Ausgabe 7 / 2007 - Onkologische Schwerpunktpraxis Darmstadt

onkologie.darmstadt.de

Ausgabe 7 / 2007 - Onkologische Schwerpunktpraxis Darmstadt

Praxis JournalNur für unsere Patienten, nicht zur Weitergabe bestimmt.InhaltErnährung S.2Gesunde Ernährung alleinverhindert keine Krebserkrankung,wichtig istein insgesamt gesunderLebensstilÜberblick S.4Leukämien – weißes Blut.Wenn Vorläuferzellen imKnochenmark entartenStichwort S.6Blut – ein ganz besondererSaft. Blutzellen haben nureine begrenzte Lebensdauer.Pro Sekunde müssen etwazwei Millionen aussortiertund wieder ersetzt werdenDiagnose S.7Stenographie für Onkologen.So werden die Stadien bösartigerTumoren in KurzformbeschriebenKurz berichtet S.8Täglich Vollkornbrotreduziert das Darmkrebsrisiko– Sportlich aktiveKrebspatienten lebenlänger – Salmonellenin der KrebsbekämpfungImpressumLiebe Patientin,lieber Patient,möglicherweise haben Sie zusammen mit IhrenAngehörigen schon einmal darüber nachgedacht,ob es nicht sinnvoll wäre, sich mit der sogenannten alternativen Krebstherapie zu beschäftigen.Angesichts der Schwere Ihrer Erkrankungist es absolut nachvollziehbar undverständlich, dass Sie alles tun möchten, umkeine, auch nicht die kleinste Chance auf Heilungzu versäumen.In unserer Praxis vertreten wir dazu einen eindeutigenStandpunkt: Grundsätzlich wissenwir, dass es für die Behandlung von Vorteil ist,wenn ein Patient selbst aktiv wird: Wir habenBuchempfehlungNur hinter vorgehaltenerHand reden gestandeneSchulmediziner normalerweiseüber Spontanheilungenoder, in der Sprache der Mediziner:Spontanremissionen. Ärzte, die ständig Kontaktzu Patienten haben – also nicht ausschließlich inder Grundlagenforschung tätig sind – kennendas Phänomen. Seriösen Schätzungen zufolgeheilen beispielsweise bis zu 7 Prozent derNierenzellkarzinome und bis zu 20 Prozent dermalignen Lymphome spontan aus. Kappaufsucht in diesem Buch nach Erklärungen für dasPhänomen, stellt biologische Modelle wie denprogrammierten Zelltod vor, beschäftigt sichInternistische Schwerpunktpraxis fürHämatologie/OnkologieDr. med. Georgi Kojouharoff · Gerrit DingeldeinEschollbrücker Str. 26 · 64295 DarmstadtTel. 0 61 51 / 301 80 30 · Fax 0 61 51/ 301 80 40SprechzeitenMo, Di, Do, Fr 08 - 12 UhrMi09 - 12 UhrMo, Di, Mi, Do 14 - 17 Uhralso nichts gegen maßvolle sportliche Aktivität,nichts gegen die Umstellung der Ernährung undauch nichts gegen die Einnahme von Nahrungsergänzungsmittelnwie Vitaminpräparaten.Allerdings: Es muss sichergestellt sein, dassdiese Zusatzaktivitäten keinerlei Schaden anrichten.Deshalb bitten wir Sie herzlich, mit unsüber Ihre Pläne bezüglich einer Zusatzbehandlungganz offen zu reden. Denn es kommt daraufan, dass Sie die für Sie ganz persönlich optimaleTherapie erhalten.Ihr Praxisteam Dr. Georgi Kojouharoffund Gerrit Dingeldeinaber auch mit Wunderheilungen, wie sie beispielsweiseim Wallfahrtsort Lourdes immerwieder vorkommen sollen. Niemals begibt sichder Autor auf die Ebene der Spekulation oderweckt falsche Hoffnungen. Er appelliert vielmehran die Schulmedizin, Spontanremissionengenauer zu untersuchen, und dieses Feld ebennicht der so genannten alternativen Medizin zuüberlassen. Denn eines ist nach der Lektüre klar:Wer als Patient auf „Wunder“ hofft, muss sienicht außerhalb des etablierten Medizinsystemssuchen. In der Schulmedizin kommen sie mindestensgenauso häufig vor.Herbert Kappauf · Wunder sind möglichSpontanheilung bei KrebsHerder, Freiburg (März 2003)192 Seiten, gebunden · 19,90 €PraxisJournal 07 | Juli 2007


Wie wirksamist gesunde Ernährung ?2Der Einfluss einer gesunden Ernährungauf die Entstehung von Krebs wird allgemeinüberschätzt. So lautet, kurz zusammengefasst,das Fazit mehrerer Studien,die vor wenigen Monaten in renommiertenmedizinischen Fachzeitschriftenveröffentlicht worden sind.Wie kommen solche Untersuchungsergebnissezustande? Um es gleich vorwegzunehmen:Eine ausgewogene Ernährung gehörtzu einem gesunden Lebensstil unbedingtdazu; auch fleischarm und ballaststoffreichsollte sie sein. Mit den Studienlässt sich allerdings nicht nachweisen, dasseine ausgewogene Ernährung allein in derLage ist, die Entstehung von Krebs zu verhindern.Wie wirken Obst und Gemüseauf Brustkrebs?Das gilt ganz konkret offenbar für Brustkrebs.Eine europäische Forschergruppehat dazu mehr als 280.000 Frauen zwischen25 und 70 nach ihren Ernährungsgewohnheitenbefragt und sie anschließend imDurchschnitt mehr als fünf Jahre lang beobachtet.Es stellte sich heraus, dass Obstund Gemüse im Ernährungsplan keinerleiAuswirkungen auf das Entstehen vonBrustkrebs hatten.Rotes Fleisch und DarmkrebsDass ungesundes Ernährungsverhaltendas Darmkrebsrisiko fördern kann, habendagegen Forscher der US-amerikanischenKrebsgesellschaft nachgewiesen. Sie befragteninsgesamt knapp 150.000 Erwachsenezwischen 50 und 74 nach ihremFleischkonsum und beobachteten bis zu 20Jahre lang, inwieweit der Genuss vonRind- und Schweinefleisch die Entstehungvon Darmkrebs begünstigte. Das Ergebnis:Wer lange Zeit täglich rotes Fleisch zu sichnimmt, erhöht sein Risiko um 50 Prozent,wer täglich mehr als 60 Gramm (Frauen)oder 90 Gramm (Männer) Fleisch isst, erhöhtsein Darmkrebsrisiko um 70 Prozent.Allerdings könnten auch diese Rückschlüsseletztlich übereilt sein; denn strenggenommen belegen die Studien nur, dasszwei Merkmale – beispielsweise Krebs undhoher Fleischkonsum – innerhalb einerGruppe gleichzeitig vorkommen. Dass daseine (hoher Fleischkonsum) die Ursachedes anderen (Krebserkrankung) ist, istdamit allerdings nicht bewiesen.Bringt der Klapperstorch dieKinder?Dazu ein anderes Beispiel: In den 1960erJahren sank die Geburtenrate in Deutschlanddramatisch. Zeitgleich ging auch dieZahl der Störche hierzulande drastisch zurück.Kaum jemand wird daraus aberschließen, dass der Klapperstorch die Kinderbringt. Vielmehr war die Einführungder hormonellen Verhütungspille für denGeburtenrückgang verantwortlich.Welche Schlussfolgerung ist also zu ziehen?Jedes Ergebnis einer Ernährungsstudieist genau so gut wie die bei ihr angewandteUntersuchungsmethode. Bis vorwenigen Jahren waren so genannte Fall-Kontrollstudien in den Ernährungswissenschaftengang und gäbe. Darin werden beispielsweiseKrebskranke mit Gesundenverglichen. Die Forscher befragen beideGruppen nach ihren Lebensgewohnheitenund suchen nach Unterschieden, die dasKrankheitsgeschehen erklären könnten.Unter anderem werden die Erkranktenaufgefordert, zu beschreiben, wie sie sichernährt haben, als sie noch nicht krank gewesensind.Eine derartige Rückschau ist schon für Gesundeschwierig, und Krebspatienten – soeine allgemeine Erfahrung – beurteilen ihreErnährung rückblickend sehr viel schlechterals sie tatsächlich gewesen ist. Damitwird (vermeintlich) schlechte Ernährungin einen ursächlichen Zusammenhang mit


Praxis Journal3der Krankheitsentstehung gebracht. ImUmkehrschluss gilt dann die gesunde Ernährungals krebsverhindernd.Prospektive KohortenstudienDie Erkenntnis, dass die Entstehung vonKrebs nicht allein mit der Ernährung zuverhindern ist, stammt aus den methodischbesseren so genannten prospektivenKohortenstudien. Zu einem bestimmtenZeitpunkt werden Gruppen (Kohorten)gebildet, deren Mitglieder sich nur im Essverhaltenunterscheiden, in Bezug aufAlter, Gewicht und Lebensgewohnheitenaber möglichst gleich sind. Anschließendwerden die Gruppenmitglieder über Jahrebeobachtet. Die Forscher protokollierenaufgetretene Krankheiten und setzen siemit der Ernährung in Beziehung.Wichtig ist, dass SieIhr Essen genießen.Laden Sie Freunde ein,machen Sie aus jedemEssen eine kleineZeremonie,probieren Sie andereZubereitungsarten undGewürze aus, entdeckenSie neue Gerichte undLeibspeisen.Wenn die Gruppen wirklich so eingeteiltsind, dass sie sich ausschließlich in Bezugauf ihre Essgewohnheiten unterscheiden,dann ist die Wahrscheinlichkeit recht groß,dass die aufgetretenen Krankheiten auf dieUnterschiede in den Essgewohnheiten zurückzuführensind. Prospektive Kohortenstudiensind methodisch zwar besser alsFall-Kontrollstudien, tatsächlich nachzuweisenist ein ursächlicher Zusammenhangmit ihnen allerdings nicht (wie dasKlapperstorch-Beispiel belegt).InterventionsstudienAm liebsten würden Ernährungswissenschaftlerihre Erkenntnisse ausschließlichmit Interventionsstudien gewinnen. In solchenUntersuchungen erhält die eine Studiengruppebestimmte – möglicherweisevor Krebs schützende – Lebensmittel, dieandere Gruppe eben nicht. Prinzipiell aufdieselbe Weise werden neue Arzneimittelkandidatengeprüft. Lebensmittel abersind sehr viel komplexer zusammengesetzt.Außerdem wird man kaum Menschenfinden, die bereit sind, jahrelang aufmöglicherweise gesundheitsförderndeLebensmittel zu verzichten. Interventionsstudiensind in den Ernährungswissenschaftendeshalb recht selten.Gesund und genussvoll essenWas bedeutet all das ganz praktisch fürKrebspatienten? Sie sollten sich nicht verunsichernlassen. Obst und Gemüse sindsehr gesund. Eine gesunde Ernährung alleinbeugt einer Krebserkrankung zwarnicht vor. Aber Menschen, die einen insgesamtgesunden Lebensstil pflegen – sichausreichend bewegen, ausgewogen ernähren,regelmäßig für geistige Entspannungsorgen –, tun das Beste für sich und ihreGesundheit.Im Übrigen ist gesunde Ernährung mehrals das sklavische Einhalten von diätetischenVorschriften oder das zwanghafteStudium von Nährwerttabellen. Wichtig istin erster Linie, dass Sie Ihr Essen genießen.Laden Sie Freunde ein, machen Sie ausjedem Essen eine kleine Zeremonie, probierenSie andere Zubereitungsarten undGewürze aus, entdecken Sie neue Gerichteund Leibspeisen.


ÜberblickLeukämien – weißes BlutWenn Vorläuferzellen im Knochenmark entarten4Ungefähr einer von 11.000 Menschen inDeutschland erkrankt im Laufe seinesLebens an einer Leukämie. Bei bestimmtenFormen vermehren sich die – dannfunktionslos gewordenen – weißen Blutkörperchenauf das 10- bis 50-fache desnormalen Wertes. Bereits im Jahre 1845beschrieb der Berliner Arzt Rudolf Virchowdieses Phänomen deshalb als „weißesBlut“, auf griechisch: Leukämie.Eine große FamilieWeiße Blutkörperchen oder Leukozytensind keine einheitlichen Zellen, sondernbilden eine große Familie mit rund einemDutzend unterschiedlicher Zelltypen. Siealle spielen in der Immunabwehr einewichtige Rolle – und sie alle können zurKrebszelle entarten. Mit anderen Worten:Es gibt nicht nur eine Leukämie, sonderneine Reihe unterschiedlicher Leukämieformen.Lymphatische und myeloischeZellenAlle Blutkörperchen und -plättchen entstehenim Knochenmark. Die Reifung derLeukozyten verzweigt bereits zu Anfangin zwei Richtungen: Es bilden sich lymphatischeund myeloische Vorläuferzellen.Aus den lymphatischen Vorläuferzellenentwickeln sich die B- und T-Lymphozyten.Nach ihrer Reifung wandern sie in dieGewebe, die für die Immunabwehr besonderswichtig sind: in die Lymphknoten,die Rachenmandeln, die Milz und in dieSchleimhäute von Darm und Lunge. DieseGewebe nennen Mediziner daher auchlymphatische Gewebe.Lymphozyten sind in der Lage, körperfremdeStrukturen wie etwa Bakterien,Pilze und Viren zu erkennen. Im Falleeiner Infektion leiten sie die Abwehrreaktiondes Körpers ein. B-Lymphozyten sindfür die Produktion von Antikörpern zuständig,T-Lymphozyten können eine Ab-wehrreaktion ein- oder ausschalten undzum Teil auch virusinfizierte oder krebsbefalleneKörperzellen abtöten.Die myeloischen Vorläuferzellen entwickelnsich im Knochenmark unter anderemzu großen und kleinen Fresszellen, den sogenannten Makrophagen und den neutrophilenGranulozyten. Sie sind in gewisserWeise die ausführenden Organe der Lymphozyten;denn alles, was diese zur Vernichtungfreigegeben haben, verleiben sichdie Fresszellen ein und verdauen es.Lymphatische und myeloischeLeukämieWenn Lymphozyten oder ihre Vorformenentarten und eine Leukämie verursachen,spricht man von einer lymphatischen Leukämie.Sind Zellen der myeloischen ReiheUrsprung des bösartigen Wachstums, sohandelt es sich um eine myeloische Leukämie.Entartete Zellen der lymphatischenLeukämien kommen im Knochenmark oderim lymphatischen System vor, je nachdemauf welcher Entwicklungsstufe die Entartungstattgefunden hat. Ist das lymphatischeSystem betroffen, kommt es wegen derungehemmten Zellteilung zur Ausschwemmungins Blut und häufig auch zuLymphknotenschwellungen. Im weiterenKrankheitsverlauf können auch andere Organebefallen werden.Entartete myeloische Zellen teilen sich imKnochenmark unkontrolliert und überschwemmenanschließend regelrecht dasBlut. Auf diesem Weg können sie jedesOrgan des Körpers und über die Rückenmarks-Gehirn-Flüssigkeit(Liquor) sogardas Gehirn erreichen und sich dort ansiedeln.Akut oder chronisch?Sowohl lymphatische als auch myeloischeLeukämien kommen in akuter oder chronischerForm vor. Akute Leukämien ent-wickeln sich rasch und verursachen schwereSymptome. Bei den entarteten Zellenhandelt es sich meist um unreife Formen,also um Zellen, die im Reifungsprozessnoch nicht weit vorangeschritten sind. Sievermehren sich derart rasant, dass die normaleBlutzellbildung im Knochenmark gestörtist. Die Patienten klagen über einplötzlich einsetzendes Krankheitsgefühl,sie leiden unter Fieber und häufig auchunter einer hartnäckigen Infektion. Aberkeines dieser Symptome beweist, dass derPatient an einer Leukämie erkrankt ist. Dieexakte Diagnose kann erst durch eine Blutbeziehungsweiseeine Knochenmarkuntersuchunggesichert werden.Chronische Leukämien beginnen schleichendund verursachen lange keine Symptome.Häufig werden sie im Rahmen einerRoutineuntersuchung diagnostiziert. Ursachesind ausgereifte oder fast ausgereifteBlutzellen, die zu Krebszellen entarten.Im weiteren Krankheitsverlauf klagen diePatienten wie bei den akuten Leukämienüber Leistungsminderung, Unwohlsein,Gewichtsverlust oder auch Nachtschweißund Fieber. Aber auch hier gilt: Anhand derSymptome allein lässt sich keine chronischeLeukämie diagnostizieren.Vier häufige LeukämieformenAusgehend von den entarteten Ursprungszellenund den Verlaufsformen werdenvier häufige Formen der Leukämie unterschieden:die akute lymphatische Leukämie(ALL), die akute myeloische Leukämie(AML), die chronisch lymphatische (CLL)sowie die chronisch myeloische Leukämie(CML).Die ALL ist die häufigste bösartige Erkrankungbei Kindern, an der AML erkrankenvorwiegend Erwachsene. Die CLL kommtmeist bei Patienten im höheren die CMLzusätzlich auch bei Patienten im mittlerenLebensalter vor. Übrigens ist die CML die


Praxis Journalnoch der Kopf und die obereHalswirbelsäule bestrahlt, dadie entarteten Zellen auch dasGehirn befallen können. Aneine erfolgreiche Erstbehandlungschließt sich in der Regeleine mindestens 12-monatigeErhaltungstherapie an.Erkrankung, die Rudolf Virchow vor mehrals 150 Jahren diagnostiziert hatte.Absicherung der DiagnoseAnhand der Symptome allein lässt sichkeine Leukämie-Diagnose stellen. Zur Absicherungmüssen eine Blut- und eine Knochenmarkprobe,bei Verdacht auf CLLauch Lymphknotengewebe untersuchtwerden. In diesen Proben lassen sich Artund Ausmaß der entarteten Blutzellengenau bestimmen. Zur Gewinnung einerKnochenmarkprobe betäubt der Arzt einetwa 2-Euro-Stück großes Hautareal amoberen Beckenkamm. Mit einer etwas dickerenHohlnadel sticht er dann in den Beckenknochenhinein und entnimmt einezylinderförmige Probe, die so genannteStanze. Ergänzend zu dieser Stanzbiopsiekann anschließend durch den Stanzkanalauch flüssiges Mark in eine Spritze gesaugtund direkt unter dem Mikroskop beurteiltwerden.Chemo- und StrahlentherapieEine Leukämie lässt sich im Unterschiedzu Organtumoren nicht operieren, weil sienicht nur ein Organ, sondern den gesamtenOrganismus befällt. Chemo- undStrahlentherapie bilden deshalb die beidenSäulen jeder Leukämiebehandlung. Häufigwerden bei der Chemotherapie zweioder drei verschiedene Medikamentekombiniert, die sich in ihrer Wirkunggegenseitig verstärken. Bei nahezu allenLeukämieformen wird derzeit aber auchuntersucht, inwieweit die Patienten voneiner so genannten Hochdosis-Chemotherapiemit anschließender Stammzellübertragungprofitieren.Bei dieser Hochdosistherapie werden dieChemotherapeutika in so hohen Dosenverabreicht, dass nicht nur die Krebszellen,sondern alle Zellen des blutbildenden Systemsim Knochenmark vernichtet werden.StammzelltransplantationIm Anschluss daran erhält der Patientmittels Infusion gesunde Blutstammzellen.Diese Zellen wandern vom Blut ins Knochenmark,vermehren sich dort und sorgenso für den Aufbau eines komplettneuen, krebsfreien blutbildenden Systems.Was als theoretisches Konzept einfach undüberzeugend klingt, lässt sich praktischnur in spezialisierten Zentren durchführen.Denn während der Behandlung könnenKomplikationen wie Unverträglichkeitsreaktionenoder schwere Infektionen auftreten.Akute Formen sofort behandelnGrundsätzlich gilt, dass die akuten Leukämieformen(ALL und AML) sofort miteiner konventionellen oder einer Hochdosis-Chemotherapiebehandelt werdenmüssen. Bei der ALL werden zusätzlichCML: StammzelltransplantationWenn sie sich in gutem Allgemeinzustandbefinden, ist fürCML-Patienten die Hochdosis-Chemotherapie mit anschließenderStammzellübertragungdie aus heutiger Sicht vielversprechendsteTherapie. Ausden Blutstammzellen eines geeignetenFremdspenders könnensich Abwehrzellen entwickeln, diesogar gegen möglicherweise noch vorhandeneKrebszellen im Körper des Patientenaktiv werden. Als besonders geeigneteFremdspender gelten gesunde Geschwisterdes Patienten. Daneben steht mittlerweileein noch recht neuer Wirkstoff gegendie CML zur Verfügung: Imatinib blockiertdie krankhafte Entstehung desjenigen Eiweißes,das die Zelle zu unkontrolliertemWachstum veranlasst. Bei etwa 90 Prozentder CML-Patienten ist der Einsatz von Imatinibsinnvoll.Wachsames BeobachtenBei der chronisch lymphatischen Leukämie(CLL) ist es häufig ratsam, zunächst garkeine Medikamente einzusetzen; denn dieErkrankung schreitet nur sehr langsam fort.Erst wenn die roten Blutkörperchen beziehungsweisedie Blutplättchen stark abfallenoder Abgeschlagenheit, Nachtschweiß, Fieberund andere Symptome den Patienten zusehr belasten, wird in der Regel eine chemotherapeutischeBehandlung eingeleitet.Bis heute ist unklar, warum die Vorläuferder Blutzellen im Knochenmark entarten.Keine Diät und kein Lebensstil könnendavor schützen. Radioaktive Strahlen unddas Lösungsmittel Benzol gehören zu denbekannten Risikofaktoren. Eine echte Vorbeugunggegen die Leukämie gibt es leidernicht.


6Blut: Ein ganzbesonderer SaftStichWortSchon für Mephistopheles in GoethesFaust war Blut ein „ganz besondererSaft”. Es versorgt das Gewebe mit Sauerstoff,entsorgt Kohlendioxid und Stoffwechselschlackenund beeinflusst dieKörpertemperatur. Hier lesen Sie, wieBlut entsteht.Blut: Wasser, Eiweiß, ZellenBlut ist dicker als Wasser: In dieser Volksweisheitsteckt mehr Wahrheit als mangemeinhin annimmt. Denn in der unvorstellbarkleinen Menge von einemMillionstel Liter Blut tummeln sich mehrereMillionen Blutzellen. Die meistenhaben nur eine begrenzte Lebensdauer.Pro Sekunde müssen etwa zwei Millionenaussortiert und wieder ersetzt werden.Den notwendigen Nachschub liefert das sogenannte blutbildende System im Knochenmark:Jede Minute produziert es etwa160 Millionen rote und mehr als 100 Millionenweiße Blutkörperchen.Die roten Blutkörperchen, auch Erythrozytengenannt, transportieren Sauerstoffvon den Lungen zu jeder einzelnen Körperzelle,und die weißen Blutkörperchen(Leukozythen) benötigen wir für unsereImmunabwehr. Auch die für die Blutstillungund -gerinnung notwendigen Blutplättchen(Thrombozyten) entstehen imKnochenmark, und zwar etwa 30 Millionenpro Minute.Multitalente im KnochenmarkErythrozyten, Leukozyten und Thrombozytenhaben im Knochenmark einen gemeinsamenzellulären Ursprung. Sie alleentwickeln sich aus den so genannten blutbildendenStammzellen oder kurz Blutstammzellen.Wegen ihrer Vielseitigkeitwerden sie auch als pluripotent – alles könnend– bezeichnet. Stammzellen vermehrensich – wie andere Zellen auch – durchZellteilung, aber: Die beiden entstehendenTochterzellen entwickeln sich jeweils ineine andere Richtung. Die eine wird wiedereine pluripotente Stammzelle, die anderebeginnt einen mehrere Tage dauerndenReifeprozess, den Fachleute als Differenzierungbezeichnen. Sie verlieren ihre„Alles-Könner-Eigenschaft“ und entwickelnsich zu einer spezialisierten Blutzelle.Fähren für den SauerstoffDie Spezialität roter Blutkörperchen siehtman dem Blut mit bloßem Auge an: dierote Farbe. Sie stammt von einem Eiweißmolekül,dem Hämoglobin, mit dem jedesrote Blutkörperchen vollgestopft ist. Es istin der Lage, Sauerstoff oder Kohlendioxidan sich zu binden und wieder abzugeben.Dank dieser Eigenschaft des Hämoglobinswirkt jedes rote Blutkörperchenwie eine Fähre, die Sauerstoffvon der Lunge in die Gewebeund Kohlendioxidvon den Geweben in dieLunge transportiert.Plättchen bildenPfropfenDie Thrombozyten reifen über dasZwischenstadium der so genannten Knochenmarksriesenzellen(Megakaryozyten).Jede dieser Riesenzellen schnürt etwa 4.000bis 5.000 flache, kernlose Blutplättchen ab,die anschließend aus dem Knochenmarkins Blut auswandern. Diese Plättchen oderThrombozyten prüfen ständig, ob dieWände der Blutgefäße intakt sind odernicht. Sobald eine Gefäßverletzung auftritt,sammeln sie sich am Ort der Verletzung,bilden einen Pfropf und leiten so die Blutstillungbeziehungsweise Blutgerinnungein.Spezialisten mit HilfspersonalDie komplexeste Entwicklung durchlaufendie weißen Blutkörperchen, die Leukozyten.Während der Differenzierung reifenzunächst zwei Zelltypen heran: die lymphatischenund die myeloischen Vorläuferzellen.Aus lymphatischen Vorläuferzellen entwickelnsich die Spezialisten der Immunabwehr:die B- und T-Lymphozyten. Diemeisten befinden sich in Lymphknoten, inden Rachenmandeln und in den Schleimhäutendes Magendarmtraktes, immer aufder Suche nach Infektionserregern. Die B-Lymphozyten reifen im Knochenmark(engl. bone marrow) heran und sind für dieProduktion von Antikörpern zuständig.Die T-Lymphozyten absolvieren ihren letztenReifungsschritt in der Thymusdrüsehinter dem Brustbein und steuern die Abwehrreaktionoder können sich auch selbstzu spezialisierten Killerzellen entwickeln.Aus myeloischen Vorläuferzellen entwickelnsich die sozusagen ausführendenOrgane der Immunabwehr,beispielsweise die großen Fresszellen(Makrophagen) und diekleinen (neutrophile Granulozyten).Alles, was die Lymphozytenzur Vernichtung freigegeben haben,verleiben sie sich ein und machen es unschädlich.Mephisto hatte RechtSeit Goethes Tagen wissen wir sehr vielmehr über Blut, und wir wissen auch, dassMephisto Recht hatte; denn Störungen inder Blutbildung bedrohen unsere Gesundheit,beispielsweise in Form von Immunschwächekrankheiten,Leukämien oderLymphdrüsenkrebs.


PraxisJournalStenographiefür Onkologen7Wenn es darum geht, die für den einzelnenPatienten optimale Behandlungsstrategiefestzulegen, ist nicht nur die Tumorart,sondern auch das Stadium derKrebserkrankung von großer Bedeutung.Weltweit wird zur Stadienbestimmungdas so genannte TNM-System genutzt.Vielleicht haben Sie es in Ihrem Befundberichtja selbst schon einmal gesehen: Ineiner Reihe merkwürdig anmutender Kürzelbeschreiben Onkologen das Stadiumeiner Krebserkrankung, beispielsweise so:pT1pN2pM0C3G2V0L0G1R0Was aussieht wie ein kompliziertes Passwortfür ein Computerprogramm, ist tatsächlichso etwas wie die Kurzschrift derOnkologen, das so genannte TNM-System.Es wurde vor etwa 30 Jahren von der InternationalenGesellschaft gegen den Krebs(Union Internationale contre le Cancer,UICC) entwickelt und wird seither ständigfortgeschrieben. Die aktuelle Ausgabe derTNM-Klassifikation Tist Anfang 2005 erschienen.TumorMit diesem Buchstaben wird die Ausdehnungdes Primärtumors beschrieben. Inunserem Beispiel folgt auf T eine 1, dasheißt, der Tumor ist klein und auf das befalleneOrgan (beispielsweise die Brust)beschränkt. Die Ziffern 2 und 3 werden fürgrößere Tumoren vergeben, die ebenfallsauf das Organ beschränkt sind, die 4 bedeutet,dass der Tumor die Organgrenzeüberschritten hat.Diagnose: NSo werden die Stadien bösartiger Tumoren beschriebenLymphknoten (Nodi)Lymphknoten werden fachsprachlich alsNodi bezeichnet. Folgt auf N eine Zahl größerals Null, so sind Lymphknoten befallen.Die Ziffern 1 oder 2 bedeuten, dassLymphknoten in der unmittelbaren Umgebungdes Primärtumors befallen sind.Die Ziffer 3 zeigt den Befall entfernterLymphknoten oder sehr großer Lymphknotenpaketean.M = MetastasenMetastasen sind Tochtergeschwulste desPrimärtumors. Ist das M wie in unseremBeispiel mit 0 bezeichnet, so konnten keineM Metastasen nachgewiesen werden. M1 da-Vgegen zeigt an, dass Fernmetastasen in anderenOrganen vorhanden sind. Um welchesOrgan es sich genau handelt, kanndurch einen abgekürzten Zusatz wie HEP(für Leberbefall) oder PUL (für Lungenbefall)bezeichnet werden.C = Sicherung des BefundesMit dem englischen Begriff certainty (= Sicherheit)beschreiben Onkologen die Sicherheitoder Zuverlässigkeit, mit der ihreEinschätzungen bezüglich T, N und M zubeurteilen sind. Diese Sicherheit steigt mitder Qualität der eingesetzten Untersuchungsverfahren.C1 bedeutet, dass die Befundedurch Tastuntersuchungen oderStandard-Röntgenaufnahmen erhobenworden sind. Unter C2 fallen spezielle apparativeUntersuchungen wie Computertomografie,Kernspintomographie, Ultraschalluntersuchungoder Endoskopie mitProbenentnahme. C3 bedeutet, dass eineOperation mit Probenentnahme stattgefundenhat, C4 wird vergeben, wenn dieStadienbeurteilung im Licht aller Befundeeindeutig ist.GG = Grad der DifferenzierungMit dem englischen Begriff grading beschreibenOnkologen, inwieweit das Tumorgewebenoch gesundem Gewebe ähnelt.Gesundes Gewebe ist nie unreif, sondernin Hinblick auf Gestalt und Funktionausgereift, in der Fachsprache der Medizinerist gesundes Gewebe komplett differenziert.Ein vergleichsweise noch starkdifferenzierter Tumor ist gesundem Geweberecht ähnlich und wird mit G1 bezeichnet.Je unreifer das Tumorgewebe ist und jeschneller es wächst, desto unähnlicherwird es gesundem Gewebe und um so größerist die Ziffer hinter dem G. Wird einTumor mit G4 beurteilt, bedeutet das, dassseine Zellen völlig unreif sind und völligunkontrolliert wachsen.V und L: Invasion der GefäßeV steht für venöse, L für lymphatischeLInvasion,also für das mögliche Eindringenvon Tumorzellen ins Blut- oder Lymphgefäßsystem.V0 beziehungsweise L0 bedeutet,dass in den Gefäßen keine Tumorzellennachweisbar sind. V1 beziehungsweiseL1 zeigt an, dass Tumorzellen in denGefäßen gefunden wurden.R = ResektionsrandMit R wird beschrieben, ob der Tumor imGesunden herausgeschnitten werdenkonnte (R0) Roder ob das Tumorgewebe bisan den Schnittrand reichte (R1). Bei R1 istnicht auszuschließen, dass noch Tumorzellenim Körper verblieben sind.KleinbuchstabenDie Buchstaben T, N und M können mitzusätzlichen Kleinbuchstaben versehensein. In unserem Beispiel ist es der Buchstabe„p“. Das bedeutet, die Stadienbestimmungist auf Grundlage einer pathologischenUntersuchung unter dem Mikroskopdurchgeführt worden. Fehlt das p, soist die Bestimmung lediglich auf Grundlageklinischer Untersuchungen, zum Beispielauf Grundlage eines Tastbefundes,durchgeführt worden.


Kurz berichtetPraxis Journal8Lassen Sie sichnicht verunsichern!Täglich Vollkornbrotreduziert das DarmkrebsrisikoN e u e s a u s d e r F o r s c h u n gsichtigen Schlussfolgerungen. Trotz vieler nochoffener Detailfragen ist eine vollwertige Ernährungimmer gesundheitsfördernd.Quelle: ÄrztezeitungImpressum© 2007, LUKON GmbHChefredaktion:Dr. med. Georgi Kojouharoff, Gerrit DingeldeinGrafik-Design, Illustration:Charlotte SchmitzDruck:DigitalDruckHilden GmbHMit viel Obst und Gemüse allein kann mansich zwar nicht vor jeder Krebsart schützen,trotzdem ist vollwertige Ernährung wichtig. Solautet das Fazit, das sich derzeit aus der weltweitgrößten Langzeit-Untersuchung zu Krebsund Ernährung, der EPIC-Studie, ziehen lässt.Die Datenlage zum Obst- und Gemüsekonsumkönne bisher noch nicht endgültig interpretiertwerden, so Professor Heiner Boeing,der Leiter eines der beiden deutschen EPIC-Studienzentren. Wirklich robuste Daten liegenlaut Boeing aber zum Darmkrebsrisiko vor:Wer seine Ballaststoffzufuhr von 15 auf 30Gramm pro Tag erhöht – das entspricht derAufnahme von fünf bis sechs Scheiben Vollkornbrot– kann EPIC-Ergebnissen zufolgesein Darmkrebsrisiko um 40 Prozent senken.Mit 100 Gramm rotem Fleisch pro Tag erhöhtsich dagegen das Darmkrebsrisiko um dieHälfte.Und auch zum Obst- und Gemüseverzehr liefertEPIC einen wichtigen Befund: Wer vielObst und Gemüse isst, senkt sein Diabetes-Risiko um immerhin 70 Prozent. Ernährungsexpertenwie Boeing warnen deshalb vor kurz-AnzeigeSportlich aktive Krebspatientenleben längerRegelmäßiger Ausdauersport kann die krebsbedingteSterblichkeit bei Brust- und Darmkrebspatientenerheblich mindern. Das berichtetekürzlich Professor Lothar Kanz, Onkologean der Universitätsklinikin Tübingen bei einerFortbildungsveranstaltung inBerlin. Bei Patienten, diewöchentlich drei bis sechsStunden Walking beziehungsweise Schwimmen,Joggen oder Rad fahren praktizierten,war die tumorbedingte Sterberate um etwa dieHälfte geringer als bei Patienten, die nichtsportlich aktiv waren. Auch die Rückfallquotelässt sich mit Ausdauersport offenbar umknapp 50 Prozent reduzieren. Ob die beobachtetenEffekte direkte Wirkungen der sportlichenAktivität sind oder ob der Sport zueinem besseren Allgemeinbefinden und damitindirekt zu erhöhter Widerstandskraft gegenden Tumor beiträgt, lässt sich nach derzeitigerStudienlage noch nicht eindeutig beurteilen.Quelle: ÄrztezeitungSalmonellen für die KrebsbekämpfungWenn im menschlichen Organismus ein Krebswuchert, wandern dort häufig Bakterien einund vermehren sich. Dieses schon seit langembekannte Phänomen wollen sich Forscher desHelmholtz-Zentrums für Infektionsforschungim Kampf gegen den Krebs zunutze machen.Ihnen ist es jetzt gelungen, genetisch veränderteSalmonellen in die Tumore krebskrankerMäuse einzuschleusen. Bei Kontakt mit demZucker L-Arabinose werden die eingefügtenGene der Mikroben aktivund erzeugen messbares Licht. Verabreichtman den mit diesen Salmonelleninfizierten krebskrankenMäusen L-Arabinose-Zucker, leuchten die inden Tumor eingewanderten Bakterien, sodasssich Lage und Größe des Tumors analysierenlassen. Zusätzlich zum Licht, so die Vision derWissenschaftler, sollen (nicht krankmachende)Bakterien künftig einmal direkt am Zielort– also im Tumor selbst – Krebsmedikamenteproduzieren und ausschütten.Quelle: Helmholtz-Zentrum für InfektionsforschungDas Menschenmögliche tun.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine