Download program - Münchner Philharmoniker

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Lorin MaazelMartin GrubingerSonntag, 24. November 2013mphil.de


Friedrich CerhaKonzert für Schlagzeug und OrchesterIn drei Sätzen ohne Satz- und TempobezeichnungenLudwig van BeethovenSymphonie Nr. 5 c-Moll op. 671. Allegro con brio2. Andante con moto3. Allegro4. Allegro – PrestoLorin Maazel, DirigentMartin Grubinger, PerkussionSonntag, 24. November 2013, 11 Uhr2. Abonnementkonzert h5Spielzeit 2013/2014116. Spielzeit seit der Gründung 1893Lorin Maazel, ChefdirigentPaul Müller, Intendant


2 Friedrich Cerha: Konzert für SchlagzeugEruptionen über KlangteppichenFriedrich CerhaFriedrich Cerha(Geboren 1926)Konzert für Schlagzeug und Orchester (2007/2008)(in drei Sätzen ohne Satz- und Tempobezeichnungen)Lebensdaten des KomponistenGeboren am 17. Februar 1926 in Wien und lebtdaselbst.EntstehungFriedrich Cerha hat in seinem Leben mehrereInstrumentalkonzerte geschrieben (u. a. fürVioline, Violoncello und Saxophon); das im Auftragdes österreichischen SchlagzeugsolistenMartin Grubinger komponierte Konzert für Schlagzeugund Orchester ist allerdings das erste (undbisher einzige) dieser Gattung in Cerhas umfangreichemWerkkatalog. Es entstand in den Jahren2007 und 2008.WidmungFriedrich Cerha widmete sein Konzert dem jungenMultiperkussionisten Martin Grubinger (geb.1983), der es in Auftrag gegeben und im Jahr2009 erfolgreich uraufgeführt hat.UraufführungAm 4. Oktober 2009 in Salzburg im Großen Festspielhaus(Mozarteum-Orchester Salzburg unterLeitung von Ivor Bolton; Solist: Martin Grubinger)


Friedrich Cerha: Konzert für Schlagzeug3WerkkommentarDas Konzert für Schlagzeug und Orchester habeich 2007/08 für den außergewöhnlichen jungenSchlagzeuger Martin Grubinger geschrieben.Der Solo-Part hat in jedem der drei Sätze eineigenes Instrumentarium, wobei der Schlagzeugerjeweils die Position wechselt, ehe eram Schluss zur ersten zurückkehrt. Entgegendem Usus sind für alle Schlaginstrumente –auch für die Tom-Toms, Tempelblöcke, Holzblöckeund Herdenglocken – exakte Tonhöhenvorgeschrieben.Der erste und dritte Abschnitt des ersten Satzesund der Schluss des Konzerts sind von eruptivenKlangblöcken geprägt; die Trommeln dominieren.Im Orchester sind drei Schichten von kurzen Tönenin rhythmisch komplizierter Organisation übereinandergelagert. Kontinuierliche Bewegungbringen nur der Solist und eine einstimmigeLinie von Hörnern und Tuba. Insgesamt entstehtein bohrender, insistierender Klangcharakter.Im eher lyrischen zweiten Satz dominieren Instrumentemit Nachklang – Vibraphon, Glocken,Gongs, Crotales und Klangschalen – wobei mireine Passage von großer Ruhe besonders amHerzen liegt, in der vereinzelte pianissimo-Ereignisse des Solo-Schlagzeugs aus einemKlangteppich der Nachhall-Instrumente hervorleuchten.Der dritte Satz hat Scherzando-Charakter. Imrasenden Tempo der Bewegungen herrschen diehohen, hellen Klänge von Xylophon, Holzblöckenund Log-Drums vor. In der neueren Konzertliteraturist der Klangtypus des Solo-Instrumentsim Orchester oft ausgespart; ich hingegen liebein meinen Instrumentalkonzerten das Wechselspieldes Solisten mit seinen Instrumental kollegenim Orchester. Im dritten Satz kommt es deshalbvorübergehend zu einem Wechselspiel zwischenSolo-Xylophon und Orchester-Xylophon, wobeider „Gegensolist“ Phrasen des Solisten nachahmtoder weiterführt. Beschlossen wird dasStück durch die eruptiven Trommel-Ereignissedes Anfangs.Zeittafel1926 wird Friedrich Cerha am 17. Februar inWien geboren. Mit sechs Jahren Beginndes Instrumentalunterrichts undGeigenspiels.1935 Unterricht in Kontrapunkt und Harmonielehresowie erste Kompositionen.1943 Einberufung zur Wehrmacht noch vorBeendigung der Gymnasialzeit. Cerhakommt in Dänemark in Kontakt zurdänischen und deutschen Widerstandsbewegung.1945 lebt er als Bergführer in Tirol. Endedes Jahres kehrt er – zunächst ungern– in akademische Ordnungen zurück.1946 studiert er an der Wiener Musik akademieKomposition (Alfred Uhl), Geige (VášaPříhoda) sowie Musikerziehung, an derUniversität Germanistik, Musikwissenschaftund Philosophie.1950 Promotion zum Doktor der Philosophie.1953 Abschluss der Musikstudien. In dieserZeit intensiviert sich Cerhas Kontaktzum von avantgardistischen Malernund Literaten dominierten „Art Club“und zur Internationalen Gesellschaft


4Friedrich Cerha: Konzert für Schlagzeugfür Neue Musik (IGNM), in der ihmJosef Polnauer wesentliche AnalyseundInterpretationshinweise zu Werkender Wiener Schule gibt.1956 nimmt Cerha an den DarmstädterFerienkursen teil. Als Geiger besuchter dort auch Kurse von Rudolf Kolischund Eduard Steuermann, zwei weiterenintimen Kennern des Musizieridealsder Schönberg-Schule. Cerhaist in diesen Jahren als Konzertgeigerund Musiklehrer tätig.1957 Rom-Stipendium.1958 gründet er zusammen mit Kurt Schwertsikdas Ensemble „die reihe“ zur Schaffungeines permanenten Forums fürneue Musik in Wien. Es leistet in derFolge Pionierarbeit bei der Präsentationneuer Werke, aber auch der Musikder Klassischen Moderne, vor allemder Wiener Schule und erwarbbald internationale Anerkennung.1959 wird Cerha Lehrer an der Hochschulefür Musik in Wien. Von 1976 bis 1988ist er dort Professor für „Komposition,Notation und Interpretation neuerMusik“.1960 Cerha beginnt sich zunehmend alsDirigent (Ensemble, Orchester, Oper)zu profilieren. Er arbeitet regelmäßigfür die bedeutendsten Institutionenzur Pfl ege neuer Musik, für große internationaleFestivals und Opernhäuser,u. a. Warschauer Herbst, Prager Frühling,Biennale Venedig, Holland-Festival,Salzburger Festspiele, Wiener Festwochen,Berliner Festspiele, DeutscheOper Berlin, Teatro Colon Buenos Aires,Concertgebouw Amsterdam, BerlinerPhilharmoniker, Cleveland Orchestra,Lincoln Center New York.1962 Beginn der Vervollständigung undInstrumentation des 3. Akts der Oper„Lulu“ von Alban Berg. Uraufführungder integralen Fassung 1979 in Paris.1970 Zweijähriges DAAD-Stipendium inBerlin.1974 Kompositionspreis der Stadt Wien.1978 Gründung des Wiener Konzertzyklus„Wege in unsere Zeit“, den Cerha bisHerbst 1983 leitet. Anschließend übergibter die Leitung des Ensembles „diereihe“ an HK Gruber und Kurt Schwertsik.1981 Uraufführung des Musiktheaterstücks„Netzwerk“ bei den Wiener Festwochenund Uraufführung der Oper„Baal“ bei den Salzburger Festspielenmit Folgeaufführungen an der WienerStaatsoper.1986 Großer Österreichischer Staatspreis,den Cerha umgehend für Aufführungenvon Werken junger Komponistenstiftet.1987 Uraufführung der Oper „Der Rattenfänger“beim Steirischen Herbst inGraz mit Folgeaufführungen an derWiener Staatsoper.1989 Hauptkomponist beim Festival „WienModern“.1996 Uraufführung des Auftragswerks „Impulse“durch die Wiener Philharmoniker.Zahlreiche Konzerte zum 70.Geburtstag im In- und Ausland, u. a.im Konzerthaus Wien. „Projekt FriedrichCerha“ mit sieben Konzerten bei


Friedrich Cerha (um 2000)5


6Friedrich Cerha: Konzert für Schlagzeugden Salzburger Festspielen, „Spiegel“-Aufführung bei den Berliner Festspielen.1997 Kompositionsauftrag der Wiener Staatsoperzur Oper „Der Riese vom Steinfeld“(Libretto: Peter Turrini).1998 Uraufführung des Konzerts für Violoncellound Orchester bei den BerlinerFestspielen durch Heinrich Schiff unddie Berliner Philharmoniker unter Leitungvon Michael Gielen.1999 Komposition des Zyklus „Im Namen derLiebe“ (Texte: Peter Turrini) für Baritonund Orchester (Auftragswerk des Festivalsde Música de Canarias).2000 Komposition des Orchesterstücks „Hymnus“im Auftrag des Konzert hausesBerlin.2001 Uraufführung der Fünf Stücke für Klarinette,Violoncello und Klavier zum50. Geburtstag von Heinrich Schiff.Komposition der „Rapsodie pour violonet piano“ im Auftrag des ConcoursJacques Thibaud, Paris. Beginn derKomposition des „Requiems“ für Soli,Chor und Orchester im Auftrag desKonzerthauses Wien.2002 Uraufführung der Oper „Der Riese vomSteinfeld“ an der Staatsoper Wien.2003 Komposition des Konzerts für Sopransaxophonund Orchester.2004 Komposition des Konzerts für Violineund Orchester und des Quintetts fürKlarinette in A und Streichquartett(Auftragswerk der BNP Paribas). Uraufführungdes „Requiems“.2006 Am 7. Oktober wird Cerha im Rahmender Biennale Venedig der „GoldeneLöwe“ für sein Lebenswerk verliehen.Uraufführung der „Momente“ für Soli,Chor und großes Orchester (Auftragswerkder Musica Viva München).2008 Goldenes Ehrenzeichen für Verdiensteum das Land Wien.2009 Uraufführung des Konzerts für Schlagzeugund Orchester (für Martin Grubinger).2010 Uraufführung von „Like a Tragicomedy“für großes Orchester (Auftrag der BBCManchester).2011 Am 13. März wird Cerha der MusikpreisSalzburg 2011 (Internationaler Kompositionspreisdes Landes Salzburg)verliehen.2011 Uraufführung von „Paraphrase überden Anfang der 9. Symphonie vonBeethoven“ für Orchester.2012 Am 22. Juni wird Cerha in Münchender Internationale Ernst von SiemensMusikpreis 2012 verliehen.2013 „Carta Blanca“ des Orquesta Nacionalde España für Friedrich Cerha vom2.-12. April.PersönlichkeitNach Kriegsende hat sich Friedrich Cerha zunächstmit dem im Konzertleben und Unterrichtsbetriebvorherrschenden Neoklassizismus auseinandergesetzt– das 1948 konzipierte„Divertimento“ ist eine Art Hommage an Strawinsky.Später wurden Werke Anton Weberns


Friedrich Cerha (um 1980)7


8Friedrich Cerha: Konzert für Schlagzeugund ab 1956 die seriellen Techniken der Avantgardezu Ausgangspunkten für selbstständigeEntwicklungen („Relazioni fragili“, „Espressionifondamentali“, „Intersecazioni“).Mit den „Mouvements“ und dem „Spiegel“-Zyklus (1960/61) hat sich Cerha eine von traditionellenFormulierungen gänzlich freie Klangsprachegeschaffen. Diese Klangsprache unterscheidetsich von scheinbar Ähnlichem in gleichzeitigund unabhängig davon entstandenen Werkenvon Ligeti oder Penderecki vor allem dadurch,dass nachvollziehbare Entwicklungsvorgängeeine entscheidende Rolle spielen und im Vereinmit nicht-linearen Prozessen formale Zusammenhängestiften; diese lassen das Gesamtwerkzu einem kohärenten System, zu einer Art Kosmoswerden.Im bisher auf der Bühne nicht realisierten„Welttheater“-Konzept zu den „Spiegeln“ entsprechenVerhaltensweisen der „Masse Mensch“den Vorgängen in musikalischen Massenstrukturen.Im Bühnenstück „Netzwerk“ wechselndie Perspektiven zwischen Massenreaktionenund wie unter dem Mikroskop herangezogenenIndividualbereichen. Stilistisch und strukturellregressive Elemente brechen in eine puristischeKlangwelt ein und schaffen komplexe Verhältnissevon Störung und Ordnung in einem Organismus,der dem Bild von der Welt als „vernetztesSystem“ entspricht.Nach einer Reihe von Instrumentalwerken, diedirekten Bezug auf historische Idiome nehmen(„Curriculum“, „Sinfonie“), sind in der Oper„Baal“ (1974–80) alle bisher erreichten Strukturformennahtlos ineinander verwoben. DerEinzelne tritt nun provokant ins Zentrum desInteresses, aber die Palette reicht von „Spiegel“-ähnlichen Klangfeldern, die für Urgrundhaftesstehen, bis zu ziemlich eindeutig artikuliertenmelodisch-harmonischen Gestalten, in denensich das Individuum äußert. In der Oper „DerRattenfänger“ (1984–86) werden zusätzlich polyrhythmischeBildungen mit leitmotivischer Bedeutungfür Aufruhr und Unruhe eingesetzt.Eine Wiederaufnahme von Auseinandersetzungenmit verschiedenen Formen von Folklore, dieschon in Cerhas Frühwerk eine Rolle spielte,bezieht sich in kleineren Arbeiten wie den „Keintaten“(nach Ernst Kein) und „Chansons“ (nachTexten der Wiener Gruppe) auf eine Stilisierungund Verfremdung des Wiener Idioms. In denzum Teil mikrotonalen Streichquartetten verstärkenhingegen Einflüsse aus außereuropäischerMusik die Tendenzen zu polyrhythmischenund polymetrischen Bildungen, die auch in anderenStücken wie etwa der „Langegger NachtmusikIII“ oder den „Quellen“ eine Rolle spielen.Jüngere und jüngste Werke wie das Schlagzeugkonzertfür Martin Grubinger bestätigen, dass esauch im Alter Cerhas vordringlichstes Interessebleibt, die unermessliche Vielfalt der heutigenErfahrungswelt in komplexen musikalischen Organismenzu verarbeiten und zu bewältigen.


Ludwig van Beethoven: 5. Symphonie c-Moll9„Glühende Strahlen in tiefer Nacht“Volker ScherliessLudwig van Beethoven(1770-1827)Symphonie Nr. 5 c-Moll op. 671.Allegro con brio2.Andante con moto3.Allegro4.Allegro – PrestoLebensdaten des KomponistenGeburtsdatum unbekannt: geboren am 15. oder16. Dezember 1770 in Bonn, dort Eintragung insTaufregister am 17. Dezember 1770; gestorbenam 26. März 1827 in Wien.EntstehungErste Skizzen, die Beethovens Pläne zu einerc-Moll-Symphonie dokumentieren, reichen bisin die Jahre 1803/04 zurück; sie enthalten bereitsden später so berühmt gewordenen Beginndes 1. Satzes. Zugunsten der 4. Symphoniewurde die Arbeit an dem c-Moll-Projekt jedocheingestellt und erst im Herbst/Winter 1807wieder aufgenommen. Ausarbeitung und Vollendungerfolgten parallel zur 6. Symphonie(„Pastorale“) in Heiligenstadt bei Wien; beideWerke wurden in den ersten Monaten des Jahres1808 etwa zur gleichen Zeit fertig.Widmung„Dédiée à son Altesse Sérénissime Monseigneurle Prince régnant de Lobkowitz Duc deRaudnitz et à son Excellence Monsieur le Comtede Rasumoffsky par Louis van Beethoven“:Fürst Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz(1772-1816) und Graf Andrej Kyrillowitsch vonRasumowsky (1752-1836) waren die beiden wichtigsten(und finanzkräftigsten) Förderer Beethovensin Wien. Dieselbe Doppel-Widmungenthält auch die 6. Symphonie, was neben ihrergemeinsamen Entstehung und Uraufführungdafür spricht, dass Beethoven die 5. und 6.Symphonie als Paar verstanden wissen wollte.das sich komplementär ergänzt.UraufführungAm 22. Dezember 1808 in Wien im Rahmeneiner von Beethoven im Theater an der Wienveranstalteten „Akademie“, in der auch diePhantasie für Klavier, Chor und Orchester op.80, Teile der C-Dur-Messe op. 86, das 4. KlavierkonzertG-Dur op. 58 und die 6. SymphonieF-Dur op. 68 („Pastorale“) uraufgeführt wurden(Orchester des Theaters an der Wien unterLeitung von Ludwig van Beethoven).


10Ludwig van Beethoven: 5. Symphonie c-MollAltvertraut und geheimnisvoll zugleich stehtsie uns gegenüber: Beethovens „Fünfte“ – vonhöchster Popularität und doch in den geistigenDimensionen unauslotbar; mitreißend in ihrerscheinbar offen zutage liegenden „Aussage“und dabei vielschichtig und unergründlich in ihrerkompositorischen Gestalt wie auch in dem, wasdie ideellen Hintergründe der Komposition betrifft.Schaffensweise„Ich lebe nur in meinen Noten, und ist das einekaum da, so ist das andere schon angefangen.So wie ich jetzt schreibe, mache ich oft drei, vierSachen zugleich“ – diese Aussage Beethovenswird immer wieder auf frappierende, alle Vorstellungenübersteigende Weise bestätigt, etwain den Jahren 1804–06: Nachdem er eben die„Eroica“ beendet hatte, beschäftigte er sichgleichzeitig mit der 4. und 5. Symphonie, dem„Fidelio“, dem Violin- und G-Dur-Klavierkonzert,der „Appassionata“ sowie den drei „Rasumowsky-Quartetten“.Nicht nur die Zahl dieser großartigenMeisterwerke, sondern gerade ihrestilistische Verschiedenartigkeit übersteigt allenormalen Begriffe und Vergleichsmaßstäbe.Zu solcher Fähigkeit, völlig verschiedene Werkeparallel zu konzipieren und auszuarbeiten, kamnoch ein anderes Charakteristikum seines Komponierens:„Wie ich gewohnt bin zu schreiben,auch in meiner Instrumentalmusik, habe ich immerdas Ganze vor Augen.“ Das lässt sich imkleinen wie im großen verfolgen – mit Blick aufden jeweiligen Satz, das einzelne Werk und denzyklischen Zusammenhang.Betrachtet man die genannten Symphonien,so unterscheiden sie sich von Grund auf: Warnämlich die „Eroica“ durch außermusikalischeVorstellungen inspiriert, so scheint die „Vierte“vergleichsweise „objektiv“ in ihrer Haltung.Als Beethoven mit ihr begann, hatte er bereitsdie beiden ersten Sätze der c-Moll-Symphonieniedergeschrieben. Vollendet wurde sie abererst im Frühjahr 1808; die Uraufführung fandam 22. Dezember 1808 statt – gemeinsam mitder „Pastorale“, dem 4. Klavierkonzert, Teilender C-Dur-Messe sowie der Chorphantasie. Dassdie Entstehung einen so langen Zeitraum in Anspruchnahm, wirft ein bezeichnendes Licht aufBeethovens Arbeitsweise, die grundsätzlichnicht – wie etwa bei Mozart oder Schubert –durch zügiges Niederschreiben, sondern durchständiges Feilen und Konzentrieren gekennzeichnetwar. Dabei hat er, wie seine Skizzenzeigen, die großartigsten Ideen und Gestaltungenoftmals aus einem winzigen, fast möchteman sagen: primitiven Kern entwickelt.So auch hier: Welches musikalische Gebildekönnte einfacher sein als die berühmten vierAnfangstöne dieser Symphonie ? Und doch bestimmensie den Charakter des ganzen Werks,nicht nur im 1. Satz, sondern als rhythmischeUrzelle auch sonst. Dabei handelt es sich nichtum ein Thema im traditionellen Sinne, sondernlediglich um ein kurzes, mottoartiges Motiv –schon dies ist einzigartig in der Musikgeschichte.Seine Prägnanz – die Eigenschaft des Rufenden,Aufrüttelnden, Drängenden – hat die Zeitgenossenzu besonderen Deutungen veranlasst; mankonnte es nicht lediglich als musikalisches Gebildeauffassen, sondern erlebte es als Ausdruckungeheurer emotionaler Kraft.


Isidor Neugass: Ludwig van Beethoven (1806)11


12 Ludwig van Beethoven: 5. Symphonie c-MollSchicksalsruf ? Freiheitsfanal ?So war das von Beethovens Schüler AntonSchindler überlieferte, wenn auch nicht wirklichbelegte Wort des Meisters „So pocht dasSchicksal an die Pforte“ willkommen, um dasWerk als „Schicksalssymphonie“ zu verstehen.In der Tat legt Beethovens zunehmende Taubheitund seine erbitterte Auflehnung dagegen – „Ichwill dem Schicksal in den Rachen greifen !“ –eine solche Deutung nahe. Über diese autobiographischeSeite hinaus hat er aber eine allgemeinedramatische Idee mit musikalischen Mittelnformuliert: „Per aspera ad astra“ (DurchNacht zum Licht). Man beachte nur den Übergangvom 3. zum 4. Satz, wenn der helle, strahlendeSiegesglanz mit geradezu bildhafter Kraft durchbricht.Alle musikalischen Mittel, von der satztechnischenArbeit bis hin zum Einsatz des ungewöhnlichgroßen Orchesterapparats – erstmals erklingenPiccolofl öte, Kontrafagott und drei Posaunenin einem symphonischen Werk – , stehenim Dienste dieser grandiosen Idee. WieweitBeethoven dabei von konkret politischen Vorstellungeninspiriert war, wird sich kaum mehrfeststellen lassen. Neue Forschungen habengezeigt, dass er Motive französischer Revolutionsliederzitiert hat, und im unmittelbar mitreißendenGestus der Musik lässt sich jener„élan terrible“ spüren, der mehr sein wollte alsein bloß ästhetischer Reiz, der vielmehr ein aufrüttelndes,ja geradezu agitatorisches Momentdarstellte.GrenzüberschreitungenWie dem auch sei – der heutige Musikfreund,dem die Musikgeschichte als Ganzes zur Verfügungsteht und der gewohnt ist, Werke ausverschiedensten Epochen ohne Unterschied zu„konsumieren“, wird sich kaum mehr vorstellenkönnen, was eine solche Musik für die Hörerihrer Zeit bedeutete. Als Felix MendelssohnBartholdy sie dem alten Goethe 1830 am Klaviervorspielte, war dieser tief bewegt: „Das istsehr groß, ganz toll, man möchte sich fürchten,das Haus fiele ein; und wenn das nun alle Menschenzusammenspielen !“Der Eindruck des Ungeheuren, Dämonischen,Wilden, einer unergründlichen Tiefe und in reinerInstrumentalmusik noch nie da gewesenenKraft lässt sich aus allen Äußerungen der Zeitgenossenerkennen, am schönsten aus E. T. A.Hoffmanns berühmter Rezension aus dem Jahre1810, die allen späteren Beethoven-Deutungendie Richtung wies: Diese Musik „öffnet dasReich des Ungeheuren und Unermesslichen.Glühende Strahlen schießen durch dieses Reichestiefe Nacht, und wir werden Riesenschattengewahr, die auf- und abwogen, enger undenger uns einschließen und alles in uns vernichten.“Und dann, gewissermaßen als Summe derpoetischen Beschreibung: Diese Musik „bewegtdie Hebel des Schauers, der Furcht, des Entsetzens,des Schmerzes und erweckt jene unaussprechlicheSehnsucht, die das Wesen der Romantikist“.


Ludwig van Beethoven: 5. Symphonie c-Moll13Beethoven als „Romantiker“ – in der Tat: esgeht hier nicht mehr nur wie in einem typisch„klassischen“ Werk um Maß, Natürlichkeit undAusgleich zwischen den Extremen, sondern umgesteigerten Ausdruck; nicht mehr um die Erfüllungerwarteter Normen, sondern um dasUnverwechselbare des einen Werks – ja, esgeht im Grunde nicht mehr um Musik allein. Siewird vielmehr zum persönlichen Bekenntnis, indem der Komponist sein Eigenstes aussprichtund mit dem er sich an die Menschen schlechthin,an die Menschheit wendet.Musik als Sprache der MenschheitSolche Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeitenbedeutet, musikalisch-technisch gesehen, eineIntensivierung der kompositorischen Mittel.Beethoven erweitert die Sprache der Instrumentalmusik,er vertieft sie – ja, man kann sagen:er „problematisiert“ sie. Das geschieht vor allemdurch zunehmende kompositorische Konzentration,d. h. Beschränkung auf wenige motivischeElemente und deren strenge Verarbeitung;bezeichnenderweise bringt E. T. A. Hoffmannin seiner Rezension erstmals ein Wort, das späterim musikalisch-analytischen Sprachgebrauchzum zentralen Begriff werden sollte: die „innereStruktur Beethoven’scher Musik“.zyklisch gebundenen Form offenbaren. Konnteman eine Haydn- oder Mozart-Symphonie nochsatzweise aufführen – was der Praxis der Zeitdurchaus entsprach – , so ist Beethovens c-Moll-Symphonie ein geschlossenes Ganzes. Stattdes unterhaltenden Moments, das der GattungSymphonie ursprünglich eigen war, kommenübergreifende architektonische Zusammenhängeund der „gelehrte“ polyphone Stil immer mehrzum Zug.Die Musik wendet sich nicht mehr wie im 18.Jahrhundert an „Kenner“ oder „Liebhaber“, sieunterscheidet nicht zwischen geistig anspruchsvollenund unterhaltenden Zügen, sondern wirdzur umfassenden, verbindlichen Sprache desMenschen. Hier liegt der humanistische Aspektdieser Partitur: Beethoven hat mit ihr, wie IgorMarkewitsch in einer großen Studie formulierte,„den Bereich musikalischer Konzeption erweitert,die Grenzen des dem Geiste Erreichbarenhinausgerückt und das Selbstverständnisdes Menschen vergrößert. Die 5. Symphoniehat, wie nur wenige Werke, den Menschen zumBewusstsein seiner eigenen Größe geführt.“Eine eingehende Analyse der Symphonie würdeauf Schritt und Tritt den Beziehungsreichtumund die fortschreitende Entwicklung innerhalbder einzelnen Sätze, aber auch in der ganzen,


14 Die KünstlerLorin MaazelDirigent


Die Künstler15Martin GrubingerPerkussionBaden-Baden und in der Suntory Hall in Tokio;außerdem war er bei den Salzburger Festspielen,den Bregenzer Festspielen, beim Beethovenfestin Bonn und beim Schleswig-Holstein MusikFestival zu hören, wo er 2007 den „BernsteinAward“ erhielt.Im Rahmen des Konzertzyklus „Rising Stars“ tratMartin Grubinger im Wiener Konzerthaus, in derKölner Philharmonie, im Palais des Beaux-Artsin Brüssel, im Concertgebouw in Amsterdam,im Megaron Musikis in Athen und in der NewYorker Carnegie Hall auf. Als Solist konzertierteer u. a. mit dem NDR-Sinfonieorchester, denPhilharmonischen Orchestern von Hamburg,Bergen und Oslo, dem ORF-Radio-SymphonieorchesterWien, dem Leipziger Gewandhausorchesterund dem Mozarteum-Orchester Salzburg.Der österreichische Multiperkussionist machtebereits als Jugendlicher bei internationalen Wettbewerbenauf sich aufmerksam. So war er u. a.der jüngste Finalist beim Marimba-Wettbewerbin Okaya / Japan, sowie Finalist beim EBU-Wettbewerbin Oslo. Mittlerweile kann Martin Grubingerauf zahlreiche Auftritte in internationalrenommierten Konzertsälen zurückblicken, u. a.im Wiener Musikverein, im Konzerthaus Berlin,in der Hamburger Laeiszhalle, im FestspielhausKomponisten wie Rolf Wallin, Anders Koppel,Avner Dorman und Bruno Hartl komponiertenWerke für Martin Grubinger. Friedrich CerhasKonzert für Schlagzeug und Orchester brachte erim Oktober 2009 mit dem Mozarteum-OrchesterSalzburg unter Ivor Bolton zur Uraufführung.Martin Grubinger ist Gründer und Leiter desPerkussionsensemble „The Percussive Planet“,mit dem er in der ganzen Welt gastiert.


16PhilharmonischeBlätterAuftaktKlassik für alleDie Kolumne von Elke HeidenreichIch habe gerade in einerneuen Übersetzung dasvor mehr als fünfzig Jahrengeschriebene Buch„Clockwork Orange“ vonAnthony Burgess gelesen,das 1971 spektakulär vonStanley Kubrick verfilmt wurde. Darin geht es um Alex,Mitglied einer grausamen Jugendgang, die raubt,vergewaltigt, mordet. Das Erschreckendste an allemist für mich: um sich in Stimmung dafür zu bringen,hört Alex klassische Musik, vor allem Beethoven undBach, und während er auf seinem Bett liegt und dieseMusik hört, stellt er sich vor, wie er jemanden zudiesen Klängen rhythmisch zusammenschlägt, unddas verschafft ihm Lust und Befriedigung.Ausgerechnet Musik, von der ich immer denke, dasssie den Menschen zum Menschen macht, ihn sozialisiert,seine Seele öffnet – bei Alex erreicht siedas Gegenteil. Und es kommt noch schlimmer: alsAlex ins Gefängnis kommt, wird er Teil eines brutalenUmerziehungsprogramms: man zwingt ihn, grauenhafteFolterfilme anzusehen, die alle mit schönsterklassischer Musik unterlegt sind. Am Ende istAlex von Gewaltphantasien geheilt, es wird ihmaber auch jedes Mal total schlecht, wenn er klassischeMusik hört. Das eine konditioniert das andere.„Musik, „ schreibt Burgess in einem Kommentarzu seinem Roman, „die ein neutrales Paradiessein sollte, ist für ihn zur Hölle geworden.“Was für eine infame Idee. Alex ist böse, aber einStaat, der einen Menschen so umerzieht, dass ernicht mehr die freie Wahl des Handels hat, istauch böse. Die Musik hat Alex ja nicht zu demgemacht, was er war – er selbst hat sie benutztals Ansporn zu seinen gewalttätigen Träumenund Taten. Es hätte ihn ja nichts daran gehindert,diese Musik einfach nur zu genießen. Das bedeutet:die Dinge – auch die der Kunst – sind nichtmehr und nicht weniger als das, was wir von ihnenzulassen. Wenn uns Musik leicht, weich,nachdenklich, melancholisch, durchlässig, sogarglücklich macht – was für ein schöner Effekt.Wenn wir jung sind, funktioniert das noch vielstärker als später, wenn wir über die Strukturender Werke oder die Komponisten schon so vielwissen. Die Nazis haben Wagners und LisztsMusik für ihre Propagandazwecke missbraucht.Sie haben die Musik benutzt, aber die Musik ansich ist unschuldig. Beethovens 9. ist unschuldig,auch wenn Alex dazu seine Mordphantasienaustobt. Das ist weniger schlimm, als einenMenschen so zu konditionieren, dass ihm schlechtwird und er von Gewaltphantasien gequält wird,wenn er Mozarts Jupitersymphonie hört.Das Buch hat mich sehr nachdenklich gemacht.Es hat mir die Musik natürlich nicht verleidet, aberes hat mir gezeigt, wie man das Schönste, dasder Mensch besitzt, missbrauchen und manipulierenkann. Alex ist ein dummer Schläger, aufgewachsenin armseliger Umgebung. Wir habenmehr Chancen als er. Wir, ob jung oder alt, könnendie Musik als das hören, was sie auch seinkann: das rettende Geländer.


PhilharmonischeBlätter6 Fragen an …17Manuel von der NahmerInstrument: CelloBei den Münchner Philharmonikernseit 1997Maria TeiwesInstrument: HornBei den Münchner Philharmonikernseit 20111 Was würden Siedem MünchnerPublikum gernemal sagen?Bleiben Sie unsweiterhin treu, dennes gibt für einenMusiker nichts Schöneres, als vor einem vollenSaal zu spielen!2 Welches Instrument dürften Ihre Kindernicht lernen?Meine Kinder dürfen alles lernen. JedesInstrument ist besser als kein Instrument.3 Nehmen Sie das reichhaltige KulturangebotMünchens auch selbst wahr?Oh ja. Museen, Oper, Kleinkunst und Fußball.4 Haben Sie einen Lieblingsplatz in München?Die Bar Centrale in der Ledererstraße.5 Gab es einen Auftritt, der Sie besondersbewegt hat?Mit 18 Jahren hatte ich das große Glück unterLeonard Bernstein in einem Jugendorchesterzu spielen. Das 1. Konzert mit ihm, Romeo undJulia von Berlioz, werde ich nie vergessen.6 Was macht man, wenn man einen Einsatzversäumt?Das restliche Orchester war einfach zu früh!1 Mal ehrlich, wieviel üben Sie proTag?Mindestens zweiStunden.2 Was sagt manLeuten nach, dieIhr Instrument spielen? Und stimmt das?Lebensfrohes,meist trinkfestes Völkchen undgut kochen können viele auch. Stimmt häufig.3 Üben Sie auch im Urlaub?Selbstverständlich. Maximal vierzehn Tagesind im Sommer ohne Üben möglich.4 Welches Buch lesen Sie gerade?Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmendenLichts.5 Haben Sie neben der Musik eine weiteregroße Leidenschaft?Das Leben, mit allem was dazu gehört.6 Was ist das Schwierigste an IhremInstrument?IMMER den richtigen Ton zu treffen.


18PhilharmonischeBlätterÜber die Schulter geschaut„Musik ist Kommunikation in reinster Form“Der Philharmoniker Gunter Pretzel über das Symposium„Musik ist Kommunikation“ vom 2. bis 5. JanuarWarum ist Musik Kommunikation?Weil Musik sich in einem Raum entfaltet,in dem sich mehrere Menschenaufhalten, und diese durch Musik ineine Wahrnehmungssphäre gehobenwerden, in der der Einzelne als abgegrenztesIndividuum zurücktritt. Sowie Musiker sich im gelingenden Zusammenspielin einer höheren Identität wiederfindenkönnen, so kann sich das Publikum dort oben indieser Sphäre auch mit den Musikern verbinden.Wie kann man sich das genau vorstellen?Musikalische Kommunikation ist inhaltlich nichtfestgelegt und sie geschieht wechselseitig undgleichzeitig, in ihr fallen Tun und „Verstehen“zusammen. In meinen Augen finden wir in derMusik die Kommunikation in ihrer reinsten undunmittelbarsten Form. Diese Kommunikationkann überaus dicht sein. Zwischen den Musikern– und darüber sprechen wir ja in dem Symposium– kann Kommunikation zu so etwas wie einemFluidum werden, in welchem man sich gemeinsamin großer Sicherheit und Selbstverständlichkeitbewegt. Von außen gesehen siehtdas aber so aus, als würde man sich da aufextrem schmalen Grat bewegen. Das Symposiumwill die Hörer in dieses Fluidum hineinnehmen, ich halte dies für eine sehr spannendeAufgabe.Gibt es mal mehr und malweniger Kommunikation?Es gibt Kommunikation auf sehr verschiedenenEbenen. Das fängt anbeim orchestralen Alltag, wenn esdarum geht, zusammen zu spielen,zum Beispiel bei den Streichern dieselbenStriche zur selben Zeit zu machen. Nennenwir es mal das grundlegende Räderwerk derorchesterinternen Kommunikation. Kommunikationgeht aber noch weiter, verfeinert sich immermehr und berührt schließlich den Identitätskerndes Orchesters. Musikalische Kommunikationin ihrer höchsten Form lässt die bloßeSynchronisation weit hinter sich. Sie gibt jedemMusiker das Gefühl von Freiheit und Spontaneität,in welcher man sich dennoch gegenseitiggar nicht verlieren kann.Haben Sie ein konkretes Beispiel vorAugen?Es war für uns alle ein unglaubliches Erlebnis, alsZubin Mehta einmal bei einem Konzert in Wienkurzfristig für den erkrankten Sergiu Celibidacheeingesprungen war, es wurde Bruckner gespielt.Ich kann es hier in der gebotenen Kürze gar nichtangemessen erzählen, aber sowohl er als auchwir selbst erlebten in einem hochemotionalenKonzert, welch überwältigende geistige Kraftein Orchester aus sich selbst heraus entwickelnkann – ein Erlebnis, das uns mit ihm bis heutein besonderer Weise verbindet.


PhilharmonischeBlätterÜber die Schulter geschaut19Mit welcher Fragestellung wollen Siesich im Symposium beschäftigen?Ich möchte den Teilnehmern das Phänomen internerKommunikation im Orchester so nahe bringenwie möglich, sie gleichsam mit hinein nehmen.Diese Kommunikation ist überaus reichhaltigund vielfältig. Bei der Konzeption der Veranstaltungmöchte ich dem hohen Anspruch dieserAufgabe gerecht werden, dies aber auf unterhaltsame,ansprechende und vielfältige Weise.Welche Gäste wird es geben?Es gibt „kommentierte Proben“, das heißt, der Musiker„klappt seinen Kopf auf“ und spricht sozusagenlaut mit, was er beim proben denkt. Dadurchsoll es den Besuchern möglich sein, sich mit demMusiker und seinem Denken zu verbinden. Zu Gastist das Streichquartett unseres KonzertmeistersSreten Krstic; mit meiner Partnerin Charlotte Walterspielstelle ich das Projekt „Pult 3“ vor, welchesdie musikalische Kommunikation sozusagen untersMikroskop legt. Dann kommt, worüber ich michsehr freue, der Jazztrompeter Matthias Schrieflmit seiner Band, auch er will sich auf eine kommentierteProbe einlassen. Daneben gibt es Referateund Vorträge, u.a. vom prominenten MusikwissenschaftlerProf. Dr. Peter Gülke, der ja auchDirigent ist, was ihn besonders spannend für unsmacht. Der Manager Dr. Thomas Girst von BMWist mit dabei, er spricht über Zusammenspiel imManagement. In der Wirtschaft gilt ja ein Teamdann als besonders kreativ, wenn es sich aus möglichstunterschiedlichen Menschen zusammensetzt,die sich gegenseitig ergänzen. Das fi nde ich für einOrchester mit seinen Stimmgruppen einen überausanregenden Gedanken. Schließlich kommt nochProf. Denis Rouger aus Stuttgart, er wird das Phänomen„Zusammenspiel“ den Teilnehmern als eigeneErfahrung erschließen.An wen richten Sie sich und setzen SieVorkenntnisse voraus?Nein, gar nicht! Das ist die spannende Aufgabe:Mit Menschen, die Offenheit und Neugierdebesitzen, aber keine besonderen Kenntnissemitbringen müssen, tief einzudringen in die Phänomeneinterner Kommunikation im Orchester.Natürlich wünschen wir uns besonders, dasssich die Abonnenten und das Publikum unseresOrchesters dafür interessieren. Aber ebensowillkommen sind uns die Hörer der MünchnerVolkshochschule.Wir möchten den Blick auf das Orchester nachhaltigbeeinflussen, wir möchten aber vor allemauch zukünftige Konzerterlebnisse intensivierenund vertiefen.Das Symposium fi ndet statt vom 2. bis 5.Januar 2014 im Haus Buchenried am StarnbergerSee als Kooperation mit der Münchner Volkshochschuleund Kulturreferat mit Spielfeld Klassik.


20PhilharmonischeBlätterAus dem GasteigDer BISS-VerkäuferWolfgang RäuschlSeit drei Jahren verkauft der gebürtigeSalzburger Wolfgang Räuschl dieMonatszeitung BISS am Gasteig. DieZeitung hat ihm geholfen, von der Straßewegzukommen und der Kontakt mitden Menschen gab ihm sein Selbstwertgefühlzurück. Wolfgang Räuschlwirkt zufrieden, er hat einen Job, eine Wohnungund Ziele im Leben. Der 54-jährige sagt: „Ichhätte nie gedacht, wie gigantisch schnell dasgeht, diese Grundpfeiler im Leben zu verlieren.“BISS steht für „Bürger in sozialen Schwierigkeiten“.Und in denen befand sich Wolfgang Räuschl,als er seinen Job als Kellner verlor und nach „privatemDesaster abrutschte“. Fast drei Jahreverbrachte er auf der Straße, er lebte vom Pfandflaschen-Sammeln.An einem Prinzip hielt erfest: Kein Alkohol, keine Drogen!Als er auf BISS aufmerksam wurde, bot sich ihmwieder eine Perspektive. Seit Dezember 2011ist er dort als Verkäufer angestellt. Bei mindestens400 verkauften Exemplaren im Monat bekommter ein Gehalt, das sich an Hartz IV orientiert.Er ist krankenversichert und bekommtein Monatsticket für die MVV. Kurz nach seinerEinstellung verhalf ihm BISS zu einer Wohnung.Seitdem ist Wolfgang Räuschl Biss-Verkäuferam Gasteig. „Zu meinen Stammkunden gehörensowohl Studenten als auch Abonnenten. Es kommenauch viele aus dem Chor.“ Um seiner Kundschaftgerecht zu werden, fing er an zu lesenund sich dafür zu interessieren, was im Gasteigläuft. Eine Abonnentin schwärmtebeim Kauf einer BISS vom 1. Satzeiner Beethoven Sinfonie. „Den 1.Satz kannte ich bis dahin nur vomTennis“. Mittlererweile kennt er nichtnur das aktuelle Programmangebot,sondern auch viele kleine Geschichtenrund um den Gasteig.Zum Abschluss sagt er: „BISS hat mir eine Arbeitgegeben und mir zu einer Wohnung verholfen.Welches Geschenk mir die Konzertbesucherinmacht, wenn sie ein paar Worte mit mirwechselt, weiß die gar nicht.“ Wolfgang Räuschlfühlt sich „wahrgenommen“. Und er hat auchetwas mitgenommen vom Standort Gasteig. Imnächsten Jahr fährt er nach Verona, und in derArena dort will er eine Oper sehen. „Darauf arbeiteich hin.“Die ZeitschriftDas BISS-Magazin ist die älteste StraßenzeitungDeutschlands. Im Oktober feierte sie ihr20-jähriges Jubiläum. Vom Verkaufspreis, derzeit2,20 Euro, behält der Verkäufer 1,10 Euro.BISS-Verkäufer kann nur werden, wer bedürftigim Sinne des Sozialgesetzbuches ist, derzeitsind es mehr als 100 Verkäufer. Neben demArbeitsangebot kümmert sich BISS auch umdie Entschuldung des Verkäufers und unterstütztfinanziell bei der Wohnungsausstattung.


PhilharmonischePhil harmonischeZahl:71.137Beim Heimspiel des FC Bayern München am19. Oktober wurde das Trikot, das Lorin Maazelbei der Aufnahme des Champions-League-Hymneder Münchner Philharmoniker trug, feierlichübergeben. Live vor 71.137 Zuschauern.Zu sehen ist das Trikot jetzt in derFC Bayern Erlebniswelt.Philharmonische Notizen21BlätterSonderkonzert der Freunde und FördererAm 24.10. fand das diesjährige Sonderkonzertder Freunde und Förderer statt. Gustavo Dudameldirigierte Mahlers 7. Sinfonie in der ausverkauftenPhilharmonie. Im prominent besetztenAuditorium befanden sich neben Matthias Sammerauch Herzog Franz von Bayern und AlexandraPrinzessin von Hohenzollern. Auf dem Empfangnach dem Konzert überreichte der HornistUlrich Haider dem Vorstand der Freunde undFörderer einen Scheck über 8000 €. Der bisherigeErlös aus dem Verkauf der Blasmusik CD„Ehrensache“ geht zugunsten der Orchesterakademieder Münchner Philharmoniker.Im NebelStephan Graf (Kontrabass) und Jürgen Popp(Fagott) organisieren seit Jahren die Orchesterfeste.Diesmal ging es mit Bergschuhen ausgerüstetzum Brauneck. Der Großteil der Gästenutze zwar die Kabinenbahn, für eine Wanderungam Gipfel war aber noch ausreichend Zeit. Leiderlagen die Berge im dichten Nebel. Der Abendim Panoramarestaurant war dennoch ein gelungenesFest.Neue KollegenDie Geigerin und Akademistin Florentine Lenzhat eine Stelle in den 1. Geigen bei den MünchnerPhilharmonikern gewonnen. Ihre Probezeitbeginnt im Januar 2014. Im selben Probespielgewann auch der griechische Geiger Iason Keramidiseine Stelle in unserem Orchester.Kammerkonzerte4 Konzerte der Kammermusikreihe der MünchnerPhilharmoniker werden seit dieser Saisonauch im vor ca. einem Jahr eröffneten Festspielhausin Erl zu Gehör gebracht. Das 1. Konzertzu Ehren Benjamin Brittens 100. Geburtstag warbereits ausverkauft. Nächstes Konzert am 15.Februar 2014.Ein Höhepunkt der diesjährigen Kammermusikreihe:Bereits am 15. Dezember ist der Tenor„Mark Padmore zu Gast“ im Künstlerhaus amLenbachplatz.OrchesterakademieUnser Akademist, Gergely Csikota, hat das Probespielum einen Zeitvertrag für die Solo-Trompetebei den Münchner Symphonikern gewonnen.


22PhilharmonischeBlätterOrchestergeschichteAnton von Weberndirigiert „österreichische Meister“Gabriele E. MeyerSeine erste internationale Konzertreise als Dirigentführte „Dr. Anton von Webern aus Wien“ imHerbst 1929 auch nach München. Hier sollte erden 2. Abend der von der Theatergemeinde Münchenveranstalteten Reihe „Meister der Bühneund des Konzertsaales“ leiten. Auch wenn Weberndie Beschränkung auf österreichische Komponistennicht sonderlich behagte, stürzte er sich dochmit Feuereifer auf die ihm gestellte Aufgabe. Innur zwei Proben, am 16. November und am Vormittagdes Konzerts am 19. November, erarbeiteteer mit den Münchner Philharmonikern Mozarts„Jupiter“-Symphonie, Arnold Schönbergs„Verklärte Nacht“ (in der Bearbeitung für Streichorchester),Hugo Wolfs „Italienische Serenade“und Johann Strauß’ „Gschichten aus dem Wienerwald“.– Webern muss ein auch pädagogischaußerordentlich befähigter Orchestererzieher gewesensein, sonst wäre der Abend angesichts derknapp bemessenen Probenzeit nicht so erfolgreichverlaufen. Die schon 1922 anlässlich eines DüsseldorferKonzerts beschriebene „peinlichste musikalischeSauberkeit“ begeisterte Musiker wieZuhörer und Kritiker gleichermaßen. Selbst derDirigent war mit sich zufrieden: „Keine Spur von,Nervosität‘, Bangigkeit, sicherer als zuhause(Wien). Viel Freude, Behagen. […] Mit dem Orchestersehr gut ausgekommen.“ Und Schönberg,seinen überaus verehrten Lehrer, ließ er sogleichwissen, welche Freude es ihm gemacht habe, zumersten Mal „Verklärte Nacht“ zu dirigieren unddass er den größten Teil seiner Probenarbeit diesemStück gewidmet habe. – Akribische Genauigkeitwar wohl schon immer ein Kennzeichendes vielleicht radikalsten Vertreters der SchönbergschenZwölftontheorie gewesen, gemäß derMaxime seines Lehrers, dass Kunst nicht von„Können“, sondern von „Müssen“ komme. Diesekristalline Klarheit im Komponieren spiegelte sichnach übereinstimmenden Berichten auch in WebernsWiedergabe von fremden Werken. – DieMünchner Presse jedenfalls war voll des Lobesüber das Gehörte. „Mozart’s Jupitersymphonieerklang in selten idealer Vollendung. Das Finale,äußerst lebhaft genommen, machte im Orchesterdie letzten Kräfte mobil“. Wolfs „ItalienischeSerenade“ erklang „mit liebevollem Auskostenihrer stilleren, intimeren Schönheiten“. SchönbergsFrühwerk „Verklärte Nacht“, ein Höhepunktdes schönen Abends, deutete Webern „mit einersolch außerordentlichen Intensivierung des Ausdrucksund solch prächtigem Klangempfi nden(geradezu wunderbar gelang der mählich im leisestenpianissimo verlöschende und verklärteAusklang des Werkes), daß die Leistung des Dirigentenwie des Orchesters gleich imponierendund eindrucksvoll war“. Am Ende dieses „genußreichen“Konzerts erklangen noch die „Gschichtenaus dem Wienerwald. „Wer verübelt es bei solchzündender Musik dem Dirigenten“, meinte ein namentlichnicht bekannter Rezensent zwei Tagespäter, „wenn er einige Male in Ueber-Begeisterungnahe daran war, mit der Partitur und demTaktstock ins Orchester zu tanzen?“


PhilharmonischeBlätterDas letzte Wort hat …23„Lackschuh oder Barfuss“Paul Müller,Intendant der Münchner PhilharmonikerSeit einigen Wochen treffe ich mich im14-tägigen Abstand zu Gesprächen mitunseren Abonnenten. In kleinen Gruppenvon 10 Personen diskutieren wir 90Minuten über die Zukunft der KlassischenMusik, die Zukunft des Orchestersund über die Zukunft der MusikstadtMünchen. Es ist eine schöne Bestätigung zu erfahren,dass der eingeschlagene Weg der Intensivierungunserer Aktivitäten im Spielfeld Klassik vonIhnen als richtig und wichtig eingeschätzt wird.Im März dieses Jahres hat sich eine Erfahrungtief in meinem Bewusstsein verankert. Der Auftrittder Münchner Philharmoniker in der Postgarage,als 2.000 junge Menschen zwischen 20 und35 dem Orchester zujubelten, als sich Griegs „Inder Halle des Bergkönigs“ und Brahms „UngarischerTanz Nr. 5“ stimmig einfügten in die besondereAtmosphäre an diesem ungewöhnlichen Ort.Dieser Abend hat mir eindrücklich gezeigt, dass dieMusik und die Art, wie wir sie spielen, auch überden Konzertsaal hinaus Leute begeistert. Die Reihedieser Konzerte werden wir unbedingt fortsetzen:zum Beispiel in der Reithalle im Novemberoder im Deutschen Theater im Januar.Auf ein Projekt freue ich mich ganz besonders,denn mit „Lackschuh oder Barfuss“ betretenwir im März 2014 gewissermaßen konzertantesNeuland in der Philharmonie. Ich habe den TubistenAndreas Martin Hofmeir, den Protagonistenunseres gemeinsamen Projektes,kürzlich in einem seiner Konzertevon LaBrassBanda im CircusKrone besucht. Mein Wunsch ist es,einen Teil der Intensität und Energiedieser Konzerte auch in die Philharmoniezu tragen.Dies sind nur zwei Beispiele, die uns zeigen, wiewichtig für uns die Verbreiterung unserer Aktivitätenist. Mit Blick auf die demografi sche Entwicklungüberrascht es nicht, dass wir uns an jüngere Menschenrichten. Wobei, was genau heißt eigentlichjung? Wann fängt jung an, wo hört jung auf? „Jung“ist vor allem wohl ein relativer Begriff. Vor 15 Jahrenlag das Augenmerk der Musikvermittlung mehroder weniger ausschließlich auf den Kindergärtenund Schulen. Mit Spielfeld Klassik wollen wir mehrsein. Ein Programm für alle. Für Kindergartenkindergenau wie für Schüler, für Studenten und junge Erwachsenegenau wie für Rentner, für Münchner genauwie für Menschen mit Migrationshintergrund,für Klassikneugierige genau wie für langjährigeAbonnenten. Für uns bedeutet das, jedes Jahr einvielfältiges und breites Angebot zu entwickeln.Mehr als 150 Veranstaltungen sind das pro Jahr,Bekanntes und Bewährtes gepaart mit neuen Produktionenund Experimenten. Entwickelt von einemTeam, das aus Mitarbeitern und Orchestermusikernbesteht, die gemeinsam ein Ziel antreibt:eine nachhhaltige Neugierde. Ich lade Sie herzlichein, lassen Sie sich anstecken.


24 VorschauDi. 26.11.2013, 13:30 3. ÖGPRichard Strauss„Metamorphosen“ AV 142„Eine Alpensinfonie“ op. 64Lorin Maazel, DirigentMi. 27.11.2013, 19:00 1. JuKoRichard Strauss„Eine Alpensinfonie“ op. 64Lorin Maazel, DirigentDo. 05.12.2013, 20:00 2. Abo e5Fr. 06.12.2013, 20:00 3. Abo cRichard Wagner„Siegfried-Idyll“Benjamin Britten„Four Sea Interludes“ op. 33aaus der Oper „Peter Grimes“„Les Illuminations“ op. 18„The Young Person´s Guide to theOrchestra“ op. 34Lorin Maazel, DirigentBarbara Hannigan, SopranImpressumHerausgeberDirektion der MünchnerPhilharmonikerLorin Maazel, ChefdirigentPaul Müller, IntendantKellerstraße 4,81667 MünchenLektorat: Stephan KohlerCorporate Design:Graphik: dm druckmediengmbh, MünchenDruck: Color Offset GmbH,Geretsrieder Str. 10,81379 MünchenTextnachweiseVolker Scherliess, Elke Heidenreich,Gunter Pretzel, AlexanderPreuß, Gabriele E. Meyer und PaulMüller schrieben ihre Texte alsOriginalbeiträge für die Programmhefteder Münchner Philharmoniker.Den Text Friedrich Cerhas übersein Schlagzeugkonzert sowie alleübrigen Texte zu Cerha stellte unsfreundlicherweise die UniversalEdition Wien zur Verfügung; fürdie wie immer höchst erfreulicheZusammenarbeit danken wir BettinaTiefenbrunner, Angelika Dworakund Daniela Burgstaller. Die lexikalischenAngaben und Kurzkommentarezu den aufgeführten Werkenverfasste Stephan Kohler; Künstlerbiographien:Agenturtexte. AlleRechte bei den Autorinnen undAutoren; jeder Nachdruck ist seitensder Urheber genehmigungsundkostenpflichtig.BildnachweiseAbbildungen zu Friedrich Cerha:Universal Edition Wien. Abbildungzu Ludwig van Beethoven: H. C.Robbins Landon, Beethoven –A documentary study, New York /Toronto 1970. Künstlerphotographien:wildundleise (Maazel, vonder Nahmer, Teiwes, Pretzel, Müller);Felix Broede (Grubinger); Leonievon Kleist (Heidenreich); Archivder Münchner Philharmoniker.Gedruckt auf holzfreiem und FSC-Mixzertifiziertem Papier der SorteLuxoArt Samt.


Lorin MaazelDirigentBarbara HanniganSopranRichard Wagner„Siegfried-Idyll“Benjamin Britten„Four Sea Interludes“ op. 33aaus der Oper „Peter Grimes“„Les Illuminations“ op. 18„The Young Person´s Guideto the Orchestra“ op. 34Donnerstag, 05.12.2013, 20 UhrFreitag, 06.12.2013, 20 UhrPhilharmonie im GasteigKarten € 61 / 51,50 / 45 / 36,90 / 31,20 / 18,10 / 12,30Informationen und Karten über München TicketKlassikLine 089 / 54 81 81 400 und unter mphil.demphil.de


mphil.de116. Spielzeit seit der Gründung 1893Lorin Maazel, ChefdirigentPaul Müller, Intendant

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