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250<br />
INHALT<br />
Leidenschaftlich für Europa - Von der Vorortsübergabe > 251<br />
unitas 4/2011<br />
Wort des Vorortspräsidenten >255<br />
Bilder von der Vorortsübergabe <strong>in</strong> Essen >256<br />
Mehr Zivilcourage: Zum 100. Stiftungsfest der Ruhrania >258<br />
Bbr. Kastler MdEP: Zuversicht <strong>in</strong> stürmischen Zeiten >260<br />
AGV <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong>: Politik und Studenten im Gespräch >262<br />
Den Aufbruch wagen: Der AHB-/HDB-Tag <strong>in</strong> Mannheim >267<br />
Brandaktuell: Christenverfolgung heute >272<br />
Nachfolger gefragt: Bbr. Dieter Krüll vor Unruhestand >275<br />
Ungewisse Zukunft: Berichtet aus Caracas/Venezuela >276<br />
News: Vermischte Nachrichten >279<br />
Zur Dynamik des Sicherheitsbegriffs im modernen Staat >282<br />
Appell: Internationales Friedenstreffen <strong>in</strong> München >286<br />
Robert Schuman: Politik als Dienst am Nächsten >288<br />
Deutschlandreise: Papst Benedikt auf allen Kanälen >290<br />
Aus dem Verband >297<br />
Personalia >306<br />
In memoriam >309<br />
Forum / Zwischenruf zur „Piratenpartei“ > 312<br />
Medien > 315<br />
Geburtstage im Dezember / Januar / Februar<br />
> 317<br />
unitas<br />
Zeitschrift des Verbandes der wissenschaftlichen<br />
katholischen Studentenvere<strong>in</strong>e UNITAS<br />
ISSN-Nr.0344-9769<br />
Herausgeber und Verlag<br />
Verband der wissenschaftlichen katholischen Studentenvere<strong>in</strong>e UNITAS e.V.,<br />
Aachener Str. 29, 41564 Kaarst (Büttgen)<br />
Verbandssekretär<strong>in</strong>: Marianne Hübers<br />
Öffnungszeiten: Mo-Do von 09.00 bis 13.00 Uhr, Fr. nicht besetzt<br />
Tel. 02131 271725, Fax 02131 275960, E-Mail: vgs@unitas.org, stiftung@unitas.org<br />
Homepage: www.unitas.org<br />
Vorort: UNITAS Franko-Saxonia Marburg<br />
Sybelstr. 1, 35037 Marburg<br />
Vorortspräsident: Kilian Schmiz<br />
Tel. Mobil: 0176 64209082, E-Mail: vop@unitas.org, kilian.schmiz@web.de<br />
Verbands-Konto: PAX-Bank Köln, Kont0-Nr. 28 796 013, BLZ 370 601 93<br />
Spendenkonten:<br />
Stiftung UNITAS 150plus:<br />
Pax-Bank e.G., Köln, Konto-Nr. 322 300 16, BLZ 370 60 193<br />
Bank für Sozialwirtschaft, Konto-Nr. 80 61 000, BLZ 370 205 00<br />
Soziales Projekt:<br />
Spk KölnBonn, Konto-Nr. 7161, BLZ 370 50 198<br />
Schriftleitung:<br />
Dr. Christof M. Beckmann, Hülsmannstr. 74, 45355 Essen-Borbeck,<br />
Tel. 0201 664757 (p), E-Mail: unitas@unitas.org<br />
Hermann-Josef Großiml<strong>in</strong>ghaus, Rhe<strong>in</strong>str. 12, 53179 Bonn,<br />
Tel. 0228 211487 (p), 0228 103268 (d), E-Mail: H.Grossiml<strong>in</strong>ghaus@DBK.de<br />
Der Bezugspreis der unitas beträgt 2,50 Euro zzgl. Zustellgebühr. Für Mitglieder des<br />
UNITAS-Verbandes ist er im jährlichen Verbandsbeitrag von 60,- Euro enthalten.<br />
Namentlich gekennzeichnete Beiträge stellen nicht <strong>in</strong> jedem Fall die Me<strong>in</strong>ung der<br />
Redaktion dar.<br />
Fotos: C. Beckmann, C. Bluemer,<br />
H.-J. Großiml<strong>in</strong>ghaus, KNA, privat.<br />
Druck: Druckerei Pomp, Bottrop<br />
Redaktionsschluss für die Ausgabe 1/2012: 19. Dezember 2011<br />
Editorial<br />
Liebe Leser,<br />
liebe Bundesschwestern<br />
und Bundesbrüder!<br />
Unser Titelbild könnte fast von jedem Strand der Welt stammen<br />
– wenn dort nicht gerade Ölklumpen und tote Wattvögel sortiert<br />
werden oder wenn nicht kürzlich Tsunamis unterwegs waren.<br />
E<strong>in</strong>e Urlaubsidylle: Friedlich plätschern die Wellen ans Gestade,<br />
e<strong>in</strong>e E<strong>in</strong>ladung zu langen Spaziergängen vor e<strong>in</strong>em gigantischen<br />
Horizont <strong>in</strong> gesundheitsförderndem Reizklima – viel frische Luft<br />
und Auslauf für die Augen.<br />
Früher trug man Eulen nach Athen …<br />
Die tagesaktuelle Szenerie allerd<strong>in</strong>gs hat derzeit nicht so viel<br />
Idyllisches zu bieten. E<strong>in</strong> Reizklima der anderen Art. Nach der Ebbe<br />
kam die Flut – e<strong>in</strong>e Monster-Freakwave an Nachrichten dröhnte<br />
über den Kont<strong>in</strong>ent, e<strong>in</strong> veritabler Kaventsmann <strong>in</strong> Sachen „bad<br />
news“. Die Dauerbeschallung zur Euro-Krise schwappte auch<br />
durchs saturierte neue Party-Biedermeier des Exportweltmeisters<br />
– und noch immer gibt es ke<strong>in</strong> Entkommen. Wenn Griechenland<br />
kippt, wer folgt als nächster?<br />
Nicht nur die Steuermoral der Erben der Olympier gebiert<br />
geradezu olympische Hektik: Während Politiker im transkont<strong>in</strong>entalen<br />
Tagungsmarathon durch die Metropolen hecheln, sehen –<br />
sehr viel unbeobachteter von den Kameras – auch F<strong>in</strong>anz<strong>in</strong>stitute<br />
und Anleger zu, wo sie im allgeme<strong>in</strong>en Durche<strong>in</strong>ander ihr<br />
Goldenes Vlies versteckt bekommen. Wo auf der e<strong>in</strong>en Seite<br />
Milliarden-Stütznullen auf Überweisungsträger Richtung Athen -<br />
oder bald auch woanders h<strong>in</strong> - gekritzelt werden, ballern andere<br />
ihren extremen Überfluss <strong>in</strong> alte und neue „Geschäftsfelder“.<br />
Geht’s noch? Nochmal mehr frisches Geld für die Exzesse perfekt<br />
globalisierter, professionell-mafiöser Wettbüros und lautlos<br />
randalierender krim<strong>in</strong>eller F<strong>in</strong>anzdarw<strong>in</strong>isten, die Währungen zersetzen,<br />
Staaten zerlegen, ganze Gesellschaften destabilisieren,<br />
längst schon <strong>in</strong> bisher unbekanntem Maßstab selbst auf Grundnahrungsmittel<br />
zocken, damit Milliarden Menschen das tägliche<br />
Brot nehmen und zuletzt halbe Kont<strong>in</strong>ente zusammenkaufen?<br />
Völlig legal, aber komplett ethikfrei, nur der Gier und Gew<strong>in</strong>nmaximierung<br />
verpflichtet, während alle Risiken und Verluste von<br />
der immer heftiger blechenden Allgeme<strong>in</strong>heit verlässlich abgesichert<br />
werden?<br />
… und Herkules hatte es e<strong>in</strong>facher.<br />
Was ist, Europa? Weiter durchwursteln, Zeit sch<strong>in</strong>den, nochmal<br />
<strong>in</strong> die Generalüberholung oder besser doch gleich direkt alles<br />
zurück auf Null? Aber halt: Es gab da mal e<strong>in</strong>e Utopie. Dass wir<br />
dem dunklen Mahlstrom der Geschichte nicht hilflos ausgeliefert<br />
s<strong>in</strong>d, dass ke<strong>in</strong>e Monsterwellen mehr die Küsten zerschlagen, dass<br />
ke<strong>in</strong>e Sturmfluten mehr über die Deiche donnern. Sondern dass<br />
die gewählten Deichgrafen aller europäischen Nationen Verantwortung<br />
beweisen und dafür sorgen, dass der Kont<strong>in</strong>ent nicht<br />
wieder <strong>in</strong> die Urflut vom Recht des Stärkeren gerissen wird.<br />
Politiker – und nicht nur Ihr! Zeigt, was <strong>in</strong> dieser Vision für die<br />
ganze Welt steckte! H<strong>in</strong>terlasst von der ganzen Idee mehr als nur<br />
Spuren im Sand …<br />
semper <strong>in</strong> unitate,<br />
Dr. Christof M. Beckmann<br />
( M3, B2, M5 )
Leidenschaftlich für Europa<br />
Appell zum E<strong>in</strong>stehen für christliche Werte<br />
VORORTSÜBERGABE UND HUNDERTJÄHRIGES DER UNITAS RUHRANIA IN ESSEN<br />
VON BBR.<br />
DR. CHRISTOF BECKMANN<br />
„Wir haben stürmische Zeiten <strong>in</strong> Europa.<br />
Doch für uns kann es ke<strong>in</strong>en Rückzug geben,<br />
wenn wir uns Christen nennen. Wir müssen<br />
für unsere Überzeugungen e<strong>in</strong>stehen!“ Dies<br />
erklärte der Europa-Abgeordnete Bbr.<br />
Mart<strong>in</strong> Kastler am 30. Juli vor rund 200<br />
Gästen bei der Vorortsübergabe auf Schloss<br />
Borbeck <strong>in</strong> Essen. Beim Festkommers zum<br />
100-jährigen Bestehen der UNITAS Ruhrania<br />
forderte Kastler für „das e<strong>in</strong>zigartige<br />
Friedensprojekt Europa“ mehr Optimismus,<br />
Leidenschaft und Begeisterung:„Was wären<br />
wir ohne Europa – wo wären wir ohne<br />
Europa!“<br />
E<strong>in</strong>satz der Christen<br />
ist gefordert<br />
Nachdrücklich er<strong>in</strong>nerte der 37-jährige<br />
CSU-Abgeordnete aus Mittelfranken an die<br />
historischen Leistungen der Gründergeneration<br />
um Bbr. Robert Schuman, dessen 125.<br />
Geburtstag sich <strong>in</strong> diesem Jahr jährte.<br />
„Unser Glaube stellt uns die Aufgabe, fest<br />
für christliche Werte zu stehen! Sie s<strong>in</strong>d<br />
alles andere als altmodisch,<br />
sondern topaktuell!<br />
Denn gerade,<br />
wenn es stürmt, s<strong>in</strong>d<br />
tiefe Wurzeln umso<br />
wichtiger. Dazu s<strong>in</strong>d<br />
wir alle e<strong>in</strong>geladen –<br />
<strong>in</strong> Familien, Vere<strong>in</strong>en<br />
und Gesellschaft!“, erklärte<br />
Bbr. Kastler und<br />
mahnte e<strong>in</strong>e koord<strong>in</strong>ierteWirtschaftspolitik<br />
an, E<strong>in</strong>satz für<br />
Bürger- und Menschenrechte<br />
und <strong>in</strong><br />
ethischen Grundfragen.<br />
„Abtreibung ist<br />
ke<strong>in</strong> Mittel der Familienplanung“,stellte<br />
Kastler klar und<br />
plädierte für engagierten<br />
Schutz des Lebens <strong>in</strong> allen<br />
Lebensphasen. Große Zustimmung gab es<br />
auch für se<strong>in</strong>en Appell zu e<strong>in</strong>em gesetzlich<br />
garantierten Schutz des Sonntags, für den<br />
er e<strong>in</strong>e europaweite Kampagne gestartet<br />
hatte. „Hier kann es ke<strong>in</strong>en Rückzug <strong>in</strong>s<br />
Private geben, sondern wir brauchen aktive<br />
Christen <strong>in</strong> Parteien, Vere<strong>in</strong>en und Initia-<br />
Bbr. Mart<strong>in</strong> Kastler MdEP<br />
beim Übergabekommers <strong>in</strong> Essen.<br />
tiven!“, so der bekennende katholische<br />
Politiker. „Hier müssen wir kämpfen und<br />
nicht lockerlassen!“ (E<strong>in</strong> Interview mit Bbr.<br />
Kastler ist auf S. 260/61 abgedruckt.)<br />
E<strong>in</strong> klares Signal gegen Europamüdigkeit<br />
und politische Resignation: So hatten<br />
sie es auch geplant, die Aktiven und Alten<br />
Herren der UNITAS Ruhrania. E<strong>in</strong>e Botschaft,<br />
die <strong>in</strong> mehreren Artikeln <strong>in</strong> der lokalen<br />
und regionalen Presse gewürdigt<br />
wurde. Nicht umsonst hatte der Vorort<br />
2010/2011 mit Bedacht die Vorortsübergabe<br />
am Wochenende 30.<br />
Juli / 1. August mit e<strong>in</strong>em<br />
weiteren Höhepunkt<br />
der Vere<strong>in</strong>sgeschichtezusammengelegt:<br />
Stolz und zuversichtlich<br />
feierte der<br />
ursprünglich <strong>in</strong> Münster<br />
gegründete Vere<strong>in</strong><br />
mit dem ganzen Verband<br />
das Hundertjährige<br />
im glänzenden<br />
Ambiente der ehemaligen<br />
Residenz der Fürstäbtiss<strong>in</strong>nen<br />
von Essen<br />
auf Schloss Borbeck.<br />
Der Kirche e<strong>in</strong><br />
Gesicht geben<br />
E<strong>in</strong>e Steilvorlage für den aus dem<br />
Bistum Münster stammenden Ruhrbischof<br />
Dr. Franz-Josef Overbeck: Er ermunterte <strong>in</strong><br />
se<strong>in</strong>em Grußwort an die Festversammlung<br />
zu e<strong>in</strong>em „konkreten E<strong>in</strong>satz für unseren<br />
Glauben mitten <strong>in</strong> der Welt“. Es gehe<br />
darum, aus der Botschaft des Evangeliums<br />
und e<strong>in</strong>er entschiedenen werteorientierten<br />
Grundhaltung auskunftsfähig zu se<strong>in</strong> und<br />
mitzugestalten, den Glauben erkennbar zu<br />
leben, der Kirche e<strong>in</strong> konkretes Gesicht zu<br />
geben und „das Katholische mutig vor<br />
Augen zu führen“, so Bischof Overbeck.<br />
Dabei er<strong>in</strong>nerte er auch an die im Juni<br />
seliggesprochenen Ruhranen, die Kapläne<br />
Johannes Prassek und Eduard Müller:<br />
„Mögen sie Ihnen als Zeugen des Glaubens<br />
nicht nur Fürsprecher im Himmel se<strong>in</strong>, sondern<br />
auch Vorbilder für Ihren Lebense<strong>in</strong>satz<br />
im Heute.“ (S. Kasten auf Seite 254)<br />
Positive Vorortsbilanz und e<strong>in</strong>e<br />
Regierungserklärung<br />
Bereits am Samstagmorgen hatte der<br />
neu zusammengesetzte Verbandsvorstand<br />
im Landhaus Gimken getagt: Es gab viele<br />
neue Gesichter und zahlreiche Tagesordnungspunkte,<br />
die Verbandsgeschäftsführer<br />
Dieter Krüll präsentierte. Es lohne sich,<br />
Verantwortung für den Verband zu übernehmen,<br />
erklärte er mit Blick auf das mit<br />
dem Wochenende zu Ende gehende Vorortsjahr<br />
der <strong>Unitas</strong> Ruhrania. Der an Mitgliedern<br />
kle<strong>in</strong>e Aktivenvere<strong>in</strong> habe gezeigt,<br />
dass Quantität für die <strong>Unitas</strong> ke<strong>in</strong> Kriterium<br />
sei: „Dieses Vorortsjahr stellt klar: Nicht die<br />
Zahl ist entscheidend, sondern Wille und<br />
Charakter. Und den hat die Ruhrania <strong>in</strong><br />
hohem Maße gezeigt. E<strong>in</strong> hohes Lob für<br />
Euch!“, wandte sich Bbr. Krüll an Vorortspräsident<br />
Sebastian Sasse, der <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />
Rechenschaftsbericht e<strong>in</strong>e optimistische<br />
Bilanz zog.<br />
Bei allen Fahrten im Verband habe er<br />
mit se<strong>in</strong>en Vorortsschriftführern Christoph<br />
Weyer, Philipp Böcker und Stefan Slup<strong>in</strong>a<br />
e<strong>in</strong>e hohe Gesprächsbereitschaft feststel- >><br />
unitas 4/2011 251
Vorortsübergabe mit vielen Gästen:<br />
E<strong>in</strong>e fröhliche Festversammlung zum 100-Jährigen der <strong>Unitas</strong> Ruhrania auf Schloss Borbeck <strong>in</strong> Essen.<br />
len können. „Hier geht es durchaus um<br />
Grundsätzliches, um e<strong>in</strong>e große Offenheit<br />
zu allen Fragen, die mit unseren Pr<strong>in</strong>zipien<br />
zusammenhängen“, so der scheidende VOP.<br />
Vieles davon habe sich <strong>in</strong> der Düsseldorfer<br />
Generalversammlung mit ihrem Leitwort<br />
„Brannte uns nicht das Herz!“ konzentriert<br />
– e<strong>in</strong>er anspruchsvollen und außergewöhnlich<br />
gut gelungenen Tagung, fasste der<br />
Vorstand mit e<strong>in</strong>em besonderen Dank an<br />
die Organisatoren der <strong>Unitas</strong> Rhe<strong>in</strong>franken<br />
zusammen.<br />
In se<strong>in</strong>er „Regierungserklärung“ unterstrich<br />
der gewählte neue Vorortspräsident<br />
Bbr. Kilian Schmiz von <strong>Unitas</strong> Franko-<br />
Saxonia Marburg, dass es die im vergangenen<br />
Vorortsjahr so <strong>in</strong>tensiv beleuchteten<br />
Glaubensgrundlagen nun verstärkt auch<br />
auf ihre gesellschaftliche und politische<br />
Relevanz anzuwenden gelte. Zudem sollen<br />
neben der stärkeren Anregung der wissenschaftlichen<br />
Arbeit zu diesen Fragen <strong>in</strong> den<br />
Vere<strong>in</strong>en auch Impulse für e<strong>in</strong> aktives sozi-<br />
252<br />
unitas 4/2011<br />
ales Engagement vor Ort gesetzt werden –<br />
e<strong>in</strong>e Ansage, für die Bbr. Schmiz auch beim<br />
Festkommers am Abend viel Applaus erntete<br />
(s. auch Seite 255).<br />
Glänzender Festkommers<br />
im Schloss<br />
Die schwung- und humorvoll von<br />
Sebastian Sasse präsidierte Festcorona<br />
fand sich am Abend auf Schloss Borbeck <strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>em liebevoll geschmückten Ambiente.<br />
E<strong>in</strong> Dutzend Vere<strong>in</strong>sdelegationen sorgten<br />
im Großen Saal der ehemaligen Residenz<br />
der Fürstäbtiss<strong>in</strong>nen zu Essen und Thorn<br />
für e<strong>in</strong> prächtiges Bild. Am Flügel begleitet<br />
von Bbr. Udo Nobis zogen Vertreter von KV,<br />
CV und <strong>Unitas</strong> e<strong>in</strong> – der K.St.V. Rheno<br />
Borussia im KV zu Bonn, die K.D.St.V.<br />
Nordmark Rostock, Karlsruhe zu Essen im<br />
CV und der Borbecker CV-Philisterzirkel<br />
Kohle, der tatkräftig bei der Herrichtung<br />
des Saales geholfen hatte. Den Reigen der<br />
unitarischen Gastkorporationen<br />
eröffnete die jüngste<br />
Tochter der unitarischen Familie,<br />
UNITAS Franziska Christ<strong>in</strong>e<br />
Essen, gefolgt von UNITAS<br />
Maria Montessori Gießen,<br />
UNITAS Franco-Alemannia<br />
Karlsruhe, UNITAS Rhe<strong>in</strong>franken<br />
Düsseldorf, UNITAS<br />
Landshut Köln, die Münsteraner<br />
Vere<strong>in</strong>e UNITAS<br />
Rolandia und UNITAS W<strong>in</strong>fridia,<br />
die Mutterkorporation<br />
UNITAS-Salia Bonn, der neu<br />
gewählte Vorort UNITAS<br />
Franko-Saxonia Marburg und<br />
die Jubelkorporation UNITAS<br />
Ruhrania.<br />
Mit großem Dank an den<br />
scheidenden Ruhranen-Vorort<br />
verpflichtete Verbandsgeschäftsführer<br />
Dieter Krüll den<br />
neuen Vorort Franko-Saxonia Marburg auf<br />
die Verbandspr<strong>in</strong>zipien und übergab die<br />
Standarte. Und wartete anschließend mit<br />
e<strong>in</strong>er besonderen Überraschung auf, mit<br />
der der Vorsitzende des Essener UNITAS-<br />
Zirkels am wenigsten gerechnet hatte: Aus<br />
der Hand von VOP Kilian Schmiz erhielt er<br />
die Silberne Verbandsnadel für e<strong>in</strong> außergewöhnliches<br />
Engagement im Dienste der<br />
<strong>Unitas</strong>, wie Bbr. Krüll betonte: „Mart<strong>in</strong><br />
Gewiese ist e<strong>in</strong> Bundesbruder, wie es nur<br />
wenige gibt“, so Krüll <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Laudatio für<br />
den Hauptautor des neuen Verbandsliederbuches.<br />
Bbr. Gewiese habe sich mit dieser<br />
Aufgabe e<strong>in</strong>er unglaublichen Detailarbeit<br />
unterzogen und e<strong>in</strong> großartiges Ergebnis<br />
vorgelegt.„Er ist uns die Personifikation des<br />
altmodisch wirkenden Begriffs der<br />
Lauterkeit“, unterstrich Festpräside Sebastian<br />
Sasse, der dem Essener Zirkelvorsitzenden<br />
mit der ganzen Corona herzlich<br />
gratulierte.<br />
Von l<strong>in</strong>ks: VOP Kilian Schmiz übernimmt aus der Hand von Verbandsgeschäftsführer Bbr. Dieter Krüll die Verbandsstandarte und gibt anschließend<br />
se<strong>in</strong>e „Regierungserklärung“ ab.
Oben (von l<strong>in</strong>ks): Die Chargierten der alten und der neuen Vorortskorporation, UNITAS Ruhrania und UNITAS Franko-Saxonia. Unten: Die Chargen der UNITAS<br />
Maria Montessori Gießen und Gastchargierte des K.St.V. Rheno-Borussia im KV zu Bonn (vorne) und der K.D.St.V.Nordmark zu Essen im CV.<br />
Zivilcourage zeigen<br />
Als der älteste Ruhrane, Bbr. Dr. Jürgen<br />
Becker, <strong>in</strong> der feierlich-ausgelassenen Feststimmung<br />
für se<strong>in</strong>en Vere<strong>in</strong> zum Grußwort<br />
anhob, wurde es deutlich stiller: Se<strong>in</strong>en Blick<br />
auf über 120 unitarische Semester verknüpfte<br />
er mit nachdenklichen Denkanstößen zu<br />
den Pr<strong>in</strong>zipien. Nachdrücklich mahnte er<br />
mit H<strong>in</strong>weis auf aktuelle Beispiele und das<br />
Glaubenszeugnis der „Lübecker“: „Als<br />
Richtschnur für jeden E<strong>in</strong>zelnen von uns<br />
und für die Ruhranengeme<strong>in</strong>schaft drängt<br />
sich auf, sich gefragt oder ungefragt e<strong>in</strong>zumischen!“<br />
Freiheit sei nie e<strong>in</strong>e Selbstverständlichkeit,<br />
auch heute nicht: „Sie<br />
bedarf ständiger Muterprobung. Wer sich<br />
e<strong>in</strong>mischt, zeigt Flagge. Zivilcourage ist<br />
immer wieder gefragt. Anlässe hierfür gibt<br />
es zuhauf, nahezu täglich“, so der bis vor<br />
kurzem noch aktive Rechtsanwalt. Worte,<br />
die bei allen Festteilnehmern, nicht zuletzt<br />
bei den jungen, großen E<strong>in</strong>druck h<strong>in</strong>terließen.<br />
(Der volle Wortlaut des Grußworts ist<br />
auf den Seiten 258/59 abgedruckt.)<br />
Punkt 23.30 Uhr schlug Präside<br />
Sebastian Sasse („Er hat alles gegeben!“)<br />
den festlichen Kommers unter den Tisch –<br />
pünktlich zum angesetzten Ex-Bummel <strong>in</strong>s<br />
„Feldschlösschen“. Dessen Wände ziert seitdem<br />
e<strong>in</strong> großes Wappen der Ruhrania. Den<br />
Hammer führte mit Bbr. Dipl.-Ing. Andreas<br />
Beckmann (<strong>Unitas</strong> Sugambria Osnabrück)<br />
e<strong>in</strong>er der Wiederbegründer der UNITAS an<br />
der Ruhr: 20 Jahre nach dem ersten neuen<br />
Programm hängte der Ehrensenior der<br />
Mutterkorporation <strong>Unitas</strong>-Salia Bonn das<br />
von se<strong>in</strong>em Bruder und Ruhranen-Ehrensenior<br />
Christof Beckmann mit Sohn Georg<br />
auf Holz hergestellte Vere<strong>in</strong>semblem im<br />
Thekenraum an den Nagel. Begleitet vom<br />
dröhnenden „Happy birthday, Ruhrania“<br />
vieler feierwütiger Gäste.<br />
Festliche Messe<br />
<strong>in</strong> St. Dionysius<br />
Obwohl für manche die nächtliche Rast<br />
<strong>in</strong> Morpheus Armen ganz offensichtlich<br />
ziemlich kurz gekommen war, sah der >><br />
Delegationen der <strong>Unitas</strong>-Vere<strong>in</strong>e Ruhrania (Essen), Vorortsvorgänger Franco-Alemannia (Karlsruhe)<br />
und Nachfolger Franko-Saxonia (Marburg) und Franziska Christ<strong>in</strong>e (Essen) nach der Festmesse <strong>in</strong><br />
St. Dionysius mit Pfarrer Dr. Jürgen Cleve und Msgr. He<strong>in</strong>rich Grafflage.<br />
unitas 4/2011 253
Sonntagmorgen viele Bundesgeschwister<br />
und Gäste <strong>in</strong> der Heiligen<br />
Messe <strong>in</strong> St. Dionysius. Pünktlich<br />
traten die Vere<strong>in</strong>svertretungen vor<br />
der Sakristei der Kirche an, <strong>in</strong> der<br />
sich bereits e<strong>in</strong> großer Geme<strong>in</strong>schaftschor<br />
aus den Sterkrader<br />
Kirchengeme<strong>in</strong>den Propstei St.<br />
Clemens, der Geme<strong>in</strong>de Herz Jesu<br />
und der Geme<strong>in</strong>de St. Josef <strong>in</strong> Oberhausen-Sterkrade<br />
unter Leitung<br />
von Kantor Christoph Nierhaus e<strong>in</strong>gesungen<br />
hatte. Mit den festlichen<br />
Klängen der „Missa Qu<strong>in</strong>ta <strong>in</strong> B“<br />
von Vaclav Emanuel Horak nahmen<br />
die Unitarier mit der Geme<strong>in</strong>de die<br />
Anliegen der Welt <strong>in</strong>s Gebet, baten<br />
für die Lebenden und Verstorbenen<br />
des Verbandes.<br />
Er ist die Antwort<br />
auf alle Fragen ….<br />
Stadtdechant und Pfarrer Dr. Jürgen<br />
Cleve, der die Messe mit Msgr. He<strong>in</strong>rich<br />
Grafflage feierte, predigte zum Evangelium<br />
254<br />
unitas 4/2011<br />
Zwei höchst zufriedene Strategen des Jubiläumsjahres ihrer <strong>Unitas</strong> Ruhrania:<br />
Bbr. Richie Duckheim, tragende Säule der Generalversammlung <strong>in</strong> Düsseldorf<br />
und der Alt-Vorortspräsident Sebastian Sasse.<br />
von der Brotvermehrung. Ganz anders als<br />
oft gedeutet, gehe es nicht um Jesus als<br />
Gutmenschen, Zeremonienmeister oder<br />
Pädagoge. Wer das eigentliche Wunder h<strong>in</strong>ter<br />
dieser und anderen Erzählungen nicht<br />
sehe, greife zu kurz, mahnte Pfarrer Cleve:<br />
Denn mit Blick auf Not, Trauer, Sehnsucht<br />
Aus dem Grußwort von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck<br />
zum 100. Stiftungsfest der UNITAS RUHRANIA<br />
„…. Die UNITAS RUHRANIA hat ihre Wurzeln <strong>in</strong> me<strong>in</strong>em Heimatbistum Münster, wo sie<br />
1911 gegründet wurde. Seit 20 Jahren ist sie nun <strong>in</strong> Essen und damit im Ruhrbistum<br />
ansässig. Besonders zeichnet sie dabei ihre enge Beziehung zur Kirche aus, verbunden<br />
mit dem Willen, den Glauben erkennbar zu leben und somit der Kirche e<strong>in</strong> konkretes<br />
Gesicht zu geben. Dies ist erst recht <strong>in</strong> unseren Zeiten von hoher Bedeutung, <strong>in</strong> der es<br />
zum Grundauftrag der Kirche gehört, die grundlegende Verb<strong>in</strong>dung von Glauben und<br />
Vernunft immer wieder heraus zu stellen, wie es unser Heiliger Vater Papst Benedikt XVI.<br />
nicht müde wird zu betonen.<br />
Es gehört zum katholischen Profil junger Studierender, gegründet im Glauben und den<br />
Kräften der Vernunft vertrauend, die vom Glauben erhellt wird, auf allen Feldern der<br />
Wissenschaft Kompetenzen zu gew<strong>in</strong>nen, um im gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen<br />
und politischen Leben auskunftsfähig zu se<strong>in</strong> und gestaltend wirken zu können.<br />
Gerade die zunehmende hochschulwissenschaftliche Bedeutung des Ballungsraumes<br />
des Ruhrgebietes, das wirtschaftlich für den Aufstieg und Wohlstand Deutschlands bis<br />
heute von Bedeutung ist, ruft auf, den Menschen <strong>in</strong> unserer Region im Spannungsbogen<br />
von christlichem Glauben und verantworteter Vernunft, von gesellschaftlichem Leben,<br />
Stabilität und Strukturwandel, von Beheimatung und immer wieder neuem<br />
Mite<strong>in</strong>ander der Kulturen und Religionen, das Katholische mutig vor Augen zu führen.<br />
Als Mitglieder der UNITAS RUHRANIA setzten Sie sich dafür auf vielfältige Weise sowohl<br />
während Ihrer Studentenzeit als auch weiter darüber h<strong>in</strong>aus e<strong>in</strong>. Alles Tun möge dabei<br />
weiterh<strong>in</strong> von der Botschaft des Evangeliums und e<strong>in</strong>er entschiedenen werteorientierten<br />
Grundhaltung geprägt se<strong>in</strong> und <strong>in</strong> den konkreten E<strong>in</strong>satz für unseren Glauben mitten<br />
<strong>in</strong> der Welt, <strong>in</strong> der wir leben, e<strong>in</strong>münden. Dies gilt auch für die zunehmend europäischen<br />
Perspektiven, mit denen wir uns <strong>in</strong> allen Bereichen des Lebens ause<strong>in</strong>anderzusetzen<br />
haben. Die Grundlagen und Herausforderungen des europäischen<br />
E<strong>in</strong>igungswerkes werden im Festvortrag zum 100. Stiftungsfest entsprechend beleuchtet<br />
werden. Darüber b<strong>in</strong> ich sehr froh.<br />
Zugleich er<strong>in</strong>nern die von unserem Heiligen Vater Papst Benedikt XVI. selig gesprochenen<br />
Lübecker Märtyrer, die während ihres Studiums <strong>in</strong> Münster Mitglieder der UNITAS<br />
RUHRANIA waren, daran, dass schließlich alle Ausbildung und Bildung <strong>in</strong> den konkreten<br />
Lebense<strong>in</strong>satz münden. Die selig gesprochenen Kapläne Johannes Passek und Eduard<br />
Müller, die zur UNITAS gehörten, mögen Ihnen dabei als Zeugen des Glaubens nicht nur<br />
Fürsprecher im Himmel se<strong>in</strong>, sondern auch Vorbilder für Ihren Lebense<strong>in</strong>satz im Heute.<br />
Mit me<strong>in</strong>en herzlichen Segenswünschen und Grüßen verb<strong>in</strong>de ich die Hoffnung auf e<strong>in</strong><br />
erfolgreiches und Sie <strong>in</strong> Ihrer Geme<strong>in</strong>schaft stärkendes 100. Stiftungsfest.“<br />
und Tod unserer Zeit, all<br />
die aktuellen Schlagzeilen<br />
dieser Wochen,<br />
seien die damit verbundenen<br />
Fragen nicht mit<br />
Moral zu beantworten.<br />
Christus wolle das<br />
ganze Wohl des Menschen:<br />
„Er gibt Geme<strong>in</strong>schaft<br />
mit sich, teilt sich<br />
mit, teilt sich selbst, teilt<br />
unser ganz konkretes<br />
Leben“, so Dr. Cleve. „Er<br />
leidet mit, ihm ist nichts<br />
Menschliches fremd, er<br />
ist die Antwort, das Brot<br />
des Lebens, se<strong>in</strong>e radikale<br />
Verlässlichkeit ist bewiesen,<br />
wir brauchen<br />
sie und s<strong>in</strong>d auf sie<br />
angewiesen.“ Das zu bezeugen, sei Aufgabe<br />
der christlichen Geme<strong>in</strong>de – und auch der<br />
studentischen Vere<strong>in</strong>e. Cleve, amtierender<br />
Philistersenior der Essener Theologenverb<strong>in</strong>dung<br />
K.E.St.V. Ass<strong>in</strong>dia, wünschte der<br />
<strong>Unitas</strong> und ihrem <strong>in</strong> der Borbecker Pfarrei<br />
ansässigen Studentenvere<strong>in</strong> <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er<br />
Predigt e<strong>in</strong>e erfolgreiche Arbeit und e<strong>in</strong><br />
überzeugendes E<strong>in</strong>treten für die Barmherzigkeit<br />
Gottes: „Sie zu verkünden, ist<br />
die Aufgabe der christlichen Geme<strong>in</strong>de,<br />
auch der studentischen Vere<strong>in</strong>e. Gebt dieses<br />
persönliche Zeugnis <strong>in</strong> Fest, Feier und<br />
Alltag!“<br />
Festzug zum F<strong>in</strong>ale<br />
Mit e<strong>in</strong>em Festzug zum gastlich vorbereiteten<br />
„Feldschlößchen“ an der Flurstraße<br />
g<strong>in</strong>g nach der Messe e<strong>in</strong> für die <strong>Unitas</strong> im<br />
Revier denkwürdiges Wochenende <strong>in</strong> die<br />
Schlusskurve. Nach e<strong>in</strong>em stärkenden Büffet<br />
galt es – glücklich und geschafft – viele<br />
Erlebnisse und Erfahrungen e<strong>in</strong>es außergewöhnlichen<br />
Ereignisses zu sortieren. Guten<br />
Mutes soll es an der Ruhr unitarisch weiter<br />
gehen – und dass viele Gäste aus Nah und<br />
Fern von e<strong>in</strong>em bestens organisierten<br />
Großevent mit Inhalt, Stil und Botschaft<br />
sprachen, war allen E<strong>in</strong>satz wert.<br />
E<strong>in</strong>e besondere Freude hoben sich die<br />
Ruhranen bis zuletzt auf: Mit gebotener<br />
Andacht nahmen sie reihum e<strong>in</strong>en Schluck<br />
aus e<strong>in</strong>er echten Antiquität: Der Ehrenvorsitzende<br />
ihres AHV, Bbr. OStD a. D. Jörg<br />
Lahme, hatte se<strong>in</strong>er Ruhrania zum<br />
Jubiläum e<strong>in</strong>en historischen Bierkrug des<br />
Vere<strong>in</strong>s aus dem Jahr 1929 verehrt. Zur E<strong>in</strong>weihung<br />
des neuen UNITAS-Hauses <strong>in</strong><br />
Essen 2008 hatte er schon die Gründungsfahne<br />
und die große Gedenktafel für<br />
die Gefallenen des Vere<strong>in</strong>s im Ersten<br />
Weltkrieg beigesteuert. Jetzt ziert e<strong>in</strong> weiteres<br />
Zeugnis aus der ganz alten<br />
Geschichte der ehemals <strong>in</strong> Münster ansässigen<br />
Korporation die „heiligen Hallen“<br />
an der Ruhr.
„Regierungserklärung“ von VOP Kilian Schmiz<br />
beim Übergabekommers am 30. Juli 2011 <strong>in</strong> Essen<br />
(…) Wir möchten im kommenden Jahr<br />
unseren <strong>in</strong>haltlichen Schwerpunkt auf<br />
das gesellschaftspolitische Feld setzen<br />
und das politische Tagegeschehen <strong>in</strong> den<br />
Verband h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>tragen. „Ja, ich gelobe […] <strong>in</strong><br />
Kirche und Staat me<strong>in</strong>en Mann zu stehen<br />
[…] !“ Dies ist e<strong>in</strong> zentraler Ausschnitt des<br />
Gelübdes, das jeder Unitarier im Rahmen<br />
se<strong>in</strong>er Burschung auf das blau-weiß-goldene<br />
Fahnentuch abgelegt hat. Ist es aber<br />
nicht essentiell, um <strong>in</strong> „Kirche und Staat<br />
se<strong>in</strong>en Mann stehen zu können“, sich mit<br />
aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen<br />
wie beispielsweise der Debatte<br />
um die F<strong>in</strong>anzlage <strong>in</strong> der EU oder die<br />
Demokratiebewegung im arabischen<br />
Raum ause<strong>in</strong>anderzusetzen?<br />
Bei der Beschäftigung mit solchen Themen<br />
sollten wir als Unitarier nie vergessen<br />
und uns stets vergegenwärtigen, welche<br />
christlichen Moralvorstellungen wir als<br />
Katholiken haben und wie wir mit ihrer Hilfe<br />
weltliche Fragen beantworten können.<br />
Virtus-scientia-amicitia – diese Pr<strong>in</strong>zipien<br />
wurden uns von unseren Gründungsvätern<br />
mit auf den Weg gegeben, sie schmücken<br />
noch heute unsere Verbandsfahnen und<br />
s<strong>in</strong>d im Artikel 1 des unitarischen<br />
Grundgesetztes fest verankert. Lassen sich<br />
auch gesellschaftspolitische Themen<br />
anhand dieser drei, wie ich f<strong>in</strong>de, sehr<br />
„anspruchsvollen“ und teilweise abstrakten<br />
Pr<strong>in</strong>zipien bearbeiten und beantworten?<br />
Virtus bedeutet soviel wie e<strong>in</strong> mannhaftes,<br />
tapferes und konsequentes Leben<br />
aus dem Glauben heraus. Ich denke,<br />
zunächst e<strong>in</strong>mal ist es wichtig, überhaupt<br />
Wertvorstellungen zu besitzen. Wie leicht<br />
und sche<strong>in</strong>bar gut geht es denjenigen, die<br />
ihr Fähnchen opportunistisch nach dem<br />
W<strong>in</strong>d hängen, sich auf nichts festlegen<br />
wollen und so dem Lustpr<strong>in</strong>zip frönen.<br />
Weiterh<strong>in</strong> gilt es, den Mut zu besitzen,<br />
die eigenen Wertvorstellungen ständig zu<br />
h<strong>in</strong>terfragen und e<strong>in</strong>er dauerhaften Prüfung<br />
zu unterziehen. Erfahrungen, die ich<br />
hier mache, können unter Umständen –<br />
gerade, weil sie so persönlich s<strong>in</strong>d – sehr<br />
schmerzhaft se<strong>in</strong>. Es bedarf e<strong>in</strong>iges an virtus,<br />
andere Me<strong>in</strong>ungen und religiöse Auffassungen<br />
zu respektieren, zu tolerieren<br />
und zugleich für se<strong>in</strong>e eigenen Wertvorstellungen<br />
e<strong>in</strong>zustehen. Hier eröffnet sich<br />
immer wieder e<strong>in</strong> schwieriger Balance-<br />
Akt, auf der e<strong>in</strong>en Seite Toleranz zu üben<br />
und auf der anderen Seite Rückgrat zu<br />
beweisen und für se<strong>in</strong>e eigene Überzeugung<br />
e<strong>in</strong>zustehen – auch wenn noch<br />
soviel Gegenw<strong>in</strong>d kommen mag.<br />
Ziel der scientia im unitarischen S<strong>in</strong>ne<br />
sollte „die Bildung zu dialogfähigen, weltzugewandten<br />
und weltverantwortlichen<br />
Christen, die im Leben stehen“ se<strong>in</strong>. Auch<br />
hier sehen wir wieder den e<strong>in</strong>deutigen<br />
Auftrag an uns Unitarier zur Ause<strong>in</strong>andersetzung<br />
mit dem viel zitierten „Blick<br />
über den Tellerrand“ auf gesellschaftspolitische<br />
Entwicklungen, wie beispielsweise<br />
die Demokratiebewegung <strong>in</strong> Nordafrika<br />
und im Nahen Osten. Wie s<strong>in</strong>d diese<br />
Entwicklungen e<strong>in</strong>zuschätzen, wie kann<br />
man als e<strong>in</strong>zelner daran teilhaben?<br />
VOP Kilian Schmiz<br />
Vielleicht sollten wir nicht nur e<strong>in</strong>en<br />
„Blick über den Tellerrand wagen“, sondern<br />
warum sollten wir nicht gleich „mehr<br />
Demokratie wagen“ <strong>in</strong> diesen Gebieten<br />
der Erde? Um „<strong>in</strong> Kirche und Staat se<strong>in</strong>en<br />
Mann zu stehen“ ist es unerlässlich sich<br />
mit solchen Fragen ause<strong>in</strong>anderzusetzen<br />
und zu positionieren. Manchmal fällt dies<br />
e<strong>in</strong>em selbst schwer und man weiß nicht<br />
genau, wie man das e<strong>in</strong>e mit dem anderen<br />
abwägen kann.<br />
Ist es hier nicht tröstlich zu wissen,<br />
dass man Bundesschwestern und Bundesbrüder<br />
an se<strong>in</strong>er Seite hat, mit denen<br />
man sich geme<strong>in</strong>sam damit ause<strong>in</strong>andersetzen<br />
kann und die e<strong>in</strong>em helfen, die<br />
eigenen Gedanken wieder zu ordnen? Ich<br />
jedenfalls b<strong>in</strong> sehr froh darüber, <strong>in</strong> der<br />
unitarischen Geme<strong>in</strong>schaft Rückhalt und<br />
Unterstützung bei schwierigen Fragen<br />
zu f<strong>in</strong>den und so zu e<strong>in</strong>er ethischen<br />
Fundierung me<strong>in</strong>er eigenen Me<strong>in</strong>ung zu<br />
kommen.<br />
Hier schließt sich gleich das Pr<strong>in</strong>zip der<br />
amicitia an. Gegenseitige Mitverantwortung<br />
und die Bereitschaft sich selbstlos zu<br />
helfen – und das auch über Generationen<br />
h<strong>in</strong>weg! Hierzu gehören nach me<strong>in</strong>em<br />
Verständnis auch die Weitergabe und die<br />
Vermittlung von Wertvorstellungen, die<br />
ich mir im Laufe me<strong>in</strong>es Lebens beispielsweise<br />
im Gespräch mit Bundesschwestern<br />
und Bundesbrüdern aufgebaut habe. Und<br />
das spezielle am unitarischen Generationenverständnis<br />
ist, dass es sich nicht nur<br />
um e<strong>in</strong>e E<strong>in</strong>bahnstraße von Alt zu Jung<br />
handelt. Bei uns bietet sich die großartige<br />
Chance e<strong>in</strong>es wechselseitigen Austauschs<br />
– beispielweise über gesellschaftspolitische<br />
Fragen – bei denen jeder von den<br />
Erfahrungen und Kenntnissen des anderen<br />
profitieren kann.<br />
Diesen Austausch und diese Diskussionen<br />
möchten wir als Vorort fördern,<br />
<strong>in</strong>dem wir gesellschaftspolitische Fragen<br />
<strong>in</strong> die verbandsweite Diskussion e<strong>in</strong>streuen<br />
und dann geme<strong>in</strong>sam unitarisch wertvoll<br />
verarbeiten. Ich freue mich jetzt schon<br />
auf den Aktiventag 2012, der sich mit dieser<br />
Thematik befassen wird und natürlich<br />
auf das Krone-Sem<strong>in</strong>ar im Frühjahr.<br />
Allerd<strong>in</strong>gs reicht es <strong>in</strong> unserer schnelllebigen<br />
Zeit nicht aus, sich lediglich punktuell<br />
mit Politik und Gesellschaft zu befassen.<br />
Dann geht schneller als e<strong>in</strong>em lieb ist<br />
der Zusammenhang zwischen e<strong>in</strong>zelnen<br />
Ereignissen verloren. Isoliert und wie auf<br />
dem Seziertisch betrachtet geben e<strong>in</strong>zelne<br />
Phänomene oft wenig her, denn<br />
meist stecken die <strong>in</strong>teressanten und erhellenden<br />
Momente gerade im Detail der<br />
Vernetzung untere<strong>in</strong>ander.<br />
Deswegen wünsche ich mir, dass<br />
unser <strong>in</strong>haltlicher Leitfaden <strong>in</strong> jede e<strong>in</strong>zelne<br />
Aktivitas, beispielsweise durch Wissenschaftliche<br />
Sitzungen zu aktuellen Thematiken,<br />
h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>getragen wird und vor Ort<br />
– und nicht nur punktuell – <strong>in</strong> fruchtbaren<br />
Diskussionen mit Leben gefüllt wird!<br />
In Kirche und Staat se<strong>in</strong>en Mann zu<br />
stehen, bedeutet aber nicht nur, sich<br />
gedanklich damit zu befassen, sondern<br />
auch selbst aktiv anzupacken und se<strong>in</strong>e<br />
Vorstellungen <strong>in</strong> die Tat umzusetzen. Es<br />
gilt, se<strong>in</strong>en Glauben lebensnah zu gestalten<br />
und sich für e<strong>in</strong>e menschenwürdigere<br />
Welt e<strong>in</strong>zusetzen. Gelebtes, weltzugewandtes<br />
Christentum, me<strong>in</strong>e lieben Bundesschwestern<br />
und Bundesbrüder, me<strong>in</strong>t<br />
sich zu engagieren, gleich ob als E<strong>in</strong>zelner<br />
oder geme<strong>in</strong>sam als Aktivitas! (…)<br />
unitas 4/2011 255
256<br />
unitas 4/2011<br />
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� Schloss Borbeck bot den festlichen Rahmen für die diesjährige Vorortsübergabe.<br />
� Blick auf das Doppelpräsidium des Festkommerses: Den ersten Teil<br />
moderierte der scheidende VOP Bbr. Sebastian Sasse mit der UNITAS Ruhrania<br />
(h<strong>in</strong>ten rechts), den zweiten Teil der neue VOP Bbr. Kilian Schmiz mit der UNI-<br />
TAS Franko-Saxonia Marburg (h<strong>in</strong>ten l<strong>in</strong>ks). � In der Festrede appellierte der<br />
Europa-Abgeordnete Bbr. Mart<strong>in</strong> Kastler für mehr Unterstützung der europäischen<br />
Idee. � Höhepunkt war die Standartenübergabe von der Ruhr-<strong>Unitas</strong><br />
an die Marburger. Hier Alt-VOP Sebastian Sasse (rechts) und der neue VOP<br />
Kilian Schmiz. � Bbr. Mart<strong>in</strong> Gewiese, AHZ-Vorsitzender <strong>in</strong> Essen (rechts),<br />
wurde für se<strong>in</strong>e Verdienste – nicht zuletzt bei der Erarbeitung des neuen UV-<br />
Liederbuchs – mit der Silbernen Verbandsnadel ausgezeichnet. Hier gratuliert<br />
Verbandsgeschäftsführer Bbr. Dieter Krüll. � Bbr. Norbert Breiderhoff,<br />
Philistersenior der Essener CV-Verb<strong>in</strong>dung K.D.St.V. Nordmark, verliest e<strong>in</strong><br />
Grußwort se<strong>in</strong>es Neffen, des CV-Vorortspräsidenten Jan-Arnulf Breiderhoff.<br />
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� Gut gelaunt prosten die Chargen der Mutterkorporation <strong>Unitas</strong>-Salia<br />
Bonn der Corona zu. � Der stv. AGV-Vorsitzende Benedikt Nientied (CV)<br />
bedankt sich <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em launigen Grußwort für die gute Zusammenarbeit<br />
mit dem Ruhranen-Vorort. � Der neue Vorort verabschiedet sich von der<br />
Kommerscorona. � Anschließend stoßen die Bundesbrüder aus Marburg<br />
auf e<strong>in</strong> gutes Gel<strong>in</strong>gen des vor ihnen liegenden Amtsjahrs an.<br />
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� Die Vertreter des Borbecker CV-Philisterzirkels „Kohle“ <strong>in</strong> ihren zünftigen<br />
Bergmannsuniformen. � Nach dem Kommers standen e<strong>in</strong>ige Zipfeltausche<br />
an: hier zwischen Alt-VOP Sebastian Sasse (3.v.l.) und Bsr. Barbara Schmickler<br />
von der UNITAS Clara Schumann Bonn. � Am Sonntag fanden die Feierlichkeiten<br />
ihren Abschluss mit e<strong>in</strong>em Festhochamt <strong>in</strong> St. Dionysius. � Von dort<br />
zogen die Chargierten und die anderen Teilnehmer des Gottesdienstes zum<br />
Ausklang im UNITAS-Haus „Feldschlösschen“.<br />
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unitas 4/2011 257
„Freiheit ist ke<strong>in</strong>e Selbstverständlichkeit“<br />
BBR. DR. JÜRGEN BECKER RUFT IN SEINEM GRUßWORT BEIM FESTKOMMERS ANLÄSSLICH<br />
DES 100. STIFTUNGSFESTS DER UNITAS RUHRANIA ZU MEHR ZIVILCOURAGE AUF.<br />
Festliche Versammlung,<br />
<strong>in</strong>sbesondere liebe Bundesbrüder und verehrte<br />
Bundesschwestern – die letzte Anrede<br />
kommt noch ungewohnt über me<strong>in</strong>e<br />
Lippen – vor 60 Jahren gab es diese s<strong>in</strong>nvolle<br />
Ergänzung, man könnte auch sagen Vervollkommnung,<br />
noch nicht. Was soll e<strong>in</strong><br />
Grußwort zum 100. Gründungstag e<strong>in</strong>er Institution<br />
leisten, die vor zwei Jahrzehnten<br />
so revitalisiert und reaktiviert wurde, dass<br />
sie für e<strong>in</strong> zweites Jahrhundert e<strong>in</strong>es<br />
segensreichen Wirkens solide aufgestellt<br />
ersche<strong>in</strong>t. Ich möchte e<strong>in</strong>ige Denkstücke/<br />
Denkansätze aus der Sicht e<strong>in</strong>es Ruhranen<br />
liefern, der vor rund sechs Jahrzehnten <strong>in</strong><br />
die Ruhrania an ihrem ursprünglichen Sitz<br />
<strong>in</strong> Münster rezipiert wurde. Anschaulicherweise<br />
geschieht das im Licht der drei<br />
unitarischen Pr<strong>in</strong>zipien:<br />
258<br />
unitas 4/2011<br />
Virtus<br />
Die 2010 durch Suizid gestorbene Jugendrichter<strong>in</strong><br />
an Deutschlands größtem Amtsgericht<br />
Berl<strong>in</strong>-Tiergarten, Kirsten Heisig,<br />
beendete ihr Buch: „Das Ende der Geduld“<br />
mit dem Nachwort unter der Überschrift<br />
„Etwas Persönliches zu guter Letzt“. Dort<br />
heißt es:<br />
„Es ist <strong>in</strong> me<strong>in</strong>em Leben selten e<strong>in</strong> längerer<br />
Zeitraum vergangen, <strong>in</strong> dem ich nicht<br />
darüber nachdachte, welch unglaubliches<br />
Glück ich habe, <strong>in</strong> diesem Land zu diesem<br />
Zeitpunkt der Weltgeschichte leben zu dürfen,<br />
Ich b<strong>in</strong> 1961 geboren, das ist nicht so<br />
lange nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.<br />
Dennoch fand ich von Anfang an<br />
Entwicklungsbed<strong>in</strong>gungen vor, die es mir<br />
ermöglichten, <strong>in</strong> Frieden. Freiheit und<br />
Gleichheit aufzuwachsen und schulisch,<br />
beruflich und privat unbehelligt von äußeren<br />
E<strong>in</strong>flüssen und gesellschaftlichen<br />
Zwängen eigene Entscheidungen zu treffen.<br />
Dafür b<strong>in</strong> ich auch den Vätern des<br />
Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland<br />
dankbar. Die me<strong>in</strong>er Generation zur<br />
Verfügung stehenden Möglichkeiten folgen<br />
ke<strong>in</strong>em Naturgesetz. Wenn ich mich <strong>in</strong><br />
anderen historischen Phasen oder <strong>in</strong> anderen<br />
Teilen der Welt umschaue, fühle ich mich<br />
dar<strong>in</strong> bestärkt, unserem Land etwas zurükkzugeben,<br />
das jenseits der Ausübung me<strong>in</strong>er<br />
beruflichen Tätigkeit liegt – auch wenn ich<br />
dabei anecke.“<br />
Diese Worte von Kirsten Heisig spiegeln<br />
me<strong>in</strong>e damaligen und heutigen Empf<strong>in</strong>dungen<br />
sowie die mutmaßlichen E<strong>in</strong>-<br />
sichten me<strong>in</strong>er damaligen Kommilitonen<br />
wider. Damals waren wir froh, davongekommen<br />
zu se<strong>in</strong> und <strong>in</strong> der ehemaligen britischen<br />
Besatzungszone der damals noch<br />
jungen BRD zu leben. Heute, nach Abschluss<br />
des Berufslebens, s<strong>in</strong>d wir uns der<br />
Gunst gegenüber früheren Generationen<br />
oder anderen Weltregionen bewusst, acht<br />
Jahrzehnte Frieden, Freiheit und Gleichheit<br />
erlebt zu haben. Heisig fährt fort:<br />
„Ich möchte, dass die künftigen Generationen<br />
dieselben Chancen erhalten, die sich<br />
mir boten. Hier sehe ich momentan Gefahren,...<br />
Die Gesellschaft bef<strong>in</strong>det sich aus<br />
me<strong>in</strong>er Sicht an e<strong>in</strong>em Scheidewege. Sie<br />
könnte sich spalten <strong>in</strong> ‚l<strong>in</strong>ks’ und ‚rechts’, <strong>in</strong><br />
‚muslimisch’ und ‚nicht muslimisch’....“<br />
Bbr. Dr. Jürgen Becker bei se<strong>in</strong>em Grußwort<br />
Die Alternativen möchte ich erweitern<br />
<strong>in</strong> e<strong>in</strong>e wachsende Zahl der von Alimenten<br />
des Staates Lebenden sowie zwangsläufig<br />
(auch bed<strong>in</strong>gt durch die Alterspyramide)<br />
von e<strong>in</strong>er kle<strong>in</strong>er werden Zahl der den Staat<br />
mit Steuern, Abgaben und Beiträgen<br />
Tragenden.<br />
Steht aber unsere Gesellschaft am<br />
Scheidewege, stellt sich weniger die Frage,<br />
ob jeder E<strong>in</strong>zelne von uns und unsere<br />
Geme<strong>in</strong>schaft e<strong>in</strong>e Mitverantwortung zur<br />
Problemlösung trägt, sondern wie unser<br />
Beitrag aussehen kann.<br />
Kirsten Heisig gibt <strong>in</strong> ihrem Buch<br />
e<strong>in</strong>erseits H<strong>in</strong>weise, die zur Reduzierung<br />
der Jugendkrim<strong>in</strong>alität beitragen, andererseits<br />
zeigt sie auf, dass die Gewaltkrim<strong>in</strong>alität<br />
und Brutalisierung nicht<br />
alle<strong>in</strong> mit den Mitteln der Strafjustiz bewältigt<br />
werden kann. Im dem Nachwort<br />
„zu guter Letzt“ schrieb Kirsten Heisig,<br />
sie sei immer wieder gefragt worden:<br />
„Warum tun Sie das alles? Warum erledigen<br />
Sie nicht e<strong>in</strong>fach nur Ihre Arbeit?<br />
Warum mischen Sie sich derart<br />
e<strong>in</strong>?“<br />
Als Richtschnur sowohl für<br />
jeden E<strong>in</strong>zelnen von uns als auch<br />
für die Ruhranengeme<strong>in</strong>schaft<br />
drängt sich auf, sich gefragt oder<br />
ungefragt e<strong>in</strong>zumischen. Beispielhaft<br />
haben das die vier<br />
Lübecker Märtyrer getan, darunter<br />
unsere beiden Bundesbrüder<br />
Johannes Prasseck und Eduard<br />
Müller. Für ihren Mut setzten sie<br />
e<strong>in</strong> 17-monatiges Martyrium und<br />
ihr Leben durch Enthauptung<br />
e<strong>in</strong>.<br />
Was kaum von uns Aktiven<br />
damals <strong>in</strong> Münster Anfang der<br />
50er Jahre im E<strong>in</strong>zelnen wahrgenommen<br />
wurde, war die damals<br />
<strong>in</strong> Deutschland-Ost neu errichtete<br />
rote Diktatur bzw. die E<strong>in</strong>wechslung<br />
von Braun <strong>in</strong> Rot. Acht<br />
Jahre nach der H<strong>in</strong>richtung der<br />
vier Lübecker Geistlichen am 10.<br />
November 1943 zeigte diesmal<br />
die rote Diktatur auf Deutschlands<br />
Boden ihr wahres Gesicht:<br />
Sechs junge DDR-Bürger (bekannt<br />
als Gruppe Arno Esch,<br />
Jurastudent an der Universität<br />
Rostock) wurden <strong>in</strong> Schwer<strong>in</strong> zum<br />
Tode verurteilt. Der Vorwurf vergleichbar<br />
den Vorwürfen gegen<br />
die Lübecker Geistlichen: Landesverrat,<br />
Agitation und Propaganda, illegale<br />
Gruppenbildung. Fünf dieser jungen<br />
Deutschen wurden 1951 <strong>in</strong> Moskau h<strong>in</strong>gerichtet,<br />
durch Erschießen, nicht wie die vier<br />
Lübecker durch das Fallbeil. Der sechste<br />
starb 1951 <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em sowjetischen Gefängnis.<br />
Im Juli 1990 hob das Militärkollegium des
Obersten Gerichts der UDSSR die Urteile auf<br />
und rehabilitierte sie.<br />
Von den vier Lübecker Märtyrern wurde<br />
das Urteil des sog. Volksgerichtshofs vom<br />
23. Juni 1943 gegen den Pastor der evangelisch-lutherischen<br />
Kirche Karl Friedrich<br />
Stellbr<strong>in</strong>k auf Antrag der evangelisch-lutherischen<br />
Landeskirche durch Beschluss<br />
des LG Berl<strong>in</strong> vom 05. November 1993,<br />
517 AR 11/93 (2 P Aufh. 2/93), aufgehoben.<br />
Die Urteile des v. g. Volksgerichtshofs,<br />
ebenfalls vom 23. Juni 1943 gegen die drei<br />
seligen Lübecker Kapläne Johannes Prassek,<br />
Hermann Lange und Eduard Müller wurde<br />
auf Antrag der W.K.St.V. Ruhrania vom<br />
20. März 2011 durch Beschluss der StA<br />
Berl<strong>in</strong> vom 28. April 2011, 231 AR 20111, aufgehoben.<br />
Freiheit war und ist eben ke<strong>in</strong>e Selbstverständlichkeit,<br />
auch heute nicht! Sie<br />
bedarf ständiger Muterprobung. Wer sich<br />
e<strong>in</strong>mischt, zeigt Flagge. Zivilcourage ist<br />
immer wieder gefragt. Anlässe hierfür gibt<br />
es zuhauf, nahezu täglich. Dabei riskieren<br />
wir regelmäßig nicht unser Leben. Lediglich<br />
gegen Herabwürdigungen und Ausgrenzungen<br />
s<strong>in</strong>d wir nicht gefeit.<br />
Dabei räume ich e<strong>in</strong>,<br />
dass me<strong>in</strong>e Bundesbrüder<br />
und ich uns nach me<strong>in</strong>er<br />
Er<strong>in</strong>nerung nicht <strong>in</strong> öffentliche<br />
Debatten Anfang der<br />
50er Jahre des vorigen Jahrhunderts<br />
e<strong>in</strong>gemischt haben.<br />
Damals erlebten wir die<br />
Zeit, dass gerade 1949 aus<br />
vier Besatzungszonen im<br />
Westen die Bundesrepublik<br />
und im Osten die DDR entstanden<br />
waren. Auch gab es<br />
damals große Leitpersönlichkeiten,<br />
die mit ihrer Vision<br />
e<strong>in</strong>es gee<strong>in</strong>ten Europa<br />
nicht nur überzeugten, sondern<br />
begeisterten: Churchill,<br />
De Gasperi, Monnet, Adenauer,<br />
nicht zuletzt unser<br />
Bundesbruder Robert Schuman<br />
mit se<strong>in</strong>em denkwürdigen<br />
Schuman-Plan 1950. Die<br />
gegenwärtigen Führungseliten<br />
der Unternehmen, Gewerkschaften,<br />
der politischen Parteien und auch im Parlament<br />
s<strong>in</strong>d – vorsichtig ausgedrückt – im<br />
jeweiligen Format überschaubar. In der jungen<br />
Bundesrepublik, die sich seit dem<br />
Währungsjahr 1948 zu e<strong>in</strong>em Wohlstandsstaat<br />
entwickelte, konnten wir dem ersten<br />
Bundeskanzler, dem Alten aus Rhöndorf, <strong>in</strong><br />
hohem Maße vertrauen. Natürlich hätte<br />
man die NS-Vergangenheit so manchen<br />
Politikers und Verwaltungschefs h<strong>in</strong>terfragen<br />
können, was die 68er dann nachholten.<br />
In der Ruhrania von damals gab es zwar<br />
überwiegend ehemalige Soldaten der<br />
Wehrmacht, nicht jedoch Bundesbrüder mit<br />
ehemaliger oder noch vorhandener brauner<br />
Prägung. Die Ruhrania hatte ke<strong>in</strong>en Ansatz<br />
zu e<strong>in</strong>er Eigenfilterung.<br />
Scientia<br />
Seit anderthalb Jahren b<strong>in</strong> ich – von e<strong>in</strong>igen<br />
Rückabwicklungsarbeiten abgesehen –<br />
außer Dienst. Hierzu bekam ich von me<strong>in</strong>er<br />
Familie Helmut Schmidts Bilanz „Außer<br />
Dienst“ geschenkt. Diesem ehemaligen<br />
Bundeskanzler dürfte zwar – wie vielen –<br />
der Katechismus weitgehend fremd se<strong>in</strong>.<br />
Aber <strong>in</strong> dem Abschnitt „Erfahrungen verändern<br />
Maßstäbe“ unterstreicht das Kapitel<br />
„Netzwerke“ die Wichtigkeit der unitarischen<br />
fächerübergreifenden wissenschaftlichen<br />
Ause<strong>in</strong>andersetzungen. In me<strong>in</strong>em<br />
späteren Berufsleben habe ich den Nutzen<br />
solcher Disputationen – die gleichzeitig<br />
Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen<br />
waren – stärker erkannt als zur Zeit me<strong>in</strong>er<br />
Aktivenzeit. Wenn Schmidt <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Buch<br />
auch nicht spezielle wissenschaftliche Ause<strong>in</strong>andersetzungen<br />
me<strong>in</strong>t, s<strong>in</strong>d se<strong>in</strong>e<br />
Ausführungen hierüber doch beachtenswert.<br />
Deshalb möchte ich zitieren:<br />
„Um e<strong>in</strong> kont<strong>in</strong>uierliches Gespräch über<br />
Berufs- und Parteigrenzen h<strong>in</strong>weg zu er-<br />
möglichen, gibt es seit mehr als 20 Jahren <strong>in</strong><br />
me<strong>in</strong>er Heimatstadt Hamburg die Freitagsgesellschaft,<br />
deren Mitglieder sich sechs oder<br />
siebenmal im Jahr treffen, um sich durch Vorträge<br />
und Diskussionen gegenseitig zu bereichern.<br />
Was uns e<strong>in</strong>t, s<strong>in</strong>d Engagement für das<br />
öffentliche Wohl, die Salus publica, Offenheit<br />
und Toleranz.“ Dann erwähnt Schmidt auch<br />
die adäquate Mittwochsgesellschaft <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong><br />
und fährt fort:„Nur selten habe ich Sitzungen<br />
der Freitagsgesellschaft und der Mittwochsgesellschaft<br />
versäumt.“<br />
Weil die wissenschaftlichen Ause<strong>in</strong>andersetzungen<br />
zum Kern unitarischen Lebens<br />
zählen, möchte ich diesen Ansporn<br />
aus anderer Sicht nicht vorenthalten, möglichst<br />
ke<strong>in</strong>e dieser Möglichkeiten der Unterrichtung<br />
und Orientierung zu versäumen.<br />
Amicitia<br />
Vorh<strong>in</strong> erwähnte ich die Überschrift<br />
„Netzwerke“ <strong>in</strong> dem Unterabschnitt <strong>in</strong><br />
Helmut Schmidts Buch „Erfahrungen verändern<br />
Maßstabe“. E<strong>in</strong> Netzwerk ist auf<br />
Karriereplanung und Berufserfolgsorientierung<br />
ausgerichtet. Amicitia hat h<strong>in</strong>gegen<br />
ke<strong>in</strong>en eigenen Nutzen im Auge. Der<br />
Amicus will <strong>in</strong> erster L<strong>in</strong>ie Gönner, Gefährte,<br />
Verbündeter, Ratgeber se<strong>in</strong>. Als solcher<br />
habe ich viele Bundesbrüder erlebt, die wir<br />
damals, soweit sie Ruhranen waren,<br />
Vere<strong>in</strong>sbrüder nannten. E<strong>in</strong>en möchte ich<br />
nennen, den früheren bischöflichen Kaplan<br />
und späteren Biografen von Bischof<br />
Clemens August Graf von Galen, Bundesbruder<br />
Dr. He<strong>in</strong>rich Portmann. Er saß im<br />
münsterschen Vere<strong>in</strong>slokal der Ruhrania<br />
regelmäßig an der Kopfseite, neben dem<br />
jeweiligen Seniorat. Nach me<strong>in</strong>er Er<strong>in</strong>nerung<br />
war er an jedem wöchentlichen<br />
Ruhranenabend zugegen. Er war jedem von<br />
uns gewogen, grenzte niemanden aus,<br />
behandelte jeden von uns mit Güte und<br />
Wohlwollen. Leider äußerte<br />
er sich über sich selbst<br />
kaum. Insbesondere sprach<br />
er nicht über die Galenpredigten,<br />
die er zum<strong>in</strong>dest<br />
mitredigiert haben dürfte.<br />
Als wir ihn e<strong>in</strong>mal fragten,<br />
wo er promoviert worden<br />
sei, antwortete er schlicht:<br />
„In Rom, an der Quelle saß<br />
der Knabe.“ Von e<strong>in</strong>er Bombennacht<br />
<strong>in</strong> Münster erzählte<br />
er, als Bischof Galen <strong>in</strong><br />
Strümpfen das brennende<br />
Palais geräumt habe.<br />
Rückblickend war He<strong>in</strong>rich<br />
Portmann für uns damalige<br />
Aktive e<strong>in</strong>e wohlwollende,<br />
väterliche Instanz mit<br />
Deutungshoheit <strong>in</strong> allen religiösen<br />
Fragen, e<strong>in</strong> gelassener<br />
Ratgeber, der sich nicht<br />
aufdrängte, eben e<strong>in</strong> Amicus<br />
<strong>in</strong> bestem S<strong>in</strong>ne des Wortes.<br />
Damit möchte ich me<strong>in</strong>e Reflektierung<br />
unserer drei Pr<strong>in</strong>zipien schließen. Wenn die<br />
Ruhrania nicht vor 100 Jahren gegründet<br />
worden wäre, der Gründungsakt müsste<br />
heute <strong>in</strong>itiiert werden. Das Gleiche gilt von<br />
der Wiederbelebung vor zwei Jahrzehnten.<br />
Beides ist nicht selbstverständlich. Für beides<br />
s<strong>in</strong>d wir Ehemaligen – sowohl denen,<br />
auf deren Schultern wir standen, als auch<br />
den uns Nachfolgenden – zu Dank verpflichtet.<br />
Vivat – floreat – crescat, <strong>Unitas</strong> Ruhrania,<br />
ad secundam aetatem!<br />
unitas 4/2011 259
ZUVERSICHT IN STÜRMISCHEN ZEITEN – CHRISTLICHES ZEUGNIS IN DER POLITIK<br />
Bbr. Mart<strong>in</strong> Kastler MdEP im Interview<br />
Es ist wieder e<strong>in</strong>er dieser Tage: Seit dem<br />
frühen Morgen ist er auf den Be<strong>in</strong>en, wieder<br />
e<strong>in</strong>e lange Abendveranstaltung. Doch<br />
irgendwann reißt er sich aus den Gesprächen,<br />
sucht e<strong>in</strong>e stille Ecke, ruft schnell<br />
se<strong>in</strong>e Frau an. „Das ist mir wichtig“, sagt<br />
Bbr. Mart<strong>in</strong> Kastler. Sie und die beiden<br />
K<strong>in</strong>der sieht der 37-Jährige nicht gerade<br />
regelmäßig – seit drei Jahren sitzt er für die<br />
CSU im Europa-Parlament und reißt das<br />
ganze Jahr über ungezählte Kilometer ab.<br />
„Ich weiß gar nicht, wie viele“, überlegt er<br />
im Gespräch mit der UNITAS. In den sechs<br />
Wochen des letzten Wahlkampfes seien es<br />
alle<strong>in</strong> 16.000 nur <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em mittelfränkischen<br />
Wahlkreis gewesen. „Wie’s im Jahr<br />
ist, da müsste ich jetzt tatsächlich echt mal<br />
nachrechnen.“<br />
Leidenschaft ist nötig<br />
Für se<strong>in</strong>en Job sche<strong>in</strong>t neben guter<br />
Organisation vor allem e<strong>in</strong>es gefragt: E<strong>in</strong>e<br />
Menge Leidenschaft. Und die hat er. Sie<br />
packte ihn schon, bevor er als Student der<br />
Geschichte und Politikwissenschaften <strong>in</strong><br />
Erlangen vor 15 Jahren nach Prag g<strong>in</strong>g, um<br />
<strong>in</strong> der außenpolitischen Abteilung des<br />
Präsidenten der Tschechischen Republik,<br />
Václav Havel, mitzuarbeiten. Über erste<br />
berufliche Tätigkeiten als Journalist kam<br />
Bbr. Kastler, seit 1999 Mitglied im CSU-<br />
Bezirksvorstand Nürnberg-Fürth-Schwabach,<br />
2003 erstmals für e<strong>in</strong> Jahr als Abgeordneter<br />
<strong>in</strong>s Europäische Parlament. Aktiv<br />
<strong>in</strong> der Paneuropaunion (PEU) und der<br />
Europa-Union wurde er 2008 Referatsleiter<br />
für Entwicklungspolitische Grundsatzfragen<br />
und EU-Projekt-Koord<strong>in</strong>ator bei der<br />
Hanns-Seidel-Stiftung, g<strong>in</strong>g wieder nach<br />
Brüssel und Straßburg. Se<strong>in</strong>er Region blieb<br />
er dabei eng verbunden: Schon früh engagiert<br />
im Jugendhilfeausschuss der Stadt<br />
Nürnberg, aktiv bei se<strong>in</strong>er UNITAS Franko-<br />
Palatia und im Bundesvorstand der Ackermann-Geme<strong>in</strong>de,<br />
bekennt er sich auch zu<br />
se<strong>in</strong>er kirchlichen Heimat, arbeitet <strong>in</strong><br />
Initiativen der Caritas und Diakonie mit, im<br />
Diözesanrat des Bistums Eichstätt, gründete<br />
e<strong>in</strong>en katholischen Missionskreis. Seit<br />
2010 ist er Bundesvorsitzender der Ackermann-Geme<strong>in</strong>de<br />
und steht auch <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />
Lebenslauf zu se<strong>in</strong>er Funktion als „Gesellschaftspolitischer<br />
Beirat des <strong>Unitas</strong>-Verbandes“.<br />
„Europa ist e<strong>in</strong>e<br />
großartige Friedensidee“<br />
„Europa ist doch schon e<strong>in</strong>fach von der<br />
Idee her großartig, die großartigste Friedensidee<br />
wahrsche<strong>in</strong>lich weltweit. Und sie<br />
260<br />
unitas 4/2011<br />
Bbr. Mart<strong>in</strong> Kastler M.A. (UNITAS Franko-Palatia Nürnberg), Europaabgeordneter der CSU, geboren<br />
1974, Studium der Geschichte und Politik <strong>in</strong> Erlangen und Prag, verheiratet, zwei K<strong>in</strong>der. Seit 2008<br />
Abgeordneter im Europäischen Parlament (Nürnberg-Fürth-Schwabach/Mittelfranken), sozial-<br />
und entwicklungspolitischer Sprecher der CSU im Europäischen Parlament; ordentliches Mitglied:<br />
Ausschuss für Beschäftigung und Soziale Angelegenheiten, stv. Mitglied im Ausschuss für Entwicklung;<br />
Delegationen: Mitglied <strong>in</strong> der Delegation EU-Mazedonien, stellvertretendes Mitglied <strong>in</strong><br />
der Paritätischen Versammlung EU-AKP-Staaten. Kontakt: E-Mail: europa@kastler.de,<br />
Internet: www.kastler.de.<br />
ist erfolgreich: Wir haben noch nie so lange<br />
Frieden hier <strong>in</strong> unserem Kont<strong>in</strong>ent gehabt!“,<br />
er<strong>in</strong>nert Kastler bei all se<strong>in</strong>en Reisen<br />
und Auftritten immer wieder. E<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>fache<br />
und für jeden verständliche Botschaft sei<br />
das nach dem Völkermorden des letzten<br />
Krieges gewesen. Aber jetzt sei alles anders:<br />
„Wir s<strong>in</strong>d an e<strong>in</strong>em Punkt angekommen,<br />
wo es ansche<strong>in</strong>end nur noch um komplizierte<br />
Tagespolitik geht. Wer versteht denn<br />
noch, wie e<strong>in</strong>e Gesetzgebung von Europa<br />
bis auf die Kommune herunter gebrochen<br />
wird? Wie viele daran beteiligt s<strong>in</strong>d, warum<br />
es so lange dauert? Wie will man das noch<br />
erklären?“<br />
Geme<strong>in</strong>same<br />
Wirtschaftspolitik gefragt<br />
Dabei sei die Botschaft immer noch dieselbe:<br />
„Dass wir Frieden brauchen, ist so<br />
aktuell wie nie. Mitterand hat e<strong>in</strong>mal <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er<br />
fast testamentarischen Rede im<br />
Europaparlament kurz vor se<strong>in</strong>em Tod<br />
gesagt: Nationalisme c’est la guerre –<br />
Nationalismus ist der Krieg. Und dar<strong>in</strong><br />
steckt doch immer noch der Auftrag!“<br />
Kastler ist sauer über neue nationalistische<br />
Strömungen, darüber, dass Jahre verplempert<br />
wurden, um Europa voranzubr<strong>in</strong>gen.<br />
Längst bevor stündliche Meldungen zur<br />
Griechenland-Krise und zum drohenden<br />
Untergang des europäischen F<strong>in</strong>anzsystems<br />
an den Nerven zerrten, klagte er<br />
über das Fehlen e<strong>in</strong>er geme<strong>in</strong>samen<br />
Wirtschaftskoord<strong>in</strong>ierung, dass 27 Staaten<br />
ke<strong>in</strong>e geme<strong>in</strong>same Wirtschaftspolitik h<strong>in</strong>bekommen<br />
– und wollen. Wirtschaftswachstum<br />
lasse sich nicht aus Olivenproduktion<br />
oder Tourismus generieren, holt<br />
er aus, nötig sei auch e<strong>in</strong>e <strong>in</strong>dustrielle<br />
Wertschöpfung.<br />
Alle müssen mit<br />
e<strong>in</strong>er Stimme reden<br />
„Wer nur auf Dienstleistungen setzt,<br />
soll sich mal Großbritannien ansehen, dessen<br />
Industriestandort eigentlich nicht<br />
mehr existent ist!“ Nicht nur der Export-<br />
Weltmeister Deutschland, sondern ganz<br />
Europa müsse se<strong>in</strong>e Produktionen sichern,<br />
kommt er auf Ch<strong>in</strong>a zu sprechen. Wettbewerb<br />
f<strong>in</strong>de längst im globalen Rahmen<br />
statt.„Und guckt man sich die Ch<strong>in</strong>esen an:
Hochachtung! Die s<strong>in</strong>d nicht überschuldet.<br />
Die kaufen unsere Schulden e<strong>in</strong>, das muss<br />
man sich mal vorstellen“, warnt er vor<br />
wachsender Abhängigkeit. Es reiche nicht,<br />
wenn Länder wie Luxemburg, Italien oder<br />
auch Deutschland alle<strong>in</strong>e verhandelten.<br />
Alle 27 Länder müssten ihr Gewicht <strong>in</strong> die<br />
Schale werfen, mit e<strong>in</strong>er Stimme reden.<br />
Denn längst agiere Ch<strong>in</strong>a nicht nur <strong>in</strong><br />
Afrika, auch bei uns würden täglich Firmen<br />
aufgekauft. „Und fast ke<strong>in</strong>er weiß es!“<br />
Europa –<br />
Dame ohne Unterleib?<br />
Doch Kastler hat mit Blick auf den<br />
zähen Politikbetrieb zwischen Brüssel,<br />
Straßburg und den europäischen Hauptstädten<br />
nicht nur Fragen der kont<strong>in</strong>entalen<br />
Ökonomie im Visier. So drängend sie <strong>in</strong>zwischen<br />
s<strong>in</strong>d, so sehr sie im Kampfgeschrei<br />
der aktuellen Euro-Debatte visionäre wie<br />
praktische Antworten und<br />
konkrete Taten fordern: Das<br />
Projekt dürfe nicht zur<br />
„Dame ohne Unterleib“ werden.<br />
„Unseren Gründungsvätern<br />
war doch noch ganz<br />
klar, wo wir herkommen. Für<br />
sie stand Europa auf den<br />
Säulen der Demokratie, des<br />
Rechtsstaats und des Christentums.<br />
Sie haben dieses<br />
Europa geprägt von Anfang<br />
an bis heute“, er<strong>in</strong>nert<br />
Kastler.<br />
„Aber heute gibt’s e<strong>in</strong>ige,<br />
die Teile dieser Säulen gerne<br />
e<strong>in</strong>schrumpfen würden. Und<br />
das dürfen wir als Christen,<br />
die <strong>in</strong> der Politik, der Gesellschaft<br />
und <strong>in</strong> der Kirche<br />
aktiv s<strong>in</strong>d, uns natürlich<br />
nicht e<strong>in</strong>fach so wegnehmen lassen.“<br />
Darauf bestehen, dass die Grundrechtecharta<br />
auf dem christlichen Fundament<br />
steht, widersprechen, wenn andere das<br />
Gegenteil behaupten, all diesen Täuschungsversuchen<br />
widerstehen – darauf<br />
komme es an. „Wir dürfen das nicht aus der<br />
Hand geben, wir müssen sie aber auch<br />
weiter ausbauen. Deswegen ist es wichtig,<br />
dass wir uns als Christen nicht <strong>in</strong> die<br />
Ecke verziehen sondern vorne stehen, mitgestalten<br />
<strong>in</strong> Europa. Jetzt wie vor 60<br />
Jahren!“<br />
Den Sonntag schützen<br />
Dafür steht der studierte Historiker<br />
auch <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er parlamentarischen Arbeit:<br />
Als ordentliches Mitglied im Ausschuss für<br />
Beschäftigung und Soziale Angelegenheiten<br />
oder der <strong>in</strong>terfraktionellen Arbeitsgruppe<br />
für städtische Ballungsräume, vor<br />
allem aber als sozial- und entwicklungspolitischer<br />
Sprecher der CSU im Europäischen<br />
Parlament und als Vizepräsident der<br />
Interfraktionellen Arbeitsgruppe Bioethik<br />
und der der EVP-Arbeitsgruppe Bioethik.<br />
Bei allen großen und Detailfragen, mit<br />
denen sich e<strong>in</strong> Europapolitiker zu beschäftigen<br />
hat, ist er mit e<strong>in</strong>em Thema besonders<br />
unterwegs: Er wirbt für den Schutz des<br />
Sonntags. Im Februar 2009 reichte er geme<strong>in</strong>sam<br />
mit vier Parlamentskollegen e<strong>in</strong>e<br />
Schriftliche Erklärung zum Schutz des<br />
Sonntags <strong>in</strong> das Europäische Parlament e<strong>in</strong>,<br />
die von 261 Europaabgeordneten unterstützt<br />
wurde. Für ihn ist es der erste Tag der<br />
Woche, an dem auch er Zeit für die Familie<br />
haben und <strong>in</strong> die Kirche gehen will.<br />
„Der Sonntag ist gefährdet <strong>in</strong> Europa,<br />
machen wir uns nichts vor“, gibt Kastler zu<br />
Protokoll, verweist auf 16 Länder auf dem<br />
Kont<strong>in</strong>ent, wo er als arbeitsfreier Tag noch<br />
geschützt ist. „Aber <strong>in</strong> 11 Ländern <strong>in</strong> Europa<br />
ist rund um die Uhr alles offen. Und daher<br />
Wirbt für Europa: Bbr. Mart<strong>in</strong> Kastler MdEP im westlichen<br />
Mittelfranken mit der Jungen Union Neustadt /Aisch<br />
müssen wir uns anstrengen, e<strong>in</strong> Zeichen<br />
setzen.“ Gerade heute sei es notwendig,<br />
diesen kulturell gewachsenen Lebensrhythmus<br />
zu bewahren, den Arbeitsprozess<br />
zu unterbrechen. „Heute sagt man Work-<br />
Life-Balance. Und dazu gehört e<strong>in</strong> fester<br />
arbeitsfreier Tag. Das ist <strong>in</strong> Europa der<br />
Sonntag!“ Er verweist auch auf geänderte<br />
Familienstrukturen mit ihren spezifischen<br />
Problemen, darauf, dass K<strong>in</strong>der e<strong>in</strong> Recht<br />
auf ihre Eltern haben. „Bleibt der Sonntag<br />
arbeitsfrei, profitieren davon alle. Der freie<br />
Sonntag ist unser Kulturgut, tragendes<br />
Element des europäischen Sozialmodells,<br />
Teil des europäischen Kulturerbes, weltweit<br />
Familientag Nr. 1. E<strong>in</strong> freier Sonntag gibt<br />
Raum, um Kraft zu tanken. Das ist auch<br />
gelebter Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz<br />
– und damit e<strong>in</strong> Kernanliegen der<br />
Europäischen Union.“<br />
E<strong>in</strong>e Initiative, mit der Bbr. Kastler ganz<br />
nebenher auch e<strong>in</strong> weiteres Ziel verfolgt:<br />
Mehr aktive Bürgerbeteiligung. Seit längerem<br />
setzt er sich für mehr Volksentscheide<br />
e<strong>in</strong>. Jetzt besteht mit dem Lissabon-Vertrag<br />
2009 die Möglichkeit, e<strong>in</strong>e Bürger<strong>in</strong>itiative<br />
auf europäischer Ebene zu starten, um die<br />
Europäische Kommission aufzufordern,<br />
e<strong>in</strong>en Rechtsakt auf den Weg zu br<strong>in</strong>gen.<br />
Für Kastler e<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>malige Chance der EU-<br />
Bürger, direkte Demokratie auszuüben.<br />
Christen müssen mitwirken<br />
Unterstützung komme – ganz unabhängig<br />
von Konfessionen oder Religionen -<br />
nicht nur von christlicher Seite, z.B. auch<br />
von muslimischen Verbänden <strong>in</strong> Europa.<br />
Se<strong>in</strong>e Initiative im federführenden Sozialund<br />
Beschäftigungsausschuss im europäischen<br />
Parlament führte zur Gründung<br />
e<strong>in</strong>er „Europäischen Allianz für den arbeitsfreien<br />
Sonntag“. Mittlerweile unterstützt<br />
durch ganz viele unterschiedlichen Mitspieler<br />
– „von Kirche über Gewerkschaft bis<br />
zu Verbänden und E<strong>in</strong>zelpersonen s<strong>in</strong>d sie<br />
dabei.“ Die von ihm mitgegründete Onl<strong>in</strong>ekampagne<br />
www.freiersonntag.eu und die<br />
englischsprachige Seite www.free-sunday.eu<br />
sammeln dafür Unterstützer und<br />
Unterzeichner im Internet. E<strong>in</strong>e Million<br />
europaweit gesammelte Stimmen können<br />
e<strong>in</strong>en Gesetzgebungsprozess <strong>in</strong> Europa <strong>in</strong><br />
Gang setzen, so Bbr. Kastler:„Ich b<strong>in</strong> absolut<br />
überzeugt: Wir werden diese Hürde mit<br />
Sicherheit schaffen, weil so viele mitarbeiten.<br />
Dafür wollen wir kämpfen. Und es ist<br />
wichtig, dass wir als Christen mitwirken.“<br />
Christlicher Berufsoptimist<br />
Was macht ihm eigentlich bei all den<br />
vielen Baustellen Hoffnung? Und was treibt<br />
ihn persönlich an? „Gute Frage“, zögert<br />
Mart<strong>in</strong> Kastler erst. Manchmal reiche ihm<br />
schon, was man erleben müsse. „Aber als<br />
katholischer Christ b<strong>in</strong> ich Berufsoptimist<br />
und glaube, dass wir jeder unsere Aufgabe<br />
haben. Ich habe die Aufgabe, als Europaabgeordneter<br />
für me<strong>in</strong>e Region hier <strong>in</strong><br />
Brüssel und <strong>in</strong> Straßburg was zu bewegen.<br />
Und es ist bekannt, wofür ich stehe.“ Se<strong>in</strong>e<br />
Me<strong>in</strong>ung gebe er nicht e<strong>in</strong>fach an der<br />
Garderobe ab. „Von daher baut mich das<br />
auf, mich mit denen zu treffen und<br />
Geme<strong>in</strong>schaft zu haben, die ähnlich denken.<br />
Und die gibt’s.“<br />
Wenn das auch viele nicht gleich zeigten,<br />
habe er viele überraschende Erlebnisse<br />
auch <strong>in</strong> Brüssel oder <strong>in</strong> Straßburg erlebt:<br />
„Und das ist dann eigentlich schön. Dass<br />
sich dort Christen zusammensetzen, auch<br />
unterschiedlicher Konfession, Netzwerke<br />
bilden über Parteigrenzen h<strong>in</strong>weg, um hier<br />
auch als Christen <strong>in</strong> Europa Flagge zu zeigen,<br />
das ist eigentlich schön.„Das ist etwas,<br />
woran man sich auch festhalten kann,<br />
wenn es Gegenw<strong>in</strong>d gibt, gerade <strong>in</strong> stürmischen<br />
Zeiten wie jetzt.“<br />
Interview: C. Beckmann<br />
unitas 4/2011 261
262<br />
Josef W<strong>in</strong>kler Dr. Hermann Kues Jürgen Becker Dr. Helge Braun Peer Ste<strong>in</strong>brück Volker Kauder Hans-Ulrich Jörges<br />
Politik und Studentenverbände im Gespräch –<br />
PROMINENT BESETZTES „BERLIN-SEMINAR“ DER AGV DISKUTIERTE<br />
ÜBER EURO-RETTUNGSSCHIRM, GENERATIONENGERECHTIGKEIT<br />
UND BOLOGNA-REFORM<br />
VON BSR. BARBARA SCHMICKLER<br />
Aktueller hätte es die Arbeitsgeme<strong>in</strong>schaft<br />
katholischer Studentenverbände<br />
(AGV) nicht treffen können:<br />
Direkt nach der Abstimmung über die<br />
Ausweitung des Euro-Rettungsschirms<br />
EFSF am 29. September konnten die<br />
Teilnehmer des diesjährigen „Berl<strong>in</strong>-<br />
Sem<strong>in</strong>ars“ mit dem SPD-Abgeordneten<br />
und ehemaligen F<strong>in</strong>anzm<strong>in</strong>ister<br />
Peer Ste<strong>in</strong>brück und dem Vorsitzenden<br />
der CDU/CSU-Bundestagsfraktion<br />
Volker Kauder über die aktuelle<br />
F<strong>in</strong>anzkrise und mögliche Wege zu<br />
ihrer Lösung diskutieren.<br />
Die studentischen Spitzen der katholischen<br />
Korporationsverbände waren vom 28.<br />
bis 30. September bei strahlendem Sonnensche<strong>in</strong><br />
nach Berl<strong>in</strong> gekommen, um im<br />
Rahmen ihres Dialogprogramms mit<br />
Vertretern aus Politik und Medien über<br />
aktuelle Fragen zu sprechen. Neben der<br />
Euro-Krise und dem damit verbundenen<br />
Thema der Generationengerechtigkeit g<strong>in</strong>g<br />
es <strong>in</strong> den Diskussionen auch um die Reaktionen<br />
auf den Papstbesuch <strong>in</strong> Deutschland,<br />
der am Sonntag zuvor zu Ende gegangen<br />
war. Weitere wichtige Themen des<br />
Dialogprogramms: Bildung, das „C“ <strong>in</strong> der<br />
Union und die Entwicklung der Parteienlandschaft.<br />
Der UNITAS-Verband war vertreten<br />
durch VOP Kilian Schmiz, VOS Alexander<br />
von der Beeke, Bbr. Lars Deubner von der<br />
Vorortskorporation Franko-Saxonia Marburg,<br />
die Vors. des Beirats für Öffentlichkeitsarbeit<br />
Bsr. Anne Sudmann, den stv.<br />
AGV-Vors. Bbr. Claus Broekmans, den AGV-<br />
Ehrenvors. Bbr. Hermann-Josef Großiml<strong>in</strong>ghaus<br />
und die AGV-Pressereferent<strong>in</strong> Bsr.<br />
Barbara Schmickler.<br />
unitas 4/2011<br />
Bild oben: Peer Ste<strong>in</strong>brück fordert für Griechenland e<strong>in</strong>en Schuldenschnitt. Flankiert wird der SPD-<br />
Politiker vom AGV-Vors. Bernd Schulte (rechts, KV) und vom stv. AGV-Vors. Claus Broekmans (UV).<br />
Bild unten: Volker Kauder fordert, die europäische Idee <strong>in</strong> den Mittelpunkt zu stellen. L<strong>in</strong>ks neben<br />
Kauder der Leiter se<strong>in</strong>es Büros und ehemalige AGV-Vorsitzende Dr. Michael Güntner (CV).<br />
Ruhig betritt Peer Ste<strong>in</strong>brück nur kurze<br />
Zeit nach der Abstimmung über die Ausweitung<br />
des Euro-Rettungsschirms am 29.<br />
September im Bundestag den Raum, <strong>in</strong><br />
dem die Vertreter der AGV bereits auf ihn<br />
warten. „Die Lage <strong>in</strong> Europa ist sehr labil“,<br />
beg<strong>in</strong>nt der SPD-Politiker, der kurz zuvor<br />
noch für se<strong>in</strong>e Partei im Plenum gesprochen<br />
hatte, se<strong>in</strong> erstes Statement. Weitere<br />
Abstimmungen zu Hilfen für marode
Der Parl. Staatssekretär im Bundesm<strong>in</strong>isterium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Hermann<br />
Kues (h<strong>in</strong>tere Reihe, 5. v. rechts) stellte sich nach dem Gespräch mit den AGV-Vertretern zum Gruppenfoto<br />
vor dem M<strong>in</strong>isterium <strong>in</strong> der Berl<strong>in</strong>er Gl<strong>in</strong>kastraße.<br />
Haushalte anderer Länder der Euro-Zone<br />
werden folgen. „Das durchzusetzen wird<br />
schwierig“, erklärt der ehemalige F<strong>in</strong>anzm<strong>in</strong>ister<br />
der großen Koalition. Griechenland<br />
sei pleite, e<strong>in</strong> Schuldenschnitt<br />
müsse her. Außerdem nennt Ste<strong>in</strong>brück<br />
im Gespräch mit der AGV das Problem<br />
der Märkte, die die Politik zu sehr im<br />
Griff hätten: „Politik darf nicht erpresst<br />
werden.“<br />
Europa am Scheideweg<br />
Für Ste<strong>in</strong>brück steht Europa an e<strong>in</strong>em<br />
Scheideweg: Entweder schaffe man e<strong>in</strong>e<br />
monetäre Renationalisierung, die e<strong>in</strong>en<br />
Rückschritt der Integration bedeuten<br />
würde, oder aber man vertiefe die Integration,<br />
dafür müsse man allerd<strong>in</strong>gs<br />
Ausgleichsmechanismen organisieren.<br />
Dabei ist für ihn klar: „An der Bonität<br />
Deutschlands darf ke<strong>in</strong>er ohne Konditionalisierung<br />
teilhaben.“ Deswegen fordert<br />
Ste<strong>in</strong>brück Sanktionen. Die<br />
Länder, die zu viele Schulden<br />
hätten, müssten sich ihre<br />
Haushalte genehmigen lassen.<br />
In Richtung der schwarzgelben<br />
Bundesregierung fordert<br />
Ste<strong>in</strong>brück e<strong>in</strong>en e<strong>in</strong>deutigen<br />
Weg. „S<strong>in</strong>d wir <strong>in</strong> Europa<br />
bereit, nationale Souveränität<br />
abzugeben und das Grundgesetz<br />
zu ändern?“, fragt der<br />
SPD-Mann <strong>in</strong> die Runde. „Wer<br />
würde das machen?“, schiebt<br />
er nach.<br />
Se<strong>in</strong>e Kritik: Europa sei auf<br />
e<strong>in</strong> technokratisches Gebilde<br />
reduziert. „Wir wissen nicht zu<br />
schätzen, <strong>in</strong> welch privilegiertem<br />
Ausnahmezustand wir<br />
seit 1945 leben.“ Ste<strong>in</strong>brück<br />
fordert e<strong>in</strong>e „neue Erzählung“<br />
von Europa, die nicht auf<br />
B<strong>in</strong>nenmarkt, Währungsunion und e<strong>in</strong>en<br />
<strong>in</strong>tergouvernementalen Club beschränkt<br />
ist.<br />
Während der SPD-Politiker an der<br />
Regierung kritisiert, sie halte sich zu viele<br />
Optionen offen, setzt CDU-Fraktionschef<br />
Volker Kauder auf den Faktor Zeit. „Wir<br />
müssen Schritt für Schritt vorangehen und<br />
schauen, wie die Maßnahmen wirken“, lautet<br />
se<strong>in</strong>e Devise. Wie Ste<strong>in</strong>brück setzt auch<br />
Kauder auf e<strong>in</strong>e stärkere Kontrolle der<br />
Haushalte der Mitgliedsstaaten der Euro-<br />
Zone. E<strong>in</strong>dr<strong>in</strong>glich appelliert er im Gespräch<br />
mit den AGV-Vertretern, die Idee von<br />
Europa <strong>in</strong> den Mittelpunkt aller Überlegungen<br />
zu stellen. „Wenn Europa scheitert, ist<br />
Deutschland schuld.“<br />
Neben der Euro-Krise bestimmt das<br />
Gespräch mit Volker Kauder die Frage nach<br />
dem „C“ <strong>in</strong> der Union. Für den CDU/CSU-<br />
Fraktionschef ist die CDU klar die Partei, die<br />
das christliche Menschenbild vertritt. Für<br />
Der stv. Vorsitzende und kirchenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion<br />
von Bündnis 90/Die Grünen, Josef W<strong>in</strong>kler, plädiert<br />
für die Offenheit se<strong>in</strong>er Partei bei Koalitionsoptionen.<br />
ihn beg<strong>in</strong>nt das menschliche Leben mit der<br />
Verschmelzung von Eizelle und Samen.<br />
Daraus leite sich e<strong>in</strong>iges ab, wie es auch der<br />
Papst <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Rede vor dem Bundestag<br />
gesagt habe.<br />
In der Debatte zur Präimplationsdiagnostik<br />
(PID) nimmt Kauder e<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>deutige<br />
Position e<strong>in</strong>. Er hatte sich bei der Abstimmung<br />
im Deutschen Bundestag im Juli 2011<br />
für e<strong>in</strong> Verbot ausgesprochen. Diese Position<br />
hatte auch die AGV <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Erklärung<br />
e<strong>in</strong>gefordert. Der Mensch sei e<strong>in</strong> Abbild<br />
Gottes, daran dürfe nicht manipuliert werden.<br />
Sehr persönlich berichtet Volker<br />
Kauder als Christ vom Spannungsverhältnis,<br />
das Teil unseres Lebens sei. Se<strong>in</strong>e<br />
Überzeugung: „Das Gegenteil von Glauben<br />
ist Angst.“<br />
„C“ als Markenkern<br />
Das „C“ sei Markenkern der Union.<br />
Diese Auffassung vertritt auch der parlamentarische<br />
Staatssekretär im Familienm<strong>in</strong>isterium,<br />
Dr. Hermann Kues. Christ se<strong>in</strong><br />
sieht er als Daueraufgabe, der man sich<br />
immer wieder zu stellen habe. In Bezug auf<br />
die Stammzellenforschung sagt er, wir hätten<br />
<strong>in</strong> Deutschland e<strong>in</strong> System, das von<br />
Christen mitgetragen werde. Dennoch sei<br />
die Politik e<strong>in</strong> eigenes Geschehen, die Bibel<br />
könne man nicht e<strong>in</strong>s zu e<strong>in</strong>s übersetzen.<br />
Kirche und Politik könnten sich jedoch<br />
gegenseitig befruchten.<br />
Als Staatssekretär im Familienm<strong>in</strong>isterium<br />
geht es Kues vor allem darum, der jungen<br />
Generation Chancen zu eröffnen. „Wir<br />
müssen Bed<strong>in</strong>gungen schaffen, dass Familien<br />
leben können. Das ist e<strong>in</strong>e Investition<br />
<strong>in</strong> die Zukunft“, erklärt Kues. In diesem<br />
Zusammenhang lobt er die AGV für ihre<br />
Forderung nach e<strong>in</strong>er besseren Vere<strong>in</strong>barkeit<br />
von Studium und Familie. Im Familienm<strong>in</strong>isterium<br />
s<strong>in</strong>d auch Freiwilligendienst<br />
und Ehrenamt wichtige Themenfelder.<br />
„Wir brauchen Leute, die<br />
mehr tun als das Normale“, fordert<br />
Kues und ermutigt die AGV-<br />
Vertreter, sich weiter für e<strong>in</strong>e gute<br />
Sache e<strong>in</strong>zusetzen. „Das ist e<strong>in</strong> großer<br />
Schatz“, so der Staatssekretär.<br />
Ist der Papst e<strong>in</strong> Grüner?<br />
Können auch die Grünen e<strong>in</strong>e<br />
christliche Partei se<strong>in</strong>? Vom Papst<br />
jedenfalls gab es Lob für die „ökologische<br />
Bewegung“. Doch ist der<br />
Papst deshalb e<strong>in</strong> Grüner? „Damit<br />
haben wir ke<strong>in</strong> Problem, von e<strong>in</strong>em<br />
Parteie<strong>in</strong>tritt gehen wir trotzdem<br />
nicht aus“, sagt Josef W<strong>in</strong>kler<br />
schmunzelnd. Denn die Ableitungen,<br />
die der Papst aus dem Lob für<br />
die ökologische Bewegung mache,<br />
seien mit dem Programm der >><br />
unitas 4/2011 263
264<br />
Staatssekretär Jürgen Becker aus dem Bundesumweltm<strong>in</strong>isterium (oben) und der Parl. Staatssekretär<br />
Dr. Helge Braun aus dem Bundesbildungsm<strong>in</strong>isterium diskutieren mit den AGV-Vertretern<br />
über die Reaktorsicherheit und den Bologna-Prozess.<br />
unitas 4/2011<br />
Grünen nicht vere<strong>in</strong>bar. W<strong>in</strong>kler selbst ist<br />
stellvertretender Fraktionsvorsitzender der<br />
Grünen und im Zentralkomitee der<br />
Katholiken. Für ihn ist klar, dass die<br />
Me<strong>in</strong>ungen zum Papstbesuch und zur<br />
katholischen Kirche im Allgeme<strong>in</strong>en <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er<br />
Partei divergieren. Neben e<strong>in</strong>er politischen<br />
E<strong>in</strong>ordnung schätzt W<strong>in</strong>kler als<br />
Privatmann und Katholik den Papstbesuch<br />
als gelungen e<strong>in</strong> – „mangels hoher Erwartungen“.<br />
Als „bestes Jahr der Parteigeschichte“<br />
bezeichnet der Abgeordnete die vergangenen<br />
Monate. Dennoch müsse se<strong>in</strong>e Partei<br />
anschlussfähig bleiben oder werden, auch<br />
nach rechts, me<strong>in</strong>t W<strong>in</strong>kler. Die Nähe zu den<br />
Sozialdemokraten sieht er positiv, aber es<br />
müsse auch andere Optionen geben. Für<br />
die Vertreter der katholischen Studenten<br />
gibt es von W<strong>in</strong>kler außerdem e<strong>in</strong> Lob für<br />
die klare Distanzierung der AGV von rassistischen<br />
Entwicklungen <strong>in</strong> der Deutschen<br />
Burschenschaft.<br />
Neuorientierung der<br />
Umweltpolitik nach Fukushima<br />
Kurzfristig musste Umweltm<strong>in</strong>ister Dr.<br />
Norbert Röttgen se<strong>in</strong> Treffen mit der AGV<br />
absagen, da er <strong>in</strong> den Bundestag zitiert<br />
worden war, schickte aber se<strong>in</strong>en Staatssekretär<br />
Jürgen Becker <strong>in</strong> die Diskussion mit<br />
den Studenten. Seit Fukushima gebe es e<strong>in</strong><br />
neues Verständnis von Sicherheit, das sei<br />
der Maßstab, der heute angelegt werden<br />
müsse. Denn alle sähen die Sicherheitsprobleme,<br />
vor allem bei e<strong>in</strong>em möglichen<br />
Terrorangriff. Würde e<strong>in</strong> Flugzeug <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en<br />
Reaktor fliegen, kann e<strong>in</strong>e Kernschmelze<br />
ausgelöst werden, so Becker, der folgendes<br />
Szenario beschreibt:„Stellen Sie sich vor, e<strong>in</strong><br />
Flugzeug fliegt auf den Reaktor Isar 1: Dann<br />
ist die ganze Umgebung <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Umkreis<br />
Die Begegnung von Politik und Kirche auf gesellschaftlicher Ebene erlebten die Teilnehmer beim Michaelsempfang der Deutschen Bischofskonferenz.<br />
Hier zog der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, e<strong>in</strong>e erste Bilanz nach dem Papstbesuch, hier konnte man den<br />
Bundespräsidenten live erleben und zwanglos mit Politikern und Kirchenleuten <strong>in</strong>s Gespräch kommen – wie rechts mit Bundes<strong>in</strong>nenm<strong>in</strong>ister Friedrich (KV)<br />
[3. v. l<strong>in</strong>ks] und dem ehemaligen deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl, Hans-Henn<strong>in</strong>g Horstmann [3. von rechts] – beiden ist die AGV schon vom<br />
letztjährigen Berl<strong>in</strong>-Sem<strong>in</strong>ar bzw. von den Rom-Sem<strong>in</strong>aren bekannt – und für das leibliche Wohl und Unterhaltung war auch gesorgt.
von 200 Kilometern für 500 Jahre unbewohnbar.“<br />
Das bedeute e<strong>in</strong> enormes Risiko,<br />
<strong>in</strong> Deutschland sei dafür e<strong>in</strong>e große<br />
Sensibilität vorhanden, die Bewahrung<br />
der Schöpfung habe Priorität. Kritisch zu<br />
sehen seien allerd<strong>in</strong>gs die Machtverhältnisse<br />
<strong>in</strong> vielen Staaten, <strong>in</strong> denen wirtschaftliche<br />
Interessen die ökologischen bestimmten.<br />
Bezug auf Norbert Röttgen nahmen<br />
e<strong>in</strong>ige junge Abgeordnete der Unionsfraktion,<br />
die sich <strong>in</strong> der sogenannten<br />
„Jungen Gruppe“ zusammengefunden haben<br />
und mit denen die AGV-Vertreter bei<br />
e<strong>in</strong>em „Kam<strong>in</strong>gespräch“ zusammenkamen.<br />
Der Sprecher der „Jungen Gruppe“, Marco<br />
Wanderwitz, zitiert Röttgen, der gefordert<br />
hat, die Themen durch die Augen der K<strong>in</strong>der<br />
zu sehen. Daran knüpfe sich, so Wanderwitz,<br />
die Frage nach Chancengerechtigkeit<br />
an. Man brauche Sanktionsmechanismen,<br />
um e<strong>in</strong>e weitere Verschuldung zu stoppen.<br />
„Den Krieg auf den F<strong>in</strong>anzmärkten gew<strong>in</strong>nen<br />
wir mit den heutigen Werkzeugen<br />
nicht.“ Vom Abgeordneten Prof. Dr. Patrick<br />
Sensburg hagelt es Kritik an der NRW-<br />
Landesregierung unter Hannelore Kraft<br />
(SPD). Dort mache die rot-grüne M<strong>in</strong>derheitsregierung<br />
trotz Griechenland immer<br />
weiter Schulden.<br />
Bei der Abstimmung über die Erweiterung<br />
des Rettungsschirms haben<br />
sich e<strong>in</strong>ige Abgeordnete der „Jungen<br />
Gruppe“ kurzfristig zu e<strong>in</strong>er Unterstützung<br />
durchgerungen. Sie wollten ke<strong>in</strong>e<br />
schlechte Stimmung <strong>in</strong> der Fraktion riskieren.<br />
Außerdem sei es nicht um die Sache<br />
gegangen, sondern darum, die Regierung<br />
vorzuführen. „Das möchten wir der Opposition<br />
nicht bieten“, so Wanderwitz. Wir<br />
müssten uns die Frage von unserer Vision<br />
für Europa stellen. Wo sehen wir Europa?<br />
„Europa ist so unterschiedlich wie<br />
Deutschland und Rumänien“, konstatiert<br />
der Abgeordnete.<br />
Am Ende des Kam<strong>in</strong>gesprächs fordert<br />
Wanderwitz die AGV auf, sich weiter <strong>in</strong> den<br />
politischen Willensbildungsprozess e<strong>in</strong>zumischen<br />
und besonders für Generationengerechtigkeit<br />
e<strong>in</strong>zustehen. Die Begegnung<br />
mit den jungen Abgeordneten zeigt aber<br />
auch, dass die jungen Politiker <strong>in</strong> vielen<br />
Punkten die Positionen der katholischen<br />
Studentenverbände teilen. Passend dazu<br />
haben beide Seiten vere<strong>in</strong>bart, weiter <strong>in</strong><br />
Kontakt zu bleiben.<br />
Debatte um Bologna-Reform<br />
E<strong>in</strong>es der Hauptthemenfelder der AGV<br />
ist die Bildungspolitik. Für das im Frühjahr<br />
2011 veröffentlichte Positionspapier „Zehn<br />
Feldberger Thesen zur Hochschulpolitik“<br />
gibt es Lob vom Bundestagsabgeordneten<br />
und Parlamentarischen Staatssekretär im<br />
Bildungsm<strong>in</strong>isterium Dr. Helge Braun. Wie<br />
Oben: Unter der Moderation des AGV-Vorsitzenden Bernd Schulte (Mitte) diskutierten bei e<strong>in</strong>em<br />
„Kam<strong>in</strong>gespräch“ Abgeordnete der „Jungen Gruppe“ der CDU/CSU-Bundestagsfraktion (von l<strong>in</strong>ks)<br />
Christian Hirte, Dr. Re<strong>in</strong>hard Brandl und Marco Wanderwitz sowie der CDU-Abgeordnete Prof. Dr.<br />
Patrick Sensburg � Unten: Gastgeber des Abends war die Berl<strong>in</strong>-Vertretung der Lanxess AG, deren<br />
Leiter und Bevollmächtigter des Vorstands Johannes Neukirchen (4. von rechts) die Gäste begrüßte.<br />
die AGV sieht Braun ke<strong>in</strong>e Notwendigkeit,<br />
den Bologna-Prozess zu kippen, sondern<br />
man müsse den e<strong>in</strong>geschlagenen Weg<br />
akzeptieren und dürfe bei aller berechtigten<br />
Kritik auch die „großen Erfolge“ nicht<br />
übersehen.<br />
Braun sieht viele Probleme bei der<br />
Bologna-Reform nicht im System als solchem,<br />
sondern bei der Umsetzung an den<br />
Hochschulen. Das M<strong>in</strong>isterium könnte nur<br />
als Ideengeber fungieren. Wie die Vertreter<br />
der katholischen Studenten hält Braun e<strong>in</strong>e<br />
Umstellung auf das Bachelor-/Master-<br />
System im Fachbereich Jura für nicht erforderlich,<br />
weil dort die <strong>in</strong>ternationale<br />
Mobilität am ger<strong>in</strong>gsten sei. In der Mediz<strong>in</strong><br />
laufen mit zwei Reformstudiengängen <strong>in</strong><br />
Oldenburg und Berl<strong>in</strong> nun Tests, ob hier<br />
e<strong>in</strong>e Umstellung s<strong>in</strong>nvoll se<strong>in</strong> könnte. Die<br />
AGV sieht e<strong>in</strong>er E<strong>in</strong>führung des Bachelor-<br />
/Master-Systems bei den Studienfächern<br />
Mediz<strong>in</strong> und Jura skeptisch entgegen und<br />
fordert <strong>in</strong> den „Zehn Feldberger Thesen“<br />
e<strong>in</strong>en Aufschub der Umsetzung. E<strong>in</strong> Grund<br />
dafür ist, dass es bisher nicht gelungen sei,<br />
Berufsfelder für Bachelorabsolventen dieser<br />
Fächer aufzuzeigen.<br />
Für all diejenigen, die <strong>in</strong> die Wissenschaft<br />
wollen, fordert Braun Masterstudienplätze.<br />
Außerdem setzt er auf die<br />
berufliche Weiterbildung, die <strong>in</strong> Deutschland<br />
noch weitestgehend fehlt. „Wir brauchen<br />
e<strong>in</strong>e Gesellschaft des lebenslangen<br />
Lernens“, fordert der CDU-Politiker. Kritik<br />
seitens der AGV gab es an Debatte über<br />
Promotionsrechte für Fachhochschulen<br />
und der damit verbundenen „FH-isierung<br />
der Wissenschaft“.<br />
Der letzte Tag des Sem<strong>in</strong>ars beg<strong>in</strong>nt mit<br />
e<strong>in</strong>er Eucharistiefeier, die der Leiter des<br />
Katholischen Büros <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong>, Prälat Dr. Karl<br />
Jüsten (KV), mit den Teilnehmern feiert. In<br />
se<strong>in</strong>er Predigt geht er auf die Ansprache<br />
von Papst Benedikt vor dem Deutschen<br />
Bundestag e<strong>in</strong>. >><br />
unitas 4/2011 265
Bild oben: Den Abschluss der Gespräche <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong> bildete e<strong>in</strong> Besuch im Berl<strong>in</strong>er Büro des STERN,<br />
wo Hans Ulrch Jörges, Mitglied der Chefredaktion der Illustrierten, den Studentenvertretern Rede und<br />
Antwort stand. � Bild unten: Gruppenbild mit Hans-Ulrich Jörges (7. v. l<strong>in</strong>ks)<br />
Neben den Gesprächen mit den<br />
Politikern hat die AGV auch den<br />
Journalisten Hans-Ulrich Jörges vom<br />
Magaz<strong>in</strong> Stern getroffen. In se<strong>in</strong>em Berl<strong>in</strong>er<br />
Büro direkt an der Spree präsentiert Jörges<br />
zunächst se<strong>in</strong>e Dachterrasse. Von dort hat<br />
er e<strong>in</strong> ganz besonderes Andenken. „Wollt<br />
ihr mal e<strong>in</strong>e Reliquie sehen?“, fragt er <strong>in</strong> die<br />
Runde. Aus se<strong>in</strong>er Schublade zieht er e<strong>in</strong>e<br />
kle<strong>in</strong>e Schachtel, holt getrocknetes Unkraut<br />
heraus. Das habe die Kanzler<strong>in</strong> e<strong>in</strong>mal auf<br />
se<strong>in</strong>er Dachterrasse gepflückt und aufgefordert,<br />
bei Gelegenheit den Rest zu entfernen.<br />
Im Gespräch beschreibt Jörges die<br />
Erwartungen, die zurzeit an die Kanzler<strong>in</strong><br />
gerichtet werden. Sie habe <strong>in</strong> der Debatte<br />
um die Erweiterung des Euro-Rettungsschirms<br />
gar nicht gesprochen, die Leute<br />
warteten jedoch auf e<strong>in</strong>e Grundsatzrede<br />
der Kanzler<strong>in</strong>. An vorgezogene Neuwahlen<br />
glaubt er allerd<strong>in</strong>gs nicht.<br />
„S<strong>in</strong>nkrise“ der FDP<br />
Dennoch spricht Jörges von e<strong>in</strong>er<br />
„S<strong>in</strong>nkrise“ der FDP, die die Folgen der<br />
F<strong>in</strong>anzkrise nicht verarbeitet hätte. In se<strong>in</strong>e<br />
Kritik schließt er auch Außenm<strong>in</strong>ister<br />
Guido Westerwelle e<strong>in</strong>, der zur Krise <strong>in</strong><br />
Europa nichts sage. „Deutschland wird als<br />
266<br />
unitas 4/2011<br />
starkes Land und Kern der EU und der Euro-<br />
Zone wahrgenommen“, me<strong>in</strong>t Jörges dennoch.<br />
Berlusconi bef<strong>in</strong>de sich <strong>in</strong> Italien<br />
irgendwo zwischen Bordell und Mafia,<br />
Sarkozy bereite sich <strong>in</strong> Frankreich auf se<strong>in</strong>e<br />
Niederlage bei den Wahlen im kommenden<br />
Frühjahr vor, Großbritannien und die USA<br />
seien am Euro nicht <strong>in</strong>teressiert.<br />
Der Aufschwung der Piratenpartei<br />
könnte nach Me<strong>in</strong>ung des erfahrenen<br />
Journalisten sogar für die Union nützlich<br />
se<strong>in</strong>, da die Piraten eher e<strong>in</strong>e Gefahr für Rot-<br />
Grün darstellten, vor allem aber e<strong>in</strong>e<br />
Bedrohung für die L<strong>in</strong>kspartei, wie die Wahl<br />
zum Berl<strong>in</strong>er Abgeordnetenhaus gezeigt<br />
habe. E<strong>in</strong>e Stärke der Piratenpartei sieht der<br />
Journalist dar<strong>in</strong>, dass sie das Internet als<br />
Instrument der Me<strong>in</strong>ungsbildung nutzt.<br />
Für die Vertreter der AGV bot das<br />
Abschlussgespräch mit Jörges e<strong>in</strong>e gute<br />
Möglichkeit, aus e<strong>in</strong>er anderen Perspektive<br />
auf die politische Lage <strong>in</strong> Deutschland zu<br />
blicken, da e<strong>in</strong> Journalist noch viel freier<br />
über die Arbeit der Politik sprechen könne<br />
als e<strong>in</strong> Politiker, so der stellvertretende AGV-<br />
Vorsitzende Claus Broekmans (UV). „Mit<br />
hochkarätigen Gesprächspartnern hatten<br />
wir viele gute Gelegenheiten, über Themen,<br />
die die junge Generation bewegen, zu<br />
diskutieren“, zieht der Vorsitzende der<br />
Arbeitsgeme<strong>in</strong>schaft, Bernd Schulte (KV),<br />
nach den drei Tagen <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong> Bilanz.<br />
Besonders freue es die AGV natürlich,<br />
wenn Politiker die Ideen aus den Thesenpapieren<br />
der Arbeitsgeme<strong>in</strong>schaft aufnehmen.<br />
„Das zeigt, dass die katholischen Studenten<br />
durch gute <strong>in</strong>haltliche Arbeit auch <strong>in</strong><br />
Berl<strong>in</strong> wahrgenommen werden“, so Schulte.<br />
Außerdem hätten die Gespräche mit Volker<br />
Kauder, Josef W<strong>in</strong>kler oder Hermann Kues<br />
gezeigt, dass es exponierte Politiker gibt, die<br />
aus ihrem festen christlichen Glauben politisch<br />
handeln. „Das bestärkt uns <strong>in</strong> unseren<br />
Bemühungen“, erklärt Schulte.<br />
Neben den <strong>in</strong>haltlichen Diskussionen<br />
ist auch der Austausch zwischen den<br />
Vororten der e<strong>in</strong>zelnen Verbände hervorzuheben.<br />
Die Gespräche mit Multiplikatoren<br />
aus Politik und Medien sowie der Kontakt<br />
untere<strong>in</strong>ander haben neue Impulse für die<br />
Arbeit <strong>in</strong>nerhalb der AGV und <strong>in</strong> den<br />
Verbänden gegeben.<br />
Schließlich kam es doch noch zu e<strong>in</strong>er Begegnung mit Umweltm<strong>in</strong>ister Dr. Norbert Röttgen am<br />
Rande des Michaelsempfangs der Deutschen Bischofskonferenz
Den Aufbruch wagen: Welche Lehren können wir heute<br />
aus der Entstehung der ersten christlichen Geme<strong>in</strong>den ziehen?<br />
E<strong>in</strong> Bericht von der diesjährigen HDB-/AHB-Tagung<br />
VON BBR. DR.DR. THOMAS LOHMANN<br />
In Anlehnung an das Leitwort des<br />
nächsten Katholikentags, der 2012 <strong>in</strong><br />
Mannheim stattf<strong>in</strong>det, trafen sich<br />
vom 23. bis 25. September 2011 <strong>in</strong><br />
Mannheim rund 30 Hohe Damen und<br />
Alte Herren zur diesjährigen Hohe-<br />
Damen- und Altherrenbundstagung<br />
des <strong>Unitas</strong>-Verbandes <strong>in</strong> Verb<strong>in</strong>dung<br />
mit dem 80. Stiftungsfest der UNITAS<br />
Rheno-Palatia Mannheim.<br />
Teilnehmer beim AHB-/HDB-Tag 2011 stellten sich <strong>in</strong> Mannheim zum Gruppenbild.<br />
Sie stellten sich der Herausforderung,<br />
als Unitarier ihren Beitrag zu e<strong>in</strong>er die<br />
Menschen erreichenden und <strong>in</strong> ihrem<br />
Handeln überzeugenden Kirche <strong>in</strong> unserem<br />
Land zu leisten. Ausgehend vom Beg<strong>in</strong>n der<br />
Apostelgeschichte, als sich die ersten<br />
Christen aus Angst h<strong>in</strong>ter verschlossenen<br />
Türen versammelt haben, wollten sie sich<br />
auf die Ursprünge unserer Kirche bes<strong>in</strong>nen<br />
und sich ihres Auftrags als Christen <strong>in</strong> Kirche<br />
und Gesellschaft neu bewusst werden.<br />
Die Referent<strong>in</strong> der Hohe-Damen- und<br />
Altherrenbundstagung, Kristell Köhler, (Bild<br />
rechts) war bis 2010 wissenschaftliche Assistent<strong>in</strong><br />
am neutestamentlichen Sem<strong>in</strong>ar<br />
von Prof. Dr. Rudolf Hoppe an der Universität<br />
Bonn und arbeitet seit Oktober 2010 <strong>in</strong><br />
der Erzdiözese Köln als Beauftragte für<br />
Jugendpastoral <strong>in</strong> Köln und im Rhe<strong>in</strong>-Erft-<br />
Kreis. Aus ihrer früheren und ihrer jetzigen<br />
Tätigkeit ergaben sich zwei mite<strong>in</strong>ander <strong>in</strong><br />
Verb<strong>in</strong>dung stehende Vorträge, die durch<br />
angeregte Diskussionsrunden abgeschlossen<br />
wurden.<br />
„Nächster Halt: Rom! –<br />
Oder: Wie das Evangelium zu<br />
den Menschen kam.“<br />
In ihrem ersten Vortrag startete Frau<br />
Köhler mit dem Ende des Apostels Paulus <strong>in</strong><br />
Rom und zeigte zuerst die Perspektive der<br />
dritten Generation nach dem Leben und<br />
Sterben Jesu Christi auf. 50 bis 60 Jahre<br />
nach Jesu Leiden und Auferstehung stellte<br />
man nämlich fest, dass die Botschaft Jesu<br />
und der Apostel schwammig und teilweise<br />
verfälscht wurde.<br />
Der Evangelist Lukas war ke<strong>in</strong> Augenzeuge,<br />
setzte sich aber, wie er zu Beg<strong>in</strong>n der<br />
Apostelgeschichte formuliert hatte, das<br />
Ziel, allem von Grund auf sorgfältig nachzugehen<br />
und die Leser von der Zuverlässigkeit >><br />
unitas 4/2011 267
268<br />
Aufmerksame Zuhörer beim Vortrag von Kristell Köhler, Beauftragte für Jugendpastoral <strong>in</strong> Köln und im Rhe<strong>in</strong>-Erft-Kreis <strong>in</strong> der Erzdiözese Köln.<br />
der Lehre zu überzeugen (vgl. Lk 1,1-4). Er<br />
und die anderen Evangelisten hatten unterschiedliche<br />
Adressaten im Blick: Stadt- und<br />
Landbevölkerung, unterschiedliche Bildungsgruppen,<br />
Arme und Reiche sowie<br />
Juden- und Heidenchristen. Frau Köhler<br />
stellte heraus, wie wichtig <strong>in</strong>sbesondere<br />
das Zeugnis des Apostels Petrus war. Dieser<br />
genoss das besondere Vertrauen Jesu, musste<br />
aber immer wieder um den Willen<br />
Gottes r<strong>in</strong>gen und lernen, se<strong>in</strong>en eigenen<br />
Willen zurückzustellen. Beim geme<strong>in</strong>samen<br />
Suchen der Apostel und Ältesten im<br />
Konflikt um Juden- und Heidenchristen<br />
wies Petrus darauf h<strong>in</strong>, dass Gott schon<br />
längst die Entscheidung getroffen hat, dass<br />
die Heiden durch Petrus, Paulus und<br />
Barnabas das Wort des Evangeliums hören<br />
und zum Glauben gelangen sollen (vgl. Apg<br />
15, 6-7).<br />
Die Frage, wie die Frohe Botschaft überhaupt<br />
zur 3. Generation kam, stellte Kristell<br />
Köhler im zweiten Teil vor und machte dies<br />
sehr anschaulich an vier Begriffen klar:<br />
bekanntmachen, bezeugen, begeistern und<br />
begleiten – was sie mit zahlreichen Bibelstellen<br />
belegte. Nach Mk 6,6-7, 12-13 sandte<br />
Jesus die Apostel zu zweit aus, um die<br />
Menschen zur Umkehr aufzurufen. Die<br />
Referent<strong>in</strong> verwies auf ihre aktuelle Stelle<br />
im Erzbistum Köln, wo Priester und Jugendseelsorger<br />
mite<strong>in</strong>ander auf die Jugendlichen<br />
zugehen. Hier und <strong>in</strong> der anschließenden<br />
Diskussion wurde besonders herausgestellt,<br />
wie wichtig Dialog und<br />
Mite<strong>in</strong>ander gerade <strong>in</strong> der heutigen Zeit<br />
s<strong>in</strong>d. Außerdem gilt auch heute noch die<br />
Ermutigung „Seid stets bereit, jedem Rede<br />
unitas 4/2011<br />
Mannheim erkunden und Geme<strong>in</strong>schaft pflegen: Die gute Stimmung freute auch die Organisatoren wie Bbr. Andreas Grossmann.<br />
und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung<br />
fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).<br />
Zuletzt kam Frau Köhler auf den Ursprung<br />
der christlichen Botschaft zu sprechen.<br />
Das Evangelium kommt zu den<br />
Menschen, <strong>in</strong>dem es lebendiges Wort wird<br />
<strong>in</strong> Jesus Christus. Dies äußert sich <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er<br />
Treue, se<strong>in</strong>er Vergebung, se<strong>in</strong>er H<strong>in</strong>gabe<br />
und se<strong>in</strong>er Geme<strong>in</strong>schaft: „Ich nenne euch<br />
nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß<br />
nicht, was se<strong>in</strong> Herr tut. Vielmehr habe ich<br />
euch Freunde genannt; denn ich habe euch<br />
alles mitgeteilt, was ich von me<strong>in</strong>em Vater<br />
gehört habe“ (Joh 15,15). Entscheidend aber<br />
ist, dass Jesus Christus das Leben schenkt,<br />
wie Frau Köhler am Beispiel des Jüngl<strong>in</strong>g<br />
von Na<strong>in</strong> (Lk 7,13-17) veranschaulicht hat: er<br />
schenkt das Leben <strong>in</strong> Fülle und nicht nur zur<br />
Heilung. So kam sie zum abschließenden<br />
Fazit: Erleben und Empfangen als Voraussetzung<br />
für die Weitergabe des Evangeliums.<br />
„Das Reich Gottes ist mitten<br />
unter euch! – Nur Gerede oder<br />
Wirklichkeit?“<br />
In ihrem zweiten Vortrag startete Frau<br />
Köhler mit e<strong>in</strong>er Zustandsbeschreibung,<br />
wie die Generation des 21. Jahrhunderts die<br />
Kirche heute vorf<strong>in</strong>den kann: leere Kirchen<br />
oder Kirchen ohne Geme<strong>in</strong>de, Liturgie ohne<br />
Ausstrahlung, überforderte Fachkräfte, weg<br />
brechende Basis, Skandale und Streitigkeiten.<br />
Besonders anschaulich war das Bild<br />
das sie zeigte: der Kirchturm der St.<br />
Johannes Geme<strong>in</strong>de, <strong>in</strong> der sich heute ihre<br />
Wirkungsstätte CRUX bef<strong>in</strong>det, war aufgrund<br />
des Kölner U-Bahnbaus bereits vor<br />
dem E<strong>in</strong>sturz des Kölner Stadtarchivs massiv<br />
e<strong>in</strong>sturzgefährdet. H<strong>in</strong>zu kam, dass die<br />
Geme<strong>in</strong>de die bis auf das Jahr 953 zurückreichende<br />
Kirche zu Gunsten der Mutterpfarrei<br />
St. Sever<strong>in</strong> aufgegeben hatte. Mehr<br />
als 1.000 Jahre gelebtes Christentum standen<br />
vor dem Aus.<br />
Nach dem Weltjugendtag 2005 <strong>in</strong> Köln<br />
stellte man aber fest, dass die Jugend<br />
Räume braucht, um die Impulse dauerhaft<br />
zu festigen: Räume der Beziehung zu Gott<br />
und dem Mitmenschen, Räume, <strong>in</strong> denen<br />
Glauben und Leben <strong>in</strong>s Gespräch gebracht<br />
werden können, Räume der Begegnung<br />
zwischen Kirche und der Lebenswelt der<br />
Jugendlichen und jungen Erwachsenen.<br />
Daraus entwickelte sich das CRUX-Konzept:<br />
zuerst Räume eröffnen, da <strong>in</strong> vielen Geme<strong>in</strong>den<br />
Jugendliche heute ke<strong>in</strong>e Schlüssel<br />
mehr für Jugendveranstaltungen bekommen;<br />
zweitens Geme<strong>in</strong>schaft leben, wobei<br />
Frau Köhler dies durch das „Philipp-Lahm-<br />
Pr<strong>in</strong>zip“ veranschaulichte: jedes CRUX-<br />
Mitglied geht auf neue Besucher „drauf“,<br />
um <strong>in</strong>s Gespräch zu kommen; drittens<br />
Heimat schaffen: im CRUX soll man sich<br />
aufgrund der engen räumlichen Verb<strong>in</strong>dung<br />
von Kirchenraum und Café als Haus-
genosse Gottes empf<strong>in</strong>den; viertens Offenheit<br />
zeigen.<br />
Mittlerweise besteht das CRUX-Team<br />
aus zahlreichen Personen: Stadtjugendseelsorger,<br />
Diener<strong>in</strong>nen des Evangeliums,<br />
Beauftragte für Jugendpastoral, Referenten<br />
der Kath. Fachstelle, Mitarbeiter des Cafés,<br />
Ehrenamtliche aus den Pfarreien und BDKJ-<br />
Verbänden, FSJ-ler und Praktikanten. Ausgehend<br />
von regelmäßigen Sonntagabendgottesdiensten<br />
und der Erkenntnis, dass<br />
man Bibelgespräche nicht nur auf Taize-<br />
Wallfahrten machen kann, gibt es zahlreiche<br />
religiöse Feiern: Frühschicht, Patroz<strong>in</strong>ium,<br />
Mai-Wallfahrt, Themenabende wie<br />
z. B. zur Ehepastoral mit dem Offizial der<br />
Erzdiözese Köln und ungewöhnliche Aktionen<br />
wie „Blamieren und Kassieren“, bei<br />
denen junge Erwachsene als heilige drei<br />
Könige verkleidet <strong>in</strong> Kneipen der Kölner<br />
Südstadt für die Sterns<strong>in</strong>ger-Aktion Geld<br />
sammeln oder „der Weihnachtsmann ist<br />
abgeschafft, der Nikolaus ist angesagt“, bei<br />
der sich junge Männer als Nikolaus ausbilden<br />
lassen können. Frau Köhler wies darauf<br />
h<strong>in</strong>, wie wichtig nicht nur der geme<strong>in</strong>same<br />
Spaß, sondern auch das geme<strong>in</strong>same Unterwegsse<strong>in</strong><br />
und das Lernen,Verantwortung zu<br />
üben, für die jungen Menschen ist.<br />
So wurde das CRUX zum Teil e<strong>in</strong>er<br />
Marke: Besucher f<strong>in</strong>den Gesprächspartner<br />
und können Kirche anders erleben und<br />
gestalten als <strong>in</strong> herkömmlichen Geme<strong>in</strong>den.<br />
Das Publikum besteht aus Suchenden,<br />
Mitgliedern von Geme<strong>in</strong>den ohne Jugendarbeit<br />
bis h<strong>in</strong> zu aktiven Gruppenleitern.<br />
Dabei sieht sich das CRUX als Ergänzung<br />
kirchlicher Angebote und nicht als Alternative.<br />
Getreu dem Motto „Glaube darf<br />
nicht uncool se<strong>in</strong>“ kann man Leute e<strong>in</strong>laden,<br />
wobei der gleiche Gottesdienst wie <strong>in</strong> anderen<br />
Geme<strong>in</strong>den gefeiert wird und es sich um<br />
ke<strong>in</strong>e Steigerung von Events handelt. Bewusst<br />
wird die Liturgie der Kirche gefeiert,<br />
aber ca. 100 Teilnehmer bleiben nach der<br />
Heiligen Messe im angeschlossenen Café<br />
und gehen nicht sofort nach Hause. Teilweise<br />
beg<strong>in</strong>nt die Sonntagsgestaltung mit<br />
e<strong>in</strong>em geme<strong>in</strong>samen Mittagessen und<br />
geme<strong>in</strong>samen Fußball-Gucken, bevor die<br />
Abendmesse beg<strong>in</strong>nt. So ist der Sonntag,<br />
der <strong>in</strong> vielen Familien nicht mehr geme<strong>in</strong>sam<br />
gefeiert wird, <strong>in</strong>sbesondere für die<br />
H<strong>in</strong>zugezogenen ke<strong>in</strong> leerer Tag mehr.<br />
Kristell Köhler verschwieg nicht, dass es<br />
natürlich auch Probleme gegeben habe<br />
und dass das CRUX ke<strong>in</strong> Patentrezept liefert.<br />
Nichts desto trotz stellte sie vier<br />
Thesen auf:<br />
1. Wir brauchen authentische Zeugen,<br />
2. Wir müssen immer neu nach Wegen<br />
der Verkündigung suchen.<br />
3. Wir können nicht mehr auf die Menschen<br />
warten, wir müssen zu den Menschen<br />
gehen.<br />
4. Geme<strong>in</strong>de bildet sich durch Geme<strong>in</strong>schaft!<br />
Ausgehend vom Anfang ihres ersten<br />
Vortrags über das Ende des Apostels Paulus<br />
kam sie zu dem Schluss, dass wir alle<br />
Nachfolger des Apostels Paulus s<strong>in</strong>d, d. h. es<br />
ist unsere Aufgabe das Evangelium trotz<br />
aller Bedrängnisse etc. zu verkündigen –<br />
durch unser Leben!<br />
Lang anhaltender Beifall belohnte ihre<br />
äußerst kompetenten und engagierten Vorträge,<br />
und beim anschließenden Mittagessen<br />
diskutierte Kristell Köhler weiter mit<br />
den Teilnehmern, <strong>in</strong>sbesondere dem anwesenden<br />
Vorort <strong>Unitas</strong> Marburg.<br />
„Auferstanden aus Ru<strong>in</strong>en:<br />
Führung durch die Jesuitenkirche<br />
und die Schlosskirche“<br />
Nachdem der Vorortspräsident, Bbr.<br />
Kilian Schmiz, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er kurzen Verbands-<br />
sitzung die Pläne des Marburger Vororts<br />
erläutert hatte, erwartete die Tagungsteilnehmer<br />
der altkatholische Geistliche der<br />
Mannheimer Schlosskirche, um diese und<br />
vorher die katholische Jesuitenkirche zu<br />
erläutern. Zunächst beschrieb er die Unterschiede<br />
beider Kirchen: die Schlosskirche als<br />
Teil des neu gebauten Mannheimer Schlosses<br />
mit der Grablege des Kurfürsten, die mit<br />
dem Wechsel des Landesherrn nach dem<br />
Wiener Kongress erst protestantisch und<br />
dann altkatholisch wurde, und die katholische<br />
Kirche der Jesuiten mit angeschlossenem<br />
Kolleg, das wie beide Kirchen im<br />
Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, aber im<br />
Gegensatz zu diesen nach dem Krieg nicht<br />
mehr aufgebaut wurde.<br />
Sehr anschaulich schilderte er die Entstehung<br />
der Kirchen, die Zerstörung durch<br />
Bomben und den Wiederaufbau fast bis <strong>in</strong><br />
unsere Zeit. Besonders e<strong>in</strong>prägend war<br />
se<strong>in</strong>e Schilderung der Zerstörung des<br />
Hochaltars der Jesuitenkirche durch e<strong>in</strong>e<br />
e<strong>in</strong>zelne Bombe mitten durch die bereits<br />
vorher zerstörte Kuppel, bei der der Mesner<br />
und e<strong>in</strong>e Nonne zu Tode kamen, wobei der<br />
Mesner vorher noch die Kirchenschätze verstecken<br />
und somit retten konnte. E<strong>in</strong>prägsam<br />
beschrieb er auch die Plünderung der<br />
Grablege des Kurfürsten und se<strong>in</strong>er Gemahl<strong>in</strong><br />
„zur l<strong>in</strong>ken Hand“ (d. h. nicht offiziell):<br />
während die Gemahl<strong>in</strong> ihrer Geschmeide<br />
beraubt wurde, war der Leichnam<br />
des Kurfürsten so gut erhalten, dass<br />
die Räuber Reißaus nahmen, ohne ihn zu<br />
berauben.<br />
„80 Jahre oder vielleicht<br />
doch schon 99 Jahre <strong>Unitas</strong><br />
Mannheim?“<br />
Am Abend fand der besonders von den<br />
Mannheimer Bundesbrüdern heiß ersehnte<br />
Festkommers zum 80. Stiftungsfest der<br />
UNITAS Rheno-Palatia Mannheim statt. Bbr. >><br />
Führung <strong>in</strong> der Mannheimer Jesuitenkirche St. Ignatius und Franz Xaver, Sitz des Dekans des katholischen Stadtdekanats Mannheim, zwischen 1738 und<br />
1760 mit angeschlossenem Kolleg erbaut. Sie gilt als bedeutendste Barockkirche Südwestdeutschlands.<br />
unitas 4/2011 269
Alexander Tils schlug e<strong>in</strong>en formvollendeten<br />
und sehr gut durchorganisierten<br />
Kommers. Der Festredner Dipl.-Theol. Manfred<br />
K. Böhm sprach zum Thema „Christenverfolgung<br />
heute“ und wies darauf<br />
h<strong>in</strong>, dass der Heilige Vater, Papst<br />
Benedikt XVI., am 1. Januar dieses<br />
Jahres festgestellt hat, dass die<br />
Christen gegenwärtig die Religionsgruppe<br />
s<strong>in</strong>d, welche die meisten<br />
Verfolgungen aufgrund ihres<br />
Glaubens erleidet.<br />
Im weiteren Verlauf se<strong>in</strong>es<br />
Vortrags setzte sich Herr Böhm mit<br />
den Lebensumständen von Christen<br />
<strong>in</strong> islamischen Ländern, aber<br />
auch mit denen von Muslimen <strong>in</strong><br />
Deutschland ause<strong>in</strong>ander. Sehr kritisch<br />
g<strong>in</strong>g er auf islamische Gesellschaftspolitik<br />
und das islamische<br />
Kriegsrecht e<strong>in</strong>. (S. Seite 272)<br />
Bei den anschließenden Grußworten<br />
sorgte der Vorsitzende des<br />
Altherrenbunds, Bbr. Dr. Dr. Thomas<br />
Lohmann, für Verwirrung und<br />
Erheiterung, als er darauf h<strong>in</strong>wies,<br />
dass im ersten Gesamtverzeichnis<br />
der <strong>Unitas</strong> nach dem zweiten<br />
Weltkrieg aus dem Jahr 1950 das<br />
Gründungsdatum der <strong>Unitas</strong><br />
Mannheim mit 1. Dezember 1912<br />
angegeben ist, was die Mannheimer<br />
Bundesbrüder <strong>in</strong> kurzzeitige<br />
Verwirrung stürzte, aber wohl<br />
e<strong>in</strong> Druckfehler ist.<br />
270<br />
unitas 4/2011<br />
„Nicht alle Unitarier waren<br />
beim Papst <strong>in</strong> Freiburg oder auf<br />
der heimischen Couch“<br />
Die UNITAS Mannheim feierte runde 80 – oder mehr? Fröhliche Corona<br />
oben, der Vorort aus Marburg und das Präsidium unten<br />
„Den Aufbruch wagen“<br />
„Den Aufbruch wagen – Welche Lehren<br />
können wir heute aus der Entstehung der<br />
ersten christlichen Geme<strong>in</strong>den ziehen.“<br />
Unter diesem Motto haben wir die letzten<br />
Tage hier <strong>in</strong> Mannheim verbracht, gestern<br />
von Frau Köhler <strong>in</strong>teressante Referate<br />
gehört. Gleichzeitig endet heute mit dem<br />
Abschlussgottesdienst <strong>in</strong> Freiburg der<br />
Besuch des Papstes <strong>in</strong> Deutschland, der ja<br />
auch so etwas wie e<strong>in</strong> Aufbruchsignal für<br />
unsere katholische Kirche <strong>in</strong> unserem Land<br />
se<strong>in</strong> soll!<br />
Durch die Liturgie des heutigen Sonntags<br />
bekommen wir dazu ebenfalls etwas<br />
„geschenkt“! Wir hören als Lesung e<strong>in</strong> Stück<br />
aus dem Philipperbrief. Der Philipperbrief<br />
erlaubt uns e<strong>in</strong>en Blick auf e<strong>in</strong>e christliche<br />
Geme<strong>in</strong>de <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er dem Christentum noch<br />
fremden Gesellschaft!<br />
Im Verlauf se<strong>in</strong>er zweiten Missionsreise<br />
kam Paulus um das Jahr 50 nach Philippi,<br />
das <strong>in</strong> Ost-Mazedonien liegt. Hier gründet<br />
Paulus die erste christliche Geme<strong>in</strong>de auf<br />
europäischem Boden (vgl. Apg 16,11-15).<br />
Diese Geme<strong>in</strong>de wuchs ihm besonders<br />
ans Herz und er blieb ihr immer tief<br />
verbunden. Paulus wurde von ihr mehrfach<br />
unterstützt, und nur von dieser<br />
Geme<strong>in</strong>de ließ er sich auch f<strong>in</strong>anziell<br />
helfen. Den Brief an die Philipper schrieb<br />
Paulus als Gefangener, wahrsche<strong>in</strong>lich <strong>in</strong><br />
Ephesus um das Jahr 55. Paulus antwortet<br />
auf den Wunsch der Christen <strong>in</strong> Philippi,<br />
von ihm Näheres über se<strong>in</strong> Schicksal zu<br />
erfahren.<br />
Die besondere, freundschaftliche Verbundenheit<br />
zwischen Paulus und der Geme<strong>in</strong>de<br />
<strong>in</strong> Philippi fällt gleich zu Beg<strong>in</strong>n<br />
Am Sonntag musste das Programm aufgrund<br />
des Besuchs des Heiligen Vaters kurzfristig<br />
umgestellt werden, da die Nonnen<br />
des Ursul<strong>in</strong>enklosters <strong>in</strong> Mannheim alle an<br />
der Heiligen Messe <strong>in</strong> Freiburg<br />
teilnahmen. Obwohl<br />
sich auch der Vorort bereits<br />
um vier Uhr morgens nach<br />
Freiburg aufmachte, fand<br />
sich doch e<strong>in</strong>e sehr stattliche<br />
Anzahl von Mannheimer<br />
Bundesbrüdern mit ihren<br />
Angehörigen zur Heiligen<br />
Messe im He<strong>in</strong>rich-Pesch-<br />
Haus <strong>in</strong> Ludwigshafen e<strong>in</strong>.<br />
In se<strong>in</strong>er Predigt g<strong>in</strong>g der<br />
stellvertretende Vorsitzende<br />
des Altherrenbunds, Bbr.<br />
Pfarrer Ralf L<strong>in</strong>nartz, noch<br />
e<strong>in</strong>mal auf das Thema der<br />
Hohe-Damen-/Altherrenbundstagung<br />
e<strong>in</strong>. Der anschließende<br />
zweite Teil der<br />
Verbandssitzung galt der<br />
Diskussion über Themen für<br />
zukünftige Veranstaltungen<br />
und alle Teilnehmer der<br />
Tagung bedankten sich ganz<br />
herzlich bei den lokalen<br />
Organisatoren Bbr. Andreas<br />
Grossmann, Vorsitzender<br />
des AHV <strong>Unitas</strong> Mannheim,<br />
und Bbr. Joachim Porten für<br />
die perfekte und äußerst<br />
gelungene Veranstaltung.<br />
PREDIGT VON BBR. RALF LINNARTZ BEIM AHB-/HDB-TAG IN MANNHEIM<br />
des Briefes auf. Da schreibt Paulus: „Immer<br />
wenn ich an euch denke, kann ich me<strong>in</strong>em<br />
Gott für euch nur danken. Und allezeit<br />
schließe ich euch <strong>in</strong> me<strong>in</strong>e Fürbitten e<strong>in</strong>.<br />
Große Freude erfüllt mich, wenn ich daran<br />
denke, wie ihr vom ersten Tage an bis jetzt<br />
dem Evangelium treu verbunden seid. Ich<br />
glaube ganz fest, dass Gott, der <strong>in</strong> euch den<br />
guten Anfang gemacht hat, alles zu e<strong>in</strong>em<br />
guten Ende führen wird an dem Tag, an<br />
dem Jesus Christus wiederkommt. Natürlich<br />
b<strong>in</strong> ich mit allen me<strong>in</strong>en Gedanken bei<br />
euch und habe e<strong>in</strong>e so hohe Me<strong>in</strong>ung von<br />
euch, weil ihr <strong>in</strong> me<strong>in</strong>em Herzen seid.“<br />
(Phil 1,3-7)<br />
Und etwas weiter heißt es: „Gott ist<br />
me<strong>in</strong> Zeuge, wie ich mich nach euch allen<br />
sehne von ganzem Herzen <strong>in</strong> Christus Jesus.<br />
Und ich bete darum, dass eure Liebe immer
noch reicher werde an gegenseitigem Verstehen<br />
und E<strong>in</strong>fühlungsvermögen.“ (1,8f)<br />
Das persönliche<br />
Wohlwollen zue<strong>in</strong>ander<br />
Das Erste, was wir als Geme<strong>in</strong>de von<br />
Christen an diesem Beispiel neu lernen können:<br />
Es wird heute immer mehr <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er<br />
christlichen Geme<strong>in</strong>de auf e<strong>in</strong> persönliches,<br />
freundschaftliches, von Wohlwollen, ja von<br />
Herzlichkeit geprägtes Verhältnis untere<strong>in</strong>ander<br />
ankommen („Liebet e<strong>in</strong>ander, wie ich<br />
euch geliebt habe!“).<br />
Das ist geradezu e<strong>in</strong> „Kontrastprogramm“<br />
zu unserer von Leistungen, von<br />
Erfolg, und damit auch von Konkurrenz und<br />
Rivalität geprägten, unpersönlicher und<br />
anonymer werdenden Gesellschaft. In solch<br />
e<strong>in</strong>er Gesellschaft, <strong>in</strong> der der e<strong>in</strong>zelne<br />
Mensch <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en bleibenden und neuen<br />
Nöten und Leiden weith<strong>in</strong> vergessen wird,<br />
und <strong>in</strong> der der zurück bleibende und schwache<br />
Mensch unterzugehen droht, wird die<br />
persönliche, wohlwollende, hilfreiche und<br />
liebevolle Beziehung zum E<strong>in</strong>zelnen immer<br />
wichtiger. Und gerade dar<strong>in</strong> müsste und<br />
könnte die Kraft der Christen, die Stärke der<br />
Geme<strong>in</strong>schaft von Christen, die Kraft der<br />
christlichen Geme<strong>in</strong>de liegen.<br />
Die UNITAS als Verband, die Aktivitates<br />
und Altherren-/Hohe Damen-Vere<strong>in</strong>e und<br />
Zirkel der UNITAS s<strong>in</strong>d <strong>in</strong> diesem S<strong>in</strong>ne<br />
„Geme<strong>in</strong>den“ und als solche „Biotope des<br />
Glaubens“, wie unser ehemaliger AHB-<br />
Vorsitzender He<strong>in</strong>rich Sudmann immer zu<br />
sagen pflegte!<br />
Man soll die Anfänge nicht romantisieren:<br />
In den ersten christlichen Geme<strong>in</strong>den<br />
gab es viele Konflikte und harte Ause<strong>in</strong>andersetzungen.<br />
Die Briefe des Apostels Pau-<br />
lus und die Apostelgeschichte<br />
geben auch davon Zeugnis! Umso<br />
mehr ließen sich aber die<br />
Christen auf den alles entscheidenden<br />
Grund ihres Dase<strong>in</strong>s h<strong>in</strong>weisen<br />
und festlegen, auf ihre<br />
E<strong>in</strong>heit <strong>in</strong> der Liebe.<br />
Bemerkenswert ist, dass die<br />
damalige Umwelt auf die<br />
Christen aufmerksam wurde<br />
nicht wegen ihrer Streitigkeiten,<br />
sondern wegen ihres verständnisvollen,<br />
helfenden und gütigen<br />
Umgehens mite<strong>in</strong>ander: „Seht,<br />
wie sie e<strong>in</strong>ander lieben.“ Dieses<br />
war sichtbar, spürbar, im Umgang<br />
untere<strong>in</strong>ander (im B<strong>in</strong>nenraum),<br />
an der tatkräftigen Hilfe füre<strong>in</strong>ander.<br />
Das bezog sich aber nicht<br />
nur auf den „B<strong>in</strong>nenraum“. Die<br />
tatkräftige Hilfe wurde auch<br />
anderen zuteil. Die Haltung des<br />
„e<strong>in</strong>ander lieben“ wurde für Viele<br />
zum „Markenzeichen“ der<br />
Christen. Und gerade dar<strong>in</strong> entfaltete<br />
sich ihre missionarische<br />
Dynamik.<br />
Hl. Messe im He<strong>in</strong>rich-Pesch-Haus <strong>in</strong> Ludwigshafen mit Bbr. Pfr. Ralf L<strong>in</strong>nartz,<br />
stv. Vorsitzender des AHB (oben rechts)<br />
Es geht nicht darum, „auf hohem<br />
Niveau“ über unsere Gesellschaft zu klagen.<br />
Es geht vielmehr darum, die bedrohlichen,<br />
destruktiven, Leben zerstörenden<br />
Merkmale und Kräfte <strong>in</strong> unserer Gesellschaft<br />
und <strong>in</strong> jedem E<strong>in</strong>zelnen von uns, zu<br />
erkennen und umzuwandeln durch die<br />
Liebe Gottes! Die das Leben bejahenden,<br />
schützenden, unterstützenden und entfaltenden<br />
Kräfte dürfen durch uns Hand und<br />
Fuß bekommen.<br />
Paulus sehnt sich nach allen <strong>in</strong> der<br />
Geme<strong>in</strong>de von Philippi mit der herzlichen<br />
Liebe, die Jesus Christus zu allen und jedem<br />
E<strong>in</strong>zelnen hat. Und damit ist das Zweite<br />
angesprochen, das gerade heute uns<br />
Christen wieder bewusst und bei uns wirksam<br />
werden muss:<br />
Unsere Liebe zue<strong>in</strong>ander ist trotz aller<br />
Verschiedenheit nur möglich, weil sie von<br />
der Liebe Gottes <strong>in</strong> Jesus Christus getragen<br />
ist. Jeder Getaufte, jede christliche Generation<br />
ist e<strong>in</strong>geladen, ermuntert und aufgefordert,<br />
dieses Geschenk der Beziehung<br />
zu Gott <strong>in</strong> Jesus Christus zu entdecken,<br />
für sich fruchtbar zu machen und daraus<br />
zu leben.<br />
Der christliche Glaube ist e<strong>in</strong> Beziehungsgeschehen,<br />
ansonsten verkommt er<br />
zur Ideologie, vertrocknet er. Und wie <strong>in</strong><br />
jeder richtigen Beziehung muss ich mir Zeit<br />
nehmen für diese Beziehung, muss ich im<br />
Gespräch bleiben mit dem Partner me<strong>in</strong>es<br />
Lebens.<br />
In den hektischen Zeiten heute ist das<br />
wahrsche<strong>in</strong>lich schwieriger geworden als<br />
früher. Da tut es gut, Geme<strong>in</strong>de zu haben,<br />
Geme<strong>in</strong>schaften, die das absichern, die das<br />
<strong>in</strong> e<strong>in</strong>e gute Form br<strong>in</strong>gen, die sich gegenseitig<br />
dabei unterstützen und helfen, dazu<br />
aufmuntern: das persönliche und geme<strong>in</strong>schaftliche<br />
Gebet zu fördern. In diesem<br />
Zusammenhang möchte ich auf die Bedeutung<br />
des arbeitsfreien Sonntags und die<br />
Feier des Sonntags mit dem Sonntagsgottesdienst<br />
h<strong>in</strong>weisen!<br />
Glauben bedeutet, immer neu aufzubrechen!<br />
Wir s<strong>in</strong>d e<strong>in</strong>geladen aufzubrechen,<br />
die Liebe Christi zu mir persönlich, zu<br />
e<strong>in</strong>em Jeden neu zu entdecken, neu Beziehung<br />
zu pflegen: Freundschaft mit Christus,<br />
Freundschaft untere<strong>in</strong>ander (<strong>in</strong> der<br />
UNITAS), menschenfreundlich zu leben!<br />
Amen.<br />
unitas 4/2011 271
272<br />
Demonstration gegen Christenverfolgung <strong>in</strong> Indien<br />
Brandaktuell: Christenverfolgung heute<br />
VORTRAG VON DIPL.-THEOL. MANFRED KARL BÖHM BEIM FESTKOMMERS ZUM ALTHERRENBUNDSTAG<br />
Die Verfolgung von Christen ist alles<br />
andere als nur e<strong>in</strong> Thema für Historiker,<br />
auch wenn viele an brüllende Löwen und<br />
lebende Fackeln <strong>in</strong> den Arenen brutalwahns<strong>in</strong>niger<br />
römischer Spätkaiser denken<br />
mögen. Vielleicht auch an den Genozid an<br />
den Armeniern im spätosmanischen Reich<br />
Ende des 19. Jahrhunderts und während des<br />
Ersen Weltkrieges oder an die Opfer des<br />
Nazi-Terrors und Bolschewismus. Doch leider<br />
sei das Wort „Christenverfolgung“ e<strong>in</strong>e<br />
mehr als hochaktuelle Angelegenheit,<br />
äußerte Manfred Karl Böhm beim Festkommers<br />
zum AHB-HDB-Tag.<br />
Die Beschäftigung mit der Frage sei für<br />
Christen e<strong>in</strong>e Pflicht, wenn Mitschwestern<br />
und -brüder mit Leib und Seele wegen ihres<br />
Glaubens verfolgt werden, unterstrich er <strong>in</strong><br />
se<strong>in</strong>er Festrede: „Das lautlose Rufen vom<br />
Rand der Sahara, von Kabul oder dem Golf<br />
von Bengalen ist nicht weit weg“, erklärte<br />
er. Es sei e<strong>in</strong> Schrei nach Respekt, e<strong>in</strong> Flehen<br />
um Achtung der Würde, um Gewissensund<br />
Glaubensfreiheit. „Es geht uns an, weil<br />
<strong>in</strong> den verfolgten Christen Christus selbst<br />
gedemütigt wird“, er<strong>in</strong>nerte er an e<strong>in</strong> Wort<br />
von Erzbischof Fouad Twal, dem Late<strong>in</strong>ischen<br />
Patriarchen von Jerusalem. Christenverfolgung<br />
heute sei e<strong>in</strong> hochpolitisches<br />
und sehr brisantes Thema, das <strong>in</strong> die<br />
Öffentlichkeit gehöre. Es gehe um Vorbeugung<br />
und auch um Verantwortung für<br />
kommende Generationen.<br />
Christenverfolgung heute<br />
Das Reden von „Christenverfolgung“ als<br />
gewesene oder h<strong>in</strong>ter dem „Eisernen Vorhang“<br />
geografisch e<strong>in</strong>gezäunte Geschichte<br />
sei im neuen Jahrtausend überholt. Schon<br />
immer sei die eurozentristisch gesehene<br />
Welt <strong>in</strong> Wirklichkeit von großen „Ungleich-<br />
unitas 4/2011<br />
zeitigkeiten“ geprägt, sagte Böhm mit H<strong>in</strong>weis<br />
auf e<strong>in</strong> <strong>in</strong> den 1960 Jahren durch den<br />
Ludwigshafener Philosophen Ernst Bloch<br />
geprägtes Wort. Auch im Zeitalter der<br />
Globalisierung kenne der unterschiedliche<br />
Fortschritt <strong>in</strong> den Weltgesellschaften unterschiedlichste<br />
Lebensbed<strong>in</strong>gungen und<br />
kulturelle Prägungen, auch ethische und<br />
politische „Ungleichzeitigkeiten“. Tschador<br />
oder Burka <strong>in</strong> Supermärkten seien nicht nur<br />
Ausdruck für Folklore, erklärte Böhm. Es<br />
gehe auch um ideologische Botschaften<br />
und religiöse Bekenntnisse.<br />
Während Christen ihre Erkennbarkeit<br />
oft abhanden gekommen sei, sei etwa der<br />
Islam sehr viel e<strong>in</strong>deutiger <strong>in</strong> se<strong>in</strong>en<br />
Ersche<strong>in</strong>ungsformen. „Der Islam preist von<br />
se<strong>in</strong>en M<strong>in</strong>aretten fünfmal täglich die<br />
Größe und Stärke Allahs (...), und das hören<br />
unsere arabischen Christen alle Tage!“,<br />
zitierte Böhm den aus Alexandria stammenden<br />
ägyptisch-libanesischen Jesuitenpater<br />
Henri Boulad, Rektor des Jesuitenkollegs<br />
<strong>in</strong> Kairo.„Und sie danken, ja, bed<strong>in</strong>gt<br />
ist das wahr! Bed<strong>in</strong>gt, denn es fehlt uns<br />
Gottes Selbstaufgabe im persönlichen<br />
Liebesengagement, se<strong>in</strong> Gott-mit-uns, der<br />
Emmanuel. Den e<strong>in</strong>en die Erfüllung ihrer<br />
Sehnsucht, den anderen re<strong>in</strong>e Blasphemie.<br />
Diese Klippe können wir im Dialog sehr<br />
schwer umschiffen.“ (Henri Boulad: Sturm<br />
und Sonne, Salzburg 2010, S.22)<br />
Zurück bleibe Unsicherheit, wie weit<br />
kritische Äußerungen zum Islam selbst<br />
gehen können. Die Angst vor dem Übertreten<br />
der „political correctness“ und gebotener<br />
Toleranz sei allgegenwärtig: „Wir erleben<br />
den Bau von Moscheen, zum Teil unterstützt<br />
aus dem Kl<strong>in</strong>gelbeutel christlicher<br />
Kirchen. Ke<strong>in</strong>e Schwe<strong>in</strong>ewürstchen im<br />
katholischen K<strong>in</strong>dergarten. Auch der Niko-<br />
lausbesuch ist problematisch geworden. …<br />
Islamischer Religionsunterricht – e<strong>in</strong>ige<br />
Bundesländer haben ihn e<strong>in</strong>geführt. Doch<br />
fragt man sich, was wird denn da unterrichtet?<br />
Wissen wir es?“<br />
Dipl.-Theol.<br />
Manfred Karl Böhm<br />
Jahrgang 1956, Studium der katholischen<br />
Theologie, Philosophie, Politikwissenschaft<br />
und Geschichte <strong>in</strong> Ma<strong>in</strong>z,<br />
Tüb<strong>in</strong>gen, München und Hagen (1976-<br />
1982). Seit 1984 Dozent <strong>in</strong> der Erwachsenenbildung,<br />
Publizist mit<br />
Schwerpunkten Spiritualität, Christlicher<br />
Orient, Regionalia.
In e<strong>in</strong>er pluralistischen Gesellschaft<br />
sei selbstverständlich<br />
die Religionsfreiheit der Muslime<br />
zu respektieren. Doch sei der Blick<br />
auf e<strong>in</strong>e Tatsache zu schärfen:<br />
„Der Jesuit Boulad klärt uns auf:<br />
Das islamische Credo heißt: Alislam<br />
d<strong>in</strong> wa dawla. Islam ist<br />
Religion und Staat“, so Böhm.<br />
Zwar seien Terroranschläge für<br />
die überwiegende Mehrheit der<br />
Mullahs nicht islamisch legitimierbar.<br />
Doch während Touristen<br />
seelenruhig auf Dscherba Badeurlaub<br />
genössen und von Balis<br />
exotischer Atmosphäre h<strong>in</strong>gerissen<br />
seien, profitierten sie <strong>in</strong> Wirklichkeit<br />
von der „Hudna“, e<strong>in</strong>er<br />
offiziell herrschenden Waffenruhe.<br />
Nach wie vor aber gelte das<br />
Kriegsrecht, wie zu Zeiten Muhammads,<br />
verwies Böhm auf den deutschen Arabisten<br />
und Islamwissenschaftler Mart<strong>in</strong> Hartmann:<br />
Es herrsche Kriegszustand – solange,<br />
bis das Haus des Krieges, „dar al harb“, <strong>in</strong> das<br />
Haus des Islams, „dar al islam“, verwandelt<br />
ist. Der Islam als das totale Weltsystem sei<br />
das Endziel der Umma, der muslimischen<br />
Geme<strong>in</strong>schaft. Obwohl der Koran auch<br />
andere gerne zitierte Verse aufweise<br />
(„Religion [Islam] kennt ke<strong>in</strong>en Zwang“ –<br />
Sure 2, 256): Wenn etwa e<strong>in</strong> Muslim e<strong>in</strong>en<br />
anderen Glauben annehme, könne ihn das<br />
das Leben kosten – selbst <strong>in</strong> Deutschland.<br />
Das „Ungleichzeitige“<br />
<strong>in</strong> unserer Gesellschaft<br />
Zum Verständnis e<strong>in</strong>er „Invasion des<br />
Ungleichzeitigen“ <strong>in</strong> unserer Gesellschaft<br />
seien zwei entscheidende Umbrüche <strong>in</strong> der<br />
Zeitgeschichte <strong>in</strong> den Blick nehmen, führte<br />
Böhm aus. Zum e<strong>in</strong>en sei die unter dem<br />
Revolutionsführer Ajatollah Chome<strong>in</strong>i bei<br />
der Revolution im Iran 1979 e<strong>in</strong>geführte<br />
theokratische Verfassung e<strong>in</strong>e markante<br />
Zäsur <strong>in</strong> der neueren Geschichte des Islams.<br />
Das Wiedererwachen des politischen<br />
Islams weltweit – sowohl unter Schiiten als<br />
Graffito vom Palat<strong>in</strong> <strong>in</strong> Rom aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten. Die Inschrift bedeutet Alexamenos<br />
betet se<strong>in</strong>en Gott an“; rechts: Graffito, vor kurzem an mehrere Wände der Marburger Innenstadt geschmiert.<br />
auch Sunniten – habe <strong>in</strong> immer kürzeren<br />
Abständen Kommunikationsprobleme zwischen<br />
Nichtmuslimen und Muslimen provoziert.<br />
Militante Islamisten (z. B. al-Qaida;<br />
Taliban) revitalisierten das Konzept des<br />
so genannten „dschihad saghir“ (kle<strong>in</strong>er<br />
Dschihad), den heiligen Krieg. Mit fatalen<br />
Folgen für Christen <strong>in</strong> vielen islamischen<br />
Ländern, <strong>in</strong> denen sie sowieso schon als<br />
„Bürger zweiter Klasse“ seit jeher galten.<br />
Sie wurden Opfer gezielter Krim<strong>in</strong>alität, von<br />
Entführung, Vergewaltigungen, Zwangsehen<br />
und Zwangskonversionen, Morden,<br />
Anschlägen auf Geschäfte und Kirchen,<br />
so Böhm.<br />
Als weiteren markanten politischen<br />
Umbruch nannte er den Fall der Mauer im<br />
November 1989 und den Zusammenbruch<br />
des Ostblocks. Die friedliche deutsche<br />
Revolution, e<strong>in</strong>e Öffnung von politischen<br />
und territorialen Grenzen, habe nicht zuletzt<br />
auch die Dynamisierung der <strong>in</strong>ternationalen<br />
Migration gefördert, e<strong>in</strong>e Zuwanderung<br />
von Menschen, die <strong>in</strong> ke<strong>in</strong>er Weise<br />
mit der europäischen oder deutschen<br />
Kultur verbunden waren. „Damit war<br />
Kulturkampf vorprogrammiert: Moderne<br />
gegen Kulturregression. Moderne, die ja e<strong>in</strong><br />
Stück christliches Werk ist, sofern die<br />
Menschenrechte auch biblische Wurzeln<br />
haben, <strong>in</strong> der Gleichheit vor dem Schöpfer<br />
Gott gründen“, erklärte Böhm. Angesichts<br />
der Geschichte des Islams und se<strong>in</strong>er neueren<br />
Entwicklung sei „kulturelle Rückständigkeit“<br />
e<strong>in</strong>e Gefahr für uns und unsere<br />
Menschenrechte – auch wenn das deutsche<br />
Grundgesetz (GG) die Religionsfreiheit<br />
<strong>in</strong> Art. 4 Absatz 1, 2 garantiere, die Freiheit<br />
des Glaubens und Gewissens, des religiösen<br />
wie weltanschaulichen Bekenntnisses<br />
und die ungestörte Religionsausübung<br />
gewährleiste. „Wenn jedoch Menschen <strong>in</strong><br />
Deutschland wegen ihres Glaubense<strong>in</strong>stellung<br />
oder religiösen Konversion bespitzelt,<br />
schikaniert oder gar ermordet<br />
werden (was <strong>in</strong> der islamischen Welt täglich<br />
geschieht), dann reicht rechtlich verbriefte<br />
Religionsfreiheit nicht aus“, so<br />
Böhm. Rechtsfälle wie Ehrenmorde nähmen<br />
nicht ab. Hier seien Migrationspolitik,<br />
Erziehung, Schule, Dialog und nötigenfalls<br />
der Verfassungsschutz gefordert.<br />
Christen: Die am meisten<br />
verfolgte Religionsgruppe<br />
Beim Blick auf die weltweite Verfolgung<br />
von Christen trete ihre Situation <strong>in</strong> zahlreichen<br />
muslimischen Ländern besonders hervor<br />
– ob <strong>in</strong> Afghanistan, Pakistan, Saudi-<br />
Arabien, im Iran und Irak, <strong>in</strong> Ägypten oder<br />
Somalia. Aber auch <strong>in</strong> nichtmuslimischen<br />
Staaten gehörten Repressionen zum Alltag,<br />
sei Religionsfreiheit nicht <strong>in</strong> vollem Umfang<br />
gewährleistet – oft aus ideologischen<br />
oder nationalistischen Gründen, wie beispielsweise<br />
<strong>in</strong> Nordkorea, Birma, Indien,<br />
Vietnam und Ch<strong>in</strong>a.<br />
„Die Christen s<strong>in</strong>d gegenwärtig die<br />
Religionsgruppe, welche die meisten Verfolgungen<br />
aufgrund ihres Glaubens erleidet“,<br />
hatte Papst Benedikt XVI. <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er<br />
Botschaft zum Weltfriedenstag (1. Januar<br />
2011) erklärt, er<strong>in</strong>nerte Böhm. Und dass es<br />
neben der aggressiven Christenverfolgung<br />
„lautlosere und raff<strong>in</strong>ierte Formen von Vorurteil<br />
und Widerstand gegen die Gläubigen >><br />
unitas 4/2011 273
und gegen religiöse Symbole gebe“. Darunter,<br />
so der Festredner, seien alle antichristlichen<br />
und antikirchlichen Kampagnen zu<br />
zählen, die <strong>in</strong> Deutschland oder anderswo<br />
extremistische Säkularisten organisierten<br />
und zu ihrer Politik machten:„Zum Beispiel:<br />
das christliche Kreuz. Zu gern möchten gewisse<br />
Gruppierungen, vielleicht auch aus<br />
falschem Toleranzverständnis, dieses, das<br />
Symbol des Heils, aus Schulen oder öffentlichen<br />
E<strong>in</strong>richtungen verbannen. Das Kreuz,<br />
es ist, daran sei zum Schluss er<strong>in</strong>nert, nicht<br />
alle<strong>in</strong> e<strong>in</strong> b<strong>in</strong>nenkirchliches Objekt, es ist<br />
darüber h<strong>in</strong>aus e<strong>in</strong> mahnendes Kulturgut<br />
unseres Abendlandes, Zeichen der Realität<br />
des Leidens, der Kont<strong>in</strong>genz menschlicher<br />
Existenz, aber auch Offenbarung der sich<br />
erbarmenden, göttlichen Liebe. Selbst der<br />
Säkularisten, so hoffe ich doch, erbarmt sich<br />
Gott. Was aber die Religionsgegner, Ungläubige,<br />
Neuheiden, Atheisten, Indifferente<br />
beunruhigen darf: Vor dem Allah des<br />
Korans ist ihnen ke<strong>in</strong> Bestand verheißen.“<br />
274<br />
unitas 4/2011<br />
Über die Lage der Christen <strong>in</strong> der Welt<br />
könne man sich heute aus vielen Quellen<br />
<strong>in</strong>formieren, auch durch die Präsenz verschiedener<br />
kirchlicher und zivilgesellschaftlicher<br />
Organisationen im Internet: „Nehmen<br />
wir uns h<strong>in</strong> und wieder e<strong>in</strong> paar M<strong>in</strong>uten<br />
Zeit solche Seiten abzurufen. Es schärft<br />
das Bewusstse<strong>in</strong> und belebt unsere Sensibilität<br />
für die unterdrückten Mitchristen.<br />
Informieren – das sollte uns auch bewegen,<br />
diese Christen mit unserem Gebet geistlich<br />
zu stärken. Ja, das Gebet der Kirche, der<br />
gläubigen Geme<strong>in</strong>de, unser Gebet hat heilsame,<br />
befreiende Macht.“<br />
Im Interesse des Menschen und aus<br />
Liebe zu Christus <strong>in</strong> ihm, müsse man von<br />
Verfolgten sprechen – gleich wer nun der<br />
Verfolger sei. Ihn ausf<strong>in</strong>dig zu machen, sei<br />
nicht alle<strong>in</strong> Aufgabe für Politik und Justiz,<br />
erklärte Manfred Karl Böhm: „Die Weltöffentlichkeit<br />
ist zu <strong>in</strong>formieren. Das ist<br />
unsere Aufgabe als Christen.“<br />
Literatur<br />
Jean-Claude Barreau: Die unerbittlichen<br />
Erlöser. Vom Kampf des Islams gegen die<br />
moderne Welt, Hamburg: Rowohlt 1992<br />
Henri Boulad: Sturm und Sonne. Christus<br />
als Ste<strong>in</strong> des Anstoßes <strong>in</strong> Europa, Salzburg:<br />
Otto Müller 2010<br />
Kirche <strong>in</strong> Not e. V. (Hg.): Christen <strong>in</strong> großer<br />
Bedrängnis, München 2011<br />
Mart<strong>in</strong> Hartmann: Der Islam. Geschichte –<br />
Glaube – Recht, Leipzig: Rudolf Haupt 1909<br />
Mart<strong>in</strong> Tamcke: Christen <strong>in</strong> der islamischen<br />
Welt. Von Mohammed bis zur Gegenwart,<br />
München: C. H. Beck 2008<br />
Drei Internetseiten, die die Christen<br />
<strong>in</strong> islamischen Ländern besonders<br />
im Blick haben: Kirche <strong>in</strong> Not:<br />
http://www.kirche-<strong>in</strong>-not.de/, Christian<br />
Solidarity International: http://www.cside.de/,<br />
Internationale Gesellschaft für<br />
Menschenrechte: http://www.igfm.de/<br />
Sportplatz und Spiellandschaft im K<strong>in</strong>der- und Jugenddorf vor Vollendung<br />
LEIPZIG. Von fast abgeschlossenen Arbeiten auf dem Sportund<br />
Spielplatzgelände berichtet K<strong>in</strong>derdorfleiter<strong>in</strong> Anne<br />
Hoffmann <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Schreiben die Verbandsgeschäftsstelle.<br />
Lediglich die Bepflanzung des Hügels und das Umsetzen der<br />
Tore stehen noch aus.<br />
Bislang für alle K<strong>in</strong>der e<strong>in</strong>e spannende Sache: Große und<br />
kle<strong>in</strong>e Bagger drehten ihre Runden, schwere Laster kamen<br />
und g<strong>in</strong>gen, e<strong>in</strong> riesiges Betonsilo stand plötzlich vor der<br />
eigenen Haustür – all das lud zum Staunen und Beobachten:<br />
„Als die Kletterfelsenbauer noch abends um neun im<br />
Sche<strong>in</strong>werferlicht den Spritzbeton auftrugen, war an<br />
Schlafen nicht zu denken. Jetzt heißt es Geduld haben, bis<br />
wir alles benutzen können.“<br />
Mit der E<strong>in</strong>weihung des Platzes wird noch bis zum Juni 2012<br />
gewartet werden müssen. Der Rasen muss erst anwachsen<br />
und die Grasnarbe sich verdichten, damit der Platz auch stabil<br />
und dauerhaft bespielbar ist. Die Pflege und Betreuung<br />
wird für das gesamte nächste Jahr e<strong>in</strong>e Firma übernehmen,<br />
Kletterfelsen und Bodentrampol<strong>in</strong> sollen die K<strong>in</strong>der und<br />
Jugendlichen schon eher benutzen.<br />
Das 1995 mit Unterstützung der UNITAS errichtete Caritas-<br />
K<strong>in</strong>der- und Jugenddorf Leipzig-Markkleeberg war vom<br />
Vorort UNITAS Sugambria Osnabrück 1991 <strong>in</strong>itiiert worden<br />
und stand unter Schirmherrschaft des damaligen<br />
Bundesm<strong>in</strong>isters Bbr. Dr. Rudolf Seiters. Es bietet 25 Plätze für<br />
K<strong>in</strong>der und Jugendliche im Alter zwischen 5 bis 18 Jahren.<br />
E<strong>in</strong>es der vier Häuser im K<strong>in</strong>der- und Jugenddorf trägt den<br />
Namen „Robert Schuman-Haus“.<br />
Für den jetzt erfolgten Bau e<strong>in</strong>es strapazierfähigen Sportund<br />
Bolzplatzes kamen deutlich über 30.000 Euro zusammen.<br />
Hier werden die K<strong>in</strong>der aus dem K<strong>in</strong>derdorf bald mit<br />
der Jugend aus der Umgebung wieder mehr als nur kicken<br />
können.
Nachfolger gefragt: Bbr. Dieter Krüll<br />
scheidet als Verbandsgeschäftsführer aus<br />
Vor fast 70 Jahren wurde er geboren,<br />
vor 50 Jahren Schütze und vor zehn<br />
Jahren Verbandsgeschäftsführer:<br />
Bbr. Dieter Krüll, vor fünf Jahren mit<br />
der Goldenen Verbandsnadel ausgezeichnet,<br />
vollendet am 16. November<br />
2011 se<strong>in</strong> 70. Lebensjahr.<br />
Er hat wohl vom Messdiener bis zum<br />
Kirchenvorstand so gut wie nichts ausgelassen,<br />
was an Ämtern und Aufgaben <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />
Umfeld rund um das Neusser Quir<strong>in</strong>us-Gymnasium<br />
zu vergeben war. Bbr.<br />
Krüll, Leutnant der Reserve und Mitglied<br />
der traditionsreichen Neusser Scheibenschützen-Gesellschaft<br />
v. 1415 e.V., ließ es<br />
aber nicht beim gefälligen Mitmarschieren:<br />
Auch wenn die royalen Würden des Schützenkönigs<br />
schließlich kaum zu vermeiden<br />
waren, weigerte er sich nie, „<strong>in</strong> Dienst“ genommen<br />
zu werden. Auch und gerade <strong>in</strong><br />
der UNITAS, wo er, während se<strong>in</strong>es Studiums<br />
der Betriebswirtschaft frisch bei<br />
UNITAS Bavaria <strong>in</strong> Würzburg rezipiert,<br />
gleich e<strong>in</strong>e VOS-Charge im Vorort 1964/65<br />
antrat. Zehn Jahre später übernahm er die<br />
Kasse des heimischen UNITAS-Zirkels, 1994<br />
bis 2000 die Prüfung der Kasse des Gesamtverbandes.<br />
Was schon beruflich nahelag: Bbr. Krüll<br />
wirkte seit 1968 als Prüfer, Wirtschaftsprüfer,<br />
Steuerberater, F<strong>in</strong>anz- und Personalchef<br />
und Geschäftsführer bei mehreren<br />
regional tätigen Unternehmen. Und dass<br />
die 2003 bis 2006 übernommene Aufgabe<br />
als F<strong>in</strong>anzchef der Weltjugendtag gGmbH<br />
für den XX. Weltjugendtag 2005 <strong>in</strong> Köln<br />
se<strong>in</strong> letzter Auftrag se<strong>in</strong> würde, hatten<br />
schon damals wenige geglaubt. Seit 2007<br />
bezeichnet sich der umtriebige Niederrhe<strong>in</strong>er<br />
zwar offiziell als „Rentner im<br />
Unruhestand“, ist als freiberuflicher Unternehmensberater<br />
vor zwei Jahren aber noch<br />
mal e<strong>in</strong>gestiegen: Als Geschäftsführer der<br />
Betriebsgesellschaft des Zisterzienser-<br />
Klosters Langwaden bei Grevenbroich.<br />
Dass dort der Ausbund rhe<strong>in</strong>ischer<br />
Fröhlichkeit und von Grund auf generöse<br />
Motivator von Aktiven quer durch die<br />
Republik nun dauerhafte klösterliche Abgeschiedenheit<br />
suchen will, darf nicht vermutet<br />
werden. Schließlich schauen längst<br />
die ersten Enkel an dem vierfachen Vater<br />
auf, der seit über vier Jahrzehnten mit se<strong>in</strong>er<br />
aus Würzburg stammenden Frau Eva-<br />
Maria verheiratet ist. Und Familie ist für ihn<br />
Verband der wissenschaftlichen<br />
katholischen Studentenvere<strong>in</strong>e<br />
UNITAS e.V.<br />
Verbandsgeschäftsführer<br />
e<strong>in</strong> hoher Wert. Doch wenn er jetzt sehr<br />
deutlich unterstrich, dass er für e<strong>in</strong>e<br />
Wiederwahl als Verbandsgeschäftsführer<br />
nicht mehr zur Verfügung steht, ist das<br />
nach 20 höchst <strong>in</strong>tensiven Semestern <strong>in</strong> der<br />
gelungenen rechtlichen und f<strong>in</strong>anziellen<br />
Neuaufstellung des UNITAS-Verbandes nur<br />
allzu verständlich.<br />
Nach dem Stand der D<strong>in</strong>ge sollte der<br />
E<strong>in</strong>stieg für e<strong>in</strong>en Nachfolger demnach<br />
nicht sehr schwer fallen: Dieter und das<br />
kongeniale Team der Verbandgeschäftsführung<br />
mit Verbandssekretär<strong>in</strong> Marianne<br />
Hübers haben das Feld gut bestellt, wie die<br />
vorgelegten Daten zeigen. Und es wäre<br />
kaum verständlich, sollte sich der Verband<br />
nun „Körbe“ holen müssen. Würde man<br />
e<strong>in</strong>e öffentliche Ausschreibung starten,<br />
sähe e<strong>in</strong>e Anzeige für diese wichtige<br />
Aufgabe ungefähr so aus wie unten. Aber<br />
noch s<strong>in</strong>d wir sicher nicht so weit.<br />
Unitarier oder Unitarier<strong>in</strong> zum 31.07.2012<br />
katholisch, mit guter Kenntnis der Struktur des <strong>Unitas</strong>-Verbandes.<br />
Zu se<strong>in</strong>en Aufgaben gehört die Leitung der Verbandsgeschäftstelle. Er ist Vorstand<br />
im S<strong>in</strong>ne §26 des Bürgerlichen Gesetzbuches, d.h. alle<strong>in</strong> berechtigt, den<br />
Verband gerichtlich und außergerichtlich zu vertreten. Im Detail ist der Verbandsgeschäftsführer<br />
verantwortlich für die Erledigung der vermögensrechtlichen<br />
Angelegenheiten des <strong>Unitas</strong>-Verbandes.<br />
Er erstellt den jährlichen Haushaltsentwurf und legt Rechenschaft vor der Generalversammlung<br />
ab. Dazu führt er Verbandskasse und Mitgliederverwaltung.<br />
Der Verbandsgeschäftsführer bereitet die Vorstandssitzungen vor und leitet sie.<br />
Er unterstützt den Vorort bei der Vorbereitung der Generalversammlung.<br />
Als Verbandsgeschäftsführer ist er Vorstand der <strong>Unitas</strong>-Stiftung und geborenes<br />
Mitglied im Vorstand des Zentralen Hausbauvere<strong>in</strong>s und des <strong>Unitas</strong>-<br />
Bildungswerks.<br />
In se<strong>in</strong>er Arbeit unterstützen ihn zwei Stellvertreter sowie e<strong>in</strong>e Halbtagssekretär<strong>in</strong>.<br />
Bundesschwestern und Bundesbrüder, die Interesse am Amt des Verbandsgeschäftsführers<br />
haben oder geeignete Unitarier vorschlagen, möchten sich bitte<br />
direkt an den amtierenden Verbandsgeschäftsführer, Bbr. Dieter Krüll, Verband<br />
der wissenschaftlichen katholischen Studentenvere<strong>in</strong>e UNITAS e.V., Aachener Str.<br />
29, 41564 Kaarst (Büttgen), Tel. 02131 / 271725, E-Mail: d.kruell@arcor.de wenden.<br />
unitas 4/2011 275
Unverzichtbare Arbeit <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Land mit ungewisser Zukunft<br />
BBR. BENEDIKT SCHWEDHELM BERICHTET AUS CARACAS / VENEZUELA<br />
Nach e<strong>in</strong>em dreimonatigen dienst-<br />
lichen Aufenthalt <strong>in</strong> Quito (Ecuador)<br />
nutzte Bbr. Benedikt Schwedhelm die<br />
Rückreise nach Deutschland zu e<strong>in</strong>em<br />
zweitägigen Zwischenstopp <strong>in</strong> der<br />
venezolanischen Hauptstadt Caracas.<br />
Se<strong>in</strong> Ziel: Er wollte die Salesianer Don<br />
Boscos vor Ort besuchen und schauen,<br />
was aus dem Jugendzentrum gewor-<br />
den ist, das der UNITAS-Verband zwi-<br />
schen 2000 und 2003 als Soziales<br />
Projekt unterstützt hat und das 2007<br />
e<strong>in</strong>geweiht wurde (vgl. unitas 2/2007).<br />
Die Ankunft und E<strong>in</strong>reise am Flughafen<br />
Simon Bolivar verlief für late<strong>in</strong>amerikanische<br />
Verhältnisse relativ reibungslos. Dank<br />
der Abholung durch e<strong>in</strong>en Sem<strong>in</strong>aristen der<br />
Salesianer konnte auch das Kapitel „Fahrpreisfeilschen<br />
mit (sogenannten) Taxifahrern“<br />
übersprungen werden. Wir fuhren<br />
vom Meeresniveau des Flughafens hoch <strong>in</strong><br />
die auf ca. 1.000 Meter über NN gelegene<br />
venezolanische Hauptstadt. Auch wenn<br />
man südamerikanische Metropolen wie<br />
276<br />
unitas 4/2011<br />
Quito, Medellín oder Bogotá kennt, so ruft<br />
die Ankunft im Caracas des 220. Jahrzehnts<br />
A. D. doch e<strong>in</strong>e recht spezielle Bandbreite an<br />
��<br />
��<br />
Freiwillige betreuen die jüngeren K<strong>in</strong>der <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Bastelstunde <strong>in</strong> den oberen Räumen<br />
des Jugendzentrums. H<strong>in</strong>ten <strong>in</strong> der Mitte: Bbr. Benedikt Schwedhelm.<br />
Das vom UNITAS-Verband unterstützte Jugendzentrum <strong>in</strong> Macaracuay: � Mehrzweckhalle für Veranstaltungen<br />
und Gottesdienste. � Kapelle des Jugendhauses. � große Küche im Hauptkomplex des Jugendzentrums.<br />
� Speisesaal im Hauptkomplex.<br />
Emotionen hervor. Es mag an den öffentlichen<br />
(oft westlichen) Me<strong>in</strong>ungen liegen,<br />
die selten e<strong>in</strong> gutes Haar an der Stadt lassen;<br />
es mag an den unter den<br />
E<strong>in</strong>wohnern und <strong>in</strong> ihren Medien<br />
veröffentlichten Berichten<br />
liegen, die Woche für<br />
Woche die Gewaltzustände <strong>in</strong><br />
nackten Zahlen präsentieren;<br />
es mag an vielen kle<strong>in</strong>en<br />
D<strong>in</strong>gen liegen, die man nur<br />
beiläufig mitbekommt. Doch<br />
alles unterstreicht den Ansche<strong>in</strong>,<br />
dass auf diesem Fleck<br />
der Landkarte die Willkür<br />
herrscht.<br />
��<br />
��<br />
Die politische Situation<br />
und ihre Auswirkungen auf<br />
die Bürger haben sich <strong>in</strong> den<br />
letzten Jahren kaum verändert.<br />
Der zuletzt gesundheitlich<br />
angeschlagene Präsident<br />
Hugo Chávez führt se<strong>in</strong>e sozialistische<br />
L<strong>in</strong>ie fort. Dem<br />
venezolanischen Volk wurden<br />
zuletzt die neuen Ziele der<br />
Regierung erklärt, die stark an<br />
die 1960er Jahre <strong>in</strong> Kuba er<strong>in</strong>nern,<br />
und eigentlich ist jedem<br />
klar, dass es sich hierbei um<br />
alte Ideen <strong>in</strong> neuen Gewändern<br />
handelt.<br />
Umso mehr überraschte<br />
die Fahrt durch die Stadt zur
Hauptverwaltung der Salesianer.<br />
Vom Äußeren her unterscheidet<br />
sich Caracas nicht sehr<br />
stark von anderen late<strong>in</strong>amerikanischen<br />
Großstädten. An<br />
Hochhäusern und anderen<br />
Gebäuden blitzen Werbebanner<br />
für westliche Marken und<br />
Produkte, und auch überall im<br />
alltäglichen Leben tauchen<br />
diese immer wieder auf, obwohl<br />
gleichzeitig über die größtenteils<br />
längst von der Regierung<br />
kontrollierten Medien Unmut<br />
und Hass gegen den kapitalistischen<br />
Imperialismus propagiert<br />
wird.<br />
Dass sich das Land, se<strong>in</strong>e<br />
Hauptstadt und die Menschen<br />
<strong>in</strong> schwierigen Situationen bef<strong>in</strong>den,<br />
wurde auch am Abend<br />
deutlich. Nachdem ich me<strong>in</strong><br />
Gepäck <strong>in</strong> me<strong>in</strong>em Quartier <strong>in</strong><br />
der Salesianer-Verwaltung abgestellt<br />
und e<strong>in</strong>ige der Padres<br />
getroffen hatte, fuhr ich mit<br />
Padre Luis Germán Prato<br />
Qu<strong>in</strong>tana, zuständiger Prov<strong>in</strong>zökonom,<br />
zu e<strong>in</strong>em der Salesianer<br />
Projekte, das er bis vor e<strong>in</strong>igen<br />
Jahren noch selbst vor Ort<br />
betreut hatte. Dieses Haus liegt <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em<br />
der vielen Problemviertel v0n Caracas und<br />
dient <strong>in</strong> erster L<strong>in</strong>ie als Unterkunft und<br />
Wohnheim für etwa 20 Sem<strong>in</strong>aristen.<br />
Darüber h<strong>in</strong>aus werden nachmittags,<br />
abends und <strong>in</strong> den Ferien<br />
Betreuungsangebote für K<strong>in</strong>der und Jugendliche<br />
organisiert. Die freiwilligen<br />
Helfer s<strong>in</strong>d nicht nur Sem<strong>in</strong>aristen, sondern<br />
<strong>in</strong> erster L<strong>in</strong>ie auch ältere Jugendliche aus<br />
dem Viertel, die kurz vor dem Schulabschluss<br />
stehen oder sich <strong>in</strong> Ausbildung und<br />
Studium bef<strong>in</strong>den. Wir kamen an diesem<br />
Abend gerade am Haus an, als e<strong>in</strong>e Besprechung<br />
der Freiwilligen stattfand. Wie<br />
immer <strong>in</strong> diesen zwei Tagen wurde ich vorgestellt,<br />
sehr herzlich begrüßt und teilte<br />
mit, aus welchem Grund ich mir die Projekte<br />
<strong>in</strong> Caracas anschaue. Wir setzten uns<br />
noch e<strong>in</strong> wenig mit zu der Planungsrunde,<br />
die gerade auch e<strong>in</strong>e Bilderschau der letzten<br />
Ferienfreizeit beg<strong>in</strong>nen wollte. Ich<br />
denke, diese wenigen M<strong>in</strong>uten spiegeln die<br />
Lage der Jugend des Landes recht gut wider.<br />
E<strong>in</strong>erseits die mit Musik unterlegte Slideshow<br />
mit charismatischen und witzigen<br />
Momenten der K<strong>in</strong>der und Jugendlichen.<br />
Andererseits der Moment, <strong>in</strong> dem ich als<br />
Außenstehender merkte, dass die letzten<br />
Bilder, die immer wieder denselben jungen<br />
Mann zeigten, für das Gedenken an e<strong>in</strong>en<br />
Freiwilligen standen, der im Alter von kaum<br />
mehr als 20 Jahren Opfer e<strong>in</strong>es Raubüberfalls<br />
wurde. Später erklärte mir Padre Luis,<br />
dass er vor wenigen Wochen auf offener<br />
Straße erschossen wurde. Er hatte kurz vorher<br />
se<strong>in</strong> Studium begonnen und alle freuten<br />
sich mit ihm, dass er e<strong>in</strong>e Woche später<br />
��<br />
��<br />
� + � Archiv und Bibliothek des Jugendzentrums. � Computerraum – wird vor allem genutzt für Jungen aus<br />
schwierigen Familienverhältnissen. � Waschküche im Hauptkomplex.<br />
e<strong>in</strong>en regelmäßigen Job <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Bank<br />
beg<strong>in</strong>nen konnte.<br />
Dass solche Schicksale die Menschen<br />
dort begleiten, wurde mir auch im unmittelbaren<br />
Anschluss deutlich. Nachdem das<br />
letzte Bild gezeigt war, ließen sich alle e<strong>in</strong>e<br />
kurze M<strong>in</strong>ute Zeit – zum Gedenken an ihren<br />
Freund, aber auch um sich wieder zu sammeln.<br />
Anschließend wurde die e<strong>in</strong>e oder<br />
andere Träne weggewischt und die Planungen<br />
liefen weiter. In solchen und anderen<br />
Momenten glaubt man zu erkennen, mit<br />
welcher Motivation die Menschen ihrer<br />
Situation entgegentreten.<br />
Wir besichtigten anschließend das<br />
Haus und die Räumlichkeiten, den baufälligen<br />
Basketballplatz im Innenhof und den<br />
Platz, an den das Haus angrenzt. In der<br />
Kirche, die ebenfalls am Platz liegt, fand<br />
gerade e<strong>in</strong>e Abendmesse statt, an der wir<br />
spontan teilnahmen. Da Padre Luis nicht<br />
unerkannt blieb, hatten wir anschließend<br />
noch Gelegenheit, uns mit Anwohnern aus<br />
dem Viertel zu unterhalten.<br />
Gute Noten für unser Projekt<br />
<strong>in</strong> Macaracuay<br />
Am nächsten Vormittag besuchten wir<br />
die Salesianer <strong>in</strong> Macaracuay, die E<strong>in</strong>richtungen,<br />
die auch von <strong>Unitas</strong> und Adveniat<br />
unterstützt worden s<strong>in</strong>d. Auch dieser<br />
Standort der Salesianer grenzt direkt an<br />
e<strong>in</strong>es der problematischsten Viertel der<br />
Stadt. Auf den ersten Blick und auch bei<br />
näherer und <strong>in</strong>tensiverer Betrachtung wird<br />
hier deutlich, dass die Infrastruktur auf<br />
dem ordenseigenen Gelände <strong>in</strong> gutem<br />
Zustand ist und regelmäßig <strong>in</strong>standgehalten<br />
wird. Wir trafen viele K<strong>in</strong>der und<br />
Jugendliche an, die <strong>in</strong> verschiedenen<br />
Gruppen <strong>in</strong> den Räumen oder auf den<br />
Sportplätzen spielten – zu diesem Zeitpunkt<br />
waren Schulferien und es wurden<br />
verschiedene ganztägige Ferienbetreuungen<br />
angeboten. Ob das soziale unitarische<br />
Verbandsprojekt zu diesem Zweck e<strong>in</strong>en<br />
nachhaltigen und langfristigen S<strong>in</strong>n erfüllt,<br />
ist nach dieser Besichtigung me<strong>in</strong>er Ansicht<br />
nach klar positiv zu bewerten. Alle<br />
Angebote und Räumlichkeiten im Allgeme<strong>in</strong>en<br />
(Sem<strong>in</strong>arräume, Bibliothek, Archiv,<br />
Kapelle, Küche, Speisesaal, Büros, Unterkünfte<br />
der ansässigen Salesianer und<br />
Mitarbeiter, Baseball-, Basketball- und<br />
Straßenfußballfeld) sowie im Speziellen<br />
das von uns geförderte sog. „Jugendhaus“<br />
(Mehrzweckaula für Veranstaltungen und<br />
Hl. Messen, Aufenthaltsräume zum Lernen<br />
und Spielen, kle<strong>in</strong>e Küche, kle<strong>in</strong>er Speiseraum,<br />
verschließbare Tr<strong>in</strong>kwasseranlage<br />
außen) werden gebraucht und regelmäßig<br />
genutzt. Das Konzept der K<strong>in</strong>der- und<br />
Jugendunterstützung ist wohl durchdacht,<br />
wird angenommen und ist den Menschen<br />
vor Ort e<strong>in</strong>e große Erleichterung.<br />
Nachmittags wurden mir weitere<br />
E<strong>in</strong>richtungen der Salesianer gezeigt, die<br />
sich näher am Stadtkern bef<strong>in</strong>den. Zum<br />
e<strong>in</strong>en gibt es an der Plaza Don Bosco die<br />
ordenseigene Kirche Templo Nacional mit<br />
angeschlossenem Colegio Don Bosco. Ur- >><br />
��<br />
��<br />
unitas 4/2011 277
sprünglich wurden diese Gebäude vor e<strong>in</strong>igen<br />
Jahrzehnten <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em strukturschwachen<br />
Viertel erbaut, mit der Zeit hat sich<br />
dieses jedoch zu e<strong>in</strong>em wohlhabenden<br />
Stadtteil entwickelt. Nach wie vor werden<br />
hier aber vielfältige Hilfen für Bedürftige<br />
angeboten (Jobvermittlung, Sozialberatung,<br />
Frauenhaus,…). Die tägliche hohe<br />
Nachfrage zeigt auch hier die dr<strong>in</strong>gende<br />
Notwendigkeit solcher Angebote. Darüber<br />
h<strong>in</strong>aus werden auch verschiedene Berufsausbildungen<br />
angeboten.<br />
Wir besuchten auch die erste Salesianer-Geme<strong>in</strong>de<br />
der Stadt <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em Stadtteil<br />
<strong>in</strong> der Nähe des Geschäftszentrums.<br />
Direkt an die Kirche im Kolonialstil ist e<strong>in</strong>e<br />
eigene Universität angeschlossen, <strong>in</strong> der<br />
nicht nur Theologie gelehrt wird, sondern<br />
auch weitere Fächer wie Jura und Geisteswissenschaften.<br />
Die letzte Station an diesem Abend war<br />
e<strong>in</strong> weiteres Projekt für Jugendliche <strong>in</strong> der<br />
Innenstadt. Hier stehen die Türen tagsüber<br />
Jedem offen, der Hilfe benötigt, angefangen<br />
bei e<strong>in</strong>er warmen Mittagsmahlzeit.<br />
Bedürftigen Jugendlichen werden Ausbildungsplätze<br />
für Berufe wie Elektriker oder<br />
Schlosser zur Verfügung gestellt, e<strong>in</strong>e eigene<br />
kle<strong>in</strong>e Lehrwerkstatt ist vorhanden. Die<br />
Mitarbeiter und Freiwilligen fahren außerdem<br />
täglich mit e<strong>in</strong>em speziell ausgerüsteten<br />
Bus <strong>in</strong> verschiedene Problemviertel, <strong>in</strong><br />
denen sie dann direkt vor Ort Unterstützung<br />
anbieten können. Jungen aus be-<br />
278<br />
unitas 4/2011<br />
��<br />
��<br />
� + � Pater Luis Germán und Bbr. Benedikt Schwedhelm vor der Kupferplatte im Jugendhaus, die an die<br />
Unterstützung durch den UNITAS-Verband und Adveniat er<strong>in</strong>nert. � Das Jugendzentrum mit dem vorgelagerten<br />
Fußballplatz. � Spielplätze für Volley- und Basketball.<br />
sonders schwierigen Umfeldern steht es<br />
frei, im Haus zu wohnen, solange sich die<br />
Situation zuhause nicht verbessert. Hierfür<br />
stehen im Haus etwa elf Plätze zur Verfügung.<br />
Nachvollziehbar ist, dass der Bedarf<br />
für diese Art von Hilfe noch weit größer<br />
ist. Doch mehr Dauerplätze würde die<br />
Möglichkeiten für die Tagesangebote e<strong>in</strong>schränken;<br />
hier fehlen e<strong>in</strong>fach die Kapazitäten.<br />
Fest steht, dass die Hilfe, die angeboten<br />
werden kann, ankommt. E<strong>in</strong>er der<br />
Jungs, die ich dort traf, hatte vor wenigen<br />
Wochen se<strong>in</strong>e Ausbildung als Elektrotechniker<br />
erfolgreich abgeschlossen.<br />
Studenten aus Venezuela <strong>in</strong><br />
Deutschland e<strong>in</strong> Studium<br />
ermöglichen<br />
Die adm<strong>in</strong>istrative Leitung des Hauses<br />
übernimmt momentan e<strong>in</strong> Jura-Student der<br />
Salesianer Universität. Wir kamen <strong>in</strong>s<br />
Gespräch, er und der Padre erzählten mir<br />
viel zum Haus und der aktuellen Situation.<br />
Mit ihm wie auch allen anderen freiwilligen<br />
Helfern der verschiedenen Projekte sowie<br />
den Padres unterhielt ich mich über die verschiedenen<br />
Studiensituationen. Ich sprach<br />
ganz bewusst auch an, was schon vor e<strong>in</strong>igen<br />
Jahren bei uns <strong>in</strong> Deutschland festgehalten<br />
wurde: Auslandssemester, -praktika<br />
oder -studiengänge <strong>in</strong> Deutschland s<strong>in</strong>d von<br />
deutscher Seite aus normalerweise möglich<br />
und werden evtl. auch f<strong>in</strong>anziell unterstützt.<br />
Alle Student<strong>in</strong>nen und Studenten<br />
��<br />
��<br />
unter den Freiwilligen waren<br />
von der Idee, temporär <strong>in</strong><br />
Deutschland zu studieren, sehr<br />
angetan, wenn auch verunsichert<br />
ob der f<strong>in</strong>anziellen<br />
Herausforderung. Ich erklärte,<br />
dass wir von der <strong>Unitas</strong> bei der<br />
Koord<strong>in</strong>ierung e<strong>in</strong>es Aufenthalts<br />
beratend zur Seite stehen<br />
können, <strong>in</strong>sbesondere auch bei<br />
der Frage nach möglichen Stipendien<br />
von Seiten der Universitäten,<br />
der Stiftungen oder des<br />
Staats (DAAD). Außerdem erwähnte<br />
ich auch detaillierter<br />
unsere Verbandsstruktur und<br />
die Tatsache, dass wir <strong>in</strong> vielen<br />
deutschen Universitätsstädten<br />
<strong>Unitas</strong>-Häuser haben und somit<br />
auch Studentenzimmer bereitstellen<br />
könnten. Um nicht<br />
falsch verstanden zu werden<br />
stellte ich klar, dass wir ke<strong>in</strong>e<br />
Studentenaustauschorganisation<br />
im eigentlichen S<strong>in</strong>ne<br />
seien. Das Projekt <strong>in</strong> Caracas sei<br />
aber von Anfang an mit dem<br />
Ziel unterstützt worden, Kontakte<br />
aufzubauen und junge<br />
Menschen im besten Fall nicht<br />
nur f<strong>in</strong>anzielle, sondern auch<br />
ideelle Hilfestellungen zu<br />
geben.<br />
Selbstverständlich muss man realistisch<br />
bleiben. Seitdem das Projekt unterstützt<br />
wird, hat leider nicht wirklich e<strong>in</strong><br />
regelmäßiger Kontakt stattgefunden. Das<br />
mag an vielen verschiedenen Parametern<br />
liegen, ich würde jedoch nicht behaupten,<br />
dass es mit Gleichgültigkeit zu erklären ist,<br />
ganz im Gegenteil. Vor Ort ist man der<br />
gesamten <strong>Unitas</strong> sehr dankbar für die Hilfe.<br />
Als junger Mensch zu e<strong>in</strong>er solchen Reise<br />
aufzubrechen, bedeutet <strong>in</strong> unserer Heimat<br />
etwas Mut und Willen, <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em sozialistischen<br />
Regime Late<strong>in</strong>amerikas stellt sich die<br />
Situation jedoch verständlicherweise komplexer<br />
dar.<br />
Die Salesianer danken dem<br />
UNITAS-Verband für se<strong>in</strong>e Hilfe<br />
Nach e<strong>in</strong>em atemberaubenden Blick<br />
vom Bergmassiv des Pico Naiguatá über<br />
Caracas auf der e<strong>in</strong>en und das karibische<br />
Meer auf der anderen Seite am letzten Tag<br />
me<strong>in</strong>es Besuchs hieß es Abschied nehmen.<br />
Am Flughafen bat mich Padre Luis noch,<br />
dem ganzen UV beste Glück- und Segenswünsche<br />
aus Venezuela auszurichten<br />
– e<strong>in</strong> Wunsch, dem ich hiermit gerne nachkomme.<br />
Ich versuche, <strong>in</strong> nächster Zeit die<br />
verschiedenen neugeknüpften Kontakte zu<br />
pflegen und werde mich regelmäßig nach<br />
Interessenten erkundigen, denen wir das<br />
deutsche Studentenleben und unsere<br />
<strong>Unitas</strong> näher br<strong>in</strong>gen können.
Osnabrücker Straße<br />
nach Bbr. Prassek benannt<br />
OSNABRÜCK. Der ehemalige Insterburger<br />
Weg im Stadtteil Haste trägt<br />
seit Mitte August den Namen Johannes-Prassek-Weg.<br />
Wie die Neue Osnabrücker Zeitung<br />
(NOZ) berichtet, versammelten sich<br />
e<strong>in</strong>en Tag nach dem 100. Geburtstag<br />
von Bbr. Prassek trotz Dauerregens<br />
rund 70 Menschen am Straßenschild<br />
des ehemaligen Insterburger Wegs.<br />
Bürgermeister<strong>in</strong> Kar<strong>in</strong> Jabs-Kiesler<br />
bezeichnete während ihrer Würdigung<br />
den <strong>in</strong> Hamburg geborenen Priester als<br />
e<strong>in</strong>en, „der damals den Mut gehabt<br />
hat, die Wahrheit zu sagen und der<br />
Stimme se<strong>in</strong>es Gewissens zu folgen“.<br />
Prassek war zum Studium nach<br />
Osnabrück gekommen und hatte hier<br />
auf dem Hof der Familie Grothaus<br />
gelebt. 1937 im Dom von Bischof<br />
Wilhelm Bern<strong>in</strong>g zum Priester geweiht,<br />
wurde er anschließend <strong>in</strong> Wittenberg<br />
und dann <strong>in</strong> Lübeck tätig. 1942 wurde<br />
Prassek verhaftet, e<strong>in</strong> Jahr später mit<br />
drei weiteren „Lübecker Märtyrern“<br />
h<strong>in</strong>gerichtet.<br />
Nach dem Geme<strong>in</strong>dehaus von<br />
Christus König <strong>in</strong> Haste, das se<strong>in</strong>en<br />
Namen trägt, und dem 2007 verlegten<br />
Stolperste<strong>in</strong> war im Sommer das<br />
UNITAS-Haus <strong>in</strong> Osnabrück nach Bbr.<br />
Johannes Prassek benannt worden, der<br />
sich <strong>in</strong> Frankfurt dem Verband angeschlossen<br />
hatte und <strong>in</strong> Münster bei<br />
UNITAS Ruhrania aktiv geworden war.<br />
Nun gibt auch das von Pfarrer Thomas<br />
Stühlmeyer geweihte Straßenschild<br />
Auskunft über den für se<strong>in</strong>en Glauben<br />
gestorbenen Märtyrer.<br />
Gedenken <strong>in</strong> Frankfurt<br />
FRANKFURT. Die UNITAS <strong>in</strong> Frankfurt<br />
will Bbr. Prassek am Sonntag, 13.<br />
November, durch e<strong>in</strong>e Widmungstafel<br />
an ihrem Haus <strong>in</strong> besonderer Weise<br />
ehren.<br />
Die E<strong>in</strong>segnung wird kurz nach<br />
dem Todestag der „Lübecker Märtyrer“<br />
von Stadtdekan Dr. Johannes Graf zu<br />
Eltz vorgenommen und beg<strong>in</strong>nt um<br />
12.00 Uhr. Der langjährige Altherrenbundsvorsitzende<br />
der UNITAS und<br />
KAD-Präsident, Bbr. Stadtrat a. D. Bernhard<br />
Mihm (Frankfurt/Paderborn),<br />
wird e<strong>in</strong>en Vortrag zu Bbr. Johannes<br />
Prassek halten.<br />
Die Frankfurter Bundesbrüder bitten,<br />
den Term<strong>in</strong> bereits jetzt vorzumerken,<br />
so Bbr. Nikolaus Jung, Vorsitzender<br />
des AHV UNITAS Rheno-Moenania.<br />
NEWS<br />
AGV: „Regierung soll <strong>in</strong> der<br />
Euro-Krise Farbe bekennen“<br />
BONN. Die katholischen Studentenverbände<br />
sehen mit Sorge, dass die Bundesrepublik<br />
Deutschland Gefahr läuft, sich bei<br />
der Rettung anderer Euro-Staaten zu verheben.<br />
So heißt es <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Stellungnahme der<br />
Arbeitsgeme<strong>in</strong>schaft katholischer Studentenverbände<br />
(AGV). Da gleichzeitig Deutschlands<br />
eigene Verschuldungsquote zunimmt,<br />
steigen auch die Belastungen für die junge<br />
Generation weiter. Außerdem sei unklar, ob<br />
im Falle e<strong>in</strong>es Rückfalls der Wirtschaft <strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>e Rezession die <strong>in</strong> der Verfassung festgeschriebene<br />
Schuldenbremse greife, so der<br />
AGV-Vorsitzende Bernd Schulte (KV).<br />
„Aus unserer Sicht ist es unverantwortlich,<br />
die kommenden Generationen noch<br />
weiter zu belasten und ihnen damit ihren<br />
eigenen politischen Spielraum zu nehmen.<br />
Zusammen mit der demografischen Situation<br />
ist das e<strong>in</strong>e äußerst bedenkliche Entwicklung“,<br />
erklärte Schulte. „Das gee<strong>in</strong>te<br />
Europa ist die größte politische Errungenschaft<br />
des letzten Jahrhunderts – aber<br />
bei aller Solidarität mit unseren europäischen<br />
Partnern und aller Verantwortung für<br />
die Eurozone würde e<strong>in</strong> Ausfall Deutschlands<br />
als Motor Europas niemandem nutzen.“<br />
Italien sei als siebtgrößte Volkswirtschaft<br />
der Welt schlicht unrettbar.<br />
Klarer Kurs gefordert<br />
Die AGV fordert von der Bundesregierung<br />
daher e<strong>in</strong> klares Bekenntnis über ihren<br />
Kurs <strong>in</strong> der sich zuspitzenden Euro-Krise.<br />
„Entweder wir s<strong>in</strong>d bereit für e<strong>in</strong>e Transferunion<br />
mit allen Konsequenzen, oder e<strong>in</strong>ige<br />
Staaten müssen den Euro-Raum verlassen.<br />
E<strong>in</strong>en Mittelweg gibt es nicht“, so Till M.<br />
Kaesbach, Grundsatzreferent der AGV. Die<br />
bisherige Politik der kle<strong>in</strong>en Schritte, bei der<br />
immer wieder getätigte Zusagen seitens der<br />
Regierung gekippt werden, sei unverantwortlich.<br />
„Mit den neuen Zusagen und<br />
Garantien an die European F<strong>in</strong>ancial Stability<br />
Facility (EFSF) ist schon mehr passiert, als<br />
ordnungspolitisch vertretbar wäre.“<br />
Sehr bedenklich seien zudem die Anleihenkäufe<br />
der Europäischen Zentralbank.<br />
Es dürfe nicht zugelassen werden, dass die<br />
EZB zu e<strong>in</strong>er großen europäischen Bad Bank<br />
werde und ihr e<strong>in</strong>ziges Ziel, die Sicherung<br />
der Preisniveaustabilität, aus den Augen<br />
verloren wird. Auch könne man nicht e<strong>in</strong>erseits<br />
solide Haushaltsführung von anderen<br />
Ländern e<strong>in</strong>fordern und gleichzeitig die<br />
Maastricht-Kriterien selber nicht dauerhaft<br />
erfüllen.<br />
In diesem Zusammenhang begrüßt die<br />
AGV das Urteil des Bundesverfassungsgerichts.<br />
Bernd Schulte: „Der Bundestag<br />
muss letzte Instanz der Entscheidung bleiben,<br />
die Regierung darf nicht ohne Zustimmung<br />
des Souveräns Zusagen <strong>in</strong> dreistelliger<br />
Milliardenhöhe tätigen. Sonst verkommen<br />
sozial- und bildungspolitische Debatten<br />
über wesentlich kle<strong>in</strong>ere Beträge zur Farce,<br />
die niemandem mehr vermittelbar ist.“<br />
Statistik: Deutschlands<br />
Gesellschaft e<strong>in</strong>e der ältesten<br />
BERLIN. Deutschland hat nach Japan<br />
e<strong>in</strong>e der ältesten Bevölkerungen weltweit.<br />
Laut Statistischem Jahrbuch 2011<br />
war jeder fünfte Deutsche im Jahr 2009<br />
<strong>in</strong> der Bundesrepublik 65 Jahre oder<br />
älter. Gleichzeitig hat sich die Geburtenzahl<br />
seit 1950 nahezu halbiert. So<br />
wurden 2009 <strong>in</strong>sgesamt 665.000 K<strong>in</strong>der<br />
geboren, so wenig wie nie zuvor. Im<br />
Folgejahr stieg die Zahl um knapp zwei<br />
Prozent auf 678.000 Neugeborene.<br />
Besonders deutlich zeigt sich der<br />
„deutsche Nachwuchsmangel“ beim<br />
<strong>in</strong>ternationalen Vergleich der Geburtenraten<br />
im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung:<br />
In Deutschland kommen<br />
demnach durchschnittlich acht Neugeborene<br />
auf 1.000 E<strong>in</strong>wohner, <strong>in</strong> Frankreich<br />
s<strong>in</strong>d es 13 und <strong>in</strong> Indien 23.<br />
Auch die Zahl der Eheschließungen<br />
ist 2009 gesunken. So wurden lediglich<br />
fünf Ehen je 1.000 E<strong>in</strong>wohner geschlossen.<br />
Auch ist die Geburt von<br />
K<strong>in</strong>dern nicht mehr fest an die Institution<br />
Ehe gebunden. Während 1950<br />
nur jedes zehnte K<strong>in</strong>d unehelich zur<br />
Welt kam, waren 2009 die Eltern von<br />
jedem dritten Neugeborenen nicht mite<strong>in</strong>ander<br />
verheiratet.<br />
Insgesamt stellten die Statistiker<br />
e<strong>in</strong>e zunehmende Bevölkerungsvielfalt<br />
<strong>in</strong> Deutschland fest. Von den knapp 82<br />
Millionen Menschen hatte 2010 rund<br />
jeder Fünfte e<strong>in</strong>en Migrationsh<strong>in</strong>tergrund.<br />
Das waren knapp 16 Millionen<br />
Menschen. Davon hatten neun Millionen<br />
e<strong>in</strong>en deutschen Pass, rund sieben<br />
Millionen waren Ausländer.<br />
unitas 4/2011 279<br />
>>
Studierende: Rekord an<br />
deutschen Hochschulen<br />
WIESBADEN. Die Zahl der Studierenden an<br />
den deutschen Hochschulen erreichte im<br />
W<strong>in</strong>tersemester 2010/2011 e<strong>in</strong>en neuen<br />
Höchststand. Nach Angaben des Statistischen<br />
Bundesamtes <strong>in</strong> Wiesbaden waren<br />
rund 2.218.000 Student<strong>in</strong>nen und Studenten<br />
<strong>in</strong>sgesamt immatrikuliert. Das waren<br />
96.400 beziehungsweise 4,5 Prozent mehr<br />
als im vorausgegangenen W<strong>in</strong>tersemester.<br />
Das Durchschnittsalter der Studierenden<br />
lag laut Statistik bei 25,3 Jahren. Beliebtestes<br />
Studienfach war mit 185.000 Studierenden<br />
die Betriebswirtschaftslehre, gefolgt<br />
vom Masch<strong>in</strong>enbau mit 98.300 Studierenden.<br />
Auch für das kommende W<strong>in</strong>tersemester<br />
ist erneut mit e<strong>in</strong>em Rekord zu<br />
rechnen, unter anderem weil die Wehrpflicht<br />
ausgesetzt wurde, aber auch Bayern<br />
und Niedersachsen <strong>in</strong> diesem Jahr zwei<br />
Abitur-Jahrgänge auf e<strong>in</strong>mal entlassen<br />
haben, e<strong>in</strong>en nach zwölf und e<strong>in</strong>en nach 13<br />
Schuljahren. Für 2011 gehen die drastischsten<br />
Prognosen derzeit <strong>in</strong>des von bis zu<br />
e<strong>in</strong>er halben Million Erstsemestern aus.<br />
Alle<strong>in</strong> NRW, wo rund 25 Prozent der deutschen<br />
Studenten immatrikuliert s<strong>in</strong>d, verzeichnete<br />
zum WS 2011/2012 e<strong>in</strong>e Rekordanmeldezahl<br />
von 115.000 Erstsemestern.<br />
Studium und Erstausbildung<br />
nach Schulabschluss jetzt<br />
abzugsfähig<br />
BERLIN. Der Bundesf<strong>in</strong>anzhof hat mit zwei<br />
aktuellen Urteilen zu Gunsten aller Auszubildenden<br />
und Studierenden entschieden,<br />
dass Aufwendungen e<strong>in</strong>er Berufsausbildung<br />
oder e<strong>in</strong>es Studiums auch im unmittelbaren<br />
Anschluss an die Schulausbildung<br />
vorweggenommene Werbungskosten<br />
s<strong>in</strong>d (Az. VI R 38/10 und VI R 7/10).<br />
Studienkosten waren bisher als Werbungskosten<br />
nur absetzbar, wenn bereits<br />
e<strong>in</strong>e abgeschlossene Erstausbildung vorlag,<br />
erläuterte der Neue Verband der Lohnsteuerhilfevere<strong>in</strong>e<br />
e.V. (NVL). Wer unmittelbar<br />
nach dem Abitur studierte, hatte meist<br />
ke<strong>in</strong>e Möglichkeit, die Kosten steuerm<strong>in</strong>dernd<br />
zu berücksichtigen. Die Urteilsbegründung<br />
des Bundesf<strong>in</strong>anzhofs weist nun<br />
ausdrücklich darauf h<strong>in</strong>, dass Aufwendungen,<br />
die aus beruflichen Gründen entstanden<br />
s<strong>in</strong>d, ke<strong>in</strong>e Kosten der privaten<br />
Lebensführung darstellen. E<strong>in</strong> Studium, das<br />
Berufswissen vermittelt, ist auf die Erzielung<br />
von E<strong>in</strong>nahmen ausgerichtet und<br />
die dafür entstandenen Kosten s<strong>in</strong>d somit<br />
vorweggenommene Werbungskosten.<br />
Um <strong>in</strong> den Genuss dieses Werbungskostenabzugs<br />
zu kommen, müssen Auszubildende<br />
und Studenten e<strong>in</strong>e Steuerer-<br />
280<br />
unitas 4/2011<br />
klärung abgeben. Abziehbar s<strong>in</strong>d Studiengebühren,<br />
Fahrtkosten zum Ausbildungsort,<br />
Fachbücher und andere Arbeitsmittel.<br />
Das F<strong>in</strong>anzamt wird aus den Kosten e<strong>in</strong>en<br />
Verlust feststellen und darüber e<strong>in</strong>en Bescheid<br />
erstellen. Wenn nach dem Abschluss<br />
des Studiums E<strong>in</strong>kommen erzielt wird, s<strong>in</strong>d<br />
die Verluste entsprechend zu verrechnen.<br />
Bis dah<strong>in</strong> ist der Verlust vorzutragen und<br />
mit Beträgen aus den Folgejahren zusammenzuziehen.<br />
Studenten, die bereits während des<br />
Studiums e<strong>in</strong> steuerpflichtiges E<strong>in</strong>kommen<br />
erzielen, müssen den Verlust zunächst mit<br />
den E<strong>in</strong>künften verrechnen. Verbleiben im<br />
Anschluss nicht verrechnete Werbungskosten,<br />
profitieren auch sie vom Verlustvortrag.Wer<br />
BAföG oder andere steuerfreie E<strong>in</strong>nahmen<br />
bezieht, braucht diese jedoch nicht<br />
mit den Werbungskosten zu verrechnen.<br />
E<strong>in</strong> Verlust könne <strong>in</strong> vielen Fällen noch<br />
bis zu sieben Jahre rückwirkend festgestellt<br />
werden, so der NVL. Wer bereits als Student<br />
e<strong>in</strong>e Steuererklärung e<strong>in</strong>gereicht hatte,<br />
kann die Studienkosten aber nur dann<br />
nachträglich als Werbungskosten geltend<br />
machen, wenn der Steuerbescheid noch<br />
nicht bestandskräftig ist oder e<strong>in</strong>en Vorläufigkeitsvermerk<br />
zu den Aufwendungen<br />
e<strong>in</strong>es Erststudiums enthält.<br />
Für Hilfe zur Steuererklärung, Feststellung<br />
des Verlustvortrages oder zum<br />
K<strong>in</strong>dergeld können sich Auszubildende,<br />
Arbeitnehmer und Rentner an örtliche<br />
Beratungsstellen der Lohnsteuerhilfevere<strong>in</strong>e<br />
wenden. Die Beratungsstellen der<br />
NVL-Mitgliedsvere<strong>in</strong>e im Internet:<br />
www.Beratungsstellensuche.de.<br />
Mehr Novizen bei<br />
den Jesuiten<br />
NÜRNBERG. Die Jesuiten <strong>in</strong> Deutschland<br />
freuen sich über gestiegene Nachwuchszahlen.<br />
Neun Männer s<strong>in</strong>d <strong>in</strong> das Noviziat<br />
<strong>in</strong> Nürnberg e<strong>in</strong>getreten, wie die Deutsche<br />
Ordensprov<strong>in</strong>z mitteilte. In den vergangenen<br />
beiden Jahren hatten jeweils sechs<br />
Männer die zweijährige Vorbereitungsphase<br />
für den E<strong>in</strong>tritt <strong>in</strong> den Orden begonnen.<br />
Novizenmeister Pater Josef Maureder<br />
bezeichnete den Zuwachs als erstaunlich<br />
und erfreulich. Alle neun Novizen haben<br />
bereits e<strong>in</strong>e Ausbildung oder e<strong>in</strong> Studium<br />
h<strong>in</strong>ter sich. Zwei von ihnen s<strong>in</strong>d Priester.<br />
Fünf der Männer kommen aus Deutschland,<br />
drei aus der Schweiz, e<strong>in</strong>er aus Österreich.<br />
Die höhere Zahl der E<strong>in</strong>tritte ist nach<br />
Angaben des Ordens auf die erfolgreiche<br />
Arbeit der Berufungspastoral zurückzuführen.<br />
In Deutschland gibt es Angebote wie<br />
das sogenannte Ordensleben auf Probe, um<br />
junge Männer für die Jesuiten zu begeistern.<br />
Mehr: www.jesuiten.de<br />
Deutschland unter den<br />
Top 10 der Schattenf<strong>in</strong>anzzentren<br />
der Welt<br />
AACHEN. Die Schweiz führt die Rangliste<br />
der schädlichsten Schattenf<strong>in</strong>anzzentren<br />
der Welt an. Das geht aus der<br />
am 4. Oktober veröffentlichten Liste<br />
des <strong>in</strong>ternationalen Netzwerks Steuergerechtigkeit<br />
(Tax Justice Network)<br />
hervor. Deutschland kommt danach<br />
auf Platz 9 und ist e<strong>in</strong> wichtiger Spieler<br />
im globalen Netz aus Geheimhaltung<br />
und Intransparenz: Es rangiert im Index<br />
nur knapp h<strong>in</strong>ter Ländern wie der<br />
Schweiz, den Cayman Islands und<br />
Luxemburg.<br />
Die Rangliste basiert auf dem<br />
Schattenf<strong>in</strong>anz<strong>in</strong>dex (F<strong>in</strong>ancial Secrecy<br />
Index). Mit diesem Index werden 73<br />
Länder und Gebiete nach dem Grad<br />
ihrer Intransparenz im F<strong>in</strong>anzsektor<br />
und ihrem Anteil für grenzüberschreitende<br />
F<strong>in</strong>anzdienstleistungen am<br />
Weltmarkt bewertet. „Der Schattenf<strong>in</strong>anz<strong>in</strong>dex<br />
zeigt, dass Schattenf<strong>in</strong>anzzentren<br />
nicht nur <strong>in</strong> der Karibik,<br />
sondern auch mitten <strong>in</strong> Europa liegen,<br />
und unterstreicht damit die zentrale<br />
Verantwortung der Industrieländer für<br />
Kapitalflucht und Steuervermeidung“,<br />
so Detlev von Larcher (Attac).<br />
Die derzeit e<strong>in</strong>gefrorenen Milliarden<br />
arabischer Despoten stellten nur<br />
die Spitze des Eisbergs dar, erklärte<br />
Georg Stoll, Experte für Entwicklungspolitik<br />
bei MISEREOR: „Entwicklungsländer<br />
verlieren Jahr für Jahr Gelder <strong>in</strong><br />
dreistelliger Milliardenhöhe durch<br />
Kapitalflucht und Steuervermeidung.<br />
Die Bundesregierung ist aufgefordert,<br />
sich endlich für wirksame Maßnahmen<br />
zur Bekämpfung der Steuerflucht <strong>in</strong><br />
den Schattenf<strong>in</strong>anzzentren e<strong>in</strong>zusetzen.<br />
Der G20-Gipfel <strong>in</strong> Cannes bietet<br />
dafür die nächste Gelegenheit.“<br />
Das Netzwerk Steuergerechtigkeit<br />
(Tax Justice Network) setzt sich für die<br />
Stärkung der öffentlichen F<strong>in</strong>anzen<br />
und für e<strong>in</strong> gerechteres Steuersystem<br />
e<strong>in</strong> – <strong>in</strong> Deutschland und weltweit. Der<br />
<strong>in</strong>ternationale Zusammenschluss von<br />
sozial- und entwicklungspolitischen<br />
sowie kirchlichen Organisationen,<br />
WissenschaftlerInnen und engagierten<br />
E<strong>in</strong>zelpersonen fordert von der Politik<br />
e<strong>in</strong> entschiedenes Vorgehen gegen<br />
Steuerflucht und missbräuchliche<br />
Steuervermeidung. Im Netzwerk<br />
Steuergerechtigkeit arbeiten <strong>in</strong><br />
Deutschland unter anderem mit: Attac<br />
Deutschland, Global Policy Forum,<br />
MISEREOR, terre des hommes, ver.di,<br />
und WEED e.V.
Bbr. Kard<strong>in</strong>al Marx<br />
fordert Stärkung<br />
e<strong>in</strong>er positiven Moral<br />
FREISING. Die Stärkung e<strong>in</strong>es positiven<br />
Begriffs von Moral hat Bbr. Re<strong>in</strong>hard<br />
Kard<strong>in</strong>al Marx gefordert. Bei e<strong>in</strong>er<br />
Messe zum Internationalen Kongress<br />
der Vere<strong>in</strong>igung für Moraltheologie und<br />
Sozialethik am 29. August 2011 äußerte<br />
er sich mit Blick auf die Krisen <strong>in</strong><br />
Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.<br />
„Alle Welt ruft nach Moral, aber der Ruf<br />
der Moral ist schlecht“, konstatierte der<br />
Erzbischof von München und Freis<strong>in</strong>g.<br />
Es gehe heute darum, „den Menschen<br />
<strong>in</strong> der Verkündigung der biblischen<br />
Moral etwas darzustellen von den<br />
Möglichkeiten des Menschen“, und<br />
ihnen dadurch zu „helfen, nicht unter<br />
Niveau zu leben“, erklärte Marx.<br />
„Den Menschen helfen,<br />
nicht unter Niveau zu leben“<br />
Bei der biblischen Moral handle es sich<br />
um e<strong>in</strong>e „kraftvolle, positive, den Menschen<br />
ermutigende Botschaft“, so Bbr.<br />
Marx. In der Ause<strong>in</strong>andersetzung mit<br />
dieser Moral würden die Menschen<br />
„e<strong>in</strong>em Gott begegnen, der uns etwas<br />
zutraut, der uns herausfordert, der uns<br />
Möglichkeiten gibt“.<br />
Nachdrücklich sprach er sich gegen<br />
e<strong>in</strong>e oberflächliche „Wellness-Religion“<br />
aus und warnte vor „der Versuchung,<br />
das Leben so, wie es ist, h<strong>in</strong>zunehmen“.<br />
Der E<strong>in</strong>zelne solle „mit<br />
dem, was ist, nicht zufrieden se<strong>in</strong>“.<br />
Zugleich dürfe der E<strong>in</strong>zelne aber auch<br />
„nicht über das, was dem Menschen<br />
möglich ist“, h<strong>in</strong>ausstreben.<br />
Die „D<strong>in</strong>ge, wie sie s<strong>in</strong>d, nicht e<strong>in</strong>fach<br />
h<strong>in</strong>zunehmen“, und beseelt zu<br />
se<strong>in</strong> von der „Neugier auf das Größere,<br />
das Bessere, das Gerechtere“ gehöre<br />
zum Grundlegenden, „was das Abendland<br />
geprägt hat“, erklärte Marx.<br />
Entsprechend sei es das Anliegen<br />
der Moraltheologie und christlicher<br />
Sozialethik, Impulse zu geben für e<strong>in</strong>e<br />
„Dynamik auf das Gute h<strong>in</strong>“ und<br />
damit „die Möglichkeiten des Menschense<strong>in</strong>s<br />
zu entwickeln auf die<br />
Vollendung h<strong>in</strong>“.<br />
Beim 35. Fachkongress der Moraltheologen<br />
und Sozialethiker diskutierten<br />
Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen<br />
Raum unter dem Titel<br />
„Theologische Ethik im Pluralismus“<br />
aktuelle Herausforderungen der<br />
Moraltheologie und der Sozialethik.<br />
Europäische Theologen<br />
zeichnen Bbr. Halik aus<br />
WIEN. Beim Jahreskongress der Europäischen<br />
Gesellschaft für Katholische Theologie<br />
ist der tschechische katholische<br />
Priester und Intellektuelle Bbr. Tomas<br />
Halik (63) mit dem Preis für das beste<br />
theologische Buch Europas ausgezeichnet<br />
worden.<br />
Bbr. Halik erhielt den Preis für se<strong>in</strong> Buch<br />
„Geduld mit Gott“, <strong>in</strong> dem er den<br />
Agnostizismus und die Lage der Christen <strong>in</strong><br />
der postkommunistischen Gesellschaft<br />
beschreibt. („Geduld mit Gott. Die Geschichte<br />
von Zachäus heute“, Verlag Herder,<br />
Aufl./Jahr: 3. Aufl. 2011, 260 Seiten, ISBN 978-<br />
3-451-30382-1, Euro 14,95)<br />
Noch im vergangenen Jahr war Halik<br />
(UNITAS Prag) der Romano Guard<strong>in</strong>i-Preis<br />
der Katholischen Akademie <strong>in</strong> Bayern zuerkannt<br />
worden. Ebenfalls 2010 würdigte der<br />
„Polnische Rat der<br />
Christen und Juden“<br />
den tschechischen<br />
Priester und<br />
Intellektuellen <strong>in</strong><br />
der polnischen<br />
Hauptsynagoge im<br />
ehemaligen Warschauer<br />
Getto mit<br />
dem Ehrentitel<br />
„Mensch der Versöhnung<br />
2010“.<br />
Der 1948 geborene<br />
Halik war enger<br />
Vertrauter des<br />
ehemaligen Präsidenten<br />
Vaclav Havel<br />
und des langjährigen<br />
Prager Erzbischofs<br />
Frantisek<br />
Tomasek. Se<strong>in</strong>e<br />
Priesterweihe empf<strong>in</strong>g<br />
Halik im Geheimen<br />
<strong>in</strong> Erfurt, danach arbeitete der<br />
Geistliche <strong>in</strong> der Untergrundkirche.<br />
Der Professor für Soziologie an der<br />
renommierten Prager Karls-Universität ist<br />
Präsident der Tschechischen Christlichen<br />
Akademie, die sich für die deutsch-tschechische<br />
Aussöhnung engagiert. Dem Mitglied<br />
der Europäischen Akademie der<br />
Wissenschaften und Künste sowie vieler<br />
anderer ausländischer wissenschaftlicher<br />
Gesellschaften wurde der amerikanische<br />
Preis der Toleranz für 2002 und 2003 der<br />
österreichische Kard<strong>in</strong>al-König-Preis der<br />
Stiftung „Communio et Progressio“ verliehen.<br />
Er gehörte dem 2006 von der Kommission<br />
der Bischofskonferenzen der Europäischen<br />
Geme<strong>in</strong>schaft (COMECE) e<strong>in</strong>ge-<br />
Bericht zur Bedeutung ethischer Werte für<br />
die europäische E<strong>in</strong>igung vorlegte. Mehrfach<br />
kandidierte er für das Amt des<br />
Staatspräsidenten.<br />
Anteil der Christen<br />
im Bundestag rückläufig<br />
BERLIN. Der Anteil der Bundestagsabgeordneten<br />
mit christlichem Bekenntnis ist<br />
seit der Wiedervere<strong>in</strong>igung stark zurückgegangen.<br />
Zugleich stieg die Zahl der religiös<br />
nicht Gebundenen und der Konfessionslosen.<br />
Dies geht aus dem unlängst veröffentlichen<br />
Datenhandbuch zur Geschichte<br />
des Bundestages hervor.<br />
Bekannten sich 1990 noch 70,4 Prozent<br />
der Parlamentarier zu e<strong>in</strong>er der beiden<br />
großen Kirchen <strong>in</strong> Deutschland, liegt der<br />
Anteil heute nur noch bei 59 Prozent.<br />
Den stärksten Rückgang gab es bei den<br />
evangelischen Abgeordneten. Ihr Anteil<br />
g<strong>in</strong>g von 37,6 Prozent<br />
im Jahr 1990 auf<br />
derzeit 28,5 Prozent<br />
zurück. Bei den<br />
Katholiken sank der<br />
Anteil im selben<br />
Zeitraum von 32,8<br />
auf 30,5 Prozent.<br />
In der nach Fraktionen<br />
und Konfessionenaufgeschlüsselten<br />
Statistik fällt<br />
auf, dass der Anteil<br />
der selbst erklärten<br />
Katholiken <strong>in</strong> der<br />
CDU/CSU-Fraktion<br />
relativ stabil ist. Er<br />
schwankte <strong>in</strong> den<br />
zurückliegenden 20<br />
Jahren zwischen 55<br />
und 60 Prozent und<br />
liegt zurzeit bei 56,5<br />
Prozent.<br />
Im selben Zeitraum nahm der Anteil<br />
der Protestanten bei der SPD von 36,4<br />
auf 30,1 Prozent ab. Mit e<strong>in</strong>em Anteil zwischen<br />
11,7 und 13,7 Prozent bildeten die<br />
Katholiken <strong>in</strong> der SPD-Fraktion stets e<strong>in</strong>e<br />
M<strong>in</strong>derheit. Bei der e<strong>in</strong>st antiklerikalen FDP<br />
hat sich der Katholikenanteil h<strong>in</strong>gegen fast<br />
verdoppelt, er wuchs von 12,7 auf 23,7<br />
Prozent.<br />
Gestiegen ist auch die Zahl der bekennenden<br />
Christen bei der L<strong>in</strong>ken (von 0 auf<br />
9,2 Prozent). Bei den Grünen schwankt der<br />
Christen-Anteil stark. Nach e<strong>in</strong>em Rekordanteil<br />
von genau 50 Prozent im Jahr der<br />
Wiedervere<strong>in</strong>igung sank er 1994 auf 22,4<br />
Prozent. Inzwischen liegt er bei 29,4 Prozent.<br />
Damit f<strong>in</strong>den sich <strong>in</strong> den beiden<br />
Parteien l<strong>in</strong>ks von der SPD weiterh<strong>in</strong> die<br />
meisten religiös Ungebundenen.<br />
setzten „Rat der Weisen“ an, der e<strong>in</strong>en >><br />
unitas 4/2011 281
Sicher – unsicher:<br />
Zur Dynamik des Sicherheitsbegriffs im modernen Staat<br />
Risiken, Gefahren und der<br />
Wunsch nach Sicherheit<br />
In der menschlichen Gesellschaft können<br />
Bedrohungen und Gefahren durch die<br />
unterschiedlichsten Faktoren entstehen.<br />
Zum e<strong>in</strong>en s<strong>in</strong>d wir Risiken ausgesetzt, die<br />
durch äußere E<strong>in</strong>flüsse gewissermaßen<br />
schicksalhaft entstehen. Dazu gehören<br />
Naturkatastrophen, Hungersnöte und<br />
Krankheiten. Andere Gefahren entstehen<br />
durch gezielte Übergriffe anderer Menschen:<br />
durch E<strong>in</strong>brecher, Computerhacker,<br />
Terroristen oder durch Angriffskriege. E<strong>in</strong>e<br />
dritte Kategorie von Risiken wird durch<br />
menschliche Fehler verursacht, z. B. durch<br />
den Sicherheitstechniker, der den Riss <strong>in</strong> der<br />
Turb<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>es Verkehrsflugzeugs übersieht.<br />
Schließlich s<strong>in</strong>d es manchmal die Menschen<br />
selbst, die sich bewusst riskant verhalten<br />
und dabei sich oder andere gefährden.<br />
Dazu gehört der Raser auf der Autobahn,<br />
aber auch der Kettenraucher, der die<br />
Folgen se<strong>in</strong>es Nikot<strong>in</strong>konsums <strong>in</strong> Kauf<br />
nimmt. Der französische Soziologe David Le<br />
Breton diagnostizierte darüber h<strong>in</strong>aus<br />
bereits vor zwanzig Jahren e<strong>in</strong>e zunehmende<br />
„Lust am Risiko“ auch beim Durchschnittsbürger<br />
und benannte dabei „Bungee-Jump<strong>in</strong>g“<br />
und andere Arten, das<br />
Schicksal herauszufordern 1 .<br />
Die Aufzählung dieser Risikofaktoren<br />
macht deutlich, dass Bedrohungen und<br />
Gefahren unvermeidlich zur menschlichen<br />
Existenz gehören. Hieraus erwächst letztlich<br />
das elementare Bedürfnis der Menschen,<br />
sich vor diesen Gefahren zu schützen,<br />
ohne Furcht leben zu können und<br />
damit e<strong>in</strong>en Zustand der Sicherheit 2 zu<br />
erreichen. In der modernen Gesellschaft ist<br />
es vor allem der Staat, der dieses Sicherheitsbedürfnis<br />
se<strong>in</strong>er Bürger befriedigen<br />
soll. Die Gewährleistung von Sicherheit<br />
kann als raison d’être des modernen<br />
Staates 3 bezeichnet werden.<br />
Diesem Sicherungszweck wohnt e<strong>in</strong>e<br />
gewisse Dynamik <strong>in</strong>ne: Der moderne Verfassungsstaat,<br />
wie wir ihn heute kennen,<br />
beruht auf e<strong>in</strong>er immer weiter voranschreitenden<br />
und immer mehr Bereiche erfassenden<br />
Fortentwicklung staatlicher Sicherungsaufgaben.<br />
Der Staat als Gewährleister<br />
<strong>in</strong>nerer und äußerer Sicherheit<br />
Ideengeschichtlich betrachtet, war es<br />
vor allem der politische Theoretiker Thomas<br />
282<br />
unitas 4/2011<br />
VON BBR. PROF. DR. KLAUS STÜWE<br />
Hobbes (1588 bis 1679), der uns an der<br />
Wende zur Neuzeit die Augen dafür öffnete,<br />
dass es der Basiszweck des Staates ist,<br />
das friedliche Zusammenleben der Menschen<br />
zu sichern. In se<strong>in</strong>em Hauptwerk<br />
Leviathan 4 von 1651 geht Hobbes davon aus,<br />
dass die politische Ordnung durch e<strong>in</strong>en<br />
rational begründeten Vertrag geschaffen<br />
wird, um den Krieg aller gegen alle, der im<br />
Naturzustand herrschte, zu überw<strong>in</strong>den.<br />
Der Staat ist nicht – wie die antike Philosophie<br />
geglaubt hatte – Folge der natürlichen<br />
Geselligkeit der Menschen, sondern<br />
Ergebnis e<strong>in</strong>er Nutzenabwägung und der<br />
Furcht vor der Unsicherheit des Naturzustands.<br />
Durch den Gesellschaftsvertrag übertragen<br />
nach Hobbes alle Individuen ihre<br />
Rechte auf e<strong>in</strong>en Souverän, der unabhängig<br />
von ihnen regieren kann, solange er ihnen<br />
Sicherheit garantiert. Dieser Souverän<br />
bekommt alle Macht. Durch die ihm zuerkannte<br />
Autorität ist er <strong>in</strong> der Lage, „alle<br />
Bürger zum Frieden und zu gegenseitiger<br />
Hilfe gegen auswärtige Fe<strong>in</strong>de zu zw<strong>in</strong>gen.“<br />
Er herrscht mit une<strong>in</strong>geschränkter<br />
Gewalt, der sich alle zu unterwerfen<br />
haben.<br />
Der moderne, neuzeitliche Staat wird<br />
demnach zuallererst durch se<strong>in</strong>e Sicherungsfunktion<br />
legitimiert 5 . Er ist, <strong>in</strong> den<br />
Worten von Theodor Heuss, der „Domestizierer“<br />
und „Befrieder“ des Menschen 6 . Er<br />
stellt Regeln auf, die das friedliche Zusammenleben<br />
der Menschen garantieren<br />
sollen und sieht Sanktionen für den<br />
Regelbrecher vor. Er schützt das Leben und<br />
die Güter se<strong>in</strong>er Bürger und unterb<strong>in</strong>det<br />
durch se<strong>in</strong>e Sicherheitsorgane die Androhung<br />
und Anwendung von privater<br />
Gewalt. Mit Recht wurde daher die Sorge<br />
für den <strong>in</strong>neren Frieden als „primäre<br />
Staatsaufgabe“ 7 bezeichnet. Das Bundesverfassungsgericht<br />
spricht vom „fundamentalen<br />
Staatszweck der Sicherheit“ 8 , der<br />
Verfassungsrechtler Josef Isensee gar von<br />
e<strong>in</strong>em „Grundrecht auf Sicherheit“ 9 .<br />
Auch nach außen hat der moderne<br />
Staat e<strong>in</strong>e Sicherheitsfunktion. Seit der<br />
Mitte des 17. Jahrhunderts stellt Sicherheit<br />
e<strong>in</strong>en „Grundbegriff“ der Außen- und Militärpolitik<br />
sowie des Völkerrechts dar 10 . Der<br />
Staat sorgt für die Verteidigung gegen<br />
Angriffe anderer Staaten; er betreibt<br />
„Sicherheitspolitik“, <strong>in</strong>dem er außenpolitisch<br />
agiert; Abkommen und Bündnisse<br />
zwischen Staaten sollen „kollektive Sicherheit“<br />
gewährleisten. Je <strong>in</strong>ternational ver-<br />
Der Autor<br />
Bbr. Prof. Dr. Klaus Stüwe, Jg. 1966,<br />
lehrt Politikwissenschaft an der<br />
Katholischen Universität Eichstätt-<br />
Ingolstadt (KU). Se<strong>in</strong>e Forschungsschwerpunkte<br />
s<strong>in</strong>d die politischen<br />
Systeme Deutschlands und der USA,<br />
Vergleichende Politikwissenschaft,<br />
Verfassungsgerichtsbarkeit und politische<br />
Kommunikation. Er ist Leiter<br />
des Studiengangs „Politik und Gesellschaft“<br />
an der KU und Mitglied im<br />
Zentralkomitee der deutschen Katholiken.<br />
Klaus Stüwe ist Mitglied der UNITAS<br />
Frankonia Eichstätt.<br />
Der vorliegende Beitrag gibt die<br />
Kurzfassung e<strong>in</strong>es Vortrags wider, der<br />
beim Treffen der korporationsstudentischen<br />
Verbände am 2.8.2011 im<br />
Rahmen der Salzburger Hochschulwoche<br />
2011 gehalten wurde.<br />
klaus.stuewe@ku-eichstaett.de<br />
netzter e<strong>in</strong> Staat ist, desto umfassender<br />
wird auch se<strong>in</strong> außenpolitisches Sicherheits<strong>in</strong>teresse.<br />
Der ehemalige deutsche<br />
Verteidigungsm<strong>in</strong>ister Peter Struck brachte<br />
diese Tatsache <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Regierungserklärung<br />
des Jahres 2004 auf den Punkt, als er<br />
sagte: „Unsere Sicherheit wird nicht nur,<br />
aber auch am H<strong>in</strong>dukusch verteidigt“ 11 . Das<br />
Beispiel Afghanistan zeigt darüber h<strong>in</strong>aus,<br />
dass unsere Sicherheit seit e<strong>in</strong>igen Jahren
Thomas Hobbes John Locke Charles de Montesquieu<br />
noch anderen Bedrohungslagen ausgesetzt<br />
ist. Der <strong>in</strong>ternationale Terrorismus ist zu<br />
e<strong>in</strong>er großen Herausforderung für die<br />
Gefahrenabwehrfunktion des Staates geworden.<br />
Der Staat als Gewährleister von<br />
Freiheit und Rechtssicherheit<br />
Der hobbesianische Staat kann zwar<br />
se<strong>in</strong>e Bürger vor Gefahren schützen, aber er<br />
kann auch selbst zu e<strong>in</strong>er Bedrohung werden.<br />
Selbst demokratische Verfassungsstaaten<br />
s<strong>in</strong>d ständig <strong>in</strong> Versuchung, die<br />
Freiheit ihrer Bürger unter Berufung auf<br />
Sicherheitszwecke unangemessen e<strong>in</strong>zuschränken<br />
und zu gefährden. Im Gegensatz<br />
zu Hobbes erkannte der Politiktheoretiker<br />
John Locke (1632 bis 1704) diese Ambivalenz<br />
der Staatszwecks Sicherheit. In se<strong>in</strong>em<br />
Second Treatise of Government (1689) geht<br />
er ebenfalls davon aus, dass die Menschen<br />
durch Vertrag „politische oder bürgerliche<br />
Gesellschaften“ 12 gründen, damit ihre Freiheit,<br />
ihr Leben und ihr Eigentum gegenüber<br />
den Übergriffen anderer verteidigt werden.<br />
Da aber die größte Gefahr, die dem neu gegründeten<br />
Geme<strong>in</strong>wesen droht, der Missbrauch<br />
der übertragenen Macht ist, schlägt<br />
Locke e<strong>in</strong>e Aufteilung staatlicher Gewalt<br />
auf mehrere Träger vor. Dieser Gedanke der<br />
Gewaltenteilung wurde von Charles de<br />
Montesquieu (1689 bis 1755) e<strong>in</strong> Jahrhundert<br />
später <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Werk „De l’esprit<br />
des lois“ (1748) aufgegriffen und <strong>in</strong> die bis<br />
heute vertraute Form gebracht. Legislative,<br />
Exekutive und Judikative teilen sich demnach<br />
die Staatsgewalt und kontrollieren<br />
sich gegenseitig.<br />
Während also der Staat des Thomas<br />
Hobbes Sicherheit garantiert, <strong>in</strong>dem er<br />
Macht bei sich konzentriert und monopolisiert,<br />
wird bei Locke und Montesquieu die<br />
Macht des Staates zur Vermeidung von<br />
Missbrauch „e<strong>in</strong>gehegt“ 13 und kontrolliert.<br />
Der E<strong>in</strong>zelne soll nicht nur vor Übergriffen<br />
durch se<strong>in</strong>e Mitmenschen geschützt werden,<br />
sondern auch vor Übergriffen des<br />
Staates selbst. Durch diese Konstruktion<br />
soll der Staat selbst zum Garanten der<br />
Freiheit werden. Der S<strong>in</strong>n des auf Rechtsschutz<br />
angelegten Zwecks des liberalen<br />
Rechtsstaats wurde bereits im 19. Jahrhundert<br />
durch den Begriff der „Rechtssicherheit“<br />
wiedergegeben. So hieß es <strong>in</strong> Meyers<br />
Konversationslexikon des Jahres 1858: „Die<br />
rechtliche Sicherheit ist e<strong>in</strong>er der großen<br />
Hauptzwecke des Staates, ja <strong>in</strong> gewisser<br />
H<strong>in</strong>sicht se<strong>in</strong> Hauptzweck selbst. Die<br />
Rechtssicherheit <strong>in</strong> ihrem ganzen Umfange<br />
wird stets nur das Eigentum freier Staaten<br />
se<strong>in</strong>.“ 14<br />
Diese Annahmen fanden freilich erst im<br />
Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts E<strong>in</strong>gang<br />
<strong>in</strong> konkrete politische Praxis. E<strong>in</strong>e<br />
gewaltenteilige Staatsorganisation und<br />
<strong>in</strong>sbesondere die Gewährleistung von<br />
Menschen- und Bürgerrechten als Abwehrrechte<br />
gegen den Staat sollen <strong>in</strong> den<br />
modernen Verfassungsstaaten das Bedürfnis<br />
des E<strong>in</strong>zelnen nach Sicherheit gegenüber<br />
staatlichen E<strong>in</strong>griffen gewährleisten.<br />
Manifest wird dies z. B. <strong>in</strong> der Festschreibung<br />
der Gewaltenteilung und des Rechtsstaatspr<strong>in</strong>zips<br />
<strong>in</strong> Art. 20 des Grundgesetzes<br />
der Bundesrepublik Deutschland. Eigens<br />
e<strong>in</strong>gerichtete Verfassungsgerichte wie das<br />
Bundesverfassungsgericht <strong>in</strong> Karlsruhe sollen<br />
die Freiheit und die Rechte der Bürger<br />
auch <strong>in</strong>stitutionell gewährleisten.<br />
Beide Aspekte – der Schutz der Bürger<br />
vore<strong>in</strong>ander durch den Staat (Sicherheit)<br />
und der Bürger gegen den Staat (Freiheit) –<br />
s<strong>in</strong>d zentrale Themen geblieben, die sich<br />
„wie e<strong>in</strong> rotes Band durch die moderne<br />
Staats- und Verfassungsgeschichte ziehen“<br />
15 . Die Suche nach der rechten Balance<br />
zwischen Sicherheit und Freiheit ist e<strong>in</strong>e<br />
der Grundkonstanten moderner Staatlichkeit.<br />
Der Staat als Gewährleister<br />
sozialer Sicherheit<br />
Mit der im 19. Jahrhundert e<strong>in</strong>setzenden<br />
Industrialisierung entstand e<strong>in</strong>e neue<br />
Gefährdungslage. Nun galt es, der Furcht<br />
der Menschen vor den wirtschaftlichen und<br />
sozialen Risiken des Lebens zu begegnen.<br />
Der moderne Staat nahm auch dieses<br />
Verlangen nach Sicherheit auf: Er wandelte<br />
sich zum Sozialstaat. Die Ursachen und<br />
Motive für den Beg<strong>in</strong>n sozialpolitischer<br />
Aktivitäten durch den Staat waren vielfältig.<br />
Die Modernisierung der Gesellschaftsund<br />
Wirtschaftsordnung hatte im Verlauf<br />
des 19. Jahrhunderts nicht nur zur politischen<br />
und ökonomischen Emanzipation vor<br />
allem bürgerlicher Bevölkerungsschichten<br />
geführt. Mit dem Untergang der alten ständischen<br />
Ordnung g<strong>in</strong>gen auch traditionelle<br />
Fürsorgestrukturen verloren wie die Großfamilie,<br />
das Zunftwesen oder die B<strong>in</strong>dung<br />
an den Gutsherrn. Das machte Risiken wie<br />
Alter, Krankheit, Unfall oder Beh<strong>in</strong>derung<br />
zu e<strong>in</strong>er unmittelbaren Existenzbedrohung.<br />
Zugleich brachte der ökonomische und<br />
gesellschaftliche Transformationsprozess<br />
neue soziale Probleme <strong>in</strong> Form von Massenarbeitslosigkeit,<br />
Massenarmut, miserablen<br />
Arbeitsbed<strong>in</strong>gungen und extremer Wohnungsnot.<br />
Die Politisierung dieser sozialen Probleme<br />
und die Mobilisierung der Arbeiter <strong>in</strong><br />
Gewerkschaften und sozialdemokratischen<br />
Parteien führten zu e<strong>in</strong>er Sensibilisierung<br />
der politischen Eliten. Als erstes Land reagierte<br />
das Deutsche Reich unter Reichskanzler<br />
Bismarck auf die neuen Bed<strong>in</strong>gungen,<br />
<strong>in</strong>dem es <strong>in</strong> rascher Folge Pflichtversicherungen<br />
gegen Krankheit (1883), <strong>in</strong>dustrielle<br />
Unfälle (1884) sowie Invalidität und<br />
Alter (1889) errichtete.<br />
In anderen Ländern Europas fasste der<br />
moderne Sozialstaat nur wenig später Fuß. >><br />
unitas 4/2011 283
Die E<strong>in</strong>führung der sozialen Sicherungssysteme<br />
folgte meist e<strong>in</strong>em bestimmten<br />
Rhythmus: Zunächst wurde die Unfallversicherung<br />
errichtet, anschließend der<br />
Schutz gegen Risiken des Alters, der<br />
Krankheit und Invalidität, sodann mit erheblicher<br />
Zeitverzögerung die Arbeitslosenversicherung<br />
und mit meist noch größerem<br />
Abstand die Sozialpolitik für Familien. In<br />
den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts<br />
kam <strong>in</strong> e<strong>in</strong>igen Ländern der Aufbau<br />
e<strong>in</strong>er Pflegeversicherung h<strong>in</strong>zu 16 .<br />
Zu den Nachzüglern der Sozialpolitik<br />
zählten die USA. Die Amerikaner<br />
entschlossen sich erst <strong>in</strong> der<br />
Weltwirtschaftskrise Anfang der<br />
1930er Jahre mit der Politik des „New<br />
Deal“ zu ersten Ansätzen des Aufbaus<br />
von sozialen Sicherungssystemen auf<br />
nationaler Ebene. Präsident Frankl<strong>in</strong><br />
D. Roosevelt verwendete im Jahr 1934<br />
<strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Botschaft an den amerikanischen<br />
Kongress erstmals die Formel<br />
von der „Social Security“ 17 . Dieser<br />
ursprünglich re<strong>in</strong> US-amerikanische<br />
Begriff der „Sozialen Sicherheit“ setzte<br />
sich vom Ende der 1930er Jahre an<br />
auch <strong>in</strong>ternational sehr schnell durch.<br />
Roosevelt hatte mit der Politik der<br />
sozialen Sicherheit großen Erfolg –<br />
nicht nur bei der Bekämpfung der<br />
sozialen Not, sondern auch politisch. Se<strong>in</strong>e<br />
Sozialpolitik machte ihn so populär, dass<br />
ihn das amerikanische Volk <strong>in</strong>sgesamt vier<br />
Mal <strong>in</strong> das Präsidentenamt wählte. Schon<br />
damals zeichnete sich ab, dass das Thema<br />
soziale Sicherheit <strong>in</strong> den Demokratien der<br />
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu e<strong>in</strong>em<br />
politischen Argument werden würde:<br />
Mit dem Versprechen sozialer Sicherheit<br />
waren Wahlen zu gew<strong>in</strong>nen.<br />
Schon aus diesem Grund hatte der<br />
Sozialstaat <strong>in</strong> den westlichen Demokratien<br />
e<strong>in</strong>e gleichsam automatische Expansionstendenz.<br />
Die staatliche Sozialpolitik, die im<br />
19. Jahrhundert als eng begrenzte Arbeiterund<br />
Armenpolitik begonnen hatte, differenzierte<br />
sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts<br />
<strong>in</strong> zahlreiche Teilbereiche. Im Ergebnis<br />
entstand e<strong>in</strong> weit ausgreifendes System<br />
der sozialen Sicherung, das nicht erst bei<br />
existenzbedrohenden Notlagen e<strong>in</strong>greift,<br />
sondern E<strong>in</strong>kommens-, Versorgungs- und<br />
Lebenslagen umfassend sichert 18 .<br />
Erst seit Mitte der 1970er Jahre begannen<br />
Politik und Wissenschaft sich mit den<br />
Grenzen des Sozialstaats zu beschäftigen.<br />
Lang anhaltende Arbeitslosigkeit, ger<strong>in</strong>gere<br />
Wachstumsraten der Wirtschaft, F<strong>in</strong>anzierungsprobleme<br />
<strong>in</strong> den Sozialversicherungen,<br />
hohe Staatsverschuldung sowie hohe<br />
Belastungen von Wirtschaft und Arbeitnehmern<br />
durch Steuern und Beiträge führten<br />
zu e<strong>in</strong>em Ende der Expansionsphase<br />
und zum Beg<strong>in</strong>n e<strong>in</strong>er Stagnations- oder<br />
sogar partiellen Kürzungsphase.<br />
284<br />
unitas 4/2011<br />
Neue Sicherheitsaufgaben<br />
des Staates<br />
Mit dem Fortschreiten der Modernisierung<br />
können <strong>in</strong>zwischen noch weitere<br />
Entwicklungsstufen der sicherheitsorientierten<br />
staatlichen Aufgabenstellung beobachtet<br />
werden. Der moderne Staat nahm<br />
und nimmt sich neu entstandenen Sicherheitsbelangen<br />
nämlich genauso an, wie er<br />
sich den vorgelagerten elementaren Sicherheitsbedürfnissen<br />
zu widmen hat.<br />
Vom Staat wird Schutz gegen die Bedrohungen<br />
des Computerzeitalters erwartet.<br />
So geht es seit langem auch um<br />
Ressourcen- und Rohstoffsicherheit. Bereits<br />
<strong>in</strong> vormoderner Zeit hatten politische Geme<strong>in</strong>wesen<br />
für die Versorgung ihrer Bürger<br />
mit lebenswichtigen Ressourcen gesorgt.<br />
Doch seit etwa 40 Jahren lösen die immer<br />
knapper werdenden fossilen Energieträger<br />
<strong>in</strong> denjenigen Staaten, deren Wohlstand<br />
und Lebensstil maßgeblich von ihnen abhängen,<br />
zunehmende Bedrohungsängste<br />
aus. Staaten reagieren darauf, <strong>in</strong>dem sie<br />
ihre Außen- und Verteidigungspolitik verstärkt<br />
auch auf die Sicherung der Rohstoffversorgung<br />
ausweiten.<br />
Eng damit verknüpft ist die Problematik<br />
der Energiesicherheit, die sich ebenfalls zu<br />
e<strong>in</strong>er bedeutenden Staatsaufgabe entwickelt<br />
hat. In den nächsten Jahren werden<br />
die Industriestaaten und erst recht die<br />
Schwellenländer trotz aller Sparziele weiterh<strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>en enorm hohen Energieverbrauch<br />
haben. In Deutschland besteht hier<br />
durch den Anfang 2011 beschlossenen<br />
schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie<br />
besonderer Handlungsbedarf.<br />
Von der Frage der Energiesicherheit<br />
nicht zu trennen ist e<strong>in</strong>e weitere Sicherungsaufgabe<br />
des Staates, nämlich der<br />
Umweltschutz. Im Angesicht der Furcht vor<br />
ihrer irreversiblen Zerstörung sorgt der<br />
Staat heute auch für die Erhaltung und den<br />
Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen<br />
der Menschen. In der Bundesrepublik<br />
besitzt diese Aufgabe seit 2002 sogar<br />
Verfassungsrang 19 .<br />
Der technologische Fortschritt der<br />
Moderne machte schließlich auch Sicherheitsaktivitäten<br />
des Staates im Bereich der<br />
technischen Sicherheit notwendig 20 . Vor<br />
allem der zunehmende Verkehr erforderte<br />
Sicherheitsvorkehrungen. Immer mehr und<br />
schneller fahrende Kraftfahrzeuge zwangen<br />
den Staat, regulierend <strong>in</strong> den Verkehr<br />
e<strong>in</strong>zugreifen und für Verkehrssicherheit zu<br />
sorgen. Staatliche Vorschriften zur Beherrschung<br />
und M<strong>in</strong>imierung technischer<br />
Risiken s<strong>in</strong>d heute aus dem Alltag nicht<br />
mehr wegzudenken. Ob <strong>in</strong> der Luftfahrt,<br />
beim Arbeitsschutz oder im<br />
Haushalt – überall ist der Staat an der<br />
Gewährleistung von technischer<br />
Sicherheit durch die Aufstellung von<br />
technischen Standards und durch<br />
Sicherheitskontrollen aktiv beteiligt.<br />
Auch die Produktsicherheit ist <strong>in</strong> diesem<br />
Zusammenhang zu nennen.<br />
Zu e<strong>in</strong>em immer bedeutenderen<br />
Handlungsfeld des Staates hat sich<br />
schließlich die Informations- und<br />
Datensicherheit entwickelt. Mit dem<br />
rasanten Wachstum der Informationstechnologie<br />
ist <strong>in</strong> den vergangenen<br />
Jahren e<strong>in</strong>e bis dah<strong>in</strong> unbekannte<br />
Bedrohungslage entstanden. E<strong>in</strong> Aspekt<br />
ist die Internetkrim<strong>in</strong>alität 21 .<br />
Computerviren, Trojaner und Würmer<br />
drohen die auf Computer gespeicherten<br />
Daten und Programme zu löschen,<br />
Rechner zu lähmen oder außer Betrieb zu<br />
setzen; durch Phish<strong>in</strong>g täuschen Hacker<br />
e<strong>in</strong>e falsche Identität vor, spionieren persönliche<br />
Daten aus und greifen auf Bankkonten<br />
zu. Aber das IT-Zeitalter kennt auch<br />
globale Bedrohungslagen. Mit den seit<br />
2005 zunehmenden, zielgerichteten elektronischen<br />
Angriffen auf Behörden und<br />
Wirtschaftsunternehmen werden ganze<br />
Staaten bedroht.<br />
Zur Abwehr solcher Gefahren des<br />
Computerzeitalters wird Schutz ebenfalls<br />
allenthalben durch den Staat erwartet. In<br />
Deutschland wurde deshalb bereits im Jahr<br />
1991 das „Bundesamt für Sicherheit <strong>in</strong> der<br />
Informationstechnik“ <strong>in</strong> Bonn e<strong>in</strong>gerichtet,<br />
im April 2011 zudem e<strong>in</strong> „Nationales Cyber-<br />
Abwehrzentrum“.<br />
Sicher – unsicher. Grenzen der<br />
Sicherheitstätigkeit des Staates<br />
Der menschliche Wunsch, sich sicher<br />
fühlen zu können, steht <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em engen<br />
Zusammenhang mit der Entstehung, Entwicklung<br />
und Ausweitung des modernen<br />
Staates. Doch die dem Sicherungszweck<br />
des Staates <strong>in</strong>newohnende Dynamik hat<br />
ihre Grenzen. Diese sollen abschließend <strong>in</strong><br />
drei Thesen angesprochen werden.<br />
Erstens: „Die Erweiterung der staatlichen<br />
Zweckordnungen und Zweckdimensionen<br />
darf (...) <strong>in</strong> ke<strong>in</strong>em Fall zur Aufgabe der ele-
mentaren Sicherungszwecke führen“ 22 . Mit<br />
Recht plädierte der frühere Präsident des<br />
Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen<br />
Papier, dafür, dass der Sicherheitszweck des<br />
Staates „nicht gegen den liberalen, staatsbegrenzenden<br />
und freiheitsverbürgenden<br />
Zweck des Rechtsstaats ausgespielt werden“<br />
dürfe. Gerade unter dem Aspekt terroristischer<br />
Bedrohung kann diese Grenze<br />
jedoch leicht überschritten werden. Das<br />
Bundesverfassungsgericht hat zwar schon<br />
früh festgestellt: „Der Staat darf und muss<br />
terroristischen Bestrebungen (...) mit den<br />
erforderlichen rechtsstaatlichen Mitteln<br />
wirksam entgegentreten“ 23 .<br />
Bei der Wahl der Mittel zur<br />
Erfüllung dieser Schutzpflicht<br />
ist der Staat jedoch auf diejenigen<br />
Mittel beschränkt, „deren<br />
E<strong>in</strong>satz mit der Verfassung<br />
<strong>in</strong> E<strong>in</strong>klang steht“ 24 .<br />
Staatliche Maßnahmen zur<br />
Terrorabwehr, wie sie nach<br />
dem 11. September 2001 auch<br />
<strong>in</strong> Deutschland beschlossen<br />
wurden – etwa der Große<br />
Lauschangriff, das Luftsicherheitsgesetz,<br />
die Antiterror-<br />
Datei –, stehen deshalb stets<br />
unter dem Gebot der Verhältnismäßigkeit.<br />
Sicherheit<br />
darf nicht zu Lasten der Freiheit<br />
gehen.<br />
Zweitens: Sicherheit hat ihren<br />
Preis. Dies gilt für <strong>in</strong>nere und<br />
äußere Sicherheit, aber mehr<br />
noch für soziale Sicherheit.<br />
Sicherheit kostet Geld, und<br />
mit der Ausdehnung der<br />
Sicherheitsaufgaben des<br />
Staates s<strong>in</strong>d parallel auch die<br />
Ausgaben des Staates angestiegen<br />
– und zwar geradezu<br />
exponentiell. In Zeiten zurückgehender<br />
Steuere<strong>in</strong>nahmen, von Haushaltsdefiziten<br />
und F<strong>in</strong>anzkrisen können<br />
Staaten freilich nicht unendlich Ausgaben<br />
tätigen, sondern müssen über e<strong>in</strong>e verantwortliche<br />
Begrenzung nachdenken. Dies ist<br />
bekanntlich e<strong>in</strong>e schwierige Aufgabe:<br />
Gerade im Bereich der Verteidigung können<br />
Sparmaßnahmen schnell die E<strong>in</strong>satzbereitschaft<br />
gefährden. Im Bereich der Sozialpolitik<br />
haben die so genannten „Hartz“-<br />
Reformen <strong>in</strong> Deutschland haben zwar<br />
gezeigt, dass die politischen Akteure durchaus<br />
<strong>in</strong> der Lage s<strong>in</strong>d, partielle Leistungskürzungen<br />
durchzusetzen. Angesichts der<br />
breiten politischen Basis der bisherigen<br />
sozialstaatlichen Entwicklung ersche<strong>in</strong>t<br />
jedoch e<strong>in</strong> über solche partiellen Leistungskürzungen<br />
h<strong>in</strong>ausgehender Abbau<br />
sozialpolitischer Programme wenig wahrsche<strong>in</strong>lich.<br />
Drittens: Totale Sicherheit gibt es nicht.<br />
Bedrohungen und Gefahren gehören eben<br />
unvermeidlich zur menschlichen Existenz.<br />
Der Soziologie Ulrich Beck hat aufgezeigt:<br />
Je moderner und komplexer Gesellschaften<br />
werden, desto größer werden die Risiken 24 .<br />
Diese kann der Staat zwar möglicherweise<br />
m<strong>in</strong>imieren, aber ganz beseitigen kann er<br />
sie nicht. So wie im Straßenverkehr das<br />
Nullrisiko nur zu erreichen wäre, wenn wir<br />
das Geschw<strong>in</strong>digkeitslimit auf null Kilometer<br />
reduzierten, so könnte das Risiko<br />
e<strong>in</strong>es Terroranschlags letztendlich nur ausgeschlossen<br />
werden, wenn der Staat jedem<br />
e<strong>in</strong>zelnen Bürger e<strong>in</strong>en Überwacher zuteilen<br />
würde 26 . E<strong>in</strong>e solche Vorstellung ist<br />
absurd und wäre mit den Pr<strong>in</strong>zipien e<strong>in</strong>er<br />
freiheitlichen Demokratie nicht zu vere<strong>in</strong>-<br />
„Sicherheit darf nicht zu Lasten der Freiheit gehen“<br />
baren. Darüber h<strong>in</strong>aus müssen wir immer<br />
damit rechnen, dass nach der Beseitigung<br />
von alten Bedrohungen neue Risiken entstehen<br />
können. Inzwischen ist der Kalte<br />
Krieg zu Ende und der Sozialstaat hat e<strong>in</strong><br />
beachtliches Niveau erreicht, aber auch das<br />
21. Jahrhundert wird trotz aller Sicherheitsanstrengungen<br />
von Unsicherheit geprägt<br />
se<strong>in</strong>. Globale Probleme wie der Klimawandel<br />
und die Bedrohung durch den <strong>in</strong>ternationalen<br />
Terrorismus stellen neue Gefährdungslagen<br />
dar. Und auch mit materiellen<br />
Existenzängsten werden weiterh<strong>in</strong><br />
viele Menschen konfrontiert bleiben.<br />
Gerade dieser letzte Aspekt verweist<br />
darauf, dass Sicherheit als normativer<br />
Begriff stets e<strong>in</strong>e psychologisch-subjektive<br />
Dimension besitzt. Es wird immer e<strong>in</strong>e Kluft<br />
geben zwischen objektiv bestimmbarer<br />
und vom Staat herstellbarer Sicherheit und<br />
der subjektiven Empf<strong>in</strong>dung praktischer<br />
Unsicherheit.Wir müssen damit leben, dass<br />
hier auf Erden immer e<strong>in</strong> Rest Unsicherheit<br />
bleibt.<br />
Anmerkungen<br />
1 David de Breton, Passions du risque. Paris 1991.<br />
2 Zum Begriff der Sicherheit vgl. Franz-Xaver<br />
Kaufmann, Sicherheit als soziologisches und<br />
sozialpolitisches Problem. Stuttgart (2. Aufl.)<br />
1973, S. 6 ff.<br />
3 Klaus Stüwe, Innere Sicherheit im Bundesstaat,<br />
<strong>in</strong>: Klaus Detterbeck, Wolfgang Renzsch und<br />
Stefan Schieren (Hrsg.), Föderalismus <strong>in</strong><br />
Deutschland. München 2010, S. 293.<br />
4 Thomas Hobbes, Leviathan. Erster und zweiter<br />
Teil (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8348).<br />
Stuttgart 1998 (übersetzt von Jacob Peter<br />
Mayer).<br />
5 Vgl. Wolfgang Cremer, Freiheitsgrundrechte:<br />
Funktionen und Strukturen. Tüb<strong>in</strong>gen 2003, S.<br />
259.<br />
6 Deutscher Bundestag/Bundesarchiv (Hrsg.), Der<br />
Parlamentarische Rat 1948-1949. Band 5/1,<br />
Boppard am Rhe<strong>in</strong> 1993, S. 71.<br />
7 Kurt Eichenberger, Die Sorge für den <strong>in</strong>neren<br />
Frieden als primäre Staatsaufgabe, <strong>in</strong>: Ders., Der<br />
Staat der Gegenwart. Tüb<strong>in</strong>gen 1980, S. 73 ff.<br />
8 BVerfG, 1 BvR 518/02 vom 4.4.2006, Absatz-Nr.<br />
128.<br />
9 Josef Isensee, Das Grundrecht auf Sicherheit. Zu<br />
den Schutzpflichten des freiheitlichen Verfassungsstaates.<br />
Berl<strong>in</strong> u.a. 1983.<br />
10 Werner Conze, Sicherheit, <strong>in</strong>: Otto Brunner,<br />
Werner Conze und Re<strong>in</strong>hart Koselleck (Hrsg.),<br />
Geschichtliche Grundbegriffe. Stuttgart 1984<br />
(Ausgabe 2004), S. 834.<br />
11 Peter Struck, Regierungserklärung, Berl<strong>in</strong>, 11.<br />
März 2004.<br />
12 John Locke, Über die Regierung. Stuttgart 1974,<br />
S. 67.<br />
13 Gert-Joachim Gläßner, Sicherheit <strong>in</strong> Freiheit, <strong>in</strong>:<br />
APuZ B 10-11 (2002), S. 7.<br />
14 Neues Conversations-Lexikon für alle Stände,<br />
Bd. 38. Hildburghausen 1858, S. 1279, Art.„Sicherheit“.<br />
15 Gert-Joachim Gläßner, Sicherheit <strong>in</strong> Freiheit, <strong>in</strong>:<br />
APuZ B 10-11 (2002), S. 3; vgl. auch Erhard Denn<strong>in</strong>ger,<br />
Sicherheit – Vielfalt – Solidarität: Ethisierung<br />
der Verfassung?, <strong>in</strong>: Ulrich K. Preuß (Hrsg.),<br />
Zum Begriff der Verfassung. Die Ordnung des<br />
Politischen, Frankfurt/M. 1994, S. 115.<br />
16 Zur Entwicklung des Sozialstaats vgl. Franz-<br />
Xaver Kaufmann, Varianten des Wohlfahrtsstaats.<br />
Der deutsche Sozialstaat im <strong>in</strong>ternationalen<br />
Vergleich. Frankfurt/M. 2003; zur Typologie<br />
moderner Sozialstaaten vgl. die e<strong>in</strong>flussreiche<br />
Arbeit von Gösta Esp<strong>in</strong>g-Andersen, The<br />
Three Worlds of Welfare Capitalism. Pr<strong>in</strong>ceton<br />
1990.<br />
17 Frankl<strong>in</strong> D. Roosevelt, Message to Congress Review<strong>in</strong>g<br />
the Broad Objectives and Accomplishments<br />
of the Adm<strong>in</strong>istration. June 8, 1934.<br />
18 Gerhard Bäcker u.a, Sozialpolitik und soziale<br />
Lage <strong>in</strong> Deutschland.Wiesbaden (3. Aufl.), 2000,<br />
S. 35.<br />
19 Art. 20a GG.<br />
20 Franz-Xaver Kaufmann, Sicherheit als soziologisches<br />
und sozialpolitisches Problem. Stuttgart<br />
1970, S. 76.<br />
21 Vgl. Markus Thiel, Die Entgrenzung der Gefahrenabwehr.<br />
Tüb<strong>in</strong>gen 2011, S. 6-29.<br />
22 Hans Jürgen Papier, Wie der Staat Freiheit und<br />
Sicherheit vere<strong>in</strong>t, <strong>in</strong>: Die Welt vom 1.6.2008.<br />
23 BVerfGE 49, 24 (56).<br />
24 BVerfG, 1 BvR 518/02 vom 4.4.2006, Absatz-Nr. 130.<br />
26 Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg <strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>e andere Moderne. Frankfurt a.M. 1986.<br />
26 Vgl. Rolf Dobelli,Warum wir für das Nullrisiko zu<br />
viel bezahlen, <strong>in</strong>: FAZ vom 7.3.2011, S. 28.<br />
unitas 4/2011 285
Internationales Friedenstreffen <strong>in</strong> München:<br />
„Zusammenleben – unsere Bestimmung“<br />
MÜNCHEN. Große Bühne <strong>in</strong> München – im<br />
Rest der Republik g<strong>in</strong>g es Anfang September<br />
im aufgeregten Themensalat der Wochen<br />
fast weitgehend unter: Das Internationale<br />
Friedenstreffen <strong>in</strong> München, organisiert von<br />
der Geme<strong>in</strong>schaft Sant’Egidio kurz vor dem<br />
Jubiläum des ersten Treffens vor 25 Jahren,<br />
zu dem Papst Johannes Paul II. Vertreter der<br />
verschiedenen Religionen der Welt nach<br />
Assisi geladen hatte.<br />
Friede ist ständiger Auftrag<br />
„Das Leitwort des Friedenstreffens<br />
„Bound to live together“ / „Zusammen<br />
leben – unsere Bestimmung“ er<strong>in</strong>nert daran,<br />
dass wir Menschen aufe<strong>in</strong>ander verwiesen<br />
s<strong>in</strong>d“, erklärte Papst Benedikt XVI.<br />
<strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Grußwort an Bbr. Re<strong>in</strong>hard<br />
Kard<strong>in</strong>al Marx, den Erzbischof von München<br />
und Freis<strong>in</strong>g. Heute mehr als zuvor <strong>in</strong><br />
universalem Maßstab: „In unseren geme<strong>in</strong>samen<br />
Bemühungen um den Frieden dürfen<br />
wir niemals nachlassen“, verwies der<br />
Papst auf große Herausforderungen der<br />
ganzen Menschheitsfamilie wie Migration,<br />
Globalisierung, Wirtschaftskrisen und<br />
Bewahrung der Schöpfung. Neben vielen<br />
hoffnungsvollen Aufbrüchen zu Versöhnung<br />
und Frieden gebe es auch viele verlorene<br />
Chancen und Rückschläge. Gewaltund<br />
Terrorakte hätten vielfach die Hoffnung<br />
auf e<strong>in</strong> friedvolles Zusammenleben<br />
der Menschheitsfamilie im angebrochenen<br />
dritten Jahrtausend erstickt, alte Konflikte<br />
schwelten weiter oder brächen von neuem<br />
aus, neue Ause<strong>in</strong>andersetzungen und Probleme<br />
kämen h<strong>in</strong>zu. „Dies alles zeigt uns<br />
deutlich, dass Friede e<strong>in</strong> ständiger Auftrag<br />
an uns alle und e<strong>in</strong> Geschenk ist, um das<br />
wir alle bitten müssen.“<br />
Rund 10.000 Teilnehmer zählte das<br />
Treffen, unter ihnen Hunderte Vertreter von<br />
Judentum, Islam, Buddhismus und H<strong>in</strong>duismus.<br />
Mit führenden Persönlichkeiten aus<br />
Politik und Kultur diskutierten sie <strong>in</strong> rund 50<br />
Podien über Themen wie Europas <strong>in</strong>ternationale<br />
Verantwortung, E<strong>in</strong>wanderung,<br />
Toleranz und die Umbrüche <strong>in</strong> der arabischen<br />
Welt. Geme<strong>in</strong>sam gedachten sie der<br />
fast 3.000 Menschen, die zehn Jahre zuvor<br />
beim Anschlag auf das Word Trade Center<br />
starben. „Die Weltreligionen können und<br />
müssen mehr tun für dieses zentrale<br />
Anliegen der Menschheit“, äußerte Bundespräsident<br />
Christian Wulff: „Ich glaube, dass<br />
das der entscheidende Weg zum Frieden ist:<br />
e<strong>in</strong>e Allianz der Kulturen und der Religionen<br />
zu schmieden. Wir müssen die Konkurrenz<br />
gegenseitigen Misstrauens durch e<strong>in</strong>e<br />
Allianz des Vertrauens besiegen“.<br />
286<br />
unitas 4/2011<br />
Grundlage der Politik seien Überzeugungen<br />
<strong>in</strong> der Gesellschaft, die von den<br />
Kirchen entscheidend mitgeprägt würden,<br />
erklärte Bundeskanzler<strong>in</strong> Angela Merkel:<br />
„Die Trennung von Kirche und Staat darf<br />
niemals vergessen lassen, dass wir als<br />
Menschen ohne den Glauben an Gott<br />
schnell überheblich werden.“<br />
Marx fordert soziale<br />
Marktwirtschaft auf Weltebene<br />
Bbr. Kard<strong>in</strong>al Marx aus dem gastgebenden<br />
Erzbistum forderte bei e<strong>in</strong>er Podiumsdiskussion<br />
mit F<strong>in</strong>anzm<strong>in</strong>ister Schäuble<br />
e<strong>in</strong>e „soziale Marktwirtschaft auf Weltebene“.<br />
E<strong>in</strong> Markt könne nur Früchte tragen<br />
und dem Weltgeme<strong>in</strong>wohl dienen, wenn<br />
er „<strong>in</strong> e<strong>in</strong>en ordnungspolitischen Rahmen<br />
e<strong>in</strong>geordnet ist, der ethische <strong>Qualität</strong>en<br />
hat“.<br />
Mit Bezug auf die von Papst Benedikt<br />
XVI. <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Sozialenzyklika „Caritas <strong>in</strong> veritate“<br />
geforderten „neuen humanistischen<br />
Synthese“ appellierte Kard<strong>in</strong>al Marx, geme<strong>in</strong>sam<br />
e<strong>in</strong>e „neue Fortschrittsidee“ zu<br />
entwickeln, für „e<strong>in</strong>e Gesellschaft, die allen<br />
e<strong>in</strong>e Chance gibt“.<br />
Dazu müssten auch die F<strong>in</strong>anzmärkte<br />
e<strong>in</strong>en produktiven Beitrag leisten. Aufgabe<br />
der Politik sei es, „das Ganze anzuschauen,<br />
von den Folgen für das Ganze her zu denken<br />
und dann die entscheidenden Schritte<br />
zu tun“. In diesem Bemühen müssten die<br />
Politiker auch von der Kirche unterstützt<br />
werden. Europa könne als positives Beispiel<br />
vorangehen und zeigen, „was es<br />
bedeutet, die Wirtschaft so zu gestalten,<br />
dass sie der Menschheit dient. Das ist<br />
jede Mühe wert“.<br />
„Europa wieder<br />
positiv vorantreiben“<br />
Bei e<strong>in</strong>em Podium über „Europa und<br />
se<strong>in</strong>e Verantwortung <strong>in</strong> der Welt“ hatte<br />
Marx bereits zu Beg<strong>in</strong>n des Treffens die<br />
Überw<strong>in</strong>dung europäischer Selbstzweifel<br />
angemahnt und die gesellschaftlichen<br />
Gruppen dazu aufgefordert, „Europa wieder<br />
positiv voranzutreiben“. Marx beklagte<br />
e<strong>in</strong>e „mangelnde Identifizierung“ und erklärte:<br />
„Europa sollte e<strong>in</strong> positives Mobilisierungsprojekt<br />
se<strong>in</strong>.“ Europa wecke <strong>in</strong> der<br />
gegenwärtigen Situation „nicht nur positive<br />
Assoziationen“, räumte er e<strong>in</strong>, doch gelte<br />
es, e<strong>in</strong>en grundsätzlichen „Selbstzweifel<br />
mit Blick auf die eigene Geschichte, Kultur<br />
und Tradition“ abzuarbeiten und e<strong>in</strong>en<br />
„Neuaufbruch“ zu wagen. „Europa soll<br />
nicht nur um sich selbst kreisen, nicht nur<br />
wirtschaftliche Interessen verfolgen, sondern<br />
e<strong>in</strong>en Beitrag leisten zu e<strong>in</strong>er besseren<br />
Welt“, appellierte der Kard<strong>in</strong>al. Entgegen<br />
aktueller Tendenzen zur Renationalisierung<br />
und dem Wiedererstarken von E<strong>in</strong>zel<strong>in</strong>teressen<br />
müsse Europa zu „e<strong>in</strong>em positiven<br />
Programm für das 21. Jahrhundert“<br />
werden, das vor allem dem Menschen<br />
diene: „Wir s<strong>in</strong>d nicht die Retter der Welt,<br />
aber wir wollen e<strong>in</strong>en Beitrag leisten.“<br />
„Schicksalsgeme<strong>in</strong>schaft<br />
spüren“<br />
Zivilgesellschaftliche Gruppen wie die<br />
Geme<strong>in</strong>schaft Sant’Egidio sollten „die Idee<br />
Europa neu mit Leben anfüllen und voranbr<strong>in</strong>gen“,<br />
forderte Marx. Dies geschehe auf<br />
zwei Ebenen. Zum e<strong>in</strong>en müsse „an den<br />
großen Zielen“ weiter gearbeitet werden,<br />
an der geme<strong>in</strong>samen Charta der Grundrechte<br />
etwa, an e<strong>in</strong>er europäischen Identität<br />
und pr<strong>in</strong>zipieller Verbundenheit:<br />
„Europa kann nur dann lebendig werden,<br />
wenn Emotion da ist, wenn e<strong>in</strong>e Schicksalsgeme<strong>in</strong>schaft<br />
zu spüren ist.“ Zum<br />
anderen brauche es immer wieder „konkrete,<br />
politische Alltagsprojekte“, wie die<br />
Armutsbekämpfung, e<strong>in</strong>e ethisch <strong>in</strong>spirierte<br />
Wirtschaft oder den geme<strong>in</strong>samen<br />
Kampf gegen die Todesstrafe.<br />
Auch der Gründer der römischen Basisgeme<strong>in</strong>schaft<br />
Sant’Egidio, Andrea Riccardi,<br />
forderte, die Welt brauche e<strong>in</strong> starkes und<br />
vere<strong>in</strong>tes Europa: „Die europäische Sache<br />
ist zu ernst, um sie Wenigen zu überlassen.“<br />
Trotz der „Grenzen der <strong>in</strong>tellektuellen<br />
Klassen und Führungskräfte“ <strong>in</strong> Europa<br />
dürfe sich die Staatengeme<strong>in</strong>schaft nicht<br />
selbst „auf e<strong>in</strong>e Handvoll kle<strong>in</strong>er Länder“<br />
reduzieren. Vielmehr müssten „e<strong>in</strong>e Leidenschaft<br />
und e<strong>in</strong> Ethos“ neu wachsen, die von
allen geteilt würden: „Ansonsten schreiben<br />
wir ke<strong>in</strong>e Geschichte, sondern bleiben <strong>in</strong><br />
den Debatten unserer e<strong>in</strong>zelnen Länder<br />
gefangen.“<br />
Positive Abschlussbilanz<br />
„Wir haben nicht übere<strong>in</strong>ander gesprochen,<br />
sondern mite<strong>in</strong>ander“, erklärte Marx<br />
bei der Abschlussveranstaltung am 13. September<br />
2011 auf dem Münchner Marienplatz.<br />
„Wir s<strong>in</strong>d nicht ane<strong>in</strong>ander vorbeigegangen,<br />
sondern s<strong>in</strong>d uns begegnet. Wir<br />
haben gebetet, füre<strong>in</strong>ander und mite<strong>in</strong>ander,<br />
für den Frieden!“ Der Auftrag, dem sich<br />
die Geme<strong>in</strong>schaft Sant’Egidio stelle, sei<br />
Wirklichkeit geworden, und viele Verantwortliche<br />
aus Politik und Gesellschaft hätten<br />
sich davon bewegen lassen: „Aus dem<br />
Geist von Assisi und aus dem Geist von<br />
Sant’Egidio entsteht so e<strong>in</strong>e Inspiration für<br />
unsere Weltgeme<strong>in</strong>schaft! Unterschätzen<br />
Sie nicht die Kraft dieses Treffens! (...)<br />
Geben Sie die friedensstiftende Kraft e<strong>in</strong>es<br />
wirklichen Dialogs, die wir hier mite<strong>in</strong>ander<br />
erlebt haben, weiter <strong>in</strong> Ihre jeweiligen<br />
Verantwortungsbereiche! Erzählen Sie zu<br />
Hause davon! Begeistern Sie andere Menschen<br />
für unsere geme<strong>in</strong>same Sache! Für<br />
Der geme<strong>in</strong>same Appell der Religionen<br />
beim Münchener Friedenstreffen wurde<br />
am Dienstag, 13. September, auf dem<br />
Marienplatz feierlich verlesen. Hier der<br />
Wortlaut:<br />
FRIEDENSAPPELL<br />
Wir s<strong>in</strong>d Männer und Frauen aus<br />
unterschiedlichen Religionen und haben<br />
uns <strong>in</strong> München versammelt. Das geschieht<br />
auf E<strong>in</strong>ladung des Erzbistums<br />
München und Freis<strong>in</strong>g und der Geme<strong>in</strong>schaft<br />
Sant’Egidio, die seit 25 Jahren<br />
den „Geist von Assisi“ zielstrebig verbreitet.<br />
Wir danken allen, die <strong>in</strong> schwierigen<br />
Zeiten diese Hoffnung am Leben erhalten<br />
haben, während Brücken e<strong>in</strong>stürzten.<br />
Nach zehn Jahren, die gezeichnet waren<br />
von der Kultur der Gewalt und dem<br />
Wahns<strong>in</strong>n des Terrorismus und <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er<br />
Welt, <strong>in</strong> der e<strong>in</strong> entfesselter Kapitalismus<br />
sche<strong>in</strong>bar das Geschehen beherrscht und<br />
sich e<strong>in</strong>e neue Armut zeigt, haben wir<br />
<strong>in</strong>negehalten, um <strong>in</strong> E<strong>in</strong>fachheit zu<br />
beten, aufe<strong>in</strong>ander zu hören und über die<br />
Zukunft nachzudenken. Diese Zusammenkunft<br />
zum Gebet und zum Dialog hat<br />
uns verändert! In den Zeugnissen vieler<br />
haben wir die Sehnsucht nach e<strong>in</strong>er<br />
neuen Zeit wahrgenommen.<br />
Die Versuchung ist groß, verschlossen<br />
zu leben und auch die Religionen zur Ab-<br />
Prof. Andrea Riccardi, Karlspreisträger 2009, Bbr. Re<strong>in</strong>hard Kard<strong>in</strong>al Marx,<br />
Erzbischof von München und Freis<strong>in</strong>g.<br />
den Frieden und die Zukunft der Welt s<strong>in</strong>d<br />
wir alle verantwortlich. Deshalb dürfen und<br />
grenzung zu benutzen. Diese Versuchung<br />
hat sich durch die Weltwirtschaftskrise<br />
noch zugespitzt. Die Welt sche<strong>in</strong>t teilweise<br />
das Bewusstse<strong>in</strong> der eigenen<br />
Begrenztheit verloren zu haben. Sie neigt<br />
häufig dazu, mehr das Trennende zu<br />
suchen, als die Sympathie gegenüber<br />
dem anderen. Sie achtet mehr auf die<br />
Bedürfnisse des Ich als auf das Geme<strong>in</strong>wohl.<br />
In vielen Regionen der Welt s<strong>in</strong>d<br />
zunehmende Gewalt und e<strong>in</strong>e S<strong>in</strong>nkrise<br />
spürbar. E<strong>in</strong>e Wende ist notwendig!<br />
Die Globalisierung bietet nämlich<br />
zahlreiche Chancen, doch sie benötigt<br />
e<strong>in</strong>e Seele. Der Egoismus führt zu e<strong>in</strong>er<br />
Zivilisation des Todes und br<strong>in</strong>gt auch<br />
real vielen Menschen den Tod. Daher<br />
müssen wir den Blick erheben, uns für die<br />
Zukunft öffnen und fähig werden, e<strong>in</strong>e<br />
Globalisierung der Gerechtigkeit zu verwirklichen.<br />
Mit Entschiedenheit müssen<br />
wir uns mit der Frage des Friedens <strong>in</strong> all<br />
se<strong>in</strong>en Facetten beschäftigen. Denn wir<br />
s<strong>in</strong>d zum Zusammenleben bestimmt und<br />
tragen alle die Verantwortung für die<br />
Kunst des Zusammenlebens. In der heutigen<br />
Zeit hat sich der Dialog als <strong>in</strong>telligente<br />
und friedliche Waffe erwiesen. Er ist die<br />
Antwort auf die Prediger des Terrors, die<br />
sogar die Worte der Religionen verwenden,<br />
um Hass zu verbreiten und die Welt<br />
zu spalten. Nichts ist verloren mit dem<br />
Dialog. Hier <strong>in</strong> München haben wir die<br />
Sprache des Dialogs und der Freundschaft<br />
gesprochen. Denn ke<strong>in</strong> Mann,<br />
wollen wir ke<strong>in</strong>e Mühe scheuen. Friede ist<br />
jeden E<strong>in</strong>satz wert!“, so Kard<strong>in</strong>al Marx.<br />
ke<strong>in</strong>e Frau und ke<strong>in</strong> Volk ist e<strong>in</strong>e Insel, es<br />
gibt nur e<strong>in</strong> Schicksal, e<strong>in</strong> geme<strong>in</strong>sames<br />
Schicksal.<br />
Betrachten wir uns mit größerer<br />
Sympathie, dann wird vieles, ja alles möglich<br />
se<strong>in</strong>. Es ist an der Zeit, sich zu ändern.<br />
Die Welt benötigt mehr Hoffnung und<br />
mehr Frieden. Wir können wieder neu lernen,<br />
nicht gegene<strong>in</strong>ander, sondern mite<strong>in</strong>ander<br />
zu leben. Wir s<strong>in</strong>d uns der<br />
Verantwortung der Religionen für die<br />
Gefährdung des Friedens bewusst, immer<br />
dann, wenn sie nicht den Blick nach oben<br />
gerichtet haben. Wer den Namen Gottes<br />
gebraucht, um den anderen zu hassen<br />
und zu töten, lästert den heiligen Namen<br />
Gottes. Daher können wir sagen: Es gibt<br />
ke<strong>in</strong>e Zukunft im Krieg! Es gibt ke<strong>in</strong>e<br />
Alternative zum Dialog. Der Dialog ist e<strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>faches Werkzeug, das alle nutzen können.<br />
Durch den Dialog können wir e<strong>in</strong><br />
neues Jahrzehnt und Jahrhundert <strong>in</strong><br />
Frieden gestalten. Seien wir alle Handwerker<br />
des Friedens. Möge Gott unserer<br />
Welt wirklich das wunderbare Geschenk<br />
des Friedens machen.<br />
München, 13. September 2011<br />
Quellen und L<strong>in</strong>ks:<br />
www.erzbistum-muenchen.de,<br />
www.santegidio.de,<br />
www.friedenstreffen.de<br />
unitas 4/2011 287
„Politik war für Robert Schuman Dienst am Nächsten“<br />
VON DER JAHRESTAGUNG DES „INSTITUT ST. BENOÎT“ IN SCY-CHAZELLES / BISTUM METZ<br />
SCY-CHAZELLES. Die Jahresversammlung des „Institut St. Benoît“ 2011 hat <strong>in</strong> mehreren Vorträgen die Bedeutung von Bbr. Robert Schuman<br />
für heute beleuchtet. Das <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Heimatdiözese Metz im französischen Scy-Chazelles/Lothr<strong>in</strong>gen ansässige Institut hat sich zur Aufgabe<br />
gemacht, die Er<strong>in</strong>nerung an Robert Schuman als vorbildlichen Christen wachzuhalten und so den Weg zur Selig- und Heiligsprechung zu<br />
bereiten.<br />
288<br />
Die Politik als Weg zur Heiligkeit. Das Beispiel von Robert Schuman<br />
VON THIBAULT BAZIN<br />
Ich b<strong>in</strong> 26 Jahre alt, verheiratet und seit<br />
drei Jahren Bürgermeister e<strong>in</strong>er kle<strong>in</strong>en<br />
Geme<strong>in</strong>de von 2.400 E<strong>in</strong>wohnern. Ich versuche,<br />
<strong>in</strong> der Politik <strong>in</strong> der Nachfolge<br />
Christi e<strong>in</strong>en Weg zur Heiligkeit zu sehen.<br />
Deshalb empfehle ich Gott me<strong>in</strong>e Geme<strong>in</strong>de<br />
und me<strong>in</strong>e Mitarbeiter. Ich versuche,<br />
zwei Gebote zu erfüllen: den Nächsten<br />
zu lieben und den Frieden herzustellen<br />
und deshalb die, die zerstritten s<strong>in</strong>d, mite<strong>in</strong>ander<br />
zu versöhnen.<br />
In me<strong>in</strong>em Büro habe ich e<strong>in</strong>e Ikone der<br />
Heiligen Familie und e<strong>in</strong> Bild von Robert<br />
Schuman. Ihnen vertraue ich me<strong>in</strong>e Schwierigkeiten<br />
an, sobald sie auftauchen. B<strong>in</strong> ich<br />
doch schwach und ihrer Hilfe bedürftig!<br />
Wir brauchen Heilige <strong>in</strong> der Politik –<br />
Heilige nach dem Vorbild von Robert Schuman.<br />
Das Institut Sankt Benedikt will es<br />
sichtbar machen und lebendig erhalten.<br />
Der selige Papst Johannes Paul II. verwies<br />
uns auf das Beispiel von Robert Schuman.<br />
Papst Johannes Paul II. er<strong>in</strong>nerte daran,<br />
dass es Aufgabe der Laien ist zu zeigen,<br />
dass nur der christliche Glaube erschöpfende<br />
Antwort gibt auf die vielfältigen<br />
Fragen, die das Leben jedem Menschen<br />
und jeder menschlichen Geme<strong>in</strong>schaft<br />
stellt. Von größter Wichtigkeit ist darum<br />
die Arbeit derjenigen, die sich berufen wissen,<br />
<strong>in</strong> besonderer Weise dem Geme<strong>in</strong>wohl<br />
zu dienen nach dem Beispiel derer,<br />
die wir die „Väter Europas“ nennen und die<br />
sich bemüht haben, der Europäischen<br />
Geme<strong>in</strong>schaft e<strong>in</strong>e geistige und geistliche<br />
Grundlage zu geben. Sie stützten sich auf<br />
die Soziallehre der Kirche und zeigten, dass<br />
ihr politisches Engagement e<strong>in</strong> echter Weg<br />
zur Heiligkeit ist.<br />
Robert Schuman meditierte täglich<br />
das Wort Gottes. Man sagte von ihm, dass<br />
er sich zur Arbeit begab wie e<strong>in</strong> Priester,<br />
der die Kanzel besteigt. Nie hat er bei den<br />
Wahlkämpfen se<strong>in</strong>e Gegner persönlich<br />
angegriffen. In jedem Menschen sah er das<br />
Ebenbild Gottes. Er war obendre<strong>in</strong>, was die<br />
öffentlichen F<strong>in</strong>anzen angeht, so sparsam,<br />
unitas 4/2011<br />
dass er Wert darauf legte, dass <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />
M<strong>in</strong>isterium abends alle Lichter ausgeschaltet<br />
wurden. Er lehnte alle Vorrechte<br />
ab, auf die er als M<strong>in</strong>ister Anspruch gehabt<br />
hätte, etwa e<strong>in</strong> eigenes Abteil bei se<strong>in</strong>en<br />
Fahrten mit der Bahn.<br />
Papst Johannes Paul II. hatte sich lange<br />
bemüht, e<strong>in</strong>en H<strong>in</strong>weis auf Gott <strong>in</strong> die<br />
Europäische Verfassung aufnehmen zu lassen.<br />
Als diese Bemühungen sich als vergeblich<br />
erwiesen, zog er e<strong>in</strong>e neue Waffe aus<br />
der Scheide, um se<strong>in</strong>em Kreuzzug zur<br />
Neuevangelisierung Europas neuen Impuls<br />
zu verleihen: die Seligsprechung von<br />
Robert Schuman, der am Anfang der politischen<br />
E<strong>in</strong>igung Europas stand. Und<br />
schließlich darf man nicht vergessen, dass<br />
die europäische Flagge e<strong>in</strong> christliches<br />
Symbol ist: blau mit zwölf goldenen Sternen,<br />
wie es e<strong>in</strong> der Bibel, genauer der Geheimen<br />
Offenbarung entnommenes Bild<br />
ist, das oft der Darstellung der seligen<br />
Jungfrau Maria diente. Auch daran wollte<br />
der Papst durch die Seligsprechung von<br />
Robert Schuman er<strong>in</strong>nern.<br />
Robert Schuman, Lothr<strong>in</strong>ger, Franzose,<br />
Europäer, verwirklichte das Programm, das<br />
Papst Johannes Paul II., <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Apostolischen<br />
Schreiben „Christifideles laici“ über<br />
die Berufung der Laien <strong>in</strong> der Kirche und <strong>in</strong><br />
der Welt aufgezeigt hatte:„Die Laien können<br />
absolut nicht darauf verzichten, sich <strong>in</strong> der<br />
Politik zu engagieren, nämlich <strong>in</strong> der vielfältigen<br />
Tätigkeit <strong>in</strong> Wirtschaft, Gesellschaft,<br />
Gesetzgebung, Verwaltung, Kultur, deren<br />
Ziel es ist, das Allgeme<strong>in</strong>wohl zu fördern.“<br />
Was will das Institut Sankt Benedikt, und<br />
was ist die Aufgabe se<strong>in</strong>er Mitglieder?<br />
Se<strong>in</strong>e Statuten: Die Geschichte zeigt, dass<br />
e<strong>in</strong>e Regierung ihre schönsten Früchte<br />
trägt, wenn sie uneigennützig handelt. Im<br />
Laufe der Jahrhunderte haben Männer<br />
und Frauen das bezeugt.<br />
E<strong>in</strong> Beispiel dafür ist Robert Schuman.<br />
Se<strong>in</strong> Leben, se<strong>in</strong> Gedankengut und se<strong>in</strong><br />
politisches Handeln s<strong>in</strong>d e<strong>in</strong> Beispiel für<br />
Menschlichkeit, Redlichkeit und Solidari-<br />
tät. Durch das, was er an Neuem auf die<br />
Be<strong>in</strong>e gestellt hat, wurde er zu e<strong>in</strong>em der<br />
großen Friedensstifter im 20. Jahrhundert.<br />
Die zukünftigen Generationen werden<br />
sich von ihm <strong>in</strong>spirieren lassen können. Die<br />
Kirche besitzt <strong>in</strong> ihm erwiesenermaßen<br />
e<strong>in</strong>en treuen Diener.<br />
Am 15. August 1988 hat Robert Schumans<br />
früherer Privatsekretär und enger<br />
Mitarbeiter Professor René Lejeune zusammen<br />
mit e<strong>in</strong>igen europäischen Persönlichkeiten,<br />
die zutiefst von der Heiligkeit dieses<br />
Vaters Europas überzeugt waren, das Institut<br />
Sankt Benedikt. Patron Europas gegründet.<br />
Dieses Institut will vor allem die Schritte<br />
unternehmen, die notwendig s<strong>in</strong>d für<br />
e<strong>in</strong>en Heiligsprechungsprozess für Robert<br />
Schuman. Dazu gehört die Beschaffung der<br />
erforderlichen f<strong>in</strong>anziellen Mittel, der<br />
Schriften und sonstigen Zeugnisse, die diesem<br />
Zwecke dienlich s<strong>in</strong>d. Dazu gehört aber<br />
auch das Bemühen, <strong>in</strong> Europa, <strong>in</strong> aller Welt<br />
und <strong>in</strong> der Kirche selbst die Er<strong>in</strong>nerung an<br />
Robert Schuman wachzuhalten, diesen<br />
Staatsmann und vorbildlichen Christen.<br />
In diesem S<strong>in</strong>ne bleibt das Institut<br />
Sankt Benedikt bestrebt, mit allen geeigneten<br />
Mitteln das Ideal von Heiligkeit <strong>in</strong> der<br />
Politik, wie es <strong>in</strong> Robert Schuman Gestalt<br />
geworden ist, wachzuhalten und den<br />
neuen Generationen <strong>in</strong> Frankreich und<br />
Europa bekannt zu machen und Robert<br />
Schuman um se<strong>in</strong>e Fürsprache zu bitten.<br />
Aktion heißt Unterstützung des Seligsprechungsprozesses,<br />
e<strong>in</strong>erseits f<strong>in</strong>anziell,<br />
andererseits durch Bekanntmachung se<strong>in</strong>es<br />
Rufs der Heiligkeit, <strong>in</strong> Deutschland mit<br />
Unterstützung der Adenauer-Stiftung bzw.<br />
des Adenauer-Hauses, <strong>in</strong> Italien mit Unterstützung<br />
der Stiftung „de Gasperi“ sowie<br />
durch Vorbereitung von Feierlichkeiten zur<br />
Begehung des 50. Todestages von Robert<br />
Schuman am 4. September 2013.<br />
Thibault Baz<strong>in</strong> ist Bürgermeister<br />
von Rosières-aux-Sal<strong>in</strong>es/Meurtheet-Moselle
Robert Schuman – Heiligkeit <strong>in</strong> der Politik<br />
VON DR. GUY VILLAROS<br />
In Robert Schuman haben Heiligkeit<br />
und Politik zue<strong>in</strong>ander gefunden. Unter<br />
Heiligkeit versteht man oft zu Unrecht<br />
heldenhafte Aszese, beharrliche Übung<br />
von Tugenden und siegreiches Bestehen<br />
von Versuchungen. Man ergeht sich <strong>in</strong><br />
Superlativen und vergisst, dass Heiligkeit<br />
nicht über den Sternen gelebt wird, sondern<br />
hier <strong>in</strong> dem bescheidenen alltäglichen<br />
menschlichen Leben. So will es das<br />
Evangelium.<br />
Auch von Politik hat man nur zu leicht<br />
falsche Vorstellungen. Politiker ist für viele<br />
e<strong>in</strong>er, der vor allem an sich selber denkt,<br />
an se<strong>in</strong> Fortkommen, an se<strong>in</strong> Bekanntwerden,<br />
an se<strong>in</strong>e Chancen bei der nächsten<br />
Wahl, e<strong>in</strong>er, der verspricht, was er<br />
nicht halten kann, und dem man schließlich<br />
ke<strong>in</strong> Wort mehr glaubt. Wenn man so<br />
e<strong>in</strong>en heilig nennen sollte, wäre das e<strong>in</strong><br />
Skandal. Wenn man aber unter Politik das<br />
selbstlose Sich-Engagieren für den Nächsten<br />
versteht, für die Geme<strong>in</strong>schaft und für<br />
jeden e<strong>in</strong>zelnen, besonders den, der der<br />
Hilfe am meisten bedürftig ist, dann ist<br />
Politik e<strong>in</strong>e Tat der Nächstenliebe.<br />
Um noch e<strong>in</strong>mal auf das Verlangen<br />
nach Heiligkeit zurückzukommen, er<strong>in</strong>nere<br />
ich zunächst an das Wort, das Jesus<br />
selbst gesprochen hat: „Seid heilig, so wie<br />
me<strong>in</strong> Vater heilig ist."<br />
So will Gott uns haben. So lautet se<strong>in</strong>e<br />
Bitte, se<strong>in</strong>e Aufforderung, se<strong>in</strong>e E<strong>in</strong>ladung.<br />
Heiligkeit ist Antwort auf e<strong>in</strong>e<br />
E<strong>in</strong>ladung.<br />
Und wie kann man heilig se<strong>in</strong> wie der<br />
Vater im Himmel? Indem man ohne Vorbed<strong>in</strong>gungen<br />
liebt, <strong>in</strong>dem man liebt, wie<br />
Jesus geliebt hat, der auf die Bitte von<br />
Philippus, ihm den Vater zu zeigen, antwortete:„Wer<br />
mich sieht, sieht den Vater.“<br />
Jesus, das Mensch gewordene Wort<br />
Gottes, der auf dieser Erde gelebt hat wie<br />
e<strong>in</strong>er von uns, hat uns gezeigt, was es<br />
heißt – und wie das geht –, heilig zu se<strong>in</strong><br />
wie der Vater. Er nimmt uns an die Hand<br />
und sagt uns: Habt ke<strong>in</strong>e Angst. Ich b<strong>in</strong><br />
der Weg. Ich b<strong>in</strong> das Vorbild, dem ihr nacheifern<br />
sollt.<br />
Dr. Guy Villaros war Präsident der<br />
Theologischen Kommission des<br />
Bistums Metz, die das Dossier für das<br />
Verfahren der Seligsprechung vorbereitete,<br />
das im Juni 2004 nach Rom<br />
g<strong>in</strong>g.<br />
Wir s<strong>in</strong>d auch <strong>in</strong> der Lage, heilig zu<br />
se<strong>in</strong> wie der Vater, denn er hat uns, wie die<br />
Bibel <strong>in</strong> ihrem ersten Kapitel schreibt,<br />
nach se<strong>in</strong>em Bild und Gleichnis geschaffen<br />
und damit <strong>in</strong> der Lage, über eigenen<br />
Verstand und eigenen freien Willen h<strong>in</strong>aus<br />
uns dem Geiste Gottes zu öffnen, und,<br />
weil wir nach Gottes Gleichnis geschaffen<br />
s<strong>in</strong>d, auch auf Gottes Stimme zu hören<br />
und zu tun, was sie sagt. Und sie sagt: Seid<br />
heilig, so wie auch ich heilig b<strong>in</strong>. Dann lebt<br />
ihr so, wie Gott es von euch erwartet.<br />
Dann lebt ihr dem Plan entsprechend, den<br />
Gott von euch hat.<br />
Im alttestamentlichen Buch Deuteronomium<br />
sagt Gott uns, wie wir heilig und<br />
damit so werden können, wie Gott uns<br />
haben will. Gott sagt uns dort zweierlei.<br />
E<strong>in</strong>mal: Höre. Und zum anderen: Liebe<br />
Gott und liebe de<strong>in</strong>en Nächsten.<br />
Heilig ist e<strong>in</strong>er, der auf Gottes Wort<br />
hört. Und man vernimmt Gottes Wort und<br />
se<strong>in</strong> Anklopfen im betrachtenden Gebet,<br />
so wie Therese von Avila es uns gelehrt<br />
hat, auch <strong>in</strong> der Stille der Berge, abseits<br />
vom Lärm der Straßen, und nicht zuletzt,<br />
ja eigentlich erst recht im Lesen der<br />
Evangelien.<br />
Robert Schuman war eifrig darauf<br />
bedacht, Gottes Stimme zu vernehmen: <strong>in</strong><br />
der E<strong>in</strong>samkeit der Berge, <strong>in</strong> der Zurückgezogenheit<br />
<strong>in</strong> Klöstern, <strong>in</strong> der Abgeschlossenheit<br />
von allem äußeren Geschehen<br />
während se<strong>in</strong>er Gefangenschaft. Er nannte<br />
sich selbst e<strong>in</strong> K<strong>in</strong>d des Gebetes. Täglich<br />
hielt er, so lange und soweit es g<strong>in</strong>g, se<strong>in</strong>e<br />
lectio div<strong>in</strong>a.<br />
Hörender war er nicht zuletzt <strong>in</strong><br />
menschlichen Begegnungen, die die göttliche<br />
Vorsehung ihm schenkte: durch<br />
se<strong>in</strong>e Mutter, durch se<strong>in</strong>e Lehrer, durch<br />
se<strong>in</strong>e Freunde <strong>in</strong> der <strong>Unitas</strong>, durch die<br />
Ratschläge se<strong>in</strong>es Bischofs, durch die<br />
Bee<strong>in</strong>flussung von Philosofen wie Jacques<br />
Marita<strong>in</strong>.<br />
Se<strong>in</strong> Hören mündete <strong>in</strong> dem Befolgen<br />
des zweiten Gebotes. Liebe Gott und liebe<br />
de<strong>in</strong>en Nächsten. Aus dem Beter, um nicht<br />
zu sagen Mystiker, erwuchs der Politiker.<br />
Was ist Politik?<br />
Politik ist nämlich recht verstanden<br />
Verwirklichung der Nächstenliebe, so wie<br />
Jesus sie uns vorgelebt hatte, erst recht,<br />
als er am Vorabend se<strong>in</strong>es Leidens se<strong>in</strong>en<br />
Jüngern die Füße wusch.<br />
Politik war für Robert Schuman Dienst<br />
am Nächsten, auch Sich-Orientieren an<br />
der Soziallehre der Kirche. Darum pochte<br />
er nach den Verwüstungen des Zweiten<br />
Weltkrieges auf das vordr<strong>in</strong>gliche Streben<br />
nach dem Geme<strong>in</strong>wohl, das allen und<br />
nicht nur e<strong>in</strong>igen Privilegierten zugutekommt,<br />
erst recht den Armen und Zukurz-Gekommenen,<br />
das das Privateigentum<br />
nicht als absoluten Wert ansieht,<br />
sondern als Mittel zur Praktizierung der<br />
Nächstenliebe.<br />
Während se<strong>in</strong>er ganzen Zeit als<br />
M<strong>in</strong>ister hat er erstaunliche Beispiele für<br />
die Übung der Nächstenliebe geliefert. Er<br />
zeigte dar<strong>in</strong> Klugheit, Gerechtigkeit.<br />
Sicherheit und gesundes Maß.<br />
Er war Vorbild, um nicht zu sagen<br />
Modell e<strong>in</strong>es Politikers, der Politik und<br />
Heiligkeit mite<strong>in</strong>ander verband und versöhnte.<br />
Überließ er sich doch ganz dem<br />
Willen Gottes, überzeugt, dass Gott <strong>in</strong> der<br />
Geschichte gegenwärtig ist und se<strong>in</strong>e<br />
Vorsehung uns leitet. Gott und se<strong>in</strong>e<br />
Brüder, für diese war er da und suchte für<br />
sich selbst nicht Ehre. Gew<strong>in</strong>n oder<br />
Macht. Er war treu im Gebet. Wie Maria<br />
bewahrte er Gott, so wie er ihn erfuhr,<br />
<strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Herzen und stärkte so se<strong>in</strong>en<br />
Glauben, se<strong>in</strong>e Hoffnung und se<strong>in</strong>e Liebe.<br />
Die zwei Zusammenfassungen der im<br />
Mai gehaltenen Vorträge zu Leben und<br />
Wirken des ehemaligen französischen<br />
Außenm<strong>in</strong>isters und „Erf<strong>in</strong>ders“ des<br />
Schuman-Plans erreichten unsere Zeitung<br />
durch Dr. Gerhard Müller-Chorus<br />
aus Wachtberg, der zu Robert Schuman<br />
als Festredner beim Bonner Vere<strong>in</strong>sfest<br />
im Dezember 2010 sprach (s. unitas<br />
1/2011). In se<strong>in</strong>em Brief heißt es:<br />
„Ich würde mich freuen, wenn Sie durch<br />
die Weitervermittlung der Gedanken der<br />
französischen Freunde Robert Schumans<br />
an die Unitarier <strong>in</strong> Deutschland mithelfen,<br />
Robert Schuman auch hier <strong>in</strong><br />
Deutschland unseren jungen Menschen<br />
als christliches Vorbild vor Augen zu stellen.<br />
Während Dr. Guy Villaros, seit Jahren<br />
mit dem Verfahren der Seligsprechung<br />
<strong>in</strong>tensiv befasst, über Heiligkeit <strong>in</strong> der<br />
Politik reflektiert, zeigt das Referat von<br />
Th. Baz<strong>in</strong>, des noch jungen 26-jährigen<br />
Bürgermeisters e<strong>in</strong>er lothr<strong>in</strong>gischen<br />
Geme<strong>in</strong>de, wie das Beispiel Schumans<br />
junge Menschen <strong>in</strong> der praktischen<br />
Politik <strong>in</strong>spiriert.“<br />
unitas 4/2011 289
Papst Benedikt auf allen Frequenzen und Kanälen<br />
WELTJUGENDTAG IN MADRID – PAPSTREISE NACH BERLIN, ERFURT UND FREIBURG<br />
„Der persönliche Grundwasserspiegel<br />
des Glaubens ist durch den WJT 2005 <strong>in</strong><br />
Köln angestiegen. Der geistliche Grundwasserspiegel<br />
bei den Katholiken <strong>in</strong><br />
Deutschland steigt aber nicht durch bunte<br />
Fernsehbilder!“<br />
So zitierte Bbr. Stefan Klose (<strong>Unitas</strong><br />
Frankonia Eichstätt) im August Teilnehmer<br />
aus der <strong>Unitas</strong> fünf Jahre nach dem Kölner<br />
Weltjugendtag. Se<strong>in</strong>e Bilanz Mitte August<br />
<strong>in</strong> der „Tagespost“ 1 zog e<strong>in</strong> gemischtes Fazit<br />
zur Nachhaltigkeit des Events, bei dem über<br />
e<strong>in</strong>e Million Menschen die größte Messe<br />
auf deutschem Boden feierten. Viel Freude,<br />
Staunen und Dankbarkeit sei damals dabei<br />
gewesen, so die Auswertung e<strong>in</strong>er Befragung<br />
von teilnehmenden <strong>Unitas</strong>-Mitgliedern,<br />
über Geme<strong>in</strong>schaft, <strong>in</strong>ternationale<br />
Begegnung, neue GIaubensgespräche,<br />
Stärkung zu durchaus missionarischem<br />
Tun, zu Engagement über die WJT-Tage h<strong>in</strong>aus.<br />
Jetzt kamen mit vielen bunten Fernsehbildern<br />
aus Madrid viele Er<strong>in</strong>nerungen<br />
zurück.<br />
Die Botschaft ist und blieb auch hier<br />
dieselbe: „Bewahrt Christus nicht für euch<br />
selbst! Teilt eure Glaubensfreude den anderen<br />
mit!“, mahnte Papst Benedikt <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er<br />
Predigt bei der Abschlussmesse vor 1,5<br />
Millionen auf dem Flugplatzgelände<br />
Cuatro Vientos.<br />
2 „Die Welt braucht das<br />
Zeugnis eures Glaubens, sie<br />
hat Gott gewiss nötig“,<br />
er<strong>in</strong>nerte er an den Auftrag<br />
Jesu „Geht h<strong>in</strong>aus <strong>in</strong> die<br />
ganze Welt, und verkündet<br />
das Evangelium allen Geschöpfen!“<br />
(Mk 16,15).<br />
Der Glaube setze e<strong>in</strong>e<br />
persönliche Beziehung zu<br />
Christus voraus, erfordere<br />
die Zustimmung der ganzen Person mit<br />
ihrem Verstand, ihrem Willen und ihren<br />
Gefühlen zur Selbstoffenbarung Gottes.<br />
Jesus im Glauben nachfolgen aber heiße, <strong>in</strong><br />
der Geme<strong>in</strong>schaft der Kirche mit ihm zu<br />
gehen: „Glauben haben heißt, dass du dich<br />
auf den Glauben de<strong>in</strong>er Brüder stützt, und<br />
de<strong>in</strong> Glaube ist Stütze für den Glauben der<br />
anderen“, so Papst Benedikt. Verbunden<br />
mit Pfarreien, Geme<strong>in</strong>den und Bewegungen<br />
zu se<strong>in</strong>, an jedem Sonntag die Eucharistie<br />
zu empfangen, Beichte, regelmäßige<br />
Anbetung und Betrachtung des Wortes<br />
Gottes seien für das Wachsen <strong>in</strong> der<br />
Freundschaft mit Christus entscheidend. Es<br />
sei unmöglich, ihm zu begegnen und ihn<br />
nicht den anderen bekannt zu machen –<br />
auch dort, wo Ablehnung oder Gleichgültigkeit<br />
herrschten: „Auch euch obliegt<br />
290<br />
unitas 4/2011<br />
die außerordentliche Aufgabe, Jünger und<br />
Missionare Christi <strong>in</strong> anderen Gegenden<br />
und Ländern zu se<strong>in</strong>, wo es viele junge<br />
Menschen gibt, die nach Größerem streben<br />
und <strong>in</strong> ihrem Herzen die Möglichkeit von<br />
echteren Werten ausmachen“, forderte<br />
Papst Benedikt.<br />
CREDO – ich glaube<br />
Der Impuls wurde an anderer Stelle<br />
gleich umgesetzt. Denn während man noch<br />
über organisatorische Mängel des Weltjugendtags<br />
diskutierte und Bilder von Anti-<br />
Papst-Demos verstörten, blieben nur noch<br />
wenige Tage bis zur päpstlichen Deutschlandreise.<br />
Und kurzfristig organisierte Bbr.<br />
Dr. Christoph Lehmann (<strong>Unitas</strong> Berl<strong>in</strong>) mit<br />
der von ihm gegründeten Initiative „Credo“<br />
e<strong>in</strong>e Sternwallfahrt von Köln nach Berl<strong>in</strong>. 3<br />
Se<strong>in</strong> Anliegen: „Damit dürfte es uns gel<strong>in</strong>gen,<br />
die Vorberichterstattung zum Papstbesuch<br />
– allen Demonstrationen und Gegnern<br />
zum Trotz – mit positiven Zeichen und<br />
Geschichten zu bestücken.“ Die Aktion sei<br />
„e<strong>in</strong>e große Chance, auf unseren Glauben<br />
aufmerksam zu machen, Glauben grundsätzlich<br />
<strong>in</strong> der Gesellschaft zu thematisieren<br />
und das Verb<strong>in</strong>dende und Kraftspendende<br />
des Glaubens herauszustellen.“<br />
Nach Aussendung durch<br />
Bbr. Kard<strong>in</strong>al Meisner am 23.<br />
August im Kölner Dom führten<br />
30 Tagesetappen entlang<br />
alter Pilgerwege auf<br />
rund 600 Kilometern durch<br />
fünf Bistümer – im Gepäck<br />
e<strong>in</strong> zweimal 1,5 Meter großer<br />
Fisch als Symbol des<br />
christlichen Glaubens und<br />
begleitet von e<strong>in</strong>er Fanseite<br />
auf Facebook. Rund 2.000<br />
Geme<strong>in</strong>den wurden über<br />
die Staffelwallfahrt kommunikativ erreicht,<br />
zahlreiche Zeitungen und Rundfunksender<br />
berichteten. Der durch den neuen Berl<strong>in</strong>er<br />
Erzbischof Ra<strong>in</strong>er Woelki empfangene blauweiße<br />
CREDO-Fisch stand bei der Papstmesse<br />
im Olympiastadion zentral im<br />
Mittelgang – das Papamobil hielt kurz an.<br />
Die Medienwelt<br />
im Rausch der Bilder<br />
Was ist nun überhaupt <strong>in</strong> diesen vier<br />
Tagen der Apostolischen Reise nach<br />
Deutschland geschehen? Immerh<strong>in</strong>: Die<br />
Sender coverten sie mit dem ganz großen<br />
Besteck. Wie im Rausch begleiteten<br />
Kameras die Tour – ke<strong>in</strong>e Nachrichten ohne<br />
Papst. Sie lieferten bee<strong>in</strong>druckende Nah-<br />
aufnahmen, lichteten gigantische Szenen<br />
ab, e<strong>in</strong>e Flut von Bildern ergoss sich über<br />
die Bildschirme, täglich neue Schlagzeilen<br />
<strong>in</strong> der Presse. Jedes Prov<strong>in</strong>zblatt hatte bald<br />
den lokalen Dreh auf die Reise, die Edelfedern<br />
der Magaz<strong>in</strong>e reagierten zwischen<br />
„gut abgehangen“ und „gut e<strong>in</strong>sortiert“.<br />
Pflichtbewusst, vielfach kritisch, zunehmend<br />
aber sogar engagiert und seltsam<br />
bee<strong>in</strong>druckt, schien es. Fast zu viel Papst auf<br />
e<strong>in</strong>mal für manche. Für die über 2.500<br />
Journalisten im Tross – unter ihnen sogar<br />
arabische und ch<strong>in</strong>esische TV-Sender – war<br />
es schon schwer genug, mit der irritierend<br />
eng getakteten Tagesordnung des „Eiligen<br />
Vaters“ durch die Republik Schritt zu halten.<br />
Wer live mit dabei se<strong>in</strong> wollte, hatte eh die<br />
Qual der Wahl. Nicht zuletzt für den <strong>Unitas</strong>-<br />
Verband war die Reise e<strong>in</strong> logistisches<br />
Problem. Bei allen Stationen waren Bundesbrüder<br />
und -schwestern dabei, Abordnungen<br />
traten <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong>, Erfurt und Freiburg an,<br />
um Flagge zu zeigen.<br />
Viel schwerer noch blieb die Gewichtung<br />
des Besuchs: E<strong>in</strong> Papst im<br />
Bundestag und <strong>in</strong> der ehemaligen „DDR“,<br />
das Treffen mit der Evangelischen Kirche <strong>in</strong><br />
Erfurt – allemal alles historisch, schlagzeilenträchtig!<br />
Dabeise<strong>in</strong> war alles – nur was<br />
würde bleiben?<br />
Die Schwerpunkte waren klar, manches<br />
andere dagegen blieb den Medien streng<br />
verborgen, Spekulationen – etwa über das<br />
Treffen mit Missbrauchsopfern – schossen<br />
immer wieder <strong>in</strong>s Kraut. Alles <strong>in</strong> allem e<strong>in</strong><br />
„Megaprogramm für e<strong>in</strong>en 84-Jährigen“, so<br />
war durchaus mit viel Respekt immer wieder<br />
zu hören, als „historischer Besuch“ galt<br />
er auch. Doch noch immer geben manche<br />
angesprochenen Themen auf der Reise<br />
offensichtlich Rätsel auf, enttäuschte<br />
Hoffnungen auf klare Worte fanden <strong>in</strong> den<br />
Medien viel Raum. Vielleicht war alles auch<br />
nur schwer zu dolmetschen, vielleicht war<br />
es schlicht irgendwie doch zu viel auf e<strong>in</strong>-
mal. Vielleicht g<strong>in</strong>g es aber doch eigentlich<br />
<strong>in</strong> der Flut der vielen Bilder immer um dieselbe<br />
Botschaft. Tagebuchsplitter von e<strong>in</strong>er<br />
denkwürdigen Woche …<br />
22. September:<br />
Vor dem Bundestag<br />
Mit größter Spannung erwartet und<br />
umstritten: Die Rede vor dem Deutschen<br />
Bundestag. Freundlich begrüßt – und hier<br />
wird deutlich: Hier äußert sich nicht „nur“<br />
das Oberhaupt des Zwergstaats Vatikan.<br />
Papst Benedikt XVI. spricht nicht zu e<strong>in</strong>zelnen<br />
Politikfeldern, wie mit klaren Ansagen<br />
erwartet. Sondern zur Grundlage aller<br />
Politik. Mit e<strong>in</strong>er Rede zur Herkunft und<br />
Begründung des Rechts sorgt er für e<strong>in</strong>e<br />
Überraschung. 4 Nachdrücklich macht er<br />
deutlich, dass das Recht <strong>in</strong> der Demokratie<br />
nicht alle<strong>in</strong> auf Mehrheitsbeschlüsse gegründet<br />
werden könne, wenn die Menschenwürde<br />
zur Debatte stehe.<br />
„Von dieser Überzeugung her haben<br />
die Widerstandskämpfer gegen das Naziregime<br />
und gegen andere totalitäre Regime<br />
gehandelt und so dem Recht und der<br />
Menschheit als Ganzes e<strong>in</strong>en Dienst erwiesen“,<br />
sagt er. Und wendet sich deutlich<br />
gegen das Absolutsetzen e<strong>in</strong>es positivistischen<br />
Konzepts von Natur und Vernunft,<br />
das die Menschlichkeit bedrohe, extremistische<br />
und radikale Strömungen herausfordere.<br />
„Die Kultur Europas ist aus der<br />
Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom<br />
– aus der Begegnung zwischen dem<br />
Gottesglauben Israels, der philosophischen<br />
Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken<br />
Roms entstanden. Diese dreifache<br />
Begegnung bildet die <strong>in</strong>nere Identität<br />
Europas. Sie hat im Bewusstse<strong>in</strong> der Verantwortung<br />
des Menschen vor Gott und <strong>in</strong> der<br />
Anerkenntnis der unantastbaren Würde<br />
des Menschen, e<strong>in</strong>es jeden Menschen,<br />
Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen<br />
uns <strong>in</strong> unserer historischen Stunde<br />
aufgegeben ist.“ Großer Applaus – auch<br />
von Petra Pau von den L<strong>in</strong>ken.<br />
Treffen mit Juden<br />
Politiker r<strong>in</strong>gen flugs händer<strong>in</strong>gend vor<br />
den Fernsehkameras um Deutung, Agenturen<br />
melden: „E<strong>in</strong> listiger Coup“, „Schwere<br />
Kost“, „Papst redet Politikern <strong>in</strong>s Gewissen“.<br />
Von den vorab groß promoteten Wegbleibern<br />
und doch nicht so zahlreich aufgelaufenen<br />
Anti-Papst-Demonstranten ist<br />
schon nirgends mehr die Rede. Währenddessen<br />
er<strong>in</strong>nert Benedikt beim Treffen mit<br />
Vertretern der jüdischen Geme<strong>in</strong>de mit<br />
Präsident Dr. Dieter Graumann im Bundestag<br />
an den Naziterror und die Shoah, an die<br />
Pogromnacht 1938 und die heidnische Ideologie<br />
der Machthaber, freut sich über e<strong>in</strong><br />
Aufblühen jüdischen<br />
Lebens <strong>in</strong> Deutschland<br />
und „den sich<br />
vertiefenden Dialog<br />
zwischen der katholischen<br />
Kirche und dem<br />
Judentum“. 5 Se<strong>in</strong> Appell<br />
<strong>in</strong> die eigenen<br />
Reihen: Christen müssten<br />
sich immer mehr<br />
über ihre <strong>in</strong>nere Verwandtschaft<br />
mit dem<br />
Judentum klar werden:<br />
„Für Christen<br />
kann es ke<strong>in</strong>en Bruch<br />
im Heilsgeschehen geben.<br />
Das Heil kommt<br />
nun e<strong>in</strong>mal von den<br />
Juden.“ Der <strong>in</strong>tensive<br />
Dialog solle die geme<strong>in</strong>same<br />
Hoffnung<br />
auf Gott <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er zunehmend<br />
säkularen<br />
Gesellschaft stärken: „Ohne diese Hoffnung<br />
verliert die Gesellschaft ihre Humanität.“<br />
Messe im Olympiastadion<br />
Das ratzfatz mit rund 70.000 Gläubigen<br />
ausgebuchte Olympiastadion ist se<strong>in</strong>e<br />
nächste große Station: In se<strong>in</strong>er Predigt ruft<br />
Papst Benedikt zu e<strong>in</strong>em Leben mit der<br />
Am Grab von Bbr. Hugo Aufderbeck<br />
Berl<strong>in</strong>er Unitarier vor der Papstmesse im Olympiastadion:<br />
(v. r.) Senior Frederic Ludden, Consenior Thomas Byczkowski<br />
Kirche auf. 6 „Die Kirche als Verkünder<strong>in</strong> des<br />
Wortes Gottes und Spender<strong>in</strong> der Sakramente<br />
verb<strong>in</strong>det uns mit Christus“, betont<br />
Benedikt XVI. Jeder sei vor die grundlegende<br />
Entscheidung gestellt, mit der Kirche<br />
und damit mit Christus verbunden zu bleiben.„Wir<br />
glauben nicht alle<strong>in</strong>e, sondern wir<br />
glauben mit der ganzen Kirche. Sie ist das<br />
schönste Geschenk Gottes“, zitiert er das<br />
Zweite Vatikanische Konzil, die von der >><br />
Beim Besuch <strong>in</strong> Erfurt betet Papst Benedikt mit Bischof Dr. Joachim Wanke am Grab des<br />
1981 verstorbenen Erfurter Bischofs Bbr. Hugo Aufderbeck (Kreuzritter-UNITAS Wien) im<br />
Kreuzgang des Doms. Mit dem Vordenker der Seelsorge <strong>in</strong> der frühen DDR und engagierten<br />
Bischof, e<strong>in</strong>er der prägendsten Gestalten für die Kirche <strong>in</strong> Deutschland, verb<strong>in</strong>den<br />
sich auch persönliche Er<strong>in</strong>nerungen des Papstes: Joseph Ratz<strong>in</strong>ger und Hugo<br />
Aufderbeck lernten sich während dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) kennen,<br />
an dem Aufderbeck als Bischof und Ratz<strong>in</strong>ger als Theologe teilnahmen. Zudem traf<br />
er mit ihm <strong>in</strong> den 1960er und 70er Jahren zusammen, als er im Erfurter Priestersem<strong>in</strong>ar<br />
zu Gast war und dort theologische Vorlesungen hielt.<br />
unitas 4/2011 291
Kirche als dem „universalen Heilssakrament“<br />
sprach.<br />
Manche allerd<strong>in</strong>gs blieben im Blick auf<br />
die Kirche an ihrer äußeren Gestalt hängen.<br />
Ihnen ersche<strong>in</strong>e die Kirche nur als e<strong>in</strong>e von<br />
vielen Organisationen <strong>in</strong>nerhalb e<strong>in</strong>er<br />
demokratischen Gesellschaft, nach deren<br />
Maßstäben und Gesetzen dann auch die so<br />
sperrige Größe „Kirche“ zu beurteilen und<br />
zu behandeln sei. Der medial dankbar aufgenommene<br />
Satz sitzt: „Wenn dann auch<br />
noch die leidvolle Erfahrung dazukommt,<br />
dass es <strong>in</strong> der Kirche gute und schlechte<br />
Fische, Weizen und Unkraut gibt, und der<br />
Blick auf das Negative fixiert bleibt, dann<br />
erschließt sich das große und schöne<br />
Mysterium der Kirche nicht mehr.“ So<br />
komme auch ke<strong>in</strong>e Freude mehr über die<br />
Zugehörigkeit zur Kirche auf, erklärt er.<br />
Doch Unzufriedenheit und Missvergnügen<br />
verbreiteten sich auch, wenn man eigene<br />
oberflächliche und fehlerhafte Vorstellungen<br />
von „Kirche“ – eigene „Kirchenträume“<br />
– nicht verwirklicht sehe…<br />
23. September: Erfurt<br />
Treffen mit Muslimen<br />
Der zweite Besuchstag steht im Zeichen<br />
e<strong>in</strong>es Treffens mit 15 Repräsentanten der<br />
Muslime <strong>in</strong> Deutschland. Christen und<br />
Muslime ruft Papst Benedikt XVI. zu fruchtbarer<br />
Zusammenarbeit auf. 7 „Als Menschen<br />
des Glaubens können wir, von unseren<br />
jeweiligen Überzeugungen ausgehend, e<strong>in</strong><br />
wichtiges Zeugnis <strong>in</strong> vielen entscheidenden<br />
Bereichen des gesellschaftlichen Lebens<br />
geben.“ Er denke dabei etwa an den Schutz<br />
der Familie auf Grundlage der Ehegeme<strong>in</strong>schaft,<br />
die Ehrfurcht vor dem Leben <strong>in</strong><br />
jeder Phase se<strong>in</strong>es natürlichen Verlaufs,<br />
und die Förderung sozialer Gerechtigkeit.<br />
Dazu sei es auch notwendig, „im Dialog<br />
und <strong>in</strong> der gegenseitigen Wertschätzung zu<br />
wachsen“.<br />
Ökumenisches Treffen<br />
Durchgehend war es schon vorab als<br />
„Höhepunkt“ se<strong>in</strong>er Reise gewertet worden:<br />
Das Treffen mit Vertretern des Rates<br />
der Evangelischen Kirche <strong>in</strong> Deutschland<br />
(EKD). An historischer Stätte – im Kapitelsaal<br />
des August<strong>in</strong>erklosters zu Erfurt, wo<br />
Mart<strong>in</strong> Luther 500 Jahre zuvor se<strong>in</strong>e erste<br />
Messe las. Der Präses der Evangelischen<br />
Kirche, Nikolaus Schneider, betont <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er<br />
Begrüßung die Geme<strong>in</strong>samkeiten zwischen<br />
evangelischer und katholischer Kirche, dass<br />
„die Fe<strong>in</strong>dschaft gegene<strong>in</strong>ander“ überwunden<br />
sei, der Glaube <strong>in</strong> vielerlei H<strong>in</strong>sicht<br />
bereits geme<strong>in</strong>sam gelebt werde. „In<br />
getrennten Kirchen s<strong>in</strong>d wir freundschaftlich<br />
verschieden“, doch verb<strong>in</strong>de Christen<br />
beider Kirchen mehr als sie trenne. Mit Blick<br />
292<br />
unitas 4/2011<br />
Fast 30.000 Gläubige kamen zur Messe<br />
auf dem Erfurter Domplatz<br />
auf das bevorstehende Reformationsgedenkjahr<br />
bittet er den Papst, den 31. Oktober<br />
2017 als e<strong>in</strong> „Fest des Christusbekenntnisses<br />
zu verstehen und mit den Kirchen<br />
der Reformation zu feiern“.<br />
„Die Abwesenheit e<strong>in</strong>es Gottes <strong>in</strong> unserer<br />
Gesellschaft wird drückender“, sagt<br />
Papst Benedikt und nennt den „Säkularisierungsdruck“<br />
als geme<strong>in</strong>same Herausforderung<br />
der Kirchen 8 : Katholiken und<br />
Protestanten müssten sich gegenseitig helfen,<br />
„tiefer und lebendiger zu glauben“, der<br />
„von <strong>in</strong>nen gelebte Glaube“ sei die stärkste<br />
ökumenische Kraft“, die zue<strong>in</strong>ander führe.<br />
„Es war der Fehler des konfessionellen Zeitalters,<br />
dass wir weith<strong>in</strong> nur das Trennende<br />
gesehen und gar nicht existentiell wahrgenommen<br />
haben, was uns mit den Vorgaben<br />
der Heiligen Schrift und der altchristlichen<br />
Bekenntnisse geme<strong>in</strong>sam ist“. Im geme<strong>in</strong>samen<br />
E<strong>in</strong>treten für das christliche Ethos<br />
und im geme<strong>in</strong>samen Zeugnis für Gott <strong>in</strong><br />
der Welt sei diese „unverlierbare Grundlage“<br />
erkennbar. Und Benedikt verweist<br />
geradezu als Vorbild auf Mart<strong>in</strong> Luther, den<br />
als leidenschaftlichen Gottsucher die Frage<br />
bewegt habe, wie er „e<strong>in</strong>en gnädigen Gott<br />
kriegen“ könne“. Diese zentrale Lebensfrage<br />
Luthers treffe ihn selbst immer wieder<br />
neu, bekennt der Papst.<br />
Im anschließenden Gottesdienst ruft<br />
Benedikt XVI. Katholiken und Protestanten<br />
auf, sich gegenseitig im Glauben zu stärken:<br />
„Unser erster ökumenischer Dienst <strong>in</strong><br />
dieser Zeit muss es se<strong>in</strong>, geme<strong>in</strong>sam die<br />
Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen<br />
und damit der Welt die Antwort zu<br />
geben, die sie braucht.“ Bei ökumenischen<br />
Begegnungen sollten nicht nur die Trennungen<br />
und Spaltungen beklagt werden,<br />
sondern die Gläubigen sollten „Gott für<br />
alles danken, was er uns an E<strong>in</strong>heit erhalten<br />
hat und immer neu schenkt.“ Dr<strong>in</strong>gend<br />
mahnt er das geme<strong>in</strong>same E<strong>in</strong>treten für<br />
christliche Werte <strong>in</strong> Politik und Gesellschaft<br />
an, fordert die geme<strong>in</strong>same Verteidigung<br />
der unantastbaren Würde des Menschen<br />
von der Empfängnis bis zum Tod – „<strong>in</strong> den<br />
Fragen von PID bis zur Sterbehilfe.“ Glaubens<strong>in</strong>halte<br />
aber ließen sich nicht „aushandeln“,<br />
stellt er klar: „Nicht Verdünnung des<br />
Glaubens hilft, sondern nur ihn ganz zu<br />
leben <strong>in</strong> unserem Heute. Dies ist e<strong>in</strong>e zentrale<br />
ökumenische Aufgabe. Dazu sollten<br />
wir uns gegenseitig helfen: tiefer und<br />
lebendiger zu glauben. Nicht Taktiken retten<br />
uns, retten das Christentum, sondern<br />
neu gedachter und neu gelebter Glaube,<br />
durch den Christus und mit ihm der lebendige<br />
Gott <strong>in</strong> diese unsere Welt here<strong>in</strong>tritt.<br />
Wie uns die Märtyrer der Nazizeit zue<strong>in</strong>ander<br />
geführt und die erste große ökumenische<br />
Öffnung bewirkt haben, so ist auch<br />
heute der <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er säkularisierten Welt von<br />
<strong>in</strong>nen gelebte Glaube die stärkste ökumenische<br />
Kraft, die uns zue<strong>in</strong>ander führt, der<br />
E<strong>in</strong>heit <strong>in</strong> dem e<strong>in</strong>en Herrn entgegen.“<br />
Präses Schneider spricht anschließend von<br />
e<strong>in</strong>er „sehr ernsthaften und tiefen geschwisterlichen<br />
Begegnung“. Für den<br />
Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz,<br />
Erzbischof Dr. Robert Zollitsch,<br />
ist bereits der Ort der Begegnung e<strong>in</strong>e<br />
wichtige Botschaft.<br />
Dank an Christen<br />
<strong>in</strong> der ehemaligen DDR<br />
Rund 90.000 Menschen – 20.000 mehr<br />
als <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong> – s<strong>in</strong>d auf dem schnell hergerichteten<br />
20 Hektar großen Pilgerfeld im<br />
thür<strong>in</strong>gischen Marienwallfahrtsort Etzelsbach<br />
versammelt. Mit ihnen feiert der<br />
Papst am Abend die Vesper. 10 Die Katholiken<br />
im Eichsfeld hätten <strong>in</strong> zwei gottlosen<br />
Diktaturen <strong>in</strong> der NS-Zeit und unter der<br />
SED-Herrschaft ihren Glauben behauptet<br />
und am Gnadenort e<strong>in</strong>e Stätte <strong>in</strong>neren<br />
Friedens gefunden. Nicht die oft als Leitbild<br />
des modernen Lebens angepriesene Selbstverwirklichung<br />
br<strong>in</strong>ge die wahre Entfaltung<br />
des Menschen, sondern die Haltung der<br />
H<strong>in</strong>gabe, verweist er auf das Beispiel<br />
Mariens.<br />
24. September<br />
Mehr als 30.000 Menschen passen am<br />
24. September nicht zur Messe auf dem<br />
Erfurter Domplatz. 11 „Hier <strong>in</strong> Thür<strong>in</strong>gen und<br />
<strong>in</strong> der früheren DDR habt ihr e<strong>in</strong>e braune
und e<strong>in</strong>e rote Diktatur ertragen müssen,<br />
die für den christlichen Glauben wie saurer<br />
Regen wirkte“, erklärt Benedikt. Viele<br />
Spätfolgen dieser Zeit seien noch aufzuarbeiten,<br />
vor allem im geistigen und im<br />
religiösen Bereich: „Die Mehrzahl der<br />
Menschen <strong>in</strong> diesem Lande lebt mittlerweile<br />
fern vom Glauben an Christus und<br />
von der Geme<strong>in</strong>schaft der Kirche. Doch<br />
zeigen die letzten beiden Jahrzehnte<br />
auch gute Erfahrungen: e<strong>in</strong> erweiterter<br />
Horizont, e<strong>in</strong> Austausch über Grenzen<br />
h<strong>in</strong>weg, e<strong>in</strong>e gläubige Zuversicht, dass Gott<br />
uns nicht im Stich lässt und uns neue<br />
Wege führt.“<br />
Viele Menschen hätten persönliche<br />
Nachteile <strong>in</strong> Kauf genommen, um ihren<br />
Glauben zu leben, sagt er, dankt Priestern<br />
und Laien, besonders Eltern, die <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em<br />
kirchenfe<strong>in</strong>dlichen politischen Umfeld ihre<br />
K<strong>in</strong>der im katholischen Glauben erzogen<br />
haben. Er er<strong>in</strong>nert an die Schutzheiligen<br />
des Bistums Erfurt, Elisabeth von Thür<strong>in</strong>gen,<br />
Bonifatius, den „Apostel Deutschlands“<br />
und Kilian. „Glaube ist immer auch<br />
wesentlich e<strong>in</strong> Mitglauben. Niemand kann<br />
alle<strong>in</strong> glauben, wir empfangen den Glauben,<br />
so sagt uns Paulus durch das Hören.<br />
Und Hören ist e<strong>in</strong> Vorgang des Mite<strong>in</strong>anders,<br />
geistig und leiblich“, unterstreicht<br />
Benedikt: „Wenn wir uns dem ganzen<br />
Glauben <strong>in</strong> der ganzen Geschichte und<br />
dessen Bezeugung <strong>in</strong> der ganzen Kirche öffnen,<br />
dann hat der katholische Glaube auch<br />
als öffentliche Kraft <strong>in</strong> Deutschland Zukunft.“<br />
Es gehe darum, nach dem Beispiel<br />
der Heiligen „das Zeugnis Christi sichtbar<br />
und hörbar zu machen <strong>in</strong> der Welt, die<br />
Herrlichkeit Gottes hörbar und schaubar zu<br />
machen und so zu leben <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Welt, <strong>in</strong><br />
der Gott da ist und Leben schön und s<strong>in</strong>nvoll<br />
werden lässt“.<br />
Begegnungen <strong>in</strong> Freiburg<br />
Am Nachmittag trifft Benedikt XVI. mit<br />
Altkanzler Dr. Helmut Kohl zusammen – e<strong>in</strong><br />
vertrauliches Gespräch im Freiburger Priestersem<strong>in</strong>ar.<br />
Ebenfalls unbeobachtet von<br />
den Kameras: Das Treffen mit Vertretern der<br />
Orthodoxie und dem Präsidenten der<br />
orthodoxen Bischofskonferenz Deutschlands<br />
(OBKD), Metropolit Augoust<strong>in</strong>os. Hier<br />
unterstreicht Benedikt XVI. die Geme<strong>in</strong>samkeiten.<br />
12 Geschichtlich hätten Katholiken<br />
und Orthodoxe beide die gleiche altkirchliche<br />
Struktur. Die 1,6 Millionen orthodoxen<br />
und orientalischen Christen <strong>in</strong><br />
Deutschland seien „e<strong>in</strong> fester Bestandteil<br />
der Gesellschaft geworden, der den Schatz<br />
der christlichen Kulturen und des christlichen<br />
Glaubens Europas belebt“. Geme<strong>in</strong>sam<br />
mit der katholischen Kirche sei auch<br />
das Bewusstse<strong>in</strong>, dass auf Gott jede Würde<br />
des Menschen beruhe, beide träten für den<br />
Schutz des menschlichen Lebens von se<strong>in</strong>er<br />
Empfängnis bis zu se<strong>in</strong>em natürlichen Tod<br />
e<strong>in</strong>, stellten sich jedem manipulativen und<br />
„Wir kamen aus dem Erklären gar nicht mehr raus“<br />
VORORT FRANKO-SAXONIA WAR BEI PAPSTMESSE IN FREIBURG<br />
Die Bundesbrüder vom Vorort <strong>Unitas</strong> Franko-Saxonia Marburg brachen <strong>in</strong> aller Frühe<br />
vom gelungenen Stiftungsfestkommers <strong>in</strong> Mannheim nach Freiburg auf. Pünktlich trafen<br />
sie am Flughafengelände e<strong>in</strong>: „Auf dem Weg von der E<strong>in</strong>gangskontrolle zum uns<br />
zugewiesenen Block hatten wir die erste Begegnung mit e<strong>in</strong>er Gruppe Polizisten“,<br />
berichtet VOS Alexander von der Beeke. „Sie sprachen uns auf unsere ,Uniformen‘ an,<br />
waren <strong>in</strong>teressiert an unseren Erklärungen und baten dann noch um e<strong>in</strong> Foto mit uns.<br />
Als wir den uns zugewiesenen Block und die Bundesbrüder der <strong>Unitas</strong> Albert<strong>in</strong>a gefunden<br />
hatten, wurden auch schon die Wege für die E<strong>in</strong>gangsrunde des Papstes mit dem<br />
Papamobil gesperrt und wir stellten uns so nah wie möglich an die Absperrung. Über<br />
den Gottesdienst ist wohl bereits alles geschrieben und unsere E<strong>in</strong>drücke waren sehr<br />
positiv. E<strong>in</strong>zig störender Faktor aber waren die vielen umherlaufenden Besucher während<br />
der Messe. Und gefühlt jeder vorbeikommende Fotograf machte Bilder von uns.<br />
Auch nach der Messe am Malteserzelt – wir brauchten nach dem Stehen <strong>in</strong> der Wichs<br />
etwas Wasser – kamen wir aus dem Erklären kaum heraus. Viele ältere Teilnehmer<br />
drückten ihre Freude aus, die katholischen Verb<strong>in</strong>dungen repräsentiert zu sehen“, so<br />
Bbr. von der Beeke. „Die gesamte Fahrt war nach dem frühen Aufstehen und durch die<br />
weiten Strecken sehr anstrengend. Aber die tolle Messe und die durchweg positiven<br />
Rückmeldungen zu unserem Auftreten beim Gottesdienst machten uns klar: Die Fahrt<br />
hat sich wirklich gelohnt.“<br />
selektiven E<strong>in</strong>griff am menschlichen Leben<br />
entgegen. Auch die Integrität und die<br />
E<strong>in</strong>zigartigkeit der Ehe zwischen e<strong>in</strong>em<br />
Mann und e<strong>in</strong>er Frau müssten Christen vor<br />
jeglicher Missdeutung schützen. „Hier leistet<br />
das geme<strong>in</strong>same Engagement der<br />
Christen, darunter vieler Orthodoxer und<br />
Orientalen, e<strong>in</strong>en wertvollen Beitrag“, so<br />
Papst Benedikt und äußert die Hoffnung,<br />
dass der Tag nicht mehr fern sei, an dem<br />
beide Kirchen wieder geme<strong>in</strong>sam Eucharistie<br />
feiern könnten. Noch müssten dafür<br />
theologische Differenzen geklärt werden.<br />
Die wichtigste Herausforderung im R<strong>in</strong>gen<br />
um die theologischen Unterschiede sei,<br />
e<strong>in</strong>e rechte Antwort auf die Ausübung des<br />
Primats zu f<strong>in</strong>den. „Wir leben im Verständnis<br />
von Kirche und Tradition diachronisch –<br />
<strong>in</strong> der Zeit und doch die Zeit überschreitend.<br />
Und so werden wir – gerade auch <strong>in</strong><br />
Deutschland – fortfahren: geme<strong>in</strong>sam und<br />
immer mehr aufe<strong>in</strong>ander zu“, antwortet<br />
Metropolit Augoust<strong>in</strong>os von Deutschland.<br />
(13) „Diese Erfahrung der letzten Jahrzehnte<br />
fortzusetzen wird für mich das wichtigste<br />
Ergebnis Ihrer Reise durch unser Land und<br />
dieses Abends se<strong>in</strong>.“<br />
„Krise der Kirche<br />
ist Krise des Glaubens“<br />
Beim halbstündigen Gespräch mit dem<br />
Präsidium des Zentralkomitees der deutschen<br />
Katholiken (ZdK) fordert Benedikt XVI.<br />
zum geme<strong>in</strong>samen „sehr ernsthaften“ Nachdenken<br />
darüber auf, warum viele Menschen<br />
zu den etablierten Kirchen mit ihren überkommenen<br />
Strukturen ke<strong>in</strong>en Kontakt fänden.<br />
14 Und nennt selbst den Grund: E<strong>in</strong> unterschwelliger,<br />
alle Lebensbereiche durchdr<strong>in</strong>genden<br />
Relativismus übt immer mehr<br />
E<strong>in</strong>fluss auf die menschlichen Beziehungen<br />
und auf die Gesellschaft aus, stellt Benedikt<br />
fest. Die Folgen: Unbeständigkeit, Sprunghaftigkeit,<br />
übersteigerter Individualismus,<br />
ke<strong>in</strong> Verzicht, ke<strong>in</strong> Opfer für andere und<br />
B<strong>in</strong>dungsunfähigkeit. Vielen Menschen >><br />
unitas 4/2011 293
mangele es <strong>in</strong> der reichen westlichen Welt<br />
an der Erfahrung der Güte Gottes. Trotz<br />
bester Organisation der Kirche <strong>in</strong> Deutschland<br />
sei zu fragen, ob dah<strong>in</strong>ter auch noch die<br />
entsprechende geistige Kraft – Kraft des<br />
Glaubens an den lebendigen Gott stehe:„Ich<br />
denke, ehrlicherweise müssen wir doch<br />
sagen, dass es bei uns e<strong>in</strong>en Überhang an<br />
Strukturen gegenüber dem Geist gibt. Und<br />
ich füge h<strong>in</strong>zu: Die eigentliche Krise der<br />
Kirche <strong>in</strong> der westlichen Welt ist e<strong>in</strong>e Krise<br />
des Glaubens.“ Wenn nicht zu e<strong>in</strong>er wirklichen<br />
Erneuerung des Glaubens gefunden<br />
werde, blieben alle strukturellen Reformen<br />
wirkungslos. „Wir s<strong>in</strong>d gerufen, neue Wege<br />
der Evangelisierung zu f<strong>in</strong>den. E<strong>in</strong> solcher<br />
Weg können kle<strong>in</strong>e Geme<strong>in</strong>schaften se<strong>in</strong>, wo<br />
Freundschaften gelebt und <strong>in</strong> der regelmäßigen<br />
geme<strong>in</strong>samen Anbetung vor Gott vertieft<br />
werden.“ Über Glaubenserfahrungen<br />
am Arbeitsplatz, im Familien- und Bekanntenkreis<br />
zu erzählen könne man e<strong>in</strong>e neue<br />
Nähe der Kirche zur Gesellschaft bezeugen.<br />
Gebetsvigil <strong>in</strong> Freiburg<br />
Die Reise geht dem Ende zu. Auftakt für<br />
den letzten Tag <strong>in</strong> Freiburg ist die Gebetsvigil<br />
mit 23.000 Jugendlichen auf dem Freiburger<br />
Messegelände. 15 Die Nacht senkt sich, als er<br />
sie im Sche<strong>in</strong> unzähliger Lichter aufruft, ihre<br />
Religiosität engagiert zu leben. „Der<br />
Schaden der Kirche kommt nicht von<br />
ihren Gegnern, sondern von den lauen<br />
Christen“, betont er. „Lasst es zu, dass<br />
Christus <strong>in</strong> euch brennt, auch wenn das<br />
manchmal Opfer und Verzicht bedeuten<br />
kann. Fürchtet nicht, ihr könntet<br />
etwas verlieren und sozusagen am<br />
Ende leer ausgehen. Habt den Mut, eure<br />
Talente und Begabungen für Gottes<br />
Reich e<strong>in</strong>zusetzen“, fordert er auf. „Ich<br />
vertraue darauf, dass ihr und viele andere<br />
junge Menschen hier <strong>in</strong> Deutschland<br />
Leuchten der Hoffnung seid, die nicht<br />
verborgen bleiben. „Ihr seid das Licht<br />
der Welt.“ Wo Gott ist, da ist Zukunft!“<br />
Gott fordere „ke<strong>in</strong>e Glanzleistungen“,<br />
und es sei falsch zu glauben, nur asketische<br />
und moralische Höchstleistungen machten<br />
zum Heiligen. „Wagt es, glühende Heilige zu<br />
se<strong>in</strong>, <strong>in</strong> deren Augen und Herzen die Liebe<br />
Christi strahlt und die so der Welt Licht<br />
br<strong>in</strong>gt“, so der Papst und ermuntert dazu,<br />
sich gegenseitig zu bestärken: „Niemand<br />
kann glauben, wenn er nicht durch den<br />
Glauben der anderen gestützt wird.“<br />
25. September<br />
Würdigung für<br />
Bbr. Lorenz Werthmann<br />
Vor der Abschlussmesse auf dem Freiburger<br />
Flughafengelände am letzten Tag der<br />
Apostolischen Reise betont Erzbischof<br />
Robert Zollitsch die Rolle der kirchlichen<br />
294<br />
unitas 4/2011<br />
Wohlfahrt für die Gesellschaft.„Caritas steht<br />
nicht nur für Nächstenliebe, Hilfe und<br />
Solidarität. Caritas steht für die entscheidenden<br />
Werte, die aus dem Glauben an Jesus<br />
Christus erwachsen und von denen unsere<br />
Gesellschaft lebt“, unterstreicht er vor über<br />
100.000 Gläubigen unter strahlend blauem<br />
Himmel. Und verweist auf Bbr. Lorenz<br />
Werthmann (1858 bis 1921), der 1897 den<br />
Deutschen Caritasverband mit se<strong>in</strong>em<br />
Hauptsitz <strong>in</strong> Freiburg gründete. Papst<br />
Benedikt XVI. nimmt dies auf, dankt <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er<br />
Predigt den vielen haupt- und nebenamtlichen<br />
Mitarbeitern, „ohne die das Leben <strong>in</strong><br />
den Pfarreien und <strong>in</strong> der Kirche als Ganzes<br />
nicht denkbar wäre“, er bekundet se<strong>in</strong>en<br />
Respekt für das große, auch ehrenamtliche<br />
Engagement <strong>in</strong> der deutschen Kirche <strong>in</strong> vielen<br />
sozialen und karitativen E<strong>in</strong>richtungen<br />
und ihre weltweite Wirksamkeit. 16 Und<br />
mahnt, die von Gott geschenkte Gabe der<br />
Freiheit <strong>in</strong> richtiger Weise zu nutzen: „Nicht<br />
auf das Reden, sondern auf das Tun kommt<br />
es an, auf die Taten der Umkehr und des<br />
Glaubens“, warnt er vor Rout<strong>in</strong>e: „Agnostiker,<br />
die von der Frage nach Gott umgetrieben<br />
werden; Menschen, die unter unserer<br />
Sünde leiden und Sehnsucht nach dem re<strong>in</strong>en<br />
Herzen haben, s<strong>in</strong>d näher am Reich<br />
Gottes als kirchliche Rout<strong>in</strong>iers, die <strong>in</strong> ihr nur<br />
noch den Apparat sehen, ohne dass ihr Herz<br />
vom Glauben berührt wäre.“ Die Erneuerung<br />
der Kirche<br />
könne letztlich<br />
nur durch die<br />
Bereitschaft zur<br />
Umkehr und<br />
durch e<strong>in</strong>en erneuertenGlauben<br />
kommen,<br />
christliches Leben<br />
müsse stets<br />
neu an Christus<br />
Maß nehmen.<br />
Und zieht zuletzt<br />
gleichsam die<br />
Qu<strong>in</strong>tessenz se<strong>in</strong>es<br />
Besuches.<br />
„Mit Paulus wage ich euch zuzurufen:<br />
Macht me<strong>in</strong>e Freude dadurch vollkommen,<br />
dass ihr fest <strong>in</strong> Christus gee<strong>in</strong>t seid! Die<br />
Kirche <strong>in</strong> Deutschland wird die großen Herausforderungen<br />
der Gegenwart und der<br />
Zukunft bestehen und Sauerteig <strong>in</strong> der Gesellschaft<br />
bleiben, wenn Priester, Gottgeweihte<br />
und christgläubige Laien <strong>in</strong> Treue<br />
zur jeweils spezifischen Berufung <strong>in</strong> E<strong>in</strong>heit<br />
zusammenarbeiten; wenn Pfarreien, Geme<strong>in</strong>schaften<br />
und Bewegungen sich gegenseitig<br />
stützen und bereichern; wenn die<br />
Getauften und Gefirmten die Fackel des<br />
unverfälschten Glaubens <strong>in</strong> E<strong>in</strong>heit mit<br />
dem Bischof hochhalten und ihr reiches<br />
Wissen und Können davon erleuchten lassen.<br />
Die Kirche <strong>in</strong> Deutschland wird für die<br />
weltweite katholische Geme<strong>in</strong>schaft weiterh<strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong> Segen se<strong>in</strong>, wenn sie treu mit den<br />
Nachfolgern des heiligen Petrus und der<br />
Apostel verbunden bleibt, die Zusammen-<br />
arbeit mit den Missionsländern <strong>in</strong> vielfältiger<br />
Weise pflegt und sich dabei auch von<br />
der Glaubensfreude der jungen Kirchen<br />
anstecken lässt.“<br />
Christliche Existenz heiße Dase<strong>in</strong> für<br />
den andern, demütiger E<strong>in</strong>satz für den<br />
Nächsten und das Geme<strong>in</strong>wohl, mahnt er<br />
zur Tugend der Demut als Öl, das Gesprächsprozesse<br />
fruchtbar, Zusammenarbeit<br />
e<strong>in</strong>fach und E<strong>in</strong>heit herzlich mache.<br />
„Humilitas, das late<strong>in</strong>ische Wort für Demut,<br />
hat mit Humus, Erdnähe zu tun. Demütige<br />
Menschen stehen mit beiden Be<strong>in</strong>en auf der<br />
Erde. Vor allem aber hören sie auf Christus,<br />
auf Gottes Wort, das die Kirche und jedes<br />
Glied <strong>in</strong> ihr unaufhörlich erneuert.“<br />
Die „Konzerthausrede“<br />
Sie wird noch manche Gespräche<br />
befeuern: Benedikts Ansprache am Nachmittag<br />
bei der Begegnung mit engagierten<br />
Katholiken. 17 Er dankt für das vielfältige<br />
Engagement für die Kirche und für das Geme<strong>in</strong>wesen,<br />
kommt aber auch hier schnell<br />
auf den seit Jahrzehnten zu beobachtenden<br />
Rückgang der religiösen Praxis zu sprechen.<br />
Nicht die Kirche müsse sich ändern,<br />
nicht ihre Ämter und Strukturen der Gegenwart<br />
anpassen. Sondern Kirche seien alle<br />
Getauften, jeder Christ und die Geme<strong>in</strong>schaft<br />
der Gläubigen als Ganzes seien zur<br />
stetigen Änderung aufgerufen: „Um ihre<br />
Sendung zu verwirklichen, wird sie auch<br />
immer wieder Distanz zu ihrer Umgebung<br />
nehmen müssen, sich gewissermaßen ,entweltlichen‘“,<br />
erklärt Papst Benedikt. Die<br />
Sendung der Kirche komme vom Geheimnis<br />
des Dreie<strong>in</strong>igen Gottes her, dem Geheimnis<br />
se<strong>in</strong>er schöpferischen Liebe, die <strong>in</strong><br />
Christus Fleisch angenommen hat und die<br />
Welt verwandeln will. Der S<strong>in</strong>n der Kirche<br />
bestehe dar<strong>in</strong>, Werkzeug der Erlösung zu<br />
se<strong>in</strong>, sich von Gott her mit se<strong>in</strong>em Wort<br />
durchdr<strong>in</strong>gen zu lassen und die Welt <strong>in</strong> die<br />
E<strong>in</strong>heit der Liebe mit Gott h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>zutragen,<br />
sich immer neu den Sorgen der Welt zu öffnen.<br />
„In der geschichtlichen Ausformung<br />
der Kirche zeigt sich jedoch auch e<strong>in</strong>e<br />
gegenläufige Tendenz“, warnt Benedikt,<br />
„dass die Kirche zufrieden wird mit sich<br />
selbst, sich <strong>in</strong> dieser Welt e<strong>in</strong>richtet, selbstgenügsam<br />
ist und sich den Maßstäben der<br />
Welt angleicht. Sie gibt nicht selten<br />
Organisation und Institutionalisierung größeres<br />
Gewicht als ihrer Berufung zu der<br />
Offenheit auf Gott h<strong>in</strong>, zur Öffnung der<br />
Welt auf den Anderen h<strong>in</strong>.“ Darum müsse<br />
die Kirche immer wieder die Anstrengung<br />
unternehmen, sich von dieser ihrer Verweltlichung<br />
zu lösen, wieder offen auf Gott h<strong>in</strong><br />
zu werden und von materiellen und politischen<br />
Lasten und Privilegien befreit, <strong>in</strong><br />
ihrem missionarischen Handeln wieder<br />
glaubhaft zu werden. Dabei gehe es nicht<br />
darum, „e<strong>in</strong>e neue Taktik zu f<strong>in</strong>den, um der<br />
Kirche wieder Geltung zu verschaffen“.<br />
Vielmehr gelte es, nach der totalen Red-
lichkeit zu suchen, und abzustreifen, „was<br />
nur sche<strong>in</strong>bar Glaube, <strong>in</strong> Wahrheit aber<br />
Konvention und Gewohnheit ist.“<br />
Der christliche Glaube sei für den<br />
Menschen allezeit e<strong>in</strong> Skandal: „Dass der<br />
Unsterbliche am Kreuz gelitten haben und<br />
gestorben se<strong>in</strong> soll, dass uns Sterblichen<br />
Auferstehung und Ewiges Leben verheißen<br />
ist – das zu glauben ist für die Menschen<br />
allemal e<strong>in</strong>e Zumutung.“ Doch sei dieser<br />
Skandal „leider gerade <strong>in</strong> jüngster Zeit<br />
überdeckt worden von den anderen<br />
schmerzlichen Skandalen der Verkünder<br />
des Glaubens. Gefährlich wird es, wenn<br />
diese Skandale an die Stelle des primären<br />
skandalon des Kreuzes treten und ihn<br />
dadurch unzugänglich machen, also den<br />
eigentlichen christlichen Anspruch h<strong>in</strong>ter<br />
der Unbotmäßigkeit se<strong>in</strong>er Boten verdecken.“<br />
Umso mehr sei es wieder an der Zeit,<br />
„die wahre Entweltlichung zu f<strong>in</strong>den, die<br />
Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen.“<br />
Das bedeute nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen,<br />
sondern das Gegenteil: „E<strong>in</strong>e vom<br />
Weltlichen entlastete Kirche vermag gerade<br />
auch im sozial-karitativen Bereich den<br />
Menschen, den Leidenden wie ihren Helfern,<br />
die besondere Lebenskraft des christlichen<br />
Glaubens zu vermitteln." Offense<strong>in</strong> für die<br />
Anliegen der Welt heiße demnach für die<br />
entweltlichte Kirche, die Herrschaft der<br />
Liebe Gottes nach dem Evangelium durch<br />
Wort und Tat hier und heute zu bezeugen:<br />
„Leben wir als e<strong>in</strong>zelne und als Geme<strong>in</strong>schaft<br />
der Kirche die E<strong>in</strong>fachheit e<strong>in</strong>er großen<br />
Liebe, die auf der Welt das E<strong>in</strong>fachste<br />
und das Schwerste zugleich ist, weil es nicht<br />
mehr und nicht weniger verlangt, als sich<br />
selbst zu verschenken.“<br />
Rückkehr nach Rom<br />
Bei se<strong>in</strong>er Abschiedsrede am Flughafen<br />
18 sagt Papst Benedikt XVI., die zahlreichen<br />
Begegnungen mit Politikern,<br />
Kirchenvertretern und Gläubigen hätten<br />
ihn „zuversichtlich für die Kirche und die<br />
Zukunft des Christentums <strong>in</strong> Deutschland“<br />
Impressionen aus Freiburg<br />
Unter den Bundesbrüdern bei der Papstmesse <strong>in</strong> Freiburg dabei: Renate und Bbr. Willi Vögele<br />
gestimmt: „Ich möchte die Kirche <strong>in</strong><br />
Deutschland ermutigen, mit Kraft und<br />
Zuversicht den Weg des Glaubens weiterzugehen,<br />
der Menschen dazu führt, zu den<br />
Wurzeln, zum wesentlichen Kern der<br />
Frohbotschaft Christi zurückzukehren. Es<br />
wird kle<strong>in</strong>e Geme<strong>in</strong>schaften von Glaubenden<br />
geben – und es gibt sie schon –, die <strong>in</strong><br />
die pluralistische Gesellschaft mit ihrer<br />
Begeisterung h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>strahlen und andere<br />
neugierig machen, nach dem Licht zu<br />
suchen, das Leben <strong>in</strong> Fülle schenkt. „Es gibt<br />
nichts Schöneres, als Christus zu kennen<br />
und den anderen die Freundschaft mit ihm<br />
zu schenken“, er<strong>in</strong>nerte er an se<strong>in</strong>e Predigt<br />
zur Amtse<strong>in</strong>führung im April 2005. „Aus<br />
dieser Erfahrung wächst schließlich die<br />
Gewissheit: „Wo Gott ist, da ist Zukunft!“<br />
Wo Gott zugegen ist, da ist Hoffnung und<br />
da eröffnen sich neue, oft ungeahnte<br />
Perspektiven, die über den Tag und das nur<br />
Kurzlebige h<strong>in</strong>ausreichen. In diesem S<strong>in</strong>ne<br />
begleite ich <strong>in</strong> Gedanken und im Gebet den<br />
Weg der Kirche <strong>in</strong> Deutschland.“<br />
Auch hier ke<strong>in</strong>e leicht transportierbaren<br />
Nachrichten für die Medien: Wie gerne hätten<br />
sie gesehen, wie Papst Benedikt zuletzt<br />
vielleicht doch noch wild randalierende<br />
F<strong>in</strong>anzmärkte geißelt, wie er die Völker<br />
Europas zu beherztem Widerstand gegen<br />
börsennotierte Straßenräuber aufruft, wie<br />
er den Kriegsparteien auf allen Kont<strong>in</strong>enten<br />
<strong>in</strong> die Parade fährt und global agierende<br />
Rüstungskonzerne peitscht, wie er den<br />
Hunger anprangert und Gerechtigkeit für<br />
die Benachteiligten aller Zeitzonen e<strong>in</strong>fordert.<br />
Und nun blieben sie ratlos zurück …<br />
Nach der Reise bleiben Fragen<br />
Was bleibt „trotz“ alledem? Mit der<br />
selbstverständlich beanspruchten Deutungshoheit<br />
taten sich die Magaz<strong>in</strong>e<br />
schwer. Für die e<strong>in</strong>en war die von fast unverhältnismäßigenSicherheitsvorkehrungen<br />
begleitete Visite die Mischung zwischen<br />
„kaum verdaulich“, „taubes Stroh“<br />
und „Altbekanntes“. Bei anderen bot es die<br />
prallbunte Folie für durchaus freundliche<br />
Hofberichterstattung, nicht ohne die im-<br />
mer wiederholte erstaunte Anmerkung,<br />
dass es trotz Hunderttausender Menschen<br />
so friedlich zugegangen sei. Nun, da der<br />
Besuch selbst <strong>in</strong> die Archive der Sendeanstalten<br />
und Zeitungshäuser wandert,<br />
präsentierte man gleich den Nachklapp:<br />
„Katholiken machen trotzdem weiter“,<br />
notierte etwa die WAZ,„Der Papstbesuch ist<br />
Geschichte“ deutete die WELT. Und langsam<br />
verlagert sich die Debatte dorth<strong>in</strong>, wo<br />
sie ankommen sollte: In die Kirche selbst. So<br />
nahm man für erste Diskussionen bezeichnenderweise<br />
den päpstlichen Ruf nach<br />
„Entweltlichung“ auf. Sorgenvoll erwog<br />
man öffentlich, ob der Papst etwa e<strong>in</strong>e<br />
Reform des Kirchensteuerwesens oder gar<br />
e<strong>in</strong>e Abschaffung der bisherigen F<strong>in</strong>anzierung<br />
zur Diskussion stellen wollte. „Durchaus“,<br />
befand etwa der Schweizer Kurienkard<strong>in</strong>al<br />
Kurt Koch, Präsident des Rates zur<br />
Förderung der E<strong>in</strong>heit der Christen. Privilegien<br />
und Besonderheiten der katholischen<br />
Kirche <strong>in</strong> Deutschland gehörten auf den<br />
Prüfstand. Erzbischof Robert Zollitsch warnte,<br />
vorschnelle Schlüsse aus der Papstrede<br />
zu ziehen. Und der Apostolische Nuntius <strong>in</strong><br />
Deutschland, Erzbischof Jean-Claude Perisset,<br />
reagierte erstaunt auf die Debatten.<br />
Der Papst habe daran er<strong>in</strong>nert, dass Christus<br />
das Programm der Kirche se<strong>in</strong> müsse…<br />
Kirche hat Zukunft<br />
Papst Benedikt selbst sprach <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er<br />
ausführlichen Rückschau bei der Generalaudienz<br />
vor den Pilgern auf dem Petersplatz<br />
am 28. September 19 von <strong>in</strong>tensiven<br />
und wunderschönen Tagen, die er <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />
Heimatland verbracht habe. Der Besuch<br />
unter dem Motto „Wo Gott ist, da ist<br />
Zukunft!“ sei wirklich e<strong>in</strong> großes Fest des<br />
Glaubens gewesen.<br />
Unter allen Stationen se<strong>in</strong>er Reise strich<br />
er unter anderem se<strong>in</strong>e Erfahrungen bei der<br />
Vigilfeier <strong>in</strong> Freiburg heraus: „Ich war glükklich<br />
zu sehen, dass der Glaube <strong>in</strong> me<strong>in</strong>er<br />
deutschen Heimat e<strong>in</strong> junges Gesicht hat,<br />
dass er lebendig ist und e<strong>in</strong>e Zukunft besitzt.<br />
Im stimmungsvollen Lichtritus habe<br />
ich die Flamme der Osterkerze an die >><br />
unitas 4/2011 295
Jugendlichen weitergegeben, Symbol des<br />
Lichts, das Christus ist, und habe sie ermahnt:<br />
„Ihr seid das Licht der Welt“. Ich<br />
habe ihnen erneut gesagt, dass der Papst<br />
auf die aktive Mitarbeit der Jugendlichen<br />
vertraut: Mit der Gnade Christi s<strong>in</strong>d sie <strong>in</strong><br />
der Lage, der Welt das Feuer der Liebe<br />
Gottes zu br<strong>in</strong>gen.“<br />
Die Apostolische Reise nach Deutschland<br />
habe e<strong>in</strong>e günstige Gelegenheit geboten,<br />
den Gläubigen se<strong>in</strong>er deutschen Heimat<br />
zu begegnen, sie im Glauben, <strong>in</strong> der<br />
Hoffnung und <strong>in</strong> der Liebe zu stärken und<br />
die Freude, katholisch zu se<strong>in</strong>, mit ihnen zu<br />
teilen, so Papst Benedikt: „Me<strong>in</strong>e Botschaft<br />
war jedoch an das ganze deutsche Volk<br />
gerichtet, um alle e<strong>in</strong>zuladen, mit Vertrauen<br />
<strong>in</strong> die Zukunft zu blicken. Wahrlich,<br />
„wo Gott ist, da ist Zukunft“! Ich danke<br />
noch e<strong>in</strong>mal allen, die diesen Besuch<br />
ermöglicht haben, sowie jenen, die mich<br />
mit dem Gebet begleitet haben. Der Herr<br />
segne das Gottesvolk <strong>in</strong> Deutschland, und<br />
er segne euch alle.“<br />
Anmerkungen:<br />
1 Stefan Klose,Wenn sich e<strong>in</strong> nationales Selbstbild<br />
wandelt. Was bleibt von e<strong>in</strong>em Weltjugendtag?<br />
Aus: Die Tagespost vom 13. August 2011<br />
296<br />
KÖLN / BONN. Der Bund Katholischer<br />
Rechtsanwälte (BKR) lädt zur Jahrestagung<br />
2011 nach Bonn. Das Treffen beg<strong>in</strong>nt<br />
um neun Uhr mit e<strong>in</strong>em Gottesdienst,<br />
beg<strong>in</strong>nt um zehn Uhr im Verb<strong>in</strong>dungshaus<br />
der K.D.St.V. Ripuaria (Meckenheimer Allee<br />
146, 53115 Bonn) und steht unter dem Titel<br />
„Zeitmanagement für Rechtsanwälte“.<br />
E<strong>in</strong> für viele Kolleg<strong>in</strong>nen und Kollegen<br />
<strong>in</strong>teressantes Thema, so die der Zeitung<br />
durch Bbr. Nikolaus Jung (Frankfurt) zugegangene<br />
E<strong>in</strong>ladung. Nach dem Abraham<br />
L<strong>in</strong>coln zugeschriebenen Satz „Zeit ist das<br />
e<strong>in</strong>zige Kapital des Anwalts“ sei dies das<br />
e<strong>in</strong>zige Kapital, das sich nicht vermehren<br />
lasse. Darum gehe das Sem<strong>in</strong>ar der Frage<br />
nach, warum so viel Zeit im Büro verbracht<br />
werde und sich trotzdem das Gefühl e<strong>in</strong>stelle,<br />
dass die Arbeit kaum zu schaffen<br />
sei.„Insbesondere geht es darum, sich realistische<br />
Ziele zu setzen, Aktivitäten zu<br />
planen und Term<strong>in</strong>e zu vergeben, Arbeiten<br />
zu delegieren und Prioritäten zu setzen,<br />
E-Mail/Smartphone&Co. s<strong>in</strong>nvoll zu nut-<br />
unitas 4/2011<br />
2 Apostolische Reise nach Madrid, Heilige Messe<br />
zum 26. Weltjugendtag, Predigt von Papst<br />
Benedikt XVI., Madrid, Flugplatz Cuatro Vientos,<br />
Sonntag, 21. August 2011<br />
3 http://www.me<strong>in</strong>-credo.de/<br />
4 Besuch des Deutschen Bundestags und Ansprache<br />
im Berl<strong>in</strong>er Reichstagsgebäude, 22.<br />
September 2011<br />
5 Begegnung mit Repräsentanten der jüdischen<br />
Geme<strong>in</strong>de im Berl<strong>in</strong>er Reichstagsgebäude, 22.<br />
September 2011, www.vatican.va<br />
6 PAPSTBESUCH 2011, Eucharistiefeier im Olympiastadion<br />
Berl<strong>in</strong>, Donnerstag, 22. September<br />
2011, www.dbk.de<br />
7 Begegnung mit Repräsentanten der Muslimischen<br />
Geme<strong>in</strong>de im Empfangssaal der<br />
Apostolischen Nuntiatur Berl<strong>in</strong>, 23. September<br />
2011, www.vatican.va<br />
8 Begegnung mit Vertretern des Rates der evangelischen<br />
Kirche <strong>in</strong> Deutschland (EKD) im<br />
August<strong>in</strong>erkloster Erfurt, 23. September 2011,<br />
www.vatican.va<br />
9 Ökumenischer Gottesdienst <strong>in</strong> der Kirche des<br />
August<strong>in</strong>erklosters Erfurt, 23. September 2011,<br />
www.vatican.va<br />
10 Marianische Vesper <strong>in</strong> der Wallfahrtskapelle<br />
Etzelsbach, 23. September 2011, www.vatican.va<br />
11 PAPSTBESUCH 2011, Eucharistiefeier auf dem<br />
Erfurter Domplatz, Samstag, 24. September 2011,<br />
www.dbk.de<br />
12 Begegnung mit den Vertretern der Orthodoxen<br />
Kirchen im Hörsaal des Priestersem<strong>in</strong>ars von<br />
Freiburg im Breisgau, 24. September 2011,<br />
www.vatican.va<br />
zen, mit Zeitdieben umzugehen, sich und<br />
andere zu motivieren und e<strong>in</strong> beruflich<br />
und privat erfülltes Leben zu führen.“<br />
Dazu referiert am Vormittag Michael<br />
Germ, Kanzleiberater und Lehrbeauftragter<br />
der Universität Hannover. Nach<br />
se<strong>in</strong>em Vortrag über die Grundlagen des<br />
anwaltlichen Zeitmanagements und dem<br />
Mittagessen werden <strong>in</strong> Workshops E<strong>in</strong>-<br />
zelfragen vertieft, die Ergebnisse werden<br />
später im Plenum vorgestellt und diskutiert.<br />
Nach dem um 17 Uhr schließenden<br />
Programm wird die Mitgliederversammlung<br />
beg<strong>in</strong>nen.<br />
13 Metropolit Augoust<strong>in</strong>os von Deutschland,<br />
Vorsitzender der Orthodoxen Bischofskonferenz<br />
<strong>in</strong> Deutschland (OBKD), Begrüßung anlässlich<br />
der Begegnung mit Papst Benedikt<br />
XVI. <strong>in</strong> Freiburg am 24. September 2011,<br />
www.vatican.va<br />
14 Begegnung mit dem Präsidium des Zentralkomitees<br />
der deutschen Katholiken (ZDK) im<br />
Hörsaal des Priestersem<strong>in</strong>ars zu Freiburg im<br />
Breisgau, 24. September 2011, www.vatican.va<br />
15 Gebetsvigil mit den Jugendlichen auf dem<br />
Ausstellungs- und Veranstaltungsgelände von<br />
Freiburg im Breisgau, 24. September 2011,<br />
www.vatican.va<br />
16 PAPSTBESUCH 2011, Eucharistiefeier auf dem<br />
Flughafengelände <strong>in</strong> Freiburg im Breisgau,<br />
Samstag, 25. September 2011, www.dbk.de<br />
17 Begegnung mit engagierten Katholiken aus<br />
Kirche und Gesellschaft im Konzerthaus Freiburg<br />
im Breisgau, 25. September 2011, www.vatican.va<br />
18 Abschiedszeremonie auf dem Flughafen Lahr, 25.<br />
September 2011, www.vatican.va<br />
19 Generalaudienz auf dem Petersplatz am 28.<br />
September. Papst Benedikt XVI. blickt zurück auf<br />
se<strong>in</strong>e Apostolische Reise nach Deutschland<br />
(Osservatore Romano, 29.9.2011)<br />
Die LINKS zur Apostolischen Reise nach<br />
Deutschland vom 22.-25. September 2011:<br />
http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/travels/2011/<strong>in</strong>dex_germania_ge.htm,<br />
http://www.papst-<strong>in</strong>-deutschland.de,<br />
http://www.papst-<strong>in</strong>-deutschland.de/presse/reden/<br />
Zeitmanagement für Rechtsanwälte<br />
JAHRESTAGUNG DES BKR AM 12. NOVEMBER 2011 IN BONN<br />
Gäste bei der Jahrestagung des BKR:<br />
Michael Germ, Prof. Bernhard Vogel<br />
Am Abend s<strong>in</strong>d alle Sem<strong>in</strong>arteilnehmer<br />
mit Begleitpersonen zu e<strong>in</strong>em studentischen<br />
Kommers e<strong>in</strong>geladen. Festredner<br />
M<strong>in</strong>isterpräsident a. D. Prof. Dr.<br />
Bernhard Vogel spricht zum Thema<br />
„Zukunft braucht Vergangenheit“.<br />
Bei Anmeldung für das Sem<strong>in</strong>ar wird<br />
e<strong>in</strong>e Anmeldebestätigung mit Rechnung<br />
versendet. Die Teilnahme am Mittag-/<br />
Abendessen und am Kommers ist kostenfrei,<br />
es besteht Gelegenheit zur Spende.<br />
E<strong>in</strong> Rücktritt von der Teilnahme am Sem<strong>in</strong>ar<br />
ist kostenfrei nur bis 20 Tage vor der<br />
Veranstaltung möglich, danach fällt der<br />
volle Tagungsbeitrag an. E<strong>in</strong> Ersatzteilnehmer<br />
kann jederzeit benannt werden.<br />
Sem<strong>in</strong>arbeitrag: 120,00 Euro Nichtmitglieder,<br />
90,00 Euro Mitglieder des<br />
BKR/BKU, 45,00 Euro Referendare (ohne<br />
Umsatzsteuer)<br />
Kontakt: BKR e.V., Georgstr. 18, 50676<br />
Köln, Dieter Trimborn v. Landenberg,<br />
Rechtsanwalt und Vorsitzender des BKR,<br />
Anmeldung per Tel. 02671 / 915662,<br />
Fax 0221 2723727, E-Mail: <strong>in</strong>fo@bkr-netzwerk.de,<br />
Internet: www.bkr-netzwerk.de.
VON BBR. CLEMENS HEINZE<br />
ERFURT. Am 23. September flog se<strong>in</strong> Flugzeug<br />
direkt über das Bischof-Aufderbeck-<br />
Haus der <strong>Unitas</strong> Ostfalia. E<strong>in</strong>e halbe Stunde<br />
später bewegte sich e<strong>in</strong> nahezu endlos<br />
sche<strong>in</strong>ender Tross von wichtigen und<br />
sehr wichtigen Personen an der<br />
He<strong>in</strong>richstraße entlang, um die Ankunft<br />
von Papst Benedikt XVI. der<br />
ganzen Stadt und dem Erdkreis anzukündigen.<br />
Zu diesem Zeitpunkt war<br />
die Ostfalen-Aktivitas bereits bestens<br />
vorbereitet: Die blau-weiß-goldene<br />
Fahne war längst am Wegesrand entrollt,<br />
das Haus bereits den ganzen Tag<br />
stolz beflaggt. Und dann begrüßte<br />
Benedikt nach der Blaulichtparade die<br />
wartenden Erfurter durch die ihm<br />
eigene päpstlich-schüchterne Hand-<br />
bewegung.<br />
Der sicheren Ankunft des Hl.<br />
Vaters <strong>in</strong> unserer schönen kle<strong>in</strong>en<br />
Stadt endlich gewiss, beseelt durch<br />
die nun konkret werdende Vorfreude<br />
auf die kommenden Ereignisse, eilten<br />
wir zurück zum Aufderbeck-Haus, um<br />
die letzten Vorbereitungen für die<br />
anstehenden zwei Tage zum Abschluss<br />
zu br<strong>in</strong>gen: Schnell noch die<br />
50 ofenfrisch bestellten Semmeln<br />
vom Bäcker abholen, den Grill <strong>in</strong> e<strong>in</strong>en<br />
für gute Thür<strong>in</strong>ger Bratwürste würdige<br />
Verfassung br<strong>in</strong>gen und natürlich<br />
e<strong>in</strong>en letzten kritischen Blick über die<br />
Getränkereserven schweifen lassen.<br />
Die Gäste konnten kommen.<br />
Gäste aus Münster<br />
und Gießen<br />
Als die ungeduldigsten Pilger erwiesen<br />
sich unsere Bundesbrüder der<br />
W<strong>in</strong>fidia und Rolandia aus Münster,<br />
die am Abend als erste das Aufderbeck-Haus<br />
erreichten. Als dann noch<br />
unsere Bundesbrüder der Gießener<br />
Cheruskia zu uns stießen, waren alle<br />
Pilger beisammen – zum <strong>in</strong>tensiven<br />
AUS DEM VERBAND<br />
Der Papst zu Gast bei Freunden –<br />
Die <strong>Unitas</strong> Ostfalia und der Hl. Vater<br />
E<strong>in</strong>stimmen auf die Begegnung mit dem<br />
hohen Besuch am nächsten Tag. Der begann<br />
<strong>in</strong> aller Herrgottsfrühe um sechs Uhr<br />
mit dem Abmarsch zur Papstmesse. Nur die<br />
tapferen drei Fahnenträger machten sich<br />
schon um fünf Uhr auf die Reise Richtung<br />
Domplatz – e<strong>in</strong> selbst für ortskundige Pilger<br />
äußerst schwieriges Unterfangen. Überall<br />
versperrten Umleitungen und Absperrungen<br />
den Gläubigen den geraden Weg zum<br />
Ziel, sodass wir uns nach e<strong>in</strong>er e<strong>in</strong>stündigen<br />
Umrundung des Domplatzes auch endlich<br />
durch den E<strong>in</strong>lass gelangen konnten.<br />
Impressionen aus Erfurt, woh<strong>in</strong> die <strong>Unitas</strong> Ostfalia e<strong>in</strong>geladen<br />
hatte, sandten uns die Bundesbrüder aus Münster<br />
Höchste Sicherheitsstufe: Nach langer Wartezeit tauchte endlich<br />
das Papamobil auf …<br />
Exklusiver Blick<br />
für die Fahnenträger<br />
Die anschließende Messe konnte der<br />
Großteil von uns nun auf den zahlreichen<br />
Le<strong>in</strong>wänden verfolgen. Die Fahnenträger<br />
h<strong>in</strong>gegen hatten e<strong>in</strong>en exklusiven Blick von<br />
den Domstufen aus direkt auf den Altar des<br />
Hl. Vaters. So oder so war es e<strong>in</strong> außerordentliches<br />
Erlebnis, mitten im größtenteils<br />
atheistisch geprägten Erfurt geme<strong>in</strong>sam<br />
mit 30.000 Brüdern und Schwestern im<br />
Glauben Zeugnis über unsere Hoffnung<br />
ablegen zu können.<br />
Papst Benedikt würdigte <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er<br />
Predigt die Christen <strong>in</strong> der ehemaligen<br />
DDR, die trotz Repressionen standhaft<br />
blieben und sich auch nicht von e<strong>in</strong>er<br />
überwältigenden Mehrheitsme<strong>in</strong>ung,<br />
dass Gott ke<strong>in</strong>e Rolle für den Menschen<br />
spiele, nicht vom rechten Weg<br />
abbr<strong>in</strong>gen ließen.<br />
Mit dieser Stärkung im Geiste<br />
luden wir auf dem Haus den Akku für<br />
die von Bbr. Frank Wehrmöller anschließend<br />
angebotene Stadtführung.<br />
Sie führte uns durch die vom Krieg fast<br />
gänzlich verschonte wunderschöne<br />
mittelalterliche Altstadt Erfurts. Traditionell<br />
und heimatverbunden gestaltete<br />
sich auch die Belohnung mit echt<br />
orig<strong>in</strong>al Thür<strong>in</strong>ger Rostbratwürsten<br />
aus Eichsfelder Produktion auf dem<br />
hauseigenen Grill.<br />
E<strong>in</strong>e dr<strong>in</strong>gend nötige Stärkung,<br />
wollte man den Höhepunkt des<br />
Abends überstehen: Denn Feste muss<br />
man ja bekanntlich feiern wie sie fallen<br />
– so entschlossen wir uns, dieser<br />
Weisheit zu folgen und mit gebotenem<br />
Bierernst die schon von allen<br />
erwartete Papstkneipe zu feiern. Und<br />
Bbr. Alexander He<strong>in</strong>ze schlug mit<br />
Worten reimend kraftvoll drauf los.<br />
Das historische Wochenende verklang<br />
anschließend noch bis tief <strong>in</strong><br />
die Nacht mit schwungvollen Gesängen<br />
aus dem Bischof-Aufderbeck-<br />
Haus. So wird uns der Besuch Benedikts<br />
XVI. als e<strong>in</strong> fröhliches und hoffnungsfrohes<br />
Treffen von Brüdern <strong>in</strong><br />
Er<strong>in</strong>nerung bleiben, von dem man<br />
noch lange und gerne sprechen<br />
wird.<br />
unitas 4/2011 297
UNITAS Theophanu gedachte ihrer Namenspatron<strong>in</strong><br />
VON BSR. ELISABETH BECKMANN<br />
KÖLN. Vor 1020 Jahren, am 15. Juni 991, verstarb<br />
bei e<strong>in</strong>er Reichsversammlung <strong>in</strong><br />
Nijmegen e<strong>in</strong>e der mächtigsten Frauen ihrer<br />
Zeit – Kaiser<strong>in</strong> Theophanu, die<br />
Ehefrau Kaiser Ottos II. und<br />
Mutter Kaiser Ottos III. Beigesetzt<br />
wurde sie im Westwerk<br />
der benedikt<strong>in</strong>ischen Klosterkirche<br />
St. Pantaleon <strong>in</strong> Köln.<br />
Aus dem oströmischen<br />
Byzanz war Theophanu im Jahr<br />
972 als Friedenspfand und adelige<br />
Braut für den Kaiser nach<br />
Deutschland gekommen. Otto<br />
II. wertschätzte offenbar ihr<br />
politisches Interesse und Geschick und<br />
machte sie zur „coimperatrix“, zur Mitkaiser<strong>in</strong><br />
– e<strong>in</strong>e Frau <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er solchen Machtposition<br />
war im Mittelalter e<strong>in</strong>e Seltenheit.<br />
Mächtige Herrscher<strong>in</strong><br />
Nach dem frühen Tod ihres Mannes<br />
stand Theophanu vor großen Herausforderungen:<br />
Ihr oblag die Vormundschaft für<br />
den erst dreijährigen Sohn und somit auch<br />
die Verantwortung für die Regierungsgeschäfte,<br />
während e<strong>in</strong> Vetter ihres Mannes<br />
alles daran setzte, ihr und ihrem Sohn den<br />
Thron streitig zu machen. Durch ihr politisches<br />
Geschick und Durchsetzungsvermögen<br />
jedoch sicherte Theophanu das Erbe<br />
ihres Sohnes und regierte elf Jahre lang bis<br />
zu ihrem Tod friedlich das langsam zu e<strong>in</strong>em<br />
Weltreich anwachsende Herrschaftsgebiet.<br />
Auf eigenen Wunsch wurde sie <strong>in</strong> der Nähe<br />
ihres Witwensitzes <strong>in</strong> der Kölner Kirche St.<br />
Pantaleon beigesetzt, zu der sie e<strong>in</strong>e besondere<br />
persönliche Beziehung hatte.<br />
Bei se<strong>in</strong>er Gründung im Jahr 2004 wählte<br />
der Kölner Student<strong>in</strong>nenvere<strong>in</strong> somit den<br />
Namen e<strong>in</strong>er lokal bedeutsamen und fasz<strong>in</strong>ierenden<br />
mittelalterlichen Persönlichkeit,<br />
die die Gabe besaß, ause<strong>in</strong>anderstrebende<br />
Kräfte zusammenzuführen, zerstrittene<br />
Parteien zu versöhnen und Frieden zu stiften.<br />
Ihr Wirken und ihr E<strong>in</strong>fluss auf diese<br />
Stadt soll uns e<strong>in</strong> Vorbild se<strong>in</strong> und wir wollen<br />
an diese starke Frau er<strong>in</strong>nern.<br />
Seit 1989 gedenkt die Kirchengeme<strong>in</strong>de<br />
St. Pantaleon geme<strong>in</strong>sam mit der „Kaiser<strong>in</strong><br />
Theophanu-Gesellschaft zur Förderung der<br />
Städtepartnerschaft Köln-Thessaloniki e.V.“<br />
und dem „Freundeskreis St. Pantaleon e.V.“<br />
dieser bedeutenden Frau an ihrem Todestag.<br />
Zum ersten Mal beteiligten sich <strong>in</strong> diesem<br />
Jahr auch die Kölner Unitarier<strong>in</strong>nen an<br />
diesem Fest.<br />
298<br />
unitas 4/2011<br />
Gebet um E<strong>in</strong>heit<br />
der Christen<br />
Im Mittelpunkt verschiedener Veranstaltungen<br />
stand 2011 e<strong>in</strong>e geme<strong>in</strong>same<br />
Eucharistiefeier für die E<strong>in</strong>heit der Christen<br />
<strong>in</strong> Ost und West, die mit orthodoxen Geistlichen<br />
und Gläubigen geme<strong>in</strong>sam<br />
gefeiert wurde.<br />
Auch die <strong>Unitas</strong> Theophanu<br />
nahm mit e<strong>in</strong>er Chargenabordnung<br />
an der Messe zum<br />
Gedenken an ihre Namensgeber<strong>in</strong><br />
teil, die mit dem<br />
Mnemosynon, dem orthodoxen<br />
Totengedenken am Sarkophag<br />
e<strong>in</strong>drucksvoll endete.<br />
Sehr gefreut hat uns der herzliche<br />
Empfang und die gesonderte<br />
Erwähnung bei der<br />
Begrüßung durch Pastor Hildebrandt.<br />
Berühmte Kölner<strong>in</strong>nen<br />
Im Verlauf des Abends folgte auf dem<br />
Kölner <strong>Unitas</strong>-Haus entsprechend unserem<br />
Semesterthema „Sancta Colonia – Frauen<br />
schreiben Geschichte“ e<strong>in</strong> Vortrag über e<strong>in</strong>e<br />
weitere berühmte Tochter Kölns: Bsr. L<strong>in</strong>a<br />
Brockhaus <strong>in</strong>formierte uns über Leben und<br />
Werk der Dichter<strong>in</strong> Hilde Dom<strong>in</strong>. Zur Auflockerung<br />
folgten unter anderem die Legenden<br />
der sich mutig gegen die <strong>in</strong> Köln wütenden<br />
Hunnen stellende Ursula und die<br />
„Wundererzählung“ der sche<strong>in</strong>toten Richmodis<br />
von Aducht, zweier im Kölner Stadtbild<br />
stets präsenten Damen. Die Anwesenheit der<br />
Aktiven der <strong>Unitas</strong> Landshut ließ darauf<br />
schließen, dass Geschichten über berühmte<br />
Frauen durchaus auch etwas für Männer s<strong>in</strong>d<br />
– vergessen wurde im Kölner Sagen-Marathon<br />
zur Erheiterung aller natürlich auch die<br />
Erzählung der He<strong>in</strong>zelmännchen nicht.<br />
L<strong>in</strong>ks: Das von Theophanu errichtete Westwerk von St. Pantaleon, Mitte: Otto II. und se<strong>in</strong>e Gemahl<strong>in</strong><br />
Theophanu, von Christus gekrönt und gesegnet, Elfenbe<strong>in</strong>tafel um 982, Museum Cluny, Paris,<br />
rechts: Theophanu am Kölner Rathausturm. Unten: Kölner Unitarier<strong>in</strong>nen neben dem mit Lilien<br />
geschmückten Sarkophag von Kaiser<strong>in</strong> Theophanu <strong>in</strong> ihrer Liebl<strong>in</strong>gskirche St. Pantaleon.
<strong>Unitas</strong>-Zirkel Freiburg auf Exkursion<br />
im Breisgau und <strong>in</strong> der Ortenau<br />
FREIBURG. Es war die letzte Ausfahrt mit<br />
dem Zirkel-Vorsitzenden Bbr. Dr. Hans Peter<br />
Boden. Wir Freiburger Unitarier und Angehörige<br />
werden ihn auch als Organisator der<br />
Ausflüge im Badner Land, im benachbarten<br />
Elsass und <strong>in</strong> der Schweiz nach se<strong>in</strong>em<br />
Weggang nach Essen-Kettwig vermissen.<br />
Se<strong>in</strong>e kunsthistorischen und archäologischen<br />
Besichtigungen <strong>in</strong> Kirchen, Museen<br />
und Ausgrabungen mit kundiger Führung<br />
vor Ort, Wanderungen zu Berg und Tal mit<br />
E<strong>in</strong>kehr <strong>in</strong> Landgasthöfen <strong>in</strong> langer AHZ-<br />
Tradition h<strong>in</strong>terlassen Spuren.<br />
Zum Tagesausflug des AHZ <strong>Unitas</strong><br />
Freiburg am 2. Juli trafen wir uns am<br />
Konzerthaus <strong>in</strong> Freiburg früh morgens zur<br />
Abfahrt mit dem Bus. Hans Peter Boden<br />
überreichte jedem Teilnehmer e<strong>in</strong>en Tagesablaufplan<br />
mit <strong>in</strong>haltlicher E<strong>in</strong>führung.<br />
Unser erstes Ziel war Waldkirch, e<strong>in</strong>e Stadt<br />
im nördlichen Breisgau, seit mehr als 200<br />
Jahren über die Grenzen Europas h<strong>in</strong>aus<br />
berühmt für die Herstellung mechanischer<br />
Musikautomaten. Durch e<strong>in</strong>e Vielfalt von<br />
Aktivitäten hat sich Waldkirch zum Mekka<br />
des Orgelbaues entwickelt und wird heute<br />
„Metropole des Orgelbaus“ genannt.<br />
Elztalmuseum Waldkirch<br />
Das Elztalmuseum im ehemaligen<br />
Chorherrenstift – e<strong>in</strong>em barocken Schlossbau<br />
– bietet neben Volkskunst, Handwerk<br />
und sakraler Kunst e<strong>in</strong>e e<strong>in</strong>zigartige Sammlung<br />
der <strong>in</strong> Waldkirch gebauten mechanischen<br />
Orgeln und Orchestrien, durch die<br />
uns Frau Bernadette Thol mit getragener<br />
Musik und nostalgischen Klängen – auch<br />
selbst Hand anlegend – führte. Hier pfeift<br />
es an allen Enden: Kirchen- und Karussellorgeln,<br />
Drehorgeln und Leierkästen. Vor<br />
allem bee<strong>in</strong>druckten uns die Konzert- und<br />
Jahrmarktorgeln der Firmen Bruder<br />
und Ruth & Sohn mit ihrer barock<br />
anmutenden Klangfülle. Auskl<strong>in</strong>gend<br />
wurden uns <strong>in</strong> der historischen<br />
Stube Kaffee, Tee, Kuchen und<br />
Sekt angeboten.<br />
Bleibacher<br />
Totentanz<br />
Unser nächstes Ziel ist die<br />
Besichtigung der Be<strong>in</strong>hauskapelle<br />
zu Bleibach im Elztal zur Geme<strong>in</strong>de<br />
Gutach im Breisgau gehörend. Der<br />
Internet-Auftritt der Pfarrgeme<strong>in</strong>de<br />
St. Georg lädt e<strong>in</strong> mit den Worten<br />
„Herzlich Willkommen <strong>in</strong> der Be<strong>in</strong>hauskapelle<br />
mit dem Bleibacher<br />
Totentanz“. Seit dem 14. Jahrhundert<br />
entwickelten sich bildliche<br />
Darstellungen der Macht des Todes<br />
über das Menschenleben. Dabei<br />
wird <strong>in</strong> verschiedenen Bildern die<br />
Unbestechlichkeit des Todes gezeigt.<br />
Für den Tod s<strong>in</strong>d irdische<br />
Reichtümer, Stellung und Ansehen<br />
ohne Bedeutung, er kommt zu<br />
jedem E<strong>in</strong>zelnen und holt ihn ab<br />
zum Totentanz.<br />
Der Bleibacher Totentanz ist e<strong>in</strong><br />
besonderes kulturhistorisches Juwel<br />
im süddeutschen Raum. Er besteht<br />
aus 34 Bildern, geordnet nach den<br />
Ständen der damaligen Zeit. E<strong>in</strong>drucksvoll<br />
und engagiert erläuterte<br />
uns der Pfarrgeme<strong>in</strong>deratsvorsitzende<br />
Hans Schätzle die e<strong>in</strong>zelnen –<br />
makabren – Darstellungen <strong>in</strong> der<br />
Be<strong>in</strong>hauskapelle, für die er sich seit<br />
vielen Jahren persönlich verdient<br />
machte. Nach der Betrachtung des<br />
Sensenmannes als Tod mit der<br />
Näherung zu den Todgeweihten legten wir<br />
e<strong>in</strong>e Besichtungspause e<strong>in</strong> und machten<br />
uns mit dem Bus auf den Weg zur Mittagspause<br />
im Gasthof Rebstock <strong>in</strong> Ettenheim-<br />
Münchweier.<br />
Stadtführung <strong>in</strong> Ettenheim<br />
Ettenheim liegt am Übergang von der<br />
Rhe<strong>in</strong>ebene zum Schwarzwald und ist die<br />
südlichste Stadt des Ortenaukreises, ab<br />
dem Mittelalter zum Erzstift Straßburg und<br />
nach 1803 zum Großherzogtum Baden gehörend.<br />
Am Busparkplatz „Auf den Espen“<br />
erwarteten uns Frau Zehnle und Herr<br />
Hart<strong>in</strong>g als Stadtführer. In zwei Gruppen<br />
lernten wir die barocke historische Stadt<br />
und das pulsierende Leben heute kennen:<br />
Schloss, Pr<strong>in</strong>zengarten mit Pavillon, Rat- >><br />
Historische Orgel im Elztalmuseum im ehemaligen<br />
Chorherrenstift Waldkirch.<br />
Ettenheim – Pfarrkirche St. Bartholomäus.<br />
Spiel mir das „Lied vom Tod“:<br />
Sensenmänner im Bleibacher Totentanz.<br />
unitas 4/2011 299
haus – Rückblick auf die Stadtgeschichte,<br />
alter Fachwerkbau, außergewöhnliche<br />
gärtnerische Farbenvielfalt und moderne<br />
Infrastruktur.<br />
Im Blickpunkt steht die spätbarocke<br />
katholische Kirche St. Bartholomäus. Das<br />
Altarbild zeigt das Martyrium des Apostels<br />
Bartholomäus, flankiert von Statuen des Hl.<br />
Erasmus und des Hl. Mart<strong>in</strong>. E<strong>in</strong>e Besonderheit<br />
stellt der Bischofssitz auf der rechten<br />
Seite im Chorraum dar. Er weist <strong>in</strong> die<br />
Vergangenheit der Ettenheimer Pfarre als<br />
Teil des ehemaligen Fürstbistums Straßburg<br />
und Zufluchtsstätte des letzten Kard<strong>in</strong>als<br />
Louis von Rohan, dessen Grabstätte<br />
sich <strong>in</strong> dieser Kirche bef<strong>in</strong>det.<br />
Orgelkonzert<br />
<strong>in</strong> Ettenheimmünster<br />
Ettenheimmünster war über tausend<br />
Jahre lang, vom Anfang des 8. Jahrhunderts<br />
bis zur Säkularisation geprägt von der<br />
Benedikt<strong>in</strong>erabtei. Die jetzige Pfarrkirche<br />
ist die St. Landel<strong>in</strong> geweihte alte Wallfahrtskirche<br />
des Klosters. Sie zählt zu den<br />
schönsten Barockkirchen am Oberrhe<strong>in</strong><br />
und birgt wertvolle Kunstschätze, e<strong>in</strong>e<br />
prachtvolle spätgotische silberne Landel<strong>in</strong>sbüste<br />
und e<strong>in</strong>e Silbermann-Orgel von<br />
1769. Kirchen- und Barockkonzerte s<strong>in</strong>d<br />
300<br />
LEIPZIG. Im alt-ehrwürdigen Auerbachs<br />
Keller zu Leipzig trafen sich am Abend des<br />
7. September 2011 fünf Bundesbrüder, um<br />
geme<strong>in</strong>sam auf die Gründung e<strong>in</strong>es<br />
neuen Zirkels anzustoßen.<br />
unitas 4/2011<br />
weit über die Grenzen der Region<br />
bekannt.<br />
Als Höhepunkt unseres Tagesausfluges<br />
lauschten wir den Klängen<br />
der Silbermann-Orgel, dargeboten<br />
von Werner Veith, dem Organisten<br />
von St. Landel<strong>in</strong>, der es uns<br />
nach dem Konzert ermöglichte, auf<br />
der Empore ihm über den Rücken<br />
beim Orgelspiel zuzuschauen – den<br />
Mechanismus erklärend. Danach<br />
fuhr der Bus uns – erfüllt von den<br />
Sehenswürdigkeiten e<strong>in</strong>es erlebnisreichen<br />
Tages – über den Schwarzwald<br />
zurück nach Freiburg.<br />
Abschied des<br />
AHZ-Vorsitzenden<br />
E<strong>in</strong> paar Tage nach dieser Exkursion<br />
verabschiedete sich Bbr. Dr.<br />
Hans Peter Boden mit den Worten:<br />
„Für die schönen Jahre, die ich mit<br />
Euch Bundesbrüdern (Aktive – Inaktive<br />
– Conphilister) und den verehrten<br />
Damen <strong>in</strong> wunderbarer unitarischer<br />
Geme<strong>in</strong>schaft hier <strong>in</strong> Freiburg erleben<br />
durfte, möchte ich mich ganz herzlich, auch<br />
im Namen me<strong>in</strong>er Frau, bedanken. Gerne<br />
werden wir zu der e<strong>in</strong>en oder anderen<br />
<strong>Unitas</strong>-Veranstaltung immer wieder e<strong>in</strong>mal<br />
21 Jahre nach der Wiedervere<strong>in</strong>igung<br />
ist es nunmehr gelungen, auch die Altherrenschaft<br />
der <strong>Unitas</strong> <strong>in</strong> Sachsens traditionsreicher<br />
Universitätsstadt wieder<br />
zusammenzuführen. Mit Recht kann man<br />
Orgelkonzert für den <strong>Unitas</strong>-Zirkel<br />
Bbr. Werner Veith an der Silbermann-Orgel <strong>in</strong> der<br />
Pfarrkirche St. Landel<strong>in</strong><br />
ersche<strong>in</strong>en, das macht uns dann den<br />
Abschied nicht ganz so schwer. In diesem<br />
S<strong>in</strong>ne grüßt Euch herzlich und unitarisch<br />
Euer Hans Peter Boden.“<br />
Willi Vögele, Freiburg<br />
<strong>Unitas</strong>-Zirkel Halle/Leipzig wiederbegründet<br />
die fünf Gründungsmitglieder als bunte<br />
Truppe bezeichnen: im Alter von 26 bis<br />
75 Jahren und aus den Studiengängen<br />
Theologie, Physik, Ingenieurswesen und<br />
Jura.<br />
Herzliche<br />
E<strong>in</strong>ladung<br />
Alle Interessierten<br />
s<strong>in</strong>d herzlich zu den kommenden<br />
Treffen e<strong>in</strong>geladen,<br />
regelmäßig am jeweils<br />
ersten Mittwoch<br />
des Monats.<br />
Weitere Auskünfte erteilt<br />
der Vorsitzende, Bbr.<br />
Sebastian Bruch (sebastian_bruch@gmx.de).<br />
Und<br />
wer weiß, ob nicht schon<br />
bald wieder e<strong>in</strong>e Aktivitas<br />
<strong>in</strong> Leipzig Fuß fassen<br />
wird.<br />
Vivat, floreat, crescat!<br />
(SBR)
85. Stiftungsfest der <strong>Unitas</strong>-Willigis Ma<strong>in</strong>z<br />
MAINZ. Als am 6. Oktober 1926 – entstanden<br />
aus e<strong>in</strong>em unitarischen „Kränzchen“ –<br />
die „<strong>Unitas</strong> Ma<strong>in</strong>z“ gegründet wurde, ahnte<br />
wohl ke<strong>in</strong>er der damaligen Bundesbrüder,<br />
dass 85 Jahre später der W.K.St.V. <strong>Unitas</strong>-<br />
Willigis Ma<strong>in</strong>z se<strong>in</strong> 85. Stiftungsfest feiern<br />
würde.<br />
So fanden sich am 18. Juni 2011 zahlreiche<br />
Ma<strong>in</strong>zer Bundesbrüder, verehrte Damen,<br />
Gäste und Freunde der Ma<strong>in</strong>zer<br />
<strong>Unitas</strong> am frühen Abend zu e<strong>in</strong>em Sektempfang<br />
am Gewölbekeller der Burg<br />
Weisenau <strong>in</strong> Ma<strong>in</strong>z e<strong>in</strong>. Die Festcorona<br />
konnte sich an e<strong>in</strong>em exzellenten Buffet<br />
kul<strong>in</strong>arisch erfreuen und vor dem anschließenden<br />
Kommers geme<strong>in</strong>sam auf 85 Jahre<br />
<strong>Unitas</strong> Ma<strong>in</strong>z anstoßen.<br />
Thematisch sollte der Abend mit dem<br />
Namen e<strong>in</strong>es der bedeutendsten Ma<strong>in</strong>zer<br />
Bischöfe verbunden se<strong>in</strong>: dem Erbauer des<br />
Ma<strong>in</strong>zer Domes und der Stephans-Kirche –<br />
bekannt durch ihre blauen Chagall-Fenster:<br />
WILLIGIS! Die Beschäftigung mit dem<br />
Namensgeber der Ma<strong>in</strong>zer <strong>Unitas</strong> lag nahe,<br />
feiert das Bistum Ma<strong>in</strong>z doch <strong>in</strong> diesem Jahr<br />
den 1000. Todestag des berühmten Erzbischofs.<br />
Neben der Aufnahme<br />
e<strong>in</strong>es Neofuxen <strong>in</strong> die<br />
Aktivitas war der Festvortrag<br />
von Pfarrer Stefan Schäfer,<br />
Pfarrer von St. Stephan und<br />
St. Ignaz <strong>in</strong> Ma<strong>in</strong>z, der Höhepunkt<br />
des Abends im Fürstensaal<br />
der Burg Weisenau. Er<br />
sprach zum Thema: „Willigis<br />
– fern und doch nah“. Dabei<br />
g<strong>in</strong>g Pfarrer Schäfer <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />
Vortrag nicht auf die<br />
historische Gestalt des hl.<br />
Willigis e<strong>in</strong>, sondern versuchte,<br />
sich dem mittelalterlichen<br />
Menschen zu nähern, der e<strong>in</strong>gebunden<br />
war <strong>in</strong> e<strong>in</strong>e göttliche<br />
Ordnung, „der der Mensch <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />
Leben nachzuspüren und nach der er sich<br />
und se<strong>in</strong>e Welt zu formen und zu gestalten<br />
hat“.<br />
Pfarrer Schäfer wies darauf h<strong>in</strong>, dass<br />
Willigis, „nach allem, was wir von ihm wissen,<br />
se<strong>in</strong>e Macht und se<strong>in</strong>en E<strong>in</strong>fluss tatkräftig<br />
und mutig, pflichtbewusst und um<br />
Gerechtigkeit bemüht für das Reich und für<br />
die Kirche e<strong>in</strong>gesetzt hat“. In diesem S<strong>in</strong>n<br />
deute ihn auch die Liturgie der Kirche: das<br />
Evangelium, das an se<strong>in</strong>em Gedenktag im<br />
Gottesdienst gelesen werde, münde <strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>em Lob für den tüchtigen und treuen<br />
Verwalter der anvertrauten Güter, für den<br />
treuen Diener se<strong>in</strong>es Herrn (vgl. Mt 25,29).<br />
Fremd stehe er vor uns,Willigis, der Kirchenmann<br />
und Politiker, als Gestalt e<strong>in</strong>er fernen<br />
Vergangenheit, <strong>in</strong> der der Glaube noch ganz<br />
selbstverständlich das Leben der Menschen<br />
Festredner beim Festakt und beim Festkommers auf Burg Weisenau: Bbr. P. Prof. Dr. em. Stefan<br />
Knobloch (l.) und Pfarrer Stefan Schäfer, Pfarrer von St. Stephan und St. Ignaz <strong>in</strong> Ma<strong>in</strong>z.<br />
geprägt und geordnet habe. In den Bauwerken<br />
aber, die er uns h<strong>in</strong>terlassen habe,<br />
sei se<strong>in</strong> Erbe lebendig und werde zum<br />
Auftrag für die Geme<strong>in</strong>de heute. So resümierte<br />
Pfarrer Schäfer: „Es s<strong>in</strong>d ke<strong>in</strong>e<br />
Museen, sondern was sie zu Zeiten des<br />
Willigis waren: Zeichen der Gegenwart<br />
Gottes unter den Menschen.“<br />
Nach e<strong>in</strong>er für manchen Aktiven fröhlichen<br />
Fidulitas auf dem Haus und e<strong>in</strong>er kurzen<br />
Nacht trafen sich die Ma<strong>in</strong>zer Bundesbrüder<br />
mit ihren Familien am Sonntagmorgen<br />
zu e<strong>in</strong>em Festgottesdienst <strong>in</strong> der<br />
Bernhardskapelle des Erbacher Hofes <strong>in</strong><br />
Ma<strong>in</strong>z. Zelebriert wurde die Hl. Messe von<br />
Bbr. Pater Prof. Dr. em. Stefan Knobloch. Beim<br />
anschließenden Festakt im Haus am Dom<br />
g<strong>in</strong>g Bbr. Knobloch bei se<strong>in</strong>em Vortrag der<br />
Frage nach: „Das Memorandum deutschsprachiger<br />
Theolog<strong>in</strong>nen und Theologen<br />
‚Kirche 2011‘ – (k)e<strong>in</strong> Ste<strong>in</strong> des Anstoßes?“<br />
Bbr. Knobloch wies zur Form des auch von<br />
ihm unterzeichneten Memorandums darauf<br />
h<strong>in</strong>, dass e<strong>in</strong> Memorandum vom Genus<br />
her ke<strong>in</strong> theologischer Traktat sei, der sozusagen<br />
alle Themen, die er anspricht, zur selben<br />
Zeit theologisch argumentativ entfalten<br />
müsse. E<strong>in</strong> Memorandum wende sich <strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>er stakkatohaften und po<strong>in</strong>tierten<br />
Sprache an e<strong>in</strong>e größere Öffentlichkeit. Im<br />
konkreten Fall richte es sich „an alle, die es<br />
noch nicht aufgegeben haben, auf e<strong>in</strong>en<br />
Neuanfang <strong>in</strong> der Kirche zu hoffen und sich<br />
dafür e<strong>in</strong>zusetzen“. Die Kirche <strong>in</strong> Deutschland<br />
habe mit den aufgedeckten Missbrauchsskandalen<br />
des Jahres 2010 e<strong>in</strong> erhebliches<br />
„tektonisches Beben“ h<strong>in</strong>ter sich,<br />
das – wie bei e<strong>in</strong>em wirklichen Beben – zu<br />
„massiven Erschütterungen“ führe, die dr<strong>in</strong>gend<br />
e<strong>in</strong>er Bearbeitung bedürfe.<br />
Zum Inhalt zitierte Bbr. Knobloch das<br />
Memorandum: „Die Freiheitsbotschaft des<br />
Evangeliums bildet den Maßstab für e<strong>in</strong>e<br />
glaubwürdige Kirche.“ Es wünsche e<strong>in</strong>en<br />
offenen Dialog über sechs kirchliche Handlungsfelder:<br />
über die Strukturen der Beteiligung,<br />
über die Geme<strong>in</strong>de, über die kirchliche<br />
Rechtskultur, über die Gewissensfreiheit,<br />
über die Versöhnung <strong>in</strong> der Kirche<br />
und über die Situation des Gottesdienstes.<br />
Die aktuelle Kirchenkrise falle <strong>in</strong> die Kompetenz<br />
des gesamten Gottesvolkes. Dazu<br />
rufe das Memorandum der Theologen vom<br />
4. Februar 2011 auf. Es sei „e<strong>in</strong> Ste<strong>in</strong>, der zu<br />
e<strong>in</strong>em kreativen Dialog anstoßen wolle […]<br />
und e<strong>in</strong> Aufruf, der sich an alle richtet, auch<br />
an die <strong>Unitas</strong>“.<br />
Mit e<strong>in</strong>em Grillfest im Garten des renovierten<br />
Ma<strong>in</strong>zer <strong>Unitas</strong>-Hauses sowie Kaffee<br />
und Kuchen klang das 85. Stiftungsfest <strong>in</strong><br />
froher Runde aus. Zahlreiche K<strong>in</strong>der jüngerer<br />
Ma<strong>in</strong>zer Alter Herren, die beim „Stöckchen-<br />
Spiel“ mit der Grillkohle nicht nur die<br />
Mücken, sondern auch die letzten „müden<br />
Geister“ vertrieben, ließen hoffen, dass die<br />
Ma<strong>in</strong>zer Aktivitas weiterh<strong>in</strong> wachsen, blühen<br />
und gedeihen wird. Es bleibt zu wünschen,<br />
dass die Ma<strong>in</strong>zer Bundesbrüder im<br />
Jahre 2016 genauso freudig wie <strong>in</strong> diesem<br />
Jahr ihren 90. Geburtstag feiern werden.<br />
Ad multos annos <strong>Unitas</strong>-Willigis Ma<strong>in</strong>z!<br />
Bbr. Harald Braun, AHV-xxx >><br />
unitas 4/2011 301
Das Präsidium schlägt zurück<br />
VOR LANGER ZEIT IN EINER GALAXIE, WEIT WEIT ENTFERNT...<br />
… so beg<strong>in</strong>nt e<strong>in</strong> jeder der sechs<br />
Science Fiction Filme, welche K<strong>in</strong>ound<br />
Genregeschichte geschrieben und<br />
somit Millionen Menschen weltweit<br />
begeistert haben. Dass es sich drei<br />
Marburger Bundesbrüder zur Aufgabe<br />
gemacht haben, Kneipen unter diesem<br />
Motto zu schlagen, ist dann nicht<br />
unbed<strong>in</strong>gt erstaunlich, jedoch das<br />
Herzblut und die Mühen die <strong>in</strong> jede<br />
Veranstaltung geflossen s<strong>in</strong>d, machen<br />
diese durchaus erwähnenswert.<br />
Das Präsidium unter der Leitung von<br />
Bundesbruder Felix Stirl mit dem bezeichnenden<br />
Biernamen „Lord Vader“, und se<strong>in</strong>en<br />
beiden Conchargen, Bundes- und Zipfelbrüdern<br />
Alexander von der Beeke als Wookie<br />
Chewbacca vom Planeten Kashyyyk und<br />
Stefan Hrabal als Pr<strong>in</strong>zess<strong>in</strong> Leia Organa<br />
vom Planeten Alderaan hat es geschafft,<br />
über Jahre h<strong>in</strong>weg Bundesschwestern und<br />
Bundesbrüder, Alte Herren und Hohe<br />
Damen aus e<strong>in</strong>er Vielzahl unitarischer<br />
Vere<strong>in</strong>e <strong>in</strong> die altehrwürdige Studentenstadt<br />
an der Lahn zu locken, um begeistert<br />
ab- und zur nächsten wieder anzureisen.<br />
Nachdem die erste Starwars-Kneipe<br />
unter dem Namen „STAR WARS, Episode VII<br />
– die Kneipe“ im Sommersemester 2007 e<strong>in</strong><br />
voller Erfolg war folgte im Sommersemester<br />
2009 „STAR WARS, Episode VIII – das<br />
Präsidium schlägt zurück“.<br />
302<br />
unitas 4/2011<br />
Auf beiden Veranstaltungen fiel es den<br />
Gästen nicht schwer, sich <strong>in</strong> den unbekannten<br />
Weiten fremder Welten zu verlieren,<br />
was nicht unbed<strong>in</strong>gt nur am Biergenuss,<br />
sondern wohl eher an dem liebevoll detailreich<br />
dekorierten Kneipsaal des Robert-<br />
Schuman-Hauses der Franko-Saxonen und<br />
der überzeugenden Darbietung der (dunklen<br />
Seite der) Macht des Präsiden lag. Von<br />
viel Zuspruch beschw<strong>in</strong>gt, waren die drei<br />
Organisatoren h<strong>in</strong>reichend motiviert, e<strong>in</strong>e<br />
dritte und letzte Starwars-Kneipe zu veranstalten,<br />
<strong>in</strong> deren Rahmen sich Bundesbruder<br />
Felix Stirl philistrieren ließ und<br />
somit e<strong>in</strong> drittes und letztes Mal zu „STAR<br />
WARS, Episode IX – (k)e<strong>in</strong>e neue Hoffnung“<br />
am 27. August diesen Jahres zum Laserschwert<br />
griff. Es war gleichzeitig den<br />
Organisatoren schnell klar, dass es im<br />
Kneipsaal sehr eng werden würde.<br />
Siebzig wunderbar kostümierte Philister<br />
und Aktive aus nicht weniger als elf unterschiedlichen<br />
<strong>Unitas</strong>-Vere<strong>in</strong>en zog es<br />
nach Marburg, um diesem Ereignis beizuwohnen.<br />
Gleichzeitig wollten sie die Hauptperson<br />
des Abends, Lord Vader, bei se<strong>in</strong>er<br />
Entlassung aus se<strong>in</strong>em galaktischen Herrschersitz<br />
<strong>in</strong> den wohlverdienten Ruhestand<br />
beistehen und schweren Herzens <strong>in</strong>s Philisterland<br />
ziehen lassen.<br />
Wie auch an den beiden vorangegangenen<br />
Veranstaltungen wurden ke<strong>in</strong>e Kosten<br />
und Mühen gescheut. Wieder e<strong>in</strong>mal verwandelte<br />
sich der Kneipsaal <strong>in</strong> die Kommandobrücke<br />
des Imperialen Sterneszerstörers<br />
„Robert Schuman“, e<strong>in</strong> Wandel, der mit viel<br />
technischer Raff<strong>in</strong>esse e<strong>in</strong>herg<strong>in</strong>g.<br />
So begann die Kneipe mit dem typischen<br />
Vorspann und e<strong>in</strong>em kle<strong>in</strong>en Vorfilm,<br />
futuristischer Beleuchtung, e<strong>in</strong>em Nebel-
werfer und weiteren Effekten, bis zur<br />
Unterstützung der Laudatio per ‚holografischer‘<br />
Videobotschaft des leider persönlich<br />
verh<strong>in</strong>derten Imperators und Leibburschen<br />
des schweratmigen Präsiden Gregor<br />
Wessely. In weiteren Rollen waren als<br />
Conterpräsiden des Inoffiz Bbr. Mart<strong>in</strong><br />
Much als dessen Vertretung, Bbr. Mart<strong>in</strong><br />
Schwentker als „Jabba the Hutt“ und Bbr.<br />
Holger Marth als „Jedimeister Yoda“.<br />
Ebenfalls durfte die Corona über die<br />
gesamte Kneipe und speziell im Inoffiz Bbr.<br />
Nicolas Kle<strong>in</strong>ert als Quaestor <strong>in</strong> Form e<strong>in</strong>es<br />
Ferengie-Diamon, Bbr. Jens Kasper als „Jedi-<br />
General Bergfrühl<strong>in</strong>g“ an der Konsole für<br />
die Frequenz- und Amplitudenmodulation<br />
(Bierorgel), Bbr. Michael Re<strong>in</strong>ert als stets für<br />
Übersetzungen notwendigen Protokolldroiden<br />
und div. Jawas (u. a. Bbr. Lars<br />
Deubner und Bsr. Alexandra Onyszkiewicz)<br />
als Bierschlepper begrüßen.<br />
Auch e<strong>in</strong> mit 1,2 bar Unterdruck bestens<br />
ausgestatteter Nass-Staubsauger namens<br />
R2zieh2 stand e<strong>in</strong> letztes Mal bereit, um<br />
sich <strong>in</strong> bierehrlichen Wettstreiten um<br />
Sonderpunkte zu messen. E<strong>in</strong>en leichten<br />
Schock erlitt der e<strong>in</strong>e oder andere Kneipant,<br />
als dessen Vorgängermodell mit der Bemerkung<br />
„diese R2-E<strong>in</strong>heit hat e<strong>in</strong>en defekten<br />
Motivator“ kontrolliert zur Explosion<br />
gebracht wurde. Im Zuge der für Mottokneipen<br />
üblichen verschiedenen Spiele<br />
siegte natürlich der imperiale Zapfen.<br />
Alles <strong>in</strong> allem war es e<strong>in</strong>, dem Anlass<br />
entsprechend, wunderschöner Abend, welcher<br />
bis <strong>in</strong> die frühen Morgenstunden<br />
weiterg<strong>in</strong>g und mit Sicherheit vielen<br />
Bundesschwestern und Bundesbrüdern im<br />
Gedächtnis bleiben wird.<br />
Bbr. Mart<strong>in</strong> Schwentker<br />
Hochmobil: Der UNITAS-Zirkel Düren<br />
DÜREN. Von e<strong>in</strong>em aktiven Zirkelleben<br />
berichtet der UNITAS-AHZ Düren. Zudem ist<br />
er hochmobil: Seit se<strong>in</strong>er ersten geme<strong>in</strong>samen<br />
Reise nach Xanten 2002 unternahm er<br />
jährlich kürzere oder längere Fahrten. So<br />
wurde nach e<strong>in</strong>er Tagestour nach Trier 2003<br />
e<strong>in</strong> Jahr später e<strong>in</strong>e zweitägige Reise nach<br />
Speyer und Worms geplant. 2005 g<strong>in</strong>g es<br />
für drei Tage durch das Land Luxemburg,<br />
wo sich e<strong>in</strong> Luxemburger Freund e<strong>in</strong>es der<br />
Bundesbrüder für Führungen bereithielt.<br />
„2006 gab es e<strong>in</strong>e große e<strong>in</strong>wöchige<br />
Flugreise nach Irland, wo wir mit e<strong>in</strong>em<br />
Führer <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em für uns angemieteten Bus<br />
den gesamten Süden und Westen des<br />
Landes erkundeten. Die meisten hatten<br />
Irland noch nicht gesehen und waren von<br />
der Insel begeistert. 2007 wurden wir wieder<br />
häuslicher und fuhren für drei Tage<br />
nach Münster und zu e<strong>in</strong>igen Wasserburgen<br />
im Münsterland“, so Bbr. Otto Jung.<br />
2008 standen gleich zwei Touren auf<br />
dem Programm: Im Sommer besuchten sie<br />
das Römermuseum mit se<strong>in</strong>er alten<br />
Therme <strong>in</strong> Zülpich und im Herbst für e<strong>in</strong>ige<br />
Tage Soest und Paderborn. 2009 zog es den<br />
Zirkel wieder für mehrere Tage <strong>in</strong> die Ferne:<br />
„Wien hätte e<strong>in</strong>es bedeutend längeren<br />
Aufenthaltes bedurft“, vermerkt der Bericht.<br />
Dafür blieben sie im Folgejahr wieder<br />
<strong>in</strong> der Nähe: 2010 waren sie vier Tage an der<br />
mittleren Mosel unterwegs, wo ganz besonders<br />
Bernkastel-Kues und e<strong>in</strong>e Schiffstour<br />
nach Beilste<strong>in</strong> begeisterten.<br />
Besonders auch die älteren Semester<br />
unter den Teilnehmern an den Reisen freuen<br />
sich, dass ihnen solche Fahrten im<br />
Freundeskreis und voll durchorganisiert<br />
noch ermöglicht werden. Ihre unitarische<br />
Reisebegeisterung hielt auch im laufenden<br />
Jahr an: „2011 gestalteten wir drei Tage mit<br />
e<strong>in</strong>em Besuch im Schmetterl<strong>in</strong>gsgarten <strong>in</strong><br />
Sayn, e<strong>in</strong>em Rundgang über die Bundes-<br />
gartenschau <strong>in</strong> Koblenz und e<strong>in</strong>er Schifffahrt<br />
von Koblenz nach Bonn-Bad Godesberg,<br />
wobei wir <strong>in</strong> aller Ruhe an den Bergen<br />
und Burgen dieses wunderschönen Rhe<strong>in</strong>abschnitts<br />
vorbeiglitten. Übernachtet haben<br />
wir am Jesuitenplatz im Zentrum von<br />
Koblenz, wo wir auch das Foto von uns aufgenommen<br />
haben“, heißt es aus Düren.<br />
Und Bbr. Jung ist sicher: „2012 werden wir<br />
sicher wieder e<strong>in</strong> <strong>in</strong>teressantes Ziel f<strong>in</strong>den.“<br />
Monats-Stammtisch<br />
<strong>in</strong> Hamburg<br />
HAMBURG. Der Hamburger UNITAS-<br />
Zirkel für die Bundesbrüder <strong>in</strong> der<br />
Hansestadt und Umgebung versammelt<br />
sich am 14. November zu se<strong>in</strong>en<br />
Monatstreffen im „Gasthaus an der<br />
Alster“, Ferd<strong>in</strong>andstraße 67, U-Bahn<br />
Jungfernstieg, Ausgang Alstertor,<br />
Beg<strong>in</strong>n 18 Uhr.<br />
Bbr. Fridtjof Kelber und se<strong>in</strong> Team<br />
laden herzlich e<strong>in</strong>!<br />
unitas 4/2011 303<br />
>>
304<br />
Die Pfarrkirche St. Cosmas und Damian <strong>in</strong> Groß Düngen und die Abordnung des AHZ <strong>Unitas</strong> Hildesheim mit drei überlebenden Zeitzeugen.<br />
Gedenken für Bbr. Pfarrer Joseph Müller<br />
HILDESHEIMER ZIRKEL WIRBT FÜR SELIGSPRECHUNG<br />
GROSS DÜNGEN / HILDESHEIM. Am 11. September<br />
2011 lud der Initiativkreis „Seligsprechung<br />
Pfarrer Joseph Müller“ zu e<strong>in</strong>em<br />
Gedenkgottesdienst <strong>in</strong> der Pfarrkirche St.<br />
Cosmas und Damian <strong>in</strong> Groß Düngen. In<br />
der Kirche war Bbr. Müller bis zu se<strong>in</strong>er<br />
Verhaftung als Priester tätig gewesen. Wie<br />
der Hildesheimer AHZ-Vorsitzende Bbr.<br />
Friedhelm Rudolph berichtet, nahm auch<br />
der UNITAS-Zirkel am Gedenken teil, bei<br />
dem das Grab von Bbr. Müller mit der Urne<br />
des H<strong>in</strong>gerichteten gesegnet wurde. Über<br />
die Bemühungen des Initiativkreises, die<br />
Seligsprechung von Bbr. Joseph Müller<br />
(UNITAS Freiburg, UNITAS Sugambria<br />
Münster) voranzubr<strong>in</strong>gen, war bereits <strong>in</strong><br />
der „<strong>Unitas</strong> 2/2008 berichtet worden.<br />
Messe am Todestag<br />
He<strong>in</strong>rich Oys, der Sprecher des Initiativkreises<br />
zur Seligsprechung, trug zu Beg<strong>in</strong>n<br />
des Gottesdienstes e<strong>in</strong> Porträtfoto des von<br />
den Nazis ermordeten Glaubenszeugen <strong>in</strong><br />
die Kirche. Es wurde unter der Kanzel neben<br />
dem Ehrenaltar für den Märtyrer angebracht.<br />
Dabei begleitet wurde Oys von den<br />
Bundesbrüdern Friedhelm Rudolph, derzeit<br />
Vorsitzender des AHZ <strong>Unitas</strong> Hildesheim,<br />
und Dr. Nico Strube, dem ehemaligen<br />
Zirkelvorsitzenden. Genau <strong>in</strong> dieser Stunde<br />
bereitete sich 68 Jahre zuvor Bundesbruder<br />
Joseph Müller im Zuchthaus Brandenburg-<br />
Görden auf se<strong>in</strong>en letzten Gang vor. Er sollte<br />
auf dem Schafott enden. Um 13 Uhr<br />
wurde Joseph Müller zur H<strong>in</strong>richtung<br />
geführt, und um 13.04 Uhr das Urteil vollstreckt,<br />
das am 28. Juli 1944 der Vorsitzende<br />
des Volksgerichtshofes Roland Freisler nach<br />
nur vierstündiger Verhandlung im Schauprozess<br />
um 15 Uhr verkündet hatte.<br />
unitas 4/2011<br />
In der von Pfarrer Dr. Pollok gefeierten<br />
Messe <strong>in</strong>formierte He<strong>in</strong>rich Oys, Rektor der<br />
Katholischen Grundschule <strong>in</strong> Wolfsburg<br />
und selbst gebürtig aus der Groß Düngener<br />
Kirchengeme<strong>in</strong>de, über die Arbeit und den<br />
Stand der Initiative. Sie bemüht sich seit<br />
2008 um Mitstreiter, um die Seligsprechung<br />
des Märtyrers Joseph Müller zu<br />
erwirken.<br />
Viele Unterstützer<br />
beteiligen sich<br />
Danach sei <strong>in</strong> der Zwischenzeit bereits<br />
viel geschehen, berichtete Oys: So sei zunächst<br />
e<strong>in</strong> Netzwerk mit allen Pfarreien<br />
geknüpft worden, <strong>in</strong> denen Pfarrer Müller<br />
als Kaplan oder Pfarrer tätig war. Alle halten<br />
das Andenken an ihren ehemaligen Seelsorger<br />
wach, haben Straßen oder E<strong>in</strong>richtungen<br />
nach ihm benannt. Auch <strong>in</strong> der<br />
Pfarrei Soden-Salmünster, <strong>in</strong> der Bbr. Müller<br />
geboren wurde und <strong>in</strong> dessen Geburtshaus<br />
heute das Pfarrbüro und der Geme<strong>in</strong>desaal<br />
untergebracht s<strong>in</strong>d. Der dortige Pfarrer<br />
unterstütze das Anliegen durch Sammlung<br />
von Unterschriften.<br />
Besonders enger Kontakt habe sich zur<br />
Pfarrgeme<strong>in</strong>de Tifl<strong>in</strong>gerode im Eichsfeld<br />
entwickelt, <strong>in</strong> der sich Müller als Kaplan<br />
besonders um die Kolp<strong>in</strong>gsfamilie verdient<br />
machte. Auch sie sammle viele Unterschriften<br />
und publiziere das Wirken des<br />
Initiativkreises <strong>in</strong> Zeitungen, so Oys.<br />
„E<strong>in</strong>e dritte Gruppe muss hier genannt<br />
werden, die unermüdlich an das Gedenken<br />
Josephs Müller er<strong>in</strong>nert: die katholische<br />
Studentenverb<strong>in</strong>dung UNITAS, der er selbst<br />
angehörte. Bis zum heutigen Tage be-<br />
suchen Mitglieder se<strong>in</strong> Grab <strong>in</strong> Groß<br />
Düngen und berichten über se<strong>in</strong> Leben. Die<br />
Vertreter der UNITAS haben unserem<br />
Initiativkreis ihre Unterstützung zugesagt“,<br />
erklärte er und hob die Anwesenheit<br />
der Mitglieder des Hildesheimer<br />
Zirkels hervor.<br />
Noch ke<strong>in</strong> Erfolg sei der an den Diözesanbischof<br />
gerichteten Bitte um E<strong>in</strong>leitung<br />
Die Grabstätte von Bbr. Joseph Müller <strong>in</strong> Groß<br />
Düngen im Hildesheimer Land
e<strong>in</strong>es Seligsprechungsverfahrens beschieden,<br />
dagegen sei der E<strong>in</strong>gang e<strong>in</strong>es<br />
Schreibens des Initiativkreises an Papst<br />
Benedikt <strong>in</strong>zwischen bestätigt worden.<br />
„Man hat uns versichert, man wolle dieser<br />
besonderen Angelegenheit nachgehen.“<br />
Auch der Erfurter Diözesanbischof Dr.<br />
Wanke hatte e<strong>in</strong> Schreiben mit Bitte um<br />
Weiterleitung an Papst Benedikt erhalten,<br />
das <strong>in</strong>zwischen an die päpstliche Nuntiatur<br />
gegangen ist. „Dennoch kommt es darauf<br />
an, immer wieder viele Befürworter durch<br />
Unterschriften zu gew<strong>in</strong>nen, um unser Anliegen<br />
zu bekräftigen“, bat Oys um weitere<br />
Unterstützung.<br />
„Außergewöhnlicher<br />
Seelsorger“<br />
Joseph Müller sei e<strong>in</strong> „außergewöhnlicher<br />
Seelsorger“ gewesen, dessen E<strong>in</strong>satz<br />
für die Jugend auch heute noch junge Menschen<br />
ergreife: Zwei aus Groß Düngen stammende<br />
Gymnasiasten der Marienschule<br />
Hildesheim wählten die Biografie von<br />
Pfarrer Joseph Müller für ihre Facharbeit, e<strong>in</strong><br />
Leistungskurs des bischöflichen Gymnasiums<br />
Joseph<strong>in</strong>um lud mit Rosa Maria<br />
Ziegenbe<strong>in</strong>, Paul Bock und Benno Brönneke<br />
drei noch lebende Zeitzeugen e<strong>in</strong>, um aus<br />
erster Hand authentisch mehr zu erfahren.<br />
Bbr. Joseph Müller (1894-1944)<br />
TATKRÄFTIGER UND MUTIGER SEELSORGER<br />
Pfarrer Joseph Müller, geboren am<br />
19. August 1894 <strong>in</strong> Salmünster als jüngstes<br />
von sieben K<strong>in</strong>dern, machte nach freiwilliger<br />
Teilnahme am<br />
Ersten Weltkrieg und<br />
schwerer Verwundung<br />
1918 das Abitur.<br />
Im Februar 1919 entschloss<br />
er sich, wie<br />
zwei se<strong>in</strong>er Brüder<br />
katholischer Priester<br />
zu werden und begann<br />
mit dem Theologiestudium<br />
<strong>in</strong> Freiburg.<br />
Dort wurde er<br />
<strong>in</strong> die UNITAS rezipiert.<br />
Noch im gleichen<br />
Jahr wechselte<br />
er an die für HildesheimerTheologen<br />
übliche Universität<br />
Münster, wo er<br />
sich der UNITAS Sugambria<br />
anschloss und vor allem durch die<br />
Bundesbrüder Prof. Dr. Joseph Mausbach,<br />
Prof. Dr. Adolf Donders und Prof. Dr. Joseph<br />
Schmidl<strong>in</strong> geprägt wurde.<br />
An vielen Orten im E<strong>in</strong>satz<br />
Am 11. März 1922 zum Priester geweiht,<br />
trat er nach zwei Jahren als Kaplan <strong>in</strong><br />
Duderstadt 1924 <strong>in</strong> das Franziskaner-<br />
Kloster Frauenberg e<strong>in</strong>, doch schloss ihn der<br />
Orden wegen se<strong>in</strong>er schwächlichen Gesundheit<br />
wieder aus. Im Bistum Hildesheim<br />
übernahm er Kaplanstellen <strong>in</strong> Gehrden bei<br />
Hannover, Hannoversch-Münden und Celle,<br />
1925 <strong>in</strong> Blumenthal bei Bremen und 1926 <strong>in</strong><br />
Wolfenbüttel. 1931 g<strong>in</strong>g Müller an se<strong>in</strong>e<br />
erste Stelle als Kurat <strong>in</strong> der Pfarrgeme<strong>in</strong>de<br />
St. Benno, Bad Lauterberg im Harz, zuständig<br />
auch für die Seelsorge <strong>in</strong> St. Andreas-<br />
berg und Braunlage. 1934 wurde er Kaplan<br />
<strong>in</strong> Süppl<strong>in</strong>gen bei Braunschweig, 1937 der<br />
Pfarrei He<strong>in</strong><strong>in</strong>gen, wo er Widerstand gegen<br />
die Schließung der<br />
örtlichen Schule organisierte,<br />
ständig von der<br />
Gestapo beschattet, von<br />
den örtlichen Nationalsozialisten<br />
angefe<strong>in</strong>det<br />
und bespitzelt. 1943<br />
wurde er auf eigenen<br />
Wunsch Pfarrer an St.<br />
Cosmas und Damian <strong>in</strong><br />
Groß Düngen, e<strong>in</strong>em heutigen<br />
Stadtteil von Bad<br />
Salzdetfurth im Hochstift<br />
Hildesheim.<br />
Politischer Witz<br />
besiegelt Schicksal<br />
Nur e<strong>in</strong>en Monat im Amt, legte er sich<br />
mit dem NSDAP-Ortsgruppenleiter an.<br />
Doch se<strong>in</strong> Schicksal sollte sich an e<strong>in</strong>em<br />
politischen Witz entscheiden. Beim Verhör<br />
1943 warf ihm die Hildesheimer Gestapo<br />
vor, er habe Hitler und Gör<strong>in</strong>g mit den beiden<br />
Schwerverbrechern verglichen, die an<br />
der Seite Jesu gekreuzigt wurden. Nach<br />
weiteren Vernehmungen am 11. Mai 1944 <strong>in</strong><br />
Haft genommen und nach Berl<strong>in</strong> gebracht,<br />
wurden ihm die folgenden Monate se<strong>in</strong>er<br />
E<strong>in</strong>kerkerung und Verhöre „die langsame,<br />
schmerzhafte <strong>in</strong>nere Verwandlung e<strong>in</strong>es<br />
Menschen – aus e<strong>in</strong>em anfangs verzweifelten,<br />
zerbrochenen Gefangenen zur heroischen<br />
Größe e<strong>in</strong>es Bekenners der Sache<br />
Christi, e<strong>in</strong>es Zeugen für den Glauben, der<br />
se<strong>in</strong>en Tod als bewusstes Opfer darbrachte“,<br />
so B. M. Kempner <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em Buch<br />
„Priester vor Hitlers Tribunalen“ (München<br />
1967, 301-310).<br />
Die allgeme<strong>in</strong>e Darstellung, dass Pfarrer<br />
Joseph Müller wegen e<strong>in</strong>es Witzes h<strong>in</strong>gerichtet<br />
wurde, verkürze und verstelle die<br />
wirklichen Gründe se<strong>in</strong>er Verurteilung,<br />
unterstrich der Sprecher des Initiativkreises.<br />
„Er hat sich für die katholische Jugend verzehrt“<br />
– e<strong>in</strong> Engagement, das den Nationalsozialisten<br />
e<strong>in</strong> Stachel im Fleisch gewesen<br />
sei. „Nach fast 70 Jahren sollte unserem<br />
Märtyrer-Pfarrer Joseph Müller für alle<br />
Zeiten der Platz zugewiesen werden, den er<br />
sich durch se<strong>in</strong> Martyrium schon längst<br />
erworben hat: Die Aufnahme <strong>in</strong> die große<br />
Schar der Seligen unserer Kirche“, bat Oys<br />
um aktive Mithilfe und fürbittendes Gebet.<br />
„Ich habe me<strong>in</strong>e<br />
Sendung erfüllt“<br />
Am 28. Juli 1944 wurde Pfr. Müller <strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>em Schauprozess zum Tode verurteilt,<br />
Entlastungszeugen aus Groß Düngen wurden<br />
nicht gehört. Volksgerichtshofspräsident<br />
Freisler warf dem 50-Jährigen vor, er<br />
habe als Jugendseelsorger die Arbeit der<br />
Staatsjugend erschwert oder vereitelt. Es<br />
sei Hochverrat, Sabotage und Untergrabung<br />
der Staatsautorität, wenn e<strong>in</strong> „Pfaffe<br />
die Jugend dem Führer“ entfremde. Bbr.<br />
Joseph Müller wurde „wegen Wehrkraftzersetzung“<br />
gemäß § 5 der damals geltenden<br />
Kriegssonderstrafrechtsverordnung<br />
zum Tode verurteilt. Am 11. September 1944<br />
starb er durch das Fallbeil auf dem Schafott<br />
des Zuchthauses Brandenburg-Görden.<br />
Se<strong>in</strong>e H<strong>in</strong>richtung verstand Bbr. Müller<br />
selbst als Vollendung: „Ich habe me<strong>in</strong>e<br />
Sendung erfüllt und vollendet, me<strong>in</strong> Tod<br />
wirkt jetzt mehr für das Reich Gottes als<br />
me<strong>in</strong> Leben. So viele wollte ich noch h<strong>in</strong>e<strong>in</strong>reißen<br />
<strong>in</strong> das große Liebesreich Christi, das<br />
werde ich nun von da oben für Euch tun.“<br />
Die zunächst auf dem Stadtfriedhof <strong>in</strong><br />
Brandenburg beigesetzte Urne mit se<strong>in</strong>er<br />
Asche konnte im November 1945 nach<br />
Groß Düngen überführt werden. Verschiedene<br />
Gebete und Briefe von Bundesbruder<br />
Joseph Müller s<strong>in</strong>d erhalten geblieben.<br />
J. Torsy bemerkt <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em bekannten<br />
„Großen Namenstagskalender“: „Se<strong>in</strong>e<br />
Niederschriften im Gefängnis gehören,<br />
nach den Worten von Bischof He<strong>in</strong>rich<br />
Maria Janssen, zu den schönsten, die wir <strong>in</strong><br />
Märtyrerberichten f<strong>in</strong>den“.<br />
CB<br />
Initiativkreis zur Seligsprechung<br />
Kontakt: He<strong>in</strong>rich Oys, Am Seeteich 19,<br />
38446 Wolfsburg, Tel. 05363 4557,<br />
E-Mail: he<strong>in</strong>rich-oys@wolfsburg.de<br />
unitas 4/2011 305
HANNOVER. Die Bundesbrüder Prof. Jochen<br />
Litterst, Prof. Gerhard Ziegmann, und Prof.<br />
Stephanus Büttgenbach s<strong>in</strong>d unter fünf<br />
Spitzenwissenschaftlern im Land Niedersachsen,<br />
die durch das Programm „Die Niedersachsenprofessur<br />
– Forschung 65+“ ihre<br />
Forschung über die Pensionsgrenze h<strong>in</strong>aus<br />
fortsetzen können.<br />
Physik-Professor Bbr. Jochen Litterst (65)<br />
vom Institut für Festkörperphysik an der TU<br />
Braunschweig untersucht die zeitliche und<br />
räumliche Fluktuation <strong>in</strong> magnetischen<br />
Nanomaterialien für pharmazeutische und<br />
technische Anwendungen. Zudem ist er mit<br />
der Entwicklung und Umsetzung e<strong>in</strong>es<br />
transdiszipl<strong>in</strong>ären Profils für e<strong>in</strong>en neuen<br />
<strong>in</strong>ternationalen Studiengang „Science and<br />
Technology Studies“ befasst.<br />
Bbr. Professor Gerhard Ziegmann (65)<br />
vom Institut für Polymerwerkstoffe und<br />
Kunststofftechnik an der TU Clausthal-Zellerfeld<br />
beschäftigt sich mit Faserverbundstoffen.<br />
Dort geht es unter anderem um<br />
Komb<strong>in</strong>ationstechnologien für hochbeanspruchte<br />
komplexe Strukturen, etwa <strong>in</strong> der<br />
Luft- und Raumfahrt oder bei Rotorblättern<br />
von W<strong>in</strong>drädern.<br />
Auch Senior-Professor Bbr. Stephanus<br />
Büttgenbach (66) vom Institut für Mikrotechnik<br />
an der TU Braunschweig schätzt die<br />
Befreiung von Leitungs- wie Lehraufgaben<br />
und die fortbestehende Möglichkeit für<br />
Drittmittele<strong>in</strong>werbung. Durch das Pro-<br />
306<br />
unitas 4/2011<br />
PERSONALIA<br />
Forschen ohne Altersgrenze<br />
NIEDERSACHSENPROFESSUR FÜR DREI BUNDESBRÜDER<br />
Verleihung der „Niedersachsenprofessur 65 plus“ <strong>in</strong> Hannover: (v.l.) Bbr. Prof. Jochen Litterst, Bbr.<br />
Prof. Gerhard Ziegmann, Frau Prof. Wanka, M<strong>in</strong>ister<strong>in</strong> für Wissenschaft und Kultur, ganz rechts Bbr.<br />
Stephanus Büttgenbach.<br />
gramm sei es möglich, sich voll auf die Forschungs<strong>in</strong>halte<br />
und die Betreuung der<br />
Doktoranden zu konzentrieren.<br />
Die sogenannte Niedersachsenprofessur<br />
ermöglicht es profilierten Wissenschaftlern,<br />
ihre wissenschaftliche Arbeit<br />
auch über die gesetzliche Altersgrenze h<strong>in</strong>aus<br />
an niedersächsischen Hochschulen<br />
fortzusetzen. Dabei steht der Professor der<br />
Hochschule als zusätzliche Kraft zur Verfügung:<br />
Se<strong>in</strong>e bisherige Stelle kann durch<br />
die Hochschule regulär für jüngere Wissenschaftler<strong>in</strong>nen<br />
und Wissenschaftler ausgeschrieben<br />
und nachbesetzt werden.<br />
Niedersachsen ist das erste Bundesland<br />
mit solch e<strong>in</strong>em Angebot, das über die<br />
Landesgrenzen h<strong>in</strong>aus Beachtung f<strong>in</strong>det.<br />
Mittlerweile profitieren 20 Professoren von<br />
dem 2008 unter dem Motto „Exzellente Forschung<br />
kennt ke<strong>in</strong>e Altersgrenzen“ aufgelegten<br />
Programm des Wissenschaftsm<strong>in</strong>isteriums,<br />
das von der Volkswagen Stiftung<br />
mit 3,5 Millionen Euro f<strong>in</strong>anziert wird.„Es ist<br />
uns erneut gelungen, Spitzenkräfte im Land<br />
zu halten und deren hohes Engagement für<br />
die Forschung <strong>in</strong> Niedersachsen über die<br />
Altersgrenze h<strong>in</strong>aus zu würdigen“, betonte<br />
die Niedersächsische Wissenschaftsm<strong>in</strong>ister<strong>in</strong><br />
Professor Dr. Johanna Wanka.<br />
Bbr. Dr. Hans Peter Boden als Freiburger<br />
Zirkelvorsitzender verabschiedet<br />
FREIBURG. Mit e<strong>in</strong>er launigen Rede hat Bbr.<br />
Hans-Jürgen Günther, AHV-Vorsitzender<br />
der <strong>Unitas</strong> Freiburg beim Vere<strong>in</strong>sfest am<br />
26. Juni 2011 den Zirkelvorsitzenden Bbr.<br />
Hans-Günther Boden verabschiedet. Hier<br />
der volle Wortlaut:<br />
„Es ist zum Heulen, me<strong>in</strong>e sehr verehrten<br />
Damen, liebe Bundesbrüder, Ja, es ist<br />
zum Heulen! Nicht e<strong>in</strong>mal auf den Himmel<br />
kann man sich mehr verlassen!<br />
Anstatt mit kräftigen Regengüssen<br />
unsere Nenien, also unsere Klagelieder zu<br />
begleiten, schickt er uns heute strahlenden<br />
Sonnensche<strong>in</strong> – für Freiburg, e<strong>in</strong>e Perle<br />
Badens, natürlich nicht untypisch.<br />
Warum Klagelieder?<br />
Weil unserer Bbr. Hans Peter Boden mit<br />
se<strong>in</strong>er lieben Birgitt demnächst ihre Spaziergänge<br />
und Jogg<strong>in</strong>gläufe entlang der<br />
träge mäandrierenden Ruhr mit ihrem<br />
Hauptort Essen zu unternehmen beabsichtigen.<br />
Die quicklebendige Dreisam gegen<br />
die müd-lahme Ruhr! – man kann es sich<br />
kaum größere Gegensätze vorstellen. Und<br />
das freiwillig!
Doch im Gedenken an das, was wir ihm<br />
verdanken, sollten sich unsere Mienen<br />
erhellen. In der Tat: E<strong>in</strong> Strahlen mag <strong>in</strong><br />
unseren Gesichtern aufziehen, die sich<br />
anheischig machen, mit dem des freundlich<br />
gleißenden Himmelsgestirns zu wetteifern.<br />
Lieber Hans Peter, wir alle wissen: Virtus<br />
<strong>in</strong> actione consistit – Tüchtigkeit zeigt sich<br />
im Handeln. Und wir alle wissen ebenfalls<br />
sehr wohl um die Kultur- und Natur-<br />
Highlights, die wir <strong>in</strong> der Tat hier zu Hauf<br />
quasi vor der Haustüre liegen haben. Doch<br />
die kommen nicht zu uns.<br />
Fast zehn Jahre lang hast Du mit großartigen<br />
Ideen und perfekter Organisation<br />
neuen Schwung <strong>in</strong> das Zirkelleben gebracht.<br />
In alten Adern zirkuliert nunmehr<br />
neue unitarische Vitalität. Angetrieben von<br />
e<strong>in</strong>er Dir <strong>in</strong>newohnenden positiven Neugier<br />
e<strong>in</strong>es nicht autochthonen Badeners,<br />
da geht es Dir wie mir, hast Du uns <strong>in</strong> ca.<br />
40 Exkursionen an die Schönheiten der<br />
näheren und weiteren Regio herangeführt.<br />
Du könntest darüber e<strong>in</strong>en Reise- und<br />
Wanderführer herausgeben.<br />
Die mehr als 100 Zirkelabende an jedem<br />
ersten Montag im Monat bei We<strong>in</strong>, guten<br />
Gesprächen und gesundheitsförderndem<br />
Lachen erfreuten sich größter Beliebtheit.<br />
Bis zu 30 Besucher waren ke<strong>in</strong>e Seltenheit.<br />
All das hat den Zusammenhalt <strong>in</strong>nerhalb<br />
der Altherrenschaft und mit den Aktiven <strong>in</strong><br />
wertvollster Weise gefördert.<br />
Nimm also als Dankeschön und als<br />
Er<strong>in</strong>nerung den E<strong>in</strong>druck unserer frohen<br />
und dankbaren Mienen mit. Schau sie Dir<br />
ruhig mal an! Was noch?<br />
Da Planung und Durchführung von<br />
ansprechenden Exkursionen so etwas wie<br />
e<strong>in</strong> Lable von Dir war, haben wir uns folgendes<br />
gedacht: Gönne Dir doch mit De<strong>in</strong>er<br />
lieben Birgitt e<strong>in</strong>en halben Tag Zeit. Mit<br />
der Seilbahn könnt Ihr <strong>in</strong> den Gipfelbereich<br />
des Freiburger Hausbergs, den Schau<strong>in</strong>sland<br />
h<strong>in</strong>aufschweben, wo <strong>in</strong> der Bergstation<br />
e<strong>in</strong> Frühstücksbüffet für Euch bereit<br />
steht. Bei e<strong>in</strong>em guten Glas Badeners mögt<br />
Ihr dann – nah und fern – <strong>in</strong>s Land schauen<br />
und dabei Euer zumeist sonniges Lebensjahrzehnt<br />
<strong>in</strong> der Stadt mit dem berühmten<br />
Haus <strong>in</strong> der Basler Straße Revue passieren<br />
lassen.<br />
Kurzum: Im Namen der gesamten<br />
Freiburger <strong>Unitas</strong>: Danke, lieber Hans Peter.<br />
Die Essener Unitarier haben allen Grund,<br />
sich zu freuen.<br />
Hans-Jürgen Günther,<br />
AHV-Vorsitzender <strong>Unitas</strong> Freiburg<br />
Bbr. Osypka ist Honorarprofessor<br />
OFFENBURG. Bbr. Dr. Ing. Peter Osypka,<br />
Gründer und Inhaber der Dr. Osypka GmbH<br />
Mediz<strong>in</strong>technik <strong>in</strong> Rhe<strong>in</strong>felden-Herten,<br />
heute Aufsichtsratsvorsitzender der Osypka<br />
AG, ist im Juli mit der Honorarprofessur an<br />
der Hochschule Offenburg ausgezeichnet<br />
worden.<br />
Damit knüpft die<br />
Hochschule Offenburg<br />
an e<strong>in</strong>e jahrelange<br />
hervorragende Zusammenarbeit<br />
mit Dr.<br />
Osypka im Bereich der<br />
Mediz<strong>in</strong>technik an,<br />
die der mediz<strong>in</strong>ischen<br />
Forschung und Lehre,<br />
aber auch der mediz<strong>in</strong>ischen<br />
Betreuung <strong>in</strong><br />
der Ortenau-Region<br />
zu Gute kommt. Mit<br />
Unterstützung der<br />
Peter-Osypka-Stiftung<br />
gründet die Hochschule<br />
Offenburg darüber<br />
h<strong>in</strong>aus zum<br />
neuen Studienjahr<br />
das neue Forschungs<strong>in</strong>stitut<br />
„Peter Osypka<br />
Institute for Pac<strong>in</strong>g<br />
and Ablation“. Das<br />
neue Institut widmet<br />
sich der Forschung und Entwicklung neuer<br />
Methoden und Apparaturen, <strong>in</strong>sbesondere<br />
für die Elektrostimulation und Ablation.<br />
Der mit über 300 Patenten im In- und<br />
Ausland weltweit bekannt gewordene Ingenieur<br />
(s. unitas 2/2009) entwickelte se<strong>in</strong>e<br />
Ideen vor allem <strong>in</strong> technischen Lösungen<br />
für die Diagnostik und Therapie von<br />
Herzerkrankungen, unter anderem Herzkatheter,<br />
Schrittmacher-Elektroden, Herzdrähte<br />
und Instrumentarium für die Kardiologie<br />
und Herzchirurgie. Er gilt als Pionier<br />
der Katheterablation: Darunter versteht<br />
man herzkathetergestützte Methoden, mit<br />
deren Hilfe Herzrhythmusstörungen beseitigt<br />
werden können. Das vor über 25 Jahren<br />
von ihm verbreitete Pr<strong>in</strong>zip der Hochfrequenzablation,<br />
die Verödung krankhafter<br />
Zellverbände und Leitungsbahnen im<br />
Herzen mit Wechselstrom, ist heute e<strong>in</strong><br />
weltweit e<strong>in</strong>gesetztes Rout<strong>in</strong>everfahren<br />
für die Behandlung von Herzrhythmusstörungen.<br />
Mit der Verleihung der Honorarprofessur<br />
vere<strong>in</strong>t Osypka zukünftig die Ämter<br />
des Ehrensenators und des Honorarprofessors<br />
<strong>in</strong> e<strong>in</strong>er Person und wird damit<br />
offizielles Mitglied des wissenschaftlichen<br />
Personals.<br />
Die Ehrensenatorwürde erhielt Professor<br />
Osypka bereits 2009 für se<strong>in</strong>e Ver-<br />
dienste um die Förderung von Lehre und<br />
Forschung an der Hochschule Offenburg.<br />
Seit 2010 unterstützt die Peter-Osypka-<br />
Stiftung die Hochschule durch die Stiftungsprofessur<br />
„Biomediz<strong>in</strong>ische Technik".<br />
Sie legte damit den Grundste<strong>in</strong> für den<br />
Bbr. Dr. Peter Osypka mit Frau Christ<strong>in</strong>e und Tochter Dr. Nicola<br />
M. Osypka und Rektor W<strong>in</strong>fried Lieber, Hochschule Offenburg (v.l.)<br />
Studiengang „Mediz<strong>in</strong>technik“, welcher im<br />
Rahmen des Ausbauprogramms „Hochschule<br />
2012“ der Landesregierung 2010 <strong>in</strong><br />
Offenburg e<strong>in</strong>gerichtet wurde. Für das<br />
W<strong>in</strong>tersemester lagen bereits weit mehr<br />
als 200 Bewerbungen vor.<br />
„Der Dank der Hochschule gilt unserem<br />
neuen Kollegen, der nach dem erfolgreichen<br />
Start des Studiengangs Mediz<strong>in</strong>technik<br />
nun auch mit e<strong>in</strong>er Stiftung zugunsten<br />
des Instituts die Voraussetzung für<br />
e<strong>in</strong>e nachhaltige Forschungstätigkeit geschaffen<br />
hat", freute sich Rektor W<strong>in</strong>fried<br />
Lieber. „Se<strong>in</strong>e Mitarbeit im neuen Forschungs<strong>in</strong>stitut<br />
ist Garant dafür, dass die<br />
Mediz<strong>in</strong>technik <strong>in</strong> Offenburg mit ihrem<br />
Studienschwerpunkt rund um die Kardiologie,<br />
Elektrophysiologie und die elektronischen<br />
kardiologischen Implantate, wie<br />
Herzschrittmacher und Defibrillatoren, zu<br />
e<strong>in</strong>er der ersten Adresse <strong>in</strong> Deutschland<br />
wird.“<br />
Peter Osypka, 1934 <strong>in</strong> Miechowitz (Kreis<br />
Beuthen/Oberschlesien) geboren, studierte<br />
Elektrotechnik und wurde 1963 an der<br />
Universität Braunschweig zum Dr.-Ing. promoviert.<br />
Nach Forschungsjahren <strong>in</strong> den<br />
USA und an der Universitäts-K<strong>in</strong>derkl<strong>in</strong>ik <strong>in</strong><br />
Kiel, Managertätigkeit bei der Firma Roche<br />
<strong>in</strong> Basel und Grenzach wurde er Geschäftsführender<br />
Gesellschafter der Firma Biomedix<br />
GmbH <strong>in</strong> Lörrach. 1977 gründete er >><br />
unitas 4/2011 307
se<strong>in</strong>e eigene Firma, die bis heute als Familienunternehmen<br />
<strong>in</strong> zweiter Generation<br />
<strong>in</strong> den Werken Grenzach und Rhe<strong>in</strong>felden-<br />
Herten, geführt wird. Neben Lehraufträgen<br />
an den Universitäten Kiel, Frankfurt und der<br />
ETH Zürich betrieb er den Ausbau se<strong>in</strong>er<br />
Firma, die <strong>in</strong> über 50 Ländern selbst entwickelte<br />
Mediz<strong>in</strong>ische Produkte herstellt<br />
und vertreibt. Die vor 14 Jahren gegründete<br />
geme<strong>in</strong>nützige „Peter Osypka Stiftung“<br />
unterstützt mit Hilfe von Caritas International<br />
Projekte <strong>in</strong> der Dritten Welt. Drei Stiftungsprofessuren<br />
gehen auf ihn zurück: <strong>in</strong><br />
Münster e<strong>in</strong>e Professur für Elektrophysiologie,<br />
<strong>in</strong> Freiburg e<strong>in</strong>e Professur für Neuroelektronische<br />
Systeme und <strong>in</strong> Offenburg<br />
die Professur für Mediz<strong>in</strong>technik.<br />
Pfr. Karl Ernst Sebastian<br />
KÖLN. Bbr. Pfarrer Karl Ernst Sebastian<br />
wurde von Bbr. Joachim Kard<strong>in</strong>al Meisner<br />
weiterh<strong>in</strong> bis zum 31. August 2012 zum<br />
Hausgeistlichen am Caritas Altenzentrum<br />
St. Maternus <strong>in</strong> Köln-Rodenkirchen und am<br />
Matthias-Pullern-Haus <strong>in</strong> Köln-Sürth sowie<br />
zum Subsidiar an der Pfarrei St. Joseph und<br />
Remigius <strong>in</strong> Köln im Dekanat Köln-Rodenkirchen<br />
ernannt. Bbr. Sebastian, Jahrgang<br />
1933, wurde 1954 bei UNITAS-Salia Bonn<br />
rezipiert und ist nach se<strong>in</strong>er ersten Kaplanstelle<br />
<strong>in</strong> Euskirchen und e<strong>in</strong>er weiteren <strong>in</strong><br />
Köln-Klettenberg nach Euskirchen gewechselt.<br />
Im Februar feierte er <strong>in</strong> der Kirche se<strong>in</strong>er<br />
langjährigen Pfarrgeme<strong>in</strong>de Brühl-<br />
P<strong>in</strong>gsdorf, Badorf und Schwadorf se<strong>in</strong>e<br />
Goldene Priesterweihe. 38 Jahre diente er<br />
dort als „Brühler Pastor“. Nach se<strong>in</strong>er<br />
Pensionierung zog er <strong>in</strong> e<strong>in</strong> Häuschen des<br />
Matthias-Pullem-Heims <strong>in</strong> Sürth, e<strong>in</strong>er<br />
E<strong>in</strong>richtung, die auch se<strong>in</strong> 1985 verstorbener<br />
Vater Bbr. Dr. med. Josef Sebastian<br />
bewohnt hatte.<br />
Geburten<br />
HAMBURG. Matze Sacher (UNITAS Tuisconia<br />
Hamburg) und Frau Petra grüßen als<br />
Qu<strong>in</strong>tett. Über die Geburt von Sohn Simon<br />
<strong>in</strong> Re<strong>in</strong>bek freuen sich seit dem 1. September<br />
auch die Brüder Jakob und Elias.<br />
Bbr. Markus Wamser und Diana freuen<br />
sich, die Geburt ihres Sohnes Felix Maximilian<br />
am 30. August bekannt zu geben.<br />
„E<strong>in</strong> besonderer Dank gilt der <strong>Unitas</strong><br />
Ostfalia für die Unterbr<strong>in</strong>gung des frischgebackenen<br />
Vaters <strong>in</strong> der Geburtsnacht“,<br />
heißt es <strong>in</strong> der Mitteilung.<br />
BOCHUM. Bbr. Bernd Genser (UNITAS<br />
Ruhrania und Frau Ilka freuen sich über die<br />
Geburt von Clara am 27. September 2011 –<br />
mit knapp 3.000 Gramm und 50 Zentimetern<br />
auf dem Weg, den Planet zu erobern.<br />
Die Bundesbrüder und -schwestern<br />
von der UNITAS an der Ruhr gratulieren<br />
ganz herzlich!<br />
308<br />
unitas 4/2011<br />
Examen und Promotion<br />
ESSEN. Alt-VOS Bbr. Christoph Weyer (UNI-<br />
TAS Ruhrania) hat Ende September se<strong>in</strong><br />
Examen an der Folkwang-Universität, der<br />
früheren Folkwang Musikhochschule, mit<br />
sehr gutem Examen abgeschlossen. Zum<br />
WS 2011/2012 setzt er se<strong>in</strong> Studium der<br />
Musikwissenschaft <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong> fort und verstärkt<br />
die dortige UNITAS.<br />
BOCHUM. Bsr. Wibke Harnischmacher<br />
(UNITAS Elisabetha-Thur<strong>in</strong>gia Marburg),<br />
Late<strong>in</strong>lehrer<strong>in</strong>, Fachvorsitzende Sozialwissenschaften<br />
und Beratungslehrer<strong>in</strong> am<br />
Duisburger Mercator-Gymnasium, wurde<br />
an der Ruhruniversität Bochum zum Dr.<br />
phil. promoviert. Ihre Arbeit trägt den Titel<br />
„Andrea Guarnas Bellum Grammaticale –<br />
E<strong>in</strong>führung, Text, Übersetzung, Kommentar“<br />
und behandelt e<strong>in</strong>e 1511 erstmals <strong>in</strong><br />
Cremona erschienene und vielfach nachgeahmte<br />
Schrift. Die mündliche Disputation<br />
am 14. Juli schloss Bsr. Harnischmacher mit<br />
e<strong>in</strong>em hervorragendem Prädikat ab.<br />
Be<strong>in</strong>ahe Doppelhochzeit<br />
bei der Rheno-Palatia<br />
MANNHEIM. Die <strong>Unitas</strong> Rheno-Palatia<br />
Mannheim gratulierte kürzlich zwei<br />
besonders verdienten jungen Alten Herren<br />
zur Hochzeit. Geme<strong>in</strong>t s<strong>in</strong>d die beiden<br />
Schriesheimer Bundesbrüder und Freunde<br />
Mart<strong>in</strong> Stenger v/o Miles (38) und Dr.<br />
Manfred Nelles v/o Schumi (36). Beide<br />
haben die Aktivitas der Rheno-Palatia jahrelang<br />
geprägt und s<strong>in</strong>d durch ihre musikalischen<br />
Aktivitäten – besonders bei diversen<br />
Generalversammlungen – im Verband weith<strong>in</strong><br />
bekannt.<br />
Bbr. Mart<strong>in</strong> Stenger heiratete am 21. Mai<br />
2011 <strong>in</strong> Siegburg-Seligenthal se<strong>in</strong>e liebe<br />
Anna. Die Trauung nahm ke<strong>in</strong> Ger<strong>in</strong>gerer vor<br />
als der Geistliche Beirat unseres Verbandes,<br />
Bundesbruder Helmut Wiechmann. Ihm gelang<br />
es <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er unnachahmlichen Art, das<br />
Ereignis zugleich würdig, nachdenklich, persönlich,<br />
humorvoll und feierlich zu gestalten.<br />
Das Chargenteam der Rheno-Palaten<br />
freute sich, dem Brautpaar zu Ehren die<br />
neue Vollwichs erstmals der Öffentlichkeit<br />
zu präsentieren. Bei der anschließenden<br />
Feier ließ es sich Mart<strong>in</strong> Stenger nicht nehmen,<br />
der Corona mit Trompete und Flügel-<br />
horn neben kul<strong>in</strong>arischen auch akustische<br />
Leckerbissen zu servieren.<br />
Nur zwei Wochen später, am 4. Juni<br />
heiratete Bbr. Dr. Manfred Nelles <strong>in</strong><br />
Dossenheim bei Heidelberg se<strong>in</strong>e liebe<br />
Mandy Maria. Als Organist und Chorleiter<br />
hatte er natürlich dafür gesorgt, dass die<br />
Hochzeit auch <strong>in</strong> musikalischer H<strong>in</strong>sicht e<strong>in</strong><br />
bee<strong>in</strong>druckendes Ereignis mit tollen Darbietungen<br />
<strong>in</strong>- und außerhalb der Kirche<br />
wurde. Die neue Wix beziehungsweise<br />
deren Träger hatten erneut Gelegenheit,<br />
ihre Hitzefestigkeit nachzuweisen.<br />
Nun s<strong>in</strong>d wir gespannt auf den unitarischen<br />
Nachwuchs!<br />
Andreas Grossmann<br />
Verlorener Zipfelbund !<br />
E<strong>in</strong>e Bitte um Hilfe bei der Suche nach<br />
e<strong>in</strong>em verlorenen Zipfelbund erreicht<br />
uns aus Thür<strong>in</strong>gen: Er g<strong>in</strong>g bei der Fahrt<br />
zur Seligsprechung nach Lübeck am<br />
24./25. Juni 2011 verloren. Der Zipfelhalter<br />
und die Familienzipfel s<strong>in</strong>d emailliert<br />
und mit Zirkeln der <strong>Unitas</strong> Ass<strong>in</strong>dia<br />
Aachen, die jüngeren mit solchen der<br />
<strong>Unitas</strong> Ostfalia Erfurt versehen.<br />
Die sonstigen ca. 20 Zipfel tragen überwiegend<br />
die Farben der <strong>Unitas</strong> blauweiß-gold,<br />
die Unterbänder weichen<br />
teilweise ab (blau-orange für Nassau;<br />
grün-weiß für Bitburg). Besonders auffällig<br />
s<strong>in</strong>d zwei längere Zipfel mit fünf<br />
bzw. sechs Schiebern, von denen auch<br />
e<strong>in</strong>er e<strong>in</strong> Unterband <strong>in</strong> blau-orange hat,<br />
und e<strong>in</strong> schwarz-rot-weißer Zipfel mit<br />
zwei Schiebern. Die Schieber s<strong>in</strong>d rückseitig<br />
mit gravierten Widmungen versehen,<br />
die mit Angabe des jeweiligen<br />
Semesters und e<strong>in</strong>em Spruch oder e<strong>in</strong>er<br />
Bibelstelle an „Hans v. Bacchus" oder<br />
„Bacchus“ gerichtet s<strong>in</strong>d.<br />
Möglicherweise entdeckt ja jemand<br />
den Bund als Angebot <strong>in</strong> Ebay oder anderen<br />
Plattformen und gibt die Information<br />
durch.<br />
An: Bbr. Hans Backes, Richard-Wagner-<br />
Str. 64, 99610 Sömmerda,<br />
E-Mail: s.schneider.soem@t-onl<strong>in</strong>e.de.
�IN<br />
MEMORIAM<br />
Freiburger Künstler: Trauer um Bbr. Benedikt Schaufelberger<br />
FREIBURG. Unter Anteilnahme vieler Unitarier<br />
aus dem Freiburger Raum wurde Bundesbruder<br />
und Kunstmaler Benedikt Schaufelberger<br />
am 4. August 2011 zu Grabe geleitet.<br />
Se<strong>in</strong>e K<strong>in</strong>dheit verbrachte er <strong>in</strong> Beuron.<br />
Hier im Schatten des Klosters erfuhr der Bub<br />
e<strong>in</strong>e erste Prägung <strong>in</strong> den Ausdrucksformen<br />
christlicher Kunst. Bereits während se<strong>in</strong>er<br />
Schulzeit <strong>in</strong> Freiburg und Konstanz fiel se<strong>in</strong>e<br />
künstlerische Begabung auf. Nach dem<br />
Studium an der Kunstakademie Freiburg,<br />
den Kölner Werkschulen und e<strong>in</strong>em<br />
Meisterkurs an der Mosaikschule <strong>in</strong> Ravenna<br />
machte er sich 1955 selbstständig. Verwurzelt<br />
im Glauben und bestens vertraut<br />
mit den biblischen Heilsaussagen hat er <strong>in</strong><br />
den folgenden mehr als fünf Jahrzehnten<br />
unzählige Kirchen, Kapellen, Schulen oder<br />
K<strong>in</strong>dergärten mit Fresken, Mosaiken, Glasfenstern,<br />
Kreuzwegen oder Bronzeskulpturen<br />
bereichert. Von großer Aussagekraft<br />
s<strong>in</strong>d aber auch se<strong>in</strong>e Skizzen, Aquarelle oder<br />
Ölbilder mit den herrlichsten Landschaftsmotiven<br />
von Spanien bis zur Bretagne oder<br />
von Griechenland über Italien, die Schweiz<br />
bis h<strong>in</strong> zu se<strong>in</strong>em von ihm besonders geliebten<br />
Schwarzwald. Mehr als e<strong>in</strong> Vierteljahrhundert<br />
unterrichtete er zudem als<br />
beliebter und erfolgreicher Kunsterzieher<br />
am Kolleg St. Sebastian <strong>in</strong> Stegen.<br />
E<strong>in</strong>en Namen machte sich Benedikt<br />
Schaufelberger auch als exzellenter Kenner<br />
des Freiburger Münsters. Se<strong>in</strong> mehrfach aufgelegtes<br />
Buch „Wie die Freiburger ihr Münster<br />
bauten“ (Herder) wurde wenige Monate<br />
vor dem Tod des Künstlers an Papst Benedikt<br />
XVI. überreicht. Freundlich lachend kommentierte<br />
dieser den Empfang mit den Worten:<br />
„Dann kann ich mich ja bestens auf den Freiburgbesuch<br />
im September 2011 vorbereiten.“<br />
Wenige Jahre zuvor war Benedikt Schaufelberger<br />
vom Hl. Vater für se<strong>in</strong>e Verdienste<br />
um die Kirche mit dem Orden „Pro ecclesia et<br />
Pontifice“ ausgezeichnet worden.<br />
Benedikt Schaufelberger, geboren am 4.<br />
Januar 1929, trat im SS 1949 <strong>in</strong> die Freiburger<br />
<strong>Unitas</strong> Eckhardia e<strong>in</strong>. Er gehörte zu den<br />
Persönlichkeiten, die wie Günther Ganz oder<br />
Dr. Felix Stilz nach dem Krieg das Vere<strong>in</strong>sleben<br />
der Eckhardia wieder belebten und ihr neuen<br />
Schwung gaben. Noch bis <strong>in</strong>s hohe Alter<br />
brachte er sich <strong>in</strong>s Vere<strong>in</strong>sleben e<strong>in</strong>. Nicht<br />
wenige Eckharden und andere Freiburger<br />
Unitarier verdanken ihm die H<strong>in</strong>führung zu<br />
e<strong>in</strong>em besseren Verständnis der Kunst <strong>in</strong><br />
ihren vielfältigen Ausrichtungen. Se<strong>in</strong>e Diavorträge,<br />
Kunstführungen <strong>in</strong> der Regio sowie<br />
se<strong>in</strong>e hervorragend organisierten Studienfahrten<br />
bleiben <strong>in</strong> bester Er<strong>in</strong>nerung.<br />
Der Altherrenvere<strong>in</strong> der <strong>Unitas</strong> Eckhardia<br />
sowie die gesamte Freiburger <strong>Unitas</strong><br />
trauern um Benedikt Schaufelberger, der<br />
Bild unten: Verleger Manuel Herder überreichte<br />
Papst Benedikt XVI. <strong>in</strong> Rom im November 2010<br />
das von Bbr. Schaufelberger geschriebene<br />
und illustrierte Buch „Wie die Freiburger<br />
ihr Münster bauten“.<br />
125 Semester lang, bis zu se<strong>in</strong>em Tod am 27.<br />
Juli, das hiesige Vere<strong>in</strong>sleben bereicherte. In<br />
e<strong>in</strong>er Würdigung am Ende des Requiems,<br />
bei dem die Kirche die Gottesdienstteilnehmer<br />
kaum fassen konnte, hieß es:<br />
„Bei der Trauer, dass Benedikt nicht mehr<br />
unter uns ist, müssen wir nicht verharren.<br />
In so vielen Kirchenbildern und -fenstern, <strong>in</strong><br />
Fresken, Holzschnitten, Mosaiken oder<br />
Skulpturen hat er mit se<strong>in</strong>er Kunst auf<br />
immer neuen Wegen versucht, sich dem<br />
unfassbaren Gott zu nähern. Getragen von<br />
unserem Glauben dürfen wir darauf vertrauen,<br />
dass der Künstler Benedikt Schaufelberger<br />
<strong>in</strong> der Anschauung Gottes die<br />
Vollendung se<strong>in</strong>es Suchens jetzt und für<br />
immer erlebt.“<br />
Hans-Jürgen Günther<br />
Zu den frühen Werken von Bbr. Benedikt<br />
Schaufelberger gehörte die von der UNITAS gestiftete<br />
Ausstattung der 1956 e<strong>in</strong>geweihten Franz-<br />
Hitze-Gedächtniskirche <strong>in</strong> Neuenhaßlau im<br />
Landkreis Gelnhausen/Hessen. Ehrenamtlicher<br />
Architekt und Baumeister war Bbr. Josef Kierdorf<br />
aus Köln, das Kreuz e<strong>in</strong> Geschenk des Altherren-<br />
Vere<strong>in</strong>s UNITAS Freiburg.<br />
Nach se<strong>in</strong>er Weiterbildung <strong>in</strong> Ravenna schuf Bbr.<br />
Schaufelberger diese Madonna, die <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />
Atelier von 1955 bis 2007 h<strong>in</strong>g. Sie wird vom AHV-<br />
Vorsitzenden der <strong>Unitas</strong> Eckhardia und der <strong>Unitas</strong><br />
Freiburg, Bbr. Hans-Jürgen Günther, seitdem <strong>in</strong><br />
hohen Ehren gehalten. Werkeverzeichnis:<br />
http://www.benedikt-schaufelberger.de<br />
unitas 4/2011 309<br />
>>
Bbr. Matern verstorben<br />
FULDA. Im 99. Lebensjahr und im 66. Jahr<br />
se<strong>in</strong>es Priestertums ist am 1. Oktober <strong>in</strong><br />
Fulda Monsignore Prof. Dr. Dr. Gerhard<br />
Matern gestorben. Die Eucharistiefeier für<br />
den Verstorbenen fand am 7. Oktober im<br />
Hohen Dom zu Fulda statt, er wurde auf<br />
dem Friedhof am Frauenberg beerdigt.<br />
Bbr. Matern, geboren am 7. Juni 1913 <strong>in</strong><br />
Lisettenhof im Ermland, legte 1935 se<strong>in</strong><br />
Abitur am Humanistischen Gymnasium<br />
Hosianum <strong>in</strong> Braunsberg (Ostpreußen) ab<br />
und absolvierte se<strong>in</strong>e philosofisch-theologischen<br />
Studien an den Universitäten<br />
Breslau und Freiburg sowie an der Staatlichen<br />
Akademie <strong>in</strong> Braunsberg, mehrfach<br />
unterbrochen durch Wehrdienst und<br />
schwere Verwundung. Er beschloss se<strong>in</strong>e<br />
akademische Ausbildung mit der philosophischen<br />
und theologischen Promotion<br />
(1944 bzw. 1948) und der Habilitation an<br />
der Theologischen Fakultät zu Freiburg<br />
(1958).<br />
Am 16. Dezember 1945 wurde er <strong>in</strong><br />
Eisleben durch se<strong>in</strong>en Ermländer Heimatbischof<br />
Maximilian Kaller zum Priester<br />
geweiht. Es folgten Jahre mit umfangreicher<br />
seelsorglicher und wissenschaftlicher<br />
Tätigkeit, unter anderem als Kl<strong>in</strong>ikseelsorger<br />
und Aushilfsgeistlicher <strong>in</strong> Freiburg,<br />
als Sekretär im Päpstlichen Sonderamt<br />
für Heimatvertriebene <strong>in</strong> Frankfurt<br />
als Dozent für Kirchengeschichte und<br />
Religionspädagogik an der Philosophisch-<br />
Theologischen Hochschule <strong>in</strong> Königste<strong>in</strong><br />
und als Spiritual am dortigen Priestersem<strong>in</strong>ar<br />
und als Religionslehrer an der<br />
Schule der Königste<strong>in</strong>er Ursul<strong>in</strong>en. Nach<br />
se<strong>in</strong>er Ernennung zum ordentlichen Professor<br />
an der Hochschule <strong>in</strong> Königste<strong>in</strong><br />
(1959) war Bbr. Matern bis zu se<strong>in</strong>er<br />
Berufung an die Philosophisch-Theologische<br />
Hochschule <strong>in</strong> Fulda im Jahre 1962<br />
noch als Dozent an der Universität Freiburg<br />
tätig.<br />
310<br />
unitas 4/2011<br />
Zur Lehrtätigkeit als Professor für<br />
Pastoraltheologie <strong>in</strong> Fulda, die er bis zu se<strong>in</strong>er<br />
Entpflichtung im Jahre 1981 ausübte,<br />
kamen theologische Vorlesungen an der<br />
Philipps-Universität Marburg, wo er 1967<br />
zum Direktor des Katholisch-Theologischen<br />
Sem<strong>in</strong>ars bestellt wurde. Während se<strong>in</strong>er<br />
Amtszeit wurde das Lehr- und Studienangebot<br />
dieses Sem<strong>in</strong>ars zur Ausbildung von<br />
Religionslehrern an Gymnasien stark ausgebaut.<br />
1971 wurde er auch zum Honorarprofessor<br />
an der Universität Marburg ernannt.<br />
In Anerkennung se<strong>in</strong>er vielfältigen<br />
Tätigkeiten im Bistum Fulda, unter anderem<br />
auch als Mitglied der Liturgischen<br />
Kommission, wurde Prof. Matern 1968 von<br />
Papst Paul VI. der Titel „Päpstlicher Kaplan“<br />
(Monsignore) verliehen.<br />
Das Bestreben von Prof. Matern als<br />
Priester und Seelsorger war es stets,<br />
„Glaubenshilfe <strong>in</strong> unserer Zeit“ zu geben,<br />
so der bezeichnende Untertitel e<strong>in</strong>er<br />
se<strong>in</strong>er Publikationen. Genau dies tat er<br />
ganz praktisch <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Marburger Zeit, als<br />
er z. B. 1971 e<strong>in</strong>en religiösen „Diskussionskreis“<br />
aus dem AHZ Marburg heraus mitbegründete,<br />
der auch über se<strong>in</strong>e Entpflichtung<br />
und Übersiedelung nach Fulda<br />
h<strong>in</strong>aus bestand und bis heute noch<br />
besteht. Durch diesen Kreis hat er das<br />
religiöse Bewusstse<strong>in</strong> vieler Bundesbrüder<br />
entscheidend mitgeprägt.<br />
Auch im eher persönlichen Rahmen war<br />
er für se<strong>in</strong>e Bundesbrüder e<strong>in</strong> stets zugänglicher<br />
Ratgeber. Darüber h<strong>in</strong>aus wirkte<br />
er bei zahlreichen religiösen Bes<strong>in</strong>nungstagen<br />
mit und stellte sich auch als Referent<br />
für das Kontaktstudium und für Ansprachen<br />
bei den sonntäglichen Morgenfeiern<br />
des Hessischen Rundfunks zur<br />
Verfügung. Als Mentor der Studierenden<br />
des Zweiten Bildungsweges hat er vielen<br />
Spätberufenen den Weg zum Priestertum<br />
gewiesen.<br />
Für die Franko-Saxonia Marburg spielte<br />
Bbr. Matern <strong>in</strong> e<strong>in</strong>er schwierigen Zeit<br />
außerdem e<strong>in</strong>e sehr wichtige Rolle. Als 1979<br />
nach e<strong>in</strong>em <strong>in</strong>ternen Konflikt fünf Bundesbrüder<br />
der Cheruskia Gießen nach Marburg<br />
abwandern und dort den seit 1973 suspendierten<br />
Vere<strong>in</strong> wiederbeleben wollten,<br />
sorgte er mit e<strong>in</strong>er „unbürokratischen“<br />
Immatrikulation dieser Bundesbrüder am<br />
Katholisch-theologischen Sem<strong>in</strong>ar dafür,<br />
dass die satzungsgemäßen Voraussetzungen<br />
für die Reaktivierung gegeben<br />
waren und so der Vere<strong>in</strong> wieder erblühen<br />
konnte. Darüber h<strong>in</strong>aus begleitete er die<br />
junge Aktivitas nach der Wiederbegründung<br />
sehr aktiv und stützte das Programm<br />
immer wieder mit Vorträgen.<br />
Bbr. Matern gehörte viele Jahrzehnte<br />
dem AHZ Fulda an und feierte mit ihm bis<br />
<strong>in</strong> se<strong>in</strong> hohes Alter den Vere<strong>in</strong>sgottesdienst.<br />
In dieser Zeit nahm er parallel auch<br />
Anteil am Marburger Vere<strong>in</strong>sleben, was sich<br />
immer wieder <strong>in</strong> Briefen von ihm niederschlug,<br />
<strong>in</strong> denen er zuweilen bedauerte,<br />
aufgrund se<strong>in</strong>es Gesundheitszustandes<br />
nicht mehr an Veranstaltungen <strong>in</strong> Marburg<br />
teilnehmen zu können.<br />
CB/CB2<br />
Bbr. Ludger Janowski<br />
BALVE /BONN. Am 14. Juni 2011, se<strong>in</strong>em<br />
48. Geburtstag, ist Bbr. Ludger Janowski<br />
M.A. <strong>in</strong> Balve gestorben. Während se<strong>in</strong>es<br />
Studiums der Politikwissenschaften <strong>in</strong><br />
Bonn war er im SS 1984 der UNITAS Stolzenfels<br />
beigetreten, er übernahm im SS 1986<br />
und 1988 das Amt des Seniors und im WS<br />
1987/88 das des Fuxmajors. Im Sommer<br />
1990 gab Ludger geme<strong>in</strong>sam mit Bbr.<br />
Christopher Beckmann anlässlich des 80.<br />
Stiftungsfestes die Festschrift „Aus dem<br />
Glauben gestalten – Christentum <strong>in</strong> Staat<br />
und Gesellschaft“ heraus. Das Bbr. He<strong>in</strong>rich<br />
Krone gewidmete Buch erschien als Band 6<br />
der UNITAS-Schriftenreihe.<br />
Ludger, der früh se<strong>in</strong>en Vater verloren<br />
hatte, kümmerte sich nach se<strong>in</strong>er Tätigkeit<br />
im Büro e<strong>in</strong>es Bundestagsabgeordneten<br />
aufopferungsvoll um se<strong>in</strong>e pflegebedürftige<br />
Mutter. Se<strong>in</strong>e eigene Gesundheit und<br />
se<strong>in</strong>e berufliche Zukunft traten dabei ganz<br />
<strong>in</strong> den H<strong>in</strong>tergrund. Er war <strong>in</strong>telligent, gebildet<br />
und hatte e<strong>in</strong>en wachen Geist, heißt<br />
es im Nachruf des Männerchors 1974 Balve.<br />
Er hatte e<strong>in</strong> gutes Herz und war doch oft<br />
e<strong>in</strong>sam. Nur wenigen deutete er an, wie es<br />
ihm wirklich zu Mute war. Se<strong>in</strong> Tod wirft<br />
Fragen auf, die Nachricht von se<strong>in</strong>em frühen<br />
Tod ist bedrückend. Se<strong>in</strong>e Bundesbrüder<br />
werden Ludger <strong>in</strong> Er<strong>in</strong>nerung behalten<br />
und se<strong>in</strong>er im Gebet gedenken. Requiescat<br />
<strong>in</strong> pace.<br />
Leonhard Mahr, AHV-Vorsitzender<br />
Bbr. M<strong>in</strong>Rat<br />
Heribert Schnippenkötter<br />
BONN. Bbr. M<strong>in</strong>isterialrat a. D. Heribert<br />
Schnippenkötter aus Bonn ist am 13. Mai<br />
2011 im Alter von 87 Jahren gestorben.<br />
Geboren am 4. April 1924, wurde er nach<br />
dem Kriegsdienst bei UNITAS-Salia Bonn<br />
aktiv, wo er zum 1. Januar 1954 philistriert<br />
werden sollte. Zugleich arbeitete er bereits<br />
als Volontär im Bonner Dümmler-Verlag. Er<br />
schloss von 1946-50 das Studium der<br />
Philosophie an, g<strong>in</strong>g als Redakteur zur<br />
„Bergischen Landeszeitung“ und ab 1951 als<br />
Persönlicher Referent des Staatsekretärs <strong>in</strong>s<br />
Bundeskanzleramt.<br />
Bis 1963 war der Journalist <strong>in</strong> mehreren<br />
Abteilungen im Presse- und Informationsamt<br />
der Bundesregierung tätig, unter anderem<br />
als Chef des Referats für Grundsatzangelegenheiten.<br />
Nach Jahren als Pressereferent<br />
im Bundesfamilienm<strong>in</strong>isterium<br />
g<strong>in</strong>g er 1968 wieder zum Bundespresseamt
und war dort 1989 zuletzt als Leiter des<br />
Referates Informationsfunk tätig.<br />
Bbr. Schnippenkötter war als Gast regelmäßig<br />
Teilnehmer bei Sitzungen der Adenauer-Kab<strong>in</strong>ette<br />
und als Zeitzeuge bei<br />
wichtigen Ereignissen der Geschichte der<br />
Bonner Republik hautnah dabei.<br />
Dr. med. Lothar Leo Schute<br />
OFFENBACH / HANAU. Bbr. Chefarzt i.R. Dr.<br />
med. Lothar Leo Schute aus Seligenstadt,<br />
geboren am 11.9.1921, aktiv bei UNITAS-<br />
Gött<strong>in</strong>gen seit Mai 1945 und philistriert<br />
zum 1.1.1947, ist am 2.9.2011 kurz vor<br />
Vollendung se<strong>in</strong>es 90. Geburtstags gestorben.<br />
Die Bundesbrüder erwiesen ihm beim<br />
Requiem <strong>in</strong> der E<strong>in</strong>hardsbasilika die letzte<br />
Ehre. Im UNITAS-Zirkel Offenbach/Hanau<br />
war er e<strong>in</strong> gern gesehener Gast und hatte<br />
noch für das kommende Frühjahr e<strong>in</strong>en<br />
Vortrag angeboten. Nun können wir leider<br />
se<strong>in</strong>er nur im Gebet gedenken.<br />
Udo Hermle<br />
Bbr. Pater Georg Kopp CMF<br />
WÜRZBURG. Am frühen Sonntagmorgen, 3.<br />
Juli 2011, ist Bbr. Pater Georg Kopp CMF im<br />
Alter von 87 Jahren verstorben. Er wurde<br />
1924 <strong>in</strong> Hochreuth bei Landshut geboren.<br />
Während des Zweiten Weltkriegs geriet er<br />
<strong>in</strong> englische Kriegsgefangenschaft und<br />
musste vier Jahre <strong>in</strong> Ägypten verbr<strong>in</strong>gen.<br />
1948 trat er <strong>in</strong> die Kongregation der Claret<strong>in</strong>er<br />
e<strong>in</strong>, legte am 22. August 1949 se<strong>in</strong>e<br />
Erstprofess ab und absolvierte <strong>in</strong> Frankfurt<br />
am Ma<strong>in</strong> se<strong>in</strong> Theologie-Studium. Dort<br />
schloss er sich im Juni 1953 der UNITAS<br />
Rheno-Moenania Frankfurt an.<br />
Nach se<strong>in</strong>er Priesterweihe am 29. August<br />
1954 betrat er 1962 als e<strong>in</strong>er der drei<br />
ersten Claret<strong>in</strong>er kongolesischen Boden.<br />
Fast 40 Jahre lang wirkte er dort und baute<br />
unter anderem zahlreiche Missionsstationen<br />
mit auf. Besonders die Menschen <strong>in</strong> der<br />
Missionsstation K<strong>in</strong>di lagen ihm am Herzen.<br />
Pater Kopp war mit Leib und Seele<br />
Missionar, auch nachdem er aus gesundheitlichen<br />
Gründen im Jahr 2000 nach<br />
Deutschland zurückkehrte. Se<strong>in</strong> Leben<br />
stand ganz unter dem Jesuswort: „Geht zu<br />
allen Völkern und macht alle Menschen zu<br />
me<strong>in</strong>en Jüngern.“ (Mt 28,19)<br />
In Würzburg, wo sich der Claret<strong>in</strong>erpater<br />
der dortigen UNITAS angeschlossen<br />
hatte, wurde für ihn am 8. Juli das Requiem<br />
gefeiert.<br />
Bbr. Ottmar Burska<br />
BONN. Bbr. Diplom-Volkswirt Ottmar<br />
Burska aus Bonn-Beuel ist am 10. August<br />
2011 <strong>in</strong> Schwelm verstorben.<br />
Geboren am 10. März 1929, wuchs er <strong>in</strong><br />
Schlesien auf. Als Soldat musste er noch das<br />
Ende des Zweiten Weltkrieges und Gefangenschaft<br />
erleben. In Bad Kreuznach<br />
fand er e<strong>in</strong>e neue Heimat und studierte<br />
nach dem Notabitur zunächst <strong>in</strong> Ma<strong>in</strong>z, wo<br />
er im Mai 1951 bei der UNITAS Willigis rezipiert<br />
wurde. Bald setzte er se<strong>in</strong> Studium der<br />
Volkswirtschaftslehre an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität<br />
<strong>in</strong> Frankfurt<br />
am Ma<strong>in</strong> fort und wurde dort bei der<br />
UNITAS-Guestfalia-Sigfridia, der Nachfolge-<br />
Verb<strong>in</strong>dung der Breslauer Guestfalia und<br />
Sigfridia, aktiv.<br />
Se<strong>in</strong> Studium mit dem Abschluss als<br />
Diplom-Volkswirt absolvierte er <strong>in</strong> kürzest<br />
möglicher Zeit, heiratete se<strong>in</strong>e Frau Anni,<br />
geb. Br<strong>in</strong>ker aus Westfalen, und nahm se<strong>in</strong>e<br />
berufliche Tätigkeit <strong>in</strong> Bonn auf. Dort wirkte<br />
er <strong>in</strong> der deutschen und <strong>in</strong>ternationalen<br />
Milchwirtschaft erfolgreich als verantwortlicher<br />
Geschäftsführer. Daneben engagierte<br />
er sich viele Jahre im Heimatvere<strong>in</strong> Beuel<br />
und als Förderer des privaten Vere<strong>in</strong>s Bröhltal-Eisenbahn.<br />
Unserer <strong>Unitas</strong> war er stets <strong>in</strong> Treue verbunden,<br />
wobei er <strong>in</strong>sbesondere nach se<strong>in</strong>em<br />
Ruhestand regelmäßig am monatlichen<br />
„jour fixe“ des AHZ Bonn teilnahm.<br />
Ottmar Burska h<strong>in</strong>terlässt neben se<strong>in</strong>er<br />
Frau e<strong>in</strong>en Sohn und e<strong>in</strong>en Enkel. Die<br />
Bonner <strong>Unitas</strong> gedenkt se<strong>in</strong>er dankbar.<br />
Dr. Otto Paleczek, AHZ Bonn<br />
Bbr. Dipl.-Ing. Franz Drüppel<br />
DORTMUND. BBbr. Dipl.-Ing. Franz Drüppel<br />
aus Unna, geboren am 27. April 1928, rezipiert<br />
im Juni 1955 und philistriert zum 1.<br />
August 1958 bei der UNITAS Reichenste<strong>in</strong><br />
Aachen, ist am 4. Juli 2011 nach längerer<br />
Krankheit verstorben. Er war langjähriges<br />
Mitglied im UNITAS-AHZ Dortmund.<br />
Gedenkt<br />
unserer<br />
Verstorbenen<br />
Bbr. M<strong>in</strong>isterialrat a. D. Dr. Re<strong>in</strong>hold<br />
Broermann aus Neuss, geboren am<br />
23. April 1931, rezipiert im Juni 1952 bei<br />
UNITAS- Stolzenfels Bonn und aktiv bei<br />
UNITAS-Salia Bonn sowie UNITAS-<br />
Ripuaria Neuss, ist am 9. September<br />
2011 verstorben.<br />
Bbr. Direktor Dipl.-Volksw. Erw<strong>in</strong> Gramlich<br />
aus Saarbrücken, geboren am<br />
14. Juni 1930, aktiv seit Juni 1951 bei<br />
UNITAS Reichenau <strong>in</strong> Freiburg und<br />
dann bei UNITAS Heidelberg, ist am<br />
28. Juli gestorben.<br />
Bbr. StD Max Heidkamp aus Köln,<br />
geboren am 21. September 1922, rezipiert<br />
bei UNITAS Deutschritter <strong>in</strong> Köln<br />
im Juli 1948, ist am 8. Januar 2011 verstorben.<br />
Bbr. Rektor a. D. Herbert Helms aus<br />
Holdorf, geboren am 28. August 1935,<br />
aktiv seit November 1967 bei UNITAS-<br />
Ravensberg Vechta und philistriert<br />
zum 1. Januar 1969, ist am 4. September<br />
2011 gestorben.<br />
Bbr. OStD a. D. Georg Russ aus Bamberg,<br />
geboren am 3. September 1922,<br />
aktiv seit Juni 1953 bei UNITAS Henricia<br />
Bamberg, ist am 4. Juli 2011 gestorben.<br />
Bbr. OStD i. R. Adolf Schmid aus Freiburg,<br />
geboren am 16. Juni 1934 und<br />
rezipiert bei UNITAS-Rheno-Danubia<br />
Freiburg im Juni 1954, ist am 9. September<br />
2011 verstorben.<br />
Bbr. Dr. med. vet. Alfons Siebers aus<br />
Kleve, geboren am 13. November 1913,<br />
aktiv seit Juni 1935 bei UNITAS Langobardia<br />
Hannover und philistriert zum<br />
1. Januar 1940, ist am 26. Juni 2011 verstorben.<br />
Bbr. OStR. i. R. Aloys Wenner aus Mülheim,<br />
aktiv seit November 1946 bei<br />
UNITAS Deutschritter <strong>in</strong> Köln, ist am<br />
13. Juli gestorben.<br />
unitas 4/2011 311
Das Thema Erfolg der Piratenpartei ist<br />
auch <strong>in</strong> gesellschaftspolitischer und demokratietheoretischer<br />
H<strong>in</strong>sicht von großem<br />
Interesse.<br />
Denn zum e<strong>in</strong>en macht die Partei durch<br />
die bereits von den Grünen <strong>in</strong> den 80er<br />
Jahren erfolgreich vorexerzierten Strategie<br />
e<strong>in</strong>es Bruchs ungeschriebener publizistischer<br />
Regeln von sich reden (z. B. gewundene<br />
und anspruchsvolle statt e<strong>in</strong>fache und<br />
e<strong>in</strong>gängige Parolen, z. B. „M<strong>in</strong>deste<strong>in</strong>kommen<br />
ist e<strong>in</strong>e Brückentechnologie. Für gesellschaftliche<br />
Beteiligung Aller braucht es<br />
e<strong>in</strong> Grunde<strong>in</strong>kommen ohne Bed<strong>in</strong>gungen“<br />
statt beispielsweise „Cash auf Kralle –<br />
Staatsknete für alle“). Wie bei den frühen<br />
Grünen wird durch sche<strong>in</strong>bare publizistische<br />
und politische Unbedarftheit <strong>in</strong><br />
Verb<strong>in</strong>dung mit geistige Überlegenheit signalisierendem<br />
ironischem Gebaren („Wir<br />
s<strong>in</strong>d die mit den Fragen – Ihr seid die mit<br />
den Antworten“) der E<strong>in</strong>druck von bürgerschaftlicher<br />
Authentizität hervorgerufen.<br />
Das Ziel: „liquid democracy“<br />
Tatsächlich hat die Partei sich bei ihrem<br />
Chemnitzer Parteitag auch e<strong>in</strong>deutig e<strong>in</strong>en<br />
312<br />
unitas 4/2011<br />
FORUM<br />
Zeichnen die Piraten e<strong>in</strong> Menetekel?<br />
E<strong>in</strong> politischer Zwischenruf<br />
VON KLAUS-HERMANN RÖSSLER, MITGLIED DES<br />
GESELLSCHAFTSPOLITISCHEN VERBANDSBEIRATS<br />
von den Grünen übernommenen programmatischen<br />
Rahmen für ihre eigentliche<br />
Hauptforderung, der maximal möglichen<br />
<strong>in</strong>formationellen Freiheit des Individuums,<br />
gegeben. Die politischen Teilhabemöglichkeiten<br />
des e<strong>in</strong>zelnen Bürgers sollen<br />
erheblich gestärkt, das Wahlrecht auf<br />
Bundesebene soll durch Panaschieren und<br />
Kumulieren ergänzt werden. Endziel ist<br />
aber – wie es etwa der nordrhe<strong>in</strong>-westfälische<br />
Landesverband <strong>in</strong> se<strong>in</strong>er Internetpräsenz<br />
aufzeigt – die sog. „liquid democracy“,<br />
die auf e<strong>in</strong>e Wahlfreiheit der Bürger<br />
h<strong>in</strong>ausläuft, <strong>in</strong> welcher politischen Frage sie<br />
direkt mitbestimmen und <strong>in</strong> welcher sie<br />
sich vertreten lassen wollen. Urheber- und<br />
Patentrechte sollen weitestgehend abgeschafft,<br />
<strong>in</strong> der Verwaltung e<strong>in</strong> unbeschränktes<br />
Aktene<strong>in</strong>sichtsrecht für jeden Bürger<br />
(„gläserne Verwaltung“) durchgesetzt,<br />
maximale <strong>in</strong>formationelle Transparenz <strong>in</strong><br />
allen Wissensbereichen für jedermann<br />
erreicht werden. Zugleich setzen die Piraten<br />
sich gegen die Vorratsdatenspeicherung<br />
und die onl<strong>in</strong>e-Durchsuchung <strong>in</strong> der Strafverfolgung<br />
sowie gegen die Sammlung von<br />
Gesundheitsdaten des e<strong>in</strong>zelnen Bürgers<br />
e<strong>in</strong>. Der Staat soll so wenige Daten wie<br />
möglich über se<strong>in</strong>e Bürger sammeln – egal<br />
für welchen Zweck.<br />
Wahlplakate aus Hamburg und dem Berl<strong>in</strong>er Wahlkampf , Quelle: www.piratenpartei.de<br />
Auch der dar<strong>in</strong> liegende offenkundige<br />
fundamentale Widerspruch im Kernbereich<br />
der Partei, der <strong>in</strong> der gleichzeitigen Forderung<br />
nach maximaler <strong>in</strong>formationeller<br />
Transparenz und Zugänglichkeit allen<br />
Wissens e<strong>in</strong>erseits und weitestgehender<br />
<strong>in</strong>formationeller Selbstbestimmung des<br />
E<strong>in</strong>zelnen und damit maximalem <strong>in</strong>formationellem<br />
Schutz der Person andererseits<br />
liegt, er<strong>in</strong>nert an ähnlich fundamentale<br />
Widersprüche der Grünen (etwa die Forderung<br />
nach Umweltschutz bei gleichzeitigem<br />
E<strong>in</strong>satz für die E<strong>in</strong>schränkung des<br />
menschlichen Lebensrechtes bei Ungeborenen).<br />
Dass die zentralen politischen Forderungen<br />
der Piraten auf der praktischen<br />
Ebene genau das Gegenteil der beabsichtigten<br />
Wirkung erreichen dürften (so dürften<br />
weniger Urheberrecht- oder Patentschutz<br />
nicht zu mehr, sondern zu weniger<br />
Veröffentlichungen und damit Wissenszugang<br />
für jedermann führen und mehr<br />
Aktene<strong>in</strong>sichts- und Veröffentlichungsrechte<br />
<strong>in</strong> Politik und Verwaltung für alle<br />
Bürger nicht zu größerer Transparenz, sondern<br />
zu weniger aktenkundigen Vorgängen<br />
und mehr Gesprächen <strong>in</strong> H<strong>in</strong>terzimmern<br />
führen) – auch dies kennen wir bestens von<br />
den Grünen (deren gigantischer politischer<br />
Erfolg der schnellstmöglichen Abschaltung<br />
deutscher Kernkraftwerke ja aller Wahrsche<strong>in</strong>lichkeit<br />
nach zur verstärkten Abhängigkeit<br />
von ausländischem Atomstrom<br />
sowie von umweltproblematischen CO 2<strong>in</strong>tensiven<br />
Energiegew<strong>in</strong>nungsformen<br />
führt).
Ke<strong>in</strong>e bedeutungslose<br />
Spaßpartei<br />
Der Vergleich der neuen Piratenpartei<br />
mit den etablierten Grünen zeigt aber<br />
immerh<strong>in</strong>, dass diese (oder <strong>in</strong> der Folge e<strong>in</strong>e<br />
ähnliche) neue politische Partei oder Bewegung<br />
e<strong>in</strong>e sehr beachtliche politische<br />
Chance hat, unser aller Schicksal mitzubestimmen<br />
– und wegen ihrer auf vielen<br />
Gebieten dilettantisch anmutenden Profillosigkeit,<br />
die der aktuellen Aufbauphase<br />
der Partei zugeschrieben werden können,<br />
ke<strong>in</strong>eswegs als bedeutungslose Spaßpartei<br />
belächelt werden sollte.<br />
Denn – vorausgesetzt, das Internet und<br />
die elektronische Datenübertragung können<br />
von ihren technischen Voraussetzungen<br />
her <strong>in</strong> den kommenden Jahrzehnten<br />
weiter existieren und weiter entwickelt<br />
werden, so wirft die Partei e<strong>in</strong>e sehr berechtigte<br />
Frage auf: Führt nicht die tendenziell<br />
immer stärkere <strong>in</strong>formationelle Vernetzung<br />
der e<strong>in</strong>zelnen Person quasi automatisch<br />
dazu, dass sich unser politisches System,<br />
die repräsentative Demokratie, auflöst <strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>e Art virtuelle Basisdemokratie?<br />
Schließlich wäre es schon heute technisch<br />
fast ke<strong>in</strong> Problem, sämtliche politische<br />
Entscheidungen per Mausklick direkt<br />
von den Bürgern fällen zu lassen. Und je<br />
mehr Informationszugang der e<strong>in</strong>zelne<br />
theoretisch hat, umso mehr formale Kompetenz<br />
zur Entscheidung e<strong>in</strong>zelner politischer<br />
Fragen besitzt er. Die Tendenz zur virtuellen<br />
Basisentscheidung wird also immer<br />
stärker werden, weil politische Forderungen<br />
<strong>in</strong> diese Richtung e<strong>in</strong>e <strong>in</strong>nere Logik<br />
besitzen: dem durch elektronische Vernetzung<br />
maximal <strong>in</strong>formationsmündigen<br />
Bürgern kann e<strong>in</strong> direktes Mitspracherecht<br />
<strong>in</strong> konkreten politischen Fragen nicht auf<br />
Dauer verweigert werden, er braucht formal<br />
<strong>in</strong> immer weniger Teilbereichen e<strong>in</strong>e<br />
Repräsentation – das hat die Piratenpartei<br />
sicherlich richtig erkannt. Ihre zentrale politische<br />
Forderung ist deshalb auch im<br />
Grunde auf die Formel zu br<strong>in</strong>gen – maximale<br />
politische und gesellschaftliche Teil-<br />
habe durch maximale persönliche Informationsfreiheit.<br />
Insofern haben die Piraten durchaus<br />
Recht, wenn sie sich als konsequente und<br />
moderne Liberale und parteipolitisch als<br />
Nachfolger der FDP darstellen. Nicht zu vergessen<br />
ist auch, dass wir bereits heute e<strong>in</strong>e<br />
ausgeprägte Tendenz <strong>in</strong> e<strong>in</strong>igen Politikbereichen,<br />
etwa der Bildungspolitik, haben,<br />
die praktische Umsetzung der Ergebnisse<br />
gesamtstaatlicher und gesamtgesellschaftlicher<br />
Diskurse – und damit die politische<br />
Verantwortung – ohne ausreichende Beachtung<br />
der Pr<strong>in</strong>zipien der Subsidiarität<br />
und der Konnexität auf die unterste staatliche<br />
Ebene, die Kommunen, zu verschieben.<br />
Dies immer mit dem Generalargument der<br />
Herstellung größerer „Bürgernähe“ und der<br />
Anpassung genereller Normen an die<br />
„Verhältnisse vor Ort“.<br />
Dass jedoch <strong>in</strong> Wirklichkeit e<strong>in</strong>e Flut<br />
von Informationen natürlich noch lange<br />
nicht tatsächlich e<strong>in</strong>e <strong>in</strong>formierte Entscheidung<br />
im E<strong>in</strong>zelfall zulässt, ist angesichts<br />
der derzeit obwaltenden, eher von Panik<br />
geprägten Diskussionen zu politischen<br />
Zukunftsthemen ke<strong>in</strong>e These, die man<br />
besonders erläutern muss.<br />
Daher wird <strong>in</strong> Zukunft sowohl denjenigen,<br />
die diese Informationen technisch<br />
bereitstellen als auch denjenigen, die sie im<br />
S<strong>in</strong>ne e<strong>in</strong>er <strong>in</strong>haltlichen Orientierung des<br />
Endkonsumenten filtern, e<strong>in</strong>e zunehmende<br />
politische Bedeutung zukommen. Sie könnten<br />
durchaus zu den eigentlichen politischen<br />
Akteuren werden. Genau hier liegt<br />
aber e<strong>in</strong> demokratietheoretisches Problem<br />
erster Ordnung: diese Personen dürften <strong>in</strong><br />
ihrer Mehrzahl anonym bleiben und sich<br />
natürlich e<strong>in</strong>er Wahl nicht stellen wollen<br />
oder auch nur können, schon weil ihr politischer<br />
E<strong>in</strong>fluss von Fall zu Fall e<strong>in</strong>e Frage der<br />
Interpretation bleiben dürfte.<br />
Aber wirtschaftliche Konkurrenz zwischen<br />
Medien und Technikplattformen<br />
oder auch politische und soziale Konkordanz<br />
der agierenden <strong>in</strong>tellektuellen Schich-<br />
Piratenpartei: Religionszugehörigkeit abfragen ist „unnötig“<br />
ten könnten durchaus zu e<strong>in</strong>er Vere<strong>in</strong>heitlichung<br />
dieses politischen E<strong>in</strong>flusses, zu<br />
e<strong>in</strong>er Art political ma<strong>in</strong>stream<strong>in</strong>g führen.<br />
Und ma<strong>in</strong>stream<strong>in</strong>g – das haben wir beim<br />
gender ma<strong>in</strong>stream<strong>in</strong>g gelernt – geht<br />
immer top-down. Demokratie würde jedenfalls<br />
weit mehr als bisher e<strong>in</strong>e Frage verborgener<br />
E<strong>in</strong>flüsse verborgener Schichten. Die<br />
<strong>in</strong>formationell liberalste Gesellschaft, die<br />
virtuelle Basisdemokratie, wäre zugleich<br />
die am besten verborgene Herrschaft e<strong>in</strong>er<br />
bestimmten Schicht von Fachleuten – e<strong>in</strong>e<br />
Art „Kryptarchie“.<br />
Schon heute ist der Weg lang und<br />
wenig nachvollziehbar von den bestimmte<br />
Ergebnisse gesamtgesellschaftlicher Diskurse<br />
moderierenden und <strong>in</strong> konkrete<br />
gesetzliche Regelungen br<strong>in</strong>genden Akteuren<br />
auf oberer staatlicher Ebene und<br />
kommunalen Verantwortungsträgern, denen<br />
deren Umsetzung obliegt und die sich<br />
letztlich vor den Bürgern verantworten<br />
müssen, ohne grundsätzlich etwas ändern<br />
zu können.<br />
Aber könnte unsere Demokratie nicht<br />
durch e<strong>in</strong>e weitere Verstärkung der Tendenz<br />
zur Basis bei gleichzeitig fortschreitender<br />
Anonymisierung der eigentlich lenkenden<br />
Akteure tödlich ausgehöhlt werden?<br />
Ist nicht e<strong>in</strong>e politikwissenschaftliche<br />
Def<strong>in</strong>ition von Faschismus das Ideal der<br />
Herrschaft von Fachleuten?<br />
Wer dar<strong>in</strong> nur Verschwörungstheorien<br />
sieht, hat nicht verstanden, dass es um<br />
e<strong>in</strong>en Mega-Trend geht, den niemand verabreden<br />
kann. Ist es nicht so: die Piraten<br />
zeichnen e<strong>in</strong> Menetekel?<br />
Sollte nicht jetzt <strong>in</strong>tensiv darüber nachgedacht<br />
werden, dass es die repräsentative,<br />
nicht die (virtuelle) Basisdemokratie ist, die<br />
auch und gerade im Zeitalter der <strong>in</strong>formationellen<br />
Vernetzung e<strong>in</strong>e identifizierbare<br />
und legitime demokratische Autorität garantiert?<br />
BERLIN. Die Piratenpartei hat sich für e<strong>in</strong> Ende der statistischen Erfassung der Religionszugehörigkeit der Bürger ausgesprochen. Es<br />
sei „unnötig“, dieses Merkmal staatlicherseits abzufragen, sagte die politische Geschäftsführer<strong>in</strong> der Bundespartei, Mar<strong>in</strong>a<br />
Weisbaum, beim ersten Auftritt der Piratenpartei <strong>in</strong> der Bundespressekonferenz am 5. Oktober <strong>in</strong> Berl<strong>in</strong>. Dabei forderte sie, jede<br />
staatliche Zentralisierung von Daten zu vermeiden und e<strong>in</strong>e breite Debatte über den Datenschutz zu führen. Den Piraten gehe es um<br />
Transparenz staatlichen Handelns, nicht aber um Transparenz ungewählter Personen.<br />
Der Bundesvorsitzende der Piraten, Sebastian Nerz, sagte zur Bewertung des Islam durch se<strong>in</strong>e Partei, es gelte, jede Person gleich zu<br />
behandeln. Dabei solle es überhaupt ke<strong>in</strong>e Rolle spielen, ob jemand Muslim, Christ oder auch Atheist sei. Er bezeichnete die Piraten<br />
als „sozial-liberale Grundrechtepartei“. Dabei halte er Koalitionen mit allen Parteien für möglich, die nicht dem l<strong>in</strong>ks- oder rechtsextremen<br />
Spektrum angehörten. Bei zahlreichen aktuellen Sachthemen gebe es dazu noch ke<strong>in</strong>e abgeschlossene Me<strong>in</strong>ungsbildung,<br />
betonten die Piratenpartei-Vertreter. Die Partei, die bei der Wahl zum Berl<strong>in</strong>er Abgeordnetenhaus erstmals <strong>in</strong> e<strong>in</strong> Landesparlament<br />
e<strong>in</strong>ziehen konnte, zählt derzeit nach eigenen Angaben gut 13.000 Mitglieder.<br />
unitas 4/2011 313<br />
>>
„Traditionen s<strong>in</strong>d wandelbare Formen“<br />
Zu: „Debattenbeiträge: E<strong>in</strong> Dialog über<br />
Dialog und mehr …“, <strong>in</strong>: unitas 3/2011, S. 197<br />
„Lieber Dom<strong>in</strong>ik Kern, für De<strong>in</strong>en Beitrag<br />
im Heft 3/2011 unserer Verbandszeitschrift<br />
danke ich Dir. Du hast <strong>in</strong>tellektuell<br />
redliche und sprachlich angemessen formulierte<br />
Gedanken zum Dialog <strong>in</strong> der<br />
Kirche vorgetragen. Durchgängig ist dabei<br />
e<strong>in</strong>e überzeugende religiöse Grundhaltung,<br />
für mich auch e<strong>in</strong>e echte unitarische<br />
Haltung, spürbar. Dass Du Dich aus dieser<br />
Grundüberzeugung heraus zum Memorandum<br />
der Theolog<strong>in</strong>nen und Theologen bekennst,<br />
ist sehr erfreulich.<br />
Ich b<strong>in</strong> wohl dreimal so alt wie Du, selber<br />
katholischer Theologe und immer noch<br />
<strong>in</strong> der kirchlichen Erwachsenenbildung<br />
engagiert. Dabei habe ich vor allem mit<br />
durchaus älteren Menschen zu tun. Und<br />
dabei erfahre ich immer wieder, dass die<br />
Bereitschaft zum Nachdenken und zu e<strong>in</strong>er<br />
grundsätzlichen Offenheit nicht vom<br />
Lebensalter abhängt.<br />
Du hast sehr gut zwei Begriffe reflektiert:<br />
die Wahrheit und die Tradition. Ich<br />
314<br />
unitas 4/2011<br />
kann hier nur De<strong>in</strong>e Gedanken wiederholen.<br />
Es ist leicht, von „ewigen Wahrheiten“ zu<br />
sprechen, wenn dabei nicht bedacht wird,<br />
dass diese Wahrheiten uns immer nur <strong>in</strong><br />
e<strong>in</strong>er zeitlich bed<strong>in</strong>gten Begrifflichkeit und<br />
Sprache zugänglich s<strong>in</strong>d. Die Verfasser des<br />
Neuen Testaments und die Väter der altkirchlichen<br />
Konzilien haben das gewusst.<br />
Wer sich immer nur auf Tradition beruft,<br />
vergisst zwei wesentliche Grundtatsachen.<br />
Tradition an sich ist überhaupt ke<strong>in</strong><br />
Wert (denn es gibt gute und schlechte<br />
Traditionen), und Traditionen s<strong>in</strong>d nicht das,<br />
was angeblich „immer schon so war“, sondern<br />
geschichtlich gewordene und deshalb<br />
auch wandelbare Formen. E<strong>in</strong> Blick <strong>in</strong> die<br />
Kirchengeschichte zeigt, dass vieles, was<br />
heute manche gerne als unabänderlich<br />
ansehen, über Jahrhunderte h<strong>in</strong>weg eben<br />
gerade so nicht gegeben war. Ängstliches<br />
Beharren und Fantasielosigkeit s<strong>in</strong>d ke<strong>in</strong>e<br />
Zeichen des christlichen Glaubens.<br />
Dem Memorandum geht es auch um<br />
Fragen <strong>in</strong>nerkirchlicher Ordnung (Zölibat,<br />
Priestertum der Frau u. a.). Mit „ewigen<br />
Wahrheiten“ und „unverrückbaren Traditionen“<br />
hat das ohneh<strong>in</strong> nichts zu tun. Es geht<br />
hier um von Menschen getroffene Satzungen,<br />
die eben auch anders festgelegt werden<br />
können. Im Kirchenrecht steht, dass<br />
„das Heil der Seelen oberstes Gesetz der<br />
Kirche“ sei. Wer aus sturem Festhalten an<br />
Regeln, die ke<strong>in</strong> göttliches Recht s<strong>in</strong>d, die<br />
Seelsorge e<strong>in</strong>schränkt und beh<strong>in</strong>dert, verstößt<br />
gegen dieses Gebot.<br />
Peter Mäder, Professor für Schulpädagogik,<br />
<strong>Unitas</strong> Paulus <strong>in</strong> Freiburg<br />
F<strong>in</strong>anzkrise auch bei der UUK<br />
OFFENER BRIEF AN ALLE DARLEHENSNEHMER<br />
Liebe Bundesbrüder,<br />
(es s<strong>in</strong>d ja nur BbrBbr. betroffen),<br />
nicht nur <strong>in</strong> der Euro-Zone herrscht e<strong>in</strong>e<br />
große F<strong>in</strong>anzkrise, auch das <strong>in</strong>nerbetriebliche<br />
Sozialwerk der <strong>Unitas</strong> – die Unitarische<br />
Unterstützungskasse (UUK) leidet<br />
unter e<strong>in</strong>er akuten F<strong>in</strong>anzkrise.<br />
Zwar steht die UUK auch unter e<strong>in</strong>em<br />
Rettungsschirm, hat der VGF doch zugesagt,<br />
bei F<strong>in</strong>anzierungsschwierigkeiten<br />
von Darlehen an junge Aktive sofort mit<br />
Mitteln des Verbandes zur Seite zu stehen,<br />
doch das ist eigentlich nicht die Zielrichtung<br />
der UUK. Aus vorhandenen Mitteln<br />
sollte sich die UUK stets selbst f<strong>in</strong>anzieren<br />
können! Dazu ist es aber nötig,<br />
dass Darlehensnehmer auch zügig ihre<br />
Gelder wieder an die UUK zurückzahlen.<br />
Und hier ist e<strong>in</strong> großer Mangel an solidarischer.<br />
sozialer E<strong>in</strong>stellung festzustellen!<br />
Gerne und dankbar werden Darlehen<br />
entgegen genommen, bei der Rückzahlung<br />
fehlt es jedoch sehr häufig an Ver-<br />
ständnis für andere, bedürftige BbrBbr.<br />
und S<strong>in</strong>n für das Funktionieren der UUK.<br />
Gerade <strong>in</strong> letzter Zeit häuften sich die Anfragen<br />
von Aktiven, ob seitens der UUK<br />
e<strong>in</strong> Zuschuss zur F<strong>in</strong>anzierung der anfallenden<br />
Studiengebühren möglich wäre.<br />
Gebt Euch e<strong>in</strong>en Ruck!<br />
Nun würde der Leiter der UUK gerne<br />
behilflich se<strong>in</strong>, doch reichen die <strong>in</strong> der<br />
Kasse vorhandenen Mittel im Augenblick<br />
dazu nicht aus – bliebe also nur der<br />
(erweiterte) Rettungsschirm des Verbandes.<br />
Dieser Weg ist jedoch e<strong>in</strong> schlechter<br />
Weg, stehen doch genügend Gelder<br />
aus längst ausbezahlten Darlehen zur<br />
Rückzahlung an.<br />
Doch das Bemühen des Leiters der<br />
UUK ist nur sehr bed<strong>in</strong>gt erfolgreich. Auf<br />
e<strong>in</strong>ige Anschreiben reagierten die betroffenen<br />
Bundesbrüder überhaupt nicht –<br />
auch e<strong>in</strong>e Möglichkeit! Andere sagten<br />
zwar e<strong>in</strong>e Rückzahlung zu, das war es<br />
dann aber auch. Und ganz wenige waren<br />
bereit, ihr Darlehen – meist <strong>in</strong> Raten –<br />
zurückzuzahlen und ließen auch Taten<br />
folgen. Mir kommt die Sache irgendwie<br />
aus e<strong>in</strong>em Gleichnis von Jesus bekannt<br />
vor!<br />
Dr<strong>in</strong>gender Appell<br />
Dabei sollte es aber nicht bleiben! Daher<br />
heute me<strong>in</strong> dr<strong>in</strong>gender Appell an alle, die<br />
noch e<strong>in</strong> Darlehen bei der UUK offen<br />
haben: Gebt euch e<strong>in</strong>en Ruck, denkt<br />
daran, dass das Darlehen zurückzuzahlen<br />
ist und dass andere, jüngere e<strong>in</strong> Darlehen<br />
dr<strong>in</strong>gend benötigen!<br />
Und zum Schluss: Der E<strong>in</strong>gang von<br />
Rückzahlungen auf das Konto Staroszynski<br />
c/o unitas bei der Ligabank BLZ<br />
75090300 Konto 150568 könnte dem<br />
Leiter der UUK große Freude bereiten.<br />
<strong>in</strong> unitate<br />
Thomas Staroszynski,<br />
Leiter der UUK<br />
staroszynski.thomas@t-onl<strong>in</strong>e.de
Angebot der Deutschen<br />
Biografie erweitert<br />
MÜNCHEN. Das 2010 gestartete digitale<br />
Angebot des historisch-biografischen Lexikons<br />
des deutschen Sprachraums ist deutlich<br />
erweitert worden. Unter www.deutsche-biographie.de<br />
s<strong>in</strong>d nunmehr 128.000<br />
Persönlichkeiten recherchierbar. E<strong>in</strong>e Verl<strong>in</strong>kung<br />
mit derzeit 44 Onl<strong>in</strong>e-Ressourcen<br />
bietet hier dem Nutzer biografisch relevante<br />
Informationen mit wissenschaftlich gesicherter<br />
<strong>Qualität</strong>. So s<strong>in</strong>d die Informationen<br />
mit e<strong>in</strong>em Klick auch mit Artikeln im Österreichischen<br />
Biografischen Lexikon, im<br />
Historischen Lexikon der Schweiz und<br />
anderen Datenbanken verbunden.<br />
Nach Angaben der Bayerischen Akademie<br />
der Wissenschaften erfolgte der<br />
Ausbau zusammen mit der Bayerischen<br />
Staatsbibliothek. Gefördert wurde das Projekt<br />
durch die Deutsche Forschungsgeme<strong>in</strong>schaft.<br />
Neue Broschüre:<br />
Katholische Kirche<br />
<strong>in</strong> Zahlen und Fakten<br />
BONN. 24,6 Millionen Katholiken, 436.228<br />
Messdiener, 908 Schulen, 120 Verbände, 378<br />
Theologieprofessoren, 43 Museen, 9.400<br />
Tagese<strong>in</strong>richtungen sowie 70 Bischöfe: Die<br />
neu konzipierte Broschüre „Katholische<br />
Kirche <strong>in</strong> Deutschland – Zahlen und Fakten<br />
2010/2011“ der Deutschen Bischofskonferenz<br />
versteht sich als E<strong>in</strong>- und Überblick zur<br />
katholischen Kirche <strong>in</strong> Deutschland.<br />
Zahlen, Grafiken, Tabellen und Schaubilder<br />
sowie Statements von Mitarbeitern<br />
aus unterschiedlichen Bereichen sollen anschaulich<br />
machen, was katholische Kirche<br />
�<br />
BÜCHER/MEDIEN<br />
ausmacht. „H<strong>in</strong>ter den Zahlen und Schaubildern<br />
stehen Menschen, Geme<strong>in</strong>den,<br />
Verbände, die aus ihrem Glauben heraus<br />
unsere Gesellschaft gestalten“, schreibt der<br />
Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz,<br />
Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, <strong>in</strong> se<strong>in</strong>em<br />
Vorwort.<br />
Die 44-seitige, farbige Arbeitshilfe stellt<br />
die Eckdaten des katholischen Lebens <strong>in</strong><br />
den Bistümern von der Taufe bis zu den<br />
Bestattungen, von Gottesdienstbesuchern<br />
bis zur Telefonseelsorge vor. Sie zeigt, wie<br />
viele Priester und Ordensleute es gibt und<br />
wie viele Menschen sich <strong>in</strong> pastoralen<br />
Diensten und ehrenamtlich engagieren.<br />
Darüber h<strong>in</strong>aus ermöglicht die Arbeitshilfe<br />
unter anderem e<strong>in</strong>en Blick auf die Auslandsgeme<strong>in</strong>den,<br />
den E<strong>in</strong>satz der Hilfswerke,<br />
die Caritas und die Bildungse<strong>in</strong>richtungen<br />
wie K<strong>in</strong>dergärten, Schulen und<br />
Hochschulen.<br />
Die umweltfreundlich produzierte Broschüre<br />
trägt e<strong>in</strong> FSC-Siegel. Sie ist auch als<br />
Download unter www.dbk.de <strong>in</strong> der Rubrik<br />
Veröffentlichungen abrufbar.<br />
Tiara und Schwert<br />
Die Päpste als Kriegsherren<br />
Ulrich Ners<strong>in</strong>ger: Tiara und Schwert. Die<br />
Päpste als Kriegsherren. Erschienen im Sankt<br />
Ulrich-Verlag 2011, 8 Seiten Bildteil, ISBN:<br />
978-3-86744-193-3, Euro 19,95<br />
Wer ihre bunten Kostüme zum Maßstab<br />
nimmt, liegt falsch: Die Schweizergarde<br />
des Vatikan heute besteht aus hoch<br />
tra<strong>in</strong>ierten Personenschutzexperten, die<br />
über modernste Technik verfügen. Bis<br />
heute s<strong>in</strong>d sie stolz auf ihre mehr als 500jährige<br />
Geschichte, zu der sie im Jubiläumsjahr<br />
2006 unter anderem e<strong>in</strong>e große<br />
Ausstellung organisierten. Sie zeigte, dass<br />
die „Schweizer“ ke<strong>in</strong>eswegs die e<strong>in</strong>zige<br />
bewaffnete Truppe <strong>in</strong> Diensten der Päpste<br />
waren. Auch wenn heute kaum jemand<br />
noch von der ehemaligen, erst 1970 aufgelösten<br />
Palat<strong>in</strong>- oder der Nobelgarde spricht:<br />
E<strong>in</strong> neues Buch von Kirchenhistoriker und<br />
Journalist Ulrich Ners<strong>in</strong>ger ruft viel mehr <strong>in</strong><br />
Er<strong>in</strong>nerung. Nämlich dass die Päpste für<br />
Jahrhunderte Truppen unterhielten und<br />
Flotten befehligten.<br />
Dieses wenig bekannte Kapitel <strong>in</strong> der<br />
Geschichte der Stellvertreter Christi <strong>in</strong><br />
Kriegszeiten hat hier e<strong>in</strong>en hervorragenden<br />
Autor gefunden: Ners<strong>in</strong>ger, Jahrgang 1957,<br />
stammt aus Eschweiler bei Aachen, studierte<br />
Philosophie und Theologie <strong>in</strong> Bonn, St.<br />
August<strong>in</strong>, Wien und Rom, wo er zu den<br />
ersten Aktiven der KAV Capitol<strong>in</strong>a im CV<br />
zählte. Dort absolvierte er e<strong>in</strong> Studium am<br />
Päpstlichen Institut für Christliche<br />
Archäologie, ist heute Mitglied der „Pontificia<br />
Accademia Cultorum Martyrum“ und<br />
schreibt für den Osservatore Romano, das<br />
Vatican-Magaz<strong>in</strong> und für die Zeitschrift<br />
„Der Schweizergardist“. Damit schöpft er<br />
nicht nur aus schier unerschöpflichen<br />
Quellen, sondern weiß sie auch zu präsentieren:<br />
Streckenweise liest sich se<strong>in</strong><br />
knapp 200 Seiten starkes, bebildertes und<br />
mit zahlreichen historischen Anekdoten<br />
illustriertes Buch wie e<strong>in</strong> Roman.<br />
Packend erzählt der Autor vom Sarazenenkrieg<br />
Johannes VIII. (872 bis 882), von<br />
der Ause<strong>in</strong>andersetzung mit den Normannen<br />
und vom Lombardenkrieg, er betrachtet<br />
die viel diskutierten Kreuzzüge, berichtet<br />
von Aufständen <strong>in</strong> Rom und Seeräubern,<br />
von Sklaverei und Julius II. <strong>in</strong> schimmerndem<br />
Brustharnisch, vom „Sacco die Roma“,<br />
den Flotten der Malteserritter, der Schlacht<br />
von Lepanto (1571), dem Kampf gegen<br />
Napoleon oder gegen die organisierten<br />
Räuberbanden (Briganten). Zur italienischen<br />
E<strong>in</strong>igungsbewegung und dem<br />
Kampf um den Kirchenstaat („O Roma o<br />
morte!“) unter den Rothemden Garibaldis<br />
erfährt etwa der erstaunte Leser, dass hier<br />
neben dem Brigadegeneral und päpstlichen<br />
Waffenm<strong>in</strong>ister Hermann Kanzler<br />
aus dem Badischen auch weitere aus<br />
Deutschland stammende Offiziere e<strong>in</strong>e<br />
wichtige Rolle spielten. Unter Papst Pius IX.<br />
wuchs das Heer auf über 13.000 Mann, die >><br />
unitas 4/2011 315
320<br />
Zeitschrift des Verbandes<br />
der wissenschaftlichen<br />
kath. Studentenvere<strong>in</strong>e<br />
UNITAS<br />
Aachener Str. 29<br />
41564 Kaarst (Büttgen)<br />
ISSN 0344 - 9769<br />
unitas 4/2011<br />
<strong>Unitas</strong>, Aachener Str. 29, 41564 Kaarst (Büttgen),<br />
PVSt; DPAG, Entgelt bezahlt.<br />
Zum Beitrag „Alte Verbandsstandarte<br />
<strong>in</strong> neuem Glanz" <strong>in</strong> UNITAS 3/2011<br />
SIEGBURG. Bbr. Franz Kreutzkampf vom AHV <strong>Unitas</strong> Silesia<br />
Aachen gab uns weitere H<strong>in</strong>weise zur alten Verbandsstandarte,<br />
die unter mysteriösen Umständen erst vor kurzem<br />
wieder aufgetaucht und restauriert worden war.<br />
Als UNITAS Silesia Aachen mit VOP Hans Stumpf 1955/56<br />
den Vorort von Deutschritter-UNITAS aus Köln übernahm,<br />
wurde die Standarte neben den Vorortsutensilien (Wichs,<br />
Schreibmasch<strong>in</strong>e für die Post) <strong>in</strong> e<strong>in</strong>em flachen Holzkoffer<br />
übergeben. Mit ihm fuhr Bbr. Kreuzkampf als Vorortsschriftführer<br />
damals vorwiegend mit dem Zug zu Verbandsveranstaltungen.„Ich<br />
kann mich noch gut daran er<strong>in</strong>nern, da sich der<br />
Koffer nur sperrig im Gepäcknetz unterbr<strong>in</strong>gen ließ. Es kann<br />
daher davon ausgegangen werden,<br />
dass der Koffer aus den Jahren<br />
1954/55 stammt.“<br />
1977/80 trat die Aachener<br />
<strong>Unitas</strong> Ass<strong>in</strong>dia mit VOP Hermann-Josef<br />
Grossiml<strong>in</strong>ghaus zum<br />
Vorort an. Zum AH-Beirat des Vororts gehörten die Bundesbrüder Domkapitular Dr. August Peters als<br />
Geistlicher Beirat, Hanno Ernst, Prof. Dr. Herbert Euteneuer und Franz Kreuzkampf. Als dort die<br />
Sprache auf die Anfang der 70iger Jahre verloren gegangene Standarte kam, wurde gehandelt:<br />
Spontan stiftete der Aachener Beirat die neue Vorortsstandarte, die seitdem <strong>in</strong> Gebrauch ist.