Indikationen und Kontraindikationen

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Indikationen und Kontraindikationen

PRAXISÜbersichtsartikel Praxis 2005; 94: 1555–1560 1556Ärztliche Grundversorger sollten sich deshalbvon Anfang an im Klaren darübersein, dass die Behandlung auch nach korrekterDurchführung eines ambulanten Alkoholentzugesmeist nicht abgeschlossenwerden sollte [19].Indikation und Kontraindikationfür den ambulantenEntzugViele Patienten mit lange dauernden ernsthaftenAlkoholproblemen entwickeln keineAbhängigkeit und leiden auch nicht unterEntzugserscheinungen im Falle einesKonsumverzichts. Eine weitere bedeutendeGruppe ist nur schwach oder mässig abhängigund wird ebenfalls kein Entzugssyndromerleben, das eine medizinischpharmakologischeIntervention erfordert.Eine dritte Gruppe schliesslich wird unterAlkoholabstinenz physiologisch stark beeinträchtigt,aber nur eine kleine Minderheitist vital gefährdet und auf eine stationäreBehandlung angewiesen [6]. Patienten,die meinen, nur im Spital mit demTrinken aufhören zu können, aber keinenentsprechenden Schweregrad ihrer Störungentwickelt haben, sollten überzeugtwerden, zuhause zu entziehen; einerseitsum die Erfahrung machen zu können, dasssie selbst in der Lage sind, an ihrem Trinkverhaltenetwas zu verändern, anderseitsum tendenziell invalidisierende, stigmatisierendeund kostspielige Interventionenzu vermeiden [7]. Meist ist ein Entscheiddarüber, ob im konkreten Fall ambulantoder stationär entzogen werden sollte,leicht zu treffen. Schwierig sind – wieüberall – Grenzfälle. Hier kann Tabelle 1,zusammen mit der noch zu besprechendenDiagnostik, Unterstützung bieten.Zur Risikoeinschätzung eignet sich z. B.auch die Lübecker Alkoholentzugs-Risiko-Skala(LARS [8]), deren Anwendungv.a. im deutschsprachigen Raum empfohlenwird [9].DiagnostikTab. 1: Voraussetzungen und Kontraindikationen für den ambulanten EntzugDie Durchführung des ambulanten Entzugssetzt eine Eingangsdiagnostik und imweiteren Verlauf ein Monitoring voraus.Dabei ist unbedingt zu beachten, dass Störungendurch Alkohol häufig verschwiegenoder zumindest beschönigt werden.Patienten stehen einer Behandlung meistambivalent gegenüber, vielfach schämensie sich. Von ärztlicher Seite deutlich zumAusdruck gebrachte Empathie und Interesse(es muss davon ausgegangen werden,dass Wohlwollen von diesen Patientennicht als selbstverständlich vorausgesetztwird) beeinflussen nicht nur den Erfolg einerEntzugsbehandlung, sondern könnenfür den ganzen Therapieverlauf entscheidendsein [10]. Wenn möglich sollte eineVertrauensperson, z. B. ein Ehepartner, mitin das Gespräch und die Entzugsplanungeinbezogen werden. In einem zweitenSchritt sind Untersuchungen mit Skalenvielfach nützlich. Auch einige Laboruntersuchungenerleichtern die Entscheidungüber den einzuschlagenden Weg. Empfohlenwerden folgende diagnostische Massnahmen[11,12].Anfangsdiagnostik● Sorgfältige Anamneseerhebung● Körperliche Untersuchung (auch neurologischeAspekte miteinbeziehen)● Standardisierte Alkoholismusdiagnostik(z.B. Münchner Alkoholismus-TestMALT [13])● Risikoeinschätzung des ambulanten Entzugs(z.B. LARS-Skala [8])● Rating der Entzugserscheinungen (z.B.AES-Skala) [14])● EKG● Drogenscreening● Labor: Glukose, Amylase, Gamma-GT,Kreatinin, Na, K, Cl, rotes BB (MCV),Quick, evtl. CDTVerlaufskontrolle (täglich)● Rating der Entzugserscheinungen (zurAnpassung einer ev. Medikation)● AtemluftkontrolleVerlaufskontrolle (nach einerWoche)● Rating der Entzugserscheinungen (zudiesem Zeitpunkt i.d.R. ohne Medikation)● Atemluftkontrolle● Gamma-GT, CDT, Kontrolle aller pathologischenWerte der AnfangsdiagnostikMittelfristige Verlaufskontrolle(i.d.R. in monatlichen Abständen)● Gamma-GT, CDT, MCVVoraussetzungen für den ambulanten Entzug• Fähigkeit zur aktiven Mitarbeit• Bereitschaft zur Einhaltung des Therapieplans• Ordentlicher Allgemeinzustand• Stabiles und stützendes soziales Umfeld,ev. mit Bezugsperson, die in die Behandlungmiteinbezogen werden kannKontraindikationen für den ambulanten Entzug• Zu erwartendes schweres Entzugssyndrom(z.B. anamnestisch bekannter Krampfanfallund/oder Delir)• Akute körperliche Erkrankung, v.a. wenn sie mitdem Risiko von Elektrolytentgleisungen verbundenist (speziell bei schwerem Erbrechen)• Bereits vorliegende schwere Entzugssymptome,ev. mit prädeliranten Symptomen• Begleitmedikation mit krampfschwellensenkendenMedikamenten• Suizidalität (kann im Entzug dramatischzunehmen)• Schwere kognitive Defizite• SchwangerschaftDas EntzugssyndromDas Alkoholentzugssyndrom wird teilweisein drei sich gegenseitig überlappendePhasen aufgegliedert [15] (s. Tab. 2). Dabeisei darauf hingewiesen, dass sich die drittePhase erst ab der zweiten bis dritten Wochenach Trinkstopp etabliert und bis zirka 3Monaten dauern kann. Es ist deshalb wesentlich,die engmaschige ärztliche Betreuungauch nach Abschluss der ersten beidenPhasen nach zirka einer Woche aufrecht zuerhalten, da andernfalls das Rückfallrisikounnötigerweise erhöht wird.

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