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Die Bibel von Gerona und ihr Meister

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<strong>Die</strong> <strong>Bibel</strong> <strong>von</strong> <strong>Gerona</strong> <strong>und</strong> <strong>ihr</strong> <strong>Meister</strong>. Künstlerisches Experimentieren in<br />

der Bologneser Buchmalerei des späten 13. Jahrh<strong>und</strong>erts<br />

Annette Hoffmann M. A.<br />

Betreuer: Prof. Dr. Lieselotte E. Saurma, Prof. Dr. Gerhard Wolf (KhI Florenz)<br />

Das Dissertationsprojekt stellt die <strong>Bibel</strong> <strong>von</strong> <strong>Gerona</strong> <strong>und</strong> <strong>ihr</strong>en anonymen <strong>Meister</strong> in den<br />

Mittelpunkt einer monographischen Untersuchung. Es handelt sich bei dem Codex um eine<br />

überaus qualitätsvolle <strong>und</strong> bislang wenig bekannte Bologneser Prachthandschrift des ausge-<br />

henden 13. Jahrh<strong>und</strong>erts, deren 92 illuminierte Seiten erstmals der Forschung vollständig<br />

zugänglich gemacht werden sollen. Kaum ein anderes Werk der italienischen Buchkunst ist<br />

erhalten, dessen Maler eine größere Vertrautheit mit den aktuellen Strömungen der Kunst der<br />

Palaiologen beweist <strong>und</strong> zugleich auf singuläre Weise die in Bologna gängigen Modelle der<br />

Buchausstattung mit französischen wie byzantinischen Konzepten der Illustration <strong>und</strong> ver-<br />

schiedenen Formen der Antikenrezeption zu verknüpfen weiß.<br />

<strong>Die</strong> Forschung hat der <strong>Bibel</strong> eine Reihe weiterer Handschriften religiösen wie profanen<br />

Charakters zugeordnet (<strong>Bibel</strong>n, Liturgica, Rechtshandschriften <strong>und</strong> einen Gralsroman), deren<br />

Verbindung zu diesem Hauptwerk jedoch noch nicht angemessen diskutiert wurde. Dabei<br />

ergaben die im Rahmen der Untersuchung geführten Vergleiche mit diesen Codices sowie<br />

anderen Bologneser <strong>Bibel</strong>n der Zeit, dass der <strong>Meister</strong> der <strong>Bibel</strong> <strong>von</strong> <strong>Gerona</strong> innerhalb enger<br />

Grenzen der Tradition höchst eigenwillige Wege geht. In der Auswahl <strong>und</strong> Zusammenstellung<br />

der Bilder für die Handschrift folgt der Maler nur zum Teil einer Logik, die auf eine präzise<br />

inhaltliche Bedeutungsstiftung oder die Bildung stringenter Erzählmuster zielt. Das zugr<strong>und</strong>e<br />

liegende Illustrationssystem bricht er an vielen Stellen auf, ohne formale Variation des Layout,<br />

jedoch im ständigen Wechsel der Konzeptionen, nach welchen er einmal die Ergänzung<br />

einer Handlung, ein anderes mal einen Textbezug (der ebenso assoziativ wie durch allegorische<br />

Deutung oder Wortillustration hergestellt sein kann), oder aber ästhetischen Kriterien<br />

folgend die Analogie <strong>von</strong> Farbe, Form oder Dynamik als Movens für die Verwendung <strong>und</strong><br />

Verbindung <strong>von</strong> Motiven wählt. <strong>Die</strong>se wurden aus ganz unterschiedlichen Kontexten <strong>und</strong><br />

Gattungen ‚gesammelt’, die französische Drôlerie steht neben dem byzantinischen Madonnenbild<br />

ebenso wie der ‚christomorphe’ Körper zwischen bacchantischen Jünglingen. In<br />

ungewöhnlichen Zusammenhängen also <strong>und</strong> ganz unterschiedlichen Kriterien folgend werden<br />

die einzelnen Motive in gleichsam explizitem Verweis auf die Vielfalt der Provenienzen<br />

vorgeführt. Dabei tritt die ästhetische Inszenierung etwa <strong>von</strong> Nacktheit oder Bewegung als<br />

neue Darstellungsabsicht in den Vordergr<strong>und</strong>.


Aus der Untersuchung zeichnet sich somit ab, dass der <strong>Meister</strong>, der sich im Spannungsfeld<br />

der Traditionen <strong>und</strong> Rezeptionen bewegt, in subtiler Differenz mit einer Reihe verschiedener<br />

Bildfunktionen wie Assoziationsketten spielt, gerade so als ob ihm die <strong>Bibel</strong>handschrift zum<br />

Experimentieren diente. <strong>Die</strong> Analyse des Materials wirft damit Fragen nach der ‚künstlerischen<br />

Lizenz’ <strong>und</strong> den möglichen Artikulationsformen der ‚Kreativität’ eines mittelalterlichen<br />

Buchkünstlers auf, welche im Kontext der gewöhnlich als frühe ‚Massenware’<br />

bekannten Bologneser Buchmalerei erstmals zu thematisieren sind. Damit wird auch deren<br />

‚Ort’ in den Jahrzehnten der großen künstlerischen Innovationen Giottos <strong>und</strong> Dantes genauer<br />

zu bestimmen sein.<br />

<strong>Bibel</strong> <strong>von</strong> <strong>Gerona</strong>, spätes 13. Jh. <strong>Gerona</strong>, Kathedralarchiv C.52, fol. 87v<br />

Lebenslauf:<br />

Studium der Kunstgeschichte, Mittleren <strong>und</strong> Neueren Geschichte sowie Romanischen Literaturwissenschaft<br />

in Augsburg <strong>und</strong> Heidelberg. 2001 Magisterexamen. 2002/2003 wiss.<br />

Mitarbeiterin am GIF-Projekt der Universität Trier: „Concepts of Jerusalem in European<br />

Culture“ (geleitet <strong>von</strong> Prof. G. Wolf <strong>und</strong> Prof. B. Kühnel). Seit 2004 wiss. Assistentin <strong>und</strong><br />

Doktorandenstipendiatin am Kunsthistorischen Institut in Florenz (Max-Planck-Institut).<br />

Forschungsschwerpunkte:<br />

• Bologneser Buchmalerei des 13. <strong>und</strong> 14. Jahrh<strong>und</strong>erts (Maestro della Bibbia di <strong>Gerona</strong>,<br />

Maestro di Gherarduccio)<br />

• Italien <strong>und</strong> Byzanz im 13. Jahrh<strong>und</strong>ert<br />

• Antikenrezeption<br />

• Prozesse der Bildfindung <strong>und</strong> der Motivverarbeitung<br />

• Text/ Bild<br />

• Jerusalem in erzählenden Texten <strong>und</strong> Bildern des Mittelalters

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