und Leseprobe (PDF) - Vandenhoeck & Ruprecht

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und Leseprobe (PDF) - Vandenhoeck & Ruprecht

Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentV© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentSchriften des Sigmund-Freud-InstitutsHerausgegeben vonMarianne Leuzinger-Bohleber und Rolf HaublReihe 2Psychoanalyse im interdisziplinären DialogHerausgegeben vonMarianne Leuzinger-Bohleber und Rolf HaublBand 17Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde /Rolf Pfeifer (Hg.)Embodiment – ein innovatives Konzept fürEntwicklungsforschung und Psychoanalyse© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentMarianne Leuzinger-Bohleber /Robert N. Emde / Rolf Pfeifer (Hg.)Embodiment –ein innovatives Konzeptfür Entwicklungsforschungund PsychoanalyseMit 14 Abbildungen und 9 TabellenVandenhoeck & Ruprecht© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentBibliografische Informationen der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internetüber ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.ISBN 978-3-525-45130-4ISBN 978-3-647-45130-5 (E-Book)Umschlagabbildung: kallejipp/photocase.com© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen /Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällenbedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.Printed in Germany.Satz: SchwabScantechnik, GöttingenDruck und Bindung: e Hubert & Co., GöttingenGedruckt auf alterungsbeständigem Papier.© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentInhaltMarianne Leuzinger-Bohleber, Robert N. Emdeund Rolf PfeiferVorbemerkungen ..................................... 9Marianne Leuzinger-Bohleber und Rolf PfeiferEmbodiment: Den Körper in der Seele entdecken – Einaltes Problem und ein revolutionäres Konzept. ThematischeEinführung und Überblick über die Beiträge dieses Bandes 14ITheoretische GrundlagenMarianne Leuzinger-Bohleber und Rolf PfeiferPsychoanalyse und Embodied Cognitive Science in Zeitenrevolutionären Umdenkens. Erinnern, Übertragung,therapeutische Veränderung und »embodied metaphors« .. 39Vittorio GalleseDen Körper im Gehirn finden. Konzeptuelle Überlegungenzu den Spiegelneuronen ............................... 75Johannes Lehtonen, Minna Valkonen-Korhonen,Stefanos Georgiadis, Pasi Karjalainen, Juha-Pekka Niskanen,Mika Tarvainen, Ari Pääkkönen und Hanne LappiEmbodiment der Psyche des Neugeborenen. Eineneurophysiologische Studie über die Auswirkungendes Stillens ........................................... 113© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, Embodiment6InhaltHelena J. V. Rutherford und Linda C. MayesWie Beziehungen unser Gehirn prägen. Die Neurobiologieelterlichen Verhaltens ................................. 129IIFrühpräventionMarcus Hasselhorn, Ulrike Hartmann, Sonja Reußeund Andreas GoldIndividuelle Entwicklung und Lernförderung. Ziele undAgenda eines transdisziplinären Forschungszentrums ...... 157Robert N. EmdeDie Präventionswissenschaften der frühkindlichenEntwicklung und die herausfordernden Möglichkeitenfür die Psychoanalyse . ................................. 172Massimo Ammaniti, Cristina Trentini,Francesca Menozzi und Renata TambelliFrühe Elternschaft. Studien zur Intersubjektivitätbei Müttern und Vätern . ............................... 190Daniel S. Schechter und Sandra Rusconi SerpaAffektive Kommunikation traumatisierter Mütter mitihren Kleinkindern. Auf dem Weg hin zu einer präventivenIntervention für Familien mit hohem Risikointergenerationeller Gewalt ............................ 230Antoine GuedeneyPsychoanalytisch und bindungstheoretisch orientiertePräventionsarbeit mit Risikofamilien. Was uns diefranzösische CAPEDP-Studie lehrt ..................... 264Henri ParensPsychoanalytisch orientiertes Präventions programmfür Eltern: ein dringendes Anliegen. Erziehung zurFörderung des emotionalen Wachstums . ................. 276© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentInhalt 7Patrick MeursThe First Steps. Eine kulturell sensitive präventiveEntwicklungsberatung für Migranteneltern und Kleinkinder 293Judith Lebiger-Vogel, Korinna Fritzemeyer, Annette Busse,Claudia Burkhardt-Mußmann, Constanze Rickmeyer undMarianne Leuzinger-BohleberERSTE SCHRITTE – ein Integrationsprojekt für Kleinkindermit Migrationshintergrund. Konzeptualisierung underste Eindrücke ....................................... 316Katrin Luise Laezer, Verena Neubert, Lorena Hartmann,Tamara Fischmann und Marianne Leuzinger-BohleberFrühprävention in Kindertagesstätten mit Hochrisikokindern:Die EVA-Studie ....................................... 343IIIEmbodiment, Trauma und PsychoanalyseAgneta SandellVom namenlosen Grauen zu ertragbarer Furcht.Die psychoanalytische Behandlung eines 22 Monatealten Kindes .......................................... 367Siri Erika GullestadDie Seele im Körper entdecken. Eine Fallstudie ........... 385Die Autorinnen und Autoren ........................... 408© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


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Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentMarianne Leuzinger-Bohleber, Robert N. Emdeund Rolf PfeiferVorbemerkungen»Den Körper in der Seele entdecken«, unter diesem Titel nahm dieSandler Conference 2013 ein zentrales Thema der europäischenPhilosophie und der Psychoanalyse auf. Wissenschaftshistorischund -soziologisch ist interessant, dass sich fast gleichzeitig seit den1990er Jahren in verschiedensten Disziplinen ein neues Interesse amLeib-Seele-Problem artikuliert hat: in der Philosophie, der Psychoanalyse,der akademischen Psychologie, der Cognitive Science undden modernen Neurowissenschaften (vgl. dazu u. a. Fuchs, Sattel u.Henningsen, 2010). Wie in der Einführung zu diesem Band skizziertwird, fand zum Beispiel in der Cognitive Science vor etwa zwanzigJahren eine Art Revolution statt, die zu einem völlig neuen Verständnisvon Kognition und Affekt, von Problemlösen, Erinnernund Handeln führte: Alle diese Prozesse sind »embodied«, dasheißt immer durch sensomotorische Koordinationen im Hier undJetzt einer aktuellen interaktiven Situation bestimmt. Das Embodimentkonzeptstellt gewissermaßen die bisherige Diskussion in derPsychoanalyse zu »Die Seele im Körper entdecken« auf den Kopf: Esgeht nicht nur um das Entschlüsseln der Körpersprache, des nonverbalenVerhaltens, sondern um die Einsicht, dass der Körper anallen seelischen Prozessen, an Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen,kausal beteiligt ist. Sensomotorische Koordinationen konstruierendie psychischen Prozesse im Hier und Jetzt einer aktuellen Interaktionzwischen dem Subjekt und seiner Umwelt. Dies ist eine radikalneue Sichtweise auf das Mind-Body-Problem. Embodimentist daher inzwischen zu einem revolutionären Konzept geworden,das sowohl in der Grundlagenforschung als auch in Anwendungsfeldern– von den Neurowissenschaften bis zur Mikrobiologie undGenetik – Eingang gefunden hat. Allerdings wird es, wie in diesemBand diskutiert wird, oft in einer verflachten Weise rezipiert.Das Embodimentkonzept wirft auch einen neuen Blick auf die© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, Embodiment10Marianne Leuzinger-Bohleber, Robert N. Emde und Rolf Pfeiferfrühen Entwicklungsprozesse. Daher haben wir uns entschlossen,einige ausgewählte Arbeiten der Joseph Sandler Conference ausdem Jahr 2012: »Forschung zur frühen Elternschaft und Präventionvon Entwicklungsstörungen. Interdisziplinäre Herausforderungenund Möglichkeiten« in diesem Band einzuschließen und unter demAspekt des Embodiments zu diskutieren. Alle Beiträge der beidenKonferenzen werden beim Karnac Verlag in London in englischerSprache publiziert (Emde u. Leuzinger-Bohleber, 2013, im Druck;Leuzinger-Bohleber, Pfeifer, Target u. Fonagy, 2014, in Vorbereitung).Die Joseph Sandler Research Conference, die wichtigste Forschungskonferenzder International Psychoanalytical Association(IPA), fand zum sechsten Mal am ersten Märzwochenende 2013 inFrankfurt a. M. statt. Diese Konferenz wurde als eine produktiveAntwort auf den sich verändernden Zeitgeist im Bereich der Wissenschaften,und daher auch der psychoanalytischen Forschung,von Annemarie Sandler und ihrem Mann und mit Unterstützungunter anderem von Arnold Cooper, Robert Wallerstein und PeterFonagy in London ins Leben gerufen. Sie hat – zusammen mit demzehn Jahre später von Peter Fonagy gegründeten Research TrainingProgram in London – wesentlich dazu beigetragen, die Psychoanalysein der heutigen Welt der Wissenschaften und der Öffentlichkeitauf neue Weise zu verankern.Joseph Sandler war Präsident der International PsychoanalyticalAssociation, Freud Memorial Professor am University College London(UCL) und an der Hebrew University Jerusalem. Er war von1986 bis 1990 Gastwissenschaftler am Sigmund-Freud-Institut. Eswar ihm ein Anliegen, Brücken zu bauen zwischen Klinikern, dievorwiegend in ihrer Privatpraxis arbeiten, und psychoanalytischenForschern verschiedenster Ausprägung, die in Institutionen tätigsind. Joseph Sandler und seine Kollegen haben mit ihrem Engagementfür psychoanalytische Forschung die Psychoanalyse einerseitsin die Welt der heutigen Wissenschaften gestellt, andererseits auchdie spezifische Tradition der Psychoanalyse als Wissenschaft desUnbewussten aufgenommen, die Freud eigentlich immer schondurch Offenheit und Neugier gekennzeichnet hat, eine Haltung,die in der institutionalisierten Psychoanalyse immer wieder neubelebt werden muss: »Sie wissen, wir waren nie stolz auf die Voll-© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentVorbemerkungen11ständigkeit und Abgeschlossenheit unseres Wissens und Könnens;wir sind, wie früher, so auch jetzt, immer bereit, die Unvollkommenheitunserer Erkenntnisse zuzugeben, Neues dazuzulernen und anunserem Vorgehen abzuändern, was sich durch Besseres ersetzenlässt« (Freud, 1919, S. 183).Das Sigmund-Freud-Institut (SFI) hat sich in den letzten zehnJahren immer intensiver in interdisziplinären Forschungskontextenverortet: die Abteilung von Rolf Haubl im Bereich der psychoanalytischenSozial- und Kulturtheorie sowie im Netzwerk der Gesellschaftfür Supervisionsforschung und Coaching. Durch unserenLeiter des medizinischen Schwerpunkts, Heinz Weiss, Chefarzt imRobert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, sind viele medizinischeund psychoanalytisch-klinische Kooperationen dazugekommen,was auch der großen, multizentrischen Therapiewirksamkeitsstudievon verhaltenstherapeutischen verglichen mit psychoanalytischenLangzeittherapien von chronisch Depressiven (der sogenanntenLAC-Studie), die wir vor Ort in enger Kooperation mit den psychoanalytischenInstituten durchführen, zugutekommt. Die klinischeund Grundlagenabteilung ist, auch dank der Funktion von M. Leuzinger-Bohleberals Vice Chair der International Research Boardsder IPA, intensiv mit psychoanalytischen Forschern weltweit vernetzt.Wir freuen uns, dass die neue Administration der IPA, wie dasBoard der IPA in seiner Sitzung in New York im Januar 2013 zumAusdruck brachte, auch weiterhin die psychoanalytische Forschungunterstützen wird.Für das Sigmund-Freud-Institut besonders wichtig ist die Mitarbeitim IDeA-Zentrum der Landes-Offensive für Wirtschaftlicheund Wissenschaftliche Exzellenz (LOEWE), das auch die beidenletzten Joseph-Sandler-Research-Konferenzen mitorganisierte. Esist eine einmalige Chance und Herausforderung, dass das SFI – inenger Kooperation mit dem Institut für analytische Kinder- undJugendlichenpsychotherapie (dem Anna-Freud-Institut) – mit fünfFrühprojekten in diesem interdisziplinären Forschungszentrum mitinzwischen mehr als 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlernengagiert ist. Das Zentrum wird in diesem Band im Beitragvon Hasselhorn, Hartmann, Reuße und Gold ausführlich vorgestellt.Der zweite Herausgeber ist einer der international führenden Expertender Entwicklungsforschung, Robert N. Emde, aus Denver. Er© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, Embodiment12Marianne Leuzinger-Bohleber, Robert N. Emde und Rolf Pfeiferwar federführend an dem wohl größten Präventionsprojekt, »EarlyHead Start«, beteiligt, in dem die US-Regierung über 30.000 Familienmit sozialen Risiken förderte. Robert N. Emde ist zudem einesder jahrelangen Staffmitglieder des Research Training Program derIPA und unterstützt in diesem Rahmen, aber auch in vielen andereninternationalen Netzwerken, die junge Generation psychoanalytischerForscher. Er ist der offizielle Berater des FrühpräventionsprojektsERSTE SCHRITTE, das Familien mit Migrationshintergrundin den ersten drei Lebensjahren ihrer Kinder unterstützt (vgl. dazuLebiger-Vogel et al. in diesem Band).Der dritte Herausgeber, Rolf Pfeifer, ist der Gründer und Direktordes Artifical Intelligence Laboratory des Department of Informaticsan der Universität Zürich und hat wesentlich zu der sogenannten»Embodied Revolution« in der Cognitive Science beigetragen. RolfPfeifer und Marianne Leuzinger-Bohleber publizierten seit fast dreiJahrzehnten viele gemeinsame Arbeiten und zeigten darin unteranderem die klinische Relevanz des Embodimentkonzepts auf.Unser Dank gilt auch allen Autorinnen und Autoren diesesBandes, die mit großem Enthusiasmus, einer hohen Expertise undeinem beeindruckenden Engagement die Einsichten zur Funktionsweiseder menschlichen Seele, zu ihrer Entwicklung und ihren Störungensowie zu Möglichkeiten der Prävention und der Therapieerweitern. Auch den Kolleginnen und Kollegen vom SFI, dem Anna-Freud-Institutund dem IDeA-Zentrum gilt unser besondererDank. Ohne sie und ihr transdisziplinäres und transgenerationellesEngagement und die unkonventionelle Zusammenarbeit wärenweder unsere laufenden Projekte noch unsere Publikationen dazumöglich. Schließlich danken wir allen Übersetzern der Texte ausdem Englischen, allen voran Elisabeth Vorspohl, aber auch UlrichBaumann, Lorena Hartmann, Lisa Kamper, Lisa Kallenbach, RobertMüller, Verena Neubert, Constanze Rickmeyer, Phillipp Schmidt,Yasaman Soltani und Rebecca Tovar. Die Organisation der Sandler-Konferenzenkonfrontiert das SFI immer wieder mit unserenGrenzen. Daher danken wir besonders Gabriele Beumer, RenateStebahne, Axel Scharfenberg, Herbert Bareuther, Sascha Eggers,Elke Weyrach und Marion Ebert-Saleh sowie meinen Mitarbeiterinnenund Mitarbeitern Tamara Fischmann, Ulrich Bahrke, AlexaNegele, Lothar Bayer, Kurt Grünberg, Katrin Luise Laezer, Nicole© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentVorbemerkungen13Pfenning-Meerkötter, Judith Lebiger-Vogel, Verena Neubert, LorenaHartmann, Lisa Kallenbach, Mona Hauser, Constanze Rickmeyer,Anne Busse, Korinna Fritzemeyer und Margerete Schöttfür ihre Unterstützung der Tagungen und der dort präsentiertenForschungsbeiträge des SFI. Schließlich wäre die Produktion diesesBandes ohne die sorgfältige und kompetente editorische Arbeit vonUte Ochtendung nicht möglich gewesen.Ihnen allen gilt unser Dank in der Hoffnung, dass dieses Buchauf Interesse bei meinen psychoanalytischen und nichtpsychoanalytischenKolleginnen und Kollegen stößt und unser Engagement intensiviert,prägende, traumatische »embodied« Erfahrungen durchFrühprävention oder Psychotherapien von »children at risk« zulindern.LiteraturEmde, R. N., Leuzinger-Bohleber, M. (Eds.) (2013, im Druck). Early parentingresearch and prevention of disorder: psychoanalytic research at interdisciplinaryfrontiers. London: Karnac.Freud, S. (1919). Wege der psychoanalytischen Therapie. Gesammelte WerkeXII (S. 183–194). Frankfurt a. M.Fuchs, Th., Sattel, H. C., Henningsen, P. (Eds.) (2010). The embodied self: dimensions,coherence and disorders. Stuttgart: Schattauer.Leuzinger-Bohleber, M., Pfeifer, R., Target, M., Fonagy, P. (Eds.) (2014, in Vorbereitung).Embodiment – a revolutionary concept? Implications for psychoanalysis.London: Karnac.© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentMarianne Leuzinger-Bohleber und Rolf PfeiferEmbodiment: Den Körper in der Seeleentdecken – Ein altes Problem und einrevolutionäres KonzeptThematische Einführung und Überblick über die Beiträgedieses Bandes»Viele Jahre lang hatte von Comprèse, außer dem, was der Schauplatz unddas Drama meines Zubettgehens war, nichts für mich existiert, als meineMutter an einem Wintertag, an dem ich durchfroren nach Hause kam, mirvorschlug, ich solle entgegen meiner Gewohnheit eine Tasse Tee zu mirnehmen […] Gleich darauf führte ich, bedrückt durch den trüben Tag unddie Aussicht auf den traurigen folgenden, einen Löffel Tee mit dem aufgeweichtenkleinen Stücke Madeleine darin an die Lippen. In der Sekundenun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinenGaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwasUngewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl,das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb,hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfelderdes Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmlosen Mißgeschickengeworden. Gleichzeitig aber fühlte ich mich von einer köstlichen Substanzerfüllt oder diese Substanz war vielmehr nicht in mir, sondern ich war sieselbst. […] Woher strömte diese mächtige Freude mir zu? Ich fühlte, daßsie mit dem Geschmack des Tees und des Kuchens in Verbindung stand,aber darüber hinausging und von ganz anderer Wesensart war. Woherkam sie mir? Was bedeutete sie? Wo konnte ich sie fassen? Ich trinkeeinen zweiten Schluck und finde nichts anderes darin als im ersten. Danneinen dritten, der mir sogar etwas weniger davon schenkt, als der vorige.Ich muß aufhören, denn die geheime Kraft des Trankes scheint nachzulassen.Es ist ganz offenbar, daß die Wahrheit, die ich suche, nicht in ihmist, sondern in mir. Er hat sie dort geweckt, aber er kennt sie nicht undkann nur auf unbestimmte Zeit und mit schon schwindender Stärke seineAussage wiederholen, die ich gleichwohl nicht zu deuten weiß. Sicherlichmuß das, was in meinem Inneren in Bewegung geraten ist, das Bild, dievisuelle Erinnerung sein, die zu diesem Geschmack gehört und die nun© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentEmbodiment: Den Körper in der Seele entdecken15versucht mit jenem bis zu mir zu gelangen. Aber sie müht sich in so großerFerne und nur allzu schwach erkennbar. Wird sie bis an die Oberflächemeines Bewußtseins gelangen? Diese Erinnerung, jener Augenblick voneinst, der von so weit hergekommen ist, um alles in mir zu wecken, inBewegung zu bringen und wieder heraufzuführen. Ich weiß es nicht. Jetztfühl ich nichts mehr. Es ist zum Stillstand gekommen – vielleicht in dieTiefe geglitten. Wer weiß, ob es je wieder aus dem Dunklen emporsteigenwird. Zehnmal muß ich es wieder versuchen, mich zu ihm hinunterzubeugenund jedesmal rät mir die Trägheit, die uns von jeder schwierigenAufgabe fernhalten will, das Ganze auf sich beruhen zu lassen, meinenTee zu trinken im ausschließlichen Gedanken an meine Kümmernisse vonheute und meine Wünsche für morgen, die ich unaufhörlich und mühelosin mir bewegen kann und dann – mit einem Male – war die Erinnerung da.Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen inComprèse, sobald ich ihr guten Morgen sagte, mir meine Tante Leonieanbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen oder Lindenblütentee getauchthatte« (Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, 1913/1978,S. 63 ff.; Hervorhebung M. L.-B.)Eindrücklicher und präziser als Marcel Proust kann man »embodiedmemories« nicht beschreiben: Das Ringen um eine Entschlüsselungvon unerwarteten und daher vorerst einmal nicht verständlichenKörperempfindungen in einer spezifischen, aktuellen Interaktionssituation:Im Körper werden – durch analoge sensomotorische Koordinationen– blitzschnell, und vorerst meist unbewusst, Erinnerungenan eine frühere Situation mit analogen Körperempfindungenkonstruiert: »In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmackgemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckteich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches,das sich in mir vollzog. Ein unerhörtes Glücksgefühl, das ganz fürsich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hattemich durchströmt […]« Die Erinnerung ist sogleich da, doch musssie, wie Proust dies schildert, erst sukzessiv in Bilder und Sprachegefasst werden »und dann – mit einem Male – war die Erinnerungda« (Proust, 1913/1978, S. 63 ff.).In der Psychoanalyse, aber auch in der Cognitive Science dauertees trotz Marcel Proust und anderen Dichtern, die Erinnerungenähnlich luzide beschrieben haben, bis zum Ende des 20. Jahrhun-© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, Embodiment16Marianne Leuzinger-Bohleber und Rolf Pfeiferderts, bis diese relevanten Prozesse endlich als embodied memorieskonzeptualisiert wurden. Im Repräsentanzenmodell der Psychoanalyseund in der Computermetapher der »klassischen CognitiveScience« wurden Gedächtnis und Erinnerung lange Zeit als Prozesseverstanden, in dem (statisch) gespeichertes Wissen aus demLangzeitgedächtnis ins Kurzzeitgedächtnis transformiert und ineiner aktuellen Problemlösungssituation abgerufen wird. Bis heutefinden wir ein analoges Denken in manchen Lehrbüchern der KlinischenPsychologie. Der berühmte Vergleich von Aristoteles, derdas Gedächtnis mit einer Wachstafel verglich, in die sich die Erfahrungeneinritzen, scheint fortzuleben. Auch in den populärenSprachgebrauch ist diese (falsche) Vorstellung von Gedächtnis eingegangen:»Wir rufen gespeichertes Wissen ab« oder »Wir suchenim Gedächtnis nach einem vergessenen Namen« (wie nach einemGegenstand in einer Garderobe). Roediger (1980) hat belegt, dass75 % der 32 Metaphern, die er in der Literatur zum Gedächtnis gefundenhat, Varianten dieser »store-house-Metapher« sind. Daranhat sich bis heute kaum etwas verändert.Wie in Teil I dieses Bandes diskutiert wird, waren es vor allemgrundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse, die sowohl in der Psychoanalyseals auch in der Cognitive Science zu einem revolutionärenUmdenken im Verstehen von Erinnern, Problemlösen, vonAffekt und Kognition, ja sogar von Träumen, Übertragung/Gegenübertragungund therapeutischer Veränderung geführt haben.Embodiment: ein revolutionäres Konzept zumgrundlagenwissenschaftlichen Verständnis vonGedächtnis, Erinnern, Problemlösen und Lernen,Affekt, Kognition und HandelnIm I. Teil des Bandes werden die radikalen Veränderungen vonModellen in der sogenannten »Embodied Cognitive Science« skizziert,die dadurch ausgelöst wurden, dass die Forscher in dieserinterdisziplinären Disziplin ihre Modelle nicht mehr wie bisher mitComputersimulationen testeten, sondern mit »mobilen Systemen«(Robotern). Dem bekannten Prinzip »learning by doing« von John© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentEmbodiment: Den Körper in der Seele entdecken17Dewey folgend, werden in dieser Grundlagenwissenschaft Theorienempirisch getestet. Das neuronale Netzwerk von Robotern wirdnach den theoretischen Vorstellungen der Forschergruppe konstruiert.Anschließend wird beobachtet, ob sich das mobile System auchwirklich so verhält, wie es die Theorien voraussagen (»learning bydoing«), und es werden entsprechende Modifikationen in den Modellvorstellungenvorgenommen. Im Gegensatz zu Forschungen anMenschen hat dieses Vorgehen den enormen methodischen Vorteil,dass die Forscher dem Roboter so quasi in den Kopf schauen unddie Veränderung der neuronalen Netzwerke durch das Handeln undInteragieren direkt verfolgen können. Diese Form der Empirie istwenig bekannt und hat zu vielen Missverständnissen geführt (vgl.Leuzinger-Bohleber u. Pfeifer in diesem Band).Bezogen auf unsere Problemstellungen hier, zeigte sich, dassGedächtnismodelle, die analog zu einem Speichermodell einesComputers, der »store-house-metaphor«, konzeptualisiert werden,schlichtweg versagen, falls sie zu kreativen Problemlösungsprozessenin ständig sich verändernden Umgebungen bei mobilen Systemen(d. h. den konstruierten Netzwerken der Roboter) führensollen: Sich bewegende Systeme können nicht lernen, das heißt, siekönnen Erinnerungen an frühere Situationen und Problemlösungennicht kreativ nutzen, falls in ihrem »Gedächtnis« ausschließlichstatisches Wissen gespeichert ist. Früher gewonnene Erkenntnissekönnen nicht auf neue Situationen übertragen und dort angewandtwerden, weil neue Situationen nie ganz identisch wie die früherensein werden, wie im Beitrag von Marianne Leuzinger-Bohleber undRolf Pfeifer ausgeführt wird. Daher mussten in der »klassischenCognitive Science« Gedächtnis, Problemlösen, Lernen, aber auchdie Entstehung von Metaphern und Konzepten völlig neu gedachtwerden. Viele Autoren sprechen daher von der »Revolution of Embodiment«,die in den 1990er Jahren zu einem radikalen Umdenkenmenschlicher Intelligenz führte. Es ist nicht zufällig, dass dieGrundlagenforscher in der »Embodied Cognitive Science« vermehrtAnleihen bei den sogenannten »life sciences« machen, vor allem beider Biologie, der Genetik, der empirischen Entwicklungsforschungund den modernen Neurowissenschaften (vgl. Leuzinger-Bohleberu. Pfeifer in diese Band). Gerald Edelmann (1987) mit seinemBuch »Neural Darwinism«, António Damásio (1994) mit »Descartes’© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, Embodiment18Marianne Leuzinger-Bohleber und Rolf PfeiferIrrtum« und Lakoff und Johnson (1999) »Philosophy in the Flesh.The Embodied Mind and Its Challenge to Western Thought« sindwohl einige der bekanntesten Beispiele, die zeigen, dass der Descart’scheDualismus zwischen Geist und Körper zugunsten einerradikal neuen Sichtweise eines »Embodiments« der Seele im Körperrevidiert werden muss.»There exists no Kantian radically autonomous person, withabsolute freedom and a transcendent reason that correctely dictateswhat is and isn’t moral. Reason, arising from the body, doesn’ttranscend the body. What universal aspects of reason there are arisefrom communalities of our bodies and brain and the environmentswe inhabit. The existence of these universals does not imply thatreason transcendent the body. Moreover, since conceptual systemsvary significantly, reason is not entirely universal. […] Since reasonis shaped by the body, it is not radically free, because the possiblehuman conceptual systems and the possible forms of reason arelimited« (Lakoff u. Johnson, 1999, S. 5).Vittorio Gallese, einer der Entdecker der Spiegelneuronen, fasst inseinem Beitrag in diesem Band einige faszinierende Ergebnisse derneueren Hirnforschung zusammen, die ebenfalls eine revolutionärneue Konzeptualisierung von psychischen Prozessen nahelegen.Wie das Konzept des »Embodiments« postuliert, betont auch er diekontinuierliche Konstruktion von seelischen Zuständen in aktuellenInteraktionssituationen, eine Position, die den »intersubjectiveturn« in der Psychoanalyse interdisziplinär abstützt (vgl. dazu auchGallese, 2009; Knox, 2009; Fuchs, Sattel u. Henningsen, 2010).In der psychoanalytischen Fachliteratur finden sich inzwischenverschiedene Arbeiten, die das Konzept des Embodiments aufnehmen,allerdings oft nicht in der radikalen Weise, wie wir diesin diesem Band postulieren. Sletvold (2011) verwendet in seinemhistorischen Abriss eine sehr weite Definition von Embodimentim Sinne von »Arbeit mit dem Körper in psychoanalytischen Therapien«,eine Tradition, die unter anderem auf Wilhelm ReichsKörpertherapie zurückgeht. Er entwickelt, darauf basierend, sogarpraktische Richtlinien für eine Arbeit des Analytikers mit »unconsciousembodied expressions« (Sletvold, 2012; vgl. dazu auch Bloom,2006). Frie (2008) weist in seinem Artikel »Fundamentally Embodied:The Experience of Psychological Agency« ebenfalls auf die© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentEmbodiment: Den Körper in der Seele entdecken19Arbeiten von Lakoff und Johnson (1999) und Damasio (1994/1997)hin, nutzt aber das Konzept des Embodiments nicht im Sinne einerneuen theoretischen Erklärung bestimmter klinischer Phänomene,sondern ganz allgemein als Beleg komplexer Reflexionsprozessse,»informed by personal history and fundamentally embedded in biologicaland sociocultural contexts« (S. 374) (vgl. dazu auch Langan,2007; Mizen, 2009). Vivona (2009) plädiert in einer ähnlich globalenWeise für eine »embodied language« als Ausdruck einer modernenIntegration von Neurowissenschaften und Psychoanalyse.Hannabach (2007) verweist auf Embodiment, um auf die Relevanzder körperlichen Dimension in der Diskussion von genderspezifischenErfahrungen der Sexualität hinzuweisen (S. 253) (vgl.dazu auch Marshall, 2009; Green, 2010). Knoblauch (2007) postuliertin ähnlicher Weise, wie wir dies im letzten Teil dieses Bandesformulieren, dass der Analytiker Beobachtungen der »body-basedcounter-transference experience« nutzen kann, um klinische Phänomenewie das Enactment differenziert zu verstehen (vgl. dazuauch Shapiro, 2009). Stone (2006), aus einer jungianischen Traditionkommend, verwendet das Embodimentkonzept eher metaphorischzur Beschreibung von körperlich wahrgenommenen Resonanzprozessenzwischen Analytiker und Analysand (vgl. auch Corrigall,Payne u. Wilkinson, 2006).Interessant ist die konzeptuelle Integration von »embodied simulation«und Studien zu den Spiegelneuronen, die Gaensbauer vorlegt,um das Re-enactment frühester Traumatisierungen zu erklären. Mitdrei eindrücklichen Fallbeispielen illustriert er, dass auch sehr kleineKinder (der zweieinhalbjährige Kevin, die vier Monate alte Jennieund die dreieinhalb Jahre alte Margaret) erlittene oder beobachteteTraumatisierungen, wie zum Beispiel den Tod des Vaters, der ineinem Kampf niedergestochen wurde (Kevin), in ihren Spielen präzisewiederholen. Er erklärt diese »embodied Erinnerungen« durchdie Funktionsweise der Spiegelneuronen und »embodied simulation«.Er verweist auf ähnliche Erklärungsversuche wie die »deferredimitation« (Gaensbauer, 2002, 2011), verschiedene Formen des impliziten,prozeduralen Gedächtnisses (Siegel, 1995) oder der »behavioralmemory« (Terr, 1988). Allerdings verwendet auch Gaensbauer einespezifische und gleichzeitig breite Definition von Embodiment alskörperlich verankerte Emotionen in menschlichen Interaktionen:© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, Embodiment20Marianne Leuzinger-Bohleber und Rolf Pfeifer»The concept of ›embodiment‹ referring to the bodily states thatarise during the perception of an emotional stimulus, has a longdistinguished history in psychology having been articulated mostnotably by William James (1890), among others. Over the past severaldecades, emotion researchers have provided strong evidencethat people ›embody‹ the emotional behavior of others – that is,experience a set of bodily sensations and emotional states that correspondto those being expressed by a person they are observing«(Gaensbauer, 2011, S. 94).Im Gegensatz zu diesen Autoren plädieren wir in diesem Bandfür eine enge Definition des Embodiments, die über eine allgemeineBetonung der »Körperlichkeit seelischer Prozesse« hinausgeht.Embodiment: ein revolutionärer, neuer Blick auf früheEntwicklungsprozesse, frühe Elternschaft (»earlyparenting«) und Möglichkeiten der Frühprävention(mit kurzer Übersicht über die Beiträge dieses Bandes)So wirft ein eng definiertes Konzept des Embodiments ein neuesLicht auf Entwicklungsprozesse beziehungsweise die determinierendeWirkung von frühen und frühesten Interaktionserfahrungen.Wie auch epigenetische Studien zeigen, »triggern« diese frühen Beziehungserfahrungendie genetische Anlage des Säuglings in spezifischerWeise (vgl. dazu u. a. Hill, 2009; Suomi, 2011; Leuzinger-Bohleber, im Druck) und erhalten sich im Sinne des Embodimentsim Körper. Dadurch bestimmen sie späteres Denken, Fühlen undHandeln grundlegend. Sie bilden die Basis der weiteren psychischenund somatischen Entwicklung, und zwar nicht nur, wie dies bisheroft verstanden wurde, als »nonverbales Kommunikationsverhalten«,sondern als basal konstitutive Elemente psychischer Prozesse ganzallgemein. Embodiment heißt daher nie einfach nur »nonverbal«oder »körperlich ausgedrückt«, sondern bedeutet, dass im Hierund Jetzt einer neuen Interaktionssituation durch sensomotorischeKoordinationen die Analogien zu früheren Situationen (nichtkognitiv, sondern im Körper) erkannt und Erinnerungen jedes Malneu konstituiert und dadurch die Interpretation einer aktuellen© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentEmbodiment: Den Körper in der Seele entdecken21Problemlösungssituation determinieren werden. Diese Prozessespielen sich nicht nur im Gehirn, sondern vor allem im Körper,in den Sinneswahrnehmungen, ab, die in komplexer, unbewussterWeise zusammenspielen und Denken, Handeln und Fühlen determinieren.Dabei folgen sie den Koordinationen, wie sie sich infrüheren Interaktionssituationen abgespielt haben. Embodimentist daher eine Perspektive, die immer den Entwicklungsaspekt berücksichtigt.Dies ist ein Grund, warum das Embodiment für diePsychoanalyse derart fruchtbar ist: Die Psychoanalyse hat immerschon postuliert, dass psychische Realitäten das Produkt komplexer,körperlich-seelischer und immer auch konflikthafter Erfahrungensind, die sich im Unbewussten erhalten haben und aktuelles Denken,Fühlen und Handeln in neuen Interaktionssituationen unbewusstdeterminieren. Embodiment ist ein Konzept, das in neuer, innovativerWeise psychoanalytische Erkenntnisse präzise erklären kann.In eindrucksvoller Weise illustriert Agneta Sandell in ihrem zusammenfassendenBericht einer Psychoanalyse mit einem 22-monatigenKind, wie sie die »embodied memories« dieses kleinen Mädchensund die darin enthaltenen ungelösten inneren Konflikte entschlüsseltund welche Wirkung die Verbalisierung dieser Konflikte auf dasVerhalten und psychische Gesundheit des Kindes ausübt (vgl. dazuihre Falldarstellungen in Teil III dieses Bandes).Exemplarisch weisen die originellen Studien des finnischen Psychoanalytikers,Neurologen und Psychiaters Johannes Lehtonen aufdiese Zusammenhänge hin. Er zeigt, wie das Stillen in eindrucksvollerWeise sowohl von genetischen Faktoren als auch von der Beziehungserfahrungmit der stillenden Mutter geprägt ist und buchstäblichgrundlegende Befriedigungsmuster im Körper konstituiert,die, wie die Psychoanalyse immer schon aufgrund ihrer klinischenBeobachtungen postulierte, zu archaischen Sehnsüchten nach demWiedererleben von paradiesischen Glückszuständen in der Vereinigungmit einem Liebesobjekt werden und damit wohl zu denwichtigsten Motivationsquellen von uns Menschen. Zu einer ähnlichenSchlussfolgerung kamen die experimentellen Schlaf-Traumforscherund Psychoanalytiker Steven Ellman und Lissa Weinstein(Ellman u. Weinstein, 2012; Weinstein u. Ellman, 2012). Sie zeigtenin vielen Experimenten, dass Säuglinge, je nach Temperament, mitunterschiedlichen Schlaf-Wach-Rhythmen geboren werden (vgl.© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, Embodiment22Marianne Leuzinger-Bohleber und Rolf Pfeiferdazu auch Greenberg et al., 1990). Ellmans Forschergruppe diskutierte,welche Folgen eine adäquate bzw. inadäquate Interpretationdes individuellen Schlaf-Wach-Rhythmus sowie des Temperamentsdes Babys durch seine primären Objekte hat. Ein temperamentvollesBaby steht in Gefahr einer Überstimulation (bis hin zu der Unfähigkeitzu schlafen) und wird durch ein überstimulierendes Primärobjektin einen unerträglichen psychophysiologischen Zustandversetzt. Es braucht ein einfühlsames Primärobjekt, das versteht,Überstimulationen zu vermeiden. Im Gegensatz dazu erfordernBabys mit einem eher »trägen Temperament« eine adäquate Stimulation,um einen lustvollen inneren Zustand zu erleben, der zu einergenügend guten Aktivierung in den Wachperioden führt, die einenanschließenden Schlaf im Sinne einer Erholung erst ermöglichen.Ellman (2010) diskutierte ausführlich die nachhaltigen Folgenvon Fehlinterpretationen des idiosynkratischen, weitgehend genetischbestimmten Verhaltens des Babys durch seine Primärobjekte.Eine »genügend gute« Interpretation des idiosynkratischen neurobiologischen(Schlaf-Wach-)Rhythmus durch ein einfühlsames Primärobjektwird dem Säugling ermöglichen, sich zu einem »Winnicott’schenBaby« zu entwickeln (vgl. dazu auch Weinstein u. Ellman,2012). Eine häufige Missinterpretation der individuellen Rhythmenund Bedürfnisse durch das Primärobjekt führt zu einem Scheiternder frühen Affektregulation. Das Baby ist extremen Stresserfahrungenund negativen Affekten wie Schmerz, Wut, Verzweiflungund Ohnmacht ausgesetzt. Es wird sich zu einem »kleinianischenBaby« entwickeln, erfüllt von archaisch destruktiven Fantasien undImpulsen gegenüber dem Primärobjekt und dem auftauchendenSelbst. In eindrucksvoller Weise waren solche Prozesse in vivo inVideoaufnahmen von Interaktionen schwer traumatisierter Müttermit ihren Kindern in einer Studie von Schechter (2012) zu beobachten,die ebenfalls in diesem Band zusammengefasst wird: EineTeenagermutter ließ ihr Baby – scheinbar aus unerfindlichen Gründen– in einem Zimmer vor laufender Videokamera allein. Der etwaelf Monate alte Junge reagierte mit Panik und Verzweiflung, suchtenach der Mutter, schlug heftig an die Türe und verletzte sich dabeiselbst – unfähig, seinen Affektsturm selbst zu beruhigen. Wie sichaus anschließenden Interviews mit der Mutter eruieren ließ, erinnertesie das schreiende eigene Kind unbewusst an persönliche© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentEmbodiment: Den Körper in der Seele entdecken23traumatische Gefühle der Hilflosigkeit und Ohnmacht, sodass siedas Baby nicht beruhigen konnte, sondern sich ihm entzog.Dieses Beispiel mag nicht nur als exemplarisch für eine transgenerativeWeitergabe von Traumatisierungen gelten, sondern auchfür eine unzulängliche Affektregulation durch das Primärobjekt. Besondersdie Regulation von sogenannten »Spitzenaffekten« (Kernberg,2001) ist für die frühe Selbstentwicklung entscheidend (vgl.dazu auch Leuzinger-Bohleber, 2010, 2013). Das durch die eigeneTraumatisierung bestimmte Interaktionsverhalten der Mutter wirddazu führen, dass das Baby in Separationssituationen ebenfalls traumatischenErfahrungen ausgesetzt wird, die in seinem Körper imSinne von embodied memories erhalten bleiben und eine entscheidendeLangzeitwirkung ausüben, in dem sie unbewusst die Erwartungenan neue Interaktionserfahrungen mit wichtigen Bezugspersonenprägen. Schechter und seine Forschergruppe versuchenin ihrem Präventionsprogramm diese transgenerative Weitergabeder Traumatisierungen abzumildern oder im besten Fall zu unterbrechen(vgl. ihren Beitrag in diesem Band).Empirisch und klinisch gut untersucht ist das frühe Interaktionsverhaltenvon depressiven Müttern mit ihren Babys (vgl. dazuu. a. Stern, 1985/1992; Beebe u. Lachmann, 2002; Feldmann, 2012;Rutherford u. Mayes in diesem Band). Durch ihre Depression sindEinfühlung und emotionale Resonanz auf die individuellen Bedürfnissedes Säuglings stark eingeschränkt oder brechen sogar weitgehendzusammen. Daniel Stern hat eindrucksvoll beschrieben, dassSäuglingen depressiver Mütter keine andere Wahl bleibt, als sichmit den Affekten ihrer »toten Mutter« zu identifizieren, um überhauptNähe zu ihrem Primärobjekt herzustellen. Eine der vier vonihm beschriebenen möglichen langfristigen Copingstrategien, diedie werdende Persönlichkeit stark prägen, ist das Ausbilden eines»falschen Selbst« (vgl. dazu auch Leuzinger-Bohleber, 2012).So besteht eine enge Verbindung von Embodiment und frühenEntwicklungsprozessen: Die frühen Interaktionserfahrungen bestimmenals »embodied memories« die weitere Entwicklung unddie spontanen (nicht kognitiven) Erwartungen und unbewusstenInterpretationen neuer Interaktionssituationen. Die psychoanalytischenErkenntnisse, wie entscheidend und langfristig determinierendsich die ersten Beziehungserfahrungen in den durch extreme© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, Embodiment24Marianne Leuzinger-Bohleber und Rolf PfeiferVulnerabilität, aber auch durch enorme Plastizität geprägten erstenLebenswochen und -monaten erweisen, erhalten daher durch dieinterdisziplinären Forschungen zum Embodiment und zur frühenElternschaft eine faszinierende, empirische Abstützung. SchonFreud sagte, dass das Ich ursprünglich ein Körperliches sei.Wie Helena Rutherford und Linda Mayes in ihrem Übersichtsartikelin diesem Band aufzeigen, kann dieses Postulat inzwischenin vielfältigen empirischen, vor allem neurobiologischen Studienkonkretisiert werden: Die frühen, »embodied« Interaktionserfahrungenmit den Primärobjekten schlagen sich sowohl im Körper alsauch im Gehirn, vor allem im Stressregulationssystem in prägenderWeise nieder. Daher sprechen auch führende Neurowissenschaftlerheute vom »social brain«. Sie müssten allerdings immer auch ergänzen,dass dieses »social brain« nicht isoliert betrachtet werdenkann, sondern Teil eines »social body« ist.Historisch zu erwähnen ist, dass Alfred Lorenzer, damals Wissenschaftleram Sigmund-Freud-Institut, bereits in den 1970er Jahrenals einer der ersten Pioniere die Relevanz des Dialogs mit denNeurowissenschaften für die Psychoanalyse erkannt hat. Lorenzerhat bereits damals postuliert, dass sich Interaktionserfahrungenwährend der Embryonalzeit und der ersten Lebensmonate »verleiblichen«,das heißt, in sensomotorische Reaktionsweisen desKörpers einprägen und – unbewusst – spätere Informationsverarbeitungsprozessein adäquater oder inadäquater (»neurotischer«)Weise determinieren, eine Einsicht, die nun auch von empirischenForschern zur Bedeutung resonanter, interaktiver Prozesse für diefrühe Entwicklung des Selbst sowie die Auswirkungen früher Traumatisierungenbestätigt, aber konzeptuell in anderer Weise gefasstwird, wie viele Autoren in diesem Band diskutieren.Aus der engen Verbindung von Embodiment und früher Entwicklungergeben sich wichtige Perspektiven für die Frühprävention,wie in Teil II dieses Bandes illustriert wird. Wie Marcus Hasselhorn,Ulrike Hartmann, Sonja Reuße und Andreas Gold in ihrem Beitragbeschreiben, werden im Rahmen des IDeA-Zentrums der LOEWE-Exzellenzinitiative frühe Entwicklungsprozesse von »children atrisk« und Möglichkeiten der Frühprävention interdisziplinär untersucht.Robert N. Emde stellt diese laufenden Forschungsprojekte ineinen internationalen Kontext und gibt eine allgemeine Übersicht© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304


Marianne Leuzinger-Bohleber / Robert N. Emde / Rolf Pfeifer, EmbodimentEmbodiment: Den Körper in der Seele entdecken25über die Präventionsforschung. Massimo Ammaniti fasst seine Präventionsprogrammezusammen, die er mit seinem Team in Romdurchführt. Ähnlich wie Rutherford und Mayes stützt er sich dabeiauf psychobiologische Transformationen der werdenden Elternwährend der Schwangerschaft und der ersten Lebensmonate desKindes. Diese Transformationen können ebenfalls mit dem Konzeptdes Embodiments charakterisiert werden: Der mütterliche Organismusund das Gehirn verändern sich in der Zeit der frühen Elternschaftunter anderem dank des Spiegelneuronensystems. DieseProzesse schaffen die »embodied« Voraussetzungen für Empathie,Responsivität und Intersubjektivität, zentrale Fähigkeiten für einegelingende frühe Elternschaft, aber auch für professionelle Fähigkeitenvon Psychotherapeuten. Daniel Schechter und Sandra RusconiSerpa beschreiben, wie schon kurz erwähnt, ein Präventionsprogrammfür traumatisierte Mütter, das sie in New York und Genfentwickelt haben. Es sensibilisiert meist noch sehr junge Frauenaus Risikogruppen für die emotionale Kommunikation mit ihrenKleinkindern, indem es sie in professioneller Weise anhand vonVideoaufnahmen der Interaktionen mit ihren Kindern beispielsweisemit den Folgen von abrupten Separationserfahrungen für dieKinder konfrontiert. Auf diesen Videoaufnahmen wird eindrücklichsichtbar, wie sich eine traumatische Beziehungserfahrung imvulnerablen Körper der Kleinkinder niederschlägt.Antoine Guedeney stellt eine große randomisierte Präventionsstudievor, in der versucht wird, Mütter aus Multiproblemfamilien imUmkreis von Paris durch Heimbesuche in ihrer frühen Mutterschaftzu unterstützen, um die Wahrscheinlichkeit einer Entwicklung vondesorganisierten Bindungsmustern zu reduzieren. Henri Parens fasstseine jahrelangen Erfahrungen mit Randgruppenfamilien in Philadelphiazusammen, die er in einem psychoanalytisch orientiertenPräventionsprogramm begleitete, mit beeindruckend positivenLangzeitwirkungen. Mit vielen eindrucksvollen Fallbeispielen lässter die betroffenen Familien über dreißig Jahre nach Abschluss desProjektes schildern, wie prägend für sie die Frühprävention war.Patrick Meurs berichtet von seinem kultursensitiven Präventionsangebotfür Familien mit Migrationshintergrund, das inzwischen einegroße Verbreitung gefunden hat und auch in anderen europäischenLändern angewandt wird. Judith Lebiger-Vogel, Korinna Fritzemeyer,© 2013, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, GöttingenISBN Print: 9783525451304

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