MyTHoS WiLDERER

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MyTHoS WiLDERER

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outlaw

Berge

der

Mit einer provokanten Buch-Beichte und unbändiger Schießwut krönte sich der

Südtiroler Horst Eberhöfer zum König der Alpen-Wilderer.

Ein Bock wie aus Stein in einer Landschaft aus

Stein. Da fühlt der Mensch sich klein.

| TExT: SvEn F. GoERGEnS || FoToS: GünTER STAnDL |

Südtirols prominentester Wilderer

hat gebeichtet und gesühnt. Reue

aber kennt er nicht. Wie zum

Beweis seiner unerschütterlichen Unbotmäßigkeit

trägt Horst Eberhöfer

eine Kappe mit zwei Federn des geschützten

Steinadlers über seinem

dunkelblonden Haar.

Er steht zwischen Geröllhalden und

den grauen Eiszungen des Gletschers

und lauscht in den schneidend kalten

Wind. Langsam hebt er seinen Arm in

die dünne Hochgebirgsluft und deutet

auf den Gipfel des Monte Scorluzzo,

einen Dreitausender, der das Stilfser Joch

noch um ein paar Hundert Meter überragt.

Dort, auf einer Felsnase zwischen

Himmel und Erde, posiert eine Steingeiß

mit ihrem Jährling. Das Menschlein

unter ihnen haben die beiden Tiere

längst bemerkt, aber an Flucht denken

sie nicht. „Steinböcke“, sagt Horst, „sind

für den Jäger keine große Herausforderung.

Mangels ausgeprägten Fluchtinstinkts

stehen sie starr wie Statuen

und bieten ein leichtes Ziel.“ >

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Das Wild mit dem gewellten Gehörn

hat freilich auch nichts zu befürchten.

Im Nationalpark Stilfser Joch

trägt Horst schon lange keine Waffe

mehr bei sich. Nach dem Erscheinen seines

erschreckend aufrichtigen Bekenntnis-Buches

vor acht Jahren schwor er der

illegalen Jagd ab.

Die Wilderei hatte ihm fast das Leben

gekostet, einmal pfiffen die Kugeln der

Park-Ranger knapp an seinem Kopf vorbei.

Zweimal verfrachteten ihn Carabinieri

in Handschellen ins Bozener Gefängnis.

Die Untersuchungshaft dauerte

zwar nur ein paar Tage, aber an der Brutalität

der Verhöre und der Enge der

Zelle, die er mit Schlägern und Mördern

teilen musste, wäre er fast zerbrochen.

Außerdem drohten ihn die Anwaltskosten

aufzufressen.

1989, da war Horst Eberhöfer gerade

21 Jahre alt, wurde er wegen Wilderei im

Nationalpark Stilfser Joch zu einer hohen

Geldbuße verurteilt. Seine Jagd-

lizenz zogen die italienischen Behörden

für viele Jahre ein, erst 2002 bekam er

sie zurück.

Eigentlich war es unfassbares Glück,

dass der Wilddieb das Papier überhaupt

je wiedersah. Denn kaum hatte der

Delinquent das Gerichtsgebäude verlassen,

knallte seine Büchse wieder durchs

Naturschutzgebiet. Unrechtsbewusstsein

hatte Horst Eberhöfer, der den Park-

Rangern die kapitalen Hirsche manchmal

rudelweise vor der Nase wegschoss,

eigentlich nie.

„Wir machen uns die

Gesetze selbst“, saGt er

trotziG und spricht damit

den meisten südtirolern

aus der seele.

Als 1983 sämtlichen Südtiroler Jägern,

deren Reviere innerhalb des rund 130.000

Hektar großen Nationalparks lagen, das

Jagdrecht entzogen wurde, geriet die

Wilderei zum Volkssport. Pfarrer, Lehrer,

Bauern, Förster, Beamte, Jugendliche –

die halbe Bevölkerung des Vinschgaus

montierte Schalldämpfer auf die Büchsen

und räuberte im wildreichen Nationalpark,

bis die Kühltruhen zu bersten

drohten.

Die Anwohner erzürnte besonders die

offensichtliche Doppelmoral der Naturschützer

und Park-Verantwortlichen: „Was

ist das für ein Nationalpark“, schimpft

Horst Eberhöfer, „in dem Straßen, Aufstiegsanlagen

und ganze Skigebiete gebaut

werden dürfen? Man darf alles tun,

nur nicht auf die Jagd gehen. Ein Irrsinn!“

Tatsächlich grenzt es an bürgerkriegsähnlichen

Wahnsinn, was Horst Eberhöfer

in seinem autobiografischen Bestseller

„Der Wilderer im Nationalpark“

zu berichten weiß.

Gesetzeshüter und Gesetzesbrecher

liefern sich im

fiat Wilde VerfolGunGsjaGden

über die abschüssi-

Gen berGstrassen.

Um die Selecontrollori (so heißen die von

den italienischen Behörden eingesetzten

Ranger) abzuhängen, legen die Wilderer

Nagelbretter auf die Straßen, und um

unerkannt zu bleiben, tragen sie wie

Terroristen schwarze Strumpfmasken.

Die Ranger dringen nachts in die Häuser

Verdächtiger ein, reißen die Burschen aus

dem Bett und buddeln im Garten nach

verscharrten Gewehren. Carabinieri klammern

sich an die Kühlerhauben der Fluchtfahrzeuge,

abzuschütteln nur bei rasanter

Rückwärtsfahrt über Stock und Stein.

Längst, so hat der bange Leser den Eindruck,

geht es den Häschern nicht mehr

um den Schutz von Gams, Steinbock

und Hirsch, sondern um ihre persönliche

Rache an den dreisten Rebellen.

Der Autor dieser Räuberpistole wird in

den Tälern am Fuße der mächtigen Ortlergruppe

wie ein alpiner Robin Hood

verehrt. Vom Gebaren eines schießwütigen

Draufgängers hat er indes wenig.

Horst Eberhöfer trägt ein sanftmütiges

Lächeln in seinem von der Gebirgssonne

bronzierten Gesicht, dazu eine randlose

Brille über den hellen Augen. Seine Stimme

ist leise, in seinen Worten schwingt

Selbstkritik mit: „Ich war überpassioniert,

das stimmt schon“, räumt er ein. Und

manchmal, so beichtet er auch in seinem

Buch, widerte ihn sein unstillbarer Jagdtrieb

selbst an.

Seine Zerknirschung erreicht den Höhepunkt,

als er als 19-Jähriger trotz unsi-

cherer Ansprache auf ein Rudel Gamswild

schießt. „Es waren ein Jährlingsbock

und zwei Geißen. Beide waren trächtig.

Sie hatten ein Kitz im Bauch. Das ist keine

schöne Sache, zwei werdende Mütter,

stark abgemagert von den Winterstrapazen.

Es tat weh, sie tot liegen zu sehen.

(...) Ich hatte zum ersten Mal kopflos getötet

und war selbst im Herzen tief

verwundet.“

Noch heute plagt den inzwischen lizenzierten

Jäger mit legalem Revier außerhalb

des Nationalparks der Schießzwang

und das anschließend schlechte Gewissen.

Deswegen tauscht er nun öfter seine

Blaser im Kaliber 7 mm Magnum gegen

einen Fotoapparat mit Teleobjektiv. „So

kann ich auf die Pirsch gehen und den

Tieren nahe kommen, ohne sie zu töten.“

Die Selbsttherapie, die der Hobbytierfotograf

sich verordnete, hält allerdings meist

nicht lange vor. Verschämt und mit gesenktem

Kopf gesteht der Wildtöter ein:

„Aber ein Hirschkalb muss im November

schon her. Die schmecken so gut.“

Die Einheimischen in den Vinschgauer

Dörfern von Sulden bis Trafoi schauten

lieber weg, wenn Horst Eberhöfer unter

dem Bergwild wütete. Denn die Rohheit,

mit der er bei seiner Wilderei manchmal

zu Werke ging, hätte ihre Illusion eines

edlen Unabhängigkeitskämpfers, der den

Südtirolern den Nationalpark zurückeroberte

und den verhassten Bürokraten

in Rom die Stirn bot, zerstört.

so Genoss eberhöfer, als

Wäre er ein WiederGänGer

des freiheitskämpfers

andreas hofer, eine fast

kritiklose VerehrunG

unter den berGlern.

Sein Schulkamerad Stephan Gander,

der später die schöne Tochter des legendären

Südtiroler Skirennläufers Gustav

Thöni heiratete und heute mit ihr in

Trafoi das sympathische Familienhotel

„Bella Vista“ betreibt, hätte für den Wilddieb

alles getan.

„Als ich erlebte, wie brutal mein

Freund von der Polizei behandelt wurde“,

erzählt der Unternehmer, „begann ich

Jura zu studieren, um ihm beistehen zu

können. Leider musste ich bald >

Sein Gewehr trägt Horst Eberhöfer nicht mehr bei sich, wenn er im nationalpark Stilfser Joch kraxelt.

nur noch der Feldstecher erinnert an sein früheres Dasein als Wilderer.

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Blühende Wiesen und weiße Gipfel:

Was wollen Bergsteiger und Wanderer mehr?

Wie ein Trapper in Alaska wärmt sich der

Ex-Wilderer am Lagerfeuer.

Eine Steingeiß benutzt die steile Felswand

als natürliche Treppe.

Auch im Südtiroler Hochgebirge hat der

Mensch seine Spuren hinterlassen.

einsehen, dass auch die Juristerei wenig

mit Gerechtigkeit zu tun hat. So bin

ich Marketingexperte und Hotelier

geworden.“

Horst Eberhöfer sitzt auf der Hotelterrasse

seines treuen Kumpels und lässt

seinen Blick übers grandiose Bergpanorama

schweifen. In glitzernden Kaskaden

stürzen Wasserfälle aus den schroffen

Wänden der drei Madatsch-Spitzen, der

Ortler reckt seine weiße Kappe hoch in

den blauen Himmel.

Im September steigen die Hirsche zur

Brunft hinab ins Tal, ihr Röhren kündigt

den Wilderern das herbstliche Jagdfest

an. Horst Eberhöfer schätzt, dass auch

heute noch mindestens 150 Bergler mit

ihren Büchsen in den Tälern und Wäldern

unterwegs sind, nur sehr wenige werden

auf frisc her Tat ertappt. Allein 400 Stück

Rotwild bringen die ortskundigen Wilddiebe

jährlich zur Strecke, der Park rund

um das Stilfser Joch gilt nach wie vor als

europäische Wilderer-Hochburg.

Keiner von ihnen kann sich allerdings

an jagdlichem Geschick mit dem 43-jährigen

Horst Eberhöfer messen. Noch auf

600 Meter Distanz, jeglicher Waidgerechtigkeit

zum Trotz, trägt der Sportschütze,

der wie besessen auf dem Schießplatz

seiner Heimatgemeinde Taufers

trainiert, dem Hirsch einen sauberen

Blattschuss an. Und an Kondition und

MyTHoS WiLDERER

Von den Dörflern verehrt, von den

Mädels geliebt und von den Jägern gemordet:

Nur der Wilderer, der sich diesen

dreifachen Ritterschlag verdienen konnte,

hatte das Zeug dazu, als Volksheld in die

Geschichte einzugehen. Das war beim historischen

Georg Jennerwein so und auch

beim literarischen Blasi aus Ludwig Ganghofers

Heimatroman „Der Jäger von Fall“.

Allerdings hatte sich auch der gesetzlose

Wildschütz einem Ehrenkodex zu unterwerfen.

Ein bayerischer Aufsatz um

1900 unterscheidet zwischen dem edlen

Wildschütz und dem verachtungswürdigen

Raubschütz. In Ersterem pulst das

„wahre wilde Jägerblut, dem’s keine

Ruh lässt, sich von einem dahergelaufenen

Jagersknecht verbieten zu lassen,

Gewandtheit ist ihm ohnehin niemand

ebenbürtig. Der durchtrainierte Marathonläufer,

ausdauernd wie ein Indianer

und trittsicher wie eine Bergziege, weiß

denn auch gar nicht mehr wohin mit all

den Trophäen seiner jahrzehntelangen

Wilderer-Karriere.

Im Keller seines Eigenheims hat sich

der Malermeister, der im Südtiroler Prad

einen eigenen Betrieb mit sechs Angestellten

führt, ein privates Jagdmuseum

eingerichtet. Zehnender, Zwölfender und

Vierzehnender drängen sich an den übervollen

Wänden so dicht aneinander, dass

die Geweihe sich wie beim Revierkampf

zu verhaken drohen.

„Die meisten Kapitalen“, bekennt Horst

freimütig, „habe ich in meinen Wilderer-

Jahren geschossen. „Aber den hier“, er

deutet auf ein lebensechtes Hirschkopf-

Präparat, „habe ich vergangenes Jahr

ganz legal in meinem Revier außerhalb

des Nationalparks erlegt. Mit weit über

120 Kilogramm ist das Stück eines der

schwersten, das in Südtirol zur Strecke

gebracht wurde.“

Und was für eine Bewandtnis hat es

mit den Bärenfellen und Wolfspelzen, die

auf dem Boden aus Lärchenholz ausgebreitet

sind? Horst Eberhöfer schmunzelt:

„Die stammen aus Kanada.“ Die interkontinentale

Ausweitung seiner Jagdgründe

verdankt der Südtiroler der Groß-

frei im Berg umeinand’ zu streifen.“ Die

Schmach wäre allzu groß: „Kein Madl

könnte ihn mehr achten.“

Den zweiten Typus des Wilderers

kennzeichnet die Quelle hingegen als

gewöhnlichen Kriminellen: „Der fertige

Lump, der Desperado der Berge, den

nicht Leidenschaft treibt und jugendlicher

Übermut, sondern einfach Raub-

und Diebeslust.“

Im Südtiroler Bergland scheint man

es hingegen bis heute mit dem Ethos

des waidgerechten, noblen Wilderers

nicht allzu genau zu nehmen. Vielleicht

weil jedwedes Aufbegehren gegen die

italienischen Behörden so nostalgisch

nach Andreas Hofer duftet, der einst als

Freiheitskämpfer seine Heimat gegen

bayerische und französische Besetzung

verteidigte.

zügigkeit eines gräflichen Bewunderers

und Mäzens. Hierzulande möchte der

adlige Sponsor nicht mit dem ehemaligen

Straftäter auf der Pirsch gesehen werden.

Deshalb durchstreift der diskrete Waidmann

lieber die anonymen Weiten Nordamerikas

– mit der Wilderer-Legende als

Gefährten und Lehrprinzen.

Es scheint tatsächlich, als sei der hofierte

Horst vom Schicksal geküsst. Das

legt auch seine neueste Trophäe nahe.

Horst hat sie zur sachkundigen Begutachtung

im Fotospeicher seines iPhones

archiviert. Sie heißt Arina, stammt aus

Moldawien, ist Model, kaum dreißig und,

wie der verknallte Horst versichert, „von

allen Seiten schön“.

Der Schürzenjäger und das Mädchen

trafen sich in einer Bar in Padua, man

schäkerte, der Bergler hinterließ seine

Mobilnummer. Ein paar Tage später rief

Arina zornig an. „Wer bist du überhaupt“,

fauchte sie auf Italienisch ins Handy, dass

du glaubst, ich wolle dich wiedersehen?“

Mit sanfter Stimme und warmem Alpen-Akzent

erzählte ihr Horst von seinem

sonnigen Haus auf der Wiese, vom Enzian,

der zwischen dem Gletschereis sprießt

und vom Pfeifen des Murmeltiers.

Am übernächsten Tag stand die

schöne Moldawierin vor der Tür, ins Herz

getroffen von Südtirols zielsicherstem

Schützen. ■

Woran aber lag’s, dass wahre Wilddiebe

immer auch Herzensdiebe waren

und bei den Damen einen besonderen

Schlag hatten? Wohl weil der kühne

Freibeuter der Wälder den Ausbruch

aus der engen Bürgerlichkeit verhieß.

Ein früher 68-er gewissermaßen, der

sich der freien Liebe und dem Kampf

gegen das Establishment verschrieben

hatte.

Der Girgl Jennerwein jedenfalls kannte

keinen Mangel an Liebchen. Sennerinnen

und Kellnerinnen hielten ihm das Bett

warm.

Und so wie all die Klischees über die

Wilderer heute noch lebendig sind, ist

auch ihre Verehrung ungebrochen.

An Jennerweins Grabkreuz im bayerischen

Schliersee hing noch zu seinem

99. Todestag eine gewilderte Gams.

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