Rede - AGP

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Rede:MARIE-LUISE DÖTTMITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGESUMWELTPOLITISCHE SPRECHERINDER CDU/CSU-BUNDESTAGSFRAKTIONWerteorientierte Unternehmensführung –Die Verantwortungskultur der FamilienunternehmerKatrin Lemcke-Kamrath, M.A.Wissenschaftliche MitarbeiterinDeutscher BundestagPlatz der Republik 111011 BerlinBesucheranschrift:Unter den Linden 7110117 BerlinTel: 030 - 227 - 73700Fax: 030 - 227 - 76888marie-luise.doett.ma02@bundestag.de21. Juni 2012Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft e.V.AGP__Anrede,__viele Unternehmer berufen sich auf bürgerliche Werte underklären sie zum Fundament ihres wirtschaftlichen Handelns.Sie tun dies meines Erachtens – in vielen Fällen – zu recht!Ich kann auf jeden Fall für inhaber- und familiengeführte,mittelständische Unternehmen sprechen, und zwar auch auseigener Erfahrung.Wertkonservatives Handeln ist gerade hier Basis undLeitfaden...2


- 2 -Werte und Tugenden sind darüber hinaus die konstitutivenElemente der menschlichen Kultur.Werte definieren Sinn und Bedeutung des gesellschaftlichenZusammenlebens und des Handelns.Werte drücken aus, was wünschenswert ist. Wenn Wertepraktisch umgesetzt werden, äußern sie sich als Tugenden.Man unterscheidet in der Antike vier Tugenden, die wir heuteals weltliche bzw. Kardinaltugenden kennen.Es sind die Tugenden Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit undMäßigung.Die erste Kardinaltugend, die Weisheit, meint die Erkenntnisüber das Wesen der Dinge und ihr Verhältnis zueinander.Weise ist jener, der in der Lage ist, sichere Urteile zu fällen,gute Ratschläge zu geben und vernünftige Entscheidungen zutreffen...3


- 3 -Das Alte Testament bezeichnet die Weisheitdementsprechend als praktische und theoretische Fähigkeit,das Leben zu meistern.Übertragen auf wirtschaftliches Handeln ist die Tugend derWeisheit für einen langfristigen Erfolg unerläßlich.Die Gerechtigkeit als zweite Kardinaltugend bildet dieGrundlage für das gesellschaftliche Zusammenleben.Hinsichtlich der Rechte und Pflichten innerhalb einerGesellschaft sagt Platon, daß wir zwar solidarisches Handelnerbitten; Gerechtigkeit aber voneinander verlangen können.Die katholische Soziallehre macht von diesem Umstandgebrauch, wenn sie fordert, daß jeder zunächst für sich selbstverantwortlich ist, bevor er die Gemeinschaft um Hilfe bittet.Die dritte Kardinaltugend, die Tapferkeit, äußert sich in derBereitschaft, für „höhere“ Werte Opfer zu bringen...4


- 4 -Wobei man bei jedem Handeln mit Klugheit und Vernunftabwägen muß, welche Risiken man eingehen kann.Die Tapferkeit beruht also auf der Tugend der Weisheit undkann als Mut zum Risiko bezeichnet werden.Mut zum Risiko finden wir heute in besonderer Weise beiinhaber- und familiengeführten mittelständischenUnternehmern.Sehr geehrte Damen und Herren,was eine Tugend ist, hängt zwar von den Umständen ab, auchvon den historischen und gesellschaftlichen, dennochbesitzen Tugenden einen universellen Kern.Die antiken Tugenden unterscheiden sich aber in einemwesentlichen Punkt von den bürgerlichen Werten, diewährend der Aufklärung im 18. Jahrhundert entstanden sind:..5


- 5 -Die bürgerlichen Werte geben – neben der Anleitung für eingutes Leben – dem Bürgertum die Möglichkeit, sichgegenüber dem Adel zu emanzipieren, und dies nicht nurintellektuell, sondern auch und vor allem wirtschaftlich.Die bürgerlichen Tugenden sind durchaus auf die praktischeBewältigung des Alltags und die wirtschaftliche Sicherheitgerichtet.Daß es einen Zusammenhang zwischen bürgerlichen Wertenund dem Handlungsfundament von Familienunternehmerngibt, läßt sich bereits erahnen.Um diesen Zusammenhang zu veranschaulichen, erlauben Siemir einen Exkurs zum Leitbild des ehrbaren Kaufmanns.Der Wertekanon des ehrbaren Kaufmanns liegt nämlich denallermeisten familiengeführten Unternehmen zugrunde.Das Leitbild ist kein normatives Konstrukt, sondern aus derKaufmannstradition entstanden...6


- 6 -Erheblichen Einfluß auf die Entwicklung des Leitbildes habendie Kaufmannsgilden, die den Kaufleuten Normen und Regelnvorschreiben.Wenn der Kaufmann sich an diese Vorschriften hält, kann ersich ehrbar nennen.Verletzt er allerdings die gemeinsamen Regeln, wird er vonder Gemeinschaft ausgeschlossen, was zumeist seinfinanzieller Ruin ist.Für die Kaufmannsehre sind ebenso praktische Fähigkeitenwichtig.Zu diesen gehören Weitblick, fehlerloses Rechnen undwirtschaftliche Kenntnisse – vor allem der Grundsatz, daßman Gewinne erwirtschaften soll...7


- 7 -Der wichtigste Grundsatz im Zusammenhang mit denGeschäftstugenden ist das gegenseitige Vertrauen.Daß man sich auf das Wort eines Kaufmanns verlassen kann,ist das Fundament für das Vertrauen zueinander.So hängen das wirtschaftliche Handeln und die persönlicheEhre, also Ethik und gemeinsame Wertvorstellungen,unmittelbar zusammen.Damals wie heute gilt: Qualität, Verläßlichkeit und Ehrlichkeitbilden die Grundlagen für den langfristigen Erfolg.Der Kaufmann muß deshalb ein vorbildhaftes Leben führenund die Grundsätze von Treu und Glauben einhalten...8


- 8 -Eine wichtige Kaufmannsregel lautet: Die Einnahmen müssendie Ausgaben übersteigen.An diesem Prinzip hat sich selbstredend bis heute nichtsgeändert.Sie alle kennen Milton Friedmans Aussage, daß die sozialeVerantwortung der Wirtschaft darin bestehe, Gewinne zumachen.Ich würde es etwas präzisieren und sagen: Es ist die erstePflicht eines Unternehmers, Gewinne zu machen, weilGewinne die Grundlage für alles weitere bilden:für Investitionen, Arbeitsplätze und nicht zuletzt für dasgesellschaftliche Engagement des Unternehmers.Gewinnzuwachs drückt deshalb nicht nur eigenes Streben,sondern auch die Verantwortung gegenüber Mitarbeiternund Gesellschaft aus...9


- 9 -Sehr geehrte Damen und Herren,die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise hat uns vor Augengeführt, daß unsere Gesellschaft eine Wiederbelebung dertradierten Werte braucht.In diesem Zusammenhang wird das Verhältnis von Wirtschaftund Moral wieder zunehmend diskutiert.Begriffe, die in der aktuellen Debatte immer häufiger fallen,sind so fundamentale Werte wie Verantwortung, Mäßigungund Ehrlichkeit.Wegweiser einer solch wertebasierten Unternehmensführungsind heute die christliche Gesellschaftslehre und diekatholische Soziallehre.Sie greifen das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns sowie Inhalteder antiken Tugendethik auf...10


- 10 -Ausgehend vom christlichen Menschenbild formulieren beideLehren, daß der Mensch die Fähigkeit hat, kraft der eigenenVernunft die Gesetze des gesellschaftlichen Zusammenlebenszu gestalten.Der Mensch wird mit all seinen Fähigkeiten und Talentenernstgenommen und in den Mittelpunkt vongesellschaftlichen Überlegungen gestellt.Für den Aufbau der Gesellschaft formuliert die katholischeSoziallehre drei Strukturprinzipien:das Subsidiaritätsprinzip, das Solidaritätsprinzip und dasGemeinwohlprinzip.Die katholische Soziallehre baut zudem auf Nachhaltigkeit,ohne diesen Begriff eigens zu verwenden...11


- 11 -Das Prinzip der Nachhaltigkeit umfaßt das Einverständnis, daßein langfristig angelegtes Handeln für eine funktionierendeund lebenswerte Gesellschaft notwendig ist.Wer hingegen Naturgüter verschwendet oder Freunde,Familie, Kollegen oder Mitarbeiter unfair behandelt, beraubtsich seiner eigenen Grundlagen.Nachhaltigkeit bedeutet letztlich nichts anderes, als für sichund andere Verantwortung zu übernehmen.Die ökonomische Nachhaltigkeit geht davon aus, daß derGewinn eines Unternehmens die Voraussetzung für dieunternehmerische Freiheit ist.Die Frage nach einem verantwortungsvollen Umgang mit derunternehmerischen Freiheit lautet deshalb:Nutze ich diese Freiheit, um die Existenz desUnternehmens langfristig zu sichern oder verfolge ich einekurzfristige Gewinnmaximierung?..12


- 12 -Der verantwortungsbewußte Unternehmer wird sich ganzsicher nicht für eine kurzfristige Gewinnmaximierungentscheiden.Neben der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit geht es imgesellschaftlichen Kontext auch um ökologische und sozialeAspekte.Zu bedenken ist stets, daß die Nutzung der natürlichenGrundlagen unternehmerische Wertschöpfung erst möglichmacht.Zudem ist jedes Unternehmen auf seine Mitarbeiter undinfrastrukturelle Gegebenheiten angewiesen...13


- 13 -Sehr geehrte Damen und Herren,eine Gesellschaft ist nur dann leistungs- und zukunftsfähig,wenn wir Verantwortung übernehmen, und zwar für unsselbst und für andere.Der Wertbegriff traditioneller Familienunternehmer schließtgerade diesen Mut zur Verantwortung ein.Ihr Ziel ist ein langfristiger wirtschaftlicher Erfolg, ohne diegemeinsamen gesellschaftlichen Interessen aus den Augen zuverlieren.Leider läßt sich in einigen Bereichen auch eine ökonomischeFehlentwicklung beobachten.Ich meine konkret den Mangel anVerantwortungsbewußtsein einzelner Marktteilnehmer unddas Aufweichen gemeinsamer Wirtschaftsregeln...14


- 15 -Die jüngsten Diskurse stellen sich deshalb auch zunehmendder Frage, wie die Orientierung an persönlicherVerantwortung und Haftung in ihrer fundamentalenBedeutung neu erschlossen werden kann.Meines Erachtens kommt es dabei wesentlich auf diehandelnden Personen und nicht nur auf die „richtigen“Rahmenbedingungen an.Wir brauchen Menschen mit Lust auf und Bereitschaft zurVerantwortung.Denn: Am Anfang einer jeden Krise stehen die Mißachtungvon Regeln und die mangelnde Bereitschaft, für das eigenenTun geradezustehen.Bei den mittelständischen und familiengeführtenUnternehmen fallen Eigentum und Verantwortungzusammen. Verantwortung ist in diesen betrieblichenStrukturen Personen eindeutig zuzuordnen...16


- 16 -Bei großen Kapitalgesellschaften hingegen ist dieVerantwortung zwischen verschiedenen Organen oderPersonen aufgeteilt.Das kann dazu führen, daß Verantwortung hier nicht inausreichendem Maße wahrgenommen oder gar abgegebenwird.Ludwig Erhard hat bereits 1954 beklagt, daß er mit einigerSorge die Tendenz beobachtet, daß Unternehmer denBereich der persönlichen Verantwortung verlassen und imKollektiv Schutz suchen.Aber: Ein Unternehmer ist nur solange ein freierUnternehmer, wie er Risiken und Chancen wahrnehmen will.Nach meiner Einschätzung ist die Finanz- und Wirtschaftskrisevon 2008 wesentlich darauf zurückzuführen, daß Eigentumund Haftung nicht mehr an allen Stellen Hand in Hand gehen...17


- 17 -Entscheidend für eine ehrliche Verantwortungskultur istdeshalb eine Rückbesinnung auf Haftungsprinzipien, wie sieim Leitbild des ehrbaren Kaufmanns sowie in Familien- undInhaberunternehmen gegeben sind.Gleichwohl sind Haftungsbeschränkungen ausvolkswirtschaftlicher Sicht für bestimmte Bereiche imwirtschaftlichen Gefüge durchaus notwendig.Ich denke hier an Investitionen, die wegen ihrer Größe oderihres Zeithorizonts die Leistungsfähigkeit und dieRisikobereitschaft des Einzelnen übersteigen können.Haftungsbeschränkungen sind aber Privilegien, diebegründungspflichtig sind und besondere Anforderungen anTransparenz, Sorgfalt und Risikoabsicherung beiUnternehmensentscheidungen zur Folge haben müssen...18


- 18 -Sehr geehrte Damen und Herren,die Ursachen der Krise sind komplex. Es war weder allein dieGier von Bankern und Geldanlegern, noch das Versagen desMarktes oder Unvermögen des Staates, den notwendigenOrdnungsrahmen vorzugeben.Dennoch denke ich, daß die an vielen Stellen zubeobachtende Entkoppelung von Eigentum und Haftung diezentrale Ursache dafür ist, daß die gegenwärtige Krise soschwer zu beherrschen ist.Eucken beginnt seine Ausführungen zum Haftungsproblemmit dem Gedanken: Wer den Nutzen habe, müsse auch denmöglichen Schaden tragen.Grundsätzlich gilt also, daß jeder für die Folgen seinesHandelns persönlich einstehen muß.Klar ist, daß man mit dem eigenen Geld vorsichtiger umgeht,wenn man persönlich für Verluste aufkommen muß...19


- 19 -Eigentümerunternehmer haben schon allein darum einbesonders großes Interesse daran, ihr Eigentum langfristig zuerhalten.Der vollhaftende Eigentümerunternehmer ist dasursprüngliche unternehmerische Leitbild unsererWirtschaftsordnung.Er entspricht in besonderem Maße den Ansprüchen derKatholischen Soziallehre, in der Subsidiarität vor Solidaritätgeht.Der Eigentümerunternehmer nutzt die ihm gegebenenMöglichkeiten, um ein Leben in Selbstbestimmung undSelbstverantwortung zu führen.Eine Beschränkung der Haftung hingegen bedeutet, einen Teildes Risikos auf andere zu übertragen – das ist sozialethischund ordnungspolitisch zumindest problematisch...20


- 20 -Alle Vorschläge zur Reform des Gesellschaftsrechts müssenmeines Erachtens die Stärkung der Haftung anstreben, weiljede Art von Haftungsbeschränkung das Bewußtsein umKosten und Risiken von Entscheidungen trübt.Viele börsennotierte Unternehmen leiden zudem darunter,daß ihre Anleger kein Interesse an der langfristigenEntwicklung des Unternehmens haben.Zu oft geht es nämlich um einen schnellen Wiederverkauf vonAktien zu verbesserten Börsenkursen.Deshalb sollten Möglichkeiten und Anreize geprüft werden,um Anteilseigner dazu zu bringen, ihre Aktien länger zuhalten, damit diese nicht zum Derivat verkommen.Insgesamt müssen die Verantwortungsstrukturen inhaftungsbeschränkten Unternehmen transparenter und dieZuständigkeiten der Eigentümer in der Hauptversammlunggestärkt werden...21


- 21 -Mit diesem Anspruch ist unlängst das „Leitbild fürverantwortliches Handeln in der Wirtschaft“ von einer großenZahl der DAX-30-Konzerne sowie mittelständischenUnternehmen unterschrieben worden.Um solche Selbstverpflichtungen ehrbarenGeschäftsgebarens zum Maßstab unternehmerischenHandelns zu machen, müssen wirksame Bewertungen durchAußenstehende erfolgen.Schiedsgerichtliche Lösungen in Verbänden und Kammernbieten hier durchaus noch nicht ausgeschöpfteMöglichkeiten, um eventuelle Mißstände einzuschränken.Die Erfahrung zeigt, daß der soziale Ausschluß die stärksteund nachhaltigste Sanktionsform zur Durchsetzung kollektiverSelbstverpflichtungen ist.Das war bereits im Mittelalter der beste Schutz vorUnzuverlässigkeit, Korruption oder Betrug...22


- 22 -Sehr geehrter Damen und Herren,für die Ordnung einer auf privaten Eigentumsrechtenfußenden Marktwirtschaft ist das Haftungsprinzip vonfundamentaler Bedeutung.Angesichts ihrer elementaren Bedeutung ist es einebeunruhigende Entwicklung, daß diese grundlegendenZusammenhänge in den vergangenen Jahren aus dem Blickgeraten sind.Viele wirtschaftspolitische Entwicklungen hatten faktisch zurFolge, daß Haftungspflichten erodierten.ABER: Zur Freiheit des Eigentums gehört die Bereitschaft, sichfür die Folgen unternehmerischer Entscheidungenverantwortlich zu zeigen und die Konsequenzen zu tragen.Nur wo das Haftungsprinzip gilt, kann sich auch eineunternehmerische Verantwortungskultur etablieren, die demIdeal des ehrbaren Kaufmanns nahekommt.

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