und Leseprobe (PDF) - Vandenhoeck & Ruprecht

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Franz Walter, Rausch und RationalitätAuch die wissenschaftliche oder theoretische Reflexion des Rauschs undseiner gesellschaftlichen oder politischen Rolle stößt an die gleiche erkenntnistheoretischeGrenze. Wenn Sprache erst den nichtsprachlichen Dingen Bedeutungverleiht, hat sie konstruktive Kräfte und erschafft, um beim Themazu bleiben, Rauscherfahrungen und ihre Bedeutung erst, statt sie nur (mangelhaft)abzubilden. Das heißt freilich nicht, dass über Rausch nichts Sinnvolleszu sagen wäre. Nur die Frage der Perspektive stellt sich auf andereWeise: Weder scheint es sonderlich ergiebig, Rausch als das grundsätzlichAndere der Vernunft zu fassen (weil dann nicht viel mehr als seine Existenzoder Konstruktion zu konstatieren wäre), noch führt es weiter, Rausch etwamedizinisch oder soziologisch völlig zu operationalisieren, da entsprechendeErfahrungen dann ihrer Widerspenstigkeit und ihrer je individuellen Realitätberaubt wären.Zwischen diesen Polen jedoch eröffnet sich ein weites Feld. GeschwätzigeRauschdiskurse erzählen vielleicht nicht die Wahrheit individueller oderkollektiver Rauscherfahrungen, weil sie (bzw. die Sprache selbst) dies nichtleisten können. Die Versuche, Rausch zu symbolisieren, spiegeln gewissermaßenden Möglichkeitsspielraum, den Rahmen, innerhalb dessen gleichsamvernünftig über Dinge gesprochen werden kann, die prinzipiell off therecord sind, »das heißt außerhalb einer Aufzeichnung, außerhalb des Archivs«,wie Derrida schreibt. »Wir sind hier zu der schwierigen Frage des ›record‹,der Geschichte und des Archivs zurückgeführt worden. Gibt es ein ›Archiv-Außerhalb‹? Unmöglich, doch das Unmögliche ist ja genau das Geschäft derDekonstruktion.« 17In anderen Worten: Die verschiedenen Versuche, Rauscherfahrungen inein sprachliches Gewand zu hüllen, das heißt, sie ein Stück weit zu rationalisieren,verraten einiges über den Stand der Dinge, über Selbst- und Gesellschaftskonzepte,über das Denken und über politische Verhältnisse. Sieskizzieren quasi nebenbei und vielleicht eher unabsichtlich den Bauplan desDiskurses und legen Zeugnis davon ab, wie und wo die Grenze zwischen Rationalitätund Unvernunft, zwischen Kultur und Natur gezogen wird – undwie das sprechende Subjekt sich selbst gewahr zu werden versucht. Sie verweisenauf Konstruktionen und ihre Grenzen, auf Sinn und Sinnzusammenbrüche.Vor dem Hintergrund einer solchen dekonstruktiven Lektüre spanntsich ein weiter Bogen von Rauschdiskursen, die teils sehr unterschiedlicheinen vor- oder nicht-sprachlichen Zustand, eine Drogenerfahrung, 18 in denBestand immer schon vernünftigen Wissens überführen wollen. Verschiedeneepistemische Ordnungen symbolisieren Drogenerfahrungen unterschiedlichund sind damit beschäftigt, das konstitutiv Andere sprachlichem Sinn zu17 Jacques Derrida, Vergessenwir nicht: Die Psychoanalyse,Frankurt a. M. 1996, S. 28.18 »Ich finde kein besseresWort als Erfahrung«, schreibtDerrida und meint eine Erfahrung»im Sinne einer Reise, die dieGrenze passiert«, eine Erfahrungals »Beziehung zum Anderen unddie Öffnung gegenüber der Weltim allgemeinen«, Jacques Derrida,Die Rhetorik der Droge, in: Ders.:Auslassungspunkte. Gespräche,hg. v. Peter Engelmann, Wien1998, S. 241–266, hier S. 255.12 Rausch und Rationalität — aNalyse© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525800041 — ISBN E-Book: 9783647800042

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