DEUTSCHE BAUZEITUNG : • T ^ V v

delibra.bg.polsl.pl

DEUTSCHE BAUZEITUNG : • T ^ V v

DEUTSCHE BAUZEITUNGMIT DEN BEILAGEN: STADT UND SIEDLUNG / WETTBEWERBEKONSTRUKTION UND AUSFÜHRUNG / BAUWIRTSCHAFT UND BAURECHTHERAUSGEBER:SCHRIFTLEITER:PROFESSOR ERICH BLUNCKREG.-BAUMSTR. FRITZ EISELENAlle Rechte Vorbehalten. — Für nicht verlangte Beiträge keine Gewähr.61. JAHRGANG BERLIN, DEN 23. APRIL 1927 Nr. 33Das Stadion zu Frankfurt a. M.II. Die A nlage für den Rad- und Schwim m sport.Von Stadtbaurat a. D. G. Schaumann.(Hierzu 11 Abbildungen.)eber die G esam tanlage des Stadionshaben wir im Jahrg . 1926, S. 521 ff.,bereits berichtet und das Verwaltungs- und Tribünengebäude imbesonderen dargestellt. Inzwischensind die A nlagen für R ad- bzw.Schw im m sport sowie die W intersporthalleebenfalls fertiggestelltund sollen den G egenstand nachstehender D arstellungbilden. W ir verw eisen dabei auf den G esam tplanJahrg. 1926, S. 521, von dem unser P lan Abb. 6, S. 283,einen vergrößerten A usschnitt bildet.die andere allen F ahrern überall möglich ist. DieFliegerbahn h at eine Länge von 400 m, w oraus sich fürdie Steherbahn — in beiden Fällen in der vorgeschriebenenE ntfernung von 35 cm von der Innenkantegem essen — eine Länge von 416,67 m ergibt. Derkleinste H albm esser der elliptischen Bahn ist 40 m,w oraus die steilste N eigung der Steherbahn zu 49° errechnetwurde. (Vgl. Q uerschnitt Abb. 2, S. 282, undAbb. 10, S. 285.)Die Bahn ist d erart in das Gelände eingebettet,daß sie in 9 m Höhe über dem Innenraum von einem6 m breiten Umgang um geben ist, von dem aus sich dieAbb. 1. H aupteingang zur R adsportbahn. (Vergl. Plan Abb. 6.)(Aufnahme Dr. P. Wolf, Frankfurt a. M.):T^ VvDie Radsp.ortbahn, deren große T ribüne densüdlichen Abschluß der zw eiten großen Achse desStadions bildet, w urde nach einem V orschläge desSpezialisten für R adbahnen, Ing. R ichard Ludwigzu M arkkleeberg bei Leipzig, m it gebrochenem Profilausgefülirt, derart, daß die innere, flachere Fläche von4 m Breite die Fliegerbahn bildet, um die sich diesteilere Steherbahn in 6 m Breite herum legt. Die Berührungslinieder beiden Bahnen ist im Q uerschnittausgerundet, so daß der Ü bergang von einer Balm aufZuschauerplätze — etw a 20 700 — bis zur O berkanteder Bahn herunter erstrecken. An der südlichen L ängsseiteder B ahn w urde die H aupttribüne errichtet, die1367 Sitzplätze enthält. Die als B etonplatte hergestellteBahn sollte unm ittelbar auf das profilm äßiggenau regulierte Gelände gelegt w erden, doch w ar diesnicht durchführbar, d a die Bahn teilw eise in erheblichemA uftrag zu liegen kam und die Zeit für das erforderlicheSetzen des Bodens zu kurz war. Es m ußtedeshalb zu einer S ubstruktion der Bahn aus Beton-281


cfPfeilern und -Balken gegriffen werdenderen E inzelheiten von der ausführendenF irm a Dyck er hoff & W i d -m a 11 n ausgearbeitet wurden. Wo dertragfähige Boden zu tief lag, wurdenals Pfeiler eingeram m te Betonpfähleverw endet. Die Bahn erhielt einenG lattstrich aus Zem entm örtel, der mitder bekannten Messingwalze gekröneltwurde. Die so hergestellte Oberflächeh at sich bestens bew ährt. Sie ist auchin den steilen K urven nicht zu glattda die K rönelung das Gleiten verhindertohne die Gummidecken anzugreifen.An ihrem oberen Ende ist dieBahn durch eine ringsumlaufende, etwa80 cm hohe B etonm auer eingefaßt, dienach innen m it einem starken Wulstversehen und zweiteilig, nach obenklaffend, ausgeführt wurde, dam it Gegenstände,die von den Zuschauernfallengelassen werden, nicht auf dieBahn fallen, sondern von demZw ischenraum zwischen den beidenM auern aufgenom m en werden und sodie F ah rer nicht gefährden. Auf deräußeren M auer w urde zum weiterenSchutze der Zuschauer ein starkesE isengitter von etw a 50 cm Höhe angebracht.Um die R adsportbahn unabhängigvon der sonstigen Benutzung desStadions betreiben zu können, erhieltsie an der M örfelder Landstraße einenbesonderen P ortalbau m it Kassenräumen, Treppenaufgängen und Aborten.(Abb. 1, S. 281.) Dieser Baubildet gleichzeitig den Haupteingangzu dem großen, 4 m breiten Tunnel,durch den die Zuschauer in den Innenraumgelangen, und enthält auf derH öhe des U m gangs einige Räume fürdie V erw altung und zwei Wohnungenfür A ngestellte. D arüber erhebt sicheine S teiltribüne m it 234 Sitzplätzen.Die ganze A nlage ist mit elektrischerB eleuchtung reichlich ausgestatte t, so daß sie für abendliche Veranstaltun g en besonders geeignet ist.Der Innenraum w ird im W inter alsE isbahn b e n u tz tDie große Tribüne (Abb. 11,S. 285) en th ält in ihrem Untergeschoß,das nach der A ußenseite der Bahn überdem G elände liegt, in der Hauptsachedie Räum e für die F ahrer nebst BadeundD uscheräum en sowie den erforderlichenW erkstätten. Von hier werdendie R äder durch einen Tunnel zu derS tartfläche auf der Bahn gebracht, damit die Bahn nicht überschritten zuw erden braucht, w as unter allen Umständenverm ieden w erden muß.Die Schwimmsportanlage(Abb. 7, S. 283, Abb. 8 u. 9, S. 284)besteht aus dem 100 111 langen, 22 mbreiten Schwim m becken, m it dem einbesonderes, 18 m langes Becken fürSprungübungen verbunden ist. Diebeiden Becken sind durch eine durchbrocheneB arriere getrennt, auf der dieS tartböcke des Schwimmbeckens angeb rach t sind. Diese Einrichtung, diegew ählt w urde, um die Sprungübungenvom Schwimmbetrieb unabhängigzu m achen, h at sich durchausNr. 33.


Abb. 5. V orderansicht der Großen Sporthalle. (Maßstab 1 : 500.)Auskleite - Räum eSprung-BeckenImklPide-foAbb. 6. Teilplan der Stadionanlage für Rad- und Schwimmsport. (1 : 3000.)Abb. 7.Blick auf das Kopfende der Schwim mbahn mit Sprungturm , links TeiJ des Radrennbahn.(Aufnahme der Südw estdeutschen Luftverkehrs-A.-G.)bewährt. Das Schwim m becken h at eine Tiefe von 2bis 2,35 m, die im Sprungbecken auf 4,50 m ansteigt.Die Becken w urden durchw eg in Eisenbeton au s­geführt. Sie haben einen ringsum laufenden begehbarenKanal, der die R ohrleitungen en th ält und gleichzeitigzur Absteifung der B eckenw ände benutzt w urde.Außerdem dient der K anal zur F eststellung vonetwaigen U ndichtigkeiten der Beckenw ände. (Schnittin Abb. 2 u. 3, S. 282.) Das Becken ist in A bständenvon 25 m mit D ehnungsfugen versehen, bei deren K onstruktionbesonders auf die W asserdichtigkeit R ücksichtgenom m en wurde.Eine B esonderheit des Schwim m beckens bildet dieelektrische U nterw asserbeleuchtung, die nach A rt vonBullaugen im unteren Teile der W ände angebracht istund den Zweck hat, den B eckenboden und das W assererforderlichenfalls abzuleuchten.D as B ecken h at einen W asserinhalt von 6600 cbraund w ird unm ittelbar aus der städt. W asserleitung gespeist.D a eine Pum pstation dieser W asserleitung nur23. April 1927. 283


einige 100 1,1 vom Stadion entfernt liegt, so w urde vonhier eine Rohrleitung zu den Badeanlagen geführt, diesowohl Abdampf- wie warm es W asser dem Badew asserzu führen kann, so daß es möglich ist, das W asser w ährendder ganzen Badezeit auf + 20° C zu halten. DieseRohrleitung m ündet im Keller der großen w estlichenKleiderhalle am Licht- und Luftbad (s. LageplanAbb. 6), wo die Filtration des Badewassers, verbundenmit einer Chlorierungsanlage nach dem System derBerlin-Anhaltischen M aschinenbaugesellschaft untergeenthalten.Die flachen D ächer dieser Bauten dienenals vielbegehrte Liegehallen für Licht- und Luftbadende,w ährend in den K opfbauten auf der Höhedes Schwim m beckens einerseits ein Kaffeeausschank,auf der anderen Seite ein Friseurladen untergebrachtist. Räum e für den S anitätsdienst und für die Sportbehördenvervollständigen die Anlage.W enn diese A nlage ursprünglich nur dem Sport zudienen bestim m t w ar, so lag es nahe, sie auch der allgemeinen Benutzung dienstbar zu machen. Aus dieserAbb. 8.Sehwim m sportanlage nebst Licht- und Luftbad.4 \Abb. 9.Blick auf das Sportschwim m becken.bracht ist. Die Anlage stellt unter ständiger K ontrolledes städt. hygien. Instituts. Das an der W estseite desSprungbeckens in den vorgeschriebenen Sprunghöhenvon 3, 5, 7 und 10 m aufgeführte Sprunggerüst, dasmeistens in Eisen konstruiert wird, ist hier in Eisenbetonausgeführt. Es w irkt gleichwohl leicht und gefällig,da die Abmessungen der Einzelteile den B eanspruchungenentsprechend verhältnism äßig schwachsein konnten. (Abb. 3, S. 282.)An den beiden K opfseiten und einem Teil dernördlichen Langseite ist das Schwimmbecken vonzwei-, z. T. dreigeschossigen Bauten um geben, die dieerforderlichen Auskleideräum e, Duschen und A borte284E rw ägung w urde ihr ein Licht- und Luftbadangegliedert, das ein von R asenflächen umgebenes30 50 1 großes Becken für N ichtschwim m er enthält,an das sich ein Becken für S andbäder anschließt, abgeschlossendurch eine P ergola, die sich bogenförmigzu dem die ganze A nlage beherrschenden Kaffeehausm it vorgelagerter T errasse zusammenschließt.(Abb. 8, oben.)Die Auskleide hallen des Licht- und Luftbadessind nach einem doppelten System ausgeführt:Einm al nach dem der sogenannten Wechselzellen, indenen sich die G äste auskleiden, um ihre K leider durcheinen Schlitz in die große K leiderhalle abzuliefern undNr. 33.


sodann die Zelle dem nächsten Gast zu überlassen.Außerdem aber sind Einzelzellen vorhanden, die jeweilsfür drei Stunden verm ietet w erden. Diese Zellensind in Holz k onstruiert und um kleine nischenartigeHöfe gruppiert, um so m öglichst viele Zellen auf derverfügbaren Strecke unterbringen zu können. (Vgl.hierzu den Lageplan Abb. 6, S. 283.)D a das F rankfu rter Stadion nicht nur W ettkämpfen,sondern der S portbetätigung und Schulungnommen. Auch die 25 50 m große H alle enthält keinesolchen Plätze. Zwar hat sie eine ringsum laufende 3 mbreite Galerie, die aber lediglich als L aufbahn benutztwerden soll und zu Übungen an schw edischen Leitern,die an den W änden angebracht sind. Die H alle ist sogeplant, daß sie nach beiden Seiten und nach hintendurch A nbauten erw eitert w erden kann, falls das Bedürfnisauftreten sollte, w eitere Ü bungsräum e und vielleichtauch W ohnräum e für K ursisten anzugliedern.Abb. 10 (oben)Blick auf dieRadsportbahn.Abb. 11 (links).Tribüneder Radsportbahn.im w eitesten Sinne dienen soll, so h at die V erw altungvon Anfang an großen W ert auf die E inrichtung vonÜbungskursen, vornehm lich auf dem G ebiete derLeichtathletik, gelegt. Diese K urse haben in so erfreulichemMaße zugenom m en, daß die A nlage einerzweiten Laufbahn und in V erbindung dam it die E inrichtungeiner heizbaren Wintersport ha Ile einunabw eisbares Bedürfnis w urde. Diese A nlagen fandenihren Platz in der südw estlichen E cke des Geländes.(Querschnitt Abb. 4, S. 282, A nsicht Abb. 5, S. 283.)Da diese Laufbahn n ur Ü bungszw ecken dienen soll, sowurde hier von Z uschauerplätzen gänzlich A bstand ge-D ann w ird auch die Galerie besondere T reppenhäusererhalten, die es erm öglichen w erden, sie bei besonderenA nlässen für Zuschauer zu öffnen. Einstw eilen ist dieGalerie nur von der Halle selbst aus durch zwei eiserneT reppen zugänglich. Um den Bau dieser H alle m öglichstzu beschleunigen, w urden die A ußenm auern vonder T ragkonstruktion vollständig getrennt, so daß dieF undam ente und U m fassungsm auern ausgeführt w erdenkonnten, w ährend die E isenkonstruktion durchko nstruiert und m ontiert w urde. So gelang es, denBau in ach t W ochen u n ter D ach zu bringen. DieD ecke besteht aus B im sbeton-Stegdielen m it Ab-23. April 1927. 285


deckung aus Torfoleum -Platten, Zem entestrich undDachpappe.In den A nbauten sind die erforderlichen Auskleide-,Dusch- und G eräteräum e untergebracht, wieauch die Niederdruckdam pfheizungs- und die W asserversorgungs-Anlage.Die Halle wird als T rainierraum für alle leichtathletischenÜbungen, auch für den Tennissport, Verwendung finden. Sie ist außerdem für sportliche Lehrzweckem it einer K inoeinrichtung versehen.An der A usführung der H alle w aren in erster Liniedie A. G. für Hoch- und T iefbauten, die FirmaJ. S. Fries, Sohn, für die E isenkonstruktion unddie Firm a Rud. Otto Meyer für die Heizungs- undW arm w asserbereitungsanlagen, säm tlich in Frankfurtam Main, beteiligt. —Über den Wert der geschichtlichen Lehre für die Erziehung der Architekten.Von Privatdozent Dr.-Ing. Mäkelt, Berlin. (Schluß aus Nr. 31/32.)ibt es z. B. für die Erkenntnis formbildenderGesetze an Einzelformen etwas Lehrreicheresals die Umbildung des römischen Gurtsimsesnach Material und Klima durch die nordischenVölker des Mittelalters und die abermaligeÜbernahme und Umbildung jenes Gesimsesdurch deutsche Barockmeister, die erneut dessen Ausladungeinschränken und ihm den steilen gotischen Wasserschlagbelassen? — Will jemand behaupten, daß die Methodenund Erfahrungen der Alten beim Werksteinbau. bei Holzkonstruktionen,bei Dachdeckungen, in der Ziegelbaukunst,in der Putztechnik, der Schmiiedekunst, Glasmalerei usw.irgendwie überholt seien, nicht die genaueste Nachahmungund Beachtung verdienten trotz der modernen technischenHilfsmittel? — Können Bauwerke größerer künstlerischerKraft und zugleich größerer haushälterischer Durchbildungerdacht werden als die der Griechen des 5. Jahrhundertsund die der Gotiker? Was insbesondere die gotischenBaumeister anbetrifft, so waren sie — jene wahrhaftigenEiseningenieure des Mittelalters — in einem Maße begabtmit vernünftigem, sinnvollem Denken und dem Geiste derSparsamkeit und Wirtschaftlichkeit, das sie, könnten siesich in unser heutiges Getriebe einreihen, ohne weitereszu unseren berufenen Instruktoren machen müßte. Inihrer Bauwirtschaft, an jeder ihrer Konstruktionen undFormen läßt sich das erweisen! Nie wäre es ihnen in denSinn gekommen, eine riesige Hauswand aus Glas zu erbauen,wie wir sie jetzt in Dessau bewundern sollen, hinterder der Bewohner genötigt ist, ein Quantum Kohlen zuverbrennen und zu bezahlen, das sein Architekt bei vernünftigerÜberlegung vielleicht auf den dritten Teil hätteherabsetzen können, und für die er einen Stab von Fensterputzernjahraus, jahrein unterhalten muß. Nie auch wärees jenen Meistern eingefallen, Mauersteine von Bockhornnach Berlin zu verfrachten, wenn sie solche vor den TorenBerlins in gleicher Güte und billiger haben konnten! Niehätten sie Berge von Metall vergeudet, um Stein- undMörtelsimse fragwürdig zu schützen, noch je außer achtgelassen, daß bauen in deutschen Landen, kämpfen heißtgegen Sturm und Wetter!Wenn endlich die Baugesinnung der Vorfahren alsvorbildlich hingestellt wird, so soll diese uns vornehmlichzeigen, daß die Sorge um die materielle Größe des Lohnesdie Liebe zum Werke kaum jemals beeinträchtigt oder garertötet hat, und daß solche Gesinnung eine der Voraussetzungeneiner blühenden Baukunst ist. Es will uns alseine_ der vornehmsten Aufgaben des Architekten erscheinenauch in diesem Sinne den alten Kollegen undderen Mitarbeitern in ihren Werken nachzuspüren und vonjenem Geiste recht viel für sich und seine Gehilfen beimWerke in die Jetztzeit herüberzuretten.Die Einwände, daß so manche der guten altenMethoden für uns praktisch unerreichbar sind unter demZwange der Gesamtwirtschaft unserer Tage, daß es nichtmöglich ist, das Bauholz jahrelang zu wässern und zulagern, den Kalk winterlang einzusumpfen, um diesenMaterialien die Qualitäten zu geben, die sie einstmalshatten, diese Einwände, so richtig sie sein mögen, dürfenuns erst recht nicht veranlassen, das Unerreichbare demSchüler vorzuenthalten oder ihm nur als geschichtlichbemerkenswert beiläufig zu erzählen, noch veranlassen,ihm das noch Lebendige ohne Vertiefung in Herkunft undWerden zu übermitteln. Je gründlicher wir ihn von demhöheren Werte verlassener und unwiederbringlicherMethoden überzeugen werden, um so kritischer wird erspäter als praktischer Künstler Neuerscheinungen derBaukunst und des Baumarktes prüfen zum Segen derTechnik und der Kunst, und um so mehr wird er über dienoch lebenden Methoden der Alten nachdenken, sie festzuhaltensuchen und ihre unabweisbaren Wandlungen überwachen.286Dann hört man zuweilen die Meinung, daß es nichtlohne, der Güte alter Bauten nachzueifern, die für diegrößte Lebensdauer erdacht und geschaffen seien; daß dieGüte unserer Bauten, die so rasch durch Moderneres überholtseien, sich vielmehr der ihnen zugedachten kürzerenLebensdauer angleichen müsse. Die Frucht solcher Ideensind dann einen Stein starke Wetterwände! Gibt es unwirtschaftlicheresDenken? Sind nicht recht unmoderne Bautenzuweilen sehr begehrte wirtschaftliche Werte, die zu beseitigenNiemandem einfällt? Sind es etwa die ungezähltenTausende alter Bürgerbauten in Stein und Holz in unserenalten Städten nicht? Wie, wenn sie gerade jetzt in unsererNot alle zusammenbrächen! Würden sie abgebrochenworden sein, wenn ein gewonnener Krieg uns etwa mitReichtümem überschwemmt hätte? Soll die Durchführungunserer derzeit größten Bauaufgabe, des Wohnungsbaues,nur gerade die Not der Lebenden bannen? Der Fluchunserer Nachfahren wird uns treffen, wenn sie für unsereBausünden zahlen müssen! Ein Volk in der Lage desdeutschen muß, wenn auch künstlerisch bescheidener alsin den Tagen des Glückes, doch technisch erst recht gutund für die Dauer bauen und sich hierzu die besten Lehrenvon seinen Vorfahren nehmen.Jenen vier W ertpunkten gegenüber, die wir glaubenoben voranstellen zu müssen, verblaßt der Zweck historischerBaukunstlehre, der dem Schüler den Schatz alterFormen zur Verwertung in die Hand geben soll; ein Nebenzweck,aber doch ein Zweck, der nicht außer acht gelassenwerden darf.Der Hauptgrund für den Kampf gegen die Bindungdes Architektennachwuchses an die Vergangenheit ist dieBeschuldigung, daß die Blütezeit der Baukunstlehre geschichtlicherGrundlage und baugeschichtlicher Wissenschaftöde Stilnachahmung und einen Tiefstand der Baukunstund der Baugesinnung wenn nicht \ eranlaßt, sodoch befestigt hätten. Über den Tiefstand der Baukunst,über die betrübliche Tatsache, daß in Deutschland seitvielen Jahrzehnten mehr Schlechtes als Gutes gebautworden ist, kann nicht gestritten werden. Wir möchtenaber behaupten und müssen uns leider den Nachweis andieser Stelle versagen, daß der Stand der deutschen Baukunstin Stadt und Land noch einigermaßen erträglich warbis zu der Zeit um 1900, und daß erst nachher, wesentlichgefördert durch das Auftreten der damai0 lockendenNeuerer, Baukunst und Baukultur in einen Zustand derErschütterung gerieten, demgegenüber die nachahmendenJahrzehnte des vorigen Jahrhunderts fast wie Zeiten einheitlicherBaukunst und Baugesinnung erscheinen.Tausende sind allerorten ernsthaft am Werke, unsereBaukunst zu reinigen und in sichere Bahnen zu leiten,und die Geschichte wird uns das, was wir schon jetzt alsFortschritt für uns in Anspruch nehmen, die Rückkehr zurEinfachheit, wenn ihre Beharrung bleibt, wohl sicher alssolchen bescheinigen; doch sollten uns die letzten dreißigJahre lehren, daß eine von der Mode gepeitschte Zeit,deren Baukunst zum guten Teil noch die gleichen oder dochähnliche Aufgaben hat, wie vor Jahrhunderten, und dabeides Stiles entbehrt und. wie es scheint, entbehren muß. derMutter der Künste nicht den Halt nehmen darf, der. sie ander Vergangenheit hat.Was in aller Welt schadet es, wenn unsere Bautengute geschichtliche Formen verwerten? Was not tut, istgute Baukunst, aber nicht um jeden Preis neue, noch nichtdagewesene Baukunst. Werden historische Formenschlechter, wenn sie neu gebildet sind, können sie nur danngut sein und Beifall verdienen, wenn sie ehrwürdigesAlter haben?Die große Masse der Architekten und des derzeitigenNachwuchses hat nur durchschnittliche Gaben. Das warauch ehedem kaum anders und wird und kann so bleiben,und nur wenige sind zum ernsten ehrlichen Suchen nachNr. 33.


R eiseskizze von Studienrat Dipl-Ing. H. Lichtwald, Halle a. S.H ohenstaufentor in W impfen am Neckar.(Vgl. Jahrg . 1926, Nr. 99. R athaus in Alsfeld i. Hessen.)23. April 1927.


Neuland geboren und gewillt. Was wird nun mit dieserMasse, wenn wir ihr auf Schulen und Hochschulen nur diejeweils gültige Konjunkturbaukunst vermitteln werden,die sie nach einigen Jahren versinken und durch eine neue,ihnen nicht gelehrte abgelöst sehen? Dann werden siedie jüngeren Kollegen studieren und kopieren müssen, diedie neue Methode beherrschen, um sie mitmachen zukönnen, und von Baukunst als einer sauberen und aufrechtenKulturerscheinung wird nicht mehr die Rede sein.Wenn nicht, wie wir oben meinen, viel gewichtigereGründe dafür sprächen, so müßte allein diese Aussicht unshindern, unseren Schülern den Leitstern zu verhängen,dessen unvergängliche Leuchtkraft allein sie auf sichererBahn zu halten vermag.Nur diejenigen unter den Architekten, denen dieBauten der Alten nur gute und ehrwürdige Lösungen veralteterAufgaben und nicht mehr bedeuten, können behaupten,daß deren Studium nur noch der Wissenschaftdienen könne und solle und für den Architekten von heute,wenn nicht entbehrlich, so doch gleichgültig sei und dieHochschule daher solcher Lehre verschlossen bleibenkönne. Selbst wenn sie recht hätten, dürfte der Lehrehistorischer Baukunst vor Technikern und Künstlern derPlatz nicht strittig gemacht noch geschmälert werden.Soll sie sich nur vor Nichtteehnikern verbreiten? Dannmöchten wir der künftigen Forscherarbeit auf unseremGebiete keine sehr günstige Voraussage stellen und einenoch ungünstigere den Denkmälern selbst. Erfordern sie,die zu ungezählten Tausenden in unserem Vaterlande nochaufrecht stehen, nicht für Jahrhunderte noch die Pflege derArchitekten, die ihnen die Liebe entgegenbringen, derersie bedürfen, und die ihnen gewachsen sind? Oder glaubtman, diese Architekten fortan unter denen zu finden,denen man den Glauben an die lebendigen Kräfte in diesenDenkmälern verschlossen hat?Der Fragen sind genug gestellt; warten wir die Antwortenab! Noch glauben wir nicht, daß man versuchenwird, Samenkörnern auf dem nackten Felsen die Wurzelnzu entlocken, und noch wollen wir hoffen, daß alle die,denen unsere künftige Baukunst und die Erziehung ihrerkünftigen Träger Herzenssache ist, von der Erkenntnisbeseelt sind, der Geibel in den herrlichen Worten Ausdruckgegeben hat:Sind denn der Vorgeschlechler Tage der feste Grund nicht,drauf wir stehn? das Erdreich nicht, drin unser Lebensbaumbewußt und unbewußt unzählige Wurzeln senket? und das ihnfort und fort mit Nahrung tränket? bis in des Wipfels Blütenbaum?J a mehr noch: was in Luft und Wehen damals in dieErscheinung trat, ist’s nicht für immer, nicht für uns geschehen,Ermuntrung, W arnung, Trost und Rath? Und wer nun dasVergang'ne recht erkannt, wird auch das Gegenwärtige durchschauen;er wird getrost mit doppelt sichrer Hand am großenBau der Zukunft bauen. —Vermischtes.Ausschuß für Architektur des DWB. Innerhalb desDeutschen Werkbundes ist ein Ausschuß für Architekturgebildet worden, dem folgende 21 Herren angehören: Abel,Behrens, Block, Docker, Fahrenkamp, Fischer - Essen,Fischer - München, Gellhorn, Gropius, Häring, Kreis, May-Frankfurt, Mebes, Mendelsohn, Mies van der Rohe, Poelzig,Paul. Rading, Riemerschmied, Scharoun und Bruno Taut. -—Der Flughafen der Stadt Frankfurt a. M. Zu unsererVeröffentlichung in Nr. 27 vom 2. d. Mts. teilen wir nachträglichmit, daß die daselbst abgebildete Flugzeughallevon der Firma Math. Weiß, München, vollständig in Holzkonstruiert, erbaut worden ist. —Jubiläen.Albrecht Haupt 75 Jahre. Am 18. März d. J. beging inHannover, wo er seit 1878 seinen dauernden Wohnsitz hat,der Architekt Geh. Baurat Prof. Dr. Albrecht Haupt involler Rüstigkeit die Feier seines 75. Geburtstages. VonGeburt Oberhesse erhielt Haupt seine Vorbildung auf derUniversität Gießen, den Techn. Hochschulen Karlsruhe undHannover. Als freier Architekt hat er eine umfangreicheTätigkeit in verschiedenen Teilen Deutschlands, namentlichin der Errichtung vornehmer Landsitze, sowie auch beider Wiederherstellung alter Bauten entwickelt, das Schwergewichtseines Schaffens liegt aber wohl in seiner Lehrundschriftstellerischen Tätigkeit, letztere vor allem auf demGebiete der Geschichte der Baukunst und besonders aufdem der Renaissance in Deutschland, Frankreich, Spanienund Portugal. Ausgedehnte Studienreisen in diesen Gebietengingen der Veröffentlichung umfangreicher Arbeiten voraus.Ein Sondergebiet war es außerdem, daß ihn besondersfesselte und auf dem er mit als erster gearbeitet hat, diegermanische Frühkunst, über die er umfangreiche Arbeitenherausgab, die Anerkennung, zum Teil allerdings, auchWiderspruch fanden. -— Haupt gehört zu den Begründerndes alten Bundes Deutscher Architekten und seineneifrigsten Vorkämpfern. Der B. D. A. hat ihn daher auchan seinem Geburtstage besonders geehrt. —Eduard Custodis 80 Jahre. Architekt B. D. A. EduardCustodis, Köln, der sich um die Standesorganisation desB. D. A. große Verdienste erworben hat, vollendete am31. März sein 80. Lebensjahr. Custodis hatte der OrtsgruppeKöln des Bundes Deutscher Architekten vor demKriege eine größere Stiftung Übermacht, deren Zinsen fürin Not geratene Bundesmitglieder und deren Hinterbliebenebestimmt waren. —Tote.Kommerzienrat Dr.-Ing. E. h. Carl Flohr +, Berlin. Im77. Lebensjahr ist in Berlin-Neubabelsberg der Seniorchefder Maschinenfabrik Carl Flohr A.-G., ein geborenerSchleswig-Holsteiner, gestorben. Im Jahre 1879 ging diekleine Maschinenfabrik von Theodor Lißmann in derGr. Frankfurter Str. in Berlin in den Besitz des jungen Flohrüber, der neben den bisher gebauten Müllerei-Maschinen zumHebezeugbau, vor allem zum Fahrstuhlbau überging. Zunächstwurden Druckwasseraufzüge gebaut und 1887 gingbereits der 2000. Aufzug aus der Fabrik hervor. Demwachsenden Umfang des Betriebes genügte die alte Anlagedann nicht mehr und im folgenden Jahre siedelte die Fabrikin die Chausseestraße über und seit 1897 wurde ein bedeutendeszweites Werk bei Tegel errichtet. Von25 Arbeitern, die Flohr seinerzeit von Lißmann übernahm,ist deren Anzahl heute auf 1800 gestiegen. Noch bildetder Fahrstuhlbau -— seit 1893 werden elektrische Fahrstühlegebaut — einen Hauptzweig der Herstellung und nurwenige Berliner Architekten, die sich mit dem Bau vonGeschäftshäusern befaßt haben, werden die Dienste derleistungsfähigen und soliden Fabrik nicht in Anspruchgenommen haben. Flohr hat sich aber nicht nur in technischerBeziehung um sein engeres Arbeitsgebiet, sondernauch um die Entwicklung der deutschen Maschinenindustrieüberhaupt Verdienste erworben. Der akademische Verein..Hütte“ ernannte ihn zu seinem Ehrenmitglied und dieTechn. Hochschule Hannover verlieh ihm den Doktor-Ingenieur Ehren halber. —Wettbewerbe.In dem Wettbewerb eines Bebauungsplanes für das südlicheund südöstliche Höhengelände der Stadt Quedlinburgerhielt den I. Preis von 2000 M. Kennwort ,.Gut so — wart’man“, Verf. Arch. Gutschow und Wort mann, Hamburg;den II. Preis von 1500 M. „März I“, Verf. Arch. HellmuthRichter. Magdeburg; den III. Preis von 1000 M.„Ring“, Arch. Konrad Hirse hböck und HeinrichStahl, Magdeburg. Zum Ankauf wurde der Entwurf mitdem Kennwort „Klar“ empfohlen. —In dem Wettbewerb für die Bebauung des städt. Geländeszwischen der Amsterdamer Straße und dem Rheinstadionin Düsseldorf erhielt von 43 eingegangenen Entwürfenden I. Preis Reg.-Bmstr. a. D. Josef M ö n k s , denII. Preis Arch. B. D. A. Wilh. Ernst, Düsseldorf, denIII. Preis Reg.-Bmstr. W. Schürmann, Kaiserswerth.Angekauft wurden die Entwürfe der Arch. B. D. A. Ma x ­einer & Petersdorff, Mitarbeiter Arch. Zimmer,Stadtbaurat Deneke; Vereidigter Landmesser RichardAlbrecht, sämtlich in Düsseldorf. —Einen Wettbewerb lür die Bebauung des städt. Geländesöstlich von Harlaching in München schreibt die Stadt mitFrist zum 20. Mai d. J. unter allen in München und Vorortenansässigen Architekten aus. Vororte sind alle imOrtsverkehr einbezogenen Gemeinden. 4 Preise von 2500',1500, 1200, 1000 M.; 4 Ankäufe zu je 500 M. Im Preisgericht:Gehrt. Prof. Dr. Th. Fischer, Prof. O. O. Kurz,Oberreg.-Brt. Vorhoelzer, Oberbaudir. B e b 1 o , Ober-Laurat B 1 ö ß n e r ; Ersatzmann: Oberbaurat M e i t i n g e r ,sämtlich in München. Unterlagen gegen 2 M. vom HochbauamtMünchen, Sparkassenstr. 2, Zimmer 49/IL —Der ’ von der evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen(Saar) ausgeschriebene Wettbewerb für ein Pfarrhausmit Schule und Nebengebäuden (Einreichungstermin2. Mai 1927) ist für die Mitglieder des B. D. A. gesperrtworden, weil er in vielen Punkten nicht den Wettbewerbsgrundsätzenentspricht. —Inhalt: Das Stadion zu F rankfurt a. M. — Über den W ertder geschichtlichen Lehre für die Erziehung der A rchitekten(Schluß ) — Verm ischtes. — Jubiläen. — Tote. — W ettbew erbe —Verlag der Deutschen Bauzeitung, G. m. b. H. in Berlin.Für die Redaktion verantwortlich: Fritz Eiselen in Berlin.Druck: W. Büxenstein, Berlin SW 48.288 Nr. 33.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine