogar inwendig in sich. Und so beflügelt es den Traumder Menschen, lässt sie von innen heraus leuchten.Was meint der Nachfolger Christi, wenn er heute sagt „I have a dream“? Vielleicht denkt erähnlich wie Martin Luther King vor fast 50 Jahren und träumt davon, dass – wie es in der „Odean die Freude“ heißt – alle Menschen werden, was sie eigentlich ja schon sind: Brüder (undnatürlich auch Schwestern). Träume, deren inspirierende Quelle die Nachfolge Christi ist, sindHandlungsmotive. Wer glaubt und spricht „I have a dream“ wartet nicht darauf, dass Gott, soman daran glauben mag, irgendwann einmal in einem kosmischen Machtakt die finale Transformationder Wirklichkeit einleitet. Wenn es passiert, dann passiert es, doch nur darauf zuwarten kann nicht Lebensprogramm für einen Christen sein.Wovon also träume ich? Wie soll die Wirklichkeit meines Lebens einmal aussehen, meinerFamilie, meiner Gemeinde, der Gesellschaft, ja der ganzen Welt? Und welchen Beitrag leisteich dazu? Schlafe ich noch – oder bin ich schon aufgestanden? Denn eigentlich sollte es ja heißen:I live a dream!36


Klug investierenWiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbarePerle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.(Mt 13,45.46)Wir bauen hier so feste,und sind doch fremde Gäste.Und wo wir ewig wollen sein,da bauen wir oft nichts hinein.In leichten sprachlichen Variationen, aber letztlich doch inhaltsgleich, ist dieser mahnendeSpruch ebenso altbekannt, wie er vermutlich auch alt ist. Er erinnert seine Leser daran, dassdie sinnhaft erfahrbare Welt, dass die natürliche Existenz eben nicht alles ist. Nur hier undjetzt, im Heute und vielleicht noch im Morgen existieren, sein ganzes Vermögen (nicht nurwirtschaftlicher Art) darauf zu verwenden – das könnte sich am Ende als fatales Fehlinvestmenterweisen. Da stellt der Mensch irgendwann fest, dass das „Diesseits“ doch irgendwienur eine Episode ist – als Christen wünschen wir uns und allen Mitmenschen, dass sie mitAnnehmlichkeiten angefüllt sein möge -, und wenn es dann weitergeht, steht man mit leerenHänden da, und Taschen hat das letzte Hemd ja bekanntlich sowieso nicht. Eine kleine Geschichtezum Schmunzeln illustriert das:„Ein reicher Mann liegt auf dem Sterbebett. Er möchte sein Vermögen mit ins Grab nehmen.In seiner letzten Stunde lässt er einen Pfarrer, einen Arzt und seinen Anwalt zu sich rufen.Jedem übergibt er 50.000 Euro und lässt sich versprechen, dass bei der Beerdigung alle dreidas Geld in sein Grab legen. Bei der Beerdigung treten nacheinander der Pfarrer, der Arzt undder Anwalt an das Grab und werfen jeder einen Briefumschlag hinein. Auf dem Nachhausewegbricht der Pfarrer in Tränen aus: ‚Ich habe gesündigt. Ich muss gestehen, dass ich nur40.000 Euro in den Umschlag gesteckt habe. 10.000 Euro habe ich für kleinere Renovierungsarbeitenin unserer alten Kirche genommen.‘ Darauf sagt der Arzt: ‚Ich muss zugeben, dassich sogar nur 30.000 Euro ins Grab geworfen habe. Unsere Klinik braucht dringend neue Geräte,dafür habe ich 20.000 Euro abgezweigt.‘ Der Anwalt erwidert: ‚Meine Herren, ich binerschüttert! Selbstverständlich habe ich dem Verstorbenen über die volle Summe einen Scheckins Grab gelegt.‘“Ob der reiche Mann nun an ein Weiterleben geglaubt hat und etwas Startkapital mit ins Jenseitsnehmen wollte, oder ob er zumindest einen Teil seines Vermögens nur dem Zugriff gierigerErben entziehen wollte, davon berichtet der Inhalt dieser humoristischen Kurzgeschichte37


nichts. Festzuhalten ist: Sein letzter Gedanken gilt etwas originär Irdischem, nämlich demschnöden Mammon und einem letzten Investment.Das Investitionsverhalten, darum geht auch im Bibeltext - der berichtet von einem Kaufmann,der alles auf eine Karte setzt, der Verkäufe tätigt, sein Vermögen umschichtet, nur um dann indiese eine, besonders kostbare Perle zu investieren. Die Suche nach einer guten, krisensicherenAnlage, die beschäftigt viele Mitmenschen, große Unternehmen, ganze Staaten. Das Verlangennach Sicherheit hat zeitweilig sogar dazu geführt, dass negative Zinsen in Kauf genommenwerden mussten. Eine interessante Beobachtung dabei ist, dass die Angst vor dem Verlustplötzlich größer war, als die Gier nach mehr und mehr, die bei Einsatz und Anlage des Vermögenssonst das dominierende Empfinden darstellt. Man schuftet und sammelt – ja, wofüreigentlich? Um sich am Ende anhören zu müssen „wie gewonnen, so zerronnen“ jedenfallsnicht.Es wäre verständlich, wenn man an dieser Stelle die Frage stellen würde, ob hier das Evangeliumfür eine überzogene Kapitalismuskritik missbraucht werden soll. Das ist zu verneinen.Es gibt auch ganz andere Aussagen in den Evangelien. Zu denken ist etwa an das Gleichnisvon den Arbeitern im Weinberg, das ein unmissverständliches Plädoyer für die Privatautonomieund die freie Preisbildung am Markt beinhaltet.Gegen Fleiß und Tüchtigkeit bietet die Bibel, jedenfalls bei seriöser Interpretation, keine Argumentean. „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“, ist da (in 2Kor 9,7b) etwa zu lesen. Unddas, was man fröhlich geben soll, muss ja schließlich irgendwoher kommen. Aber: Fröhlichgeben, das heißt eben, dass der Vorgang von positiven Gefühlen begleitet wird. Und das gehtnur, wenn einem nicht das Herz blutet, wenn man sich von Gütern trennen soll. Dabei geht esselbstverständlich nicht um sinnlose Verschwendung, oder gar um das Verplempern von Vermögen.Die Frage ist: Worin „investiere“ ich langfristig? Was ist letztlich das Ziel meines Lebensentwurfs?Mein Haus, mein Auto, meine Yacht – und die Angst vor dem Ankauf von Steuer-CDsin der Schweiz? In der Bergpredigt hat Jesus Christus den Menschen seiner Zeit eine bis heutegültige Wahrheit darüber mitgeteilt, wo der wahre Schatz liegt – die Perle gewissermaßen, dieauch ein umfassendes Umdisponieren rechtfertigt:Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo dieDiebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rostfressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.(Mt 6,19-21)Im Himmelreich die kostbarste Perle zu sehen, es als Ziel des menschlichen Weges zu begreifen,als den richtigen Ort für Schatz und Herz, das erschließt eine umfassende innere Unabhängigkeit.Vermögenswerte, Besitztümer, Gewohnheiten, Verbindungen, sie alle kommen38


und gehen. Nichts spricht dagegen, sie positiv zu sehen und Freude an und mit ihnen zu haben.Man sollte nur vorsichtig sein, dass man nicht vom Besitzer zum Besitz wird, dass einemdie toxische Mixtur aus Gier und Verlustangst nicht das Leben versaut.Der Aufruf zur umfassenden inneren Ausrichtung auf das Himmelreich ist ein durchaus zeitgemäßerAufhänger, um einmal das eigene „Investitionsverhalten“ zu überdenken, um einmalzu überlegen, ob die Bedeutungs-Gewichte im Leben richtig verteilt sind: „Und wo wirewig wollen sein, da bauen wir oft nichts hinein.“39


TotalverlustDenn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: Er rief seine Knechte und vertraute ihnensein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedemnach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, undhandelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangenhatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde undverbarg das Geld seines Herrn. Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaftvon ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu undsprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen.Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigemtreu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, derzwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ichhabe damit zwei weitere gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht,du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harterMann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; undich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. SeinHerr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, woich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu denWechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mitZinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat,dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat,genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen undZähneklappern.(Mt 25,14-30)Ein Vorstandsvorsitzender einer Bank zog in ein fernes Land, um dort Übernahmeverhandlungenmit einem anderen Geldinstitut zu führen und dann zurückzukommen. Der ließ seinezehn besten Auszubildenden rufen und gab ihnen zehn Millionen Euro und sprach zu ihnen:Handelt damit, bis ich wiederkomme! Manche Politiker aber waren ihm Feind und schicktenihm die Kartellbehörde hinterher und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass der noch mehrMacht in der Finanzbranche bekommt. Und es begab sich aber, als er wiederkam, nachdem erdie Übernahme geschafft hatte, da ließ er die Auszubildenden rufen, denen er das Geld gegebenhatte, um zu erfahren, was ein jeder erwirtschaftet hatte. Da trat der Erste herzu undsprach: Herr, deine Million hat zehn Millionen eingebracht; ich habe damit erfolgreich mit40


Warenterminoptionen spekuliert. Und er sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger Banker. Dusollst künftig zehn Filialen der Bank, die wir gerade übernommen haben, leiten. Und derZweite kam auch und sprach: Herr, deine Million hat fünf Millionen erbracht; ich habe auffallende Kurse bei der Facebook-Aktie gesetzt. Zu dem sprach er auch: Und du sollst Direktorüber fünf Filialen sein. Und der Dritte kam und sprach: Herr, siehe, hier ist deine Million. Ichhabe, um das Risiko zu minimieren, mit Bundesanleihen gehandelt und damit praktisch keinenGewinn erzielt; den ich fürchtete mich vor Dir, weil Du ein harter Mann bist; du nimmst,was du nicht angelegt hast und zockst mit den Ersparnissen armer Rentner. Er sprach zu ihm:Mit deinen eigenen Worten richte ich dich, du Dummkopf. Du weißt doch, dass ich ein knallharterGeschäftsmann bin und mit den Ersparnissen von Rentnern ebenso zocke, wie mit dem,was Kinder am Weltspartag in unser Haus bringen. Warum hast du mein Geld nicht wenigstensauf Tagesgeldkonten geparkt? Dann hätte ich es nach meiner Rückkehr mit den Zinsenzurückfordern können. Und er sprach zu denen, die dabei standen: Nehmt seine Million undgebt sie dem, der zehn Millionen erwirtschaftet hat. Und sie sprachen zu ihm: Herr, er hatdoch schon zehn Millionen Euro. Ich sage euch aber: Wer da hat, dem wird gegeben werden;von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen, was er nicht hat.(Sehr frei nach Lk 19,12-26)Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden bzw. Zentnern, das man in den Evangelien nachMatthäus und nach Lukas findet, und das den Bibeltext für diesen Beitrag bildet, darf durchausals vielschichtig, komplex und doppelbödig gelten. Unternimmt man den – selbstverständlichzur Kritik freigegebenen – Versuch, Struktur und Inhalt mit auf eine Zeitreise in das21. Jahrhundert nehmen, so kann dies durchaus als Satire durchgehen. Die Aussage am Endewirkt im Lukasevangelium irgendwie unmenschlich, ja sogar brutal, in der modernen Verarbeitungmindestens zynisch: „Wer da hat, dem wird gegeben werden; von dem aber, der nichthat, wird auch das genommen, was er nicht hat.“In diesem Satz schwingt eine gewisse Bitterkeit mit, egal ob man es in Beziehung setzt zum invielen Gesellschaften zu beobachtenden immer ausgeprägteren Auseinanderdriften von Armund Reich, zur Kolonialzeit oder zu anderen – historischen wie aktuellen – Ereignissen undEntwicklungen. Man muss die Zeitung nicht im Wirtschaftsteil oder Politikteil aufschlagen,um die Lippen zusammenzupressen und zu nicken. Sogar im Sportteil kann man Bestätigungenfinden: Verlierer werden gedemütigt und steigen ab, Gewinner über die Maßen – und densportlichen Erfolg im engeren Sinne hinaus – belohnt.Man könnte noch viele Beispiele finden, die das untermauern, man könnte weiterjammernüber die Ungerechtigkeit in der Welt, vor allem wenn es um die Verteilung materieller Gütergeht, und sich angesichts üppiger Boni für Investmentbanker echauffieren. Die Kirchen und41


jeder einzelne Christ würde es sich da aber zu einfach machen. Denn eine – sind wir mal ehrlich– von Neid und eigener unbefriedigter Habgier getriebene Gutmenschen-Haltung stündeeinem Christen schlecht zu Gesicht. Es bedarf schon einer gefestigten Lebensphilosophie, umderartigen irdischen Verlockungen zu entsagen. Wenn, wer angesichts dessen am lautestenschreit und den Zeigefinger am häufigsten hebt, selbst Gelegenheit hätte, aus dem Geldspeicherzu schöpfen, aus denen Fußballstars für Gesichtscreme-Werbung oder Banker-Boni bezahltwerden, würde sich vermutlich beim Wegtragen des Geldes lieber das Rückgrat brechen,als auch nur einen Cent zurückzulassen.Die Kirchen, denen schon Goethe einen großen Magen nachsagte, sollen durchaus zur Mäßigungsensibilisieren, das ist Teil ihrer gesellschaftlichen Aufgaben. Allerdings sollten sie dannauch eine Vorbildfunktion wahrnehmen – was kirchlichen Institutionen und Funktionären bekanntlichnicht immer gelingt. Und dabei scheint ihnen Lk 19,26 auch noch recht zu geben:Wer hat, dem wird gegeben. Auch der Herr dieser Knechte ist kein Musterbeispiel für moralischlauteres Wirtschaftshandeln. Muss er sich doch vorhalten lassen, dass er dort erntet, woer selbst nicht gesät hat, und Ähnliches. Dennoch nimmt dieser harte Herr die Hauptrolle ineiner Parabel von Jesus Christus auf sich selbst, seine Himmelfahrt und sein Wiederkommenein. Das könnte einem schon zu denken geben. Zweier Dinge allerdings sollte man sich dabeibewusst sein:Erstens spricht eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass Jesus hier einen Vorgang aus derGeschichte Israels als Vorlage verwendet hat. Vier Jahre vor Christus, also etwa im Jahr vonChristi Geburt, soll Archelaus, Sohn von Herodes dem Großen, eine Reise nach Rom unternommenhaben, um das Testament seines Vaters, das ihn als Nachfolger vorgesehen hatte,dort für gültig erklären zu lassen. Eine jüdische Delegation reiste ihm nach, um beim römischenKaiser hiergegen zu protestieren – mit dem Erfolg, dass Archelaus, statt als König, nurals eine Art Großherzog eingesetzt wurde, jedoch mit königlichen Machtbefugnissen. ZehnJahre später erreichten vornehme Juden und Samariter allerdings seine Absetzung und Verbannungnach Gallien. Judäa wurde dann zu einer römischen Provinz. Archelaus soll ein tyrannischerund launischer Regent gewesen sein – Elemente, die im Gleichnis durchaus wiederzufindensind.Zweitens hat Jesus durch seine Rede in Gleichnissen immer versucht, den Menschen seinerZeit eine Verständnisbrücke zu bauen, bettete seine Botschaften in eine ihnen vertraute Rahmenhandlungein, damit sie verstehen konnten, was er ihnen wirklich sagen wollte (in diesemZusammenhang sei auf den Beitrag mit dem Titel „Hast du es kapiert?“, S. 48, verwiesen). DieGeschichte um Archelaus könnte den Menschen damals ähnlich gut in Erinnerung gewesensein, wie es heute z.B. die Wiedervereinigung Deutschlands wäre. Ob Jesus heute die Investmentbankerals Beispiel genommen hätte, bleibt hierbei selbstverständlich ein rein fiktiver42


Entwurf. Die im Gleichnis vorgestellten Renditen – Verzehnfachung und Verfünffachung –wären selbst für diese Branche gewagt.Die gängige Interpretation des Gleichnisses von den anvertrauten Talenten sieht dieses alsAllegorie auf die Parusie und stellt es so in einen eschatologischen Zusammenhang. Dem istwohl beizupflichten – dabei allerdings herauszustellen, dass der Schwerpunkt des Gleichnissesgar nicht in der Parusie zu suchen ist, sondern im Hier und Jetzt. Der eindringliche Appelllautet schlicht: Tut was! Setzt auf Mühe, Intelligenz und Innovation.In die Einzelheiten geht Jesus in diesem Gleichnis nicht. Das braucht er auch nicht, da offensichtlichist, dass um etwas geht, das den Menschen von Gott her anvertraut ist: Ihre Gabenund Fähigkeiten, die sie von Gott bekommen haben, ihre sich in der Vernunftbegabung manifestierendeGottesebenbildlichkeit; mit diesen gilt es zu arbeiten, diese gilt es zu fördern undweiterzuentwickeln. Bei einem selbst, aber auch – das ist vor dem Hintergrund des christlichenMenschenbildes wichtig – beim Nächsten. Es geht nicht darum, abzuwarten, dass der Herrzurückkehrt und bis dahin alles zu konservieren, diesen Moment vielleicht sogar herbeizubeten.Es geht darum, die Gunst der Stunde – die Gunst jeder Stunde – zu nutzen, um sich zumChristen zu entwickeln. Es geht um Entwicklung, um Fortschritt, um die Realisierung undEntfaltung der Möglichkeiten. Denjenigen, der nur an der Wahrung eines Status quo interessiertist, trifft das Urteil entsprechend hart. Zeitgenössisch könnte man es so formulieren: Mitsolchen Typen kann der Herr nichts anfangen.43


Am zweiten Tage auferstanden…Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus,und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sie kamen zum Grab am erstenTag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns denStein von des Grabes Tür? Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war;denn er war sehr groß. Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Handsitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. Er aber sprach zu ihnen: Entsetzteuch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Sieheda die Stätte, wo sie ihn hinlegten. Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euchhingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Und sie gingen hinausund flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandemetwas; denn sie fürchteten sich.(Mk 16,3.4)„Am siebten Tag vollendete Gott sein Werk und ruhte von seiner Arbeit aus.“ (Gen. 2,2 NL)Dieser Satz, so ziemlich am Ende des biblischen Schöpfungsberichtes im Buch Genesis, darfeinen durchaus ein wenig zum Schmunzeln verleiten. Gott holt sich vielleicht ein Bier aus demKühlschrank – die am sechsten Tag erschaffenen Menschen würden das Gebräu erst Jahrtausendespäter erfinden – und schaut dabei zu, wie die Menschen anfangen alles wieder kaputtzumachen.Angefangen bei der ersten überlieferten Übertretung eines Verbots in unsererStammesgeschichte, bis hin zum ersten Mord, den schon die erste Folgegeneration verübt habensoll.Natürlich sollte man die Vorstellung von Gott mit dem Bier aus dem Kühlschrank ganz schnellwieder beiseiteschieben. Sie ist keineswegs eine Hilfe dabei, Gott vielleicht ein wenig besserkennenzulernen, ebenso wenig wie die Vorstellung, Gott bedürfe der Ruhe. Zugegeben, auchder Schlaf Gottes ist in der Bibel dokumentiert: „Er aber schlief“ (Mt 8,24) – und das inmittendes Sturmes. Allerdings geht es dabei um Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch,der Hunger – man denke an die Wüstenwanderung – ebenso verspürte wie Müdigkeit undzuletzt den Schmerz der Todesfolter. Die Schöpfung war kein Ruhe-Ereignis, sondern ein Tue-Ereignis; ein Ereignis bzw. eine Ereigniskette, für die es keine Zeugen gibt. Die Sonne war da,die Erde, das Meer, die Tiere und schließlich die Menschen. Gott hat den Kosmos vor vollendeteTatsachen gestellt.44


Wenn, nach der biblischen Überlieferung, Gott fortan – mal mehr, mal weniger subtil – in dieGeschicke der Menschheit, besonders des auserwählten Bundesvolkes, eingegriffen hat, dannwar dies ein öffentlicher Vorgang. Irgendjemand war immer dabei, mittelbar oder sogar unmittelbarbetroffen, konnte mithin Zeugnis ablegen vom Wirken Gottes.Gleichwohl gibt es für die Schöpfung eine Vielzahl von „Zeugen“, mehrere Milliarden in derGegenwart und eine unbekannte Vielzahl über die Jahrtausende. Aber alle haben nur das Ergebnisgesehen. Der Akt der Schöpfung selbst – nach dem heutigen Stand der Erkenntnis keinWerk von sieben Tagen, sondern von Sekundenbruchteilen, in denen Gott den Urknall gezündethat – war gleichsam ein intimes Ereignis, das Ur-Machtereignis schlechthin.Dieses Ur-Machtereignis hat sich in der Auferstehung wiederholt. Keine Zeugen für das, wasim Grab selbst geschehen ist. Die Wachen, von denen allein das Matthäusevangelium berichtet,sollen nur eine effektvolle Graböffnung, die bereits Teil des Ergebnisses war, mitbekommenhaben. Sie ergriffen die Flucht und werden nicht mehr erwähnt. Die anderen Evangeliennennen für den Vorgang der Graböffnung selbst keine Zeugen. Sichtbar geworden ist dann –analog zum Schöpfungsbericht – eben nur das Ergebnis: Das Leben.Diese Überlegung zeigt, dass die Schöpfung kein abgeschlossener Prozess ist. Die Überwindungdes Todes ist ein Schöpfungsakt, das Vorangehen Gottes auf die nächste (zweite) Stufe,wenn man so will, auf dem Weg des Menschen zur Realisierung seines in der Gottesebenbildlichkeitangelegten Potenzials. Ob die dann wiederum nächste (dritte) Stufe schon im Eschatonbesteht oder es vielleicht weitere Zwischenschritte gibt, wird Gott zu gegebener Zeit offenbaren.Darüber zu spekulieren bringt den Menschen nicht voran.Die folgende Aussage ist, das sei eingestanden, eine spekulative These, der – wie allem, washier steht – selbstverständlich widersprochen werden darf: Wir würden den nächsten Akt derSchöpfung vermutlich überhaupt nicht als solchen erkennen. Wir Menschen sind einfach nochnicht so weit. Wir beginnen erst langsam damit, die Geheimnisse des ersten Tages der Schöpfungzu ergründen. Beim zweiten Tag der Schöpfung – und der Ostermorgen ist der eigentlichezweite Tag der Schöpfung – sind wir heute nicht wesentlich weiter als die Frauen, die vordem offenen Grab gestanden und gestaunt haben.Bis heute steht die Menschheit staunend am offenen Grab des Herrn und weiß noch nicht sorecht, was da geschehen ist. Es fällt uns – und das soll keinesfalls ein Vorhalt sein – schwer zuakzeptieren, dass der Tod eben keine letzte Grenze ist. Es fällt uns schwer zu akzeptieren, dassGott wirklich als Mensch unter uns war. Und damit ist nicht der Unglaube gemeint, nein, esfällt dem gläubigen Menschen schwer, weil im Rückblick durch Ostern hindurch die Realitätdes Karfreitages drastische Konturen gewinnt: Gott hat uns die Gelegenheit zum Gottesmordgegeben. Und wir haben sie ergriffen. Diese Einsicht kann sich erst mit Ostern einstellen, weilder Karfreitag allein immer die Möglichkeit zulässt, dass hier „nur“ ein Mensch gestorben ist.45


Der Erkenntniswert dieses Vorgangs in anthropologischer und philosophischer Hinsicht istenorm – dies auszubreiten würde nun aber zu weit führen.Die staunenden Frauen – hinsichtlich der Zahl und der Identität sind die Evangelien nichtkongruent – und das offene Grab zeigen zweierlei. Auch diejenigen, die Jesus Christus begleitethaben, die engsten Umgang mit ihm hatten, waren sich bis zu diesem Moment nicht imKlaren darüber, wen sie da eigentlich vor sich hatten. Sie wollten den Leib des gekreuzigtenHerrn salben, es sollte ein letzter Liebesdienst werden. Das macht jedoch sichtbar: Sie hattenden Tod von Jesus akzeptiert – analog zu den Emmausjüngern oder zu dem sprichwörtlichenungläubigen Thomas. Nähe und unmittelbare Begegnung mit Jesus hatten nicht dazu geführt,dass konventionelle Denkweisen überwunden werden konnten.Und dann gab es den zweiten Urknall. Ob die Grabesplatte dabei weit weggeflogen ist, inStücke gehauen wurde oder sachte und leise beiseitegeschoben, ist den Schilderungen in denEvangelien nicht eindeutig zu entnehmen. Dieser zweite Urknall hat im Grab selbst stattgefunden,durch die Grabesplatte vor den Augen der Menschen verborgen, die durch die unmittelbareBeobachtung eines göttlichen Ur-Machtereignisses womöglich um den Verstand gebrachtwürden. Mit dem Ergebnis klarzukommen, das ist schon schwierig genug, gerade weilder Horizont damit so begeisternd geweitet wird.Der Blick auf oder in das offene Grab wird damit zu einer Einladung zu einer neuen Weltsicht;zu einer Aufforderung, doch endlich auch die restlichen neunzig Prozent des geistigen Potenzialszu nutzen. Das offene Grab symbolisiert, dass nicht der Tod die Welt regiert, sondern dasLeben. Am ersten Tag der Schöpfung hat das Sein das Nichtsein überwunden; am zweiten Tagdas Leben den Tod. Was der dritte Tag wohl bringen mag? Darüber sollte man besser nichtspekulieren – das menschliche Vermögen zu verstehen und zu begreifen stößt in seiner gegenwärtigenVerfassung bereits bei den Tagen eins und zwei an seine Grenzen.Die Auferstehung des Herrn am zweiten Tag der Schöpfung vermittelt eine ganze Reihe vonErkenntnissen. Aus deren Fülle können drei grundlegend positive Gotteserfahrungen Mutzum Weitergehen und Weiterdenken geben:1. Gott lässt sich den Weg nicht versperren. Der Mensch kann Gott, meist unabsichtlich,in individueller oder/und geteilter Vorstellung von Gott in ein gedankliches Korsettzwängen. Doch Gott wird immer wieder herauskommen, sich in neuem Licht zeigen,neue Wege zu den Menschen finden.2. Gott kam und kommt zu den Menschen zurück – unter allen Umständen. Dies zeigtder Bericht von Kreuzigung und Auferstehung: Auch wenn der Mensch Gott noch sobrutal (man denke an die Grausamkeiten, die Christus angetan wurde) zurückweist,kommt Gott wieder und wieder auf den Menschen zu und eröffnet ihm einen neuenWeg. Auf das „Nein“ des Menschen folgt trotzdem immer ein „Ja“ Gottes.46


3. Gott bejaht das Leben. Darauf gründet sich unsere Hoffnung. Die Rolle des Todes inder Schöpfungsordnung ist darauf beschränkt, erfahren und zur Kenntnis genommenzu werden. Der zweite Schöpfungstag zeigt mit dem Ereignis der Auferstehung: DasLeben ist einfach nicht totzukriegen.47


Hast Du es kapiert?Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. Er aber sprach: Euch ist's gegeben, dieGeheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, den andern aber in Gleichnissen, damit sie es nicht sehen,auch wenn sie es sehen, und nicht verstehen, auch wenn sie es hören. So seht nun darauf, wie ihr zuhört;denn wer da hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er meint zuhaben.(Lk 8,9.10.18)„Wenn man mir nicht zuhört, dann ist das so, als ob ich nicht da bin.“ Diese Aussage stammtnicht etwa aus einer modernen Bibelübersetzung, sondern von einer siebenjährigen Grundschülerinund wird so auf der Homepage der „Stiftung Zuhören“ wiedergegeben. Dass es eineStiftung mit der Bezeichnung „Zuhören“ gibt, nun, das spricht eigentlich schon für sich. Bekanntlichheißt es „Kindermund tut Wahrheit kund“ – und tatsächlich steckt eine für die Thematikdieses Bibeltextes wichtige Erkenntnis in der Aussage jener Schülerin: Wer nicht bereitist, Gott Gehör zu schenken, der hat nichts von der alles umschließenden und durchdringendenGegenwart Gottes innerhalb und außerhalb unserer Realität und beraubt sich selbst tiefererEinsichten über das Wesen allen Seins, über das eigene Woher und Wohin, über den Sinndes Lebens.Die Bereitschaft zum Zuhören darf etwa bei den Besuchern eines Gottesdienstes prinzipiellvorausgesetzt werden – schließlich ist der Versuch der angemessenen Auslegung des WortesGottes in der Predigt zentrales Element einer solchen Veranstaltung. Doch der Bibeltext ist nurin zweiter Linie eine Werbung um das Zuhören. Es geht darum, wie man zuhört, wie es sichmit dem rechten Hören verhält. Dabei ergibt sich aus dem Zusammenhang eine Einschränkung:Gemeint sind nicht alle Formen göttlicher oder Gott irgendwie zurechenbarer Äußerungen,sondern es geht um die Gleichnisse mit denen Jesus Christus – damals wie heute – ganzgehörige Anforderungen an die Gehirnwindungen seiner Zuhörer stellt. Im Bibeltext geht esum die Gleichnisse Jesu. Das zeigt die Erklärung in Lk 8,10:Euch ist es erlaubt, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu wissen. Allen anderen aber werden sie inGleichnissen verborgen erzählt, damit sich erfüllt, was in der Schrift steht: Sie sehen, was ich tue, abersie nehmen es nicht wirklich wahr; sie hören, was ich sage, aber sie verstehen es nicht. (NL)Dieser Sachverhalt ist im Lukasevangelium nur sehr kurz wiedergegeben. Ausführlicher findetman das Ganze im Matthäusevangelium, womit sich auch unmissverständlich erschließt,dass es im Bibeltext unmittelbar um die Gleichnisse Jesu geht:48


Seine Jünger kamen zu ihm und fragten: „Warum erzählst du immer Gleichnisse, wenn du zu denLeuten sprichst?“ Da erklärte er ihnen: „Euch war erlaubt, die Geheimnisse vom Himmelreich zu verstehen,aber andere können das nicht. Wer sich meinen Lehren öffnet, wird noch mehr begreifen, und erwird eine Fülle von Wissen haben. Aber wer nicht zuhört, dem wird sogar das genommen, was er hat.Ich erzähle diese Gleichnisse, weil die Menschen zwar sehen, was ich tue, es aber dennoch nicht richtigbegreifen. Sie hören, was ich sage, aber sie verstehen es nicht richtig. Damit erfüllt sich die ProphezeiungJesajas: ‘Du wirst meine Worte hören, sie aber nicht verstehen; du wirst sehen, was ich tue, aber duwirst nicht begreifen, was es bedeutet. Denn die Herzen dieser Menschen sind verhärtet, ihre Ohrenkönnen nicht hören und sie haben ihre Augen geschlossen. Ihre Augen sehen nicht, ihre Ohren hörennicht und ihr Herz versteht nicht, und sie kehren nicht zu mir um, damit ich sie heil mache.’ EureAugen aber sind gesegnet, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören können. Ich versichere euch:Viele Propheten und gottesfürchtige Menschen haben sich danach gesehnt, das zu sehen und zu hören,was ihr gesehen und gehört habt, aber sie konnten es nicht.“ (Mt 13,10-17 NL)Für das „rechte Hören“ ist damit von entscheidender Bedeutung, sich dem Wesen der Gleichnisseanzunähern. Christus hat es wahrscheinlich geahnt: Mit dem Verstehen der Gleichnissewerden die Menschen so ihre Probleme haben. „Das Ringen um das rechte Verstehen derGleichnisse durchzieht die ganze Kirchengeschichte“, konstatiert Papst Benedikt XVI. im Erstenseiner drei Jesusbücher. Weiter schreibt er: „Durch das Beispiel rückt er eine Wirklichkeit,die bislang außerhalb des Blickfeldes der Angesprochenen lag, an ihr Denken heran. Er willzeigen, wie in einer ihrem Erfahrungsfeld zugehörigen Wirklichkeit etwas durchscheint, dassie bisher nicht wahrgenommen haben. Er rückt durch das Gleichnis das Fernliegende an sieheran, sodass sie über die Brücke des Gleichnisses zum bisher Unbekannten hinüberkommen.[...] Er will uns durch das Alltägliche den eigentlichen Grund aller Dinge und so die wahreRichtung zeigen, die wir im Alltag einschlagen müssen, um rechtzugehen.“Jesus selbst musste die Erfahrung machen, dass man den Menschen beim Gang über dieseBrücke helfen muss. Inmitten des Gleichnisses vom guten Hirten (Joh 10,1-30) im Johannesevangeliumfinden wir den Satz: „Dies Gleichnis sagte Jesus zu ihnen; sie verstanden abernicht, was er ihnen damit sagte.“ (Joh 10,6) In heutiger Sprache würde man wohl in etwasagen: Sie hatten es einfach nicht kapiert.Weder damals noch heute wäre der Schluss angemessen, dass dieses Nichtverstehen Ausdruckeines intellektuellen Defizits ist. Anders als die damaligen Rabbinen, deren Sprache denMenschen halbwegs vertraut gewesen sein dürfte, geht es in den Gleichnissen nicht um Aussagen,die auch abgesehen vom Gleichnis verständlich wären. Sie enthalten keine Information,die vom Hörer direkt verarbeitet und verstanden werden kann; sie sind keine leicht durchschaubareChiffre, sondern dienen vornehmlich der Abholung des Hörers bzw. Lesers. Mitden Gleichnissen lässt sich Christus auf die Welt der Zuhörer ein. Die Gleichnisse wecken Erinnerungenan Bekanntes, führen dazu, dass sich ein Strom von Gedanken und Erfahrungen49


in Bewegung setzt. Den nächsten Schritt, den hat Jesus dabei freilich nicht in der Hand, nämlichdass der Zuhörer den Schritt in eine die eigene Realität übersteigende Wirklichkeit, dieWirklichkeit Gottes, vollzieht.Grundvoraussetzung für das „rechte Hören“ eines Gleichnisses ist damit das Sicheinlassenauf eine Überschreitung – oder besser: Erweiterung – des eigenen Horizonts. Dazu muss mansich von Christus gleichsam abholen lassen, und genau dazu dienen die Gleichnisse. Die Jünger,die Jesus fragten, warum er in Gleichnissen spreche, haben sich abholen lassen. Sie habenes kapiert. Denn der Zugang zu den Gleichnissen, zum rechten Hören, liegt in Jesus Christusselbst. Mit ihm ist eine neue Situation eingetreten – genau darauf weisen die Gleichnisse hin.Im Hören und Sehen Jesu liegt das Potenzial für Erfahrungen, in einer Dimension, die selbstden Propheten des Alten Testaments nicht offenstand und offenbar vielen Menschen verborgenwar und ist. So gesehen erschließt sich auch die Differenzierung, die Jesus in seiner Antwortan die Jünger zwischen diesen und den anderen Zuhörern macht. Stellvertretend für dieZwölf sagt Simon Petrus: „Wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Joh6,69)In den Gleichnissen macht Jesus das Angebot der Begegnung mit Gott. Sie erzählen von derHerrschaft Gottes. Jesus, sein Leben, sein Wirken, und natürlich seine Gleichnisse erschließensich in der Einsicht, dass man in Jesus Christus Gott selbst begegnet. Das ist eine fundamentaleErweiterung des Horizonts. Dieses Glauben und Erkennen des Christus, das ist der Schlüsselzum rechten Verstehen der Gleichnisse. Im christlichen Glaubensbekenntnis kommt genaudas zum Ausdruck: „Ich glaube an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unsern Herrn.“Simon Petrus hat es kapiert. Du auch?50


Sünde und SelbstgerechtigkeitJesus aber ging zum Ölberg. Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zuihm, und er setzte sich und lehrte sie. Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau, beimEhebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischerTat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen.Was sagst du? Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesusbückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete ersich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Under bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach demandern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtetesich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? Sie antwortete: Niemand,Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.(Joh 8,1-11)Es sollte eine Falle werden: Jesus lehrte im Tempel, sehr zum Ärger der Pharisäer, und siewollten ihn einmal so richtig in aller Öffentlichkeit vorführen. Also wurde eine Frau zu ihmgebracht, die man auf frischer Tat ertappt hatte: Beim Ehebruch. Sie weisen ihn darauf hin,dass hierfür nach dem alten Gesetz Mose die Steinigung als Strafe vorgesehen war (vgl. Dtn22,13-29). Nun hatte Jesus zwei Möglichkeiten: Sich für die Bestrafung aussprechen, derenVollstreckung – was den Pharisäern durchaus bewusst war – die weltliche Obrigkeit aber nichtzulassen würde. Oder: Sich gegen eine Bestrafung aussprechen und damit den Ehebruch zubilligen oder zumindest zu bagatellisieren.Eine schwierige Situation. Jesus hat sie auf pfiffige Weise gelöst und den Spieß einfach umgedreht.Er hat weder den Ehebruch bagatellisiert noch sich gegen das Gesetz gestellt. Aber erhat die Vollstreckung des Gesetzes an eine Bedingung geknüpft. An eine Bedingung, von derer freilich wusste, dass sie außer ihm selbst kein Mensch erfüllen könnte.Und damit zeigte der Spieß nicht mehr – wie ursprünglich von den Provokateuren geplant –auf Jesus Christus, sondern auf sie selbst. Denn sie waren nun in einer außerordentlich diffizilenSituation. Untereinander dürften Sie – jedenfalls auszugsweise – das Sündenregister deranderen gekannt haben. So wusste in der Menschenmenge jeder von jedem, dass er – umgangssprachlichformuliert – Dreck am Stecken hatte. Eine Steinigung der Frau hätte jeden aufdie Anklagebank gebracht. Zwar nicht in einem förmlichen Verfahren, aber auf die Anklagebankder öffentlichen Meinung. Wer in dieser Situation zum ersten Stein gegriffen hätte,51


musste damit rechnen, dass jemand vortreten und sagen würde: „Moment mal. Du hastdoch…“ Dem wollte sich niemand aussetzen.In dieser Begebenheit geht es gar nicht so sehr um Ehebruch. Was Jesus davon hielt, hat er ananderer Stelle deutlich gemacht: „Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren,der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.“ (Mt 5,28) Er hat Ehebruch wedergebilligt noch bagatellisiert. Aber er hat auch gesehen, dass die Frau schon hinreichend bestraftworden war. Sie war in aller Öffentlichkeit als Ehebrecherin bekannt und das blieb insozialer Hinsicht wahrscheinlich nicht folgenlos. Die Frau stand am Pranger. Ja, und sie wurdesogar gefoltert. Immerhin hat man ihr vorgegaukelt, ihre Hinrichtung stünde unmittelbar bevor– obwohl die Ankläger gar nicht mit einer Vollstreckung rechneten. Aus Sicht der Frauhandelte es sich um eine Scheinhinrichtung, um eine Maßnahme, die heute zu den sogenanntenweißen Foltermethoden zählt, welche zwar keinen körperlichen Schaden hinterlassen, denBetroffenen aber seelisch schwer traumatisieren können. Zu behaupten, die Ehebrecherinwäre ungestraft geblieben, das wäre demnach eine falsche Schlussfolgerung.Ein unter Christen bekannter Ausspruch besagt: „Gott hasst die Sünde, aber er liebt den Sünder.“Man sollte sich der Tatsache bewusst sein, dass alle Menschen durch die Sünde vor Gottschuldig geworden sind und noch immer werden. Die existenzielle Bedrohung der Welt gehtaber von der Sünde aus und nicht vom einzelnen Sünder. Und genau deshalb ist Jesus Christusin die Welt gekommen: Um den Würgegriff zu lösen, mit dem die Sünde den Sündern die Luftzum Atmen nimmt.Am Kreuz wurde der Spieß wieder umgedreht. Das wird vor allem an der Stelle deutlich, alsJesus gerade verstorben war. „Einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleichkam Blut und Wasser heraus.“ (Joh 19,34) Hier wurde die Brust Christi geöffnet, derSpeer/Spieß zielte auf sein Herz. Heraus kamen Wasser und Blut, ein durchaus interessantesBild: Schon im ersten Jahrtausend haben die alten Kirchenväter in diesem doppelten Stromvon Wasser und Blut Symbole für die beiden christlichen Hauptsakramente gesehen: Taufeund Abendmahl.Am Ende sagt Jesus sinngemäß zu der Frau: „Ich verurteile Dich nicht. Aber sündige künftignicht mehr.“ Es ist eine Mischung aus Mitleid und Ermahnung, die hier sichtbar wird, und inder Jesus – wie so oft – ein exzellentes Vorbild ist. Jesus sagte mit keiner Silbe, weder im achtenKapitel des Johannesevangeliums noch anderswo, dass man im Angesicht der Sünde schweigensoll. Das Schlechte hinzunehmen, moralische Verfehlungen zu tolerieren – das ist nichtdie Botschaft. Christen sowie moralisch denkende Menschen überhaupt sind durchaus dazuaufgefordert, Position zu beziehen, auch öffentlich. Aber eben Position zu beziehen gegen dieSünde und nicht etwa gegen den einzelnen Sünder. Das sollte man nachmachen: Mitgefühl52


mit dem in die Sünde gefallenen Menschen und liebevolle, wertschätzende Ermahnung, Sensibilisierunggegen die Versuchungen der Sünde. Kein Verurteilen und Verdammen, besonderskeine Selbstgerechtigkeit.Es gibt eine weitere Begebenheit, in der Jesus den Spieß umgedreht hat. Sie steht im Matthäusevangelium.Am selben Abend lud Matthäus Jesus und seine Jünger zum Abendessen ein. Einige andere Steuereintreiberund viele stadtbekannte Sünder waren ebenfalls eingeladen. Die Pharisäer waren empört. „Wiekommt euer Meister dazu, mit solchem Abschaum zu essen?“, fragten sie seine Jünger. Als Jesus eshörte, antwortete er: „Die Gesunden brauchen keinen Arzt – wohl aber die Kranken.“ Und er fügtehinzu: „Nun geht und denkt einmal darüber nach, was mit dem Wort in der Schrift gemeint ist: ‚Ichwill, dass ihr barmherzig seid; eure Opfer will ich nicht.‘ (Hos 6,6) Denn ich bin für die Sünder gekommenund nicht für die, die meinen, sie seien schon gut genug.“ (Mt 9,10-13 NL)Zum Abschluss soll ein Gedicht Anregung zum weiteren Nachdenken sein. Es stammt ausdem Werk „Das Narrenschiff“ von Sebastian Brandt und trägt die Überschrift: „Vom selbstgerechtenNarren.“Ein Narr sich auf den Trost verläßtUnd meint, er sei der Allerbest’Und weiß nicht, daß in einer StundeDie Seel’ ihm fährt zum Höllengrunde.Denn diesen Trost hat jeder Narr,Er meint, noch fern zu sein der Bahr’;Sieht andre er im Sterbekleid,Hat einen Grund er bald bereitUnd sagt dann wol: „Der lebte so!Der war zu wild; der selten froh!Der hat dies, jener das gethan,Drum that ihm Gott das Sterben an!“Er richtet den nach seinem Tod,Der Gnade fand vielleicht bei Gott,Während er in größern Sünden lebt,Wider Gott und seinen Nächsten strebtUnd scheut nicht Strafe drum noch Buß’Und weiß doch, daß er sterben muß.Wo, wann und wie? ist ihm nicht kund,Bis ihm die Seel’ fährt aus dem Mund;Doch glaubt er nicht an eine Hölle,53


Bis er kommt über ihre Schwelle,Dann wird ihm wol der Sinn aufgehn,Wird er inmitten der Flammen stehn!Einen jeden dünkt sein Leben gut,Doch Gott das Herz erkennen thut;Für böse schätzt man manchen Mann,Den Gott doch kennt und lieb gewann.Auf Erden Mancher wird geehrt,Der nach dem Tod zur Hölle fährt.Ein Narr ist, wer es wagt und spricht,Er sei befleckt von Sünden nicht:Doch jedem Narren das gebrist,Daß er nicht sein will, was er ist.54


GretchenfrageIst Abraham durch Werke gerecht, so kann er sich wohl rühmen, aber nicht vor Gott. Denn was sagtdie Schrift? „Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden.“ (Gen15,6) Dem aber, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern ausPflicht. Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht,dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit. Wie ja auch David den Menschen selig preist, demGott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke.(Röm 4,2-6)„Tue Gutes und rede darüber“ – dieses Sprichwort ist besonders bei Public Relations-Agentenund Kommunikationsberatern beliebt. Es ist ja auch unmittelbar einsichtig: Im Verborgenenkann noch so viel Gutes getan werden, solange man es nicht an die große Glocke hängt – oder,viel pfiffiger: dafür sorgt, dass Dritte es von sich aus an die große Glocke hängen – ist damitkein Zugewinn an Reputation verbunden, keine Verbesserung des Ansehens vor den Menschen.Wie schön für die Kommunikationsprofis, dass sie sich dabei sogar auf die Bibel berufenkönnen, denn bekanntlich soll man sein Licht nicht unter einen Scheffel stellen (Mt 5,15;Mk 4,21; Lk 11,33) sondern dafür sorgen, dass die Menschen die guten Werke auch sehen (Mt5,16).Freilich ist in Mt 5,16 bereits angedeutet, dass es nicht um irgendwelche guten Werke geht,sondern um die guten Werke, die aus Sendung und Glauben vollbracht werden. Über dieseWerke zu sprechen dient nicht der Verherrlichung von Personen, sondern allein der VerherrlichungGottes. Zugleich gibt es bei Lukas einen Hinweis darauf, dass man sich der gutenWerke hingegen vor Gott nicht rühmen soll: „Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel,um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich undbetete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecheroder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehntenvon allem, was ich einnehme.“ (Lk 18,10-12) Die Intonation dieses Gleichnisses ist in Bezugauf den Pharisäer, der sich vor Gott seiner guten Werke rühmt, doch eher negativ.Gerechtigkeit oder Anerkennung vor Gott erlangt der Mensch nicht durch das Vollbringenguter Werke, darauf weist der Apostel Paulus im Zusammenhang mit dem Bibeltext hin. Anhandvon drei Stellen aus dem Römerbrief soll das nun verdeutlicht werden:55


1. „Gott spricht jeden von seiner Schuld frei und nimmt jeden an, der an Jesus Christusglaubt. Nur diese Gerechtigkeit lässt Gott gelten. Denn darin sind die Menschen gleich:Alle sind Sünder und haben nichts aufzuweisen, was Gott gefallen könnte. Aber wassich keiner verdienen kann, schenkt Gott in seiner Güte: Er nimmt uns an, weil JesusChristus uns erlöst hat.“ (Röm 3,22-24 HFA)2. „Ich möchte das jetzt noch deutlicher machen. Wodurch konnte Abraham, der Stammvaterdes jüdischen Volkes, vor Gott bestehen? Bestimmt nicht wegen seiner guten Taten!Damit hätte er zwar bei den Menschen Ruhm und Ansehen gewinnen können,nicht aber bei Gott. In der Heiligen Schrift heißt es: “Abraham setzte sein ganzes Vertrauenauf Gott, und so fand er Gottes Anerkennung. Es ist doch so: Wenn ich eineArbeit leiste, habe ich Anspruch auf Lohn. Er ist kein Geschenk, sondern ich habe ihnmir verdient. Aber bei Gott ist das anders. Bei ihm werde ich nichts erreichen, wennich mich auf meine Taten berufe. Nur wenn ich Gott vertraue, der den Gottlosen vonseiner Schuld freispricht, kann ich vor ihm bestehen.“ (Röm 4,1-5 HFA)3. „Er [Abraham] war vollkommen überzeugt davon, dass Gott das, was er versprochenhat, auch tun kann. Und wegen dieses Glaubens erklärte Gott ihn für gerecht. Dochdiese wunderbare Zusage – dass Gott ihn für gerecht erklärte – galt nicht nur für Abraham.Sie wurde auch für uns in der Schrift festgehalten, denn Gott wird auch uns fürgerecht erklären, wenn wir an ihn glauben, der Jesus, unseren Herrn, von den Totenauferweckt hat. Wegen unserer Sünden musste Jesus sterben, und er wurde auferweckt,um uns vor Gott gerecht zu sprechen. Da wir nun durch den Glauben von Gottfür gerecht erklärt worden sind, haben wir Frieden mit Gott durch das, was Jesus, unserHerr, für uns tat. Christus hat uns durch den Glauben ein Leben aus Gottes Gnadegeschenkt, in der wir uns befinden, und wir sehen voller Freude der Herrlichkeit Gottesentgegen.“ (Röm 4,22-5,2 NL)Wunderbar, könnte man nun sagen, dass das so einfach ist – und frohen Mutes seines Wegesziehen. Aber so einfach ist es nun doch nicht. Denn bei näherer Betrachtung wäre Gerechtigkeitaus guten Werken die wesentlich einfachere Variante. Durch die Bindung der Rechtfertigungallein an den Glauben muss der um Gerechtwerdung bestrebte Mensch die Gretchenfrageschlechthin beantworten: „Glaubst Du?“ Und dann kommen so nach und nach die einzelnenPunkte aus dem christlichen Glaubensbekenntnis.Viele Christen, vor allem die regelmäßigen Kirchgänger unter ihnen, werden diese Frage –vielleicht etwas irritiert, weil sie ihnen überhaupt gestellt wird – bejahen.An irgendeinen Gott zu glauben ist gar nicht so schwer, ja sogar bequem, weil er (oder sie) einrecht praktischer Lückenfüller für noch nicht gefundene Antworten sein kann. So eine anonyme,abstrakte Macht, die das Universum zusammenhält, an die kann man schon glauben.56


Auch an eine Art „intelligent designer“ (was auch immer man damit dann verbinden mag)kann man als Mensch noch glauben (wobei niemand das Recht hat, einen anderen dazu zudrängen). Der Heiligen Geist und die Apostolische Kirche – man möge dies nachsehen – könnenhier einmal „vernachlässigt“ werden. Spannend, und da stellt sich die Gretchenfrage nichtnur in Bezug auf die Rechtfertigung, sondern eigentlich zum gesamten christlichen Glauben,wird es, wenn es um Christus geht.Wie ist es mit dem Glauben an Jesus Christus? – Ja, den wird es schon gegeben haben.Geboren von der Jungfrau Maria; gekreuzigt, gestorben und begraben? – Ja, ich glaube,nur zur Jungfrau sage ich lieber nichts.Hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden und in den Himmelgefahren? – Ja…vielleicht.Er wird wiederkommen, um die Lebenden und die Toten zu richten? – Ja…schauenwir mal.Wie einfach wäre es, könnte man ein gutes Werk vollbringen und würde sich so Schritt fürSchritt die Brücke zur Gerechtigkeit bauen. Dazu ein paar Krankenbesuche und, wenn die Zeitnoch reicht, das Veranstalten einer Suppenküche, natürlich möglichst mit der Presse dabei.Alle diese guten Werke seien der Aufmerksamkeit der geschätzten Leserschaft wohlwollendanempfohlen. Aber Gerechtigkeit vor Gott erlangt man damit nicht.Wer gerecht werden will, muss sich der Gretchenfrage – „Glaubst Du?“ – stellen; nicht äußerlich,wenn bei manchen Gelegenheiten das Glaubensbekenntnis gemeinsam gesprochen wird,sondern tief im Innersten. Da kommt der Mensch an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Hierhilft es nicht weiter, dass man eine religiöse Erziehung genossen hat. Es hilft nichts, wenn mandie Bibel in gleich mehreren Übersetzungen auswendig kann. Es hilft nichts, sich darauf zuberufen, dass man dieses oder jenes gelehrt sei. All dies kann den Glauben unterstützen (wobeies sicher Sinnvolleres gibt, als die Bibel auswendig zu lernen), das steht außer Frage. Aber zusagen „credo“ – „ich glaube“, ist das Erreichen eines Punktes, des Wendepunktes im Lebendes Menschen schlechthin. Man kann nicht einfach einen Schalter umlegen, um dorthin zugelangen. Es ist das Ergebnis der intensivsten denkbaren Auseinandersetzung des Menschenmit sich und der Welt. Der Weg dorthin ist lang, oft sind es Jahrzehnte, manchmal bleibt dieserPunkt trotz großer und aufrichtiger Bemühungen auch unerreicht.Wenn jemand sagt „ich glaube“ ist dabei eigentlich oft „ich möchte glauben“ gemeint. Trotzdemist die Formulierung auch ohne „möchte“ angemessen. Weil sie eine Einstellung ausdrückt,die zunächst einmal Grundvoraussetzung für – das klingt rein sprachlich etwas zirkulär– den Glauben ist. Es ist Ausdruck einer Weltsicht, deren Horizont nicht am Greifbaren57


endet, sondern das bewusste Verlassen dieser Beschränkung und Beschränktheit, das Sicheinlassenauf die Unendlichkeit. Nur wer nicht vorschnell etwas ausschließt und so doch nurseinen Geist in Ketten legt, hat eine Perspektive, durch die Gnade zur Gerechtigkeit vor Gottzu gelangen. Aber das ist eben viel schwerer als eine Rechtfertigung durch Werke; es ist keinAnwendungsfall des alten Prinzips „eine Hand wäscht die andere“. Wobei abschließend derHinweis ergänzt sei, dass das „Ja“ zum Glauben nicht konsequenzenlos bleibt, sondern gleichsamvon innen her seine – im ausschließlich positiven Sinne – lebensgestaltende Kraft entfaltet.58


Wie ist dein Gott so drauf?Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oderBlöße oder Gefahr oder Schwert?(Röm 8,35)„Wir haben bewiesen, dass der Inhalt und Gegenstand der Religion ein durchaus menschlicherist“, schreibt Ludwig Feuerbach im letzten Kapitel seines Werkes „Das Wesen des Christentums“.Feuerbachs Ansatz ist die bekannte Projektionstheorie oder auch Projektionshypothese,also, verkürzt gesagt, dass Gott lediglich ein Abbild menschlicher Wünsche, Bedürfnisse,Vorstellungen und Träume ist.Man muss kein Atheist sein und auch keine ausgeprägte Sympathie für Feuerbachs Religionskritikhaben, um zu sehen, dass die Projektionshypothese auf ein durchaus ernst zu nehmendesProblem aufmerksam macht. Sie ist natürlich aus der christlichen Perspektive zu modifizieren,denn dass Gott insgesamt Gegenstand allein der Fantasie sein soll, kann schließlichnicht Gegenstand des Glaubens sein. Doch: Jeder religiöse Mensch trägt eine mehr oder wenigerkonkrete Vorstellung von Gott in sich. Das gilt auch für gläubige Christen und ohne damitindividuell Lob oder Kritik anbringen zu wollen: So einen kleinen, inneren Projektor betreibtdoch im Grunde jeder, und welches Bild von Gott er auch immer im Herzen entstehen lässt –so ganz fehlerfrei ist es höchstwahrscheinlich nicht, sei es im Detail, sei es im Einzelfall sogarganz grundsätzlich.Wie sich solche Fehlvorstellungen äußern können, davon ein Geistlicher einmal in einem Gottesdienstberichtet. Per E-Mail sei er von einem Kirchenmitglied um eine ganz besondere Fürbitteersucht worden, ein Lotteriegewinn sollte es sein. „Wann immer man bittet, betet ausegoistischen Motiven, aus Gründen, um selber ein bequemeres Leben zu haben, das ist keineBitte im Heiligen Geist“, kam dann die Erklärung in der Predigt. Wer dem nachgeht, findetvom Jakobusbrief bis hin zu Martin Luther zahlreiche Äußerungen mit vergleichbarer Positionierung.(Siehe zum Thema auch das Kapitel „Trial and Error“ auf S. 94.)„Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?“, fragt der Apostel Paulus im Bibeltext. Er benenntdann äußere Umstände, die dazu führen können, den Glauben an Gott und die Liebezu Christus infrage zu stellen. Trübsal, Hunger, Gefahr – oder auch trotz intensiven Gebetsunerfüllte Wünsche wie ein ausbleibender Lotteriegewinn können in eine unglückliche Abwärtsspiralenegativer Emotionen führen, die im Ergebnis darin münden, dass die LiebeChristi zurückgewiesen wird.59


Das Scheiden von der Liebe Christi, das ist eine einseitige Angelegenheit. Die Liebe Jesu wirddem Menschen immer und unverbrüchlich entgegengebracht. Und selbst wenn sie wiederund wieder zurückgewiesen werden sollte, ist doch gewiss, dass die Arme des Gottessohnesauch dann ausgebreitet bleiben, wenn ihm der Rücken zugekehrt wird. Sogar wer erst in derStunde des Todes in der Lage ist, eine Wende zu vollziehen und eine radikale Umkehr vornimmt,darf sich gewiss sein, dass er in die Arme Gottes fliehen kann; Jesus weist den Menschennicht zurück, vergilt hier nicht Gleiches mit Gleichem, zu groß ist einfach die Freudeüber die Seele, die zum Urgrund allen Seins zurückkehrt und ihm ihr Heil, ja mithin ihre ganzeExistenz anvertraut.Doch wie sieht es aufseiten des Menschen aus? Schließen wir Gott kompromisslos in die Armeund ins Herz, wenn der erhoffte Lotteriegewinn ausbleibt? Oder in einer Steigerungsform:Wenn die Bitte um den Erhalt des Arbeitsplatzes unerfüllt bleibt? Oder im Extremfall: WennEltern, Kinder, Partner, Freunde auf tragische, vielleicht sogar qualvolle Weise aus dem Lebenscheiden, viel zu jung vielleicht und allen noch so intensiven Bitten um ein Wunder zumTrotz? Die Liste ist erweiterbar und man könnte sogar die Frage stellen, ob Gott nicht vielleichtein Sadist ist, dem das Leiden der Menschen zur Unterhaltung dient, die er mit einer TüteManna auf dem Schoß und einem Fässchen von zu Wein verwandelten Wassers im himmlischenHeimkino genießt.Da ist es, das Problem mit der Projektion. Wir sind zu Empfindungen wie Schadenfreude inder Lage, also fällt es uns die Vorstellung eines schmunzelnden Gottes nicht schwer, wennsich jemand mit Unterstützung einer Bananenschale unsanft aufs Gesäß begibt. Dabei könnenwir noch nicht einmal wissen, ob Gott überhaupt über Humor verfügt – obwohl es durchausIndizien dafür gibt.Negatives Erleben, darauf weist Paulus im Bibeltext hin, mag ein Grund dafür sein, sich vonGott, sich von Jesus Christus loszusagen, sich abzuwenden und sich mithin von seiner Liebezu scheiden. Dabei soll es so gerade nicht sein, wie der Apostel schreibt: „Denn ich bin gewiss,dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtigesnoch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann vonder Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Röm 8, 38.39)Wer sich bewusst von Gott abwendet, weil, um das schon angesprochene Beispiel aufzugreifen,der erhoffte Lotteriegewinn ausbleibt, der hat die innere Scheidung schon lange vorhervollzogen. Das gilt auch in Fällen, in denen dieser Befund nicht so unmittelbar einzusehen ist:Wirtschaftliche und emotionale Not, ja sogar Krankheit und Tod.Natürlich könnte man sagen, dass schwere Schicksalserfahrungen den Glauben an den gutenund liebenden Gott gefährden und sogar vernichten können. Denn zunächst erscheint es wie60


eine berechtigte Frage: Was bringt der Glaube, wenn meine Gebete, wenn meine aus dem tiefstenInneren kommenden Hilfeschreie offensichtlich ungehört bleiben – oder, um es auf dieSpitze zu treiben, gar ignoriert werden? Und denen, die sich um Jesus, Allah oder Buddhanicht kümmern, den so genannten Gottlosen, denen geht es zumindest auch nicht schlechter!Zum Zeitpunkt solcher Fragestellungen, die auch gläubige Menschen in extremen Situationenund ihren Vorstufen umtreiben können, liegt die Scheidung von der Liebe Christi bereits inder Vergangenheit – weil sich das Fundament des Glaubens als ein Missverständnis herausstellt.Ein Missverständnis, gelernt, gewachsen, gehegt und gepflegt, oft über Jahre und Jahrzehnte.Das Missverständnis: Der Mensch hat sich Gott so geschaffen, wie er ihn gerne hätte.Da taucht sie wieder auf, die Projektionshypothese in ihrer modifizierten Form! Im oft kindlichenGlauben wurde ein Gottesbild erschaffen, das – möglicherweise – mit der Realität nichtszu tun hat, das aber, vermutlich ohne solche Absicht, unterstützt von Eltern, Freunden, Kindergottesdienstlehrernund Predigern klare Konturen gewonnen hat. Und wenn dieser Wohlfühl-Gotteinen Wunsch nicht prompt erfüllt, dann hat man halt nicht richtig oder genug darumgebetet. So einfach ist es aber nicht.Im ganz frühen Mittelalter haben kluge Denker damit begonnen, das alte mosaische Bilderverbotnicht nur auf Statuen oder gemalte Bilder zu beziehen, sondern auch auf die Vorstellungvon Gott. Das war bemerkenswert! Denn eine falsche Vorstellung von Gott führt unweigerlichdazu, dass der Mensch seine – dann natürlich nur scheinbare – Beziehung zu Gott aufeiner mehr als nur brüchigen Grundlage errichtet. Und die Kirchen als lehrvermittelnde undoft auch lehrentwickelnde Institutionen tragen ebenso wie alle Verkündiger des Wortes Gotteseine große Verantwortung dafür, dass es zu einer solchen Entwicklung gar nicht erst kommt.Leider wurden und werden sie dieser Verantwortung viel zu oft nicht gerecht. Häufig passiertes, dass biblische Metaphern nicht entschlüsselt werden, oder dass im Umgang mit Kindernbei der religiösen Früherziehung verwandte Bilder nicht in ein wachsendes theologisches Bewusstseinüberführt werden, wenn diese heranwachsen. Die Schuld aber nur auf religiöseLehrer, Eltern und die Kirchen zu schieben, das wäre zu bequem. Jeder Christ hat für sichselbst eine Bildungsverantwortung, die sich als die Aufgabe darstellt, das eigene Wachsen inder Erkenntnis so gut zu fördern, wie es nur geht.Wer sich aus dieser Bildungsverantwortung entlässt, der lässt sich durch die eigene Bequemlichkeitvon der Liebe Christi scheiden. Lesen, Nachdenken, sich erkenntnisorientiert mit Mitmenschenund Mitchristen austauschen, das hilft dabei, in der Liebe Gottes zu bleiben. Denndie beständige Beschäftigung mit dem Geheimnis Gottes reduziert die Wahrscheinlichkeit derEntwicklung gravierender Fehlvorstellungen – eine Garantie gibt es dafür freilich nicht.61


Unabdingbare Voraussetzung für dieses eigenverantwortliche Lernen ist die fortwährende Bereitschaftzur Korrektur. Und Ziel sollte es gerade nicht sein, eine immer konkretere Gottesvorstellungzu entwickeln. Es gibt viele Beispiele für Fehlvorstellungen, welche Distanz zwischenGott und die Menschen bringen. Da freut sich Gott über das Eine und ist betrübt überdas Andere – oft im Übrigen menschliche Erfindungen, die nun wirklich nichts mit dem Evangeliumam Hut haben. So wird Gott in letzter Konsequenz zum Sündenbock für alles, was imLeben schief laufen kann bis hin zum Klimawandel. Schließlich lässt er alles zu, ignoriert Gebetswünsche,wenn auch vielleicht nicht alle, und sitzt grinsend mit einer Tüte Manna auf demSchoß und einem Fässchen von zu Wein verwandelten Wassers auf der Himmelscouch.Die Kunst besteht möglicherweise gerade darin, sich Gott eben nicht konkret vorzustellen,darin, es Gott zu überlassen, was er von seinem Geheimnis preisgeben möchte, und was nicht.Und für ein reiches spirituelles Leben hat er doch eigentlich genug „Informationen“ preisgegeben.Immerhin hat er sich den Menschen als Mensch offenbart und zeigt bis heute jedem,der es sehen will, sein Antlitz in Jesus Christus, seinem Sohn, unserem Herrn – ein wirklich„unantastbares“ Element des christlichen Glaubens; ja in einem weiteren Sinne in jedem Menschen,in dessen Geschöpflichkeit Gott schließlich verherrlicht ist. Wir wissen genug über ihn,um ihm ebenso bedingungslos, ja sogar absolut vertrauen zu können, wie er uns Menschenbedingungslos, ja sogar absolut liebt. Der unumstößliche Beweis dafür wurde im vollgültigenOpfer am Kreuz erbracht, als das Lamm Gottes sündlos für die Sünde der Welt sein Lebengegeben hat. Das geht über das menschliche Vorstellungsvermögen hinaus und sollte Grundgenug sein, sich nicht durch das Hinzudichten – Stichwort: Projektion! – menschlicher Attributevon der Liebe Christi scheiden zu lassen.62


Aufruf zur WachsamkeitBleibt niemandem etwas schuldig, abgesehen von der Liebe, die ihr einander immer schuldig seid. Dennwer den anderen liebt, hat damit das Gesetz Gottes erfüllt. Die Gebote gegen Ehebruch, Mord, Diebstahlund Begehren sind – wie auch alle anderen Gebote – in diesem einen Gebot zusammengefasst: „Liebedeinen Nächsten wie dich selbst.“ Die Liebe fügt niemandem Schaden zu; deshalb ist die Liebe die Erfüllungvon Gottes Gesetz. Führt euer Leben auf diese Weise, weil ihr wisst, dass die Zeit begrenzt ist.Wacht auf, denn wir sind unserer Rettung jetzt näher als zu Beginn unseres Glaubens. Die Nacht istfast vorüber; der Tag der Erlösung kommt bald. Deshalb lebt nicht in der Finsternis mit ihren bösenTaten, sondern greift zu den Waffen des Lichts! Unser Leben soll vorbildlich und ehrlich sein, damit esvor den Augen anderer Anerkennung findet. Wir wollen nicht an ausschweifenden Festen und Trinkgelagenteilnehmen, keinen Ehebruch begehen, nicht in sexueller Zügellosigkeit leben und uns auchnicht auf Streit und Eifersucht einlassen. Haltet euch an Jesus Christus, den Herrn, und lasst euerLeben von ihm bestimmen. Gebt euren Wünschen nicht so weit nach, dass ihr von euren Leidenschaftenbeherrscht werdet.(Röm 13,8-14 NL)Ein Totschlagargument: Ganz lapidar weist der Apostel Paulus die Römer darauf hin, dass sie(und er selbst) dem Heil nun näher seien, als zu Beginn ihres (und seines) Glaubens. Vor demgeistigen Auge kann man sich den Apostel vorstellen, wie er beim Abfassen jener Zeilen denZeigefinger hebt. Der Bibeltext stammt aus dem parakletischen, also dem seelsorgerlich-ermahnendenTeil des Römerbriefes (12,1-15,13) und deshalb ist der mahnende Charakter dieserAussage nicht von der Hand zu weisen.Doch beim genauen Hinweisen erweist sich die Aussage „Heil jetzt näher als früher“ als dochetwas vielschichtiger. Zunächst formuliert Paulus eine ganz offensichtliche Feststellung. Dennbezogen auf die Parusie ist der Befund nicht bestreitbar. Da, jedenfalls aus Sicht der Menschen,die Zeit ein lineares Phänomen in Gestalt einer Einbahnstraße ist, ist es evident, dass Parusieund Apokalypse näher herangerückt sind, als zum jeweiligen Bekehrungszeitpunkt.Paulus stellt also eigentlich nur allzu Offensichtliches fest – und bastelt daraus ein Argument.Ein Totschlagargument, dem niemand, sofern man sich auf der Grundlage des christlichenBekenntnisses bewegt, ernsthaft widersprechen kann. Nun ist es mit den Totschlagargumentenso eine Sache: Wer dazu greifen muss, ist mit seiner sachlichen Argumentation üblicherweiseam Ende; die Argumente sind ihm (oder ihr) ausgegangen. Kann man das in Bezug aufden Apostel Paulus feststellen? Nein – denn er präsentiert dieses Argument nicht in einemdogmatischen Zusammenhang, da wäre es in der Tat unangebracht und unseriös, sondern im63


Kontext der Paraklese des Römerbriefes und auch noch ziemlich an deren Schluss. Damit wandeltsich der Charakter der Aussage weg vom Argument hin zu einer demonstrativen Akzentuierung.Man kann aus der Aussage „Heil jetzt näher als früher“ übrigens auch ein Komplimentdestillieren, nämlich dann, wenn man den Begriff des Heils nicht eschatologisch, sondernchristologisch interpretiert. Denn dann bedeutet es auch: Ihr habt doch schon Fortschritteerzielt.Das eigentliche Ziel dieser Ermahnung ist die Förderung der Wachsamkeit der Gläubigen.Und was das angeht, steht der in einem außerordentlich schwierigen Kontext. Die hoheSchwierigkeit kommt daher, dass es nicht nur einen Bezugspunkt der geforderten Wachsamkeitgibt, sondern mehrere. Auszumachen sind hier drei (eigentlich sogar vier, denn auch derInhalt des zwölften Kapitels des Römerbriefes ist umfänglich einbezogen) völlig unterschiedlicheAspekte, namentlichsozial/moralisch auf die Interaktion der Menschen untereinander bezogen,politisch auf die Einstellung des Christen gegenüber dem Staatswesen bezogen undeschatologisch auf das Wiederkommen des Herrn und das Endgericht bezogen.Diese Aspekte erfordern die Wachsamkeit der Christen; sind jeweils keine Eigenkreationendes Apostels Paulus, sondern finden sich, jedenfalls im Grundsätzlichen, in Äußerungen vonJesus Christus selbst.Der erste Aspekt, also die soziale und moralische Dimension ist noch die am leichtesten verständliche.Denn darüber schreibt Paulus sehr viel im Römerbrief, so auch am Ende des dreizehntenKapitels:Eine interessante Beobachtung ist hier zunächst einmal, dass Paulus der Sache nach zwei Prinzipienformuliert, die im Rechtsdenken bis heute Bedeutung haben. Mit dem Hinweis, niemandemetwas schuldig zu bleiben, ist der Grundsatz der Einhaltung von Verträgen (pactasunt servanda) angesprochen. Der zweite Hinweis verlangt, dass man niemandem Schadenzufügen soll (neminem laedere) – der römische Jurist Ulpian sollte dies wenig später als „Ehrlichleben, niemandem schaden, jedem das Seine zukommen lassen“ („honeste vivere, neminemlaedere, suum cuique tribuere“) konkretisieren. Inwieweit der Römerbrief hier Einflussgehabt haben könnte, lässt sich heute kaum mehr sagen; es ist auch gut möglich, dass es keinenZusammenhang gibt. Entscheidend ist ein anderer Aspekt. Paulus trifft mit seinen Hinweisennämlich voll ins Schwarze und spricht Probleme an, die im alten Rom offenkundig waren. Mitdem moralischen und sittlichen Empfinden war es nicht besonders weit her. Paulus sprichtdie Trinkgelage an und die Zügellosigkeit. Man(n) ging ins Lupanarium und krakelte als Ausdruckder Zufriedenheit „hic futui bene“ (auf eine Übersetzung wird verzichtet) an die Wand.64


Die Christen im alten Rom waren umgeben von einer Lebenswelt, die einen müde und schläfrigmachen konnte, der man kraftlos und ohnmächtig gegenüberstand. Als der Gruppe dersogenannten Heidenchristen zugehörig, hatten sie gegenüber den Judenchristen einen Informationsrückstand.Denn viele soziale und moralische Vorstellungen des Christentums knüpfenan jüdische Vorstellungen an. Der Monotheismus war den Juden vertraut. Die Römer (wieauch die Griechen oder die Kelten; im Brief an die Gemeinden in Galatien beispielsweise gibtPaulus annähernd identische Hinweise wie im Römerbrief, vgl. Gal 5,13-26) hingegen kanntenviele Götter, bei denen Anstand das mit am wenigsten ausgeprägte Attribut war. Das erklärt,warum die paränetischen Ausführungen so umfangreich ausfallen und der Aufruf zur Wachsamkeitso eindringlich ist.Dieser Aufruf zur Wachsamkeit gilt auch heute. Ist ein Vertrag heute noch bindend? Manmuss nur die Zeitung aufschlagen und kann dann nachlesen, dass im Verhältnis von Staatenzueinander der Grundsatz „pacta sunt servanda“ faktisch außer Kart gesetzt wurde. Die Rechnungbekommen Deutsche, Österreicher u.a. dann mit dem Steuerbescheid. Schweizer möchteman da gerne sein. Oder der Bereich der Sexualität – wo Prostitution inzwischen doch ein ganznormaler Beruf zu sein scheint.Als bekennender Christ befindet man sich heute – nicht immer, aber auch nicht wirklich nurselten – in einer inneren Opposition. „Ach, ich bin des Treibens müde!“, möchte man mit denWorten eines bekannten Dichters ausrufen. Man möchte sich zurückziehen, schlafen, die Interaktionmit der Welt einstellen. Doch das wäre verkehrt. Das Christliche strebt danach, aufdie Welt zuzugehen, sie zum Guten zu verändern. Der Rückzug ins Schlafkämmerlein kommtnicht infrage. Der Schlaf der Christen hätte den Tod des Christentums zur Folge. Ein letzteslateinisches Zitat (was bei einem Wort aus dem Römerbrief ja irgendwie passt): „Somnus estimago mortis“ – „Der Schlaf ist das Abbild des Todes“, warnte schon Cicero. Und Paulus ruftuns zu: „Wacht auf!“Der zweite Aspekt schließlich hat eine politische Dimension und betrifft das Verhältnis derChristen zur (weltlichen) staatlichen Obrigkeit. Die Betrachtung sei an dieser Stelle etwas verkürzt.Paulus macht hier deutlich, dass das Christentum keine revolutionäre Kraft ist, die nachpolitischer Macht strebt – ein Vorwurf, dem bekanntlich schon Christus zu Unrecht ausgesetztwar. Der Grundsatz ist eine klare Trennung zwischen staatlicher und kirchlicher Sphäre, wiesie etwa zum Ausdruck kommt, wenn Jesus sagt: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist,und Gott, was Gottes ist“ (Mt 22,21; Mk 12,17; Lk 20.25). Oder: „Mein Reich ist nicht von dieserWelt“ (Joh 18,36). Niederschlag hat diese sphärische Trennung in der bekannten Barmer TheologischenErklärung (vgl. v.a. die fünfte These) gefunden.65


Das Verhältnis von Staat und Kirche, auch seine eschatologische Dimension, das hat die großenchristlichen Denker schon immer beschäftigt. Wir finden es u.a. bei Augustin (De civitaeDei), in den Überlegungen zum Natururecht und zum Gemeinwohl bei Thomas von Aquin,in der Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers; wichtige geschichtliche Stationen waren der Investiturstreitund der Kulturkampf. Im Zusammenhang mit dem Bibeltext nimmt Paulus zumVerhältnis zur weltlichen Obrigkeit dezidiert Stellung (vgl. Röm 13,1-7). Vielleicht sind dieChristen im alten Rom mit der Zeit nicht mehr wachsam genug gewesen – jedenfalls wurdeder Katholizismus im Jahr 391 durch Theodosius den Großen zur Reichskirche erklärt. EinErfolg für das Christentum? Schwierig – denn ein Staatskirchentum ist nicht wirklich im Sinneder christlichen Lehre.Der dritte Aspekt, das dritte Mahn-Element, ist schließlich auf das Wiederkommen des Herrnund das Endgericht bezogen. Der naheliegende Bezugspunkt im Evangelium ist die eschatologischeRede Jesu. Sie enthält einen vergleichbaren Aufruf zur Wachsamkeit: „Denn der Menschensohnkommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.“ (Mt 24,44b)Das Bevorstehen der Apokalypse wird alsdann eindringlich beschrieben:Wenn dann jemand zu euch sagen wird: „Siehe, hier ist der Christus; siehe, da ist er!“, so glaubt esnicht. Denn es werden sich erheben falsche Christusse und falsche Propheten, die Zeichen und Wundertun, sodass sie die Auserwählten verführen würden, wenn es möglich wäre. Ihr aber seht euch vor! Ichhabe euch alles zuvor gesagt! Aber zu jener Zeit, nach dieser Bedrängnis, wird die Sonne sich verfinsternund der Mond seinen Schein verlieren, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte derHimmel werden ins Wanken kommen. Und dann werden sie sehen den Menschensohn kommen in denWolken mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und dann wird er die Engel senden und wird seine Auserwähltenversammeln von den vier Winden, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels. An demFeigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn jetzt seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, sowisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Ebenso auch: wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass ernahe vor der Tür ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies allesgeschieht. Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. Von dem Tageaber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondernallein der Vater. Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Wie bei einemMenschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jedenseine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen: so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann derHerr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um der Hahnenschrei oder am Morgen,damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. Was ich aber euch sage, das sage ich allen:Wachet! (Mk 13,20-37)66


Nun weist Jesus hier ausdrücklich darauf hin, dass das Nahesein des Wiederkommens eineabstrakte Wendung ist (Mk 13,32). Das bedingt die Schwierigkeit, die Mahnung zum Wachsein– in der eschatologischen Rede ebenso wie im paulinischen Werk – praktisch-theologischim Sinne einer Anwendungsbetrachtung fruchtbar zu machen. Denn tatsächlich gilt: Mankann dem Wiederkommen des Herrn nicht entgegengehen, man kann ihm aber auch nichtentgehen. Diese nüchterne Erkenntnis mag zunächst im Widerspruch zum Wortlaut von Röm13,11-14 stehen. Dieser Widerspruch ist allerdings auflösbar, und zwar mit zwei Betrachtungen.Zunächst kann unterstellt werden, dass sich Paulus der Schwierigkeiten bei eschatologischenBetrachtungen bewusst war, die sich aufgrund von deren Abstraktheit zwangsläufig einstellen.Das Bemühen der Parusie wird deshalb als Stilmittel zur Verdeutlichung der Eindringlichkeitder Ermahnung zur Wachsamkeit zu betrachten sein. Denn wirklich „anwendungsorientiert“ist nur der christologische Kern, nämlich das Hineinwachsen in das Wesen Christi.Das Anziehen des Herrn Jesus Christus (Röm 13,14) weist in die gegenteilige Richtung, wieder kritische zeitgeschichtliche Befund, der in tatsächlicher Hinsicht den Ausgangspunkt derRömerbrief-Paraklese bildet. Selbstredend ist damit ein – auch – eschatologisches Verständnisnicht ausgeschlossen. Es verliert aber seinen futurischen Charakter und ist umfänglich als präsentischzu verstehen. Der Neutestamentler Günter Klein zieht am Ende einer Abhandlungüber die Eschatologie im Neuen Testament folgendes Resümee: „Im Rückblick auf die Vielzahleschatologischer Entwürfe im Neuen Testament ist festzuhalten, dass diese, bei aller Variationim Detail, doch im Entscheidenden, nämlich in der Orientierung an dem in Christus bereitserschienenen und bleibend gegenwärtigen Heil, konvergieren.“Die zweite Betrachtung verweist auf das „Vater unser“, genauer auf den Passus: „Dein Reichkomme.“ Auch diese Aussage hat mehrere Bedeutungsebenen. Unmittelbaren Einfluss hat derMensch freilich nur auf die Verwirklichung des inneren Gottesreiches. Jesus weist darauf imÜbrigen selbst hin: „Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch“ (Lk 17,21). So steht esin den meisten aktuellen Bibelübersetzungen – Martin Luther hatte es ursprünglich andersübersetzt: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden…sehet, das Reich Gottesist inwendig in euch!“ Letzten Endes geht dabei darum, dass dort, wo Jesus Christus ist undregiert, das Reich Gottes gegenwärtig ist. Von diesem Standpunkt aus erschließt sich nun auch,warum die Ermahnung des Apostels, trotz aller Ernsthaftigkeit, auch ein Kompliment beinhaltet.Durch das Bekenntnis zum christlichen Glauben haben die Mitglieder der Gemeinde inRom bereits ein Stück des inwendigen Reiches Gottes Wirklichkeit werden lassen.67


NeustartDas sage ich aber, liebe Brüder, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben können; auch wirddas Verwesliche nicht erben die Unverweslichkeit. Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nichtalle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick, zurZeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen und die Toten werden auferstehen unverweslich,und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit,und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit. Wenn aber dies Verwesliche anziehenwird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfülltwerden das Wort, das geschrieben steht: „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg?Tod, wo ist dein Stachel?“(1Kor 15,50-55)Ich bin deines Vaters Geist;Verdammt auf eine Zeitlang, nachts zu wandernUnd tags, gebannt, zu fasten in der Glut,Bis die Verbrechen meiner ZeitlichkeitHinweggeläutert sind. Wär mirs nicht untersagt,Das Innre meines Kerkers zu enthüllen,So höb’ ich eine Kunde an, von derDas kleinste Wort die Seele dir zermalmte,Dein junges Blut erstarrte, deine AugenWie Stern’ aus ihren Kreisen schießen machte,Dir die verworrnen krausen Locken trennteUnd sträubte jedes einzelne Haar emporWie Nadeln an dem zorngen Stacheltier;Doch diese ewge Offenbarung faßtKein Ohr von Fleisch und Blut. – Horch, horch, o horch!Wenn du je deinen teuren Vater liebtesträch seinen schnöden, unerhörten Mord!Mythen und Geschichten, oftmals zum Gruseln, ranken sich um das, was Verstorbene oderihre Geister so umtreibt bzw. was sie so alles treiben. Erschrecken sie die Menschen als Geister?Laufen sie zur Mitternachtsstunde als Gerippe über dunkle Friedhöfe? Erscheinen siemanchem Lebenden gar im Traum?68


Im vorstehenden Auszug aus Shakespeares Hamlet erscheint eben jenem Hamlet der Geistseines verstorbenen Vaters und bittet ihn, seine Ermordung zu rächen. Am Ende gibt es vieleTote, einschließlich des Helden, und die Tragödie ist zu Ende.Seit selbst der Vatikan die Möglichkeit der Existenz intelligenten außerirdischen Lebens anerkannthat richtet sich die Fantasie wieder mehr auf „irdische“ Phänomene. Verstorbene, dieirgendwie doch nicht so richtig tot sind, scheinen die Fantasie der Menschen zu beflügeln. Inder zeitgenössischen Popkultur stehen derzeit wohl Vampire an der Spitze der Beliebtheitsskala.Dabei vermischt sich einiges miteinander: Der Mythos vom Jungbrunnen trifft auf den– oft von Angst unterstützten – Wunsch nach Unsterblichkeit und alles wird mit reichlich romantischemKitsch überladen. Und schon ist der nächste Beitrag zur Volksverdummung fertig.Nun könnte man als bekennender Christ, nicht frei von Arroganz, diesen ganzen „Schundkram“abtun und hoch erhobenen Hauptes in die Kirche gehen. Je nach Tradition und Liturgiewird dort das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen. Und was steht denn da so drin?Die Lebenden und die Toten werden gerichtetAuferstehung der TotenEwiges LebenDamit wird die oft harte Kirchenbank zum harten Boden der Tatsachen. Denn was sich gläubigeChristen, auch die – mal mehr, mal weniger – erleuchtete Geistlichkeit so über Jahrhundertezurechtgelegt haben, ist dem Gruselkabinett mit seinen Gespenstern, Vampiren und A-liens leider gar nicht so unähnlich. Damit ist weniger der Inhalt des Glaubensbekenntnissesgemeint, sondern die Vielfalt der Derivate, die sich mit der Zeit herausgebildet haben.Nun stehen Christen vor dem Problem, dass es einerseits klare Aussagen im Glaubensbekenntnisgibt, andererseits aber auch viel Unsinn, der auf dem an sich höchst fruchtbaren Bodendes Apostolikums als Unkraut seine hässlichen Blüten treibt. Man muss an dieser Stelleeinräumen: Eine konsistente und schlüssige Aufarbeitung des Begriffes „Auferstehung“ istnicht ersichtlich. Und das ist überhaupt keine Überraschung: Wir wissen einfach nicht, wasmit einer künftigen Auferstehung gemeint ist oder auch nur gemeint sein könnte. Jeder Versuchdas Rätsel zu enträtseln wird es nur rätselhafter erscheinen lassen.Dieses Nichtwissen ist nicht schlimm – aus zwei Gründen: Erstens haben wir als Menschenkeinerlei Einfluss darauf, und zweitens liegen Chance und Aufgabe des Menschen im Diesseitsund nicht im Jenseits. Wer sich schwerpunktmäßig mit dem, was irgendwann vielleichtsein könnte, befasst, sich etwa überlegt, in welcher Reihenfolge die Menschen erlöst werden,der verliert das Wesentliche aus dem Blick, nämlich das Hier und das Heute. Denn hier undheute besteht eine reale Gestaltungsmöglichkeit. Wer die Welt verachtet und darauf baut, für69


ein diesseitiges Leben voller Verbötlein und Gebötlein mit einem ewigen Leben in einer ArtSchlaraffenland belohnt zu werden, der ist in seinem Innersten möglicherweise ein Heuchlerder schlimmsten Sorte.Das soll nun kein Aufruf dazu sein, christliche Moralvorstellungen für das Zusammenlebender Menschen über Bord zu werfen. Mitnichten! Der Glaube an Gott führt dazu, diese als sinnvolleGrundlage des Sozialverhaltens anzunehmen und für sie auch in der Gesellschaft einzutreten.Verschiedene aktuelle Beobachtungen zeigen leider ein Bild, das den biblischen Berichtenüber Soddom und Gomorra nicht so unähnlich ist. Doch bekommt der Großteil der rundzwei Milliarden Christen auf der Welt den Mund nicht auf. Dabei hat jeder Christ einen Gestaltungsauftragfür sich und die Christen in ihrer Gesamtheit einen Gestaltungsauftrag fürdie Welt. Wobei diese beiden Aufträge auch jeden Menschen bzw. die Menschheit insgesamtbetreffen. Wer sich Christ nennt, bekennt damit aber, dass er diesen Auftrag annimmt undernst nimmt. Angeblich jedenfalls. Wie bequem ist es da, sich in eine weltabgewandte Subkulturzurückzuziehen, nur über eine bald bevorstehende Auferstehung oder ähnliches zu reden.Ein Pfarrer formulierte in seiner Predigt am Ostermontag vor einigen Jahren einen Gedanken,über den man sich wirklich seine Gedanken machen sollte. Er sagte: „Der Tod kommt nichterst auf dem Sterbebett. Vor dem Tod sterben das Leben, die Liebe, die Wahrheit, die Barmherzigkeit.Der Tod hat Handlanger, jetzt und hier, die das Leben sterben lassen.“Auferstehung wird so auch zu einer Chiffre für einen Neustart des Lebens. Für diese Erneuerungund Wiedergeburt ist das Sakrament der Taufe zentral. Bei den frühen Christen gab esteilweise Taufbecken mit zwei Treppen. Eine Treppe führte hinein und eine weitere führtenach dem Untertauchen des ganzen Körpers wieder hinaus. Auf der Symbolebene wurden sonicht nur Tod und Auferstehung einander gegenübergestellt, sondern auch gezeigt, dass mitder Evolution des Menschen zum Christen ein komplett neuer Weg des Lebens beschrittenwird.Tauferneuerungen bzw. Taufgedächtnisse haben in den Liturgien der Kirchen ihren festenPlatz. Jährlich wird dies in der Osternacht erlebbar, teilweise ist das Erinnern der Erneuerungverbunden mit einer bewussten Absage an den Teufel. Auch das Bekreuzigen beim Betreteneines katholischen Gotteshauses soll an die Taufe erinnern. Wer durch die Taufe zum LeibChristi – dem Leib des wahrhaftig Auferstandenen – hinzugefügt ist, hat einen Akt der Auferstehungbereits vollzogen. Die konsequente Implementation dieser Auferstehungserfahrungin das eigene, jetzt stattfindende Leben hat zur Folge, dass die Auferstehung von den Toten ineiner anderen Seinssphäre keine substanziell andersartige Erfahrung darstellen wird.In seinen „Vorlesungen über das Apostolische Glaubensbekenntnis“ hat sich Joseph Ratzingernoch als vergleichsweise junger Theologe mit dem christlichen Auferstehungsglauben beschäftigt.Ein treffendes Schlusswort:70


„Das Ziel des Christen ist nicht seine private Seligkeit, sondern das Ganze. Er glaubt an Christus,und er glaubt darum an die Zukunft der Welt, nicht bloß an seine Zukunft. Er weiß, dassdiese Zukunft mehr ist, als er selbst erschaffen kann. Er weiß, dass es einen Sinn gibt, den ergar nicht zu zerstören vermag. Aber soll er darum die Hände in den Schoß legen? Im Gegenteil– weil er weiß, dass es einen Sinn gibt, darum kann und muss er freudig und unverzagt dasWerk der Geschichte tun, auch wenn er von seinem kleinen Ausschnitt her das Gefühl habenwird, es bleibe eine Sisyphusarbeit und der Stein des menschlichen Geschicks werde immerneu, Generation um Generation, nach oben gerollt, um ebenso immer wieder zu entgleitenund alle Bemühungen von vorher zuschanden zu machen. Wer glaubt, weiß, dass es ‚vorwärts‘geht, nicht im Kreis. Wer glaubt, weiß, dass die Geschichte nicht dem Teppich der Penelopegleicht, immer wieder von Neuem gewoben wird, um immer von Neuem aufgetrenntzu werden. Vielleicht werden auch den Christen die Albträume der Furcht vor der Vergänglichkeitüberfallen, aus denen heraus die vorchristliche Welt solche bewegenden Bilder derAngst vor der Fruchtlosigkeit menschlichen Tuns geschaffen hat. Aber in seinen Albtraumdringt rettend und verwandelnd die Stimme der Wirklichkeit: ‚Habt Mut, ich habe die Weltüberwunden‘ (Joh. 16,33). Die neue Welt, mit deren Darstellung im Bild des endgültigen Jerusalemdie Bibel schließt, ist keine Utopie, sondern Gewissheit, der wir im Glauben entgegengehen.Es gibt eine Erlösung der Welt – das ist die Zuversicht, die den Christen trägt und diees ihm auch heute noch lohnend macht, ein Christ zu sein.“71


Ein bisschen Leid ist gut für die SeeleGelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allenTrostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsalsind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlichüber uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, sogeschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksamerweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung stehtfest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.(2Kor 1,3-7)Der Bibeltext könnte zunächst einmal die Assoziation einer Waage hervorrufen, auf der Leidund Trost zu einem Ausgleich finden. Zuerst wird eine Schale gefüllt mit Leid. Sie geht nachunten. Der Mensch ist Leidender – seien es geistliche, seien es körperliche Leiden. Und dannwird Trost in die andere Schale gefüllt. Genau so viel, damit sich Trost und Leid eben dieWaage halten.Ein Bild, das irgendwie unbefriedigend ist: Der Trost macht das Leiden ja nicht ungeschehen.Das Tief war trotzdem da; es war zu beobachten, dass die eine Schale zuerst einmal nach untengegangen ist. Wäre es da nicht angemessen, vielleicht ein bisschen mehr Trost als notwendigin die andere Schale zu füllen, vielleicht gerade genug, dass zumindest kurzfristig so ein kleinesHochgefühl aufkommen darf?Fehlanzeige, wenn man den Bibeltext streng symmetrisch versteht. Doch auch mit Hochgefühlwäre das Ganze – bestenfalls – nur ein Nullsummenspiel. Warum also sich überhaupt auf dasLeiden einlassen?Eines macht Paulus deutlich. Es geht nicht um Rückenschmerzen oder die sozial relevantenund leidvollen Folgen menschlichen Versagens. Es geht um die Leiden, die um des Einsseinsmit Christus Willen erduldet werden. „Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserm Leibe,damit auch das Leben Jesu an unserm Leibe offenbar werde.“ (2Kor 4,10) Dem Getröstetwerdengeht also eine Entscheidung für ein – wenn man so will – zusätzliches Leiden voraus. Mankönnte sich den im Bibeltext gemeinten Leiden also dadurch entziehen, dass man das Einsseinmit Christus gar nicht erst sucht.Nun ist das aus christlicher Perspektive keine ernsthafte Alternative. Der Christ will eins mitseinem Herrn sein, er will mit ihm und in ihm leben, will vom Wesen Jesu durchdrungen sein.72


Wenn nun aber das Versprechen nur darin besteht, dass Trost in einem gerade noch angemessenenUmfang zugesagt wird – wäre es dann nicht vernünftig in etwa zu sagen „das lassenwir mal lieber“? Der Schritt zum Atheismus wäre folgerichtig – keine Option für einen Christen…Wenn man andererseits nur den Glauben zurate zieht, dann könnte man diesen Einwand ignorieren.So ein herrlicher blinder Glaube, vielleicht mit einem Schuss Fundamentalismus,kann aus dem Menschen einen kleinen Masochisten machen, der gerne leidet. Der daran leidet,wie schlecht es in der Welt ist, wie verlogen die Politiker sind, wie verdorben die Menschen,Drogen, Sex und zu allem Überfluss auch noch Rock-Musik. Das könnte so ein richtigesLeiden darstellen – bei dem sich die Trostperspektive darauf richtet, was der liebe Gott mitdiesen Leuten für böse Dinge anstellen wird. Irgendwann ist es soweit… Ach, wie gernewürde man ihm dabei zur Hand gehen! Eine Option für einen Christen? Mitnichten!Einen interessanten Bezug weist der Bibeltext zur Bergpredigt auf: „Selig sind, die da Leidtragen; denn sie sollen getröstet werden.“ (Mt 5,4) Eine Stelle, in deren Zusammenhang wiederumauf Jes 61,2 verwiesen wird: „Zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN und einenTag der Vergeltung unsres Gottes, zu trösten alle Trauernden.“ Da ist er wieder, der alttestamentarischeRache-Gott, der seinen Zorn über die Menschheit entlädt. Und die dann Gepeinigtenmüssen sogar noch zu Zeugen der Verherrlichung der ehemals leidenden Frommenwerden. „Die Vision der Bergpredigt erscheint als eine Religion des Ressentiments, als derNeid der Feigen und Untüchtigen, die dem Leben nicht gewachsen sind und sich dann mitder Seligpreisung ihres Versagens und der Beschimpfung der Starken, der Erfolgreichen, derGlücklichen rächen wollen“, hat dazu Papst Benedikt XVI. vor ein paar Jahren geschrieben.Man könnte auch versucht sein, den Bibeltext eschatologisch zu interpretieren. Das dürftemöglich sein, denn – was und wie dabei immer geschehen wird – wenn Christus, wie es imApostolischen Glaubensbekenntnis heißt, wiederkommen wird, um die Lebenden und die Totenzu richten, wird das Leid wohl aus der Welt sein. Insoweit wohnt dem Bibeltext ein Verweisauf die Zukunft inne. Nur wäre eine eschatologische Schwerpunktsetzung bei der Interpretationnur sehr bedingt hilfreich. Für sein Leben jetzt, im Hier und im Heute, hätte mannicht wirklich etwas davon. Man könnte sich lang und breit durchlesen oder auch anhören,wie schön alles irgendwann einmal sein könnte, im Leben in der Herrlichkeit Gottes, vielleichtspekulativ ausgeschmückt. Doch ein seriöser Umgang mit dem christlichen Glauben verbietetgleichsam, ihn als Schablone für allerhand Phantastereien zu missbrauchen.Es geht im Bibeltext um die aktive Teilhabe am Leiden Christi. Worin bestand das Leiden desHerrn und besteht es noch immer? Ganz pauschal gesprochen: In der Zurückweisung durchviele Menschen, obwohl er gekommen und gestorben ist, um allen Menschen zu helfen undihnen das volle Heil zu erschließen. Sein Leiden bestand darin, selbst mitzuerleben, was die73


Krone der Schöpfung, das Ebenbild Gottes, aus seiner natürlichen Berufung gemacht hat. Erhätte die göttliche Autorität gehabt, hier zu tadeln, zu maßregeln, zu sanktionieren, die Menschenmithin machtvoll – und mehr oder weniger zwangsweise – auf den rechten Weg zubringen.Doch da hätte er, auch wenn das radikal klingen mag, die Schöpfung auch komplett abwickelnkönnen. Denn er hätte dem Menschen die Freiheit genommen, sich selbst zu entscheiden, auchfalsch zu entscheiden, und er hätte bewirkt, dass keinerlei Chance zur Entwicklung hin zumzur Einsicht in die Transzendenz fähigen autonomen Vernunftsubjekt bestanden hätte. SeineMission wäre grandios gescheitert.Die erkenntnisreiche Enzyklika „Fides et ratio“ von Papst Johannes Paul II. beginnt mit dembemerkenswerten Satz: „Glaube und Vernunft sind wie die beiden Flügel, mit denen sich dermenschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt.“ Es lohnt sich, diese Wechselseitigkeitbei der Betrachtung des Bibeltextes einmal auszuprobieren. Wenn sich bei der Betrachtungdes Bibeltextes Glauben und Vernunft wechselseitig ergänzen und befruchten, dann könntedas Ergebnis in der Einsicht bestehen, dass dem Leiden selbst ein Mehrwert innewohnt, dersich nicht unmittelbar erschließt. Der Gedanke des Trostes tritt dabei etwas in den Hintergrund.Nicht weil Trost irrelevant wäre, er kann den mit Christus leidenden Menschen vordem Durchdrehen bewahren. Aber weil es auf das Leiden einfach ankommen muss – dennsonst wäre man wieder beim Nullsummenspiel, und es würde sich gar nicht lohnen, über denBibeltext weiter nachzudenken.Es ist Teil des Leidens mit ansehen zu müssen, dass Vernunft oft rein instrumentell eingesetztwird und spiegelbildlich dazu ein vernunftfreier Glaube zu geistiger Blindheit führt. Währenddas eine zur ignoranten Verneinung des Göttlichen führen kann, liegt im anderen die Gefahrarroganter Negierung des Menschlichen. Hand aufs Herz: Wer kann schon von sich sagen,dass der richtige Weg des Ausgleichs immer exakt gegangen wird? Der Mensch als vernunftbegabtesund zum Glauben berufenes Geschöpf verbringt sein Dasein zwischen beiden Extremen,immer wieder der anziehenden Kraft der Pole ausgesetzt.Wer mit und in Christus leidet, nimmt das Hin- und Her- und Zerrissensein zwischen denbeiden Polen instrumentell-naturalistischer Vernunft und des blinden Glaubens wahr. Erspürt es an sich selbst und sieht es bei seinen Mitmenschen. Er muss dabei wahrnehmen, dasssich mancher nicht aus seiner Extremposition lösen will.Der Mehrwert dieses Leidens besteht darin, dass ein Bewusstsein für das Leiden besteht. Werim Bereich der Extreme unterwegs ist, kriegt das unter Umständen noch nicht einmal mit,weiß nicht um seine Hilfsbedürftigkeit, um sein eigenes Leiden – und kann den im Spannungsfeldsich vorsichtig an die Erkenntnis der göttlichen Wahrheit herantastenden Zeitgenossen –unabsichtlich, aber bisweilen auch absichtsvoll – nah an den Wahnsinn treiben.74


Das ist nun nur ein Auszug aus dem, was mit dem Leiden im Bibeltext alles angesprochen seinkann, nur ein Aspekt, und folglich nicht abschließend. Aber es ist ein wichtiger Aspekt, weiler sich so unmittelbar nicht erschließt. Es wird daran sichtbar, dass 2Kor 1,5 kein Nullsummenspielbeschreibt. Vielmehr wird deutlich, dass das Leiden hier positiv zu verstehen ist,weil es reflektiert erlebt und wahrgenommen wird, gerade nicht als eine an Substanz gehendeNegativerfahrung. Deshalb kann der Umfang des Trostes auch auf eine Abmilderung begrenztblieben und zielt nicht auf Kompensation oder eine Art „Schadensersatz“.Man kann sich also nach der Lektüre dieses Kapitels getrost ein frohes Leiden wünschen. Undvielleicht gelingt es auch, den einen oder anderen Menschen für das Leiden in und mit Christuszu begeistern. Denn es gilt: Je mehr hier aktiv „leiden“ dürfen, desto besser geht es derWelt.Hinweis: Für einen besseren Zugang zum Begriff des „Leidens“ ist die Lektüre des Beitrages„Die zweite Hälfte“, S. 91, förderlich.75


ErleuchtungDarum, weil wir dieses Amt haben nach der Barmherzigkeit, die uns widerfahren ist, werden wir nichtmüde, sondern wir meiden schändliche Heimlichkeit und gehen nicht mit List um, fälschen auch nichtGottes Wort, sondern durch Offenbarung der Wahrheit empfehlen wir uns dem Gewissen aller Menschenvor Gott. Ist nun aber unser Evangelium verdeckt, so ist's denen verdeckt, die verloren werden,den Ungläubigen, denen der Gott dieser Welt den Sinn verblendet hat, dass sie nicht sehen das helleLicht des Evangeliums von der Herrlichkeit Christi, welcher ist das Ebenbild Gottes. Denn wir predigennicht uns selbst, sondern Jesus Christus, dass er der Herr ist, wir aber eure Knechte um Jesu willen.Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsreHerzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes indem Angesicht Jesu Christi.(2Kor 4,1-6)„Der Herr sprach: Es werde Licht. Doch er fand den Schalter nicht.“ – Dieses Sprichwort isteine recht bekannte Verballhornung von Gen 1,3, wo im Schöpfungsmythos die Erschaffungdes Lichts beschrieben wird. Die stoffliche Schöpfung hört darin gleichsam auf das verbaleKommando des Schöpfers. Nach vielen kleinen Schritten und Zwischenschritten war es dannso weit: Intelligentes Leben war entstanden – zumindest behaupten wir Menschen das gernevon uns, geben aber zugleich nicht selten Anlass dazu, die Angemessenheit der Verwendungdes Attributes „intelligent“ nachhaltig zweifelnd zu hinterfragen. Wie das Ganze weitergehenkönnte, kann man sich beispielsweise in dem Film „Idiocracy“ ansehen, künstlerisch nicht unbedingtwertvoll, dafür erschreckend illustrativ.Nun spricht oder vielmehr schreibt der Apostel Paulus im Bibeltext davon, dass die Menschenerleuchtet seien. Auch wenn vielfältige Alltagsbeobachtungen, zuerst immer an einem selbst,dazu verleiten könnten, eher von „angeblich erleuchtet“ zu sprechen, kommt man als Christnicht umhin, sich mit der paulinischen Erleuchtungs-These ernsthaft zu befassen. Besondersinteressant und lehrreich ist es dabei, sich einmal näher anzusehen, was im vierten Kapitel deszweiten Briefes an die Korinther noch so steht. Man findet dann zum Beispiel die Verse einsbis fünf, wo es um das „Amt“ (nach Luther, andere Übersetzungen sprechen auch von„Dienst“) des Apostels geht.Das ist ein interessanter Blick auf das Amtsverständnis des Apostels: Keine Heimlichkeit,keine List, keine Verfälschung des Wortes Gottes. Man kann sich seine eigenen Gedankendazu machen. Jedenfalls: Der Aspekt der Erleuchtung und der Weitergabe des Erleuchtetseinsdürfte für Paulus eine besondere Stellung eingenommen haben, denn seine eigene Berufung76


als Apostel hängt nach der Überlieferung in der Apostelgeschichte mit einem Erleuchtungsereigniszusammen:Als ich nun nach Damaskus reiste mit Vollmacht und im Auftrag der Hohenpriester, sah ich mitten amTage, o König, auf dem Weg ein Licht vom Himmel, heller als der Glanz der Sonne, das mich und diemit mir reisten umleuchtete. Als wir aber alle zu Boden stürzten, hörte ich eine Stimme zu mir reden,die sprach auf Hebräisch: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es wird dir schwer sein, wider den Stachelzu löcken. Ich aber sprach: Herr, wer bist du? Der Herr sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst; steh nunauf und stell dich auf deine Füße. Denn dazu bin ich dir erschienen, um dich zu erwählen zum Dienerund zum Zeugen für das, was du von mir gesehen hast und was ich dir noch zeigen will. (Apg 26,12-16 LÜ)Zugleich zeigt dies, dass Apostel nur sein kann, wer dazu unmittelbar durch Christus berufenist. Für Paulus und sein Damaskuserlebnis wurde dies durch die Jerusalemer Apostel anerkannt.Was Apostel, Apostolat oder Apostolizität bedeuten, ist schwer zu bestimmen. Einglaubwürdiges Angebot macht hier etwa der römisch-katholische Katechismus, wo es heißt:„Die besondere Berufung der gläubigen Laien besteht darin, das Reich Gottes zu suchen, indemsie die zeitlichen Dinge Gott gemäß erleuchten und ordnen. So verwirklichen sie die Berufungzur Heiligkeit und zum Apostolat, die an alle Getauften ergeht.“Damit ist ein dritter Begriff gefallen: Die Taufe. Zwischen Erleuchtung und Taufe besteht auschristlicher Perspektive ein enger Zusammenhang. Teilweise wird der Vollzug des Taufritussogar als Erleuchtung bezeichnet. Im Hebräerbrief wird mit der Erleuchtung am Anfang desChristseins offensichtlich die Taufe beschrieben, die begriffliche Gleichsetzung wurde dannaber erst durch den Kirchenvater Justin und durch Clemens Alexandrinus vorgenommen. Mitder Taufe wird der Mensch einer neuen Schöpfung teilhaftig, er wird eine „neue Kreatur“(2Kor 5,17); Gott spricht „es werde“ und – idealerweise – der Mensch findet und betätigt denSchalter, er wird erleuchtet und vielleicht erleuchtet er auch seine Mitmenschen ein wenig.Dieses Erleuchtetsein beschreibt keinen emotionalen Zustand, kein spiritistisches Weltentrücktsein,keine Euphorie oder gar Ekstase. Vielmehr hat Erleuchtung eines potenzielle undeine aktuelle Komponente. Die potenzielle Komponente ist der Gattung Mensch eigen. Durch– aus christlicher Perspektive – seine Eigenschaft als vernunftbegabtes, zu freier Entscheidungund eigener Erkenntnis fähiges Subjekt, ist das Potenzial zur Erleuchtung vorhanden. Im Ritusder Taufe wird dieses Potenzial bewusst gemacht. Ob es aber hell wird oder dunkel bleibt, dasliegt sprichwörtlich in der Hand eines jeden Einzelnen.Und dann ist die Frage: Legt der Mensch den Schalter um oder nicht? Kommt es (dann aktuell)zur Erleuchtung – oder bleibt sie aus? Der evangelische Systematiker Falk Wagner hat daseinmal sehr treffend auf den Punkt gebracht:77


„Erleuchtung kann so nur als die metaphorische Beschreibung eines Erkenntnisaktes angesehenwerden, durch den die selbsttätige Aneignung eines Sachverhalts durch ein erkennendesSubjekt ausgesagt wird. Das Subjekt ist erleuchtet, insofern ihm der in Rede stehende Sachverhalteinleuchtet, ihm evident ist. [...] Ein Mensch ist erleuchtet, wenn ihm die Heilszusage desEvangeliums einleuchtet. Die Erleuchtung geht aber weder unmittelbar vom Evangelium ausnoch kommt sie durch ein sekundäres Hinzutreten des Geistes zum Evangelium zustande.Vielmehr vollzieht sich die Erleuchtung eines Menschen dadurch, dass er sich das Evangeliumso aneignet, dass es ihm als evident erscheint. Dieses Evidenzbewusstsein schließt den Existenzwandel– die Konstitution des Christseins – des sich erleuchtet wissenden Menschen ein.Wem das Evangelium einleuchtet, dem ist bewusst geworden, dass er aufgrund der in Inkarnation,Tod und Auferstehung sichtbar gewordenen Versöhnungstat des trinitarischen, dasheißt: für das Anderssein des Menschen aufgeschlossenen, Gottes als freies Subjekt anerkanntist; und er weiß zugleich, dass diese Freiheit nur in liebender Selbstüberschreitung Gestaltannimmt.“78


Stirbt Gott den sozialen Tod?Denn die Liebe Christi drängt uns, zumal wir überzeugt sind, dass, wenn „einer“ für alle gestorben ist,so sind sie „alle“ gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sichselbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. Darum kennen wir von nun anniemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, sokennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr. Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur;das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.(2Kor 5,14-17)Heute stirbt Christus. Er ist auch gestern schon gestorben und wird morgen wieder sterben.Immer ein Stückchen mehr. Christus ist ein Sterbender; er stirbt den sozialen Tod. Währenddie Kreuzigung vor rund 2.000 Jahren noch ein öffentlicher und Aufsehen erregender Vorgangwar, kommt der Tod des Herrn heute unbemerkt, schleichend, durch die Hintertür, manchmalsogar die der Kirchen. Wir leben in einem Umfeld, in dem die christliche Religion, christlicheWerte, eine immer geringere Rolle spielen, und sich selbst in Gesellschaft und Politik engagierteChristen offenbar vielfach damit abgefunden haben, dass der „Mainstream“ einen Kursvorgibt, der letztlich in eine bislang ungekannte profane Banalität des Daseins hineinführt.So gesehen sterben Vater, Sohn und Heiliger Geist einen dreieinigen sozialen Tod, indem mansie einfach immer häufiger ignoriert, ihnen weder Einlass ins noch Einfluss im Leben gewährt.Und, mal ehrlich, selbst bei Menschen, die sich selbst als bekennende Christen sehen, kommtes gelegentlich vor, dass das Leben nicht so von Christus erfüllt ist, wie es das eigentlich seinkönnte.Und das kann zu einem Teufelskreis werden: Wir nehmen Jesus im Leben nicht mehr oderweniger wahr, sehen aber gleichzeitig die überwiegend schlechten Nachrichten von überallauf der Welt. Daran haben die Medien ihren Anteil: Mit Mord und Totschlag, Krisen und Kriegen,Sex und Drogen, Skandalen und Intrigen lassen sich viel leichter Nachrichten machen, alsmit dem Guten und Schönen in der Welt, das oft als viel zu selbstverständlich wahrgenommenund möglicherweise deshalb als alltäglich und langweilig empfunden wird.Muss man sich da wundern, wenn die Menschen einem die Frage entgegenhalten, wo dennGott bei all dem bitteschön sei? Wenn alle Sinne mit negativen Reizen überflutet werden – istes da verwunderlich, wenn man den Menschen mit der Bibel in der Hand und vielleicht „GroßerGott, wir loben dich“ singend den Buckel runterrutschen kann?79


Der Sohn eines evangelischen Pfarrers hat einmal geschrieben: „Wohin ist Gott? Ich will eseuch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!“ Was den Verfasserdieser Zeilen – Friedrich Nietzsche, so sein Name – getrieben und umgetrieben hat, ließund lässt sich bis heute nicht so genau ergründen. Eine gängige Interpretation zielt darauf ab,dass er damit seinen Befund einer sich immer mehr vom Glauben abwendenden Gesellschaftbeschrieben hat. Auch als Ausdruck individueller Verzweiflung eines Menschen auf erfolgloserSinnsuche wird der Ruf „Gott ist tot!“, der freilich schon vor Nietzsche artikuliert wordenist, gesehen.Der Gottesmord ist heute weitgehend akzeptiert. Die – durchaus wünschenswerte und aufrichtige– Toleranz gegenüber religiösen und weltanschaulichen Vorstellungen ist immer häufigermit erschreckender Ignoranz gepaart. Den Glauben in einem solchen Klima überleben zulassen, ist eine wachsende Herausforderung, der sich die Christen in den modernen Gesellschaftendieser Welt stellen müssen.Das damit verbundene Gefühl fand bei Nietzsche – ob gewollt oder nicht, bewusst oder unbewusst– eine recht passende literarische Beschreibung: „Was taten wir, als wir diese Erde vonihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allenSonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts?Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfortdie Nacht und mehr Nacht?“Zwischen dem Tod des Herrn Kreuz und seinem sozialen Sterbeprozess besteht ein höchstbedeutsamer Unterschied: Der Opfertod war ein sinnvoller und sinnstiftender Tod, der denMenschen – prinzipiell allen Menschen – zur Erlösung gereicht. Der drohende soziale Tod desHerrn hingegen führt in Zustände hinein, die in dem Zitat von Nietzsche beschrieben werden.Am Kreuz bedeutet Tod Leben. Die Verbannung Gottes aus dem Leben hingegen ein immerwährendesSterben.Im Jahr 1832 hat Catharina Hagge den folgenden Vierzeiler geschrieben:Gut verloren: Wenig verloren;Ehre verloren: Mehr verloren;Mut verloren: Viel verloren;Gott verloren: Alles verloren.Dass dieser Zustand der Gottverlorenheit von manchen Zeitgenossen sogar als wünschenswertdargestellt wird, ist schon einigermaßen grotesk. Wenn man diesen Befund vom sozialenTod Gottes – der hier an manchen Stellen etwas zugespitzt dargestellt sein mag – in Beziehungsetzt zum Bibeltext, dann wird eine gewisse Spannung wahrnehmbar.80


In einem kleinen Bibelkommentar heißt es im Zusammenhang mit dem Bibeltext: „Pauluszeigt hier, dass Christus nicht nur für uns starb, sondern an unserer Stelle, er starb den Tod,den wir hätten sterben sollen. Diese Tatsache sollte alle, die sie begreifen, dazu bewegen, denRest ihres Lebens für Christus zu leben und nicht sich selbst.“ Der Abschnitt aus 2 Kor 5, ausdem auch der Bibeltext stammt, hat in der Lutherübersetzung die Überschrift: „Botschafterder Versöhnung“. Dem zu leben, der für uns gestorben und auferstanden ist, das wird in denVersen 17-20 konkretisiert:„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues istgeworden. Aber das alles von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus unduns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhntedie Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtetdas Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahntdurch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“Es ist faszinierend den Bibeltext einmal in verschiedenen gängigen Bibelübersetzungen zu vergleichen.Eines fällt dabei nämlich auf: In der Aussage, dass Christus für ALLE gestorben ist,stimmen sie überein Es ist also die Aufgabe der Christen, auf alle Menschen zuzugehen undsie zur Versöhnung mit Gott zu motivieren. Das Umfassende und die Größe dieses Angebotsam Kreuz beeindrucken. Es beeindruckt auch deshalb, weil damit sogar diejenigen angesprochenwerden, die Jesus Christus ablehnen – es gilt eben für alle. Dabei sind zwei Aspekte interessant:Das ist erstens der Umstand, dass die Annahme dieses Angebotes eine individuelleEntscheidung jedes Einzelnen ist. Du und ich, wir können jeder für uns entscheiden, ob Christusfür Dich und mich gestorben ist. Die aufrichtige und ernsthafte Entscheidung dafür kannnicht ohne Konsequenzen für Führung und Gestaltung des Lebens bleiben. Eine Konsequenzsieht man im zweiten Aspekt, im Weitergeben der frohen Botschaft und der Einladung. Es istbemerkenswert, dass Gott sich dafür des Menschen bedient – des Menschen, der durch mangelndeResistenz gegen Sünde und Schuld die Notwendigkeit dieses Opfers gewissermaßenheraufbeschworen hat und praktisch immer wieder neu heraufbeschwört. Doch Christus trautprinzipiell allen Menschen zu, das Versöhnungsangebot weiterzutragen und zum Mit-Retterder Welt zu werden.Sich dieser Herausforderung zu stellen hat schon etwas Heldenhaftes, bedarf des Mutes, seinLeben auf eine Wahrheit zu gründen, die sich nach menschlichen Maßstäben als Paradoxondarstellt. Diese Spannung muss man aushalten; wer das große Glück hatte, im christlichenGlauben erzogen worden zu sein, nimmt das vielleicht gar nicht so deutlich wahr. Aber wieist es denn, auf einen Menschen zuzugehen, der Kirchen nur von Stadtführungen kennt unddessen Bild von Geistlichen durch Negativschlagzeilen geprägt ist? Dem soll man nun sagen:Für Dich ist Christus gestorben – vor 2.000 Jahren. Natürlich wäre eine unmittelbare Konfrontationplump, man sollte schon versuchen die Menschen dort abzuholen, wo sie sind.81


Unter der Überschrift „Hinhören – Aufbrechen – Weitersagen“ hat die Evangelische Kirche inDeutschland im November 2011 „Missionarische Impulse“ in Form einer Kundgebung veröffentlicht.Die Präses der Synode der EKD, Katrin Göring-Eckardt, hat dazu geschrieben: „Diegeistliche Herausforderung der Kirche am Anfang des 21. Jahrhunderts besteht darin, dieStruktur und Kultur ihrer Arbeit neu auf ein überfließendes Weitergeben auszurichten.“Zu den drei Schlagworten schreibt Frau Göring Eckardt:Hinhören auf das, was das Evangelium von Jesus Christus sagt – und auf das, was dieMenschen bewegt.Aufbrechen aus erschöpfenden Strukturen – hin zu einer neuen Konzentration auf deneigenen Glauben und die Wendung nach außen.Weitersagen des Evangeliums aus der tiefen Überzeugung, dass diese Botschaft zum„Heil“ der Menschen wird und dem „Wohl“ der Gesellschaft dient.Das ist vielleicht keine abschließende Anleitung dafür, Menschen und die Gesellschaft (wieder)in Beziehung mit Gott zu bringen. Aber es sind wichtige erste Schritte. Den Tod Jesu amKreuz konnten wir Menschen nicht verhindern, er musste sein, auch wenn wir die Brutalitätund Radikalität dieses Ereignisses bis heute nicht vollständig verstehen können. Dass Christusaber heute vom sozialen Tod bedroht ist, das ist durchaus mit „unser Verdienst“, wenn auchdie Anteile daran unterschiedlich groß sind. Gerade aber weil – anders als am Kreuz – hierinnicht die Erfüllung eines kosmischen Plans liegen dürfte, haben wir auch das Vermögen, etwasgegen diesen sozialen Tod zu unternehmen. Hinhören, Aufbrechen, Weitersagen – das sindwichtige Schritte, um Jesus zurück in das Leben der Menschen zu holen, zurück in unser eigenesLeben; damit Nichts, Leere, Kälte und Nacht nicht die dominierenden Elemente des Daseinssind, sondern die Fülle, die nicht nur für alle Menschen zu allen Zeiten reicht, sonderndie mit deiner und meiner Hilfe auch ALLE erreichen will.82


Die Kraft des WortesDenn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringtdurch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinnedes Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor denAugen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.(Hebr 4,12.13)„Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen“, so formuliert es Faust, der tragische Heldeines der bekanntesten Werke der deutschen Literatur. Goethe, selbst bekanntlich ein versierterKünstler im Umgang mit Worten, lässt die von ihm erschaffene Figur am Wort fast verzweifeln.Wie lässt sich „Logos“ wohl am treffendsten übersetzen? Wort? Kraft? Tat?Im Sinne des Bibeltexts hat Faust falsch entschieden: Er verwirft das Wort und entscheidet sichdann für die Tat. Denn das Wort Gottes, der selbst Wort, selbst Logos ist, hat es in sich. WennGott spricht, dann passieren Dinge, für die „weltbewegend“ bisweilen noch eine Untertreibungist.Der Schöpfungsbericht im Buch Genesis (Gen 1,1-2,4) stellt das Wort als den Gestaltungsaktunserer Wirklichkeit vor. Im Wort hat alles seinen Anfang. Üblicherweise von nicht ganz sohoher kosmischer Relevanz ist die sozialgestaltende Wirkung des Wortes, wenn dessen Urhebernicht der Schöpfer ist, sondern das Geschöpf. Über die Konsequenzen des richtigen Worteszur rechten Zeit könnte wohl jeder aus seiner Biografie berichten, ebenso über falsche Worteim falschen Augenblick. Für den Menschen auf seiner Suche nach Wahrheit kommt irgendwannder Punkt, an dem er sich entscheiden muss, ob er ein ganz spezielles Wort auszusprechenvermag: credo – ich glaube. Damit steht und fällt im Grunde alles: Ist meine Wirklichkeiteingebettet in einen höheren Sinnzusammenhang? Kann ich mein Leben einbetten in ein Daseinjenseits des Stofflichen, jenseits von Raum und Zeit? Der Unterschied zwischen einer aufvielleicht 80, 90 Jahre begrenzten, letzten Endes hohlen, sinnentleerten Existenz und echtemLeben voller Sinn und Würde ist „nur“ ein Wort.Die wiederum kosmische Urgewalt des Wortes ist besonders eindrucksvoll im Johannesevangeliumbeschrieben: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war dasWort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohnedasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war dasLicht der Menschen.“ (Joh 1, 1-4) In diesem Zusammenhang wird von der Präexistenz desWortes gesprochen. Es ist nicht relativ als Schöpfung vor anderen Schöpfungsakten, sondernabsolut, außerhalb von Raum und Zeit und hat Anteil an der Ewigkeit Gottes.83


Nicht ganz so schöpferisch, aber allemal eindrucksvoll, sind die Wirkungsbeschreibungen beiJeremia. „Weil ihr solche Reden führt, siehe, so will ich meine Worte in deinem Munde zuFeuer machen und dies Volk zu Brennholz, dass es verzehrt werde.“ (Jer 5,14). Anlass für diesegöttliche Drohung war, dass die Menschen seine Propheten als Schwätzer bezeichnet und sienicht ernst genommen haben. Weiter hinten im Buch Jeremia findet man Ähnliches: „Ist meinWort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?“(Jer 23,29)Das Gotteswort soll bei weisungsgemäßer Anwendung sogar imstande sein, die Grenze zwischenLeben und Tod aufzuheben, wie bei Hesekiel lesen ist (Hes 37,4-14). Andererseits: Wersich ohne göttlichen Auftrag anmaßt, das Wort Gottes zu verkünden, der könnte jene Grenzeauch überschreiten, aber in die andere, die gleichsam natürliche Richtung: „Doch wenn einProphet so vermessen ist, dass er redet in meinem Namen, was ich ihm nicht geboten habe,und wenn einer redet in dem Namen anderer Götter, dieser Prophet soll sterben.“ (Dtn 18,20)Während im Alten Testament viel über Äußerungen Gottes zu lesen ist, finden sich solcheStellen kaum noch im Neuen Testament. Nun fokussiert alles auf Jesus Christus. Seinen Worten,von denen im Neuen Testament reichlich zu lesen ist, wohnt dieselbe Autorität inne. JesuWort geht auf den unmittelbarsten aller göttlichen Aufträge zurück. Die Konsequenzen einerAblehnung der Worte Jesu wären darum drastisch: „Wer mich verwirft und meine Worte nichtannimmt, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richtenam letzten Tag.“ (Joh 12,48)Es ist also durchaus berechtigt, wenn der Verfasser des Hebräerbriefes wenig subtil den Zeigefingerhebt und das Wort Gottes plastisch charakterisiert: lebendig, kräftig, schärfer. Schärferals ein „zweischneidiges Schwert“. Ein solches Schwert hat zwei geschliffene Seiten. Andersals der heutige Sprachgebrauch nahelegt ist damit keine Ambivalenz gemeint. Vielmehrgeht es um eine Steigerung: Das Wort Gottes, kein stumpfes Schwert, sondern ein scharfesSchwert – sogar weit wirkungsvoller, als ein normales Schwert, weil nicht nur eine geschliffeneSeite hat, sondern zwei. Das Schwert, ein Symbol für Kraft und Macht, auch für das Trennenvon Gut und Böse, für die Gerechtigkeit. Der Vergleich mit dem zweischneidigen Schwertillustriert insofern die Ultimativität des göttlichen Machtinstruments, des Wortes.Durch das Schöpfungswort Gottes wurde die Welt begründet. Doch damit nicht genug. „Unddas Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeitals des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Joh 1,14) Das isteine konkludente Artikulation nachhaltigen göttlichen Interesses am Schicksal der Menschen,gleichzeitig eine geschichtsprägende Demonstration göttlicher Freiheit: Lebendigkeit desWortes, ganz personal, ganz biologisch.84


Schloss und RiegelLasst uns also unerschütterlich an unserem Bekenntnis zu Jesus Christus festhalten, denn in ihm habenwir einen großen Hohenpriester, der vor Gott für uns eintritt. Er, der Sohn Gottes, ist durch den Himmelbis zu Gottes Thron gegangen. Doch er gehört nicht zu denen, die unsere Schwächen nicht verstehenund zu keinem Mitleiden fähig sind. Jesus Christus musste mit denselben Versuchungen kämpfen wiewir, doch im Gegensatz zu uns hat er nie gesündigt. Er tritt für uns ein, daher dürfen wir mit Zuversichtund ohne Angst zu Gott kommen. Er wird uns seine Barmherzigkeit und Gnade zuwenden, wennwir seine Hilfe brauchen.(Hebr 4,14-16 HFA)„Nun danket alle Gott mit Herzen Mund und Händen.“ Wer sich ein wenig für Zeitgeschichteinteressiert die 1950er-Jahre selbst bewusst erlebt hat, verbindet mit diesem bekannten Choraleine eindrucksvolle Szene. Zehntausend Kriegsgefangene hatte der deutsche Kanzler KonradAdenauer im Herbst 1955 aus der Sowjetunion nach Hause geholt. Als die letzten Heimkehrerim niedersächsischen Friedland angekommen waren, wurde dieses Lied angestimmt. AlteFilmaufnahmen eigen eindrucksvoll, wie Menschen mit oft letzter Kraft ihre Stimme zum LobGottes erhoben haben – auch wenn es vielleicht langsam und schleppend geklungen habenmag.Die Gnade Gottes hilft uns, wenn wir sie brauchen, so gibt eine moderne Bibelübersetzungden letzten Teil des Bibeltextes wieder. Und bei der so genannten „Heimkehr der Zehntausend“hatte Gott womöglich sein göttliches Äquivalent zu den Händen im Spiel. Viele sindaber auch zuvor in der Gefangenschaft der Kommunisten gestorben. Dass so innig in das LobGottes eingestimmt wurde, ist nicht selbstverständlich, schließlich war nicht jedem Freigelassenennach jahrelanger Gefangenschaft, nicht jedem mit Erfolg wartenden Angehörigen nachJahren oft bitterster Ungewissheit nach Lobpreis und Jauchzen zumute. Umso bewegender istes, in solchen Aufnahmen zu sehen und zu hören, wie die Menschen – unabhängig von ihrerKonfessionszugehörigkeit – gemeinsam gesungen haben: „Nun danket alle Gott mit HerzenMund und Händen.“Wir sind auch Gefangene. Natürlich nicht im politischen oder militärischen Sinne – Gott seiDank! Aber immer wieder setzen wir uns selbst fest, stecken uns in einen inneren Kerker,wenn wir in die Sünde gefallen sind, Schuld auf uns geladen haben. Das können einerseitsvergleichsweise banale Dinge sein, andererseits aber schwerste Vorwürfe, mit denen wir vonunserem Gewissen – manchmal auch unseren Mitmenschen – konfrontiert werden, die einen85


gleich einer schweren Tür mit Schloss und Riegel in ein inneres Verlies sperren. Hier hat AmnestyInternational keinen Zutritt, die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konventionhaben keine Gültigkeit. Sogar Folter kommt vor. Und manchmal genießt man es sogar, sichselbst zu martern, weil man weiß, dass man es im Grunde verdient hat.Seit der Vertreibung aus dem Paradies, von der in einem Annex zum Schöpfungsmythos berichtetwird, fällt der Mensch immer wieder in die Sünde und es gibt scheinbar kein Entrinnen.Natürlich gibt es Menschen, die – angeblich oder wegen eines psychischen oder physischenDefekts – nicht wissen, dass man anderen keinen Schaden zufügt. Aber wer eine halbwegssolide Erziehung genießen durfte, wer in sich hineinhört weiß eigentlich schon so ungefähr,was richtig ist und was falsch. Aber auch, wer über ein – wenn man so will – gesundes moralischesEmpfinden verfügt, verliert in der Auseinandersetzung mit der Sünde die eine oderandere Schlacht. Und dann gerät man in Kriegsgefangenschaft. In die Gefangenschaft derSünde, die uns dazu bringt, uns selbst Fesseln anzulegen.Es ist das Gewissen, das den Menschen plagt, wenn er von der göttlichen Ordnung ab- und indie Sünde hineingefallen ist. Und nun geht es um Befreiung. Man kann sich einreden, dass esja nicht so schlimm sei, dass andere ja auch Unrechts tun, dass es gute Gründe für das eigeneVerhalten gibt. Und alles ist gut – oder? Das ist etwa so, als würde man sich mit geschlossenenAugen auf den feuchten Boden der Zelle setzen und sich einfach einbilden, man wäre frei undwürde im hellen Schein des Sonnenlichts über eine grüne Wiese laufen. Tatsächlich hockt manaber weiter zusammengekauert im Bau. Allein kann der Mensch sich nicht befreien. Es bedarfeines göttlichen Aktes der Versöhnung, den der Mensch aktiv für sich in Anspruch nehmenmuss. Aus eigener Kraft gibt es für den Menschen aus dem Sündengefängnis kein Entrinnen.Jesus Christus wird im Bibeltext als Hoherpriester bezeichnet – allerdings in einer neuen Ordnung,was weiter hinten im Hebräerbrief ersichtlich wird: „Denn Christus ist nicht aufgrundmenschlicher Verordnungen und Gesetze Hoherpriester geworden, sondern weil in ihm unzerstörbares,ewiges Leben ist. So heißt es ja von Christus: „In alle Ewigkeit sollst du ein Priestersein, so wie es Melchisedek war.“ Die alte Ordnung ist damit ungültig geworden; sie warwirkungslos und brachte keinen Nutzen.“ (Hebr 7,16-18 HFA)Der Hebräerbrief knüpft in diesem Punkt direkt an die aus dem Alten Testament stammendeÜberlieferung vom Versöhnungsauftrag des Hohepriesters im Tempel an, auf den das jüdischeVersöhnungsfest „Yom Kippur“ zurückgeht. Im Buch Levitikus ist das damit verbundeneRitual sehr eingehend beschrieben und war demnach eine ziemlich blutige Angelegenheit.Gut, dass die Zeit der Opfer mit dem Kreuz Christi zu Ende war, und das Brotbrechen dasOpfer abgelöst hat. Das hohepriesterliche Gebet der neuen Ordnung hat Christus selbst gesprochen(s. Joh 17)86


Christus holt uns Menschen aus der Gefangenschaft der Sünde. Wenn wir uns auf ihn einlassen.Wenn wir ertragen können, dass wir allein aus dem Glauben an ihn gerecht werden.Wenn wir erkennen, das Kreuz und Thron keine Gegensätze sind. Wenn wir verstehen, dassin der äußeren Ohnmacht des Herrn am Marterpfahl der Sieg über die Macht die Sünde errungenworden ist. Wenn wir merken, dass die Sünde uns nicht gar gefangen halten kann,sondern nur wir uns selbst. Wenn wir begreifen, dass damit Schloss und Riegel abgesprengtworden sind und wir nur noch durch die Tür gehen müssen.87


Klare Kante zeigenZu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwähltund kostbar. Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause.(1Petr 2,4.5a)Gutta cavat lapidem – der Tropfen höhlt den Stein. In einem Brief aus seinem Exil am SchwarzenMeer schrieb der römische Dichter Ovid etwa im Jahr 14 n.Chr. an einen Freund, darinjener Satz, der bis heute ein gebräuchliches Sprichwort ist. Mit dem Hintergrund der Entstehungist bereits angedeutet, dass der Zusammenhang nicht positiv ist. Beschrieben wird diewachsende Gefahren der Zermürbung und Ermüdung, die mit der langen Dauer des Exilseinhergehen. Denn in jenem Brief fragt Ovid schließlich auch, ob er selbst, hinsichtlich seinesDurchhaltevermögens, mit Kieselsteinen oder Eisen vergleichbar sei. Unmittelbar darauf kommendie Hinweise, dass der Tropfen den Stein höhlt und auch ein (eiserner) Ring durch intensivenGebrauch immer dünner werde.Nun – was hat der stete Tropfen mit dem Bibeltext zu tun, in dem zwar auch von Steinen dieRede ist, aber eben von Steinen, die zum Bau eines geistigen Tempels verwendet werden?„Lasst euch von Gott als lebendige Steine in seinen geistlichen Tempel einbauen“, heißt es dort(1Petr 2,5a NL) Es empfiehlt sich, im zweiten Kapitel des ersten Petrusbriefes noch etwas weiterzulesen.Denn schon wenige Zeilen später formuliert dessen Verfasser einen sehr deutlichenHinweis:Liebe Brüder, in dieser Welt seid ihr ohne Bürgerrecht und Fremde. Deshalb warne ich euch: Lasst euchnicht von den Versuchungen dieser Welt bestimmen, denn sie schaden eurer Seele. Achtet sorgfältigdarauf, wie ihr unter euren ungläubigen Mitmenschen lebt. Selbst wenn sie euch eines Unrechts anklagen,wird sie euer einwandfreies Verhalten beeindrucken, und sie werden an Gott glauben und ihm dieEhre geben, wenn er kommt, um die Welt zu richten. (1Petr 2,11.12 NL)Es geht um eine Grundsatzentscheidung: Setze ich mich Christus aus, damit er meine Konturoptimieren kann, sodass ich meinen Platz im geistlichen Bauwerk Gottes irgendwann perfektausfüllen kann? Oder setze ich mich anderen Einflussfaktoren aus, die mich zwar unbehauenlassen, aber mit der Zeit meine Substanz, mein Selbst zerstören – bis von mir, dem doch alsEbenbild Gottes erschaffenen Wesen, nur noch Bruchstücke und Staub übrig sind?In beiden Fällen findet ein Veränderungsprozess statt. Nur: Während der eine Veränderungsprozessauf die Kontur, auf die Form abzielt, richtet sich der andere an die Substanz, an denWesenskern.88


Wie erfrischend und kühlend sind ein paar Tropfen Wasser! Sanft fallen sie herab und zerplatzenendlich an der Oberfläche. Gutta cavat lapidem – der Tropfen höhlt den Stein, erinnert unsOvid. Was sind solche Tropfen, die den Stein aushöhlen – also den guten Wesenskern desMenschen mit der Zeit zerstören? Es sind die Sünden, auf die der Mensch immer wieder hereinfällt.Bei manchen Sünden regt sich das Gewissen noch, Mord oder Betrug vermögen nochAnstoß zu erregen. Doch wie steht es mit Ehebruch oder Unzucht – wo doch selbst mancheKirchen keine konsequente Haltung mehr z.B. gegenüber dem Konkubinat zeigen? Von MahatmaGandhi stammt die nachfolgende und nachdenkenswerte Zusammenstellung von„Tropfen“ der modernen Welt:Reichtum ohne ArbeitGenuss ohne GewissenWissen ohne CharakterGeschäft ohne MoralWissenschaft ohne MenschlichkeitReligion ohne OpferbereitschaftPolitik ohne PrinzipienDoch was ist nun der Wesenskern des Menschen? Das ist, aus Sicht des Christentums, dieGottesebenbildlichkeit des Menschen; also seine Vernunftbegabung und seine Fähigkeit zulogosgemäßem Handeln. Zugleich auch seine Einsichtsfähigkeit in eine höhere Ordnung derDinge, die seiner Fähigkeit zu ergründen gegenwärtig noch oft verschlossen sein mag und dieer dennoch mit seinem Glauben fassen kann. Die christliche Religion sagt: Der Mensch ist vonNatur aus gut – auch wenn dieses Gute nicht an allen Stationen des Lebens offensichtlich seinmag, weil der Mensch seinen Platz im geistigen Tempel noch nicht endgültig gefunden hatund sich so gelegentlich nicht ganz recht zu positionieren vermag.Der Mensch, der als lebendiger Stein Verwendung im Bauwerk Gottes finden soll, bedarf deshalbkeiner Veränderung an seiner Substanz – denn die ist ja gut. Nötig ist eine Konturierung.Bei von Menschen errichteten Bauten sind Schleifen und Behauen angesagt. Nimmt man diesesBild für den Bau mit den lebendigen Steinen, dann wirkt dies auf den ersten Blick ziemlicharchaisch. Auf den zweiten Blick wird aber sichtbar: Das Bearbeiten dient dem Zweck, jedem„Stein“ eine seinem guten Wesen entsprechende, wahrhaft unverwechselbare Kontur zu verleihen.Nur mit Steinen, die klar unterscheidbar sind, erlangt der geistige Tempel seine wahre,seine göttliche Ästhetik, denn obwohl jeder Stein in Größe und Form individuell ist, passensie doch alle perfekt zusammen.89


Ein Vergleich: Wer an Gott als den Schöpfer glaubt, kann in praktisch jeder klaren Nacht diekomplexe und doch völlige Harmonie vermittelnde Ästhetik des Kosmos betrachten. DiesesEmpfinden für Ästhetik stellt sich sogar bei Menschen ein, die nicht religiös sind. Kein leuchtenderPunkt am Firmament gleicht hier dem anderen, auch wenn es manchmal Ähnlichkeitengeben mag. Wäre da alles gleich – das Universum wäre ein Ort unendlicher Langeweile.90


Die zweite Hälfte„Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, derwird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht vonEwigkeit zu Ewigkeit!“(1Petr 5,10.11)„Ein Mann steht vor einer großen, eigentlich sogar unlösbaren Aufgabe und weiß dementsprechendnicht so recht, wie er sie bewältigen kann – falls überhaupt. Es fällt ihm schonschwer, den richtigen Ansatz zu finden. Als gottesfürchtiger Mensch und annähernd regelmäßigerKirchgänger wendet er sich in seiner Not an Gott, und bittet ihn um Hilfe. ‚Lieber Gott,kannst Du mir nicht bei dieser Aufgabe helfen? Ich will auch gar nicht, dass Du alle Problemefür mich löst, aber vielleicht ist es Dir möglich, einfach die Hälfte für mich zu bewältigen.‘ Undtatsächlich lässt sich Gott zu einer Reaktion verleiten. Der Himmel öffnet sich und er sprichtzu dem Mann: ‚Doch, mein Lieber, das mache ich gerne.‘ Der Mann freut sich und wartet frohenMutes darauf, dass es endlich losgeht. Doch nichts geschieht. Nach einer Weile fängt eran nachzufragen. ‚Lieber Gott‘, sagt der Mann, ‚du hast doch zugesagt, mit anzupacken unddie Hälfte dieser Aufgabe für mich zu lösen.‘ Erneut tut sich der Himmel auf. ‚Ja, das stimmt‘,antwortet Gott. ‚Aber ich übernehme die zweite Hälfte.‘“Diese kleine Geschichte (deren Quelle dem Verfasser leider abhandengekommen ist und diedeshalb hier sinngemäß wiedergegeben wurde) und ihre Pointe lassen einen schmunzeln undvielleicht weckt sie auch Erinnerungen an so manche Situation aus dem eigenen Leben. DerBibeltext ist mit „Segenswunsch“ überschrieben, hat jedoch eher den Charakter einer Doxologie,also einer Artikulation der Verherrlichung Gottes. Wobei sich Segenswunsch und Doxologienicht gegenseitig ausschließen müssen. Doxologien finden sich in vielfältigen Variationenin der Heiligen Schrift – bekannt ist die aus dem Vaterunser oder auch der Lobpreis desKönigs David nach der Vollendung des Tempelbaus (vgl. 1Chr 11,29f.).Der Verfasser des ersten Petrusbriefes – es ist umstritten, ob er wirklich unmittelbar von Petrusstammt, deshalb bietet es sich an, einfach von einem Verfasser zu sprechen – hat in seinerKombination aus Segenswunsch und Lobpreis einen ganz entscheidenden Punkt angesprochen.Dieser wird deutlich, wenn man entweder des Altgriechischen mächtig ist – oder sichmit strukturtreuen Bibelübersetzungen abhilft.Dort heißt die für diese Betrachtung im Fokus stehende Passage (1Petr 5.10b) wie folgt:„Er selbst möge euch, nachdem ihr eine kurze Zeit gelitten habt, völlig zubereiten, festigen, stärken,gründen!“ (SCH)91


Oder auch:„Er selbst wird euch, die ihr eine kurze Zeit gelitten habt, vollkommen machen, stärken, kräftigen, gründen.“(ELB)Dieses Element der Vervollständigung bzw. des Vollkommenwerdens findet in den für christlicheGottesdienste gebräuchlichsten Bibelübersetzungen – der Lutherübersetzung und derEinheitsübersetzung – keinen Ausdruck. Es ist aber unerlässlich, wenn man sich die inhaltlicheEssenz des Bibeltextes erschließen möchte. Allein für das Element des Lobpreises – dashier nicht beiseitegeschoben, aber doch um erkenntnisorientierte Hinweise ergänzt werdensoll – wäre der Bibeltext austauschbar, denn Doxologien gibt es, wie schon erwähnt, in derBibel in großer Zahl.Um den Bibeltext zu verstehen – um ihn sinnvoll zu verstehen – ist aber noch ein bisschenmehr Arbeit mit der Sprache erforderlich; nun auch etwas näher liegend, nämlich mit derdeutschen Sprache. Dem Element der Vervollständigung durch eine Leistung Gottes wirdnämlich das Element des Leidens gegenübergestellt. Damit ist zunächst angedeutet, dass alles,was vor dem Vollkommenwerden geschieht, von einem gleichsam natürlichen Defizit geprägtsein wird, ohne dass damit eine Art von Schuldzuweisung auch nur angedeutet würde. Eshandelt sich um einen faktischen Befund, der die Situation des Menschen in der Zeitlichkeitreflektiert und zu der Erkenntnis führt, dass alles menschliche Bemühen immer nur Annäherungan das Vollkommene sein kann. Der letzte Schritt des Menschen heraus aus dem Defizitwird ein Geschenk Gottes sein, das viel größer ist als nur eine Hälfte.Nun meint Leiden aber eigentlich nicht, dass man etwas dulden oder ertragen, vielleicht sogarSchmerz empfinden muss. An einer derart masochistischen Lebenseinstellung könnten wederGott noch die Menschen Freude haben. Der Begriff des Leidens hat in der deutschen Spracheeine Entwicklung hinter sich. Ursprünglich ist damit „gehen“, „fahren“ oder auch „reisen“gemeint und es ist fast paradox, dass sich das heutige Begriffsverständnis vermutlich aus derchristlichen Vorstellung vom Leben des Menschen als einer Reise durch ein irdisches Jammertalherausgebildet hat. Dieses negativ besetzte Begriffsverständnis kann aber nicht das sein,was der Verfasser des Bibeltextes gemeint hat. Denn der erste Petrusbrief war schon langegeschrieben bevor es zu dieser Begriffsbildung in der deutschen Sprache gekommen ist.Es geht im Bibeltext gerade nicht um eine Kummererfahrung, sondern um ein Unterwegssein,um eine Entwicklung, die der Mensch durchmachen muss; um eine Entwicklung vom ErbenAdams zum Erben Christi. Jesus Christus ist das große Vorbild. Im ähnlicher zu werden undin sein Wesen hineinzuwachsen, das ist die große Aufgabe des Menschen, die er aus eigenerKraft nicht erfüllen kann. Und so geht es dem Menschen wie dem Mann in der kleinen Geschichteam Anfang: Er steht gewissermaßen ohne Plan und Konzept vor einer großen Aufgabeund weiß nicht so recht, wie er das nun bewerkstelligen soll.92


Im Bibeltext wird eine weitere wichtige Gegenüberstellung vorgenommen: Ewigkeit undkurze Zeit. Auch diese Gegenüberstellung muss noch etwas entschlüsselt werden. Dass hiervon einer „kurzen Zeit“ die Rede ist, kann leicht in die Irre führen, wenn man es so begreift,wie es vordergründig aussieht, nämlich quantitativ. Ein quantitativer Vergleich mit der Ewigkeitmuss aber zwangsläufig scheitern, weil Ewigkeit keine Chiffre für eine sehr lange Zeit ist,sondern für die prinzipielle Abwesenheit von Zeit überhaupt. Hier wird also logischerweisenicht „Ewigkeit“ als Chiffre verwendet, sondern „kurze Zeit“ – nämlich als Chiffre für dieZeitlichkeit. Damit verliert „kurz“ seine quantitative Bedeutung und sagt nichts darüber aus,ob es sich bei dieser Zeitspanne um fünf Minuten handelt oder um fünf Milliarden Jahre. Die„kurze Zeit“ bzw. „Zeitlichkeit“ meint also die materielle Existenz, die stoffliche Schöpfung,in der sich das Leben des Menschen vom Augenblick der Zeugung bis hin zum letzten Atemzugabspielt.Wenn man mit diesen – es mag etwas anstrengend gewesen sein – Voraussetzungen an denBibeltext herangeht, kann man seine Botschaft besser verstehen. Sie lautet dann in etwa: „Dasirdische Leben ist eine Phase aktiver Entwicklung, an deren Ende das Geschenk der Vervollständigungim ewigen Leben steht.“ So gesehen ist es überhaupt nicht schwer, während der„Zeit des Leidens“ – mag sie nun kurz sein oder auch nicht ganz so kurz – in den Lobpreis desVerfassers des Bibeltextes einzustimmen.Leiden, womit – wie wir nun wissen – Entwicklung gemeint ist, ist kein passiver Prozess. Hiergilt es, die suggestive Kraft des Begriffes „Leiden“ mit seinem heutigen Sprachgebrauch zuignorieren, sondern die Entwicklung wird vorausgesetzt, um das Geschenk der Vervollständigungzu erlangen. Das bedeutet: Wer sich nicht um Entwicklung bemüht, wird dieses Geschenkauch nicht empfangen. Es heißt schließlich: „Nachdem ihr eine kurze Zeit gelittenhabt“ – nachdem! Die Entwicklung des Menschen wird so zur notwendigen – aber eben nichthinreichenden – Bedingung der Vollkommenheit.So sei mit Gott – und durchaus immer wieder neu – ein Anfang gewagt. Die erste Hälfte, umauf die kleine Geschichte von dem Mann am Anfang zurückzukommen, ist die Leistung desMenschen, die Entwicklung bzw. das Leiden, auf das er sich einlassen muss. Dass der Menschdie Vollkommenheit aus eigener Kraft nicht erreichen kann, das – davon dürfen wir ausgehen– weiß Gott sehr viel besser als wir selbst. Deshalb schenkt er am Ende das Gelingen und Vollbringen.Aber das ist eben die zweite Hälfte.93


Trial and Error„Das habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr das ewige Leben habt, die ihr glaubt an denNamen des Sohnes Gottes. Und das ist die Zuversicht, die wir haben zu Gott: Wenn wir um etwasbitten nach seinem Willen, so hört er uns. Und wenn wir wissen, dass er uns hört, worum wir auchbitten, so wissen wir, dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben.“(1Joh 5,13-15)Gott macht Urlaub und der Reporter Bruce übernimmt die Urlaubsvertretung – Allmacht inklusive.Weil der Vertretungsgott alles besser und die Menschen, ausgenommen seinen Nebenbuhler,glücklich machen will, erhört er alle Gebete der Menschen, die praktischerweiseper E-Mail ankommen. Nun gewinnen alle im Lotto und das wäre ja schön, würde die Gewinnquotedamit nicht ins Bodenlose stürzen. Und das ist nur ein Teil von dem Chaos, dasausbricht, wenn Bruce-Gott alle menschlichen Wünsche per Mausklick erfüllt.Der Film „Bruce Allmächtig“ mit dem Komiker Jim Carrey in der Hauptrolle dürfte einigermaßenbekannt sein. Welchen Erkenntniswert der Film für den christlichen Glauben hat, seieinmal dahingestellt. Illustrativ ist er jedenfalls und befasst sich in einem weiteren Sinne auchmit dem Thema des Bibeltextes.Viele Konflikte um und mit Gott resultieren aus unbefriedigten materiellen Wünschen odervermeintlich mangelnder Abhilfe in irdischer Not. Wurden die Probleme oder Wünsche vorherim Gebet artikuliert, verstärkt das die negativen Emotionen tendenziell: Warum erhörtmich Gott nicht? Sieht er meine Not nicht? Lässt er mich vielleicht links liegen? Gibt es ihnüberhaupt? Das führt in eine gedankliche Abwärtsspirale und diese wiederum überall hin,nur nicht auf den Gipfel neuer Erkenntnisse. Oft tragen Menschen konkurrierende oder gargegenläufige Bitten an Gott heran. Einfache Beispiele hierzu: Das Gebet um Sonnenschein amarbeitsfreien Samstag kann mit der Bitte des Landwirts um den dringend benötigten Regenkonkurrieren. Und auch die Anhänger der Fußballklubs aus Hamburg und Bremen haben vorder Begegnung auf dem Platz unterschiedliche Wünsche. Was soll denn Gott da machen?Das ist genau die falsche Frage. Denn es geht nicht darum, was Gott machen kann oder soll,was er falsch macht oder richtig; vielmehr geht es darum, was der Mensch falsch macht, wenner seine Gebete gleichsam als unzustellbar empfindet. Das Kernanliegen des Bibeltexteskommt in einer anderen Bibelübersetzung deutlicher zum Ausdruck: „Wir dürfen uns daraufverlassen, dass Gott unser Beten erhört, wenn wir ihn um etwas bitten, was seinem Willenentspricht.“ (1Joh 5,14 HFA)94


Zwischen Gebetserhörung und Gebetsinhalt gibt es demnach einen konditionalen Zusammenhang.Es geht also um die inhaltliche Gestaltung von Gebeten, nicht um Äußerlichkeiten, zudenen Kultfähigkeit und Reinheit zu zählen sind, sowie Fragen wie Augen auf oder zu, knien,sitzen oder stehen usw.Nun stehen wir vor einem Problem, das schon die ersten Christen hatten: Wenn Erhörungvom Inhalt der Bitte abhängt – worum soll man dann überhaupt beten? „Denn wir wissen janicht einmal, worum oder wie wir beten sollen.“ (Röm 8,26 NL) Das ist eine schwierige Frage,denn herauszufinden, was Gott will, ist nicht immer leicht. Einen großen Schritt voran kommtman aber, wenn man sich der Beantwortung der Frage, worum man beten soll, zunächst nachdem Ausschlussverfahren nähert. Also lautet die erste Frage: Worum soll man nicht beten?Juristen pflegen zu sagen: „Ein Blick ins Gesetz erleichtert die Rechtsfindung.“ Also dürfte einBlick in die Bibel für Christen die Wahrheitsfindung erleichtern. Eine passende Stelle findetsich im Jakobusbrief. Dort heißt es: „Wenn ihr freilich Gott nur darum bittet, eure selbstsüchtigenWünsche zu erfüllen, wird er euch nichts geben.“ (Jak 4,3 HFA) Ein Gebet darf also nichtzum Ziel haben, sich zur Befriedigung von Leidenschaften göttlichen Beistand zu sichern. Umauf das schon genannte Beispiel aus dem Film „Bruce Allmächtig“ zurückzukommen – dasGebet um den Lotteriegewinn hat keine Chance auf Erhörung. Doch es gibt unendlich vielenicht ganz so offensichtliche Fälle. Gerade Jugendlichen wird gerne geraten, um göttlichenBeistand bei der Anbahnung partnerschaftlicher Beziehungen zu beten. Okay, was soll Gottda schon dagegen haben? Nun, nicht mehr, als jemanden im Lotto gewinnen zu lassen. Abermal ehrlich: Wer fände es schon toll, wenn Gott einem im Grunde die eigenen Gefühle manipuliert?Denn auch da, etwas zugespitzt formuliert, geht es letzten Endes um das eigentlichzutiefst egoistische Bedürfnis, zum Subjekt menschlicher Zuneigungserfahrung zu werden.Ist es falsch, Gott solche ganz und gar irdischen Wünsche vorzutragen? Dazu lässt sich amehesten sagen: Nicht falsch aber doch irgendwie sinnlos, jedenfalls dann, wenn man das Gebetals Form des Dialogs mit Gott begreift. Würde jede unangemessene Bitte mit einem zornigenBlitz quittiert, hätte es die Menschheit nicht ins 21. Jahrhundert geschafft. Jedoch wird dasGebet dann mehr zur selbstbezogenen Reflexion – was nicht schadet und psychologisch vorteilhaftsein kann, aber zu keiner Dialogerfahrung mit Gott führt. Das Gebet sagt dabei jedocheiniges über denjenigen aus, der es vorträgt, ist Teil seiner persönlichen Wahrheit. In einemBibelkommentar heißt es: „Das Gebet ist kein Mittel, Gottes Meinung zu ändern. Gebet muss,will es wirksam sein, mit Gottes Willen übereinstimmen.“Nur – wenn es im Gebet inhaltlich darum geht, Gott Gottes Willen vorzutragen, ist das nichtzumindest ein wenig skurril? Die Frage stellte beispielsweise auch Martin Luther: „Warumlässt er uns denn bitten und unsere Not vortragen und gibt es nicht ungebeten, weil er alle Notbesser kennt und sieht denn wir selbst?“95


Könnte es daran liegen, dass beim Gebet zwar der Mensch spricht, aber vielleicht doch Gottderjenige ist, der sich mitteilt? Luther hat die zuvor gestellte Frage nicht unbeantwortet gelassen.Wir beten, „dass wir erkennen und bekennen, was er uns für Güter gibt und noch vielmehr geben will und kann. [...] Siehe solche Erkenntnis im Gebet gefällt Gott wohl und ist derrechte, höchste und köstlichste Gottes-Dienst, den wir ihm tun können.“ Der evangelischeTheologe Carl Heinz Ratschow brachte es auf den Punkt: „Christliches Gebet hat also nichtszu tun mit hohen enthusiastischen Emotionen. Aber es hat viel zu tun mit der nüchternenErkenntnis, was es denn eigentlich mit unserem Leben sei, mit seinen Schönheiten und mitseinen Schrecklichkeiten.“ Wir unterrichten im Gebet, wie Luther es sinngemäß ausdrückte,uns mehr als ihn.Das Gebet hat mithin ein Erkenntnis-Moment, es geht keinesfalls darum, Gott Gottes Willenmitzuteilen, sondern mithilfe des Gebetes soll der Beter den göttlichen Willen erkennen. Wennes um die Ergründung des göttlichen Willens sowie Weisheit und Kraft zu einer entsprechendenAusrichtung des Betenden geht, dann ist das Gebet ein mächtiges Instrument. WennChristus uns lehrt zu beten „Dein Wille geschehe“, dann wird damit Gott nicht gesagt, was erohnehin schon weiß, nämlich dass er tun und lassen kann, was er will. Vielmehr liegt darindie Bitte um das Vermögen, sich aktiv dem Willen Gottes zuzuordnen. Das bedeutet keineResignation und kein Sichergeben in ein sowieso unergründliches Schicksal, das man dochnur akzeptieren kann. Der Wille Gottes richtet sich an einen aktiven Partner, das war schondem jüdischen Denken alttestamentarischer Epochen vertraut, womit das Gebet zur Äußerungdes Dienstes – zumindest aber der Dienstbereitschaft – vor Gott wird.Aber – wie findet man nun heraus, was genau der Wille Gottes ist? Die Lektüre der HeiligenSchrift, der erkenntnisorientierte Austausch mit Bruder und Schwester und eine mit Alter undZeit wachsende Portion Glaubenserfahrung helfen sicher dabei. Das Vertrauen auf das Gebeterweist sich so als Gewissheit, einen zuverlässigen Weg zur Ergründung des göttlichen Willenszu kennen – eben das Gebet. Da ist es dann doch wieder: Man betet also, um herauszufinden,worum man beten soll? Ist das nicht paradox? Zugegeben, das ist der erste Eindruck.Aber wenn der Bibeltext operationalisierbar sein soll, dann gibt es zwischen Gebet und Gebetserhörungeine Wechselbeziehung; die Ergründung des göttlichen Willens lässt sich etwassalopp mit dem Begriffspaar „Trial and Error“ – „Versuch und Irrtum“ – beschreiben. Wenndie im Gebet geäußerten Wünsche erhört werden, dann hat das Gebet inhaltlich gestimmt.Und nein, damit wird Gott nicht ins Experiment gezwungen, was er sich bekanntlich ohnehinnicht gefallen lässt, sondern der Gläubige entwickelt seine eigene Erkenntnis, seinen eigenenGlauben, seine eigene Gebetsmethode auf diese Weise zunehmend weiter.96


Der Zweifel – Dein Freund und HelferIhr aber, meine Lieben, erbaut euch auf euren allerheiligsten Glauben und betet im Heiligen Geist, underhaltet euch in der Liebe Gottes und wartet auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zumewigen Leben. Und erbarmt euch derer, die zweifeln; andere reißt aus dem Feuer und rettet sie; anderererbarmt euch in Furcht und hasst auch das Gewand, das befleckt ist vom Fleisch. Dem aber, der euchvor dem Straucheln behüten kann und euch untadelig stellen kann vor das Angesicht seiner Herrlichkeitmit Freuden, dem alleinigen Gott, unserm Heiland, sei durch Jesus Christus, unsern Herrn, Ehre undMajestät und Gewalt und Macht vor aller Zeit, jetzt und in alle Ewigkeit! Amen.(Jud20-25)Der Glaube ist zum Ruhen gut,Doch bringt er nicht von der Stelle;Der Zweifel in ehrlicher Männerfaust,Der sprengt die Pforten der Hölle.Dieses Gedicht trägt den hier bestens passenden Titel „Zweifel“ und stammt aus der Federvon Theodor Storm, jenem Poeten des deutschen Realismus, der des Öfteren den Wunsch nachder Fähigkeit zu glauben geäußert haben soll. Aber er konnte einfach nicht.Nun könnte man dies als Folge des Zweifels am Inhalt des christlichen Glaubens einordnen –und würde damit zwar, um es mit Bild auszudrücken, die Zielscheibe treffen, aber nicht insSchwarze. Denn der Zweifel ist dem Glauben nicht entgegengerichtet, er kann auch den Unglaubenbetreffen. Ja, auch an den Inhalten und Positionen des Unglaubens kann man ebensozweifeln, wie an Inhalten und Positionen des Glaubens. Damit wird der Zweifel zum Instrument,das für sich genommen neutral ist. Wertungsmöglichkeiten eröffnen sich erst mit Blickauf seinen konkreten Einsatz.Zunächst einmal sollte grundsätzlich über die Bedeutung von Zweifel nachgedacht werden.In der Theologischen Realenzyklopädie werden drei mögliche Bezugspunkte des Zweifels benannt:1. Die Einsichtigkeit einer Aussage (Zweifel an kognitiver Plausibilität)2. Den Wert einer Handlung (Zweifel an moralischer Qualität)3. Die grundlegende Orientierung über Sinn und Ziel menschlichen Lebens (Zweifel anexistenzieller Bedeutsamkeit)97


Die Letzten sollen bekanntlich die Ersten sein: Der dritte Punkt macht den Anfang. Früheroder später in seinem Leben, und vermutlich nicht nur einmal, stellt sich der Mensch die Fragenach dem Warum und Woher und Wohin. Der christliche Glaube bietet eine Antwortmöglichkeithierauf an. Kein Mensch schreibt sich, zum Beispiel immer für den ersten Freitag einesjeden Monats, in den Terminkalender „20:15 Uhr (nach den Nachrichten): Zweifeln am Sinndes Lebens.“ Bei einem an sich gläubigen Menschen sind solche Zweifel als Signal der Vitalitätseines Glaubens zu verstehen. Er beschäftigt sich mit der Antwortmöglichkeit, die ihm seinGlaube bietet; er weiß darum, dass sein Glaube eben Glaube ist und nicht gesichertes Wissen.Hingegen so zu tun, als wäre der Glaube Gewissheit, das wäre ein Alarmsignal; hier wäre derGlaube erstarrt und mit einer harten Schale versehen – je undurchdringlicher, umso substanzloserder Inhalt. Ein Glaube – um auf Storm zurückzukommen – der zum Ruhen gut ist, einenaber nicht von der Stelle bringt.Es gibt auch andere Antwort-Angebote auf die Frage nach Sinn und Ziel des menschlichenLebens. Eine moderne naturalistische Weltsicht, die den Menschen auf seine biologische Rolleim Vorgang der Evolution reduziert, erhebt die Negierung der existenziellen Bedeutsamkeitjedes einzelnen Menschen gar zum zentralen Glaubensdogma. Was reizt die Menschen daran,sich selbst – wenn man diese Sichtweise einmal auf die Spitze treibt – für irrelevant und verzichtbarzu halten? Interessanterweise sieht es zumindest in Europa immer mehr danach aus,als dass sich gegenüber einer solchen Weltanschauung immer weniger Zweifel regen; umsomehr Zweifel dafür gegenüber der christlichen Lehre, die jeden einzelnen Menschen für bedeutsamerklärt und seiner Existenz nicht nur individuelle, sondern sogar kosmische Relevanzzuschreibt. Doch die christliche Werteordnung wurde und wird zunehmend für unverbindlicherklärt. Mit Gott verschwindet auch die Scham für die Unzucht und andere Unarten ausdem Bewusstsein der Menschen. Doch während Gott für Verfehlungen immer Gnade undVergebung offeriert, wählen viele – zu viele – Menschen ganz freiwillig den Weg in die ewigeFinsternis, denn etwas anderes ist die Negierung der eigenen existenziellen Bedeutsamkeitnicht. Christen haben nicht die Aufgabe hier zu verurteilen und ihren Mitmenschen mit erhobenemZeigefinger zu begegnen. Selbstredend können Sie vom Wertemaßstab des Christentumsaus – und immer im Wissen um die eigene Fehlbarkeit – ihre Zweifel an der moralischenQualität von Handlungen oder Ereignissen artikulieren. Viel wichtiger aber ist die Aufgabe,in diese Finsternis das Licht des Zweifels hineinzutragen, des Zweifels an der Botschaft vonder Bedeutungslosigkeit.Nun zum zweiten Punkt, zum Zweifel am Wert einer Handlung. Auch wenn es im DetailRaum für Diskussionen gibt, so bietet der christliche Glaube doch einen Kanon an Werten an,die es dem Einzelnen ermöglichen, im Alltag moralisch relevante Vorgänge qualitativ zu bewerten.Hier ist der Glaube nicht Gegenstand des Zweifels, sondern seine Quelle. Da gibt eseindeutige Fälle, in denen das allgemeine Werturteil nicht bezweifelt werden müsste. Beispiel:98


Niemand würde den Mord an einem Kind verteidigen. Wenn es also um die Tötung einesMenschen geht, ist eigentlich alles klar.Wirklich? Regen sich noch Zweifel, wenn eine Abtreibung vorgenommen wird, weil das Kindvon seinen Eltern als so bezeichneter „Unfall“ (man bedenke, was es heißt, wenn die Zeugungeines – ab diesem Moment – von Gott umfänglich geliebten Menschen „Unfall“ genannt wird)angesehen wird; erregt der Zweifel an einer Gesellschaft, die das hunderttausendfach toleriert,noch moralische Empörung, wenigstens ein bisschen? Schürt der Glaube noch Zweifel, wenndie Maßstäbe bei der Präimplantationsdiagnostik aufgeweicht werden; führt der Zweifel nochin den Widerspruch? Gerade in Fragen der Moral stehen sich Glaube und Zweifel nicht gegenüber,sondern der Zweifel wird sogar zum Erfüllungsgehilfen des Glaubens, wenn er kritischesPrüfen und ggf. auch ein Umdenken einfordert.Damit zum ersten und letzten Punkt, zum Zweifel an der Einsichtigkeit einer Aussage. Mankann das an dieser Stelle etwas genauer fassen: Es geht um Dogmen, um Lehraussagen, aberauch um solche, die ohne direkte Lehrabsicht gemacht werden. Dieser Zusammenhang ist es,der Zweifel bei vielen Kirchgängern oft als extrem unpopulär erscheinen lässt. Hier gilt es,einige gravierende Missverständnisse auszuräumen.Dass der Zweifel für den christlichen Glauben schlecht sein soll, ist eine weitverbreitete Ansicht.Leider gibt es immer mal wieder Versuche, Stimmung gegen den Zweifel machen. Dochwenn jemand den Zweifel schlechtredet, dann sollte man das nicht glauben, sondern bezweifeln;nachhaltig bezweifeln!Warum? – Der Zweifel beschreibt „einen Akt der Freiheit, der die Unterscheidung zwischenkirchlich institutionalisierter Religion und der vielfältigen Deutungspraxis subjektiver Frömmigkeithervorhebt. Diese Unterscheidung führt nicht nur dazu, dass sich das Individuum imGegenüber zur Institution in ein kritisch reflektiertes Verhältnis setzen kann, sondern sie ermöglichtauch die Pluralisierung von Gestalten gelebter Religion. Zweifel befähigt somit nichtnur zur Unterscheidung, sondern auch zur Wahl“, heißt es in der TRE.Der Kirchenvater Augustin hat den Zweifel im Zusammenhang mit der Frage nach dem gutenLeben gesehen. Zweifel als Ausdruck der Suche nach Wahrheit – und Wahrheitssuche als Bestimmungdes Menschen. In der Philosophie der Aufklärung wurde auch für die Theologiewichtige Erkenntnis erarbeitet, dass die Wahrheit von Wissen nicht durch seine Unbezweifelbarkeitausgewiesen wird, vielmehr wird Bezweifelbarkeit zu einem entscheidenden Kriteriumder Wahrheitsfähigkeit. Diese Erkenntnis ist gerade für die Interpretation biblischerÜberlieferungen elementar. Wer aktiv zugesteht, dass der Inhalt fallibel ist, es also kein gesichertesWissen über täuschungsfreies Verstehen gibt, der steigert (ob als Einzelner oder alskirchliche Institution) die Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft seiner Aussagen – weil ersich, was gerade im Bereich religiöser Wahrheiten wichtig ist, mit allen anderen Suchenden99


identifiziert, dabei seinen Kenntnisstand als Vorschlag deklariert und nicht etwa als eine Artvon Offenbarung. Wird die Bezweifelbarkeit generell negiert – man könnte auch sagen: gleichsamverboten –, indem man die Angst davor schürt, das Gesagte anzuzweifeln, dann sprichtdies sehr dafür, dass es um die Wahrheitsfähigkeit alles andere als gut bestellt ist. Angst vordem Zweifel muss nur haben, wer um seinen Irrtum weiß oder ihn zumindest ahnt, diesenaber beharrlich weiter mit Wahrheitsanspruch verkündet.Freilich: Wenn es an das Eingemachte – sprich: zentrale Axiome des christlichen Bekenntnisses– geht, dann steht jeder Einzelne vor der Frage: Glaube ich trotz der Zweifel, die hierzu vorgebrachtwerden können? Ein solches Axiom ist beispielsweise, dass Christus von den Totenauferstanden ist. Ein weiteres: Es gibt Gott. Ohne diese Axiome kommt der christliche Glaubenicht aus. Es gibt keinen Beweis dafür, aber auch keinen Beweis dagegen – jedenfalls nicht indem Sinne, dass es jeweils keine Zweifel mehr daran geben könnte. Die Zweifel an solchengrundlegenden Glaubensinhalten sind zulässig, können stellenweise tiefer in die Erkenntnishineinführen, fordern aber in diesem Bereich eine Entscheidung vom Menschen ab, und zwarim Sinne eines Sicheinlassens. Eine präzise Beschreibung dessen hat Paul Tillich geliefert. In„Der Mut zum Sein“ schreibt er: „Es gibt keine gültigen Beweise für die Existenz Gottes, aberes gibt Akte des Mutes, in denen wir die Macht des Seins bejahen, ob wir es wissen oder nicht.Wissen wir es, so bejahen wir bewusst, dass wir bejaht sind. Wissen wir es nicht, so bejahenwir es trotzdem und partizipieren daran. Und wenn wir bejahen, ohne zu wissen, ist die Machtdes Seins in uns wirksam. Der Mut hat offenbarende Kraft, der Mut zum Sein ist der Schlüsselzum Sein selbst.“ Tillich hat an anderer Stelle darauf aufmerksam gemacht, dass sich Glaubeund Zweifel wesensmäßig nicht widersprechen.Je weiter der Bereich der Axiome des christlichen Bekenntnisses verlassen wird, und manmehr man in die verschiedenen, oft über lange Zeiten gewachsenen Besonderheiten eintritt,desto wichtiger wird die Funktion des Zweifels. Die Religionsgeschichte, auch die jüngere, istvoll von Beispielen davon, wie Menschen die christliche Lehre angereichert und so die Menschenin die Irre geführt haben, wenn auch oft mit den besten Absichten. Wer da nicht auf derHut ist und nicht immer wieder seinen Freund und Helfer, den Zweifel, zur Hilfe ruft, demdroht inmitten von Irrungen und Wirrungen der Orientierungsverlust, ja vielleicht sogar, ganzunbemerkt, der Totalverlust des Glaubens.Damit schließt sich gewissermaßen der Kreis und man kommt zur letzten Zeile des ganz amAnfang wiedergegebenen Gedichts von Storm: „Der [Zweifel] sprengt die Pforten der Hölle.“Der Zweifel ist eine Tätigkeit des Bewusstseins, die den Zugewinn an Erkenntnis maßgeblichunterstützt – auch im Bereich der Religion. So mancher gläubige Christ hat seine Beziehungzu Gott verloren, weil er durch ein geistiges Gefängnis aus Irrlehren von seinem Urquell isoliertworden ist. Die Trennung von Gott – das ist, um einmal in drastischen Bildern zu sprechen,Verdammnis, das ist Hölle. Deshalb kann der aktive Einsatz des Zweifels ein sehr gutes100


Mittel sein, um die „Pforten der Hölle“ aufzusprengen, um den Christen bisweilen aus seinerselbst- oder fremdverschuldeten Religionsunmündigkeit zu befreien.Mit diesen eher düsteren Sätzen soll dieser Beitrag nicht abgeschlossen werden. Zum gläubigenZweifler muss man sich entwickeln. Gerade wer sein geistliches Dasein bislang in derAngst vor dem Zweifel gefristet hat, braucht Zeit, um sich an die klare, frische, sauerstoffhaltigeLuft zu gewöhnen. Wer auf dem mit Zweifeln gepflasterten Weg des Glaubens schon etwasvorangekommen ist, sollte „dem Zweifler hilfreich beistehen.“ Das heißt vor allem: Ihmdie Angst vor dem Zweifel nehmen und ihn gleichzeitig zum Glauben ermutigen. Dazukönnte man das oben verwendete Zitat aus dem Werk Paul Tillichs verwenden – wobei dasvielleicht nicht jedermanns Sache ist. Man kann auch ein Wort aus der Schrift nehmen. ZumBeispiel dieses hier:Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nachdeinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nachHimmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist du doch, Gott, allezeit meinesHerzens Trost und mein Teil. (Ps 73,23-26)101


Selig ist, der da liest„Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was inKürze geschehen soll; und er hat sie durch seinen Engel gesandt und seinem Knecht Johannes kundgetan,der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles, was er gesehen hat.Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschriebenist; denn die Zeit ist nahe.“(Offb 1,1-3)Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt, um den Armen eine guteBotschaft zu verkünden. Er hat mich gesandt, um die zu heilen, die ein gebrochenes Herz haben und zuverkündigen, dass die Gefangenen freigelassen und die Gefesselten befreit werden. Er hat mich gesandt,um ein Gnadenjahr des Herrn und einen Tag der Rache unseres Gottes auszurufen und alle Trauerndenzu trösten. (Jes 61,1.2 NL)Es mag etwas unorthodox anmuten, mit einem Bibelzitat zu eröffnen, das zunächst einmalnichts mit dem zu behandelnden Bibeltext zu tun zu haben scheint. Aber doch! Um dies zuerschließen, muss man in der Bibel gleichsam von hinten nach vorn gehen. Die erste Stationist demnach die Offenbarung; deren erste Sätze enthalten gleich die erste der sieben Seligpreisungendieses Buches: „Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung undbehalten, was darin geschrieben ist.“ (Offb 1,3)„Selig ist, der da liest.“ – Angesprochen ist hier zunächst einmal das Lesen biblischer Texte inder Gemeinde. Die Offenbarung soll vorgelesen, sie soll unter den Gläubigen publik gemachtwerden. Solche Lesungen, meist sogar mehrere, haben in der Liturgie der christlichen Kircheneinen hohen Stellenwert. Die Tradition der Lesungen geht zurück auf die Lesungen aus derThorarolle in den Synagogen – am Sabbat, an Feiertagen und an Fasttagen auch aus den prophetischenBüchern. Lesungen haben dabei einen religiösen Bildungsanspruch.„Und er kam nach Nazareth, wo er aufgewachsen war, und ging nach seiner Gewohnheit amSabbat in die Synagoge und stand auf und wollte lesen. Da wurde ihm das Buch des ProphetenJesaja gereicht.“ (Lk 4,16.17a) Auch Jesus, so berichtet das Lukasevangelium, ist zum Lesen indie Synagoge seiner Heimatstadt gegangen. Diese Begebenheit stellt Lukas als einziger derdrei Synoptiker programmatisch an den Anfang des öffentlichen Wirkens von Jesus Christus.Was er dort (vor-)liest (nämlich Jer 61,1.2), fasst in vielerlei Hinsicht die Agenda seines – nachder lukanischen Überlieferung – mit diesem Tag beginnenden Wirkens zusammen. Das ist indreifacher Hinsicht interessant.102


Erstens: Sieht man die von Jesus durchgeführte Lesung inhaltlich im Zusammenhang mit seinemgöttlichen Auftrag, dann ist mit der Lesung der göttliche Wille für Jesus von Nazarethöffentlich verkündigt worden. Heute darf gelten: Das Lesen in der Heiligen Schrift ist eineAktivität, die – dem Buchdruck und dem Internet sei Dank – praktisch von jedem Menschennachvollzogen werden kann. Wer bereit ist, in der Bibel mehr zu sehen, als eine Mischung ausgeschichtlichen Berichten und morgenländischen Märchen, findet darin viele Hinweise aufGottes Willen für die Menschen.Zweitens hat Jesus seinen Auftrag transparent gemacht; er hat den Maßstab seines Wirkensoffengelegt. Man kann das – mit aller gebotenen Vorsicht – mit den Wahlversprechen in derPolitik vergleichen. Mit dem Unterschied natürlich, dass Jesus Wort gehalten hat. Seine Gegenspieler,die ihn im Laufe seines Wirkens als veritable Bedrohung ihrer weltlichen Machtwahrgenommen und gegen ihn intrigiert haben, hätten sich viel Ärger ersparen können – denndie in jener Lesung ausgedrückte Agenda ist erkennbar nicht weltlich-politischer Natur, sondernsteht in einem geistlichen Zusammenhang.Dieses Offenlegen des Maßstabes ist aber – und das gilt heute unverändert – auch an Geistlicheund deren Wirken adressiert. Wer heute in der Kirche ein Amt ausübt oder einen Dienst verrichtet,muss sich nach dem Maßstab seines Wirkens fragen und an diesem messen lassen. EinMaßstab, der von jedem anhand der Heiligen Schrift nachvollzogen und nachgeprüft werdenkann, wäre natürlich die beste Wahl.Drittens kommt in dem Handeln auch eine Wertschätzung für den mit der Lesung verbundenentheologischen Bildungsanspruch zum Ausdruck. Dieser Bildungsanspruch dürfte sogarzentrales Element der Tradition öffentlicher Lesungen sein. Man bedenke: Zunächst war dieAlphabetisierungsquote nicht mit dem heutigen Standard vergleichbar. Zudem, und das istnoch bedeutsamer, war die Erfindung des modernen Buchdrucks durch Johannes Gutenbergein Ereignis, das erst eineinhalb Jahrtausende später stattfinden würde.Damit der Inhalt der heiligen Schriften den Gläubigen zur Kenntnis gebracht werden konnte,waren die öffentlichen Lesungen in den Gemeinden unverzichtbar. Neben ihrer liturgischenFunktion hatten die Lesungen also auch die Aufgabe, den Synagogenbesuchern theologischeGrundkenntnisse zu vermitteln. Wer lesen konnte und sich für den Dienst der Lesung zurVerfügung stellte, verrichtete so gleichzeitig einen Dienst an der Allgemeinheit.Zentrales Element ist dabei sicher der Bildungsanspruch. Denn dazu ermutigt die erste Seligpreisungin der Offenbarung. Lies – im Sinne von: Lies selbst – mit allen Folgen, die dazugehören,wie z.B. intensives Nachdenken, Fragen stellen, aktiv den Dialog mit Schwester undBruder suchen (z.B. in einem Bibelgesprächskreis).103


In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, ist am Ende von Jes61,1 nicht vom Losmachen der Gefesselten die Rede, sondern es heißt dort: „[...] dass die Gefangenenfreigelassen und die Blinden sehend werden.“ Es geht dabei nicht um die körperlicheBlindheit – obwohl sich im Wirken Jesu auch in dieser Hinsicht die Prophezeiung erfüllthat – sondern darum, dass, wie man es heute sagen würde, jemand den Leuten die Augenöffnet. Man könnte heute sagen: Beim Lesen gehen einem die Augen auf.104


Von Ewigkeit zu EwigkeitFürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich binlebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.(Offb 1,17b.18)„15 Jahre sind schon eine sehr lange Zeit. Und Du wirst bis zu unserem Wiedersehen sichermehr erleben als ich“, sagte Max, der bald die Reise seines Lebens antreten würde. Für dieMenschheit ein großer Schritt, für ihn viele Jahre fast unendlicher Langeweile. 15 Jahre langsollte er mit seinem Raumschiff beinahe auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und dannzur Erde zurückkehren. Die beiden Zwillinge Max und Moritz würden sich dann also viel zuerzählen haben. 30 Lenze zählten sie jetzt und womöglich würde Moritz geheiratet haben,Kinder gezeugt haben, und vielleicht sogar schon wieder geschieden sein, wenn sie sich – dannals Mittvierziger – wiedersehen und in den Armen liegen würden. Für ihn selbst, so dachteMax, würden die Jahre vielleicht lang werden, so groß der damit für die Menschheit einhergehendeSchritt auch wäre. „Gute Reise – und bring mir einen Kometen mit“, verabschiedetesich Moritz und riss den Astronauten so aus seinen Gedanken; es sollten die letzte Wortensein, die Max von seinem auf der Erde bleibenden Bruder hören würde. Max dachte in diesemAugenblick nicht daran, dass er seinen Bruder nicht wiedersehen würde.15 Jahre später, nachdem er Nacht und Kälte des Alls mit irrwitziger Geschwindigkeit durchflogenund dabei wahrhaft fantastische Eindrücke gewonnen hatte, landete er sein Vehikelwieder auf dem Boden seines Heimatplanten. „Home, sweet home“, murmelte er beim Losschnallenund nahm sich vor, Mutter Erde mit einem dicken Schmatzer zu begrüßen. Dochschon beim Aussteigen hatte er das diffuse Empfinden, das etwas nicht stimmte. Die Architekturmusste in den wenigen Jahren eine beachtliche Entwicklung durchgemacht haben. DasPersonalkarussell musste rotiert haben wie wild, denn er konnte keinen einzigen seiner altenKollegen entdecken. Vergeblich hielt er auch nach seinem Bruder Ausschau, doch ohne Erfolg.Er erkundigte sich, doch bekam er zunächst keine rechte Antwort. Die Nachricht traf ihn dannwie ein Hammerschlag: Moritz war tot. Schon vor sieben Jahren war er verstorben. „Was istpassiert? War es eine Krankheit, ein Unfall…?“ wollte Max wissen. „Nein, ihr Bruder ist anAltersschwäche gestorben“, bekam er zur Antwort. Verwirrt und entrüstet fragte er nach: „AnAltersschwäche? Mit 38?“ – „38? Nein. Ihr Bruder hat ein hohes Alter erreicht und ist friedlichim Kreise seiner Kinder, Enkel und sogar Urenkel eingeschlafen. Er wurde 103. Ihnen lässt erausrichten, dass er wirklich viel erlebt hat und es nur bedauert, ihr Gesicht jetzt nicht mehrsehen zu können.“105


Was für eine Geschichte, was für eine Pointe, könnte man nun ausrufen. Und: Was ist da geschehen?Die Geschichte mit Max und Moritz als Protagonisten handelt vom sogenanntenZwillingsparadoxon und dient hierfür als bekannte Illustration. Anschaulich und eindrucksvollbeschreibt dieses, dass Zeit eben relativ ist, und hebt auf das damit einhergehende Phänomender Zeitdilatation ab. Während für Max während der Reise mit beinahe Lichtgeschwindigkeitnur 15 Jahre vergangen sind, waren es für Moritz und all die anderen Erdlinge ganze80 Jahre.Zeit und Ewigkeit, darüber kann man wahrlich lange diskutieren und philosophieren, undwelcher Termin wäre für einen Christen dazu passender als der Ewigkeitssonntag? Wenn derBibeltext dann noch rätselhafte Wendungen wie „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ enthält, dannkönnte man zum Ende des Kirchenjahres seine Hirnwindungen mal richtig verknoten. Dennbeim Begriff „Ewigkeit“ stößt das menschliche Vorstellungsvermögen an seine Grenzen. Mankann den Versuch unternehmen, hierfür eine mathematische Beschreibung zu finden oder sichdem mit abstrakten Begrifflichkeiten annähern. Nur vorstellen kann man sich das nicht. Undauch wenn die Umgangssprache das suggeriert: Mit „dauert halt sehr lang“ liegt man ziemlichweit (schon wieder so ein relativer Begriff) daneben. Wenn einem etwas, ganz subjektiv betrachtetnatürlich, lange vorkommt wie zum Beispiel eine mäßige Predigt oder ein schnulzigerKinofilm, dann wird dafür bisweilen und begleitet von einem Augenrollen der Ausdruck„halbe Ewigkeit“ gebraucht. Man könnte ja mal danach fragen, ob denn eine Viertelewigkeitwirklich kürzer sein kann als eine Drittelewigkeit usw.In Offb 1,17b.18 wird ein Zitat verwendet, das Jesus Christus als wörtliche und an den Verfasserder Buches der Offenbarung adressierte Rede zugeschrieben wird. Man wird dazu zunächstsagen können, dass es eine solche Ansprache wohl nicht gegeben hat. Die Wendung„von Ewigkeit zu Ewigkeit“ kommt in beiden Testamenten vielfach vor, in der lateinischenAusgabe (Vulgata) als „saecula saeculorum“ mit einer gewissen Häufung in der Apokalypsedes Johannes. Tatsache ist aber auch: Wo immer diese Wendung vorkommt dient sie dem Lobpreisund der Verherrlichung Gottes. Es handelt sich also – ähnlich wie „das Reich und dieKraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“ im Vaterunser – ganz klassisch um eine Doxologie (gr.doxa = Herrlichkeit und logos = Wort), ein gebräuchliches Schlusselement jüdischer Gebetstradition.Das ist in gewisser Weise beruhigend, denn die Doppelung des Begriffes „Ewigkeit“ ist damitals rhetorisches Stilelement identifizierbar und dispensiert den Leser oder Hörer von der undankbarenAufgabe, sich über das etwaige Vorhandensein mehrerer Ewigkeiten den Kopf zuzerbrechen, darüber ob diese dann unterschiedlich „lang“ sind, wie sie sich zueinander verhaltenkönnten und wie schließlich Christus wohl den Wechsel von einer Ewigkeit zur nächstenvollzieht.106


Andererseits ist das eines von mehreren Indizien dafür, dass die Quelle der Inspiration für dasVerfassen der Apokalypse doch ziemlich diesseitig gewesen sein dürfte. Denn sich selbst permanentüber den Klee zu loben, das war keine Eigenschaft, die man bei Christus findenkonnte. So legitim dabei das Ansinnen der Verherrlichung des Christus ist, so wenig seriöserscheint der Umstand, dass dieser selbst gleichsam als Sprecher einer Art Diktat in Anspruchgenommen wird. Der Verfasser, den das Buch der Offenbarung als Johannes benennt, hat sichauf eine Insel zurückgezogen, nachgedacht, vielleicht alte Schriften studiert und dann selbstein theologisches Werk verfasst. Aus Sicht des gläubigen Christen mag man zugestehen, dasser vielleicht den einen oder anderen Impuls „von oben“ empfangen hat, wieso auch nicht,doch nicht in dieser Unmittelbarkeit, die der Text schließlich suggeriert. Bedeutende Quellender Inspiration lagen dabei in frühjüdischen Vorstellungen zur Apokalyptik, wie sie etwa imDanielbuch überliefert sind. Auch in außerjüdischen Quellen sind Elemente der Vorstellungenaufzufinden, die dann Eingang in die Offenbarung gefunden haben.Betrachtet man den Bibeltext bzw. die Schriftstellen, in denen eine Ewigkeits-Doxologie vorkommt,macht dieser, wie es sich für eine theologische Schrift gehört, auf einen interessantenSachverhalt aufmerksam. Eben auf die Ewigkeit als wesentliches Attribut göttlicher Herrlichkeit.Der Lobpreis „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ wird damit zu einer Aussage über die SphäreGottes.Der griechische Begriff αιών (die Apokalypse des Johannes ist, vermutlich von einem Nicht-Muttersprachler, in griechischer Sprache verfasst, im Deutschen kennt man dafür „Äon“) kannbeides bedeuten: Eine unendlich lange, aber letztlich doch als zeitlich zu denkende Dauer –oder eine zeitlose Sphäre. Das Problem ist, dass im Neuen Testament eine philosophische Reflexionüber Zeit und Ewigkeit fehlt. Ein primäres und bis heute so verbreitetes Begriffsverständnisgeht wohl in Richtung einer unendlich langen Zeitdauer. Durch die moderne Physik– erinnert sei nur an die Relativitätstheorie Albert Einsteins – steht uns Menschen inzwischenein aktuelleres Wissen zur Verfügung: Zeit wird subjektiv wahrgenommen (worauf in derPhilosophie bereits Kant aufmerksam gemacht hat).Man kann zunächst festhalten, dass Zeit, dass Zeiterfahrung schöpfungsimmanent ist. Einmaldie nicht unstrittige Annahme unterstellt, Gott habe den Schöpfungsakt etwa durch das Zündendes Urknalls vollzogen, dann schließt, wofür ihre Relativität stark spricht, das Begreifender Zeit als Teil der Schöpfung aus, dass man danach fragt, was „vorher“ gewesen sein könnte.Oder, sollte das Universum eine begrenzte Lebensdauer haben, was „danach“ kommenkönnte. Als Menschen müssen wir uns damit arrangieren, dass wir die Dimension des Ewigenmit unserer Vorstellungskraft nicht erschließen können. Dieses Anerkennen bedingt freilichauch, dass in Kirchen Aussagen über die Beschaffenheit der Ewigkeit, was dort passiert oderauch nicht passiert, unterbleiben sollten. Vielmehr bietet es sich auch für gläubige Menschen107


an, mit Begeisterung die Kenntnisse, die uns Physiker und Philosophen hierzu mitteilen, aufzunehmen.Aus christlicher Perspektive wird ein anderer Aspekt von Ewigkeit interessant. Bis etwa 500Jahre – fast eine halbe Ewigkeit möchte man sagen – vor der Niederschrift der Offenbarung,also in vorplatonischer Zeit, wurde αιών noch etwas anders verstanden, nämlich als „Borndes Lebens“ oder auch als „Lebenskraft“. Die Doxologie „von Ewigkeit zu Ewigkeit“ bekommtdamit noch eine andere, wenngleich möglicherweise nur sekundäre Bedeutung: „VomBorn des Lebens hin zur Quelle des Lebens.“ Das ist nicht nur eine Christusbiografie in Ultrakurzform,sondern ein Hinweis darauf, dass die alles umschließende und durchdringende Lebenskraft,der „logos“ (Joh 1,1!), nicht etwas ist, das durch die Schöpfung hervorgebrachtwurde, sondern das die Schöpfung selbst, das Universum, durch eine ihm vorausliegende(nicht im zeitlichen Sinne!) Lebenskraft erst ins Sein gerufen wird. Durch das Leben ist so dieDimension des Ewigen eröffnet. Für immer – von Ewigkeit zu Ewigkeit.108

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