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Vorwort

Interview mit dem Sammler

Bruno Werdelmann

Katalog

Fremde Wesen und Ausländer

Chinesische Unsterbliche

Chinesische Figuren aus Geschichte, Lite-

ratur und Alltag

Buddhistische Figuren

Volksglaube und Folkore

Figuren aus der japanischen Literatur

Stände und Berufe

Alltagsleben

Kinder

Fabeltiere

Fauna

Flora

Gegenstände

Masken

Ojime, Inro und Tabakwaren

Anhang

Signaturen

Kurzbiografie

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Vorwort

Viele berühmte Museen verdanken ihre

Schätze bürgerlichem Engagement. Aus

Leidenschaft für die Kunst entwickelte sich

nicht selten der Wille, das private Vergnügen

zum Wohle der Allgemeinheit öffentlich

zu machen. Ausgehend von den Wunderkammern

der Renaissance, als die ersten

privaten Sammlungen mit dem Ziel

entstanden, gleichermaßen dem Besitz und

der Wissenschaft zu dienen, hat sich im 19.

Jahrhundert eine bürgerliche Sammeltradition

ausgebildet, die bis heute fortdauert.

Eine nicht nachlassende Neugierde

auf das Fremde, aus der sich eine hochspezielle

Kennerschaft des japanischen Gürtelschmucks

des 18. bis 20. Jahrhunderts

entwickelt hat, begründet die Sammlung

Werdelmann. Es freut uns, daß wir zeitgleich

mit der Neupräsentation der Sammlung

museum kunst palast die Früchte der

mehr als dreißig Jahre dauernden Leidenschaft

des Sammlers Professor Bruno

Werdelmann erstmals vollständig vorstellen

können. Dank seiner großzügigen

Schenkung verbleibt die Sammlung geschlossen

im museum kunst palast, wo sie

die Bestände von Japonica mit Schwertstichblättern

(tsuba) und japanischen

Farbholzschnitten des 19. Jahrhunderts um

ein bedeutendes Konvolut plastischer Arbeiten

erweitert.

Die Schenkung Werdelmann umfaßt

nicht nur Netsuke (Gürtelknebel),

sondern auch sagemono (Behältnisse, die

vom Gürtel herabhängen) und eine Vielzahl

von Südostasiatika. Anläßlich der

Schenkung erscheint der vorliegende Katalog,

der Bedeutung und Umfang insbesondere

der Netsuke würdigt. Der Grundstein

zu dieser Publikation wurde bereits vor

fünfzehn Jahren gelegt, als die Sammlung

Werdelmann im ehemaligen Kunstmuseum

vorgestellt wurde und der Katalog

schon bald ausverkauft war. Seither hat

sich das Sammlungskonvolut mit mehr als

1100 Objekten fast verdoppelt, was eine

neue wissenschaftliche Aufarbeitung verlangte.

Die ungebrochene Faszination, die

die Netsuke auch heute noch auf den Betrachter

ausüben, rührt einerseits von ihrem

unerschöpflichen Formen- und Themenreichtum,

der von äußerster Eleganz

bis hin zum Burlesken, von besonderer

ästhetischer Schönheit zu karikierender

Verzerrung reichen kann. Ein anderer

Grund mag der Assoziationsreichtum der

erzählerischen Darstellungen sein, die die

Geschichte der japanischen und chinesischen

Kultur, ihre Spiritualität, ihre Mythen,

aber auch das alltägliche Leben widerspiegeln.

Die Motive reichen von buddhistischen

Figuren und Glücksgöttern,

Tieren, Pflanzen, Früchten und Blumen,

literarischen Figuren, Ausländern, Masken

und Berufen bis hin zu alltäglichen Gegenständen,

zu denen der Interessierte im vorliegenden

Katalog ausführliche Erläuterungen

findet.

Für die wissenschaftliche Erschließung

der Sammlung zeichnete Patrizia

Jirka-Schmitz verantwortlich, die mit ihrem

fundierten Fachwissen über Stilgeschichte

der Netsuke, ihren Schnitzern und

regionalen Besonderheiten eine unerläßliche

Zugangshilfe für den Betrachter geschaffen

und einen Grundstein für weitere

Forschungen gelegt hat. Im Hause hat die

Leiterin des Sammlungsbereiches Skulptur

und angewandte Kunst, Barbara Til, unterstützt

von Elke Dichter, das Projekt über

Jahre mit großem, persönlichem Engagement

und in enger Zusammenarbeit mit

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dem Sammler betreut. Hierfür und für die

reizvolle Präsentation eines eigens für die

Sammlung eingerichteten Kabinetts gilt

beiden mein herzlicher Dank. Ebenso

möchte ich dem Fotografen Lothar Milatz

danken, dessen aufwendige Aufnahmen

wesentlich zum Gelingen des Kataloges

beigetragen haben.

An dieser Stelle sei auch unseren

Förderern gedankt. Die Verwirklichung

des Katalogs wäre ohne die großzügige

Unterstützung seitens der Firma Henkel,

der freunde museum kunst palast und der

Ernst Poensgen-Stiftung nicht möglich

gewesen.

Für die generöse Schenkung möchte

ich Professor Bruno Werdelmann meinen

größten Dank aussprechen. Mit seiner

Entscheidung, die Sammlung dem Düsseldorfer

museum kunst palast zu vermachen,

hat er einen bedeutenden Beitrag zur

Komplettierung unserer kleinen, aber

hochwertigen Sammlung von japanischer

Kunst des 18. bis 20. Jahrhunderts geleistet.

Nicht nur die Schenkung als solche, sondern

auch das Zusammentreffen mit diesem

engagierten, großzügigen und warmherzigen

Sammler stellten für mich eine

außerordentliche Bereicherung dar.

Die Sammlung Werdelmann ist für eine

Institution mit internationaler Strahlkraft,

die sich zudem der Kunst der fünf Kontinente

verschrieben hat, ein wertvoller Zuwachs

und für den Besucher sicherlich eine

wahre Augenweide.

Jean-Hubert Martin

Generaldirektor

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Gespräch mit dem Sammler

Bruno Werdelmann

Hinter jeder privaten Sammlung steht eine

passionierte Persönlichkeit mit einer besonderen

Motivation, die sich in den Inhalten

und thematischen Bezügen der

Sammlungen spiegelt und gleichzeitig aber

auch persönliche Vorlieben offenbart.

Bereits in jungen Jahren war Bruno

Werdelmann von der Kunst und Kultur

Asiens fasziniert. Verschiedene Auslandsaufenthalte

vertieften dieses Interesse, besonders

für die japanische Kultur. Doch

zunächst begann er, Skulpturen und Bronzefiguren

aus dem südostasiatischen Raum

zu erwerben. Dann und wann kaufte er

auch Netsuke, meist jedoch als kleines Geschenk

für Freunde und Kollegen, bis er

sich irgendwann selbst dem Sammeln der

kleinen, handschmeichlerischen japanischen

Schnitzereien aus Elfenbein und

Holz zuwandte. So entstand über die Jahre

hinweg eine hinreißende Sammlung von

hoher künstlerischer Qualität, die heute

über 1000 Netsuke umfaßt, dazu eine Vielzahl

von inrô, ojime, Tabaksgarnituren,

Pfeifenfutteralen und Pfeifen.

Professor Werdelmann, wie kam es zu dieser

Leidenschaft für die asiatische Kultur

und besonders zu Ihrer Vorliebe für japanische

Netsuke?

Als Kind faszinierten mich ganz besonders

die Mitbringsel von Verwandten aus Fernost:

asiatische Souvenirs wie japanische

Lackarbeiten, chinesisches Porzellan, indonesische

Batik und Buddha-Statuetten.

Mit wahrer Hingabe las ich Reisebeschreibungen

und Abenteuergeschichten aus

fernöstlichen Ländern, die nicht nur meine

Phantasie beflügelten, sondern auch meine

Faszination für fremde Stätten und Kulturen

weckte. Ich träumte davon, dorthin

reisen zu dürfen oder zumindest das ein

oder andere exotische Kleinod zu besitzen.

Meine Wünsche in dieser Richtung wurden

jedoch mit der Bemerkung abgetan:

„Zu wertvoll für kleine Kinder“. Damals

faßte ich den Entschluß: „Wenn du erwachsen

bist, kaufst du dir die schönen

Dinge von deinem Geld selbst“.

Nach Ende des zweiten Weltkrieges

und meiner Heimkehr aus der Gefangenschaft,

versuchte ich zu retten, was in der

Familie an Asiatika verblieben war, aber

nur eine kleine chinesische Guanyu-

Bronze hatte den Bombenhagel überstanden.

Diese wurde gewissermaßen zum

‚Grundstein’ meiner Sammlung. Zunächst

imponierten mir goldglänzende Rattanakosin-Buddhas

des 19. Jahrhunderts aus

Thailand. Es waren die ersten Erwerbungen,

die ich dann später gegen viel edlere

Thai- und Khmer-Bronzen tauschte und

deren Sammlung ich intensivierte.

Mein Interesse für Netsuke ergab

sich eher zufällig. Während einer Geschäftsreise

in die USA 1957 lernte ich

Helmuth Wohlthat kennen, der eine beträchtliche

Sammlung dieser japanischen

Gürtelknebel besaß. Wohlthat war zwischen

1941 und 1945 als Leiter der deutschen

Handelsdelegation in Tokio tätig

gewesen. In dieser Zeit hatte er eine umfangreiche

Sammlung japanischer Kunst,

vor allem Netsuke, inrô, Holzschnitte und

Keramik, zusammengetragen.

Als ich diese wunderbaren Miniaturschnitzereien

aus Elfenbein und Holz sah, war

ich unmittelbar fasziniert. Wenig später

kaufte ich in London meine ersten Netsuke,

um sie an Freunde, die solche Kleinplastiken

sammelten, zu verschenken. Erst

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Ende der sechziger Jahre begann ich, –

sozusagen als Kontrastprogramm zu den

‚großen’ Skulpturen und Bronzefiguren

aus dem südostasiatischen Raum – Netsuke

zu kaufen. Sehr schnell habe ich Gefallen

an diesen außergewöhnlichen Schnitzereien

gefunden, und Anfang der siebziger

Jahre begann ich intensiv mit dem Sammeln.

Durch ihre kleine und handliche

Form sind sie natürlich ein ideales Objekt

für Vitrine und Safe. Und bei näherer Betrachtung

eröffnen sie einem die Kultur

Japans mit ihren Sitten, Bräuchen, Sagen

und Märchen, gleichsam einem asiatischen

Mikrokosmos.

Viele kennen zwar diese kleinen japanischen

Schnitzereien aus Holz oder Elfenbein,

wissen jedoch wenig über ihre Entstehung

und Funktion. Wie wurden die Netsuke

eigentlich verwendet bzw. getragen?

Die Ursprünge von Netsuke haben einen

recht praktischen Grund. Japanische Kimonos

besaßen keine Taschen, und alles,

was Männer üblicherweise mit sich führten,

wie Geldbeutel (kinchaku), Behälter

für Siegel, Siegelpaste und kleine Medizindosen

(inrô) sowie Tabaksbeutel (tabakoire),

wurde an einer Seidenschnur, am

Gürtel (obi) baumelnd, getragen. Um das

Durch- und Herabrutschen dieser Behältnisse

zu verhindern, war an der Schnur das

Netsuke (ne = Wurzel, tsuke = festmachen)

angebracht, das, unter dem obi durchgeführt,

die Funktion einer Halterung und

eines Gegengewichts hatte.

Alle diese Accessoires der Kleidung

(unter dem Sammelbegriff sagemono –

Dinge, die vom Gürtel hängen – bekannt)

hatten neben ihrem praktischen Nutzen

immer auch den besonderen Stellenwert

von Schmuck, besonders die Netsuke.

Die Mode, solch elegantes Zubehör am

Gürtel zu tragen, entstand im frühen 17.

Jahrhundert. Zunächst waren es einfache

Ringe aus Elfenbein oder Metall, kleine

Kürbisse, handliche Wurzelstücke oder

Korallenzweige, die als Gürtelknebel dienten.

Manche dieser Knebel waren dicke

Elfenbeinringe, von denen einige in der

Mitte mit einem Pflock versehen waren.

Aus dieser Form entwickelte sich das

manjû-netsuke. Besonders beliebt wurden

wegen ihrer runden Form und ihres geringen

Gewichts die sogenannten ryûsamanjû

(benannt nach Ryûsa aus Edo), die

durchbrochen beschnitzt sind. Eine andere

Kategorie bilden die kagamibuta (kagami =

Spiegel, buta = Deckel); bei diesen Stücken,

die meist aus Elfenbein gefertigt sind, wird

ein dekorierter, runder Metallspiegel in

einem kapselförmigen Unterteil eingelassen.

Plastisch ausgearbeitete, figürliche Stücke

erfreuten sich erst im 18. Jahrhundert zunehmender

Beliebtheit.

Das 1781 publizierte Sôken Kisho

war damals das erste japanische Buch, das

Netsuke und ihre Schnitzer beschreibt. Es

bildete die Vorlage für viele seitdem entstandene

Arbeiten. Daß die Nachfrage besonders

nach künstlerisch gearbeiteten

Netsuke wuchs, rührte nicht zuletzt daher,

daß sich im frühen 18. Jahrhundert das

Tabakrauchen in Japan endgültig durchgesetzt

hatte. Seit die Portugiesen den Tabak

im 16. Jahrhundert einführten, war das

Rauchen besonders bei Kaufleuten und

Handwerkern sehr beliebt. Bei geschäftlichen

Treffen kam der Tabakgenuss fast

einer rituellen Einleitung der Verhandlung

gleich. Ähnlich wie bei der Teezeremonie

wurden die Utensilien betrachtet und bewundert,

wobei man den Netsuke besondere

Aufmerksamkeit schenkte.

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Doch trotz dieser Art von ‚Kulturtransfer’,

der sich auf die japanische Lebensgewohnheiten

direkt auswirkte, war der westliche

Einfluß bis ins 19. Jahrhundert eher

schwach. Ganz anders verhielt es sich mit

dem unmittelbaren Nachbarn China. Darüber

hinaus kam es infolge der politischen

Unruhen der späten Ming-Zeit (1368-1644)

zur Emigration vieler Südchinesen nach

Japan.

Welchen Einfluß stellte dieser chinesische

Kulturimport aus ihrer Sicht für die

Entwicklung der Netsuke-Schnitzerei dar?

Es war durchaus üblich und gängige Praxis,

daß kleine chinesische Gegenstände

wie z.B. Siegelknäufe oder Gürtelschmuck

zu Netsuke umfunktioniert wurden. Meist

wußten die Träger selbst nicht, um welche

Gegenstände es sich handelte und trugen

sie einfach als Kuriosa. Ebenso beliebt waren

die kleinen, chinesischen Elfenbeinschnitzereien,

die ursprünglich als Talismane

bei den Chinesen fungierten und bei

den Japanern durch ihren glücksverheißenden

Inhalt als Netsuke besonders reizvoll

waren. Vermutlich dienten diese Figürchen

den Schnitzern im späten 17. und

18. Jahrhundert auch als Vorbild für ihre

eigenen Arbeiten. Zu den frühen japanischen

Gürtelknebel gehören die Siegel-

Netsuke, die in Anlehnung an chinesische

Petschafte der späten Ming-Zeit entstanden

sind. Sie stellen vollplastische Fabeltiere

(kirin, baku, hakutaku, suisai) oder exotische

Tiere (Löwe, Elefant, Dromedar) auf

einer Sockelplatte dar. Ein anderer, sehr

früher Netsuke-Typ, der auf ein chinesisches

Siegel zurückgeht, ist der auf einem

Felsen sitzende rakan (Schüler Buddhas).

Anregungen für die Schnitzer boten aber

ebenso die chinesischen toggle (Anhänger)

aus Holz und Elfenbein. In diesem Stil

wurden hauptsächlich Kinder und Tiere

geschnitzt.

In meiner Sammlung befindet sich

eine ganze Reihe von diesen Darstellungen.

An ihnen läßt sich wunderbar die Entwicklung

von stark chinesisch beeinflußten

Arbeiten aus dem 18. Jahrhundert zu den

niedlichen Interpretationen der Meijizeitlichen

Schnitzer verfolgen.

Hier zeigt sich auch, daß es die japanischen

Künstler trotz der verschiedenen

Einflüsse durch chinesische Schnitzarbeiten

verstanden haben, einen einzigartigen

Stil zu entwickeln und so Miniaturkunstwerke

von unnachahmlicher Ausdrucksstärke,

Finesse und Vielfältigkeit zu

schaffen. Besonders die Shogun-Paläste,

Fürstenhöfe der Daimyu, aber auch reiche

Samurai-Familien trugen zur Förderung

dieser Schnitzkunst bei, da sie ihre eigenen

Netsuke-shi (shi = Schnitzer) beschäftigten,

die außerordentlich kostbare Netsuke

und sagemono herstellten.

Betrachtet man die Netsuke des späten 18.

Jahrhunderts, stellt man fest, daß sich der

Stil zunehmend verfeinert: Themen werden

detailreicher angelegt und figürliche Motive

in kleinen Formaten treten in den Vordergrund.

Gab es eine ausgesprochene Blütezeit

dieser Schnitzkunst und wann entwickelten

sich die Netsuke vom luxuriösen Gebrauchsgegenstand

zum begehrten Sammlerobjekt?

Eine direkte Blütezeit der Netsuke-Kunst

für Gesamtjapan lässt sich nur schwer bestimmen.

Im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts

gab es immer wieder höchst interessante

und bedeutende Künstler und

Werkstätten, deren individuell geprägter

Stil zahlreiche, nachfolgende Schnitzer

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inspirierte: so etwa Masanao aus Kyoto mit

seinen berühmten fukura suzume

(Glücksspatzen), die so oft kopiert wurden

und von denen sich einige in meiner

Sammlung befinden, oder Tomotada,

ebenfalls aus Kyoto, den ich wegen seiner

detailreichen und ausdrucksstarken Darstellungen

von Tieren des Zodiakus sehr

schätze.

In Edo wiederum florierte die

Netsuke-Kunst besonders in der späten

Edo-Zeit (1603-1867). Äußerst populäre

Themen waren hier neben Motiven aus

dem Alltagsleben, z.T. in humorvollkarikierenden

Darstellungen, Sujets aus

der chinesischen bzw. japanischen Literatur

sowie aus den Bereichen Theater und

Mythologie. Bei diesen Netsuke wurde

besonderer Wert auf die detailreiche Gestaltung

von Gewändern, Mustern und

kleinen Accessoires gelegt.

Mit der Meiji-Zeit (1867-1912) begann

die Öffnung Japans nach Westen. Die

damit verbundenen politischen und gesellschaftlichen

Umwälzungen verdrängten

nach und nach auch die traditionelle japanische

Kleidung, den Kimono. Die alltäglichen

Utensilien wurden nicht mehr in

kleinen Beuteln und Taschen getragen und

demzufolge fanden Gürtelknebel kaum

noch Verwendung.

Doch die Netsuke-Schnitzer wurden

nicht erwerbslos. Sie arbeiteten nun

vorwiegend für den Export, denn seit Japans

Präsenz auf den Weltausstellungen in

Paris (1867) und Wien (1873) ‚grassierte’

in ganz Europa und Amerika eine kaum

vorstellbare Japan-Mode. Japanisches

Kunsthandwerk war en vogue, neben Holzschnitten,

Lackarbeiten und tsuba (japanische

Schwertstichblätter) fanden besonders

auch die hübschen, kleinen, phantasievoll

geschnitzten Netsuke-Figürchen begeister-

te Anhänger. Die größten Werkstätten für

den westlichen Handel befanden sich vor

allem in Tokyo, u.a. die des Tomochika

und des Ono Ryômin. Dort orientierte

man sich gern am europäischen Geschmack,

der nach kleinen, detailreich geschnitzten,

erzählerischen Stücken verlangte.

Selbst die Fin-de-siécle-Stimmung, die

sich in vielen Bereichen der Meijizeitlichen

Kunst offenbarte, erfaßte die

Netsuke-Schnitzer, was sich in den zuweilen

sehr morbiden und makabren Darstellungen

von Totenköpfen, Skeletten oder

kunstvoll geschnitzten, verrotteten Früchten

und Blättern niederschlug.

Paris war zu dieser Zeit um 1880-

1900 Hauptumschlagplatz für japanische

Kunst. Dort entstanden auch die ersten,

bedeutenden Sammlungen, etwa die der

Gebrüder de Goncourt oder von Louis

Gonse, in denen Netsuke vertreten waren.

Neben Frankreich entwickelte sich besonders

in England eine illustre Sammlerszene,

deren Schwerpunkt eindeutig bei

Netsuke, inrô und anderen Lackarbeiten

lag.

Deutschland haben Sie bisher in diesem

Zusammenhang nicht erwähnt. Es scheint,

daß japanische Kunst, besonders Netsuke,

bei hiesigen Sammlern nicht so populär

war. Gab es dafür Gründe, und wann entstanden

die ersten deutschen Netsuke-

Sammlungen?

Es ist schwierig zu beantworten, warum die

große Zeit des Sammelns von Japonica in

Deutschland vergleichsweise spät, in den

1890er Jahren, einsetzte. Sicherlich lag es

unter anderem daran, daß sich durch die

Weltausstellung Paris als Zentrum für japanische

Kunst etablierte und überwiegend

von dort aus der Handel gesteuert wurde.

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Hinzu kommt, daß bei den deutschen Privatsammlern

von Anfang an der Schwerpunkt

des Interesses bei Holzschnitten,

tsuba und Lackarbeiten lag, Netsuke spielten

eine erstaunlich untergeordnete Rolle.

Zwar gab es bereits Mitte des 19. Jahrhunderts

mit Philipp Franz von Siebold (1796-

1866) einen ersten Deutschen, der im großen

Stil auch Netsuke sammelte, allerdings

erwarb er sie direkt vor Ort, da er lange

Jahre als Stationsarzt in holländischen

Diensten in Japan tätig war. Doch von

Siebold ist eher eine Ausnahmeerscheinung,

auch wenn seine Sammlung 1865 in

den Hofgartenarkaden in München ausgestellt

und schließlich 170 Stücke vom Ethnographischen

Museum in München 1874

angekauft wurden. Der einzig große deutsche

Netsuke-Sammler jener Zeit, der aufgrund

seines Buches „Netsuke, Versuch

einer Geschichte der japanischen Schnitzkunst“

auch im Ausland bekannt wurde,

war Albert Brockhaus (1850-1921), der

Eigentümer des gleichnamigen Verlags.

Seine Sammeltätigkeit fand vor allem in

den Jahren 1896 bis 1908 statt. Er kaufte

vorzugsweise in England und Frankreich;

dort in Paris begann auch eher zufällig

seine ‚Leidenschaft’ für Netsuke. Bei einem

Reiseaufenthalt 1877 entdeckte er in einem

Spielzeugladen einen kleinen, sitzenden

Frosch, den er für wenige Francs kaufte.

Später stellte sich heraus, daß es sich um

ein Netsuke von Masanao handelte.

Von der ehemals 1780 Netsuke umfassenden

Sammlung sind durch die Wirren

der Kriege und durch Diebstahl nur

wenige übriggeblieben. 1980 wurden bei

Christie’s in London 214 Netsuke versteigert

und 1981 und 1992 bei Klefisch in

Köln nochmal um die 300 Stücke. Bei diesen

Gelegenheiten konnte ich einige schöne

Exponate für meine Sammlung erwer-

ben, z.B. den eindrucksvollen Sôken Kisho-

Regendrachen.

Aber es war nicht nur der enorme Umfang

der Brockhaus'schen Sammlung, der mich

faszinierte, sondern auch die Art, wie er

sammelte: akribisch wählte er die Stücke

nach den Gesichtspunkten von Themen

und Vielfalt aus, um sie dann, geprägt von

einem geradezu enzyklopädischen Geist,

zu katalogisieren und genauestens bis hin

zur Signatur zu studieren.

Wenn man mit dem Sammeln beginnt,

steht zunächst die Freude am einzelnen

Objekt im Mittelpunkt. Irgendwann entwickelt

man Vorlieben, aus denen sich

Schwerpunkte bzw. auch ein Konzept ergeben

können. Wie war das bei Ihnen? Gab es

andere Sammlungen, die sie beeinflußten

oder Vorbildcharakter besaßen?

Vorbild ist vielleicht etwas übertrieben

ausgedrückt. Natürlich interessiert man

sich für besondere und herausragende

Sammlungen, beispielsweise jene in den

Pariser und Londoner Museen oder etwa

die Baur Collection in Genf, – dazu gehört

zweifelsohne auch die ehemalige Sammlung

von Albert Brockhaus. Sein 1905 erschienenes

Buch habe ich mit großem Interesse

studiert, und es hat mir auf spannende

Weise die Welt der Netsuke und

damit die bedeutende Kultur der Edo-Zeit

eröffnet. Denn es gibt fast keinen Bereich,

der nicht als Netsuke dargestellt wurde.

Man begegnet buddhistischen Heilsgestalten,

den volkstümlichen Glücksgöttern,

den sogenannten Unsterblichen aus der

chinesisch-daoistischen Literatur sowie

den Gestalten aus der chinesischen und

japanischen Geschichte, die über Hunderte

von Jahren für Schriftsteller und Stückeschreiber

Stoff lieferten. Fabeltiere führen

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einen in die chinesische Kosmologie und

den reichen, japanischen Legendenschatz

ein. Man lernt auf unterhaltsame Weise

das Alltagsleben in Stadt und Land kennen,

amüsiert sich über die Darstellung von

Ausländern, deren oft groteske Erscheinung

einer nicht bösartig gemeinten Verballhornung

gleicht.

Diese Art, nach Motiven, Themen,

Material, Schulen und deren Vielfalt zu

sammeln, findet sich sicherlich auch bei

mir. Doch wie bei jedem Sammler kristallisierten

sich im Laufe der Zeit bestimmte

Schwerpunkte heraus, und natürlich spielten

persönliche Vorlieben bei der Auswahl

ebenso eine Rolle.

Auffallend ist, daß in Ihrer Sammlung eine

relativ große Anzahl von Darstellungen aus

der Textilpflege und persönlichen Hygiene

zu finden ist. Woraus resultiert diese Vorliebe?

Beruflich hatte ich mit der Pflege von Textilien

zu tun, praktisch mit der Wäschepflege

im weitesten Sinne. Von daher interessierte

mich, wie zum Beispiel die Japaner

in früherer Zeit ihre Wäsche und Kleidung

gereinigt haben. Welche Wasch- und

Hilfsmittel verwandten sie? Wie verlief das,

wurde die Wäsche dort auch gekocht?

Über diese Dinge konnte ich auch in Zusammenhang

mit meinen geschäftlichen

Aktivitäten in Japan viele Gespräche mit

Vertretern der japanischen Waschmittel-

und Chemieindustrie führen.

Interessant ist, daß die Japaner ihre

wertvollen Kimonos jedes Mal vor dem

Waschen auseinander trennten und die

Stoffbahnen einzeln gereinigt haben, indem

sie sie zusammenlegten, mit warmen

Wasser übergossen und dann die einzelnen

Bahnen auf eine Spindel wickelten und mit

dem Schlegel bearbeiteten. Das Wasser

enthielt als Waschmittel lediglich ein

Holzascheextrakt, der mit gelöschtem Kalk

aufgeschärft war oder man verwandte

Reiswasser. Nach dem Waschen, Spülen,

Appretieren und Trocknen auf Spanngeräten

nähte man die Einzelbahnen wieder

zusammen. Diese sehr umfangreiche Prozedur

wurde auch von den Netsuke-

Schnitzern äußerst detailreich als eine ganz

wesentliche Tätigkeit der Hausfrau dargestellt.

Ebenfalls gezielt gesammelt habe

ich Stücke, die sich mit der Körperhygiene,

vor allem dem Baden, beschäftigten. Diese

japanische Passion geht zurück auf shintoistische

Reinigungskulte, aber das Baden ist

mehr als ein religiöses Ritual oder ausgeprägtes

Sauberkeitsbedürfnis. Denn erst

nach gründlicher Körperwäsche mit kleinen

Zubern schlüpft man zur Erholung in

die eigentliche Wanne (furo). Die große

Leidenschaft der Japaner ist es, sich im

dampfend heißen Wasser oder in Quellen

zu entspannen, die man auch Götterbäder

(kamiya) nannte, da man glaubte, daß die

Gottheiten ihre übernatürlichen Kräfte

und geistige Gewalt hieraus schöpften.

Weitere beliebte Motive sind kleine badende

oni (Teufel), Männer und Frauen,

die sich entweder dem körperpflegenden

Bad widmen oder sich mit dem An- und

Auskleiden beschäftigen. Eine besonders

schöne Darstellung zeigt eine Frau nach

dem Bad mit halbgeöffneten Kimono.

Einen weiteren umfangreichen Themenkreis

bilden Tierdarstellungen. Wie kam es zu

diesem Schwerpunkt und wie hat sich dieser

Bereich im Prozeß des Sammelns entwickelt?

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Die Faszination für Tier-Netsuke hatte

zunächst ganz unspektakuläre Gründe. Ich

bin im Tierkreiszeichen des Löwen geboren,

deshalb habe ich bereits sehr früh begonnen,

Löwendarstellungen zu sammeln

und zwar den kara-shishi, den sogenannten

chinesischen Löwen. Die andere Großkatze

ist natürlich der Tiger, dessen kraftvolle

Darstellungen mich immer fasziniert

haben. Nach dem ostasiatischen Tierkreis,

dem Zodiac, bin ich im Zeichen des Affen

geboren, 1920, was mich wiederum ermunterte,

die ausgesprochen drolligen und

possierlichen Schnitzereien dieser Spezies

zu erwerben. Auf diese Weise entwickelte

sich zunehmend mein Interesse für die

übrigen Tiere des Zodiac und schließlich

die gesamte Fauna und Flora. Im Laufe der

Zeit entstand dann eine Art Planung sowie

gezielte Suche nach Objekten, die entweder

eine Entwicklungslinie verdeutlichen oder

einen neuen Akzent in meiner Sammlung

setzen konnten.

Beruflich wie auch privat haben Sie viel Zeit

in Asien, beispielsweise Japan und Thailand,

verbracht. Konnten Sie bei diesen

Aufenthalten – sozusagen vor Ort – besonders

interessante oder außergewöhnliche

Stücke erwerben oder gelang dies eher über

den Handel in Europa?

Ich war geschäftlich oft in Asien. Meine

Besuche galten meistens Japan, aber auch

Indonesien, Malaysia und Thailand. Aber

Geschäftsreisen stehen natürlich immer

unter einem gewissen Zeitdruck und

Stress, so daß es außer vielleicht am Wochenende

bei einigen Händlern keine Möglichkeit

für die Sichtung und den Ankauf

von Exponaten gab. Außerdem war für

mich von Anfang an offenkundig, daß die

Netsuke in Japan teurer waren als in Euro-

pa. Ursprünglich hatte ich die Absicht, mir

von jeder Japan-Reise ein Netsuke mitzubringen.

Das hatte ich mir sozusagen auferlegt,

allerdings auch recht schnell wieder

aufgegeben, da ich die Preise in Europa

und vor allem Deutschland kannte. Aus

diesem Grund stammt der überwiegende

Teil meiner Sammlung aus dem deutschen

Kunsthandel und von hiesigen Auktionshäusern.

Zwar kam es schon mal vor, daß ich

von japanischen Geschäftspartnern, die

gehört hatten, daß ich Netsuke sammelte,

beim omiaye (dem traditionellen Austausch

kleiner Geschenke vor der ersten

Verhandlung) ein solches Präsent erhielt,

allerdings handelte es sich dabei nicht um

‚Kostbarkeiten’, sondern um kuriose, meist

witzige Objekte. Ich erinnere mich an ein

sehr aufwendig verpacktes Stück, das sich

jedoch bei genauerer Betrachtung als bloßes

Kunststoffartefakt entpuppte.

Nach Eintritt ins ‚dritte Leben’ und

Übernahme von Gastprofessuren in Thailand

und Board-Tätigkeit in Malaysia habe

ich in den späten 80er und 90er Jahren von

meinem neuen Standort in Südostasien

Thailand und die umliegenden Länder

systematisch erkundet und alljährlich Japan

besucht. Bei den verschiedenen Reisen

von Hokkaidô bis Kyūshū habe ich Naturschönheiten,

Kunst, Kultur und Brauchtum

intensiv kennengelernt und viele

Sammlungen und Museen bewundert. In

dieser Zeit habe ich auch einige größere

Käufe in Japan getätigt, dort erwarb ich

unter anderem einen bemerkenswert gearbeiteten

Kraken und einige seltene Masken.

Bereits in der Vergangenheit haben Sie ihre

Netsuke immer wieder zu Ausstellungszwe-

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cken zur Verfügung gestellt. Wie kam es

dazu?

Die erste Zurschaustellung der Netsuke

war rein zufällig: 1983 fanden in Düsseldorf

die ersten Japan-Wochen statt. Die

Düsseldorfer Firmen und die großen Banken

haben im Rahmen dieser Veranstaltung

japanische Kunst und Kultur in kleinen

Ausstellungen der Öffentlichkeit präsentiert.

Auch die Firma Henkel, bei der

ich tätig war, beteiligte sich daran. Nachdem

die Vorbereitungen für eine Ausstellung

über zeitgenössische japanische Kunst

bereits weit fortgeschritten waren, gab es

unerwartet Probleme mit dem Transport

der Bilder. Da Dr. Henkel wusste, daß ich

Netsuke sammelte, sagte er zu mir: „Och,

dann zeigen wir eben Ihre Netsuke“. Es

mußte alles Hals über Kopf geschehen. Wir

haben den Casino-Saal des Fritz-Henkel-

Hauses mit Schiebetüren, Stellschirmen,

Hängerollen und Ikebana-Arrangements

ein wenig japanisch dekoriert und rund

300 Netsuke gezeigt. Eine Broschüre von

Trudel Klefisch (Auktionshaus, Köln) erläuterte

die gängigsten Themen. Die Ausstellung

fand in der Tagespresse einen großen

Widerhall, so daß sich auch die ersten

Kontakte zu dem damaligen Düsseldorfer

Kulturdezernenten Bernd Dieckmann sowie

dem ehemaligen Leiter des Kunstmuseums

Düsseldorf, Dr. Hans Albert Peters,

ergaben, die sich in den folgenden Jahren

weiter entwickelten. 1990 veranstaltete

dann das Kunstmuseum eine Ausstellung

mit meiner Netsuke-Sammlung, die zu der

Zeit ca. 600 Stücke umfaßte, und publizierte

dazu einen umfangreichen, wissenschaftlichen

Katalog, der innerhalb kurzer

Zeit schon vergriffen war. In Zusammenarbeit

mit dem Museum und der Nowea

Messegesellschaft Düsseldorf erschien 1994

eine erweiterte und überarbeitete Ausgabe

des Katalogs und zwar anläßlich einer

Sonderausstellung im Rahmen der 25.

Westdeutschen Kunstmesse. Auch während

der groß inszenierten Japan-Wochen

in Nordrhein-Westfalen im Herbst 1993

hatte ich die Gelegenheit, Teile meiner

Sammlung zu zeigen und zwar in den

Räumen der Deutschen Bank zusammen

mit wunderbaren Farbholzschnitten des

Kunstmuseums Düsseldorf. In den darauffolgenden

Jahren gab es hier und da noch

einige kleinere Ausstellungen, in denen ich

andere Bereiche meiner Asiensammlung

zur Schau stellte, z.B. 2001 zum Thema

Betelgenuß zahlreiche Silberbehältnisse

und Accessoires.

Wenn Sammelleidenschaft nicht im Verborgenen

stattfindet, können sich die lokalen

Museen und das Publikum freuen.

Herr Werdelmann, Sie haben bereits

zu Lebzeiten Ihre gesamte Sammlung dem

museum kunst palast (vormals Kunstmuseum

Düsseldorf) vermacht, um sie so auf

Dauer der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Welche Erwartungen und Hoffnungen

verbinden sich für Sie mit diesem Entschluß?

Wie Sie meinen Ausführungen bereits

entnehmen konnten, hatten mir die

kleinen und großen öffentlichen Präsentationen

viel Freude und Anregung gegeben.

Irgendwann hatte ich das Gefühl, daß meine

Sammlung, die nicht nur Netsuke umfaßt,

als Ganzes auch für die Zukunft erhalten

bleiben sollte, denn einen Verkauf

hatte ich nie erwogen. Dafür steckte zuviel

Bedeutung, Engagement und Erinnerung

in den Dingen. Kulturdezernent Dieckmann

und Dr. Peters wußten von meinen

Überlegungen und sprachen mich hin und

11


wieder auf die Sammlung an, ebenso auf

die Möglichkeit, die Netsuke dem Kunstmuseum

zu vermachen. Ich kannte das

Museum sehr gut, oft habe ich es mit meinen

ausländischen Gästen aus Japan und

Amerika besucht und war jedes Mal von

der Vielfalt und Größe der Sammlung beeindruckt.

Zwar besitzt das Haus keinen

ausgewiesenen Bereich mit ostasiatischer

Kunst, jedoch eine interessante Sammlung

von 88 tsuba des Düsseldorfer Malers

Georg Oeder, die in den Jahren 1889 bis

1911 dem damaligen Kunstgewerbemuseum

geschenkt und 1927 vom Kunstmuseum

übernommen wurde, sowie rund 500

Blätter der japanischen Holzschnittsammlung

von Dr. Hans Lühdorf.

Bei meiner Entscheidung, dem Museum in

Düsseldorf meine Sammlung zu schenken,

spielte neben meiner Liebe zu dieser Stadt

noch ein weiterer Aspekt eine entscheidende

Rolle: Düsseldorf beheimatet neben

Paris und London den größten Anteil an

japanischen Mitbürgerinnen und

Mitbürgern außerhalb Japans in Europa.

Gerade während meiner beruflichen Zeit

hatte ich viele japanische Geschäftsfreunde

in Düsseldorf und war aktiv in der

deutsch-japanischen Gesellschaft.

Ich wünsche mir, daß ich durch die

Schenkung meiner Sammlung an das museum

kunst palast ein wenig dazu beitragen

kann, die Beziehung zwischen Deutschen

und Japanern zu fördern und das Verständnis

für japanische Kunst und Kultur

besonders in Düsseldorf zu vertiefen.

12


Fremde Wesen und Ausländer

Das berühmte chinesische Werk Shanhaijing

(jap. Sankaikyô, Das Buch der

Berge und Meere, Zeit der Streitenden

Reiche, 455-222 v. Chr.) lieferte viele Sujets

für die japanischen Netsuke-

Schnitzer. In diesem Werk und dem Erya

(ca. 200 v. Chr.) wird von fremden und

fernen Ländern berichtet, in denen

merkwürdige Wesen leben wie shokuin,

tengu sanjin, ningyo und shôjô. Angaben

zu diesen Fabelwesen finden sich später

auch im Sancai tuhui (Sammlung von

Illustrationen zu den drei Urkräften) von

1603 und in dessen japanischer Version

Wakan sanzai zue (Japanisch-chinesische

Sammlung von Illustrationen zu den drei

Urkräften), kompiliert von Terajima

Ryôan in den Jahren 1712 bis 1716, und

in den verschiedenen japanischen Bilderfibeln

des 17. und 18. Jahrhunderts.

Bildlexika wie das Kinmô zui von

1666 führen in der Rubrik „Jinbutsu“

(Menschen) auch Nicht-Japaner, die als

ijin bezeichnet werden. Das Wakan sansai

zue führt in seinem 13. Kapitel „Ikoku

jinbutsu“ (Personen aus fremden Ländern)

Menschen aus China, Korea, der

Tatarei, Ryûkyû und Ezo (Hokkaidô) an,

und im 14. Kapitel „Gaii jinbutsu“ (Personen

aus barbarischen Ländern) Insulaner,

Europäer und merkwürdige Gestalten

aus den Ländern der Riesen und

Zwerge (chôjin und shojin) und der

Langarme und Langbeine (ashinaga und

tenaga). Hier wurde offenbar nicht zwischen

tatsächlich existierenden Menschen

aus fremden Ländern und Phantasiewesen,

die bereits im Sankaikyô erwähnt

werden, unterschieden. Der künstlerischen

Phantasie waren bei den Darstel-

lungen, die sich sowohl aus tierischen als

auch aus menschlichen Körperteilen zusammensetzten,

keine Grenzen gesetzt.

Laut dem Sôken kishô hat sich der wohl

früheste, namentlich bekannte Netsuke-

Schnitzer, Yoshimura Shûzan (1700-

1773), von diesem Werk anregen lassen.

Während die Chinesen in einem

Ghetto in der Stadt Nagasaki lebten, war

den Holländern die Nagasaki vorgelagerte,

künstliche Insel Dejima zugewiesen.

Die Präsenz beider Volksgruppen wirkte

sich unmittelbar auf das künstlerische

Schaffen in dieser Stadt aus. Im 18. und

19. Jahrhundert entstanden hier die nagasaki-e,

Holzschnitte, die Chinesen und

Holländer bei ihren typischen Tätigkeiten

zeigen. Gleichzeitig wurden im nahegelegenen

Arita Schalen, Teller und Sake-

Flaschen aus Porzellan, dekoriert mit

Holländern, ihren Hunden und Schiffen

(oranda-e-imari), hergestellt. In diesem

Zusammenhang könnten auch die Holländer-Netsuke

in Nagasaki entstanden

sein, beispielsweise als Souvenir.

1

TENGUSAN JIN

Elfenbein, Pupille aus Horn, eine ausgebrochen

H. 7,3 cm

19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Die Gestalt mit Echsenkörper und

menschlichem Gesicht ist eine Kopie nach

der Abbildung im Sôken kishô. Dort wird

diese als Tengusan jin (oder Tenguzan no

kami), Gott des Tengu-Bergs, bezeichnet.

Der Tengu (chin. Tianyu)-Berg wird im

Sankaikyô erwähnt. Darin heißt es, daß die

Berggottheiten einen Drachenkörper und

13


einen menschlichen Kopf haben und die

Bewohner des Tengu-Berges eine Schärpe

tragen.

Abb. 1

Sôken kishô, 1781, Bd. 7, S. 7a

2

MEERMANN (NINGYO)

Elfenbein

H. 1,9 cm; L. 6,8 cm

18. Jh.

Die schwimmende Kompositgestalt von

Mann und Fisch hält in beiden Händen ein

Juwel.

Während unter den Netsuke die Darstellung

von Nixen recht häufig ist, wurde das

Wassermannmotiv eher selten geschnitzt.

Seine Darstellung geht auf Abbildungen in

der enzyklopädischen Literatur seit dem

Shanhaijing, dem Sancai tuhui (Bd. 13,

Kapitel „Renwu“ [Menschen]) und dem

Wakan sanzai zue (Bd. 14, Kapitel „Gaii

jinbutsu“ [Ausländer]) zurück. Er wird

teijin (chin. diren) bezeichnet und als ein

Mann mit Fischkörper beschrieben.

Abb. 2

Wakan sanzai zue, Terajima 1979, S. 242

DIE NIXE

Das Pendant zum Wassermann ist das

Meerweibchen, auch Meerjungfrau oder

Nixe, ebenfalls ningyo genannt. Der Legende

nach erfährt die Meerjungfrau die

Geheimnisse des Meeres, in dem sie dem

Rauschen der Muscheln lauscht und diese

dem Drachenkönig, Ryûjin, mitteilt. Das

Erscheinen eines ningyo ist ein glückverheißendes

Ereignis. Nixen-Netsuke sind

daher Talismane. Im Sôken kishô wird ein

liegendes Meerweibchen mit Juwel (tama)

und umgelegtem Schwanz illustriert

(Bd. 7, S. 7a). Bei dem Juwel handelt es

sich um die Perle des Ryûjin, die die Gezeiten

reguliert.

3

NIXE

Leichtes Holz

L. 7,3 cm

Frühes 19. Jh.

Die Nixe liegt kokett, den Kopf auf die angewinkelte

linke Hand gestützt. Sie stillt

ein Nixenbaby.

4

NIXE

Buchsbaum

H. 3,5 cm; L. 4,8 cm

19. Jh.

Die Meerjungfrau mit einem Juwel hat den

Schwanz ihres Fischleibes umgebogen. Es

könnte sich bei diesem Stück um eine Arbeit

aus der Provinz Owari handeln.

DER SHÔJÔ

Die erste Erwähnung des shôjô (chin.

xingxing) findet sich im Erya, einer Enzyklopädie

aus der Zeit von ca. 200 v.

Chr., die im Laufe der Jahrhunderte von

verschiedenen Personen kommentiert

wurde. Im 2. Jahrhundert n. Chr. findet

sich erstmals eine konkrete Beschreibung

des xingxing. Es ist ein Wesen von gelber

Farbe, mit Tierkörper aber menschlichem

Gesicht, das gerne dem Wein zuspricht.

Spätere Enzyklopädien zeigen die

shôjô als orang-utan-artige Wesen mit bis

auf den Rücken herabfallenden Haaren.

14


In Japan galt der shôjô mit langen roten

Haaren als Trunkenbold. Im populären

Sprachgebrauch meint auch heute noch

das Wort shôjô einen starken Trinker

oder einen roten Gegenstand. Berühmt

wurde der shôjô als Weingeist im gleichnamigen

Nô-Stück Shôjô. Die Bühnenfigur

trägt eine Perücke aus langen roten

Haaren und ein prächtiges rotes Gewand

mit Wellenmuster. Kitao Masayoshi

(1764-1824) illustriert in seinem Werk

Shoshoku ekagami (Spiegel von Bildern

für Handwerker) (E.A. 1794) zahlreiche

shôjô. Fast alle Darstellungen sind auch

unter den Netsuke anzutreffen.

5

SHÔJÔ

Buchsbaum

H. 2,7 cm; L. 4 cm

19. Jh.

Von Trunkenheit übermannt ist der shôjô

mit Kelle in der Hand und an einem Sake-

Bottich, durch dessen Boden das himotôshi

verläuft, eingeschlafen.

6

SHÔJÔ

Elfenbein, Reste roter Farbe in den Haaren

H. 5 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Der Weinkobold steht in tänzerischer Pose

mit einem Faltfächer und einer geschulterten

Kelle. Dieser shôjô-Typus ist unter den

Illustrationen des Masayoshi zu finden.

Die nach vorne gebeugte Haltung der Figur

mit eingezogenem Kopf und die Gewandgravuren

entsprechen den figürlichen

Darstellungen des Hidemasa.

7

SHÔJÔ

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus shakudô, Einlagen aus Kupfer

Silber und Gold; Kapsel aus Elfenbein

Ø 4,4 cm

Mitte 19. Jh.

Neben einem großen Wein-Bottich mit

Wolkenmuster tanzt ein langhaariger shôjô

mit einer Schöpfkelle und einem Fächer

mit Kranichdekor.

8

SHÔJÔ

Kirschholz

H. 3,5 cm

Sign. in ukibori: Tadatoshi

Nagoya, Provinz Owari, ca. 1820

Weinselig ist der shôjô im Sitzen eingenickt.

In Anlehnung an die Bühnengestalt

trägt diese Figur kostbare Gewänder, die

mit Rauten und Kôrin-Wellen geschmückt

sind.

Shôjô waren eines der beliebtesten Motive

des Tadatoshi. Er hat drei verschiedene

Typen der schlafenden shôjô geschaffen.

Alle drei wurden von Tadatoshis Nachfolgern

in Nagoya und Tokyo gerne kopiert.

Ein kleiner schalfender shôjô ist unter den

acht shôjô-Illustrationen im Shoshoku ekagami

anzutreffen.

Abb. 3

Shoshoku ekagami, 1794, S. 13b

9

SHÔJÔ

Holz

L. 4,7 cm

Sign. in ukibori: Tadatoshi

Nagoya, Provinz Owari, ca. 1820

15


Dieses Modell eines liegenden, schlafenden

shôjô ist ein „Klassiker“ unter Tadatoshis

Netsuke. Wie üblich sind die hakama mit

Wellen – das Wassermotiv ist eine Anspielung

auf den Wein – und die Jacke mit

einem Rautenmuster dekoriert.

10

SHÔJÔ

Holz

H. 3,5 cm

Sign. in ukibori: Tadatoshi

Nagoya, Provinz Owari, ca. 1820

Diese ist die zweite Variante der sitzenden

schlafenden shôjô des Tadatoshi: die Linke

liegt auf dem Knie, der Kopf ruht in der

Rechten. Die Hand schiebt die Gesichtshaut

zur Seite.

INSULANER

Zu den frühesten Ausländerdarstellungen

unter den Netsuke zählen die mit

einem Sarong bekleideten Malayen sowie

die langhaarigen, sogenannten Insulaner,

die nur einen Lendenschurz tragen. In

der Hand halten sie eine Trommel und

einen Schlegel. Aus dem 19. Jahrhundert

stammen die Darstellungen der sogenannten

Korallentaucher, die aus

schwarzem Holz geschnitzt sind und einen

roten Korallenzweig halten. Sie werden

koronbojin genannt, eine Bezeichnung

für die dunkelhäutigen Menschen

aus Kolombo. Das Saiyû ryodan (Bericht

einer Reise in den Westen) (1803) von

Shiba Kôkan (1747-1818) zeigt die Illustration

eines „kuronbo swarte jongen“

(schwarzer Junge aus Kolombo) als Diener

der Holländer.

11

INSULANER

Elfenbein

H. 10,8 cm

Spätes 18./frühes 19. Jh.

Die hagere Gestalt mit langen, strähnigen

Haaren, aufgetriebenem Bauch, kleiner

Trommel, Schlegel und Stock ist ein häufiger

Typus unter den frühen Netsuke.

12

INSULANER

Geflecktes Kaki-Holz

H. 5,2 cm

Sign.: Joryû

Frühes 19. Jh.

Diese leicht grotesk wirkende Figur mit

großem, breitem Kopf und Schurz, an dem

ein kleiner Insulaner zupft, entspricht den

Gestalten des frühen Edo-Netsuke-Stils.

13

ZWEI INSULANER

Buchsbaum

H. 7,9 cm

Frühes 19. Jh.

Eine große und eine kleinere Figur stehen

eng zusammen. Möglicherweise spielt die

Darstellung auf einen Riesen (chojin) und

einen Zwerg (shojin) an.

14

EIERPRÜFER

Ahornholz(?), Pupillen und Ei aus Silber

H. 4,9 cm

Sign.: Shôhaku

Wahrscheinlich Edo, 19. Jh.

Neben einem Mann, der mit beiden Händen

ein Ei ans Auge hält, steht vorgebeugt

16


eine ähnlich gekleidete alte Frau mit einem

Korb voller Eier.

Der Eierprüfer testet die Eier auf ihre Unversehrtheit

und Frische, indem er die

Schale gegen das Licht hält.

Vermutlich handelt es sich um javanische

Küchengehilfen – auch erkennbar an ihrer

Haartracht – eines holländischen Schiffes.

15

INSULANER

Elfenbein, Pupillen des Kraken aus

schwarzem Horn

H. 14,4 cm

18. Jh.

Der nur in einen Binsenschurz bekleidete

Südseeinsulaner hält einen Kraken. Um die

Fremdartigkeit der Gestalt zu betonen,

wird sie mit Bart und sich einrollenden

Haarsträhnen dargestellt. Die extreme

Überlänge und der dreieckige Querschnitt

dieses Netsuke weisen das Stück als eine

frühe Arbeit aus.

Abgeb. in: Arts of Asia, Jg. 25, Nr. 5 (September/Oktober

1995), S. 17 (Anzeige

Laudenbach)

ASHINAGA UND TENAGA

Ashinaga und tenaga (Langbein und

Langarm) werden erstmals im Shanhaijing

erwähnt, das in Japan durch die

Übersetzung von Hayashi Razan (1583-

1657) bekannt wurde. Im Sancai tuhui

und dessen japanischer Version Wakan

sanzai zue und in Bilderfibeln wie dem

Kinmô zui sind sie immer wieder illustriert.

Ihre langen Gliedmaßen dienten

ihnen zur Nahrungsmittelbeschaffung.

Während Langbein seinen Freund huckepack

durch die Uferzone trägt, fängt

jener mit seinen langen Armen Fische

aus dem Wasser. Eine andere Darstellung

zeigt, wie ein tenaga versucht, einen ashinaga

aus den Fangarmen eines Kraken

zu befreien. In der Netsuke-Kunst gelten

ashinaga und tenaga seit dem 18. Jahrhundert

als Sinnbild gegenseitiger Hilfe.

16

ASHINAGA

Elfenbein, Pupillen des Kraken aus Horn

H. 5,6 cm

Mitte 19. Jh.

Um eines der langen Beine eines ashinaga

mit dichten Haarlocken schlingt ein Krake

seine Fangarme. Doch es fehlt tenaga, der

seinen Freund von den Angriff des Meerestieres

befreit.

17

ASHINAGA UND TENAGA

Buchsbaum

H. 3,8 cm

Sign.: Tomochika

Edo, ca. 1830/1850

Ashinaga hat seine langen Beine angezogen

und presst sie unter Anstrengung mit den

Armen gegen seinen Körper. Tenaga

schaut erstaunt zu den Knien des ashinaga

hoch, wobei seine Hände zwischen den

beiden Daumen eine runde Öffnung bilden.

Dies ist eine besonders kleine Ausführung

eines beliebten Netsuke-Modells des

Tomochika.

18

ASHINAGA UND TENAGA

Elfenbein

H. 6,1 cm

Edo, ca. 1840/1860

17


Ashinaga trägt einen tenaga huckepack

und profitiert von dessen langen Armen,

die nach einem Fisch greifen.

HOLLÄNDER

Die Holländer (orandajin) waren in Japan

auch als kômôjin (Rot-Haar-

Menschen) bekannt, da ihre rotblonde

Haarfarbe für den Japaner besonders

fremd war. Als Netsuke wurden sie mit

großen Augen, knolliger oder nach unten

gebogener Nase sowie mit exotischen

Perücken und fremdartiger Kleidung

(Hüten, Kniebundhosen, langen Jacken,

Gamaschen und Schuhen) dargestellt.

Ihre Attribute sind das europäische Fernrohr,

eine Trompete (rappa), ein europäischer

Hund, exotische Vögel, wie Pfau

oder Papagei, sowie ein Hahn oder Wild,

als Hinweis darauf, daß sie Fleisch aßen.

Holländer wurden oft mit einem

auf der Schulter sitzenden chinesischen

Kind (karako) gezeigt. Es gibt die Meinung,

daß dieses Motiv auf die christliche

Darstellung des Heiligen Christophorus

zurückzuführen ist.

Kleidung und Attribute der Ausländer

entsprechen kaum der Wirklichkeit

und wurden in oft phantasievoller

Art zusammengestellt. Offenbar regte die

fremdländische Erscheinung die Phantasie

der Schnitzer an, besonders kuriose

Figuren zu schaffen oder ihre exotische

Erscheinung zu karikieren.

19

KOPF EINES AUSLÄNDERS

Hirschhorn

H. 5,7 cm

17. Jh./18. Jh.

Der groteske Kopf leitet sich ab von ähnlichen,

sogenannten Monsterköpfen unter

den ito-in, den chinesischen Bronzesiegeln.

Diese ito-in (wörtlich: Faden-Siegel) wurden

in Japan in Hirschhorn, wobei man die

Rose des Geweihs in die Gestaltung mit

einbezog, nachgeahmt und als Netsuke

getragen. Das gefältelte Tuch auf der

Schulter stellt mit großer Wahrscheinlichkeit

den Kragen der portugiesischen Tracht

dar. An der Unterseite der Bartspitze befindet

sich ein kleines, unlesbares Siegelschriftzeichen.

20

HOLLÄNDER

Elfenbein

H. 4,3 cm

18. Jh.

Darstellungen von sitzenden Holländern

sind sehr selten.

21

HOLLÄNDER

Elfenbein

H. 6,2 cm

Frühes 19. Jh.

Der auf der Schulter eines Holländers hockende

Knabe verweist motivisch auf die

Figur das Heiligen Christophorus.

22

HOLLÄNDER

Elfenbein

H. 5,4 cm

Sign.: Hidemasa

Osaka/Kyoto, frühes 19. Jh.

Haltung und Gewandgravuren entsprechen

den Arbeiten des Hidemasa. Die Signatur

ist nicht so kräftig geschrieben wie

18


viele andere Signaturen des Hidemasa.

Entweder handelt es sich hier um Hidemasa

II oder eine apokryphe Signatur.

23

HOLLÄNDER

Elfenbein

H. 5,6 cm

19./20. Jh.

Lockenfrisur, Trompete und das Kind auf

der Schulter sind Merkmale einer Holländerdarstellung.

Hüftschutz und Umhang

hingegen sind bei Darstellungen von Tataren

anzutreffen.

24

HOLLÄNDER

Elfenbein, Pupillen, Gewand- und Gamaschenknöpfe

aus braunem und schwarzem

Horn

H. 5,1 cm

Sign.: Masakazu

Kyoto, frühes 19. Jh.

Mantel, Hut und Trompete dieser fröhlich

anmutenden Gestalt sind chinesisch, während

der übergroße Kopf mit Lockenfrisur

und Bart eindeutig europäische Merkmale

zeigt.

Abgeb. in: Jirka-Schmitz 1994b, S. 7

25

HOLLÄNDER

Elfenbein, Pupillen, Knöpfe an Hutkrempe

und Ärmeln aus Horn

H. 9 cm

19. Jh.

Zwar trägt die Figur einen typischen chinesischen

Mantel sowie einen langen, spitzen

Bart, doch weisen die lockige Perücke und

der Hut ihn als einen Europäer aus. Der

Stab in der Linken ist nicht zu deuten. Habitus

und die Art, wie der Kopf in den Nacken

gelegt ist, sowie der nach oben gerichtete

Blick erinnern an sennin-

Darstellungen.

26

HOLLÄNDER

Elfenbein

H. 9,3 cm

20. Jh.

Das besondere Attribut dieses Ausländers

ist das Fernrohr in der rechten Hand. Seine

Kleidung entspricht der Mode des 18.

Jahrhunderts. Solch Detailgenauigkeit ist

weder bei Netsuke aus dem 18. noch aus

dem 19. Jahrhundert anzutreffen.

27

AUSLÄNDER

Elfenbein

H. 7,1 cm

Spätes 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Eine vergleichbare Figur befand sich ehemals

in der Sammlung W. L. Behrens. Joly

beschreibt die Figur wie folgt: „A European

wearing a combination garment fastening

with side buttons, such as worn by American

mechanics and holding with both

hands a coat with rolled lapels and a single

button at the throat. It would be interesting

to know whether this design was taken

from a European picture or wether it is a

caricature of some foreigner residing in

Japan.“ (Joly 1912, Nr. 448, Tafel X)

19


28

LACHENDER AUSLÄNDER

Elfenbein

H. 11,6 cm

Spätes 18. Jh.

Diese Geste des Fingerzeigens könnte eine

Anspielung auf die Regierungsverordnung

sein, die dies sowie das Lachen über die

koreanischen Gesandtschaften verbot,

wenn diese per Schiff in Osaka eintrafen

und von dort über den Tôkaidô nach Edo

zogen.

29

TATARISCHER BOGENSCHÜTZE

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 7,9 cm

Sign.: Masakazu

19. Jh.

Positur und der große Kopf des nach oben

schielenden Bogenschützen orientieren

sich zwar an frühen Arbeiten, die manirierte

Art der Darstellung spricht jedoch

für eine späte Arbeit.

Ein sehr ähnliches Stück befindet sich im

Victoria & Albert Museum in London

(Earl 1982, S. 13, Abb. 4), das im Stil des

Yoshinaga aus Kyoto gearbeitet ist. Das

vorliegende Stück wirkt wie eine Kopie

nach Yoshinaga.

30

TATARISCHER BOGENSCHÜTZE

Elfenbein

H. 8,2 cm

Spätes 18. Jh.

Der Tatar ist hier im Pelzmantel und den

typischen Attributen wie Hut mit Fellkrempe,

zwei Pfauenfedern, Köcher und

Bogen, dargestellt. Ihm zu Füßen sitzt ein

Hund. So erscheint der Tatar auch in den

Illustrationen der enzyklopädischen Literatur

und auf den nagasaki-e, wo er inschriftlich

als Dattanjin bezeichnet wird. Tata ist

seit dem 5. Jahrhundert die Bezeichnung

eines Mongolenvolkes im Nordosten der

heutigen Mongolei. Ähnlich den Jägern

aus der Tatarei werden auch die Bewohner

aus Orankai (Terajima 1970, S. 211 und

Kinmô zui, Bd. 4, S. 11a unten) und Joshin,

beides Länder in der früheren Mandschurei,

dargestellt.

Abb. 4

Kinmô zui, 1666, Bd. 4, S. 11a

31

TATARISCHER BOGENSCHÜTZE

Maritimes Elfenbein (Narwal)

H. 7 cm

Aufschrift: Yoshinaga

19. Jh.

32

AUSLÄNDER

Buchsbaum

H. 11,5 cm

18. Jh.

Ehemalige Sammlung Raymond Bushell

Der große Ausländer mit Hut, Bart und

einer langen Trompete trägt einen sehr

mageren tenaga, der von Bushell als Skelett

interpretiert wird, auf dem Rücken. Diese

ungewöhnliche Darstellung konnte bisher

nicht gedeutet werden.

Abgeb. in: Bushell, 1975, S. 116, Nr. 148

20


Chinesische Unsterbliche

Von Beginn an war die daoistische Philosophie,

die von Laozi (jap. Rôshi) begründet

wurde, besessen von dem Gedanken,

daß es möglich sei, physische

Unsterblichkeit zu erlangen. Dieses war

das Ziel der xianren (jap. sennin), ein

Terminus, der im Deutschen mit „Unsterblicher“

übersetzt wird. Nicht zu altern

und lange zu leben, vollzog sich bei

ihnen durch Befolgung verschiedener

Praktiken, wie Atemübungen oder alchemistischen

und pharmazeutischen

Techniken.

In der chinesischen und japanischen

Kunst werden die sennin als langhaarige,

bärtige, barfüßige Eremiten in

ärmlicher Kleidung, mit einem Umhang

aus Eichen- oder Artemisia-Blättern und

einer Kalebasse, die das Elixier der Unsterblichkeit

enthält, dargestellt. Ihre

unkonventionelle Erscheinung kennzeichnet

sie als Außenseiter der Gesellschaft.

Viele sennin tragen ein zusätzliches,

sie identifizierendes Tier oder Objekt.

Die Schnitzer scheinen sich jedoch

nicht streng an die Ikonographie gehalten

zu haben, und eine namentliche Identifizierung

ist oft unmöglich.

Im späten 16. Jahrhundert kamen

zahlreiche chinesische Bücher nach Japan.

Unter ihnen befand sich die wichtigste

illustrierte Biographiensammlung

von Unsterblichen, die Ming-Ausgabe

des Liexian quanzhuan (jap. Ressen zenden,

Vollständige Sammlung von Biographien

der Unsterblichen). Andere

sennin-Biographien sind das Xianfo

qizong (jap. Senbutsu kisô, Wundersame

Erzählungen von Unsterblichen und

Buddhas) aus dem Jahr 1602 und das

Xianfo zhengfa (jap. Senbutsu shoho). Die

Unsterblichen werden in diesen illustrierten

Büchern in der Kleidung der

chinesischen konfuzianischen Beamten

oder der einfachen Bevölkerung gezeigt,

nur sehr selten als Bettler.

Die sennin-Darstellungen unter

den Netsuke beruhen jedoch in Auswahl

und Ikonographie auf der japanischen

Malerei der Muromachi-Zeit bzw. den

späteren Mallehrbüchern von Holzschnittkünstlern

in der Kano-Tradition,

wie z.B. das Wakan meigaen (Garten berühmter

japanischer und chinesischer

Bilder) (1750) von Ooka Shunboku

(1680-1763). Viele dieser sennin kennzeichnet

eine dynamische Haltung, die

durch die Drehung des Kopfes und die

flatternden Gewandsäume betont wird.

Der Gesichtsausdruck ist oft grotesk, daher

werden sie gelegentlich mit den ähnlich

übersteigert dargestellten rakan verwechselt.

Nur selten werden Unsterbliche

in konventioneller chinesischer Tracht

gezeigt, dann tragen sie fast immer auch

einen langen, spitz zulaufenden Bart.

Sennin gehören zu den frühesten

Figurendarstellungen unter den Netsuke.

Die großen, schlanken Gestalten wurden

im 18. Jahrhundert fast ausschließlich in

Elfenbein geschnitzt; eine Beeinflussung

durch chinesische Elfenbeinschnitzereien

ist nicht auszuschließen. Yoshimura

Shûzan (1700-1776) aus Osaka ist der

erste namentlich bekannte Künstler, der

für seine sennin-Netsuke aus Holz berühmt

wurde. Das Sôken kishô schreibt,

er habe sich bei seinen Darstellungen

vom Ressenden beeinflussen lassen, doch

ein Vergleich zeigt, daß der Einfluß nicht

sehr groß war. Shûzans groteske und expressiv

gestaltete Figuren basieren auf

21


sennin-, rakan- und oni-Darstellungen in

der Kano-Malerei.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts

nahm die Anzahl der sennin-Netsuke ab.

Sie wurden kleiner und detailreicher gestaltet

und ihr dramatischer Ausdruck

ging verloren.

SEIÔBO

Seiôbo (chin. Xiwangmu) ist die legendäre

daoistische Feengöttin, die „Königinmutter

des Westens“. Sie residierte mit

ihren fünf Dienerinnen in einem sagenumwobenen

Palast mit Jaspis-Terrasse in

den Kunlun (jap. Konron)-Bergen in

West-China. In ihrem Park wuchsen

Pfirsichbäume, die nur alle dreitausend

Jahre Früchte trugen und deren Verzehr

Unsterblichkeit verlieh. Mit diesen

Früchten, sieben an der Zahl, besuchte sie

der daoistischen Überlieferung nach 110

v. Chr. den Kaiser Wudi (jap. Kan no

Butei) und hielt für die Unsterblichen

Feste ab, bei denen sie diese Früchte servierte.

Seiôbo wird in prächtiger Tangzeitlicher

Kleidung und mit reichem, von

einem Phönix bekrönten Kopfschmuck

dargestellt. Sie oder ihre Dienerin trägt

einen Pfirsichzweig bzw. eine Schale mit

Pfirsichen, die immerwährendes Leben

verheissen.

33

SEIÔBO

Elfenbein

H. 9,7 cm

Spätes 18. Jh.

Der Pfirsichzweig und das kostbare Gewand

mit Blütenrautenmuster (hanabishi)

sind die Erkennungsmerkmale der daoistischen

Göttin.

Abb. 5

Ehon shahô bukuro, 1770 (1. Aufl. 1720),

Bd. 7, S. 19a

34

SEIÔBO

H. 9,4 cm

Spätes 18. Jh.

Würdevoll steht die Königinmutter des

Westens mit Morgenwolkenumhang um

die Schultern neben einem Korb mit einem

Pfirsichzweig.

35

SEIÔBO

Elfenbein

H. 5,2 cm

1. Hälfte 19. Jh.

In der herabhängenden Linken hält Seiôbo

einen Korb.

36

TAISHIN'Ô

Elfenbein

H. 5,2 cm

Sign.: Tenzan

Frühes 19. Jh.

Die chinesische Unsterbliche Taishin’ô

(chin. Taizhen Wang), die jüngste Tochter

der Seiôbo, sitzt auf einem – der Legende

nach weißen – Drachen. Mit beiden Händen

spielt sie die einsaitige Zither (qin).

Aufgrund ihrer Erscheinung wird sie meist

mit Benten verwechselt, deren Attribut

jedoch die japanische Laute (biwa) ist.

22


37

RYÛJO

Buchsbaum

H. 3,5 cm

Sign.: Masamitsu

Mitte/2. Hälfte 19. Jh.

Ryûjo (chin. Liu Nü) fliegt auf dem Rücken

einer Gans durch die Lüfte.

Sie war die ältere Tochter des Liu An (gest.

122 v. Chr.), der ein Mitglied des kaiserlichen

Clans der Westlichen Han-Zeit (206

v. Chr. - 9 n. Chr.) war und sich in der Alchemie

versuchte. Seine Tochter lernte bei

ihm. Als sie ins heiratsfähige Alter kam,

schickte ihre Mutter sie zu einem Nachbarn,

den sie heiraten sollte. Daraufhin

kam ein weißer Schwan angeflogen, der sie

in das Land des Rôshi davontrug.

38

RYÛJO

Elfenbein

H. 3,4 cm

Sign.: Hômin und kaô

Edo/Tokyo, ca. 1850/1880

Ryûjo hält mit beiden Händen das lange

Schalband, während der Vogel seinen Kopf

nach links wendet, um so dem Netsuke

eine kompakte Form zu verleihen.

TÔBÔSAKU

Tôbôsaku (chin. Dong Fangshuo) gilt

unter den Unsterblichen als der „Pfirsichdieb“.

Er hat Seiôbo drei Pfirsiche

entwendet, als sie mit sieben Pfirsichen

auf dem Weg zum Hof des Kaisers Wu Di

war. In der Malerei wird er in Beamtenkleidung

auf der Flucht mit den Pfirsichen

der Unsterblichkeit dargestellt. Bei

Netsuke ist einzig der Pfirsich sein identifizierendes

Attribut.

39

TÔBÔSAKU

Elfenbein

H. 5,5 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Freudig lachend hält Tôbôsaku einen

Zweig mit großem Pfirsich und einen

Blattfächer. Die Art der Gewandgestaltung

läßt an Hidemasa denken.

40

TÔBÔSAKU

Elfenbein

B. 3,8 cm

Sign.: Rantei

Kyoto, 19. Jh.

Der alte, sitzende Unsterbliche streicht sich

über den Bart. Hinter ihm liegt ein riesiger

Pfirsich mit typischer, tiefer Kerbe.

41

TÔBÔSAKU

Elfenbein

H. 3,2 cm

19. Jh.

Diese in China unbekannte Darstellung

des Tôbôsaku ist eine typisch japanische

Interpretation, die an das Märchen von

Momotarô erinnert, dem Knaben, der aus

einem Pfirsich geboren wurde.

42

TÔBÔSAKU

Elfenbein

H. 5,3 cm

Sign.: Masayuki

Spätes 19. Jh.

23


Behutsam hält Tôbôsaku den großen Pfirsich,

der ihm immerwährendes Leben verleiht.

43

SENNIN

Elfenbein

H. 8,5 cm

Frühes 19. Jh.

Der Blattschurz um Schulter und Hüfte

sowie das löchrige Gewand kennzeichnen

die Gestalt als sennin, dessen groteskes

Aussehen durch den übergroßen Kopf und

die unnatürliche Körperhaltung betont

wird.

44

SENNIN

Elfenbein

H. 10,9 cm

Spätes 18. Jh.

Trotz des Zepters, das in der Regel ein Attribut

buddhistischer Figuren ist, läßt sich

dieser bärtige sennin nicht namentlich

identifizieren. Ungewöhnlich sind die

Phönixe als Gewandmuster.

45

SENNIN

Elfenbein

H. 10,4 cm

18. Jh.

Der Fuß des Unsterblichen ruht auf einem

kleinen Felsen, der eine spätere Ergänzung ist.

46

SENNIN

Elfenbein

H. 7,5 cm

18. Jh.

Ehemals Slg. Lorber

Der sitzende, greise Unsterbliche mit Artemisiablatt-Umhang

hält einen Stab, an

dessen Spitze ein Henkelkorb hängt.

Größe, dreieckige Form, Verlauf der

Schnurführung sowie die Patina des Stückes

sind charakteristisch für das 18. Jahrhundert.

Abgeb. in: Trudel Klefisch, „Netsuke als

Spiegel der Edo-Zeit“, in: Weltkunst, Jg..

67, Nr. 12 (15. Juni 1997), S. 1262, Abb. 9

47

SENNIN

Elfenbein

H. 6 cm

Frühes 19. Jh.

Der bärtige Unsterbliche mit Artemisiablatt-Umhang

und kleiner Kopfbedeckung

hält eine aufgerollte Schriftrolle. Zu seinen

Füßen liegt ein Kürbis.

48

SENNIN

Elfenbein

H. 7,2 cm

Spätes 18. Jh.

Der fröhliche sennin stützt einen Gegenstand

auf seiner Schulter, der auf Grund

einer Beschädigung nicht mehr zu bestimmen

ist. Es könnte sich um den unteren

Teil eines Flaschenkürbisses handeln.

In der Hand hält er die Kordel mit Quaste,

die ursprünglich um die Taille des Kürbisses

gewickelt war.

24


49

SENNIN

Elfenbein

H. 6,8 cm

Hälfte 19. Jh.

Die geschulterte Kalebasse ist das übliche

Attribut eines Unsterblichen, doch die sich

zu Locken einrollenden Haarsträhnen, der

Umhang mit Viereckmuster, der

Hüftschurz, der von einer Rüstung zu

stammen scheint, und die Schuhe sind für

einen sennin atypisch.

50

SENNIN

Elfenbein

H. 4,3 cm

18. Jh.

Der sennin mit einer Schriftrolle steht neben

einem Fabeltier vom Typ baku.

51

SENNIN

Elfenbein

H. 10 cm

18. Jh.

Durch ein Loch in seinem den ganzen Rücken

bedeckendem Blättergewand sind

Rückgrat und Rippen zu sehen.

GAMA SENNIN

Gama Sennin (wörtlich: Kröten-

Unsterblicher, chin. Gemo xianren) ist

die japanische Bezeichnung des chinesischen

Unsterblichen Liu Haichan (auch

Liuhai Xian). Dieser soll eine historische

Person gewesen sein, die im frühen 10.

Jahrhundert gelebt und 4. Patriarch der

Quanzhen-Sekte des Daoismus war. Er

war Meister der inneren Alchemie und

gehört der Gruppe der Acht Unsterblichen

(hassen, chin. baxian) an. Sein Attribut

ist die weiße, dreibeinige Kröte,

die der Unsterbliche aus einem Brunnen

fischte und die ihn überall hin transportieren

konnte. Er und Tekkai sennin werden

in der chinesischen und japanischen

Malerei oft zusammen dargestellt.

52

GAMA SENNIN

Elfenbein

H. 4,5 cm

18. Jh.

Der Unsterbliche sitzt auf einem niedrigen

Felsen und stützt mit der Linken eine über

seine Schulter kletternde, dreibeinige Kröte.

In der Rechten hält er einen Zweig mit

großem Blatt und einer anhängenden Kalebasse.

Diese Figur weist in der Darstellung

Ähnlichkeit mit rakan aus dem 18.

Jahrhundert auf (vgl. Kat.-Nrn. 140 und 142).

53

GAMA SENNIN

Elfenbein

H. 8 cm

18. Jh.

Mit der Rechten stützt der Unsterbliche

eine vierbeinige Kröte auf seiner Schulter.

Sehnen des Halses und die Rippen des

Brustkorbes sind realistisch dargestellt,

während das Gesicht zu einer Grimasse

verzogen ist.

54

GAMA SENNIN

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 3,9 cm

2. Hälfte 18. Jh.

25


Die dreieckige Form sowie die Physiognomie

mit großen Augen sind Merkmale

des frühen Netsuke-Stils.

55

GAMA SENNIN

Elfenbein

H. 3,6 cm

Sign.: Gyokushin

2. Hälfte 19. Jh.

In dieser ungewöhnlichen Darstellung des

sennin als alter Mann scheint der Unsterbliche

sich mit einer vierbeinigen Kröte zu

unterhalten.

56

GAMA SENNIN

Hirschhorn, Pupillen aus schwarzem Horn

H. 7,8 cm

19. Jh.

Der Unsterbliche mit dämonenhafter Fratze

steht mit eng zusammengestellten nackten

Füßen im Gleichgewicht. Die Kröte,

sein typisches Attribut, stützt der Unsterbliche

mit der Linken auf seiner Schulter,

die Rechte hält einen Zweig, von dem paarige

Kalebassen hängen. Das Gesicht ist zu

einer dämonenhaften Fratze verzogen.

57

GAMA SENNIN

Walroßzahn

H. 3,1 cm

Spätes 19. Jh.

Geschickt hält der kniende sennin den Fuß

so, daß die riesige dreibeinige Kröte mühelos

über seinen Rücken klettern kann.

TEKKAI SENNIN

Tekkai Sennin (wörtlich: Eisenkrücke-

Unsterblicher, chin. Li Tieguai) ist einer

der Acht Unsterblichen und soll in der

Sui-Zeit (581-618) gelebt haben. Li Tieguai

wurde von Laozi und Wenqiu in die

Lehren des Daoismus unterwiesen. Eines

Tages wollte er zu einem Treffen mit

Laozi auf den Berg Hua. Seinem Schüler

sagte er, daß sein physischer Körper zurückbleiben,

während seine Seele (hun)

die Reise antreten würde. Falls diese nach

sieben Tagen nicht zurück sei, dürfe er

den Körper einäschern. Der Schüler

äscherte den Körper am 6. Tag ein und

als Lis Seele am 7. Tag zurückgekehrte,

fand er seinen Körper nicht mehr vor.

Daraufhin schlüpfte er in den Körper

eines Bettlers, der gerade verhungert war.

In der Kunst wird er daher als ärmlicher

Krüppel mit häßlichem Gesicht und Eisenkrücke

dargestellt, der mit gespitzten

Lippen seine Anima auf die verhängnisvolle

Reise schickt.

58

TEKKAI SENNIN

Holz, Pupillen aus Silber

H. 9,3 cm

Signatur unlesbar

18. Jh.

Der sennin kann anhand seiner Krücke,

Haltung und der Mimik des Aushauchens

seiner Anima als Tekkai identifiziert werden.

Das Geschwür am Hals ist Hinweis

auf den kranken Bettler.

59

TEKKAI SENNIN

Holz

H. 10,1 cm

19. Jh.

26


Der Mund des sennin ist zum Aushauchen

seiner Anima geöffnet. Die Linke ist auf

eine Krücke gestützt. Die Kalebasse ist ein

weiteres Attribut des Tekkai. Die Schnurführung

verläuft, wie bei frühen Stücken

üblich, durch den Ärmel.

60

TEKKAI SENNIN

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 6,7 cm

19. Jh.

Der Unsterbliche haucht seine Anima aus,

die sich als Figur mit Kalebasse und Krücke

auf einer Atemfahne entfernt.

KIKUJIDÔ

Kikujidô (wörtlich Chrysanthemen-

Knabe, chin. Ju Zitong), der Lieblingspage

des Kaisers Bokuô (chin. Muwang, reg.

1001-946 v. Chr.) der Zhou-Dynastie,

hatte eines Tages mit der Fußspitze das

kaiserliche Kissen berührt. Für dieses

Vergehen wurde er vom Kaiser ins Exil

geschickt. Doch bevor er ging, gab ihm

der Kaiser einen buddhistischen Spruch

mit auf den Weg, der Gesundheit und

langes Leben garantieren sollte. Damit er

diese Worte nicht vergißt, schrieb er sie

immer wieder auf Chrysanthemenblätter.

Der Tau, der die Worte morgens weg

wusch, wurde das Elixier immerwährender

Jugend (furô fushi no kusuri, wörtlich:

Nicht Altern-Nicht Sterben-

Medizin).

61

KIKUJIDÔ

Elfenbein

H. 2,5 cm; L. 8 cm

17./18. Jh.

Der junge Mann liegt auf seinen linken

Arm gestützt; in der Rechten hält er einen

Chrysanthemenzweig mit zwei Blüten. Das

himotôshi wird gebildet durch eine Kalebasse

am Rücken.

Die Gestaltung leitet sich möglicherweise

ab von der chinesischen, sogenannten

„doctor's lady“. Diese Handschmeichler

der Ming-Zeit waren in Japan mindestens

seit dem 18. Jahrhundert bekannt, wie aus

einer Illustration im Sôken kishô hervorgeht.

Die Art der Gesicht- und Körpergestaltung

erinnert an chinesische Elfenbein-

Figuren des 17. Jahrhunderts.

Auf Grund der Form des Netsuke kann

dieses Stück auch als Pinselablage verwendet

werden.

62

KIKUJIDÔ

Buchsbaum

Ø 4,8 cm

19. Jh.

Im Inneren einer großen Chrysanthemenblüte

sitzt Kikujidô. Auf der Rückseite sind

zwei große Blätter dargestellt; der unterschnittene

Stengel bildet das himotôshi.

Eine in Komposition ähnliche Darstellung

dieses Themas befand sich ehemals in der

Sammlung Bushell. Hier ist der langhaarige

chinesische Knabe in einem Kranz von

Blütenblättern dargestellt. Die Interpretation

Bushells, daß es sich hier um eine Arbeit

in der Art einer Cameo-Brosche handelt,

ist nicht nachzuvollziehen (Bushell

1989b, S. 117, Abb. 157).

63

KIKUJIDÔ

Elfenbein

H. 3 cm; L. 4,2 cm

Mitte 19. Jahrhundert

27


64

KIKUJIDÔ

Elfenbein

H. 5,1 cm

Mitte 19. Jh.

65

ATTRIBUTE DES KIKUJIDÔ

Elfenbein

L. 3,6 cm

Sign.: Ryûsen

Edo, ca. 1850/1870

Ehemalige Sammlung De Belder

Das Kopfkissen des Kaisers, Chrysanthemenblüten

und Blätter, ein Pinsel sowie –

auf der Unterseite – ein Tuschestück und

ein pfirsichförmiger Tuschereibstein bilden

ein kompaktes, in sich geschlossenes

Stilleben. Im Kopfkissen ist in anabori eine

Landschaft mit Kiefer und Bach dargestellt.

Die Spitze des Pinsels und die Tusche im

Reibstein sind schwarz eingefärbt.

66

CHÔKARÔ

Manjû-Netsuke

Elfenbein

Ø5,7 cm

Sign.: Ikkansai Inshi (Kazuyuki) und kaô

Mitte 19. Jh.

Der sennin läßt sein Pferd, das auf der

Rückseite des manjû dargestellt ist, aus

einer Kalebasse springen.

Chôkarô (chin. Zhangguo Lao), der zu den

Acht Unsterblichen zählt, verfügt über

übernatürliche Fähigkeiten. Er soll immer

einen Flaschenkürbis mit sich getragen

haben, um bei Bedarf ein Pferd daraus zu

zaubern.

Abgeb. in: Lazarnick 1982, Bd. 1, S. 515-516

67

CHINNAN

Elfenbein, Pupillen des Drachen aus Horn

H. 4,6 cm

19. Jh.

Almosenschale und Drache sind zwar auch

die Attribute des rakan Handaka sonja,

doch Gewand, Hüftschutz, Pluderhosen

und der spitze Bart weisen die Figur als

Chinesen und somit Chinnan aus.

Chinnan (chin. Chen Nan) war für seine

exzentrische Lebensweise bekannt und

wird in der Malerei barfüßig auf einem

Strohhut dargestellt, weil er eine Fähre

verpaßt hatte und sich daher auf diese

Weise über das Wasser fortbewegte. Der

große, flache Hut ist das Hauptattribut des

meist im Flickengewand dargestellten sennin.

Wegen seiner Fähigkeit, Regen herbeizaubern

zu können, wird er auch mit einem

Drachen dargestellt.

68

KINKÔ SENNIN

Elfenbein, Pupillen des Tieres aus Horn

H. 6,5 cm

Frühes 19. Jh.

Ein riesiger Karpfen mit Kinko auf dem

Rücken steigt aus den Wellen.

Kinkô (chin. Qin Gao) zog durchs Land,

wobei er auf der Trommel und der qin

(jap. kin, Bestandteil seines Namens) musizierte

und Fische malte. Eines Tages wurde

er vom König der Fische eingeladen, die

Flußwelt zu besuchen. Auf dem Rücken

eines Karpfens kehrte er von dort zurück

und ermahnte seine am Flußufer wartenden

Schüler, keine Fische mehr zu töten.

Nach einer anderen Version der Legende

erwarteten ihn am vereinbarten Tag seiner

28


Rückkehr seine Schüler am Ufer. Auf einem

Karpfen reitend entstieg er den Wellen.

Nachdem er einen Monat lang seine

Adepten unterwiesen hatte, entschwand er

wieder in den Fluten. Laut Weber enthält

die Schriftrolle in der Hand Skizzen aus

dem Reich der Fische, die er für seine Bilder

verwenden wird.

69

KUME SENNIN

Elfenbein

H. 5,4 cm

Sign.: Ono Ryôkô

Edo/Tokyo, ca. 1860/1880

Wahrscheinlich geht dieses Motiv zurück

auf eine Legende um den einzigen japanischen

sennin, Kume, der vom Himmel aus

eine Wäscherin beobachtete, sich in diese

verliebte und aus den Wolken fiel.

Abgeb. in: Werdelmann 1987, S. 477, Abb.

5 und Werdelmann 1989a, S. 47

29


Chinesische Figuren aus Geschichte,

Literatur und Alltag

Mit der Einführung des Zen-Buddhismus

aus China gelangten chinesische Bücher

und Malereien nach Japan, die ein breites

Wissen über chinesische Literatur, Geschichte

und Sagengestalten vermittelten.

Bei der Etablierung chinesischer Legenden

in Japan spielte zudem das Nô-

Theater der Muromachi-Zeit eine besondere

Rolle. Viele chinesische Figuren waren

Themen von Nô-Dramen. In den

nachfolgenden Jahrhunderten fanden sie

Aufnahme in populäre Balladen und kabuki.

Chinesische Figuren wurden auf

diese Weise einer breiten Bevölkerung

bekannt.

Der wohl wichtigste chinesische

Roman bzw. dessen japanische illustrierte

Ausgaben, der die Netsuke-Schnitzer

inspirierte, war das Sangokushi (chin.

Sanguozhi, dt. Geschichte der Drei Reiche)

des Chen Shou (233-297), das jedoch

erst im 14. Jahrhundert als historischer

Roman mit dem Titel Sanguozhi yanyi

(Erweiterte Geschichte der Drei Reiche)

berühmt wurde. Das Sangokushi schildert

die politischen Unruhen des 3. Jahrhunderts

n. Chr., als die Königreiche von

Wei, Wu und Shu um die politische Vorherrschaft

kämpften. Die drei Schwurbrüder

vom Pfirsichgarten Ryûbi, Kan'u

und Chôhi verbündeten sich, um Recht

und Gerechtigkeit wiederherzustellen.

Diese drei Generäle (shokusanketsu) tauchen

– einzeln oder zusammen – sehr oft

als Netsuke-Motiv auf.

Weiterhin gab es eine große Anzahl

von Geschichten, die Tugenden wie

Demut, Loyalität, Mut und Kindespietät

exemplifizieren. Zu den berühmtesten

legendären Gestalten zählt der Teufelsbezwinger

Shôki. Aber nicht nur historische

und legendäre Gestalten beeinflußten

die Schnitzer, sondern auch berühmte

chinesische Dichter und Personen aus

dem chinesischen Alltag dienten als Thema.

KAN'U

Die Geschichte von Kan'u (chin. Guan

Yu, gest. 220), Chôhi (chin. Zhang Fei)

und Ryûbi (chin. Liu Bei, später als Kaiser

Gentoku [chin. Xuande)]genannt)

wird im Roman Sangokushi (Geschichte

der Drei Reiche) geschildert. Im „Pfirsich-Garten“

leisteten sie einen Treueschwur

und erkämpften die Etablierung

von Ryûbi als König von Shu im Jahr 221

n. Chr., einem der legitimen Nachfolger

der 220 gestürzten Han-Dynastie und

Begründer eines der Drei Reiche. Kan’u

wurde 1594 aufgrund seiner Loyalität

und seines Mutes zum Kriegsgott mit

dem Namen Guandi ernannt. Er war

auch Schutzgott der Gerechtigkeit und

der Kaufleute. Vor allem in Südchina

sehr beliebt, beeinflusste die Art seiner

Gestaltung die Schnitzarbeiten in Japan.

Die Darstellungen von Kan'u basieren

auf den zahlreichen chinesischen

Wiedergaben des populären Guandi. Die

ihn identifizierenden Merkmale sind seine

ernsthafte Erscheinung, seine Hellebarde

„Blauer Drache“ (Seiryûken), der

lange Bart, über den er sich mit der Hand

streicht, und die Kappe mit Mond-

Emblem und herabhängendem Tuch. Das

physiognomische Merkmal großer, nach

oben schräg gestellter Augen geht auf

chinesische Darstellungsweisen zurück.

In den japanischen Mallehr- und Vorlagebüchern

ist er häufig anzutreffen.

30


70

DIE DREI GENERÄLE

Buchsbaum, Augen aus hellem und dunklem

Horn

H. 4,4 cm

Mitte 19. Jh.

In der Mitte steht Ryûbi, der spätere Kaiser

Gentoku, mit in den Ärmeln versteckten

Händen. Er wird flankiert zu seiner Rechten

von Kan'u mit Hellebarde, der sich

über den Bart streicht, und Chôhi mit Lanze

und wehendem Bart.

71

KAN'U

Elfenbein

H. 8,8 cm

18. Jh.

Die kompakte, statuarische Form und die

Gewandgestaltung erinnern an chinesische

Elfenbeinfiguren des Kan'u aus dem 17.

Jahrhundert.

72

KAN'U

Hirschhorn

H. 10,6 cm

2. Hälfte 18. Jh.

Dies ist ein ungewöhnlich großes Netsuke

aus Hirschhorn, ein Material, das in der

Regel für kleinere Stücke verwendet wurde.

Die natürliche Höhlung des Materials ist

am Kopf und an den Füßen mit einem

Pflock verschlossen.

Abgeb. in: NKSJ, Bd. 6, Nr. 1 (Frühling

1986), S. 32

73

KAN'U

Elfenbein

H. 7,9 cm

2. Hälfte 18. Jh.

74

KAN'U

Elfenbein

H. 13 cm

18. Jh.

Die streng frontale Auffassung dieses

Kan'u und die sehr große Form, die sich

aus dem hohen, dreieckigen Zahnsegment

ergibt, ist typisch für das 18. Jahrhundert.

75

KAN'U

Elfenbein

H. 5,4 cm

Sign.: Nagatsugu

1. Hälfte 19. Jh.

Im Gegensatz zu den vorangegangenen

Figuren hat diese eine dynamische Haltung,

die motivisch auf Illustrationen der

Mallehrbücher zurückgeht.

Abb. 6

Shoshoku e kagami, 1794, S. 11b

76

KAN'U

Buchsbaum

H. 5 cm

Frühes 19. Jh.

Die breitbeinig stehende, korpulente Gestalt

verkörpert Willenskraft und Entschlossenheit.

Die Figureninterpretation ist

vergleichbar mit den Darstellungen des

31


Kan'u in der Malerei und Holzschnittkunst.

77

CHÔHI

Hirschhorn

H. 6,8 cm

19. Jh.

Der grimmige Gesichtsausdruck, der ausgebreitete

Bart und das Beil sind die Erkennungsmerkmale

des Chôhi.

78

KÔMEI

Buchsbaum

H. 3,5 cm

Sign.: Gyokurintei

Edo, ca. 1850/1860

Auf einer Sockelplatte sitzt ein lesender,

chinesischer Würdenträger vor einem

Tischchen auf dem Bücher, ein Tuschereibstein

und drei Pinsel liegen. Um den

Rücken ist ein Schwert gebunden.

Wahrscheinlich handelt es sich um den

General und Staatsmann Sho Katsuryô

(chin. Zhu Geliang, 181-234), besser bekannt

als Kômei, den späteren Berater des

Kaisers Gentoku. Der Legende nach besuchte

Gentoku mit seinen Genossen

Kan'u und Chôhi Kômei in einer Winternacht.

Geduldig warteten sie sechs Stunden

lang bis Kômei von seiner Lektüre aufblickte,

um ihm dann den Vorschlag zu

unterbreiten, Berater der neuen Regierung

zu werden.

Meinertzhagen erwähnt unter Gyokurintei

das Netsuke eines "Kwanyu reading“ (MCI,

S. 99), wobei er möglicherweise das Stück

in der Sammlung Behrens (Joly 1912, Tafel

LXIV, Nr. 4811) meint. Wahrscheinlich

handelt es sich um Kômei. Es scheint, als

ob Gyokurintei dieses Thema mehrfach

geschnitzt hat.

79

GENTOKU UND KÔMEI

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 3,6 cm

Sign.: Sekkô

Mitte 19. Jh.

Hinter dem sitzenden Kômei mit geschlossenem

und aufgestelltem Fächer steht Gentoku.

Abgeb. in: MCI, S. 722

80

YOJÔ

Buchsbaum, Augen aus Messing, Pupillen

aus Horn; himotôshi in Elfenbein gefasst

H. 2,5 cm

Aufschrift: Minko und kaô

Tsu, Provinz Ise, ca. 1800 oder wenig später

Mit einem Ausdruck von Verzweiflung

durchschneidet Yojô (chin. Yu Rang, 3. Jh.

v. Chr.) den Mantel seines neuen Dienstherrn,

des Kaisers Chô Bujutsu), um somit

zumindest symbolisch den Mord an seinem

ehemaligen Herrn, Kaiser Chihaku,

zu rächen.

Die gedrungene Form des Netsuke sowie

die Einlagen aus verschiedenen Materialien

sind zwar typisch für Minko, doch überzeugen

letztlich Schriftstil der Signatur und

Schnitzarbeit nicht. Die in ukibori ausgeführten

Wolkenmuster des kaiserlichen

Gewandes fügen sich nicht in das Œuvre

des Minkô.

Abb. 7: Ehon shahô bukuro, 1770 (1. Aufl.

1720), Bd. 6, S. 16a

32


81

YOJÔ

Elfenbein

H. 3 cm

Sign.: Shôunsai

Edo. Ca. 1840/1860

Gesichtsausdruck, Barthaare und Behaarung

der Beine und Unterarme sind Zeichen

der wilden Entschlossenheit, seinen

ehemaligen Dienstherren zu rächen.

CHÔRYÔ UND KÔSEKIKÔ

Chôryô und Kôsekikô wurden sowohl

zusammen als auch einzeln dargestellt.

Als Kôsekikô (chin. Huangshi Gong), der

mythische „Herr vom Gelben Stein“, eines

Tages über eine Brücke ritt, ließ er

seinen Schuh ins Wasser fallen, wo ein

Drache sein Unwesen trieb. Chôryô

(chin. Zhang Liang), einer der drei berühmten

Generäle der Han-Dynastie

(Kan no sanketsu), fischte ihn aus den

Fluten und übergab den Schuh. Diese

Geschichte, Thema des Nô-Stücks

Chôryô, ist eine Parabel für verschiedene

konfuzianische Tugenden: Respekt gegenüber

den Älteren, Demut und Mut.

82

CHÔRYÔ UND KÔSEKIKÔ

Elfenbein

H. 7,8 cm

2. Hälfte 18. Jh., später überarbeitet

Kôsekikô reitet über eine Brücke. Chôryô

steht auf dem Drachen und reicht den

Schuh nach oben.

Frühe Darstellungen dieses Motivs, hier

erkennbar an der großen, dreieckigen

Form des sparsam beschnitzten Materials,

sind selten.

83

CHÔRYÔ UND KÔSEKIKÔ

Buchsbaum

H. 5,8 cm

Sign.: Isshinsai Unzan

Mitte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

In den brandenden Fluten sitzt Chôryô auf

dem bezwungenen Drachen und reicht

Kôsekikô den Schuh. Die sehr detailreiche

und sorgfältig ausgeführte Arbeit wirkt wie

ein okimono.

84

CHÔRYÔ

Chôryô

Elfenbein, Pupillen aus schwarzem Horn

H. 5,8 cm

Aufschrift: Masanao

Frühes 19. Jh.

Der bärtige General schultert den Schuh

des Kôsekikô und hält das Schwert am Rücken,

mit dem er sich gegen den Drachen

verteidigt hat.

Die aus feinen Ranken bestehenden Medaillons

auf dem Gewand sind in der Art

des Hidemasa ausgeführt.

85

GÔSHISHO

Holz

H. 4,6 cm

Sign.: Gyokkô

Ca. 1840/1870

Der berühmte General Gôshisho (chin.

Wu Yun) des 5. Jahrhunderts v. Chr. gewinnt

die Wahl zum Präsidenten der Pro-

33


vinzgouverneure, da er die Prüfungsaufgabe

löst. Literarisches Talent und Stärke

stellte er unter Beweis, indem er gleichzeitig

ein Gedicht schreibt und ein großes,

bronzenes Weihrauchbecken stemmt.

Abb. 8

Ehon shahô bukuro, 1770 (1. Aufl. 1720),

Bd. 5, S. 25b

DIE 24 BEISPIELE DER KINDESPIE-

TÄT

Neben der Loyalität gegenüber dem

Herrscher galt in China die kindliche

Pietät gegenüber den Eltern als die allerhöchste

Pflicht. In der Yuan-Zeit (1271-

1368) stellte Guo Jujing aus verschiedenen

Quellen 24 Beispiele der Kindespietät

(nijûshikô, chin. ershisi xiao) zusammen.

Diese waren in Japan Grundlage für

das bebilderte Werk Nijûshikô shisen, das

japanischen Malern als Vorlagebuch für

ihre Darstellungen dieser Themen diente.

Die 24 Beispiele waren im Zuge des zunehmenden

Einflusses konfuzianischer

Ethik im Japan der Edo-Zeit Allgemeingut

und wurden auch in volkstümlichen

Enzyklopädien, wie beispielsweise dem

Setsuyô (E.A. 1714), erläutert.

86

KAKU SANNAN

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 5,8 cm

19. Jh.

Um ihre zahnlose Mutter vor dem Hungertod

zu bewahren, läßt Kaku Sannan

(chin. Hu Shannan), auch Tôfujin (chin.

Tang Furen) genannt, aber besser bekannt

in der Netsuke-Literatur als Saishi, sie an

ihrer Brust trinken. In der Regel wird bei

diesem Thema auch die Mutter dargestellt.

Die Erzählung von Kaku Sannan ist das 10.

Beispiel der Kindespietät.

87

KAKKYÔ

Elfenbein

H. 4,8 cm

Sign.: Kôgyoku

Edo, ca. 1830/1860

Kakkyô (chin. Guo Qu) lebte mit seiner

Familie in bitterer Armut. Seine greise

Mutter sparte sich das wenige Essen vom

Munde ab, damit der Enkel genügend

Nahrung bekommen konnte. Daraufhin

beschlossen die Eltern, ihren Sohn zu töten,

damit sie die Mutter versorgen konnten.

Als er das Grab für den Sohn ausschaufelt,

findet er jedoch einen Kessel mit

einem Goldschatz. Kakkyô ist das 13. Beispiel

der Kindespietät.

88

KAKKYÔS FRAU

Zahn

H. 6 cm

18. Jh.

Die Figur einer stehenden Chinesin mit

einem Kleinkind wird in der Regel als

Kakkyôs Frau identifiziert. Diese Bestimmung

wird durch Netsuke erhärtet, bei

denen neben einer Frau mit Kind ein Topf

steht.

89

MÔSÔ

Elfenbein

H. 4,5 cm

18. Jh., später überarbeitet

34


Môsô sitzt mit einem Stab auf einem löchrigen

Felsen; neben ihm ist ein Bambusschößling

zu erkennen. Bei dem abgebrochenen

Gegenstand in seiner Rechten handelt

es sich wohl um ein Beil.

Môsô (chin. Meng Song) ist das 23. Beispiel

der Kindespietät und gehört unter

den Netsuke zu den beliebtesten Darstellungen

der 24 Beispiele. Im tiefen Winter

zog Môsô in einen Hain, um Bambussprossen

auszugraben. Aus diesen sollte er

für seine kranke Mutter eine kräftigende

Suppe kochen. Die Natur kam dem aufopfernden

Sohn zu Hilfe und ließ mitten im

Winter trotz Kälte und Schnee Bambus

sprießen.

90

MÔSÔ

Hirschhorn

H. 8,5 cm

Frühes 19. Jh.

Die Hacke, der Bastschurz, der große

Strohhut mit Schneeflecken und die Bambusschößlinge

in der linken Hand sind die

Erkennungsmerkmale des Môsô. Es handelt

sich hier um eine ungewöhnlich große

Darstellung.

91

MÔSÔ

Elfenbein, Wurzelnarben aus mehrfarbigem

Horn

H. 3,5 cm

Sign.: Chokusai

Osaka, ca. 1900/1920

Môsô ruht sich auf einem überdimensional

großen Bambussproß aus. Der Strohhut

und der Bastumhang sind mit Schnee bedeckt.

SUIKODEN-HELDEN

Der chinesische Roman Suikoden (chin.

Shuihu zhuan, in deutscher Übersetzung

bekannt als „Die Räuber vom Liangshan

Moor“) aus der Zeit um 1330 schildert

die Heldentaten von gesellschaftlichen

Außenseitern unter ihrem Anführer

Song Jiang. Sie kämpften für soziale Gerechtigkeit

und gegen korrupte Beamte

des Kaisers Huizong (reg. 1101-1125).

Im frühen 19. Jahrhundert erfreute

sich der Roman in Japan großer Popularität.

Unter den zahlreichen japanischen

Ausgaben des Suikoden ist die des

Takizawa Bakin (1767-1848), das Shinpen

Suiko Gaden (Neuherausgegebenes und

illustriertes Suikoden,1805-1839), hervorzuheben,

zumal es von Hokusai illustriert

wurde. Berühmt ist auch die Holzschnittfolge

Tsûzoku Suikoden gôketsu

hyakuhachinin no hitori (Die 108 Helden

des volkstümlichen Suikoden) von Utagawa

Kuniyoshi (1797-1861) aus den Jahren

1827 bis 1830. Sie löste eine regelrechte

Suikoden-Mode aus. Die bekanntesten

chinesischen Suikoden-Helden

sind Rochishin (chin. Li Zhishen), Bushô

(chin. Wu Song) und Riki (chin. Li Kui).

92

BUSHÔ

Elfenbein

H. 3,8 cm

Sign.: Shungetsu

Edo/Tokyo, ca. 1850/1880

Die Geschichte von Bushô, einer der Helden

aus dem Suikoden, wird im 22. Kapitel

erzählt. Nach einem üppigen Mahl und viel

Wein setzt Bushô seine Reise fort, obwohl

er vom Wirt vor einem großen Tiger gewarnt

wird, der bereits 25 Menschen um-

35


gebracht hat. In einer Nacht begegnet er

dem Raubtier. Als er dessen Angriff mit

seinem Knüppel abwehrt, birst dieser entzwei.

Daraufhin tötet Bushô nach einem

blutigen Kampf den Tiger mit bloßer

Faust. Die Ortsbewohner bedankten sich

bei ihm, in dem sie ihn mit einem hohen

militärischen Rang auszeichneten.

93

ROCHISHIN

Buchsbaum, Augen und Zähne des Niô aus

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 4 cm

Ca. 1830/1850

Rochishin gehört ebenfalls zu den bedeutenden

Gestalten des Suikoden. Sein ursprünglicher

Name war Rotatsu. Er ermordete

einen Fleischer und floh daraufhin

in ein Kloster, wo er Mönch wurde und

den Namen Kaoshô Rochishin annahm.

Doch sein ungestümes Temperament

brach immer wieder aus. In Kapitel 2 wird

geschildert, wie er die Statue eines Tempelwächters

zerstörte. Die Darstellung bezieht

sich auf diese Episode und zeigt

Rochishin, auf dem riesigen Kopf eines Niô

sitzend, mit Schuh in der angehobenen

Hand.

94

SONGOKÛ

Elfenbein

H. 3,6 cm

Sign.: Yoshinobu

2. Hälfte 19. Jh.

Mit dem Schwert in der Hand hält der Affe

Songokû Ausschau nach dem Feind, der

seine Reisegefährten bedroht.

95

SONGOKÛ

Elfenbein, Pupillen aus schwarzem Glas (?)

H. 4,5 cm

Mitte 19. Jh.

Songokû (chin. Sun Wukong), der Affendiener

des Sanzô hôshi, ist einer der beliebtesten

Protagonisten aus dem Roman

Saiyûki (chin. Xiyouji, dt. Die Reise nach

dem Westen) aus dem Jahr 1570. Er schildert

die Abenteuer des Mönches Gensô

Sanzô (chin. Xuanzang Sanzang, in Japan

besser bekannt als Sanzô hôshi), der 629

nach Indien reiste und dort 17 Jahre lang

buddhistische Reliquien und Sutren sammelte.

Er wurde begleitet vom Affen Songokû,

dem Eber Chohakkai (chin. Zhu

Wuneng) und einem Dämon.

SHÔKI

Shôki (chin. Zhong Kui) soll im 7. Jahrhundert

gelebt haben. Weil er in einer

Beamtenprüfung durchfiel und er keine

Position in der Regierung erhielt, brachte

er sich um. Der Kaiser hatte Mitleid und

gewährte ihm trotzdem eine offizielle

Beerdigung. Daraufhin bedankte sich

sein Geist beim Kaiser, indem er schwor,

das Land von Teufeln zu befreien.

Unermüdlich jagt Shôki seither

mit gezücktem Schwer und wehendem

Bart die flinken und listigen oni. Doch im

Gegensatz zu seinem Ruhm, Teufel vertreiben

zu können, erscheint er als

Netsuke oft als selbst von Teufeln gepeinigte

Gestalt. In Japan wird seine Jagd

nach den Teufeln unter Betonung vor

allem der komischen Aspekte immer

wieder und nicht nur bei Netsuke dargestellt.

Die ganze Bandbreite der Shôki-

36


Darstellungen ist auf drei Seiten des

Shoshoku e kagami (Bilder-Spiegel für

alle Handwerkszweige) (1794) von Keisai

Masayoshi (1764-1824) zu sehen.

96

SHÔKI UND ONI

Elfenbein

H. 7,6 cm

Kyoto, 2. Hälfte 18. Jh.

Vorwitzig schaut ein oni über die Krempe

von Shôkis charakteristischem, großem

Hut. Die Figurenauffassung und die nach

oben sich erweiternde Form von dreieckigem

Querschnitt sind typisch für eine Arbeit

aus Kyoto.

97

SHÔKI

Buchsbaum

H. 6,6 cm

Spätes 18. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Der erfolgreiche Teufelsjäger hat einen

schreienden oni gefangen, den er in einer

verschnürten Bastmatte auf dem Rücken

abtransportiert. Ungewöhnlich sind die

Hutkrempe und die Schuhe aus Silber,

wahrscheinlich eine Kaschierung von Beschädigungen.

98

SHÔKI

Elfenbein

H. 7,2 cm

Spätes 18. Jh.

Grimmig schaut der Teufelsjäger nach

oben, in der Rechten das gezogene

Schwert, auf dem Rücken die Scheide.

99

SHÔKI

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 3,8 cm

Sign.: Gyokuôsai

Mitte 19. Jh.

Entschlossen, endlich einen oni zu erwischen,

schärft Shôki sein Schwert an einem

Stein. Diese Darstellung ist auch im Shoshoku

e kagami anzutreffen.

Abb. 9

Shoshoku e kagami, 1794, S. 9a

100

SHÔKI

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus versilbertem Kupfer; Kapsel in

kikugata-Form aus Elfenbein

Ø 4,3 cm

Sign.: Kainô

Mitte 19. Jh.

Mit gezogenem Schwert lauert Shôki einem

oni auf, der sich in einer Grotte versteckt.

Ein sehr ähnliches Motiv befindet

sich im Banbutsu hinagata gafu.

Abb. 10

Banbutsu hinagata gafu, 1874, Bd. 1, S. 16b

101

SHÔKI

Elfenbein

H. 4,5 cm

Sign. in hiragana: Harutomo

Mitte 19. Jh.

Mit grimmigem Gesichtsausdruck hält

Shôki Ausschau nach einem oni.

37


102

SHÔKI

Elfenbein, Pupillen aus schwarzem Horn

H. 5 cm

Sign.: Masakazu

1. Hälfte 19. Jh.

Wutentbrannt und zielgerichtet schaut

Shôki nach unten, um mit einem Schwert

einen Teufel zu erwischen. Körperhaltung

und Gewandgravuren erinnern an Netsuke

von Hidemasa.

103

SHÔKIS KAPPE

Buchsbaum

H. 6,2 cm

Frühes 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Brockhaus

Shôkis Kappe liegt auf einem Tischchen,

unter dem sich ein oni versteckt, der nur

darauf wartet, sich die Kappe schnappen

zu können. Unter der flachen Sockelplatte

befindet sich eine in breiter Gravur dargestellte

Fratze. Der Ranken-Dekor des Tisches

ist in ukibori ausgeführt.

104

ONI

Buchsbaum

H. 3,1 cm

19. Jh.

Die Maske des Kan'u mit langem Bart erzeugt

bei dem oni ein hämisches Grinsen.

105

SHÔKI

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus shibuichi, Details aus Gold und

Silber; Kapsel aus Elfenbein

B. 4,1 cm

Sign.: Shûraku und kaô

Edo/Tokyo, 2. Hälfte 19. Jh.

Auf der rechteckigen Platte mit abgeschrägten

Ecken ist in Relief der kniende

Shôki mit einer Peitsche und einem Fangseil

dargestellt.

Shûraku benutzte oft ausgefallen geformte

Kapseln für seine kagamibuta-Netsuke.

CHINESEN

Im Gegensatz zu den Holländern sind die

ebenfalls in Nagasaki ansässigen Chinesen

weniger häufig dargestellt worden.

Sie sind an ihren Hosen, den langen Jacken

und spitzen Hüten zu erkennen.

Diese Netsuke sind fast immer aus Elfenbein

und stammen meist aus dem 18.

Jahrhundert. Darunter gibt es Darstellungen

festlich gekleideter Chinesen mit

dem typischen Mandschu-Hut. Sie tragen

gelegentlich, wie bei Festumzügen üblich,

eine Trompete.

106

CHINESE

Elfenbein

H. 5,3 cm

18. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Der Wanderer mit kleinem Haardutt ruht

sich auf einem steilen Felsen aus.

107

CHINESISCHE DAME

Holz

H. 8 cm

Sign.: En(?)ko

Frühes 19. Jh.

38


Würdevoll hat die zur Seite schauende chinesische

Dame vor der Brust die Hände in

die Ärmel versteckt. Ihr Habitus erinnert

an die Gewandung von Damen der Tang-

Zeit. Vielleicht handelt es sich um Yô Kihi

(chin. Yang Guifei), die Geliebte des Kaisers

Gensô Kôtei (chin. Xuanzong, 713-

756). Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert

waren Malereien von chinesischen

Schönheiten, u.a. Yô Kihi, unter den Malern

in Kyôto sehr beliebt.

108

CHINESE

Elfenbein

H. 8,7 cm

18. Jh.

Der stehende, alte Chinese streicht sich

über den fast bis zu den Knien reichenden

Bart. Die beiden großen Löcher für die

Schnurführung und die Patina sprechen

für eine frühe Entstehung dieser Arbeit.

109

CHINESE

Elfenbein

H. 9 cm

18. Jh.

Der spitzbärtige, lachende Chinese hält in

der Linken eine Trompete. Das lange, ärmellose

Übergewand ist in Gravur mit Blüten

und Ranken dekoriert. Auf dem Scheitel

des Hutes ist ein Wirbel zu erkennen,

wodurch der Hut den Mandschuhüten

ähnelt.

110

CHINESE

Walroßzahn

H. 9,1 cm

18. Jh.

Geschickt wurde hier die Spitze eines Walroßzahns

mit glänzender und glasiger Patina

verarbeitet.

111

SÔSHI

Elfenbein

H. 3,7 cm

Sign.: Masatsugu

Osaka, ca. 1840/1863

Die sitzende Figur hat die Arme über den

Knien verschränkt. Neben ihr liegt ein aufgeschlagenes

Buch, so als sei die Person

über dem Lesen eingeschlafen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es

sich hier um den daoistoischen Philosophen

Sôshi (chin. Zhuangzi, bzw. Zhuang

Zhou, ca. 365-290 v. Chr.), der Verfasser

berühmter philosophischer Schriften, die

unter dem Namen Nanhua zhenjing (Das

wahre Buch vom Südlichen Blütenland)

742 kanonisiert wurden. In Buch 2, Kapitel

12, wird der berühmt gewordene Traum

geschildert, indem sich Zhuangzi als ein

Schmetterling sah. Als er aufwachte, wußte

er nicht, ob er geträumt hatte, daß er ein

Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling

geträumt hatte, daß er Zhuangzi sei –

eine Parabel für die Verwechslung von

Wirklichkeit und Traum.

Ein fast identisches Netsuke, das als Sôshi

beschrieben wird, mit Signatur Kaigyoku

Masatsugu befand sich ehemals in der

Sammlung Bushell (Bushell 1979a, S. 38,

Nr. 82).

112

RIHAKU

Rihaku

Elfenbein

H. 3,3 cm; L. 4,2 cm

Frühes 19. Jh.

39


Rihaku (chin. Li Bai, 701-762) war einer

der berühmtesten Dichter Chinas, der auch

wegen seiner übermäßigen Liebe zum

Wein bekannt wurde. Von Netsuke-

Schnitzern wurde er meist betrunken, an

ein Weinfaß gelehnt, dargestellt.

113

RIHAKU

Elfenbein

H. 4,9 cm

Spätes 18./frühes 19. Jh.

Die ausgelassene Fröhlichkeit und Gestik

dieser Figur könnten die Folge von übermäßigem

Weingenuß sein.

114

CHINESISCHER WÜRDENTRÄGER

Holz, polychrom gefaßt

H. 5,8 cm

Sign.: Shûzan

Osaka oder Nara, ca. 1860/1880

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Aus den Malvorlagebüchern des 18. Jahrhunderts

sind einige Personen bekannt, die

eine ähnliche Kappe wie diese Figur eines

Würdenträgers tragen und einen Blattfächer

halten: der General und Staatsmann

Sho Katsuryô (chin. Zhu Geliang, auch

bekannt als Kômei, 181-234) und der Zauberer

Gomô (chin. Wu Meng).

Die rosa umrandeten Kreise, die sich zu

Wolken formieren, sind ein typischer Gewanddekor

bei Arbeiten des Shûzan.

115

RINNASEI

Elfenbein

H. 4 cm

Sign.: Norishige

Edo, ca. 1830/1860

Der chinesische Dichter Rinnasei (chin.

Lin Hejing bzw. Lin Bu, 967-1028), war

berühmt für seine Gedichte über Pflaumenblüten.

Er ist häufig in Begleitung eines

Kranichs dargestellt, der von einem

Knaben gefüttert wird.

116

SHIBA ONKÔ

Elfenbein

H. 2,7 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Um einen großen Bottich scharen sich fünf

spielende und musizierende chinesische

Kinder. Aus einem Loch stürzt ein Wasserschwall

hervor, der einen Knaben heraus

spült.

Illustriert ist die Legende vom später berühmten

Historiker Shiba Onkô (chin.

Sima Guang, 1009-1086), der einen Spielkameraden,

der in einen Wasserbottich

gefallen war, rettete, indem er das Gefäß

mit einen Steinwurf zertrümmerte.

117

GELEHRTER

Elfenbein

H. 4,6 cm

19. Jh.

Der Typus des sich auf einer Sockelbank

ausruhenden Gelehrten erinnert an chinesische

Siegel mit einem gegenständigen

Knauf. Das Motiv ist hier um eine Katze

bereichert, die zu einer Ratte auf der Sockelwandung

schaut.

118

GELEHRTER

Manjû-Netsuke

Roter Schnitzlack

40


Ø 4,3 cm

19. Jh.

Der Gelehrte, der auf einen Baumstamm

schreibt, ist eine Anspielung auf den

Schriftkünstler Ôgishi, der gelegentlich

dargestellt wird, wie er auf einen großen

Felsen schreibt. Hinter ihm steht ein Knabe

mit einem Tuschereibstein.

119

ÔGISHI

Elfenbein

H. 4,5 cm

Sign.: Garaku

Osaka, ca. 1850/1860

Es könnte sich um den berühmten Schriftkünstler

Ôgishi (chin. Wang Xizhi, 303-

361) handeln oder den Dichter Tôenmei

(chin. Tao Yuanming, 365-427), der oft mit

dieser Kopfbedeckung dargestellt wird.

Die tiefen Gravuren der Gewandmuster

und das mit schwarzer Tusche eingefärbte

Mäander am Saum der Kopfbedeckung

sind typische Merkmale des Osaka-Stils.

120

AFFENGAUKLER

Elfenbein

H. 6,6 cm

Frühes 19. Jh.

Der Gaukler in höfischer Tracht hat einen

kleinen Affen an den Gürtel gebunden.

121

CHINESE UND KARAKO

Elfenbein

H. 6,4 cm

Ca. 1800/1820

Die chinesische Haartracht und das eher

europäisch anmutende, vorn geknöpfte

Gewand mit Halskrause sind nicht in Einklang

zu bringen mit dem Korb und den

an einem Seil baumelnden Fisch, die die

Figur als Fischer ausweisen.

122

FISCHER

Elfenbein

H. 7,9 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Zu den vier Grundberufen in China zählen

Fischer, Holzfäller, Bauer und Gelehrte.

Die Wertschätzung dieser Tätigkeiten wird

zum Beispiel in der Parabel vom Holzfäller

und dem Fischer deutlich.

123

REITER

Elfenbein, Pupillen des Tiers aus rotbraunem

Horn (?)

H. 6,9 cm

Sign.: Toyomasa

Mitte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung O'Brien

Ein Reiter mit Gelehrten-Käppchen hält

den Zügel eines Pferdes, über dessen Rücken

eine reich dekorierte Satteldecke liegt.

Die Identifizierung dieser Figur ist auch

wegen der ergänzten linken Hand, die

möglicherweise das Attribut hielt, nicht

möglich.

Die Signatur wurde wohl in späterer Zeit

angebracht.

Abgeb. in: Mary Luise O'Brien, Nesuke: A

Guide for Collectors, Rutland, Vermont/Tokyo,

Japan, 10. Aufl. 1986 (Zeichnung)

41


124

REITER

Pottwalzahn

H. 4,3 cm

19. Jh.

Trotz des charakteristischen Mandschu-

Hutes ist diese Figur nicht näher zu identifizieren.

125

CHINESE UND KARAKO

Elfenbein

H. 4,2 cm

Mitte 19. Jh.

Ein lachender Chinese hält die Handpuppe

eines Pferdekopfes hoch. Vor ihm hockt

ein chinesischer Knabe, der an dem über

die Nüstern gelegtem Band zieht. Die Gewandmuster

sind in der Art des Hidemasa

ausgeführt.

42


Buddhistische Figuren

Während der Edo-Zeit war der Einfluß

des Buddhismus auf das Geistesleben

und die Produktion von Kultwerken unerheblich.

Die zen-buddhistischen Priester

jedoch bemühten sich, durch eine vereinfachte

Schreibweise, Neuinterpretationen

der klassischen Texte und humorvolle

wie karikierende Malereien bei der

breiten Bevölkerung Verständnis für die

Zen-Lehren zu wecken.

Die buddhistischen Heilsgestalten

unter den Netsuke sind diejenigen, die

aufgrund ihrer unbeirrbaren und rigorosen

Bemühungen um die Erleuchtung zu

Symbolgestalten des Zen-Buddhismus

geworden sind: die rakan und Daruma.

Die Bodhisattva Kannon, Monju und

Fugen hingegen repräsentieren verschiedene

Prinzipien der zen-buddhistischen

Lehre. Die Zen-Exzentriker Kanzan und

Jittoku waren besonders beliebt. Es war

sicherlich die geistige Souveränität und

die prinzipielle Ablehnung von Kultfigur

und Schrifttum seitens der zenbuddhistischen

Lehre, die es zuließen,

daß diese Heilsgestalten als Motive von

Gebrauchsgegenständen fungierten. Es

ist nicht auszuschließen, daß sich die

Zen-Priester durch diese Popularisierung

im Rahmen eines täglich verwendeten

Accessoires eine Art Werbung für die

zen-buddhistischen Lehren versprachen.

Die wichtigen Heilsfiguren (Shaka,

Amida, Yakushi etc.) der Jôdo- und

anderer buddhistischer Sekten hingegen

werden als Netsuke nicht dargestellt. Anzutreffen

sind aber Gottheiten aus den

niedrigeren Rängen des buddhistischen

Pantheons wie der Höllenkönig Enmaô.

Diesem sind zahllose Teufel (oni ) als

Folterknechte zu Diensten, die, obwohl

sie das Böse verkörpern, oft vermenschlicht

und humorvoll dargestellt werden.

Die Niô, die kraftstrotzenden Wächterfiguren

am Haupttor eines buddhistischen

Tempels, waren als Netsuke sehr beliebt.

Häufig sind auch die tennin, geflügelte

Wesen, und der Wind- und der Donnergott

(Fûten und Raiden).

Bezeichnend für die wenig religiöse

Einstellung der japanischen Bevölkerung

der Edo-Zeit ist die humoristische

und karikierende Darstellung der buddhistischen

Heilsgestalten. Sie werden

mit menschlichen Schwächen und gerne

bei Tätigkeiten dargestellt, die im Gegensatz

stehen zu den Eigenschaften, die sie

repräsentieren.

126

MONJU-BOSATSU

Elfenbein

H. 4,2 cm

Siegel: Masa...

2. Hälfte 19. Jh.

Der Bodhisattva Monju mit Schriftrolle

sitzt in der Pose der königlichen Gelassenheit

auf seinem Reittier, dem Löwen. Diese

Heilsgestalt ist Sinnbild der transzendentalen

Weisheit, ein Begriff, der in der Dai

hannya haramitta kyô (sanskr. Prajnaparamitta

sutra) dargelegt wird.

127

JIZÔ BOSATSU UND ENMAÔ

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus shibuichi mit Relief

aus Kupfer, Gold und Silber;

Kapsel aus Elfenbein

Ø 4,8 cm

Mitte 19. Jh.

43


Der Bodhisattva Jizô und der Höllenkönig

Enmaô durchschreiten den Sanzu no kawa,

den Styx der buddhistischen Hölle. Da

ihnen das Wasser nur bis zu den Knien

reicht, handelt es sich um die Flußstelle

Sensuise. Hier überqueren jene, die sich in

ihrem Vorleben nur leichter Vergehen

schuldig gemacht haben. Jizô und Enmaô

werden Stumpfsinn bzw. Cholerik büßen

müssen, beides Auswirkungen von übermäßigem

Sake-Genuß. Denn zusammen

mit einem oni, der die Traurigkeit versinnbildlicht,

bilden sie die Konfiguration

der Drei Trunkenbolde (sannin jôgo).

Vorlage für dieses Motiv auf

manjû ist eine Illustration aus

dem 1770 erschienenen Itchô

gafu (Bd. 3, S. 13b/14a).

Abb. 11

Itchô gafu, 1770, Bd. 3, S. 13b,

Museum für Ostasiatische

Kunst Berlin

128

ENMAÔ

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus shibuichi und Buntmetalle; Kapsel

aus Elfenbein

Ø 4,5 cm

Wahrscheinlich Tokyo, ca. 1870

Die ganze Fläche der Platte wird eingenommen

von dem Brustbild eines der zehn

Höllenkönige (Jûô). Er trägt die Tracht

eines chinesischen Richters, auf der Kappe

mit zwei seitlichen Bändern steht in der

Mitte das Schriftzeichen ô (König). Der 5.

Höllenkönig, Enmaô, gilt als der wichtigste:

35 Tage nach dem Ableben eines Verstorbenen

richtet er über diesen.

Darstellungen von Enmaô waren in der

frühen Meiji-Zeit besonders beliebt.

NIÔ

In den Seitennischen des Eingangstores

großer japanischer Tempelanlagen befinden

sich oft zwei kolossale Tempelwächter

(Niô, wörtlich: zwei Könige).

Kongô Rikishi hat den Mund geöffnet,

Kongô Misshaku hat die Lippen zusammengepreßt.

Ihre Muskulatur und die

zur Faust geballten Hände symbolisieren

unendliche Kraft und Stärke.

Dem Volksglauben nach gewähren

die Niô Gesundheit und Körperkraft.

Sie wurden vor allem von den Postkurieren

verehrt, die ihre ausgedienten

Strohsandalen den Gottheiten opferten,

indem sie diese an die Holzgitter vor den

Skulpturen festbanden. Ein Aberglaube

bestand darin, mit einem zerkauten

Stück Papier die kranke Stelle des Körpers

zu berühren und dieses anschließend

auf die Niô-Statue zu werfen. Blieb

das Papier an der entsprechenden Stelle

kleben, wurde die Krankheit geheilt. Niô

wurden gerne in Situationen dargestellt,

in denen sie ihre Kraft und Geschicklichkeit

zeigen konnten.

Zu den bekanntesten Figuren gehören

die fast fünf Meter hohen Niô-

Statuen im Tempel Asakusa Kannon Sensôji

in Tokyo. Möglicherweise haben sie

mit zur Beliebtheit dieser Gottheiten als

Netsuke-Motiv beigetragen.

129

NIÔ UND KAGAMI-MOCHI

Elfenbein

H. 3,3 cm

Sign.: Gyokkôsai

Edo, 1840/1870

Der muskulöse Tempelwächter hockt vor

einem großen, runden mochi (Reisku-

44


chen), auf dem ein zweiter, kleinerer liegt.

Solche mochi, bis zu einem Meter Durchmesser,

wurden in der Neujahrszeit den

Tempelwächtern dargebracht. Im Laufe

der Zeit trockneten sie aus und wurden

steinhart. Hier testet ein Niô seine Kraft, in

dem er versucht, den oberen der beiden

mochi auseinanderzubrechen.

Die Darstellung spielt an auf die Sitte des

kagamibiraki (wörtlich: Öffnen des Spiegels)

am 11. Tag des ersten Monats, an

dem die hart gewordenen mochi zerbrochen

wurden. Ein Teil wurde den Göttern

geopfert, der andere gegessen, um die

„Zähne zu stärken“ und somit eine langes

und gesundes Leben zu bewirken.

130

NIÔ

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 4,9 cm

Sign.: Tomochika

Edo, ca. 1830/1860

Der kraftstrotzende Wächtergott leidet

unter dem Abbrennen von Moxa-

Kügelchen. Die Kauterisation zur Linderung

allgemeiner Schmerzen (hier auf dem

sanri, der äußeren Ecke unterhalb des

Knies) gilt als Allheilmittel.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 388, Abb.

25

131

NIÔ

Buchsbaum

B. 3,7 cm

Sign.: Issai

Mitte 19. Jh.

Der Wächtergott fertigt eine überdimensional

große Strohsandale (waraji). Da die

Herstellung von waraji als unsaubere Arbeit

den Mitgliedern der eta, der niedrigsten

Klasse, überlassen wurde, zeigt sich

hier die Demut des Gottes.

Das Motiv des Niô, der eine Sandale herstellt,

ist im Takarabukuro von 1837 (Nr.

146) erwähnt. Mitsuhiros Kommentar ist

„carve it amusingly“ (wörtlich: schnitze

eine witzige Gestalt) (Temple 2001, S. 125).

FÛTEN UND RAIDEN

Fûten und Raiden, auch Fûjin und Raijin,

gehören zu den 28 Begleitgottheiten

(Nijûhachi bushû) des Senju Kannon

bosatsu (Tausendarmiger Kannon) und

schweben bei dessen Darstellungen über

dem Haupt der Gottheit. Sie gehören zu

den populären Gottheiten, die in anthropomorpher

Gestalt Wind und Donner

verkörpern. Ersterer wird mit einem

Windsack dargestellt. Der andere trägt

auf dem Rücken zwölf kleine Trommeln

mit mitsu-tomoe-Motiv auf der Bespannung

sowie zwei Schlegeln in den Händen.

Beide sind von dämonenhafter Erscheinung,

tragen gelegentlich Hörner,

haben je drei Klauen an den Händen sowie

zwei an den Füßen und laufen auf

quellenden Wolken hoch über der Erde.

Als ôtsu-e diente Raiden als Talisman

gegen Blitze. Fûten und Raiden sind sehr

leicht mit oni zu verwechseln. Berühmt

sind die beiden überlebensgroßen Figuren

am Fûraijinmon (auch Kaminarimon),

dem ersten Eingangstor des

Asakusa Kannon Sensôji in Tokyo.

132

45


FÛTEN

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 3,5 cm

Sign.: Shûôsai

Ca. 1850

Der Windgott öffnet einen kleinen Beutel

(kinchaku), aus dem er eine Wolkenfahne

herauszieht. Dieses Motiv wurde erstmalig

von Tametaka aus Nagoya im späten 18.

Jh. geschnitzt.

133

FÛTEN

Elfenbein

H. 4,7 cm

Sign.: Isshû tô

Spätes 19. Jh.

Die Gestalt verkörpert beide Gottheiten,

einerseits quetscht er Wind aus seinem

Sack, andererseits hat er eine Trommel mit

zwei Schlegeln auf seinen Rücken gebunden.

134

RAIDEN UND FRAU

Buchsbaum mit Resten farbiger Lackbemalung,

Augen des Raiden aus Gelbmetall

H. 4,4 cm

Sign.: Tôyô

Ca. 1850

Raiden steigt von einem Wolkenwirbel zu

einer jungen Frau in einen Badezuber. Das

Sujet kombiniert das ôtsu-e-Motiv oni

gyôzui (das Wannenbad des Teufels) und

das Sujet der sich waschenden Frau, die oft

als Okame ausgelegt wird. Der erotische

Charakter dieses Netsuke wird durch die

Gestik des Raiden, der sich den Finger

leckt, verdeutlicht. Das Motiv wurde von

verschiedenen Künstlern aus Hida, wie

Shôkô und Suketada, geschnitzt.

135

RAIDEN

Elfenbein, Pupillen aus Gelbmetall

H. 3,9 cm

Sign.: Shin'yû

Mitte 19. Jh.

Raiden zeigt auf den noch nicht ganz eingezogenen

Fuß einer Archenmuschel (akagai),

eine suggestio erotica.

136

RAIDEN

Buchsbaum, Augen aus hellem Horn

H. 4,2 cm

Sign.: Toyomasa

Takayama, Provinz Tanba, ca. 1830/1840

Energisch trommelt der Donnergott in der

Mitte eines gewaltigen Wolkenwirbels.

TENNIN

Tennin (wörtlich: Himmelswesen, sansk.

apsara) waren ursprünglich göttliche

Häteren brahmanischer Herkunft, die in

Indras Himmel tanzen, musizieren und

Büßer verführen. Nach der buddhistischen

Lehre wird man nach dem Tod in

eine der sechs Welten (rokudô) wiedergeboren.

Der sechste Bereich, die Götterwelt,

wird von musizierenden und Lotos

streuenden tennin bevölkert. Tennin

symbolisieren daher den Himmel und die

Hoffnung, in diesen Bereich wiedergeboren

zu werden. Tennin mit Lotos, Symbol

der buddhistischen Lehre, sind ein häufiges

Sujet der Schnitzer aus Edo/Tokyo in

der späten Edo- und frühen Meiji-Zeit.

46


137

TENNIN

Elfenbein

H. 2,3 cm; L. 4,8 cm

Sign.: Tomochika

Edo, ca. 1830/1860

Die elegante Körperbiegung und die flatternden

Schals charakterisieren diese fliegende

Gestalt mit Lotos, die von Tomochika

in dieser Art oft dargestellt wurde.

Tennin sind nicht nur immer wieder in

den Enzyklopädien und Malvorlagebüchern

wie dem Shoshoku e kagami (1795, S.

7b/8a) anzutreffen, sondern auch in Musterbüchern

für Handwerker wie dem Banbutsu

hinagata gafu, wo das Netsuke einer

„Himmelsfrau“ (tenjo) von sechs Seiten

dargestellt ist.

Abb. 12

Banbutsu hinagata gafu, 1874, Bd. 4, S. 18a

138

TENNIN

Ryûsa-manjû

Walroßzahn

H. 3,9 cm

19. Jh.

Auf der Rückseite dieses manjû befindet

sich zwischen Wolken eine Mundorgel

(sho).

139

TENNIN

Elfenbein mit Einlagen aus Silber und grün

gefärbtem Bein

H. 2,6 cm; L. 3,7 cm

Sign. auf Perlmutterplättchen: Shibayama

Edo/Tokyo, 2. Hälfte 19. Jh.

Für den Künstler der Shibayama-Werkstatt

boten Haarschmuck und Halsketten eine

gute Gelegenheit, ihre Einlegekünste zu

zeigen.

RAKAN

Rakan (sansk. arhat) sind die Schüler des

historischen Buddha Shakyamuni. Sie

werden in Skulptur und Malerei meist als

„indisch“ aussehende, glatzköpfige Gestalten

im Mönchsgewand, das die rechte

Schulter und Brust freiläßt, mit großen

Ohren, langen Brauen sowie langen Finger-

und Fußnägeln dargestellt. Einige

erhalten Attribute oder sie begleitende

Tiere wie Drache oder shishi. In der

Netsuke-Kunst vermischt sich ihre Darstellungsweise

oft mit der von sennin.

140

RAKAN

Elfenbein

H. 4,6 cm; B. 4,3 cm

18. Jh.

Der Buddha-Schüler mit ausgemergelter

Brust und Krummstab sitzt auf einer Felsenbank.

Es ist ein sehr häufiges Motiv,

welches sich von chinesischen Siegeln ableitet.

Ein solches Stück ist im Kapitel

„Tôbori netsuke“ (Chinesisch-geschnitzte

Netsuke) im Sôken kishô abgebildet.

Abb. 13: Sôken kishô, 1781, Bd. 7, S. 17b

141

RAKAN SHÛBAKA SONJA

Elfenbein, eine Pupille aus schwarzem

Horn

H. 7 cm

2. Hälfte 18. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

47


Der Buddha-Schüler ist an dem großen

shishi auf seiner Schulter namentlich zu

identifizieren. Dieses Netsuke zeigt auch,

daß sich die Darstellungsweise von rakan

und sennin oft vermischt. Denn der lange,

dreigeteilte Bart, der Flaschenkürbis am

Gürtel und der Knotenstab sind stereotype

Attribute eines daoistischen Unsterblichen.

142

RAKAN

Elfenbein

H. 3,9 cm

18. Jh.

143

RAKAN HANDAKA SONJA

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus Silber, kleine Einlagen aus Gold;

Kapsel aus Elfenbein

Ø 4,4 cm

Sign.: Toshinaga

Mitte 19. Jh.

Der rakan ist aufgrund des neben ihm aus

den Wolken herabsteigenden Drachen als

Handaka sonja zu identifizieren.

Die Platte ist in Relief und Gravur ganz

von dem Motiv ausgefüllt, womit sie sich

von den meisten kagamibuta-Platten unterscheidet.

144

RAKAN SHÛBAKA SONJA

Manjû-Netsuke

Elfenbein

H. 3,2 cm

Sign.: Dôshôsai

Osaka, ca. 1850/1860

Das ausdrucksstarke Gesicht und das große

Ohr mit Ohrring sind Hinweise auf die

indische Herkunft des Buddha-Schülers.

Thema und Form dieses manjû sind typisch

für diesen Schnitzer.

145

RAKAN HOTTARA SONJA

Elfenbein

H. 4,4 cm

Sign.: Tomohide

Edo, ca. 1860

Diese Darstellung des Buddha-Schülers

Hottara mit nyoi (Zepter) und Tiger entspricht

dem Stil der von Tomochika beeinflußten

Schnitzer.

DARUMA

Daruma (sanskr. Bodhidharma) ist der

erste Patriarch und Begründer der buddhistischen

Zen-Sekte. Seine Darstellung

mit roter Kutte, starkem Bartwuchs,

Haaren auf der Brust sowie großen Ohrringen

und mit Priesterwedel (hossu)

leitet sich aus der Malerei ab. Seit dem

17. Jahrhundert ist er auch Thema von

Karikatur und Travestie. Man zeigte ihn

gerne in Gesellschaft von Kurtisanen oder

Okame, manchmal auch als Kurtisane

gekleidet.

Darüber hinaus waren Darstellungen

aus seinem Leben ein beliebtes

Motiv, zum Beispiel die Überquerung des

Yangzi-Fluß, die neunjährige Meditation

vor einer Felswand, wobei ihm Arme und

Beine abgestorben sein sollen sowie das

Strecken und Gähnen nach dieser Meditation

(Akubi-Daruma, gähnender Daruma).

Häufig ist auch die Wiedergabe als

arm- und beinlose Puppe (okiagaridaruma,

wörtlich: Stehauf-Daruma),

weswegen er im Japanischen als o-ashi no

nai (ohne ehrenwerte Beine) bezeichnet

48


wird. Ashi bedeutet auch Geld, so daß der

Ausdruck die Bedeutung „ohne ehrenwertes

Geld“ haben kann (van Gulik

1982, S. 61). Solche Wortspiele geben

Netsuke einen Hintersinn, der heute

kaum mehr zu verstehen ist.

146

DARUMA AUF EINEM HIRSCHEN

Elfenbein

H. 3,9 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Die Gestalt ist in eine über den Kopf gezogene

Kutte gekleidet und die Hände sind

unter dem Tuch vor der Brust verschränkt.

Die Darstellung auf einem Hirsch ist eher

ungewöhnlich, denn dieser ist das Begleittier

des chinesischen Gottes der Langlebigkeit,

Shoulao, und der japanischen Glücksgötter

Fukurokuju und Jurôjin.

147

DARUMA AUF EINEM SCHILFZWEIG

Maritimes Elfenbein

H. 3,8 cm

Sign.: Tomohisa

Edo/Tokyo, 2. Hälfte 19. Jh.

Daruma steht auf einem Schilfzweig. Dargestellt

ist die legendäre Episode, als er

nach seinem enttäuschenden und unergiebigen

Treffen mit dem Liang-Kaiser Wu

den Yangzi auf einem Schilfrohr überquerte

und in den Staat Wei übersetzte.

148

MEDITIERENDER DARUMA

Porzellan mit dicker, blauer und dünner,

hellbrauner Glasur

H. 4,3 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Die große Ähnlichkeit mit dem Stück aus

der Sammlung Noetzel (Noetzel 1985, S.

50, Abb. 20) läßt die Schlußfolgerung zu,

daß die beiden Stücke aus derselben Form

geschaffen wurden. Seinen besonderen

Reiz erhält die kleine Figur durch die teilweise

ins Seladongrün changierende blaue

Glasur.

149

MEDITIERENDER DARUMA

Buchsbaum, Pupillen aus schwarzem

Horn, die himotôshi-Löcher gefaßt in naturbelassenes

Elfenbein und grün gefärbtes

Bein

H. 3,2 cm

Sign.: Shûraku saku

Tokyo, ca. 1870

Das Motiv bezieht sich auf die neun Jahre

währende Meditation des Patriarchen vor

einer Felswand. Dieses Motiv ist vom

Künstler Shûraku in Nachfolge des Hara

Shûmin häufig geschnitzt worden, mal mit

Ohrringen, mal ohne. Die Plazierung des

himotôshi – die Anordnung des großen

und kleinen Loches – ist typisch für diese

Gruppe von Netsuke.

150

DARUMA

Manjû-Netsuke

Kupfer, Silber und shakudô

H. 2,5 cm; B. 3,9 cm

Sign. auf Silberplättchen: Yasuchika

Edo/Tokyo, 19. Jh.

Dieser Typus eines nach der Meditation

gähnenden Daruma wurde von Yasuchika

und seinen Schülern oft auf tsuba und.

49


151

DARUMA

Elfenbein

H. 3,1 cm

Sign.: Kôzan

Spätes 19. Jh.

Nach neunjähriger Meditation streckt sich

der Zen-Patriarch, der hier als Daruma-

Puppe dargestellt ist.

152

DARUMA UND OKAME

Elfenbein

H. 4,4 cm

Sign.: Ichiyûsai

Edo/Tokyo oder Osaka, ca. 1860/1890

Der Zen-Patriarch ist einem Schäferstündchen

mit der lasziven Okame nicht abgeneigt.

Die im Ärmel versteckte Hand der

Okame und der an den Mund geführte

Finger des Daruma sind Hinweise auf die

erotischen Begierden.

153

ONNA-DARUMA

Elfenbein, Augenbrauen aus Horn

H. 3,8 cm

Sign.: Mitsutsugu

Osaka, ca. 1840/1860

Dieser Typ von shunga-Netsuke, der zugleich

eine Verballhornung des Daruma

ist, wurde wahrscheinlich von Mitsuhiro

aus Osaka, dem Lehrer von Mitsutsugu,

erstmals geschaffen und war ein beliebtes

Thema auch von Masahiro und anderen

Osaka-Schnitzern. Die hölzerne Kelle

(shakushi), die von einem Tuch überdeckt

wird, spielt an auf den Fliegenwedel des

Darumas. Unter der Standplatte sind die

weiblichen Genitalien dargestellt.

Dieser Netsuke-Typus ist im Takarabukuro

(1837) von Ôhara Mitsuhiro erwähnt

(Nr. 117). Hier wird er Ofuku Daruma

genannt und wie folgt beschrieben:

„The bottom is like that of a toy that rights

itself when pushed over. A hole is opened

there. If one peeps through the hole, one

sees nonsense (an erotic scene)“ (Temple

2001, S. 73). Im letzten Satz steht wörtlich,

daß man lachen muß, wenn man sieht, was

sich in dem Loch befindet.

154

MITSUME KOZÔ ALS DARUMA

Holz und Elfenbein, Pupillen eingelegt

H. 3,1 cm

Sign.: Kazu... tô

20. Jh.

Das dreiäugige Gespenst Mitsume Kozô

hat die Gestalt einer Daruma-Puppe angenommen.

Dem Volksglauben nach werden

nach der Erfüllung eines Wunsches der

pupillenlosen Daruma-Puppe die Pupillen

aufgemalt. Das dritte Auge macht diese

spezielle Daruma-Puppe zu einem besonderen

Glücksbringer.

155

DARUMA

Walnuß, Pupillen aus Horn

H. 3,8 cm

Mitte 19. Jh.

Die markanten Merkmale des Daruma-

Kopfes sind die hervorquellenden Augen,

die knollige Nase, und die zusammengepreßten

Lippen. Eingesteckt in die rechte

Armbeuge ist der Griff eines Fliegenwedels,

der Wedel selber befindet sich auf

dem Rücken. Sehr ähnliche Arbeiten wurden

von Shôju gefertigt (MCI, S. 744).

50


156

DARUMA-PUPPE

Holz

H. 4 cm

Sign.: Sukeyoshi

Hida-Takayama, Präfektur Gifu, frühes 20.

Jh.

Diese Daruma-Puppe zeichnet sich durch

einen besonders großen Kopf und das

herzhafte Gähnen aus. Die Maserung des

Holzes ist an der Vorderseite des Stückes

für die dargestellten Gewandpartien sehr

geschickt ausgenutzt.

KANZAN UND JITTOKU

Der chinesische Mönch und Dichter

Kanzan (chin. Hanshan) ist eine der beliebtesten

Symbolgestalten des Zen-

Buddhismus. Er lebte im 8. Jahrhundert

als Eremit auf dem Tientai-Berg und

wurde aufgrund seiner exzentrischen

Lebensweise zu einer der „Narren in

Zen“. Er wird immer mit einer Schriftrolle

dargestellt und oft zusammen mit seinem

Freund Jittoku (chin. Shide). Dieser

war Küchengehilfe im Zen-Kloster Guojing

und beschaffte seinem Freund

Kanzan regelmäßig eine Mahlzeit aus der

Klosterküche. Seltener sind die Darstellungen

zusammen mit dem Zen-Priester

Bunkan (chin. Fenggan) und dessen Tiger.

Dann werden die Vier eng zusammen

schlafend dargestellt, womit die Eintracht

von Mensch und Tier ausgedrückt

wird. Das Thema ist bekannt als die Vier

Schlafenden (shisui).

157

KANZAN, JITTOKU, BUNKAN UND TIGER

Ryûsa-manjû

Elfenbein

Ø 4,9 cm

Spätes 18./frühes 19. Jh.

Auf der Schauseite dieses ryûsa-manjû

stehen Kanzan und Jittoku vor einer Kiefer,

Pflaumenblütenzweigen und Bambus.

Auf der Rückseite sind der Priester Bunkan

mit Zepter und sein Tiger dargestellt. Die

Kombination von Kiefer, Pflaumenblüte

und Bambus (shôchikubai) ist ein glückverheißendes

Motiv.

158

JITTOKU

Buchsbaum

H. 6 cm

Ca. 1800/1820

Jittoku hält einen Reisigbesen. Die Bewegung

des Fegens ist geschickt wiedergegeben.

Trotz Jittokus untergeordneter Stellung

und anspruchsloser Tätigkeit ist er

fröhlich.

159

KANZAN UND JITTOKU

Elfenbein

H. 4,7 cm

Frühes 19. Jh.

Ehemalige Sammlungen Tebbutt und

Hindson

Der stehende Dichter Kanzan hält eine

Schriftrolle und einen Besen. Jittoku

scheint die bekkanko (Holzauge sei wachsam)-Geste

zu machen, vielleicht um vor

dem Inhalt der Schriftrolle zu warnen.

Abgeb. in: Davey 1974, Kat.-Nr. 1060

51


160

IKKYÛ

Elfenbein, auf seiner Schulter ein Käfer aus

Horn, der einen Materialdefekt kaschiert

H. 4,5 cm

Osaka, 2. Hälfte 19. Jh.

Der berühmte Zen-Priester Ikkyû (1394-

1481) wurde in der Edo-Zeit zu einer

volkstümlichen Gestalt, um den sich zahlreiche

Legenden ranken. Eine berühmte

Episode aus seinem Leben schildert, wie er

zu Neujahr mit einem Totenschädel auf

einem Stock durch die Straßen geht, um

die Passanten an die Endlichkeit des

menschlichen Lebens und damit die Bedeutung

des buddhistischen Weges zu erinnern.

Entsprechend dieser Überlieferung

wird Ikkyû hier mit einem überdimensional

großen Schädel und Zepter dargestellt.

Auf seinem Rücken stehen die Zeilen: Kore

Ikkyû/ meido ga tabi/ no ichi nichi ka/ medeta-ku

ari/ medetaku nashi (Dies ist

Ikkyû, an einem Tag auf der Reise ins Jenseits,

Glückwünsche gibt es, Glückwünsche

gibt es nicht). Dies ist eine Anspielung auf

den berühmten Vers des Saigyô hôshi

(1115-1188): Kadomatsu wa/ meido no tabi

no/ ichirizuka/ medetaku mo ari/ medetaku

mo nashi (In our dark journey through this

earth the Kadomatsu are the Ichirizuka of

the road [small knoll with a pine tree, erected

every Ri on the roads]. Congratulations

there are after each year and congratulations

there are not“ [Joly 1909, S. 443].

161

ZWEI SKELETTE

Elfenbein

H. 5,5 cm

Sign.: Tadachika; auf dem Grabpfosten

datiert: Keiô gan ushi (1865) no toshi (1.

Jahr der Keiô-Ära, Jahr des Ochsen)

Edo, 1865

Die beiden Skelette auf einem zweifach

gebrochenen Grabpfosten sollen an die

Vergänglichkeit des Lebens erinnern. Das

eine hält eine Lotosknospe, das andere

schlägt mit einem Stab auf einen schalenförmigen

Gong (keisu).

Abgeb. in: Lazarnick 1976, S. 372; Lazarnick

1982, Bd. 2, S. 1058

162

SKELETT

Elfenbein

H. 3,4 cm

Sign.: Tomochika

Edo/Tokyo, ca. 1860/1870

Das Skelett mit Schlegel sitzt auf den Fersen

vor einem großen Gong (mokugyo) auf

einem flachen Kissen.

Es soll den buddhistische Priester Danka

darstellen, der seine Sutra-Lesung mit dem

Taktschlagen auf einem Gong begleitet.

Das Motiv kann sowohl als Memento mori

interpretiert als auch als Ausdruck eines

despektierlichen Humors angesehen werden.

Die Tomochika-Signatur bei diesem Motiv

ist ungewöhnlich, denn sein Schüler Tadachika

war auf diese Skelett-Themen spezialisiert.

ONI

Oni bedeutete ursprünglich alles, was

versteckt oder unsichtbar ist und den

Menschen schadet. Mit der Einführung

des Buddhismus entwickelte sich die

Vorstellung von rot- und blauhäutigen

Teufeln (aka-oni und ao-oni). Sie standen

im Dienste der zehn Höllenkönige (Jûô),

52


um die Sünder in der Hölle (jigoku) in oft

sadistischer Weise zu peinigen. Die oni

werden als muskulöse Dämonen mit kurzen

Hörnern, großem Maul und Reißzähnen

dargestellt. An den Klauenhänden

und -füßen mit je drei Krallen befinden

sich Reifen. Sie werden beinahe nackt

gezeigt, nur mit einem Tigerfellschurz

bekleidet. Den oni wird enorme physische

Kraft zugeschrieben, die sie oft für

das Böse einsetzen. Doch werden sie auch

als Satire auf korrupte und scheinheilige

Priester oder mit wohlwollendem Humor

als Büßer dargestellt.

163

ONI

Buchsbaum, Pupillen aus Horn

H. 5 cm

2. Hälfte 18. Jh.

Die Haltung seiner Klauenhände und -füße

bietet Platz für eine Keule. Dies illustriert

den Ausspruch: oni ni kanabô. Dieser bedeutet

„dem ohnehin schon starken Teufel

auch noch eine solche Stange zu geben, ist

nicht ratsam.“ (Ehmann 1927, S. 247, Nr.

2280)

164

ONI HARAI

Buchsbaum, die Bohnen aus Gelbmetall

und Bein

H. 3,9 cm

Mitte 19. Jh.

Ein großer Strohhut soll den oni vor den

auf ihn niederprasselnden Bohnen schützen,

mit denen er während der Teufelsvertreibung

(oni harai ) zum Frühlingsequinoctium

(setsubun) beworfen wird.

165

ZWEI ONI

Buchsbaum, Augen aus Gelbmetall

H. 5,5 cm

Sign.: Sensai

Mitte 19. Jh.

Ein stehender, das Gesicht verziehender

oni hebt einen kleineren oni, um ihn auf

einen kleinen Tisch zu stellen. Die Rückseite

zeigt zwischen den Beinen des größeren

oni ein stilisiertes, katzenartiges Tier,

das einem azuma-inu (Spielzeughund)

ähnelt. Die Bedeutung dieses seltsamen

Motivs bleibt unklar. Details des Körpers,

der Grimassen und der Rippen sind naturgetreu

wiedergegeben.

166

ONI UND MASSEUR

Buchsbaum, Augen des oni aus hellem und

dunklem Horn

H. 3,4 cm

Sign.: ...sai

Mitte/2. Hälfte 19. Jh.

Hinter dem sitzenden oni kniet ein Masseur,

der mit dem rechten Ellenbogen den

Rücken des Teufels walkt. Selbst oni sind

gegen Schmerzen nicht gefeit und bedürfen

therapeutischer Behandlung ihrer strapazierten

Muskulatur. Auf dem Gewand

des Masseurs befinden sich am Rücken

drei unlesbare Zeichen.

167

ONI

Holz, Pupillen aus Horn, Iris und Zähne

aus Bein

H. 4 cm

2. Hälfte 19./20. Jh.

53


Die Pose des sich Streckens und Gähnens

erinnert an Darstellung des Daruma nach

der Meditation.

168

ONI SHIRO

Elfenbein

H. 2,7 cm; L. 4,9 cm

Spätes 17./18. Jh.

Der Höllenkönig Enmaô hat seinen

schlimmsten oni, Shiro, ausgesandt, um

Daikoku, der das Interesse der Menschen

von den buddhistischen Idealen zu sehr auf

die Genüsse des alltäglichen Lebens lenkt,

gefangen zu nehmen. Dies gelingt ihm jedoch

nicht, da eine Ratte des Daikoku den

Teufel mit einem Stechpalmenzweig verjagt.

Die Vielzahl ähnlicher Darstellungen

deutet darauf hin, daß sich dieses Motiv im

späten 17. oder 18. Jahrhundert großer

Beliebtheit erfreute.

169

ONI

Elfenbein

H. 3 cm

19. Jh.

Das Sujet oni gyôzui (das Wannenbad des

Teufels) ist ein ôtsu-e-Motiv. Die diese

volkstümliche Darstellung üblicherweise

begleitenden, moralisierende Gedichte

(dôka) lauten frei übersetzt: „Auch ein

Teufel kann ein Buddha werden, wenn er

den Schmutz aus seinem Herzen wäscht“

und „Reinige deinen Geist wie deinen

Körper, sonst wirst Du wie er sein, der sich

nur die Haut wäscht“ (Maeder 1944, o.S.).

Die Moral ist, daß eine bloße Reinigung

des Äußeren den Teufel nicht ändern

kann. Hier schrubbt sich der Teufel mit

Wonne den Rücken mit einem Handtuch,

wobei den Schnitzer die Darstellung der

körperlichen Verrenkungen und die damit

einhergehende Grimasse besonders interessieren.

Die Schnurführung verläuft unterhalb

des abgelegten Tigerfellschurzes am

Boden des Zubers.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 381, Abb. 5

170

ONI

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 4,1 cm

Mitte 19. Jh.

Der Teufel hockt vor einem Mörser (suribachi)

und rührt mit einem Stößel (surikogi)

die Wurzeln des tororo-imo (Taro, Yamaimo-Kartoffel,

Jamswurzel) zu einer

Paste, von der er in einer anzüglichen Geste

kostet. In Japan gilt die Jamswurzel als

Aphrodisiakum. Andererseits wurde aus

tororo eine Salbe hergestellt, die bei der

Entjungferung einer Prostituierten aufgetragen

wurde, um die Vulva zu befeuchten.

(Krauss und Satow 1965, S. 215 und 330)

171

ONI

Elfenbein, Pupillen aus schwarzem Horn

H. 3,3 cm

19. Jh.

Die in dichten Bögen gestaltete Körperbehaarung

des oni soll auf die rauhe Natur

dieses Teufels hinweisen. Das Rauchen ist

eine friedfertige Entspannung von seinem

bösen Treiben.

54


172

ONI

Elfenbein, Pupillen aus braunem Horn

H. 5 cm

Sign.: Rantei

Kyoto, Mitte 19. Jh.

Die Schriftzeichen sake no kayoi (Kontobuch

für Sake) zeigen den Teufel als Eintreiber

unbeglichener Rechnungen. Es ist

eine der Darstellungen unter den Netsuke,

die auf übermäßiges Sake-Trinken anspielen.

173

ONI

Elfenbein

H. 1,9 cm; L. 5,1 cm

Mitte 19. Jh.

Der langhaarige Teufel liegt bäuchlings auf

einem zusammengeklappten Lotosblatt in

einer Haltung, die für Oni Shiro typisch ist

.

174

ONI

Bambusrhizom, die Figur grün gefaßt

H. 5,9 cm

2. Hälfte 19./frühes 20. Jh.

Das gebogene Segment eines Bambuswurzelausläufers

ist beschnitzt mit einem kleinen

oni. Dieser befindet sich in dem

„Hohlraum“ des Rhizoms und stemmt den

oberen Teil des Segments in der Art eines

Deckels in die Höhe. Das Netsuke ist die

humorvolle Arbeit eines Amateurschnitzers.

175

ONI SOSHIKI

Buchsbaum, die Unterschenkel aus hellerem

Buchsbaum

H. 5,6 cm

Sign.: Ikko

Ca. 1840/1860

Ehemalige Sammlung Brockhaus (Index-

Karte Nr. 1909; erworben von Inada Hogitarô

am 14.12.1909)

Der hagere Teufel umklammert ein buddhistisches

Reliquiar (sharitô), in dem sich

eine bewegliche Kugel befindet. Zu den

vielen Streichen, die der Teufel treibt, gehört

es, ein Reliquiar zu stehlen, das der

Weltenwächter Idaten bewachen sollte.

Abgeb. in: NKSJ, Bd. 12, Nr. 4 (Winter

1992), S. 33 und Jirka-Schmitz 1994b, S. 9

55


Volksglaube und Folklore

In der auf das Diesseits gerichteten Gesellschaft

der Edo-Zeit hatten Buddhismus

und Shintoismus einen schweren

Stand. Volkstümliche Gottheiten wie die

Sieben Glücksgötter und Okame erfreuten

sich jedoch großer Beliebtheit. Das

Aufblühen von Handel und Gewerbe und

das damit verbundene Streben nach Gewinn

haben den Kult dieser Glücksgötter

gefördert. Sie wurden um Wohlergehen

und Wohlstand angebetet, vor allem

beim Tempelrundgang (shichifukujin

mairi) zu Neujahr. Daikoku und Ebisu,

die mit den Nahrungsmitteln Reis und

Fisch in Verbindung gebracht werden,

sind die Sinnbilder des Reichtums und

demzufolge die Schutzgottheiten der

Kaufleute und Händler.

Okame, in Japan besser unter ihrem

Namen Ofuku oder Otafuku (Großes

Glück) bekannt, ist bis heute eine der

populärsten, glückverheißenden Figuren.

In einer Gesellschaft, die keine Hemmungen

gegenüber Sexualität kannte und

in der der Fruchtbarkeitskult ein fester

Bestandteil des religiösen Lebens auf dem

Lande war, war sie die Verkörperung

enthemmter Lebensfreude. Daher galten

Okame-Masken und Okame-Puppen in

Bordellen, Teehäusern und Restaurants

als glückbringende Maskottchen. In diesem

Milieu, dem mizushôbai, hatte Okame

ihr männliches Pendant in Fukusuke.

Die japanische Folklore kennt

zahlreiche Tiere, die als Kobolde ihr Unwesen

treiben. Seit dem 18. Jahrhundert

waren diese auch ein weit verbreitetes

Netsuke-Thema. Der Shinto-Gott Kadori

myôjin hat beispielsweise die Aufgabe,

den riesigen Erdbebenwels mit einer Ka-

lebasse zu beruhigen. Von den wenigen

japanischen Komposittieren sind das nue

und das kappa zu erwähnen. Das nue hat

den Körper eines Dachses, den Kopf eines

Affen, Tigerklauen und einen

Schlangenschwanz. Es wurde von Minamoto

no Yoritomo getötet, da es angeblich

die Gesundheit des Kaisers gefährdete.

Viele japanische Märchen und Legenden

drehen sich um die Metamorphose

von Tieren in Menschen. Dem Fuchs

(kitsune), dem tanuki (ein dachsähnliches

Tier) und der Katze (neko) wurden die

Fähigkeit zugesprochen, sich in Menschen

zu verwandeln.

DIE SIEBEN GLÜCKSGÖTTER

Die Sieben Glücksgötter (shichifukujin )

sind die beliebtesten Gottheiten, denen in

ganz Japan auch Schreine gewidmet sind.

Die Götter werden gerne in ihrem

Schatzschiff (takarabune) dargestellt.

Bilder dieses Bootes werden zu Neujahr

unter das Kopfkissen gelegt und ein

Traum von diesem Boot soll für das ganze

kommende Jahr Glück bescheren.

Die Sieben Glücksgötter, deren

Zusammenstellung auf den Priester Tenkai

aus dem frühen 17. Jahrhundert zurückgeht,

sind: Ebisu, als Gott der Fischer

lange bekannt, Daikoku, Bishamon

und Benten, die bereits seit der Heian-

Zeit verehrt wurden, und Hotei, Jurôjin

sowie Fukurokuju, die in der Kamakura-

Zeit aus China nach Japan eingeführt

wurden. Den Glücksgöttern wurden folgende

Eigenschaften und Tugenden zugesprochen:

Ebisu der Fleiß, Daikoku der

Reichtum, Benten die Liebenswürdigkeit,

Bishamon die Weisheit, Hotei die Frei-

56


giebigkeit, Jurôjin das lange Leben und

Fukurokuju die Würde.

176

DIE SIEBEN GLÜCKSGÖTTER

Elfenbein

H. 3,7 cm; B. 4,2 cm

Sign.: Hôjitsu

Edo/Tokyo, ca. 1850/1870

Um Benten, auf einem Hirschen reitend,

scharen sich die Glücksgötter: zu ihrer

Linken Daikoku, Ebisu und Hotei, zu ihrer

Rechten Fukurokuju, Bishamon und Jurôjin.

Die plane Unterseite zeigt beschuhte

oder nackte Füße, die Hufe des Hirschen

und reishi-Pilze. Hirsch und reishi sind

Embleme des langen Lebens und werden in

der Regel nicht mit den Sieben Glücksgöttern

zusammen dargestellt. Das Stück

zeichnet sich aus durch die Fülle kleiner

Details und feiner Gravuren.

177

GLÜCKSGÖTTER IM DRACHENBOOT

Elfenbein

H. 4,3 cm; L. 4,7 cm

Sign.: Masatoshi

Edo, ca. 1840/1860

Die Sieben Glücksgötter mit ihren Attributen

nehmen das Deck des wellenumspülten

Drachenbootes ein. Oberhalb des geblähten

Segels befindet sich als Mastspitze ein

Juwel. Die feine Schnitzarbeit an diesem

kleinen Stück ist ein gutes Beispiel für den

miniaturistischen Stil der Spätzeit.

178

EMBLEME DER GLÜCKSGÖTTER

UND GLÜCKSBRINGER

Ryûsa-manjû-Netsuke

Walroßzahn, Einsatz aus shibuichi mit Einlagen

aus Silber und Gold

Ø 4,2 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Auf diesem manjû werden in durchbrochenem

Relief die takaramono, verschiedene

glücksbringende Objekte, dargestellt:

auf der Vorderseite Reisballen, Gewürznelke

(chôji), Juwel (tama), Strohumhang

(mino), Schriftrolle, Blattfächer und Rettich

(daikon); auf der Rückseite Hut der

Unsichtbarkeit, Daikokus Schlegel und ein

runder Rettich (kabu).

In die Schauseite eingepaßt ist eine Ratte in

menschlichem Habitus aus Metall, die eine

kleinere Ratte bei der Hand führt. Die große

Ratte schultert die Lanze des Bishamon,

von der Attribute der Glücksgötter hängen:

Bentens biwa, Daikokus Schlegel und Fukurokujus

Schriftrolle (vorne), Hoteis

Sack, Ebisus Angelkorb und Jurôjins Fächer

(hinten).

Dieses Netsuke muß zu Neujahr getragen

worden sein, denn die Ratte ist Symboltier

des Neues Jahres und die takaramono werden

als Bild oder in plastischer Form zu

Neujahr dekoriert.

EBISU

Ebisu, der Gott der Fischerei und

Schutzpatron ehrlicher Arbeit, wird in

traditioneller, höfischer Kleidung mit

eboshi auf dem Kopf dargestellt. Er hat

große Ohrläppchen und trägt ein Spitzbärtchen.

Seine Attribute sind Angel und

Fischkorb. „Er fischt nie mit dem Netz,

denn man soll nicht mehr nehmen, als

57


was man braucht und aufessen kann.“

(Casal 1958, S. 12). Unter den Arm geklemmt

hält er oft eine große Meerbrasse

(tai), die den Erfolg seiner Bemühungen

symbolisiert. Er wird besonders von

Kaufleuten und Ladenbesitzern verehrt.

179

EBISU

Elfenbein

H. 5,4 cm

2. Hälfte 18. Jh.

Der Gott hält eine riesige Meerbrasse. Hier

wurde ein besonders großes Elfenbeinstück

von dreieckigem Querschnitt fast vollplastisch

beschnitzt.

180

EBISU

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 4,2 cm; L. 6,2 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Der Gott, lediglich identifizierbar an seinen

dicken Ohrläppchen, reitet auf einer

große Meerbrasse. Das kleine okimono (es

gibt kein himotôshi) stammt möglicherweise

aus einer Gruppe von Glücksgöttern,

wie sie für den Export in den Westen hergestellt

wurden.

DAIKOKU

Daikoku (der Große Schwarze) ist zusammen

mit Ebisu der wichtigste der

shichifukujin. Daikoku ist in der Regel in

eine kurze, gegürtete Jacke, eine Pumphose,

kurze Stiefel und mit einem Béret

auf dem Kopf bekleidet. Er hat sehr große

Ohrläppchen und trägt gelegentlich

einen Schnauz- und Spitzbart. Auf dem

Rücken schultert er einen Sack, gefüllt

mit Schätzen, in der Hand hält er einen

Wunschhammer (uchide no kozuchi), aus

dem beim Schütteln Münzen oder Juwelen

herausfallen. Seine Attribute sind die

Reisballen, die gute Ernte und Reichtum

symbolisieren, und die Ratte, die sich nur

dort aufhält, wo es etwa zu fressen gibt,

und somit ein Sinnbild für Überfluß ist.

181

DAIKOKU UND FUKUROKUJU ALS

SUMÔ-RINGER

Buchsbaum

H. 4,8 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Der Ringkampf zwischen dem Gott des

Reichtums und dem Gott der Langlebigkeit

ist ein ôtsu-e-Motiv. Ein diese Darstellungen

begleitender Vers lautet: Fuku to ji no/

sumô o mireba/ ôkata wa/ fuku ga jumyô o/

hikikosasu nari (In den meisten Fällen siegt

das Geld über die Langlebigkeit und die

Weisheit, Maeder 1944, o.S.). Er bedeutet,

daß die Menschen Geld meist höher als das

Leben schätzen. Eindeutig ist hier Daikoku

der Sieger.

182

DAIKOKU UND FUKUROKUJU ALS

SUMÔ-RINGER

Buchsbaum, himotôshi in schwarzem Holz

gefaßt

H. 3,1 cm

Sign. in Siegelschrift: Eishin

2. Hälfte 19. Jh.

Die lediglich mit einem Lendentuch bekleideten

Gottheiten stehen in einer Arena,

die durch Reisballen markiert ist.

58


183

DAIKOKU UND EBISU

Buchsbaum, Halterung aus Silber, Steine

aus Elfenbein und Horn

Ø 3,1 cm; B. 4,7 cm

Sign.: Shûgetsu

Edo/Tokyo, 2. Hälfte 19. Jh.

Die Glücksgötter werden beim go-Spiel

gezeigt. Sie sitzen in einem durch einen

Silberring zusammengehaltenen Reisballen.

Dieses Netsuke ist wegen seiner kompakten

Form sehr zweckmäßig.

184

DAIKOKU VOR DEM BADE

Buchsbaum

H. 3,8 cm

Sign.: Shûgetsu

Edo, Mitte 19. Jh.

Daikoku, mit typischer Kopfbedeckung, ist

dabei in ein Badezuber zu steigen. Ein

Reisballen, auf dem sein Glückshammer

liegt, dient ihm als Trittbrett. Das

himotôshi wird hier durch die Heizröhre,

die sich am Zuber befindet, geführt. Bei

Betrachtung dieses Netsuke denkt man

unwillkürlich an Darstellungen von Okame

in einem Waschzuber, die nie eines

gewissen erotischen und humoristischen

Untertons entbehren.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 382, Abb. 9

185

DAIKOKU

Dunkles und helles Holz, Elfenbein

H. 3 cm

Sign.: Tôraku

Tokyo, ca. 1900

Der Gott des Reichtums sitzt vor einem

großen Mörser (usu), in dem zu Neujahr

gedünsteter Klebereis mit dem kine gestampft

wird, und probiert von der Reismasse,

die zu Kuchen (mochi) geformt

wird. Da mochi auch „besitzen“ bedeutet,

steht der Reiskuchen für Reichtum. Die

Farbigkeit dieses Netsuke zeigt den Einfluß

des berühmten Netsuke-Schnitzers Suzuki

Tôkoku (1846-1913).

HOTEI

Hotei (wörtlich: Leinensack, chin. Budai)

war ein exzentrischer chinesischer

Mönch des späten 9. Jahrhunderts, der

ohne sich um Konventionen zu kümmern

und ohne Besitz durch die Lande zog. Er

verkörpert das buddhistische Prinzip des

„non attachment“, das sich auch in seiner

Unbekümmertheit ausdrückt. Diese Eigenschaft

zog Kinder an, mit denen er

spielt und die Schabernack mit ihm treiben.

Hotei wird als kahlgeschorener,

barfüßiger Mönch in lose gegürteter Kutte

mit feistem Gesicht, dicken Ohrläppchen

und Bartstoppeln dargestellt. Seine

Attribute sind der Sack mit seinen paar

Habseligkeiten und gelegentlich ein

Blattfächer und ein knorrigen Wanderstab.

Mit seiner Aufnahme in die Gruppe

der Sieben Glücksgötter nahm sein Sack

pralle Formen an und war von nun an

mit Schätzen gefüllt, die materiellen

Überfluß symbolisieren. Hotei ist die

personifizierte Fröhlichkeit und Urbild

satter Zufriedenheit (Casal 1958, S. 7-8)

und daher der Beliebteste unter den

Glücksgöttern.

59


186

HOTEI

Elfenbein

H. 4,3 cm

18. Jh.

Der mit herausgestreckter Zungenspitze

lachende Glücksgott sitzt mit Krummstab

auf seinem Sack. Vorbild für diese Darstellung

waren sicherlich ähnlich konzipierte,

auf Felsen sitzende rakan.

187

HOTEI

Elfenbein

H. 6,7 cm

Aufschrift: Tomofusa

18. Jh.

Die Größe des Netsuke, die Altersrisse, die

einfache Kontur, die klare Zeichnung des

Gewandes und der Kopf mit besonders

dicken und großen Ohren sind Merkmale

einer frühen Arbeit. Die gravierten Gewandmuster

und die Signatur sind eine

spätere Hinzufügung.

188

HOTEI

Elfenbein

H. 3,4 cm

Spätes 18. Jh.

Der Sack, in dem Hotei seine Habseligkeiten

mit sich trägt, ist hier verfremdet. Er

steckt in einem teilweise verknoteten Einschlagtuch

(furoshiki) und hält einen Zipfel

des Tuches zwischen den Zähnen.

189

HOTEI UND KARAKO

Elfenbein

H. 2,2 cm; L. 7,2 cm

19. Jh.

Ehemalige Sammlung Beasley

Unter großer Anstrengung versuchen zwei

chinesische Knaben, den Sack, in dem sich

Hotei befindet, zu ziehen, wobei ein dritter

von hinten anschiebt.

Seit dem 16. Jahrhundert gibt es in der

Malerei der Kano-Schule dieses Sujet. Die

Darstellung hier ist ein gutes Beispiel des

japanischen Sinnes für Komik der Gegensätze:

die Gelassenheit des einen und die

Mühe der anderen.

190

HOTEI

Elfenbein

H. 4,6 cm

Sign.: Kôgyoku

Ca. 1840/1860

Auf einen Krummstab gestützt, versucht

Hotei sich mit seinem schweren Sack aufzurichten,

aus dem ein karako hervor

schaut.

191

HOTEI

Elfenbein

H. 5,3 cm

In der Art des Hidemasa

Osaka, ca. 1820/1830

Der mißmutige Ausdruck resultiert wohl

daraus, daß Hotei keinen Spielkameraden

hat. Anstelle des Glücksjuwels hält er einen

kemari-Ball.

60


192

HOTEI

Elfenbein

H. 3 cm; L. 4,1 cm

Sign.: Seikanshi und kaô

Osaka, ca. 1850

Die Art, wie der Stoff von Hoteis Sack über

den Kopf gezogen ist, erinnert an Darstellungen

des Daruma. Die dicken Ohren

jedoch und das Lachen kennzeichnen die

Figur als Hotei. Die gleiche Figureninterpretation

gibt es auch bei einem 1845 datierten

Netsuke von Mitsuhiro aus Osaka

(NKSJ, Bd. 6, Nr. 2 [Sommer 1986], S. 30).

193

HOTEI

Holz

H. 4,6 cm

Ca. 1800

Der grotesk dagestellte Kopf der Figur ist

ein Merkmal des früheren Netsuke-Stils in

Edo.

194

HOTEI

Manjû-Netsuke

Elfenbein

Ø 4,1 cm

Edo, Mitte 19. Jh.

Die Rauchfahne seiner Pfeife bildet hier

das Schriftzeichen kotobuki (Glück und

langes Leben). Auf der Rückseite sind die

takaramono (Kostbarkeiten) zu sehen:

Schlüssel (kagi), Schriftrolle (makimono),

Gewürznelke (chôji) und sich überschneidende

Kreise (shippô).

195

HOTEI

Shibuichi, Silber und Gold

H. 4,8 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Die Art, wie der Glücksgott mit steifem

Blattfächer in der Rechten und geschulterter

Schnur des Sackes in der Linken dasteht,

erinnert an Puppen des Hotei aus

Ton. Das Gewand ist mit Päonien und

Ranken, sein Sack mit Swastikamuster

(sayagata) geschmückt.

Die Schnurführung verläuft durch ein

Loch am Rücken und durch die innere Öse

der Bodenplatte.

JURÔJIN

Jurôjin (wörtlich: Alter Mann der Langlebigkeit)

wird als alter Mann in zeremoniellen,

chinesischen Gewändern mit einer

gefalteten Mütze dargestellt. Seine

Attribute sind eine Schriftrolle an einem

Stock und ein Fächer, wie er in China von

Würdenträgern getragen wurde. Sein

Begleittier ist der Hirsch, der 1500 Jahre

alt sein soll.

196

JURÔJIN UND HIRSCH

Elfenbein

H. 4,9 cm

2. Hälfte 19. Jh.

197

JURÔJIN UND HIRSCH

Elfenbein

H. 3,4 cm

Sign.: Masatoshi

Edo, Mitte 19. Jh.

61


198

BISHAMON UND BENTEN

Elfenbein

H. 4,3 cm

Sign.: Tômin tô

Ca. 1850/1880

Der bärtige Bishamon sitzt mit geschulterter

Lanze und Sake-Schale in der Hand.

Sein Attribut, das Reliquiar, steht zu seinen

Füßen. Hinter ihm steht Benten mit einem

Juwel, für sie ein atypisches Attribut, und

mit einer Sake-Kanne. Wahrscheinlich

handelt es sich hier um das festliche Sake-

Trinken zu Neujahr. Zu dieser Zeit werden

die Glücksgötter besonders verehrt und die

Freude am Feiern zugesprochen.

FUKUROKUJU

Fukurokuju, dessen Name sich aus den

drei Schriftzeichen für Glück, Reichtum

und Langlebigkeit zusammensetzt, soll

chinesischer Überlieferung nach eine

Inkarnation des südlichen Polarsterns

sein. Er wird als alter, fröhlicher Greis

mit langem, weißem Bart in chinesischem

Gewand und oft in Gesellschaft

von Kindern dargestellt. Sein markantestes

Kennzeichen ist der riesige, kahl geschorene

Schädel, in dem die Weisheit

seines langen Lebens angesammelt ist

und der oft von einem Tuch bedeckt

wird. Der Schädel hat durch seine hohe

Form ein phallisches Aussehen. Daher

wird Fukurokuju gerne in Gesellschaft

von Okame gezeigt. Seine Begleittiere

sind der Kranich (tsuru) und die langschwänzige

Schildkröte (minogame), beides

Symbole für langes Leben.

199

FUKUROKUJU

Elfenbein

H. 4,3 cm

19. Jh.

200

FUKUROKUJU

Elfenbein

H. 2,8 cm

Sign.: Shôzan

Spätes 19. Jh.

Der Glücksgott zieht an den langen Haaren

seiner Brauen, die Zeichen seines hohen

Alters sind.

201

FUKUROKUJU

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus shibuichi mit Einlagen aus

shakudô, Silber und Gold

Kapsel in Elfenbeinimitation

Ø 4,4 cm

Sign.: Minkoku und kaô

Tokyo, ca. 1870/1900

Auf der Platte ist in Relief und katakiri-

Gravur der Glücksgott Fukurokuju dargestellt,

wie er mit einem dicken Pinsel das

riesige Schriftzeichen kotobuki (Glück) an

eine Wand schreibt.

202

FUKUROKUJU

Elfenbein

H. 7,7 cm

18./frühes 19. Jh.

Hier wird die lange Spitze eines dreieckigen

Elfenbeinstücks für den hohen, von

einem Tuch bedeckten Schädelauswuchs

genutzt.

62


203

FUKUROKUJU UND KARAKO

Elfenbein

H. 6,9 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Diese Darstellung könnte auf einem chinesischen

Vorbild basieren. Shoulao, der

Gott der Langlebigkeit, wird in China

ebenso wie hier mit Knotenstab, einem

Juwel in der Hand und in Begleitung eines

Kindes dargestellt.

204

FUKUROKUJU

Holz

H. 2,7 cm; B. 3,7 cm

Sign.: Gyokusen

Edo, 1. Hälfte 19. Jh.

In der Gesellschaft einer minogame hat der

Gott das Schriftzeichen tsuru (Kranich) zu

Papier gebracht. Sowohl Kranich als auch

die langschwänzige Schildkröte symbolisieren

langes Leben. Dieses sehr erzählerisch

gestaltete Netsuke zeigt viele Details und

sorgfältige Ausführung in kleinsten Dimensionen.

Das Gewand des Gottes ist u.a.

mit Schildkrötenpanzer (kikkô)-Muster in

versenktem Relief geschmückt.

OKAME

Okame verkörpert Lebenslust und Sinnlichkeit.

Ihre Ahnin ist die durch ihren

lasziven Tanz bekannte Ame no Uzume

no Mikoto. Der Name Uzume wurde in

der Edo-Zeit durch Otafuku (wörtlich:

Großes Glück) ersetzt. In der heutigen,

westlichen Netsuke-Literatur wird sie

Okame genannt.

Okame wird klein und pummelig,

mit großem, birnenförmigem Kopf und

lustigen Augen dargestellt. Ihr fleischiges

Gesicht ist durch eine Stupsnase, einen

kleinen, lachenden Mund und runde,

füllige Wangen mit Grübchen gekennzeichnet.

Sie trägt Gewänder und die

Haare in der Art einer Hofdame der Heian-Zeit.

Die natürlichen Augenbrauen

sind wie bei Hofdamen üblich ausrasiert

und hoch auf der Stirn aufgemalt oder

eingelegt. In Anspielung auf Uzume wird

sie mit den Attributen des Tanzes dargestellt:

gohei, Schellen und Fächer. Da sie

als Hofdame jedoch ledig bleiben mußte,

wurde sie oft durch Beigabe übergroß

dargestellter phallischer Objekte (Pilz,

Stößel, langnasige Masken) als lasterhaft

verspottet. Eine häufige Geste ist die der

– vorgetäuschten – Schamhaftigkeit, wobei

sie die im Ärmel verborgene Hand

vor den Mund hält. Die Gebärde der

Schamhaftigkeit wird jedoch durch Gestik

und Gesichtsausdruck Lügen gestraft.

205

OKAME

Elfenbein

H. 2,7 cm; L. 4,6 cm

Mitte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Die pausbäckige Okame hockt neben einer

überdimensional großen Maske, die in ein

furoshiki gewickelt ist. Aus dem Einschlagtuch

schaut nur die lange, phallische Nase,

auf die Okame ihre Hand legt.

206

OKAME

Elfenbein

H. 2,5 cm; L. 4,2 cm

Sign. auf eingelassenem Rotlackplättchen:

Ryôkô

2. Hälfte 19. Jh.

63


Um die Schultern hat Okame ein Einschlagtuch

(furoshiki) gebunden, in dem

sich ein aufrecht stehender, großer Pilz, ein

matsudake, mit eindeutig phallischem Hut

befindet.

207

OKAME, FUKUROKUJU UND

FUKUSUKE

Elfenbein

H. 3 cm

Sign.: Ikkôsai

Edo, ca. 1860/1870

Okame schenkt Fukurokuju Sake aus einem

Flaschenkürbis ein. Hinter Okame

steht Fukusuke mit einem wohl mit takaramono

oder Münzen gefüllten Beutelchen.

Das Adonisröschen (fukujusô) im

Blumentopf ist ein Hinweis auf Neujahr.

Abgeb. in: Jirka-Schmitz 1994b, S. 10

208

OKAME UND FUKUSUKE

Elfenbein

H. 2,8 cm

Sign.: Hidechika und kaô

Edo, ca. 1850/1860

Okame und Fukusuke sitzen vor einem

Opfertischchen (sanbô), auf dem ein Rettich

mit gespaltener Spitze (futamata

daikon), eine geschätzte Opfergabe für

Daikoku, und der unerschöpfliche Geldbeutel

(kanebukuro) liegen. Das Schriftzeichen

fuku (Glück) ist als Muster auf Okames

Mantel und auf dem fukusa (Tuch

zum Abdecken von Geschenken) zu sehen.

Auf den Gewändern erscheinen bei Okame

das Schriftzeichen o (groß) und bei

Fukusuke ein Kürzel für das zweite Schriftzeichen

seines Namen suke als Wappen.

Auf Fukusukes Fächer ist der Berg Fuji

dargestellt. Das Netsuke verweist auf Neujahr

und drückt den Wunsch für Glück

und Reichtum aus.

209

OKAME UND ONI

Elfenbein, Augenbrauen aus Horn

H. 2,3 cm; L. 6,6 cm

Sign.: Hidemasa

Ca. 1820

Das leere Reismaß vor der liegenden Okame

deutet darauf hin, daß die Zeremonie

des Bohnenwerfens beendet ist. Ein kleiner

oni, der durch die geworfenen Bohnen

vertrieben werden sollte, traut sich nun

wieder hervor und schiebt Okames mit

Kirschblüten geschmücktes Gewand zur

Seite.

210

OKAME

Buchsbaum, rötlichbraun patiniert

H. 2,8 cm; L. 4,6 cm

Sign.: Ittan und kaô

Nagoya, ca. 1840/1870

Neckisch und verschämt zugleich beschäftigt

sich Okame mit einer Maske, deren

riesige, explizit phallische Nase sie mit der

Hand liebkost.

Bei der Maske kann es sich um die eines

kono-ha-tengu handeln oder die des Sarutahiko,

ein Shinto-Gott.

211

OKAME

Buchsbaum

H. 3,6 cm

Sign.: Shûmin

Edo, ca. 1840/1850

Ehemalige Sammlung Koch

64


Liebevoll hält Okame den großen, hölzernen

Stößel (surikogi), der hier ein eindeutig

phallisches Symbol ist. Mit solchen Werkzeugen

wurde in geriffelten Mörsern (suribachi)

tororo-imo (Jamswurzel) zerstoßen,

die in Japan als Aphrodisiakum eingenommen

wurden. Die Hand ist zum Mund

geführt, als ob sie vom Handrücken etwas

von der Paste ablecken wollte.

212

OKAME

Elfenbein

H. 4,5 cm

Sign.: Ryômin und kaô

Edo/Tokyo, ca. 1860/1880

Die Glücksgöttin sitzt auf den Fersen, neben

ihr liegen zwei Bücher, wahrscheinlich

erotischen Inhalts, über die sie verschämt

schmunzelt.

213

OKAME

Steinnuß

H. 3,4 cm

19. Jh.

Die zum Mund geführte Hand ist als vorgetäuschte

Geste der Schamhaftigkeit zu

deuten.

214

OKAME

Elfenbein

H. 5,4 cm

Sign.: Seiha

Ca. 1900

Okame wird hier als lediglich mit einem

Unterrock (koshimaki) bekleidete Landfrau

gezeigt, die gähnt und sich streckt. Diese

Darstellung ist eine Anspielung auf Daru-

ma, der sich nach seiner legendären, neunjährigen

Meditation in gleicher Weise gebärdet.

FUKUSUKE

Fukusuke, der „Glückszwerg“, von kleiner

Statur und mit unförmig großem

Kopf, soll aus Osaka stammen. Er ging

nach Edo, wo er zur Attraktion in einem

Zirkus wurde. Nach dem großen Erdbeben

in Edo 1804 erfuhr er eine besondere

Popularität als Glücksbringer. Im folgenden

Jahr erschienen zwei amüsante

Bücher über ihn, die seinen Ruhm festigten.

Fukusuke wird meist in hakama und

kariginu und in formeller Sitzhaltung

dargestellt.

215

FUKUSUKE

Buchsbaum, Pupillen aus Horn

H. 4,4 cm

Frühes 19. Jh.

Der grinsende Zwerg mit dem übergroßen

Kopf ist in kamishimo, mit geschlossenem

Fächer, dargestellt.

216

FUKUSUKE

Elfenbein, Augen aus hellem und dunklem

Horn

H. 4,8 cm

Sign.: Hôgen Rantei

Kyoto, Mitte 19. Jh.

Fukusuke steht in tänzerischer Pose auf

einem Bein. Auf seiner Jacke befindet sich

am Rücken das Wappen mit dem Schriftzeichen

fuku (Glück).

65


217

FUKUSUKE

Buchsbaum, Augen aus gelbem und

schwarzem Horn, Zähne aus gelbem Horn

H. 4,4 cm

Spätes 19. Jh.

Der makrozephalische Zwerg trägt einen

quergestreiften kosode und eine kurze Jacke,

unter der ein Kurzschwert hervor

schaut und auf deren Rücken sich ein

Wappen (Quadrat im Doppelkreis) befindet.

Er hält einen geöffneten Faltfächer in

der Rechten, „während die linke, in der Art

der japanischen Gigerl, im Ärmel verborgen

gehalten wird.“ (Brockhaus 1925, S.

363). Die Ausformung des Hinterkopfes ist

eindeutig phallischen Charakters.

Ein sehr ähnliches Stück befand sich ehemals

in der Sammlung Behrens (Joly 1909,

Tafel LXVII, Nr. 5007) und in der Sammlung

Brockhaus (Brockhaus 1925, S. 363,

Abb. 545).

KADORI MYÔJIN

Kadori myôjin, auch bekannt als Futsunushi

no Kami, soll in der Lage sein, mit

einer Kalebasse den Erdbeben-Wels

(namazu, jishinuo) zu kontrollieren. Dem

japanischen Volksglauben nach liegt unter

den japanischen Inseln ein großer

Wels, dessen Kopf- und Flossenbewegungen

Erdbeben unterschiedlicher Stärke

verursachen.

Auf dieser Legende beruht wohl auch das

Sprichtwort hyôtan de namazu o osaeru

yô (Als ob man mit einem Flaschenkürbis

einen Wels festhalten wollte) (Ehmann

1927, S. 85, Nr. 827). Hyôtan namazu ist

aber auch ein berühmtes Zen-kôan: Wie

fängt man einen glitschigen Wels mit

einer glatten Kalebasse? Nicht nur ist

damit ein sinnloses Unterfangen gemeint,

sondern auch die Sinnlosigkeit,

die Wahrheit durch andere Mittel als die

Intuition zu erfassen.

218

KADORI MYÔJIN

Buchsbaum, Pupillen des Wels aus Horn

H. 3,5 cm

Sign.: Masanao

1. Hälfte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Der Shinto-Gott sitzt rittlings auf dem

Erdbebenwels, dessen Barthaare kleine und

dessen Schwanzflossen große Erdbeben

verursachen.

219

KADORI MYÔJIN

Elfenbein, Pupillen des Fisches aus schwarzem

Horn

H. 2,1 cm; L. 5 cm

Frühes 19. Jh.

Hier klettert ein stark behaarter Mann mit

Kalebasse in der Hand über einen großen

Wels.

220

AFFE UND WELS

Elfenbein

H. 3,9 cm; L. 5,7 cm

18. Jh.

Der Affe mit Kalebasse auf einem Erdbebenwels

ist einerseits eine Travestie auf das

Kadori myôjin-Sujet, andererseits ein ôtsue-Motiv.

Letzteres illustriert das vergebliche

Bemühen, einen Fisch mit einem Flaschenkürbis

zu fangen, eine Metapher für

den Versuch, etwas Unmögliches zu tun.

Seit dem frühen 18. Jahrhundert gilt das

66


Motiv unter den ôtsu-e als Talisman gegen

Ertrinken.

221

MONDHASE

Elfenbein, Augen aus Bernstein (?)

H. 2,6 cm; L. 4,5 cm

Sign.: Mitsutsugu

Osaka, ca. 1850/1860

Der Hase (usagi) steht mit einem Stößel

auf einem Wolkensockel vor einer von

Wolkenfahnen umgebenen Kugel, die hier

den Vollmond darstellt.

In China entwickelte sich die Vorstellung,

daß der Hase im Mond lebt und dort unter

einem Kassiabaum in einem Mörser das

Elixier für langes Lebens zubereitet. Wenn

der Hase – in China Jadehase genannt –

1000 Jahre alt geworden ist, wird sein Fell weiß.

In Japan wurde diese chinesische Überlieferung

dahingehend abgewandelt, daß der

weiße Hase im Mörser gedünsteten Klebreis

stampft, um mochi herzustellen. Diese

Interpretation basiert auf dem japanischen

Homonym, da mochi sowohl Vollmond als

auch Reiskuchen bedeutet.

Der Hase wird in Japan auch zwischen

Schachtelhalm (tokusa, Equisetum pratense)

dargestellt, weil man meinte, er würde

mit diesen Halmen den Mond sauber und

blank halten. Der Schachtelhalm enthält

Kieselsäure und wird von japanischen

Handwerkern zum Polieren benutzt. Hier

hält der Hase den Stößel so, als ob er mit

tokusa die Mondoberfläche poliere.

222

FRAU AUF EINEM HASEN

Elfenbein

H. 4,3 cm

Sign.: Masakazu

Mitte 19. Jh.

Eine Frau mit einem hachimaki um den

Kopf – ein Zeichen eines Arbeiters – und

Gamaschen an den Beinen sitzt barfuß auf

einem überdimensional großen Hasen mit

braun geflecktem Fell. In beiden Händen

hält sie einen Stampfer (kine). Dieses Attribut

läßt an den Mondhasen denken, der

mit einem solchen Stab das Elixier des langen

Lebens stampft.

223

KARASU-TENGU

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 4,4 cm

Ca. 1800

Der krähenköpfige tengu spielt auf einer

shamisen. Auf dem Rücken seiner ärmellosen

Jacke befindet sich als graviertes Muster

zwischen Ranken der große Federfächer

des tengu-Königs Sôjôbô. Die shamisen

wird meist von Frauen aus den Vergnügungsvierteln

gespielt.

Tengu (wörtlich: Himmelshund) sind wilde

Waldkobolde, halb Mensch, halb Vogel,

die in Kolonien in den Wipfeln der Kryptomerien

auf dem Kurama-Berg im Norden

Kyotos und anderen Bergen leben. Die

langnasigen konoha-tengu und die Krähen-

Kobolde (karasu-tengu) stehen im Dienst

des Königs Dai-tengu, auch Sôjôbô (wörtlich:

Bischof-Priester) genannt, der als Lehrer

des jungen Minamoto Yoshitsune

(1159-1189) Berühmtheit erlangte (vgl.

Kat.-Nr. 249). Weil sie in den Bergen leben

und von kriegerischer Natur sind, werden

sie ähnlich den yamabushi mit deren typischem

Käppi dargestellt. Im Shintoismus

verehrt man sie als untergeordnete Gottheiten.

67


DER KAPPA

Der kappa ist ein Flußkobold, dessen

Rücken von einem Schildkrötenpanzer

bedeckt ist. Sein Kopf ähnelt dem eines

Affen und die Beine denen eines Frosches.

In der runden Kopfvertiefung befindet

sich das für ihn lebenswichtige

Lebenselixir. Immer zu bösen Scherzen

aufgelegt, vergreift er sich an hübschen

Mädchen, zieht Pferde ins Wasser oder

führt arglose Reisende in die Irre. Um

den kappa schadlos zu machen, braucht

man sich nur bei einer Begegnung mit

ihm tief zu verneigen. Da es die Höflichkeit

schätzt, wird es den Gruß durch

Kopfneigen erwidern. So verliert es sein

Lebenselixier und wird wehrlos. Kappa

werden gern mit ihrer Lieblingsspeise,

der Gurke, und als übermütig spielende

Kinder dargestellt.

224

KAPPA-KOPF

Hirschhorn, Augen und Kopfflüssigkeit

aus Perlmutter

H. 2,5 cm

Sign.: Kisui

19. Jh.

Die Perlmuttereinlage auf der Scheitelhöhlung

stellt das Lebenselixier dar, das er bei

seinem Landgang benötigt.

Abgeb. in: Netsuke, Bd. 1, Nr. 11 (1961), S.

6, Abb. 1

225

KAPPA

Buchsbaum, Pupillen aus Glas

H. 4,5 cm; B. 4 cm

Spätes 19. Jh.

Das kappa klettert über eine große hamaguri-Muschel,

die den Fuß des Koboldes

festhält. Dieses Motiv, für das Sukenaga

berühmt wurde, ist eine Anspielung auf die

Gefahren des Verliebtseins.

226

KAPPA

Elfenbein

H. 2,5 cm; L. 4,2 cm

Mitte 19. Jh.

Auf einer flachen Sockelplatte sitzt der

schelmische Kobold neben einem umgedrehten

Lotosblatt, das er an einer Stelle

aufreißt, um die Landschaft mit dem Berg

Fuji im Inneren zu zeigen.

227

KAPPA MIT TRANSPORTBÜNDEL

Elfenbein, Augen aus dunklem Horn

H. 5,3 cm

Sign.: Ikkyû

Provinz Owari, 2. Hälfte 19. Jh.

In dem Transportbündel steckt ein großer

Krake, der versucht, sich zu befreien und

dabei in die Haare des kappa greift.

228

DREI KAPPA

Elfenbein

H. 2,2 cm; L. 4,3 cm

Sign.: Tomokazu

Tokyo, spätes 19./frühes 20. Jh.

Ehemalige Sammlung Jonsson

Drei übermütige kappa sitzen eng beisammen.

Zwei von ihnen schieben gegenseitig

die Köpfe zur Seite, womit sie Gefahr

laufen, das Lebenselixier, das sich in der

tellerförmigen Schädeleinbuchtung befin-

68


det, zu verlieren und damit unschädlich zu

werden.

Abgeb. in: Hurtig 1973, S. 130, Abb. 533

TANUKI

Der tanuki sieht aus wie ein Waschbär.

Im Volksglauben ist er berühmt für seine

Fähigkeit der Täuschung. Ein Merkmal

ist sein praller Bauch und sein Skrotum,

das er auf die Größe von acht tatami-

Matten (3,64 qm) ausweiten kann

(hachijo kijiki kintama) und das er als

Falle für unliebsame Jäger einsetzt. Mit

seinem Bauchtrommeln (tanuki no hara

tsuzumi) hingegen führt er die Wanderer

in die Irre. Der tanuki kann verschiedene

menschliche Gestalten annehmen, in erster

Linie die eines Priesters.

229

TANUKI

Buchsbaum

H. 3,2 cm

Aufschrift: Minkô

Frühes 19. Jh.

Ehemalige Sammlungen Hart und Brockhaus

(gekauft 1898)

Das Sujet ist als tanuki no hara tsuzumi

(das Bauchtrommeln des tanuki) bekannt.

Ehmann interpretiert den Spruch wie folgt:

„Wenn der Tanuki den Mond sieht, soll er

sich vor Vergnügen auf den Bauch klopfen,

was einen weithin hörbaren tiefen glockenähnlichen

Ton gibt. – Von jemand,

der sehr zufrieden aussieht.“ (Ehmann

1927, S. 321, Nr. 2920). Dem Aberglauben

nach soll das Bauchtrommeln des tanuki

den Gong eines Tempels oder einer Herberge

imitieren und somit die Reisenden

und Wanderer in unwegsame und gefährliche

Gebiete locken.

Dieses Motiv ist eines der bekanntesten des

Minkô, doch kann die Signatur hier nicht

als authentisch angesehen werden.

Abgeb. in: Brockhaus 1925, S. 369, Abb.

440

230

TANUKI

Kirschholz

H. 3,4 cm

Aufschrift: Minkô und kaô

19. Jh.

231

TANUKI UND JÄGER

Buchsbaum

H. 2,7 cm

Sign.: Issai

Frühes 19. Jh.

Der riesige Hodensack eines tanuki dient

als Falle für den Jäger, der um Gnade fleht.

Unter dem am Boden liegenden Gewehr

verläuft die Schnurführung.

Issai hat dieses Thema häufiger geschnitzt

(vgl. sehr ähnliches, Issai signiertes Stück

in Davey 1974, Kat.-Nr. 880 und ein weiteres

Netsuke (ehemals Sammlung Behrens,

Nr. 4785) im MCI, S. 235).

232

TANUKI ALS PRIESTER

Elfenbein, ein Auge aus Horn

H. 6,3 cm

Mitte 19. Jh.

Der tanuki nimmt die Gestalt eines Priesters

an. Verwandlungen sind naturgemäß

schwer darzustellen. Der Schnitzer hat die

Metamorphose in der vertikalen Achse

angelegt. Mit der Verwandlung sollten

bigotte Mönche angeprangert werden, die

ihren Status zum Eigennutz mißbrauchten.

69


233

TANUKI ALS PRIESTER

Buchsbaum, Ring aus Elfenbein, Augen

aus Elfenbein und Horn, himotôshi in

schwarzes Holz gefaßt

H. 3,8 cm

Sign. auf Elfenbeinplättchen: Masakazu

2. Hälfte 19. Jh.

234

DIE KATZE VON NABESHIMA

Buchsbaum, Pupillen aus schwarzem Glas

H. 5,3 cm

Aufschrift: Dôraku

2. Hälfte 19./20. Jh.

Die im menschlichen Habitus stehende

Katze ist in einen lose gegürteten Kimono

gekleidet. Auf dem rückseitig gebundenem

obi ist eine Blüte zwischen Wellen graviert.

Man sagt Katzen nach, daß sie sich in junge

Frauen verwandeln können. Die bekannteste

Legende ist Nabeshima no neko

(Die Katze von Nabeshima) und möglicherweise

Thema dieses Netsuke. Dargestellt

wäre dann O Toyo, die Geliebte eines

Nabeshima-daimyô in der Provinz Hizen.

Ausgangspunkt dieser langen Erzählung ist

der Mord einer riesige Katzen an der jungen

Frau, in deren Körper die Katze anschließend

schlüpft.

Eine andere Deutung des Themas wäre,

daß es sich hier um eine Prostituierte handelt,

denn neko (Katze) war einer der Namen

für Freudenmädchen.

Kürzlich wurde dieses Sujet als Illustration

eines populären Liedes des späten 18. Jahrhunderts,

das im späten 19. Jahrhundert

eine Wiederbelebung erfuhr, gedeutet. Das

Lied beginnt: Nekoja nekoja to oshaimasu

ga/ neko ga geta haite/ tsue tsuite/ shibori

no yukata de kuru monoka/ choi choi choi

choi (Ich bin Neko, ich bin Neko, eine Katze,

die geta trägt, die einen Stab hält und

die in einen yukata mit shibori-Muster

gekleidet ist, choi, choi, choi, choi) (Yoshida

in: Sagemonoya 2000, S. 136, Nr. 125).

70


Figuren aus der japanischen Literatur

Die japanische Geschichts-, Roman- und

Märchenliteratur sowie das Theater dienten

den Netsuke-Schnitzern des 19. Jahrhunderts

als eine unerschöpfliche Quelle

der Inspiration.

Das Kojiki und das Nihongi, beide

aus dem 8. Jahrhundert, sind die frühesten

geschichtlichen Werke Japans. Hier

finden sich im jeweils ersten Teil die mythischen

Entstehungsgeschichten des

Insellandes und deren Götter sowie die

erste Erwähnung vom Palast des Meereskönigs,

der in der späteren Literatur

Ryûjin (Drachenkönig) genannt wird.

Einen umfangreichen Komplex

der heian-zeitlichen Literatur bilden neben

den Liebesromanen, wie dem Genji

monogatari (Geschichte des Prinzen Genji),

die Kriegshistorien. Diese monogatari

befassen sich hauptsächlich mit den

Themen Mut und Tapferkeit bei bewaffneten

Auseinandersetzungen. Diese Literaturgattung

enthält aber auch Liebesgeschichten

sowie tragische Lebensläufe

einzelner Familien. Das Heike monogatari

(Die Erzählungen des Hauses Taira)

aus dem frühen 13. Jahrhundert, das

wichtigste Werk unter diesen, schildert

die Jahrzehnte andauernden, kriegerischen

Auseinandersetzungen zwischen

den beiden Familienklans der Minamoto

(Genji) und der Taira (Heike) im 12.

Jahrhundert. Die herausragenden Persönlichkeiten,

die auch als Netsuke immer

wieder in Erscheinung treten, sind

Tadamori, Kiyomori und Tadanori unter

den Taira und Yoritomo und Yoshitsune

unter den Minamoto sowie Shunkan und

Endô Morito.

Personen aus der späteren Geschichte

sind unter den Netsuke seltener. Das Soga

monogatari (Die Erzählung der Soga)

von ca. 1340 erzählt die Geschichte der

die Ermordung des Vaters rächenden

Soga-Brüder. Das Taiheiki von ca. 1370

schildert die Kriege um die Vorherrschaft

des Nördlichen und Südlichen Hofes,

zwischen den Hôjô und den Ashikaga.

Die Haupthelden Kusunoki Masashige

und Nitta Yoshisada kämpfen gegen Ashikaga

Takauji.

Das Nô-Theater der Muromachi-

Zeit lieferte den Stoff für zahlreiche Balladen,

Pantomimen, kabuki- und bunraku-Stücke,

die das Wissen um legendäre

Gestalten aus der japanischen und chinesischen

Geschichte unter allen Bevölkerungsschichten

verbreiteten.

Außer dem Sangokushi und dem

Suikoden, die auf chinesischen Romanen

basieren, gab es im frühen 19. Jahrhundert

noch andere Buchgattungen, die die

Netsuke-Schnitzer beeinflußten. Es waren

die kibyoshi (Erzählungen aus dem

bürgerlichen Leben), die akahon (Märchenbücher),

die kokkeibon (Ulkbücher)

und gokan (Heftserien). Gestalten wie

Fukusuke, Wasobyoe, Jiraya entstammen

solchen Büchern. Märchen wie Momotarô

und andere sind teilweise sehr alten Ursprungs.

Vor allem die Schnitzer der

Tomochika-Gruppe wählten Märchenfiguren

zum Thema ihrer Netsuke. Viele

dieser Stücke wurden für Europa hergestellt,

wo Bücher von A. B. Mitford und

Lafcadio Hearn sowie auf Crepe gedruckte,

bibliophile Ausgaben die Märchen den

europäischen Sammlern bereits nahegebracht

hatten. Erwähnt seien auch die

Gespenstergeschichten, die sich in der

Edo-Zeit besonderer Popularität erfreuten.

71


235

RYÛJIN

Nadelholz, polychrom bemalt

H. 10,5 cm

18./19. Jh.

In der Hand hält er das die Gezeiten regulierende

Juwel. Hinter der Figur klettert ein

Drache empor, der sich an den Schultern

festklammert. Die Arbeit ist ungewöhnlich

stark unterschnitten.

Wie bei allen Netsuke in der Art des Yoshimura

Shûzan (1700-1773) ist die polychrome

Fassung stark abgegriffen; das Inkarnat

war ursprünglich ein gelbliches

Ocker; Gewand und Schuhe sind schwarz,

der Drache rot; in den Falten und am Drachen

sind Reste von Goldpulver zu sehen.

236

RYÛJIN

Nadelholz, polychrom bemalt

H. 11,6 cm

19. Jh.

Auch diese Gestalt hält in den Händen das

Juwel. Das Sôken kishô bildet unter den

Netsuke des Künstlers Yoshimura Shûzan

eine solche Figur ab, die als Ryûjin bezeichnet

wird. Dieses Modell muß sehr

beliebt gewesen sein, da auch andere

Schnitzer, z.B. Tametaka (?-1789), diesen

Typ gefertigt haben. Im Ko-ji Hô-ten wird

dieser Netsuke-Typ als Bote des Ryûjin

beschrieben, da Ryûjin selbst meist in

Tracht eines chinesischen Kaisers abgebildet

wird.

Abb. 14

Sôken kishô, 1783, Bd. 7, S. 5b

237

TOYOTAMA HIME

Elfenbein

H. 5 cm

Sign.: Rensai

20. Jh.

Die junge Frau steht inmitten von Wellen

mit hohen Schaumkronen. Sie versucht,

mit einem langen Angelhaken einen Aal zu

fischen. An ihrem Gürtel hängt ein Kugelfisch

(fugu). Die Identifizierung dieser Figur

ist nicht gesichert.

238

SAYO HIME

Elfenbein

Ø 4,9 cm

Edo, ca. 1850/1860

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Matsuura no Sayo Hime winkt ihrem Gatten

Ôtomo no Sadehiko nach, der 537 vom

Kaiser Senka (reg. 535-539) nach Korea

geschickt wurde. Der Legende nach verabschiedete

sie sich so lange, bis sie sich in

einen Stein verwandelte. Sayo Hime wurde

zum Symbol der ergebenen und treuen

Frau.

239

HADESU

Elfenbein

H. 3,5 cm

Frühes 19. Jh.

Im Jahre 545 reiste Hadesu (im Nihongi

[Buch XIX, 28] unter seinem Namen

Kashiwade no Omi Hasui erwähnt) mit

einer Gesandtschaft des Kaisers Kinmei

(reg. 539-571) nach Korea. Dort wurde

sein Sohn von einem Tiger getötet. Um ihn

72


zu rächen, ersticht Hadesu den Tiger mit

seinem Schwert.

Hadesu zählt auch zu den Helden aus dem

japanischen Suikoden. Die offenen Haare

und das auffällig mit Karos gemusterte,

von der Schulter gestreifte Gewand entsprechen

dem Typ des gesellschaftlichen

Außenseiters. Daher ist hier wohl Hadesu

als Suikoden-Protagonist und nicht als

semi-historische Gestalt dargestellt.

240

MURAKAMI TENNÔ

Elfenbein

H 4,3 cm

Sign.: Keiun

Uji, ca. 1971

Der Kaiser Murakami (reg. 946-967) legt

die Hand auf einen knospenden Pflaumenbaum,

den er anstelle eines verdorrten

Baumes für den Palastgarten haben möchte.

Vor ihm kniet eine junge Frau mit

Schriftstück in der Hand, die ihn wegen

einer gerade nistenden Nachtigall bittet,

den Baum nicht zu verpflanzen.

241

ÔMU KOMACHI

Elfenbein

H. 4,4 cm

Sign.: Hidemasa

Osaka/Kyoto, ca. 1820/1830

Ehemalige Sammlung Cohen

Die berühmteste Dichterin Japans, Ono no

Komachi (834-900), wird hier als alte Frau

mit prall gefüllter Betteltasche und Reisschale

dargestellt. In der Hand hält sie ein

tanzaku (Gedichtstreifen), auf dem geschrieben

steht: Kumo no ue wa arishi/

mishi tamadare no.

Das Netsuke illustriert eine legendäre Episode

im Leben der Dichterin. Vom Kaiser

Yôzei (reg. 876-884) erhielt sie folgendes

Gedicht: Kumo no ue wa/ arishi mukashi

ni/ kawaranedo/ mishi tamadare no/ uchi

ya yukashiki (Über den Wolken/ hat seit

vergangenen Zeiten/ sich nichts verändert:/

An die Perlenvorhänge, die du

kennst,/ denkst du gerne an Sie zurück? P.

Weber-Schäfer, Ono no Komachi, Gestalt

und Legende im Nô-Spiel, Wiesbaden

1960, S. 36-38 ). Den damaligen Gepflogenheiten

entsprechend antwortete Komachi

mit einem Gegengedicht, wobei sie nur

eine Silbe austauschte (das interrogative ya

gegen das affirmative zo in der letzten Zeile).

Diese Episode, die wegen der papageienhaften

Rückantwort der Komachi Ômu

Komachi (Papagei Komachi) heißt, gehört

zu den Sieben Erscheinungsformen der

Komachi (Nana Komachi) und ist Thema

eines Nô-Dramas.

Abgeb. in: Cohen 1974, Tafel VII, Nr. 107

242

NYOSAN NO MIYA

Elfenbein

H. 3,9 cm

Sign.: Ryûchin

Edo/Tokyo, ca. 1860/1880

Die Katze Nyosan no Miyas der jungen

Frau des Prinzen Genji ist der Auslöser für

eine Liebesbeziehung zu Kashiwagi (Genji

monogatari, 34. Kapitel, „Wakana I“).

Meist wird sie im jûni hitoe-Gewand beim

Beobachten eines spielenden Kätzchens

dargestellt. Seitdem Katzen im 10. Jahrhundert

von Korea nach Japan eingeführt

wurden, waren sie die Lieblingstiere am

Kaiserhof. Damit ihr Zugang in die innersten

Palasträume auch rechtens war, wurde

73


Katzen der Titel des 5. Grades verliehen.

Sie waren somit die einzigen aristokratischen

Tiere.

243

AZUMAYA-BOOT

Buchsbaum

H. 3 cm; L. 4,7 cm

Sign.: Isshû tô jô Issen

Edo, 1. Hälfte 19. Jh.

Prinz Niou und seine Geliebte Ukifune

sitzen in einem Kahn, der im Schilf angelegt

hat. Das Ko-ji Hô-ten nennt die Szene

Azumaya fune (Azumaya-Boot), eine vor

allem in der Malerei häufige Illustration

des 51. Kapitels, „Ukifune“, des Genji monogatari.

244

SZENE AUS DER SHUTEN DÔJI-

LEGENDE

Holz

H. 3,9 cm

Sign.: Issen

Edo, 1. Hälfte 19. Jh.

Raikô (Minamoto no Yorimitsu, 944-1021)

und seine als yamabushi verkleideten Gefolgsleute

jagen auf Geheiß des Kaisers

Murakami den Dämon Shuten dôji, der die

Menschen überfällt und ihr Blut aussaugt.

Als sie die Landschaft durchstreifen, treffen

sie eine junge Frau, die an einem Flußufer

die blutverschmierte Kleidung ihrer

Eltern wäscht, die Opfer des Shuten dôji

geworden sind.

Shuten dôji ist eine der beliebtesten volkstümlichen

Erzählungen (otogizôshi) der

Muromachi-Zeit.

Abgeb. in: Werdelmann 1987, S. 476, Abb.

3 und Werdelmann 1989a, S. 46, Abb. 3

245

KUZUNOHA

Buchsbaum

H. 3,3 cm

Sign.: Masakazu

Nagoya, 1. Hälfte 19. Jh.

Die Fuchsfrau Kuzunoha war die Geliebte

des Abe no Yasuna. Aus dieser Verbindung

entsprang ein Sohn, den sie hier in

den Armen hält. Dieser, genannt Abe no

Seimei (919?-1005), wurde der berühmte

Hofastrologe und Wahrsager des Kaisers

Toba (reg. 1107-1123). Der Pinsel im Maul

ist Anspielung auf das Gedicht, das sie

schrieb, bevor sie Yasuna nach dreijährigem

Zusammenleben verließ. Die Geschichte

wird in der Legende Shinodatsuma

(Frau Shinoda) erzählt, die Grundlage

ist für ein jôruri und zahlreiche kabuki-Stücke

der Edo-Zeit.

246

ARM DES DÄMONS IBARAKI

Zahn, Spinnen aus Horn später hinzugefügt

L. 6,3 cm

Sign.: Shûraku

1. Hälfte 19. Jh.

Neben dem ausgestreckten Arm eines Dämons

sitzt ein kleiner, weinender oni mit

Gebetsschnur.

Watanabe no Tsuna, ein Vasall des Minamoto

no Yorimitsu (944-1021), hat es sich

zur Aufgabe gemacht, auch den letzten

Dämon in Kyoto zu töten. Er legt sich am

Rashô-Tor in Kyoto auf die Lauer und

schlägt zu, als er eine ungewöhnliche Er-

74


scheinung bemerkt. Zurück bleibt der Arm

des Dämons Ibaraki.

Rashômon ist ein bekanntes otogizôshi aus

dem 15./16. Jahrhundert und ein berühmtes

Nô-Drama.

247

ENDÔ MORITO

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus gepreßtem, versilbertem Kupfer

mit Einlagen aus Gold; Kapsel aus Hirschhorn

Ø 4,7 cm

Mitte 19. Jh.

Endô Morito (1120-?) büßt den Mord an

seiner Geliebten Kesa gozen, indem er

Mönch wird, den Namen Mongaku shônin

annimmt und sich mit einer Glocke im

Mund unter dem Nachi-Wasserfall einem

Reinigungsritual (suigyô) unterzieht. Hier

erschien ihm Fudô Myôo und half ihm, die

Erleuchtung zu erlangen. Die Vorlage für

dieses Motiv ist im Ehon sakigaki (1836)

von Hokusai zu finden.

Abb. 15

Ehon sakigake, 1836, S. 24b/25a, Museum

für Ostasiatische Kunst Berlin

248

TADAMORI UND ABURA BÔZU

Elfenbein

H. 5,8 cm

Frühes 19. Jh.

Ein höfisch gekleideter Mann mit eboshi

ergreift einen fliehenden Mann mit Kanne.

Taira no Tadamori (1096-1153), der Begründer

des Taira-Clans, wurde vom Kaiser

Shirakawa (reg. 1072-1086) ausgeschickt,

um ein merkwürdiges, flackerndes

Licht zu untersuchen. Er erwischt dabei

einen greisen Tempeldiener mit einem

alten, großen Hut, einem Strohumhang

und einer Ölkanne. Das flackernde Licht

kam von seiner Fackel, die er gelegentlich

anblies. Dieser Mann ist in die Literatur als

Abura bôzu (Öl-Bonze), der das Öl der

Tempellaternen stiehlt, eingegangen.

249

USHIWAKAMARU

Pottwalzahn, Pupillen des Sôjôbô aus

schwarzem Horn

H. 8,1 cm

Mitte 19. Jh.

Ushiwakamaru war der Knabenname von

Minamoto no Yoshitsune (1159-1189). Mit

acht Jahren verschwand er plötzlich und

ließ sich vom tengu-König Sôjôbô auf dem

Kurama-Berg bei Kyoto in die Schwertkunst

unterweisen, über die er hier in einer

Schriftrolle liest. Auf der Rückseite kniet

ein karasu-tengu mit einem Schwert. Die

Zahnform des Netsuke stellt den Kurama-

Berg dar.

250

USHIWAKAMARU

Elfenbein, Endknöpfe der Rolle und Brauen

aus schwarzem Horn

Sign.: Don'yo

H. 3,4 cm; L. 3,8 cm

Osaka, Mitte 19. Jh.

Mit der Rechten hält der junge Mann eine

Schriftrolle hoch. Am Rücken befindet sich

ein Schwert in Tigerfellscheide.

Bei der Rolle handelt es sich sicherlich um

militärische Anweisungen. Daher kann es

sich hier sowohl um den jungen Yoshitsune

handeln, der von Sôjôbô unterrichtet

wurde, oder um Masatsura (1326-1348),

den Sohn des Feldherren Kusunoki

75


Masashige (1294-1336). Der Vater übergab

seinem jungen Sohn eine Niederschrift

seiner militärischen Erfahrungen in Sakai.

Die aus Blüten und Ranken bestehenden

Gewandmuster sind in der Art des Hidemasa

ausgeführt.

251

KITSUNE TADANOBU

Elfenbein

H. 3,5 cm

Sign.: Tomochika

Edo, Mitte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Brockhaus

Die Darstellung ist eine Anspielung auf die

Legende von Minamoto no Yoshitsune, der

seiner Geliebten Shizuka eine Trommel aus

Fuchshaut zum Abschied geschenkt hat.

Auf ihrer Reise soll sie von Yoshitsunes

Vassal Satô Tadanobu eskortiert werden.

Ein Fuchs aber nimmt die Gestalt des

Tadanobu an, um die Trommel zu stehlen,

da deren Bespannung aus der Haut seiner

Mutter stammt.

252

ONIWAKAMARU

Elfenbein

H. 3,2 cm

Sign.: Shizu

19. Jh.

Ehemalige Sammlung Cohen

Ein Knabe ringt mit einem riesigen Karpfen.

Es kann sich um Benkei, als Kind

Oniwakamaru genannt, handeln, der den

riesigen Karpfen des Koiike (Karpfen-

Teichs), der seine Mutter verschlungen hat,

versucht zu töten. Es könnte sich aber auch

um Kintoki handeln, der ebenfalls im

Kampf mit einem Karpfen dargestellt wird.

Wegen der mangelnden Attribute ist eine

eindeutige Identifizierung nicht möglich.

Wahrscheinlich handelt es sich hier aufgrund

des Sujets und der ansonsten unbekannten

Signatur um das nicht abgebildete

Stück Nr. 1140 aus der Sammlung Behrens.

Abgeb. in: Cohen 1974, Tafel X, Nr. 160;

Kunstpreisjahrbuch 1988, Bd. XLIII, Teil 2.,

München (1988), S. 765

253

BENKEI

Elfenbein

H. 3,1 cm

Sign.: Isshi

20. Jh.

Benkei, bis heute einer der beliebtesten

japanischen Helden des 12. Jahrhunderts,

hat es sich in den Kopf gesetzt, die Glocke

von Miidera, einem Tempel am Fuße des

Hieisan, den Berg hinaufzutragen, damit

ihr Klang dort die Bergpriester erfreuen

möge.

Benkei trägt eine Rüstung und um den

Kopf ein hachimaki, ein Schweißband, das

bei schweren Arbeiten angelegt wird.

Das Sujet tsurigane-Benkei (Benkei und die

Tempelglocke) ist auch eines der ältesten

Motive unter den ôtsu-e.

254

TAMANO NO MAE

Elfenbein

H. 5,7 cm

Sign.: Chôkôsai

Ca. 1850/1860

Hinter Tamamo no Mae, der Konkubine

des Kaisers Toba (reg. 1107-1123), und

einer hockenden Dienerin steht ein neunschwänziger

Fuchs. Der Legende nach ist

76


die Geliebte schuld an der schwachen Gesundheit

des Kaisers. Als sie einem Altar

näher tritt, um für die Gesundheit des Kaisers

zu beten, nimmt sie ihre wahre Gestalt,

die eines Fuchses, an.

255

ÔMORI HIKOSHICHI

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 7,2 cm

Aufschrift: Shûzan

19./20. Jh.

Ômori Hikoshichi, ein Lehensmann des

Ashikaga Takauji (1305-1358), nimmt im

Jahr 1336 an der Schlacht von Minatogawa

teil. Dort bittet ihn eine schöne Frau, sie

durch den Fluß zu tragen. Im Wasser jedoch

spiegelt sich das wahre Gesicht der

Dame. Als Hikoshichi das Gesicht der Hexe

erkennt, greift er zum Schwert.

256

ONCHI SAKON MITSUKAZU

Elfenbein

H. 5,8 cm

Sign.: Okatomo

Kyoto, ca. 1770/1780

Sakon, der Gefolgsmann des Kusunoki

Masashige (1294-1336) mit Schwert am

Rücken, hat sich als Affengaukler (sarumawashi)

verkleidet, um als Spion in die

Festung der feindlichen Ashikaga einzudringen.

Die Binsenmatte mit langen Kordeln

auf dem Kopf, wie sie auch von Jägern

getragen wird, ist ein häufiges Requisit von

Personen, die sich tarnen oder verstecken.

Das Netsuke ist eine ungewöhnliche und

für Okatomo seltene Figurendarstellung.

257

OGURI HANGAN

Elfenbein, Pupillen des Pferdes aus Horn

H. 4,2 cm

Ca. 1840/1850

Der für seine Reiterkünste bekannt gewordene

Oguri Hangan Sukeshige (1398-1464)

steigt mit seinem Pferd Onikage auf ein

kleines go-Tischchen. Er ist der Sohn des

Oguri-daimyô in der Provinz Hitachi, der

von Ashikaga Mochiuji enteignet wurde.

Um Oguri Hangan ranken sich zahlreiche

Legenden, die im Oguri monogatari geschildert

werden und auch Thema von

Holzschnitten sind.

258

KIYOMORI

Manjû-Netsuke

Gepreßtes Horn

H. 4 cm; B. 4,4 cm

19. Jh.

Taira no Kiyomori (1118-1181), der Sohn

des Tadamori, versucht vom Dach eines

Tempels aus, mit einem Fächer den Lauf

der Sonne anzuhalten, damit die Arbeit am

Itsukushima-Schrein, die zu einem bestimmten

Zeitpunkt beendet sein muß, bei

Tageslicht weitergeführt werden kann.

Entsprechend der seriellen Fertigung dieser

Netsuke aus gepreßtem Horn befinden

sich identische Stücke u.a. in der ehemaligen

Sammlung Leclercq und in der Sammlung

Baur (C 345).

259

ARIÔMARU

Buchsbaum

H. 5,5 cm

Sign.: Gyokuzan

2. Hälfte 19. Jh.

77


Ein nur mit einem Lendentuch bekleideter

Mann versucht, einen riesigen Kraken an

dessen zwei Fangarmen niederzudrücken.

Es handelt sich wohl um Ariômaru, der

Diener des Priesters Shunkan (1142-1178)

des Hoshô-Tempels, der wegen einer Verschwörung

gegen Taira no Kiyomori 1177

auf die Insel Kikaigashima verbannt wurde.

Ariômaru bändigt den Kraken, der seinen

Herrn angegriffen hat.

260

FIGUR AUF EINEM RÜSTUNGSTEIL

Buchsbaum, Pupillen aus braunem Horn

H. 4 cm

Frühes 19. Jh.

Die in eine Kutte gehüllte Gestalt sitzt auf

dem Schenkelschutz (sode) einer japanischen

Rüstung. Die gravierten Gewandmuster

basieren auf dem vereinfachten

Schema des shibori-Musters. Das Thema

ist nicht zu identifizieren.

Bei einem losen Rüstungsteil drängt sich

der Gedanke an den Kampf, bei dem Asahina

Saburô dem Soga no Gorô ein Rüstungsteil

entriß, auf.

Abgeb. in: Netsuke, ojime & Masatoshi's

Kabuki, Sagemonoya, Tokyo o.J., S. 21,

Kat.-Nr. 48 (hier als Yoshitsune identifiziert)

261

KAMAKURA KAGEMASA UND MIU-

RA TAMETSUGU

Manjû-Netsuke

Walroßzahn

Ø 5,1 cm

Ca. 1865

Ein Samurai mit Hofhut (kanmuri) und

Schulterschutz (sode) tritt auf die Helle-

barde eines am Boden liegenden, behelmten

Kriegers, der die Waffe mit beiden

Händen festhält. Am Boden liegt ein Bogen,

auf der Rückseite ist ein gebrochener

Pfeil zu sehen.

Ein sehr ähnliches Motiv ist im Banbutsu

zukai Isai gashiki (Sammlung von Zehntausend

Dingen: Isais Bilderalbum) illustriert,

womit die Identifizierung der beiden

Figuren möglich wird. Die Darstellung

bezieht sich auf eine Begebenheit während

des dreijährigen Krieges zwischen Minamoto

Yoshiie (1041-1108) und dem Kiyowara-Clan.

In der Schlacht von Kanazawa

im Jahr 1087 wurde Kamakura Gongorô

Kagemasa von einem Pfeil ins linke Auge

getroffen. Trotz der Verwundung tötete er

Tourinoumi Yasaburô. Als Miura Tametsugu

später den Pfeil aus Kagemasas

Auge zog, trat er auf seinen Körper, um

sich abzustemmen, beleidigte aber damit

den verletzten Samurai zutiefst. Das

Netsuke zeigt Kamakura Kagemasa mit

geschlossenen Augen am Boden liegend

und Tametsugu, der auf die Hellebarde

tritt und den Pfeil wegwirft.

Abb. 16

Banbutsu zukai Isai gashiki, Vorwort datiert

1864, Bd. 1, S. 11b, Sammlung Pulverer

262

EGUCHI NO KIMI

Buchsbaum, die Figur aus Elfenbein wahrscheinlich

später

H. 3,6 cm

19. Jh.

Die Kurtisane Eguchi no Kimi gilt als eine

Inkarnation des Fugen bosatsu. Einer

Überlieferung nach soll Saigyô hôshi

(1118-1189) sie, um ein „Obdach für einen

78


Augenblick“ gebeten und dieses erhalten

haben. Einer anderen Quelle nach ist

Shoku shônin nach Eguchi gefahren, um

dort entsprechend der Weisung eines

Traums dem Bodhisattva zu begegnen.

Dort sieht er Eguchi no Kimi, die sich,

immer wenn er die Augen schließt, als Fugen

präsentiert.

263

KIYOHIME

Buchsbaum

H. 3,9 cm

Sign.: Masakazu

Nagoya, 1. Hälfte 19. Jh.

Aus Verzweiflung über ihre nicht erwiderte

Liebe zu dem Mönch Anchin verfolgt

Kiyohime diesen in den Dôjô-Tempel. Als

sie entdeckt, daß Anchin sich unter einer

Glocke versteckt hat, verwandelt sie sich in

die Hexe Hannya und windet ihren Drachenkörper

um deren Wandung. Mit einem

T-förmigen Stab schlägt sie die Glocke

solange, bis die Flammen, die aus ihrem

Körper strömen, die Glocke schmelzen.

Kiyohiome und Anchin verbrennen.

Die Legende von Kiyohime ist Thema des

berühmten Nô-Dramas Dôjôji.

Die Wandung der Glocke ist in typischer

Nagoya-Manier in sehr feinem Relief mit

Regendrachen (amaryû) dekoriert.

264

YÔRÔ NO TAKI

Elfenbein

H. 4,2 cm

Sign.: Masanao

Osaka, 1. Hälfte 19. Jh.

Der lachende Reisigsammler mit einer Sichel

an seinem Gürtel und einem übergroßen

Flaschenkürbis sitzt auf einem Bündel

von Eichenzweigen, über denen ein Tuch

liegt.

Das Motiv illustriert die Legende des Yôrô-

Wasserfalls (Yôrô no taki). Als Kosagi seinen

Vater nicht mehr mit Sake versorgen

konnte, füllte er eines Tages seinen Flaschenkürbis

mit Wasser des Yôrô-

Wasserfalls, welches die Götter aus Mitleid

mit Kosagi in Sake verwandelten. Der

Wasserfall wurde daraufhin Yôrô genannt,

was als „Nahrungsmittel für das Alter“

übersetzt werden kann.

Die Geschichte von Kosagi wird im

Jikkinshô (Übersicht über die zehn Belehrungen),

einer Anthologie von etwa 280

didaktischen Erzählungen über Vorbilder

kindlicher Hingebung, die 1252 vollendet

wurde, erzählt. Die Geschichte wurde später

in dem Nô-Stück Yôrô verarbeitet.

Der Gesichtsausdruck, insbesondere die

Augen, die breite Nase und der lachende

Mund sowie die Gravierung der Kleidermuster

sind typisch für die Netsuke von

Hidemasa.

265

WASÔBYÔE

Elfenbein

H. 7,1 cm

Spätes 18. Jh.

Auf den Schultern eines chinesischen Eremiten

mit Blattumhang steht ein kleiner

Chinese mit einem nicht zu identifizierenden

Gegenstand (Dose, Schriftrolle oder

Stoffballen).

Aufgrund der Größenunterschiede der

beiden Personen könnte es sich um eine

Episode aus der Erzählung vom Typ kibyôshi

über Shikaiya Wasôbyôe handeln.

Der japanische Sinologe und Händler aus

Nagasaki, der auf seinen abenteuerlichen

Reisen das Land der Riesen erreicht hat,

79


steht auf der Schulter des Riesen Kochi

und belehrt ihn aus einer Schriftrolle über

das Land, aus dem er kommt.

Ein Netsuke in der ehemaligen Sammlung

Carré zeigt einen kleinen, bärtigen Chinesen,

der auf dem Kopf eines riesigen sennin

sitzt. Im Katalog wurde vermutet, daß es

sich um Wasôbyôe und den Riesen Kochi

aus der gleichnamigen Erzählung

Wasôbyôe aus dem Jahr 1774 handelt.

Doch der Stil des Carré-Netsuke spricht

für eine frühere Datierung als das Erscheinungsjahr

der Erzählung, womit diese

Identifizierung anzuzweifeln ist (Eskenazi

1993, S. 76, Nr. 63).

266

ISHIKAWA GOEMON

Elfenbein

H. 4 cm

Ca. 1820/1840

Der in hakama und kariginu gekleidete

Mann schultert ein Schwert, von dem ein

Wasserkessel (kama) hängt.

Wahrscheinlich handelt es sich um Ishikawa

Goemon aus dem späten 16. Jahrhundert,

der aus einer Vasallen-Familie

stammt, die dem Miyoshi-Clan unterstand.

Als 16jähriger brach er in das Schatzhaus

seines Herren ein, tötete drei Männer und

stahl ein goldenes Schwert. Er wurde gefaßt

und zum Tode durch Verbrühen verurteilt.

Vor seinem Tode schrieb er ein

später berühmt gewordenes Gedicht. Die

Legende von Goemon wurde zum Thema

von jôruri-Balladen und kabuki-Stücken.

Die Strafe wurde kamaire (in den Kessel

stecken) genannt. Der Kessel hier ist eine

Anspielung auf seine Strafe. Die moralisierende

Bedeutung dieses Netsuke ist unverkennbar.

Abgeb. in: NKSJ, Bd. 13, Nr. 2 (Sommer

1993), S. 7-8

267

HELD MIT OCHSEN

Elfenbein

H. 3,7 cm

Sign.: Minkoku

20. Jh.

Ein Mann mit abgestreiftem Obergewand

drückt einen Ochsen an seinen Hörnern

nieder.

Die Darstellung könnte eine Anspielung

sein auf die Schlacht von Kurikara am Berg

Tonamai. Hier besiegte Minamoto no

Yoshinaka (1154-1184) im Jahr 1183 mit

Hilfe einer Ochsenherde seinen Kontrahenten

Taira no Koremori.

Eine andere Identifizierung könnte aufgrund

einer Darstellung in der Holzschnittserie

Hochô Suikoden gôyû happyakunin

no hitori (Achthundert Suikoden-Helden

unseres Landes) von Utagawa

Kuniyoshi, herausgegeben 1830 bis

1836, erfolgen. Hier wird Inuda Kobungo

Yasunori mit einem riesigen Bullen ringend

während des heute nicht mehr existenten

Stierkampf-Festes in Nijû Koshigôri

in der Provinz Echigo dargestellt.

268

JIRAYA

Buchsbaum

H. 3,3 cm

Sign.: Masatami tô (rot eingefärbt)

Nagoya, ca. 1850/1890

Das Motiv läßt sich sowohl als Jiraya als

auch als Saginoike Heikurô deuten.

Der Bandit und „japanische Robin Hood“

Ogata Shuma Hiroyuki, später bekannt als

Jiraya, zählt zu den 108 Helden des Honchô

80


Suikoden von 1773, der japanischen Version

des chinesischen Romans Shuihu zhuan

(vgl. S. 43). Er ist auch Protagonist der Erzählung

Jiraya setsuwa (Erzählung von

Jiraya) (1803) von Kanwatei Onitake.

Jiraya hatte im Auftrag des Krötengeistes

die Armen und Schwachen zu beschützen

und hierfür dessen magische Kräfte erhalten.

Aber Jiraya hatte keine Macht über die

Schlange. Im Laufe der Zeit lernte er ein

Mädchen kennen, das vom Schneckengeist,

dessen magische Kräfte größer waren als

die der Schlange, unterrichtet worden war.

Das Mädchen gab ihr Wissen an Jiraya

weiter und so gelang es ihm, zunächst

Orochimaru, den Sohn der Schlange, und

schließlich den Schlangengeist selbst zu

bezwingen.

Unter den 108 japanischen Helden der

Holzschnittserie Honchô Suikoden gôyû

happyakunin no hitori (Achthundert Suikoden-Helden

unseres Landes) befindet

sich Saginoike Heikurô, ein Vasall des Kusunoki-Clans,

der dargestellt wird, wie er

mit einer riesigen Schlage am Hazama-See

in Tondabayashi in der Provinz Kawachi

kämpft. Kuniyoshi stellt ihn in seiner berühmten

Holzschnittserie als muskulösen

Helden dar, um den sich eine Schlange

windet. Saginoike packt deren Maul an

Ober- und Unterkiefer und versucht so,

das Maul entzwei zu reißen.

269

ÔANAMUCHI NO MIKOTO

Elfenbein, Augen des Vogels aus schwarzem

Glas

H. 4,2 cm

Sign.: Kimitada

2. Hälfte 19. Jh.

Die Identifizierung dieses seltenen Motivs

basiert auf einem Holzschnitt von Utagawa

Kuniyoshi aus der Serie Honchô Suikoden

gôyû happyakunin no hitori (Achthundert

Suikoden-Helden unseres Landes) herausgegeben

zwischen 1830 und 1836. Der

Held tötet einen riesigen Adler, der die

Schiffe vor den Küsten Japans attackierte.

270

HELD

Elfenbein

H. 5,3 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Die Figur gehört sicherlich in die Gruppe

jener Protagonisten, die in der japanischen

Version des Suikoden erscheinen und von

den Holzschnittmeistern dargestellt wurden.

Unter diesen gibt es Kashiwade no

Omi Hadesu, der den koreanischen Tiger

tötet, der seine Tochter verschlungen hat

(vgl. Kat.-Nr. 239).

271

TSURIKITSUNE

Elfenbein

H. 6,2 cm

Frühes 19. Jh.

Hinter dem schlafenden Bauer mit einer

Fuchsfalle, in der eine Ratte steckt, erscheint

ein hämisch grinsender Fuchs im

Priestergewand. Dies ist eine sehr erzählerische

Illustration des kyôgen-Stückes Tsurikitsune

(Die Fuchsfalle). Der Fuchs mit

über seinen Kopf gezogener Kapuze und

Wanderstab erscheint dem Jäger als Priester

Hyakuzôsu und warnt ihn davor, Füchse

zu fangen, da diese sich in Menschen

verwandeln und sich dann an ihren Verfolgern

rächen.

In der Regel wird der Fuchs alleine dargestellt.

81


272

FUCHS ALS HYAKUZÔSU

Elfenbein

H. 5,2 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Der Fuchs, der sich in den Priester Hyakuzôsu

verwandelt hat, ist in typischem Gewand

und mit Bambusstock dargestellt.

273

FUCHS ALS HYAKUZÔSU

Buchsbaum und Elfenbein

H. 6 cm

19. Jh.

In dieser seltenen Darstellung aus Holz

schaut nur der Kopf aus der Mönchskutte

hervor.

274

SHITAKIRI SUZUME

Elfenbein

H. 2 cm; L. 3,3 cm

Sign.: Naoaki

Spätes 19. Jh.

In dem Märchen Shitakiri suzume (Der

Spatz mit der abgeschnittenen Zunge)

spaltet die böse Nachbarin Arababa mit

einer Schere die Zunge des Spatzen Bidori,

weil er von der zum Trocknen hingestellten

Stärkepaste genascht hat. In Anlehnung

an diese Erzählung wird hier ein alter

Mann mit Schere auf einem überdimensional

großen Spatz dargestellt.

275

SHITAKIRI SUZUME

Elfenbein

H. 3,9 cm

Sign.: Rakumin

Tokyo, ca. 1870/1890

Die böse Arababa wurde von dem Spatz,

dem sie die Zunge gespalten hat, vor die

Wahl gestellt, sich einen von zwei Körben

auszusuchen. Sie wählte den größeren und

schwereren. Bereits auf dem Nachhauseweg

öffnet sie neugierig den Korb. Es trat

eine Gruppe von Geistern hervor, hier dargestellt

durch das dreiäugige Gespenst Mitsume

Kozô, ein einäugiges Kind und einen

einhörnigen oni.

276

MOMOTARÔ UND SEINE FREUNDE

Manjû-Netsuke

Elfenbein, Einlagen aus Horn und Perlmutter

sowie Lack

H. 3,8 cm; L. 2,5 cm

Sign. auf Perlmutterplättchen: Shibayama

saku

Edo/Tokyo, 2. Hälfte 19. Jh.

Auf der Schauseite dieses pfirsichkernförmigen

manjû sind in reliefierter Einlage

ein Affe und ein Fasan, auf der Rückseite

ein Hund aus Perlmutter zu sehen. Innen

ist ein Knabe in hellem Elfenbein dargestellt,

dessen vor der Brust zusammengelegte

Hände die Öse für die Schnurführung

bilden. In der anderen Kernhälfte sind ein

Schwert und ein Fächer mit Pfirsichzweig

in Gold eingefärbter Gravur zu sehen. Das

manjû ist sehr ungewöhnlich und stellt

Momotarô (wörtlich: Pfirsichknabe) und

seine Freunde aus der Tierwelt dar.

277

HANASAKA JIJII

Elfenbein

H. 3,8 cm

Sign.: Kinsai

Edo, ca. 1840/1860

82


Der arme Bauer aus dem Märchen vom

alten Mann, der abgestorbene Bäume zum

Blühen bringen kann (Hanasaka Jijii), wird

von seinem Hund Shiro zu einer Stelle geführt,

wo er einen Schatz findet. Die Standfläche

wird durch Goldmünzen (koban)

gebildet. Auf der Unterseite ist eine von

ihnen Tenpô-tsuhô (tsuhô aus der Ära

Tenpo, 1830-1844) beschriftet, während

auf einer anderen die Schriftzeichen tôhyaku

(genau einhundert) und das kaô des

Schatzmeisters Tadakuni (Davey 1974, S.

115) zu erkennen sind.

278

HANASAKA JIJII

Elfenbein

H. 4,2 cm

Sign.: Ryûraku

Edo/Tokyo, Mitte/2. Hälfte 19. Jh.

Dargestellt ist das letzte Kapitel des Märchens

Hanasaka Jijii. Der Alte sitzt auf

dem Stumpf eines Pflaumenbaums, während

er aus einem Korb die Asche des gefällten

Baumes verstreut, um ihn wieder

zum austreiben zu bringen. Wegen dieser

wunderbaren Fähigkeit, verdorrte Bäume

zum Blühen zu bringen, wurde Jijii berühmt.

Er reiste durch ganz Japan und erhielt

Geschenke, die ihm von seinen Nachbarn

geneidet wurden.

Darstellungen des Hanasaka Jijii wurden

meist in Holz und noch häufiger aus gepreßtem

und farbig lackiertem Horn gefertigt.

KINTARÔ

Über ihn gibt es zahlreiche Legenden.

Einer Überlieferung nach war Kintarô

(wörtlich: Gold-Knabe) der Jugendname

von Sakata Kaidômaru, Sohn des Sakata

Kurando, einem Leibwächter des Kaisers

Suzaku (reg. 923-952) und seiner Gelieb-

ten Yaegiri. Nach dessen Selbstmord und

Beerdigung geht Yaegiri in die Ashigara-

Berge, gebärt dort ihren Sohn und verläßt

ihn. Das Kind wird von Yamauba

(wörtlich: Berg-Amme, oder Alte Frau

der Berge), einer Genien-Frau, die in der

Wildnis lebt, gefunden und großgezogen.

Kintarô besaß ungewöhnliche physische

Stärke, kämpfte mit den Tieren des Waldes

und machte sie zu seinen Freunden.

Mit einer Axt, die zu seinem Attribut

wurde, fällte er Bäume, um für seine

Ziehmutter Brennholz zu schlagen. Als

Minamoto Yorimitsu (944-1021) mit

seinen Gefolgsleuten jagend durch die

Ashigara-Wälder zog, entdeckte er

Kintarô, erkennt sein Potential zum

Krieger und nimmt ihn in seinen Dienst

auf. Er verlieh ihm den Namen Kintoki.

Kintarô wird als feister fünf- bis

sechsjähriger Knabe, oft nackt, mit roter

oder pink-farbener Haut und buschigem

Haarschopf in Begleitung seiner Freunde,

dem Bär, Hasen und Affen, dargestellt.

Er gilt als Inbegriff von Stärke, Unverdorbenheit

und Gesundheit und ist

daher bis heute Vorbild und Idol der japanischen

Knaben.

279

KINTARÔ UND AFFE

Elfenbein

H. 3,4 cm

Sign.: Nobuyoshi

19. Jh.

280

KINTARÔ UND YAMAUBA

Elfenbein

H. 3,8 cm; L. 3,8 cm

Sign.: Gyokuhôsai

Edo/Tokyo, ca. 1850/1870

83


Kintarô kauert über der Klinge seiner Axt,

den Kopf auf das Knie seiner Mutter gelegt,

die ihm eine runde Stelle auf dem

Kopf rasiert. Im Hintergrund ist ein Hase

zu erkennen, der einen Schiedsrichterstab

hält.

281

KINTARÔ UND YAMAUBA

Manjû-Netsuke

Elfenbein

Ø 4,2 cm

Sign.: Kikugawa

Edo, ca. 1840/1870

Die Bergfrau stillt den kräftigen Knaben.

Dahinter ist eine Spielzeug-Trommel (batabata)

mit einem in Koralle eingelegten

Klopfer (an den originalen Stücken aus

einer Bohne bestehend) dargestellt. Auf der

Rückseite erscheinen eine Taube, Bambus

(?) und ein Schmetterling.

Der Dekor dieses manjû ist in versenktem

Relief ausgeführt, wie es für die Kikugawa-

Schnitzer typisch ist .

282

SANJIN

Elfenbein

H. 3,3 cm

Sign.: Yukimasa

Gifu, ca. 1970

In einer Sake-Schale sitzen die drei Repräsentaten

der Langlebigkeit: Urashima Tarô

mit einem geschlossenen Kasten und einer

Schildkröte (minogame), der Krieger Miura

no Ôsuke mit einem Fächer und der chinesische

Unsterbliche Tôbôsaku mit einem

Pfirsich.

Dieses Motiv ist im Takarabukuro (Nr.

160) von 1837 erwähnt. Die ausnahmsweise

ausführliche Beschreibung trifft in vielen

Punkten auf das vorliegende Netsuke zu.

Möglicherweise kopierte Yukimasa hier ein

altes Netsuke des Ôhara Mitsuhiro.

283

BUNBUKU CHAGAMA

Narwalzahn, Deckel aus Kirschholz

H. 2,5 cm; Ø 2,1 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Das Märchen Bunbuku chagama (Der verzauberte

Teekessel) erzählt von dem

chagama (Wasserkessel), der sich in einen

tanuki verwandelt. Ein Priester verkaufte

einem Kesselflicker den chagama. Als dieser

die magischen Kräfte des Kessels entdeckt,

zieht er durchs Land und verdient

viel Geld. Die Wandung des chagama ist

als Körper des tanuki gestaltet.

284

BUNBUKU CHAGAMA

Buchsbaum

H. 3,7 cm

19. Jh.

Ehemalige Sammlungen Krail, Franckel

und Franz Weber

Diese Darstellung zeigt eine ungewöhnliche

Interpretation des Märchens Bunbuku

chagama. Die Gestalt des Tieres ist bereits

vollständig zu erkennen. Auf dem Rücken

befindet sich der Wasserkessel mit gewölbtem

Deckel. Das Gewicht des eisernen Kessels

scheint das Tier niederzudrücken.

Abgeb. in: Netsuke, Bd. 1 (1960), Nr. 8, S. 6

285

UBUME

Buchsbaum

H. 5,6 cm

Sign.: Deme Uman

2. Hälfte 18. Jh.

84


Ehemalige Sammlungen Behrens und

Brockhaus

Die alte Frau aus der Unterwelt, Ubume,

mit Fangzähnen, Hörnern und Klauenhänden,

ist der Geist einer Frau, die im

Kindbett gestorben ist. Sie erscheint Passanten,

denen sie ihr Kind überläßt. Dieses

wird in deren Armen immer schwerer, bis

es als Stein zu Boden fällt.

Abgeb. in: Joly 1912, Tafel LIV, Nr. 4263

286

GESPENST

Buchsbaum, Pupillen des Kindes aus Horn

H. 5,3 cm

Sign.: Yôsui

19. Jh.

Das fußlose Gespenst stellt eine Mutter

dar, die ihr einäugiges Kind aus dem Höllenfeuer

trägt. Die Darstellung ist eine Parabel

dafür, daß Mutterschaft immer gleich

ist, ob auf Erden oder in der Hölle.

287

GESPENST

Holz, Augen aus weißem Material

H. 8 cm

20. Jh.

Die körperlose Gestalt ist schraubenförmig

gedreht. Aus der Kutte schaut ein schreckliches,

zerfurchtes Gesicht.

288

GESPENST DER O IWA

Elfenbein

H. 4,6 cm

Sign.: Ryugi

Spätes 19. Jh.

O Iwa ist das Thema des berühmten kabuki-Dramas

Yotsuya kaidan (Die Yotsuya-

Geistergeschichte), 1825 im Nakamuraza

in Edo erstmalig aufgeführt. Tamiya Iemon,

der seine Frau ermordete, um die

Tochter eines reichen Nachbars zu heiraten,

wird vom Geist seiner Frau verfolgt.

Überall erscheint ihm ihr von Flammen

umlodertes Gesicht, so auch in einer Laterne,

deren Papier von den Flammen verzehrt

wird. Auf der Laterne bzw. über der

Stirn steht das Sanskrit-Zeichen (bonji) für

Tod geschrieben. Auf der Rückseite stehen

in der ersten Zeile die buddhistische Anrufung

„Nanmu Amida butsu“ und in einer

zweiten Zeile die Schriftzeichen zokumyô

Iwa jo (Laienname Frau Iwa).

Das Thema wurde oft von Holzschnittmeistern

illustriert. Die berühmteste Darstellung

ist die des Hokusai in der Serie

Hyaku monagatari (Hundert Geistergeschichten,

ca. 1831). Die Darstellung dieser

Laterne und der Schriftzug sind eine ziemlich

genaue Kopie nach der Holzschnittvorlage.

Dieses Motiv wurde wohl erstmals von

Ôhara Mitsuhiro in der Mitte des 19. Jahrhunderts

(Lazarick 1982, S. 779) und Akitoshi

(spätes 19. Jh.) (Lazarnick 1982, S.

779) geschnitzt.

Abb. 17: Katsushika Hokusai (1760-1849),

Das Gespenst von O Iwa, Blatt aus der Serie

Hyaku monogatari, chûban, ca. 1831.

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg,

Inv.-Nr. I.E. 1900.36

85


Stände und Berufe

Die Gesellschaft der Edo-Zeit war seit

dem Ende des 16. Jahrhunderts entsprechend

der chinesischen, konfuzianischen

Klassenordnung in vier Stände

(shinôkôshô) unterteilt: Krieger, Bauern,

Handwerker und Kaufleute. Aus der

Kriegerklasse (Samurai-Klasse) rekrutierten

sich Ärzte, Gelehrte, Wissenschaftler

und Teemeister.

Die nächstbedeutende Klasse

stellten die Bauern dar, zu denen auch

die Fischer zählten, da sie für den Unterhalt

des Hof- und Schwertadels arbeiteten.

Sie wurden als heimin (gewöhnliche

Leute) eingestuft. Die Bauern, oft mit

Sichel oder Spaten dargestellt, wurden

gerne beim Schlafen oder Pfeife rauchend

beim Rasten gezeigt. Die Fischer waren

an ihrem typischen Bastrock bzw. Lendenschurz

erkennbar.

Handwerker (shokunin) und

Kaufleute (shônin) bildeten die Gruppe

der chônin, der Städter. Sie waren es, die

Netsuke trugen, und daher lag es nahe,

daß Themen aus ihrem Alltag unter den

Netsuke einen breiten Raum einnahmen.

Unter den Handwerker-Netsuke befinden

sich Hersteller von Mühlsteinen, Sandalen,

Hüten, Statuen, Fächern, Masken

und vielem mehr. Darstellungen von

Kaufleuten hingegen sind bei weitem

seltener.

Sehr beliebt waren die Darstellungen

von Berufen, die sich für eine

humoristische und groteske Interpretation

eigneten. Bei den Blinden, die häufig

als Masseure arbeiteten, haben die körperlichen

Verrenkungen und die verzerrten

Gesichter die Schnitzer seit ca. 1800

besonders angeregt. Blinde wurden gerne

in Situationen dargestellt, die beim Betrachter

Schadenfreude hervorriefen,

ebenso wie die Rattenfänger. Ein ungewöhnlicher

Beruf war der des Eierprüfers,

der die Schalen auf ihre Unversehrtheit

hin begutachtete und angeblich die

Frische der Eier anhand ihrer Durchsichtigkeit

feststellen konnte. Den absurdesten

Beruf übte jedoch der professionelle

Nieser aus.

Blinde, Rattenfänger, Eierprüfer

und Niesende wurden bevorzugt von den

Schnitzern in Edo gefertigt. Miwa scheint

diese Tradition gegründet zu haben, Jugyoku

und Ryûkei setzten sie fort.

Zu den Berufen sollen hier auch

die Tänzer und Unterhalter gezählt werden.

Unter den höfischen bugaku-

Tänzern waren unter den Netsuke Ranryôô

und Bato beliebt und bei den Nô-

Tänzern ist die Bühnengestalt des shôjô

besonders häufig. Auf dem Land gab es

Tänze und Pantomimen, die in Zusammenhang

mit dem Kreislauf der Natur,

der Aussaat, Ernte und dem Fruchtbarkeitskult

standen. Auch sie waren gelegentlich

ein Netsuke-Sujet. Das Hauptinteresse

der Netsuke-Schnitzer aber galt

den kadozuke geijin, Musikanten, Tänzern

und Unterhaltern, die durch die

Straßen zogen: der manzai-Tänzer mit

seinem begleitenden Trommler, die

shishimai-Tänzer, der Affengaukler (sarumawashi),

der Puppenspieler (ayatsuri),

der Akrobat und der Geschichtenerzähler

(kodanshi oder rakugoka).

289

BUGAKU-TÄNZER

Nadelholz, polychrom gefaßt

H. 7 cm

18. Jh.

86


Ehemalige Sammlung Wohlthat

Der Tänzer in der Rolle des Bato stellt einen

nord-chinesischen Barbaren dar, der

aus Freude darüber, den Tod seines Vaters

gerächt zu haben, tanzt. Er trägt eine

Kopfbedeckung, die der eines tibetischen

Lama gleicht, eine furchterregende Maske

und einen kurzen Stab.

290

SCHMETTERLINGSTÄNZERIN

Elfenbein, mit grünen und schwarzen Einlagen

an den Flügeln und Diadem

H. 4,2 cm

Spätes 19./frühes 20. Jh.

Die Tänzerin schlägt eine sanduhrförmige

Trommel (kotsuzumi). Am Rücken trägt

sie die großen Flügel eines Schmetterlings.

Das himotôshi verläuft unterhalb des kleineren

Flügelpaares.

Der Schmetterlingstanz (kochô no mai)

wurde bei Festlichkeiten von Kindern in

bunten Kostümen am japanischen Kaiserhof

aufgeführt. Erstmalig tanzte ihn angeblich

Pan Fei, eine berühmte chinesische

Tänzerin.

291

TÄNZERIN

Buchsbaum, polychrom gefaßt

H. 5,3 cm

Sign.: Shin'ichi

Mitte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung David

Die Tänzerin trägt einen hohen eboshi, ein

weißes Gewand, rote hakama und einen

Fächer. Es kann sich hier sowohl um den

shizukamai als auch um den shirabyôshi-

Tanz handeln. Im ersten wird Shizuka, die

Geliebte des Minamoto Yoshitsune, personifiziert,

die zum Klang einer Trommel

tanzt. Shirabyôshi hingegen ist ein Tanz,

aufgeführt von jungen Frauen, die von

Stadt zu Stadt und Burg zu Burg zogen. Im

Mittelalter waren es Schamanninen, später

hochgeschätzte Kurtisanen. Ihr Attribut

sind zwei Schwerter, die jedoch hier nicht

zu sehen sind.

Die Art wie das Holz farbig gefaßt ist, vor

allem die rosafarbenen Umrandungen der

Wolkenmuster und die feinen goldenen

Muster der roten Hosen gehören zum Dekorrepertoir

des Shûzan.

292

FUCHSTÄNZER

Buchsbaum

H. 4,1 cm

Mitte 19. Jh.

Ein Tänzer mit großer Fuchsmaske und

langen Haaren hält ein gefülltes Reismaß

(masu) und steigt über einen bäuchlings

liegenden Mann. Das Reismaß ist ein Hinweis

darauf, daß der Fuchs den Boten des

Reisgottes Inari personifiziert. Dieses

Thema könnte aus einem kyôgen stammen.


Das Nô ist Japans klassisches Drama, das

sich im 14. Jahrhundert aus einer Vielfalt

sakraler Rituale, Tänze und Unterhaltungsdarbietungen

entwickelte. Im Nô

treten nur männliche Schauspieler auf,

sie tragen Masken und prächtige Gewänder

und werden von einem Orchester und

Rezitatoren begleitet. Die Inhalte der

zahlreichen Stücke basieren zum Teil auf

allgemein bekannten Legenden. Darstellungen

von Nô-Schauspielern und -

Bühnenszenen waren in der Holzschnittkunst

in der Meiji-Zeit beliebt.

87


293

SANBASÔ-TÄNZER

Pottwahlzahn

H. 4,3 cm

Sign.: Jugyoku

Edo, Mitte 19. Jh.

Die Figur steht in tänzerischer Pose auf

einem Bein. Die Maske mit weißem Bart,

der Faltfächer mit Dekor des Fuji-Berges

und der Schellenbaum (suzu) mit beweglichen

Kugeln identifizieren den Tänzer als

sanbasô (wörtlich: dritter, alter Mann). Die

Kiefernschößlinge als Dekor des Gewandes

sind Hinweis auf Neujahr.

Der sanbasô tritt im okina-Spiel auf, das als

Einleitung zu einem vollständigen Nô-

Programm zu Neujahr oder anderen festlichen

Anlässen aufgeführt wird.

294

NÔ-TÄNZER

Buchsbaum

H. 4 cm

Mitte 19. Jh.

Der große Faltfächer, der Bewegung und

Gestik unterstreicht, ist das Standardrequisit

eines Nô-Tänzers. Die langen Haare

reichen am Rücken fast bis zum Boden.

295

NÔ-TÄNZER: SHÔJÔ

Buchsbaum und verschiedene Lacktechniken

H. 4,3 cm

Sign. in Schwarzlack: Issai

Wahrscheinlich Tokyo, ca. 1870/1900

Der Tänzer in der Hauptrolle des Shôjô in

dem gleichnamigen Nô-Stück ist an seinen

langen, roten Haaren und der roten Maske

zu erkennen. Die Pracht des Nô-Gewandes

mit Mustern von Phönix, Chrysanthemen,

Blütenmedaillons und Wellen wird in

sorgfältigem Goldstreulack wiedergegeben.

Der über den Kopf gehaltene Fächer ist

eine Ergänzung.

296

NÔ-TÄNZER: SHÔJÔ

Buchsbaum, die Socken aus Elfenbein

H. 4,5 cm

Sign. auf eingelassenem Perlmutterplättchen

mit Siegelschriftzeichen

2. Hälfte 19. Jh.

Der Schauspieler trägt eine jugendliche

Maske, eine Perücke mit langen, über

Schultern und Rücken fallenden Haaren

und einen geöffneten Faltfächer. Das Gewand

ist mit Chrysanthemen geschmückt,

die hakama mit einem für die Shôjô-Rolle

typischen Wellenmuster.

297

NÔ-TÄNZER: SHÔJÔ

Gepreßtes Horn, Lack, makie und kirikane

H. 4,2 cm

Spätes 19. Jh.

Rote Haarperücke und orangerote Maske

weisen den Tänzer als shôjô aus. Das stilisierte

Wellenmuster (seigaiha) auf seiner

Weste ist eine Anspielung auf den Wein.

In der Hand hält der Tänzer eine Schöpfkelle.

Die Figur wurde in ein Model gepreßt und

dick mit Lack überfangen. An einigen Stellen

sind an den Seiten feine Risse im Lack

Hinweis auf die Gußnaht darunter.

Manzai-Tänzer und saizô

Der manzai-Tänzer gehört seit alters her

zu den von Haus zu Haus ziehenden Neujahrsunterhaltern.

Er ist in höfische Ge-

88


wänder und Pumphosen gekleidet und

trägt entweder eine kleine Kappe oder

einen hohen eboshi sowie einen Fächer,

mit dem er das Glück herbeiwinkt bzw.

ins Haus fächert. Er führt den manzairaku

(Zehntausend Jahre-Wohlergehen)-

Tanz auf und singt freche Liedchen, die

von manzai-Rufen unterbrochen werden.

Dieser Begriff gab dem Tänzer seinen

Namen. Er wird von einem Trommler

(saizô) begleitet, der eine sanduhrförmige

Trommel (kotsuzumi) schlägt. Dieser

trägt ebenfalls höfische Kleidung mit

Mustern, die glückverheißende Embleme

des Neujahrs sind, und einen flachen

eboshi.

298

MANZAI-TÄNZER

Elfenbein

H. 3 cm

Sign.: Gyokuhôsai

Ca. 1850/1860

Der Tänzer, zu erkennen an seinem eboshi

und dem mit Kiefernschößlingen gemusterten

Gewand, ist hier sitzend dargestellt.

Auf dem Fächer ist das Motiv eines flammenden

Wunschjuwels (hôju oder tama)

graviert.

299

TROMMLER

Nilpferdzahn (?)

H. 3,4 cm

Sign: Sôtoku

Edo/Tokyo, 2. Hälfte 19. Jh.

Der kniende Trommler (saizô) schlägt eine

kotsuzumi. Der Dekor eines Kranichs mit

ausgebreiteten Schwingen auf seinem Rücken

ist Hinweis auf die Neujahrszeit. Das

kikkô (Schildkrötenpanzer)-Muster auf

dem Gewand deutet auf die Schildkröte,

Symbol des langen Lebens, und ist zusammen

mit dem Kranich eine Anspielung auf

das hôrai-Motiv.

300

TROMMLER

Elfenbein

H. 5,1 cm

Edo, Mitte 19. Jh.

Der Trommler mit Strohhut auf dem Rücken

schlägt die kotsuzumi mit zwei Schlegeln

und bewegt sich im Rhythmus der

Schläge.

Das Netsuke ist wegen der einfachen Kleidung

und des fehlenden eboshi eine atypische

Darstellung des saizô.

Abgeb. in: Jirka-Schmitz 1994b, S. 10

DER LÖWENTANZ

Der aus China eingeführte Löwentanz

(shishimai) gehört zu den beliebtesten

Straßentänzen in der Neujahrszeit, da

gemäß dem Aberglauben der Löwe die

Fähigkeit besitzt, das Böse zu erschrecken.

Ein Tänzer, der eine große, hölzerne

Löwenmaske mit beweglichem Unterkiefer

aufgesetzt hat, und ein zweiter

Mann, der unter dem großen Tuch das

Hinterteil des Tieres bildet, ziehen unter

abrupten, nach rechts und links hüpfenden

Bewegungen durch die Straßen. Sie

werden begleitet von Trommel- und Flötenmusik.

Auch gab es den Löwentänzer,

der sich selber auf der Trommel begleitete.

89


301

LÖWEN-TÄNZER

Elfenbein, Mundwinkel rot eingefärbt

H. 3,8 cm

Sign.: Hômin und kaô

Edo/Tokyo, ca. 1850/1880

Hinter einem Tänzer mit übergestülpter

shishi-Maske steht ein Kind, das unter dem

Maskentuch hervorschaut.

302

LÖWEN-TÄNZER MIT TROMMEL

Elfenbein, Noppen aus schwarzbraunem

Horn

H. 4,3 cm

Sign.: Masakazu

1. Hälfte 19. Jh.

Der stehende Mann mit großer Löwen-

Maske hat eine Trommel mit dreifachem

Komma (mitsutomoe)-Motiv auf der Bespannung

vor den Bauch gebunden, die er

mit beiden Händen schlägt. Das Tuch der

Maske hat er in der Art eines Schals um

den Hals geschlagen.

303

LÖWEN-TÄNZER

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus shibuichi mit farbigen Einlagen,

Kapsel aus Elfenbein

L. 5,7 cm

2. Hälfte 19. Jh.

In kräftigem, farbigem Relief ist ein Tänzer

mit Maske vor dem Gesicht dargestellt, der

auf dem Rücken eine große Maske für den

shishimai trägt. In der Rechten hält er einen

geschlossenen Faltfächer. Zwei Spitzen

eines Kiefernschößlings sind ein Hinweis

auf Neujahr. Auf der Unterseite befinden

sich das hiragana-Zeichen wa und das chi-

nesische Schriftzeichen san, für die es keine

Erklärung gibt.

304

LÖWEN-TÄNZER MIT TROMMEL

Buchsbaum, Augen aus Glas

H. 3,5 cm

Sign.: Shûzan und kaô

Edo, 1. Hälfte 19. Jh.

Im geöffneten Maul der shishi-Maske ist

das Gesicht eines Knaben zu sehen, der mit

zwei Schlegeln eine flache Trommel (shimedaiko)

schlägt. Das Maskentuch umhüllt

den ganzen Körper und gibt dem Stück

eine kompakte Form.

Shûzan hat dieses Thema häufiger gefertigt.

Eine technische Leistung bei diesem

Netsuke-Typus, der möglicherweise auf

Miwa zurückgeht, sind die aus Glas eingelegten

Augen des Kindes.

DER AFFENGAUKLER

Der Affengaukler (sarumawashi, wörtlich:

Affen-Dreher) gehörte zu den Straßenunterhaltern,

die in der Neujahrszeit

ihre Affen nach Art eines manzai- oder

sanbasô-Tänzers kleideten, um deren

Tänze von den Tieren nachahmen zu lassen.

Die Sitte, Affen zu dressieren und sie

zur Belustigung der Bevölkerung durch

die Straßen zu führen, ist erstmals für

das 8. Jahrhundert belegt. In späterer

Zeit war es den Affengauklern erlaubt, in

die Residenzen der Samurai zu gehen,

um dort die Pferde mit ihren Affen

wachzuhalten oder zu Neujahr die Affen

vor den Pferdeställen tanzen zu lassen. Es

heißt, Spione verkleideten sich als sarumawashi

und erhielten so Zugang in die

shogunalen und fürstlichen Residenzen.

90


Ein Grund für die Beliebtheit der sarumawashi-Darstellung

könnte auch sein,

daß die Affen-Vorführungen eine Möglichkeit

boten, mit einem Minimum an

Verkleidung Adel (kuge) und Samurai zu

parodieren.

305

SARUMAWASHI

Elfenbein

H. 7,2 cm

18. Jh.

Der sarumawashi steht in üblichem Habitus

mit steifer Kappe, vor den Bauch gebundenem

Futterkorb und um die Schultern

gebundenem furoshiki, auf dem ein

Äffchen sitzt. Das Stück mit sehr schöner

Patina läßt die dreieckige Segmentform,

die aus dem Stoßzahn geschnitten wurde,

gut erkennen.

306

SARUMAWASHI

Elfenbein

H. 2,8 cm; L. 4,7 cm

Spätes 18. Jh.

Dieses Modell eines sich ausruhenden Affengauklers

ist in großer Zahl hergestellt

worden. Hier sitzt das Äffchen auf dem

Bündel des Gauklers.

307

SARUMAWASHI

Elfenbein

H. 2,2 cm; L. 4,1 cm

Spätes 18. Jh.

Während der sarumawashi sich buchstäblich

aufs Ohr legt, macht sein munteres

Affenweibchen, denn nur diese konnten

dressiert werden, sich an seinem Korb zu

schaffen.

308

SARUMAWASHI

Elfenbein

H. 6,4 cm

Aufschrift: Tomotada

19. Jh.

Zwar ist dieser sarumawashi mit seinen

typischen Attributen wiedergegeben, doch

weicht er von den stereotypen Darstellungen

ab. Das Äffchen zieht sich an der ärmellosen

Weste hoch.

SUZUME ODORI

Der Spatzentanz war auf dem Land weit

verbreitet. Die Tänzer imitierten das nervöse

Hüpfen und die unberechenbaren

Bewegungen der Spatzen. Hierbei machten

sie allerlei komische Verrenkungen.

Diese inspirierten Hokusai dazu, sie in

seinem Werk Hokusai manga zu illustrieren.

Der Spatzentänzer ist unter den Netsuke

an seinem großen Hut und der kurzen

Jacke mit weiten Ärmeln, die die Flügel

des Vogels darstellen, zu erkennen.

309

SPATZENTÄNZER

Elfenbein

H. 7,3 cm

2. Hälfte 18. Jh.

Der Tänzer aus dem bäuerlichen Milieu

trägt einen großen Hut mit dickem Band,

eine Jacke mit hochgekrempelten Ärmeln

und kurzen Schurz mit Blütendekor.

Dieses Motiv wird, wohl auf Bushell zurückgehend,

auch als Lastenträger (kumo-

91


suke) bezeichnet. Da sie kein festes Zuhause

hatten, führten sie ein unkonventionelles

Leben und wurden daher oft in ausgelassener

Stimmung tanzend dargestellt

(Goodall 2003, S. 406).

310

SPATZENTÄNZER

Elfenbein

H. 6,4 cm

Frühes 19. Jh.

Der Tänzer steht mit zur Faust geballten

Händen, eine typische Geste, in beschwingter

Haltung auf einem Bein. Sein

Schurz ist mit einem großen shishi-Kopf

geschmückt. Den Rücken der Weste ziert

ein Wappen (mon) in der Art eines von

oben gesehenen, stilisierten Glücksspatzens

(fukura suzume). Dieser Dekor widerlegt

die obige Identifizierung als kumosuke.

311

SPATZENTÄNZER

Buchsbaum

H. 3 cm; L. 5,3 cm

19. Jh.

Der Spatzentänzer sitzt in Grätsche und

berührt mit seinen Händen die Fußspitzen.

Unter den 33 Darstellungen von Spatzentänzern

in Hokusai manga ist diese Haltung

nicht vertreten.

312

TANZENDER YAMABUSHI

Holz

H. 5,6 cm

Mitte 19. Jh.

Der yamabushi, nur in einen Bastschurz

gekleidet und mit einem hachimaki um

den Kopf, steht in tänzerischer Pose und

hält mit seiner Rechten die Spitze eines

shakujô (Mönchsstab) und in seiner Linken

einen geöffneten Faltfächer.

Nach den Frühjahrs- und Herbstexerzitien

kamen die yamabushi im tiefen Winter

von den Bergen herab in die Täler, wo sie

in den Ortschaften für ein Almosen Reinigungsrituale

vollzogen, in dem sie ihre

entblößten Oberkörper mit eiskaltem Wasser

überschütteten (kangori). Die Identifizierung

dieses Netsuke-Sujets basiert auf

dem Ehon otogi shina kagami, einem Buch

über Sitten und Bräuche in Osaka aus dem

Jahr 1730.

313

HARUGOMA-TÄNZER

Elfenbein

H. 7,1 cm

Frühes 19. Jh.

Einer der Tänze, die in der Neujahrszeit

stattfinden, war der harugoma (wörtlich:

Frühlingspferd). Der Straßenunterhalter

hält einen hölzernen Pferdekopf und wird

von taiko und shamisen-Musik begleitet.

Der Tanz wird auf dem Land sowie in den

Städten nach dem Daikoku-Tanz am 7.

Tag des neuen Jahres aufgeführt.

314

TÄNZER

Buchsbaum

H. 4,8 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Der Mann aus dem bäuerlichen Milieu

steht in tänzerischer Pose auf einem Bein.

Die Schultern sind hochgezogen, der Kopf

verschwindet fast ganz in dem V-förmigen

Ausschnitt seiner Jacke und die Hände

sind so tief in die Ärmel gesteckt, daß sie

nicht zu sehen sind.

92


Es ist nicht möglich, den Tanz zu identifizieren.

Die komische Körperhaltung, die

Haartracht und der kecke Knoten des Gürtels

am Rücken geben dem Stück seinen

besonderen Charme.

315

POSSENREIßER

Elfenbein

H. 7 cm

Frühes 19. Jh.

Wahrscheinlich ist hier ein Spaßmacher

und Possenreißer (taikomochi) dargestellt.

Die Rechte ist im weiten, langen Ärmel der

Jacke (haori) versteckt.

316

GESCHICHTENERZÄHLER ODER RE-

ZITATOR

Elfenbein

H. 4 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Der Geschichtenerzähler (kôdanshi) oder

Balladenrezitator (jôruri-tayû) liest aus

einem aufgeschlagenen Manuskript, wahrscheinlich

handelt es sich um eine der

zahlreichen historischen Romanzen oder

Tatsachenberichte. Unabdingbares Requisit

der Geschichtenerzähler ist der Fächer,

mit dem er gestikuliert und wichtige Szenen

untermalt.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 385, Abb. 15

317

PUPPENSPIELER

Holz, farbig bemalt

H. 5 cm

Sign.: Shûzan

Mitte/2. Hälfte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Der Mann mit typischer Kappe eines Straßenunterhalters

trägt einen großen, vor

den Bauch gebundenen Kasten mit

Stülpdeckel, der von einem roten Tuch

bedeckt wird, auf dem ein langes Tier mit

kleinen Ohren sitzt. Das Gewand zeigt die

für Shûzan typischen Wolkenmuster.

Dargestellt ist hier ein umherziehender

Puppenspieler (kairaishi). Diese führten

einen Kasten mit sich, der ihnen als Bühne

diente. In seinem Inneren befanden sich

die Marionetten. Ein dressiertes Wiesel,

das auf dem Kasten liegt, springt zu einem

bestimmten Zeitpunkt der musikalischen

Begleitung ins Publikum.

318

SEIFENBLÄSER

Elfenbein

H. 5,6 cm

Sign.: Seizan

Spätes 19. Jh.

Der Schausteller mit umgebundenem Seifenlaugebottich

erzeugt mit einem Strohhalm

Seifenblasen, von denen zwei auf

seinem Schirm gelandet sind. Auf dem

Schirm sind die Schriftzeichen marutama

(runde Juwelen) geschrieben.

Das okimono-hafte Stück ist gutes Beispiel

für eine späte, für den Export hergestellte

Arbeit.

319

KRANICHTÄNZER

Buchsbaum mit negoro-Lackfassung und

makie

H. 6 cm

Frühes 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Der Schausteller steht auf einem Bein. Er

beugt sich vor und hat seine Jacke (haori)

93


teilweise über den Kopf gezogen. Der so

umhüllte Körper bildet den Leib des Vogels.

Der linke Arm ist in der Art eines sich

reckenden Halses hoch gestreckt und der

mit Griff nach unten gehaltene Fächer

stellt den langen Schnabel dar.

Die Tänzer standen hinter einem beleuchteten

Papierstellschirm. So waren für die

Zuschauer nur die sich abzeichnenden

Schatten sichtbar.

Ein Kranichtänzer-Netsuke wird bereits in

der Aufstellung der vor 1818 zusammengetragenen

Netsuke-Sammlung von Matsura

Seizan (1760-1841), daimyô von Hirado,

erwähnt.

320

TÄNZER

Buchsbaum mit negoro-Lackfassung und

wenig Gold-makie

H. 5,1 cm

19. Jh.

Der Unterhalter (hôkan) ist in tänzerischer

Pose mit Faltfächer dargestellt. Er trägt

über dem langen Gewand (kosode) die

formelle Weste (kariginu). Durch die

Tanzbewegung ist die Kleidung von der

linken Schulter geglitten.

Wegen des kariginu und der eigentümlichen

Kopfform könnte es sich hier um

Fukusuke handeln. Dieses Motiv ist unter

den volkstümlichen negoro-Lack-Netsuke

sehr häufig.

321

GESCHICHTENERZÄHLER

Buchsbaum mit negoro-Lackfassung und

makie

H. 4,1 cm

19. Jh.

Bei dem Mann mit Faltfächer handelt es

sich möglicherweise um einen Geschichtenerzähler.

Das Netsuke ist ein typisches Beispiel für

die volkstümlichen negoro-Lack-Netsuke,

die in großer Zahl hergestellt wurden.

322

AKROBAT

Buchsbaum mit negoro-Lackfassung

H. 4,2 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Zu den zahlreichen Unterhaltern auf den

Straßen der Großstädte gehörten die Akrobaten.

Mit unglaublicher Gelenkigkeit

stellt dieser hier die Füße auf seinen Kopf.

323

KASHIMA NO KOTOBURE

Buchsbaum

H. 7,3 cm

Frühes 19. Jh.

Der Wahrsager (kotobure), ein seltenes

Thema, ist als Shinto-Priester gekleidet.

Der Stab mit anhängenden Papierstreifen

(gohei), der am Rücken in den Gürtel gesteckt

ist, symbolisiert den Gott Kashima

daimyôjin. Im Frühling zieht er von der

Provinz Hitachi aus durch das Land und

macht durch das Schlagen der Zimbeln auf

sich aufmerksam. Gegen eine kleine Gabe

macht er Voraussagungen.

DAS SUMÔ

Der Sumô genannte Ringkampf, der

noch heute rituelle Elemente aufweist,

hat seinen Ursprung in Japans Frühgeschichte.

Von Beginn an stand er in Verbindung

mit Fruchtbarkeitskulten und

rituellen Reinigungen, um eine gute Ern-

94


te zu erhalten. Im Mittelalter gab es eine

militärische Version des Sumô, das dem

körperlichen Training und der Unterhaltung

der Samurai diente.

Seine heutige Form, wozu auch

die von Reisballen eingezirkelte Arena

gehört, erhielt das Sumô in der frühen

Edo-Zeit. Der höchstrangige Sumô-

Ringer (sumôtori) wurde yokozuna genannt.

Sumô ist die einzige Form von

öffentlicher Unterhaltung, die der feudale

Adel besuchen durfte.

324

ZWEI SUMÔ-RINGER

Buchsbaum

H. 4,7 cm

Sign.: Ryômin

Edo, 19. Jh.

Der stehende Ringer (Matano no Gorô

Kagehisa) packt seinen Kontrahenten

(Kawazu no Saburô Sukeyasu) am Gürtel

(mawashi). Dieser legt seinen linken Arm

um den Kopf Matanos und schlingt beide

Füße um dessen Beine, womit er ihn zu

Fall bringen wird.

Bickford schreibt über den hier dargestellten

Ringkampf:

„By far the most celebrated military bout,

and the favorite of print artists, pitted Kawazu

against Matano in 1176 and was the

final, climactic bout in a sequence enacted

before Minamoto-no-Yoritomo following

the conclusion of a hunting party. The story

of how the reluctant Kawazu defeated

the bully Matano seems to have appealed

to the Japanese sympathy for the underdog.

[During the famous bout] Matanao

managed to get a firm grip on Kawazu's

belt. As Kawazu found himself lifted from

the ground, he employed an innovative

defensive tactic that came to be known as

the „Kawazu hold“: wrapping a foot

around Matano's leg and encircling his

neck with an arm, he prevented his powerful

opponent from throwing him down.

The strenous effort to break the unaccustomed

hold exhausted Matano, so that

Kawazu was finally able to floor him. ...

The kawazu hold was also enacted in many

of the Soga plays as mie – the climactic

moment of frozen action that is such an

imprtant feature of kabuki.“ (Lawrence

Bickford, Sumo and the Woodblock Print

Masters, Tokyo 1994, S. 64).

Abb. 18

Ehon shahobukuro, 1770 (Erstausgabe

1720), Bd. 3, S. 9b

325

ZWEI SUMÔ-RINGER

Elfenbein

Sign.: Tôun

H. 6,7 cm

Edo/Tokyo, 19. Jh.

Die Männlichkeit der beiden Ringer im

kawazu-Griff zeigt sich in der ausgiebigen

Behaarung beider Körper. Die Physiognomie

spiegelt die Anspannung des Kraftaktes

wieder.

326

DREI SUMÔ-RINGER

Buchsbaum

H. 4,5 cm

Sign.: ...sen (?)

Ca. 1830/1840

In der Mitte steht ein korpulenter Ringer,

auf dessen langer Brokat-Schürze

(keshômawashi) der Name Inazuma (Blitz)

steht. Die andern beiden tragen ebenfalls

Schürzen. Bei einem ist nur das zweite

95


Schriftzeichen shio zu erkennen. Diese langen

Schürzen werden nur bei der dohyôiri-Zeremonie,

der formellen Eintrittsparade

vor einem Kampf getragen.

Inazuma Raigorô (1795-1878) erhielt diesen

Namen 1824 und war von 1828 bis

1839 der siebte yokozuna. Aufgrund seiner

legendären Kraft wurde er auch zum Thema

vieler Gedichte.

Das Netsuke weist starke Tragespuren auf.

327

SUMÔ-RINGER

Elfenbein

H. 3,5 cm

Sign.: Ryôshû

Tokyo, ca. 1970

Mit einem Schurz bekleidet, hockt der feiste

Ringer in Vorbereitung auf einen Kampf

im shikiri-Ritual, das jeweils vor einem

Wettkampf stattfindet..

328

ANGEHÖRIGER DER SAMURAI-

KLASSE

Elfenbein

H. 8,6 cm

Frühes 19. Jh.

Der elegant gekleidete Mann trägt eine

Hose (hakama), eine lange Jacke (haori),

hölzerne Sandalen (geta) sowie ein kurzes

Holzschwert (bokutô), das im Gürtel

steckt. In der Rechten hält die Figur den

Griff eines heute nicht mehr erhaltenen

Stabes, der in eine runde Öffnung unterhalb

der Hand eingesteckt war.

Der Kopf ist wahrscheinlich eine spätere

Ergänzung.

329

SAMURAI

Elfenbein

H. 4,4 cm

Wahrscheinlich Osaka, ca. 1840/1870

Der sitzende Krieger in voller Rüstung

trägt einen Helm mit Drachen als maedate

(Helmzier), ein Schwert in Fellscheide, ein

Kurzschwert, Pfeilköcher am Rücken sowie

einen geschlossenen Fächer.

330

SAMURAI

Elfenbein

H. 4,5 cm

Mitte 19. Jh.

Der lachende Samurai in voller Rüstung

und mit langen, offenen Haaren hält eine

große Sake-Flasche.

Die Darstellung eines beschwipsten Kriegers

ist eher despektierlich, wenn auch

humorvoll.

331

KOMUSÔ

Elfenbein

H. 4,2 cm

Sign.: Kei(?)gyoku

20. Jh.

An einem Brückenpfeiler der Gojô-Brücke

in Kyôto steht ein Bettelmönch (komusô)

mit bienenkorbförmigem Hut.

Komusô waren Bettelmönche der zenbuddhistischen

Fuke-Sekte, die nur Männer

aus dem Samurai-Stand zuließ und in

die meist herrenlos gewordene Samurai

(rônin) eintraten. Sie postierten sich auf

den Brücken Kyotos und spielten auf der

Bambusflöte (shakuhachi). Spenden wur-

96


den in die vor der Brust hängende Tasche

(gebako) gelegt.

332

TEEMEISTER

Buchsbaum mit negoro-Lackfassung

H. 4,3 cm

Frühes 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Auf den Fersen sitzend, bereitet der Teemeister

(chajin), die meist der Samurai-

Klasse entstammten, mit einem Bambusquirl

(chasen) den hellgrünen Pulvertee in

einer Keramikschale zu. Auf dem Kopf

trägt er das typische zukin.

Gelegentlich wird diese Figur als Sen no

Rikyû (1521-1591), der berühmteste Teemeister

Japans, identifiziert, der die

Grundlagen und Regeln der Teezeremonie

verbindlich festlegte: Harmonie zwischen

geistigem Inhalt und äußerer Form, Einfachheit,

Ehrerbietung, Reinheit und Stille.

Unter den negoro-Netsuke ist dies ein sehr

häufiges Motiv.

333

BAUER

Elfenbein, Auge des Vogels aus Horn

H. 3,4 cm

Frühes 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Der Mann mit Hut auf dem Rücken steht

über einem großen Vogel (ein Kranich

oder eine Wildgans) und drückt diesen an

den Flügeln nieder. Die hohe Standplatte

erinnert in ihrer Form an eine stilisierte

Chrysantheme.

334

LACHENDER BAUER

Elfenbein

H. 7 cm

Frühes 19. Jh.

Der sich umschauende Bauer schultert

einen Beutel aus dem ein Pflaumenblütenzweig

ragt..

335

BAUER

Elfenbein

H. 2,6 cm; L. 2,7 cm

Ca. 1800

Von der Arbeit erschöpft, hält der Bauer

ein Schläfchen. In seinem Korb stecken

Pflaumenblütenzweige, ein Messer und ein

zusammengerolltes Seil.

336

BAUER

Elfenbein

H. 6,2 cm

Sign.: Okakoto

Kyoto, 1. Hälfte 19. Jh.

Der Bauer macht eine Pause und raucht

dabei Pfeife.

Dieses Motiv findet sich in der Abteilung

nô (Bauern) des 4. Bands des von 1829 bis

1847 herausgegebenen Shinji andô, illustriert

von Utagawa Kuninao (1793-1854).

Dem rastenden Bauer reicht die Bäuerin

eine Reisschale.

Abb. 19

Shinji andô, Bd. 4 (1842), S. 41a

97


337

BAUER

Obstholz

L. 5 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Die schlafende Gestalt kauert mit der Sichel

am Gürtel auf einem umgeklappten

Bananenblatt.

338

BAUER BEIM WASCHEN EINES

PFERDES

Elfenbein

H. 3,6 cm

Sign.: Gyokuichi (Tamakazu)

2. Hälfte 19. Jh.

Ein Mann schrubbt die Flanke eines Pferdes,

das mit den Hinterbeinen in einem

Wassertrog steht. Auf dem Rücken sitzt ein

Knabe, der das Leitseil hält. Die Standfläche

wird gebildet durch den Trog und eine

Binsenmatte.

339

REISIGSAMMLER

Holzfäller

Buchsbaum

H. 2,3 cm; L. 5 cm

19. Jh.

Erschöpft ist der Reisigsammler an sein

Astbündel gelehnt eingeschlafen. Im Gürtel

steckt eine Sichel, hinter ihm steht eine

Kalebasse. Auf dem Feld oder im Wald

arbeitende Männer trugen oft einen solchen

mit Wasser (oder Sake) gefüllten

Doppelkürbis am Gürtel.

340

FRAU AUS OHARA (OHARAME)

Maritimes Elfenbein

H. 3,4 cm

Mitte 19. Jh.

Die Reisigsammlerin, die ihre Last zum

Verkauf nach Kyoto bringt, ruht sich auf

ihrem Bündel aus. Sie führt eine Pfeife zum

Mund, in der Linken hält sie einen Tabaksbeutel,

auf dem die Schriftzeichen hi

yo shin (Vorsicht mit dem Feuer) stehen.

341

BAUER

Buchsbaum

H. 2,7 cm; L. 4,2 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Auf dem Rücken trägt der rastende Bauer

einen großen Korb. Auffällig ist das mit

stilisierten Vögeln (chidori) gemusterte

Gewand, ein Hinweis vielleicht, daß es sich

hier um einen Vogelfänger handelt.

342

JÄGER

Manjû-Netsuke

Elfenbein, Hund aus Kupfer

Ø 4,5 cm

Sign.: Chôunsai; Siegel: Hidechika

Edo, Mitte 19. Jh.

Der Jäger mit Tarnkappe aus Strohseilen

hat ein Gewehr geschultert und ist mit seinem

Hund unterwegs. Das Stück erhält

seinen besonderen Reiz durch das sehr

sorgfältig ausgeführte, versenkte Relief und

den Hund aus rotem Kupfer in erhabenem

Relief.

98


343

FUCHSJÄGER

Elfenbein

H. 2,8 cm

Sign.: Gyokkôsai

Edo/Tokyo, ca. 1840/1870

Der Jäger mit typischer, geflochtener Kappe

kniet über einem Strohhut, der ihm als

Fangkorb dienen sollte. Der Fuchs ist jedoch

entwischt und sitzt auf dem Rücken

des Jägers. Das Motiv hat seine Parallele im

Thema des erfolglosen Rattenfängers und

des Shôki, der mit seinem Hut einen oni

einzufangen versucht.

344

FISCHER

Elfenbein

H. 4,7 cm

Sign.: Raku

Ca. 1800

Der Fischer steht in seichtem Wasser und

zieht ein Netz ein; an der Hüfte hängt der

für Fischer typische Korb (sakana-kago).

Die helle, bernsteinfarbene Patina zeigt,

daß das Stück lange getragen wurde.

345

FISCHER

Elfenbein, Pupillen des Fisches aus Horn

L. 4,8 cm

Mitte 19. Jh.

Am Kopf eines großen, welsähnlichen Fisches

sitzt der Fischer mit einem großen

Messer.

346

FISCHER

Buchsbaum

L. 6,2 cm

Sign.: Eishinsai

Edo, ca. 1830/1847

Pfeife rauchend sitzt der Fischer mit Tabaksbeutel

und Aschenbecher-Netsuke auf

einer Uferbefestigung (jakago), neben ihm

steht ein Korb mit Fischen und ein kleiner

Vogel.

347

KRAKENJÄGER

Elfenbein, Knöpfe aus Horn

H. 3,3 cm

Sign.: Masatsugu

Spätes 19. Jh.

Der Fischer ringt mit einem Kraken. Er

packt ihn beim Nasentrichter und versucht

das Tier, das seine Fangarme mehrfach um

den Körper des Fischers gewunden hat, zu

Boden zu drücken.

Die Haltung und der verzweifelte Schrei

des Fischers wurden sicherlich angeregt

von einer Tako (Krake) betitelten Illustration

in Hokusai manga. Vergleichbar ist

auch das ungewöhnliche, vorne mittig geknöpfte

Gewand mit schmalen langen Ärmeln

und der Bastschurz. Diese Illustration

ist bereits nachweisbar in Hokusais weniger

berühmten Shûga ichiran (Herausragende

Bilder auf einen Blick) von 1818.

Laut dem Sôken kishô hat bereits Miwa das

Sujet des Krakenjägers gefertigt. Auch Jugyoku,

der sich von Miwa inspirieren ließ,

hat dieses Motiv in der Mitte des 19. Jahrhunderts

mehrfach geschnitzt. Trotzdem

wird es gelegentlich als „Ariômaru im

Kampf mit dem Riesenkraken“ interpretiert.

Der treue Diener des exilierten Priesters

Shunkan (1142-1178), Ariô, soll den

großen Kraken, der das Bein seines Herren

ergriffen hat, getötet haben (vgl. Kat.-Nr.

259).

99


Abb. 20

Hokusai manga, Bd. 15 (1878), S. 15b

348

KRAKENJÄGER

Elfenbein

H. 3,5 cm

Sign.: Yoshiyuki

Spätes 19./frühes 20. Jh.

Eingewickelt in die Fangarme des Kraken

versucht der Mann das Tier an seinem Nasentrichter

niederzuhalten.

349

FISCHER MIT KRAKE

Elfenbein, Anus aus Horn

H. 5,3 cm

Sign.: Kôsen

Osaka, frühes 20. Jh.

Auf dem Rücken trägt der Fischer einen

Kraken, wobei er einen Fangarm in der Art

eines Seils packt. Ein anderer Fangarm

schlingt sich um den Hals des Fischers, der

mit einem Ausdruck des Schmerzes seinen

Kopf nach oben wendet.

350

FISCHERSFRAU

Elfenbein

H. 5,2 cm

Sign.: Kôju und kaô

Tokyo, ca. 1870

Die Fischersfrau trägt einen Kraken in einem

Korb nach Hause. Das Kind spielt mit

einem der Fangarme und hält sich gleichzeitig

am Ärmel der Mutter fest.

351

FISCHERSFRAU

Elfenbein

H. 5,4 cm

Spätes 19. Jh.

Die Fischersfrau mit entblößter Brust balanciert

einen Trog mit Fischen auf ihrem

Kopf. Auf dem Rücken ist ein Kleinkind

gebunden, das aus dem lose, vorne gegürteten

Kimono hervor schaut.

352

TAUCHERIN

Hirschhorn (eingesetzte Beine fehlen)

H. 6 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Die nur mit einem Bastschurz bekleidete

Taucherin (ama) trägt ein Messer bei sich,

um damit die awabi-Muscheln zu öffnen.

353TAUCHERIN

Hirschhorn

H. 7,8 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Jordan (Nr. 151)

Die ama, nur in einem Binsenschurz gekleidet,

und mit Sichelmesser (kama) in

der Linken, wringt das Wasser aus ihrem

Haarband. Das Motiv einer ama beim

Auswringen findet sich auf einem Triptychon

von Perlenfischerinnen (ca.

1797/1798) des Kitagawa Utamaro (1754-

1806), wo eine der Taucherinnen ihren

Rock auswringt. Das Auswringen von nassem

Tuch ist eine typische Handlung der

awabi-Taucherinnen.

100


354

MUSCHELSAMMLERIN

Elfenbein

H. 4,3 cm

Sign.: Shûzan

2. Hälfte 19. Jh.

Die Frau sitzt auf einem Korb, der umgeben

ist von kleinen Muscheln. Die ungewöhnlich

realistische Darstellung ist voller

erotischer Anspielungen: Ihr Rock ist zwischen

den Beinen weit geöffnet, eine der

Muscheln zwickt in den Gewandsaum,

zudem hat sie ihren Finger lasziv in den

Mund gesteckt, während sie über die Venusmuschel

in ihrer Hand sinniert. Die

Darstellung ist Thema einiger humorvoller

Gedichte (senryû), wie z.B. des folgenden:

Hamaguri ga/ deru made makuru/ shiohi

gari (Die hamaguri [Vulva] ist sichtbar, so

hoch hat sie ihren Rock gerafft, wenn sie

bei Ebbe Muscheln sammelt).

355

MASKENSCHNITZER

Elfenbein

H. 4,1 cm

Sign. auf eingelassenem Holzplättchen:

Minkoku

Tokyo, ca. 1870

Der Maskenschnitzer mit kleinem eboshi

auf dem Kopf bearbeitet mit Hammer und

Meißel eine Maske, die er mit den Füßen

hält. Die sorgfältige Schnitzarbeit zeigt

feine Details des Gewandes und der Physiognomie.

356

MASKENSCHNITZER

Elfenbein

H. 2,9 cm

Sign.: Ryûchin

Tokyo, 2. Hälfte 19. Jh.

Der Schnitzer arbeitet an einer Usubuki-

Maske, wobei er selber die Grimasse des

Blasens macht. Sein Gehilfe wundert sich

darüber mit entsprechender Geste. In dem

Kasten befindet sich eine Okame-Maske,

obenauf liegt eine kleine Männermaske mit

Schnurrbart.

357

MÜHLSTEINARBEITER

Elfenbein

H. 3,3 cm

Ca. 1830/1840

Der Handwerker (ishiya) haut Kerben in

den unteren Granitstein einer Mühle

(hikiusu). Neben ihm steht der obere Stein,

um den ein Strick gebunden ist, und in

dem ein Holzstab steckt, der als Griff dient.

Solche handbetriebenen Kornmühlen gab

es in jedem Privathaushalt und Geschäft.

Das erzeugte Mehl wurde für die Herstellung

von Nudeln verwendet.

Ungewöhnlich an diesem Netsuke ist die

gut erkennbare Tätowierung eines Raiden

auf dem Rücken des Mannes. Dieses Motiv

findet sich auch bei Rishun, einem der

Helden aus der Holzschnittfolge Tsûzoku

Suikoden gôketsu hyakuhachi-nin-no-hitori

(1827-1830) von Kuniyoshi. Es ist bekannt,

daß die Tätowierungen auf den Rücken

dieser Figuren in toto als Tätowierungsmotive

übernommen wurden (van Gulik 1982,

S. 51-52). Daraus ergibt sich eine Datierung

ante quem non und die Wahrscheinlichkeit,

daß dieses Netsuke im Zuge der

größten Popularität dieser Tätowierungsmotive

entstanden sein muss.

358

SANDALENHERSTELLER

Elfenbein

H. 3,5 cm

1. Hälfte 19. Jh.

101


Mit großer Geschicklichkeit spannt der

Mann eine Strohsandale (zôri), indem er

eine Schlaufe über seinen großen Zeh gestülpt

hat und diesen von sich drückt.

359

BUCHVERLEIHER

Walroßzahn

H. 6,4 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Der kniende Mann hat einen hohen Stapel

Bücher in einem Tuch (furoshiki) um die

Schultern gebunden. Das Tuch zeigt ein

Logo in Form des Schriftzeichens hon

(Buch) unter einem Dach. Mit großer

Wahrscheinlichkeit handelt es sich um

einen Buchverleiher (kashihonya).

Die Beule auf dem Kopf des Mannes ist

nicht zu klären.

BLINDE

Blinde (satô) wurden meist mit einem

geschwollenen und einem zugekniffenen

Auge sowie einer Beule dargestellt. Gezeigt

wird hier das Anfangsstadium einer

Erblindung: Zunächst entzündet sich die

Sehrinde des kranken Auges und an der

gegenüberliegenden Seite des Kopfes bildet

sich eine Beule.

Die Blinden arbeiteten wegen ihres

ausgeprägten Tastsinnes als Masseure

(anma) und Musiker. Mit Stock und gelegentlich

einer Flöte machten sie auf

sich aufmerksam. Da sie meist sehr gut

verdienten, betätigten sie sich zusätzlich

als Geldverleiher, was ihnen den Ruf des

Wucherers einbrachte. Deshalb wurden

sie gerne in Situationen dargestellt, die

beim Betrachter Schadenfreude hervorriefen:

beim Entfernen eines Steins aus

den Sandalen oder wie ein Hund an dem

Lendentuch eines Blinden zerrt. Ein häufiges

Thema sind ein Blinder oder drei

Blinde, die eine Brücke überqueren. Der

Zen-Maler-Mönch Hakuin Ekaku (1685-

1769) hat sie immer wieder zu dritt dargestellt:

der erste kriecht auf allen Vieren

über die Brücke, seine Sandalen sind an

seinen Stab gebunden; der mittlere befühlt

die Brücke mit seinen Händen, der

letzte hält einen Stab und in den Händen

die Sandalen, damit er die Brücke mit

seinen Füßen ertasten kann. Das Bild

wird von dem Gedicht begleitet: „Both

inner life and the floating world otside

us/ are like the blind mans round log

bridge – A mind that can cross over is the

best guide“ (Stephen Addiss, The Art of

Zen, New York 1989, S. 109 und 111).

360

BLINDER

Elfenbein

L. 3,4 cm

Frühes 19. Jh.

Der am Boden hockende Blinde könnte

einen Masseur nach seiner Arbeit darstellen.

Ähnliche Modelle, die jedoch Kinder

darstellen, gibt es in China als toggle

(Cammann 1962, S. 234, Abb. 210).

361

BLINDER

Buchsbaum

L. 5,9 cm

Mitte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Greene

Mit einem Stab in der Hand tastet sich der

Blinde auf allen Vieren über die Planken

einer Brücke. Auf dem Kopf ist die Beule

zu sehen.

102


Abgeb. in: Eskenazi 1973, Nr. 41

362

STEINE HEBENDER MASSEUR

Buchsbaum

H. 4,2 cm

Sign.: Shôzan

Mitte 19. Jh.

Es war üblich, große Steine an den Hauseingang

zu plazieren, damit die angemeldenden

Masseure ihre Kraft daran messen

konnten. Dieses Thema, bekannt als chikara-ishi

(Kraftstein), erfährt hier eine besonders

realistische Gestaltung und hebt

sich somit von den zahlreichen, stereotypen

Darstellungen, z.B. des Gyokkei, der

sich auf dieses Motiv spezialisierte, ab.

363

MASSEUR UND KUNDE

Buchsbaum

H. 3,5 cm

Sign.: Kishôsai

Ca. 1830/1860

Mit großer Kraftanstrengung und Hingabe

gibt der Blinde seinem vor ihm sitzenden

Kunden eine Schultermassage. Der Massierte

zieht in einer typischen Bewegung

die Schulter hoch.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 388, Abb.

24

364

MASSEUR UND KUNDE

Elfenbein

H. 3,4 cm

Sign.: Minkoku

Edo, Mitte 19. Jh.

Der Blinde massiert den Arm eines Kunden,

der auf einem flachen Kissen (zabuton)

sitzt. Sein Gesicht spiegelt eine Mischung

aus Schmerz und Lust wieder.

Masseure verrichteten ihre Dienste gewöhnlich

im Haus ihrer Kunden. Auf die

häusliche Atmosphäre verweisen das zabuton

und die schlafende Katze.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 388, Abb.

23

365

BERUFSNIESER

Buchsbaum, Stäbchen aus Elfenbein und

Einfassung eines Schnurloches aus Bein

H. 3,2 cm

Edo, 19. Jh.

Da das Niesen in Japan als glücksbringend

interpretiert wird, haben sich die Ärmsten

der Armen daraus einen Broterwerb gemacht.

Mit einem zusammengerollten Papier

kitzelt sich der professionelle Nieser

an der Brust und provoziert dadurch ein

Niesen, für das er von den Passanten ein

paar Münzen bekommt.

366

BERUFSNIESER

Hartholz, Augen aus Bein; Zähne und

Stäbchen aus Elfenbein

H. 6,8 cm; L. 6,9 cm

Sign.: Ryukei

Edo, Mitte 19. Jh.

Dieses beliebte Sujet erscheint hier in besonders

großer Ausführung. Das Stück

konnte trotz der kleinen Löcher für die

Schnurführung kaum als Netsuke getragen

worden sein, sondern diente als okimono.

103


367

ERFOLGLOSER RATTENFÄNGER

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 4,3 cm

Sign.: Masayoshi

Nagoya, ca. 1900

Ehemalige Sammlung Lorber

Die japanische Entsprechung unseres

Kammerjägers, der Rattenfänger, konnte

zu jeder Zeit gerufen werden. Aus dem

Schlaf gerissen, erscheint er nur mit einem

Lendenschurz bekleidet zur Arbeit. Mit

surikogi und Reismaß versucht der Alte,

eine Ratte zu fangen, die ihm jedoch entwischt

und sich auf seinen Rücken setzt.

Da kein himotôshi vorhanden ist, handelt

es sich um ein okimono. Masayoshi, der für

den Export arbeitete, hat dieses Motiv sehr

häufig gefertigt.

104


Alltag

Viele Netsuke des 19. Jahrhunderts thematisieren

jede erdenkliche, auch noch so

nichtige Lebenssituation. Auch Brauchtum

war ein beliebtes Sujet. Entsprechend

der großen Bedeutung von Neujahr

gibt es viele Netsuke, die Gepflogenheiten

und Dekoration zu shôgatsu darstellen.

Oft wird die Herstellung von

mochi gezeigt oder Neujahrsschmuck.

Bereits erwähnt wurden die manzai- und

shishi-Tänzer, die zu Neujahr durch die

Straßen ziehen. Anläßlich des Frühlingsäquinoktiums

Anfang Februar findet in

Shinto-Schreinen und buddhistischen

Tempeln die rituelle Teufelsaustreibung

(oni harai) statt.

Gerne machte man sich über

menschliche Schwächen lustig, wie

übermäßigen Sake-Genuß oder Müdigkeit.

Moralisierenden Charakter haben

Netsuke, die ein Sprichwort oder einen

Vorsatz illustrieren. Waschen und persönlich

Hygiene ist ein Thema, das hier

besonders vielfältig vertreten ist. Schnitzer

der Tomochika-Linie in der frühen

Meiji-Zeit bevorzugten diese Motive.

368

PRIESTER

Buchsbaum mit rotem und ockerfarbenem

Lack und makie

H. 3,6 cm

Sign.: Higashi (auch Tô oder Azuma)

19. Jh.

Der im Sitzen eingeschlafene, buddhistische

Priester mit mitra-ähnlicher Kopfbedeckung

und herabhängendem Schultertuch

(sunbôshi) legt seine linke Hand auf

eine Armstütze. Die Kopfbedeckung wurde

von Priestern der Nichiren-Sekte getragen.

Diese betätigten sich als Exorzisten und

galten als abergläubisch und bigott.

Der rotbraune Lack auf dem Gewand ist

fast gänzlich abgegriffen, während das

Tuch der Kopfbedeckung leuchtend rot ist

und feinen Goldstaub aufweist.

369

YAMABUSHI

Elfenbein

H. 2,8 cm; L. 5,1 cm

Mitte 19. Jh.

In einem großen Tritonshorn (hora, lat.

Charonia tritonis), an deren Spitze sich ein

Mundstück befindet – ein Hinweis, daß die

hora zu einer Trompete umfunktioniert

wurde – liegt ein Bergpriester (yamabushi),

der seinerseits in eine kleine hora bläst.

Durch eine Öffnung in der Wandung sieht

man seinen nackten Fuß. Das kleine Käppchen

(tokin), eine Stola (bonten-kesa) mit

großen Pommeln, Tritonshorn, von dem

Schnüre mit Quasten hängen, Rasselstab

(kongô zue) und lange Haare weisen die

Figur als Mitglied der kriegerischen, buddhistischen

Bergpriester-Sekte Shûgendô

aus. Die hora diente den Kriegern als Signalhorn,

um den Truppen Befehle zu

übermitteln; die yamabushi verwendeten

sie, um das Böse zu vertreiben und bei

Reinigungsritualen.

Das Netsuke illustriert das Sprichwort hora

o fuku (das Tritonshorn blasen), das Prahlen

und Aufschneiden bedeutet.

Oft wird diese Figur in der hora auch als

Benkei identifiziert (siehe Kat.-Nr. 253).

105


370

YAMABUSHI

Elfenbein, die Kappe aus schwarzem Horn

L. 3,8 cm

Sign.: ...aki

Spätes 19. Jh.

Aus einem Tritonshorn schaut ein bäuchlings

liegender yamabushi mit aufgerissenem

Mund.

371

TEE MAHLENDER MÖNCH

(CHABÔZU)

Buchsbaum

H. 3,2 cm; B. 4,4 cm

Frühes 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Ein Mönch sitzt in hakama vor einer steinernen

Teemühle und ist über ihr eingeschlafen.

Geröstete Teeblätter zu Pulver für matcha

zu mahlen, gehörte zu den Aufgaben von

Novizen. Dieser Tee wurde u.a. von Mönchen

in Zen-Klöstern zur Anregung getrunken.

Auf der Unterseite befindet sich neben

einem kleineren Loch eine sehr große Öffnung,

so daß der Knoten einer besonders

dicken inrô-Schnur hier Platz finden konnte.

372

SCHREINDIENER

Buchsbaum, Reste einer schwarzen Lackfassung

H. 8,3 cm

Frühes 19. Jh.

Der Kopf mit eboshi lugt aus dem Spalt

seines beschädigten Regenschirms hervor;

in der Hand hält er eine bronzene Laterne.

Der Schreindiener, hier wohl bei einem

Kontrollgang im Regen, weckt Assoziationen

mit der Geschichte des Öldiebs (vgl.

Kat.-Nr. 248).

373

SCHREINDIENER

Elfenbein

H. 6,8 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Jeden Abend, auch bei Regen, macht der

Diener mit Schirm und auf hohen Holzsandalen

(geta) seinen Schrein-Rundgang.

374

SCHREINDIENER

Elfenbein

H. 3,3 cm; L. 3,8 cm

Sign.: Hidemasa

2. Hälfte 19. Jh.

Der Schreindiener in hakama und mit einem

reich verzierten eboshi steht vor einer

überdimensional großen Schelle mit einer

kleinen, beweglichen Kugel im Inneren

und poliert deren Oberfläche mit einem

Reiber (baren). Die Stellen, die er bereits

poliert hat, sind durch kleine, gestichelte

Punkte wiedergegeben. Ein ähnliches,

Shuôsai signiertes Netsuke befand sich

ehemals in der Sammlung Bushell (Bushell

1961, S. 192, Abb. 203).

375

SCHREINDIENER

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus rot patiniertem shibuichi und

Kupfereinlage; Kapsel aus Elfenbein

Ø 4,3 cm

Mitte 19. Jh.

106


Der Schreindiener zieht am Seil eines

Brunnens, der daneben stehende Eimer

zeigt das für das Neujahr typische Dekor

von Papierstreifen an einem Strohseil. Hier

ist das Schöpfen des „jungen Wassers“

(wakamizu tori) im neuen Jahr dargestellt.

376

HOFDIENER

Elfenbein

H. 4,5 cm

Sign.: Tomonobu

Edo/Tokyo, ca. 1860/1870

Der Hofdiener (eji) räkelt sich nach einem

Nickerchen.

Die Art, wie Gesicht und Gewandmuster

gestaltet sind, ist typisch für die große

Gruppe der von Tomochika beeinflußten

Schnitzer.

377

MANN ZU NEUJAHR

Elfenbein

H. 5,1 cm

Spätes 19. Jh.

Der Mann mit Tabaksbeutel und manjû

am Gürtel hält eine Neujahrsdekoration

(shimenawa), bestehend aus einem Ring

aus Stroh und davon hängenden Strohseilen.

Abgeb. in: Jirka-Schmitz 1994b, S. 10

378

MOCHI-ZUBEREITUNG

Elfenbein

H. 3,5 cm

Sign.: Gyokusai Ryûchin und kaô

Edo/Tokyo, ca. 1850/1870

Die Zubereitung von Reiskuchen (mochi)

gehört zu den traditionellen Neujahrsvorbereitungen.

Der große Bottich (usu) ist

mit einem Seil (shimenawa) geschmückt.

Der Mann in festlichem kamishimo hält

den Hammer. Die Frau in einem Gewand

mit shibori-Muster beugt sich über einem

Trog und formt mochi.

Diese kleine Arbeit zeigt eine Vielzahl erzählerischer

Details, z. B. die in Papier gewickelten

Haarspitzen am Rücken der

Frau, das Familien-Wappen, das gestreifte

Muster des Untergewandes, die Klammer

des usu.

Abgeb. in: Jirka-Schmitz 1994b, S. 10

379

GLÜCKSBOHNEN-WERFER

Elfenbein, Einlagen und himotôshi-

Einfassung aus schwarzem Horn

H. 5,5 cm

20. Jh.

Der Mann in zeremonieller Tracht aus

gestreiften hakama und kariginu mit Wappen

sowie Kurzschwert (wakizashi) im

Gürtel hält ein hölzernes Reismaß (masu)

in der Hand.

Bei den Frühlingsäquinoktium-

Feierlichkeiten (setsubun) – Anfang Februar

nach heutiger Zeitrechnung – werden in

den Schreinen und Tempeln von Männern

und Frauen, die in dem Tierkreiszeichenjahr

geboren sind (toshi otoko/ toshi onna),

mit dem Ruf „oni wa soto fuku wa uchi“

(Heraus der Teufel, herein das Glück)

Bohnen aus einem Reismaß (masu) geworfen.

Dadurch sollen die bösen Geister, die

oni, vertrieben werden.

107


380

SAKE-TRINKER

Buchsbaum mit Spuren einer negoro-

Lackfassung

H. 2,7 cm

Edo, Mitte 19. Jh.

In einem Zug leert der Trinker die große

Schale, die sein ganzes Gesicht verdeckt. In

der Hand hält er die leere Sake-Flasche.

381

SAKE-TRINKER

Elfenbein oder Nilpferdzahn

H. 3,5 cm

Sign.: Masakazu

2. Hälfte 19. Jh.

Der sitzende Mann zersägt einen Flaschenkürbis.

Die Zerstörung dieses Behältnisses,

das zum Genuß von Sake diente, deutet auf

den Vorsatz, nicht wieder zu trinken. Ungewöhnlich

sind die eingefärbten Armreifen

an den Handgelenken.

382

FLÖßER

Elfenbein

L. 5,9 cm

Frühes 19. Jh.

Der Mann mit Bastschurz sitzt auf einem

Floß aus Bambusrohren und einem Baumstamm

und hält ein Seil.

383

KAMIFUKI-SPIELER

Buchsbaum, Papierstück aus Bein, Muster

des Gewandes und obi in Gold- und Silbermakie,

Perlmutteinlage und kirikane

H. 3,5 cm

Sign.: Sôzan

Tokyo, ca. 1900

Unter den vielen japanischen Spielen ist

das Papier-Blas (kamifuki)-Spiel hervorzuheben.

Ein Papierstückchen, das mit Spucke

auf der Stirn klebt, muß, nachdem es

abgefallen ist, durch Blasen wieder auf die

Stirn zurückbefördert werden. Der Akt des

Blasens ist treffend durch die vorgeschobene

Unterlippe dargestellt.

Das Netsuke ist eine typische Arbeit dieses

Schnitzers der Sô-Schule, der oft sitzende

Figuren auf flachen Kissen schnitzte.

384

SPAZIERGÄNGER

Elfenbein

H. 4,1 cm

Sign.: Hôjitsu

Edo, ca. 1840/1870

Der in einen gemusterten haori mit Wappen

gekleidete Mann spaziert auf einen

Stab gestützt; in der am Rücken gehaltenen

Hand hält er eine Gebetsschnur.

385

TORORO-ZUBEREITUNG

Elfenbein

H. 4 cm

Mitte 19. Jh.

Wie ein Schwerarbeiter hat der Mann ein

Handtuch (hachimaki) als Stirnschweißband

um den Kopf gebunden, denn das

Zerkleinern von tororo-imo mit einem hölzernen

Stößel (surikogi) in einem Steinzeug-Mörser

(suribachi) (siehe Kat.-Nr.

211) ist mit großer Anstrengung verbunden.

386

DIENER MIT MUSCHEL

Buchsbaum

H. 3,8 cm

19. Jh.

108


Der Fußsoldat (ashigaru) oder Diener eines

Samurai (chûgen) mit am Rücken in

den obi gestecktem Kurzschwert und

Wappen kniet vor einer großen, geöffneten

Muschel vom Typ akagai. Er leckt seine

Zeige- und Mittelfinger ab, um den Geschmack

der Muschel zu prüfen. Der Gestus

ist eine explizite, erotische Anspielung.

387

MANN AUF MUSCHEL

Buchsbaum

H. 3,8 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Auf einer überdimensional großen Venusmuschel

(hamaguri), Sinnbild der

weiblichen Genitalien, versucht ein Mann,

dessen langer Lendengurt (fundoshi),

Sinnbild der Männlichkeit, von den Schalenhälften

fest gehalten wird, deren Zugriff

zu entfliehen. Diese Darstellung, die als

Warnung vor den Gefahren des Verliebtseins

aufgefaßt wird (siehe Kat.-Nr. 225),

zeigt hier in drastisch-expressiver Weise,

daß man weiblichen Zugriffen nicht ausweichen

kann.

Das Stück hat eine sehr schöne Alterspatina.

388

MAGENKRANKER MANN

Buchsbaum, Kügelchen aus Elfenbein

H. 4,1 cm

Aufschrift: Shûzan

Frühes 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohltahat

Mit schmerzverzerrtem Gesicht erträgt der

Alte das Abbrennen eines Moxa-

Kügelchens an einer Stelle seitlich und unterhalb

des Knies. Diese Stelle (Ma 36) ist

eine der wichtigsten Akupunkturpunkte

mit breitem Wirkungsspektrum (siehe

Kat.-Nr. 130). Hier werden mittels Moxibustion

offensichtlich Magenschmerzen

(Gastritis) behandelt, ersichtlich aus der

Hand, die gegen den Bauch gehalten wird.

389

ALTER MANN

Buchsbaum

H 3,2 cm

Sign. auf Elfenbeinplättchen: Jugyoku

Edo, Mitte 19. Jh.

An einem Handwärmer (teaburi) oder einer

Heizung (anka) wärmt sich der Alte in

ärmelloser Weste die Hände. Der Schnitzer

hatte Freude an markanten Details: den

Gesichtsfalten, der mürrisch vorgeschoben

Lippe und den knochigen Händen. Typisch

für Gyokkei, Ryûkei et al. ist die flache

Unterseite mit Signatur auf einem eingelassenen

Elfenbeinplättchen.

390

SÄNFTENTRÄGER

Sänftenträger

Kagamibuta-netsuke

Platte aus Silber mit Spuren von Vergoldung;

Kapsel aus der Rose eines Hirschgeweihs

Ø 4,5 cm

Edo, Mitte 19. Jh.

Im Laufschritt trägt ein Träger mit hachimaki

und in fundoshi eine Sänfte durch das

Hôzômon des Asakusa Kannon Tempels in

Edo. Das Tor ist identifizierbar an der großen

(angeschnittenen) Laterne, der ausgestreckten

Hand der kolossalen Niô-Statue

mit den gespreizten Fingern und der überdimensional

großen Strohsandale, die als

Opfergabe am Gitter hängt.

109


Die Kapsel ist an der Unterseite in der Art

des Kokusai mit einer stilisierten Blüte

beschnitzt.

391

MANN MIT MONDSICHEL

Walroßzahn

H. 3,6 cm

Sign.: Tomoharu

Edo, ca. 1850/1870

Der Mann in fein gemustertem Gewand

und obi hat eine Mondsichel um den Rücken

gebunden. An den Füßen trägt er die

Strohsandalen (waraji) eines Wanderers.

Die Bedeutung dieses Sujets ist unklar.

392

HERZPOLIERER

Elfenbein

H. 2,2 cm; L. 3,3 cm

Sign.: Tomoaki

Edo, ca. 1850/1870

Der Mann kniet über dem Schriftzeichen

kokoro (Herz), das er mit einer Bürste poliert.

Das Netsuke illustriert den Ausspruch

„kokoro o migaku“ (das Herz polieren). Er

bedeutet: „Sich bessern“ (Ehmann 1927, S.

161, Nr. 1505).

393

WÄSCHERIN

Walroßzahn

H. 3,5 cm

Sign.: Tomomasa

Edo, ca. 1850/1870

Vor einem Waschzuber hockend, bürstet

die Frau das Schriftzeichen inochi (Leben).

Hier wird das Sprichwort „inochi no sentaku

o suru“ (das Leben waschen) illustriert.

Es bedeutet: „Sich gründlich (mehre-

re Tage lang) ausruhen“ (Ehmann 1927, S.

95, Nr. 909).

394

DAS ERSTE BAD

Elfenbein

H. 3 cm

Mitte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Lorber

Behutsam reinigt die alte Hebamme das

Neugeborene mit einem Tuch, indem sie es

in typischer Manier auf den Füßen balanciert.

Das erste Bad (ubuyu) erhielt das

Kind in alten Zeiten mit dem ersten Haarschnitt

und dem ersten Kleid am dritten

Tag nach der Geburt. Dieses Motiv ist immer

wieder in dieser Art geschnitzt worden.

Bereits das Kasshi yawa, das die vor 1818

zusammengetragene Sammlung des

Matsura Seizan (1760-1841) beschreibt,

erwähnt dieses Motiv.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 381, Abb. 7

395

MUTTER UND KIND

Elfenbein

H. 3,9 cm

1. Hälfte 19. Jh.

In entspannter Haltung gibt die junge Frau

dem Kind die Brust. Ihr Gewand ist geschmückt

mit Bündeln von getrockneten

Abalone-Streifen (noshi), Symbole des langen

Lebens.

110


396

FRAU UND KINDER

Buchsbaum, Pupillen der Maske aus

Gelbmetall

H. 3,5 cm

Sign.: Tadachika

1. Hälfte 19. Jh.

Die Frau mit zwei Kindern gönnt sich einen

Augenblick der Muße. Der kleinere

Knabe hält eine Maske hinter dem Rücken

versteckt. Es handelt sich hier mit großer

Wahrscheinlichkeit um das im MCI (S.

835) erwähnte Stück.

397

ALTE FRAU UND KIND

Elfenbein

H. 4,5 cm

Sign.: Masakazu

Mitte 19. Jh.

Die alte Frau mit Brunneneimer in der

Hand trägt ein Kleinkind Huckepack. Ihr

Gewand ist in der Art des Hidemasa mit

Blättern, Chrysanthemenblüten, Vögeln

und shibori-Muster dekoriert. Das Kind

hält einen Spieß mit dango (Reisklößen) in

der Hand.

Ein ähnliches Motiv wird in Ôhara Mitsuhiros

Takarabukuro von 1837 unter der

Bezeichnung „chôji komori“ (Babysitter

für ein geliebtes Kind) (Nr. 172) erwähnt.

398

DIENERIN

Buchsbaum

H. 3,1 cm

Sign.: Toshikazu

19. Jh.

Die junge Frau hält ein Tablett mit Teeschale

auf ihren Knien. Verschämt führt sie

die vom Ärmel verdeckte Hand zum

Mund. Die Darstellung weckt Assoziationen

mit der Demimonde der Vergnügungsviertel.

Über der Stirn sind zwei Erhebungen

zu sehen, die wie Hörner wirken,

die die Frisur durchstoßen. Vielleicht

ist es eine Anspielung auf die „Hörner der

Eifersucht“.

399

KURTISANE UND KUNDE

Elfenbein

H. 4,5 cm

Sign.: Masamitsu

Mitte 19. Jh.

Eine schmunzelnde Kurtisane – identifizierbar

an ihrem vorne gebundenem obi

und von einer Schulter gestreiftem uchikake

mit Kirschblütenmuster – steht mit Becher

in der Hand hinter einem hockenden

Kunden. Dieser hält eine Gebetsschnur

und einen geschlossenen Schirm.

Ein Holz-Netsuke mit diesem Thema befand

sich ehemals in der Sammlung Carré

(Eskenazi 1993, S. 106-107, Nr. 116). Hier

wird das Sujet als Szene aus einem kagura

(Shinto-Tanz) gedeutet.

400

LIEBESPAAR

Elfenbein

H. 2,5 cm; L. 6,5 cm

1. Hälfte 20. Jh.

Der Kopf der Frau mit kunstvoller Frisur,

in die eine Blüte gesteckt ist, ruht auf einer

Nackenstütze mit Kissen. Die übertriebene

Anatomie der shunga-Darstellung hat in

der japanischen Kunst eine lange Tradition,

die bis ins 20. Jahrhundert fortgesetzt

wurde.

111


401

KURTISANE UND DIENERIN

Elfenbein

H. 5,9 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Dies ist ein seltenes Thema aus der Demimonde

des Yoshiwara. Die majestätische

Figur mit vorne gebundenem obi stellt eine

oiran oder tayû (Kurtisane) dar. Der uchikake

ist mit Chrysanthemenzweigen geschmückt,

das Gewand darunter im shibori-Muster.

Die anzulernende kamuro trägt

ein undekoriertes Gewand (furisode).

Die amazonenhaft wirkende Kurtisane

erinnert an die in Habitus ähnlich monumental

dargestellten oiran des Malers Kaigetsudô

Ando (tätig frühes 18. Jh.).

Abgeb. in: Jirka-Schmitz 1994b, S. 11

WÄSCHEWASCHEN

Wäschewaschen gehörte zu den hausfraulichen

Aufgaben, die im Buch Onna

Daigaku (Schule für Frauen) von dem

konfuzianischen Moralisten Kaibara

Eikiken (1630-1714) schriftlich niedergelegt

waren.

Die Baumwoll-Kimono reinigte

man in der Regel als Gewandstück, während

die kostbaren Seiden-Kimono aufgetrennt

und die Stoffbahnen einzeln

gewaschen wurden. Gewaschen wurde an

Bach- und Flußufern sowie in Wannen

(tarai) im Haus. Die in Waschlauge getränkten

Stoffe wurden, um verbesserte

Reinheit zu erreichen, geschlagen (kinuta

uchi). Die zusammengefalteten Baumwoll-

oder Leinenstoffe wurden mit einem

Walkhammer (kitsuchi) auf einem

Holz- oder Steinblock (uchiban) geschlagen,

die Seidenbahnen hingegen über

einen Rundstab in einem Gestell (kinuta)

gewickelt und auf diesem geklopft. Durch

das Schlagen verdichtete sich das Gewebe,

das Tuch wurde geschmeidig und der

Stoff erhielt einen schimmernden Glanz.

Das Wäscheklopfen war eine

abendliche Beschäftigung der Frauen in

den Dörfern. Der Klang wurde oft in Gedichten

besungen, er erinnerte an die

Heimat und war Ausdruck der Einsamkeit

und Traurigkeit. Das Nô-Stück

Kinuta, in dem eine Frau allabendlich

Wäsche klopft und dabei voller Sehnsucht

an ihren Gatten denkt, beschreibt

diese Empfindungen.

Zum Trocknen wurden die Bahnen

gespannt und anschließend wieder

zusammengenäht. Die Gewänder aus

Baumwolle und Leinen wurden auf einer

Bambusstange aufgehängt. Bügeln war in

Japan nicht üblich, wenn auch die chinesische

Gepflogenheit, Stoff mittels eines

mit Holzkohle gefüllten, im Boden flachen

Bronzetopfes zu glätten, bekannt

gewesen sein muß.

402

WÄSCHEKLOPFERIN

Kagamibuta-Netsuke

Kapsel aus Elfenbein; Platte aus shibuichi

mit Gold, Silber und Kupfer

Ø 4,6 cm

Mitte 19. Jh.

An einem Fluß bei Vollmond schlägt eine

Landfrau mit einem kitsuchi eine Stoffbahn

in einem Gestell (kinuta). Riedgras (susuki),

Ballonblumen und Chrysanthemen

deuten auf die herbstliche Jahreszeit.

Das Sujet ist eine Anspielung auf ein Gedicht

des Zyklus der Sechs Kristallflüsse

(Mutamagawa), der gerne von Holz-

112


schnittkünstlern der Edo-Zeit illustriert

wurde. Der Vers über den Kristallfluß in

Toi in der Provinz Setsu (heute Hyôgo-

Präfektur) von Minamoto Toshiyoshi aus

der Anthologie Senzaishû (1187/1188) lautet:

Matsukaze no/ oto dani aki wa/

sabishiki ni/ koromo ustunari/ Tamagawa

bo sato (Autumn wind over pines sounds

fornlorn,/ adding to the loneliness/ is the

sound of fulling of cloth at Tamagawa)

(Miyeko Murase, Jewel Rivers. Japanese Art

from the Burke Collection, Ausstellungskatalog

Virginia Museum of Fine Arts,

Richmond, Virginia 1993, S. 156).

403

WÄSCHEKLOPFERIN

Elfenbein

H. 3,2 cm

Sign.: Tomochika

Edo, Mitte 19. Jh.

Da in der Regel junge Mütter bei dieser

Tätigkeit gezeigt werden, ist diese Darstellung

einer alten Wäscherin ungewöhnlich.

Sie trägt eine Schürze, die Ärmel sind in

typischer Manier zurück gebunden. Das

Kopftuch (tenugui) ist so gelegt, daß der

Chignon, in dem eine Haarnadel steckt,

sichtbar ist. Als Klopfunterlage (uchiban)

für den gefalteten Stoff dient ein Baumstammscheibe.

Abgeb. in: Werdelmann 1987, S. 478, Abb.

6; Werdelmann 1989a, S. 47, Abb. 6

404

WÄSCHEKLOPFERIN

Elfenbein

H. 3,6 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Ein hohes Kopftuch verdeckt die hoch aufgetürmte

Frisur. Als Klopfunterlage dient

ein flacher Stein.

405

WÄSCHEKLOPFERIN UND KIND

Elfenbein

H. 2,8 cm

Sign.: Ryûchin

Edo, ca. 1850/1870

Mit einem Walkhammer klopft die Frau

mit langen, am Rücken zusammen gebundenen

Haaren die Stoffbahn in einem

Holzgestell. Ihr Gewand ist mit einem

Muster von Pflaumenblüten über geborstenem

Eis dekoriert. Das Kind neben ihr

spielt mit einer Schildkröte.

406

WÄSCHEKLOPFERIN UND KIND

Elfenbein

H. 3,7 cm

Edo/Tokyo, 2. Hälfte 19. Jh.

In typischer Art der Landfrauen hat sie ein

Handtuch (tenugui) auf den Kopf gelegt.

Der gefaltete Stoff liegt auf einem Holzblock,

dessen Riß mit einer Schwalbenschwanzverbindung

repariert ist.

Abgeb. in: Werdelmann 1987, S. 478, Abb.

8, und Werdelmann 1989a, S. 47, Abb. 8

407

WÄSCHEKLOPFERIN UND ZWEI

KINDER

Elfenbein

L. 3,5 cm

Sign.: Masayuki

Edo/Tokyo, 2. Hälfte 19. Jh.

113


Der gefaltete Stoff wird auf einem runden

Holzblock geklopft. Hinter der Frau stehen

zwei Kinder, eines hält eine Spielzeug-

Trommel (batabata).

Die Signatur wurde wahrscheinlich nachträglich

hinzugefügt.

Abgeb. in: Werdelmann 1987, S. 478, Abb.

8; Werdelmann 1989a, S. 47, Abb.7

408

WÄSCHEKLOPFERIN UND KIND

Elfenbein

H. 3,2 cm

Sign.: Kôsai

Edo/Tokyo, ca. 1860/1880

Die Wäscheklopferin mit am Rücken zusammengebundenen

Haaren macht Pause;

sie hat den Schlegel aufgestützt und legt

den Arm um einen Knaben.

Abgeb. in: Werdelmann 1987, S. 478, Abb.

7; Werdelmann 1989a, S. 47, Abb. 7

409

WÄSCHERIN UND KIND

Elfenbein

H. 2,1 cm

Sign.: Tomochika

Tokyo, spätes 19. Jh.

Die junge Mutter hockt vor einem flachen

Zuber, in dem sie eine mit Ahornblättern

gemusterte Stoffbahn spült. Ihr Sohn steht

hinter ihr und zerrt am Band, mit dem sie

die Ärmel hoch gebunden hat.

Abgeb. in: Werdelmann 1987, S. 477, Abb.

4; Werdelmann 1989a, S. 46, Abb. 4

410

BÜGLERIN

Elfenbein

H. 2,5 cm

Sign.: Kôji

Ca. 1960/1970

Die junge Frau mit dicker obi–Schleife und

hoch getürmten Haaren kniet über einem

Gewand, das sie mittels eines kleinen Beckens

mit flachem Boden und einem langen

Griff glattstreicht.

Angeblich wurden Bügeleisen zunächst

nur in Nagasaki verwendet. Seine Form

entspricht den chinesischen Bügeleisen aus

Bronze, wie sie seit der Ming-Zeit verwendet

wurden.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 383, Abb.

11; Werdelmann 1989a, S. 47, Abb. 9

PERSÖNLICHE HYGIENE

Baden wurzelte in Japan tief in den shintoistischen

Reinlichkeitsvorstellungen.

Aber nur die vornehmsten und reichsten

Leute besaßen eigene Bäder. Die Einwohner

der Städte benutzten die öffentlichen

Badehäuser. Diese waren Treffpunkt

der Nachbarschaft, wo Austausch

von Neuigkeiten und Tratsch stattfanden.

Da im Bad die Standesunterschiede

aufgehoben waren, reizte die Gleichheit

der unbekleideten Menschen viele Künstler.

Ferner fanden sie Freude an den körperlichen

Verrenkungen während des

Schrubbens und Abtrocknens oder an der

engen Beziehung von Mutter und Kind.

Ebenso wie die Holzschnittmeister nahmen

die Netsuke-Schnitzer bei der Darstellung

von Badenden die Gelegenheit

wahr, einen nackten Körper darzustellen.

114


Die Tatsache, daß es sich hierbei fast

immer um Frauen handelt, zeigt, daß

sich die Künstler des erotischen Aspektes

durchaus bewußt waren, wenn er auch

nur selten voll ausgeschöpft wurde.

411

MANN BEIM ANLEGEN DES LENDEN-

SCHURZ

Elfenbein, Pupille aus schwarzem Horn

H. 9 cm

Tokyo, spätes 19. Jh.

Das fundoshi, das männliche Hüfttuch,

bereitet diesem Mann beim Anlegen einige

Probleme. Der gute Sitz klappt nicht ganz

und vor Schmerz stößt der Mann einen

Schrei aus. Mit dem Kinn hält er das Tuch

an der Brust fest, während ein gewundenes

Band das fundoshi in der Art eines Gürtels

in der Taille festhält.

Bis zur Meiji-Zeit trugen Männer dieses

Untergewand. Es galt als Symbol der

Männlichkeit. Das fundoshi ist Thema vieler

Sprichwörter, z. B.: „fundoshi o shimete

kakaru“ (den Lendengurt festbinden) bedeutet

„einen Entschluß fassen“ (Ehmann,

S. 395, Nr. 3544) und der Ausspruch „Die

Zeit, in der das fundoshi mit dem Kinn

festgehalten wurde“ bedeutet „früher“

(INSJ, Bd. 18, Nr. 1 [Frühling 1998], S. 12-

14).

Ein fast identisches, von Otogawa signiertes

Netsuke befand sich ehemals in der

Sammlung Hindson. Otogawa Yasuchika

aus Edo wurde 1843 geboren und war

Schüler des Tomochika. Wegen der großen

Ähnlichkeit beider Netsuke kann man dieses

Stück dem Otogawa Yasuchika zuschreiben.

412

SICH WASCHENDE FRAU

Buchsbaum, Kamm im Haar aus Schildpatt,

Brustwarzen aus dunklerem Holz,

Haarnadel-Endknöpfe aus Lack

H. 3,1 cm

Sign.: Josô tô

Tokyo, ca. 1880/1910

In einem flachen Zuber sitzt eine pummelige

Frau mit zur Seite gelegten Beinen.

Genüßlich frottiert sie sich mit einem

Handtuch den Rücken. Neben der Wanne

steht ein kleinerer Zuber, der dazu dient,

Wasser über den Körper zu gießen. Über

dem Rand liegt ein nukabukuro, das als

Körperschwamm verwendet wird.

Die sorgfältige Ausarbeitung der vielen

kleinen Details zeichnet den Stil des Josô

aus und ist für die Sô-Schule richtungsweisend.

Bei genauem Hinsehen erkennt man,

daß der Kamm im Haar aus Schildpatt ist

und die Endknöpfe des Haarsteckers

(kôgai) aus tsugaru-nuri-Lack in den Farben

Schwarz, Rot und Ocker bestehen.

Abgeb. in: Frieder Aichele und Gert Nagel,

Netsuke, München 1975, S. 33; Werdelmann

1989, S. 380, Abb. 4; Jirka-Schmitz

1994b, S. 11

413

SICH WASCHENDE FRAU

Buchsbaum

H. 3,3 cm

Wahrscheinlich Edo, frühes 19. Jh.

Eine pummelige Frau mit vom Oberkörper

gestreiften Gewand hockt vor einem Zuber.

Hingebungsvoll reibt sie sich mit einem

Handtuch den Hals. Diese Darstellung

zeigt nicht die glücksbringende Okame,

sondern illustriert den Terminus oka-

115


me, der auch als Synonym für ein häßliches,

dickes, etwas ordinäres Mädchen

verwendet wird.

414

SICH WASCHENDE FRAU

Elfenbein

H. 3,6 cm

Sign.: Tomotoshi

Edo/Tokyo, ca. 1850/1870

Vor einem hohen Zuber hockend, wringt

die unbekleidete Frau ein langes Waschtuch

(tenugui) aus. Durch die Körperhaltung

werden die flache Brust mit Brustwarzen

und der Unterleib geschickt verdeckt.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 380, Abb. 2

415

SICH WASCHENDE FRAU

Elfenbein

H. 3 cm

Sign.: Masatomo

Spätes 19. Jh.

In einem Wasserzuber sitzt eine dicke

Frau, die sich mit einem Reisschalensäckchen

(nukabukuro) die Brust schrubbt und

in der Linken ein Handtuch hält.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 381, Abb. 6

416

SICH WASCHENDE FRAU

Elfenbein

H. 3,1 cm

Spätes 19. Jh.

Mit einem Handtuch (tenugui) frottiert sie

den Rücken in großen Zügen. Zwischen

den Beinen steht der Zuber.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 383, Abb. 12

417

FRAU NACH DEM BAD

Elfenbein

H. 9,7 cm

Spätes 1800

Die stehende Frau trägt einen leichten

Baumwollkimono (yukata) ohne Gürtel,

dessen weiter Ausschnitt die Brust entblößt.

Ähnlich schlanke Gestalten und die

kokette Haltung sind in der Holzschnittkunst

seit dem späten 18. Jahrhundert bei

Darstellungen von Frauen in Badehäusern

anzutreffen.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 383, Abb. 11

418

FRAU BEIM HAAREWASCHEN

Elfenbein

H. 3,2 cm

Sign. auf eingelassenem Rotlackplättchen:

Yasumasa

Tokyo, ca. 1900

Über einen Zuber gebeugt und mit abgestreiftem

Kimono mit Blüten- und Wellen

(seigaiha)-Muster kämmt die junge Frau

ihr nasses Haar.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 385, Abb. 17

419

FRAU BEI DER PEDIKÜRE

Buchsbaum, Reste von Schwarzlack im

Haar

H. 3,5 cm

19. Jh.

In einen nicht gegürteten yukata gehüllt,

schneidet sich die junge Frau in der Hocke

mit einer Nagelzange die Fußnägel.

Abgeb. in: Werdelmann 1989, S. 387, Abb. 21

116


Kinder

In der konfuzianisch ausgerichteten Gesellschaft

der Edo-Zeit bedeuteten Kinder

(kodomo), vor allem Söhne, die Sicherstellung

der Fortsetzung der Ahnenreihe

und Nachkommenschaft. Die zahlreichen

Kinderdarstellungen unter den Netsuke

sind aber nicht nur unter diesem Aspekt

zu sehen, sondern auch unter dem Gesichtspunkt

der großen Kinderliebe der

Japaner. Sie zeigt sich u.a. in den Festen,

die den Kindern gewidmet sind: dem

Mädchenfest am 3.3., dem Knabenfest

am 5.5. und dem Schreingang der Sieben-

, Fünf- und Dreijährigen (shichigosan)

am 15.11.

Eine Idealisierung erfuhren die

Kinder als karako (wörtlich: chinesische

Kinder). Sie tragen Schuhe, Pumphosen

und reich gemusterte Gewänder mit

Halskrause und sehen mit ihren zwei

Haarknoten auf dem Kopf sehr drollig

aus. Diese Haarbüschel sollen die magische

Kraft besitzen, böse Geister zu bannen.

Die karako sind erstmalig in der

Malerei des 16. Jahrhunderts als Begleiter

von Hotei anzutreffen, der wegen seiner

Freigiebigkeit immer von einer Kinderschar

begleitet wird. Spielende karako

wurden auch unter den Holzschnitten

aus Nagasaki, die einzige Stadt Japans,

die eine chinesische Kolonie besaß, dargestellt.

Am häufigsten sehen wir die karako

beim Löwentanz (shishimai), der in

Nagasaki zu festlichen Anlässen und zu

Neujahr aufgeführt wurde. Sie befinden

sich entweder alleine unter einer Maske

oder zu mehreren unter einem Tuch versteckt,

um die Gestalt des Löwen und

dessen Bewegungen nachzuahmen. Ob-

wohl der Löwentanz ursprünglich von

erwachsenen Männern aufgeführt wurde,

kam im 19. Jahrhundert die Sitte auf,

auch Kinder unter einer Löwenmaske zu

Neujahr von Haus zu Haus gehen zu lassen.

Karako gehören mit zu den frühesten

Netsuke-Motiven. Sie könnten von

den als toggle getragenen, chinesischen

Fruchtbarkeits- und Potenzamuletten

aus Elfenbein und anderen Materialien

beeinflußt worden sein, die von chinesischen

Händlern nach Nagasaki gebracht

worden waren. Diese Amulette stellen

u.a. liegende oder stehende Knaben dar,

die nur mit einer kurzen Schürze bekleidet

sind, die die Genitalien freiläßt.

Japanische Kleinkinder, auch immer

wieder als Puppen dargestellt, wurden

wohlgenährt, nur mit einem Schürzchen

bekleidet und mit kahl geschorenem

Kopf oder, wenn sie etwas älter waren,

mit Pagenfrisur gezeigt. Sie erfreuen sich

an einfachstem Spielzeug, z.B. einer

schillernden awabi-Schale. Sie spielen

mit einer passiven Schildkröte, die den

Wunsch nach langem Leben für die Kinder

ausdrückt, oder einem jungen Hund.

Japanische Kinder und karako

sind ein bevorzugtes Thema der Schnitzer

in Edo/Tokyo. Das Sôken kishô

schreibt, daß Miwa (tätig spätes 18. Jh.)

das Motiv kodomo shishi asobi (Kinder

beim Löwenspiel) gefertigt hat. Karako-

Netsuke waren dann ab der Mitte des 19.

Jahrhunderts ein beliebtes Thema vieler

Schnitzer, besonders der Ono-Gruppe.

Hôjitsu hat mit Vorliebe seine karako-

Motive auf manjû angebracht.

117


420

KARAKO

Elfenbein

H. 4,4 cm

18. Jh.

Ehemalige Sammlungen Naunton und

Beasley

Der Knabe in langem Mantel mit Blütenmuster

rollt eine große, mit manji (Swastika)-Motiven

durchbrochene Scheibe, in

der sich eine bewegliche Kugel befindet.

Thematik und Stil zeigen einen starken

chinesischen Einfluß, wenn es sich hier

nicht gar um eine chinesische Arbeit handelt.

421

KARAKO MIT HUND

Elfenbein

H. 6,3 cm

18. Jh.

422

KARAKO

Elfenbein

H. 4,6 cm

18. Jh.

Das Juwel in der linken Hand und der Sack

weisen ihn als eines der Kinder aus, die

Hotei begleiten. Die kompakte, dreieckige

Form ist typisch für das 18. Jahrhundert.

423

KARAKO

Buchsbaum

H. 3,3 cm

Sign.: Kigyoku

Edo, Mitte 19. Jh.

Unter großer Anstrengung versucht das

Kind, Hoteis Sack zu heben. Der hotei

(Leinensack) enthält gute Sachen, die die

Menschheit beglücken. Die Darstellung

könnte auch eine Anspielung auf den blinden

Steinheber sein, der seine Kraft in ähnlicher

Haltung unter Beweis stellt (siehe

Kat.-Nr. 362).

424

ZWEI KARAKO

Buchsbaum

H. 4 cm

Sign.: Masakazu und kaô

Nagoya, ca. 1820/1830

Der stehende Knabe in festlichem Gewand

mit Halskrause legt eine große shishi-

Maske an, während der sitzende karako

den Löwenschweif hält und in Begriff ist,

das Tuch über seinen Kopf zu ziehen, um

sich darunter zu verstecken.

Abgeb. in: Jirka-Schmitz 1994b, S. 10

425

KARAKO

Buchsbaum, Maske und Rad des Steckenpferds

aus Elfenbein, Haarknoten aus

Horn

H. 4,9 cm

Frühes 19. Jh.

Das Kind reitet auf einem Steckenpferd

und trägt eine furchterregende, rot eingefärbte

oni-Maske.

426

KARAKO

Buchsbaum, um den Hals ein Metallring

H. 4,5 cm

Sign.: Hô...

Mitte 19. Jh.

118


Der Knabe mit zwei dicken Schriftrollen

am Rücken ist wohl der Diener eines chinesischen

Gelehrten. In der Malerei werden

Gelehrte oft in Gesellschaft von jungen

Dienern dargestellt, die Tee kochen, Wein

servieren, Musikinstrumente tragen und

ähnliche Dienste verrichten.

427

KARAKO

Buchsbaum

H. 2,4 cm, L. 4,7 cm

Sign.: Hôsai

Edo, Mitte 19. Jh.

Das Kind mit um den Hals gebundenem

Lätzchen krabbelt über eine Kalebasse. Die

sorgfältige Ausarbeitung zeigt sich vor allem

an der Unterseite, wo die Schnurführung

unter der Kalebasse verläuft. Hôsai

muß ein Schüler des Hôjitsu gewesen sein,

denn das Stück ähnelt dessen Kinderdarstellungen.

428

KARAKO UND SHISHI

Elfenbein, Pupillen des shishi aus Horn

H. 5,2 cm

Kyoto, spätes 18. Jh.

Ehemalige Sammlung David

Ein verspielter shishi legt seine Vorderpranken

über einen vor ihm sitzenden karako.

Diese ungewöhnliche Darstellung erinnert

an das Motiv des Knaben, der eine shishi-

Maske ablegt. Hier nimmt ein leibhaftiger

Löwe mit beweglicher Kugel im Maul die

Stelle von Maske und Tuch ein.

Abgeb. in: Kunstpreisjahrbuch 1988, Bd.

XLIII, T. 2, München (1988), S. 765

429

KARAKO MIT SHISHI-MASKE

Porzellan; unterglasurblau, schwarz und in

zweierlei Braun glasiert

H. 5,6 cm

Hirado-Ware, Mikawachi, Provinz Hizen

(heute Präfektur Nagasaki), 1. Hälfte 19.

Jh.

In der großen, vor den Bauch gehaltenen

shishi-Maske befindet sich eine bewegliche

Kugel.

430

KARAKO

Elfenbein

H. 2,9 cm

Sign.: Gyokkôsai

Edo, ca. 1840/1870

Auf einer Trommel sitzend hat der Junge

den großen Bügel zum Spielen über seinen

Kopf geführt.

431

ZWEI KARAKO

Elfenbein

H. 2,7 cm; L. 4,6 cm

Spätes 19. Jh.

Die freundlich balgenden Knaben bilden

ein kompliziertes Knäuel.

432

ZWEI KARAKO

Elfenbein

H. 3,6 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Vor einem einteiligen Stellschirm (tsuitate)

steht ein Knabe mit Schriftrolle; vor ihm

kniet ein karako, der an der Papierrolle

zieht.

119


433

KARAKO

Elfenbein

H. 3,4 cm

Sign.: Hômin

Edo/Tokyo, ca. 1860/1880

Der Knabe bläst mit prallen Wangen eine

Trompete, wie sie beispielsweise in Nagasaki

bei chinesischen Festumzügen gespielt

wurde.

434

KARAKO

Elfenbein

H. 3,6 cm

Sign.: Rantei

Kyôto, 1. Hälfte 19. Jh.

Der Knabe benutzt einen Steigbügel als

Schaukel und hält sich an einem durch die

Öse geführten Stab fest. Das Gesicht des

Kindes mit den schmalen Augen, schweren

Lidern und breiten Nasenflügeln ist typisch

für den Schnitzer Rantei.

435

KNABE

Elfenbein

H. 3 cm

Sign.: Gyokuyôsai

Edo, ca. 1840/1860

Der Knabe mit kurzem Jäckchen und kessem

Haarschopf über der Stirn hält eine

Schildkröte, um die er eine Schnur gewickelt

hat.

436

DREI KNABEN

Drei Knaben

Elfenbein

H. 2,5 cm; L. 3,8 cm

Sign.: Ono Ryôji und kaô

Edo/Tokyo, ca. 1860/1880

Aus dem Spiel mit der Löwenmaske ist

Streit entstanden, die Knaben balgen sich.

In jedem Gesicht drückt sich der Schmerz

auf andere Weise aus. Auf den Gewändern

befinden sich in feiner Gravur verschiedene

Muster. Auf der Unterseite sind ein

Blattfächer, eine Maske, ein Stab und ein

geöffneter Faltfächer zu sehen.

437

KNABE

Kirschholz, himotôshi in grün gefärbtes

Bein gefaßt

H. 3,2 cm

Sign.: Miwa und kaô

Edo, spätes 18. Jh.

Der grinsende Knabe macht die bekkanko-

Geste und versteckt eine Hannya-Maske

hinter seinem Rücken. Eine typische Arbeit

des Miwa, der möglicherweise dieses Motiv

als erster geschnitzt hat.

438

KNABE MIT HÔKUZI

Buchsbaum und korallefarbenes Glas

H. 4,6 cm

Sign.: Ryûmin

Mitte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Der Knabe zieht an der realistisch dargestellten

Fruchthülle einer überdimensional

großen Lampionfrucht (hôzuki), um die

Frucht zu zeigen.

120


Hôzuki, die im Sommer ihre rotorangefarbene

Farbenpracht entfalten,

waren in Japan ein beliebtes Spielzeug, vor

allem von Mädchen, wie bereits in japanischer

Literatur des 11. Jahrhunderts geschildert

wird.

„Taking the red berry out of the calyx bag,

they bore a hole at the place where it was

attached to the stem, and slowly squeeze

out the seed out of the hole. She then has a

hollow round soft ball with a tiny hole. She

puts it into her mouth, and as she squeezes

it against her teeth and lips, it makes a faint

but pleasing sound.“ (Joya 1971, S. 400)

In Bezug auf Knaben schreibt Gabor Wilhelm:

„The slowly ripening fruit of the

hozuki bursting open suddenly to reveal its

red fruit was considered to be a symbol of

sexual awakening of boys in ancient Japan.“

(Sagemonoya 2004, Nr. 83)

439

KNABE

Buchsbaum

H. 3 cm

Sign.: Shinsai

Mitte 19. Jh.

Der Knabe in höfischer Kleidung und

eboshi auf der Schulter hält einen Pinsel in

der Rechten und einen Papierstreifen für

Gedichte (tanzaku). Ein Holzstab steckt

am Rücken, wohl um ein nach vorne Sinken

beim Einnicken zu verhindern. Die

Darstellung ist vielleicht Sinnbild des unermüdlichen

Fleißes eines Schülers.

440

KNABE MIT KLEINEM TIER

Elfenbein

H. 3,1 cm

19. Jh.

Ehemalige Sammlung Bushell

Das barfüßige Kind sitzt neben einem

Sack, aus dem ein Marder (ten) oder ein

Eichhörnchen (risu) steigt und seine Vorderpfoten

auf die vorgestreckte Hand legt.

441

KIND MIT FLUGDRACHEN

Manjû-Netsuke

Elfenbein

L. 4 cm

2. Hälfte 19. Jh.

In versenktem Relief ist ein Kind dargestellt,

das eine Spielzeug-Eule aus susuki-

Gras, das meibutsu (berühmtes Produkt)

des Gokoku-Tempels in Zôshigaya in Tokyo,

hält. Dieser Tempel war der Kishimojin

geweiht, der Schutzgöttin für leichte

Geburt und Kindererziehung. Heute noch

kann man diese Eulen aus bemaltem Papiermaché

oder Holz kaufen. Mimasu genannt,

dienen sie als Amulette für die Gesundheit

von Kindern. Eine andere Interpretation

der Eule ist, daß es sich um einen

Flugdrachen (tako) aus geflochtenem Weizenstroh

(mugi no wara) handelt. Auf der

Rückseite des manjû sind eine Trommel

und zwei Schlegel dargestellt.

442

KNABE

Elfenbein

H. 4,8 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Das Kind mit Pagenfrisur spielt mit einer

awabi-Schale, die es an einer langen

Schnur hinter sich her zieht.

443

KNABE

Elfenbein

H. 3,9 cm

Spätes 19. Jh.

121


Mit kindlicher Unbefangenheit zieht das

nur in eine Jacke gekleidete Kind den

Hund an seinen Hinterpfoten und am

Schwanz hoch. Da das himotôshi fehlt,

handelt es sich hier um ein kleines okimono.

444

KNABE

Elfenbein

H. 3,8 cm

Sign.: Ikko

Ca. 1860

Das korpulente, nur mit einem Lätzchen

bekleidete Kind versucht, in der Art einen

großen Kürbis zu heben wie der Blinde

einen Stein hebt, um damit seine Kraft

unter Beweis zu stellen (siehe Kat.-Nr.

362).

445

KNABE

Elfenbein

H. 2 cm; L. 4,4 cm

Sign.: Tomochika

Edo/Tokyo, 2. Hälfte 19. Jh.

Das über ein Sitzkissen (zabuton) krabbelnde

Kind hält eine Daruma-Puppe. Auf

dem Kissen liegen außerdem eine Trommel

mit tomoe-Motiv und ein Hammer.

446

KNABE MIT SCHILDKRÖTE

Elfenbein

H. 2,2 cm; L. 4,3 cm

Sign.: Shôunsai

Mitte 19. Jh.

Der japanische Knabe hockt vor einem

rechteckigen Wasserbecken, in dem Fische

schwimmen. An einem Band, das um den

Panzer gebunden ist, läßt er eine Schildkröte

ins Wasser. An der Hüfte trägt er

einen Beutel (kinchaku).

Das Motiv spielt vielleicht auf die Sitte an,

gekaufte Schildkröten oder Fische in Gewässern

freizulassen, um ein positives

Karma zu erwerben.

447

KNABE MIT TROMMEL

Elfenbein

L. 5,2 cm

19. Jh.

448

TROMMLER

Lack

H. 5,3 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Der Knabe steht in tänzerischer Pose auf

einem Bein im Gleichgewicht und schlägt

eine Schultertrommel (tsutsumi). Er trägt

ein höfisches Gewand mit Pluderhosen

und einen winzigen eboshi. Die Hosen sind

mit takokarakusa geschmückt, das Gewand

mit Kranichen zwischen Wolken, die Jacke

mit tachibana-Wappen und seigaiha-

Muster.

Bei dieser Figur könnte es sich um die Darstellung

einer der fünf Musikanten (gonin

hayashi) handeln, wie sie im Puppenaufbau

anläßlich des Mädchenfestes anzutreffen

sind.

449

KNABE

Lack und Elfenbein

H. 4,3 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Das feiste, auf den Fersen sitzende Kind

mit Pinsel zeigt eine Papierrolle (aus El-

122


fenbein), auf der das Schriftzeichen

kotobuki (Glück) geschrieben steht.

Das Gewand ist in hiramakie mit Regenpfeifern

(chidori) und Schilfmotiven dekoriert.

Gürtel und Gewandfutter sind rot

lackiert, das Inkarnat ist silberfarben.

123


Fabeltiere

Die chinesische, enzyklopädische Literatur

und deren japanische Versionen, vorrangig

das Wakan sanzai zue (Japanischchinesische

Sammlung von Illustrationen

zu den drei Urkräften), herausgegeben

von 1712 bis 1716, bilden eine große Zahl

von Tieren ab. Diese werden in vier

Gruppen unterteilt, die je von einem mythologischen

Tier angeführt werden: die

Haartiere vom kirin, die Schuppentiere

vom Drachen, die Schalentiere von der

Schildkröte und die Federtiere vom Phönix

(hôô). Diese vier Tiere werden gleichzeitig

entsprechend der chinesischen

Kosmologie mit den Himmelsrichtungen

(Westen, Osten, Norden, Süden) in Verbindung

gebracht. Bis auf die Schildkröte

sind kirin, Drache und Phönix Komposittiere

mit keiner Entsprechung in der Natur.

Neben dem kirin gibt es zahlreiche

weitere Tiere, deren Körper sich aus Bestandteilen

anderer Tiere zusammensetzen

und die durch Flammenzungen an

den Gelenken gekennzeichnet sind: das

kaichi mit dem Kopf eines Drachen, einem

Horn und dem Körper eines Löwen,

das hakutaku, das Ähnlichkeiten mit dem

kaichi hat, und das einhörnige sai (Rhinozeros)

mit einem Schildkrötenpanzer

auf dem Rücken. Diese Netsuke datieren

meistens aus dem 18. Jahrhundert. Die

Tiere sitzen oder stehen auf einer Sockelplatte

und haben Ähnlichkeit mit chinesischen

Siegeln, die sicherlich Vorbild für

die japanischen Schnitzarbeiten waren.

In den Mallehrbücher des 18.

Jahrhunderts erfolgt die Reihenfolge der

mythologischen Tiere nach Stellenwert,

Bedeutung und Symbolik. So führt das

Ehon shoshin hashiradate (1715) den Lö-

wen (shishi) an erster Stelle an, gefolgt

von Tiger, Elefant, kirin, suisai und baku.

Der Drache (ryû) führt die Schuppentiere

und Fische an, während der Phönix den

Vögeln voran gesetzt ist.

DER SHISHI

Shishi („Löwe“) oder kara-shishi (chinesischer

„Löwe“) werden in Japan jene

Tiere genannt, die mehr Ähnlichkeit haben

mit der tibetischen Langhaarhunderasse

lhassa-apso oder dem chinesischen

shizi als mit dem Löwen, der in Ostasien

nicht heimisch ist.

Shishi gelten als Verteidiger der

buddhistischen Lehre und – koma-inu

genannt – als Beschützer der Tempel. In

der buddhistischen Ikonographie ist der

shishi das Reittier der Bodhisattva Monju

(sanskrit Manjusri). Auch wird die Macht

der buddhistischen Lehre mit der Macht

des Löwen verglichen.

Ab dem 16. Jahrhundert sind die

shishi in Japan, wo ihre Darstellung aus

China übernommen wurde, auch Sinnbilder

von Kraft und Mut. Ihr Temperament

lassen sie aus im Spiel mit einem

Ball. Die Darstellung mit einem Ball leitet

sich von dem chinesischen Motiv des

Löwen, der mit einem Fadenknäuel spielt

(sche ze kuin sin t’schin, shizi ke ... qin),

ab. Es symbolisiert in China den Frieden

des Reiches: „Wenn von innen und außen

Friede waltet, können die Militärbeamten

(Löwen) harmlose Spiele treiben, Ball

spielen“ (Orientalisches Archiv, Bd. I,

1910/11, S. 148). Ein alter und ein junger

Löwe (chin. diashi und shaobao) symbolisieren

jeweils hohe Ämter im kaiserlichen

China.

124


Das Thema des shishi ist unter den

Netsuke sehr häufig. In der Frühzeit erscheinen

die shishi hauptsächlich auf siegelähnlichen

Stücken, die wohl nach chinesischen

Vorbildern gearbeitet wurden;

später in Kyoto sind shishi-Netsuke von

einer Tetraederform, wobei die Illustrationen

von Löwen mit in graphischem

Detail ausgeführter Mähne und Schwanz

in den Vorlagebüchern den Schnitzern

eine große Inspiration waren.

Im 19. Jahrhundert konzentrierten sich

die Schnitzer auf die Felldetails, das Maul

mit Zähnen und beweglicher Kugel, die

Weisheit symbolisiert, oder den Ball, der

gelegentlich als im shippô-Muster durchbrochen

geschnitzter „Brokatball“ ausgeformt

ist. Oft wird der shishi mit Päonien

dargestellt, der König der Tiere mit der

Königin der Blumen. Der Spruch „botan

ni shishi“ steht für „ein glücklicher Zufall“.

450

SHISHI

Elfenbein

H. 4,2 cm

17./18. Jh.

Die statuarische Auffassung dieses Löwen

mit geschlossenem Maul, der zur Seite

schauend auf einem Sockel sitzt, erinnert

an einen koma-inu (wörtlich: koreanischer

Hund). Koma-inu wurden paarweise als

Wächterfiguren vor den Eingängen von

Shinto-Schreinen aufgestellt. Der komainu

mit geschlossenem Maul hat ein kurzes

einzelnes Horn auf dem Kopf, während das

andere Tier, ein shishi, das Maul geöffnet

und den Kopf ein wenig gewendet hat. Als

Netsuke werden koma-inu sehr selten dargestellt.

451

SHISHI UND JUNGES

Elfenbein

H. 2,4 cm; L. 5 cm

Kyoto, spätes 18. Jh.

Der große shishi mit beweglicher Kugel im

geöffnetem Maul richtet seinen wilden

Blick nach oben. Auf dem Rücken liegt ein

Jungtier, das in die entgegengesetzte Richtung

schaut.

Die Gestaltung der Tiere wurde inspiriert

von Malvorlagebüchern.

Abb. 21

Shoshoku e kagami, 1794, S. 21a (oben)

452

SHISHI

Elfenbein

H. 3,9 cm

Sign.: Mitsuharu

Kyoto, 2. Hälfte 18. Jh.

Dieser sich umwendende shishi mit beweglicher

Kugel im Maul und mit über einen

Ball gelegten Vorderpranken ist eine typische

Arbeit für Mitsuharu aus Kyoto.

453

SHISHI

Elfenbein, Augen aus Horn

H. 3,9 cm; Ø 3,1 cm

Frühes 19. Jh.

Das seltene Thema des shishi in einer Kugel,

der diese wie eine Eierschale durchbricht,

ist als shishi no tamago (Die Geburt

des shishi) bekannt.

125


454

SHISHI MIT BALL

Elfenbein, Pupillen aus schwarzem Horn

H. 3,6 cm; L. 4,7 cm

Sign.: Ikkôsai

Mitte 19. Jh.

Der shishi mit beweglicher Kugel im Maul

legt seine Vorderpranken über einen Brokatball.

Auf dem Körper befinden sich

kleine Haarwirbeln in Gravur. Für Ikkôsai,

der für seine figürlichen Netsuke bekannt

ist, ist diese eine ungewöhnliche Arbeit.

455

SHISHI UND JUNGES

Elfenbein

H. 6,4 cm

Kyoto, 2. Hälfte 18. Jh.

Eine ungewöhnliche und amüsante Variante

des shishi-Themas ist diese Darstellung

einer nach oben schauenden Löwenmutter,

auf deren Kopf ein Jungtier sitzt,

das sich umwendet. Die Drehung der Körper

bringt Bewegung in die statische Dreiecksform.

456

SHISHI

Elfenbein

L. 6,2 cm

2. Hälfte 18. Jh.

Die dreieckige Form dieses Stückes ist typisch

für das 18. Jahrhundert. Ein solch

langestreckter shishi und der Schweif, der

wie ein Fliegenwedel aussieht, sind ungewöhnlich.

Den Ball hält er mit den Vorderpranken

und seiner Kinnlade fest.

457

SHISHI

Elfenbein

H. 2,7 cm

Sign.: Gyokuyôsai

Edo, Mitte 19. Jh.

Der shishi auf einem flachen Sockel spielt

mit einem Ball, der der Zähmung seines

Temperamentes dient.

458

SHISHI

Elfenbein, Ball aus Holz

H. 2,9 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Der Löwe versucht, über einen überdimensionalen

Ball zu klettern. Im Maul des Tieres

befindet sich eine bewegliche Perle,

wobei die Fangzähne deren Herausrollen

verhindern.

459

SHISHI

Buchsbaum, negoro-Lack und makie

H. 3,6 cm

Frühes 19. Jh.

Dieses Siegel-Netsuke mit shishi-Knauf

wirkt wie eine Nachahmung eines Bronze-

Siegels. Das Halsband mit anhängender

Glocke und der dünnen Schweif sind

Merkmale chinesischer Löwen-Hund-

Darstellungen.

460

SHISHI

Buchsbaum, Standplatte aus schwarzbraunem

Holz, Reste von Lackvergoldung

H. 3,5 cm

1. Hälfte 19. Jh.

126


Entsprechend der Verbindung des shishi

mit der buddhistischen Lehre, legt das Tier

hier seine Pranken über einen Tempelgong

(mokugyo). Ein ähnliches Stück ist im

Sôken kishô abgebildet.

461

SHISHI

Buchsbaum, Pupillen aus Gelbmetall

H. 3,4 cm

19. Jh.

Der muskulöse shishi steht auf einer flachen

Sockelplatte. Die Energie dieses Tieres

kann durch den kleinen Ball nicht gebändigt

werden. Mähne und Ohren wehen

wie von einem Windstoß erfaßt nach hinten.

462

ZWEI SHISHI

Buchsbaum, Augen aus gelbem und

schwarzem Horn

H. 3,3 cm

Sign.: Hideharu

2. Hälfte 19. Jh.

Ein Jungtier klettert über den Rücken des

Muttertieres. Die Beine sind im Verhältnis

zum Körper sehr dünn. Die Köpfe beider

unterscheiden sich von den üblichen Darstellungen

durch ein Aussehen, das mehr

dem von Dämonen als jenem von Tieren

ähnelt.

463

SHISHI

Elfenbein

L. 4,3 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Der shishi spielt mit einem durchbrochenen

Ball, in dem sich eine bewegliche Kugel

befindet.

464

SHISHI UNTER EINEM WASSERFALL

Kagamibuta-netsuke

Platte: shibuichi, Silber und Gold; Kapsel:

Elfenbein

Ø 4,4 cm

Mitte 19. Jh.

Auf den Rücken eines shishi prasselt ein

Wasserfall. Dieses aus der Malerei der Kano-Schule

entlehnte Motiv ist eine Allegorie

auf den unerschütterlichen Glauben an

die buddhistische Lehre.

465

SHISHI

Siegel-Netsuke

Elfenbein

H. 3,6 cm

Sign.: Kokusai

Tokyo, spätes 19. Jh.

Der auf einem ovalen Sockel sitzende shishi

beißt zur Zähmung seines Temperaments

in eine Kordel, die am Ring eines Brokatballs

befestigt ist.

Auf der Unterseite befinden sich die Siegelschriftzeichen

koku und sai, wobei das

Loch der Schnurführung Bestandteil des

zweiten Schriftzeichens ist.

Kokusai signierte in Siegelschrift und war

bekannt für die Verfremdung der beiden

Schriftzeichen. Auch wenn Motiv, Material

und Schnitztechnik nicht dem bekannten

Stil Kokusais entsprechen, könnte es sich

aufgrund der Qualität und des raffinierten

Arrangement der Schriftzeichen um eine

Arbeit dieses Künstlers handeln, als er

noch unter dem Einfluß seines Lehrer

Gyokuyôsai stand.

127


DAS KIRIN

Das kirin ist das bekanntesten Komposittier.

Seine Gestalt setzt sich zusammen

aus dem Kopf eines Drachen, dem Körper

eines Hirsches, den Beinen und Hufen

eines Pferdes und dem Schwanz eines

Ochsen. Die aus den Gelenken steigenden

Flammenzungen verweisen auf seine

überirdische Abstammung. Das markanteste

Merkmal jedoch ist das einzelne,

gebogene Horn auf dem Kopf. Das Tier

verkörpert sowohl das weibliche (ki) als

auch das männliche Element (rin).

Eine chinesische Enzyklopädie berichtet,

daß das kirin von zwei Sternen

gezeugt wurde, die sich alle tausend Jahre

nur einmal treffen. Von dieser romantischen

Erzählung rührt sein Image des

Einzelgängers und des ewig Einsamen.

Wenn das kirin gelegentlich zu Besuch

auf die Erde kommt, bleibt es unbemerkt,

weil es sich so leise bewegt und so sachte

auftritt, daß es kein Lebewesen stört, daher

gilt es als die Verkörperung der Grazie

und Güte. Es frißt weder frische

Pflanzen noch lebende Tiere, auch besitzt

es keine Stimme. Sein Erscheinen gilt als

gutes Omen und prophezeit das Kommen

eines großen Herrschers.

In den Darstellungen des kirin in

der Malerei und den Holzschnittbüchern

– nur das Morokoshi kinmô zui (Bilderlexikon

über China, 1719) bildet in Band 4

ein sitzendes kirin ab – tänzelt es mit geschupptem

Körper und mit graziös angehobenen

Hufen über den Erdboden. Als

Netsuke ist dies schwierig zu gestalten

und möglicherweise haben deshalb Tomotada

und andere Schnitzer aus Kyoto

in der 2. Hälfte des 18. Jahrhundert einen

kirin-Typ entwickelt, der auf seinen Hin-

terläufen sitzt, den Hals nach oben gestreckt

und das Maul zum Ruf geöffnet hat.

466

KIRIN

Elfenbein

H. 4,4 cm; L. 5,5 cm

18./19. Jh.

Das kirin mit zwei Hörnern auf dem Kopf

und geschupptem Körper ist im Begriff,

sich aufzurichten. Die Form dieses Netsuke

folgt der Biegung der ursprünglichen

Zahnwandung und bildet den handlichen

Knauf dieses Siegels mit Schriftzeichen in

relievo.

467

KIRIN

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 8,1 cm

19. Jh.

Der kirin hat den langen Hals nach oben

gestreckt und das Maul zu seinem lautlosen

Ruf geöffnet. Die Schnurführung verläuft

zwischen den eng zusammengestellten

Beinen und nicht wie üblich oberhalb

einer Flanke und der Unterseite.

468

KIRIN

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 6,7 cm

Spätes 18./19. Jh.

DAS BAKU

Im Wakan sanzai zue wird das baku beschrieben

als Komposittier mit Elefantenrüssel,

Augen eines Rhinozeros, dem

Schwanz eines Ochsen und den Füßen

eines Tigers. Es frißt alles, auch die bösen

128


Träume der Menschen. Bereits in der

Tang-Dynastie (618-906) hatte das baku

die Aufgabe, das Böse abzuwehren, wie

aus einem Gedicht des Bai Juyi (772-846,

jap. Hakurakuten) hervorgeht, und es

gab in Japan die Sitte, baku-

Darstellungen als Talisman gegen die

Pest an Häusern aufzuhängen (Eskenazi

1993, S. 124). Das baku wird auch mit

dem Nandina (nanten)-Strauch in Verbindung

gebracht (nanten bedeutet auch

„Schwierigkeiten aus dem Weg räumen“).

Die Darstellung in dem Wakan

sanzai zue und Kinmô zui (1666) ähnelt

einem Tapir, während Tachibana Morikuni

(1679-1748) in seinen zahlreichen

Malvorlagebüchern dem baku ein shishiähnliches

Aussehen verleiht. Diesen letzteren

baku-Typ haben sich die Netsuke-

Schnitzer als Vorbild genommen.

Das baku ist ein Tier der Nacht und wird

daher zum Mond hochschauend dargestellt.

Die eindrucksvollsten Interpretationen

des baku schufen die frühen Schnitzer

aus Osaka und Kyoto.

469

BAKU

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 5 cm

Sign.: Hôzan

18. Jh.

Die Merkmale des baku sind deutlich zu

erkennen: das einzelne Horn, der Elefantenrüssel,

der Schweif, die Pranken eines

Tigers und die Flammen, die aus den vorderen

Gelenken steigen sowie der schuppige

Panzer auf dem Rücken.

470

BAKU

Elfenbein

H. 3,3 cm

2. Hälfte 19./ frühes 20. Jh.

Ehemalige Sammlung Jordan

Ein kleines baku kauert auf einem kastenförmigen

Sockel und krallt die Pranken um

die Oberkante.

Proportionen und Knauf entsprechen denen

eines Siegels. Doch weist das Stücke

weder Tragespuren eines Netsuke noch

Siegelfarbereste im Material auf.

471

BAKU

Elfenbein

H. 4,3 cm

20. Jh.

Der Traumfresser hat die Gestalt eines

Tapirs, der auf einer Nackenstütze mit Kissenrolle

(makura) steht und aus dem Kissen

die bösen Träume saugt. Diese neuzeitliche

Interpretation zeigt, daß das Fabeltier

auch im heutigen Aberglauben verwurzelt

ist.

472

HAKUTAKU

Elfenbein

H. 4,2 cm

18. Jh.

Das Fabeltier hat einen Löwenkörper mit

großen Pranken, ein einzelnes kräftiges

Horn und große Flammen an den Gelenken.

Hakutaku wurden oft in dieser Siegelform

dargestellt. Die Schriftzeichen sind

stark verspielt geschrieben und nicht zu

lesen.

129


Das Morokoshi kinmô zui illustriert ein

hakutaku, das Vorbild für dieses Netsuke

gewesen sein könnte.

Abb. 22

Morokoshi kinmô zui, 1719, Bd. 14, S. 9a

473

KIRIN ODER KAICHI

Narwalzahn, Pupillen aus braunem Horn

H. 3,2 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Mit einem angehobenen Huf steht das einhörnige

Fabeltier auf einer ovalen Platte.

Der große, kantige Kopf mit Bart und wildem

Ausdruck, der schuppenlose Körper,

das stark ausgeprägte Rückgrat und der

buschige Schweif sind Hinweise, daß es

sich hier möglicherweise um das Fabeltier

vom Typ kaichi handelt, das oft ein wilderes

und männlicheres Aussehen hat als das

kirin.

Abgeb. in: Daruma 13, Bd. 4, Nr. 1 (Winter

1997), S. 42

474

Einhorn

Elfenbein, Pupillen aus Horn

H. 5,4 cm

18. Jh.

Das grazile Tier hat den Körper eines Hirsches,

dazu den langen, buschigen Schwanz

eines shishi. Es könnte sich um eines der

zahlreichen chinesischen Einhörner handeln,

z.B. das tianlu (jap. tenroku) oder lu

(jap. roku) Wahrscheinlich handelt es sich

bei dem Stück um ein ehemaliges Siegel.

475

TENROKU

Elfenbein

H. 3,9 cm

Frühes 19. Jh.

Der Kopf dieses Tieres ähnelt dem eines

Kamels oder Widders, der Körper entspricht

einem Hirsch.

Auch dieses Stück war ursprünglich ein

Siegel.

476

SUISAI

Ryûsa-manjû

Walroßzahn

Ø 4 cm

2. Hälfte 19. Jh.

Das Fabeltier mit kurzem Horn und

Schildkrötenpanzer auf dem Rücken

springt mit seinen Kuhbeinen über Wellen,

deren hohen Gischtzungen sich über dem

Tier einrollen. Die Rückseite zeigt in einem

Rund ein Bananenblättermotiv.

Dieses Wesen wird in der japanischen,

enzyklopädischen Literatur suisai (Wasserkuh),

später auch kaima (Meerespferd)

genannt. Die Darstellung des suisai mit

nach hinten gewendetem Kopf wurde

möglicherweise von der Illustration im

Ehon shoshin hashiradate inspiriert.

Abb. 23

Ehon shoshin hashiradate, 1794 (Erstauflage

1715), Bd. 1, S. 4a (unten)

477

PHANTASIETIER

Buchsbaum

L. 3,3 cm

20. Jh.

130


Dieses Tier hat zwar die Attribute eines

Drachens, in seiner Gesamterscheinung

wirkt es jedoch wie ein Eber.

DER DRACHE

Der Drache (ryû/tatsu) ist in China das

zweite der kosmologischen Tiere und in

ganz Ostasien das fünfte Zodiaktier. Er

repräsentiert den 3. Monat und steht für

die Stunden von 7 bis 9 Uhr. Der Drache

verkörpert das männliche Prinzip und

wird mit Wind, Regen und Wolken in

Verbindung gebracht. Da er für den

Frühlingsregen, der die Saat zum Sprießen

bringt, verantwortlich ist, verkörpert

er die immerwährende Erneuerung des

Universums und die geheimnisvolle, regenerative

Macht der Schöpfung. Der

chinesischen Überlieferung nach soll das

Spiel zweier Drachen mit einer Perle Regen

verursachen.

Der Drache führt in der enzyklopädischen

Literatur die Schuppentiere

an. Das Wakan sanzai zue illustriert acht

verschiedene Drachen. An erster Stelle

steht der Drache, der aus den Wolken

kommt (ryû/tatsu) und einen Schlangenkörper

mit Zacken am Rückgrat hat. Auf

dem Kopf sitzen zwei Hörner und vom

Kinn hängen Barthaare. Die kurzen Beine

enden in drei, vier oder fünf Klauen.

Dieser Drachentyp mit einer von Flammen

umzüngelten Perle (Symbol der

Reinheit) kommt in der Kunst am häufigsten

vor. Andere Drachen, die auch als

Netsuke dargestellt werden, sind der geflügelte,

gehörnte Drachen

(hiryû/tobitatsu) und der schlanke,

schuppenlose Regendrache (amaryû).

478

DRACHE

Elfenbein

H. 4,2 cm; L. 5,8 cm

18. Jh.

Ehemalige Sammlung Buzaglo

Das rechteckiges Elfenbeinstück ist beschnitzt

mit einem Drachen, der aus den

Wolken herabsteigt und auf die Wasseroberfläche

aufsetzt. Patina auf der Rückseite,

Altersrisse, die große Bohrung für die

Schnurführung und massige Form sind

Hinweise auf eine Arbeit aus dem 18. Jahrhundert.

Abgeb. in: Aalderink, 1985, Kat.-Nr. 463

479

AMAKURIKARA

Elfenbein

L. 13,2 cm

18. Jh.

Amakurikara ist die Verkürzung des Wortes

amaryû-kurikra-ken (Wörtlich:

Schwert, um das sich ein Drache windet).

Dargestellt ist ein zweischneidiges Zeremonialschwert

im chinesischen Stil mit

einen vajra-Griff, um dessen Klinge sich

ein geschuppter Drache windet.

Der Überlieferung nach kam es zwischen

der Schutzgottheit Fudô Myôô und dem

Vertreter einer anderen Religion zum

Wettkampf, bei dem sich Fudô in den Drachen

Kurikara verwandelte, sich um das

Schwert des Gegners wand und dieses von

der Spitze her verschlang. Dieses Schwert

wurde als Kurikara-Fudô verehrt.

Ein solches Schwert wird auch in Verbindung

gebracht mit dem Mönch Kôbô daishi

(774-835) der Shingon-Sekte des esoterischen

Buddhismus. Eine Legende besagt,

131


daß er ein amakurika-Schwert benutzte, als

er eines Tages, um die Bevölkerung vor

einer Trockenperiode zu bewahren, um

Regen bat (amagoi). Daher heißt dieses

Schwert auch amagoi-ken. Dieses Netsuke

könnte die Funktion eines Talismans für

die Bitte um Regen, der zur Bewässerung

der Reisfelder wichtig war, gehabt haben.

Abb. 24: Hokusai manga, 1875 (Erstauflage

wahrscheinlich 1850), Bd. 13, S. 2b

480

GEFLÜGELTER DRACHE

Elfenbein, Pupillen aus Horn

L. 7,1 cm

19. Jh.

Dieses kompakte Stück ist eine Kopie nach

dem Modell, das im Sôken kishô abgebildet

ist und zusammen mit fünf weiteren auf

der Doppelseite illustrierten Netsuke dem

Schnitzer namens Unjudô Shumemaru

zugeschrieben wird. Dort wird es wegen

der Flügel als hiryû bezeichnet. Auf dem

Rücken sind statt der üblichen Schuppen

Vogelfedern geschnitzt. Der runden Öffnung

im Boden entspricht keine zweite

Öffnung (wie bei himotôshi nötig).

Abb. 25

Sôken kishô, 1781, Bd. 7, S. 6b

481

DRACHE

Elfenbein

H. 1,5 cm; L. 4,8 cm

Sign.: Jusen

19. Jh.

Ein Drache entsteigt einer Almosenschale

und legt seine Vorderkrallen auf den zusammengerollten

Teil einer Querrolle, auf

dem ein Fliegenwedel liegt.

Vielleicht handelt es sich hier um eine Anspielung

auf den rakan Handaka Sonja.

482

DRACHE

Buchsbaum

H. 3,6 cm

Ca. 1830/1840

Der Körper des Drachen bildet einen Kreis

und umschließt eine bewegliche Kugel. Die

Darstellung veranschaulicht die Bedeutung

des Drachens als Bewahrer und Beschützer

der Perle (tama), Symbol der buddhistischen

Lehre.

483

DRACHE

Buchsbaum

H. 5 cm; L. 2,3 cm

Sign.: Fushô

Ca. 1830/1850

Der zusammengerollte Drache bildet eine

handliche, kompakte, rechteckige Form.

Die Oberfläche weist deutliche Tragespuren

auf. Dieser Typus wurde von Fushô

mehrfach geschnitzt.

484

DRACHE IN EINER KALEBASSE

Elfenbein

H. 4,5 cm

Sign.: Toyomasa

Sasayama, Provinz Tanba, ca. 1865/1883

In einem gekrümmten Doppelkürbis

(hyôtan) befindet sich ein Drache, der

durch drei große Öffnungen in der Wandung

zu sehen ist. Dies ist wahrscheinlich

eine Anspielung auf den sennin Chinnan,

der einen Drachen aus einer Schale oder

einem Kürbis steigen läßt.

132


Das Motiv eines Tieres in einer Frucht hat

Toyomasa oft dargestellt. Ein ähnliches in

Holz gearbeitetes, Toyomasa signiertes

Netsuke befindet sich im Victoria & Albert

Museum, London. Das Material Elfenbein

ist aber für diesen Schnitzer ungewöhnlich.

Nach Alain Ducros handelt es sich hier um

eine Arbeit seines Sohnes, Hidari Toyomasa

(auch bekannt als Toyoyasu, 1810-

1883).

Veröffentlicht in Ducros 1993, S. 20 (nicht

abgebildet)

485

DRACHE

Buchsbaum, Pupillen und Knäufe (jiku)

der Rolle aus schwarzem Holz

L. 3,9 cm

Sign.: Masami

Ise, ca. 1970/1983

Der Drache entsteigt einer Hängerolle.

Dieses Motiv wurde auch von Masamis

Onkel Masashige geschnitzt (Sunamoto

1987, S. 104).

486

DRACHE

Buchsbaum, Augen eingelegt

H. 2,2 cm; L. 4,4 cm

Sign. auf Elfenbeinplättchen: Tanetoshi

Kyoto, ca. 1978 (erworben 1991)

Der mächtige zusammengerollte Drache

beißt in seine Schwanzspitze. Eine Kralle

seiner großen Klauen hat er über das Juwel

gelegt.

Ein solches Drachen-Netsuke wurde im

Mai 1978 in einer Ausstellung zeitgenössischer

Netsuke von Sunamoto Ivory & Co.,

Ltd. in Tokyo angeboten.

487

DRACHE

Ebenholz, Pupillen aus grün schillerndem

Perlmutt

L. 4,6 cm

19. Jh.

Ehemalige Sammlung Robert L. Greene

Das Tier schaut aus einem aufgerollten

kakemono (Hägerolle). Dies ist möglicherweise

eine Anspielung auf den berühmten

chinesischen Maler Wu Daozi des 8. Jahrhunderts.

Der Legende nach soll er einen

Drachen gemalt haben, der so realistisch

war, daß er lebendig wurde und davon

schwebte.

Abgeb. in: Eskenazi 1973, Kat.-Nr. 58

488

DRACHE

Manjû-Netsuke

Silber, Augen und tama mit Spuren von

Vergoldung

Ø 5,1 cm

Sign.: Kikugawa und kaô

Edo, ca. 1830/1870

Die Schauseite dieses manjû zeigt einen

sich windenden Drachen mit einer tama

auf fein gepunztem Grund (ishime); auf

der Rückseite sind aufreißende Wolken

dargestellt.

489

DRACHE

Manjû-Netsuke

Porzellan mit Unterglasurblaudekor;

Pflock aus Bein (ergänzt)

B. 4 cm

Ca. 1850/1880

133


Zwischen spiralig sich einrollenden Wolken

ist ein Drache erkennbar.

Das manjû gehörte ehemals zu einem wohl

in ähnlicher Weise dekorierten Porzellaninrô.

Diese waren in der Ära Bunka (1804-

1818) und Ära Bunsei (1818-1830) in Mode.

Kleine Brennöfen unter lehensfürstlicher

Schirmherrschaft wie Kotô in Ômi

(heute Präfektur Shiga), Otokoyama in Kii

(heute Präfektur Wakayama), Kameyama

in Kyoto und Mikawachi (Hirado-Ware)

in Hizen (heute Präfektur Nagasaki) produzierten

solche Ensembles, die von den

daimyô als Geschenke verteilt wurden.

490

REGENDRACHE

Holz

L. 7,1 cm

Spätes 19./20. Jh.

Der amaryû mit zweigeteiltem Schwanz

kriecht über ein langes Blatt.

491

REGENDRACHE

Obstbaumholz

H. 6,2 cm

Im Stil des 18. Jh.

Ehemalige Sammlungen Behrens und

Brockhaus (Index-Karte Nr. 1792, erworben

1908)

Auffallende Merkmale dieses stehenden

Drachens sind das angedeutete Horn auf

dem Kopf, der S-förmige Hals, der schuppenlose

Körper und die winzigen, spitzen

Füße.

Dieser Netsuke-Typ ist im Sôken kishô in

der Abteilung Tôbori (Chinesische Schnitzereien)

abgebildet und hat zahlreiche

Nachahmer gefunden. (Abb. 13)

492

REGENDRACHE

Elfenbein

H. 3,8 cm; L. 5,8 cm

19. Jh.

Der schuppenlose Drache mit zwei Hörnern

und S-förmig gewundenem Körper

und zweigeteiltem Schwanz ist stilisiert

dargestellt. Ohren, Brauen, Barthaare, Nüstern,

die aus den Gelenken hervortretenden

Flammenzungen und die schlanken

Krallen rollen sich volutenartig ein. Alle

Charakteristika bis auf die beiden Hörner

sind Hinweis auf einen amaryû.

Dieses Netsuke wurde von der Illustration

eines Drachen im Sôken kishô inspiriert.

Abb. 26

Sôken kishô, 1781, Bd. 7, S. 15a

493

REGENDRACHE

Ryûsa-manjû

Elfenbein

Ø 4,2 cm

Tokyo, ca. 1875

Die Gestaltung des amaryû mit sehr

schlankem, glattem Körper, großem Kopf

mit gesträubter Mähne, aufgerissenem

Maul und sich einrollender Nase ist typisch

für die Schnitzer aus Asakusa. Auf der

Rückseite ist ein Wasserstrudelmotiv zu

sehen.

Ähnliche amaryû-Motive sind im Musterbuch

Banbutsu hinagata gafu abgebildet.

Da jeweils zwei Ansichten gezeigt werden,

handelt es sich wohl um Motive für ryûsamanjû.

Diese Dekore werden kodai moyo

(Muster aus alter Zeit) genannt.

Abb. 27: Banbutsu hinagata gafu, 1874, Bd. 2,

S. 8a

134


494

REGENDRACHEN

Ryûsa-manjû

Hirschhorn

B. 4 cm

Tokyo, ca. 1875

Ehemalige Sammlung Liss

Über einer stilisierten Wolke stehen sich

zwei Regendrachen gegenüber, zwischen

ihren geöffneten Mäulern befindet sich ein

Juwel.

Abgeb. in: Denis Szeszler, „Some Master

Netsuke Carvers Working in the Meiji Period“,

in: NKSJ, Bd. 13, Nr. 4 (Winter

1993), S. 22, Abb. 23

495

REGENDRACHE

Ryûsa-manjû

Walroßzahn

Ø 4,7 cm

Tokyo, ca. 1870/1880

Aus einem dreibeinigen Weihrauchbrenner

im chinesischen Stil entsteigt in der Art

einer Rauchfahne ein schlanker Regendrache.

Er ist umgeben von Wolken, Lotosknospe

und stilisierten aoi (Aasarum

caulescens)-Blättern.

Form, Material und Motiv sprechen für

eine Arbeit aus dem Umkreis des Kokusai.

PHÖNIX

Der hôô, im europäischen Sprachgebrauch

als Phönix bezeichnet, ist das

dritte der vier übernatürlichen Tiere.

Sein Körper setzt sich zusammen aus

dem Kopf eines Huhnes, dem Hals einer

Schlange und dem Rücken einer Schildkröte.

Der Überlieferung nach erscheint

der Vogel nur in Zeiten des Friedens und

Wohlstandes. Er symbolisiert daher das

Glück.

Als Motiv wurde der Phönix in

China vorzugsweise auf Bildern und Gegenständen

dargestellt, die in Verbindung

mit dem Kaiserhaus standen. Dieser

Bezug zum Kaiserhaus und dem Shogunat

wurde in Japan übernommen. Als

Netsuke ist der Phönix, mit Ausnahme

der ryûsa-manjû derSchnitzer, die im Stil

des Kokusai arbeiteten, nur selten anzutreffen.

496

PHÖNIX

Elfenbein

H. 3,9 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Ehemalige Sammlung Bushell

Der männliche Phönix, erkennbar an seinen

pfauenähnlichen Schwanzfedern und

dem kleinem Kamm, kauert mit zum Picken

geneigtem Kopf über einem tonnenförmigen

Gebilde aus kiri-Blüten, -Blättern

und Blattranken. Hôô-Vogel und kiri sind

ein festes Motiv.

Abgeb. in: Bushell 1975, S. 219, Abb. 708

497

PHÖNIX

Kagamibuta-Netsuke

Platte: Steinzeug mit Emailfarben und

Gold; Kapsel: schwarz gefärbtes, ausgebürstetes

tagayasan-Holz

Ø 5,3 cm

Satsuma-Ware

Wahrscheinlich Tokyo, ca. 1880

Die gewölbte Platte dieses kagamibuta ist

dekoriert mit einem hôô-Vogel sowie kiri.

Dieser Typ von Keramik ist unter dem

135


Begriff Satsuma bekannt. In der Art dieser

Kagamibuta-Platte wurden auch Knöpfe

und Gürtelschnallen für den Export in den

Westen hergestellt.

498

PHÖNIX

Ryûsa manjû

Bein, vielleicht Hirschhorn

H. 2,3 cm; L. 3,5 cm

19. Jh.

Auf beide Seiten des eiförmigen manjû ist

ein stilisierter Phönix mit ausgebreiteten

Schwingen geschnitzt.

Das manjû ist sehr gut ausgehöhlt und

daher ungewöhnlich leicht.

136


Tiere

Seit dem 18. Jahrhundert fanden zunehmend

Tiere Eingang in das Repertoire

der Maler und Kunsthandwerker. Wahrscheinlich

steht dies in Zusammenhang

mit dem Interesse an den Naturwissenschaften,

das durch die Einfuhr zoologischer

und anderer naturwissenschaftlicher

Bücher aus Holland geweckt wurde.

Stark beeinflußt von den neuen, naturwissenschaftlichen

Methoden des Zeichnens

und geleitet von dem Bestreben

nach naturgetreuer Wiedergabe war der

Maler Maruyuma Ôkyo (1733-1795) in

Kyoto. Er und seine zahlreichen Schüler

schufen naturalistische Tierbilder, die

auch das Verhalten der Tiere unter- und

miteinander zeigen.

Am häufigsten finden sich unter

den Netsuke die Tiere des Zodiakus. Die

japanische Zeitrechnung basierte bis zur

Meiji-Zeit auf den Zehn Erdstämmen

(jikkan) und den Zwölf Himmelszweigen

(jûnishi). Die Kombination dieser beiden

Reihen ergibt einen Sechzigerzyklus,

nach dem im alten Kalender die Jahre,

Monate und Tage durchgezählt wurden.

Den Zwölf Himmelszweigen werden folgende

Tiere zugeordnet: Ratte, Stier

(Ochse), Tiger, Hase, Drache, Schlange,

Pferd, Widder (Ziege), Affe, Hahn, Hund

und Eber. Netsuke, die eines dieser Tiere

darstellen, konnten an einem Tag, in einem

Monat oder während eines ganzen

Jahres, dem spezifischen Tierkreiszeichen

entsprechend, getragen werden. Man

kennt auch Kombinationen von Tieren,

die eine Doppelstunde anzeigen, Sätze

von zwölf Tierkreiszeichen oder Netsuke,

die alle zwölf Tiere vollplastisch oder im

Relief auf einem manjû oder auf einer

Walnuß darstellen.

Viele Tiere entnahmen die Schnitzer

dem Alltag der Bauern oder Fischer.

Die Bergwelt war bewohnt von Hirschen,

Wölfen, Affen, Bilchen und Adlern. In

Feld und Flur lebten Füchse und Dachse,

Marder, Hasen, Eber, Wachteln, Schlangen

und Kröten. Fische wurden wohl wegen

ihrer Bedeutung als Grundnahrungsmittel

immer wieder dargestellt.

Die Abbildung von Insekten kam in der

Malerei des späten 18. Jahrhunderts auf

und beeinflußte auch die Schnitzer.

Die Zodiakus-Tiere gehörten mit

zu den ersten Netsuke-Motiven, die nicht

von chinesischen Sujets beeinflußt waren.

Die Schnitzer Tomotada, Masanao und

Okatomo sowie ihre Nachfolger in Kyoto

ab der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts spezialisierten

sich auf diese Tiere. Sie schufen

realistische Wiedergaben, wobei artspezifische

Eigenschaften und jahreszeitliche

Assoziationen berücksichtigt wurden.

Tier-Netsuke wurden in der ersten

Hälfte des 19. Jahrhunderts dann vorwiegend

von den Schnitzern in den Provinzen

Ise und Owari hergestellt. Die

Masanao in Ise sind für ihre Kröten, Hasen

und Eber berühmt geworden. In Tsu

schuf Minkô vor allem Tiger und tanuki,

während Kokei sich auf Kröten und Ziegen

spezialisierte. In Nagoya und dem

nahegelegenen Gifu waren Ratten besonders

beliebt, und eine Reihe von Schnitzern

dort haben Schnecken gefertigt. Alle

Darstellungen zeichnen sich durch eine

naturgetreue Wiedergabe aus, oft wurde

auch die Unterseite sorgfältig ausgeführt.

In vielen Fällen bildet eines der Hinterbeine

eine natürliche Öffnung für die

137


Schnurführung, im Gegensatz zu den

Tier-Netsuke des späten 18. Jahrhunderts

in Kyoto, wo die Löcher des himotôshi in

die Unterseite und in die Flanke eines

Tieres geschnitten sind. Diese kleinen

und kompakten Netsuke sind raffinierte

und elegant konzipierte Tierstudien. In

der Zeit um 1830 bis 1850 wurden vor

allem von Toyomasa aus Tanba Netsuke

in Form von Tieren in einer Frucht

(Kürbis, Kastanie) oder einem Ei geschnitzt:

Affen, Drache, Schlange u.a.

Eine Vorliebe für Insekten hatten die

Netsuke-Schnitzer aus der Provinz Iwami.

Sie bezogen Spinnen, Tausendfüßler

und Ameisen in ihre Arbeiten ein.

499

ZODIAKUS

Walnuß, Pupillen aus Gold

H. 3,2 cm

Sign.: Rokujûgo (der 65jährige) Kôzan

1851

Die Darstellung der zwölf Tierkreiszeichen

(jûnishi) auf Nüssen gehört zu den größten

Bravourstücken der Netsuke-Schnitzerei.

Hier dargestellt sind: der Affe in einem

Pfirsich-Baum, der Hahn auf einem Felsen,

die Ratte auf Daikokus Reisballen, Ochse,

Pferd, Hund und Ziege auf der Weide, der

Drache in den Wolken, der Hase über

Wellen, der Eber zwischen sasa (Zwergbambus)

an einem Felsen, der Tiger schaut

zum Drachen hoch.

500

ZODIAKUS

Elfenbein, Augen aus verschiedenen Materialien

H. 6,6 cm

Sign.: Tanetoshi

Kyoto, ca. 1978 (erworben 1989)

Um einen großen, aufsteigenden Drachen

gruppieren sich die anderen elf, großen

und kleinen Tiere des Zodiakus, die den

Körper des Drachen wie eine Leiter nutzen.

Tanetoshi hat hier ein Thema, das

auch von seinem Vater Meigyokusai gerne

geschnitzt wurde, in einer neuartigen Weise

interpretiert.

DER AFFE

Der Affe (saru) ist das neunte Zodiaktier,

das den 7. Monat repräsentiert und die

Stunden zwischen 15 und 17 Uhr anzeigt.

Der Affe steht mit Fruchtbarkeit in Verbindung

und man glaubt, daß er die

Menschen vom Bösen bewahrt, Krankheiten

abwehrt und zu Nachwuchs verhilft.

Er wird in Verbindung gebracht

mit der Wegegottheit Kôshin, die eine

Rolle spielte bei der alljährlichen Nachtwache

am 57. Tag des Jahres, wenn die

Dämonen auf der Flucht waren, sowie

mit dem Sannô-Kult. Außerdem ist der

Affe Bote des Berg-Gottes (Yama-nokami).

Früher fungierte der Affe als Beschützer

der Pferde in den kaiserlichen

Ställen und diente als dressiertes Tier zur

Belustigung der Bevölkerung. Er ist

Thema der Erzählung von Ryûjin, der

Qualle und dem Affen sowie des Kindermärchens

Saru kani kassen (Der Streit

zwischen dem Affen und der Krabbe),

wobei er zusammen mit einer Krabbe,

einer Wespe und einer Kastanie dargestellt

wird.

Wahrscheinlich beeinflußten die

chinesischen Affen-toggle die frühesten

Affendarstellungen unter den Netsuke.

Der Affe war in China ein beliebtes togg-

138


le-Motiv, da das Wort hou sich für verschiedene

Wortspiele und Rebusse eignete.

Sie haben einen rundlichen Kopf mit

kreisrunden Augen, oft drei wellenförmige

Stirnfalten und einen grinsenden

Mund mit Falten in den Mundecken. Die

späteren Darstellung von Affen zeigen

ihn hingegen mit einem naturalistisch

ausgeformten Kopf, in Sippen, bei der

Fürsorge der Jungen, in Situationen, die

seine Neugier befriedigen, beim Naschen

von Früchten und beim Lausen. Die

Netsuke-Schnitzer nutzten die Darstellungen

von Affen auch gerne als eine Satire

auf menschliche Schwächen.

501

ZWEI AFFEN

Buchsbaum, Pupillen aus Horn

H. 3,9 cm; B. 5,2 cm

18. Jh.

Am Fuße eines Felsens, hält ein Affe den

Fuß eines anderen fest, der mit einem Pfirsichzweig

flieht. Unwillkürlich denkt man

an Songokû, eine der Hauptfiguren im

chinesischen Roman Saiyûki (siehe Kat.-

Nr. 94 und 95), der in den Palastgarten der

Seiôbô unerlaubt die Pfirsiche der Unsterblichkeit

frißt.

502

DREI AFFEN

Elfenbein

Ø 4,8 cm

18. Jh.

Die drei Affen bilden einen Kreis, wobei sie

jeweils mit der linken, nach hinten gehaltenen

Pfote den folgenden Affen abwehren.

Möglicherweise wurde hier ein alter, als

Netsuke dienender Elfenbeinring (kara)

umgestaltet. Die drei Affen können mit

Kôshin, Wegegott und Schutzgottheit in

Verbindung gebracht werden.

503

AFFE

Elfenbein

H. 4,4 cm

18. Jh.

Der Affe mit Pfirsichzweig erinnert in seiner

Haltung an den Netsuke-Typus des auf

einem Felsen sitzenden rakan.

504

AFFE

Elfenbein

H. 2,4 cm; B. 3,9 cm

18./frühes 19. Jh.

Der Affe mit über den Rücken gelegter

Pfote liegt auf einer geriffelten Kastanie

und hält die Schnur einer Schelle. Solche

Schellen hängen an Shinto-Schreinen und

dienen der Anrufung der Götter.

505

AFFE

Siegel-Netsuke

Elfenbein

H. 5,4 cm

18. Jh.

Der Affe mit eboshi auf dem Kopf steht auf

einem doppelkürbisförmigen Sockel und

hält ein Bambusrohr.

Hier wird der Ausspruch „saru ni eboshi“

(dem Affen eine vornehme Mütze aufsetzten)

illustriert, ein Ausdruck für nicht

standesgemäßes Verhalten.

Auf der Unterseite befinden sich zwei Siegelschriftzeichen.

139


506

DREI AFFEN

Elfenbein

H. 4,2 cm

18. Jh.

Drei spielende Affen klettern an einem

Stellschirm (tsuitate) herum.

507

AFFE

Elfenbein

H. 2,9 cm; B. 3,2 cm

18. Jh.

Der verschmitzt grinsende Affe in einem

gespaltenen Pfirsich ist eine Anspielung

auf die Märchenfigur Momotarô, der aus

einem Pfirsich geboren wurde.

508

AFFE

Elfenbein

H. 1,8 cm

Frühes 19. Jh.

Das Äffchen, das an der ärmellosen Weste

als der dressierte Affe eines sarumawashi

zu erkennen ist, liegt auf einem steifen Fächer

von chinesischer Art.

509

AFFE

Elfenbein

H. 2,1 cm; L. 4,5 cm

18./frühes 19. Jh.

510

AFFE

Elfenbein

H. 3,3 cm

18. Jh. oder früher

In einem bizarr geformten Rebstock mit

Trauben hockt ein Äffchen. Aufgrund des

für Japan ungewöhnlichen Sujets und des

Stils könnte es sich um ein chinesisches

toggle handeln.

511

AFFE

Kagamibuta-Netsuke

Platte aus Eisen mit Einlagen aus Kupfer

und Gold; Kapsel aus Elfenbein

Ø 4,3 cm

1. Hälfte 19. Jh.

Die Platte ist dekoriert in Relief mit einem

Gaukleraffen, der von einem Seil hängt

und einen Fächer schwingt.

512

AFFE

Elfenbein

H. 2,3 cm; B. 3,9 cm

Mitte 19. Jh.

Es gibt keine Deutung dieses Themas eines

aus einer Kastanie krabbelnden Affens. Die

Kombination von Frucht und Tier kann

sich aus dem gleichen Habitat erklären.

513

SIEBEN AFFEN

Elfenbein

H. 2,2 cm; L. 6,3 cm

Frühes 19. Jh.

Die Darstellung von sieben Affen auf einem

Kahn ist möglicherweise eine Persiflage

auf die Sieben Glücksgötter im Drachenboot.

140


514

ZWEI AFFEN

Elfenbein

H. 3,1 cm

Ca. 1800/1830

Ehemalige Sammlung Wohlthat

Auf der Schulter der Affenmutter mit Pfirsichen

in beiden Pfoten kauert ein Junges.

Die süßen Früchte sind Hinweis auf die

Naschsucht dieser Tiere.

515