Psychologie: Wie viel Geistes-, wie viel Naturwissenschaft?

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Psychologie: Wie viel Geistes-, wie viel Naturwissenschaft?

monomane Weltsicht stützt sich auf folgende Tatsache, ichnenne sie das "physiologische Kausalitätsargument": Ohnefunktionierende Physiologie gibt es keine Wahrnehmung, also istdie Wahrnehmung durch nervöse Prozesse bewirkt, und diesebestehen wiederum aus Reaktionen auf innere oder äußereReize. Ohne Gehirnströme gibt es kein Denken, also ist dasDenken eine Folge der elektro-chemischen Prozesse in unseremGehirn. Usw.Diese Argumente sind falsch. Aus der zweifellos richtigenFeststellung, dass es ohne funktionierende Physiologie keineWahrnehmung gibt, lässt sich nicht der Schluss ableiten, das"Eigentliche" an der Wahrnehmung wäre die "zugrunde liegende"Physiologie. Das ist so, als würde jemand sagen: "Das Backhuhn,das vor mir auf dem Teller liegt, kann keine Eier legen." Das istsicher richtig, aber daraus lässt sich kein Schluss ziehen, außerdem, dass man das Huhn isst.5Diese Art der Psychologie lässt sich nicht kritisieren. 18 Eine Kritikist so oft erfolgt; 19 die Berechnungs- und Bewirkungspsychologiehat weiter ihre Kreise gezogen. Und wo die Kommunikationzwischen so vielen gescheiten Menschen (den Wissenschaftlern)blockiert ist, liegt der Verdacht nahe, dass es in dieserAuseinandersetzung eigentlich um etwas anderes geht, umetwas, was man nicht klar und deutlich wahrnehmen kann.Diese Psychologen wollen uns nämlich nicht nur glaubenmachen, dass wir immer und ewig nur auf Reize reagieren, siewollen uns damit auch regieren, denn sie sind ja in Kenntnis dergesetzmäßigen Zusammenhänge und kannten dadurch - solltensie uns so weit bringen - Macht ausüben. Das wäre einebesonders groteske und sozial perverse Form einer selffullfillingprophecy.20 Ist der Mensch einmal resignierend in einer Artdepressiver Verdunkelung zur Einsicht gelangt, er wäre ohnehinnur der Spielball der ihn umgebenden Verhältnisse, so ist erbereits diesen Verhältnissen ausgeliefert."Aber wir behandeln uns zumeist als Objekte; die Arbeit und dasLeben in der Gesellschaft erheischen diese Objektivierung; selbstunsere Freiheit stützt sich auf diese Gesellschaftsregeln, die unsein herkömmliches Dasein gewährleisten. So schaffen wir in uns


selbst die Gültigkeitsbedingungen der Begriffe der modernenPsychologie; diese Begriffe sind einem Menschen angepasst, dersich anpasst." 21 Eingebettet in dieses Streben nach Macht,repräsentieren sich auch die meisten Lehrhäuser derPsychologie. In Wien zum Beispiel besteht der derzeitigeInitiationsritus zum Psychologen in einer experimentellen Arbeit -was anderes darf es nicht sein. In der Stadt, in der SigmundFreud so lange lebte, hält man es wie der Mister Pief (aus »Plischund Plum« von Wilhelm Busch) mit seinem Fernrohr:"Warum soll ich nicht beim Gehen" -Sprach er – "in die Ferne sehen?Schön ist es auch anderswoUnd hier bin ich sowieso."Hierbei aber stolpert erin den Teich und sieht nichts mehr.Diese Lehrhäuser befinden sich mehr oder weniger im Zustandder Verkrötung, "das ist ein Zustand in welchem gleichsam einerauf sich selber draufhockt." 22Die jetzige Organisation des Universitätsbetriebes erlaubt dendort Lehrenden die grenzenlose Ausbildung ihres Größenselbstund man weiß ja, wie leicht kränkbar solche Menschen sind,entspricht man nicht ihren Vorstellungen.Von daher ist es auch verständlich, dass man sich innerhalb einersolchen Forschungsweise Themen zuwendet, die mit dergesellschaftlichen Wirklichkeit nur mehr in einem losenZusammenhang stehen, bzw. die die Menschen, die siebetreffen, nicht mehr erreichen, denn es soll ja auch überMenschen geforscht werden und nicht mit ihnen. Jean Piagetschätzt an einer ordentlichen und fortgeschrittenenWissenschaftlichkeit, dass Uneingeweihte es relativ schwierigfinden, der Sache zu folgen; für ihn besteht dieUnwissenschaftlichkeit der Psychologie gerade darin, dass "jedersich kompetent fühlt." 23So kann es passieren, dass in einer solchen Wissenschaft dieMenschen überhaupt verloren gehen. Eine solche Psychologiemuss zum Problem werden. 24 "Menschen sind für dienomologischen Theorien der Psychologie 'Träger' von theoretischkonstituierten Ereignissen, die im Wege der 'Überbrückung


zwischen Theorie und Empirie' mit bestimmten theoretischenAusdrücken verknüpft werden." 25 Einmal aufgeknüpft am Galgenrationaler Erkenntnisstrategien, bleibt den Hinterbliebenen nurnoch die bange Moral, doch lieber dem Mann mit dem Stern aufder Brust zu folgen, sonst schießt er berechnend und bewirktvielleicht sogar den Tod.6Wo so viel Macht ist, muss es auch viel Angst geben. Es ist dieAngst vor dem anderen Menschen, sich auf ihn einzulassen, dieAngst vor der Begegnung, die Angst, eventuell sein Schicksalerfahren zu müssen, die Angst, auf ähnliche Weise zu erkranken,die Angst vor dem Tode. Jede zwischenmenschliche Beziehungaktualisiert immer wieder aufs neue unser ursprünglichesMiteinandersein, das Aufeinander-angewiesen- und Voneinanderabhängig-Seinsamt den dazugehörigen Ängsten und denFähigkeiten, mit dieser Angst zu leben.In der Psychotherapie und Psychiatrie 26 haben wir erfahren, dassim Öffnen zu dieser Grundverfassung des Menschen, imZulassen-Können der Ängstlichkeit die Möglichkeit derzwischenmenschlichen Beziehung besteht - was innerhalb einertherapeutischen Beziehung die Entfaltung bisher unvollzogenerLebendigkeit ermöglicht. Die naturwissenschaftlicheInterpretation des Menschen, die Berechnungs- und Bewirkungspsychologieüberspringt diese schwierigste menschliche Barriereund tritt die Flucht nach vorne an: Sie versteckt sich hinter demMantel der Methode und kann nun den Menschen unter-suchenund be-handeln. Das ist der Versuch einer Abgrenzung, einenotwendige und manchmal sinnvolle Abgrenzung, sofern sie alssolche wahrgenommen werden kann. Kann sie als solche nichtwahrgenommen werden, muss es zu einer Realitätskonfusionkommen.7Misslingt diese Abgrenzung in "regressiver" Weise, zieht sich dieBerechnungs- und Bewirkungspsychologie zu sehr auf ihreinnerste Pfründe zurück, so zeigt sie nicht selten humoristischeAspekte, die gleichwohl in einem Streben nach tiefster sozialökonomischerSicherheit verwurzelt sind. Man zerteilt die Welt


und schafft sich meist unlösbare Probleme (sogenannte »mindfuck-ups«).Ein altmodisches Beispiel: die Müller-LyerscheTäuschung. 27 a ba ist länger als b. Das ist offensichtlich. Wenn ich die beidenTeilstrecken abmesse, sind a und b gleich lang. Wo liegt derWiderspruch, worin besteht die Täuschung? Es besteht ja auchkein Widerspruch darin, dass ich das Glas Wein, das vor mir aufdem Tisch steht, zuerst anschaue und dann in die Hand nehme,um daraus zu trinken. Niemand wird von mir erwarten, dass ichmir den Wein in die Augen schütte. Oder: Kinder "backen" oftaus Dreck, Sand und Wasser "Kuchen", die sie dann zum Kostenherumreichen. Sie wären jedoch erstaunt (wenn nicht sogarbestürzt), würde jemand tatsächlich diesen "Kuchen" essen. DiePsychologen hingegen fressen ihre eigenen künstlichen Produkteund wundern sich nachher, wenn ihnen übel wird. Das betrifftnicht nur die optischen Täuschungen oder ähnlich harmlose"Spielereien", das betrifft zum Beispiel die Frage der Validität vonTests, viele neuropsychologische Untersuchungen, bei denenman in der Chemie die Vorgänge des Lebens sucht, so dieForschungen zum biochemischen »transfer of learning«, dieBestimmung des Intelligenzquotienten mit dem EEG, das Denkenim EEG, die Neurophysiologie der Kunst, usw. usw.Die Wirklichkeit, die man im Leben vermeidet, zwängt sich nunmit um so größerer Betriebsamkeit in das Labor des Forschersund hält ihn dort gefangen - zumindest bis zur Pensionierung.Diese Kreisgänge des Geistes provozieren eine Art akademischeBeschäftigungstherapie und fördern damit auf längste Zeitgesicherte Arbeitsplätze, denn diese Forschung kann nie zueinem Ende kommen.Solche Unternehmungen erinnern am ehesten an den Erlass desHerrschers von Tarockanien, der eine neue Industrie aus demBoden stampfen wollte, indem er das Meer zuschütten lassenwollte, um die Häfen ins Hochgebirge zu verlegen, da ja dortwenig los war und vielleicht auf diese Weise ein bisschen Lebenin die unwirtlichen Täler käme. 28


Eine andere Form der misslungenen Abgrenzung könnten wir die"progressive" nennen, wenn das Moment des Berechnens undBewirkens die ganze Welt einschließen möchte, wenn - um in deranfänglichen Metapher zu bleiben - Herr Berechnung die ganzeMacht über Frau Beziehung an sich reißen möchte. 29 Das istdann der Fall, wenn die Berechnungs- und Bewirkungsstrategiensich anschicken, alle Phänomene des Lebendigen einzupferchen,alle Unebenheiten, und Ungereimtheiten der Seele zukorrigieren, zumindest aber einmal Daten darüber zu sammeln.Der Intelligenzquotient avanciert schon zu dieser Größe (oderder Notendurchschnitt beim Verlassen der Schule). In dendreißiger Jahren meinte Watson, 30 ein Teil der wissenschaftlichenAufgabe der Psychologie bestünde darin festzustellen, wofür diemenschliche Maschine geeignet ist, und ein halbes Jahrhundertspäter verlangt Eysenck 31 zur Bekämpfung der Kriminalität, beijedem Kind den Neurotizismusscore festzustellen (mit Hilfe einesTests von Eysenck), um gegebenenfalls eine Umkonditionierungeinleiten zu können. Diese horror-und-crime-Wissenschaftlichkeitverspricht etwas und bringt das Gegenteil. Sie verspricht (imFalle Eysencks) die Herstellung von körperlicher und geistigerGesundheit ("Normalität") und bringt allumfassendeVergewaltigung. Die psychische Normalität oder Gesundheit istnicht herstellbar oder bewirkbar. Wer immer behauptet, es tunzu können, ist ziemlich ängstlich und dumm und will eigentlichetwas anderes: nämlich Macht.Wir können bei einem Menschen die Gefangenschaft bewirken,indem wir ihn in eine Zelle sperren, aber wir können nicht imselben Sinn seine Freiheit bewirken, indem wir ihn aus dieserZelle entlassen.Die Argumente der rationalen Normalitäts-Hersteller sind demphysiologischen Kausalitätsargument ähnlich. Man sagt: DerChirurg schneidet bei einer Blinddarmoperation einen Teil desDarmes heraus; bei gelungener Operation heilt der Darm undschließlich der Organismus wieder zusammen, bis er vollfunktionsfähig und "normal" ist. Und nun erwartet man vomPsychologen, dass er auch Mittel und Methoden hat, die "Norm"herstellen zu können. Er hat sie nicht, außer man verwechseltNormalität und Zwangsanpassung.


Die Mechanik der körperlichen Vorgänge ist bekannt (zumindestbehaupten das einige Mediziner), aber die Mechanik desgesunden Seelenlebens ist nicht nur komplizierter (wenn's nurdas wäre!), sondern wir kennen sie nicht, und es stellt sich dieFrage, ob sich seelische Gesundheit nicht gerade dadurchauszeichnet, dass sie, indem sie sich entwickelt, sich der Weltanpasst und die Welt verändert und damit eben keiner Mechanikunterliegt. Und wenn sich seelische Gesundheit oderLebendigkeit im Kranksein zu einem mehr oder wenigermechanischen Verlauf reduziert, so gewinnen wir aus derKenntnis dieses Verlaufes keine Hinweise darüber, wie sich das"Gesunde" oder "Normale" herstellen oder bewirken ließe. Mankann niemand normalisieren, und man kann auch niemandfreiheitlichen. Es kann kein Wahrheitsserum geben und keinenLügendetektor.Es gibt keinen Reiz für Wahrheit und keine Reaktion darauf.(Vom Baum der Erkenntnis hat nur eine gegessen, und das istschon lange her). Also lässt sich da auch nichts bewirken, nichtsherbeiführen, nichts ins Haus liefern.Vielleicht sollten sich die Bewirkungspsychologen mit derKränkung von solchen infantilen Omnipotenzgefühlenanfreunden, bevor sie auf Kosten der Steuerzahler einenunendlichen Wiederholungszwang ausagieren müssen.Wenn Politiker eine gesetzliche Regelung zur Beseitigung derAlkohol- und Drogensucht verlangen, dann sind sie wie dieBewirkungspsychologen ziemlich dumm, ängstlich undherrschsüchtig. Man kann den Alkoholikern keinen Alkohol gebenund den Fixern keinen Stoff. Das ist zwar keine Lösung desProblems, aber dazu braucht man weder Medizin nochPsychologie. Aber man kann nicht bewirken, dass der Alkoholikernichts mehr trinkt.Man kann auch nicht bewirken, dass der Mensch sich selbst oderseinen Nächsten liebt. Es gibt kein 1x1 der Liebe, wohl aber ein1x1 der Schurkerei und Dummheit.9Wie wäre eine bessere Beziehung zwischen Herrn Berechnungund Frau Beziehung möglich? Wie könnte die rationale mit derirrationalen Tendenz in der Psychologie auskommen, wie


könnten sie (die beiden Tendenzen) ein eigenständiges Lebenführen? Zunächst einmal, indem sich beide Bereiche voneinanderklar und deutlich abgrenzen. Das heißt: Bewirken, wo es etwaszu bewirken gibt, und Beziehungen aufnehmen, sich einlassen ineinem Ausmaß, zu dem man stehen (vielleicht auch liegen) kann.(Meist geht es schief, wenn man Beziehungen aufnimmt, umetwas zu bewirken.) Das heißt auch: Das Eine nicht mit denKriterien des Anderen beurteilen. Es gibt keinen einheitlichenKosmos und auch keinen einheitlichen Kosmos vonBeurteilungen. 32 Ein Fisch kann nicht radfahren.Die Wahrheit ist über die Welt verteilt, und wer sie suchen will,muss reisen. Warum soll dieser Satz von Darwin nicht auch fürdie Psychologie, für die Welt der Seele gelten? Reisen heißt aberauch: wahrnehmen, sich einlassen, ansprechbar sein.Die Rolle, die ein Psychologe, der der geschichtlichtherapeutischenTendenz nahe steht, übernehmen kann, lässtsich anhand einer orientalischen Parabel darstellen: Ein Vaterhatte drei Söhne und 17 Kamele. Er verfügte, dass bei seinemTod der älteste Sohn die Hälfte aller Kamele bekommt, dermittlere ein Drittel und der jüngste ein Neuntel. Der alte Mannstarb, und die drei Geschwister wussten nicht, wie sie demTestament des Vaters gerecht werden konnten. Sie gingen zueinem Weisen. Dieser gab ihnen sein einziges Kamel und trugihnen auf, so zu teilen, wie der Vater es wollte. Die Brüder,verwundert über diese Gabe, teilten redlich und musstenschließlich feststellen, dass das Kamel des Weisen übrig blieb.Diese Grundhaltung des 18. Kamels (um alle Missverständnissezu vermeiden: Die Analogie ist inhaltlich nur beschränkt zuverstehen; keine Psychotherapie versteht sich als "Geburtshelfer"der väterlichen Aufträge) findet sich in der Psychologie zumBeispiel in der Öffnung der italienischen Psychiatrie, 33 in denBüchern von Straus, Boss, Perls, Laing, Miller, 34 bei den Nicht-Psychologen Duerr und Feyerabend, 35 in der "UnendlichenGeschichte" von Michael Ende 36 und im besten Lehrbuch, das mirje untergekommen ist: "Irren ist menschlich". 37Die kognitive Struktur dieser Wissenschaft weicht von der 1x1-Kariertheit der naturwissenschaftlich-objektiven Methode ab, sieorientiert sich vielmehr an der scheinbaren Paradoxie desAutogenen Trainings: Der konzentrativen Selbstentspannung; sie


versucht die Landschaft des menschlichen Lebens nichteinzuteilen und zu parzellieren, um dieses Stück dann mit einemWochenendhaus in Besitz zu nehmen, sondern sich ihraufzuschließen, ansprechbar zu sein.Doderer hat diese Haltung so ausgedrückt: "Wer sich vor derLeere nicht fürchtet, wer mit ihr sich befreundet, der bewegt sicham genauesten in jener Richtung, welche vom Nichts weg indessen strikten Gegensatz hineinführt. Unsere sogenanntenunproduktiven Zustände sind Wegweiser zum höchsten odermindestens chancenreichsten Zustands-Valeur: Zur Leere. Wermutig ist und es aufgibt, sich seiner selbst fortwährendvergewissern zu wollen, wird dieser Straße folgen können... Sichunvollendet stehen zu lassen; damit unbesorgt zu werden inBezug auf sich selbst; endlich die Leere zu erreichen: Das sinddie drei Stationen, welche allein dahin führen können, umfassendund allseitig Objekt zu sehen;... Jedoch der moderne, von seinerLeistung affizierte, also schwache Mensch (wie Gütersloh sagt)flieht aus der Leere in die Leistung, ins Programm (...), in dieSinngebung (...), in die falsche Präsenz und so in steigendemTempo auf das Nichts zu." 38 Psychologisch heißt das auch: DasUnbewusste zu seinem Recht kommen lassen. Und zwar nichtnur als Hammerzehe eines naturwissenschaftlichen Kausalitätsgebrechens(wo der Trieb geheizt mit der Libido als Dampflokdurchs Gemüt rattert wie durch einen surrealistischenRangierbahnhof), sondern in seiner Gebundenheit, in seinemAngewiesensein an den Leib, an das "Leiben" überhaupt. Dasirrationale Moment in der Psychologie begreift die sinnlicheEinheit als Ausstehen der Spannung von Vergangenheit undZukunft, von Einschränkung und Offenheit (he's a walkingcontradiction, partly true and partly fiction - singt KrisKristofferson) im Sinne einer universellen coincidentiaoppositorum. ("Alles Existierende ist, lebt und wirkt dadurch,dass es der Kreuzungspunkt zweier Gegensätze ist.") 39Sosehr sich eine gestörte Sinnlichkeit als mechanisches Werklauch repräsentieren mag, das menschliche Leben funktioniertnicht nur wie eine Rechenmaschine, die niemals weiß, warumdas, was sie ausrechnet, auch richtig ist. 40Die irrationale Tendenz in der Psychologie nimmt die Chancewahr, jenseits der ewig falschen Alternativen zwischen innen und


außen, Subjekt und Objekt, Körper und Geist, Individuum undGesellschaft, Alltäglichkeit und Kreativität ein Selbstverständniswahrzunehmen, das in sich ruht, wie die Helle des Tages in derNacht. Und wem das zu mystisch ist: Wenn die Psychologieschon bei anderen Wissenschaften Anleihen machen muss, dannwürde ich vorschlagen: Lieber bei der Homöopathie als bei dertraditionellen Organmedizin und lieber mit Bio-Kost als mit einerKonservennahrung aus dem Supermarkt. Als Gegengewichtzur herrschenden Re-aktor-Psychologie wär's nicht schlecht.Anmerkungen1 "Diese Wortwurzel Ratio ist aber ganz und gar eine Vokabelder alten römischen Kaufmannssprache. Ratio besagtursprünglich nichts anderes als Rechnen, Rechnung,Berechnung, auch Rechenschaft, Summe, Menge." M. Boss: "DasIrrationale in der psychotherapeutischen Behandlung", in: DiePsychologie des 20. Jahrhunderts, Band XV, Zürich 1980, S. 689.2 "Die anal-sadistische Kollusion ist wohl die häufigste Form vonEhekonflikten, in unserer Kultur, genauso wie der analeCharakter die häufigste Charakterstruktur unserer Mittel- undOberschicht ist. Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Fleiß,Sauberkeit, Korrektheit, Sparsamkeit und Ordnungsliebe sindQualitäten, die auf dem Tugendweg der Leistungsgesellschaft inbesonderer Weise prämiiert werden... Bei der analen Kollusiongeht es vor allem um das Problem, in welchem Ausmaß dürfenautonome Bestrebungen der Partner zugelassen werden, ohnedass die Beziehung auseinander fällt, und durch welcheFührungs- und Kontrollmaßnahmen muss die gegenseitigeAbhängigkeit und Sicherheit in der Partnerschaft gewährleistetwerden?" - J. Willi: Die Zweierbeziehung, Hamburg 1975, S. 107.3 In der österreichischen Tageszeitung »Kurier« vom 1. 2. 1981behauptet Hans Jürgen Eysenck in einem Interview, dass dieTests, mit denen festgestellt wurde, dass die Weißen mit einergrößeren Intelligenz ausgestattet sind als die Neger, auf "klaren,objektiven Kriterien" beruhen.4 Vgl. P. Feyerabend: Wider den Methodenzwang, Frankfurt1976; Erkenntnis für freie Menschen, Frankfurt 1979 (veränderteAusgabe 1980).5 Schopenhauer, zit. nach F. Mauthner: Wörterbuch derPhilosophie, Zürich 1980, Band 1,8.268.


6 Vgl. W. Mertens: Sozialpsychologie des Experiments,Hamburg1975.7 Vgl. Wehb/Campbell/Schwartz/Sechrest: NichtreaktiveMessverfahren, Basel 1975.8 Vgl. E. Timaeus: Experiment und Psychologie - ZurSozialpsychologie psychologischen Experimentierens, Göttingen1974.9 "Aller Dinge (...) ist der (jeweilige) Mensch das Maß, deranwesenden, dass sie so anwesen, wie sie anwesen, derjenigenaber, denen versagt bleibt anzuwesen, dass sie nicht anwesen"M. Heidegger: "Die Zeit des Weltbildes", in: Holzwege, Frankfurt1972, S. 95.10 P. W. Bridgman: The Logic of Modern Physics, New York1927.11 Vgl. J. Klüver: Operationalismus. Kritik und Geschichte einerPhilosophie der exakten Wissenschaft, Stuttgart 1971; J. Bittner:Der Operationalismus in der experimentellen Psychologie,Dissertation, Salzburg 1974.12 Vgl. M. Boss: »Das Irrationale in der psychotherapeutischenBehandlung«, in: Die Psychologie des 20. Jahrhunderts, Band 15,Zürich 1980, S. 687-696.13 Zum Beispiel: »Spellbound«, Regie: A. Hitchcock, 1945.14 Siehe Anmerkung 12.15 Vgl. A. Fiedler/G. Hörmann (Hrsg.): Aktionsforschung inPsychologie und Pädagogik, Darmstadt 1978; W. Mertens:Sozialpsychologie des Experiments, Hamburg 1975.16 W. Mertens: Sozialpsychologie des Experiments, Hamburg1975, S. 179.17 A. a. 0., S. 181.18 Vgl. die Bemerkung Freuds: "Eisbär und Walfisch, hat mangesagt, können nicht miteinander Krieg führen, weil sie, ein jederauf sein Element beschränkt, nicht zueinander kommen" – "ZweiKinderneurosen", Frankfurt 1969, Studienausgabe, Band VIII, S.166.19 Vgl. E. Straus: Vom Sinn der Sinne, Berlin 1956; M. Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin 1968, DieStruktur des Verhaltens, Berlin 1976; G. Pollitzer: Kritik derklassischen Psychologie, Köln 1974; K. Holzkamp: Kritische


Psychologie, Frankfurt 1972; M. Boss: Grundriss der Medizin undPsychologie, Bern 1975.20 R. K. Merton: »Die Eigendynamik gesellschaftlicherVoraussagen«, in: E. Topitsch (Hrsg.): Logik derSozialwissenschaften, Köln 1965, S. 144 - 161.21 P. Ricoeur: Die Fehlbarkeit des Menschen, Freiburg 1971, S.134.22 H. v. Doderer; Repetitorium, München 1969, S. 262.23 J. Piaget: Erkenntnistheorie der Wissenschaften vomMenschen, Frankfurt 1973; S. 34.24 T. Herrmann; Psychologie als Problem, Stuttgart 1979.25 Ebd. S. 77.26 Vgl. Klaus Dörner/Ursula Plog: Irren ist menschlich, Hannover1978; J. Wer ist aus Holz? Neue Wege der Psychiatrie, München1976; A. Miller: Das Drama des begabten Kindes, Frankfurt1979; Am Anfang war Erziehung, Frankfurt 1980.27 Vgl. auch M. Merleau-Ponty: Phänomenologie derWahrnehmung, Berlin 1968 S. 24.28 F. Herzmanovsky-Orlando: "Maskenspiel der Genien", in:Gesamtwerk in einem Band, München 1957, S. 200-29 Flackert hat diese Tendenz in der Wissenschaft sobeschrieben: "Mein Reich ist von der Weite des Weltalls, meinVerlangen hat keine Grenzen. Ich schreite fort, befreie den Geistund wäge die Welten, ohne Hass, ohne Furcht, ohne Liebe undohne Gott. Man nennt mich Wissenschaft" (in: Die Versuchungdes heiligen Antonius).30 J. B. Watson: Behaviorismus, Köln 1968, S. 267.31 H. J. Eysenck: Kriminalität und Persönlichkeit, Wien 1977, S.229 ff. ,32 Vgl. P. Feyerabend: Wider den Methodenzwang, Frankfurt1976.33 zum Beispiel: F. Basaglia (Hrsg.): Was ist Psychiatrie?Frankfurt 1974; G. Jenas: Kritisches Handbuch der Psychiatrie,Frankfurt 1978.34 E. Straus: Vom Sinn der Sinne, Berlin 1956; M. BOSS:Grundriss der Medizin und der Psychologie, Bern 1975, Esträumte mir vergangene Nacht, Bern 1975, Von derPsychoanalyse zur Daseinsanalyse, Wien 1979;Perls/Hefferline/Goodman: Gestalt-Therapie, Stuttgart 1979; R.


D. Laing: Phänomenologie der Erfahrung, Frankfurt 1969; AliceMiller: Das Drama des begabten Kindes, Frankfurt 1979, AmAnfang war Erziehung, Frankfurt 1980.35 H. P. Duerr: Traumzeit, Frankfurt 1978; P. Feyerabend:Erkenntnis für freie Manschen, Frankfurt 1979 (veränderteAusgabe 1980)36 M. Ende: Die unendliche Geschichte, Stuttgart 1979.37 Dörner/Plog: Irren ist menschlich oder Lehrbuch derPsychiatrie/ Psychotherapie, Hannover 1978.38 H. v. Doderer: Tangenten. Aus dem Tagebuch einesSchriftstellers, München 1968, S. 35.39 E. Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1976,Band I, S. 155.40 M. Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin1968, S. 34.Quelle:Duerr, Hans-Peter (Hrsg.): "Der Wissenschaftler und dasIrrationale"; Frankfurt: Syndikat, S. 615 ff.

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