Ausweitung der Kunstzone - Sfeir-Semler Gallery

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Ausweitung der Kunstzone - Sfeir-Semler Gallery

Ausweitung derKunstzoneBeirut ist noch immer eine gefährliche Stadt. Zugleich ist siein den letzten Jahren zum Hotspot der Kunstwelt geworden,woran die Galeristin Andrée Sfeir-Semler großen Anteil hat.Eine Reise in die brüchige Realität des Nahen OstensVon Annabelle Hirsch Fotos Jens Schwarz50 51


Das erste Mal Beirut, erklärteder einzige Bekannte,der schon einmal dort gewesenwar, sei wie ein Trip.„Es ist ein Rausch“, flüsterteer mit leuchtenden Augen, „es wirddich umhauen.“ Als ich im Juni die Hauptstadtdes Libanon besuchte, um mithilfeder Hamburger Galeristin Andrée Sfeir-Semler die Beiruter Kunstszene kennenzulernen,war es dann auch genau so.Nicht weil die Stadt so schön ist, das istsie nicht. Sie ließe sich eher als eine ewigeBaustelle beschreiben, in der viele heterogeneElemente wild zusammengewürfeltsind: Egal von wo aus man in den Himmelschaut, überall durchrastern ihn hell erleuchteteBaukräne. Die grauen Apartmentblocksvon Hamra sind frei von jeglichemCharme, und das nach demBürgerkrieg neu hochgezogene ViertelDowntown gleicht einem Shopping-Villagefür reiche Araber. Dann gibt es natürlichnoch die mit Einschusslöchernübersäten Häuserwände, die an die blutigenKonflikte zwischen 1975 und 1990erinnern. Inzwischen leben die verschiedenenKulturen und Konfessionen wiederin einem chaotischen, aber friedlichenDurcheinander miteinander. Eine Einheitbildet die Stadt jedoch bis heute nicht, allesist provisorisch. Das raubt Kraft, wirktaber auch elektrisierend. Oder wie die libanesischeSchriftstellerin und MalerinEtel Adnan schreibt: „Was einen in Beirutvor der Depression rettet, ist die Schwierigkeit,hier zu leben.“ Die Zeit fließt inBeirut nicht, sie rast, sie stockt, es knallt,man wacht auf und ist sich auf einmalnicht mehr sicher, was nun real und wasgeträumt war.Was für Kunst kann an einem so instabilenOrt überhaupt entstehen? Undwer will sie zeigen, wer sie sehen? Fragen,die mir die Galeristin Andrée Sfeir-Semlerbeantworten soll. Unsere erste Begegnungbeginnt sehr „beirutisch“: ganz andersals geplant. Wer konnte auch ahnen,dass eine Karte und Adresse hier in etwaso hilfreich sind wie Boxhandschuhe imBallett? Dem aus dem hupenden Autoflussherausgewunkenen Taxifahrer mussman statt einem Straßennamen eine Beschreibungà la „Hier ist der Blumenladenvon Bernhard, daneben siehst du dasSleep-Comfort-Gebäude, dort biegst dulinks ab“ liefern. Kann man das nicht,kommt man schnell in die Verlegenheit,einen ganzen Vormittag mit einemschwitzenden, immer verzweifelter dreinschauendenChauffeur durch die Stadtzu kurven. Als ich Dutzende Telefonatespäter das ehemalige Fabrikgebäude aneiner mit Schlaglöchern übersäten Straßesamt benachbarter Mülldeponie erreiche,wechsle ich von einer Welt aus Staub undGestank in einen klassischen White Cube:zwei große Hallen, weiß verputzte Wände,Fensterfronten mit viel Tageslicht.Die zierliche Galeristin empfängtmich mit einem perplexen Lächeln: „Wohaben Sie bloß diesen Idioten aufgegabelt?Jetzt trinken wir erst mal einen Espresso.“Sie trägt ein Ensemble aus dunkelblauerSeide und schwarze Lackschuhevon Miu Miu, ihre braun gewellten Haarefallen locker auf ihre Schultern. Sie fixiertmich mit forderndem, aber weichemBlick, und ich kann nichts erkennen, wasihrem Ruf, eine harte, schwierige Frau zusein, entspräche. Aber vielleicht liegt dasauch daran, dass viele Leute Entschlossenheitnicht von Härte unterscheidenkönnen. Denn entschlossen, mutig undwahnsinnig stur ist Sfeir-Semler. Dem Libanonkehrte sie 1975 den Rücken – derLiebe zu einem Deutschen wegen. Nachihrer Promotion beim Soziologen PierreDer Ausstellungsraum Artheum gehört zuden wichtigsten Adressen der BeiruterKunstszene. Rechts die Galeristin AndréeSfeir-Semler, die hier als Erste einenWhite Cube eröffnete. Vorige Doppelseite:Kräne, Chaos und dahinter das Meer52


Mounira Al Solh: „Ich habe lange gebraucht, um mich alsKünstlerin zu sehen. Ich hatte das Gefühl zu lügen.“Bourdieu gründete sie eine Galerie inKiel, die 1998 nach Hamburg zog. Und alssie 2005 beschloss, den ersten WhiteCube im Nahen Osten zu eröffnen, ignoriertesie konsequent alle Einwände. „Eswar natürlich verrückt“, sagt sie undschiebt mir eine Schachtel Godiva-Pralinenherüber, „alle rieten mir davon ab,sogar Walid Raad war dagegen. Dabei binich durch ihn erst auf die Idee gekommen.“Walid Raad ist mit seinem fiktivenKollektiv The Atlas Group einer der bekanntestenarabischen Künstler, seine Arbeit„Scratching on Things I Could Disavow“war auf der documenta 13 zu sehen.Wie viele seiner Kollegen lebt Raad nurwenige Wochen im Jahr in Beirut, er unterrichtetan der Cooper Union School inNew York. Sfeir-Semlers Idee mit der Galerieschien ihm, wie er mir einige Tagespäter erzählt, „absolut selbstmörderisch“.Zum einen, weil die politische Lagedamals besonders kritisch war – der PremierRafik Hariri war wenige Monate zuvorbei einem Anschlag ums Leben gekommen–, vor allem aber auch, weil es soetwas wie eine Kunstszene nicht einmalin Ansätzen gab. „Wissen Sie, in Zeitendes Krieges ist Kunst das Letzte, für dasman sich interessiert. Zwischen denKünstlern der Generation von Walid unddenen, die vor dem Bürgerkrieg hier waren,herrscht eine große Kluft“, erzähltAndrée Sfeir-Semler.Sie musste die Jüngeren erst findenund verstehen, worum es ihnen geht. Diemeisten von ihnen wurden während desKrieges geboren, sie suchen nach einemZugang zu ihrer Geschichte, ihren Wurzeln.„Verstehen, woher sie kommen, umzu wissen, wohin sie gehen!“, sagt sie jetztplötzlich auf Französisch, was mich nichtwundert, weil hier jeder mit Sprachen jongliertwie mit bunten Bällen. Das Arbeitenmit gefundenen Fotografien und Dokumenten,das Archivieren, wie es dieArab Image Foundation seit den 1990er-Jahren tut, sei deshalb vor allem im erstenJahrzehnt nach dem Krieg so wichtig gewesen.Anhand historischer Bilder, diepalästinensische Widerstandskämpfer zeigen,aber auch Nachtclubtänzer aus Kairooder kleine Mädchen in Tripoli, rekonstruierendie Künstler arabische Geschichteund schaffen Erinnerungen – reale oderfiktive, das ist im Grunde gleich, die eineWahrheit gibt es im Chaos sowieso nicht.Bild links unten: Courtesy Sfeir-Semler Gallery, Beirut und HamburgEine der schönsten Ecken Beiruts ist daschristliche Zentrum Achrafieh. DenFilm „Cabaret Crusades“ (re.) drehte derägyptische Künstler Wael Shawky (u.)Das Bild „Photoshop“ stammt von BassamRamlawi, einem fiktiven Maler. Dahinterverbirgt sich Mounira Al Solh (oben auf derTerrasse ihres Ateliers in Gemmayzeh)Schweres Gepäck: Rayyane Tabet (re. inseiner Schau bei Sfeir-Semler) gießt seinefrühen Erinnerungen in Beton. Die Taschesteht für permanente Fluchtbereitschaft54 55


uts toughe Kunstdamen zur Begrüßungeinen kleinen Städtedisput: „Wo bist dugewesen? In New York? Scheiß auf NewYork! Beirut: That’s where it’s happening!“,raunt Christine Thomé, als sieSfeir-Semler sieht. Die kontert herzlich:„Christine, du bist eben der Innen-, ich derAußenminister.“ Beide lachen.Am nächsten Tag in der GalerieSfeir-Semler (diesmal dauerte die Fahrtnur 15 Minuten) trifft sich eine ähnlicheRunde. Rayyane Tabet, „der jüngste Sohnder Galerie“, wie die Chefin ihn nennt,macht eine Einführung zu seiner Schau„The shortest distance between twopoints“. Tabet ist neunundzwanzig undsieht aus, wie man als aufstrebenderKünstler heute aussieht: wie ein Model.Mit sanfter Stimme entwickelt er seineGeschichte an den ausgestellten Elementenentlang; einem Schlauch arrangierterMessingringe, einer hängende Leiste ausStempelkarten, einem Stern-Pferd-Kreis-Gebilde, das wie ein Mobile von der Deckehängt. Seine Erzählung handelt vonder 1214 Kilometer langen TransarabischenPipeline, die in den 1940er-Jahrenein amerikanisches Unternehmen vonSaudi-Arabien bis nach Beirut baute. Wegender zunehmenden Instabilität wurdeder Betrieb der Pipeline irgendwann eingestellt,sie geriet in Vergessenheit.Rayyane schließt mit den Worten: „Mansieht hier sehr gut, dass geopolitische Parameterdie Geometrie außer Kraft setzenkönnen. Dann ist die kürzeste Distanzzwischen zwei Punkten nicht mehrdie gerade Linie, sondern eine Kurve.“Jessica Flay, die Leiterin der PariserKunstmesse Fiac, strahlt den jungenMann begeistert an. Tabet reißt einen mit,wenn er anfängt, wie ein Detektiv in kollektivenErinnerungen zu bohren. Seineeigenen Rückblenden stehen im Atelierim hinteren Bereich der Galerie. Er zeigtauf zwei in Beton gegossene Reisekoffer,eine Arbeit aus der Serie „Five DistantMemories“: „Als ich ein Kind war, standneben meinem Bett immer ein gepackterKoffer – für den Fall, dass wir abhauenmüssen.“ Zum Studieren ist Rayyanedann wirklich abgehauen. In die USA zuWalid Raad.Für die meisten Künstler seiner Generationist dieser Schritt in den Westennotwendig. Mounira Al Solh, die ich amnächsten Tag im Café International aufMit „The shortest distance between twopoints“ rekonstruiert Rayyane Tabet in derGalerie Sfeir-Semler die vergesseneGeschichte der Transarabischen PipelineAndrée Sfeir-Semler: „Es geht mir darum, nicht nur dielibanesische Kunst zu fördern, sondern die arabische.“der belebten Gemmayzeh Street treffe, erklärt,das mit dem Ausland sei eine Fragedes Selbstbewusstseins. „Ich habe langegebraucht, um mich als Künstlerin zu sehen.Das kam erst durch meine Zeit inAmsterdam und München.“ Warum? „Ichhatte das Gefühl zu lügen. Im LibanonKünstlerin zu sein ist schwer. Keiner versteht,was du machst. Viele denken, duspinnst.“ Sie erzählt von ihrem Kunststudiumin Beirut und davon, wie irre es war,die Gauguins und Monets aus vergilbtenBüchern abzumalen.Wenn Al Solh in ihrem schnellenFranzösisch spricht, ist es, als würdenFunken auf den Bürgersteig schlagen, aufdem wir am Abend zuvor noch lange diskutiertund getrunken hatten. Die jungeMutter ist eine der wenigen Künstlerinnen,die nicht nur filmt und fotografiert,sondern auch malt. „Die Malerei ist etwasImportiertes. Ich habe mich immer gefragt:Was davon ist unser Eigenes?“ Umdas Eigene und das Fremde zusammenzubringen,hat sie sich ein Alter Ego geschaffen,den fiktiven Maler Bassam Ramlawi.Sie hat ihm ein Leben und Werkerfunden, ja ihm sogar Retrospektivengewidmet. So mischen sich schon wiederRealität und Fiktion.Realität, das lernt man in Beirutschnell, ist ohnehin eine fragile Währung.Sie ist nur so lange gültig, wie die politischeWetterlage hält: Heute ist ein Mercedesein super Auto, morgen kann er vordeiner Nase explodieren. Längst ist derBürgerkrieg in Syrien über die Grenze geschwappt.Während über eine Million Syrerin das Nachbarland flüchteten, sprachHassan Nasrallah, der Generalsekretärder Hisbollah, Syriens Herrscher Bascharal-Assad Anfang Juni seine Unterstützungaus. Kurz darauf schlug eine Rakete imSüdbeiruter Hisbollah-Viertel ein, einigeWochen später explodierte dort eine Autobombe.Als Israel Ende August einenPalästinenserstützpunkt südlich der libanesischenHauptstadt beschossen hatte,schrieb mir der Künstler Marwan Rechmaouieine SMS: „Wenn du nicht musst,komm lieber nicht, die Lage wird langsamunberechenbar.“Im Juni war das noch ein bisschenanders. Am letzten Tag besuche ichAndrée Sfeir-Semler in der Villa ihrerFamilie. Rechts an der Wand hängt eineFotoarbeit von Walid Raad, des erstenlibanesischen Künstlers, den sie vertratAndrée Sfeir-Semler in ihrer Familienvillain einem Vorort. Marwan Rechmaouisitzt auf der grünen Bank im Garten undzieht an einer Zigarette: „Weißt du, dieWissenschaft will sich nicht wirklich mitder Geschichte beschäftigen, darum istsie das Material für uns Künstler.“ Erselbst geht vor wie ein Wissenschaftler.Für seine Arbeit über die Beiruter Bezirke(es sind knapp 80) und die Entwicklungder Stadt recherchierte er mehrere Jahre.2014 wird er wohl fertig sein. Wie er indieser beständigen Unsicherheit überhauptKunst machen könne, frage ich,weil ich es noch immer nicht ganz begriffenhabe. Er überlegt kurz, rührt in seinemEspresso, dann sieht er mich mit einemsanften Blick an: „Yalla! Dieser Ortist dafür bestimmt so zu sein, es ist seineEssenz. Darum wird Beirut auch immerBeirut bleiben.“ Zumindest das ist hiereine Konstante. ×58 59

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