Guben in der Zeit des Nationalsozialismus 1936-1940

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Guben in der Zeit des Nationalsozialismus 1936-1940

Eine Dokumentation

Guben

in der Zeit des Nationalsozialismus

1936-1940

ACOL Gesellschaft für Arbeitsförderung mbH Cottbus


Inhaltsverzeichnis

2

Seite

Vorwort .................................................................................................................. 3 -4

Aufgaben und Rolle der NSDAP in Guben .......................................................... 5 - 28

Gubener Jugend im Dritten Reich .....................................................................42 – 51

Nationalsozialistische Wirtschafts- und Kulturpolitik in Guben...........................52 – 66

Nationalsozialistische Kulturpolitik in Guben .....................................................67 – 74

Nationalsozialistische Kulturpolitik in Guben – Sport.........................................75 – 82

Das Judentum ................................................................................................. 83 - 107

Judenverfolgung ............................................................................................ 108 - 132

Völkermord/Arbeitslager/Konzentrationslager ...............................................133 – 141

Widerstand gegen den Nationalsozialismus ..................................................142 – 150

Zeitzeugenberichte ........................................................................................151 – 215

Beginn des Zweiten Weltkrieges ...................................................................216 – 232

Abkürzungsverzeichnis..................................................................................233 – 234

Quellenübersicht ...........................................................................................235 – 236

Die Projektgruppe verabschiedet sich .....................................................................237


Vorwort

In unermüdlicher, mühseliger Kleinarbeit sammelten in der Vergangenheit schon der Gubener

Heimatbund e. V., der Gubener Heimatkalenderverein e. V., das Stadtarchiv und die

Bibliothek sowie kirchliche Verbände Material zu diesem Thema.

Die MitarbeiterInnen haben im Rahmen eines Projektes, das vom 1. Juli 2004 bis

31. Dezember 2004 dauerte, Fakten aus der Zeit des Nationalsozialismus im Raum Guben für

den Zeitraum von 1936 bis 1940 zusammengetragen. In der Kürze der Zeit war es leider nicht

möglich, noch tiefgründiger in dieses Thema einzudringen. Mit dieser Dokumentation wird an

eine Ausarbeitung von Jugendlichen angeschlossen, die diese für den Zeitraum von 1932 bis

1935 erstellten.

Dabei wurde von folgenden Bedingungen ausgegangen:

Alle Unterlagen über die NSDAP in Guben sind verschollen, konnten also nicht herangezogen

werden. Dies führte dazu, dass für diese Dokumentation nur mittelbare Quellen genutzt

werden konnten. Gesicherte und authentische Angaben zu ihrer Organisation und

Mitgliedschaft konnten deshalb nur begrenzt gemacht werden. Auf Anfrage teilte das Archiv

der Stadtverwaltung Guben mit, dass im Ausgang des Zweiten Weltkrieges in Folge der

Zerstörung der Stadt sämtliches Archivmaterial vernichtet worden sei und keinerlei

Originalquellen angeboten werden können.

Als hauptsächliche Quelle wurde die Gubener Zeitung von 1936 bis 1940 herangezogen, die

in der Stadtbibliothek in Guben als Mikrofilm vorliegt und die an einem Lesegerät gesichtet

werden konnte. Dabei haben sich die MitarbeiterInnen auf selbst ausgewählte Artikel und

Beiträge beschränkt.

Auf eine Bewertung der aufgenommenen Passagen wurde von vornherein verzichtet, weil

auch diese Tageszeitung nach der Machtübernahme durch die Faschisten der umfassenden

Gleichschaltung unterlag. Dadurch war die Auswahl der Artikel einerseits und die

Durchdringung der Informationen andererseits so stark propagandistisch beeinflusst, dass ein

vielseitig geprägtes Bild über diese Zeit unmöglich aus dieser Quelle allein abgeleitet werden

kann. Durch Gespräche mit Zeitzeugen wurde, eine Vielfalt vom Tagesgeschehen sowie

Denk- und Verhaltensweisen erfasst und dagegengesetzt. Aber auch hier muss berücksichtigt

werden, dass die Aussagen viele Jahre nach den Ereignissen vor einem späteren

Erfahrungshorizont aufgeschrieben worden sind.

Andere Parteien und politische Strömungen kamen in dieser Tageszeitung nicht mehr zu

Wort. Die in die Illegalität gedrängten Organisationen und Parteien hatten keine öffentlichen

Publikationsmöglichkeiten mehr, welche hätten als Quellen herangezogen werden können.

Alle Texte aus den oben genannten Quellen wurden originalgetreu und in der zu dieser Zeit

geltenden Rechtschreibung übernommen. Die Zeitzeugenberichte und andere Beiträge wurden

in der heute gültigen neuen Rechtschreibung verfasst. Ein Abkürzungsverzeichnis (siehe

Anhang) soll zur besseren Verständlichkeit dienen.

Die MitarbeiterInnen haben mit Zeitzeugen Gespräche geführt. Durch die Befragungen

wurde versucht, die Chronik verständlicher zu machen. Das ist auch in vielerlei Hinsicht

gelungen. Stärker jedoch sind den Zeitzeugen ihre Erlebnisse und Erinnerungen aus der

Kriegs- und Nachkriegszeit im Gedächtnis geblieben.

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Das Ziel ist es, Interesse zu wecken und sich tiefgründiger mit der Gubener Geschichte in

dieser Zeit zu befassen.

Die Meinungen und Ansichten müssen nicht immer mit denen der Verfasser dieser Chronik

übereinstimmen.

Unser gemeinsames Fazit daraus ist es, dass sich mit nazistischem Gedankengut kritisch

auseinandergesetzt wird und es sich nicht weiter ausbreiten kann. Es soll zum

Nachdenken anregen, welches Leid dieser Wahnsinn angerichtet hat.

Die MitarbeiterInnen des Projektes bedanken sich ganz herzlich bei den Zeitzeugen für ihre

Unterstützung und Bereitschaft, aus ihrem Leben zu berichten.

Herrn Ansorge, Herrn Becker, Herrn Gölling, Herrn Grünitz, Herrn Henschel, Herrn Hübner,

Frau Jöhnke, Frau Kochann, Frau Köhler, Herrn und Frau Nerlich, Herrn Otto, Frau

Prengemann, Frau Rothe, Herrn Schmidt, Herrn Schulz, Herrn Stengler, Frau Wieder, Herrn

Winkler und Frau Müller (leider verstorben).

Besonderer Dank gilt den nachfolgend genannten Personen und Vereinen, welche uns

Material zur Verfügung stellten.

Herrn Arlt, Herrn Augustyniak, Herrn Gunia, Herrn Klostermann, Herrn Micksch,

Herrn Möhring, Herrn Pagel, Herrn Pilz und Herrn Pfarrer Schulz. Außerdem möchten wir

uns bei den Mitarbeiterinnen der Gubener Stadtbibliothek, bei Frau Richter vom Stadtarchiv

und beim Gubener Heimatbund e. V. bedanken.

Die MitarbeiterInnen der Projektgruppe von ACOL

Frau Jutta Bernhard

Herr Lutz Reinhardt

Frau Martina Stäpke

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Aufgabe und Rolle der NSDAP in Guben

Eine geschichtliche Betrachtung aus der Sicht eines Gubeners!

(Bericht vom Gubener Bürger Eberhard Wittchen)

Zur bitteren Realität des Untergangs unserer Baumblüten-, Handels- und Industriestadt Guben

im Jahre 1945 einschließlich der Nachkriegsepoche gehört die Kenntnis sowie das Wissen um

die Ereignisse, die sich langfristig abzeichneten.

Wie überall im deutschen Lande, waren auch die Gubener Bürger 1933 bei der

Machtübernahme durch die Nazi-Partei (NSDAP) mehrheitlich in zufriedener Erwartung und

Hoffnung, dass die angekündigte Beseitigung von Arbeitslosigkeit, Kriminalität und

Schlendrian ein beschauliches und gesichertes Leben bringen wird.

Mit großem Propagandaaufwand wurden die sozialen und wirtschaftlichen Erfolge des

Regimes (vom Kindergeld, KDF-Einrichtungen bis Volkswagen für jedermann) den

Menschen suggeriert, und schon beschleicht die uneingeschränkte Macht und Verkündigung

des Ermächtigungsgesetzes (24. März 1933) und anderer Verordnungen mit Deutlichkeit.

5


Der folgende Aufbau der Rüstungsindustrie und Militärbauten in Guben werden zwischen

1935 und 1938 sichtbar durch solche Objekte wie

• Rheinmetall-Borsigwerk, Schlagsdorfer Weg

• Kasernenbauten in der Moltkestraße (vormals Nordstraße) als Moltke-Kaserne

• Kasernenbauten in der General-Ludendorff-Straße (vormals Grünberger Straße in

Mückenberg) als Mückenberg I, Mückenberg II, Mückenberg III

• Ausbau des Gubener Flugplatzes in der Chöne/Seitwanner Chaussee zum

militärischen Ausbildungsflughafen.

Die Macht des „Führers“ und seiner Reichsführung mit der SS und SA, der „Gestapo“, der

Partei-Betriebsgruppen und –Ortsgruppen, der Jugendorganisationen wie HJ und BDM sowie

allen voran dem Propagandaministerium bewirken eine umfassende Einschüchterung und

Ergebenheit.

Die Repressalien und Verwahrungen Andersdenkender aus der KPD und SPD sowie

andersartiger Opposition wollen die Bürger lieber nicht zur Kenntnis nehmen, ja sie

verdrängten es geradezu.

So kam es, dass 1938 die Tschechei (Böhmen und Mähren) und Österreich militärisch, zwar

noch ohne Blutvergießen, besetzt wurden.

Der geschürte Hass gegen die jüdischen Mitbürger erlebte 1938 auch in Guben mit der

sogenannten Kristallnacht einen schlimmen Höhepunkt. Am 9. November wurde von

inszenierten Banden die Synagoge im Kastaniengraben an der Lubst in Brand gesteckt. Viele

jüdischen Bürger wurden ruiniert, vertrieben oder in ein „KZ“ verschleppt, dort gequält oder

getötet. Diese Menschenverachtung der Machthaber an den jüdischen Mitbürgern wurde von

der übrigen Bevölkerung nicht verstanden, vielmehr hatte man Angst, sich gegen diese

Willkür zu äußern, so ergab sich schließlich die Masse der Menschen der Nazi-Propaganda.

Das Drama von Flucht und Vertreibung begann eigentlich zu dieser Zeit, als unsere

Heimatstadt, sich im tiefsten Frieden wähnend, die 700-Jahr-Feier hinter sich gebracht hatte.

Der Kriegsausbruch 1939 und der Beginn des Zweiten Weltkrieges waren somit die logische

Folge.

Aufgaben und Rolle der NSDAP

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Quelle: „Perle der Niederlausitz II“, Lutz Materne

Mit der Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 begann

in Deutschland die offene faschistische Diktatur.

Mit Hitler und seiner Partei sollte außenpolitisch ein Kurs zur Erringung der internationalen

Vormachtstellung des deutschen Imperialismus verwirklicht und Ziele erreicht werden, die

sich der deutsche Imperialismus bereits im I. Weltkrieg gestellt hatte und bis dahin nicht

verwirklichen konnte - z.B.:- die Vernichtung der Sowjetunion

- Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel

Ihre Hintermänner waren Angehörige der deutschen Großbourgeoisie, die seit Jahren

zum durchgreifenden Schutz ihrer Profitinteressen auf die Errichtung der offenen

terroristischen Diktatur hingearbeitet hatten.

Quelle: Namenlose Helden – gab es nicht Teil 1


Zu Adolf Hitler:

Adolf Hitler, deutscher Reichskanzler und Führer des 3. Reiches, geb. 1889, gest. 1945

(Selbstmord). Ab 1921 Leiter der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (NSDAP); nach

misslungenem Münchener Putsch 1923 Festungshaft; 1924 Neuaufbau der NSDAP; 30.1.1933

Ernennung zum Reichskanzler durch Hindenburg; 1934 nach Hindenburgs Tod auch

Reichspräsident; ab 1935 Oberbefehlshaber der deutschen Wehrmacht. Mit dem Überfall auf

Polen führte Hitler Deutschland 1939 in die Katastrophe des 2. Weltkrieges; 1941

Oberbefehlshaber des deutschen Heeres; 20.7.1944 gescheitertes Attentat auf Hitler; beharrliches

Weiterführen des Krieges bis zum unvermeidlichen Zusammenbruch 1945. Als selbst ernannter

Führer des deutschen Volkes installierte Hitler ein totalitäres System, das Dritte oder auch

Tausendjährige Reich (1933 – 1945). In dieser Zeit systematische Vernichtung von 6 Millionen

Juden in Konzentrationslagern sowie expansionistische Großmachtpolitik, die zu den Gräueln des

2. Weltkrieges führte.

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Quelle: NEUES UNIVERSALLEXIKON IN FARBE

-Sonderausgabe 2002 Trautwein Lexikon-

Edition Genehmigte Sonderausgabe Compact

Verlag München

Der Machtantritt des Faschismus ist die Ablösung einer Staatsform der Bourgeoisie,

der bürgerlichen Demokratie durch eine andere, durch die offene terroristische Diktatur.

Die reaktionärste Art des Faschismus ist der Faschismus deutschen Schlages. Er hat die Dreistigkeit,

sich Nationalsozialismus zu nennen, obwohl er nichts mit Sozialismus gemein hat.

Hitlerfaschismus – dass ist nicht bloß Nationalismus, das ist bestialischer

Chauvinismus.

Faschismus – das ist die Organisation der terroristischen blutigen Niederhaltung der Arbeiterklasse

und der revolutionären Bauernschaft und der Intellektuellen. Er übt in brutaler

Form einen tierischen Haß gegen die anderen Völker aus.

Der Naziterror wird zur Staatsgewalt

-Auszug-

Quelle: Die Rote Fahne vom 29. Jan. 1933

Teil 1 – Seite 24/2 Heimatmuseum

...Die faschistische Ideologie, deren Hauptbestandteil der extremste Antikommunismus

war, wurde durch die barbarische Rassenlehre, die Theorie vom „mangelnden

Lebensraum“ und durch wilden Chauvinismus verkörpert. Sie bildete den Gipfelpunkt

der reaktionären, unwissenschaftlichen, antihumanen „Theorien“, die im Interesse der

herrschenden Ausbeuterklassen in Deutschland seit dem Beginn des Niederganges des

deutschen Kapitalismus hervorgebracht worden waren. Die faschistische Ideologie

diente dazu, breite Massen dem faschistischen Regime unterzuordnen und zum

Raubkrieg und zur bestialischen Vernichtung anderer Völker reif zumachen. Der

Hitlerfaschismus war die Fortsetzung und Steigerung der reaktionären, volksfeindlichen

Linie der deutschen Politik und verkörperte alle verderblichen Traditionen der


deutschen Geschichte. Die faschistische Diktatur zeigte, daß zwischen den

antinationalen Ausbeutungs- und Machtinteressen der herrschenden monopolkapitalistischen

Kreise und den Lebensinteressen des deutschen Volkes ein

unüberbrückbarer Widerspruch bestand...

Satirisches Gedicht über die Entstehung

des Hakenkreuzes als Symbol der Nazis

(Verfasser: unbekannter Gubener Arbeiter)

„Die Nazis behaupten, das Hakenkreuz,

es stammt von den alten Germanen,

nun tragen sie’s stolz in den Fahnen,

am Ärmel und an der Teutonenbrust,

die Nazijungfer trägts mit voller Lust

verborgen an ihrem Höschen.

‚Für besondere Nazispäßchen‘

Doch mit den Germanen, das ist eine Mär,

denn das Hakenkreuz stammt ganz woanders her,

man kannte es schon in alten Zeiten,

in England auf den Rindviehweiden.

Dort hatte es freilich einen anderen Zweck,

wenn nämlich das Rindvieh in Massen verreckt

an Maul- und Klauenseuchen,

dann diente es als Erkennungszeichen.

Man malte es den maulverseuchten Viechern

direkt mang die Hörner über den Riechern.

Da ist das Hakenkreuz hergekommen

und die Nazis habens mit Recht übernommen.“

8

Quelle: Auf Straßen und Fabriken,

Autor: Horst Reschke, Seite: 162

Quelle: „Auf Straßen und in Fabriken“

Autor: Horst Reschke, Seite 130, 1965


NSDAP, Gliederungen und angeschlossene Verbände

Reichs-, Staats- und Städtische Behörden

Organisationen, öffentliche Einrichtungen, Vereine

Nach dem Stande vom 15. August 1939

-Auszug-

A. NSDAP und Gliederungen

Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei

Kreisleitung der NSDAP Guben Stadt und Land: Guben, Uferstr. 9

Kreisleiter: Martin Koch

Ortsgruppe Guben-Pfingstberg: Guben, Triftstraße 30

Ortsgruppenleiter: Martin Schober

Ortsgruppe Guben-Crossener Berg, Guben, Crossener Str. 26

Ortsgruppenleiter: Ernst Pilgrim

Ortsgruppe Guben-Werder, Guben, Lubststr. 10

Ortsgruppenleiter: Emil Koschack

Ortsgruppe Guben-Altstadt: Guben, Neustadt 42

Ortsgruppenleiter: Max Schulz

Ortsgruppe Guben-Mitte: Guben, Adolf-Hitler-Str. 36

Ortsgruppenleiter: Georg Naschke

Ortsgruppe Guben-West: Guben, Adolf-Hitler-Str. 36

Ortsgruppenleiter: Kurt Albinus

NS-Frauenschaft

NS-Frauenschaft Guben-Stadt: Guben, Alte Poststraße 41c

Kreisfrauenschaftsleiterin: Elsa Richter

NS-Frauenschaft Guben-Land, Fürstenberg/Oder, Schützenstr. 13

Kreisfrauenschaftsleiterin: Ida Eckert

9


Amt für Volkswohlfahrt

Kreisamtsleitung: Guben, Kurmärk.Str. 35

Amt für Beamte

Kreiswaltung: Guben, Lange Str. 15 Kreisamtsleiter: Alfred Klug

Amt für Presse

Kreisamtsleiter: Dr. Ernst Kaempfe

Amt für Propaganda

Kreisamtsleiter: Walter Bernst

Amt für Technik

Kreiswaltung: Guben, Egelneißedamm 6

Kreisamtsleiter: Wilhelm Jaeschke

Amt für Volksgesundheit

Kreiswaltung: Guben, Kastaniengraben 13

Kreisamtsleiter: Dr. Eggert Stahnke

Kreisrechtsamt

Kreisamtsleiter: Dr. Gerhard Schubert

Stellvertreter: R.-A. Dr. Günter Kloß

Amt für Kriegsopfer

NSKOV

Kreisamtsleitung: Guben, Markt 38

Kreisamtsleiter: Karl-Friedrich Emmert

Amt für Agrarpolitik

Kreisamtsleiter: K. W. Ebert

Amt für Rassen- und Bevölkerungspolitik

Stellv. Kreisamtsleiter: W. Oels,

Kreiswirtschaftsberater

Stellv. Kreisamtsleiter:

10


Rudolf Ißmer

Amt für Kommunalpolitik

Kreisamtsleiter: Wilhelm Wonde

Amt für Erzieher Amt für Schulung

Kreisamtsleitung: Guben, Uferstr. 9 Kreisamtsleiter: Theodor Meyer

Kreisamtsleiter: Hugo Schulz

SA der NSDAP NSKK

Brigade 122: NSKK Motorstandarte 12

Führer: Oberführer Hermann Megow NSKK-Sturmhauptführer Hepke

Standarte 451Führer der Standarte: NSKK-Motorsturm 13/M 122: Guben

Führer: Standartenführer Alfred Glöckner Führer des Sturmes: NSKK-Obersturm-

Sturmbann I/451: führer Reiche

Führer: Sturmbannführer Walter Müller

Sturmbann III/451

Führer: Sturmbannführer Otto Schmidt

SA-Reiterstandarte 122:

Führer: Standartenführer Walter Adler

SS NS-Fliegerkorps

SS-Sturmbann II/27 Guben Sturm 9/23:

Führer des Sturmbannes: z. Zt. noch Führer des Sturmes:

unbesetzt Hauptsturmführer Richard

SS-Sturm 5/27 Guben Pfennig

Führer des Sturmes:

SS-Oberscharführer Redweik

HJ

Bann 12 (Guben-Crossen) Bund Deutscher Mädel,

Führer: Bannführer Gerd Wollermann Untergau 12

(Guben-Crossen)

Führerin: Untergauführerin Gerda

Hahl

Jungbann 12 (Guben-Crossen) Jungmädelbund Untergau 12

Mit der Wahrnehmung der Geschäfte des (Guben-Crossen)

Jungbannes beauftragt: Oberfähnleinführer Bruno Führerin: JM-Untergauführerin

Grießbach Gudrun Schmidt

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Die Deutsche Arbeitsfront

Kreisverwaltung Guben Ehrenamtliche Kreisfach-

Abteilungswalter

Kreisobmann: Bernhard Schmidt Nahrung und

Genuß:

Hauptarbeitsgebiet I Walter Domdey

Textil: Willi Krüger

(Geschäftsführung): Ernst Gerlach Bekleidung und Leder:

Hauptarbeitsgebiet II (Soziale Franz Kollarsch

Selbstverantwortung und Bau: Karl Mothes

-Gestaltung): Ernst Fritz

Organisation: Hartmann

Schulung: Franz Kollarsch

Werkschar: Otto Wulf

Reichstagswahl am 29.3.1936

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Quelle: Manfred

Augustyniak

Jeder Stimmberechtigte sollte bis spätestens 13 Uhr gewählt haben.

Ab 13 Uhr wird bereits bei den säumigen Wählern der Schleppdienst einsetzen.

Kranke und gebrechliche Personen, die den Weg von ihrer Wohnung zum Wahllokal

nicht gehen können, müssen dies dem zuständigen Blockleiter mitteilen, zwecks

Veranlassung zum Transport.

Quelle: Gubener Zeitung, 29. März 1936


Reichsbauernführer!

Bauern, Landwirte, Landarbeiter und Gärtner, Männer und Frauen

die Kreisbauernschaft Guben grüßen Sie

durch mich in stolzer Freude darüber, daß Sie den

Wahlkampf für Adolf Hitler in unserem Guben beginnen.

Wir geloben Ihnen weiterhin treue Gefolgschaft im

Kampf um die Nahrungsfreiheit

des deutschen Volkes.

Zernidow, Kreisbauernführer

Heil Hitler!

13

Quelle: Gubener Zeitung, 18. März 1936

Aufruf an die deutsche Textilarbeiterschaft!

Ob Mann oder Frau, ob an der surrenden Spindel stehend oder

am laufenden Webstuhl arbeitend,

ob strickend oder wirkend,

ob vorbereitend oder veredelnd und ausrichtend,

hört am 27.03.1936, nachmittags 16 Uhr,

ihren Führer Adolf Hitler in Treue

restlos und geschlossen beim Gemeinschaftsempfang.

Hilma Stock

Ltr. d. Betriebsgemeinschaft „Textil“

Quelle: Gubener Zeitung, 27. März 1936

„Deutschlands Dank: Die Stimme für den Führer!“

„Führer wir folgen dir!“


Wahlergebnis Reichstagswahl

45 431 102 Wahlberechtigte = 99 %

für den Führer: 44 411 911

gegen den Führer

und ungültig: 543 026

Das sind 99 % aller Stimmen für den Führer.

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Quelle: Gubener Zeitung 1936

Quelle: Gubener Zeitung, 30. März 1936

Die Verherrlichung des „Führers“ Adolf Hitlers und Deutschlands

Der 9. November in Guben

Eindrucksvolle Feierstunde im Kaisergarten

-Auszug-

Wie überall im Reiche versammelten sich auch in Guben die Partei, die Politischen Leiter, SS, SA

und viele Volksgenossen zu einer schlichten und würdigen Feier, für die Blutzeugen der

Bewegung.

„Als am 9. November 1918 dann der dunkle Tag tiefster Schmach ein vierjähriges Ringen um

Deutschlands Ehre und Freiheit zu Ende ging, war ein einst mächtiges Reich zerschlagen und

ehrlos und wehrlos. Ein Volk, dessen Armee die größten Schlachten geschlagen hatten und einer

Welt widerstand.

Ein Volk, das um einer Hand voll Juden und Deserteure kapitulierte.“ (Oberbürgermeister und

Kreisleiter Schmiedicke)

In den Stunden der größten Not stand ein Mann auf in Deutschland, der das Leid und die Not des

Krieges vier Jahre an der Front erlebt hatte, ein Mann ohne Rang und Namen, der aus der Tiefe

des Volkes kam, der in sich den Glauben an das Volk trug und der dazu berufen war,

Deutschlands Retter zu sein, Adolf Hitler.

Er war es, der die Fahne empor zum Siege riß und zur Freiheit. Es waren die Besten, die zu ihm

kamen, sie gehörten ihm ganz. Wer auf seine Fahne schwörte, hatte nichts als diese Fahne, die

heute die Fahne Deutschlands ist.

Quelle: Gubener Zeitung, 10. Nov. 1936


Die Würde der Arbeit

Der neue Gemeinschaftsraum bei C. G. Wilke

-Auszug-

...Und nun steht dieser neue, große und schöne Raum. Hier soll wahrer

nationalsozialistischer Sinn walten, denn Nationalsozialismus ist Kameradschaft. Der

Redner schloß: Und wenn Sie mich nun fragen, wem verdanken wir all dies Schöne?

Unsere vorbildlichen Garderoben, unseren Gemeinschaftsraum, unseren Arbeitsfrieden

usw. usw., so kann ich Ihnen nur die eine selbstverständliche Antwort geben:

„Einzig und allein unserem Führer und Volkskanzler Adolf Hitler; denn, wenn er uns nicht

gerettet und eines besseren belehrt hätte, sähe es bestimmt heute ganz anders bei uns aus:

Wir wollen daher auch weiterhin auf ihn und seine weise Führung fest vertrauen und ihm

folgen: Wir wollen ihm zu dieser Stunde unseren tief gefühlten Dank bezeugen.“

Mit Sieg Heil auf den Führer, Gesang des Deutschlandliedes und des deutschen

Freiheitsliedes endete die Ansprache.

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Quelle: Gubener Zeitung, 07./08. Nov. 1936

„Der Führer ist das Gewissen des deutschen Volkes!“

„Es lebe der Führer! – Es lebe das Dritte Reich!“

Gubener Feststunden am 1. Mai

Der nationale Feiertag des deutschen Volkes

-Auszug-

Quelle: Gubener Zeitung 1936

...Dann spricht Kreisleiter Schmiedicke in kurzen Worten über die Bedeutung dieses Tages.

...Früher war der 1. Mai ein Tag des Klassenhasses, die deutschen Menschen marschierten unter

verschiedenen Flaggen.

Heute hat das Volk sich geschlossen zusammengefunden im Nationalsozialismus, diese Einigkeit

wird es halten und verteidigen.

Gegen alles, was kommen mag. Wir sind nicht mehr Parteien, wir sind ein ganzes Volk. Es gibt

nur die eine Idee und Deutschland und einen Willen, dem sich alles unterzuordnen hat. ...

Quelle: Gubener Zeitung, 03. Mai 1937


Ablenkungsmanöver der Nazis durch Gesang von antikommunistischen

und antijüdischen Liedern

Kurmark marschiert

(Gemeinschaftsgesang der Leistungsschau am Sonnabend,

dem 20. Juni – 16 Uhr im Stadion zu Potsdam)

Achtung! Weltgefahr!

-Auszug-

Wir sind das Heer vom Hakenkreuz,

hebt hoch die roten Fahnen!

Der deutschen Arbeit wollen wir den Weg

zur Freiheit bahnen!

Wir schließen keinen Bruderpakt

mit Juden und mit Welschen,

weil sie den Freiheitsbrief

des deutschen Volkes fälschen.

Wir schließen keinen Bruderpakt

mit unseren Tyrannen

und mögen sie uns hundertmal

ins tiefste Elend bannen.

Wir schließen keinen Bruderpakt

mit bangen feigen Wichten,

es gilt die größte Niedertracht

Europas zu vernichten.

Wir sind das Heer vom Hakenkreuz,

hebt hoch die roten Fahnen!

Der deutschen Arbeit wollen wir

den Weg zur Freiheit bahnen!

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Quelle: Gubener Zeitung, 10. Juli 1936

...wer die bolschewistische Gefahr wirklich erkannt hat, muß sie bekämpfen.

Deutschland hat sie erkannt und in Deutschland findet sie ihren stärksten Gegner.

Die Regisseure der Weltrevolution wissen, wenn sie irgendwo erkannt worden sind, so ist das in

Deutschland. Deshalb hassen sie uns mit einem grimmigen Haß, deshalb versuchen sie Tag für

Tag die Welt gegen Deutschland zu hetzen und die Aufmerksamkeit von ihren Mörder- und

Räuberbanden abzulenken.


...die verantwortlichen Männer des nationalsozialistischen Deutschlands werden den

Bolschewismus als das aufzeichnen, was er ist: Eine Weltgefahr!

Wer sich mit ihm verbindet, kommt um. Die abendländische Kultur, die ihm eine Chance gibt,

wird ausgerottet sein. W.Sp.Guben

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Quelle: Gubener Zeitung, 11. Sept. 1936

Das Bekenntnis der Stadt zur Eingliederung und „Heimholung ins Reich“

Freudenkundgebung in Guben

Fackelzüge durch die Straßen der Stadt – alle Gubener sind aufgerufen

In den Straßen Gubens wehen die Fahnen als Ausdruck der Freude. Das deutsche Österreich

hat heimgefunden. Wir wollen diesem stolzen Bewußtsein auch in unserer Stadt Ausdruck

verleihen. Heute Abend treten die Formationen an und werden im Fackelschein nach dem

Marktplatz marschieren. Die Bevölkerung wird aufgerufen, sich der Kundgebung auf dem

Marktplatz, wo der Kreisleiter um 21 Uhr sprechen wird, anzuschließen.

Die Partei und ihre Gliederungen treten wie folgt an:

SA, um 20 Uhr am Horst-Wessel-Heim,

HJ und Jungvolk um die gleiche Zeit auf dem Hamdorffplatz,

alle Parteigenossen mit und ohne Uniform treten 20 Uhr am Partei-Heim an.

Um die gleiche Zeit versammeln sich vor dem Parteiheim NSKK, SS, NSFK.

Die Werkscharen treten wie vereinbart um 19 Uhr am Kastaniengraben an.

Im Landkreise finden die Kundgebungen morgen im Anschluß an die Heldengedenkfeier statt.

Gubener bekundet durch Eure geschlossene Teilnahme Eure Freude über das befreite

Österreich!

Jubel in unserer Stadt

Fackelzug / Großer Zapfenstreich der Wehrmacht

-Auszug-

Quelle: Gubener Zeitung, 12./13. März 1938

...In der ganzen Stadt löste die Proklamation des Führers große Freude und Begeisterung aus. Im

Nu glich unsere Stadt einem Flaggenmeer.

Abends fanden sich spontan die Parteimitglieder und die Angehörigen der Formationen zu einem

Fackelzug ein. Unter den Klängen der Musikzüge zog der imposante Fackelzug zum Markt, auf

dem er Aufstellung nahm. Hier sprach zunächst Gaugeschäftsführer Poddielski über die Vorgänge

in Österreich.


Wie wir am 30. Januar 1933 im Deutschen Reich belohnt wurden, so erleben in diesen Tagen

unsere Brüder in Deutsch-Österreich die Erfüllung eines jahrelangen Kampfes um den

Nationalsozialismus.

Die Stimme des Blutes hat auch hier gesiegt. Deutsch-Österreich hat sein Schicksal selbst in

die Hand genommen und an die Stelle einer demokratisch getarnten Diktatur ist eine

nationalsozialistische Volksregierung getreten, die jetzt die Voraussetzung für ein geeintes

Deutschland schafft.

Wir alle glauben an den Führer, treu stehen wir alle zu ihm für sein Deutschland, unser

Vaterland...

Unsere 29er kehren zurück

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Quelle: Gubener Zeitung, 14. März 1938

Das 3. Bataillon des Infanterie-Regiments 29, also unsere Gubener Soldaten, befindet

sich auf der Rückfahrt nach ihrer Garnison. Sie werden morgen früh, zwischen sieben

und acht Uhr in die Stadt einmarschieren und zwar wird, wenn es sich irgendwie

ermöglichen läßt, der Marsch unter Vorantritt der Musik durch die Hauptstraßen

Gubens gehen. Wir freuen uns, daß unsere Garnison, wieder in der Heimat angelangt ist

und werden sie herzlich begrüßen. Es erfüllt uns mit Stolz, daß auch unsere Gubener

Soldaten teilnehmen durften, an dem großen Erlebnis im Sudetenland.

NS-Schwester Lina berichtet

Als Schwester in Böhmen und Mähren

-Auszug-

Quelle: Gubener Zeitung, 18. Okt. 1938

Gleichzeitig mit dem Einmarsch der deutschen Truppen sind in Böhmen und Mähren

aus dem Gau Mark Brandenburg 35 NS-Schwestern für die Betreuung der

hilfsbedürftigen Bevölkerung zum Einsatz gekommen.

Schwester Lina, Kreisvertrauenskrankenschwester in Guben, die zurzeit in Olmütz weilt,

berichtet in Folgendem über ihre ersten Eindrücke.

Es ist so wenig Zeit, kein Tisch zum Schreiben. Geschrieben wird auf dem Strohsack, dort ist

manchmal einen Augenblick Zeit für persönliche Anliegen. Oft ist es entsetzlich, dieses

grenzenlose Elend zu erleben.

Ob wir nun am Ziel sind, mögen die Götter wissen. Wir kamen heute (Donnerstag früh, 5

Uhr) in Breslau an und wurden dort eingeteilt und mit 15 Berliner Schwestern nach Troppau

im Sudentengau geschickt. Nachdem wir in Troppau einiges über unsere Arbeit erfahren

hatten, wurden wir in einen Autobus verfrachtet, der uns zwei Stunden lang durch die

wunderschöne winterliche Landschaft über Bären und Sternberg nach Olmütz/Mähren

brachte.


Der deutschen Bevölkerung, die hier in Olmütz bei 75.000 Einwohnern etwa 1/5 ausmacht,

merkt man die Freude über die Ereignisse der letzten Tage, die Freude über ihre endliche

Befreiung besonders deutlich an.

Sie macht sich zumeist bei der Essenausgabe auf dem Platz vor der Kreisamtsleitung der NSV

in Olmütz bemerkbar. Stundenlang warten dort die Mütter, um ihren Angehörigen zu Haus ein

ordentliches warmes Essen bringen zu können. Eine Mutter von sechs Kindern sagte mir, wir

können uns gar nicht denken, wie sehr sie alle hier sich nach unserer Hilfe gesehnt hätten, sie

hätten die Schikanen der Tschechen nicht mehr lange ertragen können. Aber das Bewußtsein auf

unsere Hilfe hätten sie nie verloren, immer hätten sie gewußt, daß wir zu ihnen gehörten und

ihnen helfen würden und nur das Vertrauen zum Reich und zum Führer hätten ihnen die Kraft

gegeben, solange durchzuhalten. Mit Tränen in den Augen sagte sie mir das, dann kam sie an die

Reihe zum Essenempfang...

...Eine von uns fünf Brandenburgerinnen mußte auf die Gulaschkanone...

...Wir vier anderen bekommen je eine oder zwei deutsche Frauen zur Hilfe und gehen in die

einzelnen Bezirke, um zunächst die deutschen Familien zu besuchen und uns ein Urteil über die

Not innerhalb der Familien zu bilden...

...Wirtschaftlich sind die hiesigen Deutschen besonders dadurch sehr in Not, daß die Männer

zumeist schon seit Jahren erwerbslos sind und vom tschechischen Staat kaum unterstützt werden...

...Dazu kommt als Erschütterndes die seelische Not, der dauernde Druck, in dem die Deutschen

den Tschechen gegenüber leben mußten. Wie oft konnten sie sich kaum aus den Häusern wagen,

wie oft mußten sie gemeine Beschimpfungen und Behandlungen ertragen ohne auch nur an ein

Wehren denken zu können...

... Unsere wirtschaftliche Hilfe bestand gestern in der Hauptsache in Zuweisung von Essenscheinen,

sonst konnten wir den armen Menschen nur zureden, ihnen Hoffnung machen auf eine

gute Zukunft und ihnen vom Aufbauwerk des Führers im Altreich erzählen.

Albert Lehmann jun. wurde nach Berlin zwangsversetzt,

weil seine Frau Jüdin war

Tuchfabrik Lehmann & Richter

19

Quelle: Gubener Zeitung, 22. März 1939

Die Tuchfabrik Lehmann & Richter ist von dem Kaufmann Ernst Richter in Berlin,

dem jüngsten Sohn des verstorbenen Mitbegründers der Firma, mit allen Aktiven und

Passiven und dem Recht zur Fortführung der Firmenbezeichnung als Alleininhaber

erworben worden. Der

Geschäftsbetrieb wird unverändert weitergeführt. Die Veränderungen sind der Gefolgschaft

in einem Betriebsappell bekanntgegeben worden.

Quelle: Gubener Zeitung, 26./27. Febr. 1938


Befördert

SA–Standartenführer Schmiedicke

Der Führer und Reichskanzler hat den Parteigenossen Erich Schmiedicke,

Oberbürgermeister der Stadt Guben mit Wirkung vom 9. Nov. 1938 zum SA-

Standartenführer befördert und ihn dem Führerkorps der Standarte 451 zugeteilt.

Werkfrauengruppen entstanden

Guben führt in der Frauenarbeit

20

Quelle: Gubener Zeitung, 09. Nov. 1938

Das Frauenamt der DAF hat im Jahre 1938 auch in der Kurmark mit dem Aufbau von

Werkfrauengruppen begonnen, die in Betrieben mit einer großen Zahl weiblicher

Gefolg-schaftsmitglieder den nationalsozialistischen Kern der Betriebsgemeinschaft für

die Frauen bilden sollen.

In Betrieben der Gubener Textil- und Bekleidungsindustrie entstanden die ersten Werkfrauengruppen.

Die guten Erfahrungen haben das Frauenamt nunmehr veranlaßt, neben den

12 anerkannten Werkfrauengruppen weitere 66 Werkfrauengruppen in kurmärkischen

Betrieben aufzubauen.

Während die ersten Werkfrauengruppen der Kurmark ausschließlich in Betrieben der Textilund

Bekleidungsindustrie entstanden, werden jetzt auch die Betriebe der chemischen und der

Eisen und Metall verarbeitenden Industrie zur Bildung der Werkfrauengruppen mit

herangezogen. Die unter Leitung von Betriebsfrauenverwalterinnen der DAF arbeitenden

Werkfrauengruppen erhalten weltanschauliche und fachliche Schulung.

Sie sollen der weiblichen Gefolgschaft Helfer und Berater sein und besonders bei der Freizeitund

Feriengestaltung mitwirken.

Quelle: Gubener Zeitung, 22. Dez. 1938

In einer Kundgebung im großen Kaisergartensaal wird heute abend

Gaugeschäftsführer von Poddielski dem Kreisleiter das Ehrenbuch für

Guben-Stadt und –Land überreichen. Alle Gubener Partei- und

Volksgenossen sind zu dieser Kundgebung eingeladen. Das Ehrenbuch soll ein

Opferbuch sein, für ein zusätzliches Opfer offen. Am 4. und 5. Februar liegt

das Ehrenbuch bei Tamm (früher Uhrengeschäft Teßmann), Adolf-Hitler-

Straße, zur Einzeichnung der Opferspenden aus. Dann geht es durch die

Betriebe und anschließend durch den Landkreis.

Quelle: Gubener Zeitung, 02. Feb. 1939


Bildung des Frauenhilfsdienstes

Zahlreiche Gubener Mädel haben sich gemeldet

-Auszug-

In der Kampfzeit waren es einige wenige tapfere Frauen, die Zeit und Kraft in den

Dienst der nationalsozialistischen Bewegung stellten. Mit der Bewegung wuchsen aber

auch das Werk der Frau und ihre Aufgabe. Ihrer Hände Arbeit, ihre frauliche Hilfe, ihr

Rat und ihr Beistand wurde geradezu unentbehrlich. Daher machte es sich die NS-

Frauenschaft zur Pflicht, allen Gliederungen der Partei hilfreich zur Seite zu stehen.

Wir unterscheiden drei Gebiete, auf denen die deutsche Frauenschaft Hilfsdienst leistet:

Der Hilfsdienst in Verbindung zum Deutschen Roten Kreuz, zum Reichsluftschutzbund und

zur NSV. Dazu kommt als ganz neues Aufgabengebiet der Frauenhilfsdienst für Wohlfahrtsund

Krankenpflege. Auf allen diesen Gebieten wird von der Frau die Bereitschaft zum

mithelfen gefordert. Mit dem Wiederaufbau der Wehrmacht gewinnen der Bereitschaftsdienst

sowie die Ausbildung des Schwesternwesens im Deutschen Roten Kreuz an Bedeutung. Im

Dienste der Gesundheitspflege bei öffentlichen Notständen und Unglücksfällen im

Sanitätsdienst des Luftschutzes sind die weiblichen aktiven Bereitschaften Trägerinnen des

Rot-Kreuz-Gedankens. Auf dem Gebiet des Luftschutzes sind wir innerhalb unseres

Vaterlandes im Ernstfalle ausschließlich auf die Frau angewiesen. Aber auch in normalen

Zeiten wird die Frau in der Ausbildung als Laienhelferin oder im Selbstschutz durch geübte

Disziplin widerstandsfähiger und gegen Gefahren gefestigter.

Wir wissen alle, daß der deutschen Frau heute in der Sozialarbeit Aufgaben von nie

gekanntem Ausmaß zugewiesen sind. Überall wo es Not tut, leistet die Frau Beistand. So setzt

sie sich auch in der NSV für die Hilfsbedürftigen ein, NS-Frauenschaft und Deutsches

Frauenwerk stellen die Kräfte bereit, die von der NSV angefordert werden. Im Hilfswerk

„Mutter und Kind“, das man als das Kernstück nationalsozialistischer Volkswohlfahrtspflege

bezeichnen kann, arbeiten auch in Guben Mitglieder der NS-Frauenschaft...

Die Frauen des Hilfsdienstes, NSV-Schwester, NSV-Kindergärtenerin, die Frau im Bahnhofsdienst

usw., sie alle gehören in die Reihen der NS-Frauenschaft, die es als Ehrenpflicht

ansieht, zum Dienst an der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt bereit zu sein.

Über den Frauenhilfsdienst, der eine neue Einrichtung ist, bestehen noch Zweifel und Unklarheiten.

Hier widmet sich das junge Mädel zwei Jahre lang der Volksgemeinschaft. Diese Zeit

dient nicht ihrer Berufsausbildung, sondern ist freiwilliger Dienst am Vaterland, wie ihn der

junge Mann in der aktiven Wehrpflicht ausübt...

Das junge Mädel braucht nichts in den Hilfsdienst mitzubringen als ein williges Bereit- und

Aufgeschlossensein für die täglichen Dinge des Lebens...

Es haben sich auch bei uns in Guben zahlreiche Mädel zum Frauenhilfsdienst gemeldet, die

sich selbstlos einsetzen wollen, weil sie wissen, wie dringend ihre jungen Kräfte gebraucht

werden...

Alle Hände müssen mithelfen! Das ist der Sinn des Hilfsdienstes im Deutschen Frauenwerk

und ein Gedanke steht leuchtend darüber: Für Deutschland.

21

Quelle: Gubener Zeitung, 09. März 1939


Garnisonsstadt rüstet sich wie alle Jahre wieder zum

„Tag der Wehrmacht“

Wie wir vom Standort Guben erfahren, ist eine großzügige Ausgestaltung des „Tages der

Wehrmacht“ am 19. März geplant. Militärische Übungen, Gefechte, Fliegerangriffe,

Ballonrammen, Segelfliegen durch das NSFK, Eintopfessen, Besichtigungen und vieles mehr sind

vorgesehen. Die Veranstaltungen werden sich in der Kaserne in der Moltkestraße und auf dem

Flugplatz über den ganzen Tag erstrecken. Geplant ist von der Wehrmacht, Programme in großer

Menge herzustellen, um sie wahrscheinlich mit Flugzeugen abwerfen zu lassen. Daß die

Programme mit Anzeigen versehen werden sollen, dürfte wohl die Geschäftswelt

interessieren. Anzeigen nehmen die Geschäftsstelle derGubener Zeitung“ bis zum 7. März

entgegen.

Quelle: Gubener Zeitung, 03. März 1939

Und am 20.03.1939 konnte man dann in derGubener Zeitung“ lesen...

„Tag der Wehrmacht“

war ein großer Tag für Guben

Glanzvolle Darbietungen in der Kaserne und

auf dem Flugplatz

Über 15000 Besucher

-Auszug-

Gegen 9 Uhr begann es. Die Triftstraße hinab, die Seitwanner Straße entlang, in der

Moltkestraße – ein ununterbrochenes Fluten des großen Menschenstromes, der sich nach

der Kaserne bewegte. Guben besuchte seine Soldaten. Männer und Frauen, Mädchen und

Jünglinge, Familien im trauten Verein, in die zu gastlichem Empfang geöffnete Kaserne, um

einmal, gewissermaßen als „Urlauber“, die Soldaten zu besuchen, und um die Waffen

kennenzulernen, die unsere Soldaten beherrschen, ihre täglichen Geräte und

Ausrüstungsstücke, die Fahrzeuge und Hallen, und nicht zuletzt die Unterkünfte selbst...

Wer gegen ½ 11 Uhr ankam, merkte schon, der Besuch übertrifft die kühnsten Erwartungen. So

war es kein Wunder, daß mit dem Beginn der Vorführungen der große Platz des Kasernenfeldes

dicht belagert wurde. Aus den Kantinen und Feldküchen zog der Duft der dampfenden

Köstlichkeiten über den weiten Raum...

Der Höhepunkt der Veranstaltung in der Moltkestraße war auch gestern zweifellos die

Gefechtsvorführung

Langsam und zäh arbeitete sich eine Infanterie-Abteilung gegen den Feind vor. Die

Maschinengewehre ratterten, schwere Einschläge erschütterten die Stellung des Gegners. Sprung

auf, marsch, marsch...

22


Waffensammlung

Nachdem wir uns genügend gestärkt hatten, setzten wir unsere Wanderung fort. Der Weg

führte zur Waffenausstellung. Eine lange Reihe von modernen Waffen war hier ausgestellt

und wurde den wißbegierigen Besuchern fachkundig erläutert...

Auf dem Flugplatz

Nun wurde es höchste Zeit, um zu den Veranstaltungen auf dem Flugplatz zurecht zu

kommen. So eine „Völkerwanderung“ nach dem Flugplatz hat Guben noch nicht gesehen...

Seit dem frühen Morgen flogen Ketten über die Stadt. Fünferschwarm, Luftexerzieren,

Vorfliegen bestimmter Typen, Angriff auf Erdziele wechselten einander ab.

Nach den vorläufigen Feststellungen sind in der Kaserne und auf dem Flugplatz über 15.000

Besucher gewesen. Über 5.000 Eintopfessen wurden in der Kaserne und über 2.000 auf dem

Flugplatz ausgegeben. Das ist ein Erfolg für den das Regiment, die Flugzeugführerschule und das

NSFK der Gubener Bevölkerung danken.

Hitler wurde verherrlicht; man konnte überall lesen

Der Führer zerschlug die Ketten

von Versailles und schenkte uns

Groß-Deutschland

Eine starke Wehrmacht

schützt uns

Die freie Nation, Führerstaat und

Volk in Waffen ist im Geiste

nationalsozialistischer

Bereitschaft die Bürgschaft für

23

Quelle: Gubener Zeitung, 20. März 1939


Ehre, Recht und Brot!

Quelle: Gubener Zeitung, 19./20. April 1939

Ehrentag der SA-Standarte

Ganz Guben setzt um 18 Uhr die Flaggen – Sportwettkämpfe am Sonntag

-Auszug-

...Die Einwohnerschaft kann ihre oft bewiesene Treue zu Führer und Volk, ihre

Verbundenheit mit der heimischen SA kaum besser zum Ausdruck bringen als mit dieser

symbolischen Handlung.

Die „Straße der SA“

Im Rahmen der Veranstaltung zum Ehrentage der SA ist weiterhin die Umbenennung der

bisherigen Gasstraße in „Straße der SA“ verbunden.

Durch diese Umbenennung wird mit keiner alten Tradition gebrochen. Mit der neuen

Straßenbenennung hat die Stadt, wie die meisten Orte im deutschen Vaterland, auch ihrerseits

der SA, der immer einsatz- und opferbereiten Kampfgliederung der Partei, besonders im

Hinblick auf das viele von ihren Männern im Kampf um Deutschland vergossene Blut, eine

würdige Ehrung zuteil werden lassen...

„Einsatz für Volk und Vaterland“

Ein Betrieb geschlossen zur NSV

24

Quelle: Gubener Zeitung, 09. Juni 1939

Ein schönes Beispiel der Volksverbundenheit gab die Firma Salefsky & Rabe,

Kaltenborner Straße. Der ganze Betrieb ist jetzt geschlossen der NSV beigetreten, um

auch hier ihren Einsatz für Volk und Vaterland zu bekunden. Dieses Beispiel, das uns

diese Betriebsgemeinschaft gab, kann nur wärmstens empfohlen werden.

Quelle: Gubener Zeitung, 15./16. Juli 1939


Pressemitteilungen – Der sich abzeichnende Beginn des 2. Weltkrieges

Einig in Krieg und Frieden

Der deutsch-italienische Bündnispakt wurde heute Mittag in Gegenwart des

Führers unterzeichnet

*

25

Quelle: Gubener Zeitung, 22. Mai 1939

Japans Glückwunsch an Deutschland zum deutsch-italienischen

Bündnisvertrag

Friedenswerk im Ostseeraum

Quelle: Gubener Zeitung, 30. Mai 1939

Unterzeichnung der Nichtangriffsverträge mit Estland und Lettland

-Auszug-

Estland und Lettland schließen mit Deutschland Nichtangriffsverträge ab, die keine

Hinterhalte und Vorbehalte in sich tragen, sondern der allein die nächstliegenden Interessen

der Beteiligten dienen. Die strahlende Kraft, die von der konstruktiven, von Erfolg zu Erfolg

schreitenden Friedenspolitik des Führers ausgeht, hat sich auch hier wieder als

eindrucksvoller und stärker erwiesen, als das englische Suchen nach Bundesgenossen. Wer

noch zu einem freien und gerechtem Urteil fähig ist, hat hier wieder die beste Gelegenheit,

klar zu erkennen, wer den europäischen Frieden bedroht und wer ihn verteidigt.

Verträge, die Deutschland schließt, dienen nicht, wie die Einkreisungsmanöver, die von

England inszeniert werden, der Vorbereitung eines Krieges, sondern der Befestigung des

Friedens. Der Erfolg, den die Politik Adolf Hitlers auch im Ostraum gezeigtigt hat, ist

umfassend und wird seinen Eindruck auf die Welt nicht verfehlen. Deutschland bietet allen,

die guten Willens sind, dauernden Frieden und volle Freiheit.

Quelle: Gubener Zeitung, 07. Juni 1939


Schlagzeilen derGubener Zeitung“

Danzig oder Krieg

Der polnische Wahnsinn tobt sich weiter aus

26

Quelle: Gubener Zeitung, 10. August 1939

Verbrecherische Anstachelung der polnischen Begierden

10 Millionen von Deutschland „unterdrückt“. Auch wir Lausitzer sind

unterdrückt.“

Quelle: Gubener Zeitung, 10. August 1939

Deutschland soll ein Trümmerhaufen werden!

So schreien es heute die polnischen Schwerindustriellen in die Welt

Quelle: Gubener Zeitung, 10. August 1939

Danzigs einmütiges Bekenntnis zum Großdeutschen Reich

Kriegsdrohungen schrecken uns nicht!

Die Rede des Gauleiters Forster

Polnischer Soldat feuerte auf Danziger Grenzbeamte

Schüsse auf Pressevertreter

Quelle: Gubener Zeitung, 11. August 1939

Quelle: Gubener Zeitung, 11. August 1939

Quelle: Gubener Zeitung, 16. August 1939

Quelle: Gubener Zeitung, 17. August 1939


Polnischer Panzervorstoß auf Danzig geplant

Schwere Ausschreitungen in Dirschem gegen Volksdeutsche

Polen ordnet Gesamtmobilmachung an

Sofortige Beschlagnahme aller Beförderungsmittel

Der Unsinn hört jetzt auf

Danzig ist deutsch

Hitler suchte einen Grund

Deutscher zu Tode geprügelt

Das Ergebnis der polnischen Verfolgungsaktion in Ostoberschlesien

27

Quelle: Gubener Zeitung, 30. August 1939

Quelle: Gubener Zeitung, 31. August 1939

Quelle: Gubener Zeitung, 31. August 1939

Kattowitz, 18.August. Der immer mehr anwachsende Terror der Polen gegen die

Volksdeutschen hat zu dem folgenden unglaublichen Vorfall geführt:

Im Gefängnis von Pielar (Ostoberschlesien) ist der Deutsche Kaletta, der am Montag unter

einem nichtigen Vorwand verhaftet worden war, zu Tode geprügelt worden. Heute ist auch

seine Frau verhaftet worden. Sofort nach dem Abzug der Polizei stürmte der polnische Mob

Kalettas Wohnung und warf sein kleines Kind zum Fenster hinaus.

Quelle: Gubener Zeitung, 18. August 1939


Grausames Martyrium der verhafteten Deutschen

-Auszüge-

Kattowitz, 21.August. In den Kreis- und Industriestädten sieht man immer wieder Transporte

von verhafteten Deutschen, die wie gemeine Verbrecher aneinander gefesselt unter

außergewöhnlich starker polizeilicher Bewachung durch die Straßen gezerrt werden.

....

Wer sich nicht fügt, wird auf das Schlimmste mißhandelt, geschlagen und auf Drahtgeflechte

geworfen, deren Spitzen den armen Opfern ins Fleisch dringen…

Deutsche Volksgenossen!

28

Quelle: Gubener Zeitung, 21. August 1939

In großer und entscheidender Stunde habe ich heute auf Anordnung des Führers und

Obersten Befehlshabers der Wehrmacht die vollziehende Gewalt im Operationsgebiet

des Heeres übernommen und mit ihrer Ausübung die Oberbefehlshaber der Armeen

beauftragt.

Die Oberbefehlshaber der Armeen sind befugt, für ihr Armeegebiet Rechtsverordnungen und

Vorschriften aller Art zu erlassen und Zuwiderhandlungen unter Strafe zu stellen.

Alle Behörden und sonstigen Dienststellen verstehen ihre Aufgaben wie bisher. Das gesamte

Wirtschaftsleben läuft weiter.

Deutsche Volksgenossen! Ich erwarte von Euch, daß Ihr in gewohnter Disziplin alle

gegebenen Anordnungen befolgt und bereitwillig Mithilfe leistet, wo sie von Euch verlangt

wird. Ihr dient dem Vaterland und dem Führer, hinter dem das deutsche Volk wie immer in

eigener Geschlossenheit, Opferbereitschaft und Treue steht.

Es lebe der Führer!

Der Oberbefehlshaber des Heeres von Brauchitsch

Nach Mitteilung der zuständigen Militärbehörde gehören Stadt- und Landkreis zum

Operationsgebiet.

Guben, den 28.August 1939

Der Oberbürgermeister Der Landrat

Schmiedicke Dr. Kaempfe

Quelle: Gubener Zeitung, 28. August 1939


Erziehung und Schule

Gubener Jugend im Dritten Reich

29


Gubener Jugend im Dritten Reich

Erziehung und Schule in der Zeit von 1936 - 1940

Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten brachte tief einschneidende Änderungen

durch die Einführung des Staatsjugendtages, durch den alle der Hitlerjugend angehörenden

Kinder über zehn Jahren vom Unterricht am Sonnabend befreit wurden. Der planmäßige

Unterricht musste daher auf fünf Wochentage verteilt werden, wobei Kürzungen nötig

wurden. Die nicht von der nationalsozialistischen Jugendbewegung erfassten Kinder erhalten

am Sonnabend zwei Stunden staatspolitischen Unterricht; die übrige Zeit wird für Leibes- und

Geländeübungen, für Werk- und Nadelarbeit verwendet.

Um die Erziehung einheitlich im nationalsozialistischen Geiste zu gestalten, arbeiten

Lehrerschaft und die Jugendwalter aus der Elternschaft und der Hitlerjugend in der

Schulgemeinde zusammen. Außer dem planmäßigen Unterricht wird an den Gubener

Volksschulen noch erteilt: Haushaltsunterricht für die Mädchen des letzten Schuljahres in fünf

Schulküchen, Werkunterricht für Knaben an vier Schulen in Papp- und Holzarbeit,

Schwimmunterricht für die Knaben und Mädchen der 3. Klassen und die Nichtschwimmer der

2. und 1. Klassen in zwei Schwimmanstalten, Gartenbauunterricht an drei Schulen in eigenen

Schulgärten und im Städtischen Schulgarten. Spiel und Sport werden durch den

Spielnachmittag und durch die Leibes- und Geländeübungen am Staatsjugendtag gepflegt.

Für die weitere körperliche Erziehung war durch den Turnunterricht, durch sportliche

Übungen während der Spielnachmittage und durch Wanderungen Sorge getragen.

Ihren Höhepunkt erreichten diese sportlichen Veranstaltungen bei den Reichsjugendwettkämpfen,

die in Verbindung mit dem Tag der Jugend stattfanden und bei denen durch

Verleihung von Ehrenurkunden und Siegernadeln die besten Leistungen ausgezeichnet

wurden. Zu erwähnen sind hierbei auch die Handballwettspiele, die zwischen den einzelnen

Volksschulen durchgeführt wurden.

Von kulturellem Wert hat sich die Einrichtung einer Jugendbühne beim Stadttheater erwiesen;

ihre Aufführungen werden von den Schulkindern gern und rege besucht.

Aus der Schulchronik Pestalozzischule Guben

Die Volksschule V wurde eröffnet am 01. April 1902, nachdem bereits im Winterhalbjahr

1901/1902 einige Klassen der Schule III in ihr untergebracht worden waren. Die

Eröffnungsfeier, verbunden mit der Einführung des neu gewählten Rektors, fand statt Freitag

den 04. April, vormittags 10 Uhr. Vertreter der städtischen Behörden und Körperschaften, der

Schulaufsichtsbehörde sowie zahlreiche Eltern und Freunde der Schule wohnten ihr bei. Die

Schule wurde eröffnet mit 14 Klassen, je 6 ansteigenden Knaben- und Mädchen- sowie 2

gemischten Klassen.

30


Ereignisse aus den Schuljahren

Schuljahr 1936/1937

-Auszug-

…„Herr Bodsch wurde vom 22.02. bis 13.03. zu einer Landwehrübung eingezogen.

Herr Simon wurde 8 Tage für den Luftschutz in Birkenwerda ausgebildet.

Frl. Trosien nahm an einem Schulungslager teil.“…

…„Die Feiern der Schule wurden in der üblichen Weise abgehalten; ein sehr gut besuchter

Elternabend beschloss wiederum das Schuljahr.

Die Aula erhielt eine Büste des Führers.

Der Staatsjugendtag wurde aufgehoben, so dass für das Winterhalbjahr für die Oberklassen

ein neuer Stundenplan nötig wurde.“…

Schuljahr 1938/1939

-Auszug-

…„Das Schuljahr begann am 20.04.1938 mit der Feier des Geburtstages des Führers, die

Rede hielt Herr Poethke, …

…„Herr Schultka war während des Monats November eingezogen.

Herr Bodsch machte vom 15. bis 30. August eine Übung.“…

…„Im Rahmen des Vierjahrplanes waren die oberen Jahrgänge tätig:

Ährenlesen am 19. August in Sembten und Wilschwitz; Körnerertrag 75 u. 40 Pf Roggen =

115 Pf.

Außerdem wurden Heilkräuter (Ltg. Herr Bodsch) gesammelt und abgeliefert; ferner

Knochen (Behälter im Keller) und Papier, alte Bücher.

Für die Sudetendeutschen war besonders die 1. M. Kl. unter Herrn Janthur tätig. Sie haben

Kleidungsstücke gesammelt und Kinder betreut.

Am 24.09.1938 fand das Schulsportfest auf dem Reipoplatz unter der Leitung von Herrn

Schultka statt.

Am Tag der deutschen Hausmusik am 21.11.38 beteiligte sich der Chor der Pestalozzischule

unter der Leitung von Herrn Richter.

Vom 05. bis 10. Dezember war in Guben eine Schulbesuchswoche durch die Hoheitsträger

der Partei. Zweck: Einblick in die neue Unterrichtsarbeit; nationalsozialistisches

Gedankengut.

Am 05.12. nahmen am Unterricht teil: Oberbürgermeister Schmiedicke, Kreisleiter Koch,

Landrat Dr. Kaempfe, Kreisschulrat Moll, der Direktor der Napola von Neuzelle und noch

andere Herren. (Geschichte, Flugphysik, Turnen, Unterricht in den 8. Klassen)“

...„Für das Ehrenbuch des Winterhilfswerkes zahlten die Kinder 84,94 RM das Kollegium 43

RM, zusammen 127,94 RM.“…

Schuljahr 1939/1940

-Auszug-

...„Vor Beginn der Herbstferien wurde die Katholische Schule aufgeteilt; die Pestalozzischule

erhielt dadurch einen Zuwachs von 36 Kindern.

Am 19. August wurden Herr Bodsch u. Herr Griesbach zum Heeresdienst einberufen; am

20. Herr Schultka; alle drei machten den polnischen Feldzug mit.

31


Vom 01. bis 13. September war die Schule geschlossen; sie war Luftschutzrevier und

gleichzeitig Meldestelle für Freiwillige.“…

...„Da die Schule dem Selbstschutz untersteht, musste für die Schule ein Plan für den

Luftschutz aufgestellt werden. Die meisten Mitglieder des Kollegiums wurden im Luftschutz

ausgebildet. Auch Jungen und Mädchen der 1. Kl. mussten herangezogen werden.

Die Ferien wurden vorverlegt; sie waren vom 01. bis 10. Oktober.“…

...„Die Herbstferien dauerten nur 1 Woche.

Bis Weihnachten regelrechter Betrieb; im neuen Jahr setzte starke, anhaltende Kälte ein, so

dass die Schule vom 25.01. bis 16.03. geschlossen wurde.

Die Kinder mussten 2- bis 3-mal wöchentlich für kurze Zeit in der Schule erscheinen, um

Aufgaben zu erhalten und Arbeiten abzuliefern.

Alle Bemühungen der Stadt, Brennstoff zu beschaffen, scheiterten. Drei Tage vor

Schulschluss – am 18.03.1940 wurde der Unterricht wieder aufgenommen.“…

Quelle: 100 Jahre Pestalozzischule Guben 1902-2002 in Wort und Bild

Aus der Geschichte des Gubener Gymnasiums

-Auszug-

In der Zeit von 1933 bis 1945 vollzog sich für unsere zwei Schulen (Gymnasium und

Oberrealschule, Red.), die sie ja immer noch waren, eine große Änderung. Eine Neuordnung

im Schul- und Bildungswesen verfügte eine Vereinheitlichung der Schulformen und auch der

Lehrpläne für ganz Deutschland. Fortan gab es für die höheren Schulen nur noch zwei

Grundformen:

Hauptform: Oberschule für Jungen bzw. Mädchen

Sonderform: Gymnasium für Jungen.

Danach erging im Jahre 1937 von der höheren Schulbehörde die Anweisung, dass die beiden

Schulen, Gymnasium und Oberrealschule, aufzuheben und in Zukunft als eine Schule

„Oberschule für Jungen“ fortzuführen seien.

Der zweite Weltkrieg brachte Folgen für Schule und Unterricht mit sich. Im ersten

Kriegswinter 1939/40, in den folgenden Wintern nicht mehr, musste wegen Kohlemangel für

mehrere Wochen der Unterricht ausfallen.

Quelle: Gubener Heimatkalender 1993, Joachim Winkler, Seite 49

Die strukturelle Bildungs- und Erziehungslinie der Stadt Guben

Unterrichts- und Erziehungsanstalten

Städtische Oberschule für Jungen, Neustadt 3

Direktor: Oberstudiendirektor Wolff

Städtische Oberschule für Mädchen (hauswirtschaftliche Form), Grüne Wiese 50

Direktor: Oberstudiendirektor Dr. Geipel

32


Volksschulen: Staatl. Schulrat für Guben Stadt: 1939 unbesetzt, Stellvertr. Rektor Eitze

(Pestalozzischule)

• Stadtschule, Schulstraße 21

Rektor: Riemer

• Sandschule, Sand 1a, Kaniger Str. 1

Rektor: Dr. phil. Hirsch

• Klosterschule, Kirchstr. 4

Rektor: Wilhelm

• Osterbergschule, Triftstr. 5

Rektor: Schulz

• Pestalozzischule, Bothmerstr. 12

Rektor: Eitze

• Hindenburgschule, General von Seedt Str. 1

Rektor: Knabe

• Hilfsschule, Schulstr. 15

Rektor: Dreher

33

Quelle: Einwohnerbuch der Stadt Guben 1939

Zwei erfolgreiche Bildungsanstalten

Besuch der städtischen Oberschulen für Jungen und Mädchen

- Auszug -

Im Rahmen der Schulbesuchswoche im Kreise Guben-Stadt und –Land

wurden gestern die Städtische Oberschule für Jungen und die Städtische

Oberschule für Mädchen besucht. Nach kurzer Begrüßung durch

Oberstudiendirektor Wolff gab ein Besuch der Unterrichtsstunden einen guten

Überblick über den Leistungsstand dieser städtischen Anstalten. Auch hier

bildeten Lehrkräfte und Schüler eine Leistungsgemeinschaft, die über den

Durchschnitt hinausragt.

Was sich schon in den Volks- und Berufsschulen als erfreulicher Tatbestand

herausstellte, nämlich der Wille der Schüler zur eigenen Verarbeitung des Stoffes, trat

in den besichtigten Klassen noch stärker in Erscheinung.

Im Anschluß an die Besichtigung der Oberschule für Knaben fand auch die Besichtigung der

Oberschule für Mädchen statt, die durch die Oberstufe in hauswirtschaftlicher Form

(dreijährige Frauenschule) für Guben noch größere Bedeutung hat.

Die Bildungsaufgabe dieser Frauenschule besteht darin, durch stetige wechselseitige

Durchdringung von Dienst und Einsicht die Mädchen in ihrer Gesamthaltung, ihrem Wissen

und Können so zu erziehen, daß sie befähigt werden, das Lebensschicksal ihres Volkes

sinnvoll handelnd mitzugestalten und auf dem Schaffensgebiete der deutschen Hausfrau und

Mutter vorbildlich zu wirken ...

Quelle: Gubener Zeitung, 09. Dez. 1938


Lange Hosen unter den Bänken der Dorfschulen

-Auszug-

Mit der Besichtigung der Dorfschulen und ländlichen Berufsschulen fand gestern die

„Schulwoche“ in Guben-Stadt und –Land ihren Abschluß. Es wurden absichtlich keine

„Kabinettstücke“ gezeigt, sondern Schulen, die sich nicht durch irgendwelche

Voraussetzungen auszeichnen. – Der gestrige Tag hat aber außer dem noch für die

Schulgeschichte des Landkreises Guben eine besondere Bedeutung, da die neue Schule in

Wiesenau gerichtet wurde, die erste Dorfschule mit einer Turnhalle.

Das Schulwesen im Landkreise Guben steht hier und dort natürlich auch vor schwierigen

Problemen, die man nicht über das Knie brechen lösen kann. Aber gerade in den letzten

Jahren ist viel für die Unterrichtung der Dorfjugend geleistet worden. Wir wissen ebenso

genau, daß auf diesem Gebiete in unserem Heimatkreise weiter gearbeitet wird und daß noch

manche Wandlung zum Vorteil unserer Landjugend eintreten wird.

An der gestrigen Reise nahmen Landrat Dr. Kaempfe, Kreisschulrat Moll, Kreisbauernführer

Heinze, Vertreter der Partei, der Gliederungen, der Verwaltung und der Wirtschaft teil...

Die Suche nach der versunkenen Zeit

-Auszug-

34

Quelle: Gubener Zeitung, 10./11. Dez. 1938

Das Jahr 1939 brachte einen tiefen Einschnitt in die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das

neue Schuljahr begann am 20. April und der Verfasser dieses Beitrages kam in die damals

8. Klasse (1.Klasse) der Pestalozzischule. Es waren die letzten Monate des Friedens vor dem

Weltkrieg, in dessen Folge die Stadt Guben schwer zerstört und danach geteilt werden sollte.

Der Verfasser besuchte von 1939 bis 1943 die genannte Schule. Danach bis Januar 1945 die

Oberschule für Jungen in der Neustadt. Bücher und Zeugnisse gingen in den Wirren des

Frühjahrs 1945 verloren. Geblieben sind Erinnerungen an die Schule mit der Anschrift

Bothmerstraße 12 an dem damals noch unbebauten Platz. Unsere Lehrer der 8. Klasse mit 44

Jungen waren folgende:

der graumelierte, hochgewachsene Rektor Franz Eitze, ein Frontkämpfer des Ersten

Weltkrieges;

der gestrenge, teils unberechenbare Otto Richter, nach 1945 zeitweilig Rektor an der Schule

und Stadtverordneter der Liberaldemokratischen Partei;

Klassenlehrer Herbert Weber;

Gerhard Simon, der uns in Heimatkunde einführte;

Rechenlehrer Paul Janthur;

Alfred Lüdicke für Naturkunde

und Herrmann Schultka als Turnlehrer.

Am 1. September 1939 zogen auch die Einheiten der Gubener Garnison und weitere Männer

der Stadt an die polnische Front. Lapidar heißt es dazu in der Schulchronik: „Herr Bodsch,

Griesbach und Schultka machen den polnischen Feldzug mit.“ Wir Schüler verfolgten das

Geschehen über Bilder (bald über die „Deutsche Wochenschau“), Zeitschriften („Deutsche

Jugendburg“) oder die Heftreihe „Kriegsbücherei der deutschen Jugend“.

Sechs Jahre später lautete die letzte Eintragung in der Chronik durch Rektor Eitze:

„Unterricht bis 21.1.1945, dann wurde die Schule Lazarett.“

Quelle: Lausitzer Rundschau vom 13. April 2002, Gerhard Gunia


Berufsausbildung in Guben

Städtische Berufsschulen und Berufsfachschulen, Schulstr. 21 (Zimmer 27)

Direktor: Siewert

1. Gewerbliche Klassen für Knaben, Direktorstellvertr.: Okrusch

48 Klassen für Lehrlinge (Elektriker, Maschinenbauer, Schlosser, Schmiede,

Wagenbauer, Maurer, Zimmerer, Tischler, Maler, Schrift- und Buchgewerbe,

Bäcker, Fleischer, Kellner, Bekleidungsgewerbe, Friseure, Musiker, Gärtner,

gemischte Berufe, Fabrikarbeiter)

2. Gewerbliche Klassen für Mädchen, Direktorin: Neumann

5 Klassen für Lehrlinge (Schneiderinnen, Putzmacherinnen, Haararbeiterinnen)

13 Klassen für Fabrikarbeiterinnen

15 Klassen für Haustöchter, Haushaltslehrlinge und Hausangestellte

3. Städtische Handelslehranstalten, Direktor: Siewert

A) Kaufmännische Berufsschule für Knaben und Mädchen (20 Klassen)

B) Öffentliche Handelsschule; Dauer des Lehrgangs: 2 Jahre, 1939 4 Klassen

C) Höhere Handelsschule; Dauer des Lehrgangs: 2 Jahre

4. Wahlfreie Kurse für Erwachsene

Privatwirtschaftslehre, Handelstechnik, Fremdsprachen, Mathematik,

Fachzeichnen, Kurzschrift, Maschinenschreiben

Stand des Berufsschulwesens 1939

35

Quelle: Einwohnerbuch der Stadt Guben 1939

Es konnte offensichtlich von einer erfreulichen Stabilisierung der immer besseren

berufstheoretischen Bildung für zahlreiche Berufe an der Städtischen Berufsschule

gesprochen werden. Der Mitte der 1930er Jahre eingeführte Berufswettbewerb sollte die

lernende Jugend zu weiterem Lerneifer motivieren. Es gab für jede Berufsgruppe jährlich

einen Kreis-, einen Landes- und Reichssieger. Diese Auszeichnung war mit entsprechender

beruflicher Förderung verbunden.

Gewerbliche Lehrlinge aus dieser Zeit berichten, dass der Unterricht wöchentlich sechs

Stunden betrug und an einem Nachmittag von 13:00 Uhr bis 19:00 Uhr stattfand.

Lehrwerkstatt in der Textilindustrie

1938 gründete die Tuchfabrik F.W. Schmidt in der Kurmärkischen Straße Nr. 13 bis 16 (heute

Berliner Straße) die erste Lehrwerkstatt in Guben. In den Kriegsjahren verringerte sich

merklich die Zahl der männlichen Arbeitskräfte. Die Arbeitsbedingungen wurden härter. So

stand z.B. ein Weber oder eine Weberin täglich elf Stunden am Webstuhl, sonnabends

sieben Stunden. Auch die Befähigung der Weber zur Bedienung von zwei Webstühlen wurde

angestrebt.


Das war damals noch die Ausnahme in der Wollstofffabrikation. In den Kriegsjahren wurden

vorwiegend Militärtuche und Decken produziert. Das Unternehmen F.W. Schmidt als

mittlerer Betrieb mit etwa 300 Beschäftigten konnte offenbar die Lehrwerkstatt nicht mehr

finanzieren.

So kam es Pfingsten 1942 zu einer Neubildung in der Alten Poststraße 50 (dem ehemaligen

Schliefschen Grundstück) mit der Beteiligung aller sieben Tuchfabriken:

C. Lehmann‘s Wwe & Sohn, W. Wolf, H. Schemel, F.W. Schmidt, Lehmann & Richter,

F.W. Huschke und Müller & Dörfling. Als Schriftführer dieser Gemeinschaftslehrwerkstatt

fungierte der letzte Inhaber der Firma CeLeWes, der heute 90-jährige, in Hamburg

wohnende Karl Peter Lehmann-Bärenklau. In einem Protokoll vom 22.04.1942 sind sie

aufgeschlüsselt.

So galt 1942 für alle genannten Betriebe je Beschäftigten als Beitrag für die Lehrausbildung

der Satz von jährlich 10,00 RM, ab 1943 nur noch 5,00 RM, wohl ein Ergebnis höherer

produktiver Lehrlingsleistungen als erwartet. Die Erziehungsbeihilfe (so wurde das

Lehrlingsentgelt genannt) betrug für die Lehrlinge im 1. Lehrjahr wöchentlich 6,00 RM, im

2. Lehrjahr 8,50 RM und im 3. Lehrjahr 10,50 RM.

Die Ausbildung in Lehrwerkstätten ist mit Sicherheit als ein Fortschritt in der

Berufsausbildung zu werten. Schließlich kann der Lehrstoff zum Erwerb der erforderlichen

Kenntnisse und Fertigkeiten planmäßiger und systematischer vermittelt werden als das in

Einzelausbildung möglich ist. Ein ausgewogenes Maß von Übung und Anwendung ist in einer

Lehrwerkstatt zweifellos erfolgreicher zu verwirklichen.

Abschluss der Lehre

Die Lehrzeit endete zu dieser Zeit wie mittlerweile in den meisten Berufen im Allgemeinen

nach 3 Jahren. Sie schloß mit einer Prüfung in Berufspraxis und Berufstheorie ab. Für Guben

war die Industrie- und Handelskammer der Niederlausitz Cottbus zuständig. Mitglieder der

Prüfungskommission waren ausgewählte und dafür bestätigte Fachkräfte der jeweiligen

Berufsgruppe, in der Regel fünf. Ein Fachlehrer der Berufsschule gehörte dazu. Neben einer

Überprüfung theoretischer Kenntnisse stand nach alter Tradition das Gesellenstück im

Mittelpunkt der Bewertung. Der gesetzlich vorgeschriebene Berufsschulbesuch musste erfüllt

sein und mit einem Abgangszeugnis belegt werden.

Der Betrieb

Die Fabrik befand sich in der Berliner Straße 13 (vormals in Reihenfolge: Bahnhofstraße,

Kubestraße, Kurmärkische Straße, Wilhelm-Pieck-Straße, heute Berliner Straße).

In dem neueren vieretagigen Gebäude waren die Appretur mit Walke und Wäscherei,

Trockenappretur, Rauerei, Schärerei und die zur Weberei gehörende Ausnäherei

untergebracht. Der Mitteltrakt, in dem sich das Tuchlager und der Versand, die

Geschirrmacherei und im oberen Stockwerk die Lehrwerkstatt und zu ebener Erde die

Tischlerei, Schlosserei sowie andere Werkstatt- und Lagerräume befanden, ist inzwischen

abgerissen.

Das kleine Gebäude rechts von der Einfahrt war das Pförtnerhäuschen. Dahinter befand sich

ein Aufsteller mit Stechuhr. Hier wurde täglich die Anwesenheit jedes Beschäftigten mit

genauer Uhrzeit registriert.

36


Die weitere, nicht mehr existierende Bebauung hinter dem neueren Gebäude bis zur Egelneiße

umfasste die Spinnerei, Weberei, Färberei und das Heizhaus.

Gerhard Gunia schrieb im „Neiße-Echo“ vom 26.04.1991 auf Seite 17 zu der Firma

F.W. Schmidt u. a.:

„Die städtische Chronik weiß zu vermerken, dass hier 1864 der Tuchmachermeister Heinze

eine Fabrik errichtet hatte, die danach vom Tuchfabrikanten Friedrich-Wilhelm Schmidt

erworben und erweitert wurde.“

Die Firma hatte zu meiner Zeit vier Chefs, die Brüder Paul und Fritz Schmidt sowie die

Söhne von Fritz Schmidt, Wilhelm und Werner Schmidt.

Wilhelm Schmidt war für die Lehrwerkstatt zuständig. Noch vor Kriegsende oder bald danach

haben alle diese Schmidt-Familien Guben verlassen. Sie haben nach meiner Information in

Kapstadt eine Tuchfabrik errichtet oder erworben. Genauere Informationen fehlen.

Sport – fester Bestandteil im Tagesplan

6:00 Uhr bis 6:30 Uhr Frühsport. 12:00 Uhr bis 14:00 Uhr Sport.

Der Frühsport wurde jeden Morgen auf dem gegenüberliegenden Gelände der NSV

(Nationalsozialistische Volksfürsorge), heute Volkssolidarität, durchgeführt. Nach dem

Mittagessen traten wir in unseren Trainingsanzügen zum Sport an.

In 2er Reihen marschierten wir neben den Straßenbahnschienen mit einem Liedchen auf den

Lippen (u. a. „Die blauen Dragoner, sie reiten…“) in Richtung Dreieck, Egelneißebrücke.

Von hier ging es auf dem Egelneiße- und Neißedamm im Laufschritt zum 1.100 m entfernten

Turnerwäldchen. Neben Gymnastik gab es hier Ballspiele, hauptsächlich wurde „gemauckt“ –

Fußball gespielt. Herr Kümmerle (der Ausbilder, Red.) kam oft mit dem Fahrrad nach und

„maukte“ mit.

Essen und Esskultur

Das Essen war reichlich und gesund. Eben wegen der Gesundheit gab es morgens fast immer

bis zur Puddingkonsistenz gekochte Haferflocken. Die Klebekraft dieser Masse reichte dazu

aus, dass selbst bei umgestülpten Tellern nichts herausfiel. Jedoch: ein Kännchen Milch stand

für diejenigen, die den Brei nicht schlucken konnten, auch auf dem Tisch. Zweimal in der

Woche gab es zum Mittag Kochfisch, Kabeljau oder Schellfisch. Auch das kannten alle von

ihrem Zuhause nur als Seltenheit. Oft gab es sehr schmackhaften Eintopf und auch

wohlschmeckende Bratengerichte. Natürlich war zu jedem Mittagessen einer von uns mit

einem Tischspruch an der Reihe. Bezüglich Esskultur herrschten strenge Sitten. Wer schlechte

Haltung zeigte, nicht ordnungsgemäß aß oder gar quatschte, musste für eine oder mehrere

Male das Essen im Stehen einnehmen. Diese Erziehungsmaßnahme ist wohl heute kaum

vorstellbar. Sie wurde auch zur Ahndung anderer Vergehen angewendet.

Theoretische Berufsausbildung

Die Städtische Berufsschule befand sich in der Stadtschule, der ältesten Volkshochschule in

Guben. In diesem Gebäudekomplex zwischen Schulstraße, Stadthof, Crossener Mauer und

Küstergasse hatte auch die Handelsschule ihren Standort.

Unter den 48 Fachklassen für Lehrlinge befanden sich auch mehrere Textilklassen eines

Lehrjahres. Der Unterricht fand wöchentlich einmal von 13:00 Uhr bis 19:00 Uhr

durchgängig in allen 3 Lehrjahren statt. Unser Klassen- und zugleich Fachlehrer war

Gewerbeoberlehrer Karl Reißer.

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Zusammenarbeit mit den Eltern

Eine Zusammenarbeit mit den Eltern in Form direkter Kontakte gab es nur individuell und

nach Bedarf. Ständige Verbindung zwischen Elternhaus und Ausbildungsbetrieb bestand

durch die Unterschrift zu allen Wochenberichten auch noch im letzten Monat der Lehre.

Diese Art der Kontrolle habe ich nicht als lästig empfunden, eher als notwendig.

Quelle: Auszüge aus „Berufsausbildung in Guben vor und nach 1945“, Werner Micksch

März 1937

„Jugend zeigt ihr Können“

Was ergab der Reichsberufswettkampf für Guben

-Auszug-

In Guben hatten sich rund 2600 Teilnehmer am Reichsberufswettkampf gemeldet und alle

haben sie auch mitgemacht. Mit Ausnahme von rund 5 v. H., die krank waren.

Damit haben wir fast restlos alle Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr, die hier in Guben im

Beruf stehen, erfaßt. Bedenken wir, daß die Teilnahme eine freiwillige war; daraus spricht der

Tatwille der Jugend....

Halten wir auch das eine fest, daß die Betriebsführer ihre Betriebe und die Meister ihre

Werkstätten in einer echten aufrechten Art und Weise zur Verfügung stellten.

In einigen Wettkampfgruppen haben wir Spitzenleistungen zu verzeichnen.

Trotzdem wird aber noch mancher Meister etwas mehr Wert auf die Ausbildung neuer

Lehrlinge legen müssen und auch die Lehrlinge selbst müssen aus sich heraus noch ein weit

größeren Einsatz zur Leistung mitbringen; auch die Eltern können hier viel tun, indem sie ihre

Kinder zu einem größeren Berufsinteresse anhalten...

Reichsarbeitsdienst (RAD)

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Quelle: Gubener Zeitung, 01. März 1937

Infolge der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland führte die Brüning–Regierung mit der

Notverordnung vom 05.06.1931 einen begrenzten freiwilligen Arbeitsdienst ein. Finanziert

und geleitet wurde er über die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und

Arbeitslosenversicherung. Die Lager des Arbeitsdienstes wurden von „Trägern des Dienstes“

(dies waren unterschiedliche Organisationen) geleitet. Sie betreuten die bis zu 25jährigen.

In Guben war es zuerst der Kolonialverein, dann später der „Stahlhelm“, dem das Lager zugeordnet war.

Die NSDAP wurde 1934/35 alleiniger Träger des RAD. Im RAD sollte die deutsche Jugend

in Geiste der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und zur wahren Arbeitsauffassung,

vor allem zu gebührender Achtung der Handarbeit, erzogen werden.“


Das Hitlerkabinett faßte am 26. Juni 1935 den Beschluß, ab 1. Juli 1935 den RAD in

Deutschland einzuführen. Denn die Arbeitslosigkeit, auch bei der Jugend, war noch spürbar

und besorgniserregend hoch. Das Gesetz legte die sechsmonatige Arbeitsdienstpflicht

zunächst für männliche Jugendliche fest.

Ein Sprecher der NSDAP beteuerte, der RAD wird keine getarnte Wehrmacht,

auch nicht ihre Vorstufe sein.

Das Gubener RAD-Lager befand sich auf dem ehemaligen Gelände der Gaststätte „Volksgarten“ entlang der Crossener Straße.

Hier waren 200 Jugendliche untergebracht, die in Guben und Umgebung ihre körperlich

schweren Arbeitseinsätze durchführten. Wichtigstes Transportmittel war das Fahrrad.

Die jungen Männer wurden eingesetzt bei der Trockenlegung des Stichlingsgraben bei

Seitwann, der Entwässerung der Grabkoer Seewiesen, zur Harzgewinnung nahe der Försterei

Heidekrug und auch zur Bekämpfung von Waldbränden.

Die Ausbildung war sehr militärisch, es gab u. a. Marsch- und Exerzierübungen mit dem

Spaten.

Ein Beispiel des Einsatzes des RAD als billige Arbeitskräfte war seine Mitwirkung beim

Kraftwerksbau im Kreis Sorau („Boberkraftwerk“). Das Kraftwerk an der Bober ging 1936

mit der ersten Turbine in Betrieb. Jahre später warteten Hitlers Schlachtfelder auf die jungen

Männer.

Zwei Jahre später wurde es auch für die Mädchen ernst. Zuerst, 1938, wurde für Mädchen das „Pflichtjahr“ eingeführt. Dies galt für ledige

Mädchen bis zu 25 Jahre, die einen Beruf in der Leichtindustrie oder im Büro erlernen wollten. Sie sollten für ein Jahr Hausfrauen auf dem

Lande oder in der Stadt (zumeist mit mehreren Kindern) unterstützen. Wurden sie direkt zur Landarbeit herangezogen, war die Unterkunft im

HJ-Lager.

Mit Ausbruch des Krieges im September 1939 wurde die Arbeitsdienstpflicht für die

weibliche Jugend eingeführt. Damit sollte die Stärke des RAD für die weibliche Jugend auf

10.000 erhöht werden. Betroffen davon waren 17- bis 25-jährige, die nicht voll berufstätig

waren, in keiner Ausbildung standen und als mithelfende Familienangehörige in der

Landwirtschaft nicht dringend benötigt wurden.

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Quelle: Manuskript Gernod Arlt

„Der Arbeitsdienst ist Ehrendienst am deutschen Volke. Alle jungen Deutschen beiderlei

Geschlechts, sind verpflichtet, ihrem Volke im Reichsarbeitsdienst zu dienen.

Er soll die deutsche Jugend im Geiste des Nationalsozialismus und zur wahren

Arbeitsauffassung erziehen.“

Quelle: Gubener Zeitung, 08. Juli 1936

Einführung der Arbeitsdienstpflicht von Abiturienten

Abiturienten mit Studienabsicht mit halbjähriger Verpflichtung sind in den

Reichsarbeitsdienst einzustellen, sofern sie das 17. Lebensjahr vollendet haben und

arbeitsdiensttauglich sind.

Die Meldung hat persönlich bei der Polizeibehörde zu erfolgen zur Ausstellung eines

Freiwilligen-Scheines für den Arbeitsdienst.

Hauswirtschaftliche Arbeitspflicht des BDM

Quelle: Gubener Zeitung, 24. Jan. 1936


-Auszug-

Um eine generelle hauswirtschaftliche Ertüchtigung zu ermöglichen und um eine

Vorschulung für die sozialen und pflegerischen Berufe zu schaffen, wird es jedem Mitglied

des BDM zur Pflicht gemacht, im Alter von 14 bis 21 Jahren hauswirtschaftliche Arbeit zu

leisten.

Auf die hauswirtschaftliche Ertüchtigung wird die Teilnahme am Landjahr und dem

Arbeitsdienst für die weibliche Jugend angerechnet.

Jede berufsmäßige, häusliche oder landwirtschaftliche, soziale, pflegerische oder

erzieherische Tätigkeit befreit ebenfalls von der hauswirtschaftlichen Arbeitspflicht.

Mädel im blauen Kleid

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Quelle: Gubener Zeitung , 07. Jan. 1938

Statt Füllhalter den Harkenstiel / Die Praxis warf alle Vorurteile um

-Auszug-

... Als es hieß, daß der Arbeitsdienst für die weibliche Jugend dem Bauern helfen sollte, da

sagten sich die Dorfbewohner, daß dabei nichts Gescheites herauskommen könnte.

Aber dieses Vorurteil brach wie ein Kartenhaus zusammen und die Praxis hat das Gegenteil

bewiesen. ...

Dank der Unterstützung des Kreises Guben konnte das Arbeitsdienstlager (bisher männliches)

umgewandelt werden.

Die Arbeitsmädchen, die die Bauern bei der Arbeit unterstützen, sind zu wichtigen

Helferinnen geworden und erfüllen so eine Aufgabe, deren Bedeutung nicht unterschätzt

werden soll und darf.

Ein Tag beim Frauen-Arbeitsdienst sieht etwa so aus:

Wecken, Frühsport, Frühstück, Arbeitsdienst beim Bauern, Bettruhe, Freizeit, Zapfenstreich

Der Arbeitsdienst der weiblichen Jugend, dessen einziges Lager unseres Kreises sich in

Amtitz befindet, ist ein wichtiger Faktor in unserem bäuerlichen, sozialen und

wirtschaftlichen Leben geworden.

Quelle: Gubener Zeitung, 11. Aug. 1937


Besuch der Betriebsführer und Meister

Im Lager bei den Jungarbeitern

... Die Worte „Arbeit adelt“ und „Leistung entscheidet“ sollten über allen Jungarbeiterlager

stehen. Sie sollen den Jungen Mut und Freude an ihrer Arbeit geben, damit sie zugleich an

ihrer Arbeit eine Verpflichtung empfinden.

„Ihr könnt von Euren Jungs alles verlangen, wenn ihr sie nur richtig anfaßt. Seid ihnen

Kameraden und helft ihnen. Ihr helft euch selbst und Deutschland.“

Von Jugendwalter des Gaues Kurmark – Willi Strempel

Landjugend Guben:

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Quelle: Gubener Zeitung, 13. Juli 1936

Morgen 20 ¼ Uhr Sprechabend der Mädel in der Landwirtschaftlichen Schule.

Vortrag: „Die Erzeugungsschlacht, ein Abwehrmittel gegen den Bolschewismus.“

Erscheinen aller Mädel der Ortsbauernschaft Guben ist Pflicht.

Quelle: Gubener Zeitung, 03. Feb. 1937


Gubener Jugend im Dritten Reich

Die Hitlerjugend

Aufmarsch auf dem Marktplatz ;

Fotos: Archiv E. Wittchen

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Hitlerjugend

Die Hitlerjugend in Guben

von Gernot Arlt – Gubener Heimatkalenderverein und

Werner Micksch - Gubener Heimatbund

(siehe Gubener Heimatbrief 02/2004)

-Auszug-

Entstehung, Grundsätze und Ziele der Hitlerjugend im Dritten Reich

Die Hitlerjugend (HJ) war während des Dritten Reiches (1933 – 1945) die einzige

Jugendorganisation. Alle bestehenden Jugendorganisationen und –Vereine wurden durch das

Inkrafttreten des Ermächtigungsgesetzes 1 vom 23. März 1933 Anfang der 30er Jahre aufgelöst

oder verboten – es wurde angestrebt, ihre Mitglieder in die HJ zu überführen.

Die HJ war Nachwuchsorganisation der NSDAP und wurde von ihr politisch geführt.

Der Weg des männlichen Jugendlichen führte von der HJ zum Reichsarbeitsdienst und

von ihm zur Wehrmacht.

Die wichtigsten Etappen der HJ Geschichte

Ab 1936 erfolgte die Aufnahme in das Jungvolk und den Jungmädelring immer am 20.

April – dem Hitlergeburtstag.

Das „Gesetz über die Hitlerjugend“ wurde am 01.Dezember 1936 verabschiedet. Nunmehr

war die HJ neben Elternhaus und Schule der dritte „Erziehungsfaktor“.

1938 wurde das BDM-Werk „Glaube und Schönheit“ geschaffen. Dieses Werk war für die

17- bis 21-jährigen Mädchen bestimmt. Hier sollten sie in Arbeitsgemeinschaften Gymnastik

und Hauswirtschaft mitarbeiten.

1939 erfolgte die Einführung der „Jugenddienstpflicht“. Damit war es für alle Kinder und

Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren Pflicht, in der Jugendorganisation Dienst zu tun.

Die Entwicklung in Guben

In der Neißestadt und in Crossen wurde der „Bann 12“ geschaffen, dem die männlichen

Mitglieder angehörten. Für die Mädchen war der „Untergau 12“ Crossen-Guben zuständig,

der dann später in den „Bann 12“ einging.

Die Stadt Guben unterstützte in den ersten Jahren die bedürftigen HJ-Mitglieder beim Kauf

der „Dienstkleidung“ (Uniform).

1 Ermächtigungsgesetz: Notstandsregelung der Weimarer Republik; erlaubte der Regierung

gesetzl. Verordnungen ohne Befragung des Parlaments zu erlassen; angewendet 1923

(Inflation) u. besonders bei der Machtergreifung durch die Nat.-Sozialisten (24.3.1933):

"Gesetz zur Behebung der Not von Volk u. Reich" zur Wahrung scheinbarer Legalität

Quelle: NEUES UNIVERSAL LEXIKON IN FARBE - 2002 Trautwein Lexikon-Edition

Genehmigte Sonderausgabe - Compact Verlag München

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Die Aufnahme und Verpflichtungen der 14-jährigen in den BDM und der Jungen in die HJ

erfolgten am 31. März 1940 erstmals im großen Rahmen auf dem Marktplatz. Auch Eltern

waren zu dieser Zeremonie erschienen.

Auch Jugendweihen waren damals üblich. Sie wurden mit nazistischer Ideologie gestaltet im

Schützenhaus durchgeführt.

In Lehrverträgen wie in denen der Tuchfabrik F.W. Schmidt, war der Passus enthalten, daß es

Pflicht des Lehrlings ist, sich aktiv in der HJ zu betätigen.

Struktur Bann

HJ DJ

JM

Stamm Jungstamm

BDM

Mädelring Jungmädelring

Gefolgschaft Fähnlein Mädelgruppen Jungmädelgruppe

Schar Jungzug Mädelschar Jungmädelschar

Kameradschaft Jungenschaft Mädelschaft Jungmädelschaft

HJ = Hitlerjugend - Jungen von 14 bis 18 Jahren

DJ = Deutsches Jungvolk – Jungen von 10 bis 18 Jahren

BDM = Bund Deutscher Mädchen – Mädel von 14 bis 21 Jahren

JM = Jungmädelring

Mädel von 10 bis 14 Jahren

Mädel von 17 bis 21 Jahren konnten im BDM-Werk

„Glaube und Schönheit“ mitarbeiten

Neben der „allgemeinen“ HJ gab es die Nachrichten-, Motor-, Reiter-, Flieger- und Marine-

HJ. Die Feuerwehr-HJ wurde in der Berufsfeuerwehr Dreikreuzstraße ausgebildet.

Der „Streifendienst“, eine Einheit, die in Filmtheatern und Gaststätten die Einhaltung des

Jungendschutzgesetzes kontrollierte und den Ordnungsdienst bei Sport- und

Großveranstaltungen versah, besaß hohe Autorität.

Ausbildung

Die militärische Ausbildung der Jugendlichen fand auf zwei Wegen statt: zum einen in den angeführten „Spezialeinheiten“, zum anderen in

der allgemeinen Ausbildung. Diese beinhaltete Marsch- und Exerzierübungen, das Erlernen von Marschliedern sowie Gepäckmärsche und

Geländeübungen. Höhepunkte dabei waren die „Kriegsspiele“. Zum Beispiel kämpfte eine Gefolgschaft (ca. 130 Jungen) gegen eine andere

um ein bestimmtes Ziel in den Kaltenborner Bergen...

Die Jugendlichen westlich der Bothmerstraße (heute Friedrich-Engels-Straße) absolvierten ihre Marsch- und Exerzierübungen im Wäldchen

nahe dem Wasserwerk. Ihre Fähnlein (Einheit mit etwa ca. 120 Jungens) hießen Schill, Blücher und Scharnhorst – Namen berühmter

Militärs. Neben dem militärischen Dienst gab es für die HJ-Mitglieder regelmäßig die unbeliebten politischen Schulungen. Sie erfolgten nach

Schulungsbriefen der NSDAP...

Der BDM hatte mittwochs und sonnabends Dienst. Der Mittwoch blieb dem Sport

vorbehalten. Am Sonnabend war der beliebte Heimabend, denn hier wurde gesungen,

gespielt, vorgelesen und Vorträge angehört...

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Sport, Spiel, Kultur

Der Sport war ein bedeutender Bestandteil in der HJ. Die Jugendlichen sollten „hart wie

Kruppstahl, zäh wie Leder und flink wie die Windhunde“ werden. Die bereits

erwähnten und seit 1935 jährlich durchgeführten Reichssportwettkämpfe standen dabei

im Mittelpunkt.

Bann- und Gebietsausscheide hatten immer viele Teilnehmer und begeisterten Wettkämpfer

wie Zuschauer.

Die Stadt Guben unterstützte das sportliche Treiben. Sie weihte während der 700-Jahr-Feier

1935 ein nach damaligen Gesichtspunkten modernes Stadion am Nordrand der Stadt, an der

Seitwanner Straße Nähe Flugplatz ein.

Anläßlich der Olympischen Sommerspiele 1936 in Deutschland standen beim HJ-Sportfest in

Guben Leichtathletik und Schwimmen im Vordergrund. Im gleichen Jahr führte die

Neißestadt Bann- und Gebietsmeisterschaften durch.

Neben dem Sportleistungsabzeichen in Bronze, Silber und Gold gab es das „Leistungsabzeichen der HJ“. Hierbei waren neben sportlichen

auch wehrsportliche Leistungen zu absolvieren.

Die Mädchen spielten auf Sportplätzen wie Komet (damals Jahn-Sportplatz), Kiekebusch

(VfL Guben) und Spicherer Platz Völkerball, Schlag- und Hand- oder Brennball. Im Winter

wurde in den Turnhallen der Schulen Sport getrieben.

Kinder und Jugendliche waren auch in Gubener Sportvereinen sehr aktiv.

Kriegsbedingt kam das Sportleben 1944 zum Erliegen.

Die Spielschar

Vor Kriegsbeginn wurde im Bann 12 Guben eine Spielschar gegründet. Die Mehrzahl der

etwa 50 Mädchen und Jungen kam aus dem Lyzeum und dem Gymnasium. Ihr „Dienst“

bestand im Einüben von vierstimmigen Chorliedern, Volkstänzen, Sketschen und Schwänken.

Als Instrumentalquartett gehörte ein Streichquartett dazu. Übungsstätten waren Aula,

Klassenräume und der Schulhof des Gymnasiums an der Neustadt. Mit Beginn des Krieges

wuchs in den Augen der HJ-Führung die Bedeutung der Spielschar als Veranstalter von

„Bunten Abenden“ in Lazaretten, Soldatenunterkünften, Umsiedlungslagern und in

abgelegenen Dörfern....

Kultur

Bereits im September 1933 konstituierte sich in der Neißestadt die „Deutsche Jugendbühne“,

Ortsgruppe Guben, im Stadttheater. Sie bestand aus Lehrern, Vertretern der HJ und der

Schülerschaft. Kindern und Jugendlichen sollte sie es ermöglichen, mindestens dreimal in der

Spielzeit zu billigen Eintrittspreisen, teilweise auch eintrittsfrei, das Stadttheater zu

besuchen.

Monatlich einmal, am Sonntagvormittag, gab es bis Ende 1944 im Passage- und

Centraltheater die Jugendfilm-Vorstellungen für die HJ. Hier wurden überwiegend

propagandistische Filme, wie „Dorf im roten Sturm“, „Stukas“, „Reitet für Deutschland“,

„U-Boote westwärts“, der sehr rassistische Film „Jud Süß“, „Morgenrot“, „Hitlerjunge

Quex“, „Die Rothschilds“ und „Ohm Krüger“ gezeigt.

Auf Märschen sangen die Jungen die Lieder, die unter anderem für diese Zeit geschaffen

wurden. So „Unsere Fahne flattert voran“, „Es zittern die morschen Knochen“, oder „Ein

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Volk, ein Reich, ein Führer“. Es gehörten auch solche, wie „Auf der Heide blüht ein kleines

Blümelein“ und andere nicht aus der Naziära stammende Lieder, wie „Oh du schöner

Westerwald“ und „Schwarzbraun ist die Haselnuß“ dazu.

Die Spielmanns- und Fanfarenzüge der HJ und des Jungvolkes begeisterten mit ihrer Musik

bei Aufmärschen und anderen Anlässen die Gubener. Geprobt wurde im „Totila-Heim“.

Am Vorabend des 1. Mai führte die Jugendorganisation ihr traditionelles „Maisingen“ in der

Gubener Innenstadt durch, 1940 zum Beispiel auf dem Marktplatz.

Gern nutzten die Jugendlichen Fahrten in die Jugendherbergen der näheren Umgebung, wie

zu „Mutter Gebke“ nach Schiedlo/Oder, Neuzelle, Heidekrug, Ögeln, Ossig, Chossewitz,

Peitz und andere.

Weiter weg ging es in den Sommerferien in Zeltlager oder auf Fahrten in beliebte Gegenden

Deutschlands.

1936 fanden zum erstenmal „Jungfacharbeiter-Lager der HJ“, auch für Nichtmitglieder, statt.

Zwei waren am „Schwanensee“ und eines am „Messower See“/Crossen.

Reichsberufswettkämpfe

Seit 1934 fanden im Reich die Reichsberufs-Wettkämpfe statt. Sie waren ein wichtiger

Bestandteil der HJ-Arbeit und wurden örtlich auch in Guben, akribisch vorbereitet und

durchgeführt. Unterstützung fanden diese auch bei den Betrieben und dem Handwerk.

In Guben nahmen zum Beispiel 1936 1000 Jungen und 500 Mädchen als künftige Facharbeiter daran teil. Die theoretische Prüfung erfolgte

vorwiegend in der Städtischen Berufsschule, die praktische in gut vorbereiteten, ausgewählten Betrieben des Handwerks und der Industrie.

Diese Wettkämpfe wurden als Orts-, Kreis- und Gauwettkämpfe durchgeführt. Die Besten nahmen am Reichsausscheid teil.

Hilfsleistungen in der Heimatstadt

Die Jungen und Mädchen machten sich in ihrer Heimatstadt, nicht immer freiwillig, nützlich.

Vor allem wurden sie in den Kriegsjahren noch dringender gebraucht. Sie beteiligten sich an

Sammlungen (Winterhilfswerk), sammelten Heil- und Gewürzkräuter, Alt- und Rohstoffe.

Regelmäßig waren sie zur Hilfe in der Landwirtschaft eingesetzt. Jugendliche versahen den

„Bahnhofsdienst“, indem sie als Kofferträger tätig waren oder älteren Reisenden beim Ausund

Umsteigen behilflich waren....

Veranstaltungen

Die NSDAP-Kreisleitung beging „bedeutende Tage“ mit großem Pomp, nutzte diese sehr

öffentlichkeitswirksam. Dazu marschierten vor allem SA und HJ auf.

Aufmärsche fanden hauptsächlich auf dem Flugplatz, im Stadion, auf dem Markt- und

Hindenburgplatz statt. Anlässe dafür waren die Jahrestage der „Machtergreifung der NSDAP“

am 30. Januar, der 20. April (Hitlergeburtstag), der 1. Mai und die Feier zur

Sommersonnenwende sowie auch die Aufnahme in den Jungmädelring, in das Jungvolk, in

den BDM oder in die HJ und der 18-jährigen in die NSDAP.

Quellen:

- Arno Klönne, „Jugend im Dritten Reich“, Deutscher

Taschenbuchverlag,

München 1990

- Dr. Heinz-Dieter Krausch: „Gubener Oberschüler als Marinehelfer im Zweiten

Weltkrieg“, Gubener Heimatkalender 2000

- div. Jahrgänge derGubener Zeitung“

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- Befragung ehem. Angehöriger der HJ und des BDM

Jetzt stürmt zu hauf

Jetzt stürmt zu hauf!

Im wilden Lauf

rennt an der Feinde Festen

Die Trommel lockt-

Der Rabe hockt

schon auf den Mauerresten!

Wer zagt der liegt,

wer kämpft der siegt

in unsrer Fahne Schatten!

Sie ist Fanal, ist Lust und Qual

und Hohnschrei an die Satten!

Und sollt der Tod

ums Morgenrot in unsre Reihe brechen,

wird neue Schar, wie unsre war,

doch siegen – und uns rächen!

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Gedicht von Werner Respondel

Die Junge Front

(Sonderbeilage der Gubener Zeitung)

24. Jan. 1936

Wir waren beim Führer – zwei Gubener Mädels auf dem Obersalzberg berichten

-Auszug-

...lange hatten wir im Regen gestanden, gewartet und gesungen.

Langsam marschieren, stumm grüßend die Menschen am Führer vorbei. Wir – 9 Jungen und 9 Mädels aus der Jugendherberge –

marschieren in Dreierreihen ganz dicht vor den Italienern, die den Schluß machen. Es sind 35 reichsdeutsche BDM-Mädels aus Italien, die in

der wunderschönen Berchtesgadener Jugendherberge ein Schulungslager haben – ganz langsam vorbei. Die SS kommandiert.

Es war wunderschön. Wie ungeheuer wir uns alle gefreut haben, kann nur der verstehen, der

dabei gewesen ist. Zum Abschluß wurde das Lied gesunden: „Ein junges Volk steht auf zum

Kampf“. H.N./Im Juli 1936

Quelle: Gubener Zeitung, 04. August 1936


Hitlerjugend beim Feuerwehrdienst in Möbiskruge

„Der Führer der Freiwilligen Feuerwehr in Möbiskruge, Schmiedemeister Harz, rief die

Hitlerjugend auf, sich am Feuerwehrdienst zu beteiligen.

Am Sonntag hatte die Jugendfeuerwehr ihren ersten Dienst. Sie war mit Eifer bei der Sache.“

Presse ruft die Gubener Jugend auf

Wir tragen die Zukunft

-Auszug-

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Quelle: Gubener Zeitung, 23. Jan. 1936

Aufmarsch zum Betriebssportfest – der Gauleiter bei seiner Jugend

„... Wir wissen, daß es gleichgültig ist, ob wir Bayern, Preußen oder Sachsen sind, daß uns

das Reich alles ist.

Wir wissen, unser Leben ist auch nichts, so sehr wir es auch lieben, wenn es für Deutschland

einmal gegeben werden muß. Wir wollen gute Saat sein, damit jene, die nach uns kommen,

nicht sagen müssen: „Es ist ein Mann gewesen, aber die Jugend war nicht stark genug, ihm zu

folgen“. Wir wollen keine taube Saat sein, sondern Frucht tragen.

Wir wollen junge Soldaten sein, Soldaten des deutschen Volkes in Haltung und Charakter.

Soldaten, die heute nichts, morgen den Spaten, dann die Waffen haben werden, Soldaten, die

bereit sind, ihr Leben dem Vaterland zu weihen.

Wir tragen Adolf Hitler in unserem Herzen, ihm folgen wir und zu ihm stehen wir unser

Leben lang.“

Quelle: Gubener Zeitung, 28. Sept. 1936

„Mutter, ich brauche Jungmädelkluft! Ich nehme sie auch in acht“

-Auszug-

Mit dem 20. April tritt ein ganzer Jahrgang zehnjähriger Jungen und Mädel in die

Gemeinschaft der Hitlerjugend ein. Der Jahrgang 1927 kommt als erster geschlossen zu der

Formation, die durch den Willen des Führers zur Staatsjugend geworden ist. Man mag ein

zehnjähriges Mädel ein Kind nennen, - mit dem Eintritt in die Jungmädelschaft des BDM

beendet es sein kindliches für – sich – leben, wird ein Glied einer geordneten Gemeinschaft

und nimmt Pflichten auf sich, die seinen Kräften angepaßt sind. Es spricht mit Stolz von


seinem „Dienst“, weil es spürt, daß dieses Dienen eine Auszeichnung und eine Verpflichtung

bedeutet.

Großes Zeichen dieser Eingliederung ist das Anlegen der Diensttracht, kurz und zünftig

„Kluft“ genannt...

...Die Kluft erzieht zur persönlichen Zucht und Ordnung.

Feierstunde auf dem Hindenburgplatz

Übernahme von HJ-Angehörigen in die SA

-Auszug-

49

Quelle: Gubener Zeitung, 04. März 1937

Alljährlich sollte bisher einmal die Überführung der Angehörigen der HJ, soweit sie

das 18. Lebensjahr erreicht haben, in die SA stattfinden.

Für den Hitlerjungen bedeutet dieser Tag den Beginn eines neuen

Lebensabschnittes, im Dienst der Bewegung, tritt er doch nun in die Reihen der Männer, die

geholfen haben, dem Führer die Macht zu erobern. Er tut das in dem Bewußtsein, bereit zu

sein wie diese, dem Führer nicht nur das Gut, sondern auch das Blut zu weihen.

In diesem Jahr findet in Guben diese große Feierstunde des Bannes 12 gemeinsam mit dem

SA Standort Guben zur Überführung der zur SA abgestellten Hitlerjungen am Sonnabend,

dem 2. Oktober, 20.30 Uhr auf dem Hindenburgplatz statt...

Seid treue Kameradinnen!

Quelle: Gubener Zeitung, 21. Sept. 1937

Feierliche Aufnahme der BDM- Mädel in die NS- Frauenschaft

-Auszug-

Die BDM-Mädel, soweit sie die Bestimmungen erfüllen und nicht durch Führerinnenpflichten

gebunden sind, wurden gestern im Schützenhaussaal in die Reihen der Jugendgruppen der

NS–Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerkes aufgenommen.

...Alle Mädel, die in die Frauenschaft übergehen, sind sich ihrer Pflichten dem Volke

gegenüber bewußt. Aus den Mädchenpflichten erwachsen Frauenpflichten und späterhin die

Pflichten der deutschen Mütter.

Der Führer an die Jugend

Quelle: Gubener Zeitung, 11. Nov. 1937

Adolf Hitler an die Politischen Leiter – Unsere Führung soll gut sein

-Auszug-

Heute ist der Ehrentag der deutschen Jugend. Nürnberg steht im Zeichen der Jugend der

Partei, der HJ, die in der Hauptkampfbahn des Stadions aufmarschiert ist, um auf diesem mit


der Vereidigung der 18-jährigen Hitlerjungen, die in die Partei aufgenommen werden,

verbundenen Appell vom Führer die Parole für das neue Jahr entgegenzunehmen. Zum

erstenmal sind auch Abordnungen in der Gesamtstärke von 9000 Jungen aus den HJ-Gebieten

der Ostmark angetreten, und zwar die Gebiete der Steiermark, Wien und Niederdonau mit je

1800 und die Gebiete Salzburg-Oberdonau, Tirol, Vorarlberg und Südtirol mit je 900

Jungen...

Mit den Worten „Heil meine Jugend!“ grüßt Adolf Hitler die Träger der deutschen Zukunft.

„Heil, mein Führer!“ braust es 50 000fach zurück.

Nach dem Fanfarenruf und nach dem Chor „Wach auf, Du deutsches Land“ rücken von

beiden Seitentoren der Kampfbahn die Fahnen ein, die alle getragen werden von den

Teilnehmern des Adolf-Hitler-Marsches nach Nürnberg...

Die Worte des Führers werden von der Jugend der Partei immer wieder mit stürmischen Heil-

Rufen aufgenommen...

Werner Kuhnt in Guben

- Auszug -

50

Quelle: Gubener Zeitung, 10./11. Sept. 1938

Soeben erreichte uns die Nachricht, daß der Führer des Gebietes Kurmark der Hitlerjugend,

Gebietsführer Werner Kuhnt, am Sonnabend, dem 18. Dezember, anläßlich der HJ-

Straßensammlung in Guben weilt.

In der Zeit von 16.30 – 19.00 Uhr wird unser Gebietsführer auf dem Gubener Marktplatz

sammeln und an die Opferfreudigkeit der Gubener Bevölkerung appellieren. Wir Hitlerjungen

wissen, was es bedeutet, wenn der Gebietsführer sich gerade unsere Heimatstadt aussucht, um

einige Stunden unter seinen Jungen zu weilen. An die Gubener Bevölkerung richten wir

Hitlerjungen die große Bitte: Zeigt dem Gebietsführer durch Eure Opferbereitschaft, daß die

Gubener Bevölkerung mit der Hitlerjugend in einer Front steht...

An die Jungens und Jungmannen in meinem

Befehlsbereich „Ost“

-Auszug-

Quelle: Gubener Zeitung, 17./18. Dez. 1938

Deutsche Jungens! Ihr habt das Glück, in ein w e l t g e s c h i c h t l i c h e s Zeitalter

hineingeboren zu sein. Ihr wahret und seid im empfänglichsten und begeisterungsfähigsten

Alter Zeuge der Tat eines Mannes, der Weltgeschichte machte, in dem er G r o ßd

e u t s c h l a n d schuf.

Dem Führer fliegen aller Herzen zu! Er ist Euer und unser aller Beispiel und Vorbild!


Deutsche Jungens, laßt dies Beispiel in seiner ganzen Eindringlichkeit auf Euch wirken,

werdet Tatmenschen, die von innerer Begeisterung, ihr ganzes Können, Wissen und Wollen

Führer und Volk weihen. Stattet damit Führer und Volk Euren Dank ab! ...

Deutsche Jungens und Jungmannen!

Wer das Herz auf dem rechten Fleck hat –

Wer seinem Vaterland in vorderster Front und entscheidend dienen will –

Wer Deutschlands Grenzen vor jedem frechen Überfall schützen und der Heimat die

Segnungen friedlicher Entwicklung erhalten will –

D e r w e r d e F l i e g e r!

Flieger i n d e r b e s t e n L u f t w a f f e der Welt!

In der Luftwaffe unseres Generalfeldmarschalls Herrmann Göhring!

Gez. Keßelring

General der Flieger der Luftwaffe 1

und Befehlshaber Ost

51

Quelle: Gubener Zeitung, 03. April 1939


Nationalsozialistische Wirtschafts- und Kulturpolitik in Guben

Die Gubener Wirtschaft

52


Gubens wirtschaftliche Situation

Entwicklungshemmende Ereignisse

Mehrfach wurde das allgemein gute Gedeihen unserer Heimatstadt von bösen

Ereignissen unterbrochen. Der Erste Weltkrieg mit seinen vielen Opfern und den

folgenden Hunger- oder sogenannten Kohlrübenjahren brachte Not und Elend in die

Stadt. Große Ängste und auch die Armut löste die Inflation 1923 in der Bevölkerung

aus. Mit der Weltwirtschaftskrise sechs Jahre später, gingen Massenarbeitslosigkeit und

Mittellosigkeit einher.

Aussicht auf einen Arbeitsplatz oder eine Lehrstelle war kaum vorhanden. Recht ergreifend

beschreibt Hans Fallada in seinem 1932 erschienenen Roman „Kleiner Mann was nun“ die

Situation in dieser Zeit. Wie es zur Wiederbelebung der Wirtschaft kam, ist den älteren

Bürgern bekannt. Sie waren Zeitzeugen. Erinnert sei unter anderem an die Einführung des

Reichsarbeitsdienstes 1934 und an die bald folgende zweijährige Wehrpflicht, an den Bau von

Autobahnen und den Westwall, an die Errichtung einer umfangreichen Rüstungsindustrie. In

Guben war eine viele Gewerke in Bewegung setzende Maßnahme in den 1930er Jahren der

Kasernenbau am Nordrand der Stadt und in Mückenberg. Damit verbunden waren auch

weitere Arbeit schaffende Unternehmen wie z.B. die Erweiterung des Siedlungsbaues. –

So wandelte sich die Arbeitslosigkeit in einen spürbaren Arbeitskräftemangel um. Dieser

nahm in den Kriegsjahren auf Grund von Einberufungen zur Wehrmacht ständig zu.

Er wurde zum Teil durch den Einsatz von Zwangsarbeitern abgefangen. So waren z.B. 1944

bei Rheinmatall Borsig in der heutigen Forster Straße 50% der etwa 5.000 Beschäftigten

Zwangsarbeiter.

Quelle: Auszüge aus „Berufsausbildung in Guben vor und nach 1945“, Werner Micksch

Einige Zahlen und Fakten aus dem Jahre 1936

„Statistisches Jahrbuch deutscher Gemeinden“

Auszug aus Veröffentlichungen des deutschen Heimattages 1936

Guben ist die sechstgrößte Stadt der Provinz nach: Potsdam, Frankfurt, Brandenburg,

Cottbus und Landsberg.

♦ Das Gubener Straßen- und Wegenetz ist rund 75 Kilometer lang.

♦ Mit 11 Eheschließungen auf 1000 Einwohner steht unsere Stadt mit an vorderster Stelle in

dieser Rubrik.

Guben liegt von allen Städten der Provinz im Wohnungsbau an erster Stelle.

♦ Auf 1000 Einwohner kamen rund 105 Volksschüler, 9 Gymnasiasten und 5 Lycealschülerinnen.

53

Quelle: Gubener Zeitung, 03. Sept. 1936


Die wirtschaftliche Lage und ihre Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit

Lagebericht des Regierungspräsidenten (vom 2. Februar 1936) zur Arbeitslosigkeit

der Werktätigen im Jahre 1935

Von besonderer Bedeutung ist die Tatsache, dass die Zahl der Arbeitslosen erheblich

zugenommen hat. Die schlechte Lage der Textil-Industrie in der Niederlausitz hat besonders

die Entlassung einer beträchtlichen Anzahl von Arbeitern zur Folge gehabt.

Auch in Guben beträgt die Zunahme 800, neben den Kurzarbeitern, die sich von 1.800 auf

3.600 verdoppelt haben. Im Vergleich zu derselben Zeit gegenüber des Vorjahres ist fast

überall eine Zunahme eingetreten, und es ist zu befürchten, daß auch noch im Laufe des

Monats Januar – die Zahlen darüber liegen noch nicht vor – eine weitere, wenn auch nicht

bedeutende Steigerung eingetreten ist.

Die Stimmung in den Arbeiterkreisen ist wegen der geringen Beschäftigung und

Verdienstmöglichkeiten sehr gedrückt. Es kommt noch hinzu, daß gerade die besonders

betroffenen Städte und Gegenden früher Hochburgen der KPD und SPD gewesen sind. Es ist

daher an sich zu verstehen, wenn die kommunistischen Drahtzieher unter diesen Umständen

alles versuchen, um die Arbeitslosen gegen den nationalsozialistischen Staat aufzuwiegeln.

Es müssen m.E. auf jeden Fall Mittel und Wege gefunden werden, um den Arbeitslosen

wieder Beschäftigung zu verschaffen. Dies ist nicht nur notwendig in den Gegenden, wo

Arbeiter wegen der schlechten Lage der Textil–Industrie arbeitslos geworden sind, sondern

auch in den anderen Kreisen. Gelingt es nicht, die Arbeitslosigkeit in erheblichen Umfange zu

beheben, so wird der kommunistischen Propaganda gegenüber den Arbeitern, die bisher nach

wie vor treu zum Führer stehen und die die nationalsozialistische Arbeitsbeschaffungs–

Politik dankbar anerkannt haben, auf die Dauer gesehen, doch nicht ohne Erfolg bleiben.

54

Quelle: Staatsarchiv Potsdam, Pr.

Br. Rep. 2A/Pol Nr.1961,

Bl. 17-19 „Die Rote Fahne“

Antifaschistischer

Widerstand in der Provinz

Brandenburg

1933 – 1939 Teil 1

Die Weiterentwicklung des Verkehrsnetzes – Grundlage für das Wachstum der

Wirtschaft auch in Guben.

Es entsteht die:

Reichsautobahn Berlin – Dresden

Erleichtert Verkehr Guben – Dresden

-Auszug-

…Es ist in diesem Zusammenhang von großem Interesse zu erörtern, welche Bedeutung


die Reichsautobahn Berlin - Dresden für Guben haben kann. Bisher fuhren die Gubener

Kraftfahrer Guben - Cottbus - Spremberg - Hoyerswerda - Königsbrück - Dresden.

Die Strecke führt durch viele Industrieorte und so braucht man, da die Straßen,

insbesondere

in den Stunden nach Fabrikschluß stark mit Radfahrern befahren werden, rund 2 Stunden.

Wenn die Reichsautobahn einmal fertig ist, wird man von Cottbus den kleinen

Weg bis

Lübbenau, wo sich die Cottbus am nächsten gelegene Einmündung in die

Reichsautobahn

befindet, machen, von dort aber dann auf gerader Strecke auf die Autobahn nach Dresden

kommen. Der Umweg von 25 km wird sehr schnell eingeholt werden können, zumal wir hier

auch von Cottbus bis Lübbenau Reichsautobahn benutzen können, nämlich die Strecke, die

von Berlin nach Breslau führt …

…Das ist also erhebliche Zeiteinsparung, Erhöhung der Sicherheit, Vermeidung von

Ermüdungserscheinungen.

So werden wir also künftig von Guben nach Dresden rund 2 Stunden fahren und damit die

schöne Stadt an der Elbe erheblich näher sein.

Quelle: Gubener Zeitung, 12. März 1937

Gubens neue Auto-Verbindung nach Schlesien

-Auszug-

Guben: Diese Autobahn nach Schlesien bringt auch viele Vorteile für die Kraftfahrer unserer

Heimatstadt. Es ist die Hauptschlagader des Verkehrs nach dieser südöstlichen Provinz und so

wird dieser Grenzgau durch eine Straße Adolf Hitlers erschlossen, wie es bisher wohl noch

kein Verkehrsweg tat.

....

Das heißt also: Guben – Breslau im Auto ab Sonntag gute drei Stunden, ohne dabei dem

„Fliegenden Schlesier“ Konkurrenz machen zu wollen.

....

Der Höchststand an eingesetzten Arbeitskräften betrug 7000, über 5 Millionen

Tagewerke wurden bisher geleistet. Die Erdbewegung betrug 11,5 Mill. m³ . An Stahl

verbrachte man über 17000 Tonnen. Ungeheuer groß muten uns auch die Zahlen in

Bezug auf die Fahrbahnecken an. Zwei Mill. m³ Beton wurden für die Bahndecken

benötigt. Die Ziffern für sonstiges Material, Zement, Kies, Sand, Splitt, Schotter,

Pflastersteine usw. sind immer sechsstellig, berechnet auf Meter-und Tonneneinheit.

Lausitzer Tuch- und Hutindustrie gut beschäftigt

-Auszug-

55

Quelle: Gubener Zeitung, 14. August 1938


An der im Großen und Ganzen guten Beschäftigungslage der Lausitzer Tuchindustrie hat sich

im Monat Juni nichts geändert. Nach dem Auftragsbestand dürfte auch für die nächsten

Monate mit einer guten Beschäftigung gerechnet werden können.

Der Auftragseingang in der Hutindustrie war in Herrenhüten gut, in Damenhüten

befriedigend, sowohl in Wolle als auch im Haar.

In Wollhüten ist die Nachfrage besonders lebhaft. Die Fabriken dürften zufriedenstellend gut beschäftigt sein. Das Exportgeschäft, das

sorgsam weiter gepflegt wird, etwa dem des Vorjahres, doch sind nach wie vor die Preise fast aller Artikel unbefriedigend.

56

Quelle: Gubener Zeitung, 08. Juli 1937

Guben entwickelt sich zu einem der größten und wichtigsten Standorte

der Tuch- und Hutfabriken sowie weiterer Zulieferbetriebe. Daraus

resultierend erfolgt die Erweiterung und Erneuerung des

Straßennetzes.

Es werden 3 Öffnungen

Der Umbau der Gasstraßen–Unterführung

-Auszug-

Die Reichsbahn hat mit den Arbeiten für einen Umbau der Unterführung begonnen, der durch

die wachsende Verkehrsbelastung notwendig wird.

Die Unterführung erfährt eine vollständige Neugestaltung, die auch weitgehende

Verbesserungen für den Straßenverkehr bringt. Anstelle der jetzt vorhandenen einen Öffnung

wird eine Brücke mit 3 Öffnungen entstehen.

Die eine Öffnung von 6,80 m lichte Weite dient dem Fahrverkehr, 2 Seitenöffnungen von

je 3m lichte Weite sind für die Fußgänger und Radfahrer vorgesehen (1,70 m breiter

Bürgersteig und 1,30 m breiter Radfahrweg)

Der Umbau wird unter voller Aufrechterhaltung des Betriebes auf den beiden Gleisen

Strecke Guben – Cottbus und des Fahr- und Fußgängerverkehrs der Brücke durchgeführt. …

Quelle: Gubener Zeitung, 31. Juli 1937

Eines der historischen Wahrzeichen bleibt trotz Erweiterung des

Straßennetzes erhalten:

Die alte Postsäule

Der Ausbau der Straßenzüge am Dreieck, der in den letzten Monaten den Verkehr

etwas hemmte, geht jetzt dem Ende entgegen. Die Arbeiten am Dreieck sind soweit

fortgeschritten, daß heute, spätestens morgen, der Verkehr von der Kurmärkischen

Straße und von der Gasstraße zum Stadtkern ohne Beschränkung freigegeben ist.

Lediglich am Dreieck wird noch gearbeitet.


Wenn nicht starker Frost oder anderes die Arbeiten aufhalten, werden sie in den nächsten

Tagen durchgeführt sein. Schon ist man dabei, das Dreieck zu planieren.

Um die alte Postsäule ist ein Gerüst errichtet, um sie sorgfältig abzubauen.

Wie wir hören, wird anstelle des Dreiecks versuchsweise eine Holzinsel errichtet, deren Lage

praktisch aus dem Verkehrsbedürfnis durch Verschiebung ermittelt werden soll. Es wird sich

dabei zeigen, ob hier eine solche Insel erforderlich ist oder nicht. Sollte später hier eine

dauernde Verkehrsinsel errichtet werden, wird vielleicht auch die Postsäule hier oder vor der

Grünfläche in der Nähe der Bedürfnisanstalt errichtet werden. Vorläufig wird sie sorgfältig

gelagert werden, bis der richtige Platz für sie gefunden ist.

Internationale Anerkennung der Gubener Tuchindustrie

57

Quelle: Gubener Zeitung, 15. Dez. 1938

Gubener Firmen erhalten auf der Pariser Weltausstellung höchste Auszeichnung

Grand Prix für die Stoffe von H. Schemel – Ehrenurkunde für die Firma W. Wolf

-Auszug-

Wie gut aber auch in Guben gearbeitet wird, daß ergab sich angesichts der Weltausstellung in

Paris allein schon aus der Tatsache, daß bei der Kürze der Einreichungsfrist die Gubener

Firmen keine besonderen Ausstellungsstücke herstellen konnten, sondern das nach Paris

sandten, was gerade am Lager war.

Die Schemelschen Tuche, vor allem die Mantelstoffe , haben bereits im Vorjahr eine

ähnliche, wenn auch vielleicht in ihrer Bedeutung nicht ganz so wichtige Auszeichnung

erfahren, sie haben nämlich auf der internationalen Messe in Saloniki ebenfalls den Grand

Prix erhalten.

Durch den wirtschaftlichen Aufschwung ist für Guben

1938 ein Jahr der großen Planungen

Quelle: Gubener Zeitung, 06. Dez. 1937

Weiterer Ausbau unseres Straßennetzes – Eine neue Siedlung am Rande der Stadt –

Schulbau geplant – Reorganisierung des Straßennetzes

Großzügige Förderung unserer Winzer – Bau eines HJ-Heimes – Schaffung eines neuen

Büchereigebäudes

- Auszug -


Der Oberbürgermeister der Stadt Guben legte gestern den Ratsherren den

Haushaltsplan für das kommende Haushaltsjahr vor. Was die Gubener Industrie

anbelangt, so ist es für mich immer eine Selbstverständlichkeit, daß sie bei mir eine

helfende Hand findet.

Ich habe unserer Tuch- und Hutindustrie auch im vergangenem Jahr Schwierigkeiten

aus dem Wege geräumt, wenn es erforderlich war.

Wir haben im Jahre 1937 auch planmäßig weiter siedeln können. Wir haben allein

62 Siedlungshäuser gebaut und darüber hinaus 20 Volkswohnungen, die demnächst

bezugsfertig sind. Man kann sagen: Hier in Guben ist die Wirtschaft, auch im Jahr 1937

aufgeblüht. Wir sehen das bei allen Erscheinungen unseres wirtschaftlichen Lebens

überhaupt,

z.B. hat der Einlagenbestand der Sparkasse seit 1933

um 5,5 Millionen Reichsmark zugenommen;

daß ist bei einem Einlagenbestand von 12 bis 13 Millionen RM

ein außerordentliches Anwachsen.

Es ist ein Zeichen dafür, daß die Wirtschaft angekurbelt ist, daß die gesamte Wirtschaft

gedeiht und daß jeder Einzelne und die Gemeinschaft aus der nationalsozialistischen

Gesetzgebung und aus der nationalsozialistischen Reichs- und Staatsführung Vorteile

gezogen haben. Wir haben seit 1933 einen außerordentlich starken Rückgang an

Arbeitslosen, wir können kaum noch von Arbeitslosen sprechen.

Wir hatten im Jahre 1933 und zwar am 28. Februar,

als der Höchststand der Arbeitslosigkeit erreicht war,

in Guben rund 5000 Arbeitslose und Krisenunterstützte.

Wir hatten am 28. Februar 1938, also fünf Jahre später, an Arbeitslosen nur noch 514...

Geplant ist in erster Linie der Ausbau der Kurmärkischen und der Adolf-Hitler-Straße.

Meine Herren, diese beiden Straßen sind

die Visitenkarte der Stadt Guben...

58

Quelle: Gubener Zeitung, 01. April 1938

Neben der Ankurbelung der Wirtschaft werden auch bessere

Wohnbedingungen geschaffen.

Neue Siedlung auf dem Finkenhebbel

Auf dem Finkenhebbel werden vier Doppelhäuser von der Stadt errichtet. Acht Siedler

erhalten je eine Siedlung und Gartenland von etwa 750 m² Größe. Die Wohnungen

bestehen aus einer großen Wohnküche, einem Wirtschaftsraum, zwei Stuben und einem

Keller. Der Boden kann ausgebaut werden. Diese Kleinsiedlungen gehen ihrer

Fertigstellung entgegen und werden von Eisenbahnbeamten bezogen.

In allen Industriezweigen floriert die Wirtschaft

Quelle: Gubener Zeitung, 26. Jan. 1938


Außerordentlich günstig

Die wirtschaftliche Lage in der Niederlausitz 1938

Die Industrie- und Handelskammer für die Niederlausitz (Cottbus) veröffentlicht jetzt den

Bericht über die wirtschaftliche Lage im Jahre 1938. Daraus ergibt sich, daß nunmehr auch

die Niederlausitz in die Reihe derjenigen Gebiete eingerückt ist, in denen die Erwerbslosigkeit

keine praktische Bedeutung mehr hat. Bei einer Anzahl von Fachberufen liegt dagegen eine

erhebliche Nachfrage nach Arbeitskräften vor. Die allgemeine Wirtschaftslage unseres

Bezirks im Berichtsjahr kann als außerordentlich günstig bezeichnet werden, die Umsätze

weisen allgemein Steigerungen auf. Eine weitere Konsolidierung der Betriebe in

wirtschaftlicher, technischer und finanzieller Hinsicht ist zu verzeichnen.

Die Tuchindustrie hat ein weiteres Jahr besonders günstiger Beschäftigung abgeschlossen.

Von rund 120 Betrieben wurden etwa 33.000 Gefolgschaftsmitglieder beschäftigt. Infolge des

allgemeinen Facharbeitermangels ist eine größere Anzahl von Arbeitskräften in andere – z.T.

ihre früheren – Berufe abgewandert. Die Nachfrage stellte sich immer mehr auf Waren

besserer Qualität um. Der Export war im ersten Teil des Jahres recht befriedigend, ging dann

trotz aller Bemühungen zurück. Die Beschäftigungslage innerhalb der Leinenindustrie lag

über der des Jahres 1937. In etwa 30 Betrieben wurden 4000 Gefolgschaftsmitglieder

beschäftigt. Die Kurzarbeit wurde beseitigt. In der Verarbeitung neuer Rohstoffe (Zellwolle

z.B.) wurden erhebliche Fortschritte gemacht und erhebliche Qualitätsverbesserungen erzielt.

Die weitere Entwicklung ist von der Rohstofflage abhängig. Der Rückgang der

Flachsanbaufläche 1938 muß 1939 durch eine Erhöhung ausgeglichen werden.

In der Teppichindustrie hat die Verarbeitung besonderer Teppichzellwollen weitere Fortschritte

gemacht. Die Güte der Erzeugnisse hat sich weiter gehoben. Schwierigkeiten machte

die Einstellung der erforderlichen Fachkräfte.

In allen Zweigen der Hutindustrie war das Jahr 1938 außerordentlich gut. Die Rohstoffversorgung

gestaltete sich besser als anfangs angenommen wurde. Im allgemeinen wurden die

billigeren Qualitäten nicht mehr in dem Umfange wie früher geliefert. Der Auslandsabsatz lag

nur unwesentlich unter dem des Jahres 1937.

Der Auftrieb im Wirtschaftsleben wirkte sich auch im erfreulichen Maße im

Braunkohletagebau aus. Insbesondere konnten erhebliche Mehrungen an die Industrie

abgesetzt werden, während der Platzhandel gegen das Vorjahr um etwa 40 000 Tonnen

zurückblieb. Dies ist auf die bekannten Versandschwierigkeiten zurückzuführen.

In der Holzindustrie waren vielfach die Betriebe nicht in der Lage, die Aufträge rechtzeitig

auszuliefern. Infolge der Warenverknappung haben sich die Zahlungsverhältnisse gebessert.

Die Exportlage blieb nach wie vor still.

Quelle: Gubener Zeitung, 06. März 1939

Im Hutbetrieb kam es durch Leichtfertigkeit zu einem

Riesenfeuer bei Steinke & Co

Der Betrieb in der Alten Poststraße vollständig vernichtet –

Großer Schaden auch im neuen Gebäude –

Voller Einsatz der Feuerwehren und aller Formationen

59


- Auszug -

In der vergangenen Nacht brach kurz nach 24 Uhr in der Hutfabrik Steinke & Co. ein

gewaltiges Feuer aus, das sich mit rasender Schnelligkeit verbreitete. Ein riesiger

Funkenregen ging auf die Umgebung des brennenden Gebäudes nieder, der auch die

umliegenden Häuser zu gefährden schien.

Immer größer und umfangreicher wurde der Brand, bald bildete das alte Fabrikgebäude der

Firma Steinke & Co. ein einziges Flammenmeer. Man sah schon sehr schnell, daß hier kaum

noch etwas zu retten war. Es kam jetzt darauf an, vor allem das neue Gebäude des Betriebes,

dessen erster Stock und zwar die nach der Alten Poststraße liegende Front, das ebenfalls vom

Feuer erfaßt war, soweit als möglich zu schützen. Trotzdem fraß sich der Brand auch bis zum

zweiten Stockwerk durch und schlug dann auch in den im dritten Stockwerk gelegenen

Gemeinschaftsraum. Hier befand sich, wie bekannt, die Werkausstellung des Gaues Kurmark

der DAF. Es gelang, die meisten Bilder zu retten. Soweit uns bekannt ist, sind nur fünf

Gemälde vernichtet worden. Der Gemeinschaftsraum selbst hat wenig gelitten. Dagegen sind

im neuen Gebäude die großen Arbeitshallen des ersten und zweiten Stockwerkes vollständig

vernichtet.

Bald sah man Männer aller Formationen mit Hand anlegen. SA, SS und vor allem eine

Abteilung der Luftwaffe setzten sich tatkräftig ein. Von Guben aus waren auch die

motorisierten Züge der Feuerwehren aus Frankfurt/Oder; Cottbus, Neuzelle und

Fürstenberg/Oder benachrichtigt worden, die auf schnellstem Wege nach Guben eilten und in

kürzester Frist eintrafen. Gegen ½ 3 Uhr hatte man den Eindruck, daß die Feuerwehren die

Brandstätte abgegrenzt hatten, daß das neue Kesselhaus gerettet werden konnte und daß auch

das schlimmste für den Neubau verhütet war. Die ungeheure Glut hatte die große Fassade

nach der Alten Poststraße zu durchgebogen, ein wesentlicher Teil konnte jeden Augenblick

einstürzen. Der Einsturz erfolgte dann ½ 4 Uhr früh.

In aller Frühe trat heute der gesamte Arbeitsdienst an, um sich an den Aufräumungsarbeiten

zu beteiligen.

Fest steht bisher, daß der Brand in der Karbonisation ausgekommen ist.

Zur Zeit des Unglücks beschäftigte die Hutfabrik vorm. Steinke & Co. rund

600 Gefolgschaftsmitglieder.

Einen trostlosen Anblick bietet der geräumige Saal im ersten Stock. Hier saßen gestern noch

fleißige Angestellte und gingen ihrem Tagewerk nach. Der Brand, der in diesem Raum

vielleicht durch eine offengelassene eiserne Tür, die nach dem alten Gebäude führte,

aufgekommen ist, hat entsetzliches Werk verrichtet.

Wir wissen, daß im Dritten Reiche die Arbeitskameraden, die nun heute nicht mehr an

ihrer gewohnten Arbeitsstätte stehen können, nicht dem Elend preisgegeben sein

werden. Wir wissen, daß man unverzüglich mit Rat und Tat für sie den neuen

Arbeitsplatz bereiten wird. Soeben wird durch den Betriebsführer der Berlin-Gubener

Hutfabrik bekanntgegeben, daß er innerhalb von drei Tagen sämtliche

Gefolgschaftsmitglieder des Betriebes Steinke & Co. wieder unterbringt.

Trotz Unglück - es wird weitergearbeitet

60

Quelle: Gubener Zeitung, 07./08. Mai 1938

Der Schicksalsschlag bei Steinke & Co, wird überwunden - kein Lohnausfall


-Auszug-

Der Brand hat zwar die ganze Rohfabrikation vernichtet und die Herrenhutfabrikation

zerstört. Aber keinem Gefolgschaftsmitglied wird ein Lohnausfall entstehen. Die

Arbeitskameraden und Arbeitskameradinnen aus den anderen Abteilungen werden in den

Schwesterbetrieben bei Lißner und im Stammhaus untergebracht. So entsteht keinem Arbeiter

und keiner Arbeiterin ein Verlust.

Betriebsführer Dr. Lewin gab bekannt, daß die Berlin-Gubener Hutfabrik alle Kräfte

angespannt habe, um diesen Ausgleich zu schaffen. Wenn die Untersuchungen und

Aufräumungsarbeiten beendet sind, wird neues Leben aus den Ruinen blühen, denn die Fabrik

wird auf alle Fälle wieder aufgebaut.

Den Wächter verhaftet

Das Nachspiel zum Brande bei Steinke & Co.

-Auszug-

61

Quelle: Gubener Zeitung, 11. Mai 1938

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Guben wurde Haftbefehl gegen den

40jährigen Wächter Albert Weber erlassen, der seinerzeit Nachtdienst gehabt hatte, als das

verheerende Schadenfeuer auf dem Fabrikgrundstück der Firma Steinke & Co in Guben am

5. Mai ausgebrochen war. Ihm wird Betrug, schwere Urkundenfälschung und fahrlässige

Brandstiftung zur Last gelegt.

Die Gerichtsakten sind geschlossen

Der Nachtwächter erhält 1 Jahr 9 Monate Gefängnis –

Alle anderen Angeklagten freigesprochen

Das Urteil im Gubener Brandprozeß

-Auszug-

Quelle: Gubener Zeitung, 22. Juni 1938

Als gestern am späten Abend das Urteil im Brandprozeß, in dessen Mittelpunkt das Feuer bei

Steinke & Co. stand, gesprochen wurde und als darauf die Staatsanwaltschaft und die Angeklagten

auf weitere Rechtsmittel verzichteten, dürften die Gerichtsakten über einen Prozeß

geschlossen worden sein, der in Guben und darüber hinaus viel Beachtung fand.

Das Gericht verurteilte den Hauptangeklagten Albert Weber zu einem Jahr und neun

Monaten Gefängnis wegen Betruges und rechnete ihm die schon über achte Monate


dauernde Unter-suchungshaft an. Die anderen Angeklagten wurden – wie allgemein

erwartet – freigesprochen. Es waren dies der stellvertretende Betriebsführer Dr. Wurth,

der Abteilungsleiter Helmut Rauh, der Walkermeister Hans Kortus und der

Betriebsingenieur Horst Kammal.

Die Kapitalisten als einzige Nutznießer der

faschistischen Herrschaft

-Auszug-

62

Quelle: Gubener Zeitung, 17. Jan. 1939

...Im Konkurrenzkampf war die Konzernleitung der BGH (Berlin-Gubener Hutfabrik,

die Red.) in all den Jahren recht rührig. Gegen den wirtschaftlich starken, qualitativ

überlegenen und weltbekannten „Wilkehut“, kam die BGH zwar nicht an, um so

brutaler wurde der Kampf gegen die kleineren Hutbetriebe geführt und diese entweder

vernichtet oder zur Liierung mit dem BGH-Konzern gezwungen. Bis 1937 hatte die

Berlin-Gubener Hutfabrik, Aktiengesellschaft, die aus der Gubener Hutfabrik Apelius

Cohn (1859) entstanden war, folgende Unternehmungen geschluckt:

Hutfabrik Berthold Lißner, Guben (1889)

Berlin-Gubener Haarhutfabrik, GmbH, Guben (1907)

Union-Fez-Fabrik, AG, Guben (1912)

Guben-Rastätter Hutstoffwerke, AG

Maschinenfabrik und Eisengießerei GmbH, Guben (1919) 208 und

Gubener Hutfabrik KG, vorm. Steinke & Co., Guben (1938)...

...Im Zuge der sogenannten Arisierung der deutschen Wirtschaft hatten sich die

Aktionäre nicht nur am ehemals jüdischen Kapital gesundgestoßen, sondern aus Zweifel

am Erfolg der abenteuerlichen Kriegspolitik der Naziregierung das Konzernkapital in

das „demokratische“ Ausland verschoben. Mit dem nationalen Bewußtsein des

deutschen Monopolkapitals war es also nicht weit her...

...Der Vorstand der Berlin-Gubener Hutfabrik, AG, Gustav Wrede an der Spitze, schluckte im Jahre 1938 mit seinen sechs Mitgliedern 186

264,- RM. Ein Herrenhutzurichter in den Konzernbetrieben dagegen ging mit 0,80 RM Stundenlohn nach Hause, das waren im Jahre 1

996,80 RM, also 6,6 Prozent der durchschnittlichen Bezüge eines Vorstandsmitgliedes.

Nur die knochenzerrüttende Akkordarbeit konnte diesen Prozentsatz unbedeutend aufbessern.

An die Aktionäre wurden außerdem 441 000,- RM als Dividende zu 8 Prozent ausgeschüttet,

trotzdem gesetzlich nur eine Dividendeausschüttung zu 6 Prozent zugelassen war...

...Aber jetzt kam der größte Gangsterstreich der Aktionäre. Will man dem laut Bilanz 1938

ausgezeichneten Reingewinn kritiklos Glauben schenken, so wären die Aktionäre der Berlin-

Gubener Hutfabrik AG arme Leute geworden. Die Bilanz des BGH-Konzerns für 1938 wies

einen Rohgewinn von 7,58 Millionen RM auf, aber einen Reingewinn von nur 0,57 Millionen

RM. Wo die fehlenden 7,01 Millionen RM geblieben sind, kann man leicht begreifen, wenn

man sieht, daß die Bilanz noch gleichzeitig folgende Summen ausweist:

gesetzliche Rücklagen 1 000 000,00 RM

andere Rücklagen 1 308 644,57 RM

Rückstellungen 257 103,28 RM

Verbindlichkeiten 1 537 759,69 RM

208 Zwischenbericht der Deutschen Treuhandgesellschaft, vervielfältigtes Maschinenmanuskript, Berlin, 1937


Diese Summen waren also unter diesen Titeln schon als Gewinn verschleiert und als

Ausgaben gebucht. Es fällt auch nicht schwer, zu erraten wer die Nutznießer der

Rücklagen, etc. waren. Sinn dieser Rücklagen war in letzter Konsequenz die

Verschleierung der ständig wachsenden Ausbeutung der Arbeiter, um das Märchen von

der „Volksgemeinschaft“ aufrechterhalten zu können. Die Wiese, auf der die BGH-

Aktionäre grasten, war fett geworden. An Gebäuden und Grundstücken, Maschinen,

Warenvorräten und Wertpapieren besaß die Aktiengesellschaft jetzt ein Kapital von 10

974 306,56 RM und die Aktionäre konnten sich ihre feisten Hände reiben, als der

Vorstand in seinem Bericht an die Generalver-sammlung 1939 feststellte:

„Das Geschäftsjahr 1938 war durch eine lebhafte Nachfrage in fast allen von uns

erzeugten Artikeln gekennzeichnet und hat eine mengen- und wertmäßige Steigerung

der Umsätze erbracht.“ 213

Dieses sprunghafte Ansteigen der Profite war in erster Linie auf die Forcierung der Kriegsvor-bereitung des deutschen Monopolkapitals und

der Naziregierung zurückzuführen, die zwar in erster Linie der Schwerindustrie zugute kam, aber auch den Aktionären der Leichtindustrie

ihren Anteil zukommen ließ.

Quelle: Auf Straßen und in Fabriken, Autor: Horst Reschke, Seiten 158 - 160

Für das Winterhilfswerk wurden von der kurmärkischen Tuchindustrie

insgesamt

58000 Meter Tuch zur Verfügung gestellt

Wie der Gaubeauftragte für das WHW 1938/39 mitteilt, hat die Tuchspende der

kurmärkischen Tuchindustrie bisher die Höhe von 58000 Meter Tuch erreicht und

damit die Höhe der Spenden des Vorjahres bereits überschritten. Von diesen 58000

Metern sind 20000 Meter für die Bekleidung in der Kurmark verarbeitet worden,

während der Rest in die Gaue Pommern, Koblenz-Trier, Niederdonau und Sudetenland

gegangen ist.

Anerkennung für hervorragende Leistungen für

Vorbildliche Betriebe in Guben

63

Quelle: Gubener Zeitung, 05. Jan. 1939

Gaudiplome für W. Wolf, Heinrich Linke und Erich Rohde – Fleischerei Lieske

vorbildlicher Kleinbetrieb

In der Tagung der Gauarbeitstagung, die heute Mittag in den Henkelwerken in Oranienburg

stattfand, wurden 49 brandenburgische Betriebe mit dem Gaudiplom für hervorragende

Leistungen ausgezeichnet. Zu unserer großen Freude sind drei Gubener Betriebe dabei und

zwar die Firmen W. Wolf, Heinrich Linke und die Hausschuhfabrik Erich Rohde; zu vorbildlichen

Kleinbetrieben wurden erklärt die Fleischerei Lieske in Guben und der

Gärtnereibetrieb Lübcke in Fürstenberg (Oder).

Quelle: Gubener Zeitung, 29. April/01. Mai 1939

213 Bericht über das 51. Geschäftsjahr, Hausdruckerei der BGH, Guben, 1939, für die Bilanzangaben 1938 gleiche Quelle.


C.G. Wilke erhielt das Gaudiplom

Der Kriegsleistungskampf beendet

Betriebsappell bei C.G. Wilke

Nachdem bereits im vorigen Jahre vier Gubener Betriebe das Gaudiplom für

vorbildliche Leistungen erhalten haben, ist auch in diesem Jahre wieder ein Gubener

Betrieb dabei. Es handelt sich wie aus der vorstehenden Veröffentlichung zu ersehen ist,

um die Hutfabrik C.G. Wilke.

... die vorbildliche Betriebsgemeinschaft, die bei C.G. Wilke herrscht, hat wesentlich zur

Auszeichnung des Betriebes beigetragen.

Das Diplom, das der Betrieb jetzt erhält, ist um so höher zu bewerten, als die Auszeichnung

mitten im Kriege erfolgt.

Zur Entwicklung der Gubener Metallindustrie

64

Quelle: Gubener Zeitung, 17. August 1940

Durch die sprunghafte Entwicklung der Tuch- und Hutindustrie in Guben kam es in der

zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts auch zur Gründung einiger Unternehmen der

metallverarbeitenden Industrie. Als wesentlichste sind hier zu nennen:

• Die Maschinenfabrik von Wilhelm Quade (1847, in der Straupitzstraße seit 1870)

• Die Eisengießerei Wilhelm Köhler (1889) in der Berliner Straße (heute Bahnhofstraße)

• Die Maschinenfabrik Carl Heinze (1891) in der Uferstraße

• Die Gubener Zementformen und Maschinenfabrik Wolf und Co. (1904) in der

Kupferhammerstraße

Neben diesen entwickelten sich noch einige kleinere Industriebetriebe, z. B. die Firma Bruno

Juckel in der Wilkestraße, das Königs-Werk in der Bothmerstraße sowie die Firma Rennert

und Donath in der Bahnhofstraße.

In diesen Betrieben wurden im wesentlichen Maschinen und Geräte für die Tuch-, Hut- und

Zementformenindustrie des In- und Auslandes hergestellt. Als Ausgangsmaterial hierzu

diente in hohem Maße der in den Betrieben „Köhler“ und „Quade“ erschmolzene Grauguss.

Obwohl der Anteil der Arbeitskräfte, im Verhältnis zur Tuch- und Hutindustrie, zahlenmäßig

klein war, können gerade die Gubener Metallarbeiter auf eine revolutionäre Tradition

zurückblicken.

Der relativ geringe Machtbesitz der Unternehmer der Metallindustrie gegenüber den Besitzern

der Tuch- und Hutfabriken führte zu immer stärkerer Ausbeutung der Gubener Metallarbeiter

und damit zu verstärkten Klassenauseinandersetzungen.

Hierbei entwickelten sich u. a. so hervorragende Arbeiterfunktionäre wie Otto Thiele und

Gustav Hamann, die beide in der Eisengießerei Köhler als Former tätig waren.


In der so verhängnisvollen Zeit der Naziherrschaft entstand neben den bisher genannten

Unternehmen durch die Errichtung eines Zweigbetriebes der Rheinmetall-Borsig AG ein

Großbetrieb der Metallindustrie in Guben.

Da dieser Betrieb aber ausschließlich für die Waffenproduktion der Naziwehrmacht aufgebaut

wurde, wurde er nach der Zerschlagung des Faschismus im Jahre 1945 demontiert und

zerstört.

Ein großer Teil der übrigen Gubener Metallbetriebe wurde ebenfalls in die

Rüstungsproduktion der Nazis einbezogen, wobei als Arbeitskräfte besonders

Kriegsgefangene und sog. Fremdarbeiter eingesetzt waren.

Der 2. Weltkrieg brachte den Gubener Metallarbeitern neben dem Tod vieler fleißiger,

aufrechter Kollegen auch die Zerstörung eines Teils ihrer Produktionsstätten. Aber ungeachtet

der entstandenen großen Verluste fanden sich im Mai/Juni 1945 Frauen und Männer

zusammen, die an die Beräumung der Trümmer gingen.

Quelle: Auszüge aus dem Bericht „Zur Entwicklung der Gubener Metallindustrie“ von Egon

Böhme

Würdigung fand die Hutindustrie durch

Das Hut- und Hutmachermuseum in der Industriestadt Guben

Unter den verschiedenen Industriezweigen der im In- und Auslande insbesondere durch

ihre Hut- und Tuchfabrikation rühmlichst bekannten Stadt Guben, nimmt die

Hutindustrie den hervorragendsten Platz ein. In Guben befinden sich nicht nur die

meisten, sondern auch die größten Hutfabrikbetriebe Deutschlands, darunter auch der

älteste Betrieb überhaupt, die Hutfabrik C.G. Wilke. Von hier aus hat die deutsche

Wollhuterzeugung ihren Ausgang genommen, als es dem Hutmachermeister Carl

Gottlob Wilke in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gelang, einen

brauchbaren, auch gegen Nässe widerstandsfähigen Wollfilzhut herzustellen. Da Carl

Gottlob Wilke es lange meisterhaft verstand, seine Erfindung geheim zuhalten, behielt

er und damit Deutschland in der Hutfabrikation die Vorhand.

Die von Carl Gottlob Wilke hergestellten Wollhüte, die an Glanz denen aus

Hasenhaaren nichts nachgaben und vor allem auch fest und widerstandsfähig gegen

Regen waren, wurden bald in Deutschland bekannt. Die Absatzziffern stiegen von Jahr

zu Jahr immer höher an, und in den siebziger und achtziger Jahren gewann auch das

Auslandsgeschäft einen großen Umfang, den Namen Gubens damit auch außerhalb

unseres Vaterlandes in ständig steigendem Maße bekanntmachend. Auch auf

Weltausstellungen erschienen von nun an Gubener Hüte. War zunächst die Wilkesche

Hutfabrik die alleinige Trägerin der Gubener Hutfabrikation, so entstanden nun nach

und nach in der Stadt noch andere Hutfabriken, von denen manche wieder eingingen,

während andere es neben der Firma Wilke ebenfalls zu großem Ansehen in der Welt

brachten, unter ihnen in erster Linie die Berlin-Gubener Hutfabrik AG., ein

Riesenunternehmen, das im Deutschen Reich, ja man kann wohl sagen, auf dem ganzen

europäischen Kontinent nicht seinesgleichen hat. Auch die erst in jüngerer Zeit

65


entstandene Hutfabrik von Fugmann hat es durch eine neuartige Fabrikationsmethode

verstanden, sich im In- und Ausland einen bedeutenden Ruf zu erwerben.

Die ständig fortschreitende Entwicklung der Hutindustrie hatte zur Folge, daß im Laufe der

Jahre in Guben eine Anzahl von Maschinenfabriken entstanden, die hochwertige

Spezialmaschinen für die Hutfabrikation herstellen, die für die Hutindustrie der ganzen Welt

von bedeutender Wichtigkeit sind. Für letzteres zeugt das umfangreiche Exportgeschäft dieser

Firmen.

Aus dieser Darstellung geht hervor, daß die Hutindustrie an der Entwicklung des ehemals

unbekannten Landstädtchens Guben zu einer weltbekannten Industriestadt in erheblichem

Umfange beigetragen hat. So ist es denn nur ein selbstverständlicher Akt der Dankbarkeit

gegenüber der alten Gubener Hutmacherfamilien, wenn der Oberbürgermeister der Stadt

Guben sich nunmehr entschlossen hat, im Anschluß an das bereits bestehende Stadtmuseum

ein Hut- und Hutmachermuseum zu errichten. Guben ist der Entwicklung der deutschen

Hutindustrie nach der gegebene Ort für ein derartiges Museum.

Der Grundstock hierfür ist bereits vorhanden, da die Firma C.G. Wilke schon bei der

Errichtung des Stadtmuseums in hochherziger Weise eine Sammlung geschichtlich wertvoller

Hutmodelle gestiftet hat. So wie der Oberbürgermeister am 4. Juli 1939 in Anwesenheit der

Beigeordneten der Stadt Guben und der Vertreter der Gubener Hutindustrie vollzogenen

Gründung des Hut- und Hutmachermuseums ausführte, soll dieses Museum in zielbewußter

Arbeit ständig vergrößert werden, mit dem Ziel, aus ihm im Laufe der Zeit einen Zentralpunkt

für die gesamte Hutindustrie unseres Vaterlandes entstehen zu lassen. Vor allem soll das

Museum die Entwicklung des Hutmachergewerbes und der Hutindustrie aus den kleinsten

Anfängen heraus veranschaulichen.

Möge das junge Hut- und Hutmachermuseum in Guben schon jetzt eine tatkräftige

Unterstützung aller Kreise der Hutindustrie unseres Vaterlandes finden, damit der Gedanke

der Schaffung eines Mittelpunktes der deutschen Hutfabrikation recht bald verwirklicht

werden kann.

66

Quelle: Gubener Zeitung, 08./09. Juli 1939


Nationalsozialistische Wirtschafts- und Kulturpolitik in Guben

Das kulturelle Leben in Guben

67


Ein theatergeschichtlicher Rückblick

Mit einer beeindruckenden Jubelfeier konnten die begeisterten Gubener am 1. Oktober 1874

das vom Berliner Architekten Oskar Titz entworfene Theatergebäude im klassizistischen

Geschmack der Zeit in Besitz nehmen.

Unter dem NS-Regime ging die Periode einer humanistischen Theaterkunst in Guben zu

Ende.

Nach 1933 leitete und überwachte Goebbels von seinem Ministerium über die

Reichstheaterkammer das künstlerische Leben der Theater. Die faschistische Ideologie wurde

im Sinne der Kriegsvorbereitung von der Bühne verkündet, so mit Inszenierungen wie

„Brüder“, Drama aus der „Kampfzeit“ der SA, und „Der Reiter“ von Heinrich Zerkaulen,

1938 in Anwesenheit des Autors aufgeführt.

Bereits mit dem Nachfolger Rolf Ziegler setzte der Verdrängungsprozeß zugunsten der

nationalistischen, betont „völkischen“ Weltanschauung ein. Das im Mai 1933 erlassene

Theatergesetz führte zur Gleichschaltung der deutschen Bühnen. Diese dienten dann auch der

Verbreitung der faschistischen Ideologie. Verantwortlich dafür zeichnete in Guben vor allem

Fritz Ebers und Hans Fiala. Als besonders willfähiger Erfüllungsgehilfe erwies sich Fiala.

Aus vorgeblich rassischen Gründen verschwanden selbst so erfolgreiche Operettenschöpfer

wie Emmerich Kalmann, Paul Abraham, Oskar Straus, Robert Stolz, Leo Fall, Leon Jessel

(„Schwarzwaldmädel“; als Jude mißhandelt, 1942 verstorben) oder Oskar Nedbal (aus

„Polenblut“ 1913 wurde 1942 „Die Erntebraut“). Selbst Franz Lehar, dessen Werk „Lustige

Witwe“ Hitlers Lieblingsoperette war, geriet ins Zwielicht, da er „nichtarisch“ verheiratet war

und sein Librettist Fritz Löhner-Beda im KZ ermordet wurde (Daiber, S. 192). Doch mit

Rücksicht auf das Ausland und auf die innere Stimmung verblieben Stücke der klassischen

Literatur weiterhin auf den Spielplänen (Goethe, Schiller, Hebbel, Kleist, Hauptmann u.a.).

Erwin Piscator sagte dazu: „Der Faschismus greift gierig nach den großen Werten der

Vergangenheit, um mit ihnen seine Leere auszufüllen“ (Wardetzky, S.83). Mit der

Inszenierung solcher Stücke wie „Brüder“ und „Der Reiter“ von Heinrich Zerkaulen

hingegen, 1938 im Beisein des Autors aufgeführt, empfahl man sich bei den Machthabern für

höhere Aufgaben. Fiala erhielt 1941 den Auftrag, in Thorn (Torun) ein monumentales

deutsches Theater aufzubauen, was durch den Kriegsverlauf nicht mehr gelang.

Mit Curt Asmus-Bach kam einer der profiliertesten Intendanten in der Geschichte unseres

Theaters nach Guben. Aus Schlesien mit Vorerfahrung kommend, führte er die Gubener

Kulturstätte unter schwierigsten äußeren Bedingungen „zu einer neuen und, wie sich zeigen

sollte, nicht mehr wiederholbaren, letzen Blütezeit“ (Jendreieck, S. 20). Gleichzeitig leitete er

das Kurtheater in Bad Warmbrunn. Obwohl auch er Spielplankonzessionen eingehen mußte,

gelang es ihm weitgehend, das Theaterrepertoire vor zeitgenössischer ideologischer

Überfrachtung zu bewahren, was für seine humanistische Grundeinstellung und seinen Mut

sprach. Ihm verdankte das Publikum wohl die beste der inzwischen legendären Faust-

Inszenierungen. Durch die Verpflichtung berühmter Mimen von hochkarätigen Berliner

Bühnen erreichte das Gubener Theater selbst in der schweren Kriegszeit überregionale

Ausstrahlung auf hohem künstlerischen Niveau. Namen wie Paul Hartmann, Will Quadflieg,

Horst Caspar, Maria Terno, Lil Dagover und René Deltgen trugen den Namen des Gubener

Theaters weit über die Stadtgrenzen hinaus. Mit der Entdeckung von Inge Harbort erwies sich

CAB ebenfalls als fürsorglicher Talenteförderer. Seine persönliche Freundschaft zu Gerhart

Hauptmann schlug sich in der Aufführung einer Reihe seiner Stücke nieder, was sich als

Wohltat in einer Zeit geistiger Verflachung erwies. Die kriegsbedingte Schließung des

Gubener Inseltheaters beendete 1944 leider allzu früh das verdienstvolle Wirken des

großartigen Schauspielers und Theaterleiters in Guben.

Quelle: Gubener Heimatkalender 1979, Gerhard Gunia, S.61 u. S.64

68


Gubener Heimatkalender 1999, Gerhard Gunia/Dr.Harmut Schatte,

S.84/85

Das Stadttheater – Anziehungspunkt vieler Gubener Bürger und ihre Gäste.

Der Weg unseres Stadttheaters

Spielzeit 1933 insgesamt 19.483 Besucher

Spielzeit 1937/38 über 50.000 Besucher

- Auszug -

Das Stadttheater Guben hat in den sechs Monaten Spielzeit 1937/38 seine Aufgaben in

geradezu hervorragendem Maße gelöst.

...

Nun könnte die Frage aufgeworfen werden, ob denn Guben überhaupt ein eigenes Theater

haben soll. Sie wird am besten durch die Tatsache beantwortet, daß sich die Besucherzahl seit

1933 beinahe verdreifacht hat. Bei den 50.000 Besuchern der Spielzeit 1937/38 sind 18.504

Besucher eingerechnet, die über „KdF“ ins Theater gekommen sind. Die verantwortlichen

Männer von „KdF“ sagen uns, daß das Interesse am Theater in zunehmendem Maße steigt.

Fast alle Gubener sind in den sechs Monaten zweimal im Theater gewesen.

Im Rahmen der musikalischen Aufführungen war es „der Vogelhändler“, der den Gubenern

ganz besonders gefiel. Wir spielten außerdem Lehar´s „Land des Lächelns“ und „Paganini“,

ferner Künneckes „Zauberin Lola“ und Erika Arlts schönen „Walzer um Mitternacht“.

Aber auch diese Meldungen gab es über

das kulturelle Leben einer Stadt

69

Quelle: Gubener Zeitung, 02./03. April 1938

Das Gubener Stadttheater befand sich schon seit 1938 in einer Krise. In einem Schreiben von

Oberbürgermeister Schmiedicke an den Oberpräsidenten hieß es, man sei genötigt, „den

Betrieb eingehen zu lassen“, wenn keine Beihilfe gewährt würde, denn „im Jahre 1938 muss

die Stadt Guben allein 750 000 Mark aufwenden für die neuen Heeresbauten“.

Daraufhin ließ Goebbels einen Zuschuß anweisen, während die Stadt das Schloss Buderose

(heute Budarodz, nördlich Gubin) als „Haus der Frontdichter“ zur Verfügung stellte.

Quelle: Gubener Heimatkalender 1995, Seite 14-15


Namhafte Dichter und Schriftsteller besuchten Guben – Einer von ihnen war Gerhart Hauptmann

Gespräch mit Gerhart Hauptmann

Der Dichter in Guben

-Auszug-

...Wir berichteten G. Hauptmann über die Pflege seines Schaffens am Gubener Stadttheater,

und er erinnerte sich, anläßlich der Gubener Aufführung seines Werkes „Vor

Sonnenuntergang“ dem Gubener Stadttheater Geleitworte geschrieben zu haben. Er versprach

uns, wenn es nur irgendwie möglich ist, einmal bei einer Aufführung eines seiner Werke im

Gubener Stadttheater anwesend zu sein.

Der Dichter wollte dann von uns wissen, welchen Rang Guben kulturell einnimmt. Wir

erzählten ihm von den Beziehungen Goethes zu Guben, insbesondere zu Corona Schröter, die

eine Gubnerin war. G. Hauptmann waren diese Dinge neu und er war sehr interessiert. Wir

berichteten ferner über die kulturellen Bemühungen Gubens im neuen kulturellen Schaffen,

verwiesen auf unsere Musikwoche und insbesondere auf die Errichtung des Hauses der

Frontdichter...

Quelle: Gubener Zeitung, 05. August 1938

Durch kulturelle Aktivitäten entstanden viele eindrucksvolle Erlebnisse bei der Bevölkerung – z. B. durch KdF

... und freuten uns des Lebens

Die Leistung des NSG „Kraft durch Freude“!

Guben an der Spitze im Gau Kurmark – Eine stolze Entwicklung!

-Auszug-

...auf allen Gebieten kann der Kreis Guben unter Leitung von Kreiswart Pg. Nowack auf eine

stolze Entwicklung im vergangenen Jahre zurückblicken. Die vorliegende Zusammenstellung

gewährt einen interessanten Überblick und zeigt besonders den großen Fortschritt bei Reisen.

Beliebte Reiseziele waren z.B. Oberbayern, Taunus, Schwarzwald, Bodensee, Allgäu, Eulengebirge,

Erzgebirge, Donautal, Thüringen, Harz, Ostsee, Nordsee, Rhein und Mosel.

Beliebte ausländische Reiseziele: Norwegen und Madeira

Im Vordergrund stand auch das Gubener Stadttheater. Hier wurden z.B. in 6 Spielmonaten

37 Vorstellungen gegeben und dabei 14.515 Eintrittskarten verkauft.

Gut besucht waren folgende Veranstaltungen: „Die Fledermaus“, „Die lustige Witwe“, „Der

Troubadour“, „Der Zarewitsch“ und „Der Page des Königs“

70


Die Mitgliederzahl des Volksbildungswerkes des NSG hat einen Mitgliederzuwachs um

82 % auf 830 Teilnehmer zu verzeichnen.

Eine bedeutende Rolle spielten auch die Unterhaltungsveranstaltungen, mit einer Beteiligung

von 38.170 Zuschauern.

Auch die „Ri-Ra-Rutsch-Abende“ aufgeführt im Schützenhaus, das große Volksfest anläßlich

der Weinwerbewoche auf dem Hindenburgplatz und die Festaufführung anläßlich des

Besuches von 200 auslandsdeutschen Arbeitskameraden, die als Teilnehmer am Weltkongreß

für Freizeit und Erholung in Guben Aufenthalt nahmen, waren besonders gefragt.

Jeder Gubener Betrieb hatte sein Betriebsfest, seine Kameradschaftsabende, Sommerfest,

Johannisfest, Herbstvergnügen, Rheinischen Abend, Weihnachtsfeiern, Wintervergnügen

u.v.a.

Beliebt waren auch Betriebsausflüge. Auch Betriebssportfeste fanden besonderen Anklang.

Das Wandern im Landkreis mit Fahrrad oder zu Fuß war ebenfalls beliebt. Z.B. Gegend um

Crossen, Fürstenberg und Sommerfeld.

Gubens „Amateur-Künstler“ nahmen an der Großen Deutschen

Rundfunkausstellung teil

Volkes Fleiß - der Lausitz Preis

71

Quelle: Gubener Zeitung, 27. Nov. 1936

Erfolg der Gubener Künstler bei der 13. Großen Deutschen Rundfunkausstellung in Berlin

1936.

Folgende mitwirkende Künstler aus Guben waren dabei:

- Betriebskapelle der V. G. Hutfabrik, Abteilung Stammhaus, Ltg. Walter Scholz gefiel mit

dem „Prinz-Wilhelm-Marsch“

- Singegruppe Tuchfabrik Huschke, Ltg. Kurt Primm, Auftritt mit dem „Gubener Heimatlied“

- Betriebskapelle C. G. Wilke, Ltg. Eberhard Klemcke, spielte den Marsch „Mein Guben

- Zither- und Mundharmonika-Orchester der B. E. Hutfabrik AG, Ltg. Willi Rothe, führten

„Am Brunnen vor dem Tore“ und „Gubener Turnermarsch“ auf.

- Heimatdichter Erich Arlt rezitierte aus eigener Feder „Wir hinter der Maschine“

(Werkmannslied) und „Ick liebe Dir“ (heitere Dialektstudie)

Die Gubener Kapellen übernahmen auf Wunsch der Funkleitung auch einen Teil der darauffolgenden

Sendung „Grenzland – Heimatland“.

Guben war auch Rundfunkhörern nicht unbekannt.

Quelle: Gubener Zeitung, 01. Sept. 1936


Wunschkonzert in Guben

-Auszug-

Jeder kennt die Wunschkonzerte des Deutschlandsenders und des Reichssenders Berlin, die

uns immer wieder so viel Freude bereiten. Was wir bisher nur über den Reichssender Berlin

und den Deutschlandsender haben konnten, soll erstmalig in diesem Jahre im Kaisergarten

unseren Gubenern geboten werden. Im Rahmen des diesjährigen WHW veranstaltet das

WHW gemeinsam mit dem Musikkorps des FR 29 unter persönlicher Leitung des Stabsmusikmeisters

Winkel einen Wunschkonzertabend...

An die Gubener ergeht schon jetzt die Bitte, sich die Veranstaltung am 8. Februar

vorzumerken.

Spenden aller Art, Geld- und Sachspenden, werden bis zum 24. Januar freudig in Empfang

genommen. Daß auch alle Wünsche erfüllt werden, ist selbstverständlich. Und nun entsteht

die Frage, wer soll alles spenden? Der Aufruf ergeht an alle Geschäftsleute und Betriebsführer,

an die Betriebsgemeinschaften, an den Handel, an Formationen und Organisationen,

an Vereine und Gesellschaften, kurzum an jeden einzelnen Volksgenossen. Ob in Gemeinschaft

gespendet wird oder allein, ist gleich, die Hauptsache bleibt die große oder auch kleine

Spende, jeder Beitrag hilft mit, auch dieser Veranstaltung einen großen Erfolg zu sichern...

Gestern Rundfunkaufnahme in Guben

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Quelle: Gubener Zeitung, 09. Januar 1939

Der Reichssender Berlin war gestern in unserer Stadt und machte mit seinem

Aufnahmewagen einen Baumblütenbesuch.

Am Sonntagnachmittag, um 15 Uhr, wird unter dem Motto „Baumblüte in der Mark“ die

Aufnahme gesendet.

Die Stadt Guben präsentierte sich und startete den Aufruf:

Besucht Guben

Unsere Heimatstadt auf der Kurmarkschau

-Auszug-

Quelle: Gubener Zeitung, 28. April 1939

Auf dem gemeinsamen Stand der Niederlausitzer Textilindustrie steht Guben mit an der

Spitze im Wettbewerb mit Cottbus und Forst.

Ein Schaubild zeigt klar wie umfangreich und bedeutungsvoll die Gubener Hut-, Tuch- und

sonstige Industrie ist.

... Man sieht den Arbeitsprozeß der Fabriken in sauberen und hellen Räumen vor sich gehen.


Der Winzer stellt die Früchte seines Fleißes zur Schau und Baumblüte, stille Winkel und

schöne Plätzchen runden das Bild ab.

Über jede Seite lockt es: „Besucht Guben!“

Quelle: Gubener Zeitung, 07./08. August 1937

Betriebe, die sich durch Ordnung, Sicherheit und Leistungsstärke ausweisen, erhalten als Anerkennung die

Auszeichnung „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ -

Eine Verfügung des Führers

„Betrieben, in denen der Gedanke der nationalsozialistischen Betriebsgemeinschaft im Sinne

des Gesetzes zur Ordnung der nationalen Arbeit und im Geiste der Deutschen Arbeitsfront

vom Führer des Betriebes und seiner Gefolgschaft auf das vollkommenste verwirklicht

ist, kann die Auszeichnung „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ verliehen werden.

Die Auszeichnung erfolgt durch mich oder eine von mir beauftragte Stelle auf Vorschlag der

Deutschen Arbeitsfront. Die Verleihung der Auszeichnung erfolgt am Nationalfeiertag des

deutschen Volkes und geschieht durch Aushändigung einer Urkunde an den Führer des Betriebes.

Ein Betrieb ist berechtigt, dem die Auszeichnung verliehen ist, die Flagge der Deutschen Arbeitsfront

mit goldenem Rade und goldenen Fransen zu führen.

73

Quelle: Gubener Zeitung, 01. Sept. 1936

Auf gesellschaftliches Beisammensein in den Betrieben wird ebenfalls geachtet

Ein Betrieb sieht Berlin

1000 Gubener Arbeitskameraden erleben die Reichshauptstadt

- Auszug -

Die größte Gubener Tuchfabrik veranstaltete am Sonnabend einen Betriebsausflug nach

Berlin. 6.30 Uhr morgens rollte der Sonderzug aus dem Gubener Bahnhof, der

1000 Arbeitskameraden und -kameradinnen nach der Reichshauptstadt brachte...

Bahnhof Charlottenburg 9.30 Uhr – alles aussteigen! Umsteigen in die Stadtbahn Richtung

Ausstellungshallen am Kaiserdamm, um in zweistündiger Führung durch die Ausstellung

„Gesundes Leben – Frohes Schaffen“ sein Wissen auf dem Gebiet der richtigen, dem

menschlichen Körper dienenden Behandlungsweise zu vertiefen...


Während des Abendessens nahm der Betriebsführer Rittmeister Lehmann das Wort: Er

betonte, daß Führer und Gefolgschaft zusammengehören und daß er sich aufrichtig darüber

freue, daß er allen diesen Tag bieten konnte, der für ihn, ebenso wie für seine

Arbeitskameraden unvergeßlich bleiben werde und den Einklang der Herzen auf die

werktägliche Arbeit übertragen werde. Nach Dankesworten an KdF für die mustergültige

Organisation schloß der Betriebsführer seine Ausführungen mit einem Sieg Heil auf

Großdeutschland und seinen Führer...

Und überregional hieß das für unsere Stadt

74

Quelle: Gubener Zeitung, 07. Nov. 1938

Ein Gubener auf der Großen Deutschen Kunstausstellung

in München

Wie wir erfahren, ist auf der Großen Deutschen Kunstausstellung in München

auch ein Gubener vertreten:

Studienrat Georg Schäfer mit einem

Aquarell „Vorfrühling“, das ein Landschaftsmotiv aus der Gegend bei Beesgen künstlerisch

hochwertig gestaltet. Wir gratulieren dem Künstler und sind stolz auf diese Anerkennung

durch eine sehr strenge Jury.

Vielleicht lockt sie den Maler aus seiner bisherigen Zurückhaltung gegenüber der

Öffentlichkeit, und er veranstaltet mal eine Ausstellung seiner Werke in Guben. Wer in

München für würdig befunden wurde, darf sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.

Quelle: Gubener Zeitung, 29. Okt. 1940


Nationalsozialistische Wirtschafts- und Kulturpolitik in Guben

Der Sport in Guben

75


Sport in Guben

In der Stadt an der Neiße wurde schon immer gern und erfolgreich Sport betrieben. Zu den

älteren Sportarten, wie Turnen, Boxen, Schießen oder Kegeln kamen Fußball (1910) und

Feldhandball (1923) hinzu.

Der Fußball wurde, wie anderenorts auch, die beliebteste Sportart und zog immer wieder viele

Zuschauer an.

In Guben gab es die „Bürgerlichen“ Vereine, wie Spielvereinigungen, 1. FC Turnermannschaft

und ab 1934 kam der Verein für Leibesübungen (VfL) hinzu. Die

Arbeitersportvereine organisierten sich in der „Freien Turnerschaft“ und hießen: Minerva,

Komet, Olympia und Persia, wobei Minerva mit zu den stärksten Mannschaften des

Arbeitersports in der Lausitz gehörte.

Guben war reich an Spielstätten: Kiekebusch, Spicherer Platz, Sportplatz am Damm, Sportplatz

an der Ratzdorfer Straße, Sportplatz an der Neißestraße und schließlich das 1935

eingeweihte Stadion, allesamt im Osten der Stadt gelegen. Im westlichen Teil gab es nur die

Sportplätze an der Kaltenborner Straße und der 1934 eingeweihte Platz an der Gasstraße, der

Reipo-Platz (Reichsbahn-Post).

Die Gubener Mannschaften spielten nur auf Kreisebene, nach dem Aufstieg spielten die

Besten in der Bezirksklasse Brandenburg–Ost oder Frankfurt–Lausitz.

Auf dem Ausbildungsflugplatz in Guben gründete sich später der Luftwaffen–Sportverein

„Hansa“, der mit der Zeit zu den stärksten Gubener Teams gehörte. Er wurde zum Beispiel

1940/41 Staffelsieger.

Da die Arbeitersportvereine nach 1933 verboten wurden, hatten ihre Sportler die Möglichkeit,

in anderen Gubener Vereinen (wie dem VfL) zu spielen.

Handball wurde nur in den Vereinen Männerturnverein, Turnermannschaft und dem

Arbeitersportverein „Komet“ und zwar auf dem Rasen gespielt. Auch hier wurde ebenfalls

vorwiegend auf Kreisebene nach Punkten gejagt. Es gab auch eine Gubener Stadtauswahlmannschaft.

Im Breiten- wie im Spitzensport waren Gubener Turner neben den Forster Sportkameraden

niveaubestimmend in der Lausitz.

Der ehemalige Turner Otto Heinke gründete in Guben den 1. Gubener Schwimmverein und

Julius Großmann rief für die Radsportfans den Radsportverein „Borussia 94“ ins Leben.

Die Stadt an der Neiße hatte in dieser Zeit zwei herausragende Sportler, die weit über die

Lausitz bekannt waren: das war neben seinem Vereinsgefährten Max Selling, Willy Dohme

vom Ruderclub 1905. Er errang den Deutschen Meistertitel 1932 und 1933 im Ruder–Einer

und wurde auf dem Gubener Bahnhof nach seinem zweiten Sieg in Breslau enthusiastisch gefeiert.

Der andere war der NSKK–Oberscharführer Hans Walter („Henne“), ein begabter und

erfolgreicher Motorrad–Geländefahrer. Als Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft

gewann er unter anderem mit seiner 250er BMW eine Goldmedaille während der Sechs–

Tage–Fahrt in England 1937.

Zu den ältesten Vereinen zählt die Gubener Schützengilde. 1935 wählte sie Paul Jora zu ihrem

Vorsitzenden. Einer von ihnen war der Sportskamerad Schmid, er gehörte dem „Verein der

Schützenfreunde“ an. Er erhielt als erster Gubener beim Gaupokal–Schießen 1933 die

„Goldene Ehrennadel“.

Tennis wurde in den Vereinen „Blau–Weiß“ und „Rot–Weiß“ gespielt. Weitere Sportarten in

Guben waren Kegeln, Schach, Wandern und Wintersport.

Mit großer Aufmerksamkeit verfolgten die Neißestädter die Olympischen Spiele 1936 und sie

freuten sich darüber, dass es im Olympischen Dorf von Berlin ein „Haus Guben“ gab, in dem

die USA-Mannschaft einzog.

Zum traditionellen Ereignis wurde 1937 in Guben das Fußballspiel Tinte gegen Schminke,

welches 4:4 endete.

76


Auch in Guben wurde die deutsche Jugend auf eine gute Wehrtüchtigkeit vorbereitet.

Im August 1937 führten die Hitlerjugend und Jungbann der Kreise Guben und Forst auf dem

Reipo–Platz ihre Ausscheide für das Gebietssportfest und die „Kampfspiele“ in

Nürnberg durch. Dazu zählten KK–Schießen und 30 km Gepäckmarsch.

77

Quelle: Gernot Arlt

Das sportliche Großereignis im Jahre 1936 wurde auch von der Gubener Bevölkerung mit

Begeisterung verfolgt.

XI. Olympische Sommerspiele 1936

Mit der Vorbereitung und Durchführung der XI. Olympischen Spiele 1936 in Deutschland

wurden durch die faschistischen Machthaber heuchlerische Friedensbeteuerungen bekundet,

die jedoch ein demagogisches Manöver mit der olympischen Idee waren. Mit der Olympiade

in Berlin wurde die Welt von den wahren Zuständen in Deutschland und von den

Zielen der faschistischen Kriegspolitik abgelenkt.

Der Weltöffentlichkeit wurde von den Machthabern ein

„Deutschland des Friedens“

vorgegaukelt, während die deutsche Rüstung auf Hochtouren lief, Soldaten, Flugzeuge und

Panzer nach Spanien geschickt wurden, um die Volksfrontregierung zu stürzen sowie

tausende Antifaschisten in Konzentrationslager kamen.

Quelle: Namenlose Helden – gab es nicht, Teil 1, Seite 51/52

Guben an der „Via triumphalis“

Ein Gubener Bild an einem Fahnenmast der Olympiastraße

Die Ausschmückung der Olympiastraße vom Lustgarten bis Brandenburger Tor ist mit

300 Fahnen mit dem Banner des Dritten Reiches und dem Banner von 235 deutschen Fahnen

vorgesehen.

Die Stadt Guben wird an der „Via triumphalis“ ebenfalls mit einem Bild vertreten sein.

Das Banner der Stadt Cottbus wird an einen der 16 Meter hohen Fahnenmasten an der

Olympia-Straße wehen (Unter den Linden).

Das Banner ist 6 Meter lang und 2 Meter breit. Das rückseitige Bild am Cottbuser

Fahnenmast stellt ein Motiv der Stadt Guben dar und war gleichzeitig Werbung für

Guben.

Quelle: Gubener Zeitung, 10. Juli 1936

Durch die Sportgroschen (Deutsche Sporthilfe) sind alle Gubener Sportler und Sportfreunde

ebenfalls an der Gestaltung der Olympischen Spiele im ganz bescheidenen Maße

beteiligt.

Quelle: Gubener Zeitung, 11/12. Juli 1936


Olympia-Brieftauben in Guben

An der Eröffnungsfeier der Olympiade beteiligten sich auch die Brieftaubenzüchter mit ihren

Tauben. Die Nachricht der Eröffnung überbrachte die erste Taube 17.27 Uhr dem Züchter

Stephan.

Unser Bahnhof im Schmuck

78

Quelle: Gubener Zeitung, 04. August 1936

Man hat sich große Mühe gegeben, unser Bahnhof ist in diesen Tagen ein rechtes Schmuckkästchen

geworden. Die Bahnsteige sind geschmückt mit Fähnchen in den Farben aller

Nationen, die an der Olympiade teilnehmen. Frisches Grün aus dem Eichenwald hilft das Bild

zu verschönen.

Quelle: Gubener Zeitung, 04. August 1936

Der Olympia-Verkehr Guben – Berlin

ist recht munter. Nicht nur, daß täglich viele mit der Bahn und im eigenen Kraftwagen nach

Berlin fahren; auch die Omnibusse, die heute und morgen verkehren, sind ausverkauft. Am

10. August fährt dann noch der KdF-Sonderzug.

Wie groß das Interesse war, beweist folgende Aufstellung

Quelle: Gubener Zeitung, 04. August 1936

Jeder Zehnte Gubener war in Berlin bei den Olympischen

Spielen

mit „Kraft durch Freude“ 1350 Personen

Omnibusse 1000 Personen

Bahn 800 Personen

Verkehrsverein 350 Personen

Privatfahrzeuge 256 Personen


ca. 4000 Personen waren in Berlin.

Dabei entstand bei der Bevölkerung der

79

Quelle: Gubener Zeitung, 15./16. August 1936

Sinn der nationalsozialistischen Leibeserziehung

Zu den Sport- und Wehrkämpfen der SA im Gubener Stadion

von SA-Truppenführer Willi Reinfahrt, Guben

-Auszug-

...Denn die Leibeserziehung ist in unserem nationalsozialistischen Staate nicht nur

Angelegenheit einzelner, sondern Aufgabe der gesamten Nation.

...Wir wissen ferner, daß bei den letzten Entscheidungen, vor die der einzelne Mensch im

immerwährenden Lebenskampf und ein ganzes Volk in seiner Selbstbehauptung und

Selbsterhaltung gestählt wird, um das starke Herz, der stählerne Arm und ein unbeugsamer

Wille sieghaft bleiben werden, die ihre Verkörperung finden in den einfachen seelischen

Grundwerten des Lebens:

Glaube und Treue, Wille und Tatkraft,

Entschlossenheit und Tapferkeit,

Verantwortungsfreudigkeit und Beharrlichkeit,

Disziplin und Kameradschaft!

Der Erwerb des SA-Sportabzeichens ist daher Ehrendienst am Volke, dem sich kein

Deutscher entziehen kann. Diese Gedanken in der Bevölkerung Gubens zu vertiefen und alle

Kreise zur Mitarbeit an diesen ehrenvollen Zielen anzuregen, soll auch eine der Aufgaben

unserer Gubener SA-Sport- und Wehrkämpfe sein.

Neben den Sportklubs gab es in Guben unter anderem auch die

Sportgemeinschaft der Schaffenden

Der Staffellauf

-Auszug-

Quelle: Gubener Zeitung, 09. Mai 1937

Was für die Reichshauptstadt der Staffellauf Berlin – Potsdam, das ist für Guben der

Staffellauf für Betriebe.


Es waren nicht nur die 192 Läufer unterwegs, sondern halb Guben war auf den Beinen. Nach

dem ersten Wechsel blieb das Feld ziemlich dicht zusammen, aber dann schälte sich langsam

das lila-Trikot heraus. Im Lindengraben gingen die Männer von Lehmann & Richter in

Führung und gaben sie nicht mehr bis zum Ziel ab. Die Sieger von 1935 und 1936 sind auch

die Sieger von 1937 geworden.

Auch die Mannschaften von H. Schemel und Celewes hielten sich ausgezeichnet und holten

eine tadellose Zeit heraus.

Inzwischen ging die zweite Gruppe der Läufer an den Start. Hier waren die „Zwölf“ von

C. G. Wilke Favorit.

Die Erwartungen wurden auch von den „Weiß-Braunen“ erfüllt, aber die Zeit war doch

schlechter als die der ersten drei Mannschaften von der ersten Gruppe. Lange Zeit führten

sogar die Läufer von der Gubener Rahmen- und Leistenfabrik.

Die Hauskapelle der Firma Gubener Hutfabrik vorm. Steinke & Co., die in Brandenburg auf

dem Gautag der NSG „Kraft durch Freude“ spielte und jetzt eine Einladung zur

Rundfunkausstellung erhalten hat, sorgte für die musikalische Unterhaltung.

Sportergebnisse:

Lehmann & Richter 8:17,2 min.

H. Schemel 8:24,3 min.

C. Lehmann Wwe & Sohn 8:24,3 min.

C. G. Wilke 8:28,4 min.

Gubener Hutfabrik AG

vorm. Steinke & Co. 8.28,9 min.

Stadtverwaltung 8:34,5 min.

Brecht & Fugmann 8:39,4 min.

Kreisverwaltung 8:40,8 min.

Berlin- Gubener Hutfabrik AG 8:42,8 min.

Abt. Berth. Lißner

W. Wolf 8:43,4 min.

Gubener Leisten- u. Rahmenfabrik 8:43,9 min.

Berlin- Gubener Haarhutfabrik 8:48,6 min.

Berlin- Gubener Hutfabrik AG 8:49,0 min.

Abt.Stammhaus

F. W. Schmidt 8:51,2 min.

F. M. Huschke 8:51,8 min.

Rudolph Karstadt AG 9:13,3 min.

80

Quelle: Gubener Zeitung, 01. Juli 1937

In Bezug auf den Staffellauf hieß es ein Jahr später und auf den Tag genau

Wieder Lehmann & Richter

Die große Überraschung: Stadtverwaltung Zweiter

-Auszug-

Zum vierten Male gelangte am gestrigen Abend der Betriebsstaffellauf zum Austrag und zum

vierten Male gewann die Mannschaft der Firma Lehmann & Richter. Dies ist bestimmt kein

Zufall, sondern ein Beweis zielbewußter eiserner Trainingsarbeit, an der Läufer und


Betriebsführung gleichmäßig beteiligt sind. Der Wert dieses Laufes hat die Firma Lehmann &

Richter voll erkannt. Weitaus größere Betriebe landeten im geschlagenen Felde.

....

81

Quelle: Gubener Zeitung, 01. Juli 1938

Nicht nur in diesen Sportarten waren die Gubener erfolgreich, sondern auch

überregional überzeugten die Gubener Sportvereine durch gute Ergebnisse bei den

Wettkämpfen.

Gubener Schwimmer in Berlin

-Auszug-

Auch in diesem Jahre entsendet der 1. Gubener Schwimmverein wiederum seine Schwimmer

zu Wettkämpfen, um unsere Heimatstadt im Schwimmsport innerhalb des Gaues zu vertreten.

Der Schwimmclub „Ostend“ 1910 Berlin–Oberschöneweide führt das Gauoffene

Schwimmfest am kommenden Sonntag durch.

Für die Herrenbruststaffel 3 x 100 Meter entsendet der 1. Gubener Schwimmverein eine

Mannschaft mit folgender Besetzung: W. Fuhrmann, G. Schütze, E. Schütze, und im

Einzelrennen über 100 Meter Brust vertreten die gleichen Schwimmer die Farben des Vereins.

Gute Leistungen unserer Schwimmer

-Auszug-

Quelle: Gubener Zeitung, 23. Juli 1937

… Um so höher können die Gubener Schwimmer ihre Erfolge bewerten. Sieger wurden die

Wasserfreunde Spandau in 4:22,6 Minuten,

Zweiter BSV.78 in 4:23,0 Minuten, und dann als Dritter unser Gubener Schwimmverein

Mit der Mannschaft : W. Fuhrmann, E. Schütze, G. Schütze in 4:26,8 Minuten...

Ein schöner Erfolg für den 1. GSV.

Im Einzelrennen über 100 Meter Brust stellten sich die Gubener nochmals zum Kampf.

… die beiden Gubener E. Schütze und G. Schütze vertraten hier die Provinz, hatten also ein

starkes Berliner Aufgebot gegen sich und erschwammen sich den 3. und 4. Platz.

Quelle: Gubener Zeitung, 27. Juli 1937

Auch auf internationaler Ebene erreichten Gubener Sportler gute Ergebnisse. Auf einer Karte

war zu lesen...

Hermann Schild grüßt die Gubener

-Auszug-


Stets schrieb er uns freundliche Grüße und verriet, daß er wohlauf sei. Die Stuttgarter Karte

nach der schweren 9. Etappe „Stuttgart – Frankfurt“ trug folgende kurze Worte: „Es ist so

schwer! Haltet die Daumen und schreibt mir doch mal! Ich besuche Euch nach der Tour de

France. Alles Gute. Viele Grüße euch allen Euer Hermann.“

Nun wollen wir alle weiterhin beide Daumen drücken, damit wir „unseren Jungen“ am

kommenden Sonnabend als Sieger im gelben Trikot im Poststadion in Berlin empfangen

können.

Einen Tag später war in derGubener Zeitung“ zu lesen.

Schild, der Tschansdorfer Kupferschmied

82

Quelle: Gubener Zeitung, 22. Juni 1938

Ein dornenvoller Weg von Guben zur Deutschlandrundfahrt – von Karl Tschichholz, Guben

-Auszug-

...

Wenn er nun in die „Tour de France 1938“ dieses Riesenrennen der Welt zum zweiten Male

einsteigt, so begleiten ihn und die deutsche Mannschaft meine innigsten Wünsche. Möge ihm

nicht wieder solch böses Mißgeschick widerfahren wie im Vorjahre. Daß er dort seinen

Mann stehen wird, davon bin ich überzeugt. Möge er in guter Zusammenarbeit

mit seinen deutschen Kameraden, unserem Vaterlande zu Ehre und Ansehen verhelfen.

Quelle: Gubener Zeitung, 23. Juni 1938


Das Judentum

Judenverfolgung

Blick zur Kapelle der evangelischen

Kirchengemeinde, dem Leichenhaus des jüdischen

Friedhofs.

(Foto: H.J. Bergmann, Guben 1999)

83


Historisches

Seit frühester Zeit hat es in Guben jüdische Einwohner gegeben. In einer am

13. Oktober 1319 von Herzog Rudolf I. von Sachsen ausgestellter Urkunde wurde die

rechtliche Gleichstellung der Juden mit den anderen Bewohnern bestätigt.

Die stetige Entwicklung Gubens ließ auch in den folgenden Jahrhunderten Bürger jüdischen

Glaubens in der Neißestadt seßhaft werden.

Im Kreis Guben erhöhte sich die Anzahl der Juden von 19 (1818) auf 172 (1859) und 202

(1933) - hier schwanken die Angaben zwischen 202 und 273 Gemeindemitglieder.

Die Volkszählung vom 17. Mai 1938 in Guben erfaßt noch 98 Juden (Erwachsene), im

Einwohnerbuch von 1939 werden 60 Juden extra ausgewiesen.

Zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Guben

84

Quelle: Gernod Arlt

Anfang der 30er Jahre dieses Jahrhunderts zählte die Jüdische Gemeinde in Guben

217 Mitglieder. Das sind 0,48 % der Einwohnerzahl der Stadt. In dieser Zeit war Julius Cohn

erster Vorsitzender, zweiter Vorsitzender war Willi Hirsch und dritter Vorsitzender war

Martin Leyser. Alle drei waren von Beruf Kaufmann.

Siegfried Winterberg war Prediger und Lehrer an der Religionsschule.

Die Mitglieder der Synagogengemeinde gehörten verschiedenen jüdischen Vereinen an. Zu

denen wäre da der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (Durchsetzung

der bürgerlichen Gleichberechtigung der jüdischen Bürger, Abwehr antisemitischer Angriffe).

Vorsitzender war der Mediziner Dr. Paul Cohn.

Vorsitzender des Jüdischen Jugendverbandes war Klaus Gallinski. Des Weiteren gab es den

Jüdischen Frauenverein, der ca. 40 Mitglieder zählte und von der Witwe Hulda Kayser,

geb. Bernstein, geleitet wurde.

Jüdischen Durchwanderern Unterkunft und materielle Hilfe zu gewähren, war die Aufgabe

der Wanderfürsorge.

In Guben gehörte die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung dem Kleinbürgertum an.

Vorwiegend waren es Haushaltvorstände, Inhaber kleiner Geschäfte in den verschiedenen

Branchen. Es sei aber gesagt, dass eine verhältnismäßig hohe Anzahl der Intelligenz

angehörte.

Genannt seien hier nur die geachteten Mediziner Dr. Paul Cohn, Dr. Ernst Kaplan, Dr. Kurt

Berent und Dr. Siegfried Goldschmidt, die Zahnärzte Dr. Alfred Lichtwitz und Dr. Paul

Lipinski oder die Juristen Dr. Friedrich Weiß (Landgerichtsdirektor) und Fritz Salomon

(Rechtsanwalt und Notar).

Dr. jur. Alexander Lewin, ein Vertreter der Bourgeoisie, war seit 1914 Vorstandsmitglied und

seit 1920 Generaldirektor der Berliner-Gubener Hutfabrik (BGH). Die Synagoge war das

religiöse Zentrum der Jüdischen Gemeinde in der Stadt.


Auch Guben blieb unter der Naziherrschaft nicht unangetastet. Am 1. April 1933 bezogen

SA-Männer Posten vor den jüdischen Geschäften der Stadt. Sie sollten einen Aufruf der Nazi-

Führung durchsetzen.

Jüdische Organisationen der Stadt mussten eine Mitgliederliste bei der Polizei einreichen. So

hatten sich die Nazis weitere Voraussetzungen für die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung

geschaffen.

1938 wurde eine Vielzahl von Verordnungen erlassen, die die Rechte der jüdischen Bürger

weiter einschränkte. In der Pogromnacht im November 1938 wurden ihre Geschäfte

geplündert und zerstört, die Synagoge in Brand gesteckt. Es gab Massenverhaftungen, viele

Verletzte und Tote.

Die Gubener Judengasse

85

Quelle: Dietlinde Schulz, Karsten Schneider;

wissenschaftlich-praktische

Arbeit/ Projektarbeit EOS

„Pestalozzi“

Guben 1989/90

Es gibt keine klare Aussage, wo sich die Judengasse befand. Vermutlich war es die zwischen

Königsstraße 18 und 19 zur Tempelstraße und Werdermauer führende Hussitengasse, wobei

nach dem Namen eher anzunehmen wäre, dass es die Tempelstraße war. Erich Müller

hingegen sagt: „Meiner Erinnerung nach konnte ich vor 1939 anhand der Stadtbücher

nachweisen, dass die Judengasse die Gasse war, die die Stadtschmiedstraße mit dem

Lindengraben verband und 1938 Wallgasse hieß“

Der Name „Judengasse“ ist schon im 15. Jahrhundert ein historischer geworden. Das ist

daraus ersichtlich, dass dort keineswegs nur Juden wohnten, also keine Art von Ghetto war.

1483 nämlich wird das Haus der Konventfrauen, gelegen neben Joh. Gubinchers und unweit

Hans Colos’ Hause, in der Judengasse erwähnt.

Der Jüdische Friedhof und die Synagoge

Quelle: Dietlinde Schulz, Karsten Schneider,

wissenschaftlich-praktische

Arbeit/Projektarbeit EOS

„Pestalozzi“, Guben 1989/90

In der jüdischen Religion werden Friedhöfe als „Der Gute Ort“ bezeichnet. Der Gubener

Friedhof befindet sich auf dem Reichenbacher Berg und lag bei der Gründung außerhalb des

historischen Stadtkerns.

1449 „Judenfriedhof bei Benisch Bierkows Garten, daneben ein wüster Fleck, der 1449 an

Casp. Walwitz gegeben wurde, wohl auf einer Höhe.“ (2)

1842 sichert die jüdische Gemeinde demjenigen eine Belohnung von 5 Talern zu, der die

Täter, die schon mehrmals den Gottesacker auf dem Reichenbacher Berge gewaltsam

erbrochen haben, so angibt, dass sie gerichtlich belangt werden können. (Wochenblatt)


1837 wurde die Synagoge erbaut. Sie befand sich auf dem heute polnischen Teil der Stadt.

1839 wurde der Friedhof (sog. Judenhebbel) angelegt. Er umfasst eine Fläche von 0,4 ha, und

seit 1911 befindet sich dort eine Leichenkapelle mit Friedhofswärterwohnung. Auf dem

Friedhof sind über 100 Grabstätten erhalten, darunter ist ein Denkmal für 6 Gefallene des

1. Weltkriegs.

Die rechte Seite vom Haupteingang umfasst Gräber aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Auf der linken Seite fanden Beerdigungen nach 1900 statt. Die Grabsteine erzählen die

Geschichte von Gubener Kaufleuten, Juristen und Ärzten. Durch verblassende Namen und

Schriftzeichen ist leider Vieles in Vergessenheit geraten.

1878: „Als im August 1878 die jüdischen Gemeinde eine neue Synagoge baute, wurden die

Turnstunden (des Männer-Turn-Vereins) auf einige Zeit in das derzeitige Vereinslokal

Zeschke (Reichshalle) verlegt, während in der Turnhalle die jüdischen Gottesdienste

abgehalten wurden. Der Verein erhielt dafür eine Entschädigung von 31,50 M.“ (2)

In der „Kristallnacht“ wurde die Gubener Synagoge, wie so viele andere, in Brand gesteckt

und zerstört und der Friedhof geschändet.

„Der jungen verpflichteten Soldaten der neuen Gubener Militärgarnison zogen am Morgen

des 10. November 1938 durch die Straßen ihrer neuen Garnisonsstadt, vorbei an den

ausgeplünderten und zerstörten jüdischen Geschäften, die von den SA-Terrortrupps (wie in

ganz Deutschland) in der vorausgegangenen Nacht heimgesucht worden waren. Das jüdische

Gottes- und Schulhaus, die Gubener Synagoge, brannte, angesteckt von den faschistischen

Horden, zwei Tage und zwei Nächte, und die ausgezogenen SA-Wachen verweigerten der

Feuerwehr 48 Stunden lang die Löscharbeiten.“ (5)

In Guben existiert keine jüdische Gemeinde mehr. Anfang der 40er Jahre wurde der Friedhof

vom Ehepaar Strauß gepflegt. Nachdem diese die Wohnung verlassen hatten, war der

Friedhof lange ohne Aufsicht.

Anfang der 50er Jahre übergab der Landesverband der jüdischen Gemeinden das Grundstück

mit Verwalterwohnung an die evangelische Kirchengemeinde Guben zu dauernder Nutzung.

Am 17.06.1951 fand der erste evangelische Gottesdienst in der Begräbniskapelle statt,

nachdem sie instand gesetzt und zum Gottesdienstraum ausgestaltet wurde.

1930 ist im Gubener Einwohnerbuch die Synagoge, am Kastaniengraben 16 befindlich,

eingetragen. Prediger war Winterberg, wohnhaft Pfingstberg 26. Der Synagogendiener war

Abraham Tock, der auch Kastaniengraben 16 (Synagoge) wohnte.

1936 ist Dr. Voss Prediger und wohnt, als Lehrer bezeichnet, Königstraße 68 (Besitzer

J. Cohn).

Geachtete Bürger

86

Quelle: siehe. „Geachtete Bürger“

Die Entwicklung Gubens mit ihrer bedeutenden Tuch- und Hutindustrie verdankte sie auch

dem jüdischen Unternehmergeist – davon sieben Fabrikanten.

Aber auch andere Berufsgruppen ließen sich in der Neißestadt nieder. Vertreter der

Fabrikanten waren Hermann Lewin (gest. 1920) als Mitbegründer der BerlinGubener

Hutfabrik (Uferstraße) und als Generaldirektor dessen Neffe Dr. jur. Alexander Lewin, Martin

Rosenthal als Unternehmer der Hutfabrik Steinke (Bahnhofsstraße), Berthold Lißner, Direktor

der Hutfabrik an der Egelneiße, später Vorstandsmitglied der BerlinGubener Hutfabrik, in


das sein Unternehmen aufging, Emil Brecht, Mitinhaber der Hutfabrik „Brecht und Fugmann“

(Kurmärkische Straße 18), Arthur Engel, Teilhaber der Tuchfabrik „Lehmann und Richter“

(Alte Poststraße), William Reißner, Direktor der Tuchfabrik „Reißner, Wohl & Co GmbH“

(Alte Poststraße).

Weiterhin bekannte Fabrikanten waren Martin Stern, Direktor der „Niederlausitzer

Mühlenwerke Stern & Co Aktiengesellschaft“ (Mittelstraße), Ludwig Meyer, Direktor der

Lederfabrik (Grunewald).

Julius Cohn war Inhaber des führenden Textilkaufhauses „Wolff Krimmer Nachf.“

(Herrenstraße 1), Hugo Kronheim führte ein Hutgeschäft (Herrenstraße 7), Söhne des

Hermann Meier besaßen ein Konfektionsgeschäft (Herrenstraße 37).

Weiterhin gab es in der Neißestadt die Kaufleute Paul Levy (Berliner Straße 1), Wilhelm Just

(Bahnhofsstraße 35 a), Ernst London (Königstraße 64), Max Werblowsky (Straupitzstraße 2).

Auch hatte Guben fünf Ärzte: Dr. Kurt Berent, Dr. Paul Cohn, Dr. Siegfried Goldschmidt,

Dr. Ernst Kaplan und Dr. Josef Smoira sowie die beiden Zahnärzte Dr. Alfred Lichtwitz und

Dr. Paul Siginski.

Weitere bedeutende und bekannte Juden waren unter anderem: Justizrat Gustav Marens,

Rechtsanwalt Walter Hesse sowie der Fotograf Herbert Rosenthal (Grüne Wiese 5).

Über die Grenzen der Neißestadt hinaus dürfte der ehemalige Oberbürgermeister (1912-1924)

Gubens, Dr. Alfred Glücksmann, bekannt gewesen sein.

Quellen: „Nachbarn von einst“, Andreas Peter –

Ausstellungskatalog 1999

„Wegweser durch das jüdische Brandenburg“ –

Irene Dickmann und Julius Schoeps, Edition

Hentrich 1995

Gubener Heimatkalender 1998

Gubener Zeitung

Dietlinde Schulz, Karsten Schneider,

wissenschaftlich-praktische Arbeit/Projektarbeit

EOS „Pestalozzi“ Guben 1989/90

Schicksale Gubener Juden in der Zeit des Nationalsozialismus

Dr. Alfred Glücksmann

Er war seit 1912 Oberbürgermeister in Guben, wurde aber 1924 nicht wiedergewählt. Wie

erzählt wurde, geschah dies nicht aus rassistischen Gründen, sondern weil die

Stadtverordneten den sich zu sehr als Autokraten gebärenden Demokraten nicht mehr länger

ertragen wollten. Trotzdem erkannten sie seine Leistungen an (z.B. Bau der Neißebrücke,

Umgestaltung der Stadtmühle zum Stadthaus). Er verließ Guben und wurde (in Berlin?)

Direktor einer Bank.

Seine Frau Frieda war die Schwester des jüdischen Nobelpreisträgers Fritz Huber, der 1934

in der Schweiz starb. Glücksmann emigrierte mit seiner Familie nach Israel. Nach 1945 kehrte

er nach Westdeutschland zurück, schrieb und veröffentlichte Erinnerungen. 1960 (?) starb er

in Heidelberg, in der Stadt, in der damals auch Gubens ehemaliger Nazioberbürgermeister

Erich Schmiedicke lebte.

Glücksmann hatte 4 Kinder:

Hilde, die am Gubener Gymnasium ihr Abitur gemacht hatte, wurde mit ihrem Mann und

zwei Jungen Opfer des Faschismus.

Arnold, 1946 Ingenieur in Mailand.

87


Dr. Anselm, war Jurist (?) an der Berliner Humboldt-Universität. Er war nicht nach

Palästina ausgewandert, sondern nach Mittelamerika emigriert. Als in Guben 1964 ein

Amerikaner einen politischen Vortrag hielt, fungierte er als Dolmetscher für Spanisch.

Heidi, heiratete in Israel (Jerusalem)

Die letzten Angaben machte Anselm, als er 1964 in Guben war.

Dr. Alfred Lichtwitz

Er arbeitete als Zahnarzt und wohnte Lindengraben 18. Seine Tochter ist noch rechtzeitig

ausgewandert.1964 lebte sie in Israel, wo sie von Dr. Sigrid Turm besucht wurde.

Meyer

Die zwei Brüder Ludwig und Emanuel wohnten ursprünglich in der Grunewalder Straße.

Sie gingen nach England, wo Emanuel gestorben ist. 1968 unterstützte Ludwig noch eine Frau

Walter, die in der Familie Hausangestellte gewesen war.

Dr. Fritz Salomon

Der Rechtsanwalt und Notar flüchtete mit seiner Familie nach England. Die eine Tochter,

Ilse, soll Opfer der Faschisten geworden sein. Die andere Tochter hat wahrscheinlich in

Dänemark überlebt.

Walter Hesse

Der Rechtsanwalt und Notar soll ebenfalls England als Zuflucht gewählt haben.

Marcus

Er war auch Rechtsanwalt und Notar. Viele Jahre hindurch arbeitete er als Stadtrat und seine

Arbeit war geschätzt. Er wurde gesehen, als er von den Nazis mit einem Lastauto aus Guben

weggebracht wurde. Man transportierte ihn in ein KZ, wo er umkam.

Fritz Weiß

Er war Landesgerichtsdirektor. Er starb 1932. Es steht aber nicht eindeutig fest, ob er eines

natürlichen Todes starb oder sich das Leben nahm.

Herbert Rosenthal

Er war mehrfach prämiert worden. Das Schicksal seines Sohnes ist unbekannt. Seine Tochter

war mit einem Philologen verheiratet, der seine Stelle verlor. Nach 1945 wurde er in

Heidelberg Dozent mit Professorentitel. Herbert Rosenthal nahm sich das Leben.

Kurt Berent

Dr. med. Kurt Berent war Hautarzt und wohnte in der Gartenstraße 8. Wahrscheinlich

verübte er Selbstmord. Seine Frau Emma, die die Tochter des Apfelweinproduzenten

Poetko war, lebte 1945 in Schweden. Ihr Sohn folgte ihr dorthin.

Berthold Lißner

Er war erst Hutbesitzer in der Winkelstraße Nr. 3. Nach der Fusion mit der Berlin-Gubener

Hutfabrik war er Direktor. Er hatte 3 Söhne. Gestorben ist er am 24.6.1928.

Heinz soll als Kriegsfreiwilliger im 1. Weltkrieg gefallen sein.

Walter war Kaufmann. Er war mit einer Tochter des Seifenfabrikanten Ziesche verheiratet

und emigrierte ohne sie nach Südamerika. 1954 hielt er sich in oder bei Krefeld auf,

wahrscheinlich als Angestellter des Gubener Hutfabrikanten Julius Pillmayer. Einige Jahre

darauf verstarb er.

Helmut soll vergast worden sein. Mehr ist nicht bekannt.

88


Berthold Lißner gehörte das Gebäude Alte Poststraße 32, das später von der SED-Kreisleitung

genutzt wurde. Nach dem Tode des Vaters bewohnten es die Söhne.

Ulrich Eichholz

Er, der als Kreissyndikus (Beamter) gearbeitet hatte, musste aus dem Dienste scheiden, weil

er eine jüdische englische Mutter hatte. Er wurde in Guben Versicherungsvertreter, war nach

1945 Landrat in Cottbus und wurde schließlich in eine höhere Stelle bei der Regierung

berufen. Später verließ er die DDR und stieg in der BRD zum Ministerialdirigenten auf. Er

erhielt hohe Orden und lebte 1968 außer Dienst in Freiburg.

Kurt Pekel

Er war Justizsekretär. Weil er mit der Jüdin Martha Michaelis verheiratet war, wurde er in den

Ruhestand versetzt.

Sein Sohn Walter wurde aus dem Heer als „wehrdienstunwürdig“ entlassen. Er nahm 1945

seine Tätigkeit als Kaufmann bei der Konsumgenossenschaft wieder auf und lebte 1968 als

Rentner in Cottbus.

Sein Bruder, der bis 1939 Leihbibliothekar war, durfte bei der kämpfenden Truppe bleiben

und lebte 1968 als Buchhändler und Antiquar in Köln.

Helmut Fleischel

Er war Sohn des (erblindeten) Rittmeisters a.D. und Gutsbesitzers von Schönaich. 1933 trat er

der SS bei. Er wurde aber ausgeschlossen und für „wehrdienstunwürdig“ erklärt, weil er eine

jüdische Großmutter hatte. Nach 1945 wurde er in Hamburg zu einer Zuchthausstrafe

verurteilt, weil bei ihm ein Revolver gefunden wurde. Er bekam eine Anstellung beim

Thomas-Phosphat-Verband, bei dem er noch 1968 tätig war. Er heiratete, wurde Vater von

2 Söhnen. 1968 erhielt er eine Wohnung in Baumberg, Bezirk Düsseldorf.

Elisabeth Faeber

1968 wohnte sie in Guben in der Rosa-Luxemburg-Straße. Nach 1945 war sie Sekretärin beim

Oberbürgermeister Schwarz. Sie soll mit einem Juden verheiratet gewesen sein. Sein

Schicksal ist unbekannt. Ihr Sohn starb bei einem Unfall.

Dr. Kohn-Cote

Er emigrierte nach Südafrika. Seine Frau, Tochter und sein Schwiegersohn Heinz Engel

begleiteten ihn.

Aus dem Leben der Familie Dr. Glücksmann

89

Quelle: Dietlinde Schulz, Karsten Schneider,

wissenschaftliche Arbeit/

Projektarbeit EOS „Pestalozzi“

Guben 1989/90

Dr. Alfred Glücksmann wurde 1875 in Oberschlesien geboren. Er war der einzige jüdische

Bürgermeister Gubens. 1960 starb er nach einem zweiten Schlaganfall.


1912 wurde er zum Gubener Bürgermeister gewählt und übte das Amt 12 Jahre lang

erfolgreich aus. 1914 wurde er zum Oberbürgermeister ernannt.

Tragisch verliefen die Jahre 1933 – 1945 für die Familie Glücksmann:

Hilde, die zweite Tochter Glücksmanns, heiratete noch vor Abschluß ihres Studiums.

Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Jungen wurde sie von den Nationalsozialisten

in ein Konzentrationslager eingeliefert – alle kamen in der Gaskammer um.

Die beiden Glücksmann-Söhne überlebten, wie auch die Eltern, trotz vieler Schikanen die

NS-Zeit und den II. Weltkrieg.

Während der Älteste schließlich als Ingenieur in Oberitalien seßhaft wurde, blieb der Jüngere

in Deutschland. Dr. Glücksmann selbst wurde 1938 in einem Konzentrationslager inhaftiert,

durch die Hilfe von Wilhelm Külz aber freigelassen. Noch im selben Jahr ließ man ihn nach

Palästina ausreisen.

Die Sehnsucht nach seiner Heimat ließ ihn jedoch nach dem Kriege wieder nach Deutschland

zurückkehren. Zunächst lebte er in Berlin, verzog aber dann in den Odenwald.

Der jüdische Arzt Dr. Ernst Kaplan

-Auszug-

90

Quelle: Gubener Heimatkalender 1993

Gesetze und Verordnungen schränkten das Leben der Juden in Deutschland immer weiter ein.

So kursierten Anfang April bereits Vorstellungen über eine „Neuregelung der Zulassung von

Kassenärzten“, wobei die „nationale Ärzteschaft nach entsprechender Zurückdrängung des

Einflusses jüdischer und marxistischer Ärzte“ forderte…

Ernst Kaplan studierte in Breslau Medizin und bestand die Prüfung an der dortigen

Universität im Mai 1922. Vom März 1923 bis April 1924 war er als Volontärarzt in Frankfurt

am Main tätig, von wo er zur weiteren Ausbildung an die dortige Universitäts-Klinik ging.

Mitte der 20er Jahre kehrte er nach Guben zurück. Er heiratete Elisabeth Engel, die Tochter

des Tuchfabrikanten Arthur Engel. 1931 kam ihre Tochter Doris zur Welt, die noch in Guben

eingeschult wurde. Er durfte nach 1933 nicht weiter als Arzt arbeiten und wurde am

4. Dezember 1939 in Schutzhaft genommen. Als Gründe werden auf dem Schutzhaftbefehl

genannt: „Er gefährdet nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Feststellungen durch sein

Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates dadurch, dass er ein

Militärseitengewehr im Besitz hatte, gegen die ergangene Anordnung verstößt und dadurch,

dass er gemeinschaftlich mit seinem Schwiegervater größere Mengen Lebensmittel und

Gebrauchsgegenstände hamsterte, die Maßnahmen der Regierung hinsichtlich einer gerechten

Verteilung in Kriegszeiten sabotiert.“

Mitte November 1941 wurde er kurzzeitig zum „Krankenbehandler“ im Reichsautobahnlager

Bätz „notdienstverpflichtet“. Nur wenige Tage später, Anfang Dezember 1941, verstarb Ernst

Kaplan in Guben an den Folgen von Schutzhaft und Notdienstverpflichtung. Er wurde auf

dem jüdischen Friedhof am Reichenbacher Berg beigesetzt. Seine Mutter Mathilde Kaplan

verstarb ebenfalls 1941 und fand auf dem hiesigen jüdischen Friedhof ihre letzte Ruhestätte.

Seine Frau Elisabeth und ihre Tochter Doris kamen im Warschauer Getto um.

Quelle: „Nachbarn von einst“, S. 83 – Autor: Andreas Peter


Martin Rosenthal – ein Porträt

Gründete den Steinke-Konzern / Sein Leben endete in der Gaskammer von Auschwitz

Mit den nachstehenden Zeilen soll eines Mannes gedacht werden, dessen Bau-Initiativen noch

heute das Gubener Stadtbild in der Bahnhofsstraße / Ecke Alte Poststraße prägen, der

maßgeblich für Arbeit und Brot und den Aufschwung der Gubener Hutindustrie arbeitete und

keinem etwas Böses tat. Unsere Autorin Charlotte Kirks schrieb das nachstehende Porträt des

Juden Martin Rosenthal.

Er kam etwa 1924/1925 nach Guben. Er war der Inhaber der alten Hutfabrik Steinke, deren

Gebäude sich entlang der Alten Poststraße bis kurz vor die Bahnhofsstraße erstreckten.

Die Firma Steinke wurde wahrscheinlich in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts als

Steifhutfabrik gegründet. Herren-Steifhüte, so genannte Melonen, waren damals der

Modetrend!

Martin Rosenthal verkaufte sein Gut in Feldkirchen bei München (er war aber kein Bayer),

hatte seinen Hauptwohnsitz in seiner Villa Berlin-Grunewald, Herthastraße, und besaß im

Neubau der „Grünen Post“ seinen 2. Wohnsitz. Er war Jude.

Zerstörendes Großfeuer

Die Fabrikanlagen entlang der Bahnhofstraße wurden unter seiner Leitung wesentlich durch

einen Neubau erweitert und im Sommer 1928 in Betrieb genommen.

Die Verbindung zu den alten Gebäuden in der Alten Poststraße erfolgte durch den

Eckenanbau einige Zeit später. Ein Großfeuer in der Nacht vom 7. zum 8. Mai 1938 zerstörte

die alten Gebäude in der Alten Poststraße. Auf diesem Gelände wurden nach 1945 zwei

Wohnhäuser errichtet. Martin Rosenthal war ein äußerst tüchtiger Geschäftsmann. Anfang der

30er Jahre gliederte er die ehemalige Gubener Haar- und Velourhutfabrik (Guhabag) ein, in

der Mittelstraße gelegen, (zuvor gehörte sie dem Leonhard Tietz Konzern) und modernisierte

sie durch einen Neubau. Zur selben Zeit kaufte er die ehemalige jüdische Fabrik V. Kronheim

in Dresden, Seidnitzer Straße. So entstand der Steinke-Konzern innerhalb der Hutindustrie.

Starker Konkurrent

Das Gesamtunternehmen entwickelte sich zu einer starken Konkurrenz innerhalb der

Hutindustrie und machte besonders hervorragende Geschäfte in der Damenhutproduktion.

Dem jüdischen Zentraleinkäufer für Herrenhüte im Rudolph-Karstadt-Konzern, Heinrich

Reich aus Berlin, bot er im Gubener Werk nach seiner Entlassung eine neue Arbeitsstelle an.

Er arbeitete, fest angestellt, als Vertreter für Herrenhüte im Bezirk Schlesien. Heinrich,

nunmehr Henry Reich, meldete sich nach 1945 aus New York. Er starb 1991/1992 in der

Nähe von Boston in den USA. Martin Rosenthal war ein sehr humaner Chef, gütig, nicht stolz

und hatte während seiner Betriebsdurchgänge für jeden ein offenes Ohr. Sein 50. Geburtstag

wurde im damaligen Hotel „Kronprinz“, jetzt „Volkshaus“, mit der gesamten Gubener

91


Belegschaft gefeiert. Gleichermaßen seine Silberhochzeit im großen Festsaal des

„Schützenhauses“. Bei 10jähriger Betriebszugehörigkeit besorgte und kaufte er persönlich

ein passendes Geschenk für Angestellte. Soweit ihm ein Todesfall in Familien seiner

Angestellten zur Kenntnis kam, kondolierte er ebenfalls persönlich.

Das bittere Ende

Dann kam das bittere Ende. Aus heutiger Sicht war es bereits der Anfang des Niedergangs der

einst so bedeutenden und bodenständigen Gubener Hutindustrie. Der Steinke-Konzern wurde

1938 von der Berlin-Gubener Hutfabrik AG übernommen und an diese verkauft, blieb aber

als solcher eigenverantwortlich bestehen. Im Werk in der Bahnhofsstraße lief die Produktion

bis 1940. Die Fabrikanlagen wurden für Rüstungszwecke an die Firma Rheinmetall-Borsig

vermietet.

Martin Rosenthal verließ Deutschland, nahm seinen Wohnsitz in Amsterdam und gründete

dort die „Amstel Hoedenfabrik“. Während der deutschen Besatzung wurde er zusammen mit

seiner Frau Ellen nach Auschwitz deportiert und dort vergast.

Erwähnenswert wäre noch, dass die Tochter mit Ehemann Dr. Haas und den zwei Kindern

rechtzeitig nach England emigrierten. Der Sohn Dr. Herbert Rosenthal, im Gubener Werk mit

tätig gewesen, verlegte rechtzeitig seinen Wohnsitz in die USA. Der angeheiratete Neffe

Georg Pelz, als Abteilungsleiter im Gubener Werk tätig, mit Wohnsitz in Guben, verzog mit

seiner Familie nach Amsterdam. Die Familie überlebte dort im Versteck und er etablierte sich

mit einer kleinen Hutfabrik nach 1945 in Köln am Rhein.

Anlässlich des Besuches der Leipziger Messe um 1950 besuchte er kurz Guben; er starb

frühzeitig. Der angeheiratete Neffe Max Cohn-Bloch, als kaufmännischer Angestellter im

Gubener Werk tätig, zog nach Amsterdam und wurde von dort nach Auschwitz deportiert,

erkrankte an Ruhr und verstarb.

Martin Rosenthal bot dem jüdischen Referendar Heilborn und dem in Guben geborenen

Halbjuden Rudi Cheim eine angemessene Arbeitsstelle. Er wurde ebenfalls nach Auschwitz

deportiert, überlebte aber. 1945, im Frühsommer, wurde er als Leiter der wieder in Betrieb

gehenden Hutfabrik C. G. Wilke eingesetzt, deren technische Ausrüstung voll erhalten war

und nicht von der Besatzungsmacht requiriert wurde.

Hilfe für viele

Die Gubener Schülerin und Jüdin Rita London begann ihre kaufmännische Lehre im Gubener

Werk. Mit einem Transport jüdischer Jugendlicher vom Ausland organisiert - landeten sie in

Australien. (Rückfragen beim Internationalen Roten Kreuz in Australien nach 1945 über ihren

Verbleib brachten keinen Erfolg).

Die Gubener Jüdin Ilse-Sarah Katzky fand als Garniererin eine Arbeitsstätte. Im

Einwohnermeldebuch 1939 ist sie noch als jüdische Mitbürgerin unter dem Namen Ilse-Sarah

Katzky geführt. Ein Lebenszeichen kam von ihr vor nicht all zu langer Zeit aus England.

Quelle: Charlotte Kirks, Lausitzer Rundschau vom 7. Mai 1994

92


Eine jüdische Familie im Landkreis Guben

während des

Dritten Reiches

-Auszug-

„Unser 1901 in Berlin als Sohn eines bekannten jüdischen Arztes geborener Vater trat 1929

zum evangelischen Glauben über und heiratete 1931 unsere „arische“ Mutter, Tochter eines

Gubener Fabrikanten. Er wurde 1932 aktiver Teilhaber im Unternehmen seines

Schwiegervaters. Mein 1937 geborener Bruder und ich (Jahrgang 1932) wurden evangelisch

getauft und erzogen. Die Familie lebte seit 1934 in einem Dorf im Landkreis Guben.

NS-Gesetze zum Erbrecht bei sogenannten Mischehen im Jahre 1935 veranlaßten unseren

Vater, seine Firmenanteile auf unsere Mutter zu übertragen. Sie überschrieb ihre gesamten

Anteile auf Grund des Devisensicherungsgesetzes vorsorglich formell auf ihren Vater.

Nach seiner Inhaftierung im KZ Sachsenhausen im November 1938, aus dem er durch die Intervention seines sehr einflussreichen und

energischen, der NSDAP nicht angehörenden Schwiegervaters, bereits zum Monatsende wieder entlassen wurde, durfte unser Vater auch

nicht als Prokurist oder Angestellter in seinem (bisherigen) Unternehmen tätig sein. Nach Umschulung durch die jüdische Gemeinde in

Berlin zum Schlosser und Dreher arbeitete er in einem Berliner Unternehmen und wohnte zur Miete privat unter Kontrolle der Gestapo.

Geschützt durch die Mischehe mit unserer Mutter brauchte er keinen Stern zu tragen und durfte seine Familie einmal pro Monat am

Wochenende im Landkreis Guben besuchen.

Schriftliche Genehmigungen für jede einzelne Besuchsreise bewahrten ihn nicht vor willkürlichen Verhaftungen während der Bahnfahrt nach

Guben, die immer wieder die Intervention unseres Großvaters und seine Verbindungen zum OKW (Oberkommando der Wehrmacht)

notwendig machten.

Meine Kindheit auf dem Lande verlief unbeschwert bis zum November 1938, als der

Unterricht in der Dorfschule unterbrochen und in einer Lehrerkonferenz darüber beraten

wurde, ob ich die Schule weiter besuchen durfte. Lehrer und Mitschüler verhielten sich in den

folgenden Jahren – mit wenigen Ausnahmen – freundlich und zumindest wohlwollend

neutral. Das traf im Übrigen auch für die große Mehrheit der Dorfbevölkerung zu. Dieses

generelle Verhalten der Dorfbewohner gegenüber unserer Familie änderte sich auch nicht, als

ich 1942 nach bestandener Aufnahmeprüfung für die Oberschule in Guben durch NS-Gesetz

wieder in die Dorfschule zurückkehren mußte und als einziger Junge im ganzen Ort nicht der

Hitlerjugend angehörte.

Mein fünf Jahre jüngerer Bruder besuchte ab 1943 unbehelligt die Dorfschule in unserem Dorf.“

Quelle: Nachbarn von einst; S. 88 – 89, Autor Andreas

Peter

93


Meine Erinnerung an Gubener Juden

-Auszüge-

Die so genannte Kristallnacht vom 9. und 10. November war der erste Höhepunkt der

Pogrome gegen die Juden in Deutschland.

Auf unserem Spielplatz an der Egelneiße waren nicht nur „anwohnende“ Kinder, sondern

auch solche aus der nahen Umgebung. Dass darunter auch jüdische Kinder waren, fiel uns

anderen erst auf, als diese nicht mehr zum Spielen kamen, ja ganz aus unseren Augen verloren

gingen. Ich erinnere mich an ein kleines hübsches schwarzhaariges Mädchen, die zu unserer

Horde gehörte. Sie war die Tochter eines jüdischen Ohrenarztes. Von meiner Mutter erfuhr

ich, dass dieser Mann vielen Patienten geholfen hatte, gegen seine eigene hochgradige

Schwerhörigkeit aber machtlos war.

Als meine Mutter 1934 Witwe geworden war, nahm sie eine Aufwartestelle bei dem

jüdischen Ehepaar W. (Wolff/Red.) in der damaligen Kubestraße (heute Berliner Straße) an.

Ich wurde meistens dorthin mitgenommen. Die beiden Leute waren damals so um die

50 Jahre alt und hatten, da selbst kinderlos geblieben, mich in ihr Herz geschlossen. Er hatte

eine Vertretung in Stoffen und Tuchen. (Im Einwohnerbuch von 1933 steht, dass er

Geschäftsführer war).

Ostern (richtiger 1. 4.) 1935 wurde ich eingeschult. Für W.s war es eine Genugtuung, mich

mit ledernem Ranzen und Brottasche auszurüsten. Den Ranzen habe ich, da in

Kriegstrümmern wieder gefunden, noch 1946/47 als „Geschäftstasche“ benutzt.

Die Wolffs wechselten 1936 ihre Wohnung und zogen in die Pförtener Straße. An der

Beziehung zwischen ihnen und uns änderte sich dadurch nichts. Nur der Weg war etwas

weiter geworden.

Inzwischen hatte meine Mutter eine zweite Putzstelle in der Alten Poststraße angenommen,

wo sie auch ca. einmal im Monat die „Große Wäsche“ zu erledigen hatte, natürlich mit

Kochkessel, Zuber und Waschbrett. Der größte Teil der Wäsche wurde nach dem Trocknen

gerollt.

Es gab zwar vereinzelt noch handbetriebene Rollen. Allgemein ging man aber schon zu

jemand, der gewerbsmäßig seine stationäre elektrische Wäscherolle gegen Entgelt zur

Verfügung stellte. Meine Mutter war also eines Abends noch zum Rollen gegangen. Ich

wollte sie von dort nur abholen. Da sie noch nicht fertig war, wartete ich noch ein bisschen in

dem Rollraum, den ich zwar schon kannte, der aber immer noch meine Neugier weckte. Den

Zugriff zu den mit Wäsche umwickelten Rollen während des Betriebes verhinderte ein

Schutzgitter; die Hand eines 7jährigen konnte aber durch das Gitter hindurch greifen. Ich

bekam einen ordentlichen Schreck, als plötzlich die Kuppe meines rechten kleinen Fingers so

platt gewalzt wie die Wäsche war. Den Nebenfinger konnte ich gerade noch, obwohl auch

schon aufgeplatzt, zurückziehen. Meine Gedanken – nur nichts sagen, nachher an der

Wasserleitung abspülen – musste ich nach kurzer Zeit aufgeben, da es anfing weh zu tun. Mit

kullernden Tränen zeigte ich mein Malheur der Mutter, deren Schreck auch nicht gering war.

Etwa 500 m waren es bis zum nächsten Arzt, Dr. Kaplan, der zu dieser Tageszeit keine

Sprechstunde mehr hatte. Nachsichtig ließ er uns aber ein und versorgte unter tröstenden

Worten meine Verletzung… Einmal noch bestellte mich der freundliche Dr. Kaplan in seine

Sprechstunde, dann musste er mich an einen anderen Arzt abgeben. Die Kosten eines

jüdischen Arztes übernahm die Krankenkasse nicht.

In Bezug auf Juden musste uns im Schulunterricht wohl irgendetwas Nazi-Ideologisches

gesagt worden sein. Jedenfalls sagte ich eines Tages in W.s Küche zur Mutter: „Wir dürfen

doch gar nicht zu W.s gehen. W.s sind doch Juden.“ Ich wusste damals nicht, was meine

94


Worte bedeuteten, noch weniger ahnte ich, dass Frau W. im Korridor jedes Wort mitgehört

hatte, da die Küchentür nur angelehnt war. Meine Mutter war über meine Rede sprachlos und

wäre am liebsten im Boden versunken, als unmittelbar darauf Frau W. hereinkam. Diese sagte

gar nichts – sie weinte nur; dabei nahm sie mich aber dennoch in ihre Arme.

Ab Herbst 1937 ging ich nur noch selten zu W.s. Ich hatte inzwischen eine so genannte

Laufjungenstelle. Für eine etwas gehbehinderte Frau, die mit ihrem Bruder die Wohnung

teilte, ging ich täglich einkaufen, Lebensmittel und alkoholische Getränke, vor allem Bier

(20 Flaschen pro Tag). Des Weiteren machte ich ihr auch kleinere Handreichungen. Das alles

für 50 Reichspfennig im Monat.

Es war im Sommer des Jahres 1938, als meine Mutter nach Hause kam und erstaunt

berichtete, bei W.s hätte ihr keiner geöffnet. Sie versuchte es noch ein paar Mal an anderen

Tagen, aber es war niemand da. W.s waren verschwunden. Sich dieserhalb bei Behörden oder

auch nur Nachbarn zu erkundigen, schien damals nicht ratsam.

Die nun alles beherrschende NS-Propaganda spitzte sich auf einen Höhepunkt zu: zur

Kristallnacht. Am 9. November 1938 kam es auch in Guben zu antijüdischen

Ausschreitungen. Mit meinen noch nicht ganzen zehn Jahren verstand ich nicht, was

eigentlich geschah und warum es geschah, erst recht nicht. Wohl aber wurde meine kindliche

Neugier gereizt. So lief ich die Klosterstraße zum Markt und zur Herrenstraße, um mir die

eingeworfenen Schaufensterscheiben und eingetretenen Ladentüren anzugucken. Bei

einzelnen kam ich dazu, wie randalierende Banden noch dabei waren, große

Straßenpflastersteine in Schaufenster zu werfen. Trotz dieses Aufruhrs waren relativ viel

Menschen auf den Straßen, vielleicht auch im Auftrag der Nazis. Dass es Passanten wagten,

gegen diese Machenschaften einzuschreiten oder sich nur dagegen aufzulehnen, habe ich

nicht bemerkt. Ich selbst dachte an nichts, nur soviel, möglichst wenig zu verpassen.

So war ich, mitgetrieben, bis in den Kastaniengraben gekommen und stand vor der Synagoge;

wir sagten dazu Judentempel. Obwohl ich mich fast immer 2 bis 3 m zurückhielt, bin ich dort

doch zu dicht an den grölenden Pöbel geraten. Kleinpflastersteine, die aus Gehwegen

herausgerissen waren, flogen in Fenster von Kirche und Küsterhaus, besonders wenn

Menschen dahinter vermutet wurden. Ich stand hinter einem Halbstarken, der einen Kopf

größer als ich war und in jeder Hand einen Pflasterstein hatte. Plötzlich sah ich hinter dem

Fenster der 1. Etage des Hauses eine ältere Frau. Mein Vordermann hatte sie auch schon

erspäht und nahm sie aufs Korn. Zum zielsicheren Wurf holte er weit aus. Dabei schlug er,

ohne dass er es überhaupt bemerkte, mit dem Stein gegen meine rechte Augenbraue. Die war

sofort aufgeplatzt und das Blut lief mir übers Gesicht. Mir war gleich jede Sensationslust

vergangen; beschämt und wütend machte ich mich davon. Am übernächsten Tag wurde ich

zehn Jahre alt und musste meinen Geburtstag mit einem zur Hälfte zu gepflasterten Auge

verbringen.

Rund ein Jahr danach hatte ich diesen Vorfall erstmal vergessen. Es war im Spätsommer des

Jahres 1939, als ich auf unserem Spielplatz in der Laternengasse mit anderen Kindern

herumtobte. Auf einmal, ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen – da kam doch Onkel W.

auf mich zu?! Als er merkte, dass ich ihn sah, spitzte er sofort seinen Mund und legte den

Zeigefeiger darauf. Die Geste verstehend, sagte ich kein Wort. Er gab mir die Hand,

überreichte mir ein kleines in Seidenpapier eingewickeltes Etwas und flüsterte: „Möge es Dir

gut gehen! Einen schönen Gruß an die Mutti.“ Ehe ich überhaupt richtig begriffen hatte, was

ich erlebte, war er schon wieder fort. Das mir übergebene Etwas war eine

Kindermundharmonika.

Nie haben wir erfahren, wo Familie W. hingekommen ist, wie es ihnen ergangen ist, wieso er

plötzlich wieder mal auftauchte und gleich wieder verschwand, was aus ihnen geworden ist.

Heute können sie, schon biologisch bedingt nicht mehr leben.

Quelle: Gubener Heimatbrief, 2/1998, S. 48-51, Günter Deckert

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Eine wirksame Propaganda

Antisemitische Aktionen in Guben 1935 und 1938

GUBEN. Die einmalige Schreckensbilanz des Dritten Reiches im Jahre 1945 mit

Millionen Toten, verwüsteten Städte und dem Verlust der Ostgebiete kann man nur

verstehen, wenn man die Jahre davor betrachtet.

Dabei ist zu beachten, dass es der NS-Herrschaft zeitweilig gelang, „die Bedürfnisse und Sehnsüchte breiter Schichten überzeugend

anzusprechen und wenigstens zum Teil auch zu befriedigen“; wie der Münchener Historiker Norbert Frei (Der Führerstaat) ausführt.

45 jüdische Familien

Quelle: Lausitzer Rundschau, 13. Juni 1998, Gerhard Gunia

Zwar gab es hier nur 45 jüdische Familien (Stand 1939) und in ganz Deutschland etwa

550.000 Juden, d. s. 0,9 Prozent der Bevölkerung - aber sie bildeten den Anstoß, Schuldfragen

und Hassgefühle auf Minderheiten abzuwälzen.

Die antijüdische Propagandafahrt der SA-Brigade 122 am 11. August 1935, einem Sonntag,

begann auf dem Lubstplatz. Hier waren 1400 SA-Männer zum Appell angetreten unter

Standartenführer (= Oberst) Schulz-Sembten in Anwesenheit von Brigadeführer Palm.

Anschließend fuhren 20 LKW durch das Stadtgebiet mit angebrachten Plakaten. Darauf hieß

es: „Den Galgen halten wir bereit / Für Volksverräter jederzeit.“

„Deutsches Mädel, sei helle / Nimm beim Juden keine Stelle.“

„Moses, Aaron, Levy, Cohn / Palästina wartet schon.“

Von allen Wagen ertönten Sprechchöre mit den Worten:

„Deutschland erwache / Juda verrecke / Nieder mit der Reaktion.“

Dazwischen gab es militärische Übungen, so an der Sprucker Straße, wo aufgestellte

Barrikaden zu überwinden waren (Gubener Zeitung, 13.08.1935). Sicherlich wurde dieser

SA-Auftritt von Teilen der Gubener Einwohner abgelehnt. Zehn Jahre später nutzte keine

Barrikade mehr, die Stadt wurde zerstört.

Befehle von 1938

Quelle: Lausitzer Rundschau, 13. Juni 1998, Gerhard Gunia

„Es werden in kürzester Zeit in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden, insbesondere deren

Synagogen, stattfinden. Sie sind nicht zu stören. Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa

20.000 bis 30.000 Juden.“

„... sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere Wohlhabende – festzunehmen, als in

den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde

96


und männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen. Nach Durchführung der Festnahme

ist unverzüglich mit den zuständigen KZs, wegen schnellster Unterbringung der Juden in den

Lagern, Verbindung aufzunehmen.“

Diese Befehle wurden auch in Guben befolgt.

91 Bürger jüdischen Glaubens wurden bei diesen Pogromen getötet, wobei die Zahl

unvollständig sein wird. Viele begingen Selbstmord oder wurden in KZs verschleppt. Die

Dunkelziffer wird weit höher liegen.

Ab 1.1.1939 durften Juden nicht mehr als Betriebsleiter arbeiten, bzw. keine leitenden

Tätigkeiten ausführen. Der Besitz von Geschäften und Handwerksbetrieben war ihnen

verboten. Sie mussten ihre Kraftfahrzeuge abliefern und die Wohnung kennzeichnen.

Im Dezember 1938 schreibt die „Gubener Zeitung“:

„Am 3.12.1938 wird in Guben der Tag der Nationalen Solidarität (Sammelaktion für das

Winterhilfswerk) durchgeführt. Juden dürfen von 12.00 - 20.00 Uhr keine Straßen und Plätze

betreten, sie haben sich in ihren Wohnungen aufzuhalten.“

Polizeiverordnung vom 1.9.1941:

„Juden, die das 6. Lebensjahr vollendet haben, ist es verboten, sich in der Öffentlichkeit ohne

einen Judenstern zu zeigen… Er ist sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstückes

fest aufgenäht zu tragen…“

Durch die Solidarität vieler (auch nichtjüdischer) Bürger konnten Mitglieder der

Synagogengemeinde Deutschland noch vor dem Zweiten Weltkrieg verlassen. Seit dem Krieg

gibt es in Guben keine Jüdische Gemeinde mehr.

Quelle: Dietlinde Schulz, Karsten

Schneider; wissenschaftlichpraktische

Arbeit/

Projektarbeit EOS

„Pestalozzi“ Guben

1989/90

NS-Terror in Guben

Bereits in ihrer Wahlpropaganda vor 1933 gab die NSDAP den Juden und allen Linkskräften

die Schuld an der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig

hob sie die „Germanische Rasse“ hervor und betonte in diesem Zusammenhang die

Minderwertigkeit der Juden. So bereitete die Partei Hitlers ihre Gliederungen, wie SA, SS und

HJ, aber auch die deutsche Bevölkerung auf den Hass, die Demütigung und Verfolgung der

Juden vor.

Bereits kurz nach dem Machtantritt (Januar 1933), am 1. April 1933, forderten SA-Posten und

Plakate die Gubener zum Boykott jüdischer Einrichtungen und Geschäfte auf. „Kauft nicht in

jüdischen Geschäften“ wurde gewarnt.

97


Aber schon Mitte März hatten SA und SS kurzzeitig das Warenhaus Karzentra, das Kaufhaus

„Wolff Krimmer Nachf.“, das Geschäft Hermann Meier und das Schuhhaus Batas besetzt.

Die Ermordung des Legationssekretärs vom Rath in der deutschen Botschaft zu Paris durch

den 17-jährigen Juden Grünspan gab dem NS-Regime den willkommenen Anlass, mit den

Juden „abzurechnen“. So wurde im gesamten Reich vom 9. zum 10. November 1938 das

„Judenpogrom“ (Reichskristallnacht) vorwiegend von der SA durchgeführt.

In Guben waren Polizei und Feuerwehr auf den Brandanschlag auf die Synagoge vorbereitet

worden. Das Gebäude brannte, wurde aber nicht zerstört. Im gleichen Atemzuge erfolgte die

Demolierung jüdischer Einrichtungen und Geschäfte. Einige jüdische Bürger, wie Selmar

Brühn, Hugo Kronheim, Gustav Müller, Robert Hesse (in Forst) wurden auf LKW

„verfrachtet“. Sie kamen ins KZ Sachsenhausen – später wurden sie wieder frei gelassen. Der

jüdische Friedhof wurde geschändet – Grabsteine umgeworfen.

Der Terror gegen die Juden begann aber schon Jahre früher. Ärzte und Rechtsanwälte verloren

ihre Zulassung. Eine Ausnahme machte man beim Rechtsanwalt Walter Hesse, der bis

1936 arbeiten durfte. Die Rassengesetze vom 15. September 1935 verboten unter anderem die

Ehen mit Juden und erkannten zugleich Juden die deutsche Staatsbürgerschaft ab.

Nach und nach wurden Juden ihrer Rechte beraubt, ihr Vermögen konfisziert. So wurde zum

Beispiel der jüdische Betrieb „Reißner, Wohl & Co Nachf.“ enteignet und „arisiert“. Die

Tuchfabrik „Lehmann Wwe. & Sohn“ erwarb ihn billig - das Geld bekam der Staat.

Der weitergehende und für die Juden immer schwerer zu ertragende Terror sah unter anderem

wie folgt aus:

- ab 12. November 1938 - Teilnahme an Kulturveranstaltungen wurde verboten

- Verbot des Waffenbesitzes

- Vorauszahlungen bei Warenlieferungen

- Verbot des Führens von Kraftfahrzeugen

- Gesetz vom 3. Dezember 1938 über die „planmäßige Entjüdung der

Wirtschaft“ (Arisierung jüdischer Unternehmen aller Art)

- Mietgesetz vom 30. April 1939 hob die Mietrechte für Juden auf

- Aufhebung aller bisherigen Bezüge aus Arbeits- und Dienstverhältnissen,

Renten und anderen erworbenen gesetzlichen Versorgungsleistungen

- Zwangsanlegen eines Depots für Wertpapiere

- Bei Geldnot Antrag an das Finanzamt zwecks Bereitstellung der benötigten

Beträge

- Verbot des Erwerbs von Gegenständen aus Gold, Platin oder Silber,

Edelsteinen und Perlen

- Verbot, diese zu verpfänden und zu veräußern

- Verkauf von Schmuck- und Kunstgegenständen nur an die „Reichskammer für

Bildende Künste“

- Verbot – Sonnabend die Wohnung zu verlassen

- Tragen des zweiten Vornamens „Sarah“ oder „Israel“

- Ab Mitte September 1941 tragen des „Gelben Sterns“

- Ab Mitte 1941 Räumung der Wohnung – der Erlös des Haushaltes ging an den

Staat

- Umsiedlung in das Barackenlager Schlagsdorfer Weg

- Geringere Zuteilung von Nahrungsmitteln (Marken) als für die Bevölkerung

Bis Mitte 1942 erfolgte die Deportation in Ghettos oder KZs.

98

Quellen: „Nachbarn von einst“, Andreas Peter

Ausstellungskatalog 1999


Der Ahnenpass

99

„Wegweiser durch das jüdische Brandenburg“

– Irene Dickmann und Julius

Schoeps; Edition Hentrich 1995

Gubener Heimatkalender 1998

Gubener Zeitung

Dietlinde Schulz, Karsten Schneider;

wissenschaftlich-praktische Arbeit/

Projektarbeit, EOS „Pestalozzi“ Guben

1989/90

Der Ahnenpass war ein Vordruck in Heftform für den Abstammungsnachweis (Ariernachweis), der von jedem Bürger des Dritten Reiches

aufgrund der Nürnberger Gesetze (15. September 1935) erbracht werden musste. Mit einer Geburts- oder Tauf- und Heirats- oder Trau-

Urkunde war zu belegen, dass kein Eltern- oder Großelternteil „vollartfremden, insbesondere jüdischen Blutes“ war. Ein lückenloser

Abstammungs- bzw. Ariernachweis war die Voraussetzung für volle Bürgerrechte. Oppositionelle Geistliche verhalfen manchem rassisch

Verfolgten durch einen frisierten Ahnenpass zu den lebensnotwendigen Personalpapieren.

„Die gesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit des völkischen Staates muss ihre Krönung darin finden, dass sie den Rassesinn und das

Rassegefühl instinkt- und verstandesmäßig in Herz und Gehirn der ihr anvertrauten Jugend hineinbrennt. Es sollen kein Knabe und kein

Mädchen die Schule verlassen, ohne zur letzten Erkenntnis über die Notwendigkeit und das Wesen der Blutreinheit geführt worden zu sein!

Damit wird die Voraussetzung geschaffen für die Erhaltung der rassenmäßigen Grundlagen unseres Volkstums und durch sie wiederum die

Sicherung der Vorbedingungen für die spätere kulturelle Weiterentwicklung.“ (Adolf Hitler)

Der Ahnenpass stellt eine Urkunde im Sinne des Gesetzes dar; es ist daher bei seiner

Erstellung auf peinlichste Genauigkeit der gemachten Angaben und auf die unbedingte

Richtigkeit der niedergelegten Ahnenreihen zu achten. Auch erspart der Passinhaber durch

korrekte Aufstellung sich Arbeit, Zeit und unnötige Kosten, da bei der amtlichen Überprüfung

Fehler und Irrtümer im eingereichten Ahnenpass bestimmte zutage treten werden.

Die sorgfältig ausgefüllten Vordrucke Nr.1 - 63, welche auf den Seiten 8 – 39 enthalten sind,

sowie die Ergänzungen auf den Seiten 40 mit 47, ersetzen für den Zweck des arischen

Abstammungsnachweises anderweitere beglaubigte Urkundenabschriften. Sie müssen aber

einzeln durch den zuständigen Standesbeamten oder Kirchenbuchführer beglaubigt und

gestempelt werden.

Der Ahnenpass muss dem betreffenden Beamten eingesandt werden mit dem Ersuchen, die

Richtigkeit der einzelnen für diesen Beamten zuständige Eintragungen zu überprüfen und

gegebenen Falles Änderungen und Richtigstellungen vorzunehmen, und dann die

ordnungsgemäßig erstellten Angaben mit seiner Unterschrift zu beglaubigen und mit dem

Dienststempel zu versehen. Im Falle einer Richtigstellung sind die Worte: Auf Grund

vorgelegter Urkunden…zu streichen. Wird jedoch die Einreichung der Einträge von der

Beifügung von Urkunden begleitet, (in diesem Fall kann die Beglaubigung sämtlicher

Einträge von dem dem Wohnsitz des Ahnenpaßinhabers zunächst gelegenen Standesamt

erfolgen) so wird der vorher erwähnte Zusatz: Auf Grund vorgelegter Urkunden…

beibehalten, und die Beglaubigung erfolgt auf Grund der Vorlage jener beglaubigten

Dokumente. Für den ersteren Fall, wenn also die Einsendung ohne Dokumente erfolgt, sind

die Angaben mit weichem Bleistift einzuschreiben, während im letzteren Falle die Ausfüllung

mit Tinte vorzunehmen ist. Die Einträge sollen den Raum der Vordrucke nach Möglichkeit

ausfüllen, wo dies nicht der Fall ist, müssen die leeren Stellen durch Striche ausgefüllt

werden, um fälschlichen und unberechtigten späteren Zusätzen vorzubeugen.

Quelle: Die unschuldigen Kinder und der 2. Weltkrieg, Seite 13


Die Attacke „Reichskristallnacht“ – gegen die Juden

Das Wort hat jetzt der Staat

Die Empörung über die schändliche Mordtat des Juden Grünspan durchbebt noch immer die

ganze deutsche Presse. So schreibt der „V.B.“ zum Aufruf Dr. Goebbels an die Bevölkerung:

Die feige Mordtat des Juden Grünspan hat im gesamten Deutschen Volk eine nur allzu

verständliche Empörung hervorgerufen, die sich denn auch angesichts der unvergleichlichen

Gemeinheit dieser Tat und unverfrorenen Frechheit, mit der sie ausgeführt wurde, in

judenfeindlichen Kundgebungen äußerte. Wenn dabei, trotz der so berechtigten Wut aller

Deutschen, keinem Juden ein Haar gekrümmt wurde, so mag man das in der Welt der

Diszipliniertheit des deutschen Volkes zugute halten.

....

Spontane Kundgebungen

Gegen die Juden auch in Guben

100

Quelle: Gubener Zeitung, 11. Nov. 1938

Die ruchlose Ermordung des Gesandtschaftsrats vom Rath durch den Juden Grynszpan

(Grünspan) führte in der vergangenen Nacht auch in Guben zu einer spontanen Kundgebung

gegen das Judentum. Dabei wurden die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört und die

Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte zerschlagen.

Einen Tag später schrieb die Gubener Zeitung

Auch gestern Kundgebungen gegen die Juden

Quelle: Gubener Zeitung, 10. Nov. 1938

Gestern Nachmittag kam es in Guben wieder zu spontanen Kundgebungen gegen die

Juden. Tausende Volksgenossen versammelten sich auf dem Marktplatz, wo ein

Sprecher den Gefühlen des Abscheus gegen die jüdische Mordgier Ausdruck verlieh.

Wie uns mitgeteilt wird, wurde eine Anzahl Juden Gubens in Schutzhaft genommen.

Noch bis in den Abend hinein sah man auf den Straßen erregte Menschenmassen, die

ihrer Empörung über das jüdische Treiben Ausdruck verliehen.

Quelle: Gubener Zeitung, 11. Nov. 1938


1938 Synagoge zerstört

Als dann in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 in Guben die Synagoge zerstört und

jüdische Geschäfte (Bruno Meyer, Hugo Kronheim, Willi Hirsch) demoliert wurden, sagte ein

Betroffener an anderer Stelle: „Wartet ab, euch wird es ebenso ergehen!“ So ist es dann

gekommen. Leider mussten auch diejenigen Gubener Demokraten und Sozialisten die Folgen

tragen, die sie selbst nicht verschuldet hatten. Das war im Sommer 1945 das entscheidende

Problem: Wer trug die Verantwortung?

Quelle: Lausitzer Rundschau, 13. Juni 1998, Gerhard Gunia

Sätze zum 9. und 10. November 1938

Manfred Hausmann

Dass die Gubener Polizei nicht einschritt und die jüdischen Einrichtungen und Bürger

schützte, wie es vereinzelt in anderen Städten geschah, lag daran, dass die Leitung der

NSDAP dem Leiter der Gubener Polizei einige Tage vor dem 9. November eindringlich zu

verstehen gegeben hatte, dass sich die Beamten aus der Angelegenheit heraus zuhalten haben.

Den Einsatz der Gubener Feuerwehr freilich konnte man nicht verhindern.

Die Synagoge im Kastaniengraben aber blieb auf Jahre hinaus die einzige Ruine in Guben bis

die Stadt im Frühjahr 1945 selbst zu einer Ruinenstätte wurde.

Quelle: Gubener Heimatkalender 1995, S. 118-119

Alles war verwüstet worden.

Kindheitserinnerungen an die Pogrome in Guben von Werner Möhring 165

„Am Nachmittag, der auf die „Reichskristallnacht“ folgte, hatte es sich in Guben

herumgesprochen, daß in der Stadt jüdische Geschäfte und Einrichtungen demoliert worden

sind. Ich wurde damals gerade zehn Jahre alt und war natürlich neugierig, was in der Stadt

geschehen war. Ich begab mich noch am Nachmittag dorthin.

Die an sich kurze und schmale Klosterstraße, die nach Passieren der großen Neißebrücke

begann und zum Marktplatz führte, war stark belebt, besonders der rechte Bürgersteig. Ich

schloß mich der Menschenschlange an und ging gleichfalls auf der rechten Seite.

In zwei fast nebeneinander liegenden Geschäften waren die Schaufensterscheiben völlig

zertrümmert. Das erste Geschäft war ein Schmuckgeschäft mit entsprechenden

Fensterauslagen. Das Personal war dabei, im Laden aufzuräumen. Im Schaufenster selbst

traute sich noch keiner, etwas zu machen, während so viele Leute vorbeigingen, sonst wären

sicher Helfer erkannt und in Gefahr gekommen. Leider weiß ich den Namen der beiden

Geschäftsinhaber nicht mehr.

165 Lausitzer Rundschau, Gubener Rundschau vom 07.November 1998.

Dieser Pressebeitrag weicht etwas vom Manuskript des Autors ab.

101


Anschließend lief ich zur Synagoge im Kastaniengraben. Hier gingen dauernd Leute aus und

ein. Das Backsteingebäude, das Wand an Wand zwischen mehrstöckigen Wohnhäusern stand,

war gleichfalls von Nazi-Horden heimgesucht worden.

Hier waren Parterre die Buntglasfensterscheiben zerschlagen. Den Gebetsraum erreichte man

durch den Flur, dann die linke Tür. Diese aber war bereits verstellt. Man konnte aber sehen,

daß alles verwüstet war: Die Altaraufbauten umgestürzt, die Gebetsbücher zerstreut, die

Symbole (Fahnen) von der Wand gerissen.

Über dem Gebetsraum in der oberen Etage befand sich die Privatwohnung des Küsters. (Er

war natürlich nicht mehr anwesend.) Auch die Wohnung war verwüstet, der Inhalt der

Schubfächer herausgerissen. Hausrat lag wild durcheinander auf den beiden in der Mitte

stehenden Bettstellen.

Unablässig kamen Leute die schmale Holztreppe herauf, um sich das Geschehene anzusehen.

Für die Gubener Bevölkerung war diese Situation ja ungewöhnlich, war sie doch zunächst

einmalig, denn Verwüstungen durch Krieg gab es ja damals in Guben noch nicht. Auch ich

war damals als Junge schon sehr betroffen von diesem Zustand, war doch eine halbjüdische

Familie mit uns befreundet. Deshalb hat sich dieses Erlebnis mir besonders eingeprägt.

Eigenartig war, daß die Leute auf den Gebetsraum nur mit halbem Blick und mit Abstand

schauten. Auch ich verschaffte mir keinen Einlaß. Vielleicht war es auch die Ehrfurcht vor

dieser religiösen Stätte.

Ob die Synagoge dann in Brand gesteckt wurde, kann ich nicht sagen. Es trifft zu, daß es

gefährlich für die unmittelbar angrenzenden Häuser war. Davor schreckten die Nazis bereits

während der Verwüstung zurück. Mir ist nicht erinnerlich, daß dort überhaupt ein Brand war.

Über die Zerstörung des großen Modegeschäftes von Hermann Meier, Am Markt, kann ich

nur sagen, daß die Räumlichkeiten sich nicht nur Parterre, sondern auch auf die erste Etage

erstreckten. Schaufenster waren sehr viele vorhanden, sowohl an der Seite zum Markt als

auch eine ganze Reihe im Durchgang zur Salzmarktstraße, sowie auch in der Salzmarktstraße

selbst. Es war schon ein Kaufhaus, ähnlich wie „Ladeburg“. Die Scheiben waren damals alle

zerstört. Wer dieses ausgedehnte Geschäft dann beräumt hat, kann ich nicht sagen. Später

wurden die Schaufenster alle mit Brettern vernagelt. Die Räumlichkeiten wurden nie mehr als

Verkaufseinrichtungen benutzt. Etwa 1942/43 wurden in der ersten Etage in Regalen Akten

der Stadtverwaltung gelagert. Als Lehrling der Stadtverwaltung durfte ich mehrmals meinen

Ausbilder dorthin begleiten, wenn Akten benötigt oder dorthin zurückgebracht wurden.“

Quelle: „Nachbarn von einst“ – Andreas Peter, Seite 85/86

Zahlreiche Verbote ergingen an die Juden

Ab 30. September keine jüdischen Ärzte mehr

Die Judenfrage wird in Deutschland auf gesetzlichem Wege schrittweise ihrer Lösung

entgegengeführt. Brachte das Reichsbürgergesetz und die zweite Verordnung hierzu eine

Bereinigung des öffentlichen Lebens von Juden durch die restlose Entfernung aller jüdischen

102


Träger eines öffentlichen Amtes, so zielt eine soeben verkündete vierte Verordnung zum

Reichsbürgergesetz auf eine Fernhaltung der Juden von dem deutschen Volkskörper auf

einem besonders wichtigen Gebiet ab:

Die Ausschaltung der Juden aus der Ärzteschaft. Mit dem 30. September 1938 erlöschen die

Bestallungen der jüdischen Ärzte. In Deutschland wird dann kein jüdischer Arzt mehr einen

deutschblütigen Menschen behandeln dürfen. Der jüdische Arzt darf auch nicht durch

Aufnahme einer Tätigkeit als Heilpraktiker versuchen, das Gesetz zu umgehen. Im Übrigen

enthält die Verordnung Vorschriften über Lösung von Dienstverhältnissen, Kündigung von

Wohnungen usw. Wichtig ist, daß die Kündigung von bisher von jüdischen Ärzten

innegehaltenen Wohnungen oder Praxisräumen vom Hauswirt bis zum 15. August 1938

ausgesprochen und dem Vertragspartner zugegangen sein muß.

Juden müssen ihr Vermögen anmelden

103

Quelle: Gubener Zeitung, 03. August 1938

Der Beauftragte für den Vierjahresplan und der Reichsminister des Innern haben eine

gemeinsame Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden erlassen, die im

Reichsgesetzblatt Teil 1 Nr. 63 im Wortlaut verkündet wird.

Danach hat jeder Jude im Sinne des Reichsbürgergesetzes sein gesamtes in- und

ausländisches Vermögen gemäß den im Einzelnen getroffenen Bestimmungen anzumelden

und zu bewerten. Diese Pflicht trifft auch den nicht jüdischen Ehegatten eines Juden.

Die Anmeldepflicht entfällt, wenn der Gesamtwert des pflichtigen Vermögens ohne

Berücksichtigung der Verbindlichkeiten 5000 RM nicht übersteigt.

......

Verstöße gegen die Verordnung werden mit Strafen bis zu zehn Jahren Zuchthaus bedroht.

Waffenbesitz für Juden verboten

Anordnung des Reichsführers SS Himmler

DNB. München 10. Nov. Der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei hat folgende

Anordnung erlassen:

Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden gelten, ist jeglicher Waffenbesitz

verboten. Zuwiderhandelnde werden in Konzentrationslager übergeführt und auf die Dauer

von 20 Jahren in Schutzhaft genommen.

Quelle: Gubener Zeitung, 10. Nov. 1938


Gegen das Judentum

S c h a r f e M a ß n a h m e n

Unsere kulturellen Veranstaltungen für Juden gesperrt

Berlin 12.Nov. Dr. Goebbels hat in seiner Eigenschaft als Präsident der Reichskulturkammer

mit sofortiger Wirkung allen Theaterleitern, Konzert- und Vortragsveranstaltern, Filmtheaterunternehmern,

artistischen Unternehmern, Veranstaltern von Tanzvorführungen und Veranstaltern

öffentlicher Ausstellungen kultureller Art untersagt, jüdischen Personen den Besuch

ihrer Unternehmen zu gestatten.

Übertretungen ziehen für die Veranstalter und besonders für die Juden schwere Strafen nach

sich. In seiner Anordnung verweist Reichsminister Dr. Goebbels darauf, daß der nationalsozialistische

Staat den Juden seit nunmehr schon über fünf Jahren innerhalb besonderer

jüdischer Organisationen die Pflege ihres eigenen Kulturlebens ermöglicht habe. Damit

besteht keine Veranlassung mehr, den Juden den Besuch der bezeichneten Veranstaltungen

und Unternehmungen zu gestatten.

Juden dürfen Sonnabend nicht auf die Straße

104

Quelle: Gubener Zeitung, 12./13. Nov. 1938

Aus der Erwägung heraus, daß die Juden an der Solidarität des deutschen Volkes ihren Anteil

haben, hat der Chef der Sicherheitspolizei eine Anordnung getroffen, die am

29. November im Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger veröffentlicht wurde. Die

Veröffentlichung untersagt, Juden deutscher Staatsangehörigkeit und staatenlose Juden am

„Tage der Nationalen Solidarität“ das Betreten von Straßen und Plätzen. Sie legt den

genannten Personen die Verpflichtung auf, sich in der Zeit von 12 bis 20 Uhr in ihren

derzeitigen Wohnungen aufzuhalten. Die Verordnung enthält gleichfalls die Androhung von

Strafmaßnahmen für den Fall der Zuwiderhandlung.

Quelle: Gubener Zeitung, 30. Nov. 1938

Kraftfahrverbot für Juden

Sofortige Entziehung der Führerscheine und Zulassungspapiere

-Auszug -

Berlin 5.12. Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des

Innern, Heinrich Himmler, erläßt folgende vorläufige polizeiliche Anordnung über die Entziehung

der Führerscheine und Zulassungspapiere für Kraftfahrzeuge von Juden:

„Die feige Mordtat des Juden Grünspan, die sich gegen das gesamte deutsche Volk richtete,

läßt Juden als unzuverlässig und ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen erscheinen.

Vorbehaltlich einer endgültigen Regelung wird daher folgendes angeordnet:

1. Aus allgemeinen sicherheitspolizeilichen Gründen und zum Schutze der Allgemeinheit

untersage ich mit sofortiger Wirkung sämtlichen in Deutschland wohnenden Juden

deutscher Staatsangehörigkeit das Führen von Kraftfahrzeugen aller Art und entziehe

ihnen hiermit die Fahrerlaubnis.


2. Den in Deutschland wohnenden Juden deutscher Staatsangehörigkeit ist das Halten von

Personenkraftwagen und –krafträdern (mit oder ohne Beiwagen) verboten. Für

Lastkraftfahrzeuge bleibt weitere Anordnung vorbehalten.

3. Die in Deutschland wohnenden Juden deutscher Staatsangehörigkeit haben die

Führerscheine aller Klassen sowie die Kraftfahrzeugscheine für Personenkraftwagen und

Krafträder unverzüglich, spätestens bis zum 31. Dezember 1938, bei den zuständigen

Polizeirevieren abzuliefern. Die amtlichen Kennzeichen sind mit den Zulassungsscheinen

zur Entstempelung vorzulegen.

4. Die zuständigen Polizei- und Verwaltungsbehörden haben das Erforderliche zu

veranlassen.

5. Gegen Zuwiderhandlungen wird nach den bestehenden Strafvorschriften eingeschritten...

105

Quelle: Gubener Zeitung, 05. Dez.1938

Einwohner Jüdischen Glaubens der Stadt Guben ab 1939

...ist im Einwohnerbuch die jüdische Gemeinde nicht mehr aufgeführt und auf dem

Kastaniengraben die Nr. 16, also die Synagoge, ausgelassen. Es leben zu diesem Zeitraum

noch 59 jüdische Einwohner in der Stadt.

Die männlichen Mitglieder haben den Vornamen Israel, die weiblichen Mitglieder Sarah

hinzusetzen müssen.

1968 im Februar starb Harry Lesser in Guben im Rosa-Thälmann-Heim (78jährig), früher

Expedient. Er war meines Wissens jüdischen Geblüts und wohl nur deshalb den Schrecken

des Naziregimes entkommen, weil er zum christlichen Glauben übergetreten war. Er wurde

mit kirchlichem Geleit der evangelischen Kirche beerdigt.

23.3.1942 Das Sondergericht für den Bezirk des Oberlandesgerichts Nürnberg fällt das Urteil

gegen Irene Seiler und Israel Katzenberger.

Irene Seiler, geb. Schefter, am 26.4.1910 in Guben geboren, besuchte das Lyzeum und die

Realschule bis zur Unterprima. 1932 zog sie nach Nürnberg, wo sie am 1.1.1938 das

Photogeschäft der

Schwester übernahm.

Israel Lehmann Katzenberger wurde 1873 geboren. Bis 1938 besaß er ein Schuhgeschäft in

Nürnberg und leitete gleichzeitig den Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Nürnberg.

Bei dem Prozeß von 1942 wurde ihnen die Verletzung des Gesetzes „zum Schutze des

deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ angelastet, obwohl ihnen kein außerehelicher

Verkehr nachgewiesen werden konnte.

Israel Lehmann Katzenberger wurde zum Tode verurteilt. Irene Seiler verurteilte man wegen

„Meineids“ zu zwei Jahren Zuchthaus.

Der Faschismus förderte die Auswanderung jüdischer Bürger. Viele verkauften ihren Besitz

und verließen Deutschland angesichts der Gefahr. Aus Guben wanderten zum Beispiel aus:

Ludwig und Emanuel Meyer (Besitzer der Lederfabrik Grunewalder Straße),

Dr. Alexander Lewin (Generaldirektor der Berlin-Gubener-Hutfabrik),

Dr. Alfred Glücksmann (bis 1924 Oberbürgermeister in Guben, danach Direktor einer Bank

in Berlin)

Dr. Fritz Salomon (Rechtsanwalt und Notar),

Walter Lißner (Kaufmann),


Julius Cohn (Inhaber des Konfektionshauses Wolff-Krimmer, Nachfahre) und

Dr. Paul Cohn (praktizierender Arzt).

Martin und Ellen Rosenthal waren Besitzer der Hutfabrik Steinke (nach 1945 - kommunale

Berufsschule, Albert-Schweitzer-Schule, Lehrlingswohnheim in der Bahnhofsstraße - heute

Gemeinnütziger Berufsbildungsverein Guben e.V.) und Eigentümer der Fabrik in der Mittelstraße

(ehemals Polytechnisches Zentrum – heute Fabrik e.V. 2 ) sowie einer Strohhutfabrik in

Dresden. 1937 verkauften sie ihre Betriebe (Hutfabrik Steinke wurde von der BGH

aufgekauft) und emigrierten nach Holland. Nach der faschistischen Besetzung Hollands

wurden sie verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort vergast. Die Kinder Rosenthals,

Dr. Herbert Rosenthal und Grete Haas, emigrierten in die USA bzw. nach England. Im

Betrieb von Martin Rosenthal waren auch jüdische Bürger beschäftigt (z.B. Georg Pelz, Max

Cohn-Bloch, Heinrich Reich, Rita London, Ilse Katzky, Referendar Heilborn).

Die Familie Pelz konnte nach Amsterdam emigrieren und überlebte somit den Faschismus.

Max Cohn-Bloch emigrierte ebenfalls nach Amsterdam und gründete dort eine Familie.

Jedoch wurde er von den Faschisten nach Auschwitz verschleppt und starb dort an der Ruhr

(laut Aussage von Rudi Cheim, der auch in Auschwitz war und nach der Zerschlagung des

Faschismus nach Guben zurückkehrte).

Heinrich Reich emigrierte nach den USA, heiratete dort und lebt jetzt in Boston.

Rita London (ihr Vater betrieb ein Wirtschaftswarengeschäft) verließ über die jüdische

Hilfsorganisation Guben und begann in Australien ein neues Leben. Die Schwester

wanderte mit ihrem Verlobten nach Palästina aus.

Von 217 Mitglieder der jüdischen Gemeinde (1932/33) lebten 1938 noch 60 vorwiegend

Ältere in Guben, u.a. Dr. Kurt Berent, Dr. Denny Kaplan, Sigismund Frühling, Ilse Katzky,

Abraham Stempel und Alfred Mendelssohn. Von diesen 60 waren 23 Frauen und 37 Männer.

Ernst London besaß ein Wirtschaftswarengeschäft.

Kurt Levy, geb.1898 in Guben, war später Rechtsanwalt am Kammergericht in Berlin. 1938

wurde er nach Sachsenhausen verschleppt. Nach seiner Freilassung war er Dezernent bei der

Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und später deren letzter Vorsitzender. 1943

mußte er mit seiner Familie ins Ghetto nach Theresienstadt und wurde 1944 in Auschwitz

umgebracht.

In Ghettos nach Warschau und anderen polnischen Städten gebracht und ermordet wurden

aus Guben u.a. Hedwig Katzky ( Mutter von Ilse Fraenkel, geb. Katzky), Sigismund Frühling

(letzter Vorstand der jüdischen Synagogengemeinde in Guben), Gustav Marcus (ehemaliger

Justizrat und Stadtrat). 1945 hatten (in Deutschland, Red.) insgesamt nur ca.15000 Juden

überlebt.

106

Quelle: Dietlinde Schulz, Karsten Schneider;

wissenschaftlich- praktische Arbeit/

Projektarbeit, EOS „Pestalozzi“ Guben

1989/90

2 Anm. d. Red.: Fabrik e.V. mit dem ursprünglichen Gebäude wurde 2004 abgerissen und wieder neu aufgebaut.


Wegweiser durch das jüdische Brandenburg

von I. Diekmann / H.J. Schoeps

EDITION HENTRICH

-Auszug-

…Ein ständiger Begleiter der meisten jüdischen Deutschen seit Ausbruch des Krieges war der

Hunger. Sie erhielten niedrigere Lebensmittelrationen als die Reichsbürger. Der

Normalverbraucher erhielt wöchentlich folgende Lebensmittelrationen in Gramm.

Jahr Brot Fleisch Fett

Ende September 1939 2.400 500 270

Mitte April 1942 2.000 300 206

Anfang Juni 1943 2.325 250 218

Ende Oktober 1944 2.225 250 218

Mitte März 1945 1.778 222 109

Die Lebensmittelernährungsämter beschnitten diese Rationen noch, wenn die Empfänger

Juden waren. Schon Ende 1939 und Anfang 1940 wurden die Rationen für Juden gekürzt oder

gänzlich gestrichen. Für die Zuteilungsperiode vom 18. Dezember 1939 bis 14. Januar 1940

erhielten die Juden weniger Fleisch und Butter, kein Kakaopulver und keinen Reis. Für die

Zuteilungsperiode vom 15. Januar 1940 bis 4. Februar 1940 wurde für Juden die Belieferung

mit Fleisch und Gemüse gekürzt. So ging es von einer Zuteilungsperiode zur nächsten. Die

Ministerialbürokratie hatte den Hunger durch ihre Anordnungen hervorgerufen, im Verlaufe

des Krieges verschärfte sie ihre Anordnungen und den Hunger 18 . Die Juden erhielten auch

keine Sonderzuteilungen, wie sie aus bestimmten Anlässen an alle Versorgungsberechtigten

verteilt wurden…

18 ebenda, Bd. 1, S. 158 ff.

107

Quelle: Jutta Rückert / Otto Rückert

Literatur: Wolbe, Eugen:

„Geschichte der Juden in

Berlin

und in der Mark Brandenburg“

Berlin 1937


Das Judentum

Judenverfolgung

Blick zur Kapelle der evangelischen

Kirchengemeinde, dem Leichenhaus des jüdischen

Friedhofs.

(Foto: H.J. Bergmann, Guben 1999)

108


Historisches

Seit frühester Zeit hat es in Guben jüdische Einwohner gegeben. In einer am

13. Oktober 1319 von Herzog Rudolf I. von Sachsen ausgestellter Urkunde wurde die

rechtliche Gleichstellung der Juden mit den anderen Bewohnern bestätigt.

Die stetige Entwicklung Gubens ließ auch in den folgenden Jahrhunderten Bürger jüdischen

Glaubens in der Neißestadt seßhaft werden.

Im Kreis Guben erhöhte sich die Anzahl der Juden von 19 (1818) auf 172 (1859) und 202

(1933) - hier schwanken die Angaben zwischen 202 und 273 Gemeindemitglieder.

Die Volkszählung vom 17. Mai 1938 in Guben erfaßt noch 98 Juden (Erwachsene), im

Einwohnerbuch von 1939 werden 60 Juden extra ausgewiesen.

Zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Guben

109

Quelle: Gernod Arlt

Anfang der 30er Jahre dieses Jahrhunderts zählte die Jüdische Gemeinde in Guben

217 Mitglieder. Das sind 0,48 % der Einwohnerzahl der Stadt. In dieser Zeit war Julius Cohn

erster Vorsitzender, zweiter Vorsitzender war Willi Hirsch und dritter Vorsitzender war

Martin Leyser. Alle drei waren von Beruf Kaufmann.

Siegfried Winterberg war Prediger und Lehrer an der Religionsschule.

Die Mitglieder der Synagogengemeinde gehörten verschiedenen jüdischen Vereinen an. Zu

denen wäre da der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (Durchsetzung

der bürgerlichen Gleichberechtigung der jüdischen Bürger, Abwehr antisemitischer Angriffe).

Vorsitzender war der Mediziner Dr. Paul Cohn.

Vorsitzender des Jüdischen Jugendverbandes war Klaus Gallinski. Des Weiteren gab es den

Jüdischen Frauenverein, der ca. 40 Mitglieder zählte und von der Witwe Hulda Kayser,

geb. Bernstein, geleitet wurde.

Jüdischen Durchwanderern Unterkunft und materielle Hilfe zu gewähren, war die Aufgabe

der Wanderfürsorge.

In Guben gehörte die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung dem Kleinbürgertum an.

Vorwiegend waren es Haushaltvorstände, Inhaber kleiner Geschäfte in den verschiedenen

Branchen. Es sei aber gesagt, dass eine verhältnismäßig hohe Anzahl der Intelligenz

angehörte.

Genannt seien hier nur die geachteten Mediziner Dr. Paul Cohn, Dr. Ernst Kaplan, Dr. Kurt

Berent und Dr. Siegfried Goldschmidt, die Zahnärzte Dr. Alfred Lichtwitz und Dr. Paul

Lipinski oder die Juristen Dr. Friedrich Weiß (Landgerichtsdirektor) und Fritz Salomon

(Rechtsanwalt und Notar).

Dr. jur. Alexander Lewin, ein Vertreter der Bourgeoisie, war seit 1914 Vorstandsmitglied und

seit 1920 Generaldirektor der Berliner-Gubener Hutfabrik (BGH). Die Synagoge war das

religiöse Zentrum der Jüdischen Gemeinde in der Stadt.


Auch Guben blieb unter der Naziherrschaft nicht unangetastet. Am 1. April 1933 bezogen

SA-Männer Posten vor den jüdischen Geschäften der Stadt. Sie sollten einen Aufruf der Nazi-

Führung durchsetzen.

Jüdische Organisationen der Stadt mussten eine Mitgliederliste bei der Polizei einreichen. So

hatten sich die Nazis weitere Voraussetzungen für die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung

geschaffen.

1938 wurde eine Vielzahl von Verordnungen erlassen, die die Rechte der jüdischen Bürger

weiter einschränkte. In der Pogromnacht im November 1938 wurden ihre Geschäfte

geplündert und zerstört, die Synagoge in Brand gesteckt. Es gab Massenverhaftungen, viele

Verletzte und Tote.

Die Gubener Judengasse

110

Quelle: Dietlinde Schulz, Karsten Schneider;

wissenschaftlich-praktische

Arbeit/ Projektarbeit EOS

„Pestalozzi“

Guben 1989/90

Es gibt keine klare Aussage, wo sich die Judengasse befand. Vermutlich war es die zwischen

Königsstraße 18 und 19 zur Tempelstraße und Werdermauer führende Hussitengasse, wobei

nach dem Namen eher anzunehmen wäre, dass es die Tempelstraße war. Erich Müller

hingegen sagt: „Meiner Erinnerung nach konnte ich vor 1939 anhand der Stadtbücher

nachweisen, dass die Judengasse die Gasse war, die die Stadtschmiedstraße mit dem

Lindengraben verband und 1938 Wallgasse hieß“

Der Name „Judengasse“ ist schon im 15. Jahrhundert ein historischer geworden. Das ist

daraus ersichtlich, dass dort keineswegs nur Juden wohnten, also keine Art von Ghetto war.

1483 nämlich wird das Haus der Konventfrauen, gelegen neben Joh. Gubinchers und unweit

Hans Colos’ Hause, in der Judengasse erwähnt.

Der Jüdische Friedhof und die Synagoge

Quelle: Dietlinde Schulz, Karsten Schneider,

wissenschaftlich-praktische

Arbeit/Projektarbeit EOS

„Pestalozzi“, Guben 1989/90

In der jüdischen Religion werden Friedhöfe als „Der Gute Ort“ bezeichnet. Der Gubener

Friedhof befindet sich auf dem Reichenbacher Berg und lag bei der Gründung außerhalb des

historischen Stadtkerns.

1449 „Judenfriedhof bei Benisch Bierkows Garten, daneben ein wüster Fleck, der 1449 an

Casp. Walwitz gegeben wurde, wohl auf einer Höhe.“ (2)

1842 sichert die jüdische Gemeinde demjenigen eine Belohnung von 5 Talern zu, der die

Täter, die schon mehrmals den Gottesacker auf dem Reichenbacher Berge gewaltsam

erbrochen haben, so angibt, dass sie gerichtlich belangt werden können. (Wochenblatt)


1837 wurde die Synagoge erbaut. Sie befand sich auf dem heute polnischen Teil der Stadt.

1839 wurde der Friedhof (sog. Judenhebbel) angelegt. Er umfasst eine Fläche von 0,4 ha, und

seit 1911 befindet sich dort eine Leichenkapelle mit Friedhofswärterwohnung. Auf dem

Friedhof sind über 100 Grabstätten erhalten, darunter ist ein Denkmal für 6 Gefallene des

1. Weltkriegs.

Die rechte Seite vom Haupteingang umfasst Gräber aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Auf der linken Seite fanden Beerdigungen nach 1900 statt. Die Grabsteine erzählen die

Geschichte von Gubener Kaufleuten, Juristen und Ärzten. Durch verblassende Namen und

Schriftzeichen ist leider Vieles in Vergessenheit geraten.

1878: „Als im August 1878 die jüdischen Gemeinde eine neue Synagoge baute, wurden die

Turnstunden (des Männer-Turn-Vereins) auf einige Zeit in das derzeitige Vereinslokal

Zeschke (Reichshalle) verlegt, während in der Turnhalle die jüdischen Gottesdienste

abgehalten wurden. Der Verein erhielt dafür eine Entschädigung von 31,50 M.“ (2)

In der „Kristallnacht“ wurde die Gubener Synagoge, wie so viele andere, in Brand gesteckt

und zerstört und der Friedhof geschändet.

„Der jungen verpflichteten Soldaten der neuen Gubener Militärgarnison zogen am Morgen

des 10. November 1938 durch die Straßen ihrer neuen Garnisonsstadt, vorbei an den

ausgeplünderten und zerstörten jüdischen Geschäften, die von den SA-Terrortrupps (wie in

ganz Deutschland) in der vorausgegangenen Nacht heimgesucht worden waren. Das jüdische

Gottes- und Schulhaus, die Gubener Synagoge, brannte, angesteckt von den faschistischen

Horden, zwei Tage und zwei Nächte, und die ausgezogenen SA-Wachen verweigerten der

Feuerwehr 48 Stunden lang die Löscharbeiten.“ (5)

In Guben existiert keine jüdische Gemeinde mehr. Anfang der 40er Jahre wurde der Friedhof

vom Ehepaar Strauß gepflegt. Nachdem diese die Wohnung verlassen hatten, war der

Friedhof lange ohne Aufsicht.

Anfang der 50er Jahre übergab der Landesverband der jüdischen Gemeinden das Grundstück

mit Verwalterwohnung an die evangelische Kirchengemeinde Guben zu dauernder Nutzung.

Am 17.06.1951 fand der erste evangelische Gottesdienst in der Begräbniskapelle statt,

nachdem sie instand gesetzt und zum Gottesdienstraum ausgestaltet wurde.

1930 ist im Gubener Einwohnerbuch die Synagoge, am Kastaniengraben 16 befindlich,

eingetragen. Prediger war Winterberg, wohnhaft Pfingstberg 26. Der Synagogendiener war

Abraham Tock, der auch Kastaniengraben 16 (Synagoge) wohnte.

1936 ist Dr. Voss Prediger und wohnt, als Lehrer bezeichnet, Königstraße 68 (Besitzer

J. Cohn).

Geachtete Bürger

111

Quelle: siehe. „Geachtete Bürger“

Die Entwicklung Gubens mit ihrer bedeutenden Tuch- und Hutindustrie verdankte sie auch

dem jüdischen Unternehmergeist – davon sieben Fabrikanten.

Aber auch andere Berufsgruppen ließen sich in der Neißestadt nieder. Vertreter der

Fabrikanten waren Hermann Lewin (gest. 1920) als Mitbegründer der BerlinGubener

Hutfabrik (Uferstraße) und als Generaldirektor dessen Neffe Dr. jur. Alexander Lewin, Martin

Rosenthal als Unternehmer der Hutfabrik Steinke (Bahnhofsstraße), Berthold Lißner, Direktor

der Hutfabrik an der Egelneiße, später Vorstandsmitglied der BerlinGubener Hutfabrik, in


das sein Unternehmen aufging, Emil Brecht, Mitinhaber der Hutfabrik „Brecht und Fugmann“

(Kurmärkische Straße 18), Arthur Engel, Teilhaber der Tuchfabrik „Lehmann und Richter“

(Alte Poststraße), William Reißner, Direktor der Tuchfabrik „Reißner, Wohl & Co GmbH“

(Alte Poststraße).

Weiterhin bekannte Fabrikanten waren Martin Stern, Direktor der „Niederlausitzer

Mühlenwerke Stern & Co Aktiengesellschaft“ (Mittelstraße), Ludwig Meyer, Direktor der

Lederfabrik (Grunewald).

Julius Cohn war Inhaber des führenden Textilkaufhauses „Wolff Krimmer Nachf.“

(Herrenstraße 1), Hugo Kronheim führte ein Hutgeschäft (Herrenstraße 7), Söhne des

Hermann Meier besaßen ein Konfektionsgeschäft (Herrenstraße 37).

Weiterhin gab es in der Neißestadt die Kaufleute Paul Levy (Berliner Straße 1), Wilhelm Just

(Bahnhofsstraße 35 a), Ernst London (Königstraße 64), Max Werblowsky (Straupitzstraße 2).

Auch hatte Guben fünf Ärzte: Dr. Kurt Berent, Dr. Paul Cohn, Dr. Siegfried Goldschmidt,

Dr. Ernst Kaplan und Dr. Josef Smoira sowie die beiden Zahnärzte Dr. Alfred Lichtwitz und

Dr. Paul Siginski.

Weitere bedeutende und bekannte Juden waren unter anderem: Justizrat Gustav Marens,

Rechtsanwalt Walter Hesse sowie der Fotograf Herbert Rosenthal (Grüne Wiese 5).

Über die Grenzen der Neißestadt hinaus dürfte der ehemalige Oberbürgermeister (1912-1924)

Gubens, Dr. Alfred Glücksmann, bekannt gewesen sein.

Quellen: „Nachbarn von einst“, Andreas Peter –

Ausstellungskatalog 1999

„Wegweser durch das jüdische Brandenburg“ –

Irene Dickmann und Julius Schoeps, Edition

Hentrich 1995

Gubener Heimatkalender 1998

Gubener Zeitung

Dietlinde Schulz, Karsten Schneider,

wissenschaftlich-praktische Arbeit/Projektarbeit

EOS „Pestalozzi“ Guben 1989/90

Schicksale Gubener Juden in der Zeit des Nationalsozialismus

Dr. Alfred Glücksmann

Er war seit 1912 Oberbürgermeister in Guben, wurde aber 1924 nicht wiedergewählt. Wie

erzählt wurde, geschah dies nicht aus rassistischen Gründen, sondern weil die

Stadtverordneten den sich zu sehr als Autokraten gebärenden Demokraten nicht mehr länger

ertragen wollten. Trotzdem erkannten sie seine Leistungen an (z.B. Bau der Neißebrücke,

Umgestaltung der Stadtmühle zum Stadthaus). Er verließ Guben und wurde (in Berlin?)

Direktor einer Bank.

Seine Frau Frieda war die Schwester des jüdischen Nobelpreisträgers Fritz Huber, der 1934

in der Schweiz starb. Glücksmann emigrierte mit seiner Familie nach Israel. Nach 1945 kehrte

er nach Westdeutschland zurück, schrieb und veröffentlichte Erinnerungen. 1960 (?) starb er

in Heidelberg, in der Stadt, in der damals auch Gubens ehemaliger Nazioberbürgermeister

Erich Schmiedicke lebte.

Glücksmann hatte 4 Kinder:

Hilde, die am Gubener Gymnasium ihr Abitur gemacht hatte, wurde mit ihrem Mann und

zwei Jungen Opfer des Faschismus.

Arnold, 1946 Ingenieur in Mailand.

112


Dr. Anselm, war Jurist (?) an der Berliner Humboldt-Universität. Er war nicht nach

Palästina ausgewandert, sondern nach Mittelamerika emigriert. Als in Guben 1964 ein

Amerikaner einen politischen Vortrag hielt, fungierte er als Dolmetscher für Spanisch.

Heidi, heiratete in Israel (Jerusalem)

Die letzten Angaben machte Anselm, als er 1964 in Guben war.

Dr. Alfred Lichtwitz

Er arbeitete als Zahnarzt und wohnte Lindengraben 18. Seine Tochter ist noch rechtzeitig

ausgewandert.1964 lebte sie in Israel, wo sie von Dr. Sigrid Turm besucht wurde.

Meyer

Die zwei Brüder Ludwig und Emanuel wohnten ursprünglich in der Grunewalder Straße.

Sie gingen nach England, wo Emanuel gestorben ist. 1968 unterstützte Ludwig noch eine Frau

Walter, die in der Familie Hausangestellte gewesen war.

Dr. Fritz Salomon

Der Rechtsanwalt und Notar flüchtete mit seiner Familie nach England. Die eine Tochter,

Ilse, soll Opfer der Faschisten geworden sein. Die andere Tochter hat wahrscheinlich in

Dänemark überlebt.

Walter Hesse

Der Rechtsanwalt und Notar soll ebenfalls England als Zuflucht gewählt haben.

Marcus

Er war auch Rechtsanwalt und Notar. Viele Jahre hindurch arbeitete er als Stadtrat und seine

Arbeit war geschätzt. Er wurde gesehen, als er von den Nazis mit einem Lastauto aus Guben

weggebracht wurde. Man transportierte ihn in ein KZ, wo er umkam.

Fritz Weiß

Er war Landesgerichtsdirektor. Er starb 1932. Es steht aber nicht eindeutig fest, ob er eines

natürlichen Todes starb oder sich das Leben nahm.

Herbert Rosenthal

Er war mehrfach prämiert worden. Das Schicksal seines Sohnes ist unbekannt. Seine Tochter

war mit einem Philologen verheiratet, der seine Stelle verlor. Nach 1945 wurde er in

Heidelberg Dozent mit Professorentitel. Herbert Rosenthal nahm sich das Leben.

Kurt Berent

Dr. med. Kurt Berent war Hautarzt und wohnte in der Gartenstraße 8. Wahrscheinlich

verübte er Selbstmord. Seine Frau Emma, die die Tochter des Apfelweinproduzenten

Poetko war, lebte 1945 in Schweden. Ihr Sohn folgte ihr dorthin.

Berthold Lißner

Er war erst Hutbesitzer in der Winkelstraße Nr. 3. Nach der Fusion mit der Berlin-Gubener

Hutfabrik war er Direktor. Er hatte 3 Söhne. Gestorben ist er am 24.6.1928.

Heinz soll als Kriegsfreiwilliger im 1. Weltkrieg gefallen sein.

Walter war Kaufmann. Er war mit einer Tochter des Seifenfabrikanten Ziesche verheiratet

und emigrierte ohne sie nach Südamerika. 1954 hielt er sich in oder bei Krefeld auf,

wahrscheinlich als Angestellter des Gubener Hutfabrikanten Julius Pillmayer. Einige Jahre

darauf verstarb er.

Helmut soll vergast worden sein. Mehr ist nicht bekannt.

113


Berthold Lißner gehörte das Gebäude Alte Poststraße 32, das später von der SED-Kreisleitung

genutzt wurde. Nach dem Tode des Vaters bewohnten es die Söhne.

Ulrich Eichholz

Er, der als Kreissyndikus (Beamter) gearbeitet hatte, musste aus dem Dienste scheiden, weil

er eine jüdische englische Mutter hatte. Er wurde in Guben Versicherungsvertreter, war nach

1945 Landrat in Cottbus und wurde schließlich in eine höhere Stelle bei der Regierung

berufen. Später verließ er die DDR und stieg in der BRD zum Ministerialdirigenten auf. Er

erhielt hohe Orden und lebte 1968 außer Dienst in Freiburg.

Kurt Pekel

Er war Justizsekretär. Weil er mit der Jüdin Martha Michaelis verheiratet war, wurde er in den

Ruhestand versetzt.

Sein Sohn Walter wurde aus dem Heer als „wehrdienstunwürdig“ entlassen. Er nahm 1945

seine Tätigkeit als Kaufmann bei der Konsumgenossenschaft wieder auf und lebte 1968 als

Rentner in Cottbus.

Sein Bruder, der bis 1939 Leihbibliothekar war, durfte bei der kämpfenden Truppe bleiben

und lebte 1968 als Buchhändler und Antiquar in Köln.

Helmut Fleischel

Er war Sohn des (erblindeten) Rittmeisters a.D. und Gutsbesitzers von Schönaich. 1933 trat er

der SS bei. Er wurde aber ausgeschlossen und für „wehrdienstunwürdig“ erklärt, weil er eine

jüdische Großmutter hatte. Nach 1945 wurde er in Hamburg zu einer Zuchthausstrafe

verurteilt, weil bei ihm ein Revolver gefunden wurde. Er bekam eine Anstellung beim

Thomas-Phosphat-Verband, bei dem er noch 1968 tätig war. Er heiratete, wurde Vater von

2 Söhnen. 1968 erhielt er eine Wohnung in Baumberg, Bezirk Düsseldorf.

Elisabeth Faeber

1968 wohnte sie in Guben in der Rosa-Luxemburg-Straße. Nach 1945 war sie Sekretärin beim

Oberbürgermeister Schwarz. Sie soll mit einem Juden verheiratet gewesen sein. Sein

Schicksal ist unbekannt. Ihr Sohn starb bei einem Unfall.

Dr. Kohn-Cote

Er emigrierte nach Südafrika. Seine Frau, Tochter und sein Schwiegersohn Heinz Engel

begleiteten ihn.

Aus dem Leben der Familie Dr. Glücksmann

114

Quelle: Dietlinde Schulz, Karsten Schneider,

wissenschaftliche Arbeit/

Projektarbeit EOS „Pestalozzi“

Guben 1989/90

Dr. Alfred Glücksmann wurde 1875 in Oberschlesien geboren. Er war der einzige jüdische

Bürgermeister Gubens. 1960 starb er nach einem zweiten Schlaganfall.


1912 wurde er zum Gubener Bürgermeister gewählt und übte das Amt 12 Jahre lang

erfolgreich aus. 1914 wurde er zum Oberbürgermeister ernannt.

Tragisch verliefen die Jahre 1933 – 1945 für die Familie Glücksmann:

Hilde, die zweite Tochter Glücksmanns, heiratete noch vor Abschluß ihres Studiums.

Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Jungen wurde sie von den Nationalsozialisten

in ein Konzentrationslager eingeliefert – alle kamen in der Gaskammer um.

Die beiden Glücksmann-Söhne überlebten, wie auch die Eltern, trotz vieler Schikanen die

NS-Zeit und den II. Weltkrieg.

Während der Älteste schließlich als Ingenieur in Oberitalien seßhaft wurde, blieb der Jüngere

in Deutschland. Dr. Glücksmann selbst wurde 1938 in einem Konzentrationslager inhaftiert,

durch die Hilfe von Wilhelm Külz aber freigelassen. Noch im selben Jahr ließ man ihn nach

Palästina ausreisen.

Die Sehnsucht nach seiner Heimat ließ ihn jedoch nach dem Kriege wieder nach Deutschland

zurückkehren. Zunächst lebte er in Berlin, verzog aber dann in den Odenwald.

Der jüdische Arzt Dr. Ernst Kaplan

-Auszug-

115

Quelle: Gubener Heimatkalender 1993

Gesetze und Verordnungen schränkten das Leben der Juden in Deutschland immer weiter ein.

So kursierten Anfang April bereits Vorstellungen über eine „Neuregelung der Zulassung von

Kassenärzten“, wobei die „nationale Ärzteschaft nach entsprechender Zurückdrängung des

Einflusses jüdischer und marxistischer Ärzte“ forderte…

Ernst Kaplan studierte in Breslau Medizin und bestand die Prüfung an der dortigen

Universität im Mai 1922. Vom März 1923 bis April 1924 war er als Volontärarzt in Frankfurt

am Main tätig, von wo er zur weiteren Ausbildung an die dortige Universitäts-Klinik ging.

Mitte der 20er Jahre kehrte er nach Guben zurück. Er heiratete Elisabeth Engel, die Tochter

des Tuchfabrikanten Arthur Engel. 1931 kam ihre Tochter Doris zur Welt, die noch in Guben

eingeschult wurde. Er durfte nach 1933 nicht weiter als Arzt arbeiten und wurde am

4. Dezember 1939 in Schutzhaft genommen. Als Gründe werden auf dem Schutzhaftbefehl

genannt: „Er gefährdet nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Feststellungen durch sein

Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates dadurch, dass er ein

Militärseitengewehr im Besitz hatte, gegen die ergangene Anordnung verstößt und dadurch,

dass er gemeinschaftlich mit seinem Schwiegervater größere Mengen Lebensmittel und

Gebrauchsgegenstände hamsterte, die Maßnahmen der Regierung hinsichtlich einer gerechten

Verteilung in Kriegszeiten sabotiert.“

Mitte November 1941 wurde er kurzzeitig zum „Krankenbehandler“ im Reichsautobahnlager

Bätz „notdienstverpflichtet“. Nur wenige Tage später, Anfang Dezember 1941, verstarb Ernst

Kaplan in Guben an den Folgen von Schutzhaft und Notdienstverpflichtung. Er wurde auf

dem jüdischen Friedhof am Reichenbacher Berg beigesetzt. Seine Mutter Mathilde Kaplan

verstarb ebenfalls 1941 und fand auf dem hiesigen jüdischen Friedhof ihre letzte Ruhestätte.

Seine Frau Elisabeth und ihre Tochter Doris kamen im Warschauer Getto um.

Quelle: „Nachbarn von einst“, S. 83 – Autor: Andreas Peter


Martin Rosenthal – ein Porträt

Gründete den Steinke-Konzern / Sein Leben endete in der Gaskammer von Auschwitz

Mit den nachstehenden Zeilen soll eines Mannes gedacht werden, dessen Bau-Initiativen noch

heute das Gubener Stadtbild in der Bahnhofsstraße / Ecke Alte Poststraße prägen, der

maßgeblich für Arbeit und Brot und den Aufschwung der Gubener Hutindustrie arbeitete und

keinem etwas Böses tat. Unsere Autorin Charlotte Kirks schrieb das nachstehende Porträt des

Juden Martin Rosenthal.

Er kam etwa 1924/1925 nach Guben. Er war der Inhaber der alten Hutfabrik Steinke, deren

Gebäude sich entlang der Alten Poststraße bis kurz vor die Bahnhofsstraße erstreckten.

Die Firma Steinke wurde wahrscheinlich in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts als

Steifhutfabrik gegründet. Herren-Steifhüte, so genannte Melonen, waren damals der

Modetrend!

Martin Rosenthal verkaufte sein Gut in Feldkirchen bei München (er war aber kein Bayer),

hatte seinen Hauptwohnsitz in seiner Villa Berlin-Grunewald, Herthastraße, und besaß im

Neubau der „Grünen Post“ seinen 2. Wohnsitz. Er war Jude.

Zerstörendes Großfeuer

Die Fabrikanlagen entlang der Bahnhofstraße wurden unter seiner Leitung wesentlich durch

einen Neubau erweitert und im Sommer 1928 in Betrieb genommen.

Die Verbindung zu den alten Gebäuden in der Alten Poststraße erfolgte durch den

Eckenanbau einige Zeit später. Ein Großfeuer in der Nacht vom 7. zum 8. Mai 1938 zerstörte

die alten Gebäude in der Alten Poststraße. Auf diesem Gelände wurden nach 1945 zwei

Wohnhäuser errichtet. Martin Rosenthal war ein äußerst tüchtiger Geschäftsmann. Anfang der

30er Jahre gliederte er die ehemalige Gubener Haar- und Velourhutfabrik (Guhabag) ein, in

der Mittelstraße gelegen, (zuvor gehörte sie dem Leonhard Tietz Konzern) und modernisierte

sie durch einen Neubau. Zur selben Zeit kaufte er die ehemalige jüdische Fabrik V. Kronheim

in Dresden, Seidnitzer Straße. So entstand der Steinke-Konzern innerhalb der Hutindustrie.

Starker Konkurrent

Das Gesamtunternehmen entwickelte sich zu einer starken Konkurrenz innerhalb der

Hutindustrie und machte besonders hervorragende Geschäfte in der Damenhutproduktion.

Dem jüdischen Zentraleinkäufer für Herrenhüte im Rudolph-Karstadt-Konzern, Heinrich

Reich aus Berlin, bot er im Gubener Werk nach seiner Entlassung eine neue Arbeitsstelle an.

Er arbeitete, fest angestellt, als Vertreter für Herrenhüte im Bezirk Schlesien. Heinrich,

nunmehr Henry Reich, meldete sich nach 1945 aus New York. Er starb 1991/1992 in der

Nähe von Boston in den USA. Martin Rosenthal war ein sehr humaner Chef, gütig, nicht stolz

und hatte während seiner Betriebsdurchgänge für jeden ein offenes Ohr. Sein 50. Geburtstag

wurde im damaligen Hotel „Kronprinz“, jetzt „Volkshaus“, mit der gesamten Gubener

116


Belegschaft gefeiert. Gleichermaßen seine Silberhochzeit im großen Festsaal des

„Schützenhauses“. Bei 10jähriger Betriebszugehörigkeit besorgte und kaufte er persönlich

ein passendes Geschenk für Angestellte. Soweit ihm ein Todesfall in Familien seiner

Angestellten zur Kenntnis kam, kondolierte er ebenfalls persönlich.

Das bittere Ende

Dann kam das bittere Ende. Aus heutiger Sicht war es bereits der Anfang des Niedergangs der

einst so bedeutenden und bodenständigen Gubener Hutindustrie. Der Steinke-Konzern wurde

1938 von der Berlin-Gubener Hutfabrik AG übernommen und an diese verkauft, blieb aber

als solcher eigenverantwortlich bestehen. Im Werk in der Bahnhofsstraße lief die Produktion

bis 1940. Die Fabrikanlagen wurden für Rüstungszwecke an die Firma Rheinmetall-Borsig

vermietet.

Martin Rosenthal verließ Deutschland, nahm seinen Wohnsitz in Amsterdam und gründete

dort die „Amstel Hoedenfabrik“. Während der deutschen Besatzung wurde er zusammen mit

seiner Frau Ellen nach Auschwitz deportiert und dort vergast.

Erwähnenswert wäre noch, dass die Tochter mit Ehemann Dr. Haas und den zwei Kindern

rechtzeitig nach England emigrierten. Der Sohn Dr. Herbert Rosenthal, im Gubener Werk mit

tätig gewesen, verlegte rechtzeitig seinen Wohnsitz in die USA. Der angeheiratete Neffe

Georg Pelz, als Abteilungsleiter im Gubener Werk tätig, mit Wohnsitz in Guben, verzog mit

seiner Familie nach Amsterdam. Die Familie überlebte dort im Versteck und er etablierte sich

mit einer kleinen Hutfabrik nach 1945 in Köln am Rhein.

Anlässlich des Besuches der Leipziger Messe um 1950 besuchte er kurz Guben; er starb

frühzeitig. Der angeheiratete Neffe Max Cohn-Bloch, als kaufmännischer Angestellter im

Gubener Werk tätig, zog nach Amsterdam und wurde von dort nach Auschwitz deportiert,

erkrankte an Ruhr und verstarb.

Martin Rosenthal bot dem jüdischen Referendar Heilborn und dem in Guben geborenen

Halbjuden Rudi Cheim eine angemessene Arbeitsstelle. Er wurde ebenfalls nach Auschwitz

deportiert, überlebte aber. 1945, im Frühsommer, wurde er als Leiter der wieder in Betrieb

gehenden Hutfabrik C. G. Wilke eingesetzt, deren technische Ausrüstung voll erhalten war

und nicht von der Besatzungsmacht requiriert wurde.

Hilfe für viele

Die Gubener Schülerin und Jüdin Rita London begann ihre kaufmännische Lehre im Gubener

Werk. Mit einem Transport jüdischer Jugendlicher vom Ausland organisiert - landeten sie in

Australien. (Rückfragen beim Internationalen Roten Kreuz in Australien nach 1945 über ihren

Verbleib brachten keinen Erfolg).

Die Gubener Jüdin Ilse-Sarah Katzky fand als Garniererin eine Arbeitsstätte. Im

Einwohnermeldebuch 1939 ist sie noch als jüdische Mitbürgerin unter dem Namen Ilse-Sarah

Katzky geführt. Ein Lebenszeichen kam von ihr vor nicht all zu langer Zeit aus England.

Quelle: Charlotte Kirks, Lausitzer Rundschau vom 7. Mai 1994

117


Eine jüdische Familie im Landkreis Guben

während des

Dritten Reiches

-Auszug-

„Unser 1901 in Berlin als Sohn eines bekannten jüdischen Arztes geborener Vater trat 1929

zum evangelischen Glauben über und heiratete 1931 unsere „arische“ Mutter, Tochter eines

Gubener Fabrikanten. Er wurde 1932 aktiver Teilhaber im Unternehmen seines

Schwiegervaters. Mein 1937 geborener Bruder und ich (Jahrgang 1932) wurden evangelisch

getauft und erzogen. Die Familie lebte seit 1934 in einem Dorf im Landkreis Guben.

NS-Gesetze zum Erbrecht bei sogenannten Mischehen im Jahre 1935 veranlaßten unseren

Vater, seine Firmenanteile auf unsere Mutter zu übertragen. Sie überschrieb ihre gesamten

Anteile auf Grund des Devisensicherungsgesetzes vorsorglich formell auf ihren Vater.

Nach seiner Inhaftierung im KZ Sachsenhausen im November 1938, aus dem er durch die Intervention seines sehr einflussreichen und

energischen, der NSDAP nicht angehörenden Schwiegervaters, bereits zum Monatsende wieder entlassen wurde, durfte unser Vater auch

nicht als Prokurist oder Angestellter in seinem (bisherigen) Unternehmen tätig sein. Nach Umschulung durch die jüdische Gemeinde in

Berlin zum Schlosser und Dreher arbeitete er in einem Berliner Unternehmen und wohnte zur Miete privat unter Kontrolle der Gestapo.

Geschützt durch die Mischehe mit unserer Mutter brauchte er keinen Stern zu tragen und durfte seine Familie einmal pro Monat am

Wochenende im Landkreis Guben besuchen.

Schriftliche Genehmigungen für jede einzelne Besuchsreise bewahrten ihn nicht vor willkürlichen Verhaftungen während der Bahnfahrt nach

Guben, die immer wieder die Intervention unseres Großvaters und seine Verbindungen zum OKW (Oberkommando der Wehrmacht)

notwendig machten.

Meine Kindheit auf dem Lande verlief unbeschwert bis zum November 1938, als der

Unterricht in der Dorfschule unterbrochen und in einer Lehrerkonferenz darüber beraten

wurde, ob ich die Schule weiter besuchen durfte. Lehrer und Mitschüler verhielten sich in den

folgenden Jahren – mit wenigen Ausnahmen – freundlich und zumindest wohlwollend

neutral. Das traf im Übrigen auch für die große Mehrheit der Dorfbevölkerung zu. Dieses

generelle Verhalten der Dorfbewohner gegenüber unserer Familie änderte sich auch nicht, als

ich 1942 nach bestandener Aufnahmeprüfung für die Oberschule in Guben durch NS-Gesetz

wieder in die Dorfschule zurückkehren mußte und als einziger Junge im ganzen Ort nicht der

Hitlerjugend angehörte.

Mein fünf Jahre jüngerer Bruder besuchte ab 1943 unbehelligt die Dorfschule in unserem Dorf.“

Quelle: Nachbarn von einst; S. 88 – 89, Autor Andreas

Peter

118


Meine Erinnerung an Gubener Juden

-Auszüge-

Die so genannte Kristallnacht vom 9. und 10. November war der erste Höhepunkt der

Pogrome gegen die Juden in Deutschland.

Auf unserem Spielplatz an der Egelneiße waren nicht nur „anwohnende“ Kinder, sondern

auch solche aus der nahen Umgebung. Dass darunter auch jüdische Kinder waren, fiel uns

anderen erst auf, als diese nicht mehr zum Spielen kamen, ja ganz aus unseren Augen verloren

gingen. Ich erinnere mich an ein kleines hübsches schwarzhaariges Mädchen, die zu unserer

Horde gehörte. Sie war die Tochter eines jüdischen Ohrenarztes. Von meiner Mutter erfuhr

ich, dass dieser Mann vielen Patienten geholfen hatte, gegen seine eigene hochgradige

Schwerhörigkeit aber machtlos war.

Als meine Mutter 1934 Witwe geworden war, nahm sie eine Aufwartestelle bei dem

jüdischen Ehepaar W. (Wolff/Red.) in der damaligen Kubestraße (heute Berliner Straße) an.

Ich wurde meistens dorthin mitgenommen. Die beiden Leute waren damals so um die

50 Jahre alt und hatten, da selbst kinderlos geblieben, mich in ihr Herz geschlossen. Er hatte

eine Vertretung in Stoffen und Tuchen. (Im Einwohnerbuch von 1933 steht, dass er

Geschäftsführer war).

Ostern (richtiger 1. 4.) 1935 wurde ich eingeschult. Für W.s war es eine Genugtuung, mich

mit ledernem Ranzen und Brottasche auszurüsten. Den Ranzen habe ich, da in

Kriegstrümmern wieder gefunden, noch 1946/47 als „Geschäftstasche“ benutzt.

Die Wolffs wechselten 1936 ihre Wohnung und zogen in die Pförtener Straße. An der

Beziehung zwischen ihnen und uns änderte sich dadurch nichts. Nur der Weg war etwas

weiter geworden.

Inzwischen hatte meine Mutter eine zweite Putzstelle in der Alten Poststraße angenommen,

wo sie auch ca. einmal im Monat die „Große Wäsche“ zu erledigen hatte, natürlich mit

Kochkessel, Zuber und Waschbrett. Der größte Teil der Wäsche wurde nach dem Trocknen

gerollt.

Es gab zwar vereinzelt noch handbetriebene Rollen. Allgemein ging man aber schon zu

jemand, der gewerbsmäßig seine stationäre elektrische Wäscherolle gegen Entgelt zur

Verfügung stellte. Meine Mutter war also eines Abends noch zum Rollen gegangen. Ich

wollte sie von dort nur abholen. Da sie noch nicht fertig war, wartete ich noch ein bisschen in

dem Rollraum, den ich zwar schon kannte, der aber immer noch meine Neugier weckte. Den

Zugriff zu den mit Wäsche umwickelten Rollen während des Betriebes verhinderte ein

Schutzgitter; die Hand eines 7jährigen konnte aber durch das Gitter hindurch greifen. Ich

bekam einen ordentlichen Schreck, als plötzlich die Kuppe meines rechten kleinen Fingers so

platt gewalzt wie die Wäsche war. Den Nebenfinger konnte ich gerade noch, obwohl auch

schon aufgeplatzt, zurückziehen. Meine Gedanken – nur nichts sagen, nachher an der

Wasserleitung abspülen – musste ich nach kurzer Zeit aufgeben, da es anfing weh zu tun. Mit

kullernden Tränen zeigte ich mein Malheur der Mutter, deren Schreck auch nicht gering war.

Etwa 500 m waren es bis zum nächsten Arzt, Dr. Kaplan, der zu dieser Tageszeit keine

Sprechstunde mehr hatte. Nachsichtig ließ er uns aber ein und versorgte unter tröstenden

Worten meine Verletzung… Einmal noch bestellte mich der freundliche Dr. Kaplan in seine

Sprechstunde, dann musste er mich an einen anderen Arzt abgeben. Die Kosten eines

jüdischen Arztes übernahm die Krankenkasse nicht.

In Bezug auf Juden musste uns im Schulunterricht wohl irgendetwas Nazi-Ideologisches

gesagt worden sein. Jedenfalls sagte ich eines Tages in W.s Küche zur Mutter: „Wir dürfen

doch gar nicht zu W.s gehen. W.s sind doch Juden.“ Ich wusste damals nicht, was meine

119


Worte bedeuteten, noch weniger ahnte ich, dass Frau W. im Korridor jedes Wort mitgehört

hatte, da die Küchentür nur angelehnt war. Meine Mutter war über meine Rede sprachlos und

wäre am liebsten im Boden versunken, als unmittelbar darauf Frau W. hereinkam. Diese sagte

gar nichts – sie weinte nur; dabei nahm sie mich aber dennoch in ihre Arme.

Ab Herbst 1937 ging ich nur noch selten zu W.s. Ich hatte inzwischen eine so genannte

Laufjungenstelle. Für eine etwas gehbehinderte Frau, die mit ihrem Bruder die Wohnung

teilte, ging ich täglich einkaufen, Lebensmittel und alkoholische Getränke, vor allem Bier

(20 Flaschen pro Tag). Des Weiteren machte ich ihr auch kleinere Handreichungen. Das alles

für 50 Reichspfennig im Monat.

Es war im Sommer des Jahres 1938, als meine Mutter nach Hause kam und erstaunt

berichtete, bei W.s hätte ihr keiner geöffnet. Sie versuchte es noch ein paar Mal an anderen

Tagen, aber es war niemand da. W.s waren verschwunden. Sich dieserhalb bei Behörden oder

auch nur Nachbarn zu erkundigen, schien damals nicht ratsam.

Die nun alles beherrschende NS-Propaganda spitzte sich auf einen Höhepunkt zu: zur

Kristallnacht. Am 9. November 1938 kam es auch in Guben zu antijüdischen

Ausschreitungen. Mit meinen noch nicht ganzen zehn Jahren verstand ich nicht, was

eigentlich geschah und warum es geschah, erst recht nicht. Wohl aber wurde meine kindliche

Neugier gereizt. So lief ich die Klosterstraße zum Markt und zur Herrenstraße, um mir die

eingeworfenen Schaufensterscheiben und eingetretenen Ladentüren anzugucken. Bei

einzelnen kam ich dazu, wie randalierende Banden noch dabei waren, große

Straßenpflastersteine in Schaufenster zu werfen. Trotz dieses Aufruhrs waren relativ viel

Menschen auf den Straßen, vielleicht auch im Auftrag der Nazis. Dass es Passanten wagten,

gegen diese Machenschaften einzuschreiten oder sich nur dagegen aufzulehnen, habe ich

nicht bemerkt. Ich selbst dachte an nichts, nur soviel, möglichst wenig zu verpassen.

So war ich, mitgetrieben, bis in den Kastaniengraben gekommen und stand vor der Synagoge;

wir sagten dazu Judentempel. Obwohl ich mich fast immer 2 bis 3 m zurückhielt, bin ich dort

doch zu dicht an den grölenden Pöbel geraten. Kleinpflastersteine, die aus Gehwegen

herausgerissen waren, flogen in Fenster von Kirche und Küsterhaus, besonders wenn

Menschen dahinter vermutet wurden. Ich stand hinter einem Halbstarken, der einen Kopf

größer als ich war und in jeder Hand einen Pflasterstein hatte. Plötzlich sah ich hinter dem

Fenster der 1. Etage des Hauses eine ältere Frau. Mein Vordermann hatte sie auch schon

erspäht und nahm sie aufs Korn. Zum zielsicheren Wurf holte er weit aus. Dabei schlug er,

ohne dass er es überhaupt bemerkte, mit dem Stein gegen meine rechte Augenbraue. Die war

sofort aufgeplatzt und das Blut lief mir übers Gesicht. Mir war gleich jede Sensationslust

vergangen; beschämt und wütend machte ich mich davon. Am übernächsten Tag wurde ich

zehn Jahre alt und musste meinen Geburtstag mit einem zur Hälfte zu gepflasterten Auge

verbringen.

Rund ein Jahr danach hatte ich diesen Vorfall erstmal vergessen. Es war im Spätsommer des

Jahres 1939, als ich auf unserem Spielplatz in der Laternengasse mit anderen Kindern

herumtobte. Auf einmal, ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen – da kam doch Onkel W.

auf mich zu?! Als er merkte, dass ich ihn sah, spitzte er sofort seinen Mund und legte den

Zeigefeiger darauf. Die Geste verstehend, sagte ich kein Wort. Er gab mir die Hand,

überreichte mir ein kleines in Seidenpapier eingewickeltes Etwas und flüsterte: „Möge es Dir

gut gehen! Einen schönen Gruß an die Mutti.“ Ehe ich überhaupt richtig begriffen hatte, was

ich erlebte, war er schon wieder fort. Das mir übergebene Etwas war eine

Kindermundharmonika.

Nie haben wir erfahren, wo Familie W. hingekommen ist, wie es ihnen ergangen ist, wieso er

plötzlich wieder mal auftauchte und gleich wieder verschwand, was aus ihnen geworden ist.

Heute können sie, schon biologisch bedingt nicht mehr leben.

Quelle: Gubener Heimatbrief, 2/1998, S. 48-51, Günter Deckert

120


Eine wirksame Propaganda

Antisemitische Aktionen in Guben 1935 und 1938

GUBEN. Die einmalige Schreckensbilanz des Dritten Reiches im Jahre 1945 mit

Millionen Toten, verwüsteten Städte und dem Verlust der Ostgebiete kann man nur

verstehen, wenn man die Jahre davor betrachtet.

Dabei ist zu beachten, dass es der NS-Herrschaft zeitweilig gelang, „die Bedürfnisse und Sehnsüchte breiter Schichten überzeugend

anzusprechen und wenigstens zum Teil auch zu befriedigen“; wie der Münchener Historiker Norbert Frei (Der Führerstaat) ausführt.

45 jüdische Familien

Quelle: Lausitzer Rundschau, 13. Juni 1998, Gerhard Gunia

Zwar gab es hier nur 45 jüdische Familien (Stand 1939) und in ganz Deutschland etwa

550.000 Juden, d. s. 0,9 Prozent der Bevölkerung - aber sie bildeten den Anstoß, Schuldfragen

und Hassgefühle auf Minderheiten abzuwälzen.

Die antijüdische Propagandafahrt der SA-Brigade 122 am 11. August 1935, einem Sonntag,

begann auf dem Lubstplatz. Hier waren 1400 SA-Männer zum Appell angetreten unter

Standartenführer (= Oberst) Schulz-Sembten in Anwesenheit von Brigadeführer Palm.

Anschließend fuhren 20 LKW durch das Stadtgebiet mit angebrachten Plakaten. Darauf hieß

es: „Den Galgen halten wir bereit / Für Volksverräter jederzeit.“

„Deutsches Mädel, sei helle / Nimm beim Juden keine Stelle.“

„Moses, Aaron, Levy, Cohn / Palästina wartet schon.“

Von allen Wagen ertönten Sprechchöre mit den Worten:

„Deutschland erwache / Juda verrecke / Nieder mit der Reaktion.“

Dazwischen gab es militärische Übungen, so an der Sprucker Straße, wo aufgestellte

Barrikaden zu überwinden waren (Gubener Zeitung, 13.08.1935). Sicherlich wurde dieser

SA-Auftritt von Teilen der Gubener Einwohner abgelehnt. Zehn Jahre später nutzte keine

Barrikade mehr, die Stadt wurde zerstört.

Befehle von 1938

Quelle: Lausitzer Rundschau, 13. Juni 1998, Gerhard Gunia

„Es werden in kürzester Zeit in ganz Deutschland Aktionen gegen Juden, insbesondere deren

Synagogen, stattfinden. Sie sind nicht zu stören. Es ist vorzubereiten die Festnahme von etwa

20.000 bis 30.000 Juden.“

„... sind in allen Bezirken so viele Juden – insbesondere Wohlhabende – festzunehmen, als in

den vorhandenen Hafträumen untergebracht werden können. Es sind zunächst nur gesunde

121


und männliche Juden nicht zu hohen Alters festzunehmen. Nach Durchführung der Festnahme

ist unverzüglich mit den zuständigen KZs, wegen schnellster Unterbringung der Juden in den

Lagern, Verbindung aufzunehmen.“

Diese Befehle wurden auch in Guben befolgt.

91 Bürger jüdischen Glaubens wurden bei diesen Pogromen getötet, wobei die Zahl

unvollständig sein wird. Viele begingen Selbstmord oder wurden in KZs verschleppt. Die

Dunkelziffer wird weit höher liegen.

Ab 1.1.1939 durften Juden nicht mehr als Betriebsleiter arbeiten, bzw. keine leitenden

Tätigkeiten ausführen. Der Besitz von Geschäften und Handwerksbetrieben war ihnen

verboten. Sie mussten ihre Kraftfahrzeuge abliefern und die Wohnung kennzeichnen.

Im Dezember 1938 schreibt die „Gubener Zeitung“:

„Am 3.12.1938 wird in Guben der Tag der Nationalen Solidarität (Sammelaktion für das

Winterhilfswerk) durchgeführt. Juden dürfen von 12.00 - 20.00 Uhr keine Straßen und Plätze

betreten, sie haben sich in ihren Wohnungen aufzuhalten.“

Polizeiverordnung vom 1.9.1941:

„Juden, die das 6. Lebensjahr vollendet haben, ist es verboten, sich in der Öffentlichkeit ohne

einen Judenstern zu zeigen… Er ist sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstückes

fest aufgenäht zu tragen…“

Durch die Solidarität vieler (auch nichtjüdischer) Bürger konnten Mitglieder der

Synagogengemeinde Deutschland noch vor dem Zweiten Weltkrieg verlassen. Seit dem Krieg

gibt es in Guben keine Jüdische Gemeinde mehr.

Quelle: Dietlinde Schulz, Karsten

Schneider; wissenschaftlichpraktische

Arbeit/

Projektarbeit EOS

„Pestalozzi“ Guben

1989/90

NS-Terror in Guben

Bereits in ihrer Wahlpropaganda vor 1933 gab die NSDAP den Juden und allen Linkskräften

die Schuld an der Wirtschaftskrise und der damit verbundenen Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig

hob sie die „Germanische Rasse“ hervor und betonte in diesem Zusammenhang die

Minderwertigkeit der Juden. So bereitete die Partei Hitlers ihre Gliederungen, wie SA, SS und

HJ, aber auch die deutsche Bevölkerung auf den Hass, die Demütigung und Verfolgung der

Juden vor.

Bereits kurz nach dem Machtantritt (Januar 1933), am 1. April 1933, forderten SA-Posten und

Plakate die Gubener zum Boykott jüdischer Einrichtungen und Geschäfte auf. „Kauft nicht in

jüdischen Geschäften“ wurde gewarnt.

122


Aber schon Mitte März hatten SA und SS kurzzeitig das Warenhaus Karzentra, das Kaufhaus

„Wolff Krimmer Nachf.“, das Geschäft Hermann Meier und das Schuhhaus Batas besetzt.

Die Ermordung des Legationssekretärs vom Rath in der deutschen Botschaft zu Paris durch

den 17-jährigen Juden Grünspan gab dem NS-Regime den willkommenen Anlass, mit den

Juden „abzurechnen“. So wurde im gesamten Reich vom 9. zum 10. November 1938 das

„Judenpogrom“ (Reichskristallnacht) vorwiegend von der SA durchgeführt.

In Guben waren Polizei und Feuerwehr auf den Brandanschlag auf die Synagoge vorbereitet

worden. Das Gebäude brannte, wurde aber nicht zerstört. Im gleichen Atemzuge erfolgte die

Demolierung jüdischer Einrichtungen und Geschäfte. Einige jüdische Bürger, wie Selmar

Brühn, Hugo Kronheim, Gustav Müller, Robert Hesse (in Forst) wurden auf LKW

„verfrachtet“. Sie kamen ins KZ Sachsenhausen – später wurden sie wieder frei gelassen. Der

jüdische Friedhof wurde geschändet – Grabsteine umgeworfen.

Der Terror gegen die Juden begann aber schon Jahre früher. Ärzte und Rechtsanwälte verloren

ihre Zulassung. Eine Ausnahme machte man beim Rechtsanwalt Walter Hesse, der bis

1936 arbeiten durfte. Die Rassengesetze vom 15. September 1935 verboten unter anderem die

Ehen mit Juden und erkannten zugleich Juden die deutsche Staatsbürgerschaft ab.

Nach und nach wurden Juden ihrer Rechte beraubt, ihr Vermögen konfisziert. So wurde zum

Beispiel der jüdische Betrieb „Reißner, Wohl & Co Nachf.“ enteignet und „arisiert“. Die

Tuchfabrik „Lehmann Wwe. & Sohn“ erwarb ihn billig - das Geld bekam der Staat.

Der weitergehende und für die Juden immer schwerer zu ertragende Terror sah unter anderem

wie folgt aus:

- ab 12. November 1938 - Teilnahme an Kulturveranstaltungen wurde verboten

- Verbot des Waffenbesitzes

- Vorauszahlungen bei Warenlieferungen

- Verbot des Führens von Kraftfahrzeugen

- Gesetz vom 3. Dezember 1938 über die „planmäßige Entjüdung der

Wirtschaft“ (Arisierung jüdischer Unternehmen aller Art)

- Mietgesetz vom 30. April 1939 hob die Mietrechte für Juden auf

- Aufhebung aller bisherigen Bezüge aus Arbeits- und Dienstverhältnissen,

Renten und anderen erworbenen gesetzlichen Versorgungsleistungen

- Zwangsanlegen eines Depots für Wertpapiere

- Bei Geldnot Antrag an das Finanzamt zwecks Bereitstellung der benötigten

Beträge

- Verbot des Erwerbs von Gegenständen aus Gold, Platin oder Silber,

Edelsteinen und Perlen

- Verbot, diese zu verpfänden und zu veräußern

- Verkauf von Schmuck- und Kunstgegenständen nur an die „Reichskammer für

Bildende Künste“

- Verbot – Sonnabend die Wohnung zu verlassen

- Tragen des zweiten Vornamens „Sarah“ oder „Israel“

- Ab Mitte September 1941 tragen des „Gelben Sterns“

- Ab Mitte 1941 Räumung der Wohnung – der Erlös des Haushaltes ging an den

Staat

- Umsiedlung in das Barackenlager Schlagsdorfer Weg

- Geringere Zuteilung von Nahrungsmitteln (Marken) als für die Bevölkerung

Bis Mitte 1942 erfolgte die Deportation in Ghettos oder KZs.

123

Quellen: „Nachbarn von einst“, Andreas Peter

Ausstellungskatalog 1999


Der Ahnenpass

124

„Wegweiser durch das jüdische Brandenburg“

– Irene Dickmann und Julius

Schoeps; Edition Hentrich 1995

Gubener Heimatkalender 1998

Gubener Zeitung

Dietlinde Schulz, Karsten Schneider;

wissenschaftlich-praktische Arbeit/

Projektarbeit, EOS „Pestalozzi“ Guben

1989/90

Der Ahnenpass war ein Vordruck in Heftform für den Abstammungsnachweis (Ariernachweis), der von jedem Bürger des Dritten Reiches

aufgrund der Nürnberger Gesetze (15. September 1935) erbracht werden musste. Mit einer Geburts- oder Tauf- und Heirats- oder Trau-

Urkunde war zu belegen, dass kein Eltern- oder Großelternteil „vollartfremden, insbesondere jüdischen Blutes“ war. Ein lückenloser

Abstammungs- bzw. Ariernachweis war die Voraussetzung für volle Bürgerrechte. Oppositionelle Geistliche verhalfen manchem rassisch

Verfolgten durch einen frisierten Ahnenpass zu den lebensnotwendigen Personalpapieren.

„Die gesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit des völkischen Staates muss ihre Krönung darin finden, dass sie den Rassesinn und das

Rassegefühl instinkt- und verstandesmäßig in Herz und Gehirn der ihr anvertrauten Jugend hineinbrennt. Es sollen kein Knabe und kein

Mädchen die Schule verlassen, ohne zur letzten Erkenntnis über die Notwendigkeit und das Wesen der Blutreinheit geführt worden zu sein!

Damit wird die Voraussetzung geschaffen für die Erhaltung der rassenmäßigen Grundlagen unseres Volkstums und durch sie wiederum die

Sicherung der Vorbedingungen für die spätere kulturelle Weiterentwicklung.“ (Adolf Hitler)

Der Ahnenpass stellt eine Urkunde im Sinne des Gesetzes dar; es ist daher bei seiner

Erstellung auf peinlichste Genauigkeit der gemachten Angaben und auf die unbedingte

Richtigkeit der niedergelegten Ahnenreihen zu achten. Auch erspart der Passinhaber durch

korrekte Aufstellung sich Arbeit, Zeit und unnötige Kosten, da bei der amtlichen Überprüfung

Fehler und Irrtümer im eingereichten Ahnenpass bestimmte zutage treten werden.

Die sorgfältig ausgefüllten Vordrucke Nr.1 - 63, welche auf den Seiten 8 – 39 enthalten sind,

sowie die Ergänzungen auf den Seiten 40 mit 47, ersetzen für den Zweck des arischen

Abstammungsnachweises anderweitere beglaubigte Urkundenabschriften. Sie müssen aber

einzeln durch den zuständigen Standesbeamten oder Kirchenbuchführer beglaubigt und

gestempelt werden.

Der Ahnenpass muss dem betreffenden Beamten eingesandt werden mit dem Ersuchen, die

Richtigkeit der einzelnen für diesen Beamten zuständige Eintragungen zu überprüfen und

gegebenen Falles Änderungen und Richtigstellungen vorzunehmen, und dann die

ordnungsgemäßig erstellten Angaben mit seiner Unterschrift zu beglaubigen und mit dem

Dienststempel zu versehen. Im Falle einer Richtigstellung sind die Worte: Auf Grund

vorgelegter Urkunden…zu streichen. Wird jedoch die Einreichung der Einträge von der

Beifügung von Urkunden begleitet, (in diesem Fall kann die Beglaubigung sämtlicher

Einträge von dem dem Wohnsitz des Ahnenpaßinhabers zunächst gelegenen Standesamt

erfolgen) so wird der vorher erwähnte Zusatz: Auf Grund vorgelegter Urkunden…

beibehalten, und die Beglaubigung erfolgt auf Grund der Vorlage jener beglaubigten

Dokumente. Für den ersteren Fall, wenn also die Einsendung ohne Dokumente erfolgt, sind

die Angaben mit weichem Bleistift einzuschreiben, während im letzteren Falle die Ausfüllung

mit Tinte vorzunehmen ist. Die Einträge sollen den Raum der Vordrucke nach Möglichkeit

ausfüllen, wo dies nicht der Fall ist, müssen die leeren Stellen durch Striche ausgefüllt

werden, um fälschlichen und unberechtigten späteren Zusätzen vorzubeugen.

Quelle: Die unschuldigen Kinder und der 2. Weltkrieg, Seite 13


Die Attacke „Reichskristallnacht“ – gegen die Juden

Das Wort hat jetzt der Staat

Die Empörung über die schändliche Mordtat des Juden Grünspan durchbebt noch immer die

ganze deutsche Presse. So schreibt der „V.B.“ zum Aufruf Dr. Goebbels an die Bevölkerung:

Die feige Mordtat des Juden Grünspan hat im gesamten Deutschen Volk eine nur allzu

verständliche Empörung hervorgerufen, die sich denn auch angesichts der unvergleichlichen

Gemeinheit dieser Tat und unverfrorenen Frechheit, mit der sie ausgeführt wurde, in

judenfeindlichen Kundgebungen äußerte. Wenn dabei, trotz der so berechtigten Wut aller

Deutschen, keinem Juden ein Haar gekrümmt wurde, so mag man das in der Welt der

Diszipliniertheit des deutschen Volkes zugute halten.

....

Spontane Kundgebungen

Gegen die Juden auch in Guben

125

Quelle: Gubener Zeitung, 11. Nov. 1938

Die ruchlose Ermordung des Gesandtschaftsrats vom Rath durch den Juden Grynszpan

(Grünspan) führte in der vergangenen Nacht auch in Guben zu einer spontanen Kundgebung

gegen das Judentum. Dabei wurden die Inneneinrichtung der Synagoge zerstört und die

Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte zerschlagen.

Einen Tag später schrieb die Gubener Zeitung

Auch gestern Kundgebungen gegen die Juden

Quelle: Gubener Zeitung, 10. Nov. 1938

Gestern Nachmittag kam es in Guben wieder zu spontanen Kundgebungen gegen die

Juden. Tausende Volksgenossen versammelten sich auf dem Marktplatz, wo ein

Sprecher den Gefühlen des Abscheus gegen die jüdische Mordgier Ausdruck verlieh.

Wie uns mitgeteilt wird, wurde eine Anzahl Juden Gubens in Schutzhaft genommen.

Noch bis in den Abend hinein sah man auf den Straßen erregte Menschenmassen, die

ihrer Empörung über das jüdische Treiben Ausdruck verliehen.

Quelle: Gubener Zeitung, 11. Nov. 1938


1938 Synagoge zerstört

Als dann in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 in Guben die Synagoge zerstört und

jüdische Geschäfte (Bruno Meyer, Hugo Kronheim, Willi Hirsch) demoliert wurden, sagte ein

Betroffener an anderer Stelle: „Wartet ab, euch wird es ebenso ergehen!“ So ist es dann

gekommen. Leider mussten auch diejenigen Gubener Demokraten und Sozialisten die Folgen

tragen, die sie selbst nicht verschuldet hatten. Das war im Sommer 1945 das entscheidende

Problem: Wer trug die Verantwortung?

Quelle: Lausitzer Rundschau, 13. Juni 1998, Gerhard Gunia

Sätze zum 9. und 10. November 1938

Manfred Hausmann

Dass die Gubener Polizei nicht einschritt und die jüdischen Einrichtungen und Bürger

schützte, wie es vereinzelt in anderen Städten geschah, lag daran, dass die Leitung der

NSDAP dem Leiter der Gubener Polizei einige Tage vor dem 9. November eindringlich zu

verstehen gegeben hatte, dass sich die Beamten aus der Angelegenheit heraus zuhalten haben.

Den Einsatz der Gubener Feuerwehr freilich konnte man nicht verhindern.

Die Synagoge im Kastaniengraben aber blieb auf Jahre hinaus die einzige Ruine in Guben bis

die Stadt im Frühjahr 1945 selbst zu einer Ruinenstätte wurde.

Quelle: Gubener Heimatkalender 1995, S. 118-119

Alles war verwüstet worden.

Kindheitserinnerungen an die Pogrome in Guben von Werner Möhring 165

„Am Nachmittag, der auf die „Reichskristallnacht“ folgte, hatte es sich in Guben

herumgesprochen, daß in der Stadt jüdische Geschäfte und Einrichtungen demoliert worden

sind. Ich wurde damals gerade zehn Jahre alt und war natürlich neugierig, was in der Stadt

geschehen war. Ich begab mich noch am Nachmittag dorthin.

Die an sich kurze und schmale Klosterstraße, die nach Passieren der großen Neißebrücke

begann und zum Marktplatz führte, war stark belebt, besonders der rechte Bürgersteig. Ich

schloß mich der Menschenschlange an und ging gleichfalls auf der rechten Seite.

In zwei fast nebeneinander liegenden Geschäften waren die Schaufensterscheiben völlig

zertrümmert. Das erste Geschäft war ein Schmuckgeschäft mit entsprechenden

Fensterauslagen. Das Personal war dabei, im Laden aufzuräumen. Im Schaufenster selbst

traute sich noch keiner, etwas zu machen, während so viele Leute vorbeigingen, sonst wären

sicher Helfer erkannt und in Gefahr gekommen. Leider weiß ich den Namen der beiden

Geschäftsinhaber nicht mehr.

165 Lausitzer Rundschau, Gubener Rundschau vom 07.November 1998.

Dieser Pressebeitrag weicht etwas vom Manuskript des Autors ab.

126


Anschließend lief ich zur Synagoge im Kastaniengraben. Hier gingen dauernd Leute aus und

ein. Das Backsteingebäude, das Wand an Wand zwischen mehrstöckigen Wohnhäusern stand,

war gleichfalls von Nazi-Horden heimgesucht worden.

Hier waren Parterre die Buntglasfensterscheiben zerschlagen. Den Gebetsraum erreichte man

durch den Flur, dann die linke Tür. Diese aber war bereits verstellt. Man konnte aber sehen,

daß alles verwüstet war: Die Altaraufbauten umgestürzt, die Gebetsbücher zerstreut, die

Symbole (Fahnen) von der Wand gerissen.

Über dem Gebetsraum in der oberen Etage befand sich die Privatwohnung des Küsters. (Er

war natürlich nicht mehr anwesend.) Auch die Wohnung war verwüstet, der Inhalt der

Schubfächer herausgerissen. Hausrat lag wild durcheinander auf den beiden in der Mitte

stehenden Bettstellen.

Unablässig kamen Leute die schmale Holztreppe herauf, um sich das Geschehene anzusehen.

Für die Gubener Bevölkerung war diese Situation ja ungewöhnlich, war sie doch zunächst

einmalig, denn Verwüstungen durch Krieg gab es ja damals in Guben noch nicht. Auch ich

war damals als Junge schon sehr betroffen von diesem Zustand, war doch eine halbjüdische

Familie mit uns befreundet. Deshalb hat sich dieses Erlebnis mir besonders eingeprägt.

Eigenartig war, daß die Leute auf den Gebetsraum nur mit halbem Blick und mit Abstand

schauten. Auch ich verschaffte mir keinen Einlaß. Vielleicht war es auch die Ehrfurcht vor

dieser religiösen Stätte.

Ob die Synagoge dann in Brand gesteckt wurde, kann ich nicht sagen. Es trifft zu, daß es

gefährlich für die unmittelbar angrenzenden Häuser war. Davor schreckten die Nazis bereits

während der Verwüstung zurück. Mir ist nicht erinnerlich, daß dort überhaupt ein Brand war.

Über die Zerstörung des großen Modegeschäftes von Hermann Meier, Am Markt, kann ich

nur sagen, daß die Räumlichkeiten sich nicht nur Parterre, sondern auch auf die erste Etage

erstreckten. Schaufenster waren sehr viele vorhanden, sowohl an der Seite zum Markt als

auch eine ganze Reihe im Durchgang zur Salzmarktstraße, sowie auch in der Salzmarktstraße

selbst. Es war schon ein Kaufhaus, ähnlich wie „Ladeburg“. Die Scheiben waren damals alle

zerstört. Wer dieses ausgedehnte Geschäft dann beräumt hat, kann ich nicht sagen. Später

wurden die Schaufenster alle mit Brettern vernagelt. Die Räumlichkeiten wurden nie mehr als

Verkaufseinrichtungen benutzt. Etwa 1942/43 wurden in der ersten Etage in Regalen Akten

der Stadtverwaltung gelagert. Als Lehrling der Stadtverwaltung durfte ich mehrmals meinen

Ausbilder dorthin begleiten, wenn Akten benötigt oder dorthin zurückgebracht wurden.“

Quelle: „Nachbarn von einst“ – Andreas Peter, Seite 85/86

Zahlreiche Verbote ergingen an die Juden

Ab 30. September keine jüdischen Ärzte mehr

Die Judenfrage wird in Deutschland auf gesetzlichem Wege schrittweise ihrer Lösung

entgegengeführt. Brachte das Reichsbürgergesetz und die zweite Verordnung hierzu eine

Bereinigung des öffentlichen Lebens von Juden durch die restlose Entfernung aller jüdischen

127


Träger eines öffentlichen Amtes, so zielt eine soeben verkündete vierte Verordnung zum

Reichsbürgergesetz auf eine Fernhaltung der Juden von dem deutschen Volkskörper auf

einem besonders wichtigen Gebiet ab:

Die Ausschaltung der Juden aus der Ärzteschaft. Mit dem 30. September 1938 erlöschen die

Bestallungen der jüdischen Ärzte. In Deutschland wird dann kein jüdischer Arzt mehr einen

deutschblütigen Menschen behandeln dürfen. Der jüdische Arzt darf auch nicht durch

Aufnahme einer Tätigkeit als Heilpraktiker versuchen, das Gesetz zu umgehen. Im Übrigen

enthält die Verordnung Vorschriften über Lösung von Dienstverhältnissen, Kündigung von

Wohnungen usw. Wichtig ist, daß die Kündigung von bisher von jüdischen Ärzten

innegehaltenen Wohnungen oder Praxisräumen vom Hauswirt bis zum 15. August 1938

ausgesprochen und dem Vertragspartner zugegangen sein muß.

Juden müssen ihr Vermögen anmelden

128

Quelle: Gubener Zeitung, 03. August 1938

Der Beauftragte für den Vierjahresplan und der Reichsminister des Innern haben eine

gemeinsame Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden erlassen, die im

Reichsgesetzblatt Teil 1 Nr. 63 im Wortlaut verkündet wird.

Danach hat jeder Jude im Sinne des Reichsbürgergesetzes sein gesamtes in- und

ausländisches Vermögen gemäß den im Einzelnen getroffenen Bestimmungen anzumelden

und zu bewerten. Diese Pflicht trifft auch den nicht jüdischen Ehegatten eines Juden.

Die Anmeldepflicht entfällt, wenn der Gesamtwert des pflichtigen Vermögens ohne

Berücksichtigung der Verbindlichkeiten 5000 RM nicht übersteigt.

......

Verstöße gegen die Verordnung werden mit Strafen bis zu zehn Jahren Zuchthaus bedroht.

Waffenbesitz für Juden verboten

Anordnung des Reichsführers SS Himmler

DNB. München 10. Nov. Der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei hat folgende

Anordnung erlassen:

Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden gelten, ist jeglicher Waffenbesitz

verboten. Zuwiderhandelnde werden in Konzentrationslager übergeführt und auf die Dauer

von 20 Jahren in Schutzhaft genommen.

Gegen das Judentum

S c h a r f e M a ß n a h m e n

Quelle: Gubener Zeitung, 10. Nov. 1938


Unsere kulturellen Veranstaltungen für Juden gesperrt

Berlin 12.Nov. Dr. Goebbels hat in seiner Eigenschaft als Präsident der Reichskulturkammer

mit sofortiger Wirkung allen Theaterleitern, Konzert- und Vortragsveranstaltern, Filmtheaterunternehmern,

artistischen Unternehmern, Veranstaltern von Tanzvorführungen und Veranstaltern

öffentlicher Ausstellungen kultureller Art untersagt, jüdischen Personen den Besuch

ihrer Unternehmen zu gestatten.

Übertretungen ziehen für die Veranstalter und besonders für die Juden schwere Strafen nach

sich. In seiner Anordnung verweist Reichsminister Dr. Goebbels darauf, daß der nationalsozialistische

Staat den Juden seit nunmehr schon über fünf Jahren innerhalb besonderer

jüdischer Organisationen die Pflege ihres eigenen Kulturlebens ermöglicht habe. Damit

besteht keine Veranlassung mehr, den Juden den Besuch der bezeichneten Veranstaltungen

und Unternehmungen zu gestatten.

Juden dürfen Sonnabend nicht auf die Straße

129

Quelle: Gubener Zeitung, 12./13. Nov. 1938

Aus der Erwägung heraus, daß die Juden an der Solidarität des deutschen Volkes ihren Anteil

haben, hat der Chef der Sicherheitspolizei eine Anordnung getroffen, die am

29. November im Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger veröffentlicht wurde. Die

Veröffentlichung untersagt, Juden deutscher Staatsangehörigkeit und staatenlose Juden am

„Tage der Nationalen Solidarität“ das Betreten von Straßen und Plätzen. Sie legt den

genannten Personen die Verpflichtung auf, sich in der Zeit von 12 bis 20 Uhr in ihren

derzeitigen Wohnungen aufzuhalten. Die Verordnung enthält gleichfalls die Androhung von

Strafmaßnahmen für den Fall der Zuwiderhandlung.

Quelle: Gubener Zeitung, 30. Nov. 1938

Kraftfahrverbot für Juden

Sofortige Entziehung der Führerscheine und Zulassungspapiere

-Auszug -

Berlin 5.12. Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des

Innern, Heinrich Himmler, erläßt folgende vorläufige polizeiliche Anordnung über die Entziehung

der Führerscheine und Zulassungspapiere für Kraftfahrzeuge von Juden:

„Die feige Mordtat des Juden Grünspan, die sich gegen das gesamte deutsche Volk richtete,

läßt Juden als unzuverlässig und ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen erscheinen.

Vorbehaltlich einer endgültigen Regelung wird daher folgendes angeordnet:

6. Aus allgemeinen sicherheitspolizeilichen Gründen und zum Schutze der Allgemeinheit

untersage ich mit sofortiger Wirkung sämtlichen in Deutschland wohnenden Juden

deutscher Staatsangehörigkeit das Führen von Kraftfahrzeugen aller Art und entziehe

ihnen hiermit die Fahrerlaubnis.

7. Den in Deutschland wohnenden Juden deutscher Staatsangehörigkeit ist das Halten von

Personenkraftwagen und –krafträdern (mit oder ohne Beiwagen) verboten. Für

Lastkraftfahrzeuge bleibt weitere Anordnung vorbehalten.

8. Die in Deutschland wohnenden Juden deutscher Staatsangehörigkeit haben die

Führerscheine aller Klassen sowie die Kraftfahrzeugscheine für Personenkraftwagen und

Krafträder unverzüglich, spätestens bis zum 31. Dezember 1938, bei den zuständigen


Polizeirevieren abzuliefern. Die amtlichen Kennzeichen sind mit den Zulassungsscheinen

zur Entstempelung vorzulegen.

9. Die zuständigen Polizei- und Verwaltungsbehörden haben das Erforderliche zu

veranlassen.

10. Gegen Zuwiderhandlungen wird nach den bestehenden Strafvorschriften eingeschritten...

130

Quelle: Gubener Zeitung, 05. Dez.1938

Einwohner Jüdischen Glaubens der Stadt Guben ab 1939

...ist im Einwohnerbuch die jüdische Gemeinde nicht mehr aufgeführt und auf dem

Kastaniengraben die Nr. 16, also die Synagoge, ausgelassen. Es leben zu diesem Zeitraum

noch 59 jüdische Einwohner in der Stadt.

Die männlichen Mitglieder haben den Vornamen Israel, die weiblichen Mitglieder Sarah

hinzusetzen müssen.

1968 im Februar starb Harry Lesser in Guben im Rosa-Thälmann-Heim (78jährig), früher

Expedient. Er war meines Wissens jüdischen Geblüts und wohl nur deshalb den Schrecken

des Naziregimes entkommen, weil er zum christlichen Glauben übergetreten war. Er wurde

mit kirchlichem Geleit der evangelischen Kirche beerdigt.

23.3.1942 Das Sondergericht für den Bezirk des Oberlandesgerichts Nürnberg fällt das Urteil

gegen Irene Seiler und Israel Katzenberger.

Irene Seiler, geb. Schefter, am 26.4.1910 in Guben geboren, besuchte das Lyzeum und die

Realschule bis zur Unterprima. 1932 zog sie nach Nürnberg, wo sie am 1.1.1938 das

Photogeschäft der

Schwester übernahm.

Israel Lehmann Katzenberger wurde 1873 geboren. Bis 1938 besaß er ein Schuhgeschäft in

Nürnberg und leitete gleichzeitig den Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Nürnberg.

Bei dem Prozeß von 1942 wurde ihnen die Verletzung des Gesetzes „zum Schutze des

deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ angelastet, obwohl ihnen kein außerehelicher

Verkehr nachgewiesen werden konnte.

Israel Lehmann Katzenberger wurde zum Tode verurteilt. Irene Seiler verurteilte man wegen

„Meineids“ zu zwei Jahren Zuchthaus.

Der Faschismus förderte die Auswanderung jüdischer Bürger. Viele verkauften ihren Besitz

und verließen Deutschland angesichts der Gefahr. Aus Guben wanderten zum Beispiel aus:

Ludwig und Emanuel Meyer (Besitzer der Lederfabrik Grunewalder Straße),

Dr. Alexander Lewin (Generaldirektor der Berlin-Gubener-Hutfabrik),

Dr. Alfred Glücksmann (bis 1924 Oberbürgermeister in Guben, danach Direktor einer Bank

in Berlin)

Dr. Fritz Salomon (Rechtsanwalt und Notar),

Walter Lißner (Kaufmann),

Julius Cohn (Inhaber des Konfektionshauses Wolff-Krimmer, Nachfahre) und

Dr. Paul Cohn (praktizierender Arzt).

Martin und Ellen Rosenthal waren Besitzer der Hutfabrik Steinke (nach 1945 - kommunale

Berufsschule, Albert-Schweitzer-Schule, Lehrlingswohnheim in der Bahnhofsstraße - heute


Gemeinnütziger Berufsbildungsverein Guben e.V.) und Eigentümer der Fabrik in der Mittelstraße

(ehemals Polytechnisches Zentrum – heute Fabrik e.V. 3 ) sowie einer Strohhutfabrik in

Dresden. 1937 verkauften sie ihre Betriebe (Hutfabrik Steinke wurde von der BGH

aufgekauft) und emigrierten nach Holland. Nach der faschistischen Besetzung Hollands

wurden sie verhaftet, nach Auschwitz deportiert und dort vergast. Die Kinder Rosenthals,

Dr. Herbert Rosenthal und Grete Haas, emigrierten in die USA bzw. nach England. Im

Betrieb von Martin Rosenthal waren auch jüdische Bürger beschäftigt (z.B. Georg Pelz, Max

Cohn-Bloch, Heinrich Reich, Rita London, Ilse Katzky, Referendar Heilborn).

Die Familie Pelz konnte nach Amsterdam emigrieren und überlebte somit den Faschismus.

Max Cohn-Bloch emigrierte ebenfalls nach Amsterdam und gründete dort eine Familie.

Jedoch wurde er von den Faschisten nach Auschwitz verschleppt und starb dort an der Ruhr

(laut Aussage von Rudi Cheim, der auch in Auschwitz war und nach der Zerschlagung des

Faschismus nach Guben zurückkehrte).

Heinrich Reich emigrierte nach den USA, heiratete dort und lebt jetzt in Boston.

Rita London (ihr Vater betrieb ein Wirtschaftswarengeschäft) verließ über die jüdische

Hilfsorganisation Guben und begann in Australien ein neues Leben. Die Schwester

wanderte mit ihrem Verlobten nach Palästina aus.

Von 217 Mitglieder der jüdischen Gemeinde (1932/33) lebten 1938 noch 60 vorwiegend

Ältere in Guben, u.a. Dr. Kurt Berent, Dr. Denny Kaplan, Sigismund Frühling, Ilse Katzky,

Abraham Stempel und Alfred Mendelssohn. Von diesen 60 waren 23 Frauen und 37 Männer.

Ernst London besaß ein Wirtschaftswarengeschäft.

Kurt Levy, geb.1898 in Guben, war später Rechtsanwalt am Kammergericht in Berlin. 1938

wurde er nach Sachsenhausen verschleppt. Nach seiner Freilassung war er Dezernent bei der

Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und später deren letzter Vorsitzender. 1943

mußte er mit seiner Familie ins Ghetto nach Theresienstadt und wurde 1944 in Auschwitz

umgebracht.

In Ghettos nach Warschau und anderen polnischen Städten gebracht und ermordet wurden

aus Guben u.a. Hedwig Katzky ( Mutter von Ilse Fraenkel, geb. Katzky), Sigismund Frühling

(letzter Vorstand der jüdischen Synagogengemeinde in Guben), Gustav Marcus (ehemaliger

Justizrat und Stadtrat). 1945 hatten (in Deutschland, Red.) insgesamt nur ca.15000 Juden

überlebt.

131

Quelle: Dietlinde Schulz, Karsten Schneider;

wissenschaftlich- praktische Arbeit/

Projektarbeit, EOS „Pestalozzi“ Guben

1989/90

3 Anm. d. Red.: Fabrik e.V. mit dem ursprünglichen Gebäude wurde 2004 abgerissen und wieder neu aufgebaut.


Wegweiser durch das jüdische Brandenburg

von I. Diekmann / H.J. Schoeps

EDITION HENTRICH

-Auszug-

…Ein ständiger Begleiter der meisten jüdischen Deutschen seit Ausbruch des Krieges war der

Hunger. Sie erhielten niedrigere Lebensmittelrationen als die Reichsbürger. Der

Normalverbraucher erhielt wöchentlich folgende Lebensmittelrationen in Gramm.

Jahr Brot Fleisch Fett

Ende September 1939 2.400 500 270

Mitte April 1942 2.000 300 206

Anfang Juni 1943 2.325 250 218

Ende Oktober 1944 2.225 250 218

Mitte März 1945 1.778 222 109

Die Lebensmittelernährungsämter beschnitten diese Rationen noch, wenn die Empfänger

Juden waren. Schon Ende 1939 und Anfang 1940 wurden die Rationen für Juden gekürzt oder

gänzlich gestrichen. Für die Zuteilungsperiode vom 18. Dezember 1939 bis 14. Januar 1940

erhielten die Juden weniger Fleisch und Butter, kein Kakaopulver und keinen Reis. Für die

Zuteilungsperiode vom 15. Januar 1940 bis 4. Februar 1940 wurde für Juden die Belieferung

mit Fleisch und Gemüse gekürzt. So ging es von einer Zuteilungsperiode zur nächsten. Die

Ministerialbürokratie hatte den Hunger durch ihre Anordnungen hervorgerufen, im Verlaufe

des Krieges verschärfte sie ihre Anordnungen und den Hunger 18 . Die Juden erhielten auch

keine Sonderzuteilungen, wie sie aus bestimmten Anlässen an alle Versorgungsberechtigten

verteilt wurden…

18 ebenda, Bd. 1, S. 158 ff.

132

Quelle: Jutta Rückert / Otto Rückert

Literatur: Wolbe, Eugen:

„Geschichte der Juden in

Berlin

und in der Mark Brandenburg“

Berlin 1937


Völkermord

Arbeitslager

Konzentrationslager

133


Ostarbeiter im Einsatz

Goebbels verkündet „totalen Krieg“ / Guben Rüstungsstandort

Guben. In den sechs Kriegsjahren von September 1939 bis Anfang 1945 waren in der Stadt

und im Kreis Guben ausländische Kriegsgefangene/Zwangsarbeiter in Industrie,

Landwirtschaft und Gewerbe eingesetzt. Sie wohnten in Barackenlagern (Rheinmetall-Borsig,

Am Angerteich), in anderen Unterkünften (Hutfabriken) oder in privaten Haushalten

(Bauerngehöfte).

Mit der Verkündung des „totalen Krieges“ am 18. Februar 1943 durch den Reichsminister

Goebbels (auch in Guben über Rundfunk bekannt) versuchte das NS-Regime mit allen

Mitteln, die Rüstungsproduktion zu steigern, zusätzlich Arbeitskräfte aus dem In- und

Ausland zu mobilisieren, um den Endsieg zu sichern. Dabei war es so, dass Kriegsgefangene

von den Unternehmen über das Arbeitsamt angefordert wurden. Das geschah seit 1940 in

Guben aus dem Stalag (Mannschaftsstammlager) III B in Fürstenberg/Oder.

So erhielt das Sägewerk Zeschke in Guben 16 Polen, die Gutsverwaltungen Lübbinchen 13,

Schenkendöbern 17 oder Groß Drewitz 16 usw. Zwangsarbeiter kamen über so genannte

Dulags (Durchgangslager) in ihre Einsatzorte. Zunehmend reihten sich Frauen aus der Stadt

und bereits zur Ruhe gesetzte Männer wieder in den Arbeitsprozess ein (Gubener Zeitung,

3.2.1943).

1942 galt als das „Jahr der Ostarbeiter“, da Anfang 1942 die ersten Russen in unserem

Regierungsbezirk Frankfurt an der Oder eingesetzt wurden. Hitler und Göring hatten sich

Ende 1941 für den „Russeneinsatz“ in der deutschen Kriegswirtschaft entschieden unter

„partieller Zurücksetzung ideologischer und sicherheitspolitischen Bedenken“ (vergl.

Fremdarbeiter in Brandenburg in der NS-Zeit, 1996, S. 11)

Der Ausländereinsatz im Arbeitsamtsbereich Guben (Juli 1943) betrug 6.497 Personen (4.577

Männer, 1.920 Frauen), darunter 1.718 Ostarbeiter. Den größten Anteil hatte Rheinmetall-

Borsig mit 623 Ostarbeitern, 423 Polen, 450 Italienern, 399 Franzosen, 98 Holländer und

weiteren Fremdarbeitern (Stand 1944).

In einem Merkblatt des Generalbevollmächtigten Fritz Sauckel wird angewiesen: „Beim

Einsatz im Betrieb sind die Ostarbeiter grundsätzlich von den Deutschen und ausländischen

Arbeitern sowie von den Kriegsgefangenen getrennt, d. h. nur in geschlossenen Kolonnen

einzusetzen.“ Sie erhielten nur einen geringen Barlohn.

Nicht zu übersehen waren im Gubener Stadtbild die von Soldaten bewachten abgehärmten

Gestalten mit dem blauen Kennzeichen „OST“, die an den Straßenrändern ausgeschüttete

Zigarettenkippen aufsammelten, woran sich der Verfasser aus seiner Kindheit erinnert

(Kaltenborner Straße, Richtung Schlagsdorfer Weg, Borsig Baracken).

Wie Statistiken belegen, arbeiteten knapp 427.000 zivile und kriegsgefangene Ausländer

(ohne ausländische KZ-Häftlinge) in der brandenburgischen Wirtschaft (Stand Februar 1944),

davon über 60 Prozent in der Landwirtschaft (siehe auch RUNDSCHAU vom 13.1.1993,

Bericht aus Kanig, Kr. Guben).

Rigoros vorgegangen wurde bei Übertretungen der entsprechenden Anordnungen. Im Himmler-Erlass über Zivilarbeiter polnischen

Volkstums heißt es: „Wer mit einer deutschen Frau oder einem deutschen Mann geschlechtlich verkehrt, wird mit dem Tode bestraft.“

134


Deutschen Frauen drohte Haftstrafe, auch öffentliches Abschneiden der Haare war üblich

(wie der Verf. auf einem Platz in Ostpreußen bei einem Besuch erlebte). Das Amtsgericht

Guben verurteilte 1943 eine Bewohnerin aus Fürstenberg/Oder wegen „verbotenen Umgangs

mit Kriegsgefangenen“ zu 500 RM Geldstrafe bzw. 50 Tagen Gefängnis.

Im Dezember 1944 wurden im Borsig-Gelände 21 Zivilgefangene erschossen, vermutlich

wegen ihrer Haltung zur heranrückenden Front. Nach 1945 wurde am Waldrand zwischen

Kaltenborn und Schlagsdorf ein Denkmal errichtet. Die Umbettung der Toten zum heutigen

Platz des Gedenkens erfolgte 1974, wo auch gefallene sowjetische Soldaten und neun

russische Kinder ruhen (Namen im Stadtarchiv). Die Gräber von 72 polnischen

Kriegsgefangenen/Zwangsarbeitern von 1939/40 finden sich auf dem Friedhof in der

Altsprucke.

Ob sich heute von den noch überlebenden 750.000 Zwangsarbeitern auch einige aus dem

Raum Guben befinden, für die die vom Bundestag beschlossene Entschädigung gilt, ist bis

heute nach 55 Jahren nicht bekannt.

So kommentierte die Presse

Quelle: Lausitzer Rundschau, 22. April 2000, Gerhard Gunia

Verhalten gegen polnische Kriegsgefangene

Zu Hunderttausenden werden politische Kriegsgefangene in Deutschland bei verschiedenen

Arbeiten eingesetzt und treten so in nähere Berührung mit der Bevölkerung. Leider muß

festgestellt werden, daß ein Teil der Bevölkerung offenbar sich darüber nicht klar ist, daß ein

Feind immer Feind bleibt. Vergessen wir nicht, welche unsagbaren Leiden unseren

volksdeutschen Brüdern durch die Polen zugefügt wurden. Es entspricht nicht dem deutschen

Wesen, in so kurzer Zeit zu vergessen, was unsere Landsleute drüben erlitten haben.

Auch jetzt heißt es, die Augen offen halten und die Gefahren abwehren, die durch diese

Kriegsgefangenen unserem Lande gebracht werden können. Es ist polizeilich verboten, mit

Gefangenen in Verkehr zu treten und zu versuchen, sich mit ihnen durch Worte oder Zeichen

zu verständigen. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafen bis zu 150 RM oder bis zu

14 Tagen Haft bestraft. Wahrt auch den polnischen Kriegsgefangenen gegenüber eure Würde

als Deutsche! Es ist undeutsch, den Gefangenen Nahrungsmittel oder Rauchwaren

zuzustecken, sie werden in den Gefangenenlagern und auf den Arbeitsstätten besser

verpflegt, als wohl die meisten von ihnen in Polen früher. Laßt euch nicht verleiten, aus

falschem Mitleid von den Gefangenen einen Brief oder sonstige Mitteilungen zur

Weiterbeförderung anzunehmen.

Verbotener Umgang mit Kriegsgefangenen

135

Quelle: Gubener Zeitung, 29. Febr. 1940

Cottbus. Trotz aller Warnungen und Hinweise hat sich der 30jährige Hermann Simmack aus

Siewisch, Kreis Calau, dazu hergegeben, für polnische Kriegsgefangene, und dazu noch für

einen polnischen Juden, Post zu befördern.


Nur weil der Angeklagte die Tat als Torheit, nicht aus bösem Willen begangen hatte, wurde er

nicht zu Zuchthaus verurteilt. Das Amtsgericht am Sitze des früheren Schöffengerichts

Cottbus verurteilte Simmack zu fünf Monaten Gefängnis.

Quelle: Gubener Zeitung, 11.April 1940

Polnische Mädchen in deutschen Familien

Haltung und Abstand – Erwünschte Hilfe, aber vermehrte Verantwortung

-Auszüge-

Außer männlichen Arbeitskräften polnischer Nationalität werden seit längerer Zeit auch

polnische Mädchen in bäuerlichen Haushaltungen und in ganz geringer Zahl in

Gewerbebetrieben beschäftigt, wobei sie teilweise Haushaltsarbeiten mit verrichten.

.... Genaue Bestimmungen regeln den äußeren Verkehr mit diesen Polen beiderlei Geschlechts.

.... Wir dürfen nicht vergessen, daß sie einem Volke angehören, das vor reichlich einem Jahre

60000 deutsche Menschen über einen bitteren Leidensweg in einen grausamen Tod hetzte.

Und die Tatsache, daß dieses gleiche Volk durch 20 Jahre hindurch deutschen Boden

verkommen, deutsche Straßen, Kanäle, Industrieanlagen in einem widerrechtlich

angeeigneten Land verrotten ließ. Weist ihnen von vornherein ihre Stellung als Dienende in

einem Führungsvolk zu, das jederzeit bereit sein wird, sie menschlich und gerecht zu

behandeln, aber niemals als gleichberechtigt anzuerkennen.

.... Die Polin hat nicht dieselbe Stellung wie deutsches Gesinde, das „Kind im Haus“ zu sein

vermag, das aus gleichem Blute, gleicher Gesinnung und gleicher Ehre kommt.

.... Eine Polin im Haushalt zu haben, soll kein Idealzustand sein. Ihre Anwesenheit und Hilfe

bedeutet einen vorübergehenden Ausweg in einer Zeit, in der die Kräfte des deutschen Volkes

bis zum äußersten angespannt sind, um die ihm gebührende Freiheit zu erkämpfen und ihm

den Lebensraum zu schaffen, den es zu seiner gesunden Fortentwicklung braucht...

Das Borsig-Lager in der Stadt

136

Quelle: Gubener Zeitung, 22. Nov.1940

Von Zwangsarbeitern und Gesten der Solidarität / Guben im Zweiten Weltkrieg

GUBEN. Die Neuordnung Europas unter deutscher Vorherrschaft war das politische Ziel der

NS-Führung unter Hitler und Himmler. Dabei war jedes Mittel recht.

Die heute 70-jährigen Gubener waren im Jahre 1939 gerade zehn Jahre alt, als sie feierlich in das Jungvolk aufgenommen wurden (Gubener

Zeitung, 21. April 1939). Sie trugen für das damalige Geschehen keine Verantwortung mehr, müssen aber wissen, was ihre Eltern

möglicherweise getan haben.

Deportation und Vernichtung

Zu den schwerwiegenden Folgen des Krieges gegen Polen gehörten die außerordentlichen Maßnahmen von der Deportation bis zur

physischen Vernichtung, vor allem des polnischen Judentums. 1939 lebten dort drei Millionen.


Daran waren viele beteiligt: Verwaltungsbeamte und Polizisten, Wehrmachtssoldaten und

Wirtschaftsunternehmen, obwohl man später seinen Anteil leugnete oder verkleinerte. Das

liegt nun 60 Jahre zurück und auch in Guben sind die meisten der Beteiligten nicht mehr am

Leben.

Von 1939 bis Anfang 1945 gab es in Guben Lager und abgegrenzte Bereiche für

Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die in der örtlichen Industrie, in der Landwirtschaft und

im Handwerk eingesetzt wurden. Am größten war das Lager des Rüstungsbetriebes

Rheinmetall-Borsig im südlichen Stadtgebiet, das nach 1945 demontiert und später Gelände

des CFG wurde.

Errichtet 1940, standen hier Holzbaracken für 2.000 Beschäftigte, Küche, Speiseraum und Waschanlagen. Zu diesem Zeitpunkt wurden die

polnischen Kriegsgefangenen als Zivilarbeiter umfunktioniert (Himmler-Erlasse). Auf der Kleidung mussten sie ein auf die Spitze gestelltes

farbiges Quadrat mit dem Kennzeichen „P“ tragen.

Die Anlage heimlich fotografiert

Weiterhin gab es das Gemeinschaftslager Am Anger (heute Gubin, ul. Slaska) mit sieben Wohnbaracken für Franzosen und Italiener,

beschäftigt in der Tuchfabrik Lehmann, Alte Poststraße. Werner Beutke, aufgewachsen in der Pförtener Straße, besitzt ein Foto dieser

Anlage, heimlich aufgenommen vom Bodenfenster seines Wohnhauses. Soweit nicht privat untergebracht, wurden leere Fabrikräume,

Turnhallen (Kometplatz) und Behelfsbauten zusätzlich für Ausländer genutzt.

Gesten der Solidarität blieben nicht aus. Der Verfasser dieses Beitrages, aufgewachsen in der

Kaltenborner Straße, sah des Öfteren, wie die Mitbewohnerin Frau L. Zigarettenstummel in

den Rinnstein schüttete, die die bewachten „Ostarbeiter“ aus dem Borsig-Lager auflesen

konnten.

Werner Möhring aus der gleichen Straße erzählt von der Aufnahme der Polen Wittek aus Warschau und Kasimir aus Lublin, die mit

Mittagessen versorgt wurden. Auch erhielten sie Besuch von ihren Landsleuten.

… obwohl es verboten war

Andere Gubener berichten, dass auf den Dörfern häufig Polen mit am Tisch sitzen durften,

obwohl das ausdrücklich verboten war.

Es waren ganz normale Männer

Quelle: Auszüge Lausitzer Rundschau, 11. Sept. 1999, Gerhard Gunia

Der Alltag brachte bitteres Leid / Die Tragödie im Osten /

Guben im Zweiten Weltkrieg

Stabile Versorgung mit Lebensmitteln

Halten konnten sich für die Deutschen die stabile Grundversorgung mit Lebensmitteln vor

allem infolge ständiger Importe aus den besetzten Ländern (Dänemark, Holland, Frankreich,

Südosteuropa, Ukraine).

137


Weit unter dem Standard lagen die Zwangsarbeiter und vor allem die sowjetischen

Kriegsgefangenen, von denen die ersten 4.000 (von insgesamt 80.000) im November 1941 in

Brandenburg eintrafen, konzentriert in den Stammlagern (Stalags) III A Luckenwalde

und III B Fürstenberg/Oder.

Quelle: Lausitzer Rundschau, 16. Okt. 1999, Materna/Ribbe, Brandenburg, Gesch., Berlin

1995

Konzentrationslager – bedeutet Völkermord

Auch Bürger sorbischer Nationalität blieben vom NS-Terror

nicht verschont

Der antifaschistische Widerstand von Bürgern sorbischer Nationalität war zugleich ein Kampf

um das Lebensrecht ihrer nationalen Kultur, ihrer Muttersprache, gegen die faschistische

Rassentheorie. Entsprechend den Vorstellungen des Faschismus sollten auch Sorben in einem

osteuropäischen Ghetto angesiedelt werden und unter der strengen, konsequenten und

gerechten Leitung des deutschen Volkes „berufen“ sein, an dessen ewigen Kulturtaten und

Bauwerken mitzuarbeiten und diese, was die Menge der groben Arbeiten anbelangt, vielleicht

erst ermöglichen.

So schlußfolgerte schon bei der 1939 durchgeführten Volkszählung die Gestapo in

ihrem Bericht, bei der auch Angaben über die Muttersprache gefordert wurden:

„... allein der Entscheid für die wendische Sprache trägt bereits politischen Charakter.“

Es wird daher verständlich, daß die Gestapo alle Regungen sorbischen Nationalbewußtseins

brutal verfolgte. So wurde z.B. Pawlina Krawcowa, eine anerkannte sorbische Volkskünstlerin

aus Kolkwitz bei Cottbus, in ein Konzentrationslager gebracht, weil sie Puppen in

sorbischer Tracht und kunstvolle Stickereien angefertigt und in verschiedenen Ausstellungen

gezeigt hatte.

Pawlina Krawcowa erlag am 19. September 1941 den ihr im KZ zugefügten Mißhandlungen.

Sie war nicht die einzige.

Das tragische Schicksal der Juden

Quelle: Heimatmuseum Guben, Namenlose Helden gab es nicht

Hunger und Krankheiten dezimierten ihre Zahl im Winter 1941/42. Schätzungen sprechen

von 40.000 in diesen Lagern Umgekommenen…so in Fürstenberg, wo 4109 sowjetische

Kriegsgefangene beigesetzt wurden.

Quelle: Lausitzer Rundschau, 16. Okt. 1999, Materna/Ribbe, Brandenburg, Gesch., Berlin

1995

138


Flucht oder Tod

Wer von den Gubener Juden das politische Geschehen im Reich und in der Neißestadt

aufmerksam verfolgte, verstand die „Zeichen der Zeit“ und verließ rechtzeitig Deutschland -

dazu brauchte man jedoch Geld. Mindestens 37 Juden konnten mit ihren Familien aus

Deutschland fliehen.

Von den bereits erwähnten Gubener Mitbürgern waren dies unter anderem:

- Dr. Alfred Glücksmann emigrierte nach Palästina.

- Heinz Engel, Sohn des Fabrikanten Arthur Engel, verheiratet mit Eva Cohn-

Knothe, floh mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter in die

Südafrikanische Union.

- Ludwig und Emanuel Meyer gelangten bereits 1933 nach England.

- Rechtsanwalt Dr. Fritz Salomon floh im April 1938 nach England.

- Dr. jur. Alexander Lewin floh noch 1939 nach Portugal, wo er verarmt

gestorben sein soll.

- Julius Cohn ging nach Paris.

- Dr. med. Paul Cohn verlor Praxis und Wohnung. Ihm gelang die Flucht nach

Palästina.

- Dr. Alfred Lichtwitz reiste noch 1939 nach Israel - verstarb 1964 in

Frankfurt/Main.

- Die Rechtsanwälte Theodor Warschauer und Richard Unger verließen noch

vor 1936 die Heimat.

- William Reißner überlebte in Guben.

- Rechtsanwalt Walter Hesse gelang die Flucht nach Brasilien.

Ein hartes Schicksal hatte Kantor und Religionslehrer Dr. Julius Voss. Er bereitete gerade

seine Übersiedelung nach Münster vor, als die Pogromnacht dazwischen kam. Mit anderen

Juden wurde er verhaftet und ins KZ Sachsenhausen verbracht. Da er glaubhaft nachweisen

konnte, nach Shanghai auszuwandern, kam er noch 1938 frei und kehrte nach Guben zurück.

Scheinbar reichte jetzt das Geld nicht für die Ausreise – 1939 siedelte er nach Münster um.

Vermutlich auf Weisung der Gestapo zog die Familie nach Bielefeld. Am 2. März 1943

wurde sie nach Auschwitz verbracht. Dr. Voss starb am 2. Januar 1944 im Alter von nur

38 Jahren.

Ein ähnliches Schicksal hatte auch Martin Rosenthal. Er floh mit seiner Ehefrau Ellen nach

Amsterdam und baute sich dort eine neue Existent auf. Jedoch während der deutschen

Besatzungszeit wurden beide nach Auschwitz verbracht. Die Tochter mit ihrem Ehemann

Dr. Haas und ihre beiden Kinder konnten sich nach England retten.

Das Gubener Einwohnerbuch von 1939 wies gesondert noch die Namen der 60 in der

Neißestadt verbliebenen jüdischen Einwohner aus.

Darunter waren 3 Ärzte, 16 Kaufleute, 2 Fabrikanten, 4 Schneider und 6 Witwen.

Was geschah mit ihnen?

139


- Dr. med. Ernst Kaplan musste noch den gelben Stern tragen, kam am

4. Dezember 1939 in „Schutzhaft“, wurde im November 1941 als Arzt

„dienstverpflichtet“ und starb Anfang Dezember 1941 im Wilke-Stift, betreut

von Dr.Ayrer.

- Rechtsanwalt Gustav Marcus, der viele Jahre als Stadtrat gearbeitet hatte,

wurde 86jährig Mitte 1938 in Vernichtungslager im Osten gebracht.

- Fabrikbesitzer Arthur Engel mit Frau kamen in Theresienstadt ums Leben.

- 1939/40 erfolgte die Deportation eines Teils der Gubener Juden in die Ghettos

polnischer Städte.

- Der Abtransport der übrigen (Schlagsdorfer Weg) nach Theresienstadt erfolgte

1942.

- Das Schicksal des Fotografen Herbert Rosenthal, seiner Ehefrau und den Kindern

ist weitgehend unbekannt. Die Tochter überlebte die Zeit des Nationalsozialismus.

Erinnert sei auch an die dreihundert ungarischen Jüdinnen, die ab 1944 bei der Lorenz AG

Guben Zwangsarbeit leisten mussten.

Ab 29. Oktober 1946 gab es in Guben lediglich 2 Jüdinnen – keine jüdische Gemeinde mehr.

Quellen: „Nachbar von einst“, Andreas Peter –

Ausstellungskatalog 1999

„Wegweiser durch das jüdische Brandenburg“ –

Irene Dickmann und Julius H. Schoeps; Edition

Hentrich 1995

Gubener Heimatkalender 1998

Gubener Zeitung

Dietlinde Schulz, Karsten Schneider;

wissenschaftlich-praktische Arbeit / Projektarbeit,

EOS „Pestalozzi“ Guben 1989/90

Zum Gedenktag ehemalige Häftlinge eingeladen

Museum der Gedenkstätte erinnert an das KZ-Nebenlager Lieberose

LIEBEROSE. Nur selten verirrt sich ein Lieberoser in das kleine Museum jenseits der

Hauptstraße von Lieberose nach Jamlitz. Die Besucher kommen zum Teil von weit her.

Was sie sehen, geht den meisten nahe.

Peter Kotzan, Leiter des Museums der Gedenkstätte, erinnert sich noch an Joseph Fellner,

einen ehemaligen Häftling aus Ungarn. Der hatte Tränen in den Augen, als er vor dem

schwarzweißen Foto mit den vielen Skeletten stand. „Welcher ist mein Bruder?“, fragte der

Mann verzweifelt. Sein Bruder, erzählt Kotzan, war unter den über 1.000 Häftlingen, die im

Februar 1945 im Lager Lieberose bei dessen Auflösung von der SS erschossen wurden. Etwa

2.000 Häftlinge mussten im Februar zum Hauptlager nach Sachsenhausen marschieren.

140


In Arbeitsgemeinschaften beschäftigten sich zunächst Schüler der Polytechnischen

Oberschule Lieberose unter der Leitung des Geschichtslehrers Roland Richter mit dieser

düsteren Geschichte.

Ausstellungsgegenstände. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft aus den neunten und

zehnten Klassen bastelten Brotkanten, Margarine-Stückchen und Wurstscheiben in der

Originalgröße der Essenrationen aus Gips, damit sich jeder vorstellen kann, wie wenig die

Häftlinge zu essen hatten, erklärt Kotzan. Eine Meßlatte aus hellem Holz hat er selbst gebaut.

Immer wieder hatten ihn Kinder gefragt, wie diese Latte in der Genickschussanlage des KZ

Sachsenhausen aussah, an der der SS-Mann Otto Wilhelm Böhm eine medizinische

Untersuchung vortäuschend die nichts ahnenden jüdischen Häftlinge aus Lieberose nach dem

Evakuierungsmarsch von hinten mit einem Genickschuss umbrachte.

Modelle der Baracken, des Appellplatzes und anderer Gebäude wie der Küche stehen auf

einer Holzplatte im Ausstellungsraum und geben eine Vorstellung von dem Lager, das einst in

der Nähe des Lieberoser Bahnhofs für Häftlinge errichtet wurde, mit dem Ziel, einen

Truppenübungsplatz für die Waffen-SS zu bauen. Von dem Lager ist heute nichts mehr übrig

geblieben. Wohnhäuser stehen über dem Keller der alten Küche, der Rest wurde abgerissen,

erzählt Kotzan. Nur eine Gedenktafel an der Stelle des Lagereingangs und der Lagerstein

erinnern an die Schreckensherrschaft der Nazis.

Quelle: Auszüge Lausitzer Rundschau, 11. August 1999, Daniela Aue

141


Widerstand gegen den

Nationalsozialismus

142


Die Erkenntnis vieler Kommunisten und Sozialdemokraten sowie deren Anhänger

führte zu einem verstärkten

Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Der Kampf gegen den Faschismus in den Jahren 1933 bis 1945 richtete sich gegen

Imperialismus und Krieg sowie gegen die vom reaktionärsten Teil des deutschen

Finanzkapitals geförderte Partei, der NSDAP.

Kommunisten, Sozialdemokraten und andere Hitlergegner führten einen opferreichen

Widerstand und Kampf gegen die Nazidiktatur.

Bei den ersten Verhaftungswellen waren vor allem Mitglieder der KPD die Opfer.

Sozialdemokraten und Gewerkschaftsführer hatten anfangs die Illusion von den Nazis

verschont zu bleiben, wenn von der „Ausrottung des Marxismus“ die Rede war.

Aber die Faschisten machten sehr rasch klar, daß die gesamte revolutionäre

Arbeiterbewegung zerschlagen und alle demokratischen Rechte vernichtet werden sollten.

So wurden nach dem Reichstagsbrand auch in Guben von den SA- und Polizeitrupps

Hausdurchsuchungen und Verhaftungen durchgeführt, die jüdischen Warenhäuser Karzentra

und Wolf Krimmer, das Konfektionshaus Hermann Meier und die Bata-Filiale besetzt.

Von den SA-Horden wurde auch das Gubener Gewerkschaftshaus gestürmt, die

Gewerkschaftskasse geplündert, alle Akten und die roten Fahnen der Arbeiterklasse sowie die

Fahnen mit den Staatsfarben der Weimarer Republik öffentlich verbrannt.

Die kommunistischen Abgeordneten Albert Garke, Gustav Hamann, Paul Billig u.a. wurden

verhaftet.

Blutiger Terror leitete eine Unterdrückungskampagne ein, die jede antifaschistische

Opposition ersticken sollte. Redefreiheit, Streikrecht u. a. Formen des Widerstandes

gegen den Faschismus wurde unter Strafe gestellt.

Quelle: Namenlose Helden – gab es nicht Teil 1

Einschleusen illegaler M ����������������������������������

Senders Moskau.

„Lagebericht“ des Regierungspräsidenten in Frankfurt/Oder vom

2. Februar 1936 (Auszüge)

Stand und Tätigkeit der staatsfeindlichen Bestrebungen

KPD und SPD

In der Berichtszeit gelang der Staatspolizeistelle ein erheblicher Einbruch in die immer noch

bestehenden und sich auch nach ihrer Zerschlagung stets wieder neubildenden illegalen

marxistischen Organisationen. Nachdem schon in der letzten Zeit eine verstärkte

kommunistische Tätigkeit durch den Vertrieb von Hetzblättern, besonders in Forst i/L.,

beobachtet wurde, konnte durch überraschenden Zugriff am 6. Januar 1936 ein gut

organisierter und zahlenmäßig überraschend starker KPD-Apparat in Forst und Umgebung

zerschlagen werden. Die Zahl der Festgenommenen aus Forst, Eulo, Peine, Triebel,

Cottbus usw. beträgt zur Zeit 34 Personen. Weitere Festnahmen stehen bevor.

143


Die Führer dieser illegalen Organisation unterhielten sowohl mit der zuständigen

Bezirksleitung in Berlin als auch mit den Kurierabfertigungsstellen in der

Tschechoslowakei Verbindungen.

Der Leitung oblag die Aufrechterhaltung der zur illegalen Arbeit erforderlichen

Verbindungen, die Festlegung der „Treffs“ und die Heranschaffung des illegalen Materials.

[…]

Wie stark die Organisation in Forst und Umgebung war, beweist die Tatsache, dass der

„Literaturobmann“ nachweislich monatlich einkassierte Beträge von 30,- bis 50,- M abführen

konnte, wobei zu berücksichtigen ist, dass für den Verkauf der illegalen Druckschriften Preise

von nur 10-20 Rpf. gefordert wurden. Es dürften demnach 200-300 Druckschriften monatlich

zur Verteilung gebracht worden sein. Weiter wurde festgestellt, dass sich die illegale Tätigkeit

nicht in der Verbreitung von Druckschriften erschöpfe. So wurden systematisch Sammlungen

für Gefangene in Betrieben abgehalten, die es ermöglichten, dass die Familienangehörigen der

politischen Gefangenen mit Unterstützungen bis zu 5,- M in der Woche bedacht werden

konnten. […]

Auch sonst sind überall Anzeichen verstärkter kommunistischer Aktivität vorhanden. So

wurden in der Neujahrsnacht gleichzeitig nach offenbar vorheriger Verabredung rote

Sowjetsterne mit der Aufschrift „Kommunismus die einzige Rettung“ in den

verschiedensten Städten (Küstrin, Neudamm, Bärwalde, Sonnenburg, Soldin) ausgestreut.

Nach wie vor macht sich auch der zersetzende Einfluss der bei Autobahnen und in

Aufbaulagern beschäftigten Berliner Arbeiter bemerkbar.

Ferner hat die Staatspolizeistelle Kenntnis von verschiedenen Hörgemeinschaften, in denen

frühere Marxisten bis spät in die Nacht hinein den Moskauer Sender hören, erhalten. Auch

hier ist mit Festnahmen in nächster Zeit zu rechnen. […]

Quelle: Staatsarchiv Potsdam, Pr. Br. Rep: 1 Nr. 1691, Bl. 89-90;

„Die Rote Fahne“ Antifaschistischer Widerstandkampf in

der Provinz Brandenburg 1933-1939 Teil 2

Der illegale Widerstandskampf erstreckte sich nicht nur auf die Parteiorganisationen

sondern auch auf Straßen und in Fabriken

Die faschistische Diktatur und der Widerstandskampf der

Arbeiterklasse

-Auszug-

...Auf Initiative der KPD kam es in der Zeit des Faschismus sogar zu jährlichen illegalen

Maifeiern der Gubener Arbeiter. Diese Maifeiern wurden in Gruppen von fünf bis fünfzehn

Genossen und Symphatisierenden in Wohnungen, Laubengrundstücken, in den Bergen und

Wäldern bei Schlagsdorf und Schenkendöbern durchgeführt. Die Übertragung der Moskauer

Maiparade und –demonstration über Radio Moskau, die oft in Gruppen unter

Verhaftungsgefahr abgehört wurden, gab den kämpfenden Antifaschisten immer wieder

neue Kraft im schweren Kampf gegen Faschismus und Krieg...

Quelle: Auf Straßen und in Fabriken, Autor: Horst Reschke, Seite 162/164

*

144


-Auszug-

...Der Verrat der rechten SPD- und Gewerkschaftsführer an der Herstellung der

Aktionseinheit der Arbeiterklasse hatte zum Sieg des Faschismus in Deutschland geführt. Die

rechten Führer zogen aber daraus keine Schlußfolgerungen, sondern behinderten

gleichermaßen die Schaffung der Einheitsfront der Arbeiterklasse und einer breiten

Volksfront aller Hitlergegner in der Periode von 1933 bis 1939. Darum war es den deutschen

Antifaschisten auch trotz aufopferungsvollem Kampf nicht möglich, die Hitlerfaschisten und

das deutsche Monopolkapital daran zu hindern, das deutsche Volk und die Völker der

Welt in den zweiten imperialistischen Weltkrieg hineinzustürzen...

Widerstandskämpfer

145

Seite: 165

Die Kommunisten und Antifaschisten wie Richard Sander, Paul Billig, Willi Schmidt, Bertha

Hornick, Paul Schmidt u.a. kämpften schon seit frühester Jugend gegen den Faschismus.

Auf Versammlungen, Demonstrationen, Flugblättern, Plakaten und Losungen an den Häuserwänden

warnten sie:

„Hitler, das ist der Krieg!“

„Der Faschismus ist der Totengräber der Nation!“

Auch in Guben wurde die Sammlung der Parteikräfte zielstrebig betrieben und ab Juni 1933

eine relativ stabile Organisationsstruktur erreicht. Dieses Datum deckte sich mit der Haftentlassung

des ehemaligen kommunistischen Stadtverordneten der Stadt Guben, Fritz Schulze.

Er war maßgeblich mit dem Genossen Gustav Hamann für den Aufbau und die Führung der

illegalen Parteiorganisation verantwortlich. Zur engeren Leitung, dem so genannten Dreierkopf

gehörten neben Fritz Schulze und Gustav Hamann ab 1935 auch der Genosse Paul Billig.

Zur erweiterten Leitung, dem so genannten Siebenerkopf, gehörten die Genossen Fritz Straße,

Ernst Görze, Richard Pöthke und Paul Schneider.

Ihre Aufgabe sahen die Genossen darin, illegale Betriebs- und Straßenzellen der KPD

aufzubauen, um engste Verbindung zur Arbeiterschaft und zu anderen Teilen der

Bevölkerung zu erhalten. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges entstanden solche

illegalen Parteizellen in der Eisengießerei Alfred Donath, in der Hutfabrik Stammhaus, vorm.

A. Cohn, in der Berlin-Gubener Hutfabrik, in der Hutfabrik C. G. Wilke, in der Tuchfabrik

Lehmann und Richter, bei Rheinmetall-Borsig und auf dem Gubener Flugplatz. Illegal

arbeitende Straßenzellen der Partei befanden sich in der Trift-, Bösitzer- und Pförtener Straße

sowie in den Ortsteilen Einbecke und Sprucke.

In Guben war noch im Jahre 1936 in einem Keller des Grundstückes Schwarz in der

Lindenstraße eine illegale Druckerei eingerichtet. In all diesen Fällen bewiesen die Genossen

Einfallsreichtum, Schöpferkraft und Mut. Im wesentlichen lebte der antifaschistische Widerstandskampf

durch die Gruppe. Allein die Herstellung eines Flugblattes unter illegalen

Bedingungen konnte nicht die Aktion eines einzelnen sein.


Die Kommunisten standen unter Polizeikontrolle und ihre Wohnungen wurden überwacht.

Viele kamen in ein Konzentrationslager; doch selbst da setzten sie all ihre Kraft ein, um den

Faschismus zu zerschlagen.

Z.B. nutzte Richard Sander seine Funktion als Wachhabender des Tivo-Lagers, in das er von

den Nazi’s strafversetzt wurde, um eine illegale Gruppe zu decken. Er sorgte mit

dafür, dass wichtiges Baumaterial, als Nachschub für die Front, vernichtet wurde.

Der Gubener Paul Schmidt gehörte zu den Mitbegründern der KPD in der Lausitz. Wegen

seiner politischen Tätigkeit wurde er in Haft genommen. Entlassen, wurde er unter Polizeiaufsicht

gestellt. Bis 1938 musste er sich viermal in der Woche auf der Polizeiwache melden.

Wegen der ständigen Beleidigungen und Morddrohungen musste er Guben verlassen. Damit

hatte sich Paul Schmidt zwar der unmittelbaren Bedrohung durch die Gubener SA-Männer

entzogen, nicht aber der Bewachung durch die Faschisten. Er bekam ein Zimmer im Hause

eines Mitarbeiters der NSDAP-Kreisleitung zugewiesen. Dieser überwachte Paul Schmidt und

erstattete Bericht über dessen Gewohnheiten. Trotzdem stellte er Kontakt zu einer illegalen

Parteigruppe in Berlin-Lichtenberg her.

Bertha Hornick, seit 1907 Mitglied der SPD, setzte sich nach dem Vorbild von Clara Zetkin

vor allem für die Gleichberechtigung der Frau ein.

Willi Schmidt, Widerstandskämpfer gegen die Naziherrschaft. 1936 durch Verrat verhaftet

worden und gefoltert (man schlug ihm u.a. die Zähne aus). Genosse Schmidt wurde zu

7 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er war in mehreren Gefängnissen. Als die sieben Jahre herum

waren, wurde er nicht entlassen, sondern kam über das Polizeipräsidium Berlin nach Frankfurt/Oder

in die Hände der Gestapo, ins Polizeigefängnis.

Am 13.12.1943 starb Willi Schmidt wohl an den Folgen einer Infektionsspritze, die die

Gefangenen oft bekamen.

Paul Billig 1935 aus dem Zuchthaus entlassen. In Guben in den Dreierkopf der illegalen

KPD-Organisation aufgenommen. Er versuchte im Frühjahr 1936 mit ihm bekannten

Funktionären der KPD-Bezirksleitung Berlin-Brandenburg-Lausitz konspirativen Kontakt

aufzunehmen. Alle bekannten Adressen waren ausgefallen, die Kontaktaufnahme mit den

Berliner Genossen erwies sich als unmöglich. Durch den Kontaktausfall in Forst war man

gezwungen, selbständig Kontakt mit der Prager Emigrationsleitung der KPD aufzunehmen.

Am 13. Mai 1936 fuhren die Genossen Paul Billig und Gustav Hamann, als Touristen getarnt,

mit Fahrrädern in die Tschechoslowakei. Sie wurden aber auf tschechischer Seite ergriffen

und wieder nach Deutschland geschickt.

Quelle: Heimatmuseum „Namenlose Helden – gab es nicht“ (Teil 1 u. Teil 2)

146


-Auszug-

Die Internationale

Zeitschrift für Praxis und Theorie des Marxismus

Begründet von Rosa Luxemburg und Franz Mehring

Jahrgang 1938

Warum will Hitler den Krieg und nicht den Frieden?

von Wilhelm Pieck

„Hitler will den Krieg. Das muß in diesen Tagen und Wochen auch den Menschen klar

geworden sein, die sich noch immer von den gegenteiligen Beteuerungen Hitlers täuschen

ließen. Es ist einer der üblichen faschistischen Agitationstricks, wenn Hitler von sich

behauptet, dass er den Frieden will. Er will den Krieg, so schnell wie möglich.

Er sucht seit langem nach einem Anlaß seiner Auslösung, die ihm für die Erreichung seines

Zieles günstig zu sein scheint. Dazu gehört unter vielem anderen, dass es ihm gelingt, das

deutsche Volk über die Ursache des Krieges zu betrügen und es in den Glauben zu versetzen,

der Krieg sei zu seiner Verteidigung und Erhaltung unvermeidlich. Die ganze faschistische

Agitation im Lande ist auf diesen Betrug eingestellt. Da aber die Völker den Frieden und

nicht den Krieg wollen, keines der Völker Deutschland bedroht, so greift Hitler zu immer

frecheren Herausforderungen und Provokationen gegenüber den anderen Völkern, in Absicht,

damit den Anlaß zur Auslösung des Krieges zu schaffen.

Hitler handelt dabei im Auftrage des reaktionärsten Teiles der deutschen Bourgeoisie, die ihn

mit der Ausübung der faschistischen Diktatur betraute.“

Diese Einleitung des Genossen W. Pieck wurde geschrieben noch bevor die Ergebnisse der Münchener

Konferenz vorlagen. Die Ausführungen des Genossen Pieck werden aber durch das Resultat der Münchener

Konferenz völlig bestätigt.

Diese Konferenz brachte die Kapitulation der englischen und französischen Regierungen vor den faschistischen

Kriegsprovokateuren. Die Völker werden bald gezwungen sein, ihre Lehren daraus zu ziehen. DIE

REDAKTION

147

Quelle: zum 100. Geburtstag von Wilhelm Pieck

(ausgewählte Bilder und Dokumente)

Herausgeber: SED-Bezirksleitung,

03.01.1976


Nicht nur Arbeiter sondern auch hochrangige Wehrmachtsangehörige erkannten den Ernst

der Lage und so kam es zu einer

Begegnung mit der Villa Uferstraße 11

• Ein besonderer Bewohner der Villa war der Wehrmachtsoffizier Paul von Hase,

Standortältester der Gubener Garnison seit 1938, der hier zeitweilig sein

Domizil hatte, ehe er zum Stadtkommandanten von Berlin berufen wurde.

• Paul von Hase wurde später in Berlin, am 8. August 1944, zum Tode verurteilt.

Er war einer der Hitler-Attentäter bei der Operation Walküre.

148

Quelle: Gubener Heimatkalender 2/92, S. 37

Nicht nur auf Straßen und in Betrieben, sondern auch in anderen Berufszweigen

lebte der Widerstandskampf, wie z. B. auch im

Naemi-Wilke-Stift Guben

Dr. Ayrer – Ein Leben für das Stift

Große Verdienste hat sich Sanitätsrat Dr. Franz Ayrer, der seit 1896 im Naemi-Wilke-Stift als

Chefarzt wirkte, erworben.

Ein dunkler Tag war der 30.Mai 1940, an dem ein Teil der behinderten Kinder im

Rahmen des Euthanasieprogramms aus dem Stift abgeholt wurde.

Quelle: „Perle der Niederlausitz II“, Lutz Materne

Bis kurz vor der Evakuierung Gubens1945 hielt Dr. Ayrer noch unbeirrbar Sprechstunden ab

und ermunterte mit seinem Gleichmut seine Umgebung. Am 19.2.1945 verließ er Guben.

Auch in den schwersten Zeiten kümmerte er sich um erkrankte Menschen. Im Mai 1945

wurde seine Rückkehr nach Guben möglich. Dankbare Patienten nahmen ihn auf einem

Pferdewagen mit.

Er wohnte bis zum Tod in einem kleinen Zimmer in der Wilkestraße.

Als er befragt wurde, warum er nicht lieber versuche, in den Westen zu seinen Kindern zu

gelangen, entgegnete er:

„Ich habe einen Beruf, der für mich helfen heißt, und in Guben werde ich gebraucht“.

Er war der erste und einzige Arzt, der anfangs nach Guben zurückkam, und die Not war groß.

Nach 3 Tagen seiner Rückkehr begann er in der Bahnhofstraße 37 mit der Sprechstunde in

Guben.

Quelle: Schriftenreihe 20 Gubener Humanisten


Der Widerstand in der Bevölkerung gegen das Nazi-Regime war ungebrochen. Es

gab eine illegale Solidarität zu den Fremd- und Zwangsarbeitern.

Trotz allem

Nachdem durch den Ausrottungsfeldzug halb Europa in Schutt und Asche gelegt und bereits

Millionen Menschen seine Opfer geworden waren, kämpften noch immer Antifaschisten

gegen dieses barbarische System....

Oft genügte ein unbedachtes Wort beim Kaufmann, in der Straßenbahn, am Arbeitsplatz oder

auch im „Freundeskreis“ und die Gestapo holte ihre Opfer. Allein der Wille, ein Mensch zu

sein und Menschenrechte zu achten – ein grundlegender Wesenszug des antifaschistischen

Kampfes – genügte während des Krieges der Gestapo, um Menschen zu verhaften, zu foltern,

zu ermorden.

Trotz sich häufender Verhaftungen teilte auch weiterhin mancher deutsche und

sorbische Arbeiter sein ohnehin karges Stück Brot mit den hungernden „Fremdarbeitern“.

Unterstützung mit Lebensmitteln und Kleidungsstücken waren die am weitesten verbreiteten

Formen der Solidarität, die von deutschen und sorbischen Arbeitern gegenüber ausländischen

Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und politischen Häftlingen geübt wurde. Soweit diese in

ländlichen Gegenden arbeiteten, wurden sie in mehreren Fällen von der Esseneinnahme

am Tisch nicht ausgeschlossen, obwohl auch das von den Faschisten streng verboten

worden war.

Einwohner von Amtitz halfen Zwangsarbeitern

Quelle: Heimatmuseum „Namenlose Helden gab es nicht“

Mit großem Interesse habe ich als ehemaliger Einwohner von Amtitz Ihren Bericht „Damals

lagen oft Blumen auf den Gräbern“ gelesen. Als damals 13- und 14-jähriger kann ich die

Eindrücke des polnischen Überlebenden über das Kriegsgefangenenlager in Amtitz bei Guben

nur bestätigen. Als Zeitzeuge möchte ich noch folgendes ergänzen:

Der Aufbau des Lagers begann bereits nach der Mobilmachung am 28. Juni 1939. Als

Bewachung wurde ein Bataillon Landesschützen der Wehrmacht im Ort einquartiert, das

mehrheitlich aus Berliner Soldaten bestand, die bereits am I. Weltkrieg teilgenommen hatten.

Wenn es, wie der Autor aussagt, Misshandlungen und Schläge gegeben hat, so sind diese von

den Wehrmachtssoldaten vorgenommen worden. Die Bürger von Amtitz, die im Lager

beschäftigt waren, haben den Zwangsarbeitern mit Lebensmitteln geholfen, sofern sie dazu

Gelegenheit hatten. Wir Kinder warfen während der Herbsternte, Mohrrüben und auch Brot

über den Zaun, wenn ein uns bekannter Soldat Streife ging.

149


Trotz der strengen Verbote, die unter anderem den Umgang der deutschen Bevölkerung mit

den Zwangsarbeitern verhindert sollten, gab es viele Beispiele dafür, dass die Bevölkerung

versuchte, diese Verbote zu umgehen. So war es strengstens verboten, dass Zwangsarbeiter

beim Essen mit Deutschen am Tisch saßen. Aber unser Kriegsgefangener aß ständig mit uns.

Nur wenn ein Wachposten zur Kontrolle kam, hatten wir einen extra Tisch zu stehen. So

hielten es auch andere Familien.

Geschenke zu Weihnachten

Seit dem Sommer 1943 lebte der Nazifilmregisseur Veit Harlan mit seiner schwedischen

Ehefrau, der bekannten Schauspielerin Kristina Söderbaum, auf dem Schloss des Prinzen

Schöneich-Carolath in Amtitz. Frau Söderbaum hatte die Kriegsgefangenen zu Weihnachten

1943 in das Wohnzimmer ihres Schlosses eingeladen, sie beschert und mit ihnen

Weihnachtslieder gesungen. Dieses wurde natürlich bekannt. Nur weil sie Schwedin

war und einer der bekannten Nazigrößen sie schützte, blieb sie von Repressalien verschont.

Auch unser Bäcker und Kolonialwarenhändler unterlief diese Verbote, indem er den

Zwangsarbeitern Brot und Brennspiritus verkaufte. Polen, die beim Kauf dieser Güter

erwischt wurden, mussten mit ihrer Überführung in ein Konzentrationslager rechnen. Der

Amtitzer Helmut Dammasch wurde 1941 im KZ umgebracht, weil er mit einem

polnischen Mädchen Liebesbeziehungen unterhielt.

Quelle: Lausitzer Rundschau 24.12 99, Heinz Laßnack aus Lübben

150


Zeitzeugen

Lehrer Braun mit seinen Schülern unter anderem mit den Zeitzeugen

Herrn Henschel (links oben) sowie Herrn Hübner (rechts Mitte)

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Und plötzlich war alles ganz anders

Erinnerungen von Gisela Wieder

Ich bin am 24. August 1924 in Guben geboren. Zusammen mit meinen Eltern und zwei

Schwestern wohnten wir im Vorwerksweg 7, das ist am Ostfriedhof. Unser Haus ist leider bei

den Bombenangriffen 1945 ausgebrannt.

1932 wurde ich in die Hindenburgschule eingeschult. Nach dem Bau der Randsiedlung, ab

3. Klasse, kam ich in die Sandschule, und die letzten beiden Schuljahre ging ich in die

Stadtschule. 1939 kam ich aus der Schule und wurde eingesegnet.

Mein Vater arbeitete bei Schemel, einer Tuchfabrik, als Schmied und Schlosser. Gelegentlich

hat er auch den Chef chauffiert. Meine Mutter ging, bevor sie in der Hutfabrik arbeitete, sie

war in der Haarhutfabrik und auch bei C.G. Wilke angestellt, malern und Wäsche waschen.

Sie hatte richtig den Beruf eines Malers erlernt.

Meine Eltern konnten es sich nicht leisten, ihre drei Mädels einen Beruf erlernen zu lassen.

Und so musste ich, wie bereits meine ältere Schwester, sie hat bei Cohn’s gearbeitet, in die

Fabrik. Ich fing bei Schemel’s in der Geschirrmacherei an. Das war eine schwere Arbeit.

Verdient habe ich zwischen 7,00 und 8,00 RM pro Woche.

Ich war froh als das Jahr vorüber war, denn in der Fabrik habe ich mich nicht wohlgefühlt.

1940 habe ich mein freiwilliges Pflichtjahr absolviert. Dieses machte ich bei der Gärtnerei

Seelig. Die Gärtnerei befand sich im Hohlweg. Meine Arbeit bestand darin im Haushalt zu

helfen und Seelig’s zwei Kinder zu betreuen. Wenn noch Zeit war und „Not am Mann“ habe

ich in der Gärtnerei geholfen. Die Gärtnerei war auch bekannt für ihre Chrysanthemen-Zucht

und so musste ich oft Karton weise die Blumen verpacken, die nach Berlin und sogar ins

Ausland verschickt wurden. Die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht.

Von 1941 bis 1943 habe ich bei der Firma Loichen gearbeitet. Loichen’s hatten einen Obstund

Gemüsehandel. Dort konnte ich anfangen, weil die Tochter vom Gemüsehändler die beste

Freundin meiner Schwester war, und diese eine Arbeitskraft brauchten. Loichen’s haben

später, während meiner dortigen Arbeitszeit, einen Großhandel übernommen und ihr Geschäft

abgegeben. Ich wurde ebenfalls mit übernommen. Sie beschäftigten auch einen russischen

Zwangsarbeiter mit Namen Ignaz. Er war ein wundervoller Mensch, arbeitsam, höflich,

fleißig. Wenn die Loren voller Kohl am Bahnhof ankamen, mussten wir diesen immer in die

gemieteten Keller, die sich am Bahnhof befanden, werfen. Obwohl strengstens verboten,

wurde Ignaz von Loichen’s in die Familie mit einbezogen. Er hatte ein eigenes Zimmer und

saß bei den Mahlzeiten auch immer mit am Tisch. Loichen wurde später, im Beisein von Frau

und Tochter, von den Russen erschossen.

Zweimal konnte mich Herr Loichen vor dem Reichsarbeitsdienst „retten“. Beim dritten Mal,

half alles nichts, ich musste gehen. Das war im April 1943. Ich musste nach Siwisch, das war

bei Drebkau. So fuhr ich also mit dem Zug nach Drebkau und stand dann mit meinem

Köfferchen auf der Straße, heulte und heulte, und wusste nicht wohin. Endlich kam jemand,

den ich fragen konnte. Und so bin ich dann drei Kilometer quer durch den Wald nach Siwisch

gelaufen. Die anderen waren alle schon da, Mädchen aus Berlin „mit ihren großen

Schnauzen“ und aus Oberschlesien. Wir haben in einem großen schönen Gutshaus gewohnt,

das heute aber nicht mehr steht. Es wurde im Krieg durch eine Bombe zerstört.

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Wir mussten den Bauern auf dem Feld helfen, haben im Garten, in der Küche oder in der

Waschküche gearbeitet. Es wurde regelmäßig getauscht. Ich habe gerne in der Waschküche

gearbeitet. Verdient haben wir ungefähr 0,20 Reichsmark am Tag. Wenn Waschtag war,

wurde z.B. am Sonnabend immer die Wäsche eingeweicht, Sonntag oder Montag wurde sie in

großen Waschkesseln gekocht, auf dem Hof getrocknet und anschließend gebügelt.

Nach den sieben Monaten Arbeitsdienst ging es anschließend für sechs Monate zum

Kriegshilfsdienst. Diesmal verschlug es mich nach Finsterwalde, in die dortige

Schraubenfabrik. Ich habe heute wieder Kontakt zu einem Mädchen von damals. Sie war aus

Leipzig. Heute sind wir beide 80 Jahre alt.

In der Schraubenfabrik wurden u.a. Teile für U-Boote hergestellt. Unser Lohn betrug

0,30 Reichsmark. Hier arbeiteten auch sehr viele Italiener und Franzosen und auch Russen,

die waren Kriegsgefangene und wurden besonders streng bewacht. Die Italiener und die

Franzosen konnten sich freier bewegen. Einmal habe ich von einem der Franzosen, er hieß

Roger und war von Beruf Friseur, ein Briefchen bekommen, und wir haben uns heimlich

getroffen.

Zuerst haben wir am laufenden Band gearbeitet, später dann an einem Tisch. Mir gegenüber

hat ein Italiener gearbeitet. Der tat mir immer leid. Ich glaube er hatte Hunger. Wir haben

dann öfter heimlich Roggenbrötchen in seinen Schrank gelegt. Er hat sich vor uns jungen

Mädchen dann geschämt. Einer von den Aufsehern war auch aus Guben, der guckte dann

manchmal weg. Einmal kam der Italiener mit Glatze. Wahrscheinlich hat er irgendeinen

Blödsinn gemacht und als Strafe hat man ihm die Haare abgeschert. Für etwas zu Essen haben

die russischen Kriegsgefangenen uns aus Blech Ringe mit Monogramm gefertigt. Erwischen

durften wir uns nicht lassen, denn das wurde mit Gefängnis oder Zuchthaus geahndet. Von

Konzentrationslagern hatten wir keine Ahnung, das haben die alles heimlich gemacht. Aus

den sechs Monaten Kriegshilfsdienst wurde dann noch eine dreimonatige Verlängerung.

Dafür habe ich einen Ausweis erhalten, in dem meine Noten standen, übrigens bin ich überall

mit „sehr gut“ benotet worden. Dieser freiwilligen Verpflichtung haben wir auch deshalb

zugestimmt, weil wir junge Mädchen eigentlich nichts auszustehen hatten.

1944 kam ich dann nach Hause und ging sofort aufs Arbeitsamt. Ich wurde gleich wieder

verpflichtet und kam in die König-Werke. Dort wurden ebenfalls Teile für U-Boote

hergestellt.

Hier arbeitete ich bis zum 18. Februar 1945, bis zu dem Tage, als ich zusammen mit meiner

Mutter Guben verlassen musste. Tage zuvor wurden Mütter mit ihren Kleinkindern aus Guben

evakuiert.

Mein Vater hat mit meiner kleineren Schwester bereits ein paar Tage zuvor über Bergmann-

Borsig Guben verlassen. Wir sind dann mit meiner Mutter mit voll gepacktem Handwagen

und Kindersportwagen mit dem letzten Zug raus aus Guben. Wir saßen acht Tage auf einem

offenen Treck. Oft hat der Zug stundenlang auf freier Strecke gestanden, bis es dann

weiterging. Wir wussten nicht, wohin es ging. Gelandet sind wir schließlich in Potsdam. Man

hat uns in einer Schule untergebracht. Und dann in der Nacht der Fliegeralarm…

Wir sind dann schließlich wieder zur S-Bahn, weil wir irgendwie nach Wittenberg/Lutherstadt

wollten. Dort war nämlich schon ein Teil unserer Familie untergekommen. Nur mit

Rucksäcken bepackt, alles andere musste zurückbleiben, sind wir dann nach Wittenberg. Dort

war noch kein Krieg, und die Leute guckten uns ziemlich merkwürdig an, als wir so mit Sack

und Pack durch die Stadt gingen. Meine Schwester war schon vorher untergekommen und

hatte eine Wohnung gefunden. Insgesamt sieben Gubener Familien haben in dieser

Siedlungsstraße auf engstem Raum zusammengewohnt. Aber Angst hatten wir auch. Wir

fragten uns oft, was soll bloß werden, wenn der Russe kommt? Wir versteckten uns erst im

Keller und später dann auf dem Dachboden.

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Ich erinnere mich auch an das Jahr 1938. Das war ein schlimmes Jahr. Mein Schulweg führte

zwischen unserer Siedlung, die sich im Ostteil der Stadt befand und der Stadtschule, die im

Zentrum auf dem Marktplatz stand vorbei und war ziemlich weit. Wir mussten viele Straßen

überqueren, vorbei an den jüdischen Warenhäusern von Karstadt, Ladeburg und Meier. Am 9.

November 1938, an einem Schultag wie jeder andere auch, war plötzlich alles anders.

Sämtliche Schaufensterscheiben von den großen bekannten Warenhäusern waren

eingeschlagen, überall lagen Scherben herum. Viele Menschen auf den Straßen guckten

verängstigt. In der Herrenstraße standen vor dem dortigen Pelzgeschäft viele Passanten und

sahen wie die alten Leute gerade aus dem Laden geholt wurden. Da sagte meine Schwester zu

meiner Mutter: „Die Leute tun mir aber leid“. Das hörte ein hinter ihr stehender Mann und

meinte: „Euch müsste man gleich mit einsperren“. Da rannte meine Schwester, aus Angst

selbst verhaftet zu werden, so schnell sie konnte davon. Meine Mutter ist bis ins hohe Alter

damit nicht fertig geworden.

Jude Meier’s Tochter ist seit diesem Tag auch nicht mehr zur Schule gekommen.

Das alles war ganz furchtbar.

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Kindheitserinnerungen von Günter Schulz

Meine Lebensmaxime:

Wer die Vergangenheit nicht kennt, die Gegenwart nicht versteht, kann die Zukunft nicht

gestalten.

Ich wurde 1932 in Guben geboren. Meine Kindheit verlebte ich zusammen mit meinen Eltern

und den beiden Geschwistern in einem kleinen Häuschen in der Ostsiedlung, im Kirschenweg

15. (im heutigen Gubin)

Mein Vater war bei der Firma „Lißner“ (Hutfabrik) als Isolierer beschäftigt. Meine Mutter

kochte für ihn und uns Kinder immer das Mittagessen, welches sie dann zur Pausenzeit dem

Vater in den Betrieb brachte. Gegessen wurde auf dem Betriebshof.

Obwohl mein Vater infolge eines Unfalls nur noch ein Auge besaß, wurde er bereits zu

Kriegsbeginn eingezogen. Er kam an die Westfront. Zum Glück überlebte er den Zweiten

Weltkrieg unbeschadet.

Vor dem Krieg ging mein Vater, wie so viele andere Gubener auch, einem kulturellen Hobby

nach. Er war leidenschaftlicher Trommler im Gubener Spielmannszug. Aus diesem Grund

musste er auch Mitglied der SA werden.

Eingeschult wurde ich 1938 in die „Hindenburgschule“. Diese wurde zwei Jahre später

umfunktioniert und als Lazarett genutzt. Deshalb besuchte ich dann die „Sandschule“. Infolge

der Kriegswirren habe ich fast alle Schulen von Guben kennen gelernt u.a. die

„Klosterschule“, die „Osterbergschule“ und die „Pestalozzischule“.

Seit 1939 gab es Lebensmittelkarten z.B. für Brot, Brötchen, Zucker und Fett. Diese

Lebensmittel wurden bereits mit Kriegsbeginn rationiert. Aber wir brauchten deshalb nicht zu

hungern und wurden noch satt.

Ich kann mich noch erinnern, als es 1941 in Guben zu einem Flugzeugabsturz in der Nähe des

Ostfriedhofs kam. Als Kind glaubte ich, dass Deutschland nie und nimmer den Krieg

verlieren wird. Dieser Glaube wurde bei den Pimpfen und in der Schule fleißig genährt. Ab

dem zehnten Lebensjahr war es eine „freiwillige“ Pflicht, dem Jungvolk (Vorreiter der

Hitlerjugend) beizutreten. Eigentlich war ich stolz darauf ein Pimpf zu sein. Über die

„Punktekarte“ konnten meine Eltern die Uniform für Pimpfe, und das dazugehörige

Fahrtenmesser mit der Gravur „Blut und Ehre“ käuflich erwerben.

Ob reich oder arm - wir trugen alle die gleiche Uniform. Außerdem war ich froh, nicht mehr

diese lästigen Strickstrümpfe mit dem erforderlichen Leibchen, die langen Strumpfhaltern

und die kurzen Hosen tragen zu müssen. Eine Uniform war viel schicker!

Jeweils zu Wochenbeginn mussten wir auf dem Schulhof zum Appell antreten. Sämtliche

Klassen standen dann in „Reih und Glied“. Der Schultag begann oft mit dem Singen des

„Deutschlandliedes“. Dabei musste der rechte Arm schräg nach oben gehalten werden, zum

„Hitlergruß“. Beim singen der drei Strophen passierte es mir einmal, dass der Arm zu schwer

wurde und ich diesen einfach mal kurz auf die Schultern des Vordermannes legte. Mit

„Argusaugen“ wurde das von Lehrer Dorn beobachtet. Nach Beendigung des Appells bekam

ich meine Strafe: Fünf Hiebe mit dem Rohrstock auf die Hand.

So ca. alle sechs bis acht Wochen marschierten die Jungen geschlossen vom HJ-Heim

„Totila“ zu den kostenlosen Jugendfilmveranstaltungen in die Kammerlichtspiele bzw. ins

Ufa-Kino. Die Teilnahme war Pflicht.

Mit Beginn des Krieges wurden viele Jungen Luftschutzhelfer. Unsere Aufgabe bestand darin,

dem Luftschutzwart zu helfen. Dieser trug die Verantwortung für eine gewisse Anzahl von

Wohnhäusern und war für die Verdunklung und die öffentliche Sicherheit zuständig. Wir

mussten dann immer Informationen von einem Luftschutzwart zum anderen bzw. zu den

Bewohnern überbringen. Also wenn Fliegeralarm ausgelöst wurde, durften wir nach Hause

gehen und hatten schulfrei. Damals fanden wir das natürlich toll.

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Im Jahre 1944, ich war zwölf Jahre, begann dann bereits die vormilitärische Ausbildung in

der Mückenbergkaserne II. Wir lernten mit der Panzerfaust umzugehen, haben aber nie mit

scharfer Munition geschossen.

Einmal im Jahr beteiligten wir uns am Wehrertüchtigungsmarsch, der vom HJ-Heim „Totila“

entlang des Neißedamms nach Schiedlo führte. Bepackt mit einem schweren Tornister

mussten wir die lange Strecke bewältigen, was sehr mühevoll war.

Als Mitglied des Fanfarenzuges nahm ich 2mal wöchentlich an den Proben im HJ-Heim

„Totila“ teil. Das war für mich ein schönes Hobby.

Um mein Taschengeld aufzubessern, holte ich oftmals die „Gubener Zeitung“ aus der

Druckerei „König“ ab und brachte sie ins Lebensmittelgeschäft „Zanderin die Ostsiedlung.

Eine direkte Zeitungszustellung, wie heute üblich, gab es damals nicht.

Mit der Errichtung der Rüstungsfirma „Rheinmetall-Borsig“ AG wurden auch in Guben neue

Siedlungshäuser gebaut. Diese entstanden u.a. in der Obersprucke „Am Gehege“ und „Am

Sandberg“. Zu diesem Zeitpunkt baute man unweit dieser beiden Straßen auch ein

Wirtschaftsgebäude. (die spätere „Damaschkeschule“) Mein Onkel, Herr Abraham, war der

verantwortliche Projekt- und Bauleiter dieses Vorhabens. Sämtliche Gebäude befanden sich

noch im Rohbau, als am 21. Februar 1945 der Gubener Oberbürgermeister Schmiedicke mit

seinem Gefolge bei meinem Onkel auf der Baustelle erschienen. Man setzte ihn von der

baldigen „Aufgabe der Stadt“ an die Russen in Kenntnis.

Kurz danach wurde das erste Haus in der Straße „Am Stadtrand“ welches unmittelbar neben

der Wohnung meines Onkels stand, durch eine Stalinorgel zerstört. Daraufhin packten alle

Mitglieder unserer Familien die notwendigsten Sachen in einen Handwagen und in einen

Seitenwagen eines Motorrades. Dann verließen wir auf schnellstem Wege die Stadt. In

Jamlitz, übernachteten wir in leer stehenden Baracken (erst viel später erfuhren wir, dass hier

ein Lager für Kriegsgefangene war) Weiter ging es dann bis Rietz-Neuendorf bei Brand. Dort

wurden wir einquartiert. Zwei Wochen lang ging ich sogar noch zur Schule, bis dann nach ca.

drei Wochen der Russe vor der Tür stand. Da wusste ich, was die Stunde geschlagen hat …!

Vorher war ich in meinem kindlichen Glauben fest davon überzeugt, dass die errichteten

Straßensperren die Sowjets stoppen würden. Fest verankert in meiner Erinnerung ist die

Tatsache, dass wir Kinder mit den Russen keine schlechten Erfahrungen gemacht haben.

Nach Kriegsende ging es dann zurück in meine Heimatstadt Guben. Aber nur kurze Zeit

hatten wir die Möglichkeit unser Haus in der Ostsiedlung wieder wohnbar zu gestalten. Ein

zweites Mal, diesmal für immer, wurden wir ausquartiert! Ich besuchte bis 1946 die

„Pestalozzischule“. In meinem Abschlusszeugnis steht: „Schulbesuch unregelmäßig“.

Weshalb? War in der Familie Kartoffeln stoppeln, beim Bauern hamstern oder aus dem Wald

Holz holen, geplant, dann wurde nicht zur Schule gegangen.

Kindheitserinnerungen, die noch heute – dann und wann – für Gesprächsstoff sorgen!

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Ich war der Leinöl-Junge

Erinnerungen von Hermann Ansorge

1927 wurde ich in Guben geboren. Mein Eltern- und Geburtshaus in der damaligen

Sauderstraße hat den II. Weltkrieg überlebt und wird im heutigen Gubin von polnischen

Bürgern bewohnt.

Meine Eltern waren von Hause aus Arbeiter.

Bevor Vater 1926 bei der AOK Guben Beschäftigung fand, arbeitete er Anfang der zwanziger

Jahre des 20. Jahrhunderts u.a. auch als Hutarbeiter bei der Firma C.G. Wilke in der

Gasstraße. Dort erhielt er das Vertrauen als Betriebsratsvorsitzender, weil er die Interessen

der Arbeiter vertrat. Damit machte er sich in der Chefetage nicht gerade beliebt, ging es doch

in den Auseinandersetzungen um Lohnerhöhungen, Arbeitsbedingungen und –rechte. Da er

den Angeboten des Herrn Wilke, mit persönlichen Vorteilen, den Betrieb zuverlassen nicht

folgte, wurde er entlassen. Nach einiger Zeit Arbeitslosigkeit kam es dann 1926 zur

Einstellung bei der AOK. 1933 ging es ihm auch hier nicht besser. Nach dem Machtantritt der

Nazis wurde er ebenfalls fristlos, als politisch nicht zuverlässig, „gefeuert“. Seine

Mitgliedschaft in der SPD war ihnen ein Dorn im Auge. Eine politische Wende, wie z.B. der

Eintritt in die SA oder gar NSDAP, hätte ihm die Stellung gesichert. Seiner Unnachgiebigkeit

folgte die persönliche Auflage, sich in den ersten Monaten seiner Arbeitslosigkeit bei der

Polizei im neuen Stadthaus an der Neiße zu melden.

In der Zeit seiner Arbeitslosigkeit nahm mich mein Vater oft mit auf verschiedene Gänge.

Zweimal, erinnere ich mich, marschierten SS-Kolonnen mit ihrer Fahne voran auf der Straße.

Für Passanten auf dem Bürgersteig bestand die Pflicht, der Fahne den Hitlergruß zu erweisen.

Um dieser Schmach zu entgehen, verschwand mein Vater mit mir in einer Seitenstraße in

einem Hauseingang. Auf der Straße zu bleiben und die Fahne nicht zu grüßen, hätte böse

Folgen gehabt.

In den Monaten und Jahren (1933 bis 1935), als mein Vater arbeitslos war, durchlebten wir

als fünfköpfige Familie, ich hatte noch zwei ältere Brüder, sieben und sechs Jahre älter, schon

schwierige Zeiten. Meine Mutter, als Wäscherin und Plätterin in Heimarbeit tätig, machte für

andere Leute die Wäsche, plättete sie und lieferte sie schrankfertig aus. Damit leistete sie

einen erheblichen finanziellen Beitrag zu unserem Lebensunterhalt.

1935 zeichnete sich eine Verbesserung in unserer Familie ab. Meine Großmutter

mütterlicherseits betrieb seit Jahren einen Leinöl- und Futtermittelhandel. Sie hatte dafür ein

ambulantes Gewerbe. Auf Grund der Lage der Familie ihrer Tochter war sie bereit, das

Gewerbe an ihren Schwiegersohn abzutreten. Dahinter verbargen sich zwei Gründe:

Erstens brauchte mein Vater unbedingt eine Arbeit, um nicht, wie es zunehmend immer mehr

geschah, als Arbeitsloser in die Rüstungsindustrie wie Westwall- oder Autobahnbau sowie

Munitionsfabriken als Arbeiter eingeordnet zu werden und zweitens brauchte unsere Familie

eine bessere finanzielle Situation. Wie widersprüchlich die Entwicklung im Faschismus auch

war, verdeutlicht die Gewerbegenehmigung für meinen Vater. Zunächst gab es keine

Bereitschaft in der Stadtverwaltung dem familiären Gewerbetausch zuzustimmen. Mein Vater

wurde wiederholt bedrängt und vom Arbeitsamt vorgeladen, eine Arbeit, notfalls auch

außerhalb von Guben, aufzunehmen. Dass mein Vater das Gewerbe doch erhielt, hatte er dann

letztlich einem Herrn Blau, Mitglied der NSDAP und SA-Mann, zu verdanken, der Beamter

der Gubener Stadtverwaltung war. Bereits in früheren Jahren kannten sich meine Eltern und

Herr Blau. Er war der Schwiegersohn einer uns gut gesonnenen Nachbarsfamilie, die ich auch

als Kind oft und gern besuchte, dort auch mein Gutes hatte.

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Hier halte ich eine Zwischenbemerkung für ratsam. Es gab auch Menschen, die den Nazis

uneingeschränkt dienten und von der Sache Hitlers überzeugt waren, Leute, die guten

Bekannten unter bestimmten Umständen halfen, dabei jedoch unerkannt bleiben wollten.

Jedenfalls wurde Wilhelm Ansorge Leinöl-Händler, verkaufte das Leinöl, das in der Leinöl-

Mühle der Firma Radt in der Schegelner Straße geschlagen wurde. Nicht selten wurde mein

Vater „Leinöl-Wilhelm“ oder „Leinöl-Ansorge“ genannt – und ich war der kleine „Leinöl-

Junge“, dem mancher Bürger auch ein Achtelchen Leinöl aus Mitgefühl abkaufte. Ich ging

mit einer Fünfliterkanne z.B. in der Bösitzer Straße, aber auch in anderen Gegenden von

Haustür zu Haustür und habe meinem Vater wie das auch meine Mutter und meine Brüder

nach ihren Möglichkeiten taten, geholfen. Ein Achtelchen Leinöl kostete damals

20 Reichspfennige. Für mich war der Leinölverkauf mehr Erlebnis als Arbeit. Viele

Menschen habe ich so kennen gelernt und auch manches Wissenswerte erfahren bzw. guten

Rat erhalten.

Bei einem dieser „Verkaufsgänge“ bin ich auch der Familie des Gubener Kommunisten Paul

Billig begegnet. Sie wohnte in der Bösitzer Straße. Paul Billig selbst war damals von den

Nazis im Zuchthaus eingesperrt. Vater und Paul Billig kannten sich gut. Ein bezeichnendes

Licht auf die damalige öffentliche Situation wirft unsere Beziehung zu Frau Billig. Um sich,

mich und Vater zu schützen, hat Frau Billig das zu füllende Leinölgefäß von ihrer Wohnung

entfernt aufgestellt und Geld passend darunter gelegt. Dazu war ich schon belehrt worden,

dass es gefährlich war, Kontakte zu Kommunisten zu haben. Dieses Erlebnis hat mich in

meinem Leben tief beeindruckt. Paul Billig war als Mitglied der KPD ein bekannter,

angesehener Mensch. Gegenüber der Familie wohnte ein „strammer“ SA-Mann, von dem wir

nicht genau wussten, ob und wie aktiv er aufgepasst hat, Vorgänge in seinem Umfeld zu

beobachten und vielleicht auch zu melden. Trotzdem kaufte er von uns Leinöl und wir

verkauften es ihm auch. Er versteckte sein Gefäß für Leinöl nicht.

Eingeschult wurde ich übrigens 1934 in die Sandschule. Es war ein sehr aufregender Tag.

Während die Eltern anderer Kinder mit den Zuckertüten warteten, kam meine Mutter gerade

noch zum rechten Zeitpunkt der Übergabe der Zuckertüte, und ich erhielt auch eine große

bunte „Tüte“, die allerdings nur im oberen Teil mit einigen Süßigkeiten gefüllt war. Die sich

erst anbahnende Enttäuschung wandelte sich in Freude darüber, dass meine Mutter

gekommen war, und ich mit ihr gemeinsam nach Hause gehen konnte. Auf dem Hinweg hatte

mich mein älterer Bruder mitgenommen, was mich auch ein wenig mit Stolz erfüllte, mit ihm

den ersten Schulweg zu gehen.

Sechs Jahre lang besuchte ich die Sandschule. 1934 bis 1940 – das waren Jahre, in denen sich

viel ereignete, vor allem was die Veränderungen im gesellschaftlichen Leben anbetraf.

Einesteils waren es Jahre unbesorgten Schülerlebens, andererseits rückten aber die

Kriegsvorbereitungen, zwar verdeckt durch Propaganda zum Aufblühen Deutschlands, direkt

oder indirekt in den Mittelpunkt täglichen Geschehens. Meine Lehrer waren unterschiedlich

in ihrem öffentlichen Verhalten. Sehr viele kamen mit dem Parteiabzeichen der NSDAP in die

Schule, vereinzelt auch mal in braunen Uniformen.

1938 wurde ein Reserveoffizier unser Klassenlehrer, der mitunter in der Wehrmachtsuniform

erschien. Allerdings musste er auch oft vertreten werden, da er zu Manövern und Übungen

der Wehrmacht einberufen wurde. Nazistisches Gedankengut wurde sowohl im Unterricht als

auch mit der Würdigung von Gedenktagen des Faschismus bzw. der Darstellung seiner

„genialen“ Ideen und seiner Entstehungsgeschichte verbreitet. Deutlich wurde das auch im

Wirken des VDA (Verein der Auslandsdeutschen). Dieser Verein hatte es sich auf die Fahnen

geschrieben, die Deutschen im Ausland zu unterstützen. U.a. wurde Geld gesammelt, aber auf

eine Art und Weise, die uns Schüler aktivierte. Auf vorgefertigten Mustern durften mit

Hämmerchen kleine Nägel gegen ein Entgelt eingeschlagen werden, so dass faschistische

Symbole, z.B. das Abzeichen der Hitler-Jugend, das Hakenkreuz und andere, entstanden. Der

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Hauptgedanke zielte darauf: Deutsche im Ausland „heim ins Reich“ zu holen. Tatsächlich

gemeint waren damit aber die Gebiete, in denen Deutsche um Deutschland herum lebten, an

Deutschland anzugliedern. So wurde auch unverhohlen von „Großdeutschland“ gesprochen.

Diese Propaganda wurde auch durch Filme unterstützt, die z.B. zeigten, wie deutsche

Soldaten, die „Legion Condor“, im spanischen Bürgerkrieg eingesetzt waren. Die Sache war

für mich etwas gegenständlicher, da ein Nachbarssohn zur „Legion Condor“ gehörte und

später mit hohen Militärauszeichnungen nach Hause kam.

Vom Kampf deutscher Antifaschisten in Spanien hatte mein Vater gehört, hat soweit er es

wusste mit mir gesprochen und mich gleichzeitig ermahnt, mit niemandem und nirgendwo

darüber zu sprechen.

Schon in den ersten Schuljahren lernte ich den Keller der Schule sehr gut kennen. Er war

inzwischen zu einem bombensicheren Luftschutzkeller umgebaut worden, mit vielen

Abstützungen durch Quer- und Längsbalken. Zwischenzeitlich wurde Luftschutzalarm durch

besondere Signale gegeben und der disziplinierte Einzug der Klassen in den Luftschutzraum

geübt.

Eine andere Sache, die dazu beitrug, den Alltag einfach faschistisch zu durchdringen war das

Tragen von Uniformteilen des DJV (Deutsches Jungvolk). Z.B. wurden im Sommer die

kurzen schwarzen Kordhosen und im Winter die warmen dunkelblauen Blousons, die langen

warmen Bund- oder Skihosen, wie wir sie nannten, und Skimützen getragen und sie waren

angenehm. Meine Eltern wollten eigentlich nicht, dass ich so gekleidet zur Schule ging. Für

mich als Jungen wurde es aber auch zu einer „Überlebensfrage“ in der Schule; denn ich fiel

mit meinen langen Strümpfen und den langen Kinderunterhosen auf und wurde gehänselt.

Wenn auch widerwillig, aber meine Eltern kauften mir die genannten Uniformteile in dem in

Guben vorhandenen Uniformgeschäft „Linke“ in der Salzmarktstraße, trotz knapper Kasse!

Bei meinem Schulbesuch kam es 1940, es hatte ja schon der II. Weltkrieg begonnen, zu

Veränderungen. Unser Klassenverband war aufgelöst worden. Kurze Zeit besuchte ich die neu

zusammengestellte Klasse in der Hindenburgschule. Im Zusammenhang mit dem

„Blitzkrieg“, wie der Vormarsch gegen Frankreich genannt wurde, wurde die

Hindenburgschule Militärlazarett. Die gesamte Schule wurde ausgelagert und meine 7. Klasse

in die Stadtschule verlegt. Rektor Knabe, auch unser Klassenlehrer, schon Rentner und

NSDAP-Mitglied, verabschiedete uns Ende Juni 1940 in die Sommerferien mit dem Ausruf:

„Wenn wir uns nach den Ferien wieder sehen, wird England besiegt sein!“ Wir sahen uns

zwar in der Hindenburgschule wieder, aber England existierte trotz U-Boot-Krieg und

Bombardements!

Am Ende des 7. Schuljahres 1941 verließen die Schüler, die bereits das 8. Schuljahr hinter

sich hatten (einmal nicht versetzt wurden) die Schule und nahmen in der Mehrzahl eine Lehre

auf.

Da sich im Schulwesen Reformen vollzogen, Anfang und Ende der Schulzeit verändert

wurden, Schulanfang am 1. September und Ende des Schuljahres vor Beginn der

Sommerferien, geriet unser Jahrgang in eine Übergangslösung. Wir besuchten von April bis

Juni noch die 7. Klasse in der Hindenburgschule und wurden für die 8. Klasse, die wir Anfang

August begannen bzw. fortsetzten, wiederum aufgeteilt. Mit einigen anderen Schülern führte

nun mein Schulweg aus dem Osten Gubens in den Westteil, in die Klosterschule, die ich mit

Abschluss der 8. Klasse im März 1942 beendete. Die Hindenburgschule war von Mitte 1941

bis 1945 Lazarett.

1942 bis 1944 absolvierte ich die Handelsschule mit dem Ziel, eine Lehre als

Industriekaufmann aufzunehmen. Daraus wurde nichts. Was meine Eltern und auch ich immer

gehofft hatten, trat nicht ein. Auch ich musste noch zum RAD (Reichsarbeitsdienst) und

wurde am 27. Juli 1944 zur Wehrmacht nach Brandenburg/Havel einberufen.

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Dem DJV (Deutsches Jungvolk) bin ich auch nicht entgangen. Mit zehn Jahren begann die

Mitgliedschaft. 1937/38 wurde ich in diese faschistische Jugendorganisation mit einem Appell

auf dem Marktplatz aufgenommen und einem Fähnlein zugeteilt. So hieß es dann jede Woche

„zum Dienst“ zu gehen. Es waren immer in der Regel ein bis zwei Stunden, die

unterschiedlich im Fähnlein oder im Zug oder in der Jugendschaft gestaltet wurden. Diese

Gliederung entsprach auch der militärischen, wohl nicht ohne Absicht! Zu den Inhalten

gehörten: Exerzieren, Grundübungen wie rechts- und links um, kehrt und rührt euch,

Blickwendungen. Außerdem Ausführung des Hitlergrusses, Marschieren in der Kolonne,

körperliche Ertüchtigung wie laufen, kriechen, hüpfen, hocken, Keulen werfen,

Geländeübungen, Kriegsspiele, nach Karte und Kompass marschieren - bestimmte

vorgegebene Ziele zu erreichen, Lager von zwei bis drei Tagen zu Pfingsten (z.B. in Sembten,

Jugendherberge Neuzelle), Sommersonnenwendfeiern und Aufmärsche. Gesprächsstunden zu

Hitlers Leben (sein Lebenslauf wurde gepaukt), zur Geschichte der Nazibewegung, je nach

Talent und Fähigkeit der Führer, wurden auch germanische Sagen vermittelt. Wiederholt, so

habe ich es erlebt und gesehen, kam es bei der Durchführung insbesondere bei militärischen

Übungen zu Übertreibungen und Entgleisungen. „Führer“ der oben genannten „Einheiten“

gebrauchten ihre „Macht“, häufig gleichaltrig oder nur wenig älter, ihre „Untergebenen“ in

der Gruppe oder auch einzeln zu „schleifen“. Gründe für die körperliche Drangsalierung

waren meist schnell gefunden: unexakte Ausführung der Befehle, zu wenig angestrengt usw.

„Schleifen“ das bedeutete: laufen, hinlegen, auf, Hindernisse überwinden, in Pfützen

schmeißen und anderes mehr. Obwohl es mitunter von Passanten öffentlich beobachtet wurde,

sagte dazu aus Angst vor der SA und Polizei niemand etwas. Hinter vorgehaltener Hand

wurde schon von manchem über diese Schikanen geschimpft. Mir hat das alles nicht gefallen.

Hinzu kam, dass die „Vorgesetzten“ Schüler aus meiner Klasse waren, die nicht gerade zu

den besten gehörten. Jedenfalls ging ich nicht mehr zum Dienst. Mein Leinöl- und später auch

der Futtermittelhandel, die Wäsche austragen oder Mutter im Plättkeller bzw. im Garten

helfen, mich sportlich auf dem Sportplatz Kiekebusch betätigen, machten mir einfach mehr

Spaß. Die Dienstverweigerung hatte Folgen. Der Fähnleinführer kam zu uns nach Hause und

wollte mich zwangsweise zum Dienst abschleppen. Das haben meine Brüder geschickt

verhindert. Der Fähnleinführer musste im wahrsten Sinne des Wortes wie ein geprügelter

Hund abziehen.

Mein Vater konnte und musste dabei im Hintergrund bleiben. Gewartet haben wir, ob dieser

Vorfall Folgen haben würde. Es regte sich nichts. Meine Brüder und mein Vater kamen aber

zu der Überlegung, dass es für unsere Familie wohl besser wäre, mich in das DJV wieder

einzugliedern. Außerdem musste ich eine aktive Mitgliedschaft nachweisen, wenn ich Sport

im VfL (Verein für Leibesübungen) treiben wollte und das wollte ich unbedingt. Und so

entstand die Idee, mich in einem anderen Fähnlein unterzubringen. Mit Hilfe eines

Sportfreundes, der in der Jugendmannschaft des VfL Handball spielte und gleichzeitig

Fähnleinführer in Dörfern des Landkreises war, gelang es, mich bei ihm einzugliedern. Um es

spaßhaft zu sagen: Ich ging aufs Land! In dieser „Einheit“ Fähnlein fühlte ich mich

bedeutend besser. Um dem gelungenen Vorhaben nicht ins Gesicht zu schlagen, habe ich

später selbst Funktionen übernommen. Ansonsten hätte es keinen Grund gegeben dort zu

bleiben. Die sportliche Aktivität, der Sportplatz Kiekebusch, die Turnhallen in der

Hindenburg- und der Klosterschule gehörten in den Schuljahren zu meinem Leben, wie mein

Zuhause. Im VfL war ich seit meinem sechsten Lebensjahr Mitglied. Meine Brüder waren

auch in diesem Verein organisiert. Hier ging ich von klein auf, also ab der ersten Klasse 1934

zu den Turnstunden, später kam das Training für das Handballspielen dazu. Wenn Not am

Mann war, spielte ich auch bei den Fußballern. Wir nahmen an leichtathletischen

Wettkämpfen teil. Der Handball und die Fußballmannschaft der Männer für höhere

Spielklassen vertieften meine Leidenschaft für den Sport und den Verein, in dem ich Mitglied

war. So gab es Vorbilder, denen wir als Jungen nacheiferten. Bürgerliche Mannschaften

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mussten auf „unserem Platz im Kiekebusch“ gegen Mannschaften des Arbeitersports antreten.

Diese Entwicklung wurde schroff durch den Kriegsausbruch 1939 unterbrochen und 1945 ist

dann alles zusammengebrochen.

Mein Bruder, der ältere, hatte schon ausgelernt und der zweite war im dritten Lehrjahr. Sie

waren selbst Mitglieder der HJ. Das war Voraussetzung für ihre erfolgreiche Teilnahme am

Reichsberufswettbewerb. Angesehen und auch bekannt waren sie durch berufliche und

sportliche Leistungen. Z.B. beim Straßenstaffellauf der Gubener Betriebe, wobei „Lehmann

& Richter“, ihr Lehrbetrieb, wiederholt gewann. Beide gehörten sie zur Mannschaft.

Blicke ich auf diese Jahre der Schulzeit zurück, dann bleibt mir bei allen schwerwiegenden

Ereignissen aber auch die Feststellung, dass es zwar eine sehr komplizierte, aber auch

erinnerungswerte Kindheit mit vielen Freunden und gemeinsamen Erlebnissen war.

Realistisch gesehen: Ich konnte mir die Zeit nicht aussuchen, das kann wohl niemand. Trotz

alledem sage ich: „Meine Kinderjahren hatten viele schöne Seiten“.

Ab 1934 erhielt Guben erneut einen wirtschaftlichen Aufschwung. Erst wurde die

Moltkekaserne errichtet und später 1937/38 kamen Mückenberg I, II und III dazu. Stationiert

wurden in Guben das Infanterie-Regiment 29. Im Osten Gubens entstand eine

Stadtrandsiedlung. Häuser wurden für Offiziere und Unteroffiziere gebaut. Es entstanden

zwei Offizierskasinos. Nordöstlich und östlich von Guben breitete sich ein

Truppenübungsplatz aus. Dieses Gelände ging den Gubener Pilzsuchern zu ihrem Leidwesen

verloren. Fast zeitgleich entstand ein neues Stadion am Nordrand von Guben.

In diesen Jahren wurde auch mit dem Bau der Rheinmetall-Borsig-Werke begonnen.

Bauunternehmen, Betriebe wie Fuhrunternehmen u.a. erhielten Aufträge. Die Einwohnerzahl

von Guben stieg. Viele Leute fanden Arbeit und Lohn. Es entwickelte sich Leben, auch

Kaufkraft. Viele Zivilbeschäftigte fanden Arbeit in den Kasernen und auch „Borsig“ schuf

neue Arbeitsplätze.

Dass sich hinter all dem Neuen aktive Kriegsvorbereitung verbarg, wurde von vielen Bürgern

so nicht gesehen. Weitere Schritte zur militärischen Offensive in Europa waren

Gebietserweiterungen oder wie es hieß: Eingliederungen und damit die „Heimholung ins

Reich“ mit Österreich, Memel- und Sudetenland sowie Böhmen und Mähren. Die Slowakei

wurde zu einem Satellitenstaat Hitlerdeutschlands.

Sehr beeindruckt hat 1938 das Münchener Abkommen der vier Mächte Deutschland, Italien,

Frankreich und England. Mit diesem Abkommen war es Hitler gelungen, von der

unmittelbaren Kriegsvorbereitung abzulenken. Viele Deutsche glaubten ihm seine

Friedensbeteuerungen aufs Wort. Wenn ich das so schreibe, habe ich es auch so erlebt, weil in

unsere Familie Beziehungen hineinreichten, die Hintergründe zum politischen Geschehen

erläuterten. Man merkte, dass es trotz der überwältigenden Bekenntnisse zu Hitler auch

andere Meinungen gab, Widerstand zwar vorhanden war, für uns aber hauptsächlich in

„Flüsterpropaganda“ existierte. Zwei Ereignisse von den vielen in diesen Jahren möchte ich

noch erwähnen, weil sie mich tief beeindruckten.

Einmal war es die Feier zum 50. Geburtstag Hitlers. Unsere Bösitzer Straße, war ein Meer

von Hakenkreuzfahnen, Girlanden hingen an den Häusern und quer über die Straße wehten

Spruchbänder und Hitlerbilder. Auf der Straße bewegten sich überwiegend Uniformierte. Aus

der Stadt kamen Leute zu meinen Verwandten. In ihrem Haus wohnte in der Giebelstube eine

ältere Frau. Sie wurde aufgefordert, doch sofort die Hitlerfahne aufzuhängen.

Und zum Zweiten war der Nichtangriffspakt zwischen Hitlerdeutschland und der UdSSR eine

gewaltige Überraschung. Die Bilder vom Besuch Ribbentrops in Moskau, sein Handschlag

mit Stalin und die gemeinsame Unterzeichnung mit Molotow, dem sowjetischen

Außenminister, bewegten mich zutiefst. Der Inhalt und das ganze Drumherum waren mir ja

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noch unverständlich und dennoch empfand ich durch die Bilder aus Moskau ein Unbehagen,

das ich nicht beschreiben konnte. Bestärkt wurde dieses durch die Kriegsangst der Eltern.

Die weitere Ausübung des Handels, der Wäscherei und der Plätterei standen schon mehr oder

weniger auf dem Spiel. Das Wissen über „Russland“ wie wir damals sagten, war völlig

unzureichend und total verdreht. Die verhandelnden Vertragspartner wirkten auf den Bildern

irgendwie kalt und komisch.

Und drittens war es der Kriegsbeginn am 1. September 1939. Ende August 1939 verbrachten

wir - Freunde, meine Brüder und ich - den letzten Sonntag vor Kriegsbeginn am Deulowitzer

See. Es war ein schöner, sonniger August-Sommertag. Die herrlichen Tageseindrücke eines

Sonnen- und Badetages vergingen uns auf der Rückfahrt beim Anblick all der Vorgänge in

der Stadt. Wir erfuhren von Passanten, dass die Mobilmachung im Gange war. Wiederholt fiel

das Wort Krieg! Männer mit Frauen und Kinder bewegten sich zu den Stellplätzen, z.B. zum

Hamdorff- und zum Lubstplatz. Fahrzeugführer mussten sich mit ihren Autos dort melden.

Auch Pferdegespanne mit Wagen fuhren mit ihren Haltern vor. Mir ist eine bedrückende

Atmosphäre in Erinnerung. Überwiegend bestimmten Abschiedsszenen das Bild und große

Begeisterung war nicht zu sehen. In den nächsten Tagen wurden viele Einberufungsbefehle

bekannt, auch aus unserer Nachbarschaft rückten viele junge Männer in die verschiedensten

Kasernen Deutschlands ein. Da wir kein Radio besaßen, erfuhr ich von dem so genannten

Überfall Polens auf den Sender Gleiwitz erst auf dem Schulweg. In der Schule gab es die

offizielle Nachricht, dass der Führer seit den frühen Morgenstunden zurückschlägt. Wir

bekamen erst mal schulfrei und wurden in den nächsten Tagen zum Kartoffeln lesen auf

Gütern und bei Bauern eingesetzt.

Viele Männer und Frauen waren begeistert, vertrauten auf den Führer. Von einer Nachbarin

erfuhren wir, sie hat es selber erzählt, dass sie ein Hitlerbild und dazu Blumen aufgestellt hat

und jeden Morgen vor dem Bild zum „Führer“ betet, dass er gesund bleiben möge und

Deutschland glücklich macht!

Die Härte des Krieges begegnete mir im Herbst 1939. Während, aber vor allem am Ende des

Krieges gegen Polen und danach, wurden polnische Menschen nach Deutschland als

Arbeitskräfte deportiert. Sie mussten auf ihrer Kleidung sichtbar ein „P“ tragen. Viele dieser

polnischen Menschen wurden an einzelne Betriebe als billige Arbeitskräfte gegeben.

Im Zusammenhang mit einem Handballspiel im Oktober 1939 in Kerkwitz kam mein Vater

mit einem dort in der Gaststätte tätigen polnischen Menschen ins Gespräch. Ich war dabei. Es

hat sich bei mir ein Ausspruch dieses jungen Polen aus Warschau eingeprägt und ist bis heute

in meiner Erinnerung geblieben: „Lieber Tag und Nacht studieren als fünf Minuten Krieg“.

Er war aus einem Studium herausgerissen worden.

Die Siegesmeldungen überschlugen sich zwar, doch die ersten Verlustmeldungen, gefallen im

Kampf gegen die „Feinde Deutschlands“, nahmen zu. Dort, wo die Verlustmeldungen

eintrafen, wirkten sie wie Keulenschläge. In Einzelfällen waren bereits mehrere männliche

Personen aus einer Familie in Polen gefallen. In Gesprächen unserer Familie bewegte uns das

Mitleid. Wir bekundeten Beileid und ahnten nicht, dass es nur zwei knappe Jahre später auch

unsere Familie treffen würde.

Mein Bruder wurde am 5. August 1941 bei Kiew verwundet und starb am 14. August an den

Folgen - mit 19 Jahren! Nie vergessen werde ich den Tag Ende August, als mich mein Vater

in den Vormittagstunden aus dem Unterricht in der Klosterschule holte. Als ich die Treppe

hinunterschaute, sah ich Tränen in Vaters Augen und ahnte die Todesnachricht. Sie wog um

so schwerer, da mein Bruder noch einen Tag vor seinem Ableben einen Brief geschrieben

hatte, in dem er Hoffnungen auf eine baldige Verlegung aus dem Feldlazarett in ein

Heimatlazarett, vielleicht sogar nach Guben, hegte. Jeden Tag waren Todesannoncen in der

Gubener Zeitung“. Es war auch an uns, den Tod unseres Siegfrieds bekannt zu geben.

Erstmal hatte die Redaktion den von Vater entworfenen Text nicht abgenommen. In der

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Annonce sollte stehen: „Auf dem Felde der Ehre gefallen“ bzw. „Für Führer, Volk und

Vaterland“. Das hat Vater Ansorge nicht drucken lassen.

Meine Mutter war bei dem Erhalt dieser Nachricht zusammengebrochen. Eine große Trauer

begleitete nun unser Leben. Meine Mama, die mich Tag für Tag versorgte, mir stets half,

wurde schwer krank. So kam es, dass ich sie so gut wie ich es nur konnte, versorgte und auch

meinem Vater das Frühstück an seinen nun schon neuen Arbeitsplatz brachte. Meinen

Schulweg bewältigte ich täglich mit dem Fahrrad.

Ende 1939 veränderten sich unsere Lebensbedingungen gravierend. Nach der Rationierung

einiger Lebensmittel, wie z.B. Butter schon vor dem 1. September 1939, wurden mit

Kriegsbeginn Lebensmittel-, Kleider- und Brennstoffkarten ausgegeben. Vaters Gewerbe, der

Futter- und Leinölhandel lief nicht mehr. Für Leinöl gab niemand „Fettkarten“ her. Durch

begünstigende Umstände fand mein Vater Arbeit als Bierfahrer in der ehemaligen

Haselbachschen Brauerei, Schegelner Straße. Erst wurde das Bier in Kästen und Fässern mit

dem Auto in Guben ausgefahren, vor allem aber in die umliegenden Dörfer. Es war ein Lkw

mit „Holzfeuerung“. Wenn ich freie Tage hatte, z.B. in den Ferien, habe ich Fahrten über

Land mitgemacht. Abgesehen davon, dass es bei manchem Gastwirt auf dem Dorfe auch gut

zu essen gab, lernte ich das Vehikel mit Holzfeuerung noch besser kennen. Als der

Autobetrieb eingestellt wurde, bekam mein Vater zwei Pferde und er rollte mit dem

Pferdewagen durch die Gegend. Die Teilnahme an solchen Fahrten über die Landstraßen

waren für mich unvergessliche Erlebnisse. Menschen verschiedenen Typs lernte ich kennen,

erste Vorstellungen vom Umgang mit Pferden bekam ich und auch die nähere Umgebung wie

auch Waldgebiete wurden mir vertrauter.

Sich an die Jahre 1933/34 bis Anfang der 40er Jahre zu erinnern, heißt vor allem auch sich an

die verbrecherische Verfolgung der Juden, der Kommunisten, Sozialdemokraten und aller

Hitlergegner zu erinnern.

In allen Schichten der Bevölkerung haben Juden gelebt und in der Regel große Anerkennung

als Ärzte, Rechtsanwälte, Handwerker u.a. gehabt. Ganz persönlich bin ich einem jüdischen

Lumpenhändler begegnet, der nur bei Dunkelheit in unser Haus kam, dort eine Frau besuchte

und bei Nacht auch wieder verschwand. Mitbekommen hatte ich, dass er offensichtlich auch

Informationen weiter trug. Einmal hinterließ er Mitte 1941 eine Karte von einem deutschen

Soldaten, die dieser aus der Kriegsgefangenschaft in Russland geschrieben hatte.

Bekannt und beliebt waren jüdische Kaufhäuser und Kaufleute, weil es im Volksmund hieß,

dass man dort billiger einkaufen könne, wegen verschiedener Rabatte.

Die Pogromnacht vom 9. November 1938 hinterließ auch in Guben ihre furchtbaren Spuren.

Am Tag nach der Pogromnacht sah ich die Synagoge brennen. Neugierig wie wir waren,

liefen wir auch dort hin, wo Fensterscheiben zerschlagen, Läden durchwühlt und mitunter die

Besitzer gleich mitgenommen, verhaftet worden waren.

Mit Äußerungen zum Geschehenen musste man sehr vorsichtig sein.

Meine Mutter ging wegen ihrer Hautleiden zu dem jüdischen Hautarzt Dr. Berent. Er war ein

guter Arzt und bei seinen Patienten anerkannt. Weil er Jude war, wurde er fristlos suspendiert

und aus seiner Praxis und Wohnung vertrieben. Er wurde einem Fahrradhändler zugeteilt und

musste öffentlich vor dem Geschäft Schrauben zählen. Passanten, die ihn gut kannten, haben

sich nicht getraut, ihn zu grüssen. Nach dieser öffentlichen Schmach ist er aus Guben

verschwunden.

Mit diesen Ereignissen änderte sich der Siegesrausch der Faschisten zwar noch nicht, aber

mancher Bürger, der Hitler auch blindlings gefolgt war, erschrak ob solcher Grausamkeiten.

Verunsichert durch das unmenschliche Geschehen ging schon hier und da die Frage um:

Wen wird es noch alles treffen?

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Ich hörte heimlich Radio

Erinnerungen von Werner Möhring

Ich bin 1928 in Guben geboren. Mein Geburtshaus befindet sich in der Kaltenborner Straße

und ist das letzte Gebäude vor der Schwimmhalle. Aufgewachsen bin ich in Guben.

Ich besuchte die Pestalozzischule. 1939 trat ich dem Jungvolk und 1943 der Hitlerjugend bei.

Wir mussten alle einen Schwur leisten, der auf dem Hindenburgplatz mit viel „Pomp“, das

bedeutet mit Aufmärschen, Musik, viel militärischem Zack und Ansprachen, abgenommen

wurde. Mit 18 Jahren hätte ich in die NSDAP eintreten müssen, Gott sei Dank war dann der

Krieg schon vorbei. Ich hätte es sowieso nicht gemacht, obwohl das damals von den Nazis

gefordert wurde.

Herr Eitze, der Rektor der Pestalozzischule, war ein fachlich guter Lehrer und auch ein

verständnisvoller Mensch. Er war zwar ein Militarist aber nicht unbedingt ein Nazianhänger.

Lehrer Otto Richter im Gegensatz dazu war kein Anhänger der Nazis oder Hitlers und

verbreitete im Stillen seine antifaschistische Gesinnung. Irgendwie gelang es ihm immer

wieder den Fahnenappell zu umgehen, er ist vorher immer „ausgebüchst“. Wegen vieler

unterschiedlicher politischer Ansichten hatten Herr Eitze und Herr Richter oft Streit.

Herr Richter war ein guter Lehrer, konnte in der Schule aber auch ein richtiges Ekel sein. Als

wir aus der Schule kamen war er wie ein Vater, kannte er doch jeden von uns, auch noch nach

vielen Jahren, mit seinem Vornamen. Er war aber auch ein Choleriker und so kam es einmal

vor, dass er einen Schüler ohrfeigte. Mit seinem Ring verletzte er diesen am Ohr. Natürlich

wurde das nicht gern gesehen, wenn ein HJ-Mitglied geschlagen wurde, besaßen einige doch

auf Grund dessen gewisse Privilegien. Herr Richter war auch der Chorleiter der

Pestalozzischule. Der Chor hat zu Weihnachten mehrmals im Wilke-Stift für die verwundeten

Soldaten gesungen. Wir haben viele Lieder, wie alte deutsche Volkslieder oder auch

propagandistische Lieder, gesungen. Wenn es aber mal bei einer Probe nicht so klappte, wie

er sich das vorstellte, oder wir haben etwas nicht verstanden, ist er im Gesicht rot angelaufen

und hat geschrieen: „Ja, Nachmittags auf die Straße gehen und rumgrölen, das könnt ihr.“

Eine Erinnerung ist mir in Bezug auf ein Lied geblieben. Es handelt sich um das Lied:

„Brüder reicht die Hand zum Bunde“. Dass das die österreichische Nationalhymne war, habe

ich erst später erfahren.

Während der Schulzeit mussten wir auch Heilkräuter sammeln, weil diese zur Herstellung von

Medikamenten benötigt wurden.

1939 bekamen alle Schüler ein kleines braunes Heftchen. Die Lehrer sagten uns, wir sollen

darin ein Kriegstagebuch führen. So verfolgte ich auch interessiert den Frontverlauf in Ost

und West, in Asien und Afrika. Es war für mich sehr spannend, weil mich die Geschichte

immer sehr interessierte und das nicht nur im Geschichtsunterricht. Bis heute ist mir diese

Leidenschaft geblieben.

Auch Herr Bartuscheck war ein hervorragender Lehrer. An der allgegenwärtigen

Nazieuphorie hat er nicht teilgenommen. In der Schule gab es regelmäßig zwei Zeitschriften.

Zum einen „Die Jugendburg“ für alle Schüler bis 10 Jahre und zum anderen „Hilf mit!“ für

die älteren Schüler.

Von 1943 bis 1946 absolvierte ich meine Lehre als Verwaltungsangestellter in der

Stadtverwaltung. Ab und zu kam es auch mal vor, dass ein Sohn eines antifaschistisch

eingestellten Vaters, der Hitler und den Nazis nicht besonders zugetan war, eine Stelle bei der

Stadtverwaltung bekam. Der Bürgermeister der Stadt Guben war damals Dr. Winkler, aber

dieser spielte nur eine untergeordnete Rolle. Das eigentliche Sagen hatte Oberbürgermeister

Schmiedicke. Alle Verwaltungslehrlinge wurden im Ratsherren-Sitzungssaal vereidigt. Dieser

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war sehr prunkvoll und schön eingerichtet. Während der Vereidigung, nach 10 Minuten

stehen, bin ich plötzlich umgefallen.

Ich hatte damals schon gesundheitliche Probleme und so bin ich bei der Musterung im

November 1944 ein Jahr vom Wehrdienst zurückgestellt worden. In meiner Lehrzeit habe ich

als 15jähriger so einige Gespräche über die Zukunft und die derzeitige Lage in und über

Deutschland und Guben mitgehört. Man musste damals auch vorsichtig mit seinen

Äußerungen sein. Einmal sprach man darüber, dass die Russen gegenüber der Deutschen

Wehrmacht doch nicht so stark sein können. Das war natürlich ein schrecklicher Irrtum.

1941/42 wurden die deutschen Truppen im Osten durch den strengen russischen Winter

überrascht. Sie waren nicht genügend mit warmer Winterbekleidung ausgerüstet. Viele

Soldaten zogen sich Frostschäden zu. Es kam auch zu Erfrierungen. Da wurde die gesamte

Bevölkerung aufgerufen Winterkleidung zu spenden. Auch in Guben wurden Sammelstellen

eingerichtet. Bereit, den Soldaten zu helfen, trennten sich viele Männer von ihren Mänteln,

Steppjacken usw. und Frauen von liebgewordenen Pelzen, Pelzkappen usw. Als die

russischen Truppen immer weiter die Deutschen zurückdrängten, Ende 1944, kamen auch

schon die ersten Flüchtlinge, Bauern und deren Familien aus Ostpreußen usw. in Guben an.

Nur wenige mit angemessenem Eigentum konnten anfangs durch das so genannte

„Reichsleistungsgesetz“ etwas entschädigt werden. Durch die Massenfluchtbewegung war das

dann gar nicht mehr möglich.

Mein Vater war Eisendreher in der Maschinenfabrik. Am 31. August 1939 war in Guben

Mobilmachung. Für meinen Vater traf das nicht zu, denn er war durch seinen Chef, Herrn

Erwin Lehmann, U.K. (unabkömmlich) gestellt. In der Kaltenborner Straße rief ihm ein alter

Bekannter zu: „Na Fritze, du bist ja auch noch hier.“ Darauf antwortete er: „Warum nicht,

sollen doch erst mal die Bonzen gehen.“ Das durfte man damals natürlich nicht sagen und

schon gar nicht laut. Er wurde daraufhin denunziert. Auf Grund dessen musste sich mein

Vater zweimal bei der Gestapo in Frankfurt/ Oder und später noch öfter bei der politischen

Polizei in Guben melden. Wenn er nicht einen Fürsprecher bei der Polizei gehabt hätte, wäre

er für diese Äußerung ins KZ gekommen.

Er war nicht in der SPD, gehörte aber dem Reichsbanner an, einer Organisation der SPD.

Mein Vater war mit dem Hutarbeiter Leo Winter befreundet. Dieser war Jude. Wir besuchten

ihn öfter, weil er schon ein Radio besaß. Das war eine so genannte „Goebbelsschnauze“.

Eines Tages, es war im November 1938, verschwand Leo Winter. Er wurde von der Straße

geholt und nach Polen abgeschoben. Niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Seine Frau

war Deutsche.

In Guben gab es auch jüdische Geschäfte, u. a. auch das Kaufhaus „Karstadt“. Als mein Vater

einkaufen ging, wollte er auch zu „Karstadt“. Von weitem sah er schon, dass SA-Posten den

Eingang besetzt hielten. Mein Vater ging hinein, ohne jegliche Schwierigkeiten. Bekam diese

aber, als er das Kaufhaus wieder verließ. Die SA-Posten verprügelten ihn mit

Gummiknüppeln so heftig, dass er eine Kopfwunde davon trug. Von einem jüdischen Arzt

behandelt und mit verbundenen Kopf kam er dann zu Hause an. Nach der Enteignung der

Juden hieß das Kaufhaus „Kazentra“.

Ende 1938, zu Weihnachten, hatten wir dann ein eigenes Radio. Und ich habe heimlich

„feindliche Sender“ abgehört. Die katastrophale Niederlage der deutschen Truppenverbände

vor Moskau und in Stalingrad und der sich verstärkende Luftangriff der Westalliierten brachte

ja schon viele Deutsche zum Nachdenken, wie das mal enden soll. Der Reichsrundfunk und

die Zeitungen machten ja aus jeder Niederlage noch einen Sieg (z. B. Frontbegradigung,

erfolgreiche Gegenangriffe usw.). Bald wurde das unglaubwürdig. Mein Interesse richtete

sich zunehmend darauf, die Wahrheit zu erfahren. Dies konnte man nur durch Abhören

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ausländischer Sender. Das war aber durch Gesetz streng verboten und wurde schwer bestraft,

bei Verbreitung solcher Nachrichten auch mit Konzentrationslager.

Ich freute mich stets, wenn meine Eltern mal abends nicht zu Hause blieben, denn mein Vater

spielte mit Freunden gern Skat.

Unser Radio stand auf dem Nachttisch im Schlafzimmer, denn wir bewohnten mit 5 Personen

nur eine große Stube mit einer kleinen Küche. Unser Radio war keine der winzigen

„Goebbelsschnauze“. Unser Radio war die etwas bessere Ausführung und war etwas höher in

den Abmaßen. Es kostete damals 75 Reichsmark. Wir konnten es uns im Jahr 1938 finanziell

leisten. Es soll hier aber noch gesagt werden, dass der Reichspropagandaminister Goebbels

dafür gesorgt hatte, dass seit 1936 diese kleinen primitiven (Skala mit Zahlen versehen), aber

preiswerten Radios in Millionenauflage produziert wurden. Jeder deutsche Haushalt sollte

sich ein Radio anschaffen.

Ich hörte jedenfalls in diesen Stunden der Abwesenheit meiner Eltern keine Musik, sondern

drehte eifrig an der Skala und hörte dann: „Hier ist Radio Moskau mit einer Sendung in

deutscher Sprache“ oder „Hier ist der Soldatensender West“ (ein von den westlichen

Alliierten geführter Sender). Am Eindrucksvollsten war das Pausenzeichen des Londoner

Rundfunks BBC mit seinem: Bumm Bumm Bumm, Bumm, das durch Mark und Bein ging.

Danach kam erst die Ansage. Einen dieser genannten Sender bekam ich immer deutlich. Von

diesen Sendern wurde die wahre Frontlage mit der Rückeroberung der von den deutschen

Besatzern okkupierten Gebiete gemeldet, was sich dann einige Tage später, seltsam

umschrieben in den deutschen Medien bestätigte.

Aber nicht nur die Fontverläufe interessierten. Es waren auch die Aufrufe der Sprecher zur

Vernunft, zur Beendigung des sinnlosen Blutvergießens, denn der Krieg war ja aussichtslos

geworden. Ich hörte Sprecher, die mir erst später nach dem Kriege bekannt wurden, wie z. B.

Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Erich Weinert, Major Bechler, General Seydlitz und andere.

Seit 1943 gab es dann auch den Sender des Nationalkomitees Freies Deutschland, der von den

deutschen Antifaschisten und von Soldaten, Offizieren und Generälen des Nationalkommitees

geleitet wurde. Sie selbst nahmen auch aus ihrer gewonnenen Überzeugung an gefahrvoller

Antikriegsagitation an den Fontlinien über Lautsprecher teil. Viele Kriegsgefangene durften

über den Rundfunk sprechen und ihre Kameraden zum Niederlegen der Waffen aufrufen.

Die Informationen, die ich aus den Nachrichten erlangte, musste ich für mich behalten. Auch

mit meinen Eltern durfte ich nicht darüber sprechen. Es war damals so, dass die Gestapo eifrig

war zu erfahren, wer ausländische Sender abhörte, Kinder und Jugendliche wurden dazu

animiert, ihre Eltern und andere zu verraten. Mein Vater hätte sich aber auf meine

Schweigsamkeit verlassen können, aber es gab leider kein Gespräch darüber.

Erst als sich am 19. Februar der Artilleriebeschuss in unserem Wohngebiet verstärkte,

offenbarte ich mich ihm.

Es gab eine zeitlang auch noch eine andere Quelle, aus der man reale Informationen über das

Geschehen an den Fronten und über den Luftkrieg erhalten konnte, meistens aber nur ein oder

zwei Sätze jeweils. Das waren die Sendezeiten der deutschen Nachrichtensender selbst. Der

Britische Rundfunk hatte den Trick genau raus, dazu die Atempausen bzw. Sprechpausen der

Nachrichtensprecher zu benutzen, um in diesen Sekunden Informationen anzubringen, die

man auch oft zusammenhangvoll erfassen konnte. Auch dieses durfte man nicht weitersagen.

Als das dann als gängige „Feindagitation“ erkannt wurde, mussten die Nachrichtensprecher

pausenlos sprechen, teils wurden sie auch dann schon während der Sendung abgelöst.

Aufgewachsen bin ich eigentlich bei meiner Großmutter. Sie wohnte auch in der Kaltenborner

Straße. Sie hat zehn Kinder zur Welt gebracht und großgezogen, Vater war der Jüngste. Die

Nazis legten damals viel Wert auf eine hohe Geburtenzahl.

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Und so kam es, dass jede Mutter mit reichem Kindersegen, selbst wenn die Kinder schon

erwachsen waren, eine Auszeichnung erhielt. Meiner Großmutter wurde im Feldschlösschen

das „Goldene Mutterkreuz“ verliehen. Ich begleitete sie zu dieser Ehrung.

Sommer 1944: Die Front kam immer näher. Die Nazis beschlossen, wir müssen etwas für die

Verteidigung tun. So wurde die Gubener Jugend mobilisiert. Ein Teil bekam eine so genannte

„Dienstverpflichtung zum Schanzeinsatz“ für drei Wochen in Meseritz-Calau im heutigen

Polen. Zwischen Meseritz und Calau mussten wir Schützengräben für den dortigen Ostwall

ausheben. Die Verabschiedung wurde mit viel „Trara“ begangen und in Ansprachen dabei der

deutsche Patriotismus hervorgehoben. Die gleiche Prozedur gab es dann beim Empfang, als

wir wieder nach Hause kamen.

Zum 29. Januar 1945 erhielten alle männlichen Jugendlichen ab 16 Jahren die schriftliche

Einberufung zum Volkssturm. Sammelpunkt war das Plateau der Bann-Geschäftsstelle

oberhalb der Grünen Wiese (heute Piatowska). Dort hatten die HJ-Einheiten (Hitlerjugend, d.

Red.) anzutreten und wurden von den Stammführern in Empfang genommen und danach dem

Bannführer gemeldet.

Diese Aktion der Einberufung der jugendlichen Jahrgänge aber war offensichtlich verfehlt.

Wie später bekannt wurde, soll es internationale Proteste gegen diese Maßnahme der

zentralen Führung gegeben haben, denn wir waren alle erst 15 bis 16 Jahre alt, so dass nur die

großen und kräftigen Jungen ausgesucht und dabehalten wurden. Alle anderen durften wieder

nach Hause und konnten dann mit ihren Eltern die Stadt verlassen. Die Gruppe der

Zurückbehaltenden, ca. 60 an der Zahl, wozu auch ich gehörte, hatte zum Bergschlösschen zu

marschieren. Dort wurde uns der Befehl bekanntgegeben, dass wir einen

Panzervernichtungstrupp bilden und ab sofort für den Einsatz ausgebildet werden.

Am nächsten Morgen begann die Ausbildung in der Handhabung der Panzerfaust, des

Karabiners 98 k, der MPi 44 und der Armeepistole 08. Weiterhin war in den später

blutgetränkten Gubener Bergen auch taktische Schützenausbildung. Das praktische Schießen

mit Handfeuerwaffen fand auf dem Schießplatz in Germersdorf (heute Jaromirowice) statt.

Panzerfaustschießen wurde uns wegen Munitionsmangel auf dem Wallwitzer (heute

Walowice) Übungsplatz nur einmal auf ein Panzerwrack gezeigt. Die Ausbilder waren

genesende, verwundete Unterführer vom Regiment „Großdeutschland“, die nicht mehr

fronteinsatzfähig waren.

Inzwischen war die Front näher gerückt. Um den 8. Februar war die Stadt Guben von vielen

Einwohnern verlassen. Man hörte das Grollen der Geschütze von der Oder her. Wir wurden

darauf vorbereitet, täglich gegen von Crossen her vordringende Panzer eingesetzt zu werden.

Die Stimmung war bei vielen noch immer euphorisch. Ein Höhepunkt der Euphorie war der

Besuch des Bannführers Gohlke im Ausbildungslager, der uns mitteilte, dass der Russe in

Fürstenberg mit einigen Panzern die Oderbrücke im Handstreich genommen und am Westufer

einen Brückenkopf gebildet hatte.

Wir können euch unter Umständen bereits jede Stunde gebrauchen, rief der Bannführer in die

Menge. Eine ganze Anzahl von Jungen wollte sofort mit und eingesetzt werden. Ein

Wahnsinn.

Gesundheitliche Umstände bewirkten noch im letzten Moment meine Entlassung aus dem

Todeskommando. Später erfuhr ich, dass alle im Kampf um Guben eingesetzt wurden und

kaum einer in dem Inferno mit dem Leben davon kam.

Am 12. Februar 1945 erfolgte meine Entlassung aus dem Volkssturm und ich durfte weiter in

der Stadtverwaltung arbeiten. Dort ging schon das Chaos los und es folgte die Beurlaubung ab

dem 19. Februar 1945.

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Alle Männer mussten sich beim Volkssturm melden. Mein Vater hat sich nicht dort

registrieren lassen und so lebten wir bis zum 26. März in der Kaltenborner Straße 145 a

(unweit von unserem Wohnhaus) zu unserem eigenen Schutz in unserem kleinen Hauskeller.

Wir hatten uns Matratzen auf unsere dort gelagerten Kartoffeln gelegt. Meine Mutter und

meine beiden Brüder befanden sich bereits auf der Flucht. Spät abends habe ich dann täglich

vom Dachboden aus das brennende Guben gesehen. Da ich mit meiner Heimatstadt besonders

eng verbunden war, machte mich das sehr betroffen. Die Kämpfe tobten bereits in Groß

Gastrose. Die Russen hatten dort einen Brückenkopf gebildet, von dem wir in Guben nichts

ahnten. Um von einer Seite auf die andere Seite Gubens zu gelangen, haben wir dann

am 19. Februar die Holzbrücke von Gubinchen zum westlichen Neißeufer genutzt. Die

Neißebrücke in der Stadt lag schon unter Beschuss. Wir hatten auf unserem Grundstück noch

ein paar Tiere. Wenn wir die Tiere füttern gingen und versorgten, mussten wir aufpassen, dass

wir nicht erwischt wurden. Die Deutschen patrouillierten durch Guben und haben jeden Mann

gegriffen und an die Front geschickt. Als es uns dann in Guben „zu heiß“ wurde und wir uns

nicht mehr sicher fühlten, sind mein Vater und ich mit dem Fahrrad aus Guben geflüchtet und

haben durch einen glücklichen Zufall meine Mutter und den Rest der Familie in Finsterwalde

wieder gefunden.

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„Kartoffelsalat ohne Marken“

Erlebnisse und Erinnerungen von Herrn Joachim Schmidt

Am 23. Juni 1931 wurde ich in Reichenbach, einem Ortsteil von Guben, geboren.

Meine Mutter arbeitete als Hutmacherin bei der Firma Lißner und später bei W. Wilke.

Vater war, bis zu seiner Einberufung, Weber bei der Textilfabrik Schemel. Ich habe auch

noch einen Bruder.

Meine Eltern besaßen ein kleines Häuschen in der Stadtrandsiedlung, gleich neben den 1935

erbauten Mückenberg-Kasernen. Ich besuchte fast alle Schulen Gubens, nur in die Stadtschule

bin ich nicht gegangen. Durch die eingetretenen Kriegswirren konnte ich die Volksschule

nicht beenden, denn in und um Guben fanden schon die ersten Kampfhandlungen statt. Wie es

damals Pflicht war, musste man dem Jungvolk und danach der HJ beitreten. Ich war nur im

Jungvolk. Die Aktivitäten und der Dienst beim Jungvolk waren eher langweilig und aus

diesem Grund hatten wir keinen Spaß daran. Als wir immer öfter dem Dienst fern blieben,

kam ein Polizeioffizier und wir mussten auf dem Platz in der Stadtrandsiedlung natürlich

barfuss und in unseren „Räuberhosen“ Aufstellung nehmen. Da „blies“ uns der Offizier „den

Marsch“. „Der Dienst ist eure Pflicht, die ihr erfüllen müsst, anderenfalls werden eure Eltern

dafür zur Rechenschaft gezogen, weil sie die Aufsichtspflicht verletzen“.

Eines Tages mussten wir den Lindengraben entlang marschieren. Vor uns wurde die Fahne

des Jungvolkes getragen. Es ist ein schwarzes Tuch mit weißen Fransen umsäumt und eine S-

Rune darauf. Alle Menschen auf der Straße mussten diese Fahne mit „Heil Hitler“ und dem

ausgestreckten Arm grüßen. In Höhe der Hefefabrik, die es damals in Guben gab, unterhielten

sich zwei ältere Männer. Vertieft in ihr Gespräch grüßten sie die Fahne nicht, als wir an ihnen

vorbeizogen. Darauf hin ging der Fähnleinführer, ein ca. 16jähriger Bursche, zu den beiden

Männern und brüllte sie an. Einer der beiden Männer wollte sich verteidigen und widersprach.

Da schrie der Fähnleinführer: „Halt die Fresse, sonst kriegst du eine drauf“.

Damals wurden auch viele Feste gefeiert, u. a. auch die so genannte „Sonnenwende“. Dazu

wurden außerhalb der Stadt Holzhaufen gestapelt und diese angebrannt. Es mussten das

Horst-Wessel-Lied, das Deutschlandlied und andere Nazilieder gesungen werden. Es artete

sogar in Hassgesänge aus. In einem dieser Lieder hieß es:

„In der Synagoge, in der Synagoge

hängt ein schwarzes Schwein.

Wetzt die langen Messer,

wetzt die langen Messer ...

Es ist doch ganz schlimm, wenn junge Menschen schon zum Mord erzogen und animiert

werden.

Wir mussten auch drei Tage in die Kaserne Mückenberg II zur Wehrerziehung. Unsere

Ausbilder waren Soldaten. In den Kasernen Mückenberg I waren die Sturmgeschütze, in

Mückenberg II die Artillerie (z.B. Feldhaubitzen) und in Mückenberg III die Sanitäter

untergebracht. In der Mückenberg-Kaserne I waren das bekannte 29-er Regiment und das

Regiment „Groß Deutschland“ (Eliteregiment, gehörte nicht zur Waffen- SS) stationiert.

Am 1. September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus. Mitte September 1939 stand ich mit

meiner Mutter bei der Kaserne Mückenberg I an der Bushaltestelle, als fünf bis sechs LKW

mit polnischen Kriegsgefangenen an uns vorbei fuhren. Die Polen standen dicht an dicht auf

der Ladefläche und hielten sich an dem Gestänge fest, an dem sonst die Plane befestigt wird.

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Als Bewachung waren zwei Soldaten mit dabei. Dann hielten die LKW in unmittelbarer Nähe

an und schon versammelten sich viele Jugendliche und Kinder, die die Polen beschimpften.

Das gipfelte darin, dass man sie mit Steinen bewarf, weil die Polen bei den Deutschen

verhasst waren. Dieser Hass auf die Polen lag darin begründet, dass die Nazis dem Deutschen

Volk Lügengeschichten über die Polen erzählten. Man sagte z.B., die Polen würden deutsche

Männer verprügeln und umbringen bzw. man würde ihnen die Zunge herausschneiden.

Meine Mutter sagte zu mir: “Tu´ das nie! Du weißt, dein Vati ist im Krieg. Was würdest du

denn tun, wenn man das mit Vati täte“.

Damals wurden die Gemüsebauern Gubens „Winzer“ genannt. Auch bei dem Gemüsebauern

Lehmann haben Zwangsarbeiter arbeiten müssen. Die Familie Lehmann hat in der

Hundsgasse gewohnt. Meine Mutter hat beim Gemüsebauern Lehmann als Aushilfe

gearbeitet. Bei den Zwangsarbeitern handelte es sich um Polen, die ihren gelben Aufnäher mit

dem „P“, und zwei Ukrainer Mädchen, die ihren blauen Aufnäher mit der Aufschrift „OST“

links am Rock trugen, so wie es Pflicht war. Diese haben auf dem Hof das Gemüse geputzt

und gewaschen, weil es zum Händler nach Berlin musste. Zum Mittagessen wurde meine

Mutter ins Haus der Lehmanns gerufen. Die Zwangsarbeiter bekamen kein warmes

Mittagessen, sie mussten auf dem feuchten Hof sitzen und haben rohe Kohlrabi gegessen.

Wer Zwangsarbeiter mit Essen versorgte, machte sich strafbar.

Weil die Front immer näher kam, haben alle Händler ihren Warenbestand ohne Karten

verkauft. Das war damals in Guben erlaubt, denn für Guben gab es eine Sonderregelung, da

unsere Stadt zur Frontstadt erklärt wurde und daher die Händler auch flüchten mussten.

Damals hat es eigentlich alles nur auf Karten gegeben. Es gab eine Lebensmittelkarte und eine

Punktekarte für Bekleidungsartikel. Eine Hose oder ein Paar Schuhe kosteten damals je

30 Punkte.

Einmal sind wir mit meiner Mutter, zu dieser Zeit, mit dem Bus in die Stadt gefahren. Seit ein

paar Tagen zogen durch Guben Polizeitruppen. Am „Ratskeller“ konnte man auf einer Tafel

lesen: „Kartoffelsalat ohne Marken“. Das hat uns natürlich gelockt und so bestellte Mutter

Kartoffelsalat. Es war kein richtiger Kartoffelsalat, nur Kartoffeln mit etwas Wasser und ohne

Mayonnaise. Wir aßen unseren Kartoffelsalat, als plötzlich ein Polizist an unseren Tisch trat

und fragte: „Junge Frau, ist hier noch ein Platz frei“? Als sie dieses bejahte, setzte sich der

Polizist. Nach einigem Zögern fragte meine Mutter: „Junger Mann, was wird nun werden?

Was soll ich tun? Sind die Russen wirklich so schlimm wie behauptet wird“? Darauf

antwortete er: „Junge Frau, wenn der Russe 30 % von dem macht, was ich gesehen habe,

sollten sie sich mit ihren beiden Jungen einen Strick nehmen und aufhängen“.

Als die Kampfhandlungen nach Guben kamen, haben wir vier Wochen im Keller bei der

Schwester meiner Mutter, Frau Voppmann, in der Pförtener Straße gelebt. Eines Tages kamen

zwei SS-Männer. Einer der SS-Männer gab uns zum Verlassen des Kellers eine halbe Stunde

Zeit, ansonsten würde was passieren, wenn wir noch da wären. Er fragte: „Ob wir hier auf den

Russen warten und ihn empfangen wollen?“

Gegenüber war ein Kolonialwarenhändler, Kaufmann Kühne. Bei ihm waren etwa zehn junge

Soldaten, vielleicht 17 oder 18 Jahre alt, untergebracht. Wenn sie Meldung bekamen, wo

Panzer gesichtet worden sind, mussten sie mit den Fahrrädern und Panzerfäusten los, um die

Panzer zu bekämpfen oder aufzuhalten. Die Panzerfäuste waren mit Strippen an ihren

Fahrrädern befestigt. Von den zehn Soldaten haben nur wenige überlebt.

Im Februar 1945 wurde die Stadt Guben endgültig evakuiert. In der Nacht, in der wir auf

Weisung der beiden SS-Leute die Stadt verließen, brannte Guben. Als wir am Hotel und

Restaurant „Schwarzer Bär“ und an der Post vorbeikamen, waren diese schon ein Opfer der

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Flammen geworden und die Stadtverwaltung zündelte auch schon. Wir mussten zum Dreieck

in die Altsprucke, denn von dort aus sollte die Evakuierung ins Landesinnere erfolgen.

Als wir von der heute polnischen Seite Gubens über die Neißebrücke kamen, sah ich drei

Soldaten stehen, von denen einer sagte: „Euer Guben wird in Schutt und Asche gelegt. Das

habt ihr alles eurem Oberbürgermeister Schmiedicke zu verdanken. Er hat eure Stadt zur

Festung erklärt“. Auf dem Weg durch die Stadt sah ich, dass auf der heutigen polnischen Seite

alles zerstört und kaputt war und die heutige deutsche Seite fast unversehrt war. Die Russen

haben ja nur den Brückenkopf beschossen. In der Altsprucke angekommen, wurden wir auf

Trecker mit Anhängern verfrachtet und ab ging es nach Jessern bei Calau. Ich weiß noch, in

Jessern war ein polnischer Offizier, er hieß Josef, der durfte auch nicht mit den Deutschen an

einem Tisch sitzen.

Zur „Reichskristallnacht“ kann ich nicht viel sagen, aber ein Erlebnis ist mir in Bezug auf die

Juden in Erinnerung geblieben. Eine Kolonne jüdischer Frauen, kahl geschoren, mit einem

Strick um den Bauch, mussten, bewacht von SS-Frauen und Hunden, durch Gubens Straßen

laufen, um bei der Firma Steinke zu arbeiten. Ihr Lager war im Königspark und sie mussten

täglich dorthin marschieren.

Der Bruder meiner Mutter, Herbert Valentin, war Zimmermann und war 1933/34 arbeitslos.

Mit seinem besten Freund Karlchen, es war ein lustiger und vergnügter Typ, ging er zu Schulz

nach Sembten, zum Kartoffeln lesen. Für einen Korb Kartoffeln gab es damals fünf Pfennige.

Beim Kartoffeln lesen fing Karlchen plötzlich an zu pfeifen, u. a. die Internationale, weil ihm

gerade danach war, aber nicht um zu provozieren. Daraufhin wurde Karlchen von der Gestapo

abgeholt und war ein Jahr im KZ, dass Sonnenburg hieß. Als er entlassen worden war,

erkannte man Karlchen nicht mehr wieder. Aus dem lustigen und vergnügten Karlchen ist ein

ruhiger, in sich gekehrter ernster Mensch geworden. Er arbeitete dann im Wollelager der

Firma Steinke & Co. Im Mai 1938 brach dort ein Feuer aus. Als Karlchen am Morgen zur

Arbeit kam, sagte der Pförtner zu ihm: “Karlchen, es ist gut, dass du kommst, die

Kriminalpolizei wartet schon auf dich“. Sie wollten ihn nur befragen. Er wurde aber nicht

verdächtigt. An die Erlebnisse im KZ denkend und erschrocken erwiderte Karlchen: „Ich

muss noch mal nach Hause, weil ich was vergessen habe“. Er ist dann aber zur Bahnstrecke

Breslau – Berlin – Hamburg gefahren, hat sich auf die Schienen gelegt und ist von einem Zug

überrollt worden.

Eines Tages, als ich nach Hause kam, überraschte ich meine Mutter dabei, wie sie die so

genannten „Feindsender“ Radio Moskau und Radio London hörte. Weil sie dass unter einer

Decke tat, sagte sie zu mir, ich solle das niemandem verraten, weil sie ahnte, wie es im KZ,

diese Strafe gab es dafür, sein musste. Sie wollte schließlich wissen, wie es wirklich um die

deutschen Kampfverbände und deren Lage stand, war doch ihr Mann auch im Krieg.

Nach dem Krieg habe ich drei Jahre bei der Firma Fuhrmann in der Altsprucke meine

Tischlerlehre absolviert. Danach war ich Angehöriger der VP-See. Von Ende 1955-1957

studierte ich Finanzwirtschaft in Gotha. Das Wissen, das ich mir dabei aneignete, konnte ich

als Bürgermeister gut verwenden.

Von 1969-1990 war ich Bürgermeister der Stadt Guben.

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Zwei Zentimeter blieben drüber

Erinnerungen von Werner Micksch

Ich möchte einige Episoden aus meiner Schul- und Lehrzeit schildern.

Am 26. März 1924 wurde ich in Guben geboren. Meine Eltern waren Arbeiter in der

Hutfabrik, Hitlergegner, gehörten vor 1933 und nach 1945 keiner Partei an.

Mit meinem Freund Rudi Mürbe besuchten wir die „Pestalozzischule“. Nur wir zwei waren

in unserer Klasse nicht im Jungvolk und mussten auch am Sonnabend in die Schule gehen,

während alle anderen „Dienst“ im Jungvolk hatten.

Wir wurden gemeinsam mit Nichtmitgliedern anderer Klassen von Sportlehrer Schultka

betreut, betrieben Sport und unternahmen Wanderungen. Schulentlassung war nach der 8.

Klasse (damals war es die 1.). In diesem letzten Schuljahr galt es, sich um eine Lehrstelle zu

bemühen. Das blieb jedoch lange Zeit erfolglos.

Deshalb trat ich im November 1937 dem Jugendverband bei und erhielt von der

Berufsberatung des Arbeitsamtes mehr Chancen.

Hier musste ein Eignungstest abgelegt werden. Mein Berufswunsch war Elektriker.

Der Test verlief so: Ich hatte aus einem Stück Kupferdraht, etwa in der Länge einer

Fahrradspeiche, mit einer Kombizange eine Figur nach vorgegebener Skizze zu formen. Das

gelang ganz gut, jedoch blieb ein Stück von etwa zwei Zentimeter übrig und ich fragte, ob ich

das abkneifen könnte. Es gab keine Antwort. Eingeschüchtert und ängstlich bog ich alles

wieder auf und versuchte es noch einmal. Die gesamte Länge brachte ich unter, aber die

vielen winkeligen Knicke und Rundungen nicht mehr vollständig heraus. Fazit: Ich war für

den Beruf eines Elektrikers nicht geeignet.

Bald danach erhielt ich den Hinweis, mich bei der Firma F.W. Schmidt, Tuchfabrik in der

Kurmärkischen Straße (heute Berliner Straße) zu bewerben. Auch hier wurde getestet. So ließ

z.B. der für die Lehrlingseinstellung und –betreuung verantwortliche Juniorchef Wilhelm

Schmidt eine Handvoll Kugeln fallen und stoppte mit einer tellergrossen Uhr die Zeit, die

zum Einsammeln aller Kugeln gebraucht wurde. Schnelligkeit also war gefragt, wie sie z.B.

zum „Anlegen“ gerissener Fäden in der Selfaktorspinnerei erforderlich ist. Das hatte geklappt.

So konnte ich mit neun anderen männlichen Schulabgängern in der 1. Lehrwerkstatt einer

Tuchfabrik in Guben vom 1. April 1938 - fünf Tage nach Vollendung meines

14. Lebensjahres - bis zum 31. März 1941 den Beruf eines Wollstoffmachers erlernen. Der

Wollstoffmacher musste alle Tätigkeiten in der Tuchfabrik kennen lernen und dabei einen

vorgegebenen Grad an Fertigkeiten erreichen. Hierzu wurden nach Zeitplan die

Betriebsabteilungen durchlaufen. Schwerpunkt der Ausbildung war jedoch der Erwerb

höchstmöglicher Fertigkeiten in der Hand- und Musterweberei sowie fehlerfreie Leistungen

beim Weben auf mechanischen Webstühlen.

Der erste Tag der Lehre begann mit einer Belehrung über Rechte und Pflichten, Verhalten im

Betrieb sowie Einweisung in die Räume der Lehrwerkstatt und Informationen über den

Tagesablauf.

Danach ging es geschlossen, im Beisein von Herrn Kümmerle, zum „Hosenkönig“. Dieses

Geschäft in der Frankfurter Straße, wenige Meter vor der Neißebrücke auf der rechten Seite,

war auf Hosen spezialisiert, handelte aber auch mit Arbeitskleidung und anderem. Hier

wurden wir einheitlich mit blauen Arbeitsanzügen eingekleidet. Einen Teil des Kaufpreises

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übernahm der Betrieb, den Rest stotterten wir in einer Reihe von Wochen von unserem

„reichhaltigen“ Lehrlingsentgelt ab.

Vom 20. Juli bis 19. August, im 2. Lehrjahr, absolvierten alle einen Lehrgang „Eisen erzieht“.

Diese Einlage in der textilen Ausbildung fand ich gut und die Bezeichnung des Lehrgangs

gerechtfertigt. So erwarben wir Grundfertigkeiten der Metallbearbeitung und waren in der

Lage, anfallende kleinere Reparaturarbeiten selbst durchzuführen. Die Leitung der

Lehrwerkstatt oblag dem gestrengen jungen Herrn Kümmerle. Er war Textilingenieur und

kam aus Pößneck in Thüringen zu uns.

Der Betrieb hatte mit den Vertragspartnern Eltern und Lehrling eine so genannte

Ganztagserziehung vereinbart. Sie beinhaltete unsere tägliche Anwesenheit im Betrieb von

6.00 Uhr bis 18.00 Uhr bei voller Verpflegung. Diese war kostenlos. Das Lehrlingsentgelt

betrug wöchentlich im ersten Lehrjahr 3,- RM (Reichsmark), im zweiten 4,50 RM und im

dritten 6,- RM, jeweils abzüglich der 25 Pfennige für die Ferienkasse. Im Tagesablauf

wechselten Arbeit und Sport miteinander ab.

In meinem Lehrzeugnis vom 01. April 1941 hieß es: „Der Tuchmacher Werner Micksch hat

bei mir vom 01. April 1938 bis heute den Facharbeiter Wollstoffmacher erlernt.“ Unterschrift:

F.W. Schmidt. Wollstoffmacher war die damalige amtliche Berufsbezeichnung.

M.E. waren alle vier Chefs, Paul Schmidt, Fritz Schmidt und ihre Söhne Werner und Wilhelm

überzeugte Nationalsozialisten. Das kommt u.a. auch in meinem Lehrvertrag vom 06.04.1938

zum Ausdruck. Im § 1 „Pflichten des Lehrlings“ war ergänzend eingefügt: „...ist verpflichtet,

für die Dauer der Lehrzeit der Hitlerjugend aktiv anzugehören.“ Unmittelbar nach dem Krieg

haben meines Wissens alle Schmidts Deutschland verlassen.

Die Feriengestaltung wurde bewusst in die Unternehmungen des Jugendverbandes, der HJ,

eingeordnet. Vorrangig ging es dabei um die Entwicklung des Gemeinschaftslebens in

Zeltlagern. Es waren gut organisierte Fahrten mit großen Erlebnissen. So habe ich aus dem 1.

Lehrjahr einen Aufenthalt auf der Insel Norderney, von dort eine Tagesfahrt nach Helgoland

wie nach längerer Bahnfahrt von Nord nach Süd das Lager in Igls bei Innsbruck und das

Erklettern des Patscherkofels (ca. 2.200 m) noch in guter Erinnerung.

Die Freizeitgestaltung war im Wesentlichen jedem selbst überlassen. Der Betrieb bot häufig

Kulturveranstaltungen und solche für Weiterbildung an. Auch eine Volkstanzgruppe mit

„ausgeborgten Mädels“ aus dem Betrieb wurde für die Lehrwerkstatt geschaffen. Ansonsten

forderte die Hitlerjugend regelmäßigen „Dienst“ und jeder hatte außerdem sein eigenes

Hobby. Ich spielte begeistert Fußball. Schließlich war die Freizeit auch begrenzt, an den

Wochentagen ab 18.00 Uhr und am Wochenende ab Sonnabend 13.00 Uhr.

Alle zehn bestanden die Facharbeiterprüfung. Keiner schied vorher aus, blieb auf der Strecke

oder musste die Prüfung wiederholen. Alle erhielten selbstverständlich einen Arbeitsplatz im

Betrieb. Mit 17 „Lenzen“ standen wir dann 1941/42 zehn bis elf Stunden täglich am

Webstuhl, am Sonnabend sechs Stunden. Verdient wurde in der Woche je nach Leistung –

d.h. nach erreichter Schusszahl – 40,00 bis 45,00 RM. Das war schon was, damals!

[Schuss: mit Schützen (Schiffchen) eingeschossener Querfaden im Gewebe].

Mit Werner Kupke aus der Wilkestraße, meinem besten Freund, gehörte ich 1941 zu den

ausgewählten Jungfacharbeitern, die nach zweimaliger „Vorauslese“ in Forst (Lausitz) im

Februar 1942 in ein Reichsausleselager nach Rissen bei Hamburg delegiert wurden. Hier

wurden wir mit 30 anderen Jugendlichen aus textilen Berufen für eine Woche in einem

Internat untergebracht. Die Auslese nahmen Lehrer, Ärzte und Psychologen vor. Es wurden

Leistungen beim Schreiben von Diktaten und Aufsätzen wie das Lösen von Aufgaben im

kaufmännischen und Fachrechnen beurteilt. Eine Besonderheit war die Bewertung der

körperlichen Beschaffenheit nach Statur und Rasse. So war mir ein athletischer Körperbau mit

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fünf Teilen nordisch und ein Teil ostisch bescheinigt. Diesen Unsinn habe ich noch heute gut

in Erinnerung. Beide erhielten wir und vier andere Teilnehmer ein Freistudium zum

Textilingenieur. Nach unserer Einberufung zum Reichsarbeitsdienst und anschließendem

Dienst bei der Wehrmacht bekamen wir regelmäßig zu unserer Weiterbildung Soldatenbriefe

mit fachorientiertem Inhalt – auch an der Front. Der Krieg hat das Studium nicht stattfinden

lassen. Keinen meiner Kumpel aus der Lehrzeit habe ich danach wieder gesehen. Sehr bitter!

Sehr traurig! Der Krieg war furchbar!

Zu den o.a. Berufseignungsprüfungen will ich kommentieren, dass solche Momentaufnahmen

dafür untauglich sind, eher beim Misslingen Angst- und

Minderwertigkeitsgefühle auslösen. Die Maßnahmen für die Auswahl Jugendlicher zur

Förderung in ihrem Beruf sind m.E. mit Ausnahme der angeführten rassistischen Bewertung

akzeptabel.

Meine Lehre aus heutiger Sicht: Es waren keine Herrenjahre. Die Ausbildung war straff

organisiert. Es herrschte ein bestimmender Ton – ein autoritärer Lehrstil, doch gab es auch

menschliche Zuwendung. Disziplin, Ordnung und Sauberkeit waren höchstes Gebot. Das

Ergebnis war eindeutig positiv.

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Es gab viele Tränen

Erinnerungen von Rosemarie Nerlich

Ich wurde 1923 in Guben geboren. Wir wohnten im Kastaniengraben/Werdermauer. Bis zum

Tod meiner Großeltern bewohnten wir diese Wohnung. Mein Großvater war als Literat hier

bekannt. Er verfasste mehrere Gedichtbände und auch Theaterstücke. Von ihm stammt auch

das bekannte Gedicht „Der Bismarkturm“. Er war Prokurist und Kaufmännischer Direktor in

der Berlin-Gubener Hutfabrik, Direktor war Dr. Lewin, er war Jude.

Mein Vater arbeitete im Finanzamt Guben als Steuerinspektor. Auch er hatte Kontakte zu

jüdischen Familien, u.a. Dr. Kaplan und Dr. Goldschmidt. Diese Kontakte wurden ihm zum

Verhängnis – man verdächtigte meinen Vater auch als Juden und verwehrte ihm seine

Beförderung. Die Auflage, einen arischen Nachweis zu erbringen, konnte er mit sehr viel

Aufwand an Zeit und Geld erbringen. Zusätzlich musste er viele Verhöre mit längerer

Abwesenheit von zu Hause durchhalten. Auch im täglichen beruflichen Leben ging nicht

immer alles glatt. So warf ein Gubener Fischhändler meinem Vater die Akten ins Gesicht, so

dass die Brille zu Bruch ging. 1942 starb mein geliebter Vater an den Folgen eines

Magendurchbruchs in meinen Armen – man weigerte sich im Wilke-Stift ihn aufzunehmen,

da ich nachts keine ärztliche Einweisung auftreiben konnte.

Durch den Umzug meiner Eltern 1932 musste ich auch die Schule wechseln von der

Hindenburgschule zur Pestalozzischule. Das empfand ich als Strafe, denn ich musste mich

von meinen Freundinnen trennen und von meiner geliebten Lehrerin Frau Weiß. Mit ihr hatte

ich aber bis 1945 noch ganz engen Kontakt. In der neuen Schule gab es viele Tränen, die

Religionslehrerin Frau Lehmann nannte mich „Rossmarie“, was mich sehr kränkte.

Rücksprachen meines Vaters halfen auch nicht.

Viele Lehrer haben sich neutral verhalten. Lehrer Richter hat z.B. nie den rechten Arm zum

Hitlergruß erhoben, weil er eine Beinprothese hatte und demzufolge in der rechten Hand

seinen Stock halten musste.

Als Jungmädchen waren wir am Sonnabend von der Schule befreit und trafen uns in der Alten

Poststraße in einem Hinterhaus zum Basteln, haben Lieder gesungen und Spiele gemacht.

Wir waren ein bunt zusammen gewürfelter Haufen aus verschiedenen Schulen. Dort war ich

gerne, ohne gezwungen zu werden. Später im BDM trafen wir uns im „Totila“ (nach einem

Ostgotenkönig benannt; früher Gaststätte „Kaminskis-Berg). Handarbeitsabende,

Liederabende wechselten sich ab. Ich nahm auch an einem Kochkurs teil.

Nach der Schule blieb ich ein Jahr zu Hause, um mich um meine herzkranke Mutti und meine

beiden kleinen Geschwister (2 Jahre alt) zu kümmern. Mit einer Ausnahmegenehmigung

absolvierte ich so mein Pflichtjahr. In der Berufsschule besuchte ich daraufhin die Haushaltsklasse.

Beim Berufswettbewerb erreichte ich die erforderlichen 100 Punkte und durfte als

Belohnung an einem Festabend in der Gaststätte „Sanssouci“ teilnehmen.

Mit 15 Jahren begann ich meine Lehre bei Radio-Schefter im kaufmännischen Bereich. Da

ich mich für vieles interessierte, habe ich mich auch mal handwerklich versucht (Stecker anbringen

und ähnliches). 1942 habe ich meine Lehre abgeschlossen und den Betrieb

gewechselt, zur Maschinenfabrik Heinze, wo ich im Kalkulationsbüro meine Arbeit begann.

Ich wurde dann auch als Sekretärin bei Ausfällen durch Krankheit eingesetzt. Diese Einsätze

haben mich dann auch geprägt, so dass ich bis zum Eintritt ins Rentenalter (1983) als

Sekretärin tätig war. 1967 habe ich eine Tätigkeit im CFG aufgenommen.

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Herr Kraney, der Chef der Fa. Heinze, war ein strenger, aber gerechter Chef. Er hat sich kurz

vor Kriegsende aus Angst erschossen denn wir waren ja auch ein Rüstungsbetrieb, in dem

auch Ausländer arbeiten mussten. Öfter wurden mal von uns die Frühstücksbrote irgendwo

liegen gelassen. Wohin die Menschen gebracht wurden ist mir nicht bekannt.

Am 21.12.1944 wurde meine Tochter geboren und am 11.02.1945 mussten wir Guben

verlassen, Richtung Dresden. Es war nicht leicht mit einem Baby, einer kränklichen Mutter

und den beiden zehnjährigen Geschwistern. Ich war praktisch die Verantwortliche für alles.

Unsere Rückkehr war am 22. Juni 1945 und drei Wochen später standen wir unter Quarantäne

– Typhus! Mein alter Großvater und mein kleiner Bruder überlebten nicht, meine Mutti war

halbseitig gelähmt und ich hoffte inständig, dass meine Haare wieder wachsen werden.

Meine Hoffnung, dass mein Mann aus Rumänien heimkommen würde, zerschlug sich dann

1947 gänzlich.

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Ich wollte zur Kavallerie

Erinnerungen von Paul Grünitz

Ich bin am 7. Oktober 1923 in Guben geboren. Wir wohnten in der Salzmarktstraße (heute

Gubin). Meine Familie bekannte sich bereits vor 1933 zur Sozialdemokratie.

Mein Berufswunsch war schon als Kind, Soldat zu werden. Ich kannte zu dieser Zeit die

negativen Auswirkungen und letztendlich die Konsequenzen des „Soldat sein“ noch nicht.

Meine Liebe galt den Pferden. Deshalb wollte ich auch später zur Kavallerie.

Für uns Kinder war es in dieser Zeit normal, dem Jungvolk beizutreten. So wurde auch ich

Mitglied beim Jungvolk und später wurde ich automatisch in die Hitlerjugend (HJ)

aufgenommen. Bereits dort erhielten wir die erste vormilitärische Ausbildung, das heißt, wir

lernten marschieren und exerzieren.

1935 bis 1940 wurden in Guben fünf Kasernenanlagen errichtet. 1935 z.B. begann der Bau

der Moltke-Kaserne, und ab 1937 entstand die Kasernenanlage I, II und III in Mückenberg.

Diese wurden ausschließlich von den Soldaten des 29er Regiments belegt. Davon wurden

vom Heer vier Anlagen und eine Anlage von der Luftwaffe benutzt. Die Luftwaffe hat 1937

den bereits bestehenden Fliegerhorst von einer Sportvereinigung übernommen und ausgebaut.

1935 wurde Guben als Garnisonsstadt erklärt. Der Aufbau der Garnisonsstadt Guben ging

über 1940 hinaus, z.B. Bau von Dienststellen in den Kriegsjahren (Verpflegungshauptlager).

Da ich einen militärischen Beruf ergreifen wollte, delegierte mich die HJ 1938 für zwölf

Monate in ein Ausbildungslager nach Kriescht, das sich im Kreis Weststernberg im Raum des

Warthe-Flusses (heutiges Polen) befindet. Dort erlernte ich den Umgang mit Pferden.

Gleichzeitig musste ich aber auch den dort ansässigen Bauern bei der Arbeit helfen.

Nach dieser Ausbildung kam ich nach Guben zurück und arbeitete als Volontär für ein Jahr

bei der Berlin-Gubener Hutfabrik AG, Abt. Lißner. Als Volontär lernte man den kompletten

Produktionsablauf eines Betriebes kennen, es ist aber keine Lehre. Mein Berufsziel war ja die

Armee.

Anschließend wurde ich für sechs Monate zum Aufbau einer Munitionsfabrik bei Glöven im

Raum Wittenberge dienstverpflichtet.

Wenige Tage nach meinem 17. Geburtstag wurde ich zum Reichsarbeitsdienst (RAD)

verpflichtet. Ich kam nach Bomst.

Auf Grund meines Berufszieles wurde ich in eine Abteilung eingezogen, in der ich

ausschließlich eine militärische Ausbildung erhalten habe, wie z.B. Karten lesen, Umgang

mit dem Kompass etc., jedoch noch keine Waffenkunde. In dieser Abteilung waren meistens

Hitlerjungen, die sich freiwillig zur Armee meldeten. Hier wurden wir für den Militärdienst

vorbereitet.

Nach dem RAD 1941 erfolgte sofort die Versetzung in das 9. Kavalerieregiment in

Fürstenwalde. Das Kavallerieregiment stellte die Aufklärungsabteilung zusammen. Ich erhielt

von Februar bis Mai 1941 eine Ausbildung als Aufklärer für die Infanteriedivision. Während

der Rekrutenzeit (Grundausbildung) erhielt ich zwei Spezialausbildungen, eine als Funker

sowie als Truppenführer eines Granatwerfertrupps.

Noch bevor der Krieg mit der Sowjetunion begann, bin ich in die 163. Infanteriedivision nach

Norwegen gekommen. Während des Krieges war diese in der Zeit von 1941 bis Anfang 1942

hauptsächlich einem Verband der finnischen Armee unterstellt.

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Es war die einzige Division, die das Recht hatte, von Norwegen nach Finnland durch

Schweden zu fahren. Deutschland und Finnland haben den Krieg gegen die Russen zusammen

geführt. (Der zweite finnisch-russische Krieg begann ca. Juli 1941 gegen die Sowjetunion).

Neun Monate lang war unsere Division direkt den Finnen unterstellt. Die Kriegshandlungen

verschlugen mich auch hinter die Front der Roten Armee im Raum von Murmansk, Nähe

Kola-Halbinsel).

Im Sommer 1944 begann die Offensive der Roten Armee gegen Finnland. Die Lappland-

Armee, 20. Gebirgsarmee (eine deutsche Armee), der meine Division angehörte, wurde in

diese Kämpfe verwickelt. Die 163. Division wurde dann aus Finnland über Norwegen und

Dänemark abgezogen und 1945 in Hinterpommern (Deutschland) eingesetzt. Dort wurde sie

dann durch die Weichsel-Oder-Operationen durch die Rote Armee zerschlagen. Nur wenigen

Soldaten ist es gelungen, der Kriegsgefangenschaft zu entgehen, indem sie durch die

sowjetische Front durchgestoßen waren. Die Kriegsmarine hat uns dann aus Hinterpommern

im Februar 1945 mit drei Kriegsschiffen (Kanonenboote) in das „Reich“ im Hafen von

Swinemünde abgesetzt. Im März 1945 in Deutschland angekommen, wurde auf der Insel

Wollin die 3. Infanterie-Division zusammengestellt. Sie wurde im April 1945 um die

Kampfhandlung in Berlin eingesetzt.

Am 2/3. Mai 1945 kam ich in amerikanische Gefangenschaft und wurde anschließend in

Schleswig-Holstein interniert.

Den Krieg hatte ich, im Gegensatz zu vielen anderen, ohne nennenswerte gesundheitliche

Probleme überstanden, jedoch habe ich viel Elend und Leid auf beiden Seiten der Front

gesehen.

Ich begann mein Leben neu zu überdenken, auch politisch.

Mein Sinneswandel begann bereits auf dem Rückmarsch von Finnisch-Lappland über

Norwegen und Dänemark nach Deutschland.

In meiner Zeit als Aufklärer in Norwegen und in den Einsatzgebieten habe ich viel Not, Elend

und negative Erlebnisse über den Krieg erfahren müssen. Es entbrannten oft darüber heiße

Diskussionen auch mit den damals Freiwilligen. Auch meine Eltern waren Sozialdemokraten

und ich wusste, dass sie die Rolle der Sozialdemokratie bis zur Gleichschaltung nicht für gut

hiesen.

Auch im Internierungslager, wo ich mit Zivilisten zusammentraf, gab es viele Diskussionen

und die große Frage: „Was nun?“ Die stand immer.

Der Krieg hatte seine Spuren in meinem Denken hinterlassen…

Am 31. Dezember 1945 traf ich in stockdunkler Nacht auf dem Gubener Bahnhof ein.

Ich wollte nur noch nach Hause!

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Es war der reinste Vandalismus

Erinnerungen von Frau Ilse Jöhnke

1921 wurde ich in Guben geboren. Meine Eltern waren beide Hutarbeiter in der Gubener

Hutfabrik in der Mittelstraße und später dann in der Hutfabrik bei Steinke & Co. Und als

diese später dann teilweise abbrannte, bekam Vater Arbeit in der Hutfabrik in der Alten

Poststraße (Haarhutfabrik). Mutter wurde zu Kriegsanfang dienstverpflichtet, zu Lager- und

Küchenarbeiten, in die Moltke-Kaserne.

Sie waren arbeitsame Leute und parteilos. Wir bewohnten ein Haus in der Eichelstraße.

Ich besuchte die Hindenburgschule und die Sandschule. Nach Hitlers Machtantritt mussten

wir immer mit „Heil Hitler“ grüßen. Meine Freizeit verbrachte ich meistens im Turnverein

MTV (Männer-Turnverein). Sport bereitete mir viel Spaß und so bin ich auch in der Staffel

mitgelaufen, z.B. beim Sportfest in Forst.

Auch besuchte ich öfters die Vorstellungen in unserem schönen Stadttheater. Als Schülerin

wurde ich sogar mal ausgesucht und durfte in der Oper „ La Boheme“ in einer kleinen Rolle

mitspielen und singen. Das hat mir viel Spaß bereitet.

Mitglied im BDM (Bund Deutscher Mädchen) war ich nicht. Ich brauchte auch kein

Pflichtjahr machen.

Bei der Firma Wege, einem Schirm- und Lederwarengeschäft, lernte ich Verkäuferin. Unweit

meiner Arbeitsstelle befand sich auch das große jüdische Konfektionsgeschäft Meier. In der

„Reichskristallnacht“ wurden dort sämtliche Schaufenster eingeschlagen und anschließend

ausgeplündert. Auch beim Schuhgeschäft Stempel, das sich zwei Häuser weiter befand, waren

die Scheiben eingeschlagen und alles zerstört worden. Es war der reinste Vandalismus. Was

aus dem alten Ehepaar Stempel wurde, weiß ich nicht. Als ich das am nächsten Tag sah,

konnte ich es nicht begreifen, weshalb man so etwas tat. Ich musste die Glasscherben vom

Bürgersteig kehren. Es war schrecklich und ich hatte Angst.

Ebenso war es mit der jüdischen Synagoge. Die wurde auch ausgeplündert und abgebrannt.

Sämtliche Lebensmittel wurden aus dem Fenster geworfen.

Zu Kriegsbeginn 1940/41 wurde ich dienstverpflichtet. In der AEG Hennigsdorf, einer

Rüstungsfabrik, mussten wir Frauen Nadeln für Granaten prüfen. Neben den deutschen

Frauen waren auch Zwangsverpflichtete aus Russland und Kroatien dort. Ihr Arbeitsplatz war

extra abgeteilt. Von Misshandlungen dieser Zwangsarbeiter habe ich nichts bemerkt.

Ich weiß noch, dass die Frauen schöne Blumen aus Papier herstellen konnten, die sie uns

schenkten.

Die Männer arbeiteten an Drehmaschinen und mussten Hülsen für Granaten herstellen.

Zum Glück brauchte ich meine volle Zeit der Dienstverpflichtung nicht abarbeiten, denn es

stellte sich heraus, dass ich schwanger war.

1942 habe ich einen Soldaten geheiratet, der zum Glück auch den schrecklichen Krieg

überlebt hat, der aber leider 1946 an den Folgen des Krieges verstorben ist.

Mein Vater wurde 1945 eingezogen und gilt bis heute als vermisst.

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Eine „Kopfnuss“ hat nicht geschadet

Erinnerung von Herrn Reinhold Gölling

Am 29.11.1921 bin ich als Kind einer Arbeiterfamilie in Guben geboren. Vater arbeitete als

Hutarbeiter, Mutter war 21 Jahre beim Strumpffabrikanten Linke in Stellung und danach

zeitweise in dessen Fabrik in der Winkelstraße als Näherin tätig. Ich hatte eine ganz normale

Kindheit. Eingeschult wurde ich in der Stadtschule, wo ich auch das erste Schuljahr

absolvierte. Dann erfolgte die Umschulung in die Klosterschule, die ich bis 1936 besuchte

und mit der 8. Klasse abschloß.

Zu den Lehrern kann ich sagen, dass damals mehr Ordnung in den Schulen herrschte, dass

heißt, seitens der Schüler die Autorität der Lehrer und auch die Achtung gegenüber

Erwachsenen gegeben war.

So kann ich mich noch an folgende Episode erinnern:

Als Schuljungen hat man sich ja auch ab und zu mal etwas „gekappelt“. Auch ich gehörte

dazu. Und so haben wir, ich und ein Schulkamerad, auf dem Heimweg etwas gerungen. Da

kam ein etwas älterer Herr dazu und wies uns mit ein paar passenden Worten, das dies nicht

in Ordnung sei, in die Schranken. Wir hörten auf zu ringen, ohne noch jeglichen Widerspruch

abzugeben.

Es kam auch ab und an vor, wenn Disziplin und Aufmerksamkeit in den Schulstunden zu

wünschen ließen, dass der Lehrer kurz mit dem Rohrstock, der damals ja noch aktuell war,

um sich Respekt zu verschaffen, u.a. über die Fingerspitzen hieb. Das zwiebelte ganz schön.

So beobachtete der Lehrer vom Pult einmal, dass ein Schüler in der letzten Reihe in der

Schulstunde unaufmerksam war, weil er unter seiner Bank eine „Schwarte“ las. Da musste der

Schüler nach vorn kommen, sich mit dem Bauch auf den Lehrerstuhl legen und dann bekam

er mit dem Rohrstock eine übergezogen.

Fakt ist, dass das nicht die richtige Methode war, Kinder zu erziehen. Ich muss aber auch

sagen, dass wir durch solche Methoden, sicherlich auch aus Angst heraus, zu Disziplin und

Achtung gegenüber den Erwachsenen erzogen wurden.

Von Fall zu Fall könnte auch mal eine „Kopfnuss“ nichts schaden, die fordert sogar

manchmal das Denkvermögen!

Außerhalb der Schulzeit hat unser Sportlehrer, Herr Schadkowski, im Zeitraum 1934/35

einigen von uns das Trommeln und Querflöte spielen beigebracht. Als alles klappte, sind wir

von der Klosterschule zu Schreiberswiesen (Hindenburgplatz) marschiert. Das hat uns allen

viel Freude und Spaß bereitet. Wir waren mit „Leib und Seele“ dabei.

Eines Tages erschien Herr Mix jun., der Sohn des Pfarrers Mix in Funktion als

Jungvolkführer in der Schule. Er war daran interessiert, dass unser Spielmannszug ins

Jungvolk (Schüler bis 14 Jahre) integriert wird. Einige Jungen waren schon Jungvolk-

Mitglied. Und so wurde der Spielmannszug geschlossen ins Jungvolk übernommen. Mit 14

Jahren kam ich in die HJ, wie es zu dieser Zeit üblich war.

Neben dem Spielmannszug des Jungvolkes und der HJ gab es noch einen erstklassigen

Fanfarenzug diese beiden ergänzten sich hervorragend. Es wurden überregionale Wettkämpfe

ausgetragen bei denen die Gubener immer sehr erfolgreich waren. Wir hatten eine schöne

Zeit. Ich erlebte ein großes Sport- und Musikfest im Gubener Stadion (heute Gubin) mit.

Guben war bekannt durch seine vielen Hut- und Tuchfabriken, die alle eine ausgezeichnete

Qualität lieferten. Diese beiden Branchen waren die hauptsächlichsten Arbeitgeber der

Gubener Bevölkerung. Sämtliche Maschinenteile die zur Produktion dieser Erzeugnisse

notwendig waren, sei es vom Treibriemen bis zur Hutform wurden in Guben hergestellt. Das

hatte natürlich auch eine positive Auswirkung auf die Entwicklung der Stadt. Es wurden

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Gewinne erzielt, den Betrieben ging es gut und so konnten sie der Stadt auch etwas

zukommen lassen.

So z.B. ließ Firma W. Wilke für die Stadt das Wilke-Stift und die Kirche zum Guten Hirten

bauen. Lehmann & Wwe. – das Schloß in Bärenklau (private Nutzung), sowie den Bau einer

Mühle in Groß Gastrose.

Nach Beendigung meiner Schulzeit begann, einher gehend mit der Berufswahl, für mich ein

neuer Lebensabschnitt. Eigentlich wollte ich KFZ-Mechaniker werden. Das war mein

Traumberuf. Vater und ich gingen zur Berufsberatungsstelle, die befand sich in der

Kurmärkischen Straße (heutige Berliner Straße). Dort wurden mir Fragen gestellt und ich

musste mich einem so genannten Intelligenztest unterziehen. Da ich außerdem ein gutes

Abgangszeugnis besaß, wurde von diesem Berufsberatungsgremium festgelegt, dass ich für

einen kaufmännischen Beruf geeignet bin. Und so musste mein Vater für mich einen

Ausbildungsbetrieb suchen. Auch damals galt schon der Slogan: Nicht jeder bekam seinen

sondern einen Ausbildungsberuf.

Ein guter Bekannter hat sich eingesetzt, dass ich eine Lehrstelle bei der Firma „Lehmann &

Richter“ bekam.

Und so begann ich am 01. April 1936 meine dreijährige Lehre als Handlungsgehilfe

(gleichzusetzen mit dem heutigen Industriekaufmann). Mein erster Ausbildungstag endete

nicht wie gewohnt nach acht Stunden. Es war Musterzeit und neue Musterkollektionen wurden

dafür erarbeitet und mussten schnellstens zum Versand gelangen. Ich half mit, so genannte

Kreuzbänder mit den Stoffmuster zu bestücken. Beladen mit einem großen Sack voller

Kreuzbänder und einer Aktentasche voll Briefpost habe ich dann spät abends, so gegen 20.30

Uhr den Betrieb verlassen und alles zur Bahnpost auf den Bahnhof gebracht. Diese gab es

damals noch. Denn der Kunde wünschte am nächsten Tag die Musterkollektion zu empfangen.

So war ich dann an meinem ersten Lehrtag erst gegen ca. 21.30 Uhr zu Hause. Es gab Krach

mit meinem Vater, als ich kam, denn er konnte es nicht leiden, wenn man nicht pünktlich nach

Hause kam. Hatte er doch angenommen, ich hätte mich noch irgendwo rumgetrieben. So

begann mein Berufsleben. Drei Jahre lang hatte ich das „Vergnügen“ Sonntag für Sonntag

um 8:00 Uhr das Postfach zu öffnen, in die Postmappe die Eingangspost einzusortieren und

diese dann zur Villa, die sich heute noch auf dem Grundstück befindet, zu Herrn Engel in den

Wintergarten zu bringen. Dort musste ich dann solange warten, bis er die Post gesichtet und

bearbeitet hat, durfte anschließend noch mit der Schreibmaschine evtl. Korrespondenz

schreiben, sie mit der Unterschrift vom Chef postfertig machen.

„Ja, wir haben arbeiten gelernt!“

Neben einer guten Qualitätsarbeit wurde auch die Ausnutzung der Arbeitszeit bewertet. Nicht

nur bei den kaufmännischen Lehrlingen, sondern auch bei den Tuchmacherlehrlingen haben

die Lehrmeister aufgepaßt.

In meiner Jugend habe ich auch viel Sport getrieben. Und so kann ich auch stolz berichten,

dass ich 1936 bei der Eröffnung der „Olympischen Spiele“ in Berlin dabei gewesen bin.

Zwar nicht im Stadion, sondern „Unter den Linden“ haben wir gestanden und den Sportlern

zugejubelt. Hitler habe ich auch gesehen. Er fuhr mit dem Auto an uns vorbei.

Berlin war für mich wie meine zweite Heimatstadt. Wir hatten dort sehr viele Verwandte zu

wohnen. Meine Großtante hatte dort einen großen Kahnverleih am „Treptower Park“. Da

habe ich oft die Schulferien im Sommer verbracht.

Die Betriebsangehörigen von „Lehmann & Richter“ waren Sport begeistert und somit auch

Mitglieder in vielen Sportgemeinschaften. Bei jährlichen Straßenstaffelläufen der Betriebe

war auch „Lehmann & Richter“ immer dabei. So hat die Mannschaft dreimal in Folge in den

Jahren von 1935 bis 1938 immer den 1. Platz belegt. Das war sogar in derGubener

Zeitung“ zu lesen.

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Nach Hitlers Machtübernahme verringerte sich in Deutschland die Zahl der Arbeitslosen. So

gab es zu dieser Zeit auch in Guben kaum Arbeitslose. Die Industrie florierte. Es wurden der

Ostwall und der Westfall sowie die Autobahn gebaut. Dadurch waren die Arbeitslosen „weg

von der Straße“. Deswegen haben ja auch so viele „Heil Hitler“ geschrien. Daran denkt

heute keiner mehr.

Und dann kam die „Kristallnacht“ ...

Ich ging frühmorgens zur Arbeit, vom Markt zur Neißebrücke. Da habe ich gesehen, dass an

vielen Textil- und Schuhgeschäften die Schaufensterscheiben eingeschlagen waren. Überall

lagen Glasscherben herum. Ich konnte anfangs nicht verstehen, weshalb man solche Aktionen

vornahm. Mit dem Verstand eines 17-jährigen konnte man das Geschehene noch nicht

voraussehen, was da noch auf uns zukommen sollte. Aber, dass das nicht in Ordnung war,

dass haben wir alle gewußt, nur die „Gusche“ durften wir nicht aufmachen.

Einen ehemaligen Schulkamerad, Heinz Tock, er war Jude und wohnte mit seinen Eltern in

der Gubener Synagoge. Ich habe ihn nach der so genannten Kristallnacht nie wieder gesehen.

Auch mein Chef, Arthur Engel sen., war Jude. Im Frühjahr 1938 ist er mit seiner Frau nach

Kappstadt zu seinem Sohn Heinz gefahren. Dieser hatte damals schon Deutschland

verlassen. Wir vermuteten alle, dass er bei seinem Sohn bleibt. Aber er ist wiedergekommen,

obwohl bereits 1935 die Aberkennung der Staatsbürgerschaft der Eheleute erfolgte. Herr und

Frau Engel wurden von den Nazis abgeholt. Der Zeitraum muss so um Ende 1938/Anfang

1939 gewesen sein.

Unsere Chefs, Herr Albert Richter, als auch Herr Engel sen., waren bei der Belegschaft

eigentlich gut angesehen und geachtet. Herr Richter stattete immer schöne Betriebsfeiern aus.

Man konnte auch mit ihm gut reden.

Da Herr Albert Richter mit der Tochter von Herrn Engel sen. eine „Mischehe“ (Engel war

Jude) eingegangen war, wurde er von den Nazis nach Berlin/Schöneberg in eine

Getränkefabrik strafversetzt.

Ernst Richter, er trug an seinem Anzug ein Abzeichen der NSDAP, aus Berlin kommend,

übernahm die Geschäfte des Betriebes, nachdem die Strafversetzung seines Bruders

vorgenommen wurde. Im Gegensatz zu seinem Bruder Albert Richter war Ernst Richter ein

sehr unangenehmer Chef. Bei ihm fragte ich einmal wegen einer Gehaltsaufbesserung nach,

da meinte er nur, dass sei nicht möglich - es ist Lohnstopp - und ließ mich stehen. Ich durfte

aber für drei arbeiten, weil andere Angestellte bereits Soldaten waren.

Nach 1945 kam Albert Richter wieder zurück in seinen Betrieb und hat zusammen mit dem

Gewerkschaftsvorsitzenden Kurt Raake erwirkt, dass die Maschinen nicht als Reparation

nach Russland verbracht wurden.

Und dann begann der 2. Weltkrieg. Schon die Vorbereitung des Krieges hat große Lücken in

den Betrieben gerissen.

Ich werde nie den Kriegsbeginn vergessen, wie am ersten und zweiten September 1939 die

Staffeln der Stukas ´gen Ost geflogen sind. Es dauerte nicht lange und die ersten

Verlustmeldungen kamen. Todesanzeigen waren in derGubener Zeitung“ zu lesen. Ich

kannte auch einige „Musikusse“ vom Militärorchester des 29er Regiments, genannt „ADis

Jungs“. Die machten als Big Band im Schützenhaus hervorragende Tanzmusik.

Die Stimmung im Volk fing an zu bröseln. Ich, war fast der Einzige meines Jahrgangs, der

1940 noch nicht eingezogen war. Grund dafür war, dass ich aus gesundheitlichen Gründen

zeitlich untauglich geschrieben war. Für uns alle, hauptsächlich für meinen Vater, war es ein

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furchtbares Ereignis, als wir erfuhren, daß mein Bruder am 15. Juni 1940 in Frankreich

gefallen war. Daraufhin habe ich mich freiwillig zur Armee gemeldet.

Anfang Februar 1941 wurde ich eingezogen. Elf Wochen lang erfolgte die Ausbildung als

Funker in Jüterbog. Die zugeteilte Einheit sollte anschließend nach Kreta. Wir sind aber nur

bis nach Bulgarien gekommen. Die Insel Kreta war aber inzwischen gefallen. Von dort

wurden wir an die russische Grenze, unweit von Moldawien, verlegt. 1943 habe ich im

Donezkbecken den Rückzug von Stalingrad miterlebt. Im zweiten Halbjahr 1943 wurden wir

mit der Einheit nach Italien verlegt. Vom August 1945 bis 1948 bin ich zuerst in die

amerikanische und Monate später in die englische Gefangenschaft gekommen. Von Tarent

ging es dann nach Alexandria und von dort in die Wüste nach El Daba. Hier mussten wir für

den Engländer arbeiten. Als Lohn bekamen wir ein geringes Entgelt.

Ende 1948 im September bin ich dann mit dem vorletzten Truppentransporter nach Triest

gekommen und von dort mit der Bahn ins Quarantänelager bei Treuenbrietzen. Am 16.

Oktober 1948 war ich endlich wieder zu Hause in Guben.

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Mit dem Floß ging es die Neiße hinunter

Erinnerungen von Heinz Henschel

Geboren wurde ich am 9. Mai 1921 in der Straupitzstraße 8 in Guben.

Mein Vater war Kutscher beim Kohlenhändler Hugo Lehmann. Dieser war der Besitzer von

den zwei Braunkohlegruben „Gottes Hilfe“ und „Nasser Fleck“. Die eine ist abgebrannt und

die andere ersoffen. Der Bismarck-Turm z.B. wurde auf der Berghöhe „Hugo Lehmann“

erbaut.

Mutter war Hausfrau. Die Eltern interessierten sich nicht für Politik.

1927 wurde ich in die Hindenburgschule eingeschult, die ich acht Jahre lang besuchte. In der

Nähe befand sich das „Bergschlößchen“ – ein schönes Tanzlokal.

Unsere Lehrer waren in Ordnung. Lehrer Dorn z.B. unterrichtete u. a. noch an der

Volkshochschule Stenografie, die ich interessenhalber auch erlernte. Herr Fiedler gab

Gesangsunterricht. Konrektor Raabe war der Direktor der Schule. Wie auch alle anderen

Jungen gehörten wir in der 1. Klasse den „Pimpfen“ an. Wir unternahmen Wanderungen,

Geländespiele etc., die uns immer großen Spaß bereiteten.

Mit zehn Jahren wurden wir dann ins „Jungvolk“ übernommen. Hier war der Sport

das A und O.

Mit Eintritt in die Lehre wurde ich in die Marine-HJ aufgenommen. Im evangelischen

Pfarrhaus, in der Hundsgasse, hielten wir unsere Versammlungen ab. In Schiedlo, einem Ort

gegenüber von Ratzdorf, lag unser Kutter (Rettungsboot von der Marine). Auf dem Boot

konnten zehn Mann rudern. Dort trafen wir uns jedes Wochenende. Als Unterkunft diente uns

eine Baracke. Wir bauten sogar ein Floß zusammen und sind damit von Guben die Neiße

hinunter nach Ratzdorf und über die Oder nach Schiedlo gefahren. Das war toll. Eine

Episode, an die ich mich auch noch erinnere, war der gemeinsame Ausflug sämtlicher

Marine-HJ´s von Brandenburg mit ihren Kuttern von Fürstenberg stromaufwärts über die

Müritz nach Potsdam. Hier besuchten wir die Garnisonskirche und andere

Sehenswürdigkeiten. Wir verbrachten sogar eine Nacht im Konzentrationslager, auf

Strohballen in einer Turnhalle haben wir geschlafen. Man hatte uns aber nicht erzählt, dass es

ein KZ ist. Das haben wir erst viel später erfahren. Gesehen und beobachtet haben wir nichts

davon.

1935 begann meine vierjährige Lehrzeit als Maschinenschlosser in der Maschinenfabrik Carl

Heinze. Wir waren ca. zwanzig Lehrlinge. In diesem Betrieb wurden überwiegend

Hutmaschinen gebaut und konstruiert.

Jährlich fand der Reichsjugendwettbewerb statt, an dem jeder teilnehmen musste. Der

Wettbewerb wurde an zwei Tagen durchgeführt. Wir mussten verschiedene Aufgaben in der

Theorie sowie in der Praxis lösen. Die Theorie fand in der Berufsschule am Buttermarkt statt.

Unser Lehrer war Herr Püschel. Die praktische Prüfung fand in den einzelnen Betrieben statt,

z.B. bei Königs-Bogenanleger. Hier wurden Druckmaschinen gebaut. Wir mussten

Rundstahlstücke oder Flacheisen nach Maß bearbeiten, entweder meißeln, fräsen oder

hämmern.

Nach Abschluss der Lehre 1939 folgte der sechsmonatige Arbeitsdienst. Diesen mussten wir

in Wesswerk (bei Straupitz) antreten.

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Wir haben Wassergräben ausgehoben, geschippt und Entwässerungsgräben gelegt. Neben der

körperlichen Arbeit wurde auch marschiert und exerziert. Dabei musste unbedingt darauf