Marnie fliegt - Hans Otto Theater

hansottotheater.de

Marnie fliegt - Hans Otto Theater

Magazin#15


2 intro

Liebe Besucher des Hans Otto Theaters,

am 8. September sind wir mit einem Großen Theaterfest schwungvoll in die neue Saison gestartet. Über 3.500 Gäste haben

das Theater vor und hinter den Kulissen erkundet, an öffentlichen Proben teilgenommen, in einer kleinen Theaterweltreise

unser Programm kennengelernt, Aufführungen besucht und mit uns den Auftakt der Spielzeit gefeiert.

Ich freue mich auf eine reiche und vielfältige Spielzeit 2012/2013. Sie beginnt mit einer Uraufführung. In Uwe Tellkamps Gegenwartsroman

»Der Eisvogel« wird die Geschichte eines sensiblen und hochbegabten jungen Mannes erzählt: Wiggo Ritter

wird Philosoph, um zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber die Gesellschaft hat keine Verwendung für

ihn. Er findet Halt bei einem Freund, der ihn in einen demokratiefeindlichen Kreis einführt. Wie in seinem Wenderoman

»Der Turm« gelingt Uwe Tellkamp mit dieser Geschichte ein brisantes Zeitporträt. Stefan Otteni wird »Der Eisvogel« in der

Bearbeitung von Ute Scharfenberg inszenieren.

In Henrik Ibsens »Ein Volksfeind« entdeckt der Arzt Tomas Stockmann, dass das gute Wasser, das seine Heimatstadt in ein

gewinnbringendes Kurbad verwandelt hat, durch Industrieabwässer verseucht ist. Aber wer will diese Wahrheit hören? Ibsen

ließ 1883 ein Szenario erstehen, das uns auch heute noch den Widerspruch zwischen der Macht im Staat und der Macht, die

vom Volke ausgeht, modellhaft vor Augen führt.

Yasmina Reza, die feinsinnige und gnadenlose Beobachterin bürgerlicher Denk- und Handlungsweisen, gibt in ihrer klugen

Komödie »Drei Mal Leben« einem Astrophysiker mit Karrierehoffnungen die Gelegenheit, einen Abend mit seinem Chef in

drei verschiedenen Versionen zu erleben.

Für Kinder und Familien hat unsere Spielzeit bereits mit zwei Premieren begonnen: Peter Kube hat Michael Endes lustigen

»Wunschpunsch« auf die Bühne gezaubert, und Kerstin Kusch hat die neunjährige Marnie McPhee auf ihrem Flug zum Mars

und zurück begleitet. »Marnie fliegt« heißt diese Deutschsprachige Erstaufführung des neuen Stückes von Daniel Karasik.

Ich freue mich auf Ihren Besuch! Ihr

Tobias Wellemeyer, Intendant

Oktober-November 2012 www.hansottotheater.de

herausgeber Hans Otto Theater GmbH Potsdam | Schiffbauergasse 11 | 14467

Potsdam intendant Tobias Wellemeyer geschäftsführender direktor

Volkmar Raback Kuratoriumsvorsitzende Dr. Iris Jana Magdowski | Amtsgericht

Potsdam, HRB 7741 Redaktion Dramaturgie und Öffentlichkeitsarbeit

Layout Thomas Matauschek fotografie HL Böhme (Eisvogel, Waisen,

Volksfeind, Porträt Finkenwirth), Göran Gnaudschun (Titel, Drei Mal Leben,

Wunschpunsch, Marnie fliegt, Porträts S. Dahme und A. Finkenwirth, Foyer),

Uta Protzmann (Theaterfest), Frank Brendel (Porträt J. U. Sprengel) Druck

Brandenburgische Unversitätsdruckerei und Verlagsgesellschaft Potsdam mbH

Ein Unternehmen der Landeshauptstadt Potsdam, gefördert mit Mitteln der Landeshauptstadt

Potsdam und des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und

Kultur des Landes Brandenburg.

Theaterkasse Mo-Fr 10-18 Uhr, Sa 10-14 Uhr außer an Feiertagen

Telefon (0331) 98 11- 8 Fax (0331) 98 11-900

e-Mail kasse@hansottotheater.de

Die Abendkasse öffnet eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.

Abonnementbüro Mo / Do 10-12 Uhr und 16-18 Uhr

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#15

Waisen

von Dennis Kelly

»Man merkt der Inszenierung an, dass sehr präzise

und intensiv an kleinsten Gesten gearbeitet wurde.«

www.nachtkritik.de

»Mit Regisseur Stefan Otteni und den Schauspielern

Franziska Melzer, Alexander Finkenwirth und Raphael

Rubino hat Dennis Kelly vier Künstler gefunden, die

seine ›Waisen‹ meisterhaft auf die Bühne bringen.«

PNN

»… eine der herausragendsten Inszenierungen dieser

Spielzeit!« PNN

3 im spielplan


Uwe Tellkamp

Der eisvogel

Bühnenbearbeitung Ute Scharfenberg

Regie Stefan Otteni

Bühne+kostüme Anne Neuser

mit Rita Feldmeier,

Marianna Linden,

Franziska Melzer,

Elzemarieke de Vos;

Alexander Finkenwirth,

Bernd Geiling,

Dennis Herrmann,

Jon-Kaare Koppe,

Philipp Mauritz,

Peter Pagel,

Raphael Rubino,

Wolfgang Vogler

sowie Christian Deichstetter

u. a.

Premiere 28. September 2012

vorstellungen

Oktober: 6. / 7. / 19.

November: 10. / 23.

Spielort Neues Theater

Mit freundlicher Unterstützung

4-5 premiere

Wolfgang Vogler spielt den Mauritz, Alexander Finkenwirth den Wiggo in »Der Eisvogel«

Wie hältst du’s mit der Demokratie?

Uwe Tellkamps Roman »Der Eisvogel« stellt brisante Fragen. Stefan Otteni inszeniert die Uraufführung am Hans Otto Theater.

Uwe Tellkamps Roman »Der Eisvogel« spielt in Berlin und Potsdam

und am Starnberger See. Er ist überraschend wie ein Kaleidoskop:

Je nachdem, von welcher Seite man in ihn hineinliest

oder hineinsieht, ist er Politthriller oder Gesellschaftspanorama,

Fiebertraum oder Zeitporträt, Menschenschicksal oder Parabel.

»Die Orte mischen sich, die Stimmen«, heißt es darin. Wie im

Bewußtsein eines Menschen überlagern sich Realität und Wahrnehmung,

Erinnerung und Konstruktion. Das macht diesen Roman

nicht nur zu einer Herausforderung für den Leser, sondern

auch zu einem ergiebigen Material für die Bühne. Der Roman

unterbreitet ein außerordentliches Denkangebot. Er fragt ganz

offen: Wie hältst du’s mit der Demokratie?

»Der Roman versucht auf sehr eigene Weise, die Demokratiemüdigkeit

in Deutschland zu fassen. Ich kenne keinen anderen

Roman, der das so extrem und anspruchsvoll und in so interessanter

Form täte.«, so Regisseur Stefan Otteni. »Dieses Buch

unternimmt eine ganz große Gesellschaftsbeschreibung. Die

Hauptfigur Wiggo Ritter geht durch die verschiedensten Milieus.

Wiggo trifft Banker, Unternehmer, humanistische Bildungsbürger,

Altadlige und eine Berlin-Mitte-Gesellschaft, die sich in

Zynismus gefällt. Überall hört er: ›Die Demokratie funktioniert

nicht‹. Und, was mich beim Lesen des Romans überrascht hat,

ein großer Teil der Analyse dieser Demokratiefeinde ist auch

nachvollziehbar. Auch ich habe Schwierigkeiten, das, was wir

in Deutschland üblicherweise Demokratie nennen, als die Demokratie

zu begreifen, wie ich sie als junger Mensch verstanden

habe.«

Und der Roman provoziert doppelt, denn seine Hauptfigur Wiggo

ist ein talentierter junger Mann. Er ist einer von uns, begabt

und interessiert, ein Altruist – wie geschaffen, ein Aufklärer zu

sein. »Nach ›Der Turm‹, nach dem Weg eines jungen Mannes

durch die letzten Jahre der DDR sehen wir jetzt, im Gegenstück

›Der Eisvogel‹, ein Westpendant – auch ein Idealist, dem es nicht

besser geht. Man wird sehen, daß es viele Parallelen gibt.«, hebt

Otteni hervor. Wie in »Der Turm« hat Uwe Tellkamp die brisante

politische Dimension der Handlung eng verknüpft mit der

berührenden Geschichte eines jungen Menschen. Wiggo Ritter

löst sich aus dem privilegierten Milieu seines Banker-Vaters,weil

ihm dessen Welt des Geldes und der Gier zynisch und asozial

erscheint. Stattdessen studiert er Philosophie. Er will erkennen,

was die Welt im Innersten zusammenhält. Beobachtend und

analysierend stellt er sich der Realität – einer Realität, die ihm

zutiefst unruhig und verunsichert, zugleich stagnierend und

utopielos erscheint. Angesichts dieser Gegenwart, einer Welt der

Krisenängste und Schreckensnachrichten, eines geradezu vorapokalpytischen

Chaos’, verliert er das Vertrauen in die Denktraditionen

der kritischen Vernunft und in die einst revolutionären

Maßgaben der modernen Bürgergesellschaft: Freiheit, Gleichheit,

Brüderlichkeit. Die Begriffe und Denkfiguren der Aufklärung

fassen für Wiggo die zersplitterte Wirklichkeit nicht mehr,

haben sie vielleicht in ihrer Ablehnung des gedanklich und politisch

Irrationalen nie gefaßt. Auf der Suche nach Zuspitzung,

nach ganz neuen Ansätzen, öffnet er sich auch Denkweisen, die

provozieren. Er legt eine glänzende Doktorarbeit vor. Sein Thema:

die Utopien. Aber die Gesellschaft scheint keinerlei Verwendung

für ihn zu haben. Der akademische Betrieb läßt ihn fallen.

Er verliert den Anschluß, und er verliert seine Behaustheit in der

Gesellschaft. Er stürzt ab, aber an seinem tiefsten Punkt macht

er eine Bekanntschaft, die seine Gedanken und Gefühle näher

angeht: Er trifft auf ein faszinierendes Geschwisterpaar, das seine

Herkunft und seine Fragen teilt: Mauritz und Manuela Kaltmeister.

Wie Mephisto den Faust führt Mauritz Wiggo durch die Welt,

zeigt ihm die Verhältnisse und Umgangsweisen einer bürgerlichen

Elite, die ihm mal skurril und bizarr, mal wie ein Alptraum

oder eine Walpurgisnacht erscheinen. »Die Kraft, die Tellkamp

beschwört, ist die Kraft der alten Kultur.«, faßt Otteni zusammen.

»Bei aller mitunter farcenhaften Zuspitzung ist der Stoff ein gutes

Material, davon zu erzählen, wie die Fetische dieser kulturellen

Elite in eine faschistoide Gedankenwelt münden«. Denn durch

Mauritz und Manuela wird Wiggo auf einem Landsitz am Starnberger

See in einen Kreis eingeführt, »in dem sich«, so Otteni,

»die alten Geschäfte mit den neuen Geschäften treffen, die Führungselite

mit der Geldelite«. Hier diskutiert man über Politik,

hier kritisiert man das demokratische System als Hemmschuh

jeden Fortschritts. Hier greift man zurück auf rechtskonservatives

Gedankengut, das zu Recht in der Vergangenheit versunken

schien. Nicht nur das: Hier ist man bereit, mit dem humanistischen

Menschenbild grundsätzlich zu brechen. Man ist bereit,

sich auf eine quasi naturgesetzliche Ungleichheit der Menschen

zu einigen und an einem Gesellschaftsmodell zu arbeiten, das

dem Rechnung trägt: einem Modell des klar getrennten Oben

und Unten, des Führens und Geführtwerdens, des Herrschens

und Dienens.

Bei aller Skepsis schließt Ritter sich diesem Kreis an, einschließlich

der Konsequenz, zu der Mauritz als radikaler Vordenker ihn

führt: Er bekennt sich zur »aus der Analyse logisch folgenden

Tat«. Stefan Otteni: »Im Italien der letzten zwanzig Jahre oder

jetzt in Griechenland zeigt sich, daß das Bekenntnis zur Demokratie

doch sehr zerbrechlich ist. Wenn der Wohlstand in Gefahr

ist, tun Menschen aus Angst – ein wichtiges Stichwort im Roman

– vieles, was man nicht für möglich hielt, und die großen Vereinfacher

sind wieder am Werk und bieten scheinbar einfache

Lösungen für komplizierte Fragen an.«

Spät erkennt Wiggo, daß er Teil einer demokratiefeindlichen Bewegung

geworden ist, daß sein Freund Mauritz ein Terrorist ist.

Er muß sich entscheiden: für oder gegen seine Grundüberzeugungen,

für oder gegen seinen Freund. Otteni: »Man kann daraus

einen Theaterabend modellieren, der sehr klar fragt: Was machen

wir mit diesen Ansätzen? Ich möchte einen Theaterabend

finden, der über Gesellschaft groß erzählt, über Haltungen, Absichten

erzählt, knapp und verkürzt, aber nicht zu knapp und

verkürzt. Er soll dem Zuschauer zumuten, sich in den gedanklichen

Vorlauf des Terrors einzuarbeiten und den Umschwung

zum individuellen Terror mitzuerleben. Er soll sich auch mit der

Frage befassen, ob etwas philosophisch richtig und voller Schönheit,

aber politisch unwahr und zerstörerisch sein kann. Ähnlich,

wie Wiggo es formuliert: ›Die Liebe ist das Transportmittel des

scheinbar Guten, in der Folge aber oft des Bösen. Die Liebe ist

das Problem.‹ Ich hoffe, eine gedankliche Kontroverse aufzumachen,

die ein schnelles Urteil verhindert.«

Ute Scharfenberg


Henrik ibsen

ein Volksfeind

6-7 premiere

Wahrheitssucher

Es ist zweifelsohne das Stück der Stunde. Landauf, landab befassen

sich Theater in ganz Deutschland mit Henrik Ibsens »Ein

Volksfeind«, immerhin fast 130 Jahre nach der Uraufführung am

Christiania Theater im heutigen Oslo. Die derzeitige Popularität

des Stoffes speist sich sicherlich zum einen aus den Themen, die

das Stück aufgreift. Da gibt es den Umweltskandal, so dass manche

»Ein Volksfeind« als ein frühes Stück der Ökologiebewegung

bezeichnen. Ibsen lotet Medienmacht und Manipulation aus, äußert

sich zu Lobbyismus, Demokratieverständnis und zum gesellschaftlichen

Diskurs und lässt zudem seine Figuren in einem

Spannungsfeld zwischen Politik und Familie, Idealismus und

Pragmatismus, öffentlichen Rollen und puren Eigeninteressen,

Zukunft und Vergangenheit, Wahrheit und Manipulation auftreten.

Es geht um viel, und wenn schon eines dieser Themen allein

für manch anderes Stück ausreichen würde, so schafft es Ibsen

im »Volksfeind«, auch diese Themenpalette noch zu erweitern.

Die Errichtung eines neuen Bades soll den Bürgern der Stadt

Wohlstand bringen. Doch Tomas Stockmann, der angesehene

Badearzt der kleinen Stadt, macht eine brisante Entdeckung.

Seine Untersuchungen ergeben, dass das Badewasser durch Industrieabwässer

verseucht ist. Mit diesem Wissen möchte er mit

Hilfe der Zeitungsredakteure Hovstad und Billing so schnell wie

möglich an die Öffentlichkeit. Bald wird klar, dass eine Sanierung

des Bades teuer würde. In der Gemeinde bricht ein heftiger

politischer Schlagabtausch aus. Tomas Stockmann weiß sich

eins mit der öffentlichen Meinung, doch an die Spitze der »Pragmatiker«

stellt sich ausgerechnet sein Bruder Peter, der Bürgermeister.

Für ihn haben die wirtschaftlichen Belange Vorrang

vor allen hygienischen Bedenken. Vehement setzt er sich für die

Vertuschung des Vorgangs ein, denn – so seine Argumentation

– die Sanierung des Bades würde zu immensen Kosten, erheblichen

Einnahmeausfällen und Arbeitslosigkeit führen. Auf einer

Bürgerversammlung kommt es zum Entscheidungskampf der

Kontrahenten. Tomas Stockmann versteigt sich zu einer fanatischen

Streitrede, bei der es längst nicht mehr um die Fakten geht

– vielmehr wählt er sich die gesamte bürgerliche Gesellschaft zur

Zielscheibe. Nicht einmal von den dramatischen persönlichen

Konsequenzen seiner Rede lässt sich Tomas in seinem Kampf

für die Wahrheit beirren …

Es ist vor allem dieser radikale Bruch, der sich in Tomas Stockmanns

Rede offenbart, der für den Regisseur Markus Dietz zu

einem zentralen Thema des Stückes wird. Für Tomas Stockmann

spitzt sich das Problem zu einer Frage nach der Moral im politischen

Handeln seiner Mitbürger zu. Er stellt die Frage nach

der Grundlage von Entscheidungen und ihrer Steuerung im demokratischen

System, einem System, das ihn zum titelgebenden

Volksfeind erklärt. Mit großer Schärfe formuliert Ibsen die Frage

nach der Repräsentanz und der Legitimität von Mehrheitsentscheidungen

im demokratischen System. Die Provokation Ibsens

besteht vor allem darin, dass er ausgerechnet das vermeintliche

Opfer der Intrige, Tomas Stockmann, eine dialektische

Wendung vollziehen lässt, indem er Stockmann radikale Thesen

wie »Die Mehrheit hat die Macht – leider; aber das Recht hat sie

nicht« in den Mund legt, die ihn als den besserwisserischen und

gefährlichen Spießer entlarven, den er selbst in der Mehrheit der

Bevölkerung vermutet.

In der Unversöhnlichkeit der Stockmanns scheint Ibsen ein

zutiefst pessimistisches Menschenbild zu zeigen. Die Alternative

zur lügenden, manipulierten und vom Markt dominierten

Öffentlichkeit (die durch die Redakteure Hovstad, Billing oder

durch Peter Stockmann repräsentiert wird) kann scheinbar nur

im Amokläufer oder im Diktator bestehen, einem Menschen, der

sich mit seinen Positionen – so wie Tomas Stockmann – bewusst

außerhalb der Gesellschaft stellt. Damit führt Ibsen einen Diskurs,

dem wir uns immer wieder aufs Neue aussetzen müssen.

Ist nicht allein schon der Umstand, dass mit Tomas Stockmann

ein Mensch vor uns steht, der einen Standpunkt vehement und

gegen alle Opposition vertritt, in unserer Zeit als eine politische

Provokation zu verstehen? So werden die unbequemen Wahrheitssucher,

die benennen, was wir in der Öffentlichkeit nicht

wahrhaben wollen, an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

Ibsen fügt noch eine weitere Dimension hinzu, denn nicht zuletzt

ist Stockmanns öffentlicher Ausbruch auch ein äußerst

peinlicher Moment, ein Affektausbruch, der das Publikum seiner

Rede unangenehm berührt, denn er beruht auf einer Intimität,

die aus dem Diskurs der Öffentlichkeit verbannt wurde.

Dass Stockmanns Analyse einen wunden Punkt trifft, kann man

unschwer an den aggressiven Reaktionen ablesen, die sie auslöst.

Interessant ist auch, dass mit dem eigentlich tragischen Umstand

der Verbannung Stockmanns das Stück wieder in die Komik umschlägt,

die den Figuren schon von Beginn an innewohnte. Auch

wenn das Stück von vielen als Tragödie ohne Tote verstanden

wird, bezeichnete es Ibsen selbst als ein Lustspiel. Denn das verzweifelte

Ringen um Macht und Wahrheit hat immer auch komische

Züge. Und so zeigt Ibsen mit bitterbösem Humor, was mit

denjenigen passiert, die sich auf das verminte Gelände der Wahrheitssuche

begeben und des öfteren Gefahr laufen, vom Strudel

der realpolitischen Ereignisse mitgerissen zu werden.

Ibsen beendet sein Stück mit einem Nachhall, der wie ein Bekenntnis

eines amerikanischen Neocon (Bezeichnung für die Neokonservativen

der amerikanischen Partei der Republikaner) daherkommt:

»Der stärkste Mann der Welt ist der, der ganz allein

steht«. Ibsen lässt Stockmann in den Abgrund seiner eigenen

Glücksverheißung fallen.

Helge Hübner

Regie Markus Dietz

Bühne Ines Nadler

kostüme Veronika Bleffert

video Oliver Iserloh

mit Patrizia Carlucci,

Meike Finck,

Melanie Straub;

Roland Kuchenbuch,

Florian Schmidtke,

Michael Schrodt,

René Schwittay,

Axel Sichrovsky

Premiere 12. Oktober 2012

vorstellungen

Oktober: 13. / 17. / 21.

November 16.

Spielort Neues Theater


yasmina Reza

Drei Mal leben

Der bislang nur mittelmäßig erfolgreiche Astrophysiker Henri hofft durch eine wichtige Veröffentlichung auf einen Karrieresprung.

Dazu braucht er die Unterstützung des renommierten Kollegen Hubert Finidori. Um die Weichen zu stellen, laden Henri und seine

Frau Sonja das Ehepaar Finidori zu sich zum Abendessen ein. Doch aufgrund einer Verwechslung stehen die Gäste einen Tag zu

früh vor der Tür. Der Versuch, mit ein paar Flaschen Wein die Situation zu retten und gleichzeitig den sechsjährigen Sohn zum

Schlafen zu überreden, geht gründlich schief. Dreimal wird sich diese Situation ereignen!

Unvorbereitet wichtige Gäste zu empfangen, ist unangenehm

– aber ist dieser Umstand die alleinige Ursache für den gereizten

Grundton zwischen den beiden Paaren?

Yasmina Reza entwickelt aus dieser wahrlich furchtbaren Situation

eine grandiose Daseinskomödie. Unser Freund Henri ist

ganz mit sich beschäftigt. Er steht mit seinem Team kurz vor der

Veröffentlichung einer astrophysikalischen Weltneuheit. Leider

geht es nur um ein Nischenthema. Leider versteht außer einer

Handvoll von Fachleuten niemand etwas davon. Die attraktive

Sonja hatte einst einen anderen Mann geheiratet, einen Helden

der Sterne. Ist die selbstbewusste Anwältin ab jetzt für die Erziehung

des Kindes eingeteilt? Wo bleibt sie selbst? Das Kind

will an diesem Abend nicht schlafen. Es spürt das Machtvakuum

drüben im hellen Wohnzimmer. Das vorzeitige Eintreffen des

renommierten Akademiemitglieds Hubert Finidori und seiner

Gattin Ines ist fatal. Die Gäste kommen einen Tag zu früh. Die

Rolle des souveränen Gastgebers misslingt nun dem gänzlich un-

vorbereiteten Paar völlig. Dem als Mentor der eigenen Karriere

vorgesehenen Fachkollegen wird stattdessen ein Fenster in die

verborgene Privatsphäre geöffnet. Als der gut informierte Hubert

Henri eröffnet, dass aus der Erstveröffentlichung wohl nichts

mehr wird, weil andere schneller waren, ist Henri der Situation

nicht mehr gewachsen.

Es ist eine wissenschaftliche Arbeit über die Beschaffenheit

dunkler Materie – das Thema »Schwarze Löcher« hat Yasmina

Reza doch mit Bedacht gewählt, oder?

Das Thema ist eigentlich ein absolutes Spezialistenthema, aber in

unserem Zusammenhang sehr anspielungsreich. Die Schwarzen

Löcher sind auch eine Metapher für Depression. Für den selbstzerstörerischen

Stress, in den wir geraten, wenn wir den Bildern

genügen wollen, die wir ständig von uns selber produzieren.

Selbst der erfolgreiche, lebensgewandte Hubert, eine Koryphäe

in seiner Branche, offenbart in einer der nächtlichen Handlungsvariationen

das Gefühl einer völligen Lebensleere, eine seelische

Einsamkeitswüste. Erfolg ist als Droge eine Falle, die Kosten stehen

auf der anderen Seite.

Aber wie sieht es mit der Rollenaufteilung bei diesem anderen

Paar, den Finidoris, aus?

Die Machtkämpfe sind ausgetragen, die Rollen sind klar verteilt.

Auf den ersten Blick jedenfalls. Ines steckt ihr Leben vollständig

hinter dem ihres Mannes zurück, sie führt ein Leben im privaten

Raum. Hubert agiert machtbewusst, amourös, setzt sich als

Mann in Szene. Sie tut, als würde sie die Verletzungen, die er ihr

zufügt, gar nicht bemerken. Aber die Sterne stehen drei Mal anders.

Schwarze Löcher

Tobias Wellemeyer über Yasmina Rezas Komödie »Drei Mal Leben«

Das Thema der innerfamiliären Rollenaufteilung entzündet

sich ja auch immer wieder an dem Kind im Nebenzimmer …

Der kleine Junge, der im dunklen Nebenzimmer liegt, will nicht

schlafen, er will Aufmerksamkeit. Er will einen Apfel, er will Rox

& Rouky hören, er will seine Mama zum Schmusen. Er gibt erst

Ruhe, wenn er im Zentrum ist. So wie die Erwachsenen sucht er

Publikum, Bestätigung, Nähe. Genau wie die anderen, die keine

Ruhe geben, bevor sie nicht im Zentrum sind. Aber wie gelingt

das? Wie kommt man aus dem schwarzen Loch heraus, in das

man gesperrt wurde? Im Prinzip sind alle ein bisschen wie das

Kind im dunklen Zimmer. Welches Gleichgewicht bringt endlich

Müdigkeit und süßen Schlaf?

»Drei Mal Leben« – das heißt in diesem Stück, dass der Abend

dreimal in leicht veränderter Form stattfindet. Wann geschieht

denn die erste Wiederholung? Gibt es dafür einen inneren

oder äußeren Impuls?

Situationen wiederholen sich auch in deinem Leben, in der Erinnerung,

im Traum oder sogar tatsächlich. Wiederholung und

spielerische Veränderung sind aber auch die typischen Möglichkeiten

des Theaters. Es ist ein Gedankenspiel: der Astrophysiker

Henri bekommt die Chance, drei Mal zu leben. Im ersten Leben

wird er zum totalen Verlierer. Hubert Finidori bringt die Botschaft,

dass die geplante Welterstveröffentlichung an der schnelleren

Konkurrenz gescheitert ist. Seine Frau Sonja demütigt ihn

öffentlich, weil sie es nicht erträgt, wie ihr Mann sich vor dem

mächtigen Hubert erniedrigt. Selbstverständlich wird Henri nun

versuchen, es im zweiten Leben besser zu machen als im ersten.

Sonja hatte ja immerhin mal davon geträumt, dass sie die Verbindung

mit einem Astrophysiker nach oben heben, gewissermaßen

transzendieren würde …

Ja, und nun ist sie enttäuscht über diesen mittelmäßigen Alltag

mit ihm. Aus der Perspektive seiner Frau ist er ein Verlierer. Aber

er spürt, dass die Zeitschleife ihm eine Chance gibt. Er versucht,

Regie Tobias Wellemeyer

bühne Matthias Müller

kostüme Antje Sternberg

8-9 premiere

mit seinem Erfahrungsvorteil die Wirklichkeit und ihre Bedingungen

auszutricksen. Aber alles wird noch viel schlimmer. Er

wird in einen persönlichen Abgrund gerissen. Als im Morgengrauen

alles noch ein weiteres Mal beginnt, ist Henri ermüdet,

ermattet und in eine beinahe wohltuende Resignation gefallen.

Wie nach einem langen Kampf. Im Zustand dieser gelassenen

Resignation realisieren sich plötzlich alle Wünsche. Die schönen

Dinge fliegen auf Henri zu, alles scheint zu gelingen. Der Zyniker

Hubert geht in die Knie. Freunde bringen die Nachricht von

der gelungenen Erstveröffentlichung seiner wissenschaftlichen

Arbeit. Ines Finidori lernt fliegen. In diesem Moment der Gelassenheit,

der Müdigkeit, der Leere ist Henri stark. Starksein im

Loslassen. Das sieht Sonja – und da liebt sie ihn wieder wie am

ersten Tag. Auch das Kind ist eingeschlafen.

Das feine Figurengeflecht zu entwirren, ist harte Arbeit –

freust du dich auf die Proben?

Ich verehre Yasmina Reza und hatte die Chance, auch ihre Stücke

»Kunst« und »Gott des Gemetzels« zu inszenieren. Humorvoll

und unerbittlich beschreibt sie, wie Kommunikation verläuft,

wie Sprache und Denken strukturiert sind. Es macht ungeheuren

Spaß, das zu entdecken. Was darunter liegt, ist manchmal tief wie

ein Brunnen, in den man lieber nicht bis auf den Grund schauen

möchte. Zugleich sind ihre Stücke sehr französisch, sehr leicht,

sehr komisch. Die Figuren reden unentwegt, und sie reden deshalb

so viel, weil sie sehr viel verbergen möchten.

mit Marianna Linden, Andrea Thelemann;

Bernd Geiling, Jon-Kaare Koppe

Premiere 9. November 2012

vorstellungen November: 11. / 17. / 18. / 30.

Spielort Neues Theater


Der satanarchäolügenialkohöllische

Wunschpunsch

von MicHael enDe

»… Juliane Götz ist mit ihren

schauspielerischen Fähigkeiten

ein absoluter Genuss …« PNN

Marnie fliegt

von Daniel KaRasiK

»… wahrhaftig ein schauspielerisches Feuerwerk« PNN

10 im spielplan

für junge zuschauer

Jens-Uwe Sprengel

Künstlerischer Leiter von T-Werk und Unidram Potsdam

(im Team mit Franka Schwuchow) und Regisseur

Welcher ist Ihr Lieblingsort in Potsdam? Die düsteren Teiche.

Was ist Ihre erste persönliche Theatererinnerung? Ich glaube

mich an Hans-Jochen Röhrig zu erinnern, wie er 1970 im »Tierhäuschen«

im Haus der Offiziere den Hund gespielt hat – obwohl

im Tierhäuschen von Samuil Marschak ja eigentlich gar kein

Hund vorkommt …

Welcher Stoff, welches Werk oder welche Aufführung hat Sie

in letzter Zeit besonders angesprochen? Romeo Castelluccis

Gastspiel im HAU mit »Sul concetto di volto nel figlio di Dio« hat

mich mit seiner unglaublichen Intensität und Einfachheit sehr

tief beeindruckt.

Welche Musik soll Sie auf eine einsame Insel begleiten? Wenn

es schon eine einsame Insel sein muss, dann gibt es einige Frauen,

auf die ich nur ungern verzichten würde: u. a. Anna Calvi, PJ

Harvey, Adele oder EMA.

11 potsdamer porträt

Welches Buch würden Sie niemals weggeben? Gar keins.

Wenn Ihr Lebensweg Sie in ein Orchester geführt hätte – was

wäre Ihr Instrument? Der Taktstock.

Mit welchem Künstler – historisch oder zeitgenössisch – würden

Sie gern einmal zu Abend essen? Mit Hanns Eisler.

MP3, CD oder Schallplatte – was ist Ihre Vorliebe? Die gute

alte CD.

Wann fühlen Sie sich am lebendigsten? Was für eine Frage.

Woran glauben Sie? An Spielregeln.

Worüber können Sie nicht lachen? Über Spielverderber.

Welches Bildungserlebnis ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Die Inszenierung »1980« von Pina Bausch anlässlich der 750-Jahrfeier

in Berlin (Ost) war eines der seltenen West-Gastspiele und

eröffnete mir seinerzeit eine völlig neue Sicht auf die Möglichkeiten

des Theaters. Besonders die Verbindung von Komik und

visueller Kraft hat mich überrascht und stark geprägt.

Worüber haben Sie sich zuletzt gefreut? Dass das aktuelle

Unidram-Programmheft im Druck ist, und natürlich über die

vielen alltäglichen Freuden und Genüsse.

Was war Ihr größter Erfolg? Die künstlerische Freiheit, die wir

uns mit dem T-Werk erarbeiten konnten.

Potsdam in 10 Jahren – was ist Ihr Traum?

Mehr südländisches Flair und Gelassenheit. Viele neue Uferwanderwege,

Fahrradfahrer auf verkehrsberuhigten Straßen und

Wegen, Segelboote im Stadtkanal, Kinderspielplätze im Stadtschloss

und in der Schiffbauergasse.

11 nachrichten

Daniel Karasik, der Autor unserer Familienpremiere »Marnie fliegt«, war in Potsdam zu Gast, als sich der Vorhang für

das Stück zum ersten Mal hob. Der 26jährige Karasik war eigens aus dem kanadischen Toronto angereist. Er schreibt Theaterstücke,

Lyrik und Prosa, leitet eine eigene Theatertruppe und steht in seinen Stücken oft auch selber auf der Bühne. Sein jüngstes Stück, »Die

Unschuldigen«, wurde von Philipp Löhle in Mainz erstaufgeführt. Das Stück »Marnie fliegt« wurde für das Potsdamer Theater übersetzt

und ist erstmalig in deutscher Sprache zu sehen.

Das Hans Otto Theater beteiligte sich am 15. September an der Initiatitive »Bunt statt braun«. Vertreter des Ensembles

bekannten im Namen des Hauses Farbe gegen Rechts.

Unser Spezialangebot TamiDos, Theateraufführungen mit Gebärdendolmetschern, stand in der Endrunde für den »BKM-

Preis Kulturelle Bildung 2012«. Eine Fachjury benannte die zehn eindrucksvollsten Projekte aus über 120 Bewerbungen. Mit dem

Preis honoriert der Staatsminister für Kultur und Medien Bernd Neumann seit 2009 jährlich modellhafte Projekte der künstlerischkulturellen

Vermittlungsarbeit. Um tauben und hörbehinderten Menschen ein Tor zur Theaterkunst zu öffnen, werden am Hans Otto

Theater seit 1996 ausgewählte Inszenierungen in Gebärdensprache übersetzt.

»Hans Otto Theater« Vor genau 60 Jahren, im Oktober 1952, erhielt das Theater Potsdam, das damalige Brandenburgische

Landestheater, den Ehrennamen »Hans Otto Theater«. Hans Otto zählte zu den hoffnungsvollsten jungen Schauspielern

Ende der 1920er Jahre. Er spielte u. a. an den Hamburger Kammerspielen, am Bayerischen Staatstheater München und am Deutschen

Schauspielhaus Hamburg. Zuletzt am Preußischen Staatstheater in Berlin engagiert, wurde er als Gewerkschafter und Kommunist

im Februar 1933 entlassen. Im November 1933 wurde er von der SA verhaftet und nach neun Tagen Folter aus einem Fenster gestürzt;

wenige Tage später erlag er seinen Verletzungen.

Der Förderkreis lädt ein zu einem Inszenierungsgespräch zur Uraufführung »Der Eisvogel« im Anschluß

an die Nachmittagsvorstellung am 7. Oktober. Geladen sind Stefan Otteni (Regie), Anne Neuser (Ausstattung), Ute Scharfenberg

(Bearbeitung) und die Schauspieler Franziska Melzer, Alexander Finkenwirth, Bernd Geiling und Wolfgang Vogler. Es moderiert

Lea Rosh. Der Eintritt ist frei.


Wenn man dich in der Kaschierwerkstatt besucht, hat man das

Gefühl, eine phantastische, der Realität etwas entrückte Welt

zu betreten – fühlst du dich wohl im Kreis deiner Geschöpfe?

Ja, absolut. Das sind alles meine Kinder.

Fällt es dir manchmal schwer, sie für die Bühne aus der Hand

zu geben? Ja, sehr. Meine Figuren und Puppen bekommen alle

ein Stück Seele mit. Wenn ich weiß, dass sie auf der Bühne herumgeschmissen

und zerhackt werden, tut mir das weh. Zugleich

bin ich auch stolz und freue mich, wenn sie auf der Bühne stehen.

Welche gestalterischen Aufgaben landen eigentlich alle in der

Kaschierwerkstatt? Es fängt an mit Architekturelementen und

Materialimitation (z. B. Baumrinde), geht weiter über Skulpturen

und Figuren aller Art und bis zu Puppen, Masken und Kostümplastiken.

Oft muss ich mir Mechanismen ausdenken – gerade

für die Puppen und Tiere. Märchenblumen, die sich öffnen und

schließen, sind da noch verhältnismäßig einfach.

Was hat in deinem Leben den Ausschlag gegeben, als Theaterplastikerin

zu arbeiten? Nach einer Ausbildung zur Reprofotografin

habe ich bei einer Zeitung gearbeitet und bin nebenbei zu

Zeichenzirkeln gegangen. Dann hatte ich mit 19 einen Freund,

der Holzschnitzereien machte und fürchterlich damit angab. Ich

wollte ihm beweisen, dass ich das auch kann – und habe meine

erste Skulptur geschnitzt. Als ich diese Figur in meinen Zeichenzirkel

mitbrachte, wurde der Kursleiter, übrigens der damalige

Chefkunstmaler bei der DEFA, auf mein Potential aufmerksam

und erzählte mir von dem Beruf des Theaterplastikers. Da wusste

ich, was ich machen will. Ich habe meinen Job gekündigt, ein

Praktikum am Hans Otto Theater gemacht und mit dem Studium

»Theaterplastik« an der Kunsthochschule Dresden angefangen.

Glücklicherweise konnte ich in Potsdam bleiben, da es damals

eine Kooperation mit der DEFA gab. Das waren großartige und

anstrengende Jahre, denn in der Woche habe ich bereits acht

Stunden täglich am Hans Otto Theater gearbeitet, das Studium

fand am Wochenende und in Abendkursen statt. Außerdem

habe ich in der Zeit meine beiden Kinder bekommen.

12 hinter den kulissen

Sabine Dahme

Theaterplastikerin

Wie darf man sich das Entstehen deiner Arbeiten vorstellen?

Bekommst du vom Werkstattleiter den Auftrag, z. B. einen

Elch mit einer Rückenhöhe von 2 m anzufertigen, oder erhältst

du vom Bühnenbildner ganz konkrete Vorgaben? Ich

bin in der glücklichen Situation, sehr frei arbeiten zu können.

Meistens wird ein Thema vorgegeben und wie, bzw. mit welchem

Material, ich arbeite, ist dann meine Sache. Allerdings – alle Figuren,

die meine Werkstatt verlassen, tragen auch meine Handschrift:

alle lächeln. Auch die Leichen.

Aber wie oder wo fängt man denn an, etwa einen riesigen Elch

wie diesen hier zu modellieren? Zunächst recherchiere ich Bildmaterial.

Im Fall des Elchs war klar, dass er ein Gestell aus stabilem

Material braucht. Also habe ich eine konkrete Zeichnung

für den Schlosser angefertigt. Dieses Gestell wird dann zunächst

mit Styropor ummantelt und geklebt, so dass eine Grobform

entsteht, die dann beschnitzt wird – meistens mit einem großen

Küchenmesser oder der Kettensäge. Und dann wird diese Form,

nachdem sie kaschiert wurde, z. B. mit Fell beklebt.

Mit dem Blick zurück auf 27 Jahre in deinem Beruf – welche

Aufgabe hat dich am meisten herausgefordert? Grundsätzlich

ist es immer wieder eine neue Herausforderung, denn man muss

ja vieles ganz neu erfinden. Manchmal quält man sich tagelang

mit einer Form, ohne wirklich weiterzukommen. Dann gibt es

wieder Tage, an denen einem die Arbeit so gut von der Hand

geht, man so vertieft ist, dass man unmöglich die Arbeit nach

acht Stunden ruhen lassen kann. Auf jeden Fall ist dieser Elch

nicht eine meiner außergewöhnlichsten Arbeiten. Ich habe auch

schon ein Kamel entwickelt, ein ganzes Kinderkarussell mit Zebras

gebaut, einen Pfau, der ein Rad schlagen kann, erfunden und

Doppelgänger von Schauspielern modelliert.

Würdest du sagen, dass du in deinem Traumberuf arbeitest?

Ja.

Das Gespräch führte Nadja Hess.

5. 10., 21:00 live »MENNO VELDHUIS«

14. 10., 18:00 literarischer salon

15. 10., 22:00 spezial »HOW TO USE NACHTBOULEVARD« –

The Beginner's Guide

16. 10., 19:30 potsdamer köpfe »CLIMATE ENGINEERING« –

Interdisziplinäre Forschung der Auswirkungen und Risiken

19. 10., 22:00 chambre privée Mit JULIANE GÖTZ und FLORIAN SCHMIDTKE

20. 10., 22:00 live »LILABUNGALOW«

26. 10., 22:00 late show »MOTTE UNPLUGGED« –

Die ausgefallene 50. Vorstellung

27. 10., 21:00 friends »WOYZECK« von Georg Büchner.

Gastspiel der bühne e. V. – Theater der TU Dresden

4. 11., 19:00 open house »QUIZ & BIER & ROCK'N'ROLL«

Eintritt frei!

10. 11., 21:00 live »CAROLINE KEATING« Pop aus Kanada

24.11., 21:00 live »KLINKE AUF CINCH« Live-Electronica aus Jena

unidram12

19. Internationales Theaterfestival Potsdam

30. Oktober -- 03. November

Belgien

Deutschland

Frankreich

Griechenland

Italien

Litauen

Niederlande

Russland

Schweiz

Tschechien

Tickets unter Tel: 0331-719139 oder www.unidram.de & www.t-werk.de

13 nachtboulevard

Caroline Keating


10 rückblick Großes Theaterfest!

»… viel Applaus für die Demonstration

des Gesamtkunstwerkes

Theater, das aus so vielen

Einzelteilen besteht und in seiner

Handwerklich- und Kunstfertigkeit

… ein großes Stück Sinnlich-

und Menschlichkeit bewahrt.«

PNN

»Blicke hinter die Kulissen

waren beim Theaterfest … ausdrücklich

erwünscht. 3500 Neugierige

nutzten die Gelegenheit –

bis nach Mitternacht« MAZ

Auftakt der neuen Spielzeit am 8. September

15 spielplan Oktober november

mi 3. 17:00 Don Carlos

fr 5. 21:00 nb live MENNO FELDHUIS

sa 6. 19:30 Der Eisvogel UA

so 7. 11:00 Märkische Leselust

15:00 Der Diener und sein Prinz (6+)

17:o0 Der Eisvogel UA

ca. 20:15 Der Förderkreis lädt ein

mi 10. 10:00 Marnie fliegt (6+) DSE

fr 12. 19:30 Premiere Ein Volksfeind

sa 13. 19:30 Ein Volksfeind

so 14. 17:00 My Fair Lady

18:00 nb literarischer salon

mo 15. 20:00 Tschick

22:00 nb spezial HOW TO USE NACHTBOULEVARD

die 16. 19:30 Volpone Mit Einführung

19:30 nb potsdamer köpfe CLIMATE ENGINEERING

mi 17. 10:00 Marnie fliegt (6+) DSE

19:30 Ein Volksfeind Mit Einführung

do 18. 10:00 Marnie fliegt (6+) DSE

19:30 Der nackte Wahnsinn

fr 19. 10:00 Marnie fliegt (6+) DSE

19:30 Der Eisvogel UA

22:00 nb chambre privée J. Götz und F. Schmidtke

sa 20. 19:30 Das Käthchen von Heilbronn Mit Einführung

19:30 Waisen

21:00 nb live LILABUNGALOW

so 21. 10:00 Der Wunschpunsch (6+)

15:00 Ein Volksfeind Mit Einführung

m0 22. 10:00 Der Wunschpunsch (6+)

die 23. 10:00 Der Wunschpunsch (6+)

19:30 Frau Müller muss weg

mi 24. 10:00 Der Wunschpunsch (6+)

do 25. 10:00 Der Wunschpunsch (6+)

19:30 Krebsstation UA

fr 26. 10:00 Der Wunschpunsch (6+)

19:30 Der nackte Wahnsinn

19:30 Frau Müller muss weg

22:00 nb late show MOTTE UNPLUGGED

sa 27. 11:00 Öffentliche Theaterführung

19:30 Fritz! UA

21:00 nb friends WOYZECK

so 28. 11:00 neu: Sonntag um 11

17:00 Der Turm Mit Einführung

mo 29. 18:00 Tschick

die 30. 19:30 High Society

19:30 Frau Müller muss weg

mi 31. 17:00 Schach von Wuthenow UA

Preise Neues Theater regulär 31,00 € / 20,00 € / 11,00 €;

ermäßigt 21,50 € / 14,00 € / 7,50 €

Musiktheater regulär 40,00 € / 27,00 € / 17,00 €,

ermäßigt 28,00 € / 19,00 € / 12,00 €

Reithalle regulär 20,00 €; ermäßigt 14,00 € Studenten und

Schüler 7,50 € / Vorstellungen Jugendclub 4,00 €

theaterstücke für junge zuschauer

neues theater+reithalle Kinder/Schüler 5,50 € /

Gruppe Kinder/Schüler (ab 10 Personen) 5,00 € pro Person,

Erwachsene 11,00 €, Erwachsene ermäßigt 7,50 €

winteroper regulär 60,00 € / 47,00 € / 32,00 € / 10,00 € /

ermäßigt 42,00 € / 33,00 € / 22,50 €

do 1. 18:00 Tschick

fr 2. 19:30 Tschick

19:30 Rusalka Gastspiel

sa 3. 18:00 Rusalka Gastspiel

20:30 Mal Bianco unidram

so 4. 17:00 Frau Müller muss weg

17:o0 Der nackte Wahnsinn

19:00 nb open house qUIZ & BIER UND ROCK’N’ROLL

mo 5. 10:00 Der Diener und sein Prinz (6+)

die 6. 10:00 Der Diener und sein Prinz (6+)

19:00 nb potsdamer köpfe DEM LEBEN …

mi 7. 10:00 Marnie fliegt (6+) DSE

19:30 nb friends PINK FREUD

do 8. 10:00 Marnie fliegt (6+) DSE

19:30 Waisen

fr 9. 19:30 Premiere Drei Mal Leben

19:30 Das Schlangenei DSE Mit Einführung

sa 10. 19:30 Der Eisvogel UA

21:00 nb live CAROLINE KEATING

so 11. 11:00 Der Wunschpunsch (6+)

15:00 Drei Mal Leben

mo 12. 10:00 Der Wunschpunsch (6+)

die 13. 10:00 Der Wunschpunsch (6+)

19:30 Frau Müller muss weg

mi 14. 19:30 Frau Müller muss weg

do 15. 18:00 Tschick

19:30 Das Käthchen von Heilbronn Mit Einführung

fr 16. 19:30 Ein Volksfeind Mit Einführung

19:30 Waisen

sa 17. 10:00 was wäre, wenn Jugendclub

19:30 Drei Mal Leben

so 18. 15:00 Marnie fliegt (6+) DSE

15:00 Drei Mal Leben

mo 19. 10:00 Marnie fliegt (6+) DSE

do 22. 10:00 Premiere Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

fr 23. 10:00 Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

19:30 nb potsdamer köpfe DESIGNTAGE BRANDENB.

sa 24. 11:00 Öffentliche Theaterführung

19:30 Premiere Orfeo ed Euridice Winteroper

19:30 Schach von Wuthenow UA

21:00 nb live KLINKE AUF CINCH

so 25. 15:00 Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

16:00 Orfeo ed Euridice Winteroper

17:70 Waisen

mo 26. 10:00 Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

19:30 My Fair Lady

Die 27. 10:00 Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

mi 28. 10:00 Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

do 29. 10:00 Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

19:30 Don Carlos Mit Einführung

fr 30. 10:00 Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

19:30 Premiere Jugend ohne Gott

19:30 Drei Mal Leben

21:00 nb club Premierenparty


AxEL SICHROVSKY

Was ist dein größter Rollenwunsch? Ich würde gerne einige der

großen, düsteren und ambivalenten Figuren von Shakespeare

spielen – Jago, Richard III., Macbeth und, ja, so sehr es auch ein

Klischee ist, ich würde wahnsinnig gerne noch den Hamlet spielen,

bevor ich endgültig zu alt dafür bin. Wenn du nicht Schauspieler

geworden wärst, was wärst du dann heute? Dann wäre

ich Bergführer mit schriftstellerischen Ambitionen, oder Schriftsteller

mit Bergführerambitionen. Oder Alpenländischer Heimatdichter

(mit Jodelambitionen). Was hast du zuletzt gelesen?

»Buddhas kleiner Finger« von Viktor Pelewin, »Die Liebeshandlung«

von Jeffrey Eugenides und »Der größere Teil der Welt« von

Jennifer Egan.

16 fragebogen

ALExANDER FINKENWIRTH

Was musst du unbedingt noch entdecken? Brasilien. Da kommt

meine Mutter her. Außerdem möchte ich so gerne Portugiesisch

lernen. Welches Lied geht dir nicht aus dem Kopf? »Was kostet

die Welt« von F.S.K. Was würdest du dir am liebsten kaufen?

Was kostet die Welt? Wenn du nicht Schauspieler geworden

wärst, was wärst du dann heute? Ritter oder Cowboy. Oder

beim Auswärtigen Amt: Mit Diplomatenstatus und einer deutschen

Limousine durch z. B. Sibirien zu brettern, um sich mit lokalen

Würdenträgern zum Wodkatrinken zu treffen, hätte schon

etwas für sich.

mit frühstücksangebot

neu: Sonntag um 11

Am 28. Oktober starten wir in unsere neue Sonntagsreihe: In entspannter Vormittagsatmosphäre stellen wir

Ihnen die neuesten Inszenierungen vor. Im Gespräch mit den Regieteams und den Schauspielern erfahren

Sie Wissenswertes und Besonderes zu den Stücken. Wir freuen uns auch auf Ihre Eindrücke und Fragen.

Termin 28. Oktober 2012 Spielort Glasfoyer Eintritt frei!

#15

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