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130929_An den Grenzen der Naturwissenschaft 1 - WDR 5

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Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptenIst das wissenschaftlich, was an diesem Abend in der Kreuzberger Kneipe passiert?Eine Befragung der Natur? Die Suche nach einem herumirrenden Geist? Für denPhilosophen Jürgen Mittelstraß von der Universität Salzburg ist die Sache eindeutig.Take 5.Oh nein, schon das Kriterium der Wiederholbarkeit, derÜberprüfbarkeit ist ja nicht gegeben. Behaupten kann man alles,natürlich auch, dass man sich wissenschaftlich verhält. Es werdennach solchen Sitzungen, oder in solchen Sitzungen Behauptungenformuliert, die dann ihrerseits wenig oder gar nicht überprüfbar sind.MUSIK: Michael Wollny – ChurSprecher: Die Naturwissenschaften. Das sind, meint man, die klassischenFachdisziplinen, wie sie die Schule lehrt. Zuerst Physik.Sprecherin (leise): Die Wissenschaft von der Wechselwirkung von Materie mitMaterie.Sprecher: Dann Chemie.Sprecherin (leise): Die Wissenschaft von der Umwandlung von Stoffen.Sprecher: Und schließlich Biologie.Sprecher (leise): Die Wissenschaft vom Lebendigen.Sprecher: Was ist mit den neuen Naturwissenschaften? Diejenigen, die sich rundum die Probleme der modernen Welt angesiedelt haben. Ingenieurswissenschaften.Umweltwissenschaften. Klimaforschung. Meereskunde. Und all die Disziplinen ausden Grenzgebieten zwischen den drei klassischen Fächern Physik, Chemie undBiologie. Biophysik und Biochemie beispielsweise. Molekularbiologie.Quantenchemie. Ab wann ist ein beliebiger Gedankengang durch die Welt eine© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.4


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptendes Lebens fischen, hat man aus dem Schwarm aller Phänomene unversehens auchjenes brennender Wachskerzen herausgezogen, die ebenfalls einen Stoffwechselhaben. Oder, wenn man sich auf die Reproduktion konzentriert, automatischeWerkzeugmaschinen, die wiederum automatische Werkzeugmaschinen herstellen.Take 7.… Also, wenn wir von Leben sprechen, haben wir natürlich nur eine Lebensform,sagen wir mal, mehrere Lebensformen, die wir auf der Erde kennen;und das ist das Referenzsystem, was wir auch dann nutzen – selbstda ist es auch immer kritisch, wie die Definitionen laufen, was istüberhaupt Leben – wir vermuten, dass wir dann im Sonnensystemnatürlich nur fündig werden auf der Basis von Mikroorganismen.Sprecher: Kann auf dieser Grundlage eine seriöse Naturwissenschaft wachsen?Oder ahmt die Astrobiologie nur eine Naturwissenschaft nach. Ist sie diePseudowissenschaft von den kleinen grünen Männchen vom Mars. Von den Aliensund ETs, wie sie die Science Fiktion-Literatur genannt hat. Die jetzt aber, anders alsnoch in den Comics der dreißiger Jahre, nicht mehr als eierköpfigeGlubschaugenträger daherkommen. Als Ufopiloten, Kampfflieger im Krieg derWelten. Astrobiologisch interessante Aliens haben sich heute zur Begegnung derdritten Art ein zeitgeist-kompatibles Designerjäckchen im Science-Styleübergezogen. Wenn überhaupt, dann erscheinen sie als Bakterie, nimmt Jean Pierrede Vera an.Take 8.Wir arbeiten ja nicht mit den grünen Männchen – das wär ja toll, wennwir die schon entdeckt hätten –, sondern mit konkret richtigenOrganismen, die’s hier auf der Erde gibt und wir wollen einfach nurwissen – und das ist ja der Ansatz, der dahinter steckt -, wie weitPlaneten, die wir kennen, und zwar erstmal in unserm Sonnensystem,© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.6


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptenhabitabel sind, das heißt lebensfähig, also für Leben förderlich sind,selbst wenn die unterm ersten Blick nicht so erscheinen.Sprecher: Ist es die Methode, die aus der Suche nach Außerirdischen eineNaturwissenschaft macht? Das Experiment ? Im Labor befragt der Forscher dieNatur, sagt Immanuel Kant. Allerdings nicht, wie ein Schüler den Lehrer befragensollte.Sprecherin (leise): Können sie das erklären? Bitte, Herr Pasinski .Sprecher (Forts.): Sondern wie ein Richter, der Antworten von der Natur erst fordertund sie dann auf ihre Schlüssigkeit hin überprüft.Sprecherin (leise): Angeklagter! Was haben sie zur Tatzeit gemacht?Sprecher: Die Wissenschaftsphilosophie sagt: Mit einem Experiment kann man dieNatur in Widersprüche verwickeln. Philosophen wie Jürgen Mittelstraß sprechendann von FalsifizierenTake 9.Wissenschaftliche Sätze sind dadurch charakterisierbar – Popper hatdas immer wieder betont, der Wissenschaftstheoretiker Popper -, dasswissenschaftliche Sätze prinzipiell falsifizierbar sind, das heißtwiderlegt werden können. In dieser Weise unterscheidet sichWissenschaft von anderen Aktivitäten, auch von religiösen.MUSIK: Mark Polscher – 8. SektorSprecherin: Ist die Falsifizierbarkeit durch ein wissenschaftliches Experiment derScheidepunkt zwischen Natur-wissenschaft und Pseudowissenschaft ?Astrobiologische Experimente beginnen mit Dienstreisen an Orte, die man in keinemReisebüro buchen kann. An Krater ausbrechender Vulkane oder in die Antarktis, weitraus aufs Meer oder in die trockensten Wüsten der Erde. Dort sucht man in© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.7


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptenBodenproben nach mikrobiellen Überlebenskünstlern. Und schließt von ihnen aufBakterio-Kollegen auf dem Mars.Sprecher: Könnte doch sein, wenn man beispielweise von der harten Strahlungabstrahiert, die alles Leben auf dem Mars umbringt, und wenn man das reinePhänomen, die Marsatmosphäre ohne diese tödliche Strahlung betrachtet, dannkönnen doch Bakterien – in einer ökologischen Nische –Sprecherin: Schließlich wird ein Experiment aufgebaut. Ein Klimaschrank setztCyanobakterien auf rotem Krümelkram unter einer von allem Tödlichen bereinigteMarsatmosphäre. Das Ergebnis steht dann bei Jean Pierre de Vera in derBesprechungsecke auf dem Resopaltisch.Take 10.Das ist auch eines der erfolgreichen, ja, Ergebnisse, die wir jetztgerade erst ganz neu herausgefunden haben, das heißt also, wirhatten schon Tests auch mit Flechten; bei Flechten kann man leiderdas Wachstum nicht sehr schnell feststellen. Hier mit denCyanobakterien sind wir auf schneller Ebene erfolgreicher und könnensehr viel schneller feststellen, aha, sie wachsen auch und sie habenkeinen Schaden erlitten – und das ist eines der Highlights, die wirauch jetzt im Moment durchführen.MUSIK: Mark Polscher – Rosy Trush TanagerSprecher: Das Experiment ist nach naturwissenschaftlichen Kriterien wieWiederholbarkeit, Unabhängigkeit vom Experimentator und Labor und so weiter,konzipiert und durchgeführt. Es sagt, ob auf einem konkreten Planeten, dem Mars,unter idealisierten Bedingungen schon vorhandene Bakterien überleben können.Insofern ist es eine wissenschaftlich saubere Detailarbeit.© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.8


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptenAber solch ein Experiment sagt nichts darüber aus, ob tatsächlich Leben auf demMars entstanden ist. Ob als Bakterium oder als kleines, grünes Männchen.Geschweige denn, dass es geeignet ist, die Hypothese vom außerirdischen Lebenals Ganzes zu hinterfragen. Experimente dieser Art falsifizieren überhaupt nichts. DieBedeutung naturwissenschaftlicher Experimente wird heutewissenschaftsphilosophisch häufig überschätzt. Die Vorstellung, ein einzelnesExperiment könnte einen anerkannten Forschungsansatz ins Wanken bringen,widerspricht jeder naturwissenschaftlichen Praxis.Sprecherin: Trotz schwindender Bedeutung hat das wissenschaftliche Experimentein enormes, wissenschaftliches Renommee. Pseudowissenschaftler imitieren esimmer wieder durch die Jahrhunderte, sagt die Literaturwissenschaftlerin JohannaBohley von der Freien Universität Berlin.Take 11.Also es ähnelt sich darin, dass es einen Beweis erbringen will, wie dasnaturwissenschaftliche Experiment, dass es sozusagen eine ArtNaturgesetz, Naturkraft, neue Kraft nachweisen will – aber das dieFrage nicht offen stellt, oder kritisch, sondern ganz eindimensional,festgelegt, auf den Beweis abonniert ist.MUSIK: Bugge Wesseltoft – ViddeSprecherin: Viele Experimente wollen heute auch gar keine Hypothesen be- oderwiderlegen. Sie begnügen sich damit , nach stützenden Hinweisen zu suchen -DerExperimentalphysiker Klaus Eitel vom Karlsruher Institut für Technologie will zeigen,dass es sie gibt. Die geheimnisvolle, dunkle Materie, die laut moderner Astrophysikganze Galaxien zusammenhält und die Milchstraße in ihre Form drücken soll.Partikel dieser Materie sollen seinen Detektor zum Erklingen bringen. Dafür ist er inein Labor weit unter die Erde gegangen.© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.9


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptenTake 12.Unser Ziel ist, ein extrem gut abgeschirmtes Experiment aufzubauen,in dem wir seltene, aber durchaus mögliche Stöße von diesen dunkle-Materie-Teilchen mit normaler Materie beobachten können. NormaleMaterie für uns bedeutet dann letztendlich, einen hochsensiblenDetektor aufzubauen.Sprecherin: Um alle irdischen Störungen auszuschließen, ist Klaus Eitel mit seinemExperiment ins Laboratoire Souterrain de Modane gezogen. Ins unterirdischeVersuchslabor bei der Stadt Modane, in den französischen Alpen. Durch 1700 MeterGebirgsmassiv von der Umwelt abgeschirmt. Aber filtern die Berge wirklich jedeStörung? Bleibt tatsächlich nur die dunkle Materie zurück, die den Detektoranschlagen kann? Wie kann sich Klaus Eitel sicher sein ? Schließlich sieht er alsErgebnis seines Experiments nicht die dunkle Materie, sondern nur einenZeigerausschlag oder einen spitzen Zacken auf dem Monitor.Die Wissenschaft kennt das Problem. Sie hat Regeln dafür aufgestellt. Sollte KlausEitels Detektor tatsächlich anschlagen, muss sich das Ergebnis wiederholen lassen.Innerhalb von zwei Jahren. Nicht nur von ihm, in seinem Labor. Sondern auch vonunabhängigen Forschern in anderen Laboratorien. Sonst war’s ein Artefakt, einkünstlich erzeugtes, einmaliges Ereignis. Vollkommen uninteressant für die Physik.Sprecher: Pseudowissenschaften kennen solche Regeln nicht.Pseudowissenschaftler hängen an ihren Annahmen. Hier wird erst spekuliert unddann eine schlüssige Argumentation gesucht. Andreas Anton, gelernter Soziologeaus Freiburg und passionierter Ufo-Forscher.Take 3.Wenn man also davon ausgeht, dass es vielleicht eine außerirdischeZivilisation gibt, die einen viel längeren Zivilisationsprozess hinter sichhat als die Menschheit, dann, würd ich einfach sagen, kann man sichüberhaupt nicht vorstellen, wozu die in der Lage sein könnten. Und© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.10


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptendeswegen bin ich der Meinung, dass man diese Deutung des UFO-Phänomens, dass es sich dabei teilweise um außerirdischeRaumschiffe handeln könnte, zum jetzigen Zeitpunkt nicht komplettausschließen kann.Sprecher: Andreas Anton ringt um die Anerkennung der Ufo-Forschung alsnaturwissenschaftliche Disziplin. Anders als der Physiker Klaus Eitel in seinemunterirdischen Labor oder die Berliner Geisterjäger in der Kiezkneipe „Travolta“ setzter weniger aufs Experiment. Was sollte die labortechnische Rekonstruktion einerUfo-Erscheinung auch sagen? Dass sie einen Lichtreflex wie ein Wetterballonproduziert ? Oder dass sie wie ein singulärer Gewitterblitz aussieht? DieInterpretation einer Ufo-verdächtigen Erscheinung ist hauptsächlich Sache deseigenen Standpunkts. Die einen argumentieren:Sprecherin: Warum ist bei all den vielen Erscheinungen nie auch nur ein einzigesUfo mitten am Tag auf dem Times Square gelandet. Oder auf der Kölner Domplatte?Sprecher: Die anderen:Sprecherin: Es gibt so viele Beobachtungen, dass man nicht jede auf einenfehlfliegenden Wetterballon oder einen singulären Gewitterblitz zurückführen kann.Sprecher: Ufo-Forscher setzen auf die gedankliche Stringenz ihrer Argumentation.Aufs erste Hören klingt sie ähnlich wie die Überlegungen Klaus Eitels zur dunklenMaterie.Sprecherin: Was sollst denn sonst gewesen sein? Das kann sich doch nur um diedunkle Materie...- um ein Ufo gehandelt haben.Sprecher: Doch mit einem Unterschied. Während das Experiment Klaus Eitels mitdemselben Ergebnis wiederholt werden muss, kann niemand einen Ufo-Piloten© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.11


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptenbitten, nach einer Sichtung noch eine Runde zu drehen. Damit die Ungläubigen aucheinen Chance der Beobachtung haben. Trotzdem spricht Andreas Anton von einerwissenschaftskompatiblen Architektur seines Forschungsgebietes:Take 13.Innerhalb der UFO-Forschung unterscheidet man zwischenverschiedenen Forschungssträngen sozusagen, ne, also man sprichtda von der objektzentrierten Forschung, die sich ganz gezielt mit derFrage auseinandersetzt, handelt sich’s dabei um Objekte, wie genausehen diese Objekte aus. Demgegenüber steht dann eben diesogenannte subjektzentrierte UFO-Forschung, die sich also mit derFrage auseinandersetzt, was steckt in den Berichten drin, das wärenalles solche Fragen, die eben untersucht werden könnten.Sprecher: Und doch: von allgemeiner Anerkennung keine Spur. Denn auchlogischer Aufbau und gedankliche Stringenz reichen nicht aus, eine neueNaturwissenschaft zu kreieren. Aus gutem Grund, denn die Geschichte kenntBeispiele, wie wissenschaftlich sauberes, methodisches Denken zu falschenSchlüssen führte; wie damit Tod und Teufel über die Menschen hereinbrachen.MUSIK: Louis Sclavis – La peur du noirDie Rede ist vom Hexenhammer. Die theoretische Grundlage der Inquisition. DieBegründung für die Ermordung tausender Menschen. In der Einleitung wogen dieAutoren Heinrich Kramer und Jakob Sprenger erst die grundsätzlichen Argumenteund Gegenargumente gegeneinander ab. In den nachfolgenden Kapitelnklassifizierten sie das europäische Hexenwesen, erarbeiteten daraus eine Typologieund schlugen schließlich wirksame Maßnahmen vor, die vom Teufel befallenen undbesessenen Seelen zu retten. Feuer und Schwert.Noch heute hält die im Hexenhammer angewandte Methode der empirischenForschung wissenschaftlichen Kriterien Stand. Philosophen wie Paul Feyerabend© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.12


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptenhaben das Machwerk des Mordes sogar als Prototyp einer empirischen Arbeitbezeichnet. Die Argumentationskette des Hexenhammers ist stichhaltig. Tatsächlichzeigt die Arbeit auch nur einen einzigen Fehler auf. Die Prämisse ist falsch, derAusgangspunkt der Argumentation, die Hypothese. Aber dem hatten damaligeGegner der Hexenverfolgung keine Definitionsmacht und keine Experimenteentgegenzusetzen. Nur ein ganz unwissenschaftliches Gefühl von Menschlichkeit.Man bringt seine Mitmenschen nicht um, aus welchen Gründen auch immer.Take 14.Pseudowissenschaft, könnte man sagen.. dasspseudowissenschaftliche Erklärungen, man kann ja auch vonPseudoerklärungen sprechen, eben dann vorliegen, dass Prämissen,Voraussetzungen nicht gegeben oder falsch sind, dass Schlüssenachweisbar falsch oder erschlichen sind. Wir nennen dasErklärungsskizzen, also nicht vollständige Erklärungen –Sprecher: Die Anerkennung, ob eine Disziplin naturwissenschaftlich ist oder nicht,scheint viel weniger von rationalen Kriterien bestimmt zu sein als man gemeinhinannimmt. Kein Wunder, sagt die Soziologin Karin Knorr-Cetina von der University ofChicago. Das, was eine Naturwissenschaft definiert, ist nicht ihr Verhältnis zur Naturoder ihre Methode, Erkenntnisse zu gewinnen. Es sind schon gar nicht dieErkenntnisse selbst. In der Physik etwa die Naturgesetze. In der Chemie die Regeln,nach denen sich Stoffe umwandeln. In der Biologie etwa detaillierte Beschreibungenvon Organismen und ihren Lebensumständen. Naturwissenschaft hat etwas mitGlaube zu tun. Viel mehr, als Naturwissenschaftlern lieb ist, sagt die Soziologin.Take 15.Die Naturwissenschaft ist ein Glaubenssystem, von dem man schonsagen kann, dass es zumindest versucht, über die Entwicklung undEinhaltung bestimmter Methodender Durchführung, der Nachweisedessen, was man glaubt, nicht - das auch zu beweisen bzw. diese© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.13


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptenAnnahmen zu stärken, sodass sie nicht einfach in Ideologienbegründet sind.Sprecher: Seit etwa zwanzig Jahren hört man in der Soziologie immer wiederdasselbe Fremdwort. Selbstreferentiell. Was so viel bedeutet: eine nach außenabgeschlossene Gruppe redet und redet so lange mit sich selbst, bis die Dinge eineganz eigene, nur den Gruppenmitgliedern zugängliche Bedeutung haben. In einerFamilie reicht manchmal ein Einfaches –Sprecherin: Hast du? Ich hab nichts dabei.Sprecher (Forts.): - um die Frage nach eingestecktem Geld und Hausschlüssel zuregeln. Entsprechend bestimmen Wissenschaftler, was Wissenschaft ist und wasnicht, sagt die Soziologin Karin Knorr-Cetina.Sprecherin: Beispiel Astrobiologie. Im Jahr 2013 arbeiten Astrobiologen nicht nuram deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Sondern auch in einerForschungsallianz mit dem Namen „Planetenevolution und Leben“, an der sechsInstitute verschiedener Großforschungseinrichtungen beteiligt sind, sechsUniversitäten sowie zwei Max Planck-Institute. Man kann also mit Fug und Rechtsagen: Die deutsche Wissenschaft schreibt der Erforschung außerirdischen Lebenseine hohe Bedeutung zu.Sprecher: Für die Astrobiologie mag das Kriterium genügen, dass sie über dieeigenen, engsten Fachgrenzen hinaus als Naturwissenschaft anerkannt ist. Denmeisten Menschen bleibt wohl trotzdem der Sinn verborgen, bakterielle Aliens zukategorisieren, ohne sie aufgrund der Entfernungen zu extra-solaren Planeten nachmenschlichem Ermessen jemals aufspüren zu können. Ist die gesellschaftlicheund kulturelle Akzeptanz also ein Definitionskriterium ? Und wenn ja, gilt das auchfür die klassischen Naturwissenschaften? Physik, Chemie, Biologie. Auch diese© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.14


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptenDreiteilung ist letztlich kulturgeprägt . Andere Zivilisationen hatten – und haben -ihre Wissenschaften anders gegliedert…Take 16.Ja was schlagen wir vor? Also, wir müssen jetzt natürlich die EVPSession auswerten dann in Ruhe zu Hause also, die Fotos sichtenund die ganzen Aufnahmen und dann gucken. Aber bis jetzt haben wirnichts festgestellt, was unnormal, unnatürlich ist oder ich fühl michjetzt ehrlich gesagt auch nicht unwohl oder so also was hier auch derRadiomoderator gesagt hat, dass er sich unwohl fühlt, jadas…[Sprecherwechsel] kommt dann wohl doch eher wieder vonihm selbst.MUSIK: Mark Polscher – SibirienSprecherin: Nach einer Stunde vergeblichen Rufens haben die Geisterjägeraufgegeben. Die Berliner Eckkneipe Travolta ist sauber. Wenn Stefans Mörderseeleherumspukt, dann vielleicht draußen auf dem Gehweg, wo er sich erschossen hatte.Oder sie hat sich auf den Weg nach Irgendwo gemacht, in die christliche, jüdischeoder muslimische Hölle. Es kann natürlich auch sein, dass Tote überhaupt keineschreiende Seele haben. Dass die Geräusche die die Geisterjäger früher einmal inden Beelitzer Heilstätten aufgenommen haben, nichts als elektromagnetischeStörungen waren.Sprecher: Was also scheidet die Natur- von der Pseudo-Wissenschaft?Am Ende ist es wohl weder das Experiment und die Falsifizierbarkeit. Noch dielogische Stringenz der Argumentation oder gar die Anerkennung durch die Kollegen.Keines dieser Kriterien alleine reicht aus, in einer Welt mit ständig neuenFragestellungen und Forschungsgebieten Wissen und Behaupten sauber zutrennen. Aber alle drei zusammen definieren im Wechselspiel seit der Aufklärungimmer wieder neu was das ist – Naturwissenschaft.© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.15


Tiefenblick, 29.09.2013An den Grenzen der Naturwissenschaft (1/4)Wissen und behauptenMUSIK: Alma – Der Mond ist aufgegangenUnd das hält sie bis heute flexibel.An den Grenzen von Forschung und WissenschaftWissen und Behaupten –Was unterscheidet Wissenschaft von Scharlatanerie?Ein Feature von Uwe SpringfeldEs sprachen: Sybille Jaqueline Schedwill und Rudolf KowalskiTechnische Realisation: Olaf DettinerRegieassistenz: Ruth SternRegie: Axel PleuserRedaktion: Thomas NachtigallEine Produktion des Westdeutschen Rundfunks 2013Am kommenden Sonntag geht es weiter mit der Serie An den Grenzen vonForschung und Wissenschaft: Labor und Welt – Wie weltfremd ist die Wissenschaft?MUSIK: Ulrike Haage - Jimmy© Westdeutscher Rundfunk Köln 2013Dieses Manuskript einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engenGrenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des WDR unzulässig. Insbesondere darf das Manuskript wedervervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergegeben (z.B. gesendet oder öffentlich zugänglich gemacht ) werden.16

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