Dossier: Situation der deutschen Frau - Lise Meitner Gymnasium

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Dossier: Situation der deutschen Frau - Lise Meitner Gymnasium

T r i b u n e

Dossier: Situation der deutschen Frau

Die deutsche Frau hat wenig Rechte und

braucht diese laut des deutschen Mannes

auch nicht, doch sie weiß genau, was von

ihr erwartet wird und was sie zu tun hat,

um in der Gesellschaft und von ihrem

Mann anerkannt zu werden. Ihre Rolle in

der Familie und gegenüber ihrem Ehemann

ist klar definiert.

Neben ihren täglichen Pflichten als Hausfrau,

soll die deutsche Frau ihrem Mann

stets freundlich und unterwürfig gegenübertreten

und ihn in der Öffentlichkeit

gut repräsentieren. Sie soll ihrem Mann

stets geduldig zuhören, wenn er beispielsweise

von seinen Geschäften erzählt, und

in seiner Freizeit möchte er von ihr gut

unterhalten werden, wozu auch die ständige

Bereitschaft zum Erfüllen der ehelichen

Pflichten gehört, wann immer der Mann es

wünscht. Zärtlich, sanft und gutmütig soll

sie sein, wobei sie durchaus auch etwas

Temperament zeigen darf. Sie darf zum

Beispiel gerne impulsiv und gefühlsgesteuert

handeln, muss sich aber zu jedem

Zeitpunkt von ihrem Mann leicht kontrollieren

lassen. Eigene Meinungen oder gar

Kritik am Ehemann sind selbstverständlich

nicht gestattet.

In wohlhabenderen Kreisen werden Dinge

wie Hausarbeit selbstverständlich von

Hausmädchen übernommen, ebenso wie

das Stillen der Jüngsten von kräftigen,

gesunden Ammen vom Lande, um die

Figur nicht zu gefährden. Gouvernanten

kümmern sich um die standesgemäße

Erziehung der Heranwachsenden und

Privatlehrer unterrichten sie. Während die

Jungen eine umfangreiche Ausbildung

erhalten, werden die Mädchen in der französischen

Konversation, der Literatur und

dem Musizieren gelehrt. Auch wenn seit

1895 die Frauen zur Abiturprüfung

zugelassen sind, nimmt kaum eine diese

Möglichkeit war, denn gebildete Frauen

ernten allenfalls Gespött oder Verachtung,

niemals aber Respekt. Gemeinsam

mit der Mutter wählen die Mädchen

nach gründlichem Abwägen ihre zukünftigen

Ehegatten aus. Wohlhabend

muss er sein, gebildet – eine möglichst

gute Partie, denn auf seinen Verdienst

werden die Mädchen angewiesen sein,

wenn sie erst einmal die Familie verlassen

haben, da sie selbst natürlich keine

Möglichkeit haben Geld zu verdienen.

Aus diesem Grunde wird kein Wert

darauf gelegt, ob es nun Liebe ist oder

nicht, wenn eine Grundsympathie

herrscht, ist das bereits mehr als zu

erwarten ist. Bis zu Hochzeit müssen

die Mädchen selbstverständlich Jungfrau

sein, während es den heranwachsenden

Männern regelrecht geraten wird

sich vorher schon mal auszuprobieren.

Und wenn dafür nicht die standesgleichen,

jungen Mädchen in Frage kommen,

müssen eben die armen aus den

unteren gesellschaftlichen Schichten

herhalten, die ihr Geld mit Prostitution

zusammenkratzen.

Für das Ansehen innerhalb ihrer Kreise,

wird auch in mittelbürgerlichen Haushalten

nicht auf den Luxus verzichtet,

ein Hausmädchen zu engagieren, auch

wenn für dessen Bezahlung teilweise an

Essen und Kleidung gespart werden

muss. Arbeiten, etwa als Kindermädchen

in reicheren Familien, um weiteres

Geld zu verdienen, ist der Frau meist

von ihrem Mann untersagt, da dieser

sonst nicht als vollwertiger Mann respektiert

werden würde, da er seine Fa-

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milie nicht alleine ernähren kann. Also kümmert

sich die Ehefrau um die Erziehung und

Haushalt, unterstützt vom Hausmädchen und

den älteren Töchtern, sodass diese gleich lernen,

was später als Hausfrau ihre Aufgabe

sein wird. Wenn das Geld allzu knapp ist verdienen

die Töchter noch etwas Geld, indem

sie als Hausmädchen in reicheren Haushalten

arbeiten, währenddessen das Geld dann oft in

die Ausbildung der Jungen gesteckt wird, dass

dieser später auch seine Familie wird ernähren

können.

In den ärmeren Familien wachsen oft sehr

viele Kinder auf, womit die Eltern ihre Altersversorgung

sicher stellen. Den Luxus einer

Schulausbildung der Jungen können sich hier

die wenigsten leisten und so arbeiten neben

dem Vater zusätzlich die meisten Söhne und

Töchter in Handwerksbetrieben oder als

Dienstboten um das Leben der Familie zu

finanzieren, während sich die Mutter zu Hause

unterstützt von einigen älteren Töchtern um

die Jüngsten, die noch nicht arbeiten können,

und den Haushalt kümmert. In dieser Gesellschaftsschicht

sterben die Menschen oft früher,

da sie lebenslang hart arbeiten müssen.

Auch in der untersten Gesellschaftsschicht

wachsen zur Altersversorgung der Eltern sehr

viele Kinder pro Familie auf. Die Großfamilien

leben in schlechten Verhältnissen auf sehr

engem Raum und jedes Familienmitglied

muss täglich hart arbeiten, um die Familie

irgendwie über Wasser zu halten. Der Ehemann

kann sich seinen Stolz die Familie alleine

ernähren zu wollen nicht leisten, sodass

auch die Mutter und Ehefrau außerhaus arbeitet.

Und trotzdem reicht das Geld oft nicht

aus, sodass es nicht selten vorkommt, dass der

Ehemann aus Resignation die Familie verlässt,

woraufhin die Mutter noch härter arbeiten

muss und das Geld trotzdem noch viel zu

knapp ist. Die Frau schuftet oft an der Grenze

ihrer Belastbarkeit, da sie sich zusätzlich auch

um den Haushalt kümmern muss, und stirbt

oft tatsächlich an Überarbeitung. Da es meist

an Essen mangelt und die Mutter oft außerhaus

ist, sind die Kinder komplett auf sich

alleine gestellt und müssen selbst einen Weg

finden, an ein paar Groschen zu kommen, um

sich am Leben zu halten. Die einzige Möglichkeit

ist für viele die Prostitution, womit

der Kreis geschlossen wäre und die reichen,

jungen Herren aus der oberen Gesellschaftsschicht

genug Möglichkeiten haben sich auszutoben.

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