Frauen um Jesus

saatlen.ch

Frauen um Jesus

Vier Predigten

Frauen um Jesus

Die Schwiegermutter des Petrus

Lernen durch eine Ausländerin

Predigtreihe in der Kirche Saatlen

Maria Magdalena

vom 6. Februar – 6. März 2011

www.saatlen.ch

Eine Sünderin

Andreas Köhler-Andereggen

1


Frauen um Jesus

In den Jesusgeschichten werden immer wieder Frauen mit ihren

Lebenssituationen in den Blick genommen. Die Frauen um Jesus geraten

jedoch schnell in den Hintergrund der Wahrnehmung.

In der Predigtreihe Frauen um Jesus wurden vier Frauen daher näher

vorgestellt. Es sind bekannte und eher unbekannte Frauen, die alle für

Jesus und sein Wirken wichtig geworden sind. Menschliche Beziehungen

sind immer ein Geben und Nehmen. In der Predigtreihe werfen wir einen

Blick darauf, was Jesus durch diese Frauen erhalten hat.

Inhaltsverzeichnis

Die Schwiegermutter des Petrus (Lk 4,38-39) ....................................... 3

Lernen durch eine Ausländerin (Mt 15,21-28) ....................................... 7

Da Vinci-Code, anderer Schmarrn und eine starke Frau ...................... 12

Gott Gutes tun .................................................................................. 16

2


Die Schwiegermutter des Petrus (Lk 4,38-39) 1

Liebe Gemeinde,

es sind bloss zwei Verse, in denen die Schwiegermutter des Petrus eine

Erwähnung findet. Zwei Verse, die sowohl im Markus-, im Matthäus- als

auch im Lukasevangelium überliefert sind. Im Lukasevangelium heisst es

beispielsweise im vieren Kapitel: 38 Jesus nun stand auf, verliess die Synagoge

und trat in das Haus des Simon. Die Schwiegermutter des Simon

aber war von hohem Fieber befallen, und sie wandten sich ihretwegen an

ihn. 39 Und er trat zu ihr, beugte sich über sie, schrie das Fieber an, und es

wich von ihr ab. Und auf der Stelle stand sie auf und bewirtete sie.

Es sind also bloss zwei Verse, die über die Schwiegermutter des Simon

Petrus überliefert sind. Nach Anzahl der Verse ist sie eine namenslosen

Randfigur, wird zu einer Randnotiz. Wird zudem über ihren Schwiegersohn

bestimmt, halt als die Schwiegermutter des Petrus. Sie scheint das

Schicksal von vielen Frauen zu teilen, nämlich über Männer definiert zu

werden und damit als Anhängsel zu erscheinen. Insofern steht die

Schwiegermutter des Petrus, deren Namen wir nicht kennen, stellvertretend

für die vielen unbekannten Frauen, die im Schatten stehen geblieben

sind. Die den Spruch, dass hinter einem starken Mann immer eine

starke Frau stehe, so oft gehört haben, dass sie nur noch müde lächeln

können. Gerne würde ich den Namen der Schwiegermutter kennen, mir

ein Gesicht vorstellen, sie einladen, sie hier in unserer Kirche interviewen.

Und meine erste Frage wäre dann: „Wie heisst du?“ Und die

Schwiegermutter, sie gäbe dann als Antwort: „Das tut doch nichts zur

Sache.“ „Momentmal“, sage ich da. „Und ob das was zur Sache tut. Durch

den Namen wirst du zu einer Person.“ „Glaub mir“, sagt sie da, „ich bin

eine Person, ob du meinen Namen kennst oder nicht. Und ich weiss

schon, wer ich bin. Zudem kannten mich die Menschen, die mit mir zu

tun hatten. Sonst hätte so eine kurze Notiz im Text auch nicht viel genützt.“

„Aber du wirst über deinen Schwiegersohn wahrgenommen.“ Sie

zuckt mit der Schulter. „Ach, da gäbe es Schlimmeres. Aber: Es ist natürlich

schon nervig, über andere wahrgenommen zu werden. Das passiert

ja vielen, nebenbei Frauen und Männern, wenn sie über ihre Berufe oder

ihre Herkunft wahrgenommen werden, Stempel und Etiketten aufgedrückt

bekommen, um dann in irgendwelchen Schubladen zu verschwin-

1 Predigt am 6. Februar 2011.

3


den. Allerdings werden Männer selten über Frauen her verstanden. Da

hat sich bis heute nicht viel geändert.“ Ich muss ihr zustimmen. „Du

sagtest vorhin, wenn du damals nicht bekannt gewesen wärest, hätte die

kurze Notiz im Text nicht viel gebracht?“ Sie nickt. „Was bringt denn

diese Notiz überhaupt?“. Da strahlt sie mich an: „Sie erzählt von Gastfreundschaft.

Und zwar tiefer Gastfreundschaft. Ohne mich hätte Jesus in

der Stadt Kapernaum keine Bleibe gehabt. Oder allgemeiner gesagt: Ich

hab dem lieben Gott ein Dach über dem Kopf gegeben.“

II.

Dem lieben Gott ein Dach über dem Kopf geben – ich runzele die Stirn.

Das kommt mir ein wenig weithergeholt vor. Und natürlich auch problematisch,

als ob Gott auf die Hilfe von Menschen angewiesen sei. Als ob

Menschen darüber bestimmen können, wo Gott sich befindet. Eines

unserer grossen Probleme besteht doch gerade darin, dass Menschen

immer wieder meinen, sie wüssten genau, wo Gott hockt. Um dann

daraus über andere zu bestimmen oder gegen andere aufzuhetzen.

Meine Gesprächspartnerin spürt meine Zweifel. „Weisst du, ich sage

nicht, ohne mich wäre Gott obdachlos geblieben. Zudem denke ich, es ist

gut für unsere Welt, dass Gott immer wieder obdachlos ist und sich dann

eine neue Bleibe sucht.“ „Na ja“, meine ich, immer noch nicht so ganz

überzeugt, „Obdachlosigkeit hat wenig mit Romantik und Freiheit zu

tun.“ Da stimmt sie mir zu. „Ich meine auch nicht eine Obdachlosigkeit,

die Menschen leider immer wieder durch Naturkatastrophen oder

Schicksalsschlägen widerfährt. Oder Obdachlosigkeit, die als einzige

Alternative fürs Leben noch möglich scheint. Die Obdachlosigkeit Gottes

ist für mich eher eine Notwendigkeit, weil durch sie Gott von aussen in

unsere Welt immer wieder hineinkommt, Menschen damit begegnet.

Und wenn dann Gott in Orte hineinkommt, dann verändert sich etwas.“

„Du meinst, wie das Fieber dich nicht mehr geplagt hat.“ „Der Ort hat

sich verändert, ich habe mich verändert. Etwas Neues hat angefangen.“

Ich schaue sie skeptisch an. „Na ja, ob das was Neues ist: Im Text heisst

es, du hättest sie nun bedient. Das hört sich für mich nicht nach etwas

Neuem an, sondern eher nach dem Erfüllen von traditionellen Geschlechterrollen.

So wie Sarah alles für Abraham und den Besuch herrichten

musste, um dann am Gespräch nicht teilzunehmen“ (1 Mose 18). „Ich

kenne diese Geschichte natürlich“, sagt sie. „Aber das Spannende an dieser

Geschichte ist ja, dass die drei Männer nicht nur zu Abraham kom-

4


men, sondern gerade auch zu Sara. Das ist ja der Clou der Geschichte: Es

geht nicht um ein Kind des Abrahams, denn Abraham hatte mit Ismael

schon einen Sohn, es geht um das Kind von Sara und Abraham. Beide

sind wichtig für die Geschichte, die Gott dort ermöglicht. Und beide zeigen

Gastfreundschaft gegenüber den drei Männern. Abraham und Sara

werden nicht gegeneinander ausgespielt.“ „Nun, in der Überschrift zu

diesem Bibeltext heisst es aber nur „Die drei Männer bei Abraham“, sage

ich daraufhin. Sie seufzt. „Überschriften in der Bibel stehen ja nicht im eigentlichen

Text, sondern sind später dazugekommen. Ist das die gleiche

Übersetzung, aus der du auch die kleine Notiz über mich vorgelesen

hast?“ Ich nicke: „Ja. Zürcher Bibel 2007.“ Sie zieht die Augenbraue hoch:

„Die wurde wohl von Männern übersetzt!“ Wieder nicke ich und erinnere

mich an die peinliche Geschichte, dass viele Erkenntnisse der Frauenarbeitsgruppe

so gut wie überhaupt nicht in die Zürcher Bibel aufgenommen

wurden. „Also: Zürcher Bibel hin oder her“, sagt sie, „schauen wir

mal genauer in den Text, dann klärt sich auch so manches Vor-Urteil.“

III.

Und so hole ich den griechischen Text heraus, und wir gehen den Text

durch. „Ich habe bedient, heisst es also“, meint sie. „Was steht denn im

Griechischen?“ Ich gebe mein Bestes: „Das Verb diakoneo.“ „Und was

heisst das,“ fragt sie. „Dienen“, sage ich. „Heisst es nur dienen?“, und sie

schaut mich streng an. Ich werde ein wenig rot. „Natürlich nicht, sondern

auch vermitteln, arbeiten, nachfolgen, helfen.“ „Kommt es häufig im

Griechisch vor?“. „Ähmm, eigentlich nicht“, sage ich unter ihren

prüfenden Augen, wie sie nebenbei Schwiegermüttern immer wieder

nachgesagt werden. „Es ist ein Wort, das vor allem im biblischen

Griechisch bekannt ist.“ Sie nickt mir wohlwollend zu, als ob ich eine Prüfung

bestanden hätte. „Also“, meint sie, „dann meint es wohl nicht nur

ein bewirten im herkömmlichen Sinne, sondern zugleich vielmehr. Das

Wort lässt sofort mehr anklingen. Es ist ein Begriff, den Jesus immer wieder

gewählt hat, um zu zeigen, dass das gegenseitige Dienen die Form ist,

miteinander umzugehen.“ „Na ja“, sage ich, „ein wenig Träumer war der

Jesus ja schon, oder?“ Sie lächelt. „Ja, aber er hat es konkret umgesetzt,

bis in den Tod hinein: Das Für-Andere-Da-Sein, das war sein Programm,

heisst doch auch der Name Jesus übersetzt: Gott hilft.“ „Also hast du

mehr als bedient“, schlussfolgere ich. „Genau“, sagt sie. „Die Geschichte

mit meiner Heilung und meinem späteren Dienen ist eine Gründungsge-

5


schichte, heute würdest du vielleicht von der Gründung einer Kirchgemeinde

sprechen. Wir haben im Haus meines Schwiegersohnes eine Gemeinschaft

gegründet, die versucht hat, dem nachzufolgen, was Jesus gelehrt

hat.“ Langsam verstehe ich. „Also ist das das Neue, was du durch

die Begegnung erfahren hast.“ „Ja“, sagt sie. „Wir haben den Ideen von

Jesus ein neues Zuhause gegeben. Mit Gastfreundschaft haben wir diese

Ideen empfangen. Haben mit ihnen versucht, unser Haus zu möblieren.

Ihr würdet heute sagen: Haben Kirche gelebt, zudem später eine Kirche

bei uns in Kapernaum gebaut wurde.“ Davon hatte ich gehört. Archäologische

Ausgrabungen haben dort unter einer alten Basilika alte Fischerhäuser

ausgegraben, die dort vorher standen und diese Geschichte untermauern.

„So war dein Dienen kein Bedienen allein, sondern ein Nachfolgen,

ein aktives Arbeiten und Mitgestalten. Ihr habt also Gründungsarbeit

geleistet. Bei Gründungsarbeit fällt mir noch eine Frage ein. Wenn

du die Schwiegermutter des Petrus bist, dann war ja der erste Papst…“.

Sie fällt mir ins Wort: „Ich wusste, dass diese Frage kommt, ja, der erste

Papst, wenn den Petrus wirklich der erste Papst war, der war dann halt

verheiratet. Na und?“ „Aber das passt nicht zum Zölibat.“ „Aber der

Zölibat ist erst später gekommen. Und überhaupt wird an den Zölibat viel

zu viel gehängt. Für mich viel schwieriger ist es, welche Positionen Frauen

in den Kirchen, und damit meine ich nicht nur die Röm.-Kath. Kirche,

welche Positionen Frauen immer wieder verweigert werden. Aber das ist

nicht nur ein kirchliches Problem, sondern bis heute ein gesellschaftliches.

Auch in der Schweiz, nach 40 Jahren Frauenwahlrecht.“

IV.

„Du hattest ja eine wichtige Funktion in der Gemeinde“, sage ich zu ihr.

„Schmerzt es dann nicht, bloss als Nebenfigur betrachtet zu werden?“ Sie

überlegt einen Augenblick. „Also schmerzen tut, wenn meine Geschichte

verdreht wird und dann daraus Normen für Frauen aufgebaut werden,

wie: Frauen haben im Haushalt zu dienen. Aber ich bin ja nicht ganz in

Vergessenheit geraten. Es gibt viele Gemälde von mir, sogar Rembrandt

hat mich gemalt. Und der Text, in dem ich vorkomme, der wird in der römisch-katholischen

Kirche immer wieder vorgelesen. Der Text über mich

ist Evangeliumstext, da steckt also etwas von der guten Botschaft drin. In

den protestantischen und orthodoxen Kirchen allerdings, da bin ich in

Vergessenheit geraten, dort ist dieser Text nicht offiziell als Predigttext

vorgeschlagen. Aber die gute Botschaft, also das Evangelium, das scheint

6


ja aus dieser Geschichte heraus. Wo es eine Begegnung mit Gott gibt, da

bleibt diese nicht bei sich, sondern geht über Menschen hinaus. Sucht

nach Menschen, die gemeinsam gestalten wollen. Sucht nach Orten, in

denen Menschen und Gott sich begegnen können. Orte, die sich aber immer

wieder zu fragen haben, ob hier noch Begegnungen geschehen oder

Bilder einfach einzementiert werden.“

Es sind bloss zwei Verse, in denen die Schwiegermutter des Simon Petrus

Erwähnung findet, aber sie erzählen vom Schaffen eines Ortes, in dem

sich Gott und Mensch begegnen. Diese Orte können Menschen nicht herstellen,

sie geschehen. Doch Menschen können diese Orte weiterpflegen,

indem wir beispielsweise Kirche leben. Jede Begegnung mit dem Göttlichen

geht jedoch über uns hinaus, macht uns damit aber nicht zu Randfiguren,

sondern nimmt uns mithinein in die Love-Story Gottes mit den

Menschen. Eine Love-Story, die auf Gott setzt, bei dem wir alle einen

Namen haben.

Lernen durch eine Ausländerin (Mt 15,21-28) 2

In unserer Predigtreihe über Frauen um Jesus kommt heute eine Ausländerin

in den Blick, die sich an Jesus wendet. Im Matthäusevangelium,

im 15. Kapitel, heisst es: 21 Und Jesus ging von dort weg und zog sich in

die Gegend von Tyrus und Sidon zurück. 22 Und da kam eine kanaanäische

Frau aus jenem Gebiet und schrie: Erbarme dich mir, Herr, Sohn Davids!

Meine Tochter wird von einem Dämon furchtbar gequält. 23 Er aber

antwortete ihr mit keinem Wort. Da traten seine Jünger zu ihm und

baten: Stell sie zufrieden, denn sie schreit hinter uns her! 24 Er antwortete:

Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. 25 Doch

sie kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! 26 Er antwortete: Es

ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden

hinzuwerfen. 27 Sie sagte: Stimmt, denn die Hunde fressen ja ohnehin von

den Brotbrocken, die vom Tisch ihrer Herren fallen! 28 Darauf antwortete

ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist gross! Dir geschehe, wie du willst. Und von

jener Stunde an war ihre Tochter geheilt.

Liebe Gemeinde,

ein Sprichwort aus Uganda heisst: Geht dein Feuer aus, dann holst du

2 Predigt am 13. Februar 2011.

7


Feuer bei deinem Nachbarn - halte es doch ebenso mit der Weisheit.

Aber das ist bekanntlich leichter gesagt als dann auch getan. Gerade jetzt

im Wahljahr 2011, in der Millionen Franken in Wahlwerbung gesteckt

wird, da werden wir wohl wenig Weisheit auf den Plakaten lesen. Statt

das Feuer beim Nachbarn zu holen, wird dort eher beim Nachbarn gezündelt.

Von Parolen und markigen Sprüchen ist es leider selten weit bis zur

geistigen Brandstiftung. Doch dieses Gehabe finden wir ja nicht nur in der

Politik. Es ist dieses Gehabe, mal deutlicher und mal implizierter vorgelebt:

Ich bin anders als die anderen; ich weiss, wo es lang geht. Bei einer

solchen Haltung scheint jedoch ein Dialog nicht gefragt. Offensichtlich

sind Stärke demonstrieren und von den eigenen Vorzügen überzeugt sein

weiterhin die alten Zauberformeln. Denn die bringen Resultate, allerdings

selten Lösungen.

Etwas mit anderen Augen sehen: die biblische Geschichte, die wir gerade

hörten, sie erzählt von einem Weg, der fort von Ausgrenzung und Interessen

hin zu einem Dialog und einem Miteinander führt. Und dies geschieht

in unserer Geschichte bemerkenswerterweise nicht durch Jesus,

sondern durch die ausländische Frau. Durch ihre Augen beginnt Jesus zu

schauen und fängt an, etwas anderes zu sehen. Sein Horizont weitet sich.

Jesus lernt durch diese Ausländerin, dass die Welt wohl mehr ist als der

eigene Horizont. Und dass da wohl in dieser Welt auch mehr ist, als für

den eigenen Horizont gilt.

Jesus lernt durch die Ausländerin eine Weite im Denken. Und wir lernen

dadurch eine Facette an Jesus kennen, die in kirchlichen Kreisen gerne

überlesen wird. Jesus ist ja für viele der gute Mensch, der Menschenfreund,

der liebste Jesus mit blauen Augen. Und jetzt diese Geschichte:

Jesus, der sich abwendet, der mit dieser Frau nichts zu schaffen haben

möchte, der Menschen aufgrund ihrer Herkunft ausgrenzt, sogar mit Kötern

vergleicht und beleidigt. Natürlich ist mir der Jesus lieber, der die

Kinder zu sich ruft; natürlich ist der Jesus mir lieber, der zum Kranken

sagt: Steh auf, du bist gesund; natürlich ist mir der Jesus lieber, der eine

Frau rettet, indem er andere fragt, wer denn von ihnen ohne Schuld sei.

Aber es gibt in der Bibel auch noch einen anderen Jesus. Einen Jesus, der

wutentbrannt durch den Tempel stürmt; einen Jesus, der radikal in seinen

Forderungen sein kann; einen Jesus, der seine Mutter und seine Familie

anschnauzt. Jesus ist halt Mensch, hat Launen, ist nicht immer sympathisch,

ist manchmal starr in seinen Ansichten, sieht manchmal kein

rechts und links. In kaum einer anderen biblischen Geschichte wird so

8


ernst genommen, dass Jesus von Nazareth Mensch ist. Weil Jesus

Mensch ist, muss er daher auch lernen, gehört doch zum menschlichen

Leben das Lernen untrennbar dazu und das ein ganzes Leben lang.

II.

In unserer Geschichte lernt Jesus von der Frau, mit anderen Augen zu sehen.

Die Erzählung nennt die Frau eine Kanaanäerin. Sie ist also Phönizierin,

gehört zu einem See- und Handelsvolk, mit dem Israel sich mal besser

und mal schlechter verstand. Ihre Herkunft scheint das Entscheidende für

Jesus zu sein: Er fühlt sich für sie nicht verantwortlich. Und seine Jünger

auch nicht. Deren Bitte an Jesus hat weniger mit Erbarmen als vielmehr

mit Kalkül zu tun: Wenn der jetzt nicht geholfen wird, dann schreit die

die ganze Zeit hinter uns her. Das entspricht der Pädagogik: Wenn das

Kind schreit, setzen wir es vor den Fernseher, dann ist es ruhig. Doch auf

so etwas lässt sich Jesus erst recht nicht ein. Jesus versteht sein Kommen

auf dieser Welt als Kommen für die Menschen seines Volkes, also dem

Volk, das in einem Bund mit Gott steht. Hierauf ist sein Blick gerichtet.

Ihm geht es ums Kerngeschäft sozusagen. Aber die Frau öffnet Jesus die

Augen. Dabei bestreitet sie überhaupt nicht, dass Jesus sich um seine eigenen

Leute kümmern soll, er soll dabei jedoch den Blick darüber hinaus

nicht vergessen. Statt zu zündeln und Menschen gegeneinander auszuspielen,

macht die ausländische Frau Werbung für ein Gespräch, lehrt Jesus,

wie sehr das Leben der Menschen untereinander verbunden ist. Sie

kehrt das unverschämte Bild von Jesus, Hunde sollen nicht das fressen,

was den Kindern gehört, in ein Bild, das von einer Vernetzung des Lebens

weiss. Denn es gibt immer mehr als die eigene Sache. Menschen leben in

verschiedenen Kontexten, und diese Kontexte beeinflussen sich gegenseitig.

Wir leben nicht nur alleine, sondern zusammen mit anderen Menschen.

Wir leben nicht nur in Zürich-Nord, sondern auch in der Schweiz.

Und wir leben nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Europa, ja auf

dieser Welt. Wer zu sehr auf sich selbst und die eigenen Belange schaut,

vernachlässigt den Gesamtzusammenhang, verdrängt und blendet aus,

verhärtet sich, vergisst damit schliesslich das Leben, weil es dann nämlich

nur noch gilt, sich gegen alles Mögliche und auch Unmögliche zu verteidigen.

Lernen, auf dem Planeten nicht nur für den eigenen Garten zuständig

zu sein, das war etwas, was Jesus lernen musste. Und das ist etwas,

was wir Menschen heute immer wieder zu lernen haben. Gerade das

Nord-Süd-Gefälle zwischen Reich und Arm; gerade das Energieproblem

9


weltweit mit seinen Folgen für die Umwelt; gerade eine globale Wirtschaft,

in der sich Fragen nach Menschenrechten wie beispielsweise Kinderarbeit

stellen muss: dort überall braucht es den Blick über den eigenen

Tellerrand hinaus. Diese Fragen verbinden sich aber zutiefst mit unserem

Glauben. Das deutsche Wort glauben bedeutet: Sich vertraut machen.

Wer sich mit Grundüberzeugungen, Werten, aber auch mit Hoffnungen

und Glaubensbegegnungen vertraut macht, der handelt dann

auch daraus im Wissen um die Komplexität des Lebens, will das Gegebene

nicht einfach so hinnehmen. Das können wir von dieser ausländischen

Frau lernen.

III.

Lernen durch eine Ausländerin: Die ausländische Frau ermöglicht Jesus

einen neuen Blick. Weg von der Fixierung des nur einen möglich gedachten

Weges kann sich Jesus nun der Frau zuwenden, nimmt ihre Not wahr.

Ihre Tochter war schwer erkrankt, von einem Dämon besessen, heisst es

im Text. Für die Menschen damals waren Krankheiten Dämonen, sie kamen

von aussen ins Leben. Als Dämonen bezeichnet bekamen Krankheiten

einen Namen, wurden so zum Gegenüber, waren mehr als ein ungreifbares

Schicksal. Unterscheidungen in psychische und körperliche Leiden

waren damals nicht von Belang, das Dämonische griff den Menschen

immer als ganzen an, und nicht nur den Menschen, auch seine Umgebung.

Die ausländische Frau leidet, sie leidet mit an der Krankheit der

Tochter. Sie ist verzweifelt, so verzweifelt, dass sie nicht loslässt, dass sie

sich nicht abweisen lässt. Sie zeigt Courage, lässt sich auch von Beleidigungen

nicht abhalten. Sie steht ein für das, was ihr wichtig ist, sowohl

für ihre Tochter als auch für ihre Hoffnungen, die sich mit Jesus verbinden.

Solche starke Personen begegnen uns in biblischen Texten immer

wieder. Es sind gerade nicht berühmte Persönlichkeiten oder Helden,

sondern normale Menschen, die einfach nicht loslassen. Wie die beiden

Hebammen, von denen wir in der Textlesung aus dem 2. Buch Mose hörten

(2. Mose 1,15-21). Für die Befehl gerade nicht Befehl war, sondern

die mit List und Schlagfertigkeit das Leben von Kindern retteten. Weil ihre

Werte, für die sie einstanden, ihnen wichtiger waren. Der Text nennt

das: sie fürchteten Gott. Auch die ausländische Frau, die hier Jesus gegenüber

tritt, baut auf Gott, stellt sich in diesen Hoffnungsrahmen mit

Gott, nennt sie doch Jesus Sohn Davids. Vielleicht war sie eine so genannte

Gottesfürchtige. Im Umfeld von jüdischen Synagogen gab es neben jü-

10


dischen Menschen damals Menschen, die zum Judentum konvertierten,

also Proselyten, aber auch Menschen, die zwar nicht konvertierten, aber

grosse Sympathie fürs Judentum zeigten. Sie hiessen Gottesfürchtige.

Vielleicht gehörte die ausländische Frau dazu, zumindest wusste sie, warum

sie sich an Jesus wandte. Und ihr Vertrauen, wie das griechische

Wort für Glauben auch übersetzt werden kann, dieses Vertrauen war so

gross, dass es ihr die notwendige Kraft gab, hartnäckig zu bleiben. Genau

diese Hartnäckigkeit, gepaart mit der schlagfertigen Antwort, durch die

sie Jesus den Wind aus den Segeln nimmt, das hat uns beim Bibel kauen

am letzten Dienstag am stärksten beeindruckt. Hat uns diese Frau sehr

nahe gebracht. Wir durften von ihr lernen, dass Glauben gerade nicht

passiv macht, schicksalsgläubig, sondern vielmehr fürs Leben aktiviert,

uns positiv hartnäckig fürs Leben macht.

IV.

„Dein Glaube, dein Vertrauen ist gross“, erkennt Jesus bei der Frau. Aber

für diese Erkenntnis muss Jesus zunächst lernen, sich auf die Frau wirklich

einzulassen, muss über den eigenen Schatten springen, über seine eigenen

Vorstellungen. Beneidenswerterweise kann Jesus das. Gott springt

immer wieder über den eigenen Schatten, von dieser Grunderfahrung

des Glaubens erzählen viele biblische Texte. Das ist der Hoffnungsrahmen,

auf den auch unsere Geschichte setzt. Dass Begegnungen geschehen,

dass Gott begegnet, dass Situationen sich verändern können, Türen

sich öffnen. Natürlich nicht so, wie wir es immer gerne hätten. Auch nicht

abhängig von unseren Leistungen und zum Glück auch nicht abhängig

von unseren Nicht-Leistungen. Dafür aber zuwendend, dafür steht Jesus

Christus ein, oder, um es aus der Geschichte heraus zu sagen: Das hat er

gelernt. Die Weisheit hat er bei der Nachbarin geholt. Bei solcher Weisheit

ist dann kein Platz fürs Zündeln, es ist Platz fürs Verstehen, fürs Begleiten,

fürs Dabeisein. Auf dieses Dabeisein dürfen wir vertrauen, auf

dieses Dabeisein dürfen wir setzen, dieses Dabeisein lädt uns ein, selbst

mitzuwirken. Irmgard Spiecker hat es so formuliert: Gib uns Weisheit, gib

uns Mut, für die Ängste, für die Sorgen, für das Leben heut und morgen;

für die Wahrheit einzustehen und die Not um uns zu sehen; für die Zeit,

in der wir leben, für die Liebe, die wir geben; für die vielen kleinen Schritte,

Gott, bleib du in unserer Mitte, gib uns Weisheit, gib uns Mut.

11


Da Vinci-Code, anderer Schmarrn und eine starke Frau 3

Liebe Gemeinde,

Maria Magdalena kann einem Leid tun. Nicht nur, weil sie in der gehörten

Geschichte vor einem leeren Grab steht und das Gefühl hat, die

Welt spiele verrückt (Joh 20,11-18). Sondern auch, was zum Teil aus ihr in

der Kirchengeschichte gemacht wurde. Und für welche Verschwörungstheorien

sie bis heute hinhalten muss. Nehmen wir als Beispiel das Buch

The Da Vinci-Code, auf Deutsch Sakrileg, vom Beststellerautor Dan

Brown, verfilmt mit Tom Hanks und Audrey Tautou. Das Buch verkaufte

sich millionenfach, zumal manche katholischen Kreise verlauten liessen,

dieses Buch ja nicht zu lesen. Bessere Werbung gibt es bekanntlich kaum!

Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die in direkter Abstammung von Jesus

und Maria Magdalena stehen soll. Denn, so die These des Buches,

Maria Magdalena wäre mit Jesus verheiratet gewesen und hätte mit ihm

ein Kind gehabt. An sich ist dieser Gedanke überhaupt nicht skandalös,

und für einen Roman ist das noch ein spannender Plot. Schwierig wird es,

wenn daraus eine historische Wahrheit gemacht wird, die sich dann mit

Verschwörungstheorien verbindet. Denn Dan Brown behauptet, er hätte

den Roman auf historischen Fakten aufgebaut, die in der Geschichte der

Kirchen unterdrückt worden wären. Diese so genannten historischen Fakten

stammen jedoch zu einem beachtlichen Teil von zwei amerikanischen

Journalisten, also gerade nicht von Historikern, die erwiesenermassen einem

französischen Hochstapler aufgesessen sind. Der möchte seine eigene

(vermeintliche) merowingische Abstammung in direkter Linie von Jesus

und Maria Magdalena ziehen und damit seinen Anspruch geltend machen,

König von Frankreich und natürlich von Gottes Gnaden zu sein.

Hierin liegt dann auch die Ironie: Das Buch The Da Vinci Code wurde von

vielen als Stachel gegenüber der alten verkrusteten Institution Kirche gefeiert.

Dabei unterstützt es die wesentlich reaktionärere Vorstellung eines

Königtums von Gottes Gnaden. Aber das scheint egal. Als ich 2006 einen

ausführlichen Vortrag zum Buch und zu den Hintergründen hielt, sassen

einige Personen im Vortrag, die meine Ausführungen sehr kritisch begleiteten,

das Buch von Dan Brown in der Hand hielten wie eine Bibel. Ich

konnte für sie nicht Recht haben, bin ich doch Teil der alten Institution

Kirche. Argumente zählten nicht. Sehr schön passt dazu ein Satz aus dem

Roman The Da Vinci-Code, denn da heisst es: „Was gibt es Schöneres als

3 Predigt am 20. Februar 2011 zu Maria Magdalena.

12


Verschwörungstheorien“. Wir haben es hier mit dem Phänomen zu tun,

dem heute viele Institutionen ausgesetzt sind: Politik, Kirche, Schule

stehen unter Generalverdacht, als starres und verkrustetes Gegenüber,

das gar nicht mehr weiss, was das Volk wirklich denkt und was ihre eigentliche

Aufgabe ist. Medial wird dieses Denken beispielsweise durch

undifferenzierte Zeitungsartikel gefördert, aber die Medien sind nicht

Verursacher. Vielmehr sind dies das Finden-Müssen des eigenen Standpunktes,

ohne feste Bezugspunkte mehr zu haben, und eine gefühlte Unsicherheit

gegenüber einer komplex und unübersichtlich erlebten Welt.

In der wir niemandem mehr trauen wollen, eigenes Denken und eigenes

Beurteilen zum kritischen Massstab für alles wird. Und daran schliesslich

scheitern, zeigt sich doch in einem ernsthaft kritischen Denken das Wissen,

nichts zu wissen.

II.

Maria Magdalena kann einem Leid tun. Es scheint gar nicht um ihre

Person zu gehen, sondern sie wird für das Unbehagen gegenüber Kirche

benutzt. Das finde ich persönlich sehr entlarvend am Roman The Da Vinci

Code. Was als eine Befreiung für die Weiblichkeit verkauft wird, ist vor allem

ein Männerroman. Frauen haben in diesem Roman nichts zu sagen.

Ob gewollt oder ungewollt, zeigt das auch der Film. Die Schauspielerin

Audrey Tautou bietet im Film nichts anderes als eine hübsche Staffage.

Um Frauen geht es dort nicht.

Dabei ist eine Auseinandersetzung mit der Person Maria Magdalena etwas

Lohnenswertes. Historisch gesehen ist sie eine der ersten Gründerinnen

von Kirche. Neben Maria, der Mutter von Jesus, wird keine Frau im

Neuen Testament so häufig genannt wie sie. Sie wird auch mehr genannt

als viele der männlichen Jünger; einzig Petrus, Jakobus, Johannes und, als

negative Kontrastfolie, Judas werden namentlich mehr erwähnt. Sie wird

als einzige bei allen Ostergeschichten genannt, hat damit in biblischen

Texten die gleiche wichtige Funktion wie Petrus bei den Männern. Maria

Magdalena ist in der biblischen Tradition der einzige Mensch, der das

Schicksal von Jesus bezeugen kann: sie war bei der leidvollen Kreuzigung

Zeugin, war bei der Beerdigung dabei und erlebte den Auferstandenen.

Sie ist Bindeglied zwischen dem Menschen Jesus von Nazareth und dem

Auferstandenen, den wir Christus nennen. Sie steht für das ein, was so

schwierig zusammenzubringen ist: Jesus Christus als wahrer Mensch und

als wahrer Gott, was ja die besondere Pointe des christlichen Glaubens

13


ist. Es verwundert daher nicht, dass Maria Magdalena im frühen Christentum

eine herausragende Funktion und Rolle besass, sie prägend

mitwirkte an den ersten christlichen Gemeinden.

Allerdings wissen wir historisch wenig über sie, was dann natürlich Vermutungen

Haus und Tor öffnet. Ihr Name gibt allerdings einige Hinweise.

Sie heisst Maria von Magdala. Magdala war ein Fischereistädtchen in

Nordgaliläa am Westufer des Sees Genezareth. Frauennamen wurden damals

allerdings nicht in Beziehung zu Orten gebracht, sondern mit männlichen

Verwandten verbunden. Der Name von Magdala verweist also darauf,

dass Maria alleinstehend war und keine Beziehungen mehr zu

irgendeiner Familie hatte. Im Lukasevangelium gibt es einen kleinen Hinweis

(Lk 8,1-3), sie wäre von sieben Dämonen besessen gewesen. Da im

Lukasevangelium zuvor von einer namenslosen Sünderin erzählt wird,

wurde Maria Magdalena immer wieder als Ehebrecherin oder Prostituierte

dargestellt, die sieben Dämonen sexuell gedeutet. Allerdings lässt sich

das vom Text überhaupt nicht ableiten. Die Zahl sieben steht vielmehr in

der biblischen Symbolik für etwas Absolutes. Sieben Dämonen sind damit

ein Bild für ein absolutes Besetzt-Sein, dem Verlust von eigener Identität.

Wir wissen nicht, welches Krankheitsbild damit genau gemeint ist, aber

deutlich wird etwas anderes: Maria Magdalena erhält durch die Begegnung

mit Jesus eine eigene Identität, sie wird wieder zu einer Person,

wird zu einem eigenständigen Menschen. Und dann heisst es im Lukasevangelium,

sie diente mit anderen Frauen zusammen Jesus. Damit ist

kein Bedienen gemeint, sondern eine Unterstützung mit allem, was sie

an Möglichkeiten und Fähigkeiten hatten.

III.

Maria Magdalena kann einem Leid tun. Sie war eine eigenständige Person

geworden, hatte mitgewirkt in der Gruppe um Jesus, sich engagiert

und steht nun vor dem Grab. Sie hatte hierfür allen Mut zusammengenommen.

Wer damals einen von den Römern Gekreuzigten betrauerte,

lief Gefahr, bestraft zu werden. Ausserbiblische Quellen wissen auch von

gekreuzigten Frauen zu berichten. Maria nimmt ihren Mut, steht vor dem

Grab, und das ist leer. Somit wurde nicht nur der, von dem sie gehofft

hatte, er würde diese Welt zum Guten hin verändern, ermordet. Jetzt

hatte sie auch keinen festen Ort mehr für ihre Trauer. Marias Welt liegt

in Scherben, ihre Bezugspunkte sind verschwunden, ohnmächtig weiss

sie nicht, was sie machen soll. Maria kann einem Leid tun, sie wird uns

14


damit sympathisch, wir leiden mit. Dadurch rückt Maria Magdalena uns

aber als Person näher. Wird zur Gesprächspartnerin in Lebenssituationen,

in denen uns Ohnmacht begegnet, wir nicht mehr wissen, wie es

weitergehen soll. Wut, Trauer, Enttäuschungen wie eine Wand vor uns

stehen. Wie bei Maria wird dann unser Blick fixiert, läuft routiniert, wird

zum Tunnelblick, starr und oft nach unten gerichtet oder sich abwendend.

Auch Maria Magdalena wendet sich ab. Ist gefangen in ihrer eigenen

Geschichte, sieht rechts und links nichts mehr: Kein Sinn, kein Gott,

nichts. Wir erleben halt nicht immer die Nähe Gottes. Manchmal ist es zu

laut, manchmal zu grell, manchmal kreisen wir zu sehr um uns selbst.

Gerade diese Lebenssituation, in der Maria Magdalena hier in der Geschichte

steht, hat sie im Mittelalter zu einer beliebten Heiligen und Legendenfigur

gemacht. Denn im Mittelalter wurde eine Sehnsucht nach

Vorbildern gross, die sich mit den alltäglichen Fragen und Sorgen auseinander

setzten. Eine Sehnsucht, die uns ja heute noch Lebensgeschichten

von Menschen so interessiert zuhören lässt. Nicht, weil wir die Geschichten

eins zu eins auch so erleben. Nicht, weil die Lösungen, die

Menschen für ihre Lebensgeschichten gefunden haben, automatisch zu

unseren Lösungen werden können. Aber, dass dort überhaupt vom Leben

erzählt wird. Von nicht Gelungenem und vor allem auch von Gelingendem.

Uns dadurch Hoffnungsgeschichten erzählt werden, dass das

Leben gerade nicht nach einer unbarmherzigen Logik verlaufen muss.

Menschen selbst etwas ändern können. Dass Menschen etwas begegnen

kann, was über den normalen Lauf der Welt hinausgeht. Selbst wenn wir

dieses auf den ersten und zweiten Blick nicht immer erkennen. Auch

Maria sieht die Nähe Gottes zunächst nicht, obwohl diese Nähe eindeutig

da ist. Aber ihr Blick ist verschleiert, zu sehr aufs Übliche gerichtet. Maria

erwartet einen liegenden Jesus, einen Gestorbenen. Weil sie niemanden

findet, der dort liegt, resigniert sie. Und übersieht dabei fast den stehenden

Christus. Wir sind halt schnell in unseren Blickwinkeln gefangen.

IV.

Maria Magdalena sieht keine Bezugspunkte mehr für ihr Leben. Doch

Gott sei Dank lässt Jesus nicht locker. Maria Magdalena ist ihm so wichtig,

dass er sich ihr zeigt, obwohl er eigentlich zum Vater unterwegs ist.

Sie darf ihn nicht berühren, aber sie erfährt ihn. Diese Szene, in der Maria

Magdalena Christus erkennt, ist immer wieder gezeichnet worden. Sie

gehört zu den grossen Szenen in der Kunst, ist zu einer Geste geworden.

15


Auf diesen Bildern sehen wir eine kniende Maria. Allerdings ist dieses

Knien eines, das nicht passiv ist. Es ist ein nach vorne gebeugtes Knien,

was automatisch zum Aufstehen führt, wenn wir dieses Knien nachspielen

würden. Durch die Begegnung mit Jesus Christus wird Maria Magdalena

zum Aufstehen gebracht, der Auferstandene lässt sie aufstehen.

Wieder erfährt Maria in der Begegnung mit Jesus eine Stärkung ihrer

Identität. Sie weiss nun, was sie machen soll. Sie hat von dieser Begegnung

zu erzählen, ist Zeugin für Gott, der völlig Mensch wurde und doch

Gott ist. Sie ist durch die Begegnung für die Herausforderungen der Zeit

gestärkt, hat einen Bezugspunkt erfahren. Einen Bezugspunkt allerdings,

der nicht festzuhalten ist. Einen Bezugspunkt vielmehr, der einlädt, selbst

aktiv zu werden. Maria erfährt durch die Begegnung eine Auferstehung

fürs Leben im Hier und Jetzt. Lernt, rechts und links zu schauen, dass das

Leben mehr ist als der Augenblick, wir das Leben nicht alleine leben. Und

Jesus erhält in Maria eine starke Mitstreiterin, die mit ihm trägt, und damit

ein Stück weit zu seinen Händen wird. Die Vorbild ist, nicht als Figur

gegen eine verkrustete Kirche, sondern als Mitstreiterin für das Leben im

Hier und Jetzt.

Gott Gutes tun

Im Lukasevangelium, im 7. Kapitel, wird folgende Geschichte erzählt:

16

36 Einer

der Pharisäer aber bat Jesus, mit ihm zu essen. Und er ging in das

Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. 37 Und da war eine Frau in

der Stadt, die galt in der Stadt als Sünderin. Als sie erfuhr, dass er im Haus

des Pharisäers bei Tisch sass, brachte sie ein Alabastergefäss voll Balsam.

38

Und sie kam von hinten, beugte sich über seine Füsse, weinte und

begann, mit ihren Tränen seine Füsse zu benetzen. Und sie trocknete sie

mit ihrem Haar, küsste seine Füsse und salbte sie mit dem Balsam. 39 Als

aber der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sagte er sich: Wäre

dieser ein Prophet, so wüsste er, wer das ist, was für eine Frau ihn da berührt,

nämlich eine Sünderin. 40 Und Jesus antwortete ihm: Simon, ich habe

dir etwas zu sagen. Er erwiderte: Meister, sprich! 41 Ein Geldverleiher

hatte zwei Schuldner; der eine schuldete ihm fünfhundert Denar, der andere

fünfzig. 42 Da beide es nicht zurückzahlen konnten, schenkte er es beiden.

Welcher von ihnen wird ihn nun mehr lieben? 43 Simon antwortete:

Ich nehme an, der, dem er mehr geschenkt hat. Da sagte er zu ihm: Du

hast Recht. 44 Und indem er sich zur Frau umwandte, sagte er zu Simon:

Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen: Wasser für die Füs-


se hast du mir nicht gegeben; sie aber hat, seit sie hereingekommen ist,

meine Füsse mit ihren Tränen benetzt und mit ihrem Haar getrocknet.

45 Einen Kuss hast du mir nicht gegeben; sie aber hat, seit sie hereingekommen

ist, nicht aufgehört, meine Füsse zu küssen. 46 Mit Öl hast du

mein Haupt nicht gesalbt; sie aber hat mit Balsam meine Füsse gesalbt.

47 Darum sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel

geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. 48 Zu ihr aber

sagte er: Dir sind deine Sünden vergeben. 49 Da begannen die Gäste untereinander

zu sagen: Wer ist dieser, dass er sogar Sünden vergibt? 50 Er

aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dich gerettet. Geh hin in Frieden!

I.

Liebe Gemeinde,

in der gehörten Geschichte tut die Frau Jesus Gutes. Sie wäscht ihm die

Füsse, ein Zeichen von Gastfreundschaft. Sie liebkost die Füsse, schenkt

Jesus neben Aufmerksamkeit vor allem Zärtlichkeit. Sie nähert sich ihm,

berührt ihn, tut ihm Gutes. Gott Gutes tun: In unserer Predigtreihe über

Frauen um Jesus nahmen wir genauer in den Blick, was Jesus durch Frauen

geschenkt bekommen hat. Wir hörten von der Schwiegermutter des

Petrus. Bei ihr hat Jesus ein Dach über dem Kopf bekommen und eine

Mitstreiterin, die sich für seine Sache unbedingt einsetzt. Wir hörten von

einer ausländischen Frau. Durch sie hat Jesus gelernt, dass die Welt mehr

ist als nur der eigene Horizont, und er über seinen eigenen Schatten

springen muss, um Menschen vorurteilsfrei begegnen zu können. Wir

hörten von Maria Magdalena. Durch sie hat Jesus Treue erfahren, eine

Treue, die über den Tod hinausging und die damit Jesus einen Ort ermöglicht,

bei dem Mensch und Gott in Jesus Christus Gestalt annehmen kann.

Und nun erfährt Jesus Zärtlichkeit und Liebe, ihm wird Gutes getan.

Gott Gutes tun – das entspricht nicht unbedingt dem Blickwinkel, den wir

üblicherweise einnehmen. Schneller stellt sich uns ja die Frage, was uns

Gott Gutes tut. Oder allgemeiner: Was uns Gott und Glaube überhaupt

nützen, bringen. Was wir davon haben, an Gott zu glauben. Auch hat der

Fokus gewechselt, weg vom Blick auf Gott, hin zum Blick auf den Menschen.

Während über viele Jahrhunderte hinweg der Mensch überzeugt

war, eines Tages vor Gott zu stehen und dort Rechenschaft abzugeben,

hat sich dieses Bild geändert. Heute scheint sich Gott vor den Menschen

zu rechtfertigen zu haben, ist vor den Gerichtshof der menschlichen Vernunft

gezerrt worden. Steht unter dem Verdacht, Ideologie zu sein,

17


Wunschdenken. Wird angeklagt mit den Fragen, die sich gegenüber der

Welt bilden, den berühmten Warums nach Leid, Gewalt, Ungerechtigkeit.

Aus dieser Sicht gedacht habe Gott doch, falls er denn dann überhaupt

existiere, hier für Gutes zu sorgen! Und so wird über Gott gesprochen,

aber halt nicht zu Gott oder gar mit Gott. Die Frau in unserer Geschichte

wendet sich jedoch Gott zu, sie tut Gutes, tut Gott Gutes.

II.

Jesus geniesst die Zärtlichkeit dieser Frau. Das hört sich nach einem Skandal

an, wäre heute sicher mit Natels gefilmt und schon ins Internet gestellt

worden. Spinnen wir diesen Gedanken mal weiter: Müsste Jesus

seine Sohnschaft nach einer solchen Geschichte heute abgeben? Oder

müsste nicht sogar Gott persönlich zurücktreten? Das führt dann allerdings

zu einer gottlosen Welt. Nun zünden wir im Konfirmationsunterricht

häufig eine Kerze an, die symbolisch für Gott steht. Ein gefährdetes

Symbol, das halt schnell auszupusten ist. Ein Symbol, das davon erzählt,

wie schnell etwas erlöschen kann, wie sehr etwas, was sich offen zeigt,

von äusseren Bedingungen beeinflussbar scheint. Wenn Gott jedoch zurücktritt,

die Kerze also erloschen ist, dann fehlt die Tiefe der Welt. Dann

hat Liebe keine Tiefe mehr, keinen festen Grund. Kann nicht über uns

Menschen hinausgehen, sondern bleibt bei uns, verwelkt schliesslich.

Dann hat Hoffnung keine Tiefe mehr, keinen festen Grund. Hat keinen

Ort mehr ausserhalb von uns, sodass alles von uns allein abhängig bleibt,

eine masslose Überforderung also. Dann ist die kalte Vernunft das allein

Regierende, in dessen Wind sich alle Fähnchen zu bewegen haben. Diese

kalte Vernunft, die alles genau berechnet und sich dadurch schliesslich

verrechnet, weil das Leben immer mehr als die Vernunft ist, zum Glück!

In jeder tiefen Liebe und in jeder tiefen Hoffnung steckt Protest. Um es

mit dem Untertitel des Kinderbuches Higgelti Piggelti Pop von Maurice

Sendak zu sagen: Es muss im Leben noch mehr als alles geben. Wenn es

aber noch mehr als alles geben muss, dann braucht es den Mut, anders

zu denken. Dann wird die Frage nach Gott und dem Guten nicht nur eine

Frage des Erwartens und Empfangens, sondern wird zur Einladung, selbst

zu geben. Gott Gutes zu tun beispielsweise, indem wir Sorge zur Liebe

und zur Hoffnung tragen.

In unserer Geschichte wird Ernst damit gemacht, zwischen Gott und

Mensch bestehe eine Beziehung. Durchbricht wird damit das Bild, das immer

wieder gerne von Gott gezeichnet wird. Dass Gott sich selbst genug

18


wäre und Menschen nicht brauche. Ein Gott jedoch, der sich selbst genug

ist, ist nichts anderes als ein Diktator, der beispielsweise sein eigenes

Volk mit Bomben angreift. Nehmen wir Ernst, dass es eine Liebesbeziehung

zwischen Gott und Mensch gibt, dann hat diese gegenseitig zu sein,

sonst ist es keine Liebe.

III.

Gott Gutes tun – die Frau zeigt ihre Liebe mit Zärtlichkeit. Zweifellos hat

unsere biblische Geschichte einen erotischen Hauch, was ja Künstler über

viele Jahrhunderte hinweg in ihren Bildern zu dieser Geschichte mit Genuss

gezeichnet haben. Natürlich spielt auch der Beruf der Frau als Prostituierte

eine Rolle, nichts anderes ist hier gemeint. Jesus steht allerdings

in der biblischen Tradition des Alten Testaments. Prostitution wird hier

nicht einfach moralisch beschimpft. Vielmehr steckt in den biblischen

Texten das Wissen, warum es Frauen in die Prostitution treiben kann.

Prostitution ist ein Zeichen von Frauenarmut, bei welcher der Körper als

einzige Ware herhalten muss. Da hat sich bis heute nicht viel geändert.

Durch Prostitution werden Frauen aber zu Objekten degradiert, Doppelmoral

ist dann nie weit entfernt. Gegen diese Doppelmoral stellen sich

die biblischen Texte und stellt Jesus sich hier. Aus dem Objekt Prostituierte

wird hier ein Subjekt: eine Frau, die aktiv liebt, die nicht nur Empfängerin

von etwas Gutem ist, sondern selbst Gutes tut, gerade weil sie

liebt. Jesus sieht die Frau nicht einfach als Sünderin an, sieht sie gerade

nicht durch eine Defizit-Brille, sondern er erkennt an, wie wertvoll als

Mensch sie ist. Die übliche Schwarz-Weiss-Malerei wird damit durchbrochen.

Es geht nicht um Objekte, sondern um Menschen, um Subjekte.

Menschen werden von Jesus nicht mit Etiketten versehen und abgestempelt.

Sie werden als Subjekte gesehen. Und wer Subjekt sein darf, kann

auch handeln. Wie die Frau hier handelt und Gutes tut, Gott Gutes tut.

Jesus geniesst die Salbung durch die Frau. Und widerspricht damit der

Vorstellung einer abstrakten Liebe Gottes zu den Menschen. In der Kirche

wird die Liebe Gottes häufig als eine steril saubere Liebe verstanden,

als ein Postulat, wird zur dogmatischen Festschreibung. Wenn aber Gott

die Liebe ist, wenn Gott Liebhaber ist, dann muss dort Leidenschaft hineinkommen,

Begehren, Sehnsucht, Genuss. Die Bibel erzählt eine Love-

Story, und für diese Love-Story braucht es Leidenschaft, wie es die Sprache

der Mystik erzählt, die in der christlichen Religion die Liebe immer

wieder entdeckt hat. Nicht als Worthülse, sondern als Erfahrungsort der

19


Begegnung zwischen Gott und Mensch. Und für Liebe braucht es immer

zwei, sonst verkümmert die Liebe.

IV.

Die Frau zeigt ihre Liebe und salbt Jesus. Sie setzt damit um, was das jüdische

Glaubensbekenntnis, das Höre Israel aus dem 5. Buch Mose einfordert:

eine Liebe Gottes mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit

ganzer Kraft. Denn es gibt im Leben noch mehr als alles. Durch ihre liebevolle

Zuwendung versinnlicht die Frau, mit wem wir es in Jesus eigentlich

zu tun haben. Sie salbt ihn, macht ihn damit zum Gesalbten, was auf Hebräisch

Messias, was auf Griechisch Christus heisst. Jesus ist also der

Christus. Deshalb kann er die Sünden vergeben. Es gibt ja nur zwei Geschichten

in der Bibel, in der Jesus selbst Sünden vergibt. Wenn wir sehen,

wie zentral die Sündenvergebung in der Kirche geworden ist, überrascht

das noch. Uns wird hier aber erzählt, was aus Sündenvergebung

entsteht: die Freiheit, in Liebe zu handeln. Die Frau hat verstanden, dass

in Jesus als dem Gesalbten, dem Christus, ihr Liebe begegnet. Insofern ist

die Salbung keine Anbiederung oder der Versuch, von Jesus Zuwendung

zu erhalten. Gegen ein solches Verständnis wehrt sich in unserer Geschichte

Jesus, indem er den Vergleich mit den beiden Schuldnern aufstellt.

So wird deutlich: Die Frau hat schon vorher die Zuwendung Gottes

geschenkt bekommen und handelt nun aus einer Dankbarkeit heraus. Begegnet

ihm in Liebe, begegnet ihm mit Hingabe. Diese Hingabe ist damit

zwecklos, sie kommt aus dem Herzen. Gott Gutes zu tun meint also nicht,

Gott in irgendeiner Form zu beschwichtigen und ihm Honig ums Maul

oder Balsam auf die Füsse zu schmieren. Gott Gutes zu tun ist ein zweckloses

Tun, es ist ein Handeln aus Liebe. Eine Liebe, die uns eintauchen

lässt in ein weites Meer, in Wind und Wiesen, in ein ewiges Daheim. Und

uns damit befreit von einer Suche nach einer perfekten und vollendeten

Liebe, diesem Idealbild unserer Zeit, das uns nur scheitern lassen kann.

Dieses Bild sei der Fundamentalismus unserer modernen Zeit, hat der

Soziologe Ulrich Beck mal geschrieben. Aber in Gott ist noch mehr als

alles. Hier dürfen wir uns hinwenden, in unserer Unvollkommenheit, hier

dürfen wir zu Gott reden, dürfen lieben, handeln, Gutes tun, Gott gegenüber

und damit gegenüber dieser Welt. Handeln wir aus Liebe, dann handeln

wir auch gut an Gott und dürfen vertrauen, dass unsere Liebe getragen

und geschätzt wird, ja sogar genossen.

20

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine