MEDIAkompakt Ausgabe 18

mediakompakt

NACKT.

DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING

DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART AUSGABE 02/2015 02.07.2015

media

kompakt

NACKT.

DER GLÄSERNE MENSCH DURCHLEUCHTET

F***EN FÜR DEN REGENWALD NACKTIONEN

NATÜRLICH SCHÖN! GEFÜHLE


2

EDITORIAL

mediakompakt

3 Eva, tu’s nicht!

Gedanken zur Schöpfungsgeschichte

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

4 Kleider machen immer noch Leute

Das Leben in der zweiten Haut

6 Therapie, Ritual, Mode oder Kunst?

Tattoos als Körperschmuck

7 Eine haarige Angelegenheit

Die menschliche Behaarung im Spiegel der Zeit

Die 18. Ausgabe der MEDIAkompakt ist fertig. Das neue Design, welches wir beim letzten Mal vorgestellt

hatten, ist auf große Zustimmung gestoßen. Magaziniger, moderner, frecher sollte die MEDIAkompakt

erscheinen. Dies ist nicht nur visuell gelungen. Das verantwortliche Semester hat sich mit

der Themenauswahl ebenfalls auf ganz neue Pfade begeben. „Nackt!“ lautet das Leitthema dieser

Ausgabe. Es gab spannende Redaktionssitzungen mit angeregten Diskussionen, wie das Thema denn

definiert werden sollte, welche Artikel dazu passen, wie Bilder aussehen könnten. Das Ergebnis kann

sich sehen lassen. Ein bunter Mix aus historischen, kuriosen, erotischen und nicht ganz ernst gemeinten

Themen warten in der aktuellen Ausgabe darauf, gelesen zu werden.

Die MEDIAkompakt ein studentisches Projekt am Ende des Mediapublishing-Studiums an der Hochschule

der Medien mit dem Ziel, das Erlernte aus dem Studium einmal konkret anzuwenden. Dabei

sollen möglichst viele Prozesse und Aufgaben aus einem Presseverlag Anwendung finden: Neben der

redaktionellen Arbeit ist dies die Akquise von Anzeigenkunden, die Gestaltung und technische Realisation

der gedruckten und elektronischen Ausgabe, sowie die Präsentation an der Medianight, dem

Erscheinungstag der MEDIAkompakt.

8 Survival of the nacked

Die Geschichte eines Nacktmulls

10 Von Korsett bis Tanga

Höschen, BHs & Co.

11 Wir sind Prostituierte und das freiwillig!

#facesofprostitution

12 F***en für den Regenwald

Projekte der etwas anderen Art

13 Neue olympische Disziplin: Pole Dance?!

Vom Sport an der Stange

14 Schämt euch!

Vom Reiz und Scham des Nacktseins

15 Hautnah und hüllenlos: Nacktheit in den Medien

Von Avantgarde zu Mainstream

18 Der gläserne Mensch

Hintergrundwissen zur digitalen Privatssphäre

Prof. Christof Seeger

Herausgeber

20 „Wer im Internet ist, hat die Privatheit verlassen.“

Ein Interview mit einem Datenschützer

22 Voller Körpereinsatz

Protest oben ohne

23 Hüllenlos im Supermarkt

Einkaufen ohne Plastik

24 Leichter ans Ziel

Die große Freiheit

IMPRESSUM

mediakompakt

Zeitung aus dem Studiengang Mediapublishing

Hochschule der Medien Stuttgart

HERAUSGEBER

Prof. Christof Seeger

Studiengang Mediapublishing

Postanschrift: Nobelstraße 10

70569 Stuttgart

REDAKTION

Prof. Christof Seeger (V.I.S.d.P.)

E-Mail: seeger(at)hdm-stuttgart.de

CHEF VOM DIENST

Maximilian Münzer, Julia Peduzzi

ANZEIGENVERKAUF

Klara Biehl, Julia Faulwasser, Björn Gallinge, Larissa Just,

Christiane Kappis, Friedrich Kelm, Natalie Maus, Christian

Motschenbacher, Lisa Wahl

PRODUKTION

Leonie Ambrosius, Nadine Beck, Andrea Hoffmann,

Sandrine Libner, Daniel Medved, Hanna Runge

BILDREDAKTION

Isabella Heine, Katrin Kubon, Sophie Smola, Alena Zöhner

FOTO TITELSEITE

Nevit Dilmen

MEDIANIGHT-TEAM

Melanie Bächler, Manuel Butz, Jessica Falk, Julia Stach,

Jennifer Thoma, Manuel Wedig

DRUCK

Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft GmbH & Co. KG

Böblingerstraße 70

71065 Sindelfingen

ERSCHEINUNGSWEISE

Einmal im Semester zur Mediannight

26 Minimalismus: Reduzierter Leben

Reduktion im Portrait

27 Wenn aus nackten Körpern Kunst wird

Eine Hommage an den menschlichen Körper

28 Natürlich schön!

Die gefälschte Schönheit

29 Seelenstriptease vor dem Partner

Von der Schwierigkeit zu lieben

30 Schutzlos in der Angstfalle

Ein Betroffener berichtet

31 Das kleine ABC der Körpersprache

Tipps und Tricks der Kommunikation

Überlebensstrategie der Nacktschnecke

Das letzte Wort


2/2015 KÖRPER

3

Bild: Manuel Wedig

Eva, tu’s

nicht!

„[…] und sie nahm von der

Frucht und aß und gab ihrem

Mann, der bei ihr war, auch

davon und er aß. Da wurden

ihnen beiden die Augen aufgetan

und sie wurden gewahr,

dass sie nackt waren, und

flochten Feigenblätter zusammen

und machten sich Schurze.“

(1. Mose 3, 6–7).

VON MANUEL WEDIG

So erreicht die Schöpfungsgeschichte um

Adam und Eva jene Stelle, welche man in

der Drehbuchentwicklung als „Shit-

Point“ bezeichnen würde. Nehmen wir

nun einmal an, die Geschichte um Adam

und Eva, die beispielsweise von den Kreationisten

als Ursprung der Menschheit gesehen wird, ist tatsächlich

der Anfang des menschlichen Seins. Und

nehmen wir ebenfalls an, die gesamte menschliche

Rasse stammt aus einem in diesem Fall

zwangsweise zugrunde liegenden inzestuösen

Verhältnis der ersten Menschen ab – so stellt sich

hier eine essentiell wichtige Frage: Was, wenn Eva

den Apfel nicht gegessen hätte?

Ein Leben ohne T-Shirt, Shorts und Jeans, ohne

Unterwäsche und Socken: Die Geschichte der

Menschheit wäre wohl von Grund auf sehr viel

anders verlaufen.

Bereits im Mittelalter hätten fehlende Kettenhemden

und nicht vorhandene Rüstungen für

mächtig Verwirrung gesorgt. Wie hätte man

Freund und Feind auf dem Schlachtfeld unterscheiden

sollen? Gleiches Problem würde Jahrhunderte

später bei Mannschaftssportarten wie

dem Fußball aufkommen. Man müsste auf andere,

natürliche Erkennungsmerkmale zurückgreifen.

Beispielsweise getreu dem Motto „Heute spielen

die Blonden gegen die Brünetten“. Manche Sportarten

würden vielleicht auch gar nicht existieren.

Hier sind vor allem Wintersportarten, wie Skifahren

oder Rodeln gemeint. Man stelle sich nur einmal

vor, wie kalt es einem Skispringer ohne Klamotten

in den luftigen Höhen sein muss.

Kleidung hat der Menschheit somit in vielerlei

Hinsicht gewisse Annehmlichkeiten bereitet und

so manche Erfindung erst möglich gemacht. Bei

all den Schwierigkeiten, die uns ein Leben in

Nacktheit bereitet hätte, lässt sich aber nicht leugnen,

dass uns durch eine nackte Welt auch einiges

erspart geblieben wäre. So würde beispielsweise

die Mode-Industrie nicht existieren. Gesichter,

wie das von Donatella Versace, würden nicht über

den Bildschirm flimmern und Alpträume bei vielen

Zuschauern verursachen. Ein Karl Lagerfeld

wäre vielleicht Maurer, statt Mode-Designer und

Heidi Klum die nette Wurstwarenfachverkäuferin

aus der Metzgerei um die Ecke. Und sind wir mal

ehrlich: Wer würde sich nicht gerne von einem

nackten Topmodel die Salami reichen lassen?

Auch Medienphänomene wie Melanie Müller

oder Micaela Schäfer müssten nicht von der breiten

Masse ertragen werden. In einer nackten Welt

wäre ihr Auftreten einfach nur langweilige Normalität

und sie müssten sich auf andere Fähigkeiten

berufen – eine schier unlösbare Aufgabe.

Doch nicht nur auf öffentlicher Ebene hätte eine

nackte Welt Vorteile mit sich gebracht. Auch

im Privaten hätte sie so manche Vorzüge geboten.

So würde sich beispielsweise DIE Frage, die schon

so manche Beziehung auf eine harte Probe gestellt

hat, ganz von selbst beantworten. „Schatz, was

soll ich heute Abend anziehen?“ – Nichts. Eine

Antwort, die sich Mann in einer nackten Welt

nicht mehr nur denken müsste.

Für den heute meist zu jeder Tageszeit bekleideten

Menschen ist ein Leben in vollkommener

Nacktheit jedoch nur schwer vorstellbar. Heute

entledigen sich die meisten Leute ihrer Kleidung

nur noch im eigenen Schlaf- und Badezimmer. In

einer nackten Welt würden sie nackt zum Einkaufen

gehen – abkassiert von einer nackten Kassiererin.

Arbeitnehmer würden ohne Kleidung ihrer

Arbeit nachgehen – unter den Anweisungen eines

unbekleideten Vorgesetzten. Und Studenten würden

nackt in der Vorlesung sitzen – unterrichtet

von einem nackten Professor.

Würden Sie das Leben in einer nackten Welt

bevorzugen?


4 KÖRPER

mediakompakt

Bild: snaprwire snaps, pixabay

Kleider machen immer noch Leute

Wie entwickelte sich die Kleidung

über die Jahrhunderte?

Und warum bekleiden wir uns

überhaupt? Über die Geschichte

und Funktion von

Kleidung.

VON CHRISTIAN MOTSCHENBACHER

Ein nackter menschlicher Körper ist häufig

ein ernüchternder Anblick. Nicht ohne

Grund lautet der gut gemeinte Rat vor

Bewerbungsgesprächen, man solle sich

sein Gegenüber einfach ohne Kleidung

vorstellen. Fehlt die schützende zweite Haut, sehen

wir alle mehr oder weniger gleich aus – eben

„wie Gott uns schuf“. Hüllen wir uns dagegen in

Stoff, Leder, Pelz oder gar Latex verändert das unser

Erscheinungsbild maßgeblich. Kleidung erfüllt

dabei seit frühester Menschheitsgeschichte weitaus

mehr Funktionen als den offensichtlichen

Schutz gegen Wind und Wetter. Wie wir uns anziehen

wird von den verschiedensten Faktoren bestimmt.

Kulturelle und wirtschaftliche Einflüsse

verändern im Laufe der Zeit die Gewichtung dieser

Faktoren und damit die Kleidermode.

Eines ist über die Jahrhunderte aber immer

gleich geblieben: Unsere Kleidung ist ein Signal an

die Außenwelt, ein wichtiges Mittel der nonverbalen

Kommunikation. Wir schlüpfen in eine Rolle,

verkörpern etwas. Zeigen wer wir sind oder wer

wir gerne sein möchten.

Vom Fell zur Krawatte

Kleidung existiert seit es Menschen gibt. Erste

Nachweise finden sich bereits in der Steinzeit. Vor

über 30 000 Jahren bearbeiteten unsere Vorfahren

Tierfelle und Pflanzen und legten sie sich zum

Schutz vor der Witterung um den Körper. Zwar

stand die Schutzfunktion im Vordergrund, aber

die Körperbedeckungen dienten schon damals der

Selbstdarstellung. Besonders schöne Felle kennzeichneten

den Träger als fähigen Jäger und wurden

als Trophäe oder Auszeichnung getragen.

Die Techniken zur Bearbeitung der Naturmaterialien

verbesserten sich stetig weiter. Durch die

Erfindung des Webhandwerks konnten 4000 v.

Chr. erstmals stabile und flexible Kleidungsstücke

aus Stoffen hergestellt werden. Die führenden antiken

Kulturen Rom und Griechenland verfügten

zudem bereits über ausgereifte Färbetechniken.

Bestimmten Farben wurde bald eine Bedeutung

zugeordnet, Kleiderordnungen wurden eingeführt.

Einige Schnitte und Materialien blieben nur

den oberen Schichten vorbehalten. Kleidung

diente in der Antike also längst nicht mehr vorrangig

dem Schutz, sondern der Darstellung von

gesellschaftlichen Rangunterschieden – demonstrierte

Macht und Wohlstand. Das typische Gewand

dieser Zeit, die Tunika, wurde zu diesem

Zweck häufig reich verziert. Mit gefärbten Stoffen

und Schmuckelementen sollte der eigene Status

und die Funktion in der Gesellschaft hervorgehoben

werden.

Dies änderte sich auch im Mittelalter nicht.

Wer es sich leisten konnte, investierte viel Geld in

aufwendige seidene Gewänder und orientierte


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sich dabei an den modischen Vorgaben der großen

Adelshäuser. Besonders beliebt war die Farbe

Rot als Zeichen für Macht und Reichtum. Niedere

Stände legten dagegen mehr Wert auf die Funktionalität

und Belastbarkeit ihrer Bekleidung. Sie trugen

unauffällige, erdfarbene Textilien aus widerstandsfähigen

Materialien wie Hanf und Leinen.

Während Nacktheit in der Antike nicht als anstößig

galt, musste sich die Kleidermode im Mittelalter

den strengen Regeln des Christentums unterordnen.

Mit der „Erfindung“ des Schamgefühls

durch die Kirche, wurden die Ärmel und Hosenbeine

länger, das Tragen von Unterbekleidung zur

Normalität.

Der Übergang in die Neuzeit um 1500 n. Chr.

markiert den jüngeren Hauptabschnitt der europäischen

Modegeschichte. Die Zeit war von rasanten

technischen und kulturellen Entwicklungen

geprägt. Auch die Kleidermode blieb davon nicht

unberührt. Gerade im Rückblick auf die ersten

Jahrhunderte der Neuzeit, trifft man auf zahlreiche

Kuriositäten, die aus dem menschlichen Bestreben

entstanden sind, sich besonders elegant

und modern zu kleiden. Mal eiferte man den Italienern

modisch hinterher, mal den Spaniern, ein

andermal den Franzosen. Den Deutschen (bis

heute) eher weniger.

Während der Herrschaftszeit des Hauses Burgund

Anfang des 15. Jahrhunderts waren Männer

in Strumpfhosen und Mantelröcken keine Seltenheit.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) war

die Mode dagegen eher militärisch geprägt. Man

präsentierte sich in Schlapphut und Stulpenstiefeln.

Am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. ab

1650 regierte wiederum der Prunk. Frauen trugen

überdimensionale Kleider und Männer aufwendige

Perücken. Die meisten der zahlreichen Modetrends

dieser Epochen erscheinen uns heute absurd

und übertrieben, entsprechen nicht mehr

unserem aktuellen Bild von Ästhetik. Andere Kleidungsstücke

tragen wir hingegen bis heute. Sie

sind fester Bestandteil unseres Alltags, weshalb wir

sie nicht hinterfragen.

Die Krawatte zum Beispiel ist genau genommen

nur ein längliches Stoffstück ohne ersichtliche

Funktion, das um den Hals gebunden und

über einem Hemd getragen wird. Sie entwickelte

sich ursprünglich aus den Halsbinden kroatischer

Soldaten Mitte des 17. Jahrhunderts. Ihre heutige

Stellung als wohl beliebtestes Accessoire des Mannes

erreichte die Krawatte Anfang des 19. Jahrhunderts

durch sogenannte Dandys – elegant gekleidete

Gentlemen, die durch gekonnte Selbstinszenierung

großen Einfluss auf die Gesellschaft

nahmen und die französische Hofkultur nach und

nach modisch ablösten. Aus dieser Zeit stammt

auch der körperbetont geschnittene Herrenanzug,

wie wir ihn heute kennen.

nigsten lange nachdenken. Aus dem vorhandenen

Angebot wird ein Outfit ausgewählt, das als

funktional und bequem empfunden wird. Natürlich

muss es auch gefallen, zum eigenen Stil, Anlass

und Wetter passen. Aber was bedeutet das

überhaupt? Oder anders gefragt, warum ziehen

wir uns an, wie wir uns anziehen? Wie schon bei

unseren Vorfahren erfüllt Kleidung bis heute ihren

ursprünglichen Zweck. Sie schützt uns wie eine

zweite Haut vor der Witterung, hält uns warm

und bedeckt empfindliche Körperstellen. Dieses

primäre Schutzbedürfnis steht über allen weiteren

Funktionen. So wird ein Feuerwehrmann den modischen

Aspekt zugunsten eines schwer entflammbaren

Textils wohl gerne vernachlässigen.

Sobald der Schutz vor Umwelteinflüssen aber

gewährleistet ist, folgt direkt das Bedürfnis nach

Selbstdarstellung. Die Skijacke soll nicht nur

warm halten, sondern ein modisches Farbmuster

aufweisen. Das Sportshirt soll nicht nur atmungsaktiv,

sondern auch möglichst körperbetont geschnitten

sein. Häufig wird für eine gelungene Eigenpräsentation

sogar auf Tragekomfort verzichtet

bzw. willentlich geschwitzt oder gefroren. Ein

gutes Beispiel sind Frauen in Miniröcken und hohen

Schuhen bei winterlichen Temperaturen, die

lieber ihre Beine in Szene setzen und frieren, statt

Hosen anzuziehen. Aber auch Geschäftsleute, die

trotz sommerlicher Hitze das Jackett anbehalten,

um die Etikette zu wahren, stehen für dieses Phänomen.

Die soziale Bedeutung von Kleidung ist

demnach auch heute nicht zu unterschätzen.

Zwar dient sie seit dem 18. Jahrhundert und der

industriellen Revolution weniger der Zuordnung

von Gesellschaftsschichten, wie noch in den Jahrhunderten

zuvor. Trotzdem ist die Garderobe

auch in unserer Zeit ein Statussymbol, das gezielt

eingesetzt wird, um die eigene Außenwirkung zu

beeinflussen. Ein maßgeschneiderter Herrenanzug

wird beispielsweise mit Selbstbewusstsein,

Professionalität und Wohlstand assoziiert. Farbenfrohe

und körperbetont geschnittene Freizeitkleidung

mit Attributen wie Jugendlichkeit, Gesundheit

und Lebensfreude. Was wir tragen, zeigt

wer wir sind und ermöglicht Rückschlüsse auf unseren

sozialen Rang, unser Geschlecht, unsere

Stimmung und unseren Lebensstil. Mehr denn je

wird Kleidung heute eingesetzt, um der eigenen

Individualität Ausdruck zu verleihen.

Als wichtiges Kommunikationsmittel erfüllt

Kleidung noch eine weitere wesentliche Aufgabe.

Sie dient als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer

Gruppe. Die offensichtlichsten Beispiele hierfür

sind Trikots von Sportvereinen sowie Uniformen

von Militär und Polizei. Aber auch im Alltag begegnet

uns Kleidung in der genannten Funktion. Wer

zu bestimmten Kleidungsstücken, Marken oder

Farben greift, möchte sich damit häufig zu einer

Religion, Szene, Kultur oder Berufsgruppe bekennen

und gegenüber anderen abgrenzen. So können

bedruckte T-Shirts jemanden als Anhänger einer

Band oder Absolventen einer bestimmten Universität

kennzeichnen. Ein Kopftuch steht häufig

für den islamischen Glauben, ein weißer OP-Kittel

für den Beruf des Arztes. Modische Trends, die nur

eine bestimmte Altersgruppe erreichen, grenzen

ganze Generationen voneinander ab.

Ähnlich einheitlich gekleidet wie innerhalb

sozialer Gruppen treten Menschen zu bestimmten

Anlässen auf. In der heutigen Zeit gibt es zwar keine

gesetzlichen Kleiderordnungen mehr, durchaus

aber gesellschaftliche Konventionen. Diese

gelten insbesondere für festliche Anlässe wie

Hochzeiten und Taufen. In vielen Kulturkreisen

werden an solchen Terminen traditionelle Trachten

angelegt, deren Ursprünge teilweise Jahrhunderte

zurückgehen. Das süddeutsche Trachtenkleid

„Dirndl“ wird beispielsweise bis heute wie

selbstverständlich auf größeren Volksfesten, wie

dem Münchner Oktoberfest getragen.

Aber wer entscheidet eigentlich, ob wir cool,

modern und passend gekleidet sind, oder bei der

Auswahl der Garderobe völlig daneben lagen? Ob

der gewählte Kleidungsstil von der Masse positiv

oder negativ wahrgenommen wird, hängt maßgeblich

davon ab, ob er dem Ästhetikempfinden

der Zeit bzw. der aktuellen Mode entspricht. Diese

wird allerdings nicht mehr von Königen und Hofdamen,

sondern von großen Modelabels und -designern

sowie von Vorbildern aus Musik, Film und

sozialen Netzwerken vorgegeben. Hinzu kommen

die angesprochenen gesellschaftlichen Vorgaben

und Traditionen. Letztlich bleibt immer die Frage,

was wir mit der Kleiderwahl erreichen möchten.

Wollen wir niemanden anziehen (außer uns

selbst) und soll es einfach nur bequem sein, ist

auch gegen einen Einkaufsbummel in Jogginghose

nichts einzuwenden.

Warum wir uns anziehen

Werfen wir einen Blick in unseren eigenen Kleiderschrank

im 21. Jahrhundert, fällt uns eines sofort

auf: Überfluss. Die Auswahl an Kleidungsstücken

ist riesig und die Beschaffung günstig. Kleidung

steht uns in allen vorstellbaren Schnitten,

Materialien, Mustern, Farben und Qualitätsstufen

zur Verfügung. Die morgendliche Auswahl der

Kleidung ist ein tägliches Ritual, über das die we-

Bild: Luke Ma, flickr


Bild: Bryan, flickr

6

KÖRPER

mediakompakt

Therapie,

Ritual,

Mode

oder

Kunst?

Die nackte Haut von circa

sechs Millonen Menschen in

Deutschland wird von einem

Tattoo geschmückt. Manchmal

sehr zurückhaltend, oft

offensiv zur Schau gestellt.

Worin liegt der Reiz dieses

Körperschmucks?

VON FRIEDRICH KELM

Es ist gerade einmal wenige Jahrzehnte

her, da ließen sich in unseren Breitengraden

vornehmlich Seemänner und Gefängnisinsassen

in schummrigen Buden

und ebenso schummrigen Milieus ihre

Statements mit Nadeln in die Haut stechen. Und

waren damit bewusst weit entfernt von gesellschaftlicher

Akzeptanz. Die Wurzeln dieser Kultur

liegen aber noch viel weiter zurück:

Ausgrabungen beweisen, dass sich bereits 2000

v. Chr. Menschen tätowieren ließen. Gut erhaltene,

mumifizierte Leichen lassen diese Zeichnungen

deutlich erkennen. Als mit Abstand ältester

Fund gilt allerdings Ötzi. Der Mann aus dem Ötztal

in Südtirol ist ca. 3200 v. Chr. gestorben und

durch das Eis über Jahrtausende hinweg konserviert

worden. Auf seiner Haut finden sich noch

heute insgesamt 61 Tattoos. Sie zeigen, im Gegensatz

zu modernen Tattoos, keine Motive, sondern

Striche und Kreuze. Man nimmt inzwischen an,

dass Ötzi die Tätowierungen zur Therapie nutzte,

eine ursprüngliche Form der Akupunktur.

Die Anfänge der Tätowierkultur, wie wir sie

verstehen, haben Ihren Ursprung wahrscheinlich

in Polynesien. Die übliche Form der Stammestätowierungen

findet man z.B. heute noch in Neuseeland.

Die Maori aus Neuseeland tragen miteinander

verbundene Ganzkörpertattoos, welche den

Gesellschaftsrang als auch die Familienzugehörigkeit

wiederspiegeln. Je mehr Tätowierungen ein

Stammesmitglied besitzt, umso angesehener und

respektabler ist es. Bei Frauen stellen diese ein

Schönheitsideal dar, bei Männern sind sie ein Zeichen

von Stärke. Heranwachsende Jungen werden

mit ihrem ersten Tattoo zu Männern und müssen

auch die damit einhergehenden Pflichten übernehmen.

Mädchen werden das erste Mal tätowiert,

wenn sie biologisch zur Frau werden. Das

„Moko“, so nennt man die Gesichtstätowierung,

ist den Stammesangehörigen besonders wichtig.

In vergangenen Zeiten wurden im Kampf gefallenen

Kriegern der Kopf abgetrennt und anschließend

mumifiziert, um den Mut des Toten zu ehren.

Das Stechen dieser traditionelle Tätowierungen

war und ist wesentlich schmerzhafter, als die

hier übliche Methode. Ein Stock wird mit einem

zugespitzten Tierknochen verbunden und so die

Tinte in die Haut geklopft oder geschlagen.

In der heutigen Zeit ist von solchen Bedeutungen

und Traditionen nicht mehr viel übrig geblieben.

Tätowierungen werden als Körperschmuck

oder gar Kunst am eigenen Leib gesehen. Alles ist

erlaubt, um die eigene Individualität sichtbar zu

machen. Dies führt auch zu extremen Ausmaßen,

bei denen sich Menschen am ganzen Körper tätowieren

lassen, um ein Gesamtkunstwerk herzustellen.

Ein Beispiel dafür ist Tim Steiner. Sein Rückentatoo

verkaufte er über ebay für ca. 180 000 €

an einen Kunstliebhaber. Für diese Summe muss

Tim Steiner seinem Eigentümer vier Wochen im

Jahr zur Verfügung stehen, während der sein Rücken

in verschiedenen Ausstellungen vorgeführt

wird. Nach dem Tod soll seine Haut chirurgisch

entfernt und konserviert werden.

Die Gründe für ein Tattoo sind inzwischen so

zahlreich wie deren Träger. Für Manche ist es eine

Ausdrucksform, für viele ist es reiner Schmuck.

Tattoos können eine gewisse Form der Gruppenzugehörigkeit

erzeugen oder, die Individualität

einzelner verstärken. Nicht auszuschließen, dass

manches davon letztlich auf Ötzi`s Form der Therapie

zurückzuführen ist.


Bild: Saja Seus, sajaseus.com

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Eine haarige Angelegenheit

Der Sommer steht vor der Tür, Röcke und Hosen werden kürzer. Und jedes Jahr dieselbe

Frage: Rasieren, waxen, epilieren oder doch einfach mal wachsen lassen?! Aber warum sind

unsere Körper überhaupt behaart und wohin geht der Trend in Sachen Körperhaar?

VON LISA WAHL

Studienergebnissen der Universität Leipzig

zufolge, entfernen sich mehr als 97

Prozent aller jungen Frauen und 79 Prozent

aller jungen Männer Körperhaare an

mindestens einer Körperregion (bei den

Männern ist das Rasieren des Bartes in dieser Studie

nicht berücksichtigt). Die Forscher haben außerdem

herausgefunden, dass sich 88 Prozent der

Frauen und 67 Prozent der Männer im Intimbereich

enthaaren. Und beim Enthaaren haben wir

ganz schön was zu tun, schließlich hat der Mensch

rund fünf Millionen Haare auf dem Körper.

Haare schützen unsere Haut

Doch warum sind unsere Körper überhaupt behaart

und hat die Behaarung beim modernen

Menschen immer noch einen Sinn? Laut Dirk

Hofmeister, Diplom-Psychologe an der medizinischen

Fakultät der Universität Leipzig, hat die Behaarung

unseres Körpers vor allem biologisch-anthropologische

Gründe: „Haare schützen, und das

ließ in den verschiedenen Phasen der Menschheitsentwicklung

bestimmte Entwicklungssprünge

zu. Unsere Körperhaare schützen die Haut zum

einen vor Überhitzung und zum anderen vor Auskühlung.“

Auch Dr. Jens Tesmann, Dermatologe im

Hautzentrum Innenstadt in Stuttgart, hebt die

Wichtigkeit der Körperbehaarung für die Wärmeisolation

hervor: „Frieren wir, bildet sich oftmals

Gänsehaut. Die feinen Härchen an den Armen

stellen sich auf, es entsteht ein größeres Luftvolumen

zwischen den Haaren. Unser Körper kann somit

nach Bedarf seine Wärmeisolation anpassen.“

Im Schambereich dient die Behaarung vor allem

dem Schutz, unter anderem vor Reibung. Außerdem

verstärken Haare die Sensibilität der Haut

und leiten Berührungen weiter – dadurch bieten

sie Schutz vor blutsaugenden Insekten und die

störenden Krabbeltierchen werden schneller bemerkt.

Ein weiterer positiver Effekt: Die Blutsauger

benötigen mehr Zeit, um zwischen den Haaren eine

geeignete Einstichstelle zu finden.

Trotz dieser Vorteile wollen an wir möglichst

vielen Stellen haarlos sein. Schaden wir damit

eventuell der natürlichen Schutzfunktion unserer

Haut? Beim modernen Menschen ist die Körperbehaarung

nicht mehr unbedingt vonnöten,

meint Dr. Tesmann. Wir schaden unserem Körper

also nicht, wenn wir uns enthaaren.

Trend in USA und Großbritannien: Der Back-to-Nature-

Look

Anfang letzten Jahres entbrannte eine neue Debatte

um Körperbehaarung. Die New York Times

veröffentlichte einen Artikel, in dem behauptet

wurde, dass der Trend weg von der Intimrasur ginge

und Frauen „down under“ den natürlichen

Look bevorzugen würden. Auch Schauspielerin

Gwyneth Paltrow sprach sich in der erfolgreichen

US-Talkshow von Ellen DeGeneres für eine natürliche

Behaarung des Intimbereichs aus.

In Großbritannien rief die feministische Gruppe

„Mother London“ Frauen dazu auf, ihren behaarten

Intimbereich von der renommierten Fotografin

Alisa Connon fotografieren zu lassen.

Fast einhundert Frauen folgten diesem Aufruf.

Mother London stellte die Bilder des „Project

Bush“ für vier Tage in London aus. Außerdem

wurde via Twitter und Facebook unter #projectbush

eine Collage der Fotos veröffentlicht. Mit

dieser Aktion protestierte „Mother London“ gegen

den Mainstream-Trend des Waxing.

Wohin geht der Trend in Deutschland?

In Deutschland ist dieser Protest noch nicht angekommen.

Dr. Tesmann, der in seiner Praxis auch

dauerhafte Haarentfernung durch Lasertherapie

anbietet, beobachtet eine Zunahme der Anwendung:

„Patienten unterziehen sich bei uns einerseits

aus medizinischen Gründen, beispielsweise

bei schräg zurückwachsenden Haaren, einer Laserbehandlung.

Andererseits hat auch die Laserbehandlung

aus modischen Gründen zugenommen.“

Wer sich jedoch nicht für eine dauerhafte

Haarentfernung entscheiden möchte, kann beispielsweise

eines der zahlreichen Waxing-Studios

ausprobieren. Laut Dimitra Polatsidou, Kosmetikerin

beim Waxing-Studio Body minute in Stuttgart,

steigt auch hier die Zahl der Kunden kontinuierlich.

Entweder ist es beim Waxing und Enthaaren,

wie bei vielen Trends, die aus den USA und Großbritannien

zu uns herüberschwappen, so, dass wir

in Deutschland einfach ein paar Jahre hinterherhinken

und der „Back-to-Nature-Look“ erst in ein

bis zwei Jahren bei uns ankommt. Oder wir Deutschen

mögen es meist einfach glatt und gewaxt.

Fragt man den Experten Dirk Hofmeister, wohin

der Trend in den nächsten Jahren gehen wird,

kann auch er keine eindeutige Antwort geben:

„Haarentfernen ist ein Trend, bei dem die Nachhaltigkeit

noch unklar ist. Ich würde behaupten,

dass, ähnlich dem aktuellen Barttrend bei Männern,

auch Brust- oder Schamhaar wieder populärer

werden wird.“

Eines zeigt die Debatte um Körperbehaarung

allerdings: Wir sind völlig frei in unserer Entscheidung.

Waxen, epilieren, rasieren oder einfach

wachsen lassen. Jeder bestimmt selbst.

Weitere Infos finden Sie im Netz unter:

www.projectbush.co.uk

twitter.com/hashtag/projectbush


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KÖRPER

mediakompakt

Survival

of the

Naked

Kuscheln ist nackt doch am schönsten – das denkt sich auch der Nacktmull. Bild: Bob Owen, flickr

Sie sind schon sehr spezielle

Tierchen: ein Aussehen wie

eine Ratte ohne Fell, ein

Leben wie im Insektenstaat

und eine utopische Lebenserwartung

– Grund genug, einen

Blick ins Leben der Nacktmulle

zu werfen.

VON JESSICA FALK

Wir sind in den Halbwüsten Ostafrikas,

unter der Erde. In dem riesigen

Tunnelsystem ist es furchtbar

eng, stockduster und stickig. Es

herrscht reges Treiben: hier lebt eine

Nacktmull-Kolonie.

Der Name ist Programm. Ein paar vereinzelte

Härchen sprießen noch aus der Haut, die im besten

Fall rosafarben, ansonsten etwas zwischen

grau und braun ist. Sie ist faltig und alles andere

als ebenmäßig – kein Wunder, dass der Nacktmull

häufig als „Hotdog“ oder „Penis auf Beinen“ abgestempelt

wird. Für solche Oberflächlichkeiten

bleibt jedoch keine Zeit, denn es geht fleißig zu bei

den seltsam aussehenden Nagetieren. Eine strenge

Hierarchie und Arbeitsteilung hilft den rund 200

Tieren der Kolonie zu überleben. An der Spitze

steht die Königin, die das Sagen hat und deutlich

größer ist als der Rest.

Für die Sicherheit sorgen Soldaten-Nacktmulle.

Sie sind an den Tunnelausgängen postiert und halten

nach Fressfeinden Ausschau. Zwar sehen die

Augen nicht wirklich etwas, aber es wird dennoch

gewissenhaft Wache geschoben. Denn für Schlangen

sind die ca. 10 cm großen Nacktmulle ein Festmahl.

Den weiteren Ausbau der Röhren besorgen

derweil Arbeiter-Nacktmulle. Die großen Schneidezähne

mit den kräftigen Kiefermuskeln sind perfekt

zum Graben geeignet und werden wie Schaufeln

eingesetzt. Zusammengenommen können die

Tunnel einer Kolonie gut und gerne mehrere Kilometer

lang sein – in unserem Fall misst das Röhrensystem

bereits 1437 Meter, Tendenz steigend. Immer

wieder finden sich darin eigene Räume für die

Kinderzimmer, Futterkammern und Toiletten.

In den Tunneln bewegen sich die Nager wendig

vor und zurück, immer weiter. Es trifft sich

gut, dass der Nacktmull bis auf ein paar (Tast-)Härchen

praktisch unbehaart ist. Ein prächtiges Fell

würde da nur stören. Ein zusätzlicher Vorteil: Wo

kein Fell, da keine Parasiten – denn woran sollen

sich die Plagegeister festhalten?

Beim Graben entdecken die Mulle immer wieder

Knollen und Wurzeln, ihre Leibspeise. Damit

decken sie zugleich ihren Nahrungs- und Wasserbedarf,

denn sie trinken nicht. Schnell ist eine

Duftspur gelegt, sodass die anderen Koloniemitglieder

auch zur Nahrungsquelle finden. Wenn es

noch schneller gehen muss, wird auch mal einer

der 18 Laute bemüht, um die anderen zu rufen.

Nur für die Königin, die gerade 25-fachen Nachwuchs

hat, gibt es eine Sonderbehandlung: die

Knolle wird ihr gebracht.

Allgemein gilt: Wer als Nacktmull nicht in

der schönen Lage ist, die Königin der Kolonie zu

sein, hat es sehr schwer. Denn neben dem Tunnelausbau

dreht sich alles um die Königin, die

als einzige fruchtbar ist und für Nachwuchs sorgen

darf. Da werden Konkurrentinnen – übrigens

auch die eigenen Töchter – schon mal mittels

Pheromonen (= chemische Botenstoffe) unfruchtbar

gemacht. Als Nacktmull-Mann hat

man es da ein kleines bisschen besser; immerhin

besteht die Chance, einer der wenigen Auserko-


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renen zu sein, die sich mit der Königin paaren

dürfen.

Das Leben unter Tage ist in vielerlei Hinsicht

beschwerlich. Zwar haben die Tunnel auch Ausgänge

ins Freie, dennoch ist der Sauerstoffgehalt

im Inneren sehr niedrig. Um damit zurechtzukommen,

atmen Nacktmulle langsamer als andere

Säugetiere und ihr Stoffwechsel verarbeitet den

Sauerstoff effizienter. Zudem herrschen innerhalb

des Baus unterschiedliche Temperaturen. Unsereins

würde vermutlich entweder schwitzen oder

zittern. Doch den Mullen macht das wenig aus –

sie sind als wechselwarme Säugetiere einzigartig

und können ihre Körpertemperatur je nach Umgebungstemperatur

an zwölf bis 32 Grad Celsius anpassen,

statt viel Energie in eine konstante Temperatur

zu investieren.

In einer so großen Gemeinschaft gibt es immer

wieder einmal Unstimmigkeiten und ernstere Auseinandersetzungen.

Wie gut, dass Nacktmulle keinen

Schmerz empfinden. In ihrer Haut fehlt ein

Molekül, das zum Schmerzempfinden beiträgt.

Reibereien mit den Kollegen stressen die Winzlinge

schon lange nicht mehr. Nicht einmal Säureverätzungen

würde den Tierchen eine Reaktion entlocken.

Auch was die Gesundheit anbelangt, sind die

kleinen Nager wirklich gesegnet. Immer wieder erreichen

einzelne Tiere der Kolonie – allen voran

natürlich die Königin – ein Alter von bis zu 30 Jah-

ren. Kein anderes Nagetier kann dies auch nur ansatzweise

schaffen. Auch die aktuelle Königin ist

21 Jahre alt und produziert weiterhin rund 60

Nachkommen pro Jahr. Wenn sie einmal stirbt,

werden die anderen Nacktmull-Frauen wieder

fruchtbar. Wer dann als erste den Nachwuchs zur

Welt bringt, wird die neue Königin – so einfach ist

das. Am Ende des Tages zeigt sich vor allem Eines:

Bild: Smithsonian’s National Zoo, flickr

der Tag ist nie zu Ende! Gegraben wird immer,

denn darauf sind Nacktmulle spezialisiert. Hemmnisse

wie Fell, Stoffwechsel oder Schmerzempfindlichkeit

wurden im Laufe der Evolution überwunden.

Mit der Anpassung an die extremen Lebensbedingungen

triumphiert der Nacktmull über Begriffe

wie Schönheit und Ästhetik und lehrt uns:

Aussehen ist nicht alles.

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„Das Einzige, was noch

grausamer ist als ein Käfig,

der so klein ist, dass ein

Vogel nicht fliegen kann,

ist ein Käfig, der so groß ist,

dass der Vogel glaubt,

fliegen zu können.“

ISBN: 978-3-86396-079-7

„Hypnotisch und unheimlich … Ich habe noch nie

etwas Vergleichbares gelesen.“ (Stephen King)

Folge uns auf

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10

EROTISCHES

mediakompakt

Von Korsett bis Tanga

Heute heißen sie Hipster, String oder Tanga. Vor nicht allzu langer Zeit waren diese Begriffe allerdings

noch völlig unbekannt. VON CHRISTIANE KAPPIS

Wann die Geschichte der Unterwäsche

beginnt? Schwer zu sagen. Bekannt

sind verschiedenste Arten

von Unterwäsche — vom ersten

Lendenschurz bei Adam und Eva

bis hin zum Subligaculum der Römer — einem

Tuch, das zwischen den Beinen nach vorne und

hinten hochgezogen wurde, sodass es Gesäß und

Genitalbereich bedeckte.

Im 13. Jahrhundert boten so genannte Lingères

Hemden und Haushaltswäsche an. Dabei wurden

einzelne Stücke mit persönlichen Stickereien

verziert und so individuell an den Träger oder die

Trägerin angepasst.

Genau wie jedes andere Kleidungsstück spiegelt

auch die Unterwäsche den gesellschaftlichen

Wandel wider. Kleidung und die Art, sie zu tragen,

gewann mit der Zeit mehr und mehr an Bedeutung.

Zu Zeiten der Renaissance im 15. Jahrhundert

kam es vor allem für Frauen aus höheren Ständen

zu einer großen Veränderung. Das Modeideal

dieser Zeit hieß Flachbrüstigkeit, also schnürte

und verband die modebewusste Frau ihre Brüste.

Daraus entwickelte sich später das Korsett, das bis

zum Anfang des 20. Jahrhunderts das Erscheinungsbild

der Damenunterbekleidung prägte.

Frauen aus den einfacheren Bevölkerungsschichten,

die sich die teuren Korsetts meist nicht

leisten konnten, nutzten hingegen enge Hemden

um sich „einzuschnüren“. Den Sprung zum Artikel

für die breite Masse schaffte die Unterwäsche

jedoch erst im 19. Jahrhundert. 1876 stattete die

preußische Armee ihre Soldaten mit Baumwoll-

Unterwäsche aus.

Im Anschluss kam es zu einem Boom, die Unterwäsche

wurde nun als schick und praktisch angesehen

und daraufhin in einigen großen Kaufhäusern

zum Kauf angeboten. Der erste Büstenhalter

der Welt wurde den Besuchern auf der Weltausstellung

im Jahr 1900 in Paris präsentiert. Erst

in den 1920er Jahren kam die Unterwäsche wirklich

in Mode. Es wurde jetzt mit Stoffen, Farben

und anderen Materialien gespielt und für Frauen

spielte das “Darunter” eine immer wichtigere Rolle.

Statt schwarzen, weißen oder hautfarbenen Seidenstrümpfen

trug Frau nun immer öfter blaue,

lindgrüne oder roséfarbene Strumpfbänder. In den

1960er Jahren wandelte sich das Bild jedoch. Mit

dem zunehmenden Feminismus und der Selbstbestimmung

der Frau wollten sich viele nicht mehr

von den eng anliegenden Modellen einschnüren

lassen. Viele verbrannten ihre Büstenhalter gar in

dieser Zeit. Durch diese neue Art der Selbstbestimmung

wurden die Materialien leichter, man verwendete

vor allem Stoffe wie Tüll, Nylon und

Baumwolle zur Produktion von Unterwäsche.

Den heute noch beliebten Tanga gab es schon

in den 1980er Jahren und er erfreut sich bis heute

großer Beliebtheit.

Heute ist Luxus Trend. Ein gutes Beispiel hierfür

ist der Fantasy Bra, der in jedem Jahr bei der

Victoria‘s Secret Fashion Show von einem der berühmten

Models vorgestellt wird. Der Fantasy

Bra aus dem Jahr 2000 gilt mit 15 Millionen Dollar

als das teuerste Wäschestück, das jemals kreiert

wurde.

Doch egal, ob String, Fantasy Bra, Korsett oder

Baumwollunterhose, heute gilt: erlaubt ist, was

gefällt!

Bild: Gustavo Rezende,Go-free-download


2/2015 EROTISCHES

11

Bild: pixabay

Wir sind Prostituierte

und das freiwillig!

Das Sex-Gewerbe ist schmutzig, ausbeuterisch und ungerecht – diese Meinung ist wohl nicht

nur hierzulande die gängigste zum Thema Prostitution. Mit #facesofprostitution wehren sich

nun Sexarbeiter und -arbeiterinnen. VON SOPHIE SMOLA

Denkt man an käuflichen Sex, kommen

einem zuallererst die dunklen Seiten

dieses Gewerbes in den Sinn: Sexuell

missbrauchte Frauen, die ihr Leben

lange unter traumatischen Erfahrungen

zu leiden haben oder Drogenabhängige, die

sich ihre Sucht durch den Verkauf ihres Körpers finanzieren.

Auch in der Öffentlichkeit werden

Prostituierte oftmals als Ausgebeutete dargestellt,

die ihrem Job gegen ihren Willen nachgehen.

Dass es auch noch eine andere Seite von Sex

gegen Bezahlung gibt, will eine 21-jährige australische

Studentin, die sich Tilly Lawless nennt, zeigen

und ruft den Hashtag #facesofprostitution (zu

deutsch: Gesichter der Prostitution) ins Leben. Sie

selbst finanziert ihr Geschichtsstudium mit bezahltem

Sex – und das alles freiwillig. Unter dem

Hashtag bekennen sich nun weltweit hunderte

Männer und Frauen auf Twitter und Instagram

zur Prostitution. Sie wehren sich gegen das

schlechte Image ihres Gewerbes und gegen das

Vorurteil, Prostitution gehe stets mit Unterdrückung

einher. Im Netz zu sehen sind Selbstaufnahmen

glücklicher Prostituierter, die „JA“ zu

Sexarbeit sagen. Ihre Bilder sind betitelt mit Aussagen

wie „Mein Körper, meine Entscheidung!“

oder „Ich bin eine normale junge Frau, die ihr

Geld eben auf diese Weise verdient“. Betonen

wollen sie damit ihre Selbstbestimmtheit und die

Tatsache, dass es auch in diesem Berufszweig

Menschen gibt, die ihren Job gerne und vor allem

freiwillig ausüben.

Auslöser der Internet-Bewegung – ein Blogeintrag

(„The Reality of Pretty Woman“) der Australierin

Laila Mickelwait auf der Webseite des Frauenmagazins

Mamamia. In ihrem Artikel zum

25-jährigen Jubiläum des Film-Klassikers „Pretty

Woman“ kritisiert die Autorin die schöne und verharmlosende

Darstellung des Sexbusiness im

Film: Eine Prostituierte (gespielt von Julia Roberts)

verliebt sich in ihren Freier (gespielt von Richard

Gere), der sie in die gehobene Gesellschaft einführt

und schließlich von der Straße rettet. Laut

Mickelwait sei die Arbeit als Prostituierte aber trist

und hässlich und die Frauen Opfer gewalttätiger

Zuhälterei und den Drogen verfallen. Prostitution

sei alles andere als eine romantische Fantasie –

eher eine tragische Horrorgeschichte. Für sie ist

der Hollywood-Klassiker dafür verantwortlich,

dass viele junge, naive Frauen – geblendet von der

verklärten Sicht des Films – den Weg in die Prostitution

suchen.

Mickelwaits engstirniges Denken über das Sexbusiness

verärgerte Lawless. Natürlich gibt es auch

die von ihr beschriebene Seite von Prostitution –

aber es ist eben nicht die einzige. Aus Protest gegen

den Blogbeitrag veröffentlichte die Studentin

ein Foto von sich auf Instagram, unter dem sie ihre

Kritik an Mickelwaits Artikel kundtat: „Ich wollte

ein neues Gesicht der Sexarbeit zeigen. Das einer

jungen Frau, die sich aus freien Stücken für diese

Arbeit entschieden hat und damit zufrieden lebt.“

Mit #facesofprostitution setzen Sexarbeiter

nun ein Zeichen gegen die immer gleiche Verurteilung

ihres Berufsstandes. Sie zeigen: Das Sex-

Gewerbe hat nicht nur eine dunkle Seite – es gibt

viele Prostituierte, die Spaß an ihrem Job haben,

sich nicht ausbeuten und schon gar nicht von der

Gesellschaft als hilflose Opfer stigmatisieren lassen

wollen. So wie die meisten Menschen in einer

kapitalistischen Gesellschaft, arbeiten auch sie

hauptsächlich wegen des Geldes in der Sexbranche.

Die Anhänger von #facesofprostitution wollen

der Welt zeigen: Schaut her, ich bin kein Opfer!

Dass sich der Großteil der weltweit Prostituierten

erst gar nicht an der Aktion beteiligt, sei an

dieser Stelle einmal dahingestellt.

Sexarbeit hat viele Gesichter – auch glückliche!


12

EROTISCHES

mediakompakt

F***en für den Regenwald –

Projekte der etwas anderen Art

In der Porno-Branche wird nicht gerne geredet. Es wird gemacht, nicht geredet. Nachfragen

macht nicht schlauer, niemand will Informationen rausrücken. Eine sehr verschwiegene

Branche. Detailwissen ist schwer zugänglich und kaum verlässlich. VON JULIA PEDUZZI

Verschämte Politiker und Konservative bezeichnen

die Produkte als „Erwachsenenunterhaltung“,

Männer tauschen sich

bestenfalls im Beisein ihrer Geschlechtsgenossen

darüber aus. Frauen sind brüskiert

und verschämt. Also eigentlich will so gar

niemand über Pornografie reden. Konsumiert

wird trotzdem viel.

Die Internetpornografie war einer der großen

hintergründig Antriebe für die Entwicklung und

Verbreitung des Internets, bis die sozialen Netzwerke

diese vor einigen Jahren ablösten. Bei über

500 verschiedenen Websites scheint die Auswahl,

vor allem an kostenfreien Videos, auch groß genug

zu sein. YouPorn, die zweitgrößte Plattform

dieser Art, stellt laut ExtremeTech pornografische

Inhalte von mehr als 100 Terabyte bereit. Der Server

registriert täglich über 100 Millionen Pageviews.

Pro Tag werden schätzungsweise 950 Terabyte

Daten übertragen, 29 Petabyte (29 000 Terabyte)

im Monat. Beachtenswerte Datenmengen.

Die Erwachsenenunterhaltung ist eine sehr

florierende Branche. „Sex sells“ – das gilt eben immer

noch. Durch einige skurrile Projekte zeigt

sich, dieser Sektor der Unterhaltungsindustrie

kennt kaum Tabus und lebt von den Möglichkeiten

des Unmöglichen – und manchmal rettet man

sogar durch simples Onanieren die Welt:

„Fuck For Forest“ (FFF) – das ist eine Gemeinschaft

junger Menschen, die den Regenwald und

die Umwelt retten wollen. Allerdings haben sie ein

ungewöhnliches Konzept entwickelt, um ihr Ziel

zu erreichen: Sie drehen Pornos. Es entstehen Beischlafvideos

und entsprechendes Bildmaterial,

diese werden auf die gleichnamige Internetseite

geladen. Diese Inhalte sind dann käuflich zu erwerben,

der Erlös geht an diverse Umweltschutzprojekte.

Durch Bereitstellung selbsterstellter

Nacktbilder oder Filmchen erhält man kostenfreien

Zugang zu den anderen Beiträgen. WWF betreibt

YouPorn – gewitzte Geschäftsidee. Onanieren

vor dem Rechner für eine gute Sache – die Rettung

der Natur.

Hinter diesem neuen Lebensentwurf von FFF,

der sich ein wenig nach den Siebzigerjahren mit

mobilen Netzwerken und Internet anfühlt, steht

die Philosophie, ein freieres und offeneres Verhältnis

unseren Körpern gegenüber zu entwickeln

– als Kontrast zu der gebeutelten Welt, in der wir

leben. Mit sogenannten Nacktaktionen, den eigenen,

ungezwungen gefilmten, sexuellen Aktivitäten

und mit Nacktbildern setzen sie ein Zeichen.

Sie wollen unsere Erde retten – weil es sexy ist!

Etwa 15 US-Dollar kostet der Zugang zu allen

erstellten Beiträgen – eine Spende, „die ökologische

und sexuelle Interessen miteinander verbinden

soll“, wie es die Seitenbetreiber selbst bezeichnen.

Tausende Videos und Bilder können Abonnenten

konsumieren. 300.000 Euro wurden bereits

gesammelt, in den USA ist es noch einmal genauso

viel. Mit den Spenden werden acht verschiedene

Regenwald- und Wiederaufforstungsprojekte

in Südamerika unterstützt.

„Offbeatr“ – Crowdfounding, die Umsetzung

von Projekten, die Privatleute durch Votings und

Spenden ins Leben rufen, gibt es schon eine ganze

Weile. Seiten wie kickstarter oder indiegogo sind

damit relativ erfolgreich. Bei der Website „Offbeatr“

gilt eine etwas abgewandelte Fassung dieser

Crowdfounding-Idee. Während auf anderen vergleichbaren

Plattformen keine pornografischen

Produkte finanziert werden dürfen, wird hier nur

Pornografisches angeboten.

Eine Idee zu realisieren ist einfach: Projektentwickler

posten Pitches – die Idee und eine Zusammenfassung

ihres Projektes – bei „Offbeatr“. Projekte

können Filme, Spiele, Objekte oder Veranstaltungen

sein. Im Gegensatz zu anderen

Crowdfounding-Plattformen müssen hier die Projektideen

allerdings erst eine bestimmte Anzahl

von Unterstützern finden, bevor diese für Spendenannahmen

freigeschaltet werden. Tao, einer

der Gründer, sieht darin eine Art Kontrolle. Zum

einen sollen nicht nur Projekte freigeschaltet werden,

die einem bestimmten Geschmack entsprechen

und zum anderen sind Crowdfounding-Projekte

meist erfolgreicher, wenn bereits eine Anhängerschaft

vorhanden ist. Erhält ein Projekt

ausreichend Votes, wird es freigeschaltet und für

einen bestimmten Zeitraum kann Geld dafür gesammelt

werden. Kommt die benötigte Summe

innerhalb der gegebenen Zeitspanne zusammen,

wird der Projektentwickler verpflichtet. Andernfalls

wird das Projekt nicht umgesetzt. Ebenso ist

es möglich, schon abgeschlossene Projekte auf

Offbeatr kommerziell zu vertreiben.

Dabei entspringt der Erfolg der Plattform einer

ganz bestimmten Nische. Die ersten erfolgreichen

Projekte sind gleichzeitig für die Betreiber zukunftsweisend,

wenn auch in höchstem Maße anstößig:

Furry-Pornoumsetzungen. Dabei handelt

es sich um Hentai-Videos, in denen menschenähnliche

Tierwesen miteinander und mit Menschen

Sex haben. Elf von sechzehn bisher umgesetzten

Projekten entstammen dieser Subkultur.

Das „Wankband“ – „Hol dir einen runter,

mach dein Gadget wieder munter!“

Energiegewinnung der ganz besonderen Art:

Der weltweit bekannteste Porno-Streaming-Anbieter

Pornhub nutzt die Gunst der Stunde – und

entwickelt ein erstes, energieproduzierendes Armband,

ein sogenanntes Wearable. Der Name?

Wankband! Was irgendwie wie ein Marketing-

Gag klingt, soll eigentlich ein kluger Beitrag zur

Energiegewinnung und Nachhaltigkeit sein. Das

Wankband wird am Handgelenk getragen und erzeugt

durch Auf-und-ab-Bewegungen Energie, die

im Armband gespeichert wird und auf Wunsch

über USB-Anschluss an mobile Endgeräte wie

Smartphone, Tablets und Notebooks abgegeben

werden kann. Der Strom entsteht durch die Bewegungsenergie

der „Schüttelbewegung“, ein Gewicht

im Wankband wird hin und her geschleudert.

„Nachhaltige Selbstbefriedung“, verspricht

Pornhub, mit „zu 100 % erneuerbarer Energiegewinnung“,

wobei der Entwickler von selbsterzeugter

„dirty energy“ spricht. Ob tatsächlich ausreichend

Energie umgewandelt und bereitgestellt

werden kann, um ein mobiles Endgerät auch nur

ansatzweise aufzuladen, wird sich noch zeigen.

Angaben zu technischen Details des Wearables

hat Pornhub bisher nicht gemacht, dieses ungewöhnliche

Accessoire befindet sich zurzeit noch

in der Entwicklung.

Derzeit läuft ein Beta-Programm, für das noch

Probanden gesucht werden, wie auf der Website

(zusammen mit einem angefügten Anmeldeformular)

kommuniziert wird. Handelt es sich hierbei

tatsächlich nicht nur um einen richtig guten

Marketingscherz, ließen sich noch andere Szenarien

der Energiegewinnung außer der des Onanierens

finden. Zum Beispiel in der Gastronomie –

auch die Besteckpolitur erfordert Auf-und-ab-Bewegungen.


2/2015 EROTISCHES

13

Neue olympische Disziplin:

Pole-Dance?!

Die Bezeichnung „Pole-Dance“ stammt aus dem Englischen und steht einfach übersetzt für

„Stangentanz“. Voreilig wird Pole-Dance von vielen nur als eine erotische Tanzart abgetan, da er

häufig in Kombination mit Striptease auftritt – doch zunehmend entwickelt er sich zu einer

allgemein anerkannten Sportart. VON JENNIFER THOMA

Bild: Mentes Abiertas Alas Rotas de Mariposas, flickr

Der Ursprung von Pole-Dance ist nicht

vollständig geklärt. Angeblich trugen

verschiedene Kulturen zu seiner Entstehung

bei. Aus dem China des 12.

Jahrhunderts sollen die akrobatischen

Bestandteile des Tanzes stammen. Dieser Ansatz

beruht auf den artistischen Kunststücken, die im

chinesischen Staatszirkus von Männern an vertikalen

Stangen vorgeführt wurde.

Im 13. Jahrhundert ist in Indien ebenfalls ein

Ansatz des Tanzes zu finden. Dieser basiert auf

dem Training der dortigen Wrestler. Sie trainierten

an Holzstämmen ihre Kondition und Kraft.

Heute praktizieren ausschließlich Männer in Indien

den Mallakhamb-Pole-Dance. Die Stangen

sind dabei weiterhin aus Holz gefertigt.

Erotischer Einfluss dagegen soll aus dem arabischen

und türkischen Raum gekommen sein.

Dem dort praktizierten Bauchtanz entstammt

wahrscheinlich der Hoochie Coochie. Dieser Tanz

wurde in etwa um 1870 in den USA von Frauen

aufgeführt. Die Kleidung der Tänzerinnen bestand

meistens aus einem kurzen Rock und körperbetont,

enganliegenden Brustbändern. Durch die

entblößte Taille und den sinnlichen Tanzbewegungen

erlangte der Tanz ein sittenloses Image.

Demnach liegen die Ursprünge des Pole-Dance in

Asien, dem Orient und den USA. Seinen anrüchigen

Charakter erhielt er um 1980, da er seitdem

hauptsächlich in Verbindung mit Striptease auftritt,

die kunstvolle und sinnliche Entkleidung,

die meist auf Bühnen von Nachtclubs praktiziert

wird.

Den Anstoß des heutigen Fitnesstrends gab

vermutlich die Kanadierin Fawnia Mondey, die

1990 damit begann Pole-Dance zu unterrichten.

Sie trug als sogenannte „Frau von nebenan“ dazu

bei, dass er einen Teil seines „Schmuddel-Images“

verlor. Mittlerweile werden in vielen Fitness- und

Tanzstudios Kurse darin angeboten. „Wer Pole-

Dance schon einmal ausprobiert hat, der weiß, es

ist nicht so einfach und kostet Überwindung gegen

eine Stange zu springen, um sich dann so graziös

wie möglich um sie zu schwingen“, erzählt Fabienne*,

eine 24jährige Studentin aus Deutschland.

Sie hat einen Kurs für Anfänger besucht und

berichtet weiter „ich habe es getestet, um herauszufinden

was hinter diesem Trend steckt und jetzt

ist es für mich eine Sportart, die aus einer Mischung

aus Kraft und Ästhetik besteht“.

Sportlich gesehen ist dieser Tanz sehr effektiv,

da er die gesamte Muskulatur beansprucht. Besonders

gestärkt werden die Bauch-, Arm- und Schultermuskulatur,

da bei vielen Übungen das eigene

Körpergewicht gehalten werden muss. Ein paar

dieser Übungen werden kopfüberhängend ohne

Bodenkontakt ausgeführt, dies trainiert zudem die

Beinmuskulatur. Zusätzlich werden die Kondition,

Koordination und Konzentration gestärkt.

Einzelne Figuren gehen fließend ineinander über

und werden innerhalb einer Choreographie

durchgeführt, wobei währenddessen auf die richtige

Atemtechnik geachtet werden muss.

Die kurze Bekleidung, wie beispielsweise Tops und

Hotpants, ist nicht allein dem erotischen Aspekt,

wie der „Rotlicht-Ruf“ des Tanzes beziehungsweise

des Sports vermuten lässt, geschuldet. Der direkte

Hautkontakt mit der Stange ist für den sicheren

Halt während der Übungen notwendig.

Der Fitnesstrend hat nach seinen Ursprungsländern

auch Europa erreicht. Seit 2005 werden in

Pole-Dance sogar Meisterschaften ausgetragen.

Darüber hinaus sind die Olympischen Sommerspiele,

die 2016 in Rio de Janeiro stattfinden, das

Ziel der International Pole Dancing Fitness Association

(IPDFA). Diese Organisation wurde 2007

von Ania Przeplasko gegründet und fördert Pole-

Dance als Sportart auf internationaler Ebene.

In Rio de Janeiro soll nun Pole-Dance erstmalig

als Demonstrationssport aufgeführt werden.

Die Sportart wird quasi auf ihre olympische Eignung

getestet. Für die Zukunft besteht dadurch die

Möglichkeit, dass Pole-Dance eine olympische

Disziplin wird und fest im Programm der Spiele integriert

wird. Ob dieses Vorhaben gelingt, wird die

Zeit zeigen – lasst die Spiele beginnen.

* Name von der Redaktion geändert


14

EROTISCHES

mediakompakt

Schämt

euch!

Ist die Scham vor der Nacktheit

Fluch oder Segen? In der

heutigen Zeit herrscht hüllenlose

Unbefangenheit. Doch

die Frage ist, ob das überhaupt

wünschenswert ist.

Denn wo alles zu sehen und

alles erlaubt ist, stirbt die

Fantasie und es breitet sich

erotische Trostlosigkeit aus.

VON JULIA STACH

Bild: Eigenproduktion

Während sich die einen sorglos ausziehen

können, sei es beim Nacktbaden

an Seen oder auf den Bühnen

von Nachtclubs, fällt es anderen

schwer, ihren Körper – wie die Natur

ihn geschaffen hat – zu enthüllen. Wenn dann

das Schamgefühl einsetzt, ist der Wunsch zu

flüchten groß. Beschämende Situationen kennen

wir alle nur zu gut. Doch was ist es, das in den

meisten Menschen Scham über ihren eigenen

nackten Körper auslöst und andere hingegen

schamlos sind?

Nacktheit wird als eine Form der Blöße gesehen,

über die wir gerne die Kontrolle behalten

wollen. Sind wir nackt, dann sind wir verletzlich

und empfinden dies als Eindringen in die Privatsphäre.

Wir wissen nicht, was die andere Person

über uns denkt, ob sie uns als unattraktiv, krank

oder Ähnliches betrachtet. Dieses Gefühl löst

Scham aus. Doch unser Schamgefühl war nicht

immer so ausgeprägt. Während wir als Kinder am

liebsten nackt herumspringen wollten, und das

ganz bedenkenlos, beginnt die Scham im Alter immer

mehr zuzunehmen. Am Anfang stehen der

Einfluss und das Verhalten der Eltern an erster

Stelle. Ermahnungen und Erklärungen darüber,

was anständig ist und was sich nicht gehört, bringen

das Kind dazu, Scham zu entwickeln. In der

Pubertät verändert sich der Körper und damit

auch die Gründe für das Schambefinden.

Eine Studie der Universität Klagenfurt zum

Thema Sexualität, Scham, Nacktheit, Körperbild

und Selbstwert von Jugendlichen stellt die zentrale

Frage, wie 15– bis 20-jährige mit ihrer Körperscham

umgehen. Laut der Studie bezieht sich das

Schamgefühl bei Mädchen auf den ganzen Körper,

bei den Jungen nur auf die Geschlechtsteile.

Grund dafür ist die Vielzahl von Ideal- und Zerrbildern

von Nacktheit und Sexualität, mit denen

wir täglich konfrontiert werden. Doch nicht nur

bei Jugendlichen, sondern in unserer gesamten

Gesellschaft lösen diese Idealvorstellungen Scham

aus. Der ständige Vergleich mit dem als Idealbild

geltenden Körper, das Gefühl der Minderwertigkeit

und der daraus resultierende geringere Selbstwert

führen zu einem selbstkritischen Umgang

mit dem eigenen Körper. Sollten wir uns also von

dem künstlich generierten Ideal verabschieden

und dem Schamgefühl über unseren Körper den

Kampf ansagen? Leichter gesagt als getan. Starke

Scham ist schwer zu bändigen und kann destruktive

Folgen wie übermächtigen Wut und Zorn, aber

auch psychische Krankheitsbilder wie Depressionen

und Persönlichkeitsstörungen nach sich ziehen.

Dennoch: Ein gesundes Selbstwertgefühl sowie

Bestätigungen anderer können diesen Problemen

entgegenwirken.

Vielleicht aber sollten wir uns auch an dem Lebensstil

der Naturisten, Nudisten und FKKler orientieren.

Für sie ist der nackte Körper etwas Natürliches,

Freies und kein Grund zur Scham. Das

Nacktsein steht für Verbundenheit mit der Natur

und sie sehen keinen sexuellen Reiz dabei. Gegenseitige

Toleranz und Rücksichtnahme spielen für

die Anhänger eine wichtige Rolle. Doch die Freikörperkultur

selbst wird von der Gesellschaft nur

beschränkt toleriert. Der Staat definiert demnach

sehr klar Orte, an denen sich Menschen nackt aufhalten

dürfen, sei es am FKK-Strand, in der Sauna

oder in den eigenen vier Wänden. Außerhalb dieser

Bereiche kann Nacktsein als Exhibitionismus

betrachtet und eventuell als sittenwidrig bestraft

werden. Denn anders als bei der Nacktkultur wird

hier das sich Entblößen vor fremden Personen als

lust- und reizvoll empfunden. Im medizinischen

und juristischen Kontext gilt Exhibitionismus als

eine Persönlichkeits- und Verhaltensstörung, die

als krankhaft gewertet wird. Doch warum ist das

so? Nacktheit wird in Deutschland stark mit Sexualität

verbunden und diese gehört nicht in die

Öffentlichkeit. Denn wer nackt ist, zieht in jeglicher

Hinsicht Blicke auf sich, ob auf verlockende

oder verstörende Weise.

Jedoch wird das Ausziehen und die damit intime

Selbstdarstellung immer mehr akzeptiert. In

Szenen wie in der Pornografie oder der Erotik-

Branche sind exhibitionistische Neigungen erwünscht.

Und auch außerhalb genießen wir größte

Freiheiten bei der Präsentation nackter Haut, sei

es in der Werbung, in der Sauna oder auch in den

Bierzelten vom Oktoberfest. Reizüberflutungen

gehören mittlerweile zu unserem Alltag dazu.

Könnte man Exhibitionismus also als Phänomen

der Neuzeit bezeichnen? Man könnte es meinen.

Denn wer sich heutzutage nicht unbefangen ausziehen

kann, gilt schon fast als prüde. Doch wo

bleibt das Schamgefühl? Sollten wir der Gesellschaft

sagen: Schämt euch! – und die Scham als

ein Privileg menschlicher Sexualität schätzen, die

bestimmte Grenzverletzungen überhaupt erst ermöglicht?

Schließlich zählen an erster Stelle Berührungen

als absolutes Tabu und Grenzverletzung.

Denn trotz all des Reizes und der Scham gilt

immer noch:

Gucken erlaubt, Anfassen verboten!


2/2015 EROTISCHES

15

Hautnah und hüllenlos: Nacktheit

in den Medien

Auf Werbeplakaten, in Filmen, im Fernsehen und nicht zuletzt auch im Internet – nackte Körper

begegnen uns jeden Tag in den Medien. Dieser ausgeprägte Exhibitionismus hat eine lange Geschichte.

Ein kurzer Überblick über die letzten 100 Jahre Mediengeschichte. VON MANUEL BUTZ

Das Nacktsein hat heute Hochkonjunktur

in der Medienlandschaft. Egal wo

man hinsieht – in allen Mediengattungen

übergreifend – längst begegnen

uns tagtäglich entblößte Körper. Neben

altbekannten Projektionsflächen wie dem

Film und dem Fernsehen sowie in der Werbung,

greift die Nacktheit auch immer mehr in den neuen

Medien, vor allem in den sozialen Netzwerken

um sich. Die Rezipienten haben sich längst daran

gewöhnt und ein nackter Busen oder ein blanker

Männerhintern sorgen nicht mehr für Aufregung.

Auch in früheren Zeiten war Nacktheit ein fester

Bestandteil der Medienwelt. Die Entwicklung der

Nacktheit in den Medien der letzten 100 Jahre ist

geprägt von gesellschaftlich-kulturellen Bewegungen,

wirtschaftlichen Veränderungen, technischen

Neuentwicklungen und politisch-institutionellen

Entscheidungen.

Der Film als Projektionsfläche

Speziell in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

hat sich das Kino als Kunst- und Kultureinrichtung

etabliert und nahm als erstes audio-visuelles

Medium eine wichtige Rolle im medialen Geschehen

ein. Der Film projizierte die Träume,

Hoffnungen und Sehnsüchte vieler Menschen auf

eine Leinwand, erotische und sexuelle Fantasien

eingeschlossen. Die langläufige Meinung, dass

Nacktheit im Film der 20er und 30iger Jahre kaum

vorkam und wenn, dann nur in der pornografischen

Darstellungen, muss klar verneint werden.

Im europäischen Film war Nacktheit von Anfang

an kein Tabu. Anfangs noch im Artfilm, einer

kunstvollen Umsetzung des Films und später auch

in unschuldigen Posen im damaligen Mainstream-Kino.

„Nacktheit in den Medien ist nichts

Neues. Aktdarstellungen gab es in der Kunst schon

immer. Mit der Freikörperkultur Anfang des 20.

Jahrhunderts wurde Nacktheit allmählich akzeptierter

und zugleich teilweise entsexualisiert, allerdings

gab es in den 1920er Jahren auch viele voyeuristische

„Aufklärungsfilme“, die eindeutig auf

Erotik zielten“ bestätigt Stephen Lowry, Professor

für Filmgeschichte und Medientheorie an der

Hochschule der Medien in Stuttgart. Das amerikanische

Kino, lange Zeit noch durch dem sogenannten

„Production-Code“ (Moralkodex für USamerikanische

Filmproduktionen) verpflichtet,

war damals wesentlich weniger liberal und zog

erst in den 1960er Jahren nach. Während der Zeit

des Nationalsozialismus war Nacktheit in den Medien

in Deutschland ebenfalls weit verbreitet. Besonders

im NS-Film waren nackte Körper zur Illustration

der Schönheit und Anmut der „arischen

Herrenrasse“ ein beliebtes Stilmittel. Ein eindrückliches

Beispiel stellt der Olympia-Film von

Leni Riefenstahl dar, welcher im Prolog einen

nackten Athlet zeigt, der Kugeln stößt, Disken

wirft und Pfeile schleudert. Auch in zahlreichen

anderen populären NS-Filmen werden ähnliche

Symboliken verwendet und Nacktheit mit ideologischer

Färbung als Mittel zum Zweck benutzt um

die Botschaften des Regimes zu unterstreichen.

Bild: Al Ibrahim, flickr

Mainstream und Kommerz

Das kommerzielle Potenzial der Nacktheit

wurde ab den 1950er Jahren entdeckt als die ersten

Magazine erschienen und nackte Körper immer

mehr in Szene setzten. Durch große Reichweiten

der Blätter sowie durch die zunehmende Bedeutung

der Werbung innerhalb der Medienbranche,

nahm die Anzahl von Werbeinhalten verbunden

mit Nacktheit in den darauf folgenden

Jahrzehnten stark zu. Ein Beleg dafür war ein im

Dezember 1953 in den USA erstmals publiziertes

Printmagazin, auf dessen Cover der Erstausgabe

eine recht freizügige Marilyn Monroe posierte.

Der Playboy – und in der Folgezeit auch andere

Magazine – erregten auf diese Weise große Aufmerksamkeit

mit nackten Tatsachen. Im prüden

Amerika dieser Zeit war dies ein Tabubruch, welcher

den Magazinen große Popularität bescherte

und für hohe Auflagen sorgte. Kurze Zeit später,

im Zuge der in Kalifornien aufflammenden Hippie-Bewegung

Mitte der 1960er Jahre und hierzulande

durch die 68er-Bewegung, wurde Nacktheit

zunehmend auch ein Ausdruck von individueller

Freiheit, der auch in den Massenmedien Einzug

fand. „In den 1960er und 1970er Jahren wurde

Nacktheit mehr und mehr zum Mainstream, damit

einhergehend nahm auch die Kommerzialisierung

sehr stark zu“ so Lowry weiter.

Die Kosmetik-Marke Fa zeigte in den 1970er

Jahren im deutschen Fernsehen erstmals unbekleidete

Frauen in ihren Werbespots und sorgte so

für großen Wirbel in konservativen Kreisen. In der

Folgezeit hat sich diese Entwicklung nur noch

weiter intensiviert.

Digitales Zeitalter

Heute ist im Internet und in den mobilen Medien

Nacktheit ganz normal. Neben Werbung

spielen auch mittlerweile pornografische Inhalte

oder soziale Netzwerke, in denen nicht weniger

nackte Körper zu sehen sind, eine große Rolle im

World Wide Web. Nicht nur Laien zeigen sich

heute nackt sondern auch Personen des öffentlichen

Lebens. Popstars lassen in ihren Musikvideos

die Hüllen fallen, angesagte Schauspielerinnen

ziehen sich für den Playboy aus und Jugendidole

wie die neuen Youtube-Stars bewerben Produkte

in nur knappen Outfits. Bleibt die Frage wie die

Nutzer auf so viel Offenherzigkeit reagieren. Ob

wirksam oder nicht: Fest steht, Nacktheit ist ein

fester Bestandteil der Werbe- und Medienkultur

geworden.


16

EROTISCHES

mediakompakt

Nackte Fakten

So steht Deutschland zum Thema „Nackt“

GRAFIK: KATRIN KUBON UND HANNA RUNGE

Europas größter

FKK-Verein ist der

BFFL Hannover e.V.

Es gibt

160

FKK-Vereine

mit

50000

Mitgliedern

Allein in Baden-Württemberg

gibt es150

Schwimmbäder

mit FKK-Angeboten

2%

gehen am Strand oder im Freibad

bevorzugt nackt baden

FKK

45%

13%

42%

„Mir macht es nichts aus, wenn

andere FKK betreiben.“

„Ich würde nicht in die Nähe

von FKK-Stränden gehen.“

„Ich war bereits an

einem FKK-Strand.“


2/2015 EROTISCHES

17

Schlafen

13%

5%

schlafen im Hotel

am liebsten nackt

schlafen zu Hause

für gewöhnlich

nackt

22%

der Frauen und

12 % der Männer

Sex

haben bereits auf

Sex verzichtet,weil sie sich

zu unattraktiv fanden

53%

befürworten die

Einführung

von Nacktscannern

aller Pornowebsiten werden

13% von Deutschland aus abgerufen

» Spitzenreiter – weltweit

Die Erotikhändler

Beate Uhse, Amorelie

und Eis.de investierten

im Januar und Februar

2015 über

in Fernsehwerbung

Map of Germany - Single Color by FreeVectorMaps.com

1%

60%

5 Mio. €

aller Pornowebsiten werden

in Deutschland gehostet

aller Pornowebsiten werden

in den USA gehostet

0% 5%

kochen am liebsten nackt

Kochen Nacktscanner

Porno


18

DURCHLEUCHTET

mediakompakt

Der gläserne Mensch

Nie zuvor war es so leicht, Daten und Informationen zu sammeln wie heute. Das Internet und

seine zahlreichen Angebote, wie Suchmaschinen oder soziale Netzwerke, bieten hierzu unzählige

Möglichkeiten. Aber wie „nackt“ sind wir eigentlich wirklich in der digitalen Welt und wo

hinterlassen wir überall unsere Fußspuren? VON DANIEL MEDVED

Bild: Yohann Aberkane, flickr

Sabrina Müller (Name v. d. Red. geändert)

ist 22 Jahre alt, 1,65 m groß, hat blaue

Augen und lange blonde Haare. Nach

dem Abitur hat sie ein Germanistikstudium

begonnen. Sie ist im sechsten Semester.

Sabrina ist Single, feiert am Wochenende gerne

und trinkt oft Alkohol. Ihre Eltern sind geschieden,

sie selbst lebt in einer WG in Stuttgart. Nach

den Vorlesungen geht Sabrina oft im Rewe nebenan

einkaufen. Sie liebt Oreo Kekse, isst viel Obst

und Gemüse und nur ganz selten Fastfood. Jeden

Donnerstag geht sie von 17 bis 18 Uhr zum Zumba,

montags und mittwochs joggt sie. Mit ihrer

besten Freundin hat sie momentan einen großen

Streit, es geht um Sabrinas Zuverlässigkeit. Seit

dem 17.6.2013 hat Sabrina eine Tätowierung an

der rechten Seite ihrer Hüfte. Es ist ein kleiner

Schmetterling. Um all das zu wissen, muss man

Sabrina Müller nicht kennen. Ihren Namen bei Facebook

zu suchen und ein wenig Recherchearbeit

reicht aus, um ein detailliertes Profil von ihr zu erzeugen.

Die Informationen zu ihrer Person stammen

alle von ihr selbst. Dazu viele Bilder, die sie zu

verschiedenen Zeiten, auf Veranstaltungen, beim

Shoppen oder Feiern zeigen. Sabrina hat sich dazu

entschlossen, diese sehr privaten Daten dem Rest

der Welt zugänglich zu machen. Damit steht sie

nicht alleine da. Rund 28 Millionen Menschen

nutzen Facebook hierzulande. Viele von ihnen

nehmen es mit ihrer Privatsphäre nicht allzu genau.

Es ist erschreckend, wie leichtfertig viele

Menschen mit sensiblen und privaten Daten umgehen

und sie freiwillig der Öffentlichkeit preisgeben.

Das Internet vergisst nicht. Ein einmal eingestellter

Kommentar oder ein unvorteilhaftes Bild

können einem ewig anhaften. Wenn überhaupt,

lassen sich solche Beiträge nur mit viel Aufwand

aus dem Netz entfernen.

Wer allerdings glaubt, die von einem selbst

veröffentlichten Informationen wären die einzigen

die im Netz kursieren, der irrt. Den selbst

preisgegebenen Daten, stehen Daten gegenüber,

die große Internetkonzerne wie Google oder Facebook

über jeden einzelnen im Hintergrund sammeln.

Jede Bewegung im Netz, jeder Klick, jedes

angesehene Video und jeder eingegebene Suchbegriff,

wird in Profilen gespeichert. Diese Profile sagen

eine Menge über die betreffende Person aus.

Mithilfe der gespeicherten Daten kennen Google

und vergleichbare Unternehmen uns manchmal

besser, als der eigene Partner. Vielen ist nicht bewusst:

Selbst ohne Anmeldung bei verschiedenen

Internetdiensten werden solche Profile erstellt

und können den entsprechenden IP-Adressen

durch die Onlineplattformen zugeordnet werden.

Die Programme und Algorithmen, die bei einem

Websitebesuch im Hintergrund arbeiten, sind inzwischen

so intelligent, dass sie anhand des Surfverhaltens

sogar erkennen, wenn sich verschiedene

Personen über dasselbe Endgerät ins Netz ein-


2/2015 DURCHLEUCHTET

19

wählen. Ermöglicht wird dies durch sogenannte

Cookies, die beim Aufrufen einer Seite auf das

Endgerät des Nutzers geschrieben werden. Diese

Cookies vermerken, auf welchen Seiten sich ein

Nutzer aufgehalten hat. Wer über ein Google Konto

verfügt, hat zumindest in einen Teil seiner gesammelten

Daten Einsicht. Über www.google.

com/dashboard, können User nachvollziehen,

welche Spuren sie durch die Nutzung verschiedener

Google Anwendungen hinterlassen haben.

Darunter fallen auch gespeicherte Routen, die

über die Anwendung Google Maps eingegeben

wurden. Wen die nötige Zeit und der Aufwand

nicht abschrecken, der kann auch von Facebook

die Herausgabe aller Informationen über die eigene

Person verlangen. Dieses Datenpaket kann

durchaus mehrere Aktenordner umfassen.

Personenbezogene Daten werden allerdings

nicht nur gesammelt, wenn man aktiv im Netz

unterwegs ist. Wird mit EC- oder Kreditkarte bezahlt

oder werden Punktsysteme wie Payback genutzt

können Rückschlüsse auf das Einkaufsverhalten

gezogen werden. Über das Smartphone aktivierte

GPS Signale übermitteln permanent den

Aufenthaltsort ihrer Nutzer. Selbst ohne GPS

wählt sich das Handy bei der Nutzung in den

nächstgelegenen Sendemast ein, was ebenfalls eine

Standortbestimmung ermöglicht. Unzählige

Daten generiert auch ein neuer Trend, der sich

hierzulande langsam aber stetig entwickelt. Die

Rede ist von sogenanntem Self-Tracking. Dabei

wird mithilfe von Apps, Sensoren und Computerprogrammen

versucht, verschiedene Bereiche des

Lebens zu optimieren und dadurch die eigene Gesundheit

zu verbessern. Fitnessarmbänder oder

Smartwatches ermitteln dazu Bewegungs- und

Körperdaten. Der Nutzer versucht auf Grundlage

der Messwerte beispielsweise seine sportliche Leistung

zu steigern. Viele dieser Geräte geben sogar

individuelle Tipps, durch welche Übungen die

festgelegten Ziele erreicht werden können. Erste

Versicherungen und Krankenkassen bieten Kunden,

die bereit sind ihre Daten offen zu legen, Vergünstigungen

oder Prämien für eine gesunde Lebensweise

an und belohnen sie somit. Personengruppen,

die aufgrund von Unfällen oder Krankheiten

nicht in der Lage sind, Sport zu treiben,

würden bei einem solchen System von vorneherein

benachteiligt. Wer diese intimen Daten lieber

für sich behalten möchte ebenfalls.

Viele Menschen nehmen aus Gemütlichkeit in

Kauf, dass ihre Daten gesammelt werden. Oft ist

das auch nur schwer zu vermeiden. Wer heute beispielsweise

auf Facebook oder Whatsapp verzichtet,

ist von einem der wichtigsten Kommunikationsmittel

unserer Zeit ausgeschlossen. Digitale

Daten und Fußspuren zu vermeiden ist heutzutage

also kaum noch möglich wenn man sich dem

Netz nicht komplett entzieht. Die fortschreitende

Verknüpfung der analogen Welt mit der Digitalen

wird dies in Zukunft noch erschweren. Zumindest

über Informationen die man selbst veröffentlicht

hat man Kontrolle. Deshalb sollte vorab immer

überlegt werden, ob die Offenlegung diverser Informationen

in dieser Form auch gegenüber einer

Behörde oder dem Arbeitgeber unproblematisch

für die eigene Person sind, oder ob es doch ratsamer

wäre, manches für sich zu behalten.

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20

DURCHLEUCHTET

mediakompakt

Nicht nur Kriminelle versuchen, Zugriff auf unsere persönlichen Daten zu bekommen. Bild: Clipdealer

„Wer im Internet

ist, hat die

Privatheit verlassen“

Wie wir freiwillig und unfreiwillig

zum gläsernen Menschen

werden. Journalist und

Datenschutz-Aktivist Joachim

Jakobs im Gespräch mit der

Mediakompakt.

VON BJÖRN GALLINGE

Mediakompakt: Beim Data Protection Day, der Veranstaltung

zum Thema Datensicherheit an der

Hochschule der Medien (HdM), waren nur etwa

20 Zuhörer im Saal. Hat Sie das überrascht?

Jakobs: Nicht wirklich. Das Interesse der Öffentlichkeit

hat sich im begrenzten Publikumsinteresse

gespiegelt. Es hätte mich tatsächlich gewundert,

wenn das bei dieser Veranstaltung substanziell

anders gewesen wäre als bei vielen anderen

Veranstaltungen.

Mediakompakt: Was sagt das aus Ihrer Sicht über eine

Medienhochschule aus?

Jakobs: Studenten verhalten sich traditionell sehr

zeitökonomisch. Wer sie gewinnen will, muss sie

zur Teilnahme an Veranstaltungen verpflichten

oder hohe Gewinne bzw. ein besseres/bequemeres

Leben versprechen. Tatsächlich konnte die Veranstaltung

eine Bedrohung darstellen – man kann

die Lust am Gebrauch seiner „intelligenten“ Spielsachen

verlieren. Dieser Gefahr wollen sich viele

nicht aussetzen.

Was ich schlimmer finde ist, dass uns die Verbände

von Ärzten, Arbeitgebern und Verlegern einen

Korb für die Podiumsdiskussion gegeben haben –

mit der Begründung, sie seien „nicht von Spionage

betroffen“ oder sie würden die Sicherheit „den

Fachleuten“ überlassen. Der Glaube, die anderen

seien zuständig, ermöglicht ein bequemes Leben –

wenigstens solange, bis es schiefgeht.

Mediakompakt: Welche Bedeutung hat das Thema

Datenschutz und Datensicherheit für Sie persönlich?

Jakobs: Ich empfinde es als beängstigend, meine

Daten irgendwelchen Leuten zu überlassen, die

meinen sie müssten ihr eigenes Leben auf Facebook

entblößen. Gehen sie dann mit meinen Daten

besser um als mit ihren eigenen?

Mediakompakt: Was ist aus Ihrer Sicht für Privatpersonen

die größere Gefahr: dass unsere Daten aktiv

durch Hackerangriffe gestohlen werden, oder dass

wir persönliche Daten mehr oder weniger freiwillig

preisgeben?

Jakobs: Es ist die Kombination aus beidem: Unsere

Profilneurose einerseits und unsere Dateninkontinenz

andererseits verschaffen den Angreifern

hochauflösende Profile von Personen, Autos, Gebäuden,

Objekten – und in der Folge dann auch

von Unternehmen, Behörden, Institutionen – sowie

der gesamten Gesellschaft.

Mediakompakt: Wie groß ist der Anteil der persönlichen

Daten, die wir freiwillig preisgeben?

Jakobs: Das ist wohl individuell sehr unterschiedlich

– es gibt Menschen die wegen ihrer Paranoia

keine SMS versenden und kein Internet nutzen –

andere verbringen ihr Leben damit, jedes Mal die

Welt zu informieren, wenn sie nur die Toilettenspülung

betätigen.

Mediakompakt: Vor kurzem wurde eine Studie veröffentlicht,

wonach Internetkonzerne wie Google

und Amazon uns besser kennen als wir selbst und

unsere Lebenspartner. Onlinehändler erkennen

am Nutzerverhalten, ob eine Frau schwanger ist,

noch bevor sie es selbst weiß …

Jakobs: Wenn ich da einhaken darf – ich vermute,

Sie meinen den US-Einzelhändler „Target“. Der erstellt

Prognosen über seine Kunden, um dann personalisierte

Angebote zu machen. Anhand von 25

Produkten, die Schwangere regelmäßig in be-


2/2015 DURCHLEUCHTET

21

stimmten Schwangerschaftswochen kaufen, lässt

sich nicht nur die Schwangerschaft als solche vorhersagen,

sondern auch noch der Zeitpunkt der

Niederkunft. Nicht immer sind die Kundinnen darüber

glücklich.

So berichtete die New York Times 2012 von einem

Mann, der wutschnaubend in eine Target-Filiale

im US-Bundesstaat Minnesota marschierte: Seine

noch schulpflichtige Tochter hätte Gutscheine für

Baby-Kleider und Kinderbetten bekommen!

„Wollen Sie meine Tochter annimieren, schwanger

zu werden“, habe der Vater getobt. Tage später

entschuldigte sich der Filialleiter nochmals telefonisch.

Der Vater habe daraufhin kleinlaut geantwortet:

„Es hat sich herausgestellt, dass sich in

meinem Haus Dinge abgespielt haben, von denen

ich nichts wusste. Der Geburtstermin ist im August.

Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen.“ Im

Januar 2014 wurde bekannt, dass dem Unternehmen

Daten von 70 Millionen Kundendaten – darunter

Namen, Mail- und Post-Adressen sowie Telefonnummern

– gestohlen wurden. Hinzu sollen

40 Millionen Kreditkartendaten kommen. Unbekannt

ist, ob auf diesem Weg auch Informationen

über das heutige Kleinkind und weitere Daten

über die Lebenssituation der Mutter abhanden kamen.

Bislang hat sich Target dazu nicht geäußert.

Mediakompakt: Wie funktioniert so etwas, was wissen

diese Konzerne tatsächlich über uns?

Jakobs: Der Verschlüsselungsexperte Bruce Schneier

ist der Überzeugung, bald werde „alles“ gespeichert,

was wir on- oder offline tun. Die einzig verbleibende

Frage sei, wer Zugriff darauf habe. Zu einer

solchen „Hirndatei“ gehören die lebenslange

„Papierspur“ – von der Geburts- bis zur Sterbeurkunde

– und sämtliche Erfahrungen, Erlebnisse

und Gespräche, die wir zwischendurch machen.

Alles, was Microsofts „Schlaumäuse“ (Bildungsinitiative

von Microsoft, www.schlaumaeuse.de,

Anm. d. Red.) in den Kindergärten anklicken, lässt

sich protokollieren.

Jedes Wort, das mit „Hello Barbie“ gewechselt

wird, kann erkannt und für alle Ewigkeit gespeichert

werden. Kameras und Mikrofonen entgeht

dabei kein Zucken im Mundwinkel und kein gehässiges

Lachen – und sämtliche Gefühlsäußerungen

können dem Betroffenen zu einem beliebigen

Zeitpunkt wieder vor die Füße fallen. Weiter können

Beschleunigungssensoren in Handys Aufschluss

über unser Fahrverhalten und somit Rückschlüsse

über unser Agressionspotenzial sowie unsere

aktuelle Stimmung zulassen. Die Inhalte unserer

Twitter-Meldungen können unsere Persönlichkeit

transparent machen. Weitere Metadaten

anderer „iSpielsachen“ erzählen von unserem Lebensstandard

und (Ernährungs-)Gewohnheiten,

Bildung, Intelligenz, der emotionalen Verfassung,

unserer Sexualität und vielem mehr. Angeblich

soll daraus sogar zu erkennen sein, was wir „denken“.

[...]

Das vollständige Interview lesen Sie in unserer

Online-Ausgabe unter www.hdm-stuttgart.de/

mp/mediakompakt

Journalist und Datenschutz-Aktivist Joachim Jakobs

Bild:Privat

Joachim Jakobs ist freier Journalist und befasst

sich intensiv mit den Themen Datenschutz

und Datensicherheit. Er arbeitete u.a. mehrere

Jahre für die Free Software Foundation Europe

(FSFE), und hat sich bspw. mit der elektronischen

Gesundheitskarte, der Onlinedurchsuchung

und der Vorratsdatenspeicherung beschäftigt.

Im September erscheint sein Buch

„Vernetzte Gesellschaft. Vernetzte Bedrohungen.

Wie uns die künstliche Intelligenz herausfordert“

im Cividale-Verlag

Unsere verzückte Kontrollwut

EIN KOMMENTAR VON JULIA FAULWASSER

Ich habe mich bisher durch die Charakterisierung

der Generation Y durchaus vertreten gefühlt.

Wir zeichnen uns durch eine technologieaffine

Lebensweise aus, wir sind in einer Atmosphäre

des digitalen Wandels aufgewachsen.

Auf der Suche nach Selbstverwirklichung, der

perfekten Work-Life-Balance oder dem grundsätzlichen

Sinn haben wir aber scheinbar irgendetwas

ganz und gar falsch gemacht: Wir können nicht

mehr selbst beurteilen, ob wir genug geschlafen

haben. Das ist irgendwie beunruhigend. Das ist

uns aber erst jetzt klar geworden, just in dem Moment,

in dem große Firmen uns Gadgets und Apps

zur Verfügung stellten, mit denen wir genau messen

können, wie viele Tiefschlaf- oder Wachphasen

wir heute Nacht hatten. Hirnströme können

aufgezeichnet, eigene Bewegungsmuster angefertigt

werden. Das Motto des Self-Tracking: „self

knowledge through numbers“, die Selbsterkenntnis

durch Zahlen.

Dank solcher Weiterentwicklungen ertappe

ich mich in letzter Zeit immer wieder bei furchtbar

konservativen Attitüden, oder klinge in Gesprächen

mit Freunden und Bekannten wie meine eigene

Mutter. Entsetzt über solche technischen

Spielereien und ihre unabsehbaren Folgen verschließe

ich mich gedanklich davor. Keine schöne

Sache, und meiner Generation überhaupt nicht

angemessen.

So sehr mir das widerstrebt und ich meine Meinung

zu revidieren versuche, es will mir nicht gelingen.

Im Gegenteil, ich kann keinen Funken

Verständnis aufbringen für Mitmenschen, die völlig

bedenkenlos, naiv aber mindestens ebenso begeistert

diese Anwendungen ihren Alltag organisieren

lassen. Sollten gerade wir es nicht besser

wissen? Zumindest sollte uns der Mangel an

Kenntnis, was mit diesen Daten in Zukunft passiert,

skeptisch werden lassen. Es ist mir wirklich

herzlich egal, ob ich beim Surfen personalisierte

Werbeanzeigen eingeblendet bekomme. Wir sind

darauf konditioniert, solche Randerscheinungen

auszublenden. Aber welche alternativen Verwendungszwecke

meiner getrackten Daten kann ich

mir heute noch gar nicht ausmalen? Wenn ich

schon einem demokratisch gewählten Staat nicht

übermäßig motiviert und möglichst wenig persönliche

Daten zur Verfügung stellen möchte, wie

viel dann einem privaten Unternehmen, das niemandem

Rechenschaft schuldig ist?

Nutzer dieser Anwendungen geben an, ihr

Verhalten aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse

ändern zu wollen. Ziele wie eine gesündere Ernährung,

die eigene Sportlichkeit zu verbessern

oder weniger zu Rauchen stehen im Fokus. Auf die

Gefahr hin, hier völlig zu simplifizieren: Warum

nicht einfach mehr Gemüse essen, Joggen gehen,

die Rolltreppe links liegen lassen und das Rauchen

aufgeben? Braucht der industrialisierte Homo sapiens

sapiens tatsächlich den Hinweis eines Algorithmus,

er habe den ganzen Tag sitzend verbracht

und somit nicht ausreichend Sport betrieben?

Denke ich zu einfach, wenn ich glaube, die banalsten

Körpersignale immer noch – oder inzwischen

– eigenständig interpretieren zu können?

Sofern es nicht um völlig falsch verstandene

Selbstkontrolle geht, wundere ich mich doch sehr,

wem diese Generation Y hier die Verantwortung

übertragen möchte.


22

NACKTIONEN

mediakompakt

Voller

Körpereinsatz

Schöne Frauen? Weiblichkeit?

Sex? Erotik? Die Aktivistinnen

der Femen nutzen diese Vorstellungen

und Gefühle für ihre

Proteste. Oben ohne wird

protestiert gegen jegliche Art

des Sexismus und für die

Rechte der Frauen.

VON MELANIE BÄCHLER

Durch ihre provokativen Auftritte, meist

bei Veranstaltungen, welche ein großes

mediales Interesse genießen, ziehen

die Femen oft die Aufmerksamkeit

auf sich. Doch wie viele Frauen sind bereit

sich vor den Augen der Welt zu entblößen um

für Frauenrechte zu demonstrieren? Und ist dies

der richtige Weg?

Die Femen sehen sich selbst als neue globale

Frauenbewegung. Das Markenzeichen der Femen

sind Proteste mit Botschaften auf ihren nackten

Oberkörpern und Blumenkränzen im Haar. Die

Femen profitieren von ihren provokativen Auftritten,

da sie ihnen meistens eine hohe Aufmerksamkeit

einbringen.

Die Femen sind der Auffassung, dass in der Gesellschaft,

Politik und der Wirtschaft die Gleichstellung

von Mann und Frau nicht gegeben ist.

Die Femen protestieren vor allem gegen die Porno-Industrie,

da diese ihrer Ansicht nach Frauen

ausbeuten und ein falsches Bild von Frauen und

Sexualität vermittelt. Die Proteste der Femen richten

sich auch gegen Politiker und deren vermittelte

Frauenbilder. Das Hauptziel der Femen ist es, eine

absolute Gleichberechtigung von Mann und

Frau zu erreichen.

Die Femen wurden am 11. April 2008 von der

Ukrainerin Hanna Huzol gegründet. Seit 2011

protestieren Femen auch in anderen Ländern.

Nach Angaben der Femen gibt es weltweit 300 Femen-Aktivistinnen,

davon 200 Frauen in Europa.

Seit 2012 sind die Femen auch in Deutschland aktiv.

Im Jahr 2013 ließen sich die Femen als Verein

in Deutschland registrieren und können nun auch

offiziell Spenden sammeln. Die Gruppe finanziert

sich zusätzlich durch den Verkauf von Produkten

über ihren eigenen Online-Fanshop „FEMEN Official

Store“.

Bislang wurde den Femen die Anerkennung als

Organisation vom ukrainischen Justizministerium

verweigert, da ihre Proteste als „Aufruf zur Störung

der öffentlichen Ordnung“ aufgefasst werden.

Im Jahr 2013 nach Protesten gegen den Gerichtsprozess

von „PussyRiot“, verließen mehrere

ukrainische Führungsmitglieder der Femen die

Ukraine und beantragten politisches Asyl in

Frankreich. Bei „PussyRiot“ handelt es sich um eine

feministische Punk-Band aus Moskau, welche

mit regierungs- und kirchenkritischen Auftritten

Schlagzeilen machte. Seit diesen Protesten werden

die Femen von Paris aus organisiert.

In einem vom NDR produzierten Film begleitete

eine Reporterin für ein Jahr die Femen in

Deutschland. Zu Beginn des Films erklärt eine Aktivistin

der Reporterin, dass die Frauen durch ihre

radikalen Proteste einiges riskieren. Oben ohne

Fotos können den Aktivistinnen den Arbeitsplatz

kosten und ebenso kommt es vor, dass sich auch

die Verwandten und Bekannten, wegen der Proteste,

von der Aktivistin abwenden. Ebenfalls besteht

für die Aktivistinnen das Risiko von Verletzungen

und Verhaftungen. Aber an erster Stelle

stehen die Fragen, ob die Frauen die Oben ohne

Proteste mit sich selbst vereinbaren können und

ob sie die obengenannten Risiken eingehen um

mit nackten Brüsten für die Gleichstellung von

Frau und Mann zu protestieren.

Ihre Körper sind die Plakate der Femen, mit ihnen

transportieren sie ihre Botschaften und Forderungen.

Doch wieso nutzen die Femen ausgerechnet

ihre Oberkörper und ihre Brüste als Protestfläche?

Die Femen sagen, dass ihnen ihr Oberkörper

nicht einfach weggenommen werden kann wie

beispielsweise beschriftete Plakate. Zudem dauert

es länger einen nackten Oberkörper zu bedecken,

als ein Plakat herunterzureißen. Ebenfalls erzeugen

nackte Oberkörper mehr Aufmerksamkeit als

Plakate. Die Femen möchten ihre Körper in einer

Femen demonstrieren in Paris für Frauenrechte. Bild: Mickael Menard, flickr

starken und unabhängigen Stellung zeigen und

nicht, wie oft auf Nackt-Fotos, in einer devoten

oder sexy Pose. Die Aktivistinnen wollen verdeutlichen,

dass sie nicht um Gleichberechtigung bitten,

sondern sie fordern. Ebenfalls betonen sie,

dass sie einen gewaltlosen Protest ausführen, sie

sich jedoch nicht so leicht von Ort und Stelle verdrängen

lassen. Die Auftritte der Femen dauern

oft nur wenige Minuten bis sie von der Polizei

oder Sicherheitskräften beendet werden.

Einige Proteste der Femen:

· Im August 2008 versammelten sich etwa 50 Aktivistinnen

in Kiew um gegen den Sextourismus

in der Ukraine zu protestieren.

· Im Mai 2013 stürmten Aktivistinnen die Bühne

vom Germanys Next Topmodel Finale.

· Im August 2013 gab es einen Ansturm bei einer

Messe in Hannover von den Femen auf Angela

Merkel und Wladimir Putin.

Die Gefahr durch Proteste mit nackten Brüsten

nicht ernst genommen zu werden ist groß. Ebenfalls

ist es möglich, dass die Proteste mit nackten

Brüsten zwar wahrgenommen werden, aber die

Botschaften auf den Körpern nicht. Die Femen betonen,

dass sie halbnackt für die Proteste vor die

Öffentlichkeit gehen um zu unterstreichen, dass

ihr Körper ihnen gehört und nicht der Gesellschaft.

Ob der Unterschied zwischen devoten,

sexy Frauenbildern und den Protesten der Femen

immer erkannt wird ist fraglich. Ebenfalls fraglich

ist, ob die Forderungen der Femen wahrgenommen

und ernstgenommen werden.


2/2015 NACKTIONEN

23

Hüllenlos im Supermarkt

Tomaten in der Plastikwanne, eingeschweißte Äpfel und Salat in der Folie – im Supermarkt

wird nackte Haut nicht gerne gesehen. Wie ist es, eine Woche lang nur Unverpacktes einzukaufen?

Ein Selbstversuch. VON LEONIE AMBROSIUS

Bild: Leonie Ambrosius

Freundlich sieht mich der junge Verkäufer

an. „Darf’s was sein für Sie?“. Bereits seit

zehn Minuten drücke ich mich an der

Wursttheke herum. Passt die Mortadella

da rein? Vielleicht, wenn man sie faltet.

Oder doch lieber von der Mailänder Salami? Strategische

Fragen, die ich mir vor meinem Einkauf

sonst nicht stelle. Aber heute ist alles anders. Ausgerüstet

mit drei Stoffbeuteln und vier Brotzeitdosen

stehe ich im Supermarkt. Das Ziel: ohne Verpackungen

einzukaufen. Die nächsten sieben Tage.

Mein Experiment ist nicht neu. Seit der Eröffnung

des Berliner Supermarkts „Original Unverpackt“

ist das verpackungsfreie Einkaufserlebnis

in aller Munde. Doch während man seinen Wocheneinkauf

in der Hauptstadt schon ganz im Sinne

der Müllvermeidung erledigen kann, wandert

anderswo immer noch jede Gurke einzeln verschweißt

in den Einkaufswagen. 611 kg Müll erzeugt

jeder Deutsche laut dem statistischen Bundesamt

durchschnittlich im Jahr. Das sind rund

20 % des gesamten Müllaufkommens der EU. Besonders

Plastikmüll gilt dabei aufgrund seiner langen

Abbauzeiten als umweltschädlich. Und der ist

offenbar überall. Beim googeln von „plastic pollution“

schlägt einem eine Flut von Bildern entgegen

– tote Meeresvögel, der Bauch voller harter

Plastikteile; Schildkröten, der Panzer deformiert

durch die Plastikringe von Getränke-Sixpacks; gigantische

Müllstrudel im Pazifik.

Den eigentlichen Impuls für meinen Entschluss,

das verpackungs- und plastikfreie Einkaufen

auszuprobieren, gibt mir aber der Film „Plastic

Planet“. Und die Erkenntnis, dass Plastik nicht nur

sichtbar Einzug in unser Leben gehalten hat. In

Form von Mikroplastik und Stoffen wie Bisphenol

A kann es auch im Wasser, in Lebensmitteln und

sogar in unserem Körper nachgewiesen werden.

Als ich mir an der Wursttheke dann doch ein

Herz fasse und „100 g von der Mailänder Salami,

aber bitte ohne Verpackung“ ordere, stoße ich

dennoch auf Unverständnis. Ungläubig blickt

mein Gegenüber erst auf die Tupperdose in meiner

Hand und dann hilfesuchend zu seiner Kollegin.

Die klärt mich nach einer Schrecksekunde

nachdrücklich darüber auf, dass hier nichts ohne

Papier über die Theke gehen darf. Wegen der Hygiene.

Und wegen der deutlichen Kennzeichnung.

Und überhaupt muss ja auch irgendwo der Bon

drauf. In der Schlange hinter mir wird getuschelt.

Ein bisschen peinlich ist mir mein Anliegen jetzt

schon. Mein leiser Einwand, dass der Bon auch auf

die Dose könnte, hilft mir auch nicht mehr weiter.

Ich ziehe ohne Wurst von dannen. Ohne Käse sowieso.

Der ist selbst an der Frischetheke schon vorgeschnitten

und in Folie gewickelt.

In der Gemüseabteilung sieht die Welt schon

anders aus. Kartoffeln, Zucchini und Paprika kann

ich von meiner Einkaufsliste streichen. Aber ganz

ohne scheint es auch hier nicht zu gehen. Vor allem

in der Bio-Ecke erstreckt sich schillernd ein

Meer aus Cellophan. Aber warum liegen ausgerechnet

die Bio-Tomaten in einer Plastikschale,

umgeben von einer Plastiktüte? Doppelt hält offenbar

besser.

Meine Bilanz nach dem ersten Einkauf ist entmutigend.

Nach einer Stunde im Supermarkt sind

meine Einkaufstaschen vor allem mit einem gefüllt:

leerer Tupperware. Gerne würde ich mich

jetzt mit einem Stück Schokolade aufmuntern,

aber den Trostspender im Küchenschrank umgibt

– natürlich – eine knisternde Schicht Alufolie.

In den Folgetagen lerne ich viel dazu. Zum Beispiel,

dass Bioware in großen Supermärkten meistens

gesondert verpackt ist, da sie für den Verbraucher

laut EU-Verordnung klar als solche erkennbar

sein muss. Wer also mit gänzlich grünem Gewissen

Gemüse kaufen will, ist am besten im Naturkostladen

oder auf dem Markt aufgehoben.

Meine Tomaten kann ich hier sogar berühren, riechen

und probieren! Generell entdecke ich zum

Einkaufen jetzt andere Orte für mich und stelle so

zum Beispiel fest, dass der Metzger um die Ecke

nicht nur köstliche Maultaschen selbst macht,

sondern sie auch bereitwillig in mitgebrachte Dosen

packt. Ganz ohne komische Blicke. Auch die

Bäckerin freut sich, mir die Wecken direkt in die

Stofftasche zu füllen. Ich erfahre: das machen hier

auch andere Leute so. Laut Hygienevorschrift ist

es nämlich grundsätzlich nicht verboten, Lebensmittel

in selbst mitgebrachte Behältnisse zu füllen.

Es muss allerdings darauf geachtet werden,

dass hinter der Theke alles sauber bleibt. Zum Beispiel,

indem die Behälter auf dem Verkaufstresen

stehen bleiben.

Auf manche Lebensmittel muss ich aber trotzdem

verzichten. Obwohl ich meine Verpackungsfrei-Mission

nach drei Tagen Kartoffeln mit Gemüse

zugegebenermaßen auf eine Plastikfrei-Mission

reduziere, fehlen mir die Chips und Süßigkeiten

beim abendlichen Fernsehprogramm. Damit

liege ich zwar voll im Clean-Eating -Trend, also Essen

ohne Zusatzstoffe, so richtig Spaß macht das

allerdings nicht.

Auch Milchprodukte wie Feta, Mozzarella und

Frischkäse sind ohne Plastikverpackung schwer zu

bekommen. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch

und führt in meinem Fall zu der überraschenden

Erkenntnis, dass nicht nur Kekse sondern

auch Joghurt und Frischkäse selbst hergestellt

sehr gut schmecken.

Nach Ablauf der sieben Tage ziehe ich Resümee.

Auch wenn ich es nicht geschafft habe, komplett

ohne Verpackungen einzukaufen, bin ich

überrascht, wie leicht man an vielen Stellen doch

auf das Drumherum verzichten kann. Der verpackungsfreie

Einkauf erfordert zwar etwas mehr

Planung und Zeit, macht in den richtigen Läden

aber wirklich Spaß. Und das Gefühl, seine Einkäufe

in den Küchenschrank zu stellen, ohne sie zuerst

aus jeder Menge Verpackung zu fummeln, ist

ein sehr gutes.


24

NACKTIONEN

mediakompakt

Nacktlaufen in Deutschland? Aber bitte nur im Wald. Vom Trend der immer beliebter werdenden Naked Runs ist hierzulande noch nicht viel zu spüren. Bild: Chris, flickr

Leichter

ans Ziel!

Getreu dem Motto „Back to

Nature“ wird Nacktsport –

bei den antiken Olympischen

Spielen noch Alltag – seit einigen

Jahren wieder vermehrt

draußen betrieben. Vor allem

„Naked Runs“ (engl.: Nacktläufe)

erfreuen sich, ausgehend

von dem Trend-Land

USA, international immer größerer

Beliebtheit.

VON KATRIN KUBON

In den USA sind Naked Runs schon lange Trend

und an einigen Universitäten und Colleges sogar

Tradition. Zur Zeit zählt man etwa 30 landesweite

Naked Runs und die älteste Nacktlauf-Veranstaltung

feiert dieses Jahr bereits ihr

31-jähriges Jubiläum. Läufe wie der „Color Me Bare

Run“ in Los Gatos, Kalifornien, bei dem die Läufer

mit Farbeimern bespritzt werden, locken nicht

nur Läufer, sondern auch schaulustiges Publikum

an. Publikum ist jedoch rar: Die meisten Läufe finden

hauptsächlich auf Naturistengelände oder Privatgrundstücken

statt.

Eine Ausnahme findet sich beim jährlichen

„Bay to Breakers Run“ auf den Straßen von San

Francisco, bei dem sich Mitglieder einer Nudisten-

Organisation nach Jahren durchsetzen konnten

und nun auch nackt in der Öffentlichkeit laufen.

Doch was macht den Reiz des unbekleideten Laufens

in der Masse aus?

Die einen berufen sich auf eher gesundheitliche

Aspekte, wonach Nacktlaufen das Immunsystem

stärke, die Temperaturregulierung fördere

oder das unangenehme Gefühl von Schweiß auf

der Kleidung und der Haut verhindere. Demonstranten

sehen Nacktlaufen als eine aufmerksamkeitswirksame

Gelegenheit für Protestaktionen

oder Spendenläufe. Sportler genießen den Adrenalinkick

beim Entblößen in der Öffentlichkeit, loben

das bessere Bewegungsempfinden oder die

vermutete erhöhte Aerodynamik beim Laufen.

Auch der Seele tue es gut, eins zu sein mit der Natur

oder sich zu zeigen wie Gott einen schuf, bekräftigen

andere. Einige kommen zu Naked Runs

um etwas Neues auszuprobieren. Und manche

Spaßvögel finden die Reaktionen des oft stutzenden

oder peinlich berührten Publikums belustigend.

Anonym wollen die meisten Läufer trotzdem

bleiben, weshalb die Ergebnisse meist nur mit Vorname

und Initial des Nachnamens angegeben

werden.

In Deutschland fallen Nacktläufe rechtlich unter

kein explizites Verbot, jedoch sind sie Grund

für eine „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ und

werden mit Ordnungsgeldern von bis zu mehreren

Tausend Euro geahndet. Das Nacktlaufen in

Wäldern dient als Ausnahmefall, da es hier nicht

als Provokation verstanden werden kann. Peter

Niehenke, Deutschlands berühmtester Nacktjogger

meint zum Laufen außerhalb abgegrenzter Nudistenpfade:

„Das stört nur eine verklemmte Minderheit.“

FKK-Vereine bieten jedoch auf ihrem Gelände

Nacktsport-Angebote und sogar Nacktläufe an.

Der bekannteste deutsche Nacktlauf in Zieselsmar

bei Köln findet schon in seinem fünften Jahr auf

einem FKK-Gelände statt. Horst Kehm, Mitgründer

von nacktjoggen.de, erklärt die Gegebenheit

der eingezäunten Läufe wie folgt: „Wir wollen uns

niemandem aufdrängen. Akzeptanz erreicht man

eher nach und nach als mit der Hauruck-Methode.“

Dabei ist der Deutsche Verein für Freikörperkultur

(DVF)schon seit 1963 im Deutschen Sportbund.

Ein Wertewandel findet zwar nur allmählich,

aber dennoch statt. So wird 2015 schon der

dritte offizielle Nacktwanderweg in Deutschland

eingeweiht, der selbstverständlich auch für Läufer

begehbar ist.


2/2015 NACKTIONEN

25

Unten ohne in der U-Bahn

Geht nicht? Geht doch! Jedes Jahr lassen hunderte New Yorker für einige Stunden die Hosen

runter und machen so die U-Bahnen unsicher – und das ausgerechnet im klirrend kalten Januar.

VON HANNA RUNGE

Unter der Bezeichnung „No Pants Subway

Ride“ erlaubten sich sieben junge

New Yorker im Januar 2002 einen

Streich: In normaler Alltagskleidung,

aber eben ohne Hosen, fuhren sie in

der New Yorker U-Bahn. Ziel der Aktion war es, die

Reaktionen der Mitfahrer zu filmen und zu verbreiten.

Hinter der ganzen Idee steckt die Perfomance-Group

„Improve Everywhere“. Diese Organisation

hat es sich zur Aufgabe gemacht hat, große

Menschenmengen mittels Flashmobs und

Tanzeinlagen in „Szene“ zu setzen und zu filmen.

Ihre Videos laden sie auf ihrer Website und auf

YouTube hoch.

Der erste „No Pants Subway Ride“ erfreute sich

so großer Beliebtheit, dass die Zahl der Teilnehmer

in den darauffolgenden Jahren stark anstieg und

Nachmacher auf der ganzen Welt fand. Beim letzten

„No Pants Subway Ride“, der am 11. Januar

2015 stattfand, nahmen alleine in New York mehr

als 4000 Anhänger teil. Mehr als 10000 dürften es

in 60 weiteren Städten der USA und in weiteren 25

Ländern überall auf der Welt gewesen sein.

Auch Deutschland war vor dem „No Pants

Subway Ride“-Tag nicht sicher. In Berlin, Hamburg,

Köln und auch in Stuttgart konnten zeitgleich

zum Startschuss in New York hosenlose Beine

in den U-Bahnen gesichtet werden. Die deutsche

Organisation der Aktion findet zwar komplett

abgekoppelt vom amerikanischen Original

über Facebook statt, abenteuerlustige Teilnehmer

finden sich aber immer.

Doch wie reagiert der durchschnittliche

U-Bahnfahrer, der seine Hose lieber anlässt? Die

Reaktionen sind verschieden: Manche schauen irritiert,

andere mustern die nackten Beine oder

schauen weg und sehen zu, dass sie schnell aus der

Bahn herauskommen.

Aber wie auch immer die Reaktionen ausfallen,

der Tag bleibt vielen in Erinnerung, egal ob als

Teilnehmer oder Zuschauer. Und für ein Schmunzeln

sorgt er allemal.

Bild: Hanna Runge

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26

GEFÜHLE

mediakompakt

Bild: enki22, flickr

Bild: John Donges, flickr

Bild: Unsplash, pixabay

Ob Architektur, Einrichtung oder Technik – Minimalismus ist in vielen Lebensbereichen Trend.

Minimalismus: Reduzierter leben

Wir sind heute ständig online und immer erreichbar. Unser Gehirn muss täglich einen unendlichen

Datenstrom verarbeiten: Seien es leuchtende Werbetafeln, der Facebook-Feed, Whats-App-

Gruppen oder Push-Nachrichten von Spiegel-Online. Es ist also nicht verwunderlich, dass wir

uns in vielen Bereichen unseres Lebens nach Ruhe und einer Reduzierung auf das Wesentliche

sehnen. Minimalismus geht dabei über bloßes Design hinaus und stellt die Frage: Was brauchen

wir eigentlich zum Leben? VON NADINE BECK

Viele von uns nutzen täglich Gegenstände,

die geradezu ein Musterbeispiel für minimalistisches

Design darstellen: Produkte

der Marke Apple. Diese steht wie kein anderes

Unternehmen für Einfachheit. Die

Produkte sind auf eine perfekte Gestalt reduziert,

sodass auf den ersten Blick nichts auf ihre Funktion

oder den Verwendungszweck hinweist.

Ein Mac mini hat beispielsweise nicht einmal

mehr einen erkennbaren Ein-und-Aus-Schalter.

Nichts deutet darauf hin, dass diese „weiße Kiste“

eigentlich ein sehr leistungsfähiger Computer

ist. Apple hält sich bei der Gestaltung seiner Produkte

an ein Prinzip des minimalistischen Designs

„form follows function“: Die äußere Form

eines Gegenstandes richtet sich nach seiner

Funktion.

„Design is not just what it looks like and feels like.

Design is how it works.“ – Steve Jobs

Das Motiv der „weißen Kiste“ ist auch ein typisches

Motiv der minimalistischen Architektur.

Diese kommt ohne Schnörkel, unnötige Verzierungen

und Kitsch jeder Art aus und wirkt somit

sehr „clean“ oder auf den ersten Blick auch

„nackt“. Hier ist dieser Stil allerdings keine neue

Richtung, sondern rückt zu Zeiten, in denen wir

uns sich nach Ruhe in einer unübersichtlichen

Welt sehnen, in den kulturellen Fokus.

Die Anfänge der minimalistischen Architektur

liegen im Bauhaus in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts

mit bekannten Vertretern wie zum Beispiel

Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe.

Allerdings entwickelt sich der moderne Minimalismus

weiter und wirkt durch markante, prägende

Farben und „edel-roh“ belassene Materialien

(beispielsweise Holz) deutlich wärmer. Unsere

Sinne sollen bei der Betrachtung des minimalistischen

Gebäudes zur Ruhe kommen. Auch bei der

Inneneinrichtung wird deutlich reduziert. Der

„digitale Nomade“, der vor allem mit der neuesten

Technologie ausgestattet ist, aber ansonsten

wenig besitzt, arbeitet auf der ganzenWelt und

zieht dementsprechend oft um.

„Die Genialität einer Konstruktion liegt in ihrer Einfachheit.

Kompliziert bauen kann jeder.“ – Sergei Pawlowitsch

Koroljow, russischer Raumfahrtpionier

Viele Gegenstände müssen wir heute auch gar

nicht mehr physisch besitzen und benötigen dadurch

gleichzeitig weniger Platz. Die große Bibliothek

mit den Enzyklopädien zum Nachschlagen

und unseren Lieblingsromanen ist heute digital

abrufbar und überall auf unserem E-Reader oder

Tablet verfügbar. Ebenso unsere DVD-Sammlung

und die liebgewonnenen CDs – alles ist über Streamingdienste

jederzeit abrufbar und in digitaler

Form erhältlich. Deshalb fallen vor allem Regale

und Schränke weg. Wir brauchen zum Leben ei-


2/2015 GEFÜHLE

27

gentlich nur noch ein Bett, einen Schreibtisch, eine

Kommode und eventuell eine Kleiderstange.

„Einfachheit ist der Schlüssel jeder wahren Eleganz.“ –

Coco Chanel

Apropos Kleiderstange, in der Modewelt lassen

sich ebenfalls Einflüsse des Minimalismus finden.

Gerade Schnitte, geometrische Formen, reduzierte

Farbgebung, der Verzicht auf Details und jegliche

unnötige Verzierung zeichnen den Purismus aus.

Die wichtigsten Materialien sind steife Baumwolle,

glänzender Satin, grober Strick und, vor allem

in letzter Zeit, auch Neopren. Schwarz und Weiß,

Champagner, Asphaltgrau und eisige Pastelltöne

wie Rosé und Hellblau sind das Farbspektrum dieses

Modestils. Durch solche Materialen und Farben

wird dieser Stil auch oft als sehr klassisch und

zeitlos empfunden.

Früher ein Kleidungsstil, der eher in der Haute

Couture angesiedelt war und vor allem durch Labels

wie Jil Sander und Céline vertreten wurde, ist

der Purismus heute für die breite Masse erschwinglich

geworden. Dies verdanken wir vor allem dem

H&M-Ableger COS, der Mode vertreibt, die auf

dem Bügel ein wenig plump, fast langweilig aussieht,

aber angezogen dem Körper eine neue Architektur

verleiht. Prominente Trägerinnen dieses

Stils sind die androgyne Schauspielerin Tilda Swinton

und die schwedische Bloggerin Elin Kling.

Sogar im Bereich der Buchgestaltung lassen sich

Einflüsse minimalistischen Designs finden. Zu

den Klassikern in diesem Bereich zählt sicherlich

die „edition suhrkamp“. Seit 1963 werden jährlich

48 literarische und essayistische Erstausgaben

veröffentlicht, die alle einheitlich gestaltet

sind.

Die Gestaltung wurde von dem Artdirector Willy

Fleckhaus entwickelt und erst 2004 leicht verändert.

Charakteristisch für die Reihe ist die strenge

Typographie: Auf dem Cover befinden sich nur

der Titel des Werkes sowie der Name des Autors,

die durch Linien abgetrennt sind. Im Kontrast zur

Typographie und dem Inhalt steht die farbliche

Gestaltung des Einbands: 48 Farben aus dem Spektrum

des Sonnenlichts von Blauviolett über Rot,

Orange, Gelb, Grüngelb, Grün, Blau bis die neue

Reihe wieder mit Blauviolett startet.

„Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche.“–

Sokrates

Minimalismus geht mittlerweile weit über das Design

hinaus und entwickelt sich immer mehr zu

einem Lebensstil. Momentan wird viel auf „Masse

statt Klasse“ gesetzt. Einige Dinge, wie zum Beispiel

der Coffee-to-go-Becher, werden nur ein einziges

Mal für einen kurzen Zeitraum benutzt und

anschließend weggeschmissen.

In unserer Konsumgesellschaft beginnen sich immer

mehr Menschen zu fragen, was man überhaupt

zum Leben braucht und reduzieren bewusst

ihren Besitz. Sie entschließen sich von Überflüssigem

zu trennen und nur noch wirklich zum Leben

notwendige Dinge nachzukaufen.

Das befreite Gefühl, wenn man seinen Kleiderschrank

endlich ausgemistet hat, kennen wohl die

meisten von uns. Der US-Amerikaner Dave Bruno

hat das Aussortieren von Konsumgütern ins Extreme

getrieben und seinen Besitz innerhalb eines

Jahres auf 100 Gegenstände reduziert. Das einzige,

was er neu gekauft hat, war ein neues Surfbrett.

Solche Fälle muss man nicht unbedingt nachahmen,

um Minimalismus zu leben. Es genügt sich

bei der nächsten Shoppingtour kritisch zu hinterfragen,

ob man das Produkt einfach haben möchte

oder tatsächlich benötigt. Für einen minimalistischen

Lebensstil muss man nämlich nicht in einer

sehr reduzierten und aufgeräumten Wohnung

leben – es beginnt mit den täglichen Entscheidungen

im Alltag und einem bewussten Konsum.

Wenn aus nackten

Körpern Kunst wird

Wie aus nackten weiblichen Körpern faszinierende Kunstobjekte

werden können, zeigt der US-Künstler Johny Dar in

seinem aktuellen Kunstprojekt „DAR the BOOK“. Er setzt ein

Statement gegen verzerrte Schönheitsideale und für mehr

Mut zur nackten Haut. Sie kann doch so wunderschön sein…

VON ALENA ZÖHNER

Schönheit, Erotik und Ästhetik. Mit diesen

Attributen wurden bereits vor mehreren

Jahrhunderten der weibliche Körper

und seine äußere Wirkung in Verbindung

gebracht. Doch was gilt heute eigentlich

noch als ein schöner weiblicher Körper?

Darüber streiten sich die Geister, da Schönheit unterschiedlich

wahrgenommen wird. Schönheitsideale

haben sich stark verändert. Während noch

bis ins letzte Jahrhundert jene Frauen als attraktiv

galten, deren Körper reichlich mit typisch weiblichen

Rundungen ausgestattet waren, muss der

weibliche Körper im 21. Jhd vor allem rank und

schlank sein. Frauen selbst beurteilen ihren Körper

heute kritischer denn je. Verantwortlich dafür

ist vor allem das verzerrte Bild des weiblichen

Schönheitsideals in der Werbeindustrie.

Dass der nackte weibliche Körper schön ist,

egal ob mit mehr oder weniger Rundungen, beweist

der US-Künstler Johny Dar mit seinem aktuellen

Kunst-Projekt „DAR the BOOK“. Dabei setzt

er sich künstlerisch mit der Intimität des unverhüllten

weiblichen Körper auseinander und stellt

diesen in den Mittelpunkt seines kreativen Schaffens.

Er inszeniert die entkleidete feminine Form

auf beeindruckend zeitlose und originelle Art und

Weise – und das allein mit dem Zeichenstift. All

das präsentiert er in einer außergewöhnlichen

Kunstsammlung aus insgesamt sechs Buchbänden,

die von 2012 bis 2017 jährlich erscheinen.

Die kreative Art des Zeichnens in allen Bänden

von „DAR the BOOK“ soll dem Beobachter einen

unverwechselbaren Einblick in den femininen

Körper geben und lädt ihn ein, die Frau auf eine

originelle Art zu entdecken.

Mit „DAR the BOOK 3“ ist nun der dritte Band

seiner sechsteiligen Reihe veröffentlicht worden.

Wer sich das Werk ansieht, erhält einen intimen

Einblick in die zeitgenössische Art des Zeichnens.

Der Bildband ist eine fesselnde Sammlung handgezeichneter

Bilder nackter, erotischer Frauen.

Der Künstler lässt dem Betrachter Freiraum für seine

ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem

nackten weiblichen Körper. Dieser kann je nach

Geschmack sowohl faszinieren, als auch abstoßen,

wie die Darstellung der Frauen ohne Augen

zeigt.

Der Künstler Johny Dar bewegt sich mit seinen

kreativen Arbeiten zwischen kunstvollen Malereien

und avantgardistischen Modekollektionen.

Mit extravaganten Entwürfen, ausgefallenen Bodypaintings

und eindrucksvollen Kunstwerken

hat er sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht.

Das Projekt „DAR the BOOK“ reiht sich in

die Sammlung seiner extravaganten Werke ein.

Die ersten drei Kunstbücher sind exklusiv auf

der Website „www.darthebook.com“ erhältlich.

Diese künstlerische Entdeckungsreise lohnt sich

nicht nur für Kunstliebhaber. All diejenigen, welche

die Schönheit des weiblichen Körpers neu entdecken

und sich in die Tiefen der weiblichen Psyche

begeben wollen, kommen mit diesem Kunstprojekt

definitiv auf ihre Kosten.

Weitere Infos finden sich im Netz unter:

www.darthebook.com


28

GEFÜHLE

mediakompakt

Natürlich schön!

Bild: Selbstporträt aus der Serie „Something Personal“ von Marteline Nystad

„Wenn ich jemanden

umretuschiere, sage ich ihm

dann nicht, dass er so, wie er

ist, nicht gut genug ist?“

VON ISABELLA HEINE

Während übersteigerter Körperwahn,

utopische Schönheitsideale und die

allgegenwärtige Photoshop-Manie

ihren Höhepunkt in den Medien

längst erreicht haben, stellen sich

jüngst diverse Fotokünstler gegen diesen Trend

und zelebrieren in ihrer Arbeit die natürliche

Schönheit von Frauen und Männern.

Wie entgleist der Drang nach Perfektion und

Makellosigkeit in unserer heutigen Zeit ist, wird

vor allem dann deutlich, wenn selbst Topmodels

wie das ehemalige Victoria’s Secret Angel Miranda

Kerr sich auf Privatbildern noch schlanker schummeln

als sie ohnehin schon sind.

Auch Beyoncé, die sonst in Interviews selbstbewusst

zu ihren weiblichen Rundungen steht,

fndet sich auf einigen Bildern offenbar zu kurvig

und retuschiert sich lächerlich dünne Beinchen.

Leider sind die Schummeleien so offensichtlich,

dass die ehemalige Vorreiterin für echte Weiblichkeit

und ein gesundes Körpergefühl, die einst

den gesellschaftlichen Zwang zur äußerlichen

Perfektion kritisierte, nun jegliche Authentizität

verliert.

Angesichts solch überzogenen Strebens nach

Perfektion möchte man fast lachen, wäre es nicht

auf eine Art auch tragisch. Frauen, die in der Öffentlichkeit

stehen und mit ihrer Stimme so viele

erreichen können sind heutzutage besser darin,

ihre eigene Eitelkeit zu befriedigen und Klischees

zu erfüllen, als Ihresgleichen im Frausein zu bestärken.

Die 2004 veröffentlichte Real Beauty-

Werbekampagne von Dove hingegen versuchte

genau dies – hier werden uns strahlende, selbstbewusste

Frauen in Unterwäsche präsentiert, die

nicht ins 90–60–90-Schema passen sondern zu ihren

Kurven und Eigenarten stehen. Dove wurde

damit zum Vorreiter für eine „neue Natürlichkeit“

in der Werbebranche.

Andere Unternehmen wie Nike und Du Darfst

zogen nach. Anja Meisel, Sprecherin von Du

Darfst, begründete den Wandel der Werbebotschaften

folgendermaßen: „Wir wollen damit die

Selbstzweifel vieler Frauen relativieren.“

Frei von kommerziellen Hintergedanken verschreiben

sich jüngst diverse Fotokünstler ebenfalls

der natürlichen Schönheit von Frauen und

Männern und dokumentieren diese in ihren Bildern.

Berührend. Echt. Nah. Wie schön „echt“

sein kann bewies bereits das amerikanische Fotoprojekt

The Nu Project von Katy Kessler und Matt

Blum. Seit 2005 schießt das Fotografenduo „ehrliche“

Nacktfotos von mittlerweile über 8000

Frauen in ihrem Zuhause – unretuschiert und ungeschminkt.

Die Fotos zeigen ein ganz neues

Selbstverständnis vom weiblichen Körper. Losgelöst

von gestörten Körperidealen und Photoshopretuschen

wird die einmalige Schönheit jeder

Einzelnen zelebriert.

Die deutsche Fotografin Lena Reiner, die sich

selbst als „Menschenfotografin“ bezeichnet,

sieht sich in ihrer Arbeit ebenfalls dazu verpflichtet

unrealistische Schönheitsideale und gestörte

Selbstwahrnehmung nicht zu fördern: „Wenn

ich jemanden umretuschiere, sage ich ihm dann

nicht, dass er so, wie er ist, nicht gut genug ist?

So eine Botschaft mag ich nicht aussenden – egal

wie unterschwellig.“ Während sonst meist Frauen

im Kontext von Schönheitsidealen fotografiert

werden, inszeniert Lena Reiner in ihrer Fotoserie

NAH auch Männer hüllenlos und lässt dabei

hinter das von der Männerwelt oftmals gelebte

Klischee der „harten Schale“ blicken.

Für die Norwegerin Marteline Nystad hingegen

sind ihre schockierend ehrlichen Selbstporträts,

in denen sie ihr Übergewicht mit Selbstbewusstsein

und Selbstverständlichkeit zeigt, zu einer

Möglichkeit geworden, eine Art Gegenposition

zu ihrer Arbeit als Fotografin in einer Modelagentur

zu beziehen. So ging es Nystad laut eigener

Aussage in ihren Fotos „nie um Selbstvertrauen“

sondern um eine „Neudefinierung, was für

Menschen Schönheit bedeuten könnte“. Unter

dem Titel Something Personal veröffentlichte die

24-jährige Fotografin 2014 erstmals die Nacktporträts

auf ihrer Künstlerwebsite. Die Kamera hält sie

dabei schonungslos genau auf die Makel und vermeintlichen

Fehler, die andere um jeden Preis zu

verbergen versuchen und schafft damit einzigartig

authentische Porträts.

Cellulite? Schwangerschaftsstreifen? Hängende

Brüste? In der glattgebügelten Medienlandschaft

ist das undenkbar! Beim durchblättern

eines Hochglanzmagazins wollen wir das,

wenn wir ehrlich sind, auch gar nicht sehen. Da

erwarten wir diese makellosen Körper und strahlenden

Gesichter, die so überirdisch schön daherkommen,

dass es fast schon wehtut. Umso erfrischender

ist es zu sehen, wie sich immer mehr

Fotokünstler in ihrer Arbeit von unrealistischen

Idealen und Normdenken lösen und stattdessen

den Mensch in seiner perfekten Einzigartigkeit in

den Fokus rücken.


2/2015 GEFÜHLE

29

Seelenstriptease vor dem Partner

„Generation beziehungsunfähig!“ – So wird unsere Generation häufig abgestempelt. Warum fällt

es immer mehr Menschen schwer, eine feste Bindung einzugehen? Ein Blick auf unsere

Generation. VON KLARA BIEHL

Heulend und mit triefender Nase sitzt

meine Freundin vor mir. „Ich verstehe

einfach nicht, was ich falsch mache.

Ich tue doch wirklich alles für

ihn“, versichert sie. „Gar nichts tust

du falsch, der ist einfach beziehungsunfähig.“,

antworte ich ihr. Sie, das ist Steffi. Steffi ist seit

der Schulzeit meine beste Freundin und jetzt

mental völlig am Ende. Grund dafür ist ein Kerl,

mit dem sie seit zehn Monaten schläft und in den

sie sich verliebt hat. Er sagt auch, dass er sie mag,

aber eine Beziehung mit ihr möchte er nicht.

Die Zeiten, in denen ein Kuss oder der erste

Sex besiegelten, dass man zusammengehört, sind

längst vorbei. Heute hat ein Großteil der jungen

Leute kein Problem damit, sich auf eine ausschließlich

körperliche Beziehung einzulassen.

Wieso auch nicht? Diese neue Freiheit ist ein weiterer

Schritt in eine modernere Welt und in die

voranschreitende Selbstbestimmung. Was daran

sollte falsch sein?

Solche als „Freundschaft plus“, oder einfach

als „Affäre“ bezeichneten Zusammenschlüsse

entstehen meist dadurch, dass es eben passiert.

Man lässt es sozusagen einfach „laufen“ und

schaut, wo alles hinführt. So driftet man ab in eine

„Halb-Beziehung“, in der sich die Betroffenen

mehr oder weniger freiwillig befinden. Offiziell

ist man noch Single, vermischt diese Lebensweise

aber mit der eines Pärchens. Genau das wird

aber für viele wiederum zu einem Problem. Nur

weil einer der beiden Involvierten ausschließlich

etwas Körperliches sucht oder während der gemeinsamen

Zeit rausfindet, dass daraus nichts

Ernstes werden kann, heißt das nicht, dass es

dem anderen genauso geht.

Da man den Beziehungsstand eben nie definiert

hat, kommen irgendwann Fragen auf:

Was ist das eigentlich zwischen uns? Sind wir

jetzt zusammen? Wieso sagt der andere nichts

dazu? Schenken wir uns was zum Geburtstag?

Oder auch das nach Kant typische Problem:

„Was darf ich hoffen?“ Diese Fragen zu stellen

ist für viele nicht einfach. Dazu müsste man einen

Seelenstriptease hinlegen, sich selbst und

dem Gegenüber eingestehen, dass man mehr

als nur Körperliches sucht. Diese Nacktheit

macht schutzlos und angreifbar: Der andere

könnte nicht das Gleiche empfinden und im

schlimmsten Fall die Beziehung beenden, bevor

sie entstanden ist.

Die Gehemmtheit sich auf einen neuen Partner

einzulassen, ist darin begründet, dass man zu

viele andere und womöglich bessere Möglichkeiten

damit ausschließen würde.

Die Zeiten sind vorbei, in denen man sein Leben

lang in einem Ort wohnte, mit dem ersten

Partner zusammenblieb und bis zur Rente eine Arbeitsstelle

hatte. Heute sieht der Lebenslauf bei

vielen anders aus. Junge Leute ziehen in eine neue

Stadt, um zu studieren und machen vielleicht ein

Jahr Work & Travel auf der anderen Seite der Erde.

Sie führen Fernbeziehungen und wenn sie denken,

sie könnten woanders mehr verdienen,

wechseln sie einfach den Job.

Dieses ständige Bestreben, etwas Besseres finden

zu können, spiegelt sich im Liebesleben wider.

Die „Generation beziehungsunfähig“ hat

Angst etwas zu verpassen, wenn sie eine Beziehung

eingeht. Sie versuchen den perfekten Partner,

den perfekten Job in der perfekten Stadt zu

finden und das perfekte Leben zu führen. Diese

Bindungsunfähigkeit ist also auch das Streben

nach vermeintlicher Perfektion, die mit dem Gedanken

einhergeht: „Wenn der perfekte Partner

kommt, kann ich mich auf ihn einlassen und

meine Gefühle hüllenlos zeigen!“ Das Problem

mit dem perfekten Zustand ist, dass man ihn nie

erreicht.

Dieser starke Drang nach Selbstverwirklichung

ist kontraproduktiv für eine Beziehung.

Dadurch, dass man denkt, irgendwo auf der

Welt, gibt es jemanden, der besser zu mir passt,

ist man in der aktuellen Beziehung weniger bereit

Kompromisse einzugehen. Menschen mit

diesem Wunsch nach Selbstverwirklichung haben

also immer eine große Sehnsucht nach Freiheit.

Dadurch versuchen sie auch eine offizielle

Entscheidung für eine Beziehung zu vertagen.

Wenn das eigene Ego so groß ist, dass man

den potenziellen Partner ausblendet, vergisst

man schnell, dass es in Beziehungen um eine gemeinsame

Weiterentwicklung der Persönlichkeit

geht. So lernt man sich zum Beispiel in einer neuen

Beziehung neu kennen, da man sich aus der

Perspektive des Partners sieht. Wer sich ausschließlich

auf sich selbst beschränkt, verpasst alles

andere.

Natürlich ist dieses ganze Hin und Her auch

für den Freiheitsliebenderen der beiden Involvierten

nicht stresslos. Er möchte den anderen

nicht verletzen, kann sich nun mal aber nicht

entscheiden, welche der Freiheiten ihm wichtiger

ist: Die gewünschte Perfektion und Selbstverwirklichung

oder die Freiheit sich vor dem Partner

öffnen zu können und sich in einer Beziehung

fallen zu lassen.

Steffi hat den Schritt getan und diesen Seelenstriptease

vor ihrem Liebhaber vollzogen. Man

muss sich selbst ein wenig der großen Freiheit

und Sicherheit des Deckmantels der harten Schale

berauben, um wieder durchatmen zu können.

Der Seelenstriptease bleibt behaftet von einem

Wechselspiel aus Angst zurückgewiesen zu werden

und der Hoffnung angenommen zu werden.

Sie hat ihre Gefühle enthüllt und hatte Glück. Sie

ist jetzt in einer festen Beziehung und sagt ganz

unverblümt zu mir: „Ich bin so doof! Wieso habe

ich nur so lange gewartet, um ihm zu sagen, was

ich empfinde?“

Bild: pixabay


30

GEFÜHLE

mediakompakt

Schutzlos in der Angstfalle

Angst ist ein natürlicher

Schutzmechanismus. Wenn

diese Funktion gestört ist,

schlägt sie schneller an und

tritt heftiger auf. Ein

Betroffener spricht über die

Schutzlosigkeit und seinen

gesuchten Ausweg.

VON MAXIMILIAN MÜNZER

Johannes Müller (Name v. d. Red. geändert)

befindet sich in Psychotherapie. Er arbeitet

seit Jahren mit seinem Therapeuten gegen

die Angst, die lange sein ständiger Begleiter

war.

„Man kann sich eine Panikattacke wie einen

Tsunami vorstellen.“, erzählt er. „Erschütterungen

werden zu einer Kaskade“, fährt er fort. „Bis

schließlich alles über einem zusammenbricht“.

Johannes M. ist krank. Er leidet unter einer Angststörung

im Rahmen einer depressiven Erkrankung.

Das bedeutet, dass er in Bezug auf bestimmte

Situationen Panikattacken bekommt. „Emotionaler

Stress wird bei mir schnell zu einem Gefühl

der Angst“, erklärt er. „Dann bin ich schutzlos und

überwältigt. Die Angst lähmt mich, etwas daran

zu ändern“. Da er seinen Alltag inzwischen wieder

bewältigen kann, betont er, dass er sich aber als

funktionierendes Mitglied der Gesellschaft sieht.

„Ich vergleiche das oft mit Diabetikern. Sie reagieren

empfindlich auf einen Reiz auf den Körper“,

erzählt er.

Pathologische Anzeichen dafür sind unter Anderem

Hitze am Rücken, Empfindlichkeit gegenüber

Bewegungen, Kopfschmerzen, Übelkeit. Dies

kann bis zum schieren Unvermögen sich zu bewegen

eskalieren. Gewissermaßen ist eine Panikattacke

ein gewaltiges Ereignis für jeden Betroffenen.

„Überwältigend trifft es sehr gut.“, erklärt Johannes

M.. Ein ganz spezieller Aspekt einer Panikattacke

sei die Ohnmacht. Ohnmacht im psychologischen

Sinne ist ein Gefühl der Hilflosigkeit, oft gepaart

mit einem subjektiven Mangel an Einflussmöglichkeiten.

„Genau das ist das Problem“, führt

er fort. Wie kann ich mich selbst wieder aufbauen,

wenn ich keine Möglichkeit mehr sehe? Die erste

Attacke war die schlimmste. Ich wusste nicht was

das ist. Und ob es wieder geht!“

Oft helfe nur noch der Aus-Schalter in Form einer

Tablette, meint Johannes M. „Die knipst dir

die Lichter aus. In diesem Moment ist das eine

kurzfristige Befriedigung. Eigentlich ist es eine

Pause, bis der nächste Tag beginnt und man sich

wieder gegen die Angst stemmt.“ Tabletten lösen

das Problem also nur kurzfristig. Es gibt auch Medikamente,

die regelmäßig genommen werden

sollen. Sie stabilisieren Botenstoffe und Hormone,

Bild: pixabay

die unter anderem für solche Attacken verantwortlich

sind.

Um dem Ganzen langfristig entgegenzuwirken

ist eine Therapie nötig. Dies bestätigt heutzutage

im Gegensatz zu früheren Ansätzen beinahe

jeder seriöse Mediziner. Eine Therapie soll helfen

die Typologie der Angst und ganz speziell die der

eigenen Angst und Ohnmacht zu verstehen.

Grundsätzlich gibt es alle möglichen Gründe

Angst zu haben. Angst lässt sich jedoch kategorisieren,

z.B. in Angst vor Tieren oder äußere Einflüsse

wie Dunkelheit. „Die meisten Patienten haben

Probleme mit der Angst auf psychosozialer

Ebene“, erklärt der Psychoanalytiker Markus Pfeiffer.

Vor allem gelte hier der Grundsatz, dass jeder

Patient individuell betrachtet werden müsse, da

jeder auch eine andere Geschichte in die Praxis

mitbringe.

Nach Siegbert A. Warwitz, Professor für Psychologie

und Pädagogik, bringt jeder Mensch eine

für ihn typische Angstdisposition mit. Diese lässt

sich ab dem Kleinkindalter durch entsprechende

Lernprozesse erheblich verändern. Sehr einfach

ausgedrückt: Jede Art von Angst kann erlernt, aber

auch verlernt werden.

Ab einem bestimmten Punkt braucht ein

Mensch professionelle Hilfe. „Hinter der Angst

steckt oft ein Lernprozess.“, bestätigt Markus

Pfeiffer. Ein Therapeut sei auch dazu da, den Patienten

anzuleiten zu lernen mit seiner Situation

umzugehen.

Inzwischen weiß man, dass nicht nur Extremfälle

sich professionelle Hilfe suchen. Es braucht

nicht viel, um plötzlich große Angst zu haben. In

einer schnelllebigen Gesellschaft geraten vor allem

sensible Menschen unter Druck schnell an ihre

Grenzen. Dabei ist gerade die Angst ein wertvoller

Schutzmechanismus. Sie ist ein notwendiger

Atavismus aus den Anfängen des Menschen. „Stellen

sie sich vor, wenn die Steinzeitmenschen keine

Angst vor Gewittern und Tieren gehabt hätten.

Wer weiß, ob die Menschheit überlebt hätte“, erklärt

Markus Pfeiffer die Funktion der Angst.

„Ich habe die Angst gehasst, sie nimmt mir Lebensqualität.

Es hat gedauert, bis ich die Angst

als Alarmglocke begriffen habe. Das macht das

Gefühl nicht angenehmer, aber hilft mir sie zu

verstehen.“, fährt Johannes M. fort. Konkrete

Strategien gegen oder viel mehr mit der Angst

gibt es wenig, da sie individuell betrachtet werden

muss. „In meinem Fall analysiere ich genau,

was vor der Attacke geschehen ist. Daran muss

ich mich orientieren“. In der Therapie wird besprochen,

was zur Angst geführt hat. Damit lässt

sich der Grund eingrenzen und mit der Zeit

zeichnet sich ein Bild ab. „Die Gründe der Attacke

bespreche ich dann in der Therapie. Inzwischen

komme ich auch schon allein auf Lösungen,

da mein Therapeut mir die richtigen Fragen

stellt.“

Konkreter möchte Johannes M. nicht werden.

Er ist froh, sich vor drei Jahren für eine Therapie

entschieden zu haben und möchte jeden ermutigen,

nicht zu lange zu warten. Auch der Psyochoanalytiker

Markus Pfeiffer warnt vor falscher

Scham: Je länger man warte, desto mehr manifestieren

sich oft zerstörerische Handlungen mit der

Angst umzugehen. Ein typisches Bild sei das Überhäufen

mit Arbeit oder Alkoholismus.

Ein Fazit des Interviews lässt sich festhalten:

Ein Besuch beim Arzt muss der erste Schritt sein,

psychologische Beratungsstellen können aber

auch helfen. Auch wenn es noch früh ist, schadet

ein Besuch bei einem Therapeuten niemanden.

Doch eine frühe Terminvereinbarung ist nötig,

denn an schlechter Auftragslage leiden Therapeuten

nicht. Oft gibt es lange Wartezeiten und wer

dringend Hilfe braucht, kann nicht lange warten.


2/2015 GEFÜHLE

31

Das kleine ABC der Körpersprache

Körpersprache zu lesen kann man lernen, aber das dauert seine Zeit – und nur mit Übung wird

man nach und nach besser. Man trainiert es am besten an den Personen die man gut kennt und

häufig trifft. Dabei sollte man weniger auf die gesprochenen Worte achten, sondern vor allem

auf Mimik und Gestik. Es ist überraschend, was dabei alles auffällt – der menschliche Körper ist

ein Kunstwerk und gilt nicht ohne Grund in einigen Kulturkreisen sogar als heilig.

VON SANDRINE LIBNER

Der Mund

Vor allem Frauen kennen

die Wirkung auf ihr Gegenüber,

wenn sie sich

verführerisch auf die

Lippen beißen – spätestens

seit dem Film „50 Shades

of Grey“ dürfte das allgemein

bekannt sein. Im Gegensatz dazu bedeuten

zusammengekniffene Lippen innere Anspannung,

oder dass eine Person wütend ist. Die Hände

vor dem Mund deuten auf einen inneren Konflikt

hin oder aber darauf, dass jemand etwas verbirgt.

Gähnen zählt natürlich nicht dazu.

Die Augen

Wenn eine Person nach

oben sieht bedeutet dies,

dass sie sich in der Zukunft

liegende Bilder

oder Situationen vorstellt.

Wenn sie nach oben links

schaut versucht sie, sich an vergangene

Dinge zu erinnern. Die gleichen Augenbewegungen

nach unten gerichtet zeigen, dass jemand

versucht, sich an Geräusche zu erinnern

oder sie sich in der Zukunft vorstellt. Diese Vorstellungen

können dabei positiv oder negativ sein.

Am interessantesten ist der direkte Augenkontakt.

Sehen sich zwei Menschen direkt in die Augen,

zeigt das Interesse. Ein Zwinkern beispielsweise

bedeutet Zustimmung

Die Hände

Streicht sich jemand mit

den Händen durch die

Haare, kann dies ein Signal

dafür sein, dass eine

Person in der unmittelbaren

Umgebung als attraktiv

empfunden wird. Auch das

nervöse Spielen mit den Händen kann als Indikator

dafür betrachtet werden – wenn man nicht gerade

von einem Moskito gestochen wurde. Personen

mit schwitzenden Händen sind unsicher oder

haben Angst vor einer bevorstehenden Situation.

Überlebens strategie

der Nacktschnecke

Manche Menschen sind wie Nacktschnecken. Für mich ist das

negativ belegt. Völlig zu Unrecht; wir können einiges von den

Tieren lernen. VON ANDREA HOFFMANN

Wie wir uns besonders gut einschleimen,

um dann sicher über Rasierklingen

zu gleiten zum Beispiel.

Und dass eine dicke Haut ein guter

Fressschutz ist. Dass Löcher in der

Erde gute Verstecke sind, wenn das Leben davon

abhängt und man sonst in der Sonne verbrutzelt.

Falscher Stolz ist in diesem Fall unangebracht.

Nacktschnecken sind nackt, aber das war nicht

immer so. Ihr Gehäuse ist zurückgebildet und nur

ein kleiner Rest Kalkschild in ihrer Haut erinnert

noch daran. Warum? Weil Sie Ihr Haus nicht brauchen.

Genauso wenig wie Schlösser oder Kronen,

Zepter und Hermelinmäntelchen. Ohne unnötigen

Ballast sind sie schneller und beweglicher und

haben mehr Energie für Ihre Pläne zur Verfügung.

Dabei sind Schnecken nicht gerade als große

Sprinter bekannt. Ihre gemächliche Art des Herumkriechens

schützt sie vor Bluthochdruck und Herzinfarkt

und es bleibt genug Zeit, Schleim zu produzieren.

Überhaupt: Der Schleim. Er jagt furchteinflößende

Feinde wie herumtapsende Kleinkinder

bereits in die Flucht. Wer eine Nacktschnecke verzehren

will, stellt schnell fest: Der Schleim

schmeckt bitter und ist manchmal auch giftig. In

der Folge war die Idee mit dem Essen dann eher ungut.

Hinterher ist man immer schlauer, aber alle zukünftigen

Schnecken sind geschützt.

Für die ganz Dummen unter uns haben sich einige

giftige Schnecken sogar eine Warnfarbe aufgemalt.

„FSK 99“, sagt die und sorgt dafür, dass

keiner auf die Idee kommt, der Schnecke ans Haus

zu pinkeln. Wenn sie denn eines hätte. Manche

Menschen tragen ebenfalls solche Warnfarben.

Damit keiner auf die Idee kommt, Ihnen ans Bein

zu pinkeln.

Die beeindruckendsten Vertreter sind Fadenschnecken,

die im Wasser leben. Sie fressen Nesseltiere.

Anstatt die explosiven Nesselkapseln zu

verdauen, feuern Sie den ganzen Mist einfach auf

ihre Feinde ab. Dort explodiert die Nesselkapsel.

Das erscheint mir eine sehr gesunde Überlebensstrategie

zu sein.

In meinen Kindheitserinnerungen kommen

ziemlich viele Nacktschnecken vor. Im Garten waren

sie überall. Erdbeervernichter. Mein Vater

dann – Schneckenvernichter. Die schnellste und

umweltfreundlichste Art, eine Schnecke zu töten,

ist, sie mit einem Spatel zu halbieren. Die Hälften

ließ er einfach liegen. Das sollte die anderen

Schnecken abschrecken, damit sie sich nicht mehr

in den Garten trauen. In der Praxis kamen die

Nacktschnecken weiterhin in den Garten, während

wir Kinder barfüßig in die halbverwesten

Hälften traten. Nacktschnecken kann man nur

sehr schwer ausrotten. Am Tod einer Nacktschnecke

leiden oft andere mit, seien es Kleinkinder

oder Igel, die das Schneckenkorn in den falschen

Hals bekommen (nämlich ihren eigenen). Am Ende

sind sie immer noch da – schleimig und unsympathisch,

aber verdammt clever.


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