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Abwasser- weiter so geht nicht mehr In Hamburg wird die ... - WDR 5

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1Leonardo - Wissenschaft und mehrSendedatum: 05. November 2013Abwasser- weiter so geht nicht mehrIn Hamburg wird die Zukunft gebautvon Eva WolkAtmo Führung Jenfelder Au in HamburgO-Ton:„Gut, ich denke, wir starten mal langsam. Ich darf Sie herzlich willkommenheißen in der zukünftigen Jenfelder Au, ehemalige Lettow-Vorbek-Kaserne“Sprecherin:Ein sonniger Nachmittag in Hamburg. Hans-Christian Lied von der InternationalenBauausstellung IBA begrüßt die kleine Besuchergruppe, die sich in Jenfeld im Ostender Stadt vor einem Bauzauntor eingefunden hat. Dahinter liegt das weitläufigefrühere Militärgelände, auf dem ein ganz neues Stadtviertel entstehen soll. FünfzehnLeute sind gekommen, um an einer der regelmäßigen Infoführungen teilzunehmen,weil sie hier vielleicht mal eine Wohnung kaufen wollen. Diese Führungen sindeigentlich ein Angebot der Stadt, aber die IBA beteiligt sich, weil sie die künftige„Jenfelder Au“ als Referenzprojekt aufgenommen hat.O-Ton:„Referenzprojekt heißt, das ist ein Projekt, das eigentlich außerhalb desPräsentationsraums der Bauausstellung liegt. Wir beschäftigen uns, das weißvielleicht der Eine oder Andere, in der Hauptsache mit den Elbinseln. Unddann gibt es einige wenige Projekte, die sind so toll, dass wir die sozusagenadoptiert haben; da haben wir gesagt: Die müssen wir im Rahmen derBauausstellung mit präsentieren.“Sprecherin:Ein ganz neuer Stadtteil für 2000 Bewohner soll auf dem Gelände entstehen. Dafürsind 770 Wohneinheiten und dazu Gewerbe-Ansiedlungen geplant. Im Moment ist eshier aber noch ziemlich ungemütlich, die 35 Hektar große Fläche zum größten Teil© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.


3Sprecherin:So klingt eine von mehreren Innovationen auf dem Klo-Sektor, die in der engerenWahl stehen, um als wesentlicher Teil des „HAMBURG WATER Cycle“ in jederWohnung des neuen Quartiers installiert zu werden: Das Überdruck-WC. Wirbefinden uns in der Mitarbeitertoilette der Betriebskantine von Hamburg Wasser,dem größten deutsches Trink- und Abwasserunternehmen in kommunaler Hand. Hiersteht ein Testmodell des Überdruck-Klos.O-Ton:„Ja, die sieht eigentlich aus wie ’ne größere Campingtoilette, ist geschlossen,hat einen Kunststoffdeckel, den kann ich öffnen.Innen drin sieht es eigentlichvöllig normal aus, außer dass man hier ’ne größere Gummidichtung sieht.“Sprecherin:Kim Augustin ist bei Hamburg Wasser zuständig für die Projektentwicklung.O-Ton:„Man tut das, was man auf der Toilette tun möchte, klappt das dann runter –und wenn man dann den Betätigungsknopf drückt, dann gibt’s so ’nGeräusch, wo man meint, hoffentlich explodiert’s nicht. Aber da wird mit ganzwenig Energie in kürzester Zeit ein Überdruck erzeugt, der die Toilettehinterher absolut sauber wieder hinterlässt, und das Ganze nur mitanderthalb Litern – das ist schon ’ne kleine Revolution.“Sprecherin:Wie kann ein Klo wesentlicher Teil eines Jahrhundertprojekts sein? Um das zuverstehen, müssen wir ein bisschen ausholen: Das System der zentralenWasserversorgung ist über 150 Jahre alt. 1848 wurde es in Deutschland eingeführt,zuerst in Hamburg. Damals ging es darum, einen hohen Hygienestandard zu sichernund Überschwemmungen zu vermeiden. Wasserknappheit war noch kein Thema.Das Abwasserkonzept beruht auf dem Prinzip der Schwemmkanalisation: DieAbwässer werden weggespült – mit viel sauberem Wasser. Aber Wasser ist einknapper werdendes Gut, seit langem tun wir viel fürs Wassersparen und habenentsprechende Technik für Sanitäranlagen und Haushaltsgeräte entwickelt. Das© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.


4spart Wasser, ist aber schlecht für das Abwassersystem: Die alten Leitungen werdennicht mehr ausreichend durchgespült. Problematisch ist inzwischen außerdem, dassalle anfallenden Abwässer, ob aus Haushalten oder Industrie, in einem einzigenStrom in die Kläranlage geleitet werden.O-Ton:„Wir vermischen unser Abwasser: Ströme, die relativ sauber sind, Ströme, diehoch infektiös sind, Ströme, die eigentlich relativ energiereich sind, wirvermischen warmes mit kaltem Wasser – und bekommen dann auf derKläranlage ein Gemisch, was im Grunde nur ein Prozent Fäkalien enthält.Und wir müssen unglaublich viel Energie und Arbeit reinstecken, dieses eineProzent aus dem Abwasser wieder rauszuholen und so zu entgiften, dass dieUmwelt nicht geschädigt wird. Das ist ein sehr aufwendiges Verfahren, dashat seine Grenzen – das sieht man an der zunehmenden Diskussion überMedikamentenrückstände.“Sprecherin:Auch modernste Kläranlagen sind technisch nicht dafür ausgerüstet,Arzneimittelrückstände und Umweltgifte unschädlich zu machen. Dazu kommt, dassdas Schwarzwasser, wie das Abwasser aus Toiletten heißt, voller Wertstoffe steckt:Es enthält Stickstoffe, Phosphate und Kalium. Mit Blick auf die zunehmendeDüngemittelknappheit in einer Welt mit wachsendem Nahrungsbedarf ist es unsinnig,diese Stoffe mit dem Klärschlamm zur Hälfte zu verbrennen– die anderen 50 Prozentdes Klärschlamms werden auf den Feldern ausgebracht, aber damit eben auch dieenthaltenen Medikamentenrückstände und Schadstoffe. Verschiedene Versucheneuer Klärtechniken brachten in den letzten Jahren keine zufriedenstellendenErgebnisse. Deshalb denken die Experten um und wollen nicht länger erst in derKläranlage ansetzen, sondern viel früher: am Anfang des Abwasserwegs. Genau daswill auch Hamburg Wasser.O-Ton:„Eigentlich wäre es sinnvoll, Dinge zu einem Zeitpunkt zu verwerten, wo mansie noch leicht fassen kann. Da gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten,und wir haben eine Variante, die auf Stoffstromtrennung basiert, so weitvorangetrieben, dass wir jetzt in Hamburg ein Projekt mit 2000 Einwohnerndurchführen können. Und was wir da neu einbauen, anders einbauen, als© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.


5man das normalerweise kennt: Wir trennen die verschiedenen Wasser- undAbwasserströme. Anschließend können wir diese getrennten Ströme auchangepasst aufbereiten, angepasst Nährstoffe rausholen und Energie – undletztendlich können wir in eine Kreislaufwirtschaft an dieser Stelle einsteigen.“Sprecherin:Das Konzept des „HAMBURG WATER Cycle“, das im künftigen neuen Stadtvierteldiese Kreislaufwirtschaft möglich machen soll, arbeitet mit „Teilstrombehandlung“,das heißt, dass die Abwasserströme getrennt gesammelt und behandelt werden. DasRegenwasser zum Beispiel wird vom Kanalnetz abgekoppelt und fließt durch offeneGerinne, Bachläufe und Kaskaden in großzügige Rückhaltebecken. Die anderenbeiden Abwasserströme heißen Schwarzwasser – das ist das aus den Toiletten –und Grauwasser.O-Ton:„Wir trennen das Toilettenwasser und führen das über ’ne eigene Leitung zueiner Behandlungsanlage, trennen das Grauwasser ab – das ist das, wasbeim Duschen, beim Geschirrspülen anfällt. Das ist sehr viel im Vergleichzum Schwarzwasser, zum Toilettenabwasser. Kann man aber leichtsaubermachen, mit wenig Energie saubermachen und dann entweder in dieNatur entlassen oder wiederverwerten. Beim Schwarzwasser ist es so, da istalles drin, was wir nicht haben wollen: Krankheitskeime, chemische undbiologische Belastung. Die Kehrseite davon ist: Da ist auch ganz viel Energiedrin. Und diese Energie wollen wir direkt vor Ort zurückgewinnen und damitdas Quartier beim Heizen unterstützen.“Sprecherin:Und wie funktioniert das? Als Erstes braucht man ein neues Klo. Es muss mitminimalem Wasserverbrauch funktionieren, damit Urin und Fäkalien so wenig wiemöglich verdünnt werden. Denn nur dann kann man das Schwarzwasserökonomisch verwerten – die noch übliche starke Verdünnung macht das unmöglich.Neben dem Überdruckmodell, das bei Hamburg Wasser getestet wird, käme auchein Vakuum-Klo in Frage. Es braucht noch weniger Wasser.© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.


6O-Ton:„Bei einer Vakuum-Toilette wird ein Knopf gedrückt, der einen Unterdruckauslöst – also man öffnet ein Ventil.“Sprecherin:Ralf Otterpohl ist Professor am Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutzan der TU Hamburg-Harburg.O-Ton :„Und das führt dann dazu, dass der Unterdruck, der im Leitungsnetz ansteht,die Schüssel leer saugt mit allem, was da drinne ist, und zwar mit richtigKraft. Das macht auch ein gewisses Geräusch; das ist ein bisschengewöhnungsbedürftig im Anfang, ist aber auch nicht lauter als einSpülgeräusch von Spültoiletten. Und damit hat man dann halt mit, sagen wirmal, so 700 Milliliter bis einem Liter Wasser das große Geschäft transportiert.Das Kleine könnte man eigentlich mit viel weniger – da sind die Toilettennoch nicht für entwickelt. Und das geht dann zu ’ner weiteren Behandlung ineine Biogasanlage, wo halt die Bakterien die Verschmutzung fressen unddabei Methan produzieren. Und das ist eigentlich ein sehr schöner Prozess –wir haben sonst normalerweise ’ne Behandlung, die viel Energie kostet, undhier haben wir eine, die Energie produzieren kann.“Sprecherin:Aber auch hier bleibt natürlich ein Reststoff übrig, der mit Schadstoffen undMedikamentenrückständen belastet ist.O-Ton:„Und da wird halt auch jetzt vor diesem Projekt und auch an dem Projektintensiv geforscht: Wie können wir das Ganze so weiter verarbeiten, dass wireinfach auf der einen Seite prima Dünger kriegen zur Bodenverbesserung,Nährstoffe zurückbekommen, und auf der anderen Seite aber dieMikroverunreinigungen komplett entfernen können?“Sprecherin:Der Professor, der in den Medien mit dem respektvoll gemeinten Titel„Klorevolutionär“ Furore macht, beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit dem Themaorganische Bodenverbesserung. Und die hängt eng mit den Abwassersystemen© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.


7zusammen.O-Ton:„Für die Zukunft der Menschheit ist ganz entscheidend, wie wir mit unserenAusscheidungen umgehen, wie wir mit unserem Wasser umgehen – und,ganz wichtig: Wie wir mit unserem Boden umgehen. Wenn wir nicht dieorganischen Stoffe wieder auf den Boden bringen und auch die Nährstoffewieder aufs Land, dann wird’s in Zukunft fürchterliche Hungersnöte geben.Weltweit wird nur etwa zehn Prozent des Abwassers überhaupt gereinigt unddieses Wasser wird halt gebraucht für Menschen zum Trinken, zumBewässern und so weiter. Hier bei uns haben wir ja ein System, mit dem wirim Moment noch ganz gut leben, was halt leider nicht nachhaltig ist – aufDauer funktioniert es nicht, und zwar überhaupt nicht. Und jetzt ist es haltAugenwischerei zu sagen, ja gut, so ’n paar Jahrzehnte können wir damitnoch klarkommen. Da ist halt einfach klar, dass wir in beiden Bereichen neueAnsätze brauchen – Ansätze, die wir halt jetzt auch schon erproben, damit wirwissen, was wir in zehn, zwanzig vielleicht als Standardsystem hier machen.“Sprecherin:Es gibt in Deutschland mehrere Gebäude- und Siedlungsprojekte, die von derKanalisation abgekoppelt sind und neue Lösungen ausprobieren. Die neue JenfelderAu aber mit der Innovation „HAMBURG WATER Cycle“ könnte die größte Siedlung inEuropa werden, die ihr Abwasser energieautark entsorgt und dabei die enthaltenenNährstoffe und Energie zurückgewinnt. Welche Toiletten-Innovation das Rennenmachen wird im neuen Abwassersystem, steht noch nicht fest. Klar ist aber: Es istwenig sinnvoll, diese beim Wasserverbrauch supersparsamen Klo-Innovationen imbestehenden Abwassersystem zu nutzen. Kim Augustin von Hamburg Wassererklärt, warum:O-Ton:„Für mich als jemand, der weiß, wie es in den Sielen zugeht, ist das natürlich’ne absolute Katastrophe, weil wir einfach dann definitiv zu wenig Spülwasserhaben und dann Geruchs- und Ablagerungsprobleme haben werden. Was wirbrauchen, ist ’ne Stoffstromtrennung. Dann wollen wir so viel Wasser sparen,wie’s überhaupt nur geht. Aber wenn man das nicht tut, wenn man die Stoffenicht trennt, dann ist Wassersparen Gift – und zwar sowohl in ökonomischer,aber auch in ökologischer Hinsicht.“© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.


8Sprecherin:Deshalb setzen Kim Augustin und sein Arbeitgeber große Hoffnungen auf dasKonzept „HAMBURG WATER Cycle“ – denn den Problemen der heutigenWasserversorgungs-Systeme ist letztlich nur beizukommen, wenn man sierunderneuert. Für Hamburg Wasser, das gemeinsam mit der Stadt elf Millionen Euroin das neue Quartier investiert, steht viel auf dem Spiel.O-Ton:„Ist ja auch klar: Wir werden dieses System im Grunde auf ewig betreibenmüssen. Also nicht nur zehn, zwanzig Jahre – auch nicht nur drei Jahre wievielleicht bei manchen Universitäten; nein, wir bauen hier für die Ewigkeitdieses System. Weil es ist auch klar: Ein Rückbau in den Häusern, daskommt ja überhaupt nicht in Frage. Also müssen wir ein System so planen, sokonstruieren, dass wir sehr sicher sind, dass es funktionieren wird. Und daswar für alle Beteiligten neu.“© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet noch öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht) werden.

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