Berlin – Jerusalem

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Berlin – Jerusalem

WELTBÜHNEBerlinDEUTSCHLANDRegensburgÖSTERREICHZagrebBelgradSLOWENIENKROATIENSERBIENMAZEDONIENNišSkopjeGRIECHENLANDÇanakkaleIzmirTÜRKEIAdanaLIBANONJerusalemAleppoSYRIENHomsISRAELJORDANIEN500 kmIn 17 Tagen von Berlin nach JerusalemHätten Sie mich mitgenommen?Ließen Sie mich in Ihr Auto steigen?Einen unbekannten jungenMann mit Hut und Rucksack? Angenommen,das Ziel liegt auf Ihrem Weg,ja, Sie fahren sogar genau dorthin, wo ichauch hinwill.Ich, ein deutscher Jude, wollte5200 Kilometer reisen. Von Berlin nachJerusalem. Vom Brandenburger Tor zurKlagemauer. Ohne Geld. Also ohne eineneinzigen Cent für Essen, Trinken,Übernachtung oder Fahrtkosten.Eigenes Geld gab ich das letzte Malam Tag meiner Abreise aus. Kurz bevor eslosging, kaufte ich mir am OranienburgerTor in Berlin-Mitte einen Kaffee. Dieerste Mitfahrgelegenheit sprach ich schonin der Friedrichstraße an. Ohne Weitereserklärte sich der junge Mann bereit, michein Stück mitzunehmen. „Weit fahre ichFOTO: HABAKUKMit Rucksack und ohne Geld machte sich unserAutor auf die Reise vom Brandenburger Tor inBerlin zur Klagemauer in Jerusalem26 Cicero8/2009


WELTBÜHNETeatime im Bischofssitz von Aleppovon Thessaloniki endlich ein BMW an.Der Fahrer kam schnell zur Sache. „Wiehältst du es mit Sex?“, fragte er auf Französischund bot etwas Baguette an, aufder Rückbank lag zudem ein Korb mitWein und Obst. Kein Wort hingegensprach der junge türkische Apotheker,der mich auf der Ostseite der Dardanellenvon Lampsakos nach Çanakkale mitnahm.Erst als ich am Stadtrand von Çanakkaleaussteigen wollte, machte er mirein Angebot: Ich könne bei ihm schlafen,sagte er in sehr gebrochenem Englischund strich mir dabei übers Knie.Çanakkale, im asiatischen Teil derTürkei gelegen, bedeutete eine Zäsur inmeiner Reise nach Jerusalem. Bis dahinhatte ich freimütig von meinem Projektund von mir erzählt. Zwei Studentenbrachten mich dazu, fortan zu lügen. Ichtraf sie erst spätabends, wir kamen insGespräch, sie boten mir spontan an, beiihnen zu übernachten. Auf dem Weg zurWohnung der beiden wollten sie mehrwissen über mich und das Ziel meinerReise. „Bist du Jude?“, fragten sie undbegannen, auf Türkisch miteinander zutuscheln. Erst nach einer Weile bemerkteich, dass wir zum zweiten Mal um denselbenBlock gingen. Schließlich entschuldigtesich der ältere der beiden: Sie hättenvergessen, dass zu Hause noch Freundewarteten und aus dem Schlafplatz leiderdoch nichts würde. „Freilich“, erklärte erweiter, „der Islam gebietet Gastfreundlichkeit.Wir haben dich zu uns eingeladenund wollen dir daher ein Hotelzimmerbezahlen.“ Das Angebot nahm ich an.Aber ab sofort, entschied ich, nachdemich mein Zimmer im Drei-Sterne-Hotel„Ilion“ doppelt verriegelt hatte, würde ichmich „Hans“ nennen und eine „Pilgerreise“machen.„Ilion“ hieß das Hotel, weil Çanakkalekeine 20 Kilometer nördlich vomhistorischen Ilion, also von Troja, gelegenist. Und da verstand ich, wie falsch RaulSchrott mit seiner Theorie liegen muss,dass unser Troja nicht das Troja der Iliassein könne. Schrott argumentiert in seinemBuch „Homers Heimat“, dass dieStadt, die wir für Troja halten, in einerArt Savanne liege, dass es da schlicht zutrocken, zu sandig und zu unfruchtbarsei. Dabei muss man nur berücksichtigen,zu welcher Jahreszeit Schrott Troja besuchte.Wäre Schrott nicht im Spätsommer,sondern im Frühjahr gekommen, sohätte auch er sie gesehen jene „grünenGestade“ Homers.Und noch etwas fragte ich mich, alsich über den Schliemann-Graben hinwegRichtung Europa zurückblickte. Wielange dauerte die Odyssee? Laut Homersoll Odysseus zehn Jahre unterwegs gewesensein. Indes, seine Reise nach Ithakawar viel kürzer. Vielleicht brauchte Odysseusdrei Monate, vielleicht ein halbesJahr. Aber zehn Jahre? Niemals! Odysseuskam seine Reise nur so lange vor.Die Intensität der Erfahrungen, die er aufseiner Reise machte, und seine Sehnsuchtnach der Heimat, vor allem aber seineSehnsucht nach seiner Frau, nach Penelope,potenzierten sich gegenseitig. Nurso, dachte ich, lasse sich erklären, dassOdysseus „zehn“ Jahre unterwegs war.Nur so lässt sich erklären, dass die Reisevon Berlin nach Jerusalem einem halbenLeben glich.Ein halbes Leben lang so empfandich es zumindest dauerte auch meinAufenthalt in Izmir. Besser: einem Vorortvon Izmir. In einer Wohnung. Aufeinem roten Sofa, umringt von Plastikblumen.Duduman, mein Fahrer, wollteam nächsten Tag zu seiner Tochter nachBodrum reisen. Heute aber würde er beieiner „Freundin“ in Izmir schlafen. Hätteich ahnen müssen, was mich in Izmir erwartete?Jedenfalls war Duduman sichtlichenttäuscht, als ich mich weigerte, dieNacht zusammen mit einer älteren Prostituiertenzu verbringen. „Spielchen spielen?Massage, Massage?“ Ich wollte nur inRuhe schlafen.Und so blieb ich zum zweiten Malohne Bett. Das erste Mal war noch inThessaloniki. Vielleicht war ich daranauch selbst schuld. Zumindest war meinFOTOS: JOSEF GIRSHOVICH, JIRO OSE/REDUX/LAIF30 Cicero8/2009


Syriens StaatschefBaschar al Assadist zumindest aufStraßenplakaten inAleppo präsentCicero 31


WELTBÜHNEMit Heinrichs LKW ging’s von Berlin RichtungDresdenAb Regensburg stand die Reise unter einembischöflichen SegenDer serbisch-orthodoxe Priester Jovan undseine Schwester zeigten sich weltoffenAb Nis wurde die Reise in Richtung Skopje voneinem Weihnachtsmann begleitetTürkische Gastfreundschaft unter Kfz-Mechanikernund Handelsreisenden bei AydinNach der jordanisch-israelischen Grenzewaren es noch 126 KilometerVerhalten ein wenig naiv. Statt gleich zuBeginn des Abends darauf zu bestehen,in die Studenten-WG zu gehen, trankich mit meinen Gastgebern Bier auf demAristoteles-Platz. Mein Vertrauen straftemich. Als mir meine vermeintlichenGastgeber um halb zwei Uhr morgenseröffneten, dass es ihnen nach reiflicherÜberlegung doch nicht recht sei, michmitzunehmen, saß ich da ohne Essen,ohne Trinken, ohne Bett. Beten daswollten die Studenten für mich. Dochwas, hätte ich beinahe erwidert, was helfenmir eure Gebete! Ich brauche ein Bett,und ihr könnt mir eines bieten.Das zweite Mal schlief ich an derfrischen Luft nach gelungener Fluchtvor Duduman und seiner Freundin imPark von Ephesus, inmitten griechischerRuinen. Und das dritte Mal gleich dieNacht darauf wiewohl bereits am anderenEnde der Türkei. Vierzehn Stundenwar ich mit einem Handelsreisenden fürPKW-Sitzüberzüge unterwegs gewesen,hatte Chai, Chai und noch mehr Chaigetrunken und fand mich am Ende desTages in der Fernfahrerkantine des Busbahnhofsvon Adana wieder.Wer Adana kennt … Aber wer kenntschon Adana? Die Stadt ist bekannt fürihre Hässlichkeit. Und doch gehörte sienoch zu „unserer“ Welt. Nur wenige Stundenspäter stand ich bereits an der Grenzezu „Mordor“. Die Einreise nach Syriendauerte lang. Zwar hatte ich noch in Berlinein Visum bekommen, freilich fürchteteich, abgewiesen zu werden. Was, wenn diesyrischen Behörden meinen Namen dochgegoogelt hatten? Ein einziger Klick würdegenügen, um meine Beziehungen zu Israeloffenzulegen. Und dann wäre klar, dass ichgelogen hatte, als ich auf dem Visumsantragdie Erklärung unterschrieb, noch nieim „besetzten Palästina“ gewesen zu sein.Eigentlich war das auch gar keineLüge. Im „besetzten Palästina“ war ich tatsächlichnoch nie, konnte ich auch nichtgewesen sein. Palästina diesen Staatgibt es juristisch betrachtet nicht. Wennüberhaupt, gab es von 1920 bis 1948 einVölkerbundsmandat für Palästina, unterder Mandatsherrschaft Großbritanniens.Ebenso gut hätte ich also erklären können,noch nie im Römischen Reich oderin Harry Potters Zauberschule Hogwartsgewesen zu sein.Wie in Hogwarts fühlte ich michim griechisch-katholischen Bischofssitzvon Aleppo und im Jesuitenkonvikt vonHoms. Alle fragten, ob ich in die „HeiligeStadt“ pilgern würde. Aber niemandtraute sich, das Wort „Jerusalem“ oder gar„Israel“ auszusprechen.Doch wie soll man die Frage beantworten:„Fährst du, du-weißt-schon-wohin?“,ohne die Gefühle der Menschen zuverletzen? Da allen bewusst war, wo meinZiel lag, wäre es ein Affront gewesen zulügen. Andererseits brachte ich Frager wieGefragten in unmittelbare Gefahr, wennich bei der Wahrheit blieb. Was, wennich bespitzelt wurde? Und was, wenn ichselbst Spitzel wäre? Dabei sind es vor allemdie Christen Syriens, die Baschar al AssadsRegime treu sind. Der junge Priester, mitdem ich zu Abend aß, machte keinen Hehlaus seinen Beziehungen zur Geheimpolizei.„Uns Christen trifft es doch als Erste,wenn Assad gestürzt wird. Hier meinHandy. Ich kenne viele Leute und sage sofortBescheid, wenn mir jemand aufrührerischdaherkommt.“Regimeangst und -treue gingen auchin Homs Hand in Hand. Ich sei bei denFOTOS: JOSEF GIRSHOVICH32 Cicero8/2009

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