Schlesischer Gottesfreund - Herzlich Willkommen!

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ZUR ADVENTSZEIT 188

Polen als katholisches Gotteshaus übernommen; denn am

Ort gab es keine katholische Kirche. Zunächst waren die

Evangelischen in ihrer Kirche noch geduldet, weil ein deutscher

Pfarrer Rudolf Meisel (+1965), der etwas Polnisch

konnte, die polnische Gemeinde leitete und die Messe

damals noch lateinisch zelebrierte.

Weihnachten 1945 waren noch viele deutsche Menschen

in Mangschütz, zum Teil von der Flucht zurückgekehrt.

Sie hatten aber keinen Pfarrer mehr, weil der letzte

evangelische Pfarrer Pompetzki mit auf die Flucht gegangen

war. So baten die Evangelischen den katholischen

Wie ein Mensch Weihnachten erlebt und feiert, das

hängt sehr von seinen „Kindheitsmustern“ ab.

Dabei spielen oft Familientraditionen eine Rolle,

die hundert und mehr Jahre alt sein können. Was wundert

es dann, wenn manchen Menschen in der Weihnachtszeit

eine gewisse Nostalgie überkommt.

Mir erzählte kürzlich ein alter Herr, daß er es vor einem

Jahr in der Vorweihnachtszeit einfach nicht mehr ausgehalten

habe und in seine schlesische Heimat habe fahren müssen,

die freilich nun polnisch sei, und wo er keinen Menschen

mehr kenne. Auf dem Marktplatz habe zu deutscher

Zeit im Advent eine große Tanne gestanden, und an zwei

Adventssonntagen gab es den Weihnachtsmarkt mit vielen

Buden und dem Weihnachtsliederblasen des Posaunenchores

und nicht das Lautsprechergedudel, das man heute

überall vorfindet.

Als er nach G. kam, war davon nichts zu finden. Die

große Stadtkirche St. Marien war zwar geöffnet. In die sei

seine Familie am Heiligen Abend zur Christvesper gegangen,

fast 1000 Menschen hätten sich in dem ehrwürdigen

Gemäuer gedrängt, und es sei einem trotz der ungeheizten

Kirche immer warm ums Herz geworden. Jetzt würde die

Kirche von der katholischen Gemeinde genutzt und sei

innen ganz verändert worden. Nichts Weihnachtliches habe

er gefunden oder empfunden, obwohl Maria mit dem Kinde

sehr prächtig vorhanden sei.

Schließlich habe er vor seinem Elternhaus gestanden.

Er wäre zu gern hineingegangen, um in die Weihnachtsstube

seiner Kindheit zu treten; aber die Tür war verschlossen.

Wer mochte da jetzt wohl leben? Ob diese Leute auch

so einen schönen Christbaum aufstellen würden, wie ihn

alle Jahre sein Vater liebevoll geschmückt habe? Die

warme Weihnachtsstube mit den alten Biedermeiermöbeln

und den Kupferstichen an den Wänden sei ihm wieder ganz

gegenwärtig gewesen. Wer mochte sich daran bereichert

haben? Auch den Duft des Essens am Heiligen Abend verspürte

er noch: die feinen Bratwürste mit Muskatgeschmack,

dazu Sauerkohl und Kartoffelbrei. Aber dann

habe er sich losreißen müssen; denn die Gegenwart bewies

etwas anderes. Draußen vor der Tür fand er sich vor wie der

HeimatlicheWeihnachtsklänge

REINHARD LEUE

Pfarrer Meisel, ob er ihnen wohl einen Weihnachtsgottesdienst

halten könne, damit die Polen sie nicht aus ihrer

Kirche wiesen, Meisel war dazu freudig bereit, wie er mir

später berichtete. Ja, er hielt nicht nur eine Weihnachtspredigt,

sondern feierte mit der evangelischen Gemeinde auch

das heilige Abendmahl, das er evangelisch einsetzte und in

beiderlei Gestalt (Brot und Wein) austeilte.

Ein ökumenisches Weihnachten! Aber bald wurden alle

Deutschen vertrieben, und dazu gehörte auch Pfarrer Meisel,

der später im St. Carolus-Krankenhaus in Görlitz tätig

wurde. �

arme Lazarus. Mit seltsamen Gedanken sei er dann weiter

durch die liebe alte Stadt gewandert, wohl auf der Suche

nach etwas, das es nicht mehr gab. Da, wo früher die

Vorstadt begann und sein Gymnasium war, hatte man auf

einem freien Platz einen „Polenmarkt“ eröffnet, auf dem es

alles gab, was man sich nur denken konnte. Fast wirkte

alles wie ein großer „Flohmarkt“. Die fremden Menschen

drängten sich und kauften wie überall in Europa Weihnachtsgeschenke.

An einem Stand wurden sogar antiquarisch

deutsche Bücher angeboten. Wo mochten sie seit

1946 herumgelegen haben? Auch „Antiquitäten“ waren im

Angebot, einzelne Porzellanstücke deutscher Fabrikanten,

Nippes, gerahmte Bilder, die auch noch aus deutscher Zeit

stammen mochten.

Plötzlich, sagte mir mein Berichterstatter, habe er etwas

entdeckt, was ihn ganz neugierig gemacht habe. Er konnte

seinen Augen kaum trauen; denn da stand unter anderem

Trödel eine Spieldose, wissen Sie, so eine, die gleichzeitig

als Christbaumständer diente. Da er des Polnischen nicht

mächtig sei, habe er mit dem Finger darauf gezeigt und

eine drehende Bewegung angedeutet. Der polnische

Händler sei daraufhin gleich ganz beweglich geworden und

habe das gute Stück mit einem alten Schlüssel aufgezogen.

Es war übrigens frisch grün angestrichen. Nach der

Betätigung eines Hebels habe die Spieldose wirklich Töne

von sich gegeben, und die fügten sich zusammen zu dem

Weihnachtslied „Süßer die Glocken nie klingen“. Man

mußte aber genau hinhören.

Genau so einen Christbaumständer mit Spieldose hatten

wir zu Hause, mit dem gleichen Liede und noch „Stille

Nacht, heilige Nacht“. Man sei sich schnell handelseinig

gewesen. Für 50 Zloty sei das Stück ja auch nicht teuer

gewesen. Aber es war ein Weihnachtsandenken der Kindheit

und vielleicht sogar unsere Spieldose, welche die gute

Mutter nach dem Weihnachtsfest 1944 wohlverpackt in der

Weihnachtskiste auf den Boden geräumt hatte.

Nun lächeln Sie nicht über meine „Kinderseligkeit“,

meinte mein Gegenüber schließlich. Aber er mußte sich

nicht entschuldigen; denn ich verstand, wie wertvoll ihm

die heimatlichen Weihnachtsklänge waren. �

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