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Biodiversität – Vielfalt im WaldGoran DušejDas grosse FlatternWaldtagfalter und andere Schmetterlinge im Wald. Mit dem Lebensraum Wald verbindetman nicht zwangsweise schöne Schmetterlinge. Doch die Habitate im und rund um denWald sind für einige Tagfalterarten überlebenswichtig. Viele dieser Schmetterlinge sindheute vom Aussterben bedroht. Damit sie auch langfristig eine Überlebenschance haben,startet der SVS/BirdLife Schweiz zusammen mit der Arbeitsgruppe Tagfalterschutz in derSchweiz eine mehrjährige Melde- und Schutzaktion.Goran Dušej, Andreas Rotach, Nicola Patocchi und Emmanuel WermeilleDer Kaisermantel (Argynnis paphia) ist leicht an der charakteristischen Fleckung auf der Oberseite zu erkennen. Auf den Vorderflügeln derMännchen (Bild) befinden sich entlang der unteren Flügeladern vier breite, deutlich sichtbare Duftschuppenstreifen.Am längsten Tag des Jahres gönnen wir uns eine kurzeMittagspause auf unserer Wanderung entlang derAare. Die Luft ist feucht und warm. Nach dem kurzenFrühsommergewitter spiegeln kleine Pfützen den Himmel.Lautlos und fast unbemerkt lässt sich ein Schmetterlingin der Nähe nieder. Sein gelblicher Rüssel trillert auffeuchtem Sand herum. Mit schnellem Flügelschlag öffnetder Falter seine Flügel. Ein blauer Schimmer leuchtet unsentgegen und lässt uns staunen; doch schon ist derSchmetterling verschwunden. Ein Grosser Schillerfalter(Apatura iris) hat uns mit seinem Besuch erfreut.Der Grosse Schillerfalter gehört mit etwa 30 weiterenArtgenossen zu den Tagfaltern, die auf Wald-Lebensräumeangewiesen sind und als «Waldtagfalter» bezeichnetwerden können. Natürlich gibt es keine scharfe Grenzezwischen den Waldtagfaltern und anderen Schmetterlingen,die neben ihren Lebensräumen im offenen Landauch gerne in Waldlichtungen oder an Waldrändern herumfliegen.Dennoch ist es für die praktische Arbeit nützlich,wenn man Tagfalter, die in mindestens einem Lebensstadium(Ei, Raupe, Puppe oder Falter) obligat oderim hohen Masse an den Wald gebunden sind, als Waldtagfalterbezeichnet.Zu dieser Gruppe gehören einige der schönsten, aberauch geheimnisvollsten Schmetterlingsarten. Mancheverbringen einen grossen Teil ihres Lebens hoch oben inden Busch- und Baumkronen, gut versteckt vor menschlichenBlicken. Ab und zu verlassen die Schönheiten jedochdie luftigen Höhen und lassen sich bei der Nahrungsaufnahmeoder beim Sonnenbad beobachten.Solche Begegnungen bleiben in Erinnerung, sind sie dochnicht alltäglich und meistens sehr eindrücklich.6 ornis 2/11


Goran DušejGilles CarronMichal KoupýDie Männchen des Grossen Schillerfalters (Apaturairis) glänzen durch bläulich-violett schillerndeFlügeloberseiten. Die irisierenden Farben sind aufdie besondere Mikrostruktur der Flügelschuppenzurückzuführen. Diese wirken wie unzählige kleinePrismen, die je nach Einfallswinkel das entsprechendeLicht reflektieren.Der Kleine Schillerfalter (Apatura ilia) kommt inder Schweiz in zwei Farbvarianten vor. Die rötlichschimmernde Form wird Rotschiller (f. clytie) genannt.In der Nordschweiz tritt sie eher selten auf,im Tessin dagegen ist sie dominant. Hier bildetdie Farbvariante sogar eine eigene Unterart.Der Grosse Eisvogel (Limenitis populi) gehört zuden grössten Tagfaltern. Besonders die Weibchen(Bild) sind markant gezeichnet, mit einer deutlichenweissen Binde und einer Reihe oranger Fleckenim Saumbereich. Bei den Männchen kanndie weisse Binde stark reduziert sein oder sogargänzlich fehlen.Schillerfalter, Eis- und andere SommervögelDer Grosse Schillerfalter (Apatura iris) ist in derSchweiz weit verbreitet, tritt jedoch nie in grossen Zahlenauf. Sein Namensvetter, der Kleine Schillerfalter (A. ilia),ist eher in den unteren Lagen anzutreffen, vor allem inder Nähe von Gewässern, zum Beispiel in Auenwäldern.Entgegen seinem Namen kann er durchaus die Grösse einesGrossen Schillerfalters erreichen.Den Grossen Eisvogel (Limenitis populi) kann man alsden König des Waldes unter den Schmetterlingen bezeichnen.Bezüglich seiner Grösse, Schönheit und Seltenheitwird er von kaum einer anderen Art überboten. Erscheint noch seltener auf den Boden zu kommen als dieSchillerfalter, und es braucht grosses Glück oder viel Können,ihn zu beobachten. Sein kleinerer «Bruder», der KleineEisvogel (L. camilla), ist dagegen weit verbreitet und einigeshäufiger, er lässt sich auch einfacher beobachten.Im Gegensatz zu den bereits erwähnten Arten ist er einfleis siger Blütenbesucher, obwohl auch er gerne an feuchtenWaldstrassen oder am Rand von Pfützen Flüssigkeitund Nahrung aufnimmt. Schillerfalter und Eisvögel saugengerne an Exkrementen, toten Tieren oder an Baumsäften.Deshalb lassen sich diese Arten auch leicht anlocken,zum Beispiel mit stark riechendem Käse.Der Schwarze Trauerfalter (Neptis rivularis) ist in derSchweiz nur im Tessin anzutreffen und kann beim flüchtigenHinsehen mit dem Kleinen Eisvogel verwechseltwerden. Er ist gerne in der Nähe von Bächen und Wasserund ist häufig in sonnendurchfluteten Waldschluchtenanzutreffen.Weitere Waldtagfalter wie etwa der Trauermantel(Nymphalis antiopa) oder der Grosse Fuchs (N. polychloros)kommen regional noch in guten Beständen vor, die Populationsgrössenkönnen von Jahr zu Jahr aber sehr starkschwanken. Beide Arten findet man auch ausserhalb desWaldes, so in naturnahen Obstgärten oder Pärken. ImSpätsommer saugen sie häufig an Fallobst, obwohl sieBlumennektar nicht verschmähen. Beide Arten überwinternals Falter und gehören zu den als erste erscheinendenSchmetterlingen im Frühling.Die kleinen Zipfelfalter, der Blaue Eichen-Zipfelfalter(Neozephyrus quercus) und der Braune Eichen-Zipfelfalter(Satyrium ilicis), können nur mit viel Erfahrung in denWipfeln von Eichen erspäht werden. Obwohl der erste inder Schweiz weit verbreitet ist und an vielen Waldrändernmit Eichenbestand vorkommt, braucht es doch etwasGeduld, um ihn nachzuweisen. Der mit etwa 1,5 cmFlügellänge eher kleine Falter sitzt nämlich oft minutenlangauf Eichenblättern herum, um dann kurz aufzufliegenund eine neue Sitzwarte zu beziehen. Seine silbrigglänzende Unterseite verrät ihn jedoch von weitem.Ebenso schwierig zu beobachten ist der Braune Eichen-Zipfelfalter, der dazu viel weniger weit verbreitet ist alssein blaues Pendant.Unter den Waldschmetterlingen hat in letzter Zeit vorallem der Gelbringfalter (Lopinga achine) an Popularitätgewonnen. Der braune Falter mit den markanten Ringenist ein typischer Bewohner von lichten Wäldern undWaldrändern. Die Art gehört europaweit zu den bedrohtenArten (IUCN-Gefährdungskategorie: vulnerable, d.h.verletzlich). Mit relativ einfachen Massnahmen wie zumBeispiel schonender Durchforstung lassen sich geeigneteLebensräume aufwerten. Davon profitieren nicht nur derGelbringfalter, sondern auch andere lichtbedürftige Tiereund Pflanzen.Und zu guter Letzt soll auch der häufigste Waldtagfaltererwähnt werden: das Waldbrettspiel (Pararge aegeria).Für viele Waldtagfalter, deren Raupen auf Büschen oder Bäumen leben, ist es wichtig,dass die entsprechenden Raupenfrasspflanzen in einer gewissen Menge/Dominanzvorhanden sind, wie hier die Zitterpappel (Populus tremula). Die am Waldrand stehendeGruppe mit unterschiedlicher Altersstruktur dient dem Grossen Eisvogel alsRaupen-Lebensraum.Goran Dušej2/11 ornis 7


Biodiversität – Vielfalt im WaldDer Kleine Eisvogel (Limenitis camilla) ist deutlichkleiner als der Grosse Eisvogel. Ihm fehlt dieReihe der orangen Saumflecken. Bei manchenExemplaren ist jedoch auf der Oberseite derHinterflügel ein kleiner oranger Fleck vorhanden.Männchen und Weibchen sehen sehr ähnlichaus.Der Schwarze Trauerfalter (Neptis rivularis) ist inder Schweiz nur im Tessin und Misox heimisch.Ein gutes Unterscheidungsmerkmal zum KleinenEisvogel ist der weisse Fleck, der auf den Vorderflügelnvon der Flügelbasis bis zur ersten Fleckenreiheverläuft. Beide Arten können leicht aufgrundihrer Unterseiten auseinander gehalten werden.Der Trauermantel (Nymphalis antiopa) kann mitkeiner anderen Art verwechselt werden. Die gelbenRandstreifen sind nur bei den Exemplarenvor der Überwinterung so leuchtend gefärbt. Währendder monatelangen Winterruhe bleichen sieaus, so dass die im Frühling erscheinenden Tierefahlgelbe oder weisse Ränder aufweisen.Diese Art fehlt in keinem grösseren Waldareal. Ihre grosseVerbreitung verdankt sie vor allem der Tatsache, dasssie pro Jahr mehrere Generationen bilden kann und dieRaupen bezüglich der Frasspflanzen nicht sehr wählerischsind; sie ernähren sich von verschiedenen Gräsern.Neben den erwähnten leben in den Wäldern auch vieleArten, die sich ähnlich wie die «Offenlandarten» vorallem in Waldfluren aufhalten, die eine gut ausgeprägte,blumenreiche Krautschicht aufweisen, zum BeispielWaldränder, Waldlichtungen und Schlagfluren. Der Kaisermantel(Argynnis paphia) oder der Veilchen-Perlmutterfalter(Boloria euphrosyne) sind solche Arten. Je ausgeräumterund intensiver bewirtschaftet das an den Waldangrenzende Kulturland ist, desto höher ist die Bedeutungvon Waldhabitaten auch für die übrigen Schmetterlinge.Manch eine Art wäre ohne Krautsäume an denWaldrändern um einiges seltener, so etwa der Aurorafalter(Anthocharis cardamines) oder das Landkärtchen(Araschnia levena).Jeder Raupe ein ZuhauseWill man sich an den schönen Faltern erfreuen, mussman um die Raupen und ihre Lebensräume besorgt sein.Denn entscheidend, ob eine Art in einem Gebiet vorkommtoder nicht, ist oft nicht nur der Lebensraumtypdes Falters, sondern vor allem der intakte Lebensraumder Raupe. Einige Arten sind diesbezüglich recht wählerisch:Die richtige Raupenfrasspflanze muss in richtigerAnzahl, in richtiger Wuchsform und am richtigen Standortwachsen, damit das Weibchen darauf seine Eier ablegt.Ein Grossteil der Arten bevorzugt nur gerade eineoder wenige Arten von Raupenfrasspflanzen.Aufgrund der Ansprüche der Raupen kann man dieWaldtagfalter grob in zwei Gruppen einteilen: die Baum-Raupen-Waldtagfalter, deren Raupen sich von den Blätternvon Büschen und Bäumen ernähren, und die Gras-/Kraut-Raupen-Tagfalter, deren Raupen in der Kraut- oderHochstaudenschicht leben. Auffällig bei der ersten Gruppeist, dass die meisten dieser Arten vor allem aufSchwarzer TrauerfalterKaisermantelVeilchen-PerlmutterfalterGelbringfalterWaldbrettspielGrosser SchillerfalterKleiner SchillerfalterGrosser EisvogelKleiner EisvogelTrauermantelGrosser FuchsBlauer EichenzipfelfalterBrauner EichenzipfelfalterGoran DušejThomas MarentGoran DušejWald-GeissbartWald-VeilchenRauhes Veilchenandere VeilchenZwenkenStrand-Pfeifengrasandere Gräser ?Seggenandere ArtenSal-WeideZitterpappel (Espe)Schwarzpappel ?Birke (v.a. Hänge-)Eiche (v.a. Stiel-)Rote Heckenkirscheandere Weidenandere Pappeln ?andere ArtenRaupen-Frasspflanzen einiger Waldtagfalter:: hauptsächlich benutzt, : weniger häufig/selten benutzt, : nur ausnahmsweise benutzt, ?: unklar, ob in der Schweiz benutzt.8 ornis 2/11


Ruedi OsterwalderGrosser FuchsThomas MarentDer Grosse Fuchs (Nymphalis polychloros) ist amzusätzlichen schwarzen Fleck auf der Oberseitedes Vorderflügels von seinem Namensvetter, demKleinen Fuchs (Aglais urticae), zu unterscheiden.Die Art kann auch leicht an der hellen orangebraunenGrundfärbung erkannt werden. Der KleineFuchs ist einiges rötlicher im Vergleich.Wie die meisten Zipfelfalter trägt der BlaueEichen-Zipfelfalter (Neozephyrus quercus) einenkleinen, zipfelartigen Flügelfortsatz auf den Hinterflügeln.Unter den Zipfelfaltern ist dies die einzigeArt mit blauer Zeichnung auf der Oberseite.Die Weibchen (Bild) sind im Gegensatz zu denMännchen nur teilweise blau gefärbt.Beim Braunen Eichen-Zipfelfalter (Satyrium ilicis)muss man vor allem auf die Hinterflügel-Unterseiteschauen, um die Art eindeutig bestimmen zukönnen. Hier ist, unter anderem, die schmaleweis se Binde unregelmässig unterbrochen, dieweissen Flecken sind gegen die Flügelbasis hinmeistens schwarz gesäumt.Lichtbaum arten wie Zitterpappel, Sal-Weide oder Birkeangewiesen sind. Für den Grossen Schillerfalter ist eszum Beispiel wichtig, dass die Sal-Weide (Salix caprea) genügendluftfeucht steht, damit die Weibchen sie zur Eiablageannehmen. Allein stehende oder gut besonnte Bäumeoder Sträucher werden gar nicht oder seltenangenommen. Bevorzugt werden dagegen solche, die inGeländemulden oder an halbschattigen Standorten amWaldrand stehen. Der Grosse Eisvogel scheint besondersdominant stehende Zitterpappel-Gruppen im Waldrandbereichzu bevorzugen. Auch hier spielt die Waldrand-Ausrichtung eine gros se Rolle.Die Schönheiten sind selten gewordenViele Waldtagfalterarten lassen sich nur schwer nachweisen.Bei einigen ist es effizienter, wenn man ihre Zwischenstadiensucht, etwa Eier oder Raupen. Eisvögel undSchillerfalter hinterlassen als Jungraupen eine charakteristischeFrassspur. Der Kleine und der Grosse EisvogelEmmanuel Wermeilleüberwintern zudem in kunstvoll angefertigten «Winterschlafsäcken»,den Hibernarien. Die Raupen des GrossenFuchses und des Trauermantels leben gemeinsam in ihren«Nestern», die abgefressenen Blätter sind schon vonweitem sichtbar. Andere Arten lassen sich durch abgelegteEier finden, so etwa die Zipfelfalter.Im vorletzten Jahrhundert waren viele Waldtagfalter-Arten einiges häufiger als heute, wie man aus Aufzeichnungenoder Schmetterlings-Sammlungen weiss. Diesdürfte unter anderem auf die Tatsache zurückzuführensein, dass vor dem Inkrafttreten des damals neuen Waldgesetzesdie Waldstruktur und Zusammensetzung in weitenTeilen der Schweiz eine andere war. So beschreibtzum Beispiel Erwin Wullschleger im sehr sorgfältig recherchiertenWerk «Waldpolitik und Forstwirtschaft imKanton Aargau» den Zustand der Wälder in der zweitenHälfte des 18. Jahrhunderts wie folgt: «Im Mittelwaldmangelte es an Überhältern, die Stockausschläge kamenbereits nach 12 bis 15 Jahren wieder zur Nutzung; man-Goran Dušej (3)Die Sal-Weide (Salix caprea) ist für einige Waldtagfaltereine sehr wichtige Pflanze, sei es als Nektarspenderim Frühling oder als Frasspflanze für die Raupe.2/11 ornis 9


Biodiversität – Vielfalt im WaldGoran Dušej (2)Thomas MarentDer Gelbringfalter (Lopinga achine) kann gut andem für die Art charakteristischen Augenflecken-Muster erkannt werden. Beim flüchtigen Hinschauenbesteht eine gewisse Verwechslungsgefahrmit dem Schornsteinfeger (Aphantopushyperantus) oder mit dem Waldbrettspiel (Parargeaegeria).Die schachbrettartige Fleckung und Färbung warnamensgebend für das Waldbrettspiel (Parargeaegeria). Nördlich der Alpen fliegt die UnterartPararge aegeria tircis, deren Flecken fahlgelb sind.Bei der Nominat-Rasse P. a. aegeria sind die Fleckenkräftig orange-gelb gefärbt. Diese kommt beiuns in der Südschweiz und im Unterwallis vor.Die Perlmutterfalter lassen sich anhand ihrer Unterseiteeindeutig bestimmen. Beim Veilchen-Perlmutterfalter (Boloria euphrosyne) ist es dieKombination aus den beiden perlmutterfarbenenFlecken an der Flügelbasis und in der Flügelmittesowie der inneren rötlich-braunen Abgrenzungder Perlmutterflecken am Rand.Goran Dušej (3)Manche Waldtagfalter sind als Falter nur schwer nachzuweisen, ihreRaupen verraten aber ihre Anwesenheit mit Frassspuren:Oben: Raupennest des Grossen Fuchses auf einer Sal-Weide mitangefressenen Blättern. Mitte: Jung-Raupe des Grossen Eisvogelsauf dem freigefressenen mittleren Nerv eines Zitterpappel-Blattes(Kotrippe).Unten: Der Grosse Schillerfalter überwintert als junges Räupchenam Sal-Weiden-Ast. Die Raupe muss tiefen Temperaturen trotzenund wird bisweilen von Eis, Schnee oder Rauhreif überdeckt.che solcher Wälder waren zu Niederwäldern degradiert.Es fehlte an Jungwaldbeständen, grosse Flächen warenBlössen. Weichhölzer (Espe, Schwarzpappel und Weiden)und Dorngebüsch nahmen überhand».Das heisst natürlich nicht, dass man nun das Rad derZeit zurückdrehen sollte; niemand wünscht sich die«gute, alte Zeit» mit all ihren Nachteilen wieder zurück.Tatsache ist aber, dass an vielen Orten nach wie vor Lichtbaumartenals schädliche Konkurrenz angesehen werdenund somit als «Problemhölzer» bekämpft werden. Zudemlässt die heutige Waldrandstruktur oft zu wünschen übrig,es fehlt eine Buschzone, ein Krautsaum oder die Beständesind monoton.Förderung der Waldtagfalter ist leicht möglichDas Aufwertungspotenzial im Wald zugunsten derWaldtagfalter ist enorm. Mit verhältnismässig geringemAufwand lässt sich sehr vieles erreichen. In erster Liniesollen die Lebensräume der Raupen gefördert werden.Hier gilt es, bekannte Standorte zu schützen und potenzielleaufzuwerten sowie mit den vorhandenen zu verbinden.Da die Ansprüche je nach Art sehr unterschiedlichsind, lohnt es sich, eine Fachperson zu Rate zu ziehen.Vielen Arten wird geholfen, wenn die entsprechendenLichtbaumarten an den geeigneten Stellen gefördert werden.Für einige Arten scheint es zudem wichtig, dassnicht nur einzelne Bäume oder Büsche, sondern ganzeGruppen mit verschiedenen Altersklassen stehen bleiben.Waldtagfalter, deren Raupen in der Krautschicht leben,müssen durch entsprechende andere Massnahmengefördert werden. Dies kann mit der Auslichtung vonWäldern oder dem Anlegen von breiten Krautsäumen geschehen,die danach periodisch gepflegt werden müssen,damit sie nicht (zu stark) verbuschen. In der Regel werdendie betroffenen Gebiete gemäht. Je nach Zeitpunkt derMahd kann dies für viele Arten problematisch sein. Esempfiehlt sich daher, nie alles auf einmal zu mähen undan immer wechselnden Standorten einen Teil der Flächeüber den Winter ungemäht stehen zu lassen. Dies istnicht nur für die Waldtagfalter, sondern für viele andereTier- und Pflanzenarten sehr wichtig.10 ornis 2/11


Goran DušejTipps zur Förderung von WaldtagfalternDamit Schutz- und Förderungsmassnahmen gute Chancenauf Erfolg haben, ist es ratsam, sich vorgängig ein paar Gedankenüber die gewünschten Zielarten und ihre aktuellensowie potenziellen Lebensräume zu machen. Falls keine Informationenhierzu vorliegen, können gewisse Verbreitungs-Grunddaten über das Schweizer Zentrum für die Kartografieder Fauna (SZKF/CSCF) in Neuchâtel abgerufen werden. Inerster Linie sollen bestehende Lebensräume geschützt undsolche mit hohem Potenzial gefördert werden.Nach wie vor werden vielerorts Lichtbaumarten rigoros abgeholzt, da sie als schnellwachsendeKonkurrenz zu den gewünschten Baumarten angesehen werden. Hierwurden auf einer ehemaligen Sturmfläche alle Sal-Weiden flächendeckend auf denStock gesetzt.Eine Aktion für die WaldtagfalterViele der Waldtagfalterarten brauchen dringend aktiveUnterstützung, damit sie langfristig überleben. Umihre Bestände halten zu können oder zu fördern, ist esnotwendig zu wissen, wo sie noch vorkommen. Der SVS/BirdLife Schweiz und die Arbeitsgruppe Tagfalterschutzin der Schweiz lancieren deshalb die mehrjährige MeldeundSuchaktion Waldtagfalter. In einer ersten Phase sollendie noch vorhandenen Bestände der stark gefährdetenArten erfasst werden, um dann konkrete Schutz- und Förderungsmassnahmenin die Wege zu leiten und umzusetzen.Beobachtete Waldtagfalter können dem SVS mit einemspeziellen Meldeformular mitgeteilt werden. DieArbeitsgruppe Tagfalterschutz in der Schweiz wertet dieMeldungen aus, überprüft ausgewählte Standorte undsteht Förstern und Waldbesitzern bei Bedarf beratend zurSeite. Zudem können interessierte Förster und Waldbesitzerbeim SVS ein Dossier mit Förderungsmassnahmenzugunsten der Waldtagfalter beziehen.Machen auch Sie mit und melden Sie uns die seltenenSchönheiten. Einen Flyer zu den häufigsten Waldtagfalterartenmit dem Meldeformular finden Sie auf der untenangegebenen Internetseite; Sie können ihn auch mit demTalon auf Seite 31 bestellen.Goran Dušej ist Biologe und beschäftigt sich seit seiner Kindheit mitSchmetterlingen. Er ist Mitglied der Arbeitsgruppe «Tagfalterschutzin der Schweiz» und der Gruppe «Butterfly Conservation Europe».Die Koautoren sind ebenfalls Mitglieder der Arbeitsgruppe «Tagfalterschutzin der Schweiz» und setzen sich gesamtschweizerisch fürden Schutz und die Förderung von Schmetterlingen ein.Arten mit Raupen auf Büschen und Bäumen• Raupenfrasspflanzen schützen und fördern, insbesondereSal-Weide, Zitterpappel, Schwarzpappel und Stieleiche.Bekannte «Spender-Bestände» dringend schonen, denAnsprüchen der Tagfalterart entsprechend mit grosserVorsicht pflegen!• Neue Bestände an den dafür geeigneten Orten fördern,wenn immer möglich durch spontane Neubesiedlung/Naturverjüngung. Bei Bedarf neu anpflanzen. Dabei sowohlEinzelbäume/-büsche als auch dominante Bestände(Gruppen) aufbauen.• Raupenfrass-Bäume möglichst vieler Altersstufen nebeneinanderstehen lassen.Arten mit Raupen in der Krautschicht• Vor allem im Waldmantel- und Waldsaum eine gut ausgeprägteKraut-/Grasschicht fördern.• Breite Waldbuchten mit unterschiedlichen Verwaldungsstadien(Sukzessionsstufen) anlegen.• Teile von Waldrändern offen (buschfrei) halten, jedochdringend einzelne Buschgruppen stehen lassen, insbesonderenektarspendende (Liguster, Schwarzdorn, Brombeere,Geissblatt usw.) und solche, an denen Raupen derWaldtagfalter leben.• Breite Waldrandzonen mit stufigem Aufbau fördern(Krautsaum, Gebüschmantel, Waldrand).• Saumbereiche nur sehr extensiv und schonend pflegen.Wenn Strassenränder gemulcht werden «müssen»: nurdie ersten 0,5 Meter mulchen. Nie alles auf einmal pflegen(alternierend Abschnitte stehen lassen).• Bei Vorkommen des Gelbringfalters: lichten Wald mit einergut ausgeprägten Kraut-/Grasschicht fördern, potenzielleStandorte schonend auslichten (Deckungsgrad derBäume ca. 65 bis 85 Prozent).• Pufferzonen zum angrenzenden Kulturland anlegen undextensiv nutzen/pflegen, auch mehrjährige Brachen zulassen.• Förster und Forstwarte über die Bedeutung der Raupenfrass-Bäume/-Büschesowie Kraut-/Grasfluren aufklären.Internet:www.birdlife.ch/waldschmetterlingeLiteratur:Bühler-Cortesi T. (2010): Schmetterlinge. Bern: Haupt.Hermann, G. (2007): Tagfalter suchen im Winter, Zipfelfalter,Schillerfalter und Eisvögel. Norderstedt: BoD.Lepidopterologen-Arbeitsgruppe/SBN (1987): Tagfalter und ihreLebensräume, Arten – Gefährdung – Schutz. Band 1. Egg/ZH:Fotorotar AG.Goran DušejFehlen Lichtbaumarten,hilft nur noch die aktiveFörderung mit Neupflanzungen,so wie dies derNatur- und VogelschutzvereinMuri und Umgebung(NAMU) mit seinerAktion «Iris» getan hat.2/11 ornis 11

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