„Frei denken, das haben die meisten Menschen hier verlernt“

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„Frei denken, das haben die meisten Menschen hier verlernt“

„Frei denken, das habendie meisten Menschen hier verlernt“Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Kolumbienwill den Menschen in dem von Bürgerkrieg geschütteltenLand wieder Hoffnung und Perspektiven gebenvon Doreen Just„Frei denken,das haben vieleMenschen inKolumbien verlernt.”Christian stammtaus der nordkolumbianischenStadtCartagena. Seit einigenJahren lebt er„am Ende der Welt”in Trinidad und verwalteteine Finca,auf der Kakao angebautwird.▼Foto: JustIn Trinidad steht die Zeit still.Abgeschnitten von der Welt scheintdas winzige Städtchen im Osten Kolumbiens.Daran kann auch der Gedankean die neue Autostraße nichtsändern, auf der man El Yopal, Hauptstadtdes kolumbianischen BundesstaatesCasanare, in rund drei Autostundenerreichen kann.Endlose Felder und Wiesen säumenden Weg, hin und wieder verstreuteine Rinderherde. Es ist drückendheiß und schwül. Kein Auto kommtuns entgegen. Regelmäßig überprüfenMilitärkontrollen unsere Ausweispapiereund den Kofferraum unseresWagens.Rund 5 000 Menschen leben in Trinidad,etwa 2 000 zusätzlich in der weiterenUmgebung auf den Fincas undin winzigen Ansiedlungen. Und dort,wo Trinidad fast schon zu Ende ist,versteckt sich ein kleines Gehöftin üppigem Grün.Hier am Ende derWelt baut ErwinToledo Gemeinde,seit nunmehr fastzwei Jahren.Der 30-Jährige ist einer von neunMissionaren der Evangelisch-LutherischenKirche in Kolumbien. SeinenBeruf hat er quasi in die Wiege gelegtbekommen. Schon seine Eltern habenals Missionare gearbeitet. „Gemeindenin ländlichen Regionen aufbauen,der Landbevölkerung Perspektivengeben, das ist ein Schwerpunkt unsererKirche“, erklärt Erwin. Er selbsthat in der kolumbianischen HauptstadtBogotá Theologie studiert, bevorseine Kirche ihn hierher geschickthat. „Es gab in Trinidad einmal eineevangelische Gemeinde. Aber das istlange her“, erzählt der junge Kolumbianer,„als ich hier ankam, lagendie Gebäude und der Hof fast zehnJahre lang verlassen.“ Die kleinen, flachenHäuser haben sichtlich Schadengenommen, haben daran gelitten, dassdie Luft in Trinidad so feucht ist unddass niemand sich gekümmert hat,außer einer alten Frau, die hin undwieder nach dem Rechten sah.Doch ganz langsam zieht wieder Lebenein. „Gottes Gnade haben wir eszu verdanken, dass wir inzwischenwieder jeden Sonntag einen Gottesdienstfeiern können“, erzählt Erwin.Wie er die Gemeinde gesammelt habe,fragen wir. Erwin beharrt darauf:„Gottes Gnade.“ Christian, der ursprünglichaus der nordkolumbianischenStadt Cartagena stammt undvon Anfang an zu Erwin Toledos Gemeindegehört, fügt hinzu: „Als Erwinhierher kam, ist er jeden Tag vonHaus zu Haus gegangen und hat mitden Leuten gesprochen. An jeder Türin Trinidad hat er geklopft. Er hat sichdie Sorgen der Menschen angehört,hat sie eingeladen. Mich hat das sehrbeeindruckt.“Und Madalena, die schon viele Jahrein Trinidad lebt, sagt: „Ja, die Leutehatten die Gemeinde schon vergessen.Doch seit Erwin hier ist, kommen siewieder. Die Gemeinde gibt uns Hoffnung.“Hoffnung in Trinidad. Insgesamtleben zwei Drittel der kolumbianischenBevölkerung an undunter der Armutsgrenze.Die Mehrzahl der Menschen inTrinidad verdient ihren LebensunterhaltmehrViele Kinderin und um Trinidadgehen nicht odernur selten zurSchule. MissionarErwin Toledo:„Sie müssen helfen,ihre Familien zuernähren, oder dieEltern haben ganzeinfach kein Geldfür Schulbücher.”▼Foto: JustRund zwanzig vor allem junge Familienkommen inzwischen regelmäßigzu den Gemeindeveranstaltungen undum das kleine Gehöft mit Gemeindehausund Kindergarten wieder aufzubauen.· Foto: Just10Gustav-Adolf-Blatt 3/2006


schlecht als recht mit Saisonarbeitenauf den Fincas, den kleinen landwirtschaftlichenBetrieben, in denen vorallem Mais, Reis, Kakao und Yuccaangebaut werden. Feste Arbeitsverhältnisseund ein regelmäßiges Einkommenkennt kaum einer in dieserGegend. „Nicht einmal das offizielleMindesteinkommen von rund 4 000Peso monatlich haben die meisten derMenschen hier zur Verfügung“, sagtChristian, der selbst eine kleine Fincaverwaltet, auf der Kakao angebautwird. „Und allein ein Liter Milchkostet um die 800 Peso“, macht erdeutlich, was Mindesteinkommen eigentlichbedeutet. Das Krankenhausder Stadt kann gerade einmal ErsteHilfe leisten. Es gibt keine Medikamente,keine medizinischen Geräte.Analphabetismus ist weit verbreitet.„Viele Eltern schicken ihre Kindergar nicht oder nur unregelmäßig zurSchule. Zum einen, weil das so Traditionhier ist und die Kinder mithelfenmüssen, die Familien zu ernähren“,erklärt Erwin, „und zum anderen, weilviele Eltern die Schulbücher ohnehinnicht bezahlen können.“Zwar bemühe sich der kolumbianischeStaat, Anreize für den Schulbesuchzu schaffen, wie zum Beispiel mitder Einführung einer kostenlosenSchulspeisung und von kostenlosenSchulbussen, doch die Menschen habenkein Vertrauen mehr: „Viele solcherVergünstigungen fallen nachkurzer Zeit einfach wieder weg, weileigentlich kein Geld da ist, weil allesGeld in die Sicherheit des Landes,in Soldaten und in Waffengepumpt wird.“ Ein klein wenigSicherheit für Kolumbien.Teuer erkauft und mühsam erzwungen.Seit den 1960er Jahrenhält ein heimtückischerBürgerkrieg das Land fest umklammert.Vor allem in den Bergen und inden ländlichen Regionen kämpfenGuerillas und Paramilitärs nochimmer blutig um Drogen, Geld undMacht. Die Menschen sprechen nurleise, wenn sie vom Bürgerkrieg erzählen.Die Angst sitzt tief. „Frei denken,selbst das haben die meisten verlernt“,sagt Christian bitter und fügthinzu: „Weil frei denken in Kolumbienjahrzehntelang nicht erwünschtwar und noch immer nicht erwünschtist.“Frei denken, das ist es, was die jungenFamilien, die zur Gemeinde inTrinidad gehören, wenigstens für ihreKinder möchten. Sie träumen davon,einen christlichen Kindergarten einzurichten.„Später wird vielleicht einekleine evangelische Schule daraus,wie es sie hier in Trinidad schon einmalgegeben hat“, blickt Erwin Toledohoffnungsvoll und selbstbewusstin die Zukunft. „Bildung ist eine derwichtigsten Grundlagen fürein Leben in Würde.“Die Familien habenschon fest zugepackt,habenDächer neugedeckt,Wändefrischgestrichen, Toiletten und Waschbeckeneingebaut ... Nicht ohne Stolzzeigt uns Erwin, was die Gemeindealles geleistet hat. Für heute hat ereine Musikgruppe organisiert, einkleines Gemeindefest ... zu selten „verirrt“sich jemand nach Trinidad. Undals wir gehen, fällt der Abschiedschwer: „Vergesst uns nicht“, bittetder junge Mann, „und betet für uns.“■ ■ ■Erwin Toledo,Missionar der Evangelisch-LutherischenKirche inKolumbien, bautseit zwei JahrenGemeinde in Trinidad.Zehn Jahrelang hat es keineevangelischeGemeinde in derwinzigen Stadt imOsten Kolumbiensgegeben.Verlassenheit undFeuchtigkeit habenden Gebäuden aufdem alten Gehöftder Gemeindezugesetzt.▼Foto: JustDas Gustav-Adolf-Werk e. V. möchte die Gemeinde Trinidadbei der Einrichtung des Kindergartens unterstützen.Bitte helfen Sie mit.Spendenkonto: LKG Sachsen eGKto. 22 33 44, BLZ: 850 951 64Nach Trinidad „verirrt” sich selten Besuch. Erwin Toledo hat deshalb für uns ein kleines Gemeindefest organisiert .· Foto: SchmidtGustav-Adolf-Blatt 3/2006 11

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