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Nr. 1 01/2013Zeitschrift für Politik von untenHoMmage an John Heartfield - Krieg und Leichen -die letzte Hoffnung der Reichen 1932 © Marika Schmiedt


In Gedenkenan CeijaStojka(1933–2013)Inhaltsverzeichnis3Roma Inclusion =Illusion!5Gegen Bettler – GegenRoma, Feldzug der EUgegen bettelnde Roma8Ungarn ist keinsicheres Land10Roma & Feminismus?11Protestbrief „Stop Bio-Knoblauch Romanes“13„Weg ins nichts“InterviewMarika Schmiedt15InterviewMaria – GraciaGuimarães16Sie nennen sichTsiganologInnen19Die Jugendlichenerinnern sich an ihreVerstorbenenEINE BEWEGUNG IST NUR SO STARK WIE IHRE MEDIEN! OPRE ROMA!ImpressumCover (OPRE ROMA Empört Euch! - Time for outrage!Hommage to John Heartfield - Krieg und Leichen - dieletzte Hoffnung der Reichen 1932)& Logo: Marika SchmiedtLayout: Nadin Heinke,unterstützt von Julia SchneggArtikel: Hasiba Dzemajlji, Lynn Hutchinson Lee,Merdjan Jakupov, Georgel Caldararu,Filiz DemirovaInterviews: Marika Schmiedt,Maria-Gracia GuimarãesLektorat: Mike Korsonewski, Natalie WagnerRedaktion: Filiz Demirova, Georgel Caldararu(zeitschrift.derparia@gmail.com)V.i.S.d.P.: Amaro Foro e.V., Weichselplatz 812045 Berlininfo@amarodrom.deDruckerei: FLYERPUNK, Druckerei und Repro GmbH,www.flyerpunk.deBerlin, Januar 2013 (Nr. 1)


ROMA INCLUSION = Illusion!3In den letzten sieben Jahrenpassierten zwei Ereignisse, welchefür jede Roma Familie einenstarken Einfluss in ihrem alltäglichenLeben haben sollten.Zum einen die Deklaration von2005 in Sofia, Bulgarien, für derDekade zur Inclusion der Romaund zum anderen die Eröffnungdes Denkmals für die im Nationalsozialismusermordeten Sintiund Roma.Beide Ereignisse werden in derÖffentlichkeit als Reparationenfür die größte Minderheit Europasdargestellt. Die Roma Dekadebeinhaltet die Unterstützungvon den europäischen Regierungenfür die soziale und ökonomischeInclusion von Roma indie Gesellschaft(en) und dieEröffnung des Denkmals solleine politische Anerkennungvon Sinti und Roma als Opferdes Holocausts bedeuten. Dasheisst die politische und sozialeGrundlage für die Verbesserungdes Lebens jeder Roma Familieinnerhalb der EuropäischenUnion. Das umfasst auch diepolitische Unterstützung vonRoma, welche keine europäischeStaatsbürgerschaftbesitzten, als politischeFlüchtlinge.Aber wie sieht die Situationtatsächlich aus? Wie weit sinddie Beteiligten mit der Entwicklungvon Strategien gegenAntiromaismus? Inwiefernwerden die Rechte der Romarespektiert und wieviel tatsächlicheAnerkennung und Unterstützungbekommen sie von denMehrheitsgesellschaften?Die ökonomische Krise und dieallgemeine gesellschaftlicheTransformation innerhalb dereuropäischen Grenzen haben dieneo-nationalistischen Diskurseverstärkt. In Bulgarien undTschechien explodierten Hass-Mobs gegen Roma. Im Herbst2011 fanden in beiden LändernPogrome statt.Die Situation in Ungarn bleibtimmer noch extrem kritisch.Der Tagesspiegel berichtet: „ImSommer war eine blonde jungePolizistin im südungarischenPécs vergewaltigt und ermordetworden. Nachdem ein Rom alsmutmaßlicher Täter verhaftetworden war, schürten Nationalistenwieder eine Anti-RomaStimmung. Die rechtsextremeJobbik-Partei („Die Besseren“)startete eine Kampagne für dieTodesstrafe, auch Politiker derRegierungspartei Bund JungerDemokraten (Fidesz) schlossensich der Forderung an.Die verbotene paramilitärische„Ungarische Garde“ marschiertewieder auf.“ 1 Im Oktober 2012haben mehr als tausend Rechstradikalein der ostungarischenStadt Miskolc demonstriert. DerJobbik-Abgeordnete Zsolt Egyedrief der Menge zu: „Wir müssenjetzt handeln, um unsereZukunft zu retten und Ungarnvon der ‚Zigeuner‘-Kriminalitätzu befreien.“ 2Das ERRC hat Medien und NGOBerichte über Fälle von Gewaltgegen Roma in der Slowakei,Ungarn, der TschechischenRepublik und Bulgarien überwacht.Die Berichte zeigen einalarmierendes Muster derAnti-Roma-Angriffe in der Region.ERRC listen in Reports mehrals 120 Angriffe gegen Romaund ihr Eigentum in den letztenvier Jahren in der Zeit bis zumJuli 2012, einschließlich Schießereien,Messerstechereien undMolotow-Cocktails, auf.“ 3Die Lage von Roma in westlichenLändern sieht leider nichtbesser aus. Im August 2012 wurdenin Frankreich drei Camps indrei Tagen geräumt. 4Im Dezember 2011, nach einemfalschen Vergewaltigungsvorwurfeiner jungen Italienerin,hat ein Mob in Turin ein Campder Roma-Minderheit in Brandgesetzt. 5In Deutschland finden regelmäßigSammelabschiebungenvon Roma in den Kosovo odernach Serbien und Mazedonienstatt. „Viele Roma aus Serbienund Kosovo leben schon seitüber 10 Jahren in Deutschland,einige sogar schon über20 Jahre, im unsicheren Statusder Duldung. Insbesondere dieKinder sind in dieser Zeit inDeutschland aufgewachsen undhier verwurzelt.“ 6Angesichts dieser Hasskultursollte es eine starke Gegenwehrvon der Seite der RomaOrganisationen geben. RomaSelbstvertretungspolitik wirdaber nicht gefördert. Beispielsweisegibt es derzeit das ProjektCommunity Building in Berlin.Angeblich soll es Roma helfeneine Selbsthilfestruktur aufzubauenund sie unterstützen beider Auseinandersetzung mitAntiromaismus. In der Realitätsieht die Praxis allerdingsanders aus.Das Rroma Aether Klub Theaterist seit der Begründung einkulturelles Zentrum das ständigTheater Aufführungen produziert.Es ist auch ein Zentrum indem viele Veranstaltungen undAustellungen stattfinden undwo Roma aus Berlin sich treffenkönnen.1 www.tagesspiegel.de/politik/ungarn-orbn-ehrtden-vorsitzendendes-zentralrats-derroma/7243294.html2 www.spiegel.de/politik/ausland/ungarn-jobbik-ruftzu-demonstrationgegen-roma-aufa-861920.html3 romasolidaritynews.wordpress.com/2012/09/27/roma-under-attackviolence-againstroma-surges-incentral-and-easterneurope-errc-org4 marikaschmiedt.wordpress.com/2012/08/30/frankreich-systematische-vertreibung5 www.roma-service.at/dromablog/?p=17294)6 www.openpetition.de/petition/online/keineabschiebung-vonroma-nach-serbienoder-kosovo


47 www.tagesspiegel.de/politik/ungarn-orbnehrt-den-vorsitzenden-deszentralrats-derroma/7243294.html8 www.wsws.org/de/articles/2012/sep2012/romas04.shtml9 marikaschmiedt.wordpress.com/2013/01/07/orbanfreund-fordertendlosung-derzigeunerfragein-ungarn/Dementgegen ist es von demBerliner Senat als Kulturzentrumnicht anerkannt. DasRroma Informantions Centrumist die einzige Organisation inBerlin die als Richtlinie RomaSelbstvertretungpolitik hat.Trotzdem kann es nur bis Frühling2013 die Miete bezahlen.Ein Community Building Projektkann nicht funktionieren wennRoma Organisationen nicht zurTeilnahme eingeladen werdenbzw. informiert und in derAusarbeitung eines Konzeptesfür das Projekt miteinbezogenwerden. Eine normale Strategiewäre es die beiden Organisationenund Institutionen zuunterstützen und von Beginn anzu beteiligen.Im Ergebnis dieser widersprüchlicheZustand: die Mehrheit derAngestellten im CommunityBuilding Projekt sind Nicht-Roma ExpertInnen und Organisationen.Das Berliner Projekthat Förderung gefunden umStellen für Nicht-Roma anbietenzu können, aber keine Kapazitätenoder kein Interesse, dasInformations Centrum oderder Theater Kultur Centrum zuunterstützen.Diese Art von Diskriminierungreproduziert eigentlich dieklassischen Stereotypen. In derMeinung des Berliner Senatssind Roma ExpertInnen unfähig,eine korrekte und professionelleArbeit durchzuführen. Siebenötigen immer Nicht-Romafür die Verwaltung und dieKoordination. Für qualifizierteArbeit ist aber Erfahrung nebenAusbildung nötig. Und dieseErfahrung können Roma leidernicht bekommen, wenn immerund immer wieder Nicht-Roma„ExpertInnen“ und Nicht-Roma Organisationen beteiligtwerden. Die MitarbeiterInnendieser Organisationen könnennicht machtlos und ohne ihre eigenenInteressen über die Lageder Roma sprechen. Solange dieSelbstpräsentation und die Räumevon Roma nicht unterstütztwerden, ist eine richtiges Auftretengegen Antiromanismusleider nicht möglich und eineSelbstvertretungspolitik, als Gegengewichtzu der alarmierendenZunahme des Neonazismus,wird praktisch gestoppt.Durch die Haltung einiger RomaRepräsentantInnen wird dieSituation noch problematischer.Viel zu oft sind die Vorsitzendenvon Sinti und Roma Organisationenauf ihre eigenen Interessenoder auf parteilichen Interessenkonzentriert. Sie vergessen vielzu schnell, dass sie eine Verantwortunggegenüber einerganzen Bevölkerung tragen.Während Neonazis Roma inUngarn terrorisieren, nimmtder Vorsitzender des Zentralratsder Deutschen Sinti undRoma, Herr Romani Rose, einenVerdienstorden von dem rechtskonservativenungarischenMinisterpräsident Viktor Orbanan. „Romani Rose, der Vorsitzendedes Zentralrats der Sintiund Roma in Deutschland, hatkeinen Moment daran gedacht,auf diese Ehrung zu verzichten.„Dann könnte ich ja mitkeinem mehr reden“ sagte eram Donnerstagabend (Oktober2012) auf dem Weg die Treppehinauf zum ersten Stock derungarischen Botschaft Unterden Linden, wo ihm MinisterpräsidentViktor Orbán gleichden staatlichen „UngarischenVerdienstorden, Mittelkreuz“überreichen wollte.“ 7Dieser Akt ist eine stillschweigendeZustimmung zurungarischen Regierungspolitik,in der Roma Angehörigeoffensichtlich beleidigtund mit rassistischen Vorwürfenunterdrückt undterrorisiert werden.In den Jahren 2008/09 (alsoauch unter der Fidez Regierung)wurden in einer Mordserie mehrereungarische Roma verletztund sechs getötet, darunter einKleinkind. 8Ein Mitglied der RegierungsparteiFidez und Freund vonViktor Orbán, Zsolt Bayer,spricht den Roma in Ungarn dieZugehörigkeit zur menschlichenGesellschaft ab und bezeichnetdas Verhalten der „Zigeuner”als tierisch und bestialisch. 9Warum hat sich Herr Rose mitder Regierung von Viktor Orbánsolidarisiert anstatt sich mit denfast 400 000 Roma, dieunter Terror und Armut inUngarn leben, zu solidarisieren?Noch unverständlicher ist es,wenn eine „Romni Künstlerin“,die Mut hat gegen die allgemeineStimmung gegen Sinti undRoma in Europa aufzutreten,von den AktivistInnen ausden eigenen Reihen kritisiertwird. Anstatt sich mit MarikaSchmiedt zu solidarisieren undihr dankbar für ihre Courage zusein, haben manche RomaAktivistInnen schwereVorwürfe gegen ihre Arbeit.Nach einer berechtigtenReaktion auf die Haltung vonHerr Rose, wo der Vorsitzendedes Zentralrats in einer Bildcollagemit einem Hakenkreuzpräsentiert wird 10 , sind mehrereStimmen in Internetportalsdagegen aufgetreten. Marikaist unter anderem vorgeworfenworden, dass ihre Reaktion vielzu aggressiv sei und das ihreSatire gegen ein Sinto nichtakzeptiert werden kann. 11Komischerweise haben dieselbenAktivistInnen ignoriert,dass derjenige der Anti-RomaPolitik unterstützt, Herr Roseselber ist.


5Wir kritisieren unsereeigenen KünstlerInnenund AktivistInnen undwir solidarisieren uns mitFidez und Jobbik.Solange die Selbstrepräsentationspolitiknicht unterstütztund gefördert wird, bleibtdie Inclusion der Roma eineUtopie! Solange die kritischenStimmen missachtet werden,kann nicht an eine wahrhaftigeVertretungspolitik gedachtwerden. Solange manche Sintiund Roma RepräsentantInnensich weiter skrupellos an ihreneigenen Interessen fixieren, istdas Engagement für die Rechteder Roma unsinnig und absurd.Von Georgel Caldararu,Redaktion Der Paria10 marikaschmiedt.files.wordpress.com/2012/10/romani-rose.jpg11 golden-zephyr.com/art-and-activism/Gegen BettlerGegen RomaFeldzug der EU gegen bettelnde RomaChristian Ude, Münchener Oberbürgermeister,fordert auf seinerWebsite die MünchnerInnen auf:“Bitte seien Sie kaltherzig!” Die„Bettelei“ sei ein „angereistesPhänomen.“ Ude erläutert, „dieBettler kommen straff organisiertaus südöstlichen Beitrittsländernder EU und wollen mit häufigeffektvoll inszenierter Bedürftigkeitden schnellen Euro kassieren.“(Waringo 2012)In München sind schon seit zweiJahren Zivilstreifen unterwegs,welche das Bettelverbot durchsetzen.Sie konfiszieren dasBettelgeld, verhängen Geldstrafenund wer nicht zahlt und wiedererwischt wird kommt in Erzwingungshaft.(Anne Will „Betteln,Schnorren, Spenden sammeln.Wird unser Mitleid ausgenutzt?“Sendung vom 06.12.2012)In Genf und in Helsinki beschlossman Ende 2007, dass Roma, diemit ihren Kindern betteln, oderdiese zum Betteln „anleiten“, dieFürsorge entzogen wird. In Luxemburgrechtfertigte die Polizei ihrhartes Vorgehen gegen rumänischeBettlerInnen damit, dass Inaktivitätnur zu einer Ausweitungdes Phänomens führe. „Wenn wirnichts tun, wird es immer mehr,und vor allem schicken sie dannimmer mehr ihre Kinder,“ erklärteKristin Schmit von der städtischenPolizei: Sie fügte hinzu, die Polizeikönne das nicht akzeptieren, dadie Kinder – als europäische Kinder– der Schulpflicht in Luxemburgunterliegen würden.(Waringo 2012)Die Neue Zürcher Zeitung publizierteim März 2012 den Artikel„Genfs Mühen mit dem Bettelverbot– Romandie als weichesPflaster für die Roma Bettler: DasBettelverbot, welches vom GenferKantonsparlament 2007 eingeführtwurde, hat offenbar nicht zueinem Rückgang der Roma Bettlergeführt und überlastet die Justiz.Der Vater des Bettelverbots, FDP-Nationalrat Lüscher, ortet schlechtenWillen.“ (Büchi 2012)Im Februar 2012 hat in Öster reichnach den Bundesländern Wien undSalzburg auch die Steiermark eingenerelles Bettelverbot erlassen.(Frank 2011) In Salzburg hat derVerfassungsgerichtshof im Juli2012 das allgemeine Bettelverbotfür verfassungswidrig erklärt.(Steiermark ORF.at) Im Januar2013 wurde das Verbot in der Steiermarkebenfalls als verfassungswidrigerklärt. Welche Konsequenzenfolgen aus der Aufhebung desVerbots?In der Presseinformation des VerfassungsgerichtshofsÖsterreichheißt es, dass das aufdringlicheBetteln und Betteln mit Minderjährigenunter Strafe gestellt wird.(vfgh 2013)„Der Verfassungsgerichtshof hatweiters entschieden, keine Reparaturfristzu geben, sondern dieVorgängerregelung des Landes‐Sicherheitsgesetzes wieder in Kraftzu setzen und er weist ausdrücklichdarauf hin, dass „stilles” Bettelnnicht verboten werden kann,weil ein Verbot gegen die


6Quellen:1. „Europa machtwieder Jagd aufbettelnde„Zigeuner“ VonKarin Waringowww.hinterlandmagazin.de/pdf/13-60.pdf2. Anne Will,Sendung vom06.12.12, „Betteln,schnorren, Spendensammeln.Wird unser Mitleidausgenutzt?“marikaschmiedt.wordpress.com/2012/12/13/gegen-bettlergegen-roma/3. „Genfs Mühenmit dem Bettelverbot“Von ChristopheBüchiwww.nzz.ch/aktuell/schweiz/genf-bettelverbot-1.161225884. „Bettelverbotin Österreich“ VonMichael Frankwww.sueddeutsche.de/panorama/bettelverbot-in-oesterreich-eine-mildeplage-1.10636435. „Pucher begrüßtBettelverbot- Aufhebung“steiermark.orf.at/news/stories/2540930/6. „Bettelverbot inder Steiermark alsverfassungswidrigaufgehoben“www.vfgh.gv.at/cms/vfgh-site/attachments/4/3/3/CH0003/CMS1357808647269/bettelverbot_steiermark_presseinformation.pdf7. „SteirischesBettelverbotaufgehoben!“bettellobbywien.wordpress.com/2013/01/10/steirischesbettelverbotaufgehoben/8. „Die sogenannteBettelmafia...“bettellobbywien.wordpress.com/2013/01/11/die-sogenanntebettelmafia/Menschenrechtskonvention verstößt.“(bettellobbywien 2013)„Als Hauptargument für Bettelverbotewird seitens politischerEntscheidungsträgerInnen gernedas Bild der sogenannten „Bettelmafia”kreiert. Auch der steirischeLandeshauptmann Voves argumentiertemit Villen in Rumänienund ausbeutenden Hintermännernum ein Bettelverbot durchzusetzen,das (...) vom Verfassungsgerichtshofgekippt wurde.“ (bettellobbywien2013)„Wie berichtet, hatte der ranghöchsteBettlerbekämpfer derösterreichischen Polizei, derLeiter der Anti-Menschenhandels-Abteilung des InnenministeriumsGerald Tatzgern, in einemZeitungsinterview die AlmosenspenderInnenzu verunsichernversucht.Wer einen Bettler, einer BettlerinGeld gibt, unterstütze die Mafia.Denn: 90 Prozent der Einnahmendurch das Betteln fließen, so Tatzgern,in die Tresore der Mafiabosse.(...) Eine Mitarbeiterin der„Wiener Zeitung“ wollte es genauerwissen und fragte im Innenministeriumnach.Die Antwort der BundespolizeidirektionWien: «Bis November2012 gab es insgesamt 1338Anzeigen wegen Bettelei, davonvier Anzeigen wegen Bettelei mitKindern und 28 wegen organisierterBettelei. Die meisten Anzeigengab es wegen aufdringlichem (771)und wegen gewerbsmäßigemBettelns (423).» Und jetzt kommtdie Beantwortung der Frage nachden Bossen: »Wie viele Menschenbestraft wurden, die andere zumBetteln zwingen, könne man nichtsagen», so zitierte die «Wiener Zeitung»(am 13.12.2012 im Online-Dienst) die Polizeidirektion.“(bettellobbywien 2013)Die neue sozialistische Regierungvon Frankreichs Präsident FrançoisHollande setzt die gegen Romagerichtete Politik des früherenPräsidenten Nicolas Sarkozy fort.Die französische Polizei hat imAugust 2012 ein Roma-Lagernahe der Stadt Lille geräumt. Die200 BewohnerInnen, zu denenauch 60 Kinder zählten, wurdenvertrieben. Bereits zuvor waren beiRazzien in Paris und Lyon hunderteeingewanderte Roma ohnegültige Papiere zum Verlassen ihrerWohnungen gezwungen worden.„Kritikern zufolge ist die angeblichfreiwillige Rückkehr, die durcheine staatliche Prämie unterstütztwird, in Wirklichkeit eine „versteckteAbschiebung“. Roma, dieaus Frankreich nach Rumänienzurückkehren, erhalten 300 Europro Erwachsenem und 150 Europro Kind. (...) Die Roma stellenzwar nur einen geringen Teil derEinwanderer in Frankreich, weilsie jedoch umherziehen und sicheinige von ihnen als Taschendiebedurchschlagen oder aggressivbetteln, werden sie immer wiederscharf kritisiert.“ (Spiegel.de,2012)In Italien werden seit 2008 Fingerabdrückealler Roma für einerassistische Zentraldatei genommen.Sogar die Fingerabdrücke vonden Kindern: „Das ist notwenigzur Bekämpfung der Kriminalität“,sagt Italiens InnenministerRoberto Maroni. Es gehe außerdemdarum, illegal Eingewanderteaufzuspüren und abzuschieben.(Teschner 2008)Die finnische Präsidentin, TarjaHalonen, antwortete im Juni 2008auf Rumäniens und BulgariensEintritt in die EU, dass die Präsenzrumänischer BettlerInnen diefinnische Bevölkerung und die Medienschockiert habe. Betteln sei inFinnland kein Beruf. Die finnischeZeitung „Helsingin Sanomat“meldet, dass die Bettler mit Minibussenüber die baltischen Staatennach Finnland gebracht würden.Im November 2007 berichtete sieüber die Festnahme einer „kriminellenBande“ im rumänischenBirchis, die Roma nach Finnlandgebracht habe. Die Zeitung stellteempört fest, dass die „BandenchefsHäuser, Autos, Gold und Bargeldhatten.“ (Waringo 2012)Ein finnischer Polizist, MarkoForss, hat im Internet über TwitterStereotype/ Klischees überRoma reproduziert. Nachdem erim November 2012 dafür kritisiertworden ist sagte er, dass erden Witz den er über „Gypsies“gemacht hatte nicht rassistischfindet. (Tessieri 2012)Die Bettelverbote undderen gewaltvolleDurchsetzung in der EUsind gegen Romagerichtet undkriminalisieren undillegalisieren sie.Die Begründungen, beispielsweiseaus dem Entschließungsantrag derFPÖ bezüglich des Bettelverbots,die Bettelei würde im Auftrag vonzum Teil bandenmäßigen Organisationenausgeführt, deren Verantwortlicheim europäischen undnicht-europäischen Ausland sitzen,sind faktisch nicht belegt worden.Es gibt keinerlei Anhaltspunktefür organisiertes Betteln.Die Feststellung aller Ermittlungsbehörden,also der Polizeiund der Staatsanwaltschaft, hatergeben, dass es in Graz gar keineAnhaltspunkte für organisiertesBetteln und die damit verbundeneAusbeutung gibt. Marion Thuswald,die sich im Rahmen ihrerDiplomarbeit mit dem Phänomender Bettelei beschäftigt hat undsich besonders auf BettlerInnenaus Osteuropa konzentrierte,stellte in einem Artikel fest: „Aufeine genaue Definition von„Organisiertheit“ scheint bewusstverzichtet zu werden.Einerseits wird mit diesem Begriffim öffentlichen Diskurs die Nähezum „organisierten Verbrechen“bzw. ein Ausbeutungsverhältnissuggeriert, andererseits sieht diePolizei bereits drei Personen, diesich bewusst zum Betteln verabreden (auch Großmutter, Mutterund Tochter), als organisiert an.“(Waringo 2012)Und der einzige Fall von sogenanntemorganisierten Betteln, den dasBundeskriminalamt in Wien


kennt, fand ein bemerkenswertesEnde: Es gab nie eine Anklage, weilsich die siebzehn angeblichen Opfernicht als Opfer gefühlt, sonderndie Bettelsituation in Österreichals lebenswerter und würdigerempfunden haben als ihre Heimatlagein Rumänien. (Frank 2011)Während meiner Recherchenbezüglich der Hetzjagd gegen bettelndeRoma in Europa ist größtenteilsexplizit auf die rumänischenRoma verwiesen worden. HartesVorgehen gegen bettelnde rumänischeRoma ist Alltag in Europa(siehe Interview mit Maria–GraciaGuimarães). Die Legitimationhierfür bieten Aussagen der Polizeiwie beispielsweise, dass Inaktivitätnur zu einer Ausweitung des Phänomensführen würde. Ich denke,dass es wichtig für ein Gesamtbildist, und um die Zusammenhängebesser verstehen zu können, sichdie derzeitige Lage und Situationder Roma in Rumänien genaueranzusehen.In Rumänien, Baia Mare im Juni2012, wurden Roma in eineverseuchte Fabrik umgesiedelt.Der liberale Bürgermeister CatalinChereches wollte 2.000 Roma inLaboratorien unterbringen, diemit Giftstoffen verseucht sind.Er befahl, dass Roma aus ihrenUnterkünften zwangsevakuiertund in mit Chemikalien verseuchtenLaboratorien einer ehemaligenFabrik untergebracht werden.Dort befanden sich Restbeständevon Schwefelsäure und anderenhochgiftigen Substanzen. Diemeisten Roma hatten sich demZwangsumzug widersetzt. VierzehnPersonen, die meisten davonKinder, mussten mit Vergiftungenin Krankenhäusern der rumänischenStadt Baia Mare behandeltweren.„Pogromartige Ausschreitungengegen Roma hatten das postkommunistischeRumänien bereitsgleich nach der Wende in den Fokusder internationalen Aufmerksamkeitgerückt (...).“ (Totok 2012)„Ein drastisches, wenn auch keineinmaliges, Beispiel von Menschenverachtungbekommen wirdieser Tage aus dem rumänischenTimisoara / Temesvár gemeldet.Dort versprach die rumänischeNeonazi-Gruppierung NAT88, diesich in ihren Aktionen sozusagenauf die „Zigeuner“ spezialisiert hat,jeder Roma-Frau eine Belohnungvon 300 Leu (ca. 68€), wenn dieseim Jahr 2013 einen ärztlichenNachweis vorlegen könne, sichsterilisiert zu haben. Die Gruppebegründete ihr Vorhaben mit „gewaltsamenAngriffen der Zigeuner“auf die Mehrheitsbevölkerung undfügte hinzu, dass die Sterilisationen„vollkommen freiwillig“ seien.“(pesterlloyd.net, 2013)Mit der Durchführung des Bettelverbotswird eine diskriminierendePraxis verwirklicht und u.a. damitlegitimiert, dass die BettlerInnendavor bewahrt werden sollen, dassihr Leid ausgenutzt wird von bandenmäßigenOrganisationen.Junge Mädchen im Beisein einesKleinkindes sollen angeblichzum Betteln gezwungen werden.Auch wenn dem so wäre, dass esEinzelfälle gibt, in denen bettelndeRoma ausgenutzt werden, bietetdas lange noch keinen Anlass fürdie Kriminalisierung und Illegalisierungder Menschen.In der Steiermark hieß dasBettelverbot in der Politik auchSicherheitsgesetz. Nach genaueremHinsehen stellt sich für michallerdings die Frage, wer soll hiereigentlich vor wem geschütztwerden? Ich denke, dass die EUPolitikerInnen das Bettelverbotund die Anti-Romaismus Stereotypeund Klischees für ihre eigenenInteressen benutzen.Sie wollen damit die Zuwanderungder Roma kontrollieren bzw. verbietenund somit die Bewegungsfreiheitder europäischen Romaeinschränken. In der ZürcherZeitung hieß es „Das Bettelverbot,welches vom Genfer Kantonsparlament2007 eingeführt wurde, hatoffenbar nicht zu einem Rückgangder Roma Bettler geführt undüberlastet die Justiz.“ (Büchi 2012)Die Motivation, Roma das Rechtauf Bewegungsfreiheit zu nehmen,und die Reproduktion der Klischeesund Stereotypen kommenaus einer rechten Ideologie.In der Gegenwart will unsdie EU davon überzeugen,dass Roma die aggressivenBettlerInnen undKriminellen sind und dasMitleid von denNicht-Roma ausnutzenwürden. Das sind genugGründe um ihnen ihr Geldwegzunehmen, ihnenGeldstrafen zu verhängen,sie ins Gefängnis zustecken, ihnen ihreKinder wegzunehmen undihre Bewegungsfreiheiteinzuschränken.Es ist das Recht eines jeden EU-Bürger bzw. Bürgerin sich innerhalbder EU frei zu bewegen undsich niederzulassen wo Menschmöchte.Die EU führt mit den Bettelverbotenund der rassistischen Hetze gegenbettelnde Roma einen Feldzuggegen Roma.Von Filiz Demirova,Redaktion Der Paria79. „Die Polizei kannnicht sagen, obschon Bettelmafiabossebestraftwurden“bettellobbywien.wordpress.com/2013/01/11/die-polizei-kannnicht-sagen-obschon-bettelmafiabosse-bestraftwurden/10. „Frankreich:Sozialistenlassen Roma-Lagerräumen“www.spiegel.de/politik/ausland/frankreichssozialisten-lassenroma-lager-raeumen-a-849180.html11. „Italien erfasstFingerabdrückealler Roma“Von KatrinTeschnerwww.derwesten.de/politik/italienerfasst-fingerabdruecke-allerroma-id1060448.html12. „Finish Internetpoliceman spreadsstrereotypes onTwitter aboutthe Roma“ VonEnrique Tessieriwww.migranttales.net/finnish-internet-policemanspreads-stereotypes-on-twitterabout-the-roma/13. „RomaUmsiedlung in verseuchteFabrik“Von William Totokmarikaschmiedt.wordpress.com/2012/06/07/roma-umsiedlungin-verseuchtefabrik/14. „Nicht nurbraune Theorie –Worte und Taten:Zwangssterilisationvon Roma inOsteuropa“www.pesterlloyd.net/html/1303sterilisationenroma.html#.UPW04g3rf-I.facebook


8Ungarnist keinsicheresLandIm Jahr 1939 schickte Kanada einSchiff mit 900 JüdInnen an Bordzurück und überließ sie den Nazi-Vernichtungslagern. Die Entscheidungwurde durch einen damaligenVertreter der kanadischen Immigrationsbehördemit folgendenWorten über die jüdischen Asylsuchendenbegründet: „Keiner istschon zu viel.“ Besorgniserregendgenug, dass im 21. Jahrhundertdiese Einstellung wieder aufgekommenist und die Politik derkanadischen Regierung bezüglichflüchtender Roma bestimmt.Dieser Tage sucht eine junge RomaFamilie Asyl in einer TorontoerKirche. Sie müssen fürchten nachUngarn zurückdeportiert zuwerden, sobald sie nur einen Fußvor die Kirche setzen. In Ungarnerhielten sie Morddrohungen.In Kanada sind Roma nichtwillkommen. Jason Kenney, derkanadische Minister fürImmigration, meint, dass sie„betrügerische Flüchtende“ sind,nur da „um Kanadas Großzügigkeitauszunutzen.“ Regelmäßigspielt er die Verfolgung von Romain Europa herunter und behauptet,dass sie in Ungarn lediglich unter„gelegentlichen Akten von Diskriminierung“leiden. Selbst im Angesichtder Dokumentationen durchinternationale Menschenrechtsorganisationenüber die Verfolgungweigert er sich anzuerkennen, dassRoma vor ultrarechtem, gewalttätigemExtremismus beschütztwerden müssen.Als im Juni 2012 das Gesetz C-31verabschiedet wurde verschlimmertesich die Krise der flüchtendenMenschen in Kanada drastisch.Einhergehend mit der Abschaffungder öffentlichen Gesundheitsversorgungfür viele der flüchtendenAntragstellerInnen und der Regierungsbefugnis,asylsuchende Menschen(auch Kinder) inhaftieren zulassen, bemächtigte das Gesetz denMinister für öffentliche SicherheitVic Toews mit der alleinigenEntscheidungsbefugnis den Status„AusländerIn“ zu bestimmen.Weiterhin bekam Jason Kenney dievolle Befugnis eine Liste ‚sichererNationen‘ zu fabrizieren. SiebenundzwanzigNationen, darunterauch Ungarn und die TschechischeRepublik, befinden sich auf dieserListe.Aktuell sind 289 Kinder (davon 75unter 5 Jahren) inhaftiert, währendihre Eltern eine Entscheidungüber ihren Flüchtenden- oderImmigrationsstatus erwarten.Männer sind von ihren Ehefrauenund Kindern getrennt untergebracht.Die Abschiebeknästesind von Maschendrahtzäunenund Stacheldraht umringt unddie Fenster sind vergittert. Ineinem der Abschiebeknäste istder Kinderspielplatz mit NATO-Draht umzogen [Stacheldrahtbesetzt mit rasiermesserscharfenKlingen, A.d.Ü.]. Aktuell befindensich wahrscheinlich mehr als 210Erwachsene Roma und 40 Kinderin Inhaftierungsanlagen der StadtToronto in Gewahrsam.Jason Kenney meint, dass 95%der Antragsverfahren flüchtenderRoma abgelehnt, zurückgezogenoder eingestellt werden. Dasignoriert jedoch, dass das Systemschon grundsätzlich gegen dieAntragstellenden ausgerichtet ist.Laut des ImmigrationsgesetzesKanadas verdient jeder Antragindividuelle Aufmerksamkeit. SeitKenneys pauschalen Äußerungenüber flüchtende Roma als‚BetrügerInnen‘ hat sich das allerdingsgeändert. Ein Antragsverfahrenwird eingestellt, sobald der/die Antragstellende nur irgendeineDeadline im gesamten Prozederenicht einhält (z.B. Anwesenheit inder IRB Anhörung, [Immigrationand Refugee Board of Canada,A.d.Ü.]). Umziehen / das Ändernder Anschrift (was Rücksendungenoffizieller Post bedeuten kann)


9oder fehlende Kenntnisse derenglischen Sprache sowie überbürokratische Vorgänge verdeutlichenein paar Dinge, wie wirzu verstehen beginnen können,warum Antragsverfahren „eingestellt“werden. Ronald Lee, Roma-Aktivist, schreibt: „Um Roma zueiner [freiwilligen Deportation] zubewegen, bietet die ImmigrationsbehördeKanadas Geldzahlungenals Anreiz. Diese sind aber nichtfür die flüchtenden Menschen,sondern werden der ungarischenRegierung geboten, um die‚Wiederansiedlung‘ in Ungarn zuunterstützen. Offensichtlich wäreder Vorwand dieses Anreizes nichtnötig, wenn eine größere Anzahlder Flüchtenden ihre Anträge freiwilligzurückziehen würde.“Die Tatsache, dass einige Romadoch als Flüchtende anerkanntwerden, widerstrebt der BehauptungKenneys, dass alle Roma‚BetrügerInnen‘ wären. JuliannaBeaudoin (Doktorandin, Anthropologie& Migration und EthnischeBeziehungen an der Western University)schreibt, dass „Menschenscheinbar die wahren Sachverhalteignorieren, dass 1000 Roma alsFlüchtende anerkannt wurdenim letzten Jahrzehnt. Diese 1000wären nach dem aktuellen Systemverurteilt worden. Warum beurteilenwir Menschen voreingenommenüber Kategorien sogenannter‚sicherer‘ Nationen, unter der Annahmesie seien BetrügerInnen?“Sie zeigt auf, dass Kanada „Visabeschränkungenfür Ungarn unddie Tschechische Republik in derVergangenheit auferlegt hat, mitder ausdrücklichen Absicht, denFluss von Roma Asylsuchendeneinzuschränken und zu blockieren[…]. Die neue DCO Liste (‚designatedcountries of origin‘ – ZugewieseneHerkunftsländer, A.d.Ü.)verschlimmert und setzt dieFormen der Beurteilung für Fälleaus Ungarn und der TschechischenRepublik fort.“Vor zwei Wochen fand ein Treffeneiner Gruppe von RomaKünstlerInnen in Toronto statt,um flüchtende Roma Frauen undKinder in Fotografie, dem Schreibenvon Literatur und Drucktechnikenmit einzubeziehen. EinJugendlicher hatte sich für denFotografielehrgang angemeldet,wurde aber deportiert, bevor erteilnehmen konnte. Die Frauenund andere TeilnehmerInnen derLehrgänge erzählen uns, dass sieund ihre Familien negative Entscheidungenerhalten haben. RomaKinder, die in Torontoer Schulenaufblühen, werden zurück zuRassismus und Gewalt geschickt.Ihre Eltern kamen hierher vollerHoffnungen auf ein Leben frei vonTerror.Eine Familie nach der anderen wirdangewiesen der Immigrationsbehördevorzusprechen, um dannihre Abschiebebescheide nachUngarn zu erhalten.KeineR ist schon zu viel.Lynn Hutchinson Lee (19.12.2012)ist multidisziplinäre Künstlerin, lebtund arbeitet in Toronto, Kanada. Sieist Vorsitzende des Komitees fürSoziale Gerechtigkeit (Social JusticeCommittee) und des RomaCommunityCentres.Übersetzung vom Englischen insDeutsche: Mike KorsonewskiBild © Marika Schmiedt


10Feminismus?30–56.Roma &Quelle:Arndt, Susan (2000):Feminismus imWiderstreit. AfrikanischerFeminismusin Gesellschaft undLiteratur. Münster.Was ist Feminismus? Was bzw.wen stellen Feministinnen dar?Alice Walker, afroamerikanischeSchriftstellerin und Aktivistin,brachte über den FeminismusFolgendes zum Ausdruck:„Feminismus ist die politischeTheorie, die darum kämpft, alleFrauen zu befreien; SchwarzeFrauen, Frauen der Arbeiterklasse,arme Frauen, Frauen mitBehinderung, lesbische Frauen,alte Frauen sowie auch weiße,ökonomisch privilegierte, heterosexuelleFrauen. Alles jenseitsdieser Vision totaler Freiheit istnicht Feminismus, sondern bloßeSelbsterhöhung von Frauen.“(Arndt, Feminismus imWiderstreit, S. 30)In Roma Communities spielenMütter eine besondere Rolle.Was wenige heute wissen ist: Wirsind ein matriarchalisches Volk.Ehrfürchtig, respektvoll undnahezu heilig wird das Wort Dej/Daj/ benutzt. Die Mutter einesRoms zu beleidigen gleicht einerKriegserklärung. Eine Dej/ Dajist unantastbar.Warum ist das so? Weil wirwissen, welches Leid unsereMütter ertragen, während sieversuchen, uns in schwerenZeiten durchzubringen. Sieertragen Ungerechtigkeit undhalten für uns den Kopf hin,wenn wir Angst um diesenhaben.Als terni Bori (frisch vermählteSchwiegertochter) sind dieFrauen den Schwiegermütternergeben, bis sie selber Schwiegertöchterhaben. Und wie ergehtes ihnen heute und im Ausland,fernab der „Heimat“?Als nicht-privilegierte und vomBildungssystem ausgeschlosseneFrauen, die in unseren Kreisenstärker vertreten sind als in derMehrheitsgesellschaft, gehen sieniedrig bezahlter und körperlichschwerer Arbeit nach. In denmeisten Fällen ist es das Putzen.Sie putzten und putzen bei Windund Wetter. Sie schrubben auchheute Böden und Fenster glatt,damit ihre Kinder es besserhaben. Wohlgemerkt nicht ihreSöhne oder ihre Töchter, ihreKinder sollen es besser haben.Die meisten von uns sind gebildet,wir haben akademischeTitel. Wir werden von unserenMännern, Brüdern und Väterngleichberechtigt behandelt. Außerhalbder Familie und mittenin Europa glauben wir sogar,dass wir den Männern gleichgestelltsind. Wir wissen um unsereRechte Bescheid und fordern sie,wenn sie uns verweigert werden.Schauen wir aber genau hin werdenwir entdecken, dass mancheRoma Frau immer noch ihrentrinkenden und prügelnden Tyrannenerträgt, der sie obendreinselbstverständlich mit mehrerenFrauen betrügt und sie um ihreRechte bringt.Warum haben soviele Roma Männereine zunehmend verachtendeHaltunggegenüber einerFrau und erst rechteiner Feministin?Ist es Verachtung? Oder Angst?Womöglich beides? Wer sinddiese Männer, die uns verachtenund uns fürchten?Es sind die Söhne schwerarbeitender Frauen, die unsunsere Freiheiten und unserselbstbestimmtes „leichteres“Leben nicht gönnen. Männer,die uns glauben lassen wollen,dass sie die besseren Menschensind. Männer, die glauben, dassGott der Allmächtige Intelligenznach Geschlechtern verteilt hat.Natürlich glauben sie, dass sieals Männer das meiste abbekommenhaben. Männer, die unsangeblich den Weg ebnen wollen,eine Frauenbewegung zu starten– vorausgesetzt wir tanzen nachderen Pfeife und stellen keineFragen.Dabei wird gern übersehen, dassdie seit den 50ern existierendeFrauenbewegung uns RomaFrauen nicht erreichen kann, u.a.weil wir Männer haben, die unsum unsere Rechte beschneiden.Männer, deren Kinder wir austragenund ihnen wohlwollendein Zuhause bieten.Brauchen Roma Feministinnen?Müssen wir uns Feministinnennennen und Feministinnen sein?Solange wir um Gleichberechtigungund Anerkennung kämpfenmüssen, ja!Solange auch nur ein einzigerMann glaubt, er sei ein GeschenkGottes an die Frau, ja!Solange Mann uns das Rechtnimmt, selbst entscheiden zudürfen, was uns gut tut und wasfür uns gut ist, ja!Die Gesellschaft brauchtFeministinnen, allen voran sindes Roma, die dringend mehrFeministinnen brauchen!Liebe Frauen, liebe Mütter vonheute, schützt eure Töchter unddie Umwelt.Hört auf Paschas in die Welt zusetzen. Sie gleichen einerschlimmen Umweltverschmutzung.Achen Devlessa Phejalen!Von Hasiba Dzemajlji,Roma Aktivistin, Dolmetscherin &Übersetzerin


Sehr geehrte InitiatorInnen, KooperationspartnerInnenund UnterstützerInnen desProjekts „Bio Knoblauch Romanes“, ...11Sie führen mit Ihrem sogenannten Roma Integration Vorzeigeprojektinstitutionelle und strukturelle Gewalt gegen Romaaus.Das vom österreichischen Verein „European Neighbours“entwickelte Konzept „BIO KNOBLAUCH ROMANES - einnachhaltiges öko-soziales Zukunftsprojekt für Roma in Europa“geht von rassenanthropologischen Festschreibungen ausund fördert eine koloniale Politik.Die Idee wurde von Bernd Spiegl des Grazer Vereins zurFörderung von Benachteiligten in Europa, „European-Neighbours“,entwickelt und nicht von Roma selbst. Ihre Forderungenund unterschiedlichen Perspektiven fehlen somit in demKonzept.Es steht in gedanklicher Nähe zu Leibeigenschaft undZwangsarbeit. Überdies ist es eine Eingrenzung in derArbeitspolitik der EU und gleichzeitig auch eine diskriminierendePraxis, denn offenbar wird mit diesem Projekt gezielteine bestimmte Gruppe von Menschen ausgegrenzt unddiskriminiert.Außerdem sind wir der Meinung, dass wenn das Ziel verfolgtwird Roma in deren „Heimat“ Arbeitsplätze zu schaffen, dasRecht auf Bewegungsfreiheit der Roma und das Recht dort zuleben wo wir wollen eingeschränkt wird.„Wir wollen diese Idee fördern, weil es darum geht, denWorten Taten folgen zu lassen. Wir unterstützen mit BioKnoblauch Romanes die Schaffung von Arbeitsplätzen fürRoma in deren Heimat sowie deren Arbeitswilligkeit undArbeits fähigkeit. Knoblauch anzubauen ist eine sinnstiftendeTätigkeit – im Vergleich zum unwürdigen Betteln!“, so Dr.Christian Buchmann (Landesrat des Landes Steiermark).Gegenwärtig sind Roma u.a. das Ziel von Naziaufmärschenund Opfer von Pogromen.Gerade im Hinblick dazu erscheinen uns die Haltungen undAussagen der InitiatorInnen, KooperationspartnerInnen undUnterstützerInnen des Projekts „Bio Knoblauch Romanes“als sehr unreflektiert. D.h. dass eine Aufarbeitung derGeschichte der Roma und Sinti fehlt und dass rassistischesWissen über uns (die Mythen über die Lebensweisen derRoma) nicht reproduziert werden sollte.Sie nutzen schamlos die derzeitige Lage und Situation vonuns Roma aus und missbrauchen Ihre Macht um uns für Ihrsehr wenig durchdachtes Projekt zu instrumentalisieren.Die Fördersumme von 109.000 Euro wird von den Projektabwicklernmissbraucht, ohne dass eine genügende Expertiseund Erfahrungen im Bereich der Zusammenarbeit mit Romafür notwendig gehalten werden und nebenbei ohne dasnotwendige Know-how der Einpflanzung bis hin zur Pflegeund Vermarktung desBio Knoblauchs inEuropa.Die Kooperationspartnerindes ProjektsSissi Potzinger,Grazer ÖVP Gemeinderätin,spricht inder Öffentlichkeitvon „Familienarbeit“und darf ungesühntOnline Petition„Stop Bio knoblauchRomanes / OrganicGarlic Romanes“marikaschmiedt.wordpress.comrassistische Klischees über Roma Kinder reproduzieren undIhr „Wissen“ über Roma von berühmten Operetten beziehen.Wir fragen uns wie das sein kann, dass eine Politikerin undKooperationspartnerin des Roma Integration „Vorzeigeprojekts“ihre pseudowissenschaftlichen Rassentheorien überRoma im 21. Jahrhundert ungefiltert in der Öffentlichkeitpropagieren darf. Schockiert sind wir auch, dass diesesProjekt mit dem Obmann des Kulturvereines der österreichischenRoma, Professor Rudolf Sarközi, initiiert worden ist.„Wir wollen den Menschen helfen“ so Sarközi.Wir finden aber, dass Knoblauchanbau für junge Roma keineausreichende Zukunftsperspektive ist. Warum wird uns dasRecht und die Motivation um z.B. zu studieren genommen/versperrt?In Berlin-Neukölln werden SchülerInnen „derzeit in besonderenLerngruppen für Kinder ohne Deutschkenntnisse ander Hermann-von-Helmholtz-Schule, der Walter-Gropius-Schule und der Schule am Zwickauer Damm beschult. Vielevon ihnen bringen aus ihren Heimatländern nicht genügendschulische Vorerfahrung und Sprachkenntnisse mit, umeinen regulären Schulabschluss in Deutschland zu erlangen.Insofern ist eine frühe alternative berufliche Perspektivenentwicklungnotwendig.“ (BA Neukölln, 13.11.2012)Es ist empörend, dass für Roma Jugendliche kein Bewusstsein,keine Verantwortung und Sensibilität sowie Unterstützungbesteht. An den Aussagen lässt sich erkennen wie wenigVerständnis und Willen zur Unterstützung und Solidaritätseitens „European-Neighbours“, deren Kooperationspartner-Innen und deren UnterstützerInnen besteht. Stefan Benedikund Barbara Tiefenbacher (Zeitgeschichte-Institut derUniversität Graz) sind der Ansicht, dass mit diesem Projekteine koloniale Politik gefördert wird. In der eben erwähntenPolitik wird von rassenanthropologischen Festschreibungenausgegangen. Folglich wird in dem Konzept zum Projektdavon ausgegangen, dass „ZigeunerInnen“ weniger


12intelligent sind als weiße EuropäerInnen, und „ZigeunerInnen“seien erbbiologisch minderwertig. Auf Basisdessen wirbt das Konzept zum Projekt damit, dassdiese Ausbildung den Roma zuzumuten sei, auch in„geistiger Hinsicht“. Abgesehen davon ist allein schonder Name „Bio Knoblauch Romanes“ zu lesen als Neuauflagedes „Zigeunerschnitzels“. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD-Printausgabe, 28.12.2011)Wir finden, dass die Namensgebung eine rassistischeKontinuität/ Tradition der weißen europäischenKolonialwarenhändlerInnen ist. „Aus postkolonialerPerspektive darf Kolonialismus nicht ausschließlich alsabgeschlossene Zeitepoche gesehen werden, was aberim deutsch-weissen Geschichtsverständnis so dargestelltwird. Kolonialismus ist vielmehr an eine andauerndesozialpsychologische Praxis gebunden, Menschenin ihrer Wertigkeit festzulegen, nach willkürlichgewählten/ konstruierten biologischen und kulturellenMerkmalen einzuteilen, sodass einige wenige weißeüber viele „Andere“ gestellt werden.“ (EDEWA Broschüre,S.56)In dem Konzept werden rassistische Stereotype/Klischees reproduziert und eine koloniale Politik istanhaltende Kontinuität. Sie führen mit Ihrem sogenanntenRoma Integration Vorzeigeprojekt institutionelleund strukturelle Gewalt gegen Roma aus.Wir kritisieren sehr stark, dass sich für dieses ausbeuterischeund diskriminierende Projekt Roma RepräsentantInnen,die Macht haben, wie eben erwähnt Prof.Sarközi, aber auch Dir., Dipl., Ing. Jan Hero (von„Erio“ European Roma Information Office) instrumentalisierenhaben lassen.Da es ein europäisches Modellprojekt ist beteiligensich international ausser Graz, Österreich, nochfolgende Städte: Berlin (Deutschland), Pecs (Ungarn),Banska Bystrica (Slowakei), Koprivnica (Kroatien)und Moldova Noua (Rumänien).Schockiert sind wir auch über das Zustandekommenund die Durchführung des Projektes in Berlin,Neukölln. Obwohl wir in Berlin leben und aktiv undengagiert für die Rechte der Roma und gegen Antiromaismusagieren und auftreten, mussten wir einegroße Eigeninitiative aufbringen um die Informationenüber das schon begonnene Projekt zu erhalten.Dem „Berliner Modellprojekt ROMA-Community“wurde in den Räumlichkeiten der Südost Europa Kulture.V. das Projekt „BIO KNOBLAUCH ROMANES“präsentiert und danach gab es keine Reaktionen inder Öffentlichkeit. Der Verein Südost Europa e.V.realisiert viele Projekte für Roma und wird dafür vondem Berliner Senat sehr gut finanziell gefördert.Gemeinsam mit Marika Schmiedt, Aktivistin, Filmemacherinund bildende Künstlerin wollen wir dazuaufrufen, dieses Projekt und die damit verbundeneinstitutionelle und strukturelle Gewalt gegenüberRoma zu stoppen. (marikaschmiedt.wordpress.com/knoblauch-projekt-fur-roma-dass-etwas-geschieht/)Mit freundlichen Grüßen,Der Paria-Zeitschrift für Politik von untenDer offene Brief geht an:European-Neighbours – Verein zur Förderung vonBenachteiligten in Europa in Graz, Österreich, BerndSpiegl Grazer Verein „European Neighbours“ (hat dieIdee entwickelt), Professor Rudolf Sarközi (Obmanndes Kulturvereines der österreichischen Roma), SissiPotzinger (Grazer ÖVP Gemeinderätin), Dr. ChristianBuchmann (Landesrat des Landes Steiermark),Dir., Dipl., Ing. Jan Hero „Erio“ (European RomaInformation Office), Bürgermeister (Graz) SiegfriedNagl, Erich Kerngast landwirtschaftlichen FachschuleAlt-Grottenhof in Graz, Lebensmittelkette „Spar“(Projektpartner), Dieter Frei (LFI Steiermark), Dr.Franziska Giffey ( Neuköllner Bildungsstadträtin, derStadt Berlin), Frau Cordula Simon (EuropaBerauftragtedes Bezirks Neukölln der Stadt Berlin), Frau Dr.Christin Müller, Herrn Marco Schroeder und HerrnEdward Knight von der EuropaBeratung Berlin, SüdostEuropa Kultur e.V. , Schülerinnen und Schüler von dreiNeuköllner Oberschulen der Stadt Berlin, Hermannvon-Helmholtz-Schule,Walter-Gropius-Schule, Schuleam Zwickauer Damm, weitere Modellprojekte mit denStädten Pecs (Ungarn), Branislav Slany, Peter Gogola,Bgm. Banska Bystrica (Slowakei), Iva Svircic, StadtKoprivnica (Kroatien) und Moldova Noua (Rumänien),William Lay COP ACE Europäischer Familienverbandbei EU Kommission„Der Paria“ und das Bündnis gegen Rassismus, Dezember2012, Kundgebung „Weihnachts-Bio KnoblauchRomanes“ am Rathaus Neukölln in Berlin. Die Kundgebungwar gegen die Neo-Koloniale Politik, Romaphobiaund institutionellen und strukturellen Rassismus gegenRoma und für Roma-Selbstrepräsentation, Emanzipationund die Befreiung mit Redebeiträgen von „DerParia“. (marikaschmiedt.wordpress.com/2012/12/28/kundgebung-weihnachts-bioknoblauch-romanes-2/)Artikel „Antirassistische Initiativen kritisieren, dassRoma-Kinder in Neukölln Bio Knoblauch ROMANESziehen sollen“, Neues-Deutschland, Robert D. Meyer.(marikaschmiedt.wordpress.com/2012/12/28/antirassistische-initiativen-kritisieren-dass-roma-kinder-inneukolln-bio-knoblauch-romanes-ziehen-sollen/)


13„Weg ins Nichts“Interview Marika SchmiedtMarika Schmiedt ist Aktivistin, Filmemacherin, bildende Künstlerin und lebt in Wien. Die Auseinandersetzungmit der Situation der Roma und Sinti vor und nach 1945 bildet einen Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit.Luis Liendo Espinoza* befragt sie zu ihrem neuen Film und zur dramatischen gegenwärtigen Lage.Du hast einen neuenFilm herausgebracht„Roma Memento.Zukunft ungewiss“?Mein erster Film (Eine lästigeGesellschaft) war eine Spurensuchenach dem Schicksal meinerGroßmutter. In Roma Mementokommt nun meine Mutter zuWort. Der Film handelt von denAuswirkungen des Verlustes, dendie Ermordung meiner Großmuttermit sich gebracht hatte. IhreKindheit hat meine Mutter bisan ihr Lebensende geprägt. Sieerzählt im Film, wie schlimm esfür sie war, als Kind mit stetigenAnfeindungen zu leben. Es gingnicht allein um ihre Herkunft,sondern auch um das Nicht-Wissen ihrer Herkunft. Sie wurdegehänselt, in der Schule wurde sie„Papua-Neger“ gerufen. Doch siewusste lange Zeit nicht, weshalbsie überhaupt angefeindet wurde– dass sie eine Romni ist. Einweiterer Teil des Films thematisiertdie gegenwärtige Situationder Roma.Du hast dafür in einemRoma-Slum in Belgradgedreht. Was war deinEindruck von denLebensbedingungen derBewohner?Jasmina Tumbas war als Dolmetscherintätig, über eine weitereBekannte bekam ich Kontaktzu einer Familie. Ich wollte miteigenen Augen sehen, wie Romaheute leben. Es ist unglaublich,ich habe fast keine Worte dafür.Die Menschen leben zum Teilohne Wasser, ohne Kanalisationund ohne Strom. Sie habennull Chance, keine Perspektive.Die Welt hat sie vollkommenabgeschrieben. Nicht einmal dieRettung fährt in diese Siedlungen,die weigern sich einfachdorthin zu fahren. Im Notfallmuss man mit einem Privatautoins Krankenhaus. Ich war damalsim Sommer dort, aber ich habekeine Ahnung, wie man unterdiesen Umständen den Winterüberleben soll. Die Menschensind zerstört und haben keineEnergie mehr.Viele sind auch gar nicht mehrin der Lage, ihre Rechte einzufordern.Solche unwürdigen Zuständeprägen die Menschen undnachfolgenden Generationen.Die Leute sind dort zum Teilrichtig wütend, das habe auch ichzu spüren bekommen. Sie sagtenmir, dass schon viele Kameraleutebei ihnen waren, um sie zufilmen, aber sich einfach nichtsverändert hat. Die Leute sindverzweifelt und wollen einfachnur weg. Ich habe dort auch einedeutschsprechende Romni getroffen,die jahrelang in Deutschlandlebte und in den Kosovoabgeschoben wurde. Sie bat michum Hilfe, um nach Wien zu kommen.Leider konnte ich nichts fürsie tun.Der Gewalt gegen Romascheinen heutzutagekeine Grenzen mehrgesetzt zu sein.In vielen Ländern, besonders inOsteuropa, gab es letztes Jahrwieder Pogrome gegen Roma.Wenn man die Geschichten liestund auch Aufnahmen sieht, z.B.via Youtube, ist es unbegreiflich.Letztes Jahr habe ich im RomaPavillon anlässlich der Biennalein Venedig mit meinem Film Vermächtnis.Legacy, dieses Themaaufgegriffen, und das Ausmaßder Verfolgung thematisiert. InBulgarien, Ungarn, Rumänien,Slowakei und Tschechien werdenRoma zusätzlich zu den schrecklichenLebensbedingungennoch tyrannisiert und bedroht.Faktisch können sie sich nichteinmal an die Polizei wenden,weil Exekutive und Verwaltungvon Jobbik (in Ungarn) oderanderen Rassisten durchsetztsind. Es ist ein Wahnsinn. Eshaben auch schon einige Roma-VertreterInnen in Kanada umAsyl angesucht. Der Hass gegenRoma erreicht groteske Formen.So wurde im tschechischen OrtRotava tatsächlich ein Sitz- undStehverbot verordnet. Das Verbotrichtet sich in erster Linie gegenRoma, deren Sichtbarkeit imöffentlichen Raum unerwünschtist. Und solche Staaten sind Teilder EU. ...


14Quelle:marikaschmiedt.wordpress.comIch habe den Eindruck, dass dieÖffentlichkeit diese Entwicklunggar nicht mehr erkennt. Es gibtheute vielleicht mehr Berichterstattungdarüber und Zugangzu Informationen im Internet.Aber es ändert nichts. Im Gegenteil,die Intervalle zwischenden schweren Attacken werdenimmer kürzer. Für mich ist esschrecklich und unerträglichdiese Parallelen zur NS-Vergangenheitzu sehen. Fast täglichveröffentliche ich auf meinemBlog Nachrichten, Berichte, undVideos über die Diskriminierungund Verfolgung der Roma. Ander Sprache der Verhetzung undan dem Schweigen der Mehrheithat sich nichts geändert. Ich persönlichhabe keine Hoffnung. Eswird schlimmer werden. Trotzdemwill ich versuchen, sovielwie möglich zu arbeiten und vorallem auch international tätig zuwerden.Wie soll man dieserGewalt begegnen?Die gegenwärtigenInitiativen scheinenja ins Leere zu laufen.Das größte Problem liegt imfehlenden politischen Bewusstsein,nicht nur in der agierendenPolitik der EU-Staaten, sondernauch in den Köpfen der Menschen.Das Furchtbare ist, dassjeder sich heutzutage Szenender Pogrome selbst auf Youtubeansehen kann. Es gibt Attacken,Pogrome, Tote. Was braucht esnoch? Viele Leute wissen davon,sie sind kurze Zeit betroffen,aber es gibt keine Veränderung.Die Roma haben keineLobby. Alles ist möglich. DieKonferenzen der EU-Beamtenund Antiziganismus-Forscherbringen hier auch nichts. DasGerede von Bildung und Integrationkann ich nicht mehr hören.Die Kinder werden ja auf demSchulweg, in der Schule angegriffenoder in getrennte Romaschulenund -klassen abgeschoben.Den Begriff Antiziganismuskann ich nicht ausstehen. Woherleitet sich der Begriff ab? Von„Zigeuner“, es ist eine Fremdbezeichnung.Im ORF gibt eskaum Berichterstattung zu derVerfolgung der Roma. Und fallsdoch werden einfach Bilder vondreckigen Kindern als Schlagzeilegebracht, ohne wirklich auf dieHintergründe einzugehen. Dafürbedienen sich Sendungen, wiekürzlich Dancing-Stars, immerwieder unbedacht und gewissenlosKlischees, wie zum Beispiel:„Lass die Zigeunerin in dir raus!,“wobei das aggressive und feurigeTanzen hervorgehoben wurde.Oder, z.B. Das Geschäft mit derLiebe, wo einer der Protagonistendavon sprach, dass “Zigeuner-Blutzum Lügen verleitet.”Wenn ich Geld hätte, würde ichdie alle verklagen.Meine Kritik richtet sich abernicht nur gegen die Mehrheitsgesellschaft,sondern auch gegendie Roma-VertreterInnen. ImVerhältnis zum Druck und zu derexistenziellen Bedrohung gibt eskaum ernsthafte Forderungen.Das Ausmaß der Gewalt wirdverdrängt oder ignoriert. DieAktivitäten vieler Roma-Organisationenentsprechen einfachnicht der tatsächlichen Notwendigkeitder Auseinandersetzung.Das Leben der Roma ist bedroht.Roma in Österreich, die was zusagen hätten und es auch relativproblemlos könnten, versagenhier reihenweise. Entweder gehensie mit den Forderungen derMehrheitsgesellschaft konform,wie z.B. stattlich geförderteKnoblauch- oder Gurkenanbauprojekteals Roma-Selbsthilfe,oder tragen nichts Ernsthafteszur Debatte bei. In Österreichbin ich eine der wenigen politischenRoma-KünstlerInnen undversuche hier aktiv zu werden,doch von den hiesigen Roma bekommeich kaum Unterstützung,sondern ganz im Gegenteil: Meinekritische Auseinandersetzungund Arbeit wird ignoriert, angegriffenund nicht erkannt. Es istermüdend, weil ich mich ständigwiederholen muss, aber es bleibtmir nichts anderes übrig, alsweiter zu machen. Alle Anstrengungenmüssen sich jetzt einmaldarauf richten, eine Situationzu schaffen, wo die Menschenzumindest keine Angst mehr umihr Leben, um das Leben ihrerKinder haben müssen. Danngeht es auch darum, diesenunzumutbaren Lebensbedingungenetwas entgegenzusetzen.Dies sollte man aber nicht alleinden betroffenen Staaten überlassen,hier braucht es EU-weiteRegelungen. Dies betrifft auchdie Abschiebung von Roma ausden westlichen EU-Staaten nachOsteuropa. Die Roma werdenin Regionen abgeschoben, woes absolut keine Chance auf ein“normales” Leben gibt und siemassiven Anfeindungen ausgesetztsind. Das ist ein Weg insNichts – Zukunft ungewiss.Marika Schmiedt im Gespräch mitLuis Liendo Espinoza(freier Autor - lebt in Wien)Versorgerin: Zeitung der StadtwerkstattLinz, Ausgabe April2012


InterviewMaria-Gracia GuimarãesMaria – Gracia Guimarães lebt in Berlin, nimmt Geigenunterricht und hat einabgeschlossenes Studium. Zurzeit sucht sie ein Praktikum. Anfang November2012 war sie Zeugin harten Vorgehens gegen bettelnde rumänische Roma vordem Douglas Geschäft in der Friedrichstraße (Berlin).Was ist passiert?Ein Detektiv der, denke ich, fürDouglas gearbeitet hat, hat eineRomni festgehalten. Sie schrielaut auf, als er sie fest an denHaaren gezogen hat. Er war wirklichsehr brutal zu ihr. Sie hatnur geschrien und den Detektivdarum gebeten, dass er sie gehenlässt.War die Romni alleine?Also ich hab die Roma Fraugesehen und ich denke, dass ihrFreund auch neben ihr war.Der Detektiv, der sie vorm DouglasGeschäft festgehalten hat:War er alleine? Oder waren danoch MitarbeiterInnen von demDouglas Geschäft?Ich erinnere mich an den Detektiv,der sie festgehalten hat unddann gab es noch einen anderenMann, der immer hin und hergelaufen ist. Wahrscheinlich umdie Situation zu beobachten.Und es gab auch zwei Mitarbeiterinnen,ich erinnere mich anzwei Frauen, die einmal nachdraußen geschaut haben, umzu gucken was da passierte unddann wieder reingegangen sind.Wie hast du und/oder anderePassantInnen reagiert?Es gab da, denke ich, vierFrauen die die ganze Zeit dawaren und eine Frau, die warwirklich schockiert. Die vierwaren sehr, sehr schockiert undsie versuchten, den Mann davonzu überzeugen, dass er die Fraugehen lässt.Warst du auch schockiert?Warum?Ja, ich auch, weil wir gesehenhaben, dass er zu ihr viel zubrutal war. Und dann habenwir auch gesehen, dass sieschwanger ist und wir könnennicht verstehen warum er dasgemacht hat. Weil ich denke,dass es keinen Grund dafür gab.Weil sie viele Male gesagt hat,dass sie nichts gemacht hat unddass sie nur gebettelt hat. Alsoich persönlich war schockiert,weil ich nicht verstehen konntewarum eine Person, die nurbettelt, so festgehalten wird. Ichbin sehr häufig da in der Friedrichstraßeund es gibt öftersRoma dort die betteln und aucheine Roma Band die sehr schöneMusik spielt. Sie haben manchmalein bisschen Geld von denPassantInnen bekommen. Fürmich war es eine Romni dieeinfach nur gebettelt hat.Was ist dann passiert?Ich weiß überhaupt nicht warumer die Romni festgehaltenhat.Es gab aber zwei Versionen: dieFrau sagte, dass sie einfach nurgebettelt hat und der Detektivsagte, dass sie etwas geklauthätte. Dann haben sie die Polizeigerufen und sie ist gekommen.Was hat die Polizei gemacht, alssie angekommen ist?Als erstes hat die Polizei dieFrau festgenommen. Alsozuerst, bevor sie Fragen gestellthaben, nahmen sie sie einfachfest. Und dann habensie angefangen die Fragen zustellen. Die Polizei hat mit derBefragung bei dem Detektivangefangen und dann habendie Leute die da waren, also dieFrauen und ich, auch mit der Polizeigesprochen. Ich denke, dasses unsere Initiative war mit derPolizei zu sprechen, da sie erstnachdem wir auf sie zugegangensind unsere Aussagen aufgenommenhaben. Ich möchtedas betonen, dass es unsereInitiative war mit der Polizei zusprechen, und nicht das Gegenteil.Wir haben unbedingt eineZeugenaussage machen wollen,weil wir den Umgang mit derbettelnden Romni so unerträglichfanden.Was hast du dem Polizeibeamtengesagt?Er hat meinen Ausweis genommenund meine Personalienaufgenommen. Dann hat ergefragt was ich gesehen habe.Ich habe gesagt, dass ich einfachan dem Douglas Geschäft vorbeiging und dass ich plötzlichgesehen habe, dass der Beamtedie Frau, also die Romni, an denHaaren zog.Wie hat der Polizeibeamte dannreagiert?Er hat mich einfach nur angegucktund hat keine Reaktiongezeigt. Aber als eine andereZeugin gesagt hat wie brutal derDetektiv war, hat er gesagt, dasssie lügt. Das hat er gesagt.Der Polizeibeamte hat gesagt,dass die Zeugin lügt, wenn siegesagt hat, dass der Detektiv zubrutal vorgegangen ist?Nein, nicht der Polizeibeamte,sondern der Detektiv hatgesagt, dass die Zeugin lügt. Alseine andere Zeugin ausgesagthat, dass der Detektiv viel zubrutal mit der Romni umgegangenist, rief der Detektiv einfachdazwischen: „Sie lügt, sie lügt,“und das vor den Polizisten.Während sie ihre Aussage gemachthaben, rief er „sie lügt“?Genau.Wie haben die Polizeibeamtendarauf reagiert?Überhaupt nicht, nein, er hatdas gehört und machte einfachweiter mit der Aufnahme derAussage der Zeugin. Dann hater sich neben den Polizeiwagengestellt. Dort stand auch der15Detektiv und es schien mirso als wenn sie eine normaleKonversation zusammen haltenwürden.Was ist eigentlich mit demFreund von der Romni?Das habe ich nicht gesehen.Und ich erinnere mich nicht anihn. Ich hab nur die Romni imPolizeiwagen gesehen.AuSSer dem Detektiv haben auchandere gesagt, dass ihr lügenwürdet?Es gab da einen Mann, es warein Passant, und ich erinneremich nicht genau was er sagte,aber ich erinnere mich an diesenegative Energie und er sagtein einem lauten Ton „Es stimmtnicht was sie sagen.“Wie denkst du jetzt über dieSache?Ich weiß nicht genau was dapassiert ist, aber ich habegesehen wie brutal dieser Mannwar und ich denke, dass dasüberhaupt nicht nötig war. Daswar wirklich zu schockierend.Was hast du sonst so für Erfahrungenbzw. Erlebnisse mitRoma?Also an der Friedrichstraße habich nur immer diese Erfahrungmit dieser tollen Roma Band.Und ich hab einen sehr, sehr gutenRoma Freund gehabt. Alsoein Freund von mir war Roma.Wir haben eine sehr, sehr guteBeziehung gehabt. Das ersteMal als wir uns begegneten,daran erinnere mich sehr gut,er sagte: „Hallo ich heiße Gabi.“Und ich: „Maria“. Und dannfragte er woher ich komme,und ich habe gesagt aus Angola.Und er hat mir gesagt: „Ich binein Rom.“ Und ich habe gesagt:„Ah, wie schön, ich habe nochnie einen Rom kennengelernt.“Also das sage ich immer, wennich jemanden von einer neuenKultur oder einem neuen Landkennenlerne. Und dann sagteer: „Es freut mich, dass du sofroh bist, weil normalerweisesind die Leute immer so distanziert.“Und ich antwortete:„Wirklich?“ Jetzt beginne ich zuverstehen was das eigentlich füreine Bedeutung hatte.Das Interview wurde am15.11.2012 von Filiz Demirova(Redaktion Der Paria) geführt.


16Sie nennen sichTsiganologInnenGegenwärtig gibt es ein ForumTsiganologische Forschung (FTF)an der Universität Leipzig amInstitut für Ethnologie, in demethnologische Feldforschungenüber„ZigeunerInnen“ angefertigtwerden.Auf der Internetseite ist zu lesen:(Zur Entstehung) „Im Jahr 1998begann Prof. Bernhard Streckmit seinem Lektürekurs Tsiganologiedie ersten Studierendenam Institut für Ethnologie derUniversität Leipzig für die Kulturender Roma/“ZigeunerInnen“ zuinteressieren.Bis heute findet das daraus erwachseneSeminar jedes Semesterstatt und die Zahl der Studierendender Tsiganologie ist gestiegen.“Desweiteren (Zur Zielsetzung/Wunsch): „Mögen die TsiganologischenMitteilungen auch von ihrerLeserschaft als ein durch Vielfaltder Ansätze Gedanken anstoßendund Gedanken umstoßend bereicherndesMedium wahrgenommen© Marika Schmiedtwerden.“Es ist sehr fragwürdig wie rassistischeForschungen im Denken einUmstoßen bewirken sollen. Ichfrage mich was diese Magisterarbeiten:„Weibliche Lebensweltenin Shutka/Skopje – Eine Katzehat neun Leben, und das Weibsieben Häute wie eine Zwiebel“von Julia Glei, oder „Eine Odysseeder Zuflucht – Zur Topologievon „Zigeunergruppen“ in Leipzig1991- 1993“ von Michael Hönicke(2009), und „Hochzeiten inShutka – performative Tendenzenin „Zigeunerkulturen“ von MariaMelms so an vielfältigen Ansätzenzu bieten haben?Meiner Meinung nach gibt es keinengroßen Unterschied zwischenjenen Forschungen am ForumTsiganologische Forschung an derUniversität Leipzig derzeit undder „Wissenschaft“ während desNationalsozialismus.Eine der zwei Disziplinen in der„Wissenschaft“ während derNS-Zeit mit den „ZigeunerInnen“war die Ethnologie bis etwa 1938.Ich frage euch: Was ist der Unterschiedzwischen den derzeitigenTsiganologInnen und Martin Block(1891-1972)?Die ethnologische Betrachtungwährend der NS-Zeit wurde durchihn vertreten. Sein „völkerpsychologischer“Ansatz unterstellteden Sinti und Roma die unglaublichstenFantasien. Innerhalbdieses Ansatzes meinte er, einenZusammenhang zwischen Evolutions-,Rassen- und Kulturtheorienherstellen zu können. Um sichüberhaupt Zutritt zu verschaffensuchte er Roma auf, bei denen ersich einige Tage als Gast einladenwollte. Er täuschte vor, ein vom


17Heeresdienst entlaufener deutscher„Zigeuner“ zu sein und er bestachsie mit Alkohol und Geld, um siezum Reden zu bringen.Martin Blocks Werke stehenheute immer noch in öffentlichenBibliotheken. Beispielsweise stehtin Berlin in der AmerikanischenGedenkbibliothek u.a. das Werk:„Die „Zigeuner“ ihr Leben und ihreSeele; dargestellt aufgrund eigenerReisen und Forschungen.“Wem nützt es, dass romaphobeBücher aus der NS-Zeit in denöffentlichen Bibliotheken immernoch aufliegen?Was hat das für einen Grund?Welche Ideologie und Machtstrukturwird dadurch aufrecht erhalten?In den Universitätsbüchereienstehen neben den Abschlussarbeitenvon den TsiganologInnenauch eine Vielzahl an Büchern mitromaphoben Inhalten in den Regalen.Kritische Literatur aus denverschiedenen Roma Perspektivenist so gut wie gar nicht vorhanden.Nicht nur, dass das ein weitererBeweis für die Nicht-Aufarbeitungdes Roma Genozids ist, es ist aucheine Fortführung der institutionellenGewalt gegen Roma. Desweiterenist sogar der Trend zu beobachten,dass diese TsiganologInnenHauptakteurInnen in der RomaPolitik sind und damit sowohldie Roma Widerstandsbewegungschwächen als auch vereinnahmenund damit sogar ökonomischprofitieren – ja sogar eine „Roma-Industrie“ aufgebaut haben.Beispielsweise habe ich im Zugemeiner Recherchen herausgefunden,dass Verena Spilker, eineEthnologin und bis vor einem Jahrnoch bei Amaro Drom e.V. aktiv(Jugendorganisation für Roma undNicht-Roma) 2009 eine Magisterarbeitmit dem Titel „Madjari-“Zigeuner“ in Transkarpatien - AmBeispiel von Szernye“ in demForum Tsiganologische Forschungin Leipzig geschrieben hat. Ineinem Artikel „Bleibendes Volk:Roma in Berlin“ in der Tip vomOktober 2011 heißt es: „Immerwieder hielt sich die 30-jährigeBerlinerin in der Ukraine, inMazedonien und in Ungarn auf.Im Rahmen von Forschungsreisen,Projekt- und Freiwilligendienstarbeithat sie die dortigen gesellschaftlichenProbleme kennengelernt.Klauen, Schmutz und Armutlägen in den Genen der Roma, sodie gängige Behauptung in diesenLändern.“ Zitat Verena Spilker:„Niemand hat das Gefühl, etwastun zu müssen, um die Situation zuverändern. Und diese Resignationund Hoffnungslosigkeit spürt manin fast jeder Minute.“ Wer brauchtdiese sogenannten RomaExpertInnen? Warum bekommensie so viel Macht? Und wennNicht-Roma über Roma sprechen,welche „widerständigen“ Sachenund Projekte kommen da heraus?Beispielsweise kommen da Sachenheraus wie das neue Internetportalgypsy-research.org, in dem vorgegebenwird, dass sie „das Bedürfniserkennen nach Informationen überverschiedene „Zigeunergruppen“ inunserem Lande.“Wenn beispielsweise SchülerInnensich mit dem Thema„ZigeunerInnen“ beschäftigenwollen oder Studierende eineAbschlussarbeit zu irgendeinem„Zigeunerthema“ schreibenmöchten sind sie gerne bereitihnen mögliche Hinweise zu geben.Oder das Projekt Bio KnoblauchRomanes: Initiative des LandesSteiermark vom Juli 2011. Nachdem Antrag vom Landesrat Dr.Christian Buchmann beschloss dieLandesregierung in Graz 12.200Euro für das Projekt Bio KnoblauchRomanes des Grazer VereinsEuropean-Neighbours zu investierenfür „die Förderung für dieBenachteiligten Europas.“„Wir wollen diese Idee fördern, weiles darum geht, den Worten Tatenfolgen zu lassen. Wir unterstützenmit Bio Knoblauch Romanes dieSchaffung von Arbeitsplätzen fürRoma in deren Heimat, sowie derenArbeitswilligkeit und Arbeitsfähigkeit.Knoblauch anzubauenist eine sinnstiftende Tätigkeit– im Vergleich zum unwürdigenBetteln,“ so Buchmann.„Mit dieser Initialförderung solltees in Zusammenarbeit mit derStadt Graz (die eine gleich hoheFörderung freigibt) gelingen,mittel- bis langfristig Arbeitsplätzefür Roma in fünf EU-Staatenzu schaffen. Das Projekt wurdeinitiiert vom oben genanntenVerein in Kooperation mit demObmann des Kulturvereines derösterreichischen Roma, ProfessorRudolf Sarközi und der Grazer ÖVPGemeinderätin Sissi Potzinger.“ (...)von Filiz Demirova, Redaktion DerPariaAuszug aus dem Vortrag von FilizDemirova am 9. November 2012,im Rroma Aether Klub Theater(www.rromaakt.de) in Berlin imRahmen der EDEWA (EinkaufsgenossenschaftantirassistischenWiderstandes) Ausstellung (edewa.tumblr.com).Quellen:1. „Forum Tsiganologische Forschung“www.uni-leipzig.de/~ftf/konzept/konzept.html2. „Exotismus und Homogenisierung –Verdinglichung und Ausbeutung, Aspekteethnologischer Betrachtungen der„Zigeuner“ in Deutschland nach 1945“Von Katrin Reemtsmawww.lpb-bw.de/publikationen/sinti/sinti12.htm3. „Bleibendes Volk: Roma in Berlin“Von tip-Redaktionwww.tip-berlin.de/kultur-und-freizeitstadtleben-und-leute/bleibendes-volkroma-berlin


18Amaro Foro e.V.Community building und Stärkung der Selbsthilfe-PotentialeRoma in Berlin auf dem Weg zur aktiven Teilhabeist ein interkultureller Vereinjunger Roma und Nicht-Roma undder Landesverband von AmaroDrom e.V. Der Verein verfolgtdas Ziel, junge Menschen durchEmpowerment, Mobilisierung,Selbstorganisation und Partizipationzu stärken. Als EuropäerInnenwollen wir aktiv an der Gesellschaftfür mehr Akzeptanz und Respekt,gegenseitiges Verständnis undIntegration beitragen.Amaro Foro e.V. steht in engerKooperation mit der „djo –Deutsche Jugend in Europa“(Mitglied im Deutschen Bundesjugendring)und ist Mitglied von„ternYpe – International RomaYouth Network“ und von „PhirenAmenca“ dem Netzwerk von Romaund Nicht-Roma-Freiwilligen undFreiwilligendienstorganisationen.Das Projekt richtet sich an Roma in Berlin, die sich aktiv an der Stärkungder Roma Gemeinschaft nach innen und nach außen beteiligen wollen. Einbesonderer Schwerpunkt ist die Schulung von MultiplikatorInnen, die sichdirekt an Roma aus den neuen Beitrittsländern der EU richtet. Das Projektfördert die Potentiale in der Gemeinschaft und setzt sich für die Präventionvor Ausgrenzung, für Chancengerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe ein.Die Vernetzung der bereits bestehenden Potentiale und die Nutzung der sichdaraus ergebenden Synergieeffekte sollen die Roma-Gemeinschaft nach innenstärken. Die Stärkung einer engagierten Roma-Gemeinschaft nach außen sollerzielt werden, da dies die Öffentlichkeit bezüglich Themen wie Antiziganismusund der Ressourcen der Roma-MigrantInnen sensibilisiert. Dies schließtin besonderem Maße die Förderung von jugendlichen Roma und Roma-Frauen ein sich weiter zu qualifizieren und sich für die Roma-Gemeinschaftzu engagieren. Ziel ist eine, sowohl nach innen als auch nach außen, starkeRoma-Gemeinschaft die sich über Problematiken und Lösungsansätze bewusstist, diese vermitteln kann und somit aktiv zur Verbesserung der Positionenvon Roma in Berlin mitwirken beitragen kann.Methoden• Vernetzung von Initiativen, Akteuren und Vereinen• ExpertInnen aus der Roma Gemeinschaft als AnsprechpartnerInnen aufpolitischer Ebene• Akquise und Qualifizierung von MultiplikatorInnen© Marika Schmiedt


Die Jugendlichen erinnernsich an ihre Verstorbenen19Am 2. August 1944 wurden 2897 Sinti und Roma in denGaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet. Dabeihandelte es sich um ältere Menschen, Frauen und Kinder,die im so genannten “Zigeunerlager” in Auschwitz-Birkenaugefangen waren. Insgesamt ermordeten die Deutschen undihre KollaborateurInnen 500.000 Roma in dieser Zeit. Dennochhaben diese traurigen Fakten bis heute keinen Einzugin die moderne Geschichtsschreibung gefunden.Jedes Jahr werden sich außerdem ca. 60 jugendliche Romaund Nicht-Roma in Auschwitz-Birkenau versammeln, uman das Schicksal tausender Roma im Zweiten Weltkrieg zuerinnern. Denn wir können und wir wollen diejenigen nichtvergessen, die ermordet wurden und die nie die Chance hatten,gegen ihre Verfolgung und Ermordung aufzubegehren!Junge Menschen haben eine essentielle Verantwortung für dieEntstehung eines friedlichen und inklusiven Europas.Um dieser Situation etwas entgegen zu setzen, wurde imJahr 2010 das “Roma Genocide Commemoration Project”initiiert. Ziel dieses Projektes ist die Verbreitung von Wissenüber den Roma-Genozid und die Auseinandersetzungmit dem Schicksal europäischer Roma im Zweiten Weltkrieg.Im Rahmen des “Roma Genocide Commemoration Project”gedenkt ternYpe am 2. August mit seinen einzelnen Mitgliedernmit vielen verschiedenen lokalen Veranstaltungen anden Roma-Genozid.Daher müssen wir die Stimme und die Teilhabe jungerMenschen stärken! Durch unsere Anwesenheit in Auschwitz-Birkenau wollen wir unseren Kampf um die Anerkennungunserer Geschichte zum Ausdruck bringen. Wir sind davonüberzeugt, dass die Anerkennung unserer Geschichte undunserer Identität, die historische Wiedergutmachung und einetiefgreifende Verbesserung unserer Außenwahrnehmung dieKernelemente dafür sind, dass unsere Würde als Menschenendlich anerkannt wird!Von Merdjan Jakupov, „Roma Aktivist“ und Vorsitzender desAmaro Foro e.V.


© Marika Schmiedt

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