Betonzeitschiene Faltblatt - Herausgeber - Die Betonzeitschiene

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BETONZEITSCHIENE ®RUAIRI O´BRIENLandeshauptstadt Dresden, Kulturamt


BETONZEITSCHIENE ®Im Jahre 2001 wurde im Herzen der DresdnerSiedlung Johannstadt eine stillgelegte Betonfabrikabgerissen. 30 Jahre lang, noch bis1990, hatte man hier die Fertigteile des normiertenWohnungsbaus gegossen: anfangssogar aus den zermahlenen Trümmern derzerbombten Stadt recycelt.Den Anwohnern der benachbarten -und hierproduzierten- Plattenbauten mag die riesigeBrache nicht unbedingt als Denkmal von kulturhistorischemWert erschienen sein.Der irische Architekt Ruairi O'Brien jedocherkannte das architekturhistorische Potenzialdieses Ortes und begründete 2002 das weltweiterste Plattenbaumuseum.Sein Konzept verwirklichte er am Rande des70 Hektar großen Fabrikgeländes undbetätigte sich dafür als urbaner Archäologe.Das Grabungsfeld belohnte ihn rasch miteiner Fülle von Fundstücken und ein Panoramavon mindestens 180° zeigt die nunmehrhistorische Baukulisse noch in voller Funktionalität:ein erstklassiger Ausgangspunkt fürdie Freiluftanlage, die passenderweise denNamen BETONZEITSCHIENE ® erhielt.Entlang eines relativ kurzen Zeitraums hattesich im 20. Jahrhundert -und nicht nur imehemaligen Ostblock- die modulare Bauweiseentwickelt: platzsparend und ökonomischwurde Wohnraum geschaffen.Dass man sich dabei auf die progressivenIdeale des Bauhauses und die ästhetischenIdeen des Internationalen Stils berief, gerietim Kreuzfeuer der Kritik häufig in Vergessenheit.Uniformität und Gesichtslosigkeit warennoch die geringsten Vorwürfe, die sich diePlattenbauten gefallen lassen mussten - ihreBewohner, die in den 1970er und 80ern soerstmals in den Genuss von fließend warmenWasser und Zentralheizungen kamen, mochtensich derlei Verdikten oft nicht anschließen.Neuerdings erfahren die gebauten Zeugnisseder sozialistischen Moderne wieder eine diskursiveAufwertung: durch Ausstellungen,Publikationen und Initiativen zum Erhalt derartigerEnsembles.Insofern kamen Ruairi O'Briens Pläne genauzur rechten Zeit. Gemeinsam mit Werner Ehrlich(Kulturamt Dresden) und anderen begeistertenHelfern rettete der Architekt typischeBauelemente wie Außenwandplatten, Stahlrahmen,bunte Fliesen vor der Verschrottungund arrangierte sie in einem Parcours. Diesererstreckt sich entlang von chronologisch aufgefasstenDreieckssegmenten und wird vonder einstigen Pförtnerloge des Areals unterbrochen.Das Häuschen, eine Peitschenlampesowie die Waage für die mit Platten ausrückendenLKWs bilden den Kern des Lapidariums- schließlich sind sie die einzigenintakten Originalexponate.Aus der Perspektive von O'Brien bilden sieeine perfekte Skulpturengruppe innerhalb


seines Land bzw. Environment Art Projektes.Auch eine komplette Nasszelle wurde begehbaraufgestellt - eine von jenen mit Fensterundgibt so den bewussten Blick auf die realexistierenden Johannstädter Platte frei. Vorihrem Eingang informieren in den Boden eingelassene,miniaturisierte Grundrisse spielerischüber die diversen Wohnungstypen, diein der Johannstadt zur Auswahl standen.Für Ruairi O'Brien spielt dabei auch dieAktualität des modularen Bauens eine erheblicheRolle. Er möchte weniger den sozialistischenPlattenbau verklären, sondern vielmehrdie Plattform für eine sachliche Diskussionschaffen, innerhalb derer Theoretiker genausowie die Nutzer der Bauten erwünscht sind.Insofern -als Bestandteil lebendiger Stadtstruktur-nimmt die BETONZEITSCHIENE ®unbedingt soziokulturelle und auf Teilnahmeangelegte Züge an.Dieses micromuseum ® , wie es sein Autorauch bezeichnet, bietet nicht nur eine künstlerischeUmdeutung der jüngsten Vergangenheitund Gegenwart an, sondern dient alssozialer Anlaufpunkt im Viertel, Identifikations-und Bildungsmöglichkeiten inklusive.Insofern erfüllt das Kunstprojekt durchauseinen traditionellen musealen Auftrag. Gleichzeitigwirkt es institutionskritisch im Hinblickauf festgefahrene Vorstellungen von Museen:Abgesehen von der luftigen Anlage entwickeltes sich dynamisch. Im Pförtnerhäuschenist eine Forschungszentrale zur Modulbauweisegeplant und konzeptuelle Begrünungentragen das Ihre dazu bei.Auf einem Pfad aus neu gefertigten Betonplattenund Informationsstelen bewegt mansich durch die Geschichte und findet sichschließlich vor dem gewaltigen Kies-Silo wieder.In der Wand dieser 15 Meter langenFundskulptur befindet sich der Eingang zum"Einheitsgarten". Hinter der Leuchtschrift:"Betreten auf eigene Gefahr" in Schwarzrotgolderstreckt sich ein überraschendesDickicht.Wie auf so vielen Brachflächen in Ostdeutschlandhat sich hier während der letzten15 Jahre ein dichter Wildwuchs entfaltet.Normalerweise werden diese Phänomenewenig geschätzt und sowohl als Schandfleckenwie auch zu recht als unliebsameErinnerungen an den flächendeckendenZusammenbruch der heimischen Industrieangesehen. Und obwohl das Biotop alsbeabsichtigte Metapher für einst verheißene"blühende Landschaften" sehr gut funktioniert,deutete es Ruairi O'Brien auch beinaheromantisch um.Das kleine Dickicht, eingezäunt von recyceltenBewehrungsmatten, steht als Chance fürneue Sichtweisen, ungewöhnliche Lösungen,private Initiativen und zwei feierliche Lichtspiralenbekräftigten zur Eröffnung diese Haltungzusätzlich.Susanne Altmann

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