Konsuminfo Spielwaren

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EVB-KONSUM-INFO SPIELSACHEN DEZ_11

SPIELSACHEN

FREUDE TROTZ AUSBEUTUNG?

Spielsachen müssen Spass machen und bezahlbar sein, sonst werden sie

nicht gekauft. Eltern schauen zusätzlich noch darauf, ob ein Spielzeug giftige

Stoffe enthält und pädagogisch wertvoll ist. Überlegungen dazu, unter

welchen Bedingungen Spielsachen hergestellt werden, geraten angesichts

leuchtender Kinderaugen leicht in den Hintergrund.

Vier von fünf der in Europa verkauften Spielzeuge tragen den Vermerk „Made

in China“. Für die Herstellung von Barbies, Kuscheltieren oder einem neuen

Lego-Bausatz schuften in Chinas Spielwarenfabriken ArbeiterInnen bis zu 16

Stunden pro Tag. Tiefe Löhne, fehlende Schutzbekleidung, nicht umgesetzte

Arbeitsrechte oder das Verbot von unabhängigen Gewerkschaften gehören

zum harten Alltag dieser ArbeiterInnen.


ÜBERBLICK

WICHTIGE AKTEURE

Wussten Sie, dass...

. . . 80 Prozent der

weltweit verkauften

Spielsachen in

China produziert

werden?

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Kinder (und Erwachsene) spielen gerne, und so wird bei Spielzeug häufig zuletzt gespart.

Das Geschäft mit dem Spieltrieb floriert; 2010 lag der weltweite Umsatz von traditionellem

Spielzeug (ohne Unterhaltungselektronik) bei 83 Milliarden US-Dollar. Grösster Markt sind

die USA, vor Japan und China. In der Schweiz wurden 2010 428 Millionen Franken umgesetzt.

Die wichtigsten Produktgruppen in der Schweiz sind Spielsachen für Kleinkinder, gefolgt

von Lego und anderen Bausystemen, Brettspielen, Puzzles, Fahrzeugen und Puppen.

Die Firmensitze und Designabteilungen der grossen Spielzeughersteller befinden sich

mehrheitlich in Europa und den USA. Produziert wird aber zu 80 Prozent in China. Eine

der wenigen Ausnahmen unter den grossen Markenfirmen ist Deutschlands zweitgrösster

Hersteller Playmobil, der auf den Produktionsstandort Europa setzt. Die für ihre Teddybären

bekannte Firma Steiff zog sich 2008 nach vier Jahren wieder aus China zurück.

Der Verkauf von Spielwaren konzentriert sich stark auf die Weihnachtszeit. Manche

Hersteller machen in den Adventswochen bis zu 60 Prozent ihres Jahresumsatzes. Um vor

Weihnachten mit den letzten Neuheiten auf den Markt zu kommen, vergeben die Firmen

ihre Aufträge immer später im Jahr. Die Fabriken werden dadurch gezwungen, die bestellten

Spielwaren nicht nur billig, sondern auch in immer kürzerer Zeit abzuliefern.

Typisch für eine globale Wertschöpfungskette ist die ungleiche Gewinnverteilung.

Während der Löwenanteil an die Markenfirmen geht, ist die Gewinnspanne bei den Zulieferfabriken

in China sehr klein. Dies wirkt sich auf die Arbeitsbedingungen aus.

Existenzsichernde Löhne sind die Ausnahme, Vorkehrungen zur Arbeitssicherheit oder

Schutz bei Krankheit oder Mutterschaft gibt es meist nicht. Die Arbeitsbedingungen in den

Fabriken verstossen nicht nur gegen internationale Arbeitsabkommen, sondern oft auch gegen

die nationale Gesetzgebung. Vor allem wenn das Weihnachtsgeschäft auf Hochtouren

läuft, sind extrem lange Arbeitszeiten und Siebentagewochen die Norm.

Weder der in der Spielzeugbranche verbreitete ICTI-Kodex (siehe Abschnitt Initiative

der Industrie) für faire Produktionsbedingungen noch Kontrollbesuche haben bisher erhebliche

Verbesserungen für die ArbeiterInnen in China gebracht.

Die wichtigsten Player in der Welt der Spielzeugriesen sind die auf die Herstellung und den

Handel spezialisierten Firmen wie Mattel, Hasbro, Toy“R“Us, Playmobil, Lego oder Ravensburger.

Andererseits spielen auch Unterhaltungsriesen wie Disney und Warner mit,

welche mit ihren Filmen die Vorlagen für Spielfiguren wie Mickey Mouse, Shrek, Sponge-

Bob oder die Transformers liefern. Für die Herstellung dieser Merchandising-Produkte kassieren

die Hollywoodstudios bis zu 30 Prozent des Verkaufspreises. Aber auch Mattel

macht mit Lizenzen ein gutes Geschäft: 2004 sollen Lizenzprodukte zur Barbie-Puppe dem

Konzern 2,2 Milliarden Dollar eingebracht haben. Ein weiterer wichtiger Mitspieler ist

McDonald’s: Mit dem Spielzeug, das dem Happy Meal beigelegt wird, gehört die Fastfood-

Kette zu den grössten Spielwarenverteilern weltweit.

. . . McDonald’s zu

den grössten Spielzeugvertreibern

weltweit gehört?

. . . In China jedes

Jahr über 100‘000

Menschen bei Arbeitsunfällen

durch

mangelnde Sicherheitsvorkehrungen

sterben?

. . . Alle 2 Sekunden

eine neue Barbie-

Puppe „geboren“

bzw. fertiggestellt

wird?


FOKUS: CHINAS

WANDERARBEITERINNEN

FALLBEISPIEL: MATTEL

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Im Osten Chinas, im Pearl River Delta (Provinz Guangdong), sind rund 4000 Spielzeugfabriken

angesiedelt, in denen zwischen drei und fünf Millionen Menschen – hauptsächlich

Frauen – arbeiten. Oft sind es mittellose, ungebildete Wanderarbeiterinnen, die in den Fabriken

schuften. Sie kehren häufig nur über die Feiertage des Neujahrsfestes zu ihren

Familien zurück. Die Arbeitsbedingungen der Frauen sind prekär. Konkret heisst das: bis

zu 100 Stunden Arbeit pro Woche, häufig ohne freien Tag. Werden die Produktionsziele

nicht erreicht, gibt es weitere Überstunden oder Lohnabzug. Vom tiefen Lohn wird zudem

Essensgeld und Unterkunft abgezogen, sodass ein durchschnittlicher Monatslohn (inklusive

Überstunden) bei rund 130 Euro liegt. Löhne werden oft verzögert ausbezahlt, schriftliche

Verträge sind selten, von Sozial- oder Krankenversicherungen ganz zu schweigen.

Meist wird ohne Schutzkleidung gearbeitet, wodurch die Arbeiterinnen giftigen Substanzen

ausgesetzt sind. Häufig kommt es aufgrund von Übermüdung zu Unfällen.

Auch die Wohnsituation belastet die Arbeiterinnen: Die meisten können sich keine eigene

Unterkunft leisten. So wohnen sie in den Schlafsälen der Fabrik, wo sich zwischen

zehn und zwanzig Personen ein Zimmer teilen.

Produktions- und Lieferkette in der Spielzeugbranche

Lizenzgeber

z.B. Disney,

Warner, Mattel

Produktionsstätten

/ Zulieferbetriebe

z.B. Fabriken in China

Internationale

Spielzeughersteller

& Markenfi rmen

z.B. Mattel, Hasbro,

Lego, Playmobil,

Ravensburger

Einzelhändler

z.B. Migros, Manor,

Coop, Franz Carl

Weber, Toys”R”Us,

McDonald’s

Konsumentinnen

und Konsumenten

Mattel gehört mit einem Umsatz von 952 Millionen Dollar (2010) und 27‘000 Mitarbeitenden

zu den grössten Spielzeugherstellern weltweit. Dem Konzern mit Hauptsitz in El Segundo,

Kalifornien, gehören Marken wie Fisher-Price, Barbie oder Scrabble. Wegen seiner

Produktion in China geriet Mattel schon mehrfach negativ in die Schlagzeilen.

2007 mussten rund 18 Millionen Spielzeuge zurückgerufen werden, weil sie mit einer

zu stark bleihaltigen Farbe bemalt waren. Kritisiert werden auch die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen

bei Mattels Zulieferbetrieben.

Im Mai 2011 nahm sich Hu Nianzhen, eine Mitarbeiterin des Mattel-Zulieferers Tai Qiang,

das Leben, nachdem sie von ihren Vorgesetzten gedemütigt und zu Strafarbeit verdonnert

worden war, weil sie die vorgeschriebenen Produktionsquoten nicht erfüllen konnte. Mattel

schreibt in einer Stellungnahme, dass der Suizidfall ein Einzelfall sei und nichts mit den Arbeitsbedingungen

zu tun habe. Recherchen von Nichtregierungsorganisationen zeigen jedoch,

dass der Arbeitsdruck in der Tai-Qiang-Fabrik enorm hoch ist. Indem Mattel immer kürzere

Lieferfristen festlegt und die Stückpreise wo immer möglich senkt, übt die Firma schon bei

der Auftragsvergabe Druck auf die Zulieferer aus. Den Preis dafür zahlen die ArbeiterInnen.


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Mattel muss Verantwortung für seine Zulieferbetriebe übernehmen und Massnahmen

ergreifen, um den Druck auf die ArbeiterInnen zu verringern und weitere Selbstmorde und

Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Die dokumentierten Zustände verletzen nicht

nur das chinesische Arbeitsrecht, sondern auch den eigenen Verhaltenskodex von Mattel,

der eine Einhaltung der ILO-Kernarbeitsnormen verlangt.

Die Arbeitsbedingungen liessen sich deutlich verbessern, wenn Spielwarenfirmen wie

Mattel von den Zulieferbetrieben eine Umsetzung des eigenen Standards und des chinesischen

Arbeitsrechts fordern würden. Letzteres garantiert nämlich unter anderem vier Monate

bezahlten Mutterschutz, Entschädigungszahlungen für Überstunden sowie kollektive

Lohnverhandlungen.

Wer verdient an einer Barbie?

Gewinn Handel,

Gewinn Aktionäre,

Transport, Werbung

20,00 SFr.

Endpreis im

Handel

25,00 SFr.

Gewinn chinesische

Produktionsfi rma,

innerchinesischer

Transport

2,50 SFr.

Löhne

Fabrik arbeiterInnen

0,20 SFr.

Zölle

0,65 SFr.

Materialkosten

1,65 SFr.

(Quelle: Südwind 2009, aktualisiert)


INITIATIVE DER

INDUSTRIE

UND WIE SIEHT ES

IN DER SCHWEIZ AUS?

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Der Weltverband der Spielzeugindustrie ICTI (International Council of Toy Industries) verabschiedete

Mitte der 1990er-Jahre einen Verhaltenskodex mit dem Ziel, faire Arbeitsbedingungen

sowie die Arbeits- und Gesundheitssicherheit zu fördern. 2001 wurde der Kodex

um ein Kontroll- und Zertifizierungsprogramm, den sogenannten ICTI-CARE-Prozess

erweitert. Tritt ein Hersteller dem ICTI-CARE-Prozess bei, wird seine Fabrik von einer akkreditierten

Auditfirma geprüft. Bei Einhaltung des Kodexes wird ein für ein Jahr gültiges

Zertifikat vergeben. Zurzeit sind 2407 Fabriken – fast alle aus China – im ICTI-CARE-Prozess

registriert, jedoch nur 846 davon sind zertifiziert. Und auch dieses Zertifikat ist sehr

fragwürdig.

Obwohl sich Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in den Fabriken gemäss der

Aktion „fair spielt“ dank dem ICTI-Kodex verbessert haben, gibt es noch zahlreiche Kritikpunkte:

Gewerkschaften und ArbeiterInnen sind an der Ausgestaltung, Umsetzung und Kontrolle

des Kodexes so gut wie nicht beteiligt. Zudem liegen die Anforderungen des Kodexes

teilweise unter jenen des chinesischen Arbeitsrechts: Ein ICTI-Zertifikat erhalten selbst Fabriken

mit Arbeitszeiten von über 72 Wochenstunden. Gesetzlich erlaubt sind 49 Stunden

(Überstunden eingerechnet).

Kritisiert wird auch, dass bei den Fabrikkontrollen die tatsächlichen Arbeitsbedingungen

häufig nicht ans Licht kommen. Viele Arbeiterinnen wissen nichts vom Kodex. Die

Teilnahme der Markenfirmen am Prozess ist freiwillig und unverbindlich. Die Entwicklung

eines Kodexes wie den des ICTI ist zu begrüssen, doch mangelt es noch in vielen Bereichen

an der Umsetzung.

Auch in der Schweiz stammen die meisten Spielwaren aus China. Denn die grössten Verkaufsfilialen

Migros, Manor und Coop sowie Fachgeschäfte wie Franz Carl Weber oder

Toys“R“Us und kleine lokale Läden verkaufen die Markenprodukte diverser internationaler

Firmen wie Hasbro, Mattel oder Disney, welche in China produzieren lassen.

Schweizer Spielzeughersteller konzentrieren sich eher auf Nischen- und Qualitätsprodukte

wie z.B. hochwertige Holzspielzeuge. Doch sobald grössere Mengen benötigt werden,

lassen auch viele Schweizer Unternehmen in China produzieren.

Sowohl Schweizer Hersteller wie auch die Verkaufsstellen tragen die Verantwortung für

die von ihren Geschäften angepriesenen Produkte. Sie sollten von den Zulieferfirmen ausdrücklich

eine faire Produktion und angemessene Arbeitsbedingungen fordern.

Gemäss Informationen des Schweizerischen Spielwarenverbandes verlangen Marktführer

Coop, Migros und Manor von ihren Lieferanten eine Teilnahme am ICTI-CARE-Prozess.

Coop und Migros sind Mitglied der Business Social Compliance Initiative BSCI, einem von

Unternehmen ausgearbeiteten und getragenen Verhaltenskodex. Beide verlangen von ihren

Spielzeug-Lieferanten eine BSCI-Audit, anerkennen jedoch auch eine ICTI-Zertifizierung.

Das heisst, wo das ICTI-System nicht umgesetzt wird, kommt BSCI zum Zug. Sowohl BSCI

wie auch ICTI sind Business-Initiativen, bei denen die betroffenen ArbeiterInnen, Gewerkschaften

oder Organisationen nicht mitentscheiden können. Beide Initiativen reichen in

ihrer jetztigen Ausgestaltung und Umsetzung nicht aus, um die Einhaltung der Arbeitsrechte

zu garantieren.


KONSUMTIPPS –

SELBER AKTIV WERDEN

WEITERFÜHRENDE

INFORMATIONEN

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• Meiden Sie billige Massenware aus Plastik – die Herstellung geht oft einher

mit hohem Ressourcenverbrauch, miserablen Arbeitsbedingungen und mangelhaften

Qualitätskontrollen.

• Fragen Sie beim Kauf von Spielzeug nach den Herstellungsbedingungen.

• Schreiben Sie eine E-Mail an die grossen Spielwarenfirmen wie Mattel oder Disney

oder an Ihren Spielwarenverkäufer und verlangen Sie faire Arbeitsbedingungen und eine

Einhaltung des chinesischen Arbeitsrechts.

• Tauschen statt Kaufen: Nützen Sie Spielzeugbörsen und Ludotheken.

• Verschenken Sie Spielwaren aus Schweizer Produktion und von Fair Trade-Anbietern

und solchen, die glaubwürdig Auskunft geben können über die Herstellungsbedingungen.

• Garantiert fair sind Spielwaren, die Sie selber herstellen.

Aktion «fair spielt. Für faire Spielregeln in der Spielzeugproduktion»

Kampagne von Südwind für faire Arbeitsbedingungen in der Spielzeugproduktion

www.spielsachen-fair-machen.at (www.stop-toying-around.org)

Chinalaborwatch (USA)

Eric Clark: The Real Toy Story.

Inside the Ruthless Battle For Americas Youngest Consumers. Freepress 2007

ICTI-CARE-Prozess

SACOM (Students and Scholars Against Corporate Misbehaviour)

- SACOM: Exploitations of Toy Factory Workers at the Bottom of the Global Supply Chain (2009)

- SACOM: Shielding Labour Rights Violations in the ICTI Certification System (2011)

Südwind: AktivistInnen-Handbuch (2009)

Pun Ngai, Li Wanwei: Dagongmei – Arbeiterinnen aus Chinas Weltfabriken erzählen (2008)

Filmtipps: Those with Justice

Santa’s workshop

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