Intelligent Design - Factum Magazin

schwengeler

Intelligent Design - Factum Magazin

› BIOLOGIE

Die Frage nach dem Urheber

Hat Gott die Welt geschaffen oder ist sie durch ungelenkte Prozesse evolutionär entstanden?

Ein Begriff entfacht die Diskussion neu: «Intelligent Design».

Phillip Johnson,

prominenter

Vertreter der

«Intelligent

Design»-

Bewegung in

den USA.

Der Biochemiker

Michael Behe.

Behe lehnt

ebenso wie

manche andere

ID-Vertreter

Makroevolution

nicht grundsätzlich

ab, bestreitet

aber, dass

sie durch ungelenkteMechanismen

erfolgte.

28

Reinhard Junker

Die öffentliche Auseinandersetzung um die

Ursprungsfrage in der Biologie wurde diesen

Sommer ungewöhnlich heftig geführt. Auch in

den Medien hierzulande erfuhr das Thema ungeahnte

Aktualität. Hat Gott die Welt geschaffen

oder ist sie durch ungelenkte Prozesse evolutionär

entstanden? Das neue Reizwort in der

Kontroverse heisst «Intelligent Design» – für viele

Biologen ein rotes Tuch.

Die auflagenstarke «Süddeutsche Zeitung» befasste

sich im Juni und Juli in einer Artikelserie

mit dem «Streitfall Evolution». Im April war «Intelligent

Design» sogar das Titelthema der renommierten

Wissenschaftszeitschrift «Nature».

Am 7. Juli 2005 publizierte die «New York

Times» einen Aufsatz des Wiener Kardinals Christoph

Schönborn mit dem Titel: «Finding Design in

Nature». Schönborn schrieb darin: «Evolution im

Sinne einer gemeinsamen Abstammung kann

wahr sein, aber Evolution im neodarwinistischen

Sinne – als ungeleiteter, ungeplanter Prozess zufälliger

Variation und natürlicher Selektion – ist

es nicht. Jedes Gedankengebäude, welches die

überwältigenden Hinweise für Design in der Biologie

leugnet und wegzuerklären versucht, ist

Ideologie und keine Wissenschaft.»

Schönborns Aussage provozierte einen Aufschrei

in Presse und Rundfunk. Die Reaktionen

reichten von Unverständnis bis zu schweren Beleidigungen.

Man beachte: Der Kardinal hatte das

Evolutionsgebäude gar nicht in Frage gestellt,

sondern im Wesentlichen nur bestritten, dass

Evolution ungelenkt ihre Produkte hervorgebracht

habe.

Doch bereits dieser Einspruch ist für viele Zeitgenossen

in der wissenschaftlichen Welt und für

deren Presseleute offenbar unerträglich. Die Heftigkeit

der Reaktionen und die damit verbundenen

persönlichen Angriffe zeigten, dass der Kardinal

einen empfindlichen Nerv getroffen hatte.

Worum geht es beim «Intelligent Design»?

DER GRUNDGEDANKE HINTER ID

Der Begriff «Design» muss in diesem Zusammenhang

umfassend verstanden werden. Gemeint ist

vor allem eine zweckvolle Anordnung von Teilen,

die geeignet ist, eine ausgeklügelte Funktion auszuüben,

so dass eine Zielorientierung erkennbar

ist.

Zum Design können auch spielerische Elemente

und andere Komponenten gehören. Nach

menschlicher Erfahrung wird dafür ein intelligenter

Urheber (Designer, Konstrukteur, Schöp-

Gedankengebäude,

welches die überwältigen-

‘‘Jedes

den Hinweise für Design

in der Biologie leugnet

und wegzuerklären versucht, ist

Ideologie und keine Wissenschaft.

’’

Christoph Schönborn

Titelgeschichte im US-Magazin «Time»:

Hat Gott in der Wissenschaft einen Platz?

› factum 7 I 2005


fer) benötigt. Die Frage ist: Trifft dies auch auf die

Lebewesen und die unbelebte Welt zu?

Die Bibel gibt uns eine eindeutige Antwort:

«Denn was man von Gott erkennen kann, das ist

unter ihnen wohlbekannt; Gott selbst hat es ihnen

ja kundgetan. Sein unsichtbares Wesen lässt sich

ja doch seit Erschaffung der Welt an seinen Werken

mit dem geistigen Auge deutlich ersehen,

nämlich seine ewige Macht und göttliche Grösse»

(Römer 1,19–20; nach Menge).

Diese Sätze aus dem Neuen Testament beschreiben

auf anschauliche Weise den Grundgedanken

des «Intelligent Design»-Konzepts. Die

Wendung «mit dem geistigen Auge» («noumena»)

kann auch mit «denkend» übersetzt werden. Gemeint

ist also, dass ein aufmerksames Beobachten

der Schöpfung unter Einsatz des Verstandes

auf einen Urheber schliessen lässt, ja sogar, dass

man auf diesem Wege etwas über sein Wesen erkennen

kann. 1

Etwas nüchterner formuliert: Die Hauptaussage

des «Intelligent Design» (ID)-Konzepts besagt,

dass man an Strukturen der Lebewesen

(oder auch der unbelebten Welt) Eigenschaften

(«Signale») erkennen kann, die auf das Wirken eines

intelligenten, willensbegabten Urhebers (Designer,

Schöpfer) hinweisen und andere Möglichkeiten

ihrer Herkunft unwahrscheinlich machen

oder sogar ausschliessen.

Das ID-Konzept rechnet mit der Möglichkeit,

dass es allgemein in der Natur und insbesondere

in der Organismenwelt Planung gibt, und geht

der Frage nach, ob dafür Hinweise durch empirische

Forschung gefunden werden können.

Solche Hinweise werden als «Design-Signale»

bezeichnet.

Der ID-Ansatz versteht sich nicht als Lückenbüsser

für Unerklärtes aufgrund offener Fragen,

sondern beansprucht, anhand nachweisbarer Indizien

positive Belege für seine Position vorbringen

zu können. Phillip Johnson, bekannt durch

das Buch «Darwin on Trial», schreibt: «Intelligente

Ursachen können bewirken, was nicht intelligente

Ursachen nicht können, und eine naturwissenschaftliche

Untersuchung kann diesen

Unterschied aufzeigen» (Johnson 1999).

Wie aber wird erkannt, ob Phänomene in der

Natur auf intelligente Ursachen zurückgehen?

Aus der oben zitierten Passage aus dem Römerbrief

geht schliesslich keine Anleitung für eine

wissenschaftliche Vorgehensweise hervor. Woran

werden Design-Signale, also die Hinweise auf einen

Urheber, festgemacht, welche Kriterien kann

man dafür einsetzen?

Abb. 2: Zufällig geformte Gesteinsbrocken oder

Werkzeuge? Kenner von Steinwerkzeugen können

an bestimmten Formen von Abschlägen erkennen,

ob ausschliesslich natürliche Prozesse für die Form

verantwortlich gemacht werden können, oder ob

ein Urheber am Werke war, der das Objekt gezielt

bearbeitet hat. Hier handelt es sich um einfache

Geröllgeräte aus der Olduwan-Kultur. Wichtig ist,

dass auf einen Urheber geschlossen werden kann,

auch wenn weder seine Identität noch seine

Vorgehensweise bekannt sind.

HINWEISE AUF ID: «DESIGN-SIGNALE»

Für die Gestalt von Naturgegenständen kommen

grundsätzlich drei Faktoren in Frage: Zufall, Naturgesetze

und Wille (Planung, Design). Um nachzuweisen,

dass ein Designer am Werke war, können

zwei Wege beschritten werden:

1. Negatives Argument: Zufall und Naturgesetze,

bzw. allgemein ungelenkte Prozesse oder natürliche

Vorgänge, werden als hinreichende Ursachen

ausgeschlossen (Abb. 1 und 2).

2. Positives Argument: Es werden Hinweise auf die

Tätigkeit eines intelligenten Urhebers gefunden.

Der erste Weg ist insofern problematisch, als

nie garantiert werden kann, dass alle denkbaren

natürlichen, ungelenkten Mechanismen entdeckt

und auf ihre Leistungsfähigkeit hin getestet

wurden. Man kann allenfalls sagen, dass auf der

BIOLOGIE ‹

Abb. 1: Rippelmarken

am

Sandstrand:

schön geformt,

aber ohne

Designer durch

Naturgesetze

erklärbar.

Der ID-

Ansatz

versteht

sich nicht

als Lückenbüsser

für

Unerklärtes,

sondern

beansprucht,

positive

Belege für

seine

Position

vorbringen

zu können.

factum 7 I 2005 ‹ 29


› BIOLOGIE

> DIE LOGIK DER

MAUSEFALLE

➀ Einfaches Holzbrett

dient als Basis.

➁ Der Metallbügel, um

die Maus zu töten.

➂ Die Feder mit den

verlängerten Enden

presst den Bügel auf

das Brettchen.

➃ Der Halter für den

Köder gibt bei

leichtem Druck den

Haltedraht frei.

➄ Der

Haltedraht

hält den

Bügel

zurück.

Eine Mausefalle. Sie besteht aus

fünf verschiedenen Teilen, von denen

keines fehlen darf, sonst kann man

mit der Falle keine Mäuse fangen. Jedes

der Teile muss zudem sinnvoll zum Ganzen

passen. Die Falle ist somit ein nicht reduzierbar

komplexes System. Ein solches System kann nicht

zufällig entstehen.

30

Basis bekannter Daten ein natürlicher Weg bislang

unbekannt ist. Dennoch: Je häufiger sich

Fehlschläge bei den Bemühungen um ausschliesslich

natürliche Erklärungen einstellen, desto unplausibler

wird ein solcher Weg.

Im Folgenden soll daher der zweite Weg verfolgt

werden. Hinweise auf einen intelligenten

Urheber werden als «Design-Signale» bezeichnet.

Drei Sorten von Design-Signalen sollen kurz

erläutert werden (es gibt noch mehr; vgl. Kasten

sowie Abb. 5 und 6).

• Irreduzible Komplexität

Als Hinweise für ID gelten vor allem komplexe,

synorganisierte Strukturen. Solche Strukturen

besitzen verschachtelte Wechselbeziehungen

zwischen ihren Bestandteilen. Das heisst: Es wirken

viele Komponenten zusammen, um eine

oder mehrere Aufgaben zu erfüllen. Mindestens

ein Teil dieser Systeme scheint unverzichtbar für

die Funktion zu sein; er ist irreduzibel, d. h. er

kann nicht mehr ohne kompletten Funktionsverlust

verkleinert werden. Ein System ist irreduzibel

komplex, wenn es notwendigerweise aus mehreren

fein aufeinander abgestimmten, interagierenden

Teilen besteht, die für eine bestimmte

Funktion benötigt werden. Die Entfernung eines

beliebigen Teils zerstört die Funktion restlos. 2

Das Konzept der irreduziblen Komplexität wurde

durch das viel beachtete Buch «Darwin’s Black

Box» des Biochemikers Michael Behe bekannt

(Abb. 4).

• Spielerische Komplexität

Ein weiteres Design-Signal sind Konstruktionsmerkmale

von Lebewesen, die ausgefallener erscheinen,

als die Funktion der Struktur erwarten

lässt. Man könnte hier von «Luxusstrukturen»

oder von «spielerischer Komplexität» sprechen.

Beispielsweise erfüllen einfach gebaute Blüten

den Zweck der Anlockung von Bestäubern genauso

gut wie komplizierte; weshalb gibt es also

Abb. 4: Auch von der

Fachpresse stark

beachtet und vielfach

kritisiert: «Darwin’s

Black Box» von

Michael Behe.

so überaus ausgefallene Einrichtungen? (siehe

Beispiel im Kasten «Design-Signale: Sahnespritze

im Schiffchen».) Es gibt Strukturen dieser Art in

Hülle und Fülle; man studiere dazu nur Werke

über Blütenbiologie.

• Potentielle Komplexität

Eine dritte Sorte von Design-Signalen sind Fähigkeiten

von Lebewesen, die bei Bedarf in Erscheinung

treten können und die durch aktuelle Selektionsbedingungen

(oder auch durch Selektionsbedingungen

ihrer mutmasslichen Vorfahren)

nicht erklärt werden können. Man könnte von

Variationsprogrammen sprechen, die den Lebewesen

schöpfungsgemäss mitgegeben wurden,

eine Art Rucksack mit Vorrat für die Zukunft. Beispielsweise

ist bekannt, dass Bakterien unter

Stressbedingungen die Mutationsrate erhöhen

können, um sich schneller anpassen zu können,

und die Mutationen sind in Bereichen konzentriert,

wo sie am ehesten zu nützlichen Veränderungen

führen. Man hat den Eindruck, als seien

Wege der «Anpassung bei Bedarf» bereits angelegt,

also vorgeplant, und damit ein Hinweis auf

Design (Hunter 2004, 204). Streng naturalistische

Ansätze können dagegen nur streng gegenwartsorientiert

sein, da sie keine vorausschauende Instanz

kennen.

HINWEISE AUF EINEN DESIGNER?

Die Suche nach Spuren eines Urhebers wird in

der Forschung häufig praktiziert, z. B. in der Archäologie,

wenn Artefakte von Naturprodukten

unterschieden werden (vgl. Abb. 2), oder in der

sog. SETI-Forschung (SETI = Search for Extra-Terrestrial

Intelligence), wenn im Weltall nach Spuren

intelligenter Wesen gesucht wird. Der dort

übliche Schluss von Designer-Spuren (also Design-Signalen)

auf das Wirken eines Designers

findet exakt nach dem ID-Konzept Anwendung

auf die Lebewesen.

Dabei wird ein Analogieschluss wie folgt gezogen

(vgl. Abb. 5 und Tab. 1): Lebewesen zeichnen

sich durch den Besitz synorganisierter, irreduzibel

komplexer, zweckvoller Strukturen aus (seien

es Organe oder Stoffwechselwege u. a.). Wir wissen

bei technischen Geräten oder bei Werkzeugen,

dass nur eine planende, bewusst agierende

Person solche Strukturen herstellen kann. Aufgrund

sehr ähnlicher Konstellationen bei den Le-

› factum 7 I 2005


ewesen wird geschlossen, dass auch bei diesen

ein Urheber angenommen werden muss.

Man kann also sagen: Der Gedanke an Planung

in der Natur drängt sich aufgrund von Vergleichen

mit technischen Systemen auf. ID ist also

nahe liegend.

Die Schlussfolgerung von «Design» auf einen

«Designer» wird im täglichen Leben ständig und

zu Recht gezogen und ist dort völlig unproblematisch.

Damit ist auch klar: Die Beweislast liegt

nicht bei denjenigen, die ID behaupten, sondern

bei denen, die das offenkundige intelligente Design

als scheinbar entlarven wollen (vgl. dazu den

Abschnitt über Kritik am ID-Konzept).

Es gibt noch eine weitere – bislang eher theoretische

– Möglichkeit, das Wirken eines Designers

plausibel zu machen. Man könnte versuchen,

Abb. 5: Veranschaulichung der Analogie zwischen

lebendiger und technischer Konstruktion. Links ist

die grundsätzliche Konstruktion eines Motors dargestellt,

rechts der Nanomotor eines E. coli-Bakteriums.

Beide Strukturen sind zweckgerichtet, viele

Komponenten sind offenkundig auf ein Ziel hin

organisiert. (Nach Nachtigall 2002, S. 126)

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Abb. 6: Schemazeichnung einer Bakterienzelle mit

Rotationsmotor und Geissel. Das Feld am «Vorderende»

des Bakteriums bezeichnet einen Bereich der

Cytoplasmamembran, welcher dicht mit Chemosensoren

besetzt ist. Man hat dieses Chemosensorenfeld

auch die «Nase» des Bakteriums genannt. Von

dort werden Steuersignale (Pfeile) an die Motoren

übertragen, die ihrerseits die Flagellen in Rotation

versetzen. Flagellen erzeugen durch Rotation den

Vortrieb. (Aus: Junker & Scherer 2001)

den Entstehungsvorgang experimentell nachzuvollziehen.

Tatsächlich ist es z. B. möglich, komplexe,

funktionelle Moleküle im Labor zu erzeugen,

doch gelingt dies nur unter Einsatz von

Know-how. Wenn man so will: Die Entstehung

von Design-Strukturen kann im Labor nachgestellt

werden, und es zeigt sich bislang, dass dies

nur gelingt, wenn Designer (in diesem Fall Biochemiker)

planend und steuernd agieren.

Alle beschriebenen Hinweise auf einen Urheber

sind natürlich abhängig vom Kenntnisstand;

doch das gilt für Wissenschaft immer. Weitere

Kenntnisse könnten diese Hinweise

schwächen, sie könnten sie aber auch stärken.

Dass es Hinweise auf einen intelligenten Urheber

gibt, wird auch von vielen Biologen bestätigt,

die nicht an dessen Existenz glauben. So

beschreibt Richard Dawkins (Autor des Bestsellers

«Der blinde Uhrmacher») die Biologie als

«das Studium komplizierter Dinge, die so aussehen,

als seien sie zu einem Zweck entworfen worden»

(Dawkins 1987, 13). Oder in den Worten des

Evolutionsbiologen Francisco Ayala: «Das funktionelle

Design von Organismen und ihre Eigenschaften

scheinen für die Existenz eines Designers

zu sprechen» (Ayala 1994, 4). Und über das

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Konzept der «potentiellen

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ID gelten

komplexe,

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factum 7 I 2005 ‹ 31


› BIOLOGIE

32

> DESIGN-SIGNALE: «SAHNESPRITZE IM SCHIFFCHEN»

Blütenaufbau

und

Bestäubungsmechanismus

beim

Hornklee

und bei

den Lupinen

zeigen zwei

Arten von

Design-

Signalen.

Hornklee und Lupinen gehören zur Familie der

Schmetterlingsblütler, genau wie diverse Klee-

Gattungen, Wicken, Besenginster, Lupinen, Bohnen

und Erbsen. Ihren Namen verdankt diese

Familie dem eigenartigen Blütenbau (Abb. 8).

Die zweiseitig symmetrischen Blüten bestehen

aus der Fahne, die als meist grösstes Kronblatt als

Lockorgan für bestäubende Insekten dient, weiter

aus den Flügeln und dem darunter verborgenen

Schiffchen, das aus zwei zusammengewachsenen

Kronblättern besteht. In dessen Innerem sind zehn

verwachsene Staubblätter (manchmal ist

eines davon frei) und der Griffel versteckt. Diese

für die Fortpflanzung wichtigen Organe sind von

aussen nicht zu erkennen. Flügel und Schiffchen

sind oft teilweise verwachsen und bilden den

Landeplatz für die Bestäuber.

Lupinen und die Hornklee-Arten haben in ihren

Blüten einen sonderbaren Pumpenmechanismus

eingebaut, der an eine im Haushalt übliche Sahnespritze

(Abb. 7) erinnert. Das Schiffchen ist vorne

zugespitzt, besitzt aber eine kleine Öffnung. Bereits

im Knospenzustand entleeren die Staubblätter

den Pollen in die Schiffchenspitze hinein. Die

Staubblätter sind besonders lang und an ihrem

Ende knollig verdickt. Diese Verdickungen sorgen

zunächst dafür, dass der Pollen in der Schiffchenspitze

festgehalten wird.

Landet ein Insekt auf der Blüte, drückt es die

«Flügel-Schiffchen-Einheit» nach unten. Jetzt wir-

Abb. 7: Pumpenmechanismus bei der Lupine (Lupinus polyphyllus).

Das Insektengewicht drückt beim Blütenbesuch das Schiffchen nach

unten (Pfeil). Dadurch pressen die oben verdickten starren Staubblätter

den zuvor in die Schiffchenspitze entlassenen Pollen aus

einer kleinen Öffnung an der Spitze des Schiffchens heraus auf

den Unterleib des Insektes. Links: Schiffchenspitze mit austretendem

Pollen. Rechts unten: Sehr schön zu sehen: Die Verdickungen

oben an den Staubblättern des Hornklees (Lotus corniculatus).

› factum 7 I 2005


ken die steifen, verdickten Staubblätter wie ein

Kolben im Zylinder. Sie pressen den Blütenstaub

vor sich her und dadurch aus der Spitze des

Schiffchens heraus auf den Unterleib des Insekts.

Ist nach mehrmaligem Pressen der Pollen abgegeben,

stösst an seiner Stelle die Narbe aus

der Schiffchenspitze heraus. Sie kann nun den

Pollen aufnehmen, den ein anderes Insekt mitbringt.

Offenkundig funktioniert die Apparatur nur,

wenn alle Bauteile komplett ausgebildet sind:

Wir sehen hier das Design-Signal der irreduziblen

Komplexität.

Nicht alle Schmetterlingsblütler besitzen diesen

ungewöhnlichen Pumpenmechanismus.

Beim verbreiteten Wiesenklee und anderen Klee-

Arten fehlt er; beim Blütenbesuch klappen die

Staubblätter einfach oben aus dem Schiffchen

heraus. Diese Pflanzen existieren und gedeihen

trotzdem gut; sie sind sogar sehr weit verbreitet.

Hier stellt sich die Frage: Warum so kompliziert,

wenn’s auch einfacher geht? Es drängt sich

der Eindruck auf, dass wir es mit «spielerischer

Komplexität» zu tun haben – ein zweites Design-

Merkmal. Es handelt sich – wenn man so will –

um eine Luxusstruktur, die wunderbar funktioniert,

aber nicht nur durch ihre Zweckmässigkeit

allein erklärbar erscheint, sondern darüber hinaus

auf spielerische Phantasie hinweist. (rj.)

Fahne

Flügel

Schiffchen

Abb. 8: Blütenbau eines Schmetterlingsblütlers

am Beispiel des Besenginsters (Sarothamnus).

Die hier herausgesprungenen Staubblätter und

Griffel sind normalerweise im Innern des Schiffchens

verborgen.

motor (vgl. Abb. 5 und 6), schreibt De Rosier in

der renommierten Zeitschrift «Cell» (Jg. 93, S. 17):

«Mehr als andere Motoren ähnelt die Bakteriengeissel

einer vom Menschen konstruierten

Maschine.»

Besonders beeindruckend ist schliesslich das

folgende Zitat von Michael Ruse: «Wir untersuchen

Organismen – mindestens ihre Teile – als

wären sie erschaffen, als wären sie entworfen

worden («designed»), und dann versuchen wir

ihre Funktionen herauszufinden. Zielorientiertes

– teleologisches – Denken ist in der Biologie angebracht,

weil, und nur weil Organismen so aussehen,

als wären sie konstruiert, als wären sie von

einer Intelligenz erschaffen worden» (Ruse 2003,

268).

KRITIK AN ID

Viele factum-Leser werden den Schluss von Design

auf einen Designer für geradezu selbstverständlich

halten. Christen, die vom Schöpfungsglauben

geprägt sind, tun sich häufig schwer, zu

verstehen, weshalb dieser so nahe liegende

Schluss von den meisten Biologen heutzutage

nicht gezogen wird.

In der Tat betrachten die Kritiker des ID-Ansatzes

den beschriebenen Schluss auf einen Designer

in der Natur als Trugschluss. Es wird darauf

verwiesen, dass man doch seit Darwin grundsätzlich

gezeigt habe, wie Design bei den Lebewesen

durch natürliche, ungelenkte Mechanismen

entsteht (durch Mutation, Selektion und je nach

Vorliebe verschiedene weitere Faktoren). Doch

davon kann nicht die Rede sein. Die bekannten

Evolutionsmechanismen vermögen wohl vorhandene

Strukturen zu variieren, an veränderliche

Umweltbedingungen anzupassen und zu

spezialisieren, nicht aber neue Apparate zu kreieren.

3 Dies nachzuweisen, ist eines der Ziele der

ID-Forscher. Das Ausloten der Leistungsfähigkeit

der Evolutionsmechanismen soll zeigen, dass

Planung erforderlich ist, um zu neuen biologischen

Apparaten oder Stoffwechselwegen zu gelangen

(vgl. das negative Argument im Abschnitt

«Hinweise auf ID»).

Es gilt festzuhalten, dass ID nicht als Ersatz für

natürliche Mechanismen zu verstehen ist, sondern

als Zusatz. Im Rahmen von ID werden

natürliche Mechanismen nicht geleugnet, sondern

als unzureichend betrachtet, um die Entstehung

von Design-Strukturen zu verstehen.

Abgesehen von diesem grundlegenden Einwand

werden in der kritischen Diskussion des

ID-Ansatzes eine Reihe weiterer Kritikpunkte genannt

(siehe Kasten «Intelligent Design»: Einwände

und Entgegnungen).

DIE EMOTIONALE SEITE

Presseberichte und Internetaufsätze zum Thema

verraten, dass die Auseinandersetzung um ID oft

sehr emotional und auch beleidigend geführt

wird. In einer Besprechung eines 800-Seiten-

Sammelbandes über ID schreibt der ID-Skeptiker

Del Ratzsch (2002): «Mindestens in den USA führt

BIOLOGIE ‹

Die

bekannten

Evolutionsmechanismenvermögen

wohl vorhandene

Strukturen

zu variieren,

an veränderlicheUmweltbedingungen

anzupassen

und zu spezialisieren,

nicht aber

neue

Apparate zu

kreieren.

Dies nachzuweisen,

ist eines der

Ziele der ID-

Forscher.

factum 7 I 2005 ‹ 33


› BIOLOGIE

34

jede Diskussion über Evolution, Design usw. innerhalb

von Minuten in theologisches Gebiet.

Daraufhin gehen schnell die Wogen hoch, es wird

am Verstand gezweifelt, Extremisten bezichtigen

die anderen als Extremisten, und die volle Wucht

von ad-hominem-Argumenten wird eingesetzt.» 7

(Unter ad-hominem-Argumenten werden solche

Argumente verstanden, die nicht sachlich, sondern

an der Person orientiert sind, indem zum

Beispiel auf die Unglaubwürdigkeit eines Kontra-

> «INTELLIGENT DESIGN»: EINWÄNDE UND ENTGEGNUNGEN

1. Einwand: Das ID-Argument lebt vom

Nichtwissen (sog. «argumentum ad

ignorantiam»). Die wohl am häufigsten

geäusserte Kritik gegen den ID-Ansatz

lautet: ID beruht auf Kenntnislücken

bei den Evolutionsmechanismen.

Weitere Forschung wird diese Lücken

verkleinern und irgendwann ganz

schliessen.

Entgegnung: Ein Hinweis voraus:

Hinter diesem Einwand steht das Eingeständnis,

dass die Entstehungsweise

von Design-Strukturen durch ungelenkte

Prozesse derzeit ungeklärt ist. 4

Der Einwand selbst trifft nur einen Teil

des ID-Arguments (das negative Argument

im Abschnitt «Hinweise auf ID»).

Im Kern aber ist der Einwand nicht berechtigt:

Denn das ID-Argument beruht

auf Wissen, nämlich auf dem Nachweis

von Design-Signalen und auf dem Wissen,

wie Design-Signale nach aller bisheriger

Erfahrung ausnahmslos entstehen

(vgl. das positive Argument im Abschnitt

«Hinweise auf ID»).

Ausserdem hat sich gezeigt, dass

Tab. 1: Gegenüberstellung von Artefakten und Organismen:

Ist angesichts der vergleichbaren Eigenschaften ein Analogieschluss

auf die Entstehungsweise der Organismen gerechtfertigt

oder machen die Unterschiede dies unmöglich?

Die nachfolgenden Anmerkungen machen deutlich, dass

die Unterschiede nicht grundsätzlicher Art sind.

(1) In der SETI-Forschung («Search for Extra-Terrestrial Intelligence»)

ist die Handlungsweise der Urheber unbekannt;

streng genommen ist das auch bei Faustkeilherstellern der

Fall, denn ein Nachmachen durch experimentelle Archäologie

zeigt nur, wie es funktionieren könnte.

(2) Analog zur experimentellen Archäologie versucht man

auch eine experimentelle Biogenese-Forschung zu betreiben.

Wenn es nicht einmal unter Einsatz von Design gelingen

sollte, Leben zu erzeugen, weshalb sollte es dann ohne Design

funktionieren?

(3) Im Text wird erläutert, dass und weshalb dieser Unterschied

keine Rolle spielt. Der entscheidende Punkt ist der Nachweis

von irreduzibler Komplexität. Diese muss definitionsgemäss in

einer einzigen Generation entstehen.

Wissenszuwachs verstärkt für einen

intelligenten Urheber spricht. Es tun

sich zunehmend grössere Erklärungsprobleme

auf. Charles Darwin schrieb

1859: «Wenn gezeigt werden könnte,

dass irgendein komplexes Organ existiert,

das nicht durch zahlreiche, aufeinander

folgende, geringfügige Veränderungen

gebildet worden sein kann,

würde meine Theorie absolut zusammenbrechen»,

meinte aber, er könne

keinen solchen Fall finden. 5 Diese Situation

hat sich mittlerweile gründlich

geändert.

Für Darwin waren viele Vorgänge in

den Lebewesen «Black Boxes», also

grosse Unbekannte. Diese Prozesse

sind mittlerweile teilweise entschlüsselt

und haben sich als viel komplizierter

erwiesen, als man früher dachte.

Michael Behe schreibt dazu: «Vor 50

Jahren schien die Zelle viel einfacher zu

sein und in unserer Unkenntnis war es

damals einfacher, Darwinsche Prozesse

dafür verantwortlich zu machen. Aber

mit dem Fortschritt der Biologie ver-

henten verwiesen wird, um der sachlichen Auseinandersetzung

entgehen zu können.)

Ratzsch (2002) beklagt sich weiter: «Meine

hauptsächliche Beschwerde betrifft den verachtenden

Ton, den Spott und die persönlichen Angriffe,

die einige Artikel dieses Buches durchziehen.

... Eine signifikante Anzahl von Anti-ID-Artikeln

ist gespickt mit beleidigenden Ausdrücken.

... Obwohl die überwältigende Mehrheit der adhominem-Formulierungen

von den ID-Kritikern

schwand die Vorstellung von Einfachheit

und die Idee des Design wurde immer

zwingender» (Behe 2004, 367).

Und der bekannte Lehrbuchautor

Bruce Alberts (der ID ablehnt) stellt

fest: «Die Zellen sind immer wieder

unterschätzt worden; dies trifft zweifellos

auch für die heutige Zeit zu» (zit.

nach Behe 2004, 360).

Schliesslich können teilweise ID-

Strukturen nachgemacht werden, so

dass mögliche Entstehungswege aufgeklärt

werden können. So wird in der experimentellen

Archäologie die Herstellungsweise

eines Faustkeils durch

Nachmachen erforscht. Ähnlich könnte

man durch die Herstellung von Strukturen

der Lebewesen im Labor zeigen,

dass der Weg zum Leben nur mit durchdacht

konstruierten Apparaturen und

kontrolliertem Timing möglich ist (vgl.

dazu auch den 6. Einwand).

2. Einwand: Wir wissen noch zu wenig

über die Evolutionsfähigkeiten der Lebewesen.

Dieser Einwand hängt mit

(4) Heutige Lebewesen entstehen (soweit empirisch nachweisbar)

durch Information von innen. Doch dies ist für den

Vergleich «Artefakte-Organismen» irrelevant, da es um die

erstmalige Entstehung geht, ausgehend von einer Situation,

in der die Information von «innen» noch nicht vorhanden war.

(5) Auf diese Gemeinsamkeit kommt es im Analogieschluss

an.

› factum 7 I 2005


kommt, gibt es auch einige auf seiten der ID-Vertreter.»

Warum diese Emotionalität?

Eine biblische Orientierung zu dieser Frage gibt

die eingangs zitierte Passage aus dem 1. Kapitel

des Römerbriefs. An den Satz «(...) sein unsichtbares

Wesen lässt sich ja doch seit Erschaffung der

Welt an seinen Werken mit dem geistigen Auge

deutlich ersehen, nämlich seine ewige Macht und

göttliche Grösse» (...) schliesst sich eine bedeutsame

Schlussfolgerung an: «(...) daher gibt es

dem 1. Einwand zusammen. Er drückt

die Hoffnung aus, dass weitere Kenntnisse

eine natürliche Erklärung ermöglichen

werden.

Entgegnung: Weitere Forschung

könnte die Argumentation mit ID durchaus

schwächen. Es liegt im Wesen der

Wissenschaft begründet, dass ihre Aussagen

durch neue Befunde sich bewähren

oder eben auch unplausibel

werden können. Dieser Einwand bestätigt

indirekt also, dass ID seinen

Platz zu Recht auf wissenschaftlichem

Terrain hat, denn das Konzept ist, wenn

es konkretisiert wird, widerlegbar.

Doch es gibt auch den umgekehrten

Fall: Mehr Wissen könnte das Argument

für Design auch verstärken. Es ist keineswegs

ausgemacht, dass Wissenszuwachs

die Ursprungsfrage einer naturalistischen

Antwort näher bringt – im

Gegenteil: In der Vergangenheit war das

gerade nicht der Fall.

3. Einwand: Lebewesen sind Viele-

Generationen-Systeme, sie können sich

selber fortpflanzen und sich Schritt für

Schritt ändern. Dieser Einwand zielt

darauf ab, dass eine synorganisierte

lebendige Konstruktion, die den Anschein

von ID erweckt, in vielen aufeinander

aufbauenden Generationen sukzessive

auf natürliche Weise entstanden

sein könnte.

Entgegnung: Bei irreduzibel komplexen

Systemen greift dieser Einwand

nicht, da der Erwerb einer solchen

Struktur definitionsgemäss in einer einzigen

Generation erfolgen muss und

eben nicht schrittweise entstehen kann.

Denn Zwischenstadien würden der Selektion

restlos zum Opfer fallen. Selektion

kann nämlich erst ins Spiel kommen,

wenn eine Funktion ausgeübt wird.

Kritiker müssten also zeigen, wie

irreduzibel komplexe Strukturen schrittweise

durch ungelenkte Prozesse entstehen

können, so dass in jeder Generation

keine Entschuldigung für sie, weil sie Gott zwar

kannten, ihm aber doch nicht als Gott Verehrung

und Dank dargebracht haben, sondern in ihren

Gedanken auf nichtige Dinge verfallen sind und

ihr unverständiges Herz in Verfinsterung haben

geraten lassen. (...)»

«Intelligent Design» hat nicht nur eine sachliche

Ebene (die zweifellos wichtig ist und ihr

Recht hat). Römer 1,21 macht klar: Gott erwartet,

dass die Menschen den deutlichen Hinweisen,

eine selektierbare Funktion ausgeübt

wird. Das heisst: Es müsste gezeigt werden,

dass es gar keine irreduzibel komplexe

Strukturen gibt. Dieser Nachweis

steht aus. 6 Die Tatsache, dass Lebewesen

Viele-Generationen-Systeme sind,

spielt hier also keine Rolle.

Ob eine Struktur irreduzibel komplex

ist, ist empirisch prüfbar. Man muss

«nur» abwechselnd jedes Bau- oder

Stoffwechselelement eines Systems

entfernen und dann prüfen, ob noch

wenigstens Restfunktionen vorhanden

sind, die selektierbar sind. Wie solche

Strukturen entstehen, könnte dadurch

gezeigt werden, dass man einen realistischen

natürlichen Entstehungsweg

demonstriert. Gelänge dies, wäre das

ID-Argument der irreduziblen Komplexität

erledigt. Ob dieser Nachweis

grundsätzlich nicht geführt werden

kann, muss offen bleiben.

4. Einwand: ID ist nicht falsifizierbar

(widerlegbar). Dieses Standard-Argument

gegen die Wissenschaftlichkeit

von ID besagt, dass man – gleichgültig,

welche Forschungsergebnisse erzielt

werden – immer das Wirken eines

Schöpfers annehmen könnte. Dessen

Wirken könnte also nie widerlegt

werden.

Entgegnung: Diesem Einwand liegt

ein verbreitetes Missverständnis zugrunde.

Es geht nicht um den Nachweis

eines Designers, sondern um den Nachweis

von Design-Signalen. Das Wirken

eines Urhebers kann in der Tat nicht

falsifiziert werden. Daher muss der ID-

Ansatz konkretisiert werden, um ihn

prüfbar und widerlegbar zu machen.

Falsifizierbar ist zum Beispiel die Behauptung

von irreduzibler Komplexität

(s. o.). Dies geht nur durch Forschung

und führt damit zu neuen Erkenntnissen.

Es wurde tatsächlich vielfach

(vergeblich) versucht, das Konzept der

irreduziblen Komplexität zu widerlegen

BIOLOGIE ‹

(Behe 2001; 2004). Offenbar sehen

ID-Kritiker also durchaus Ansatzpunkte

für eine Falsifizierung.

Manchmal wird auch behauptet, der

ID-Ansatz sei wertlos, weil mit ihm alles

erklärt werden könne. Eine Theorie, die

alles erkläre, erkläre nichts. Das

stimmt, doch mit dem ID-Ansatz wird

nicht alles erklärt. Erst eine eingehende

Untersuchung des jeweiligen Gegenstandes

kann zeigen, ob die Annahme

von ID überhaupt plausibel ist, und in

vielen Fällen wird diese Möglichkeit

verworfen. Ausserdem ersetzt ID das

Wirken von Mechanismen nicht, sondern

ergänzt sie.

5. Einwand: Der ID-Ansatz bedeutet Erkenntnisverzicht.

Es wird argumentiert,

dass mit der Auffassung, eine bestimmte

Struktur oder das Leben sei erschaffen

worden, sich weitere Forschung

zur Entstehungsweise erübrigen

würde. Durch diesen Forschungsverzicht

würde man sich mögliche weitere

Erkenntnisse verbauen und damit Wissenschaft

blockieren.

Entgegnung: Der ID-Ansatz ist breiter

angelegt als eine Forschung, die übernatürliche

Ursachen nicht als Möglichkeit

ins Auge fasst. Er ist sowohl für Planung

als auch für natürliche mechanismische

Erklärungen offen und schliesst

keine der beiden Möglichkeiten vorschnell

aus. («Mechanismisch» meint:

sich auf einen gesetzmässig beschreibbaren

Mechanismus beziehend.) Damit

ist der ID-Ansatz geeignet, historische

Fragestellungen zu bearbeiten, denn es

kann ja nicht ausgeschlossen werden,

dass in der Vergangenheit ID eine Rolle

gespielt hat.

Nur mit dem ID-Ansatz besteht zudem

überhaupt Motivation, nach Design-Signalen

zu suchen. Wichtig ist,

dass nicht vorschnell auf ID geschlossen

wird, sondern erst nach eingehender

Prüfung, die für verschiedene Mög-

factum 7 I 2005 ‹ 35


› BIOLOGIE

36

Es ist

vernünftig,

an einen

Schöpfer zu

glauben.

lichkeiten offen sein muss. Der ID-Ansatz

führt also in die Forschung hinein,

nicht von ihr weg. ID ist zunächst eine

Hypothese, die geprüft werden und die

sich bewähren muss. Wenn die Forschung

gar nicht für die Möglichkeit

von ID offen ist, ist sie ideologisch, weil

sie eine mögliche Wirklichkeit von vornherein

ausblendet.

6. Einwand: Es gibt keinen ID-Mechanismus.

Kritiker bemängeln, dass im

Rahmen des ID-Ansatzes auf mechanismische

Erklärungen verzichtet werde.

So schreibt Waschke (2003): «Es gibt

weder Aufstellungen von allgemeinen

Gesetzesaussagen noch Erklärungen,

wie Design mechanismisch funktionieren

soll ...» ID-Vertreter würden auch

gar nicht den Anspruch stellen, mechanismische

oder auch nur kausale Erklärungen

zu liefern.

Entgegnung: Ursprungsforschung

vermag Prozesse, die lange vergangen

sind, nur zu simulieren, nicht aber die

seinerzeit abgelaufenen Mechanismen

direkt zu erforschen. Auch die Evolutionsbiologie

wird grundsätzlich nie demonstrieren

können, durch welche Mechanismen

z. B. erste Lebewesen auf

der hypothetischen frühen Erde entstanden

sind. Vielmehr könnte allenfalls

durch Simulationsexperimente

gezeigt werden, unter welchen Randbedingungen

auf welche Weise Leben

entstehen könnte.

Und nun wird es spannend: Welche

Schlussfolgerungen werden gezogen

werden, wenn sich wiederholt zeigt,

dass Leben oder wenigstens wichtige

Makromoleküle oder Apparate heutiger

Lebewesen nur durch Einsatz von Planung,

durch einen geordneten Versuchsaufbau

und durch ein kontrolliertes

Timing entstehen? Damit hätte man

eine Erklärung gefunden, wie Leben

entstehen kann; man würde einen Vor-

die er in der Schöpfung hinterlassen hat, folgen

und zum Dank ihm gegenüber und zur Anbetung

Gottes gelangen. Das heisst: Die Frage, ob es Hinweise

auf einen intelligenten Urheber gibt, ist zugleich

die Frage, ob es einen Urheber gibt, der

mich selbst erschaffen hat und vor dem ich mich

daher für mein Tun und Lassen verantworten

muss. Wer diese Frage an sich herankommen

lässt, kann nicht mehr distanziert bleiben.

Diese Einschätzung ist rein geistlich begründet,

durch die Offenbarung in der Heiligen

gang kennen, der zu Leben oder wenigstens

von Teilstrukturen von Lebewesen

führt. Man hätte demonstriert, dass

und wie mit «Design» Lebensstrukturen

erzeugt werden können.

Natürlich hätte man auch damit nicht

gezeigt, wie Leben auf unserer Erde in

der Vergangenheit tatsächlich entstanden

ist. Aber es wäre demonstriert

worden, wie es möglich gewesen sein

könnte. Mehr kann grundsätzlich nicht

geleistet werden, weil es um ein Ereignis

in der Vergangenheit geht – in dieser

Hinsicht sitzen alle Ursprungsforscher

im selben Boot.

7. Einwand: Ein Designer hat in der

Wissenschaft nichts zu suchen. Die wissenschaftliche

Methode der Erkenntnisgewinnung

kann einen Schöpfer und

> DESIGN-FEHLER

Gegen ID wird auch argumentiert, es

gebe viele Beispiele von Design-Fehlern,

Unvollkommenheiten und Konstruktionsfehlern,

die einem intelligenten

Urheber nicht unterlaufen würden.

Auch das Aussterben vieler Arten wird

im gleichen Atemzug genannt. Auf dieses

komplexe Thema kann im Rahmen

dieses Beitrags nicht angemessen eingegangen

werden; es sei dazu auf Junker

(2001; 2004) verwiesen. Einige

Hinweise dazu in Stichworten:

• Die Existenz von Mängeln widerlegt

nicht das Auftreten von Design-Signalen.

Die Argumente für ID werden dadurch

nicht entkräftet.

• Konstruktionsfehler wurden in der

Vergangenheit schon oft vorschnell

konstatiert und durch weitere Forschung

widerlegt. Da im Rahmen des

ID-Ansatzes echte, auf die Schöpfung

zurückgehende Mängel, in der Tat

Schrift. Logisches Argumentieren kann höchstens

plausibel machen, dass es deutliche Hinweise

auf einen Schöpfer gibt. Es liefert aber keinen

zwingenden Beweis, den jeder anerkennen

muss. Wenn wir mit empirischen Befunden argumentieren,

gibt es Deutungsspielräume.

Der Schlussfolgerung, dass es einen Schöpfer

gibt, lässt sich argumentativ entkommen. Diese

Möglichkeit besteht. Doch Design-Signale zeigen,

dass es vernünftig ist, an einen Schöpfer zu

glauben.

schöpferische Eingriffe nicht erfassen.

Entgegnung: Dieser Einwand ist berechtigt,

aber irrelevant. Denn in der ID-

Forschung wird nach klar definierten

«Design-Signalen», wie z. B. irreduzibler

Komplexität gesucht, nicht nach

einem Designer. Auf das Wirken eines

Designers wird dann geschlossen,

wenn sich die Existenz von Design-Signalen

plausibel machen lässt.

Ob man den Urheber kennt, spielt bei

der Untersuchung potentieller Design-

Signale keine Rolle. Auch in anderen

Fällen ist es unerheblich, ob man den

Urheber kennt, etwa bei der Untersuchung

von Faustkeilen oder archäologischen

Artefakten. Die ID-Forschung bewegt

sich also auf der empirischen

Ebene, genauso wie jede andere naturwissenschaftliche

Forschung auch.

nicht erwartet werden, bedeutet die

Behauptung, es gäbe solche Mängel,

einen Forschungsanreiz, die Struktur-

Funktions-Beziehungen genauer aufzuklären

und zu zeigen, dass in Wirklichkeit

keine Mängel vorliegen. Ob

dieser Nachweis gelingt, muss die

Forschung im Einzelnen erweisen.

Das ID-Konzept motiviert hier die

Forschung sehr stark.

• In biblischer Perspektive muss bedacht

werden, dass die heutige

Schöpfung nicht der ursprünglichen

entspricht. Römer 8,19–22 zeichnet

eine leidende, seufzende, geknechtete

Schöpfung, verursacht durch

eine «Unterwerfung» der Schöpfung.

Mutmassliche Unvollkommenheiten

könnten also erst sekundär die

Schöpfung kennzeichnen (Junker

2001).

› factum 7 I 2005


CHRISTEN UND INTELLIGENT DESIGN

Römer 1,19 ff. besagt, dass Gott in der Schöpfung

Wegweiser zu ihm selbst hin aufgerichtet hat. Es

ist eine Aufgabe für Christen, diese Wegweiser

kenntlich zu machen. So wie Verkehrsschilder

durch Buschwerk oder Schmutz verdeckt werden

können, so scheinen auch die Design-Signale des

Schöpfers durch weltanschaulich begründete Behauptungen

unkenntlich gemacht worden zu

sein. Zum Beispiel durch die Behauptung, alle

Hinweise, die auf einen intelligenten Urheber

deuten, seien Illusionen.

Gerade auch die Behauptung, es sei geklärt,

wie durch ungelenkte evolutionäre Prozesse die

Konstruktionen des Lebens entstanden seien,

verdeckt die Design-Signale. Christen sollen die

Unhaltbarkeit dieser Behauptung aufzeigen.

Dazu muss die Evolutionslehre nicht widerlegt

werden. Es genügt zu zeigen, dass viele der Behauptungen

der Evolutionstheorie weder plausibel

noch bewiesen sind.

Umgekehrt braucht es auch keine Beweise für

das Wirken eines Urhebers; es genügt, die Design-Signale

als Hinweise sichtbar werden zu lassen.

Auf diesem Wege kann hoffentlich auch bei

vielen Zeitgenossen der Boden fürs Evangelium

bereitet werden. Denn die Wegweiser in der

Schöpfung sind dazu da, um ihnen zu folgen.

Um mehr über Gott zu erfahren als das, was er

in der Schöpfung über sich geoffenbart hat (=

sein «unsichtbares Wesen, nämlich seine ewige

Macht und göttliche Grösse»), brauchen die

Menschen Gottes Wort, die Bibel, welche ihnen

den Weg zu Jesus Christus weist. ■

Hinweis: Eine ausführliche Darstellung des «Intelligent

Design»-Ansatzes und der daran geübten Kritik findet sich

im Internet auf «Genesisnet» und kann kostenlos heruntergeladen

werden unter www.genesisnet.info/schoe

pfung_evolution/p1622.php

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Creatio

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«Creatio» ist ein Projekt, das christlichen Schulen und christlichen

Familien ein Hilfsmittel bietet, in der Auseinandersetzung

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ausführliche Recherchen ermöglicht.

DVD: Die mitgelieferte DVD enthält das Buch und zahlreiche Artikel. Übersichtlich

angeordnet ermöglichen sie das detaillierte Studium einzelner Fragestellungen.

Anmerkungen

1 Mit diesen Worten beschreibt das Theologische Wörterbuch zum

Neuen Testament (hgg. von Gerhard Kittel, Band IV, S. 949) die

Bedeutung des Wortes «noumena».

2 Nach Behe (1996, 39) und Behe (2001, 694).

3 Zur Begründung muss hier auf einschlägige kritische Literatur

verwiesen werden; zum Überblick siehe Junker & Scherer (2001).

4 Behe (2004, 368) zitiert zahlreiche Kritiker seines Buches «Darwin’s

Black Box», die einräumen, dass eine natürliche Entstehung

der von ihm geschilderten Strukturen bislang nicht gelungen sei.

In «Darwin’s Black Box» weist er darauf hin, dass es in der Fachliteratur

kaum Arbeiten gibt, die sich mit den Details der Evolution

von biochemischen IC-Strukturen befassen, und bringt dafür

eine grössere Anzahl von Belegen (vgl. dazu auch Behe 2002).

5 Darwin (1859) im 6. Kapitel seines epochemachenden Buches

«Über den Ursprung der Arten».

6 Eine ausführliche Begründung dazu findet sich in einem Text auf

«Genesisnet»: www.genesisnet.info/schoepfung_evolution/p1624

.php

7 Das besprochene 800-Seiten-Buch trägt den Titel «Intelligent

Design Creationism and Its Critics» (hgg. von R. Pennock).

Literatur

Ayala F (1994) Darwin’s Revolution. In: Campbell J & Schopf J (eds)

Creative Evolution?! Boston, Mass.

Behe MJ (1996) Darwin’s Black Box: the Biochemical Challenge to

Evolution. New York.

Behe MJ (2001) Reply to my critics: A response to reviews of Darwin’s

Black Box: the Biochemical Challenge to Evolution. Biol. Philos.

16, 685–709.

Behe M (2002) Irreducible Complexity and the Evolutionary Literature.

A Response to Critics. www.trueorigin.org/behe04.asp. Zugriff

am 28. 6. 05.

Behe MJ (2004) Irreducible Complexity. Obstacle to Darwinian Evolution.

In: Dembski WA & Ruse M (eds) Debating Design. Friom

Darwin to DNA. Cambridge, pp. 352–370.

Darwin C (1968 [1859]) The origin of Species. Penguin Books, Harmondsworth.

Dawkins R (1987) Der blinde Uhrmacher. München.

Hunter CG (2004) Why evolution fails the test of science. In: Dembski

WA (ed) Uncommon dissent. Intellectuals who find Darwinism

unconvincing. Intercollegiate Studies Institute, S. 195–214.

Johnson PE (1999) The Wedge. Breaking the Modernist Monopoly on

Science. www.touchstonemag. com/docs/issues/12.4docs/12–4

pg18.html, Zugriff am 8. 8. 05

Junker R (2001) Sündenfall und Biologie. Neuhausen-Stuttgart.

Junker R (2004) Argumente gegen Design. www.genesisnet.info/

schoepfung_evolution/i1641.php

Junker R & Scherer S (2001) Evolution – ein kritisches Lehrbuch.

Giessen.

Nachtigall W (2002) Bionik. Grundlagen und Beispiele für Ingenieure

und Naturwissenschaftler. Berlin, Heidelberg.

Ratzsch D (2002) Design Theory and its critics. Monologues passing

the night. Ars Disputandi 9, www.ArsDisputandi.org/publish/articles/000079/article.pdf

Ruse M (2003) Darwin and Design. Does Evolution have a purpose?

Harvard University Press.

Waschke T (2003) Intelligent Design. Eine Alternative zur naturalistischen

Wissenschaft? Skeptiker 16, 128–136. www.gwup.org/skep

tiker/archiv/2003/4/ intellegentdesigngwup.html. Zugriff am 17.

6. 05.

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Evolutionstheorie

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Schöpfungslehre

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BIOLOGIE ‹

Es braucht

keine

Beweise

für das Wirken

eines

Urhebers;

es genügt,

die Design-

Signale als

Hinweise

sichtbar

werden zu

lassen. Um

mehr über

Gott zu

erfahren,

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die Menschen

Gottes

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