neue künstlerposition gemma anderson isomorphology – riddles of ...

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neue künstlerposition gemma anderson isomorphology – riddles of ...

Psychiatrists (beide 2010) schuf Anderson ungewöhnliche Brückenschlägen zwischen Mensch, Tier undNatur und führte in ihren verträumten, fast entrückt wirkenden zeichnerischen Inszenierungen so scheinbarverlorengegangene Geschichten und Wissen zurück in das Bild.In Anknüpfung an und Auseinandersetzung mit grundlegenden Operationsprinzipien der Wissenschaft, wieetwa Klassifikation, Beobachtung, Repräsentation und Experiment, entwickelte Anderson das Beobachten,das Wahrnehmen und das Experimentieren mit der Praxis des morphologischen (Auf-)Zeichnens zu denzentralen Pfeilern ihres Schaffens. Insbesondere knüpft Anderson an J.W. Goethes Auffassung vonMorphologie an, welche die ‚natürlicheʼ Form als dynamischen Prozess begreift und dabei die kulturellenBedingungen der Erfassung von Formen, die Techniken und Instrumente des Sehens schon impliziert. Auchdie kritischen Überlegungen des schottischen Wissenschaftlers DʼArcy W. Thompsons (On Growth and Form,1917), wie dessen wegweisenden Untersuchungen zu formstrukturellen Ähnlichkeiten zwischen Biologie undMathematik, sind stetige Inspirationsquelle Andersons Praxis.Mit der Methode ‚Isomorpoholgyʼ werden dann auch Formen der Welt auf der Basis von Ähnlichkeiten neuund anders geordnet. Die Struktur des von Anderson entwickelten ‚isomorphologischen Alphabetsʼ, auswelchem in der Ausstellung Arbeiten zu sieben Basisformen, u.a. Hexagon, Spirale und hyperbolische Form,gezeigt werden, erlaubt grenzüberschreitende und unkonventionelle Beziehungen zwischen Spezies undFormen der tierischen, mineralischen, pflanzlichen und der abstrakten Welt der Mathematik herzustellen. Sowerden Gesetzmäßigkeiten herkömmlichen Wissens reflektiert und als kulturell konstruiert hinterfragt. DassAnderson dabei den wissenschaftlichen Blick ästhetisch aufruft trägt gerade zur Aufdeckung vonDiskontinuitäten bei und propagiert damit eine neue Art des Sehen.Andersons Werk speist sich aus dem unbedingten Glauben an die Möglichkeiten der Kunst mit anderenBereichen des Lebens in echten Austausch zu treten. Gerade weil sie sich dabei im Bereich derNaturwissenschaft verortet so arbeitet sie seit langen mit naturhistorischen Museen und Sammlungenzusammen verbürgt sich ihre Arbeit einer modernen Auffassung von Interdisziplinarität, im Sinne einesdynamischen und gleichberechtigten Zusammenspiels von Kunst und Wissenschaft, in der letztere auchaufgefordert wird, sich selbst neu zu befragen und durch künstlerische Ansätze zu erweitern.Andersons Rolle als forschende Künstlerin ist dabei komplex. Es geht nicht allein darum wissenschaftlicheMethoden für die eigene künstlerische Arbeit zu adaptieren. Vielmehr zeigen ihre Projekte, dass die Funktionkünstlerischen Arbeitens in einem wissenschaftlichen Kontext vielschichtig ist, wenn zum Beispiel bisher nurvirtuell existierende mathematische Objekte durch künstlerische Ansätze erst in Prozesse der Visualisierungund Formgebung überführt werden, wie u.a. in der vom Bauhausdesign inspirierten Skulptur- und RadierungsserieFano Varieties (2012).So sind auch die ebenfalls in Kollaboration entstandenen textilen Arbeiten Veranschaulichung von Prozessender Verknotung der DNA Doppel Helix. Dabei schließt Anderson hier nicht nur ganz bewusst an die Techniken


und ästhetischen Diskurse des modernen Designs und dessen Anwendungsorientierung an, sondern beziehtsich zudem auf den Einfluss der Mathematik auf die moderne Kunst, wie er zum Beispiel im Kubismus oderdem Futurismus vorliegt, die unter anderem mit der Darstellung der 4ten Dimension ästhetischexperimentierten. Mit dem Mathematiker Alessio Corti (Imperial College London) realisierte Anderson 4DVisualisierungen, ein Prozess aus dem die in der Ausstellung gezeigten zart anmutenden Radierungen vonOkta- und Tetrahedronstrukturen hervorgegangen sind, eigentümliche an Kristalle erinnernde Gebilde, dieschwerelos und doch scharfkantig im Bildraum zu schweben scheinen.Begreift man, im Hinblick auf die Morphologie - eine in den molekular orientierten Naturwissenschaftenaussterbende Lehre und Praxis - Andersons Schaffen als Geste des Bergens und Belebens scheinbarobsolet gewordener Visualisierungstechniken, wird der Wert der Zusammenarbeit von Künstlerin undWissenschaftlerInnen, der in der Ausstellung eigens ein Raum mit kollaborativen Zeichnungen gewidmet ist,besonders deutlich. Die im Bezug auf den Bereich der sogenannten künstlerischen Forschung, in demAndersons Arbeit zu verorten ist, gerade in Deutschland oft kontrovers diskutierte Funktionalisierung derKunst erscheint so in einem anderen Licht, denn in vielerlei Hinsicht durchzieht Andersons Werk einVerlangen nach Wahrhaftigkeit und Bedeutung der Kunst für das Leben selbst. Damit nimmt sieparadoxerweise eine fast romantische Haltung ein, die gerade im Format des Bildes dessen klassischeFunktionen beschwört: die Welt zu befragen, zu informieren, zu repräsentieren, etwas Neues zu schaffen undden Betrachter zum Staunen zu bringen.Mit der ebenso poetischen wie investigativen Auslotung der Grenzen unseres scheinbar objektiv organisiertenWissens ist Isomorphology zugleich ästhetisches Werk. als auch Methode, welche uns auffordert neuePerspektiven auf allzu Gewohntes einzunehmen.Gemma ANDERSON (*1981 in Belfast, lebt und arbeitet in London und Cornwall) wurde mit mehrerenPreisen ausgezeichnet, u.a. dem Leverhulme Artists in Residence Award 2012-13, Residency bei AcmeStudios Fire Station in London, Engineering and Physical Science Research Council Award 2011, WellcomeTrust Arts Award 2009, RHA Thomas Dammann Award 2009, Arts Council Purchase Award 2009, Man GroupDrawing Prize Winner (Royal College of Art) 2007. Ihre Arbeiten werden international ausgestellt und befindensich in zahlreichen öffentlichen Sammlungen, u.a. dem V&A Museum London, Natural History MuseumLondon, Wellcome Trust, Royal College of Art. Seit 2011 ist Andersons PhD Kandidatin an der University ofthe Arts in London, wo sie das Projekt Isomorphology als Teil ihrer Promotionsarbeit entwickelt.Text: Johanna Zinecker, BerlinIm Kooperation mit:

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