Fremdenrecht für Studium und Praxis - LexisNexis ARD Orac

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Fremdenrecht für Studium und Praxis - LexisNexis ARD Orac

Öffentliches Recht Orac-Rechtsskripten

Mag. Helgo Eberwein | Dr. Eva Pfleger

Fremdenrecht

für Studium und Praxis

� Grundrechte

� Fremdenpolizeigesetz

� Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz

� Staatsbürgerschaftsgesetz

Samt Fremdenrechtsnovelle 2011


Leseprobe

FREMDENRECHT FÜR STUDIUM UND PRAXIS

(Mag. Helgo Eberwein/Dr. Eva-Caroline Pfl eger)

1. Aufl age

Stand: Juli 2011

(Personenbezeichnungen gelten iZw für beide Geschlechter)

INHALTSVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis ...................................................................................................................................... IX

Literaturverzeichnis ..........................................................................................................................................XIII

Erster Abschnitt: Einleitung ...............................................................................................................................1

A. Funktion und Bedeutung ......................................................................................................................................1

I. Allgemeines ..................................................................................................................................................1

1. Funktion des Fremdenrechts ...................................................................................................................1

2. Funktion des Staatsbürgerschaftsrechts ..................................................................................................1

II. Begriffe und Terminologie ...........................................................................................................................1

B. Abgrenzungen .......................................................................................................................................................2

I. Asylrecht ......................................................................................................................................................2

II. Ausländerbeschäftigungsrecht......................................................................................................................2

III. Ausländergrunderwerb .................................................................................................................................2

IV. Passrecht .......................................................................................................................................................3

C. Europäischer Kontext ...........................................................................................................................................3

D. Kompetenzverteilung ............................................................................................................................................4

I. Gesetzgebungskompetenz ............................................................................................................................4

II. Vollzugskompetenz ......................................................................................................................................4

E. Rechtsquellen ........................................................................................................................................................4

I. Staatsverträge und völkerrechtliche Bezüge ................................................................................................4

II. Gemeinschaftsrecht ......................................................................................................................................5

III. Gesetze .........................................................................................................................................................6

IV. Verordnungen ...............................................................................................................................................7

Zweiter Abschnitt: Grundrechte .......................................................................................................................9

A. Materielle Grundrechte .........................................................................................................................................9

I. Recht auf Leben und Abschaffung der Todesstrafe ......................................................................................9

II. Folterverbot ................................................................................................................................................10

Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis I


Leseprobe

III. Recht auf persönliche Freiheit ....................................................................................................................13

1. Rechte des Festgenommenen ................................................................................................................15

2. Haftprüfungsverfahren ..........................................................................................................................16

IV. Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens ...................................................................................17

B. Verfahrensrechtliche Grundrechte ......................................................................................................................20

I. Recht auf ein faires Verfahren ....................................................................................................................20

II. Recht auf wirksame Beschwerde ...............................................................................................................21

III. Verbot von Kollektivausweisungen ............................................................................................................22

IV. Verfahrensrechtlicher Schutz vor Ausweisungen .......................................................................................22

C. Gleichheitssatz ....................................................................................................................................................23

Dritter Abschnitt: Fremdenpolizeigesetz .....................................................................................................25

A. Regelungsgegenstand .........................................................................................................................................25

B. Einreise ...............................................................................................................................................................25

I. Passpfl icht und Einreisevoraussetzungen ...................................................................................................25

II. Visum..........................................................................................................................................................26

1. Visumpfl icht ..........................................................................................................................................27

2. Schengenvisum .....................................................................................................................................27

3. Nationale Visa .......................................................................................................................................29

4. Visa und Arbeit ......................................................................................................................................30

III. Einreiseverweigerung, Zurückweisung und Sicherung .............................................................................30

C. Rechtmäßiger Aufenthalt ....................................................................................................................................31

I. Legaldefi nition............................................................................................................................................31

II. Verpfl ichtung zum Nachweis......................................................................................................................32

D. Befugnisse im FPG .............................................................................................................................................32

I. Organbefugnisse .........................................................................................................................................33

1. Auskunftsverlangen...............................................................................................................................33

2. Identitätsfeststellung .............................................................................................................................34

3. Überprüfung der Rechtmäßigkeit der Einreise und des Aufenthalts .....................................................34

4. Betreten von Grundstücken und Durchsuchen von Behältnissen .........................................................34

5. Durchsuchen von Personen ...................................................................................................................34

6. Sicherstellen von Beweismitteln ...........................................................................................................34

7. Festnahme .............................................................................................................................................35

8. Zurückweisung ......................................................................................................................................36

II. Organbefugnisse im Auftrag der Behörde ..................................................................................................36

1. Durchbeförderung .................................................................................................................................36

III. Behördenbefugnisse ...................................................................................................................................36

1. Festnahmeauftrag ..................................................................................................................................36

2. Übernahmeauftrag .................................................................................................................................37

3. Durchsuchungsauftrag...........................................................................................................................37

E. Aufenthaltsbeendigung .......................................................................................................................................38

I. Zurückschiebung ........................................................................................................................................38

II Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis


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II. Rückkehrentscheidung ...............................................................................................................................39

1. Einreiseverbot .......................................................................................................................................39

2. Ausreiseverpfl ichtung & Informationspfl ichten ....................................................................................41

III. Rückkehrverbot ..........................................................................................................................................41

IV. Ausweisung und Aufenthaltsverbot............................................................................................................42

1. Ausweisung ...........................................................................................................................................42

2. Aufenthaltsverbot ..................................................................................................................................44

3. Ausreiseverpfl ichtung und Durchsetzungsaufschub .............................................................................44

V. Privat- und Familienleben ..........................................................................................................................45

VI. Aufl agen .....................................................................................................................................................45

VII. Freiwillige Ausreise und Abschiebung .......................................................................................................46

VIII. Refoulementschutz .....................................................................................................................................47

IX. Duldung ......................................................................................................................................................48

F. Schubhaft und gelinderes Mittel .........................................................................................................................48

I. Begriffe .......................................................................................................................................................48

II. Anordnung der Schubhaft ..........................................................................................................................49

III. Schubhafttatbestände ..................................................................................................................................49

IV. Vollzug der Schubhaft ................................................................................................................................51

V. Dauer der Schubhaft ...................................................................................................................................52

VI. Aufhebung der Schubhaft ...........................................................................................................................53

VII. Schubhaft von Minderjährigen ...................................................................................................................53

VIII. Gelinderes Mittel ........................................................................................................................................54

IX. Amtswegige Haftprüfung ...........................................................................................................................54

X. Schubhaftbeschwerde .................................................................................................................................55

G. Rechtsberatung ...................................................................................................................................................56

I. Umfang der Rechtsberatung .......................................................................................................................56

II. Aufgabe und Stellung des Rechtsberaters ..................................................................................................56

III. Anforderungsprofi l .....................................................................................................................................56

H. Regelungen für EWR-Bürger, Schweizer Bürger und begünstigte DrittStA .....................................................57

I. Einreise und Aufenthalt ..............................................................................................................................57

1. Abweichung von Pass- und Visumpfl icht .............................................................................................57

2. Zurückweisung ......................................................................................................................................57

II. Aufenthaltsbeendigung ...............................................................................................................................58

1. Zurückschiebung ...................................................................................................................................58

2. Ausweisung ...........................................................................................................................................58

3. Aufenthaltsverbot ..................................................................................................................................59

4. Ausreiseverpfl ichtung und amtswegiger Durchsetzungsaufschub ........................................................60

I. Dokumente für Fremde .........................................................................................................................................60

I. Fremdenpass ...............................................................................................................................................61

II. Konventionsreisepass .................................................................................................................................62

III. Karte für Geduldete ....................................................................................................................................62

Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis III


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IV. Identitätskarte für Fremde ..........................................................................................................................63

V. Lichtbildausweis für Träger von Privilegien und Immunitäten..................................................................63

VI. Rückkehrausweis für Staatsangehörige eines Mitgliedstaates der Europäischen Union ...........................63

VII. Reisedokument für die Rückführung von DrittStA ....................................................................................64

J. Verwendung personenbezogener Daten .............................................................................................................64

I. Nationale Bestimmungen ...........................................................................................................................64

1. Erkennungsdienstliche Behandlung ......................................................................................................64

2. Fremdenregister.....................................................................................................................................65

II. Europarechtliche Bestimmungen ...............................................................................................................66

1. Schengener Informationssystem (SIS) ..................................................................................................66

2. Visainformationssystem ........................................................................................................................66

III. Amtshilfe und Verständigungspfl ichten .....................................................................................................67

IV. Internationaler Datenverkehr ......................................................................................................................68

K. Strafbestimmungen .............................................................................................................................................68

I. Gerichtliche Strafbestimmungen ................................................................................................................68

1. Schlepperei (§ 114) ...............................................................................................................................68

2. Entgeltliche Beihilfe zum unbefugten Aufenthalt (§ 115) ....................................................................69

3. Ausbeutung eines Fremden (§ 116) .....................................................................................................69

4. Eingehen und Vermittlung von Aufenthaltsehen und Aufenthaltspartnerschaften (§ 117)

sowie Aufenthaltsadoption und Vermittlung von Aufenthaltsadoptionen eigenberechtigter

Fremder (§ 118) ....................................................................................................................................70

5. Unrechtmäßige Inanspruchnahme von sozialen Leistungen (§ 119) ....................................................70

II. Verwaltungsrechtliche Strafbestimmungen ................................................................................................71

1. Rechtswidrige Einreise und rechtswidriger Aufenthalt .........................................................................71

2. Wissentlich falsche Angaben ...............................................................................................................71

3. Schlepperei und Beihilfe zum unbefugten Aufenthalt ..........................................................................72

4. Sonstige Übertretungen .........................................................................................................................72

5. Vorläufi ge Sicherheit .............................................................................................................................73

L. Behörden & Verfahren .........................................................................................................................................73

I. Zuständigkeit ..............................................................................................................................................73

1. Zuständigkeit im Inland ........................................................................................................................73

2. Zuständigkeit im Ausland .....................................................................................................................74

II. Instanzenzug ...............................................................................................................................................74

III. Sonderregelungen im Verfahren .................................................................................................................75

1. Sonderbestimmungen iZm Aufenthaltsbeendigung ..............................................................................76

2. Sonderbestimmungen für Visa & andere Verfahren vor den Vertretungsbehörden ..............................77

Vierter Abschnitt: Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz .................................................................79

A. Allgemeines und Anwendungsbereich ................................................................................................................79

I. Allgemeine Voraussetzungen für die Erteilung eines Aufenthaltstitels .....................................................79

II. Art 8 EMRK-Abwägung ............................................................................................................................82

III. Nachweis von Deutschkenntnissen ............................................................................................................82

1. Deutsch vor Zuzug ................................................................................................................................82

IV Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis


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2. Integrationsvereinbarung ......................................................................................................................82

IV. Quotenpfl icht ..............................................................................................................................................83

B. Aufenthaltstitel ....................................................................................................................................................83

I. Aussehen von Aufenthaltstiteln ..................................................................................................................84

II. Dauer ..........................................................................................................................................................85

III. Familienangehörige ....................................................................................................................................85

1. Bestimmungen über die Familienzusammenführung nach § 46 ...........................................................85

2. Aufenthaltstitel Familienangehöriger und Niederlassungsbewilligung – Angehöriger .......................85

3. Niederlassungsrecht von Familienangehörigen ...................................................................................85

4. Daueraufenthalt – Familienangehöriger ................................................................................................86

IV. Erwerbstätigkeit..........................................................................................................................................86

1. Rot-Weiß-Rot-Karte ..............................................................................................................................86

2. Rot-Weiß-Rot-Karte plus ......................................................................................................................86

3. Blaue Karte EU ....................................................................................................................................86

V. Arten und Zwecke von Aufenthaltsbewilligungen .....................................................................................87

VI. Erwerbstätigkeit .........................................................................................................................................87

1. Rotationsarbeitskraft .............................................................................................................................87

2. Betriebsentsandter .................................................................................................................................87

3. Selbstständiger ......................................................................................................................................88

4. Künstler .................................................................................................................................................88

5. Forscher .................................................................................................................................................88

6. Sonderfälle unselbstständiger Erwerbstätigkeit ....................................................................................88

7. Au-pair-Kräfte – Aufenthaltsbewilligung .............................................................................................88

VII. Private Zwecke ...........................................................................................................................................88

1. Ausgenommen Erwerbstätigkeit ............................................................................................................88

2. Angehörige von Personen mit Aufenthaltstitel – ausgenommen Erwerbstätigkeit ..............................89

VIII. Bildung und Sozialdienstleistung ...............................................................................................................89

1. Schüler...................................................................................................................................................89

2. Studierender ..........................................................................................................................................89

3. Sozialdienstleistender ............................................................................................................................89

IX. Familiengemeinschaft bei Aufenthaltsbewilligungen ...............................................................................90

X. Neugeborene Kinder...................................................................................................................................90

XI. Aufenthaltstitel aus „humanitären“ Gründen .............................................................................................90

XII. Daueraufenthalt – EG .................................................................................................................................91

C. Dokumentationen .................................................................................................................................................91

I. Anmeldebescheinigung & Dokumentation für EWR-Bürger oder Schweizer Bürger ..............................91

II. Aufenthaltskarte für begünstigte DrittStA ..................................................................................................92

D. Rechtsverlust .......................................................................................................................................................92

I. Ungültigkeit ................................................................................................................................................92

II. Gegenstandslosigkeit ..................................................................................................................................92

III. Erlöschung ..................................................................................................................................................93

IV. Entzug .........................................................................................................................................................93

Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis V


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E. Strafbestimmungen ..............................................................................................................................................93

F. Verwendung personenbezogener Daten ...............................................................................................................93

G. Behörden & Verfahren ........................................................................................................................................94

I. Behörde ......................................................................................................................................................94

II. Verfahren ....................................................................................................................................................94

1. Erstanträge.............................................................................................................................................95

2. Verlängerungsanträge ............................................................................................................................95

3. Zweckänderungsverfahren ....................................................................................................................96

III. Altfälle ........................................................................................................................................................96

IV. Verfahrensrechtliche Abweichungen zum AVG .........................................................................................96

V. DrittStA mit Mehrfachstaatsangehörigkeiten .............................................................................................97

VI. Gebühren ....................................................................................................................................................97

Fünfter Abschnitt: Staatsbürgerschaftsgesetz ......................................................................................... 99

A. Allgemeines .........................................................................................................................................................99

I. Allgemeines ................................................................................................................................................99

II. Staatsbürgerschaft und Völkerrecht ...........................................................................................................99

III. Staatsbürgerschaft und Internationales Privatrecht ..................................................................................100

B. Unionsbürgerschaft ............................................................................................................................................100

I. Begriff ......................................................................................................................................................100

II. Grenze der Unionsbürgerschaft ................................................................................................................100

C. Grundsätze des Staatsbürgerschaftsrechts .........................................................................................................101

I. Abstammungsprinzip ...............................................................................................................................101

II. Privatautonomie........................................................................................................................................101

III. Familieneinheit .........................................................................................................................................101

IV. Vermeidung mehrfacher Staatsangehörigkeit ...........................................................................................101

V. Vermeidung von Staatenlosigkeit .............................................................................................................102

D. Erwerb der Staatsbürgerschaft ...........................................................................................................................102

I. Abstammung ............................................................................................................................................102

II. Verleihung ................................................................................................................................................103

III. Erstreckung der Verleihung ......................................................................................................................104

1. Erstreckung der Staatsbürgerschaft auf den Ehegatten (§ 16) ............................................................104

2. Erstreckung der Staatsbürgerschaft auf Kinder (§ 17) ........................................................................104

IV. Anzeige .....................................................................................................................................................104

V. Aufenthaltsdauer & Rechtsanspruch auf die Staatsbürgerschaft .............................................................104

1. Verleihung der Staatsbürgerschaft bei Vorliegen eines Rechtsanspruches .........................................104

2. Verleihung der Staatsbürgerschaft, wenn kein Rechtsanspruch besteht .............................................105

VI. Sonderfall der Einbürgerung im Staatsinteresse ......................................................................................105

E. Verlust der Staatsbürgerschaft ...........................................................................................................................106

I. Erwerb einer fremden Staatsangehörigkeit ..............................................................................................106

VI

Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis


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II. Freiwilliger Eintritt in den Militärdienst eines fremden Staates ..............................................................106

III. Entziehung ................................................................................................................................................106

F. Verzicht ..............................................................................................................................................................107

G. Verfahren und Behörden ...................................................................................................................................107

I. Allgemein .................................................................................................................................................107

II. Staatsbürgerschaftsnachweis ....................................................................................................................108

III. Bestätigungen ...........................................................................................................................................108

IV. Gebühren ..................................................................................................................................................108

Stichwortverzeichnis ...........................................................................................................................................109

Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis VII


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I. Allgemeines

ERSTER ABSCHNITT: EINLEITUNG

A. Funktion und Bedeutung

Es besteht eine Reihe von fremdenrechtlichen Bestimmungen, welche sich mit dem Verbleib von Fremden im österreichischen

Bundesgebiet auseinandersetzen. Zu diesen zählen das Fremdenpolizeigesetz 2005 (FPG) und das

Niederlassungs- und Aufenthaltsgesetz (NAG). Die Bestimmungen zur Erlangung der österreichischen Staatsbürgerschaft

sind im Staatsbürgerschaftsgesetz 1985 (StbG) normiert. In allen Gesetzen spielen Grundrechte eine

wesentliche Rolle. Aus diesem Grund werden diese vorab skizziert und auf sie an gegebener Stelle verwiesen.

Die Anzahl der Fremden in Österreich (Gesamtbevölkerung 8.375.290) beträgt 895.144 (Stand 1. 1. 2010),

jener der Einbürgerungen 6.135 (im Jahr 2010). Dies zeigt, dass diese Rechtsmaterien eine breite Bevölkerungsgruppe

betreffen.

1. Funktion des Fremdenrechts

Das Fremdenpolizeirecht, welches verwaltungspolizeiliche Vorschriften enthält, regelt die Überwachung

der Ein- und Ausreise, aufenthaltsbeendende Maßnahmen sowie das Visaregime für den Aufenthalt bis zu

sechs Monaten. Das Niederlassungs- und Aufenthaltsrecht enthält Vorschriften über den vorübergehenden

Aufenthalt und die Niederlassung von über sechs Monaten in Österreich.

2. Funktion des Staatsbürgerschaftsrechts

Das Staatsbürgerschaftsrecht regelt die völkerrechtliche Zugehörigkeit zur Republik Österreich. Nur dem

Staatsbürger kommen die daraus resultierenden Rechte und Pfl ichten zu. Im Staatsbürgerschaftsrecht ist

geregelt, wie die Staatsbürgerschaft erworben und verloren wird.

II. Begriffe und Terminologie

Den häufi g verwendeten Begriff Migrant, welcher nach allgemeinem Verständnis eine Person bezeichnet,

die von einem Staat zu einem anderen wandert oder durchzieht, kennt das österreichische Rechtssystem

nicht. Im Fremdenrecht wird zwischen Staatsbürgern (Österreichern) und Fremden (vgl § 2 Z 4 StbG, § 4

Abs 2 Z 1 FPG und § 2 Abs 1 Z 1 NAG,) unterschieden. Der Begriff Ausländer fi ndet sich nur – aus historischen

Gründen – im AuslBG.

Staatsbürger ist eine Person, welche die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt (vgl § 2 Z 3 StbG). Als

Staatsbürgerschaft bezeichnet man das Rechtsverhältnis der Zugehörigkeit eines Österreichers zu Österreich.

Als Fremde bezeichnet man alle Menschen, die nicht die Staatsbürgerschaft besitzen. Damit sind nicht nur

Angehörige eines fremden Staates, zB britische, spanische, australische Staatsangehörige gemeint, sondern

auch Personen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit (§ 3 StbG) und Staatenlose. Unter einem Staatenlosen

versteht man einen Menschen, der keine Staatsangehörigkeit besitzt. Die Zugehörigkeit eines Fremden zu

einem Staat wird als Staatsangehörigkeit bezeichnet.

EU-/EWR-Bürger : Jeder Staatsangehörige eines Mitgliedstaates der Europäischen Union ist EU-Bürger

(= Unionsbürger) und damit auch EWR-Bürger, weil die EU-Staaten immer auch Vertragspartei des mit

Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis 1


Leseprobe

1. 1. 1994 geschaffenen Europäischen Wirtschaftsraumes sind. Weiters sind auch die Staatsangehörigen

Norwegens, Islands und des Ft Liechtensteins, (nicht jedoch die der Schweiz) EWR-Bürger , ohne gleichzeitig

Unionsbürger zu sein. Schweizer Bürgern kommt aufgrund des Assoziationsabkommens zwischen der

EU und der Schweiz eine begünstigte Stellung wie einem EWR-Bürger zu.

DrittStA: Fremde, die nicht EWR-Bürgerinnen oder EWR-Bürger sind.

Begünstigte DrittStA sind der Ehegatte, eingetragene Partner sowie eigene Verwandte und Verwandte des

Ehegatten eines EWR-Bürgers , Schweizer Bürgers oder Österreichers, die ihr unionsrechtliches Aufenthaltsrecht

von mehr als drei Monaten in Anspruch genommen haben, in gerader absteigender Linie bis zur

Vollendung des 21. Lebensjahres und darüber hinaus bei tatsächlicher Unterhaltsgewährung sowie eigene

Verwandte und Verwandte des Ehegatten oder Lebenspartners in gerader aufsteigender Linie, sofern ihnen

tatsächlich Unterhalt gewährt wird und sie den gemeinschaftsrechtlich aufenthaltsberechtigten EWR-Bürger

oder Schweizer Bürger begleiten oder ihm nachziehen. Die Kriterien des Begleitens oder Nachziehens

sind jedoch aufgrund der weiten Auslegung des EuGH in der Praxis unbeachtlich. Demnach kann sich der

DrittStA (insb der Ehegatte) auf seine begünstigte Stellung unabhängig davon berufen, wann oder wo die

Ehe geschlossen wurde oder wie der betreffende DrittStA in den Aufnahmemitgliedstaat eingereist ist.

Erstantrag: Antrag auf Aufenthaltsbewilligung oder Niederlassungsbewilligung einer Person, die über keinen

Aufenthaltstitel verfügt.

I. Asylrecht

B. Abgrenzung en

Das für den Schutz von Flüchtlingen und anderen verfolgten Personengruppen geltende Asylrecht beruht

auf der Genfer Flüchtlingskonvention, ihrem Zusatzprotokoll sowie einer Reihe von europarechtlichen Vorgaben.

Es regelt die Verpfl ichtung Österreichs, Fremden, die aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität,

Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung verfolgt

werden oder denen ein Eingriff in das Recht auf Leben und das Folterverbot droht, Schutz in Form von Asyl

oder subsidiären Schutz zu gewähren sowie das dementsprechende Verfahren.

II. Ausländerbeschäftigungsrecht

Ob und unter welchen Bedingungen ein Fremder in Österreich einer unselbstständigen Erwerbstätigkeit

nachgehen kann, regelt das Ausländerbeschäftigungsgesetz (AuslBG).

III. Ausländergrunderwerb

Der Ausländergrunderwerb ist Teil des Grundverkehrsrechts, welches die Kontrolle des Bodenmarktes

durch staatliche Behörden regelt. Ein Regelungsziel beschäftigt sich mit dem Ausländergrundverkehr. Eine

„Überfremdung“ des Eigentums an Grund und Boden soll verhindert werden. Den Anknüpfungspunkt bildet

die Staatsangehörigkeit des Erwerbers.

2 Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis


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DRITTER ABSCHNITT: FREMDENPOLIZEIGESETZ

Hinweis: Gesetzesbestimmungen ohne Angabe des Gesetzes sind solche des Fremdenpolizeigesetzes (FPG).

A. Regelungsgegenstand

Das Fremdenpolizeigesetz (FPG) regelt neben den Aufgaben der Fremdenpolizei die Ausstellung von

Dokumenten für Fremde und iVm dem Visakodex die Erteilung von Einreisetiteln. Aufgabe der Fremdenpolizeibehörden

ist es insb, die Einreise und den Aufenthalt Fremder zu überwachen und die rechtswidrige

Einreise bzw den rechtswidrigen Aufenthalt zu verhindern oder zu beenden sowie strafbare Handlungen

nach dem FPG zu unterbinden (vgl § 2 Abs 2).

Die Bestimmungen des FPG sind grundsätzlich im vollen Umfang auf alle Fremden anwendbar. Eingeschränkt

ist die Anwendbarkeit jedoch gegenüber Asylwerbern sowie Asylberechtigten und subsidiär

Schutzberechtigten . Explizit keine Anwendung fi nden die Bestimmungen betreffend Zurückweisung (§§ 41–

43), Rückkehrentscheidung und Einreiseverbote (§§ 52–53 und 57 Abs 1), Wiedereinreisebewilligung (§ 72)

sowie der Schubhafttatbestand gem § 76 Abs 1 (vgl aber § 76 Abs 2–2a). Schutzberechtigte dürfen darüber

hinaus weder festgenommen noch in Schubhaft angehalten werden (§ 1 Abs 3 iVm §§ 39 und 76). Die Nichtanwendbarkeit

von § 60 (Verkürzung, Gegenstandslosigkeit und Aufhebung von Rückkehrentscheidungen)

dürfte auf einem Redaktionsversehen beruhen, zumal § 60 aF das Aufenthaltsverbot regelte.

Ebenso nicht im vollen Umfang ist das FPG auf EWR-Bürger , Schweizer Bürger, begünstigte DrittStA sowie

„Assoziationstürke n“ anwendbar (vgl Seite 57 ff).

B. Einreise

Im Zuge der Schaffung eines Raums des freien Personenverkehrs und der fortschreitenden Errichtung eines

Raums der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts wurden sämtliche Regelungen, die das Überschreiten

von Außen- und Binnengrenzen betreffen und den damit in Zusammenhang stehenden Kontrollen sowie die

dafür erforderlichen Dokumente (Pass und Visum) auf Ebene der Europäischen Union geregelt. Die vielfach

zersplitterten Regelungen wurden im Rahmen von zwei Verordnungen kodifi ziert, sodass mit 13. Oktober

2006 der Grenzkodex (Verordnung 562/2006 idgF) und mit 5. April 2010 der Visakodex (Verordnung

810/2009 idgF) der EU in Kraft getreten sind.

Aufgrund der besonderen Stellung von Dänemark, dem Vereinigten Königreich und Irland beteiligen

sich diese drei Staaten nicht an diesen Rechtsakten. Gegenüber Island, Norwegen, der Schweiz und dem

Ft Liechtenstein stellen der Grenzkodex und der Visakodex hingegen Weiterentwicklungen des Schengenbesitzstands

dar und sind somit anwendbar. Die im Folgenden dargestellten Regelungen sind somit als

schengenweite Regelungen zu verstehen.

Wenngleich es der Gesetzgeber im Rahmen des FrÄG 2011 verabsäumt hat, das FPG von Bestimmungen

über die Einreise und Visa für bis zu drei Monate zu bereinigen, werden diese Bestimmungen aufgrund des

Anwendungsvorrangs des Gemeinschaftsrechts – der Grenzkodex und der Visakodex sind als Verordnungen

unmittelbar a nwendbar – materiell derogiert.

I. Passpfl icht und Einreisevoraussetzungen

Unterscheidung Außen- und Binnengrenze: Die Einreise in den Schengenraum richtet sich nach den

Bestimmungen des Schengener Grenzkodex. Hinsichtlich der Voraussetzungen muss zwischen der Au-

Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis 25


Leseprobe

ßengrenze und der Binnengrenze unterschieden werden, zumal eine systematische Grenzkontrolle nur an

der Außengrenze vorgesehen ist. Diese Kontrolle umfasst zumindest die Feststellung der Identität anhand

der vorgezeigten Reisedokumente (Art 7 Grenzkodex). DrittStA werden eingehender hinsichtlich der Erfüllung

der Einreisevoraussetzungen kontrolliert (Art 7 Abs 3–5 iVm Anhang II Grenzkodex). Dabei sind die

Reisedokumente von DrittStA bei jeder Ein- und Ausreise systematisch abzustempeln (Art 10 Grenzkodex).

Österreich hat derartige Grenzkontrollen an seinen Außengrenzen, das sind die internationalen Flughäfen

– Wien-Schwechat, Linz, Salzburg, Graz, Klagenfurt und Innsbruck – und die Landgrenze zum Ft Liechtenstein

(ca 35 km), durchzuführen.

Die Binnengrenze kann an jeder Stelle ohne besondere Kontrolle überschritten werden (Art 20 Grenzkodex).

Ausnahmsweise dürfen allerdings an der Binnengrenze Grenzkontrollen durchgeführt werden, wenn

diese gem Art 23 ff Grenzkodex vorübergehend wiedereingeführt werden. Dies war zB im Rahmen der

EURO 2008 und im Zuge des World Economic Forums in Wien im Juni 2010 der Fall. In diesem Fall sind

die Bestimmungen des Grenzkodex entsprechend anzuwenden (Art 28 Grenzkodex).

Bei der Ein- und Ausreise an einer Binnengrenze muss der Fremde grundsätzlich über ein gültiges Reisedokument

(Passpfl icht) und über ein Visum (Visumpfl icht) verfügen (§ 15 ff). Ob ein Fremder in Österreich

visumpfl ichtig ist, ergibt sich aus der Visumpfl icht-VO sowie aus § 72, womit bestimmte Fremde für bis zu

18 Monate nach ihrer Ausreise einer „Visumpfl icht“ unterworfen werden.

Einreisevoraussetzungen: Die im Folgenden erläuterten Bestimmungen beziehen sich auf DrittStA. EWR-

Bürger und begünstigte DrittStA sind zwar verpfl ichtet, sich der Grenzkontrolle zu stellen, doch kommt

ihnen aufgrund ihrer besonderen Stellung idR ein Recht auf Einreise zu (vgl Seite 57).

DrittStA dürfen sich innerhalb von sechs Monaten für bis zu drei Monate im Bereich der Mitgliedstaaten

aufhalten, soweit sie gem Art 5 Grenzkodex die folgenden Voraussetzungen erfüllen:

− Vorlage eines gültigen Reisedokuments

− Vorlage eines gültigen Visums, soweit der DrittStA nicht von der Visumpfl icht befreit ist oder Inhaber

eines gültigen Aufenthaltstitels ist

− Nachweise über den Zweck der Reise, ausreichende Unterhaltsmittel sowie Mittel für die Rückreise (vgl

dazu Anhang I Grenzkodex)

− Keine Ausschreibung im Schengener Informationssystem oder in nationalen Datenbanken des die Grenzkontrolle

durchführenden Staates (zB Fremdeninformationssystem)

− Keine Gefährdung der öffentlichen Ordnung, der inneren Sicherheit, der öffentlichen Gesundheit oder

der internationalen Beziehungen eines Mitgliedstaats.

II. Visum

Bei Fragen über die Visumpfl icht muss zwischen zwei Regelungsregimen unterschieden werden. Aufenthalte

bis zu drei Monaten sind schengenweit einheitlich im Visakodex und dem Handbuch zum Visakodex

geregelt, während Visa für Aufenthalte ab drei Monaten bis zu sechs Monaten nach den Bestimmungen des

FPG erteilt werden. Insoweit wurde den Bestimmungen über Visa bis zu drei Monaten im FPG materiell

derogiert, dh sie sind zwar Bestandteil des FPG, dürfen aber aufgrund des Anwendungsvorrangs des Europarechts

nicht mehr herangezogen werden. Für einen mehr als sechsmonatigen Aufenthalt bedarf es eines

Aufenthaltstitel s nach dem NAG (vgl Seite 79 ff).

26 Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis


Leseprobe

FÜNFTER ABSCHNITT: STAATSBÜRGERSCHAFTSGESETZ

Hinweis: Gesetzesbestimmungen ohne Angabe des Gesetzes sind solche des Staatsbürgerschaftsgesetzes

1985 (StbG).

I. Allgemeines

A. Allgemeines

Da das StbG den aktiven Erwerb der Staatsbürgerschaft durch Zuwanderung vorsieht, kann das StbG als

Fremdenrecht gesehen werden. Die Staatsbürgerschaft bildet das Ende einer erfolgreichen Integration in

Österreich.

Unter Staatsbürgerschaft versteht man das Rechtsverhältnis der Zugehörigkeit eines Menschen zu einem bestimmten

Staat (Staatsbürgerschaft im formellen Sinn). Die Staatsbürgerschaft ist begriffl ich vom Staatsgebiet

unabhängig: Wie nicht jeder Einwohner eines Staates diesem angehört, so können andererseits die

Staatsangehörigen auch außerhalb des Staatsgebietes leben.

Die Staatsbürgerschaft im materiellen Sinn stellt den Inhalt der Staatsbürgerschaft dar. Dieser wird erst

durch die Anknüpfung mit über das StbG hinausgehenden Rechtsmaterien konkretisiert. Es handelt sich um

eine Reihe von Rechten (Grund- und Freiheitsrechte, Schutz im Ausland, Wahlrecht) und Pfl ichten (Wehrpfl

icht, Schöffenpfl icht), die ausschließlich dem Staatsbürger gegenüber seinem Heimatstaat zustehen bzw

zukommen. In jüngster Zeit ist zu beobachten, dass die Pfl ichten gegenüber dem Staat immer öfter infrage

gestellt werden (Abschaffung der Wehrpfl icht, Abgehen von der Schöffengerichtsbarkeit).

Unter Staatsbürgerschaftsrecht versteht man den Inbegriff all jener gesetzlichen Vorschriften, die sich

auf die Staatsbürgerschaft beziehen. Es gibt kein international einheitliches Staatsbürgerschaftsrecht. Die

einzelnen Staatsbürgerschaftsrechte weisen mitunter große Unterschiede auf.

Die Staatsbürgerschaft kann sich nur auf natürliche Personen erstrecken. Juristische Personen sind keiner

Staatsbürgerschaft fähig.

In Österreich besteht eine einheitliche Staatsbürgerschaft (Art 6 Abs 1 B-VG). Die Bundesbürgerschaft

besteht primär, während die Landesbürgerschaft nur ein Ausfl uss des Besitzes der Staatsbürgerschaft ist. Die

Erlassung von Durchführungsverordnungen zum StbG obliegt dem BMI. Die Zugehörigkeit eines Österreichers

zu Österreich wird Staatsbürgerschaft, jene eines Fremden zu seinem Staat Staatsangehörigkeit genannt.

II. Staatsbürgerschaft und Völkerrecht

Jeder Staat hat grundsätzlich das Recht zu bestimmen, wer seine Staatsangehörigen sind. Dieses Recht

folgt aus der staatlichen Souveränität. Durch die Staatsangehörigkeit wird das Staatsvolk konstituiert und

der Träger der Souveränität bestimmt. Dementsprechend erkennt das Völkerrecht an, dass die Regelung

der Staatsangehörigkeit zu den inneren Angelegenheiten jedes Staates gehört. Aus dem Grundsatz, dass die

Regelung von Staatsangehörigkeit unter die staatliche Souveränität fällt, folgt, dass jeder Staat nur seine

eigene, nicht aber eine fremde Staatsangehörigkeit normieren darf. Anderenfalls würde er die Souveränität

des anderen Staates verletzen.

Selbst die Rücknahme aller Einbürgerungsschritte in einem Staat kann nicht dazu führen, dass der Ausgebürgerte

seine ursprüngliche Staatsbürgerschaft automatisch wiedererlangt.

Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis 99


Leseprobe

III. Staatsbürgerschaft und Internationales Privatrecht

Die Rechtssätze des Internationalen Privatrechts bestimmen, welche Rechtsordnungen bei auslandsbezogenen

Sachverhalten anzuwenden sind. Das IPRG nennt ebenso wie die meisten kontinentalen europäischen

Staaten die Staatsangehörigkeit als wichtigsten persönlichen Anknüpfungspunkt.

Das Personalstatut einer natürlichen Person ist gem § 9 IPRG das Recht des Staates, dem eine Person angehört.

Maßgebend ist also die Staatsangehörigkeit. Bei Personen, die Staatsangehörige mehrerer Staaten

sind, ist entweder die Staatsbürgerschaft maßgebend oder, wenn der Betreffende Fremder ist, die Staatsangehörigkeit

des Staates, zu dem die stärkste Beziehung besteht (Daseinsmittelpunkt). Zu welchem Staat

diese Beziehung besteht, ist anhand von Indizien wie Wohnsitz, gewöhnlichem Aufenthalt, familiärer und

wirtschaftlicher Bindung festzustellen. Keine kollisionsrechtliche Rolle spielt die Unionsbürgerschaft, da

diese allein durch die Staatsangehörigkeit der Mitgliedstaaten vermittelt wird und keine Staatsangehörigkeit

im eigentlichen Sinne darstellt.

Das Personalstatut von Staatenlosen und Personen, deren Staatsangehörigkeit nicht geklärt werden kann, ist

nach § 9 Abs 2 IPRG an den Ort des gewöhnlichen Aufenthalts anzuknüpfen. Unter gewöhnlichem Aufenthalt

ist der freiwillig gewählte Lebensmittelpunkt zu verstehen. Eine gewisse Dauer ist nicht erforderlich.

I. Begriff

B. Unionsbürgerschaft

Unionsbürger ist jeder Staatsangehörige eines EU-Mitgliedstaats. Die Unionsbürgerschaft (Art 20 AEUV)

ergänzt die nationale Staatsbürgerschaft, ohne sie zu ersetzen. Sie ist verbunden mit einer Reihe von Rechten,

die ihre Grundlage in den EU-Verträgen haben. Jeder Bürger, der die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaats

besitzt, ist automatisch Unionsbürger.

Jeder Mitgliedstaat legt die Bedingungen für den Erwerb und den Verlust der Staatsangehörigkeit selbst

fest. Durch die Unionsbürgerschaft erhält ein Österreicher zahlreiche weitere Rechte wie das Recht, sich

innerhalb der gesamten EU frei zu bewegen, aufzuhalten und zu arbeiten. Weiters kann ein Österreicher,

der in einem anderen EU-Mitgliedstaat wohnt, bei Kommunalwahlen und bei Wahlen zum Europäischen

Parlament in dem jeweiligen Mitgliedstaat teilnehmen, wenn er dies förmlich erklärt hat. Auch die Berufsvertretungsbehörden

eines anderen EU-Mitgliedstaates können genützt werden, wenn Österreich in einem

Staat außerhalb der EU nicht vertreten ist. Darüber hinaus besteht das Recht, Petitionen an das Europäische

Parlament, Beschwerden an den Europäischen Bürgerbeauftragten und künftig auch „Europäische Bürgerinitiativen“

an die Kommission zu richten. Ergänzt wird die Unionsbürgerschaft durch das Recht, aufgrund

der Staatsangehörigkeit nicht benachteiligt zu werden (Diskriminierungsverbot).

II. Grenze der Unionsbürgerschaft

Der EuGH bestätigte im Fall Rottmann gegen Freistaat Bayern (2. 3. 2010, C-135/08) die Zuständigkeit der

Mitgliedstaaten für die Festlegung der Voraussetzungen hinsichtlich des Erwerbs und Verlustes der Staatsangehörigkeit.

Gleichzeitig betonte er, dass die Mitgliedstaaten bei der Ausübung ihrer Zuständigkeit das

Unionsrecht zu beachten haben: Jeder Mitgliedstaat soll das zwischen ihm und seinen Staatsangehörigen

bestehende Verhältnis besonderer Verbundenheit und Loyalität sowie die Gegenseitigkeit der Rechte und

Pfl ichten, die dem Staatsangehörigkeitsband zugrunde liegen, schützen.

100 Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis


Leseprobe

Der Verlust aller mit der Staatsangehörigkeit verbundenen Rechte (Wahlrecht, Sozialleistungen ua) bedarf

einer Angemessenheitsprüfung. Der Mitgliedstaat hat zu prüfen, ob der Verlust der Rechte und die Schwere

des vom Betroffenen begangenen Verstoßes in einem angemessenen Verhältnis stehen. Diese Prüfung muss

in jedem Mitgliedstaat einzeln erfolgen.

I. Abstammungsprinzip

C. Grundsätze des Staatsbürgerschaftsrechts

Der im österreichischen Recht verwirklichte Abstammungsgrundsatz (ius sanguinis) regelt, dass die Zugehörigkeit

zu einem Staat sich allein nach der Staatsangehörigkeit der Eltern bzw eines Elternteils richtet.

Dabei ist es nicht von Bedeutung, wo das Kind geboren wurde.

Zum Unterschied vom Abstammungsprinzip leitet das Territorialprinzip (ius soli) die Zugehörigkeit zu einem

Staat von der Geburt auf dessen Hoheitsgebiet ab. Hierbei ist ohne Belang, welche Staatsangehörigkeit

die Eltern besitzen.

II. Privatautonomie

Der Wille des Einzelnen bestimmt das Staatsbürgerschaftsverfahren maßgeblich. Die Ehegatten sollen nicht

das staatsbürgerschaftsrechtliche Schicksal des Ehepartners teilen. Nach dem Grundsatz der Privatautonomie

hängt der Erwerb und Verlust der Staatsangehörigkeit iZm der Ehe vom Willen der Betroffenen ab. Frau

und Mann sind gleichgestellt. Ehegatten erhalten jedoch unter erleichterten Voraussetzungen (§ 11a Abs 1)

die Staatsbürgerschaft. Dieser Grundsatz kommt auch im Übereinkommen über die Staatsbürgerschaft der

verheirateten Frau zum Tragen.

Die Privatautonomie manifestiert sich auch in der Erstreckung der Staatsbürgerschaft auf den Ehegatten nur

über ausdrücklichen Antrag (§ 16) sowie in § 29. Nach dieser Bestimmung erstreckt sich der Verlust der

Staatsbürgerschaft durch den Erwerb einer fremden Staatsangehörigkeit nicht auf den Ehepartner. Dieser

Grundsatz geht zulasten des Grundsatzes der Familieneinheit.

III. Familieneinheit

Durch den Grundsatz der Familieneinheit soll erreicht werden, dass die Ehegatten und Kinder die gleiche

Staatsangehörigkeit besitzen. Dieser Grundsatz steht im Widerspruch zum Grundsatz der Privatautonomie.

Im StbG ist der Grundsatz der Familieneinheit in den §§ 16 und 17 durch den Rechtsanspruch auf Erstreckung

der Verleihung sowie in § 11a Abs 1 durch die Verkürzung der Frist für den Ehegatten eines Österreichers

verwirklicht.

IV. Vermeidung mehrfacher Staatsangehörigkeit

Die Bestimmungen über den Verlust der Staatsbürgerschaft bei Erwerb einer fremden Staatsangehörigkeit

durch darauf gerichtete positive Willenserklärung, das Erfordernis des Ausscheidens aus dem bisherigen

Staatsverband bei Staatsbürgerschaftsverleihungen und die Möglichkeit des Verzichtes auf die Staatsbürgerschaft

zielen auf ein Hintanhalten mehrfacher Staatsangehörigkeit ab.

Eberwein/Pfl eger, Fremdenrecht für Studium und Praxis, LexisNexis 101


Möchte ein Fremder nach Österreich reisen oder sich im Bundesgebiet aufhalten, so ist

dieser Sachverhalt nach dem Fremdenrecht zu beurteilen. Die Bestimmungen zur Erlangung

der österreichischen Staatsbürgerschaft finden sich im Staatsbürgerschaftsgesetz

wieder. Für jeden Fremden und dessen Rechtsvertreter sind diese Rechtsvorschriften von

großer praktischer Bedeutung. Nur welcher der über 300 Paragraphen des Fremdenrechts

ist der richtige?

Das Skriptum „Fremdenrecht für Studium und Praxis“ bietet Studierenden und Praktikern

in mit dieser Materie befassten Ämtern und Behörden sowie Sozialarbeitern und sonstigen

Beratern einen ersten Einstieg in diese Rechtsmaterien.

Behandelt werden, nach einer allgemeinen Einführung, die relevanten Grundrechte, das

Fremdenpolizeigesetz, das Niederlassungs- und Aufenthaltsrecht sowie das Staatsbürgerschaftsrecht.

Von A wie Aufenthaltstitel über S wie Schengen bis Z wie Zurückweisung

erklären Praktiker dieses Rechtsgebiet.

Mag. Helgo Eberwein ist seit 2004 als Jurist im BM.I, seit 2005 in der Abteilung

III/4, Aufenthalts- und Staatsbürgerschaftsrecht, tätig. Er war 2009

Sachverständiger für österreichisches Fremdenrecht beim EuGH. Zahlreiche

Publikationen im Bereich des Niederlassungs- und Staatsbürgerschaftsrechts.

Dr. Eva Pfleger ist seit 2009 als Juristin im BM.I in der Abteilung für Fremdenpolizei

und Grenzkontrollwesen tätig. Zuvor war sie seit Dezember 2007

am Unabhängigen Bundesasylsenat bzw seit 1. Juli 2008 am Asylgerichtshof

als juristische Mitarbeiterin tätig. Ihre Dissertation verfasste sie zur

asylrechtlichen Ausweisung.

ISBN 978-3-7007-5010-9

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