„Gänsemedizin“ - Wild und Hund

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„Gänsemedizin“ - Wild und Hund

AUSRÜSTUNGSCHROTE – VON BLEI BIS ZINK UND WEICHEISEN„Gänsemedizin“Nachdem wir in WILD UND HUND 21/2006, Seite 26, die nötige Ausrüstung für die Gänsejagdvorgestellt haben, wollen wir uns nun den passenden Schroten widmen. Ob die alte 12/70genügend Dampf hat oder die dicken 76er Brummer in den Rucksack gehören, klärte ein Test.Christian SchätzeSelbst unter eingefleischten Flintenjägernwird die Kaliberfrage oft diskutiert.Während die einen raten,gleich in die Vollen zu gehen und 12/76Magnum mit einer Schrotladung von 52Gramm zu benutzen – schließlich sei dieFlinte ja genau dafür gemacht – sind dieanderen deutlich zurückhaltender undgeben zu bedenken, dass Gänse auch mit36-Gramm-Patronen sicher zu streckenseien – schon wegen der höheren Geschwindigkeitder Schrotgarbe.Einig war man sich lediglich darüber,dass bei der Schrotstärke von maximal 3,5Millimetern Schluss sein und die Patroneüber einen Becherpfropfen verfügenmuss. Auch bei der optimalen Schrotstärkegingen die Meinungen dann dochnoch auseinander – zwischen 2,7 und 3,5Millimeter wurde so ziemlich alles empfohlen.Das musste geklärt werden. EinAnschuss-Test sollte zeigen, wozu die12/70er Patronen und ihre großenSchwestern in der Lage sind und wie großdie Unterschiede tatsächlich ausfallen.So schnappte ich mir meine langläufige(76 Zentimeter) Browning „FusionUltimat“, schraubte den 3 /4-Choke einund fuhr in Richtung Schießstand – mitim Gepäck einen ganzen Berg eigens68WILD UND HUND 22/2006


entworfener Schießscheiben, die eineSaatgans in Originalgröße (70x120 Zentimeter)abbilden. Diese sollten auf 20, 25,30 sowie 35 Meter beschossen werden –Entfernungen, die bei der Gänsejagd amhäufigsten vorkommen. Als Haltepunktwurde der Stingelansatz gewählt, denndort müssen die Schrote auf der Jagd hin.Als Testmunition standen sechsLaborierungen zur Verfügung, die sich imAufbau (Fettfilzpfropfen, Becherpfropfen,Vorlage) zum Teil deutlich unterscheiden.Als „Einstiegspatrone“ entschied ichmich für die weit verbreitete und bei derEntenjagd (weitere Schüsse) gute Diensteleistende Rottweil „Waidmannsheil“ mitPapphülse im Kaliber 12/70. Die Vorlageder 198 drei Millimeter dicken Schrotebeträgt 36 Gramm. Der Fettfilzpfropfen(Zwischenmittel) soll für eine guteDeckung, aber nicht zu starke Streuungsorgen.Ergebnis: Auf Entfernungen von 20 bis25 Meter waren Deckung und Verteilungaus der benutzten Flinte perfekt. Beigrößeren Distanzen musste die Laborierungkonstruktionsbedingt Federn lassen.Fazit: Bei der Jagd mit Lockgänsen(Decoys) aus dem Erdloch heraus vollkommenausreichend, wenn die Gänseunmittelbar vor dem Jäger einfallen. Angenehmwar das weiche Schussverhaltentrotz der Geschwindigkeit (V 2,5 ) von 380Metern pro Sekunde.Bei der SK „Torhammer“ (Kaliber12/70; Lapua) aus Schönebeck ist derName Programm. Vor allem bei Gänsejägernaus den Neuen Bundesländerngenießt sie einen hervorragenden Ruf.Nicht ohne Grund, denn die Vorlage von36 Gramm wird auf satte 415 Meter proSekunde (V 2,5 ) beschleunigt – ein wichtigerAspekt bei der Gänsejagd.Der Becherpfropfen sorgte dafür,dass auch auf 30 Meter noch reichlich 3-Millimeter-Schrote Kopf, Stingel undKörper der „Testgans“ trafen. ImVergleich zur „Waidmannsheil“ fallenRückstoß und Mündungsknall etwasstärker aus. Auf 30 Meter trafen beigleichmäßiger Deckung knapp 26Prozent (71 Schrote) der 272 Schrote dasZiel. Auf 35 Meter waren es noch 19Prozent. Obwohl in „Waidmannsheil“und „Torhammer“ 36 Gramm Schroteder Nummer 5 verladen wurden, befandensich im Schönebecker Schrotbeutelgut 70 (!) Schrote mehr. DerGrund: Die Schrotstärke war etwas geringerals drei Millimeter.Wem die Vorlage von 36 Gramm zugering erscheint, könnte an der „SemiMagnum“ aus dem Hause RottweilGefallen finden. Im Kaliber 12/70verschießt sie bei normalem Gasdruck(keine Magnumpatrone) 40 Gramm Blei.Mehr Gewicht bedeutet zugleich natürlichmehr Schrote. Während in der„Waidmannsheil“ im selben Kaliber 198Schrote untergebracht werden, sind es beider vier Gramm schwereren Schwester235 – ein Plus von 37 Stück. Wie die„Torhammer“, kommt auch die „SemiMagnum“ mit Schrotbecher daher. ➙FOTO: CHRISTIAN SCHÄTZEWILD UND HUND 22/2006 69


AUSRÜSTUNGSo muss ein Schussbild aussehen – erzielt wurde es mit derSK „Torhammer“ im Kaliber 12/70 (3 mm, 36 g) auf 30 MeterDie 12/76 Magnum von Rottweil (3 mm, 52 g)bringt auch auf 35 Meter reichlich Schrote ins ZielJeder Schuss wurde protokolliertund anschließend ausgewertetAuf 30 Meter zeigte sich ein Streukreis wieaus dem Bilderbuch. Gleichmäßig verteiltsaßen die Einschläge der Schrote auf demPapierkameraden – allein auf Kopf undStingel fanden sich 18 Treffer. Das Rückstoßist aufgrund der niedrigeren Geschwindigkeit(V 2,5 gleich 375 m/s) etwassanfter als „Tors“ schneller Hammer.Den Gipfel der Vorlage bildete dieRottweiler Magnum-Patrone mit einerVorlage von 52 Gramm, denn bei Kaliber12/76 warteten sage und schreibe 336Schrote (3 mm) darauf, in Richtung Gansgeschickt zu werden. Das sind immerhin138 beziehungsweise 101 Schrote mehr,als „Waidmannsheil“ und „Semi Magnum“zu bieten haben. Dass die Masseerst einmal beschleunigt werden mussund sich das in Form eines deutlich stärkerenRückstoßes und Gasdruckes niederschlägt,liegt auf der Hand.In der Tat gerät der unbedarfte Schützebeim Zünden der schweren Ladungleicht ins Wanken. Während alle zuvorgetesteten Laborierungen im Bezug aufRückstoß und Springen der Mündungeher zahm reagierten, spielt dieungestüme 52er Patrone in einer ganz anderenLiga. Nicht nur, dass die Mündungbeim Betätigen des Abzugs gehörig ausdem Ziel springt, auch Wange und Schulterdes Schützen werden ordentlich geboxt.So wird jeder Schuss zu einemeindrucksvollen Erlebnis.Eine Faustformel besagt, dass eineFlinte etwa 100 mal soviel wiegen sollte,wie die im Lager befindliche Schrotladung.Die Browning bringt es trotz 76erLauf auf gerade einmal 3 070 Gramm –ein bisschen zu wenig für die 52-Gramm-Patrone. Bei der Verteilung der Schroteauf der Scheibe überzeugte die Patronejedoch umso mehr. Selbst auf 35 Meterhätte es jede Gans vom Himmel gerissen.Wer jedoch meint, das scheue Wild mitder Magnum auch auf 40, 45 oder gar 50Meter schießen zu können, ist auf demHolzweg. Trotz des horrenden Rück-70WILD UND HUND 22/2006


stoßes fliegen die Schrote (V 2,5 gleich 370m/s) nicht schneller als die „Waidmannsheil“(380 m/s) oder die der „Torhammer“(415 m/s). Ein Fakt, den man vor allem beider maximalen Schussentfernung beachtenmuss. Denn weniger Geschwindigkeitbei gleicher Schrotstärkebedeutet immer auch weniger Energieund schlechtere Wirkung.Wenn Gänse in der Nähe einesGewässers bejagt werden sollen – nicht anSchlafgewässern – , fallen die bleihaltigenSchrote schnell „hinten runter“. Dennwährend in einigen Bundesländernbereits ein Verbot beschlossen wurde,empfiehlt der Deutsche Jagdschutzverband(DJV) auf Bleischrote an, auf undüber Gewässern, wie es so schön heißt, zuverzichten. Da bleibt nur der Griff zueiner Zink-, Wismut- oder Weicheisen-Schrotpatrone. Für den Test standen dieSchönebecker „Hubertus Zink“, Kaliber12/70, Vorlage 30 Gramm sowie Rottweil„Steel Game“ im Kaliber 12/70, 32Gramm zur Verfügung.Die Zinkpatrone deckte aus der benutztenFlinte einen Tick besser, doch auch hierdürfte bei 25 bis 30 Metern das Leistungs-Maximum erreicht sein. Auf der sicherenSeite ist man, wenn man sich in derSchussentfernung (max. 25 Meter) einschränkt.Ein überraschender Aspekt war,dass die Treffpunktlage der Weicheisenschrotedeutlich (links/hoch) vonder anderer Laborierungen abwich.Endbetrachtung: Wem der kräftigeRückstoß der 52 Gramm schwerenMagnum-Patrone (Rottweil) nichts ausmacht,ist mit ihr gut beraten. Bei Kaliber12/76 stimmen Deckung und Leistungauch noch bei 3,2 und 3,4 MillimeternSchrotstärke. Wunder darf man jenseitsder 35 Meter dennoch nicht erwarten.Vor allem die relativ niedrige Geschwindigkeitspricht gegen die ordentlichausteilende „Dicke Berta“.Sowohl „Semi Magnum“ als auch„Torhammer“ beeindrucken durch diegleichmäßige Verteilung der Schrote.Aufgrund des angenehmeren Schussverhaltenslassen sich sicher auch saubereDubletten schießen. Aufgrund ihrerhohen Geschwindigkeit hat die „Torhammer“den Mitbewerbern gegenüberallerdings die Nase vorn.Die „Waidmannsheil“ ist aufgrundihrer Bauweise bis 25 Meter geeignet –Stichwort „Lockjagd mit Decoys“. Wennes weiter hinaus gehen soll, ist derFlintenjäger mit einer Patrone mitSchrotbeutel eindeutig besser beraten.Zink- und Weicheisenschrote reichenballistisch nicht an Blei heran und solltenbei der Gänsejagd nur eingesetzt werden,wo es der Gesetzgeber fordert.Ihre Meinung ist uns wichtig: Auf welchesKaliber und welche Schrotstärke setzenSie bei der Gänsejagd? Schreiben Sie uns!Weitere Schussbilder sehen Sieim Dossier unter www.wildundhund.deAufgrund des geringeren spezifischenGewichtes von Zink (7,14 g/cm 3 ) undWeicheisen (7,8 g/cm 3 ) im Vergleich zuBlei (11,34 g/cm 3 ) müssen die Schrote imDurchmesser 0,5 Millimeter (zwei Schrotnummern)größer gewählt werden, umdas Flugverhalten und die Zielenergie vonBlei zu erreichen. Konkret bedeutet das:Statt einer Schrotpatrone mit dreiMillimeter Bleischrot (Nr. 5) verwendetman eine Patrone mit 3,5 MillimeterWeicheisen oder Zink.Für den Versuch wurden 3,5 MillimeterZink- und 3,75 Millimeter messendeWeicheisenschrote verschossen. Bereitsbeim Zählen der Schrote wurde derUnterschied zu Blei deutlich. Dennaufgrund der gröberen Zink- und Stahlladungpassen entsprechend wenigerSchrote in die Hülse (trotz längererBauweise). So muss man bei Zink(30 g) mit 164 und bei Weicheisen mit134 (32g) auskommen.Beide Patronen schossen sich sehr angenehm.Auf 30 Meter trafen zwar nochausreichend Weicheisenschrote die Testgans,doch die Garben wiesen schongrößere Lücken auf. Verschätzt man sichetwas in der Entfernung, dürfte dieerhoffte Wirkung zu wünschen übriglassen oder ausbleiben.Hände weg!Noch immer befindensich in manchen WaffenschränkenitalienischePatronen mit dem Namen„Double Impact“(Schrotladungen bis 56Gramm), die bis auf 100Meter eingesetzt werdensollen können. Eskann nur eingehenddavor gewarnt werden,diese Laborierungen zuverschießen. Zum Großteilgehen die beiden (!)Schrotbeutel nicht aufund wirken dann wieFlintenlaufgeschosse. ImWILD UND HUND-Testwurden Restbeständedieser Patrone auf 35und 65 Meter verschossen,um zu zeigen, welcheverheerende Wirkungdiese Patronenhaben, wenn sie nicht„aufgehen“. Unser Fazit:Hände weg!Die „Double Impact“ kommt mit zwei Schrotbecherndaher und soll bis 100 Meter einsatzfähig seinBedenkliche Wirkung: Eine Europalette wurde nochauf 65 Meter von der „Schrotladung“ durchschlagenFOTOS: FRANK RAKOW (3), CHRISTIAN SCHÄTZE (2)WILD UND HUND 22/2006 71

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