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Seminar|brief

Freie Hochschule der Christengemeinschaft Stuttgart

Sommer 2012

PRIESTERSEMINAR STUTTGART

FREIE HOCHSCHULE DER

CHRISTENGEMEINSCHAFT e.V.

In eigener Trägerschaft, ohne staatliche Anerkennung


Über den

„Seminarbrief“

Die Freie Hochschule der Christengemeinschaft Stuttgart ist eine der drei

Priesterbildungsstätten der Christengemeinschaft. Die Christengemeinschaft ist

eine weltweite Bewegung für religiöse Erneuerung – in den inneren und äußeren

Umgestaltungen unserer Zeit – gegründet für die Menschen, die ein modernes

sakramentales Leben suchen. In ihrem Mittelpunkt steht der neue Gottesdienst,

die Menschenweihehandlung. Um ihn versammeln sich Menschen in freien

Gemeinden.

Der Seminarbrief wird von den Studenten des Priesterseminars für dessen Freunde

und Förderer geschrieben. Er richtet sich aber ebenso an Interessierte, die auf

diese Weise das Seminar kennen lernen wollen. Unser Ziel ist es, in ihm das

Studium und das gemeinsame Leben als Teile der Priesterbildung anschaulich und

miterlebbar zu machen. Er erscheint zwei Mal jährlich und kann vom Sekretariat

der Freien Hochschule bezogen werden.

Geleitet wird das Priesterseminar derzeit von Georg Dreißig, Joachim Knispel und

Gisela Thriemer. Weitere Informationen erhalten Sie im Sekretariat oder auf unserer

Webseite:

Freie Hochschule der Christengemeinschaft Stuttgart e.V.

Spittlerstrasse 15

D-70190 Stuttgart

Tel. +49 (0)7 11 / 166 830

E-Mail info@priesterseminar-stuttgart.de

www.priesterseminar-stuttgart.de


Liebe Freunde des Seminars,

das Jahr 2012 ist, wie bereits im letzten Seminarbrief

beschrieben, ein Jahr der Schwelle. Grund

genug, sich über Schwellensituationen im Allgemeinen

einmal Gedanken zu machen. Wo überschreiten

wir Grenzen, wie tun wir es, wer bringt uns von

einem Ufer ans andere? Über-setzen ist das Thema

dieses Seminarbriefs und der Bindestrich öffnet den

Raum für jegliches „von einem Ort zum anderen

Kommen“. Leben ist eigentlich nichts anderes als ein

Wandern von einem Bereich in einen anderen, über

Grenzen hinweg – wir „setzen“ unsere Gedanken in

gesprochene Sprache „über“ oder in andere kulturelle

Äußerungen, wir interpretieren das, was uns von

einem anderen Menschen entgegenkommt, „setzen“

es „über“ in unsere Welt und reagieren entsprechend.

Außen wird Innen und wieder Außen,

Fremdes wird Eigenes und wieder Fremdes, Geistiges

wird materiell und wieder zu Geist – Ernährung

(außen-innen), Lernen (fremd-eigen) und Schaffen

(Geist-Materie) sind grundlegende Lebensvorgänge.

Übersetzung ist damit etwas viel Grundlegenderes,

als man gemeinhin annehmen könnte, und wird von

uns allen ständig vollzogen. Vielleicht liegt es in der

Natur dieser Ausbildungsstätte, dass wir mit keinem

Artikel auf die Übersetzung von einer Sprache in die

andere eingehen, obwohl ohne sie eine weltweite

Verständigung schlichtweg nicht möglich wäre.

Dafür gibt es Beiträge zu anderen Arten des

Hinübergehens von einem Ort zum anderen.

Grußwort der Redaktion

Diese Ausgabe des Seminarbriefs kommt etwas früher

als gewöhnlich – das ist der Jugendtagung

„Kairos“ in Überlingen zu verdanken. Die im letzten

Heft begonnene Ausschau in die Welt und zu unseren

„Geschwistern“ hat leider in diese Ausgabe nicht

mehr herein gepasst und soll im nächsten Heft fortgesetzt

werden. Sie finden dafür viele Einblicke in

unser Studium und eine ganze Reihe von Wegen ans

Seminar. Ein Ausblick soll auch gegeben werden –

wir arbeiten wieder an einem Kabarett!

Die Veränderungen in der Studentenschaft sind

nicht so deutlich wie im Herbst, dennoch gibt es

kleinere Wechsel, die Sie den Fotos entnehmen können.

Ein großes Ereignis war die Priesterweihe, die

wir diesmal nur zur Hälfte in Stuttgart gefeiert

haben. Drei Kandidaten wurden hier, die übrigen drei

zwei Wochen später in Spring Valley in den USA

geweiht. Das Foto zeigt alle sechs kurz vor ihrem

großen Tag.

Bleibt noch Ihnen, unseren verehrten Leserinnen und

Lesern, zu danken für Ihre Unterstützung und Sie zu

ermuntern, mit uns ins Gespräch zu kommen.

Schreiben Sie uns – wir freuen uns über Post! Im Namen

der Redaktion wünsche ich Ihnen sonnige Wochen

und viele glückliche Über-Setzungen,

Ihre

In eigener Sache:

Wir sind uns der schmählichen Tatsache bewusst, dass die männliche Form in der Sprache nur einen Teil der

Bevölkerung bezeichnet. Dennoch haben wir einer besseren Lesbarkeit zugunsten darauf verzichtet, konsequent

immer von AutorInnen oder Leserinnen und Lesern zu sprechen. Wir bitten Sie daher, grundsätzlich

auch die weibliche Hälfte der Bevölkerung mitzulesen und mitzudenken, wenn Sie im Folgenden von

Bewohnern, Helfern, Studenten und anderen Wesen lesen.

3


4

Inhalt

Wege zum Seminar

Über-setzen

Lernen

Leben & Begegnung

Grußwort der Redaktion

Studenten des 3. Trimesters | Sommer 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

Mein Weg zum Seminar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6

Viele Fragen – wo sind die Antworten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8

Studenten des 6. Trimesters | Sommer 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

Grenzgänger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10

Ungeahnte Schicksalsführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12

Aller guten Dinge sind drei … . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14

Moral und Naturgesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

Novalis – Übersetzer zwischen den Welten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

Gedanke – Wort – Schrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

Hilfe, ich verstehe mich selbst nicht mehr!!! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24

Fichte – Wirken durch das Ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

Dag Hammarskjöld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27

Referate im Wintertrimester | 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

Referate im Sommertrimester | 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

Hauptkurse Sommertrimester 2012 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

Rudolf Köhler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32

Neugeweihte Priester . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35

Der Beginn einer Reise mit Paulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

Haikus über das erstorbene Wort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

Leben mit einem Weihekandidaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39

Vom Werden ... und wie man Priester wird . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40

Brauergärten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42

„Ist das etwa die Hefepaste aus dem Seminar?" . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45

Kairos – weltweite Jugendfesttage in Überlingen . . . . . . . . . . . . . . . . . 46

Priesterweihe in Nordamerika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

Grußwort der Seminarleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49

Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50


Studenten des 3. Trimesters | Sommer 2012

Von oben nach unten

Nikolaus Güttinger, 1986, Schweiz

Viviane Malena Trunkle, 1964, Brasilien

Helge Tietz, 1975, Deutschland

Diana Hurst, 1977, Argentinien

Astrid Bruhns, 1970, Deutschland

Ben Horsington, 1978, Australien

Rose Steinberg, 1985, Deutschland

Julia Ballaty, 1991, Deutschland

Andrea Kluge, 1964, Deutschland

Cécile Lapointe, 1956, Frankreich

Michael Rheinheimer, 1978, Deutschland

Julian Rögge, 1984, Deutschland

Anka Kruczek, 1977, Polen

Wege zum Seminar

5


Wege zum Seminar

6

Mein Weg zum Seminar

| Geert Möbius, 6. Trimester

Berlin, Alexanderplatz, 4. November 1989. Ich stehe

am Rand des riesigen Platzes und staune über die

Ruhe und gespannte Aufmerksamkeit der unübersehbaren

Menschenmenge. Die DDR ist am Ende,

doch es herrscht eine große Ratlosigkeit, wie es mit

dem Staat nun weitergehen soll. Abends dann eine

Versammlung von ca. 70 Jugendlichen. Eigentlich

könnte nun frei gehandelt werden, aber ich bemerkte:

Jetzt fehlten die Ideen, was kommen soll.

Da stand ich nun, 22 Jahre alt, Funktionär einer winzigen

trotzkistischen Kleinpartei mit umso größeren

Idealen, wie das Zusammenleben in unserer Welt so

verwandelt werden könnte, dass jeder Mensch seine

individuellen Fähigkeiten frei entwickeln kann.

Dadurch würde so viel Potenzial wirksam, dass alle

auch ihre Bedürfnisse frei befriedigen könnten.

Leistung und Konsum würden entkoppelt und statt

Konkurrenz und Gier würde sich Brüderlichkeit ausbreiten.

Kurz nach dem Abitur 1987 hatte ich mich

in einem ernsten Gespräch mit der Parteileitung entschieden,

diesen Idealen mein Leben zu widmen.

Anlass für das Gespräch war meine Bewerbung, für

ein Jahr in London im Exilbüro der südafrikanischen

Gruppe unserer internationalen Vereinigung zu

arbeiten. Anschließend kam ich wieder nach

Deutschland und war dann als hauptamtlicher

Betreuer unserer Gruppen in Norddeutschland tätig.

In der Zeit nach dem Zusammenbruch der stalinistischen

Staatsform begann ich zu zweifeln, dass der

historische und dialektische Materialismus den Lauf

der Weltgeschichte richtig erklärt. Hinzu kamen

Zweifel an den Fähigkeiten der Menschen in der

Partei, große Verantwortung tragen zu können. So

zog ich mich schweren Herzens aus der politischen

Arbeit zurück mit der Empfindung, einem tiefen

inneren Impuls untreu werden zu müssen, um neu

verstehen zu können, worin dieser Impuls eigentlich

besteht.

Jetzt stand meine Familie im Mittelpunkt, und ich

absolvierte eine Ausbildung zum Schriftsetzer.

Inzwischen waren meine beiden Kinder Paula (geb.

1994) und Janusz (geb. 1996) in einem Waldorfkindergarten,

und zwar trotz des marxistisch eingestellten

Elternpaars! In der Verpackung des Baby-

Tragetuchs hatte die Telefonnummer einer Frau

gelegen, die den Käufern zeigen würde, wie man das

Tuch umbindet. Und diese Frau ist Mitglied der

Gemeinde Köln-Ost. Sie hatte statt viel zu erklären,

mich einfach erleben lassen, wie gut sich ein solcher

Kindergarten im Vergleich zu den üblichen anfühlt.

Meine Frau ging schon vorher in die Spielgruppe der

Gemeinde und nahm auch an den Kinderfesten teil.

Ich selbst konnte die Stimmung des Kultus noch

nicht ertragen und wollte beim Einsatz säuselnden

Leierklangs am liebsten aus der Taufe eines befreundeten

Kindergartenkindes hinauslaufen. Als meine

Frau mich aufforderte, dies doch einfach mal mit

dem Pfarrer (Christian Schädel) zu besprechen, verließ

mich der Mut: Ich ahnte, dass ich meine Weltanschauung

verlieren würde, und fühlte mich dem

nicht gewachsen.

Die innere und äußere Dramatik um meine Ideale

sollte sich aber noch verstärken: Ich war inzwischen

Anfang 30. Nach einer längeren Phase großer familiärer

Spannungen trennte sich meine Frau von mir,

wir suchten eigene Wohnungen, und sie war bald

von ihrem neuen Freund schwanger. Meine Versuche,

gemeinschaftsbildend zu handeln, waren

gescheitert. Allein in einem leeren Zimmer unter

einer nackten Glühbirne auf dem Boden sitzend

fasste ich einen zweiteiligen Entschluss: Ich würde

noch einmal ganz von vorne beginnen, und zwar bei

mir selbst. Weltanschauung und Ideale erklärte ich

für vorläufig aufgehoben mit dem Vorsatz, alles, was


nun an mich herankommen würde, ganz neu aufzufassen.

Und als zweiten Teil: Ich würde in diesem

Leben wieder froh werden.

Auf der Suche nach neuen Begegnungen traf ich

eine Internetprogrammierin - glaubte ich zumindest.

Doch in Wahrheit wollte sie Heilerin nach der

Barbara Brennan School of Healing werden. Da ich ja

beschlossen hatte, alles unbefangen entgegenzunehmen,

musste ich mich also inhaltlich damit auseinandersetzen:

eine schwere Arbeit, marxistisch

geschulte Denkgewohnheiten aufzulösen. Das führte

mich zu Büchern des spirituellen Lehrers A. H.

Almaas. In diesen fand ich meine seelische Lage so

klar geschildert, dass ich mich entschloss, einen Kurs

seiner Schule (Ridhwan School) zu besuchen.

Während der einwöchigen Seminare lernte ich

regelmäßiges Meditieren und hatte bald genügend

Erlebnisse, die das alte materialistische Denken sehr

effektiv widerlegten. Die innere Arbeit umfasste eine

psychologische Selbstanalyse und griff neben eigenen

geistigen Erlebnissen des Gründers auf traditionelle

Lehren z.B. der Sufis oder auf das Enneagramm

der neun heiligen Ideen zurück. Nach ca. einem Jahr

wurde mir deutlich, dass dieser Weg mich in eine

Selbstversenkung führen und von meinem Urimpuls

weiter ablenken würde.

In Gesprächen über Probleme um die Klassenlehrerin

meines Sohnes lernte ich eine Mutter kennen, die

mich zu einer Sonntagshandlung für die Kinder im

Rohbau der neuen Kirche von Köln-Ost mitnahm und

die mir erste Bücher von Rudolf Steiner auslieh. Die

Raumweihe im Oktober 2005 war meine erste

Menschenweihehandlung. Ich fühlte mich so stark

berührt, dass ich von nun an sonntags in die Kirche

ging und gleich schwungvoll den 14-tägigen Gemeindearbeitskreis

mit meinen Fragen und Ausführungen

aus dem gewohnten Trott brachte. Endlich

war die Zeit reif für ein Gespräch mit Herrn Schädel,

und kurz darauf lud er mich in das Proseminar Köln

ein. Die methodischen und inhaltlichen Widersprüche

der Schulungswege forderten bald eine

Eindeutigkeit. Die Entscheidung ist mir sehr leicht

gefallen: In unserem kultischen Leben habe ich eine

Heimat gefunden, die eine Brücke von der Innenwelt

zur Außenwelt, von der rein geistigen zur äußerlich

wahrnehmbaren bildet. Eine Heimat, die eigenes

inneres Wachstum so ermöglicht, dass es der

Entwicklung der menschlichen Gemeinschaft dient.

Tiefe Dankbarkeit breitet sich seitdem in mir aus. So

konnte ich die innere Treue wiedergewinnen, die

lange Jahre so schmerzlich gefährdet war. Nach

einer Zeit von fast vier Jahren im Proseminar, in der

auch meine beiden Kinder konfirmiert wurden, kam

ich für ein gutes Jahr ins Praktikum in die Wuppertaler

Gemeinde. Und seit Oktober 2011 arbeite ich

nun im zweiten Studienjahr die gesammelten Erfahrungen

ein weiteres Mal vollständig um.

Wege zum Seminar

7


Wege zum Seminar

8

Viele Fragen – wo sind die Antworten?

| Ben Horsington, 3. Trimester

Im Alter von 33 Jahren habe ich mich auf eine Reise

begeben, eine Reise nach Hause. Die Saat für diese

Reise wurde durch einen Impuls zur inneren Erneuerung

vor sechs Jahren gesät. Ich habe festgestellt,

dass Impulse aus der geistigen Welt einige Zeit brauchen,

um sich in äußeren Ereignissen zu manifestieren,

ihre irdische Form zu finden. Nach dem beruflichen

Start als Chiropraktiker in Sydney, Australien,

bemerkte ich, dass die meisten Menschen in meiner

Praxis eine Art Heilmittel für die Seele suchten. Mich

eingeschlossen. Das weckte die kritische Frage in mir,

was zum Menschsein dazugehöre. Ich erkannte, dass

wir ohne das richtige Verständnis unserer selbst oder

ohne die Entwicklung unserer inneren Fähigkeiten

sehr an unserem Getrenntsein von der Welt leiden

können. Ich verließ den Arbeitsbereich der Chiropraktik

und begab mich ins Unbekannte, um mich selbst

zu verstehen und zu entwickeln.

So studierte ich die Welt der Pflanzen, erlebte ihr

Ein- und Ausatmen im Lauf der Jahreszeiten, pflanzte

und jätete mit einem Team zur Aufforstung des

australischen Buschs. Nach einiger Zeit des Jätens an

mir selbst tauchten die Kunst-Formen der Eurythmie

zufällig in einem Gespräch auf. Da war ich neugierig

geworden. Ja, und wie! Ich arbeitete als Hilfskraft bei

unserer örtlichen Waldorfschule und lernte die

Christengemeinschaft kennen. Hier fand ich bald eine

soziale Gemeinschaft, die aus dem Geist und dem

Verständnis der Welt und unseres Platzes darin lebte.

Für mich war es ein Akt des Erinnerns. Nun stellte

sich die Frage, wie ich die Realität dieser Gemein-

schaftsform für mich selbst bestätigen könnte.

Würde sie gegenüber Fragen bestehen und neue

Kraft hervorbringen können? Um diesem Problem

nachzugehen, qualifizierte ich mich kurze Zeit später

als Waldorflehrer (2008) und arbeitete von da an

sowohl Vollzeit als auch aushilfsweise als Klassenlehrer,

bis sich der Weg der Anthroposophie für mich

persönlich und in meinem beruflichen Leben voll

bestätigt hatte.

Diese „Konfirmation“ kam für mich durch die

Tatsache, dass die Anthroposophie Fragen in mir hervorbrachte

und von mir eine aktive Rolle in der Suche

nach den Antworten forderte.

Als nächstes fragte ich mich, was die Religion für

einen Platz in meinem Leben hat und welche Rolle sie

für die Gemeinschaftsbildung spielt, ob sie gar ein

Grundstein zum Bauen dieser erneuerten sozialen

Formen ist. Nach einem Sommeraufenthalt in der

mittelaustralischen Wüstenstadt Alice Springs und

einer lehrreichen Begegnung mit der Kultur der

Ureinwohner und dem Erleben der Kraft der Ewigkeit

in Raum und Zeit entschied ich mich, an den erneuerten

geistigen Impulsen der Christengemeinschaft

mitzuwirken. Denn ich hörte eine “Gemeinschafts-

Stimme“, die Fragen nach sich selbst stellte sowie

nach der sozialen Form, in der sie in eine vielversprechende

Zukunft treten könnte. Es waren Fragen, die

teils einer Klärung galten, teils die Anpassungsfähigkeit

der Form prüfen sollten, damit innere Wahrheiten

in ihr in Erscheinung treten können. Dies alles

fühle ich in der Christengemeinschaft, der Bewegung

für religiöse Erneuerung. Sowohl das Individuum als

auch die Gemeinschaft haben die Freiheit, diese

Fragen zu stellen. Und in dieser Gemeinschaft sehe

ich den Willen, in das Unbekannte einzutreten auf

einem Weg mit offenem Ende, um Antworten zu finden.

Was auch immer auf diesem Erkundungsweg am

Priesterseminar in Stuttgart kommen mag, es wird

mich mit großer Freude und Ehrfurcht erfüllen. Die

Annäherung an das Unbekannte in Freiheit macht

mein langsames Ankommen so bedeutsam für mich.


Studenten des 6. Trimesters | Sommer 2012

Von links nach rechts

Karin Eppelsheimer, 1961, Deutschland

Geert Möbius, 1967, Deutschland

Johanna Taraba, 1991, Deutschland

Lander van den Bussche, 1974, Belgien

Sebastian Schütze, 1966, Deutschland

Rafal Nowak, 1976, Polen

Soledad Davit, 1985, Italien

Annette Semrau, 1967, Deutschland

Wege zum Seminar

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Wege zum Seminar

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Grenzgänger

| Sebastian Schütze, 6. Trimester

Es gibt viele Geheimnisse im Leben. Mein Geburtsort

ist für mich ein solches Geheimnis. Warum bin ich in

Detmold zur Welt gekommen? In der Nähe von

Detmold stehen die Externsteine, die für die

Germanen ein wichtiges Heiligtum waren. Sie waren

so wichtig, dass die Germanen um die Zeitenwende

alle verfügbaren Kräfte mobilisierten, um zu verhindern,

dass die Römer dieses Heiligtum eroberten. Im

Teutoburger Wald war die nördlichen Grenze des

damaligen römischen Reiches.

Mit zehn Jahren fand ich mich nicht an der Grenze

des römischen Reiches, sondern an der innerdeutschen

Zonengrenze wieder. Meine Eltern beschlossen,

das Leben in der Stadt aufzugeben, und begannen

eine biologisch-dynamische Landwirtschaft in

Oberfranken. Unser Hof lag direkt an der grünen

Grenze zwischen Bayern und Thüringen, nur wenige

Meter vom doppelten Grenzzaun und vom Minenfeld

entfernt. Unsere Kühe verliefen sich bisweilen ins

Niemandsland, und unter den Augen russischer,

amerikanischer und deutscher Soldaten holten wir

sie von dort zurück.

Mit siebzehn Jahren begann ich eine Tischlerlehre:

Ich lernte, wie man Türen herstellt und einbaut.

Meinen Zivildienst leistete ich in Frankreich bei dem

französischen Zweig des internationalen Bauordens,

den „Compagnons Bâtisseurs“, ab. Zu Beginn dieses

Dienstes machte ich eine wichtige Erfahrung. Ich

erlebte Einsamkeit, wie ich sie zuvor nicht gekannt

hatte. In ganz Frankreich arbeiteten Regionalgruppen

der „Compagnons Bâtisseurs“. Meine Gruppe

bestand aus mir und Michel. Michel liebte das Leben

auf dem Bau, und am Wochenende spielte er

Fußball. Ich selbst sprach nur spärlich Französisch,

ich kannte niemanden, und für Fußball interessierte

ich mich gar nicht. Aus dieser Situation heraus lernte

ich, dass es möglich ist, eine äußerlich schwierige

Situation durch ein inneres spirituelles Leben zu stabilisieren.

Ich wohnte inmitten der „Sidobre“, einem eher unbekannten

Gebiet im Südwesten Frankreichs. In der

Sidobre wird Granit abgebaut, und sie ist bekannt

für ihre „Pierres Tremblants“, zu deutsch „Wackelsteine“.

Das sind riesengroße vereinzelte Felsbrocken,

die auf einer so kleinen Standfläche ruhen, dass man

glaubt, sie mit dem kleinen Finger umstoßen zu können.

Nach dem Zivildienst begann eine mühsame Phase

der Orientierung, die mich schließlich veranlasste,

Architektur zu studieren. Mein Studienplatz wurde

mir in Berlin zugewiesen. Ich lebte wieder in einer

Grenzsituation, die es zwar offiziell nicht mehr gab,

denn die Mauer war während meines Aufenthalts in

Frankreich gefallen, aber sie prägte noch Jahre das

Stadtbild und lebte weiter in den Menschen. Im ehemaligen

Osten der Stadt schloss ich mich einer

Gruppe von Menschen an, die unter Zuhilfenahme

öffentlicher Fördermittel beschloss, zwei Altbauten

im Stadtteil Weißensee umzubauen und zu sanieren.

Während ich studierte, baute ich mit an unserem


Haus und war verantwortlich für alle Türen. Wir

arbeiteten und diskutierten viel, und nach fünf

Jahren waren wir fertig. In dieser Hausgemeinschaft

erlebten meine Frau und ich unsere ersten Ehejahre

und meine beiden Töchter ihre frühe Kindheit.

Im Winter 2001 war ich mit der Berliner Domkantorei

auf einer Chorreise in Israel. Wir sangen in

Haifa und besuchten das tote Meer, Galiläa, die

Golanhöhen und Jerusalem. In Jerusalem waren wir

mehr oder weniger die einzigen Touristen, weil kurz

nach dem elften September kaum noch jemand fliegen

wollte. Den tiefsten Eindruck machte auf mich

die Golgathakapelle über der Schädelstätte in der

Grabeskirche. Durch eine Öffnung unter dem Altar

können die Besucher den Golgathafelsen berühren.

Ich saß stundenlang dort und erlebte Andacht in

einer mir bis dahin unbekannten Dichte. Ich selbst

habe den Felsen nicht berührt.

Mit 38 Jahren wurde ich arbeitslos, und das einzige

ernstzunehmende Stellenangebot kam aus Genf in

der französischen Schweiz. Die Hälfte meiner Kollegen

dort waren „Frontaliers“, das heißt Grenzgänger.

Sie lebten in Frankreich und fuhren jeden Morgen

über die nahe Grenze in die Schweiz zur Arbeit. Ich

war wieder an der Grenze. Jeden Morgen fuhr ich in

einem kleinen Boot über den Genfer See, denn unsere

Wohnung liegt am linken und das Büro am rechten

Ufer. Am Anleger, wo alle zehn Minuten das

Schiff anlegt, liegen seit Urzeiten zwei gewaltige

Granitbrocken im Wasser. Sie heißen „Pierres de

Niton“ und jeder Schweizer kennt sie, weil sie die

offizielle Höhenreferenz für das ganze Land sind.

In der Gemäldegalerie der Stadt Genf hängt ein Bild

von Konrad Witz. Er hat den wunderbaren Fischzug

an den Genfer See verlegt. Wer genau hinschaut,

kann die beiden Felsen vor der Hand des rechten

Ruderers erkennen. Das linke Ufer, an dem wir leben,

ist auf dem Bild deutlich zu sehen. Inzwischen ist es

dicht bebaut; das Stadtviertel heißt „Eaux-Vives“

(lebendige Wasser). Wir wohnen in der „Rue des

Eaux-Vives“ (Strasse der lebendigen Wasser).

© siehe Impressum

In Genf habe ich mich daran erinnert, dass ich vor

über zwanzig Jahren bei der Konfirmation meiner

Cousine die Menschenweihehandlung erlebt hatte.

Ich suchte auch in Genf nach der Christengemeinschaft

und bin so auf die Genfer Gemeinde gestoßen.

Von hier habe ich den Weg ans Priesterseminar

begonnen oder vielleicht auch nur fortgesetzt. Auf

diesem Weg bin ich noch immer. Welche Grenzen

dabei noch zu überwinden sind und welche Türen

sich mir noch öffnen werden, wird die Zukunft mir

zeigen.

Wege zum Seminar

11


Wege zum Seminar

12

Ungeahnte Schicksalsführung

| Soledad Davit, 6.Trimester

Johanna Taraba:

Buon giorno! Non ci conosciamo già di vista?

Soledad Davit:

Na Mensch, natürlich kennen wir uns vom Sehen!

Nach eineinhalb Jahren Studium hier…

JT: Mehr Italienisch kann ich leider im Moment

nicht. Also Signora, dann mal los. Du bist 26

Jahre jung und doch schon am Priesterseminar.

Wenn ich an Italien denke, dann schnell auch an

die Katholische Kirche und den Papst. Wie bist du

aufgewachsen?

SD: Ich bin in Villar Pellice in der Provinz von Turin

in den Alpen geboren. Diese Gegend ist sehr protestantisch

geprägt. In meinem Dorf war jedes Jahr die

große Synode der Waldenser, da ist immer viel los.

Ich war als Kind immer beim Sonntagsunterricht

gewesen. Da haben wir viel gemalt und Geschichten

gehört, und ich habe viele andere Kinder getroffen.

JT: Du bist also sehr idyllisch aufgewachsen?

SD: Ja, mitten in der Natur, auf einem Bauernhof mit

vielen Tieren. Da brauchte mir keiner zu erzählen,

wie ein Tier auf die Welt kommt und was eine

Kartoffel ist … Nichts war abstrakt, sondern immer

zum Anfassen und Anschauen - jeden Tag! Aber es

war auch abseits der normalen Welt. Ich habe mich

auch manchmal abgetrennt gefühlt. Aber ich hatte

schon auch eine gute Freundin – wir waren immerhin

die einzigen zwei Mädels in der Klasse.

JT: Huch?

SD: Ja, es gab nur sechs Kinder- vier Jungs und zwei

Mädchen. Jaja, darum kamen immer mal Besucher

zu uns auf den Bauernhof. Also nicht wegen uns

Kindern, sondern weil es so schön ist in dem Ort.

JT … in Italien …

SD: Ja, alle Besucher sind ganz idealistisch, hach,

was könnte man alles Tolles machen … und dann

sind sie überrascht, dass man auch praktisch arbeiten

muss. Oft kamen auch Deutsche zu den Synoden

und haben dann Wanderungen zu unserem Hof hoch

gemacht und Pizza gegessen und frischen Käse und

leckeren Honig bei uns gekauft. Menschen brachten

immer ihre Spezialitäten auch mit, die dann ein

wenig geblieben sind in unserem normalen Leben.

JT: Irgendwann bist du aber auch mal herausgekommen

aus dem Tal.

SD: Genau. Ich ging später in ein so genanntes

Europäisches Gymnasium – ich hatte zwei Sprachen

gewählt: Französisch und Englisch. Im Stundenplan

war vorgesehen, dass man Reisen machte mit Briefwechsel

und Klassenaustausch, wo man das Land

und die Menschen kennen lernt.

JT: Und die Liebe zu Fremdsprachen ist dir bis

heute geblieben?

SD: Ja, als Kind war mein Traum, einmal alle Sprachen

der Welt zu können.


JT: Und du bist auf das Gymnasium gegangen,

um dir deinen Kindertraum mit den Sprachen zu

erfüllen?

SD: Als ich noch ganz klein war, träumte meine

Mutter, dass ich die Verbindung zur Welt bin für die

Familie. Auf diese Weise könnte dann durch mich die

Welt in unser kleines Dorf kommen. Deswegen bin

ich dann dahin. Ich wollte mich auch immer überall

selbst verständigen können und die Menschen verstehen.

Später habe ich auch noch Spanisch gelernt,

als ich ein bisschen Management studierte. Die

Sprachen kamen einfach immer zu mir. Im Gymnasium

hatten wir auch Latein gelernt. Da habe ich

besonders das Übersetzen geliebt.

JT: Über - setzen ist ja auch das Thema dieses Seminarbriefs.

Da passt du ja gut rein. Aber wie hast

du eigentlich zur Anthroposophie gefunden?

SD: Ich hatte schon immer viel mit Kindern zu tun

gehabt: so Kinderhüten, Ferienlager. Und immer

fragte ich mich, was denn da nicht stimmt! Was mit

den Kindern in den Ferienlagern gemacht wurde, war

so abstrakt in meinen Augen und so fern von dem

Eigentlichen. Das war nur ein Gefühl, aber ich habe

gemerkt, dass es so erwachsen ist, was wir da mit

den Kindern machen, aber die brauchen etwas ganz

anderes. Und das wollte ich endlich kennen lernen.

Das hat mich auch wirklich dann zu Fragen

gebracht, und ich habe eine innere Sicherheit entwickelt,

dass ich es entdecken kann, was ein Kind

braucht, und da können die anderen sagen, was sie

wollen - ich finde es doch. Und zwar in mir…wenn

ich dem Kind wirklich begegne! Und auf einmal kam

eine Freundin der Familie, die eine Frau kennen

gelernt hatte, die Waldorflehrerein war.

JT: Und da war sofort alles klar für dich?

SD: Sie hat uns nur davon erzählt. Aber ich habe das

sofort gegoogelt und gleich die ersten Vorträge von

Rudolf Steiner gelesen über die zwölf Sinne. Und ich

habe nichts verstanden. Trotzdem bin ich kurz darauf

einfach nach Venedig gefahren und habe das

Waldorflehrerseminar besucht.

JT: Und dich noch am gleichen Tag entschieden,

was?

SD: Ja, du lachst. Es war ganz einfach das, was ich

immer gesucht hatte.

JT: Wenn du aber schon alles mit den Kindern

konntest – was wolltest du noch lernen?

SD: Eigentlich bin ich zum Lehrerseminar gegangen

mit einer Frage: Wie kann ich entdecken, was das

Kind wirklich braucht? Bis dahin hatte ich einfach

meine Wahrnehmungen und habe dann nach ihnen

gehandelt. Aber ich wollte wissen, WIE ich das

mache. Ich wollte eigentlich mich selbst erkennen,

also: Wie komme ich ganz bewusst zu diesem

Unsichtbaren des Menschen, das mich dies wahrnehmen

lässt, was sich im Körper ausdrückt…

JT: Spannende Fragen. Hast du sie in der Ausbildung

beantworten können?

SD: Na, dann wäre ich heute nicht hier. Ich habe die

Ausbildung fertig gemacht. Das war eine gute

anthroposophische Grundlage. Aber meiner

Grundfrage nach dem Unsichtbaren, Unantastbaren

kam ich nicht näher. In einer Eurythmiestunde kam

mir dann eine Eingebung. Da erlebte ich, dass da rein

in der Qualität der Bewegung alles Wesentliche

sichtbar werden kann, ganz bewusst. Und da merkte

ich, wenn ich vielleicht nun noch Eurythmie studiere,

kann ich meine Wahrnehmung so weit üben und

verfeinern, dass ich zwar in der Pädagogik arbeite,

aber noch ein weiteres Instrument habe und somit

bewusster handeln kann.

Wege zum Seminar

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Wege zum Seminar

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… Ungeahnte Schicksalsführung

JT: Und du wolltest mal wieder eine neue

Sprache lernen und bist nach Stuttgart für dein

Eurythmie-Studium gekommen.

SD: Na, in Italien gibt es gar keine richtige Ausbildung.

Ich bin nach ein paar Gesprächen einfach hier

nach Stuttgart gefahren, und es hat mir im Eurythmeum

gleich sehr gut gefallen, und da hab ich mit

dem Studium dort begonnen.

JT: Aber – nun sitzen wir ja zusammen im Priesterseminar


SD: Ja, das Schicksal hat manchmal ungeahnte

Pläne. Die Kinder haben mich zur Anthroposophie

gebracht. Und das war wichtig für mich, da ich so

den frühen Tod meines Vaters besser verarbeiten

konnte. In der Eurythmie war es dann irgendwann

Aller guten Dinge sind drei …

| Ellen Buhles, ehemalige Seminaristin

Ich bin von Beruf Sozialarbeiterin und war alleinerziehende,

berufstätige Mutter (jetzt bereits dreifache

Großmutter und zweifache Pflege-Großmutter).

Ich lebe in Hildesheim.

Mein erster Weg ans Seminar begann mit dem

Besuch eines Orientierungskurses 2001, ich war 48

Jahre alt, in fester Anstellung bei der Stadtverwaltung

als Sozialarbeiterin und hatte über zehn Jahre

einen sozialen Brennpunkt betreut und meine beiden

Töchter in ihr eigenständiges Leben begleitet. Ich

war ausgelaugt. Es musste sich etwas ändern. Die

Idee, Priesterin zu werden, kam irgendwann in dieser

Zeit „angeflogen“, hat mich berührt, ich war völlig

ablehnend – unvorstellbar!!!

Aber sie blieb als Frage, wurde bewegt, ich näherte

rein physisch für mich nicht mehr möglich, weiter zu

machen – aber ich war total dankbar, hier in

Deutschland gelandet zu sein. Und dann kam die

Frage, was ich hier in diesem fremden Land denn

machen sollte. Was war denn meine Aufgabe? Mein

Freund hat mir dann sehr geholfen – er hat gesagt:

„Ja, mach doch mal eine Pause, lass die Sachen ein

wenig ruhen und schau, was kommt.“

Und dann habe ich ein Trimester ausgesetzt und

selbst noch mehr Anthroposophie studiert, und dann

war ich am Priesterseminar zur Orientierungswoche.

Und erstaunlicherweise kam es sehr schnell so, dass

auch dies nun mein Weg sein kann.

JT: Na dann alles Gute dir! Und: mille grazie!

SD: S’immàgini! Gern geschehen!

mich an – und wollte es überprüfen. Also habe ich

mich zum Orientierungskurs angemeldet. Dort

wurde mir nach den Gesprächen mit der

Seminarleitung angeboten, für ein Jahr das Studium

aufzunehmen und zum Wintersemester 2002 ans

Seminar zu kommen.

Ich habe den Arbeitsplatz gekündigt, meine Wohnung

untervermietet und die Erfahrung gemacht,

dass viele Menschen mich in dem Vorhaben ideell

und finanziell unterstützen. Es hieß also, alles Bisherige

loszulassen und mit voller Fahrt nach Stuttgart

in ein anderes Leben zu segeln.

Was für eine Umstellung! Zusammenleben mit vielen

Menschen aus aller Welt, völlig andere Themen, mit

denen ich mich auseinandersetzen durfte, viele


künstlerische Angebote – Musik, Eurythmie, Plastizieren

– Griechisch (mein Lieblingsfach!) und interessante

Hauptkurse. Eine für mich nicht zu bewältigende

Fülle! Das Zusammenleben war überwiegend

harmonisch, wir hatten viele humorvolle Beiträge

und vor allem gute Musik! In dieser Zeit wurde mir

immer klarer, dass ich gern geweiht werden und als

Pfarrerin arbeiten möchte, möglichst in einem sozialen

Brennpunkt. Die Menschen, mit denen ich bisher

gearbeitet hatte, empfand ich als bedürftig und

suchend – alles, was eine Gemeinde der Christengemeinschaft

zu bieten hat, wäre dort sinnvoll und

lebenswichtig. Leider war das nicht möglich.

Ich bin noch ein drittes Semester geblieben, um

mein Leben ohne Seminar vorzubereiten. Es war

außerordentlich schwierig. Mit über 50 Jahren ist

der Arbeitsmarkt ziemlich zu und als Sozialarbeiterin

ist es erst recht schwierig, einen Arbeitsplatz zu finden.

Die Wohnung war aufgelöst…

Und wieder habe ich unglaublich viel Unterstützung

bekommen. Ich durfte bei Freunden wohnen, ich

habe am Kindergartenseminar den berufsbegleitenden

Kurs besuchen können, in einem Waldorf-

Kindergarten für die Kinder und Erzieherinnen

gekocht und eine kleine Hortgruppe betreut. So

konnte ich meinen Lebensunterhalt sichern und

langsam ging’s aufwärts. Jetzt arbeite ich wieder als

Sozialarbeiterin mit Eltern, Pflegeeltern und Kindern.

Diese Aufgabe macht mir Freude.

Der zweite Weg ans Seminar waren die „Ehemaligen-Tagungen“

die seit 2002 immer Anfang Januar

in Stuttgart sind. Ich war unmittelbar nach dem

Weggang 2004 gleich das erste Mal dabei und habe

bis 2010 mitgearbeitet. Das war eine wunderbare,

gute Zeit mit interessanten Begegnungen und einer

intensiven Arbeit an den gesetzten Themen, die die

Vorbereiter mit der Seminarleitung vereinbarten,

ergänzt durch die künstlerischen Angebote und den

Austausch über die neuen Lebensschritte nach der

Seminarzeit.

Der dritte Weg ans Seminar war das Aufgreifen des

Angebotes, eine „Gastwoche“ mitzumachen, den

Hauptkurs zu besuchen und am Seminar zu wohnen.

Das habe ich nun dieses Jahr ausprobiert. Ich habe

am Hauptkurs „Embryologie“ bei Frau Goodwin teilgenommen.

Diese Möglichkeit zu nutzen, habe ich

sehr genossen. Ich wurde herzlich aufgenommen,

fühlte mich von Anfang an wohl, hatte interessante

Gespräche und war beeindruckt von der heiteren

Stimmung – obwohl ein Weihesemester dort ist.

Es ist alles wie gewohnt – aber leichter und heiterer.

Ich kann nur empfehlen, es auszuprobieren – eine

Woche Seminar, nur Hauptkurs und den Schlüssel

für die Bibliothek, gute Verköstigung, Freiraum und

viele nette Menschen... Das ist einfach optimal!

Zum Schluss noch etwas aus der Studienzeit: Im

Credo-Kurs bei Herrn Schroeder (Dezember 2002)

lautete eine Aufgabe, einen Dreiminuten-Vortrag zu

einem Satz des Credos zu halten. Mein Satz war:

„Durch Ihn kann der heilende Geist wirken“

Wenn wir in Weihe-Nächten

Den Christus in uns finden

Und mit ihm unser höheres Selbst,

dann kann uns das Feuer der

wesenschaffenden Liebe entzünden,

und wir können schöpferisch-schaffende,

wahrhafte Menschen werden

und die Erde heilen.

In diesem Sinne sind wir

alle aufgerufen mitzuwirken!

Wege vom Seminar

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16

Über-setzen

Moral und Naturgesetz

| Adam Ricketts, derzeit im Praktikum in Basel

Wer wird uns bringen ans andere Ufer?

Fährmann, Fährmann, komm und hol über!

Eine der grundlegendsten Fragen, die sich ein

Mensch stellen kann, ist die, ob die eigenen moralischen

und religiösen Ideale irgendeinen Einfluss auf

die Welt um ihn haben. Wenn die Welt von

Naturgesetzen bestimmt wird, wie kann dann das,

was in meiner Seele als die Grundlage meines Handelns

lebt, irgendeine Auswirkung auf die Welt haben?

Wenn die moderne Naturwissenschaft recht

hat, dann werden die Sonne, die Erde und der

Kosmos langsam ausbrennen und alles wird zerstört

werden, und ob nun Menschen in der einen oder

anderen Weise gehandelt haben, wird nicht den

geringsten Unterschied machen.

Die Seele des modernen Menschen wird entzwei

gerissen, wenn er die Konsequenzen der Naturgesetze

in seinem Intellekt bewusst akzeptiert und

zugleich versucht, seinen religiösen und spirituellen

Gefühlen Raum zu geben. Wir sind schon so weit,

dass das gesamte moderne Leben langsam auseinandergerissen

wird, und wir finden keinen Weg, diese

beiden Teile des inneren Lebens in eine glückliche

Verbindung zu bringen.

Zwei Welten scheinen nebeneinander zu existieren,

einander widersprechend, Zweifel und Missverständnisse

auslösend und in vielen Seelen auch große

Not. Einerseits wird in der modernen Physiologie und

Psychologie immer wieder betont, dass alles, was wir

tun, wünschen oder hoffen konditioniert sei durch

unsere Körpernatur, durch Vererbung, durch

Faktoren, auf die wir keinerlei Einfluss haben, und

dass wir in einer Illusion leben, wenn wir glauben,

diese Faktoren formen und unseren Bedürfnissen

anpassen zu können. Zur gleichen Zeit ist es für uns

völlig normal und richtig, dass Menschen für

Verbrechen bestraft werden, weil von ihnen erwartet

wird, dass sie aus ihrem moralischen Kern, ihrem Ich

heraus, ganz eigenverantwortlich handeln können.

Wir haben also die Freiheit und Fähigkeit, unsere

Handlungen selbst zu bestimmen. Was für den einen

Bereich unseres Lebens gilt, tut es offenbar nicht für

den anderen. Es scheint keinen größeren Widerspruch

im modernen Leben zu geben, wenn man so

auf den Menschen schaut. Eine Lösung dieses

Widerspruchs zu finden, ist ein drängendes Problem

und wird der entscheidende Faktor für die weitere

menschliche Entwicklung sein.

Diese Kernfrage nach dem Ineinandergreifen von

moralischem und natürlichem Gesetz wird von

Rudolf Steiner die „Kardinalfrage“ genannt. Die

Antwort, die jeder Mensch für sich darauf findet und

finden muss, entscheidet darüber, wie er sein Leben

gestaltet. Erst dann kann er das Vertrauen haben,

dass es von Bedeutung für die naturgesetzliche Welt

ist, wie er seine Seele formt.

Wenn der Mensch keine Brücke findet zwischen dem

Bereich der Moralität und jenem der Naturgesetze,

dann ist sein idealistisches Streben von geringem

Wert für die Welt, und er könnte auch einfach aufgeben

und die kurze Lebensfrist, die ihm gegeben ist,

so gut wie möglich genießen. Oder er könnte es sich

gemütlich machen in einer illusionären Welt des

Glaubens, die es ihm erlauben würde, jene nagenden

Ängste und Zweifel zu verscheuchen. Doch es wäre

vermutlich eine Welt ohne jeglichen Bezug zur

Realität.

Können wir also jene Brücke finden, die uns erlaubt,

eindeutig und dauerhaft zwischen der Welt der

Naturgesetzlichkeit und jener der Moralität hin und

her zu reisen? Gibt es einen Pfad, der beide Gebiete

auf eine Weise verbindet, die sowohl den Naturgesetzlichkeiten

als auch den Geistesgesetzlichkeiten

entspricht, die das eigentliche Wesen der


Moralität bilden? Rudolf Steiner zeigt diese Brücke

auf in dem „Wärmeelement“. Wärme können wir in

vielen Facetten des Lebens antreffen. Die entscheidende

Qualität der Wärme ist, dass sie sowohl als

äußere wie als innere Qualität erlebt werden kann.

Sie ist dasjenige Element, das dem Geistigen am

nächsten liegt. Wenn wir Wärme empfinden, ist nur

ein kleiner Schritt notwendig, um sie auch in ihrer

geistigen Manifestation zu spüren. Wenn wir einer

Kerzenflamme nahekommen, spüren wir Wärme.

Aber auch wenn wir uns für eine Idee begeistern,

haben wir eine bestimmte und deutliche Wärmeempfindung

in unserer Seele. Wo immer Liebe in

egal welcher Erscheinungsform anwesend ist, erfahren

wir die reale, greifbare Präsenz von Wärme, die

Gedanken, Gefühle und sogar unsere Taten formt.

Durch die Wärmeprozesse im Menschen gelangen

die Impulse aus dem geistigen Wesen des Menschen

heraus und durchdringen seine Seele und seinen

Körper. Das Wärmeelement pflanzt Samen in die luftigen,

wässrigen und festen Aspekte unserer

Organisation und verbindet damit nicht nur das

Elementarische innerhalb des Menschen mit den

Elementen in der Welt um ihn herum. Die Wärme,

die in der Ich-Organisation lebt, verkoppelt auch

seine höheren Wesensglieder mit den Elementen,

denn der Astralleib lebt in der luftigen, der Ätherleib

in der wässrigen und der physische Leib in der

festen, erdigen Organisation des Menschen.

Diese Samen werden jedoch nicht notwendigerweise

zur Frucht im äußeren Leben werden. Aber sie haben

kreatives Potential, wie die schlafende Natur des

Saatmaterials, das darauf wartet, in eine geeignete

Umgebung zu kommen, um blühen zu können.

Wenn wir uns mit moralischen und religiösen Idealen

verbinden und dies nicht auf intellektuelle,

kalte und abstrakte Art tun, sondern ihnen erlauben,

unseren Enthusiasmus und unsere Gefühle zu befeuern,

dann bereiten wir damit die Schaffung einer

neuen Natur vor, durchtränkt mit moralischem

Inhalt. Ein geistiges Gesetz bestimmt, dass jede Idee,

die uns nicht zum Ideal wird, Leben von uns nimmt.

Jede Idee hingegen, die mit unseren Idealen zusammengebracht

wird, wärmt uns, füllt uns mit Leben.

Dieses Leben strahlt von uns aus wie die leuchtende

Sonne und gibt der Welt um uns kraftspendendes

Leben.

Nur der Mensch ist in der Lage, sich dem Leben entweder

abstrakt und kalt zu nähern oder warm und

enthusiastisch, mit wahrem Interesse, Staunen und

dem Wunsch teilzunehmen, auf größtmögliche

Weise mit der Welt und ihren Wesenheiten mitzufühlen.

Aus unserer inneren Sonne heraus säen wir ständig

Samen in unser Wesen. Ob sie dort gute Erde finden

oder nicht, hängt von unserer Bereitschaft ab, für sie

in einer Weise zu sorgen, die es ihnen erlaubt, den

© siehe Impressum

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Über-setzen

… Moral und Naturgesetz

richtigen Moment für ihr Aufsprießen abzuwarten.

Rudolf Steiner zeichnet ein außergewöhnliches Bild

von der Kraft dieses Samenpotentials: Selbst wenn

nur ein Dutzend Menschen in der Lage sind, ihren

Enthusiasmus zu bewahren und ihre moralischen

Ideale zu verwirklichen, wird die Erde immer noch in

der Lage sein, wie die Sonne zu leuchten.

Das Bild der Aussaat dieser Samen wurde wunderbar

von Vincent van Gogh eingefangen, der in seinen

letzten Jahren viele französische und belgische

Landschaften malte. Eines seiner treffendsten Bilder

ist das des „Sämanns“ vom Juni 1888, kurz vor seinem

tragischen Tod. Wir sehen, wie der Sämann mit

großem Schwung die Landschaft durchschreitet, die

in das Licht der aufgehenden Sonne getaucht ist.

Sein diagonaler Weg durch das Bild erinnert mich an

die Stellung des Priesters, wenn er in der Menschenweihehandlung

das Evangelium verkündet. Fröhlich

verstreut der Sämann den Samen, wohin er auch fallen

mag. Die innere Wärme des Sämanns und die

äußere Wärme der aufgehenden Sonne treffen sich

in den ausgestreuten Samen, die bereit sind, dort zu

sprossen, wo die Menschen sie aufnehmen und pflegen

können, so dass sie sowohl den Menschen als

auch der Erde reichlich Frucht bringen können.

Die Art der Darstellung und die Wahl der Farben

wurden durch das Sämannsgleichnis im Evangelium

(Lk 8,4) inspiriert. Da, wo Samen aus unseren moralischen

Impulsen gepflanzt werden, bringen sie ein

Element in die Welt, das zwar in der Welt wirkt, aber

nicht von ihr stammt. Es ist ein Same, der erst dann

wahrhaft zur Frucht reift, wenn er sich wieder im

Leben zwischen Tod und neuer Geburt befindet und

neue Quellen kreativer Energie in den Kosmos bringt.

Diese Energie kann dann für die Schöpfung zukünftiger

Welten verwandt werden.

Aufgrund ihrer ureigenen Natur gehören uns unsere

moralischen Ideale insofern nicht, als sie uns nicht

erlauben, unser eigenes Wesen um unserer selbst

willen zu manifestieren, sondern sie strahlen aus in

die Welt und füllen sie mit Wärme. Sie durchdringen

die Elemente der Natur selbst und geben ihnen

Leben, auch wenn das Äußere aufgelöst ist.

In der Menschenweihehandlung hören wir das in

dem abschließenden Satz der Opferung, in dem es

um die wesenschaffende Liebe geht. Es ist eine

Ehrfurcht gebietende und sogar etwas erschreckende

Aussicht, sich der Verantwortung bewusst zu

werden, die uns übertragen wurde. Und trotzdem ist

es erfreulich, befreiend und inspirierend zu wissen,

dass unsere Entschlüsse, Ideale und Bemühungen,

das Gute zu tun, einen lebenspendenden, dauerhaften

Beitrag für die künftige Entwicklung von Mensch

und Kosmos bilden.


Novalis – Übersetzer zwischen den Welten

| Julian Rögge, 3. Trimester

Friedrich von Hardenberg

Fährmann zur geistigen Welt

„Unverbrennlich steht das Kreuz – eine Siegesfahne

unseres Geschlechts.“

Am 2. Mai 1772 wurde Georg Friedrich Philipp von

Hardenberg in Oberwiederstadt geboren. Das Geschlecht

der von Hardenberg hatte sich einige Generationen

vor seiner Geburt in zwei Linien aufgespalten.

Die eine diente als Diplomaten und Minister in

preußischen Diensten. Die zweite Linie, welcher sein

Vater angehörte, kann dem Land- und Beamtenadel

Sachsen zugerechnet werden. Durch seine adelige

Geburt genoss Friedrich von Hardenberg vom Beginn

seines Lebens an eine gute Ausbildung. In seiner frühen

Kindheit wird er als ein ruhiges, verträumtes Kind

beschrieben, und so blieb er im Unterricht schnell

hinter seinen jüngeren Geschwistern zurück.

Mit neun Jahren erkrankte er schwer an der Ruhr und

musste einige Tage mit dem Tod kämpfen. Als die

Ärzte ihn schon aufgegeben hatten, gelang es ihm

die Krankheit zu überwinden. Das Kind war danach

wie verwandelt. Es wurde fröhlicher, neugieriger und

aufgeweckter. Seine jüngeren und älteren Geschwister

hatte er schulisch bald überflügelt. Auch der

Hauslehrer war seinem Lerneifer nach kurzer Zeit

nicht mehr gewachsen, und so entschied sein pietistischer

Vater, ihn zu den Herrenhutern nach Neudietendorf

zu schicken.

Hier entwickelte er sich schnell und begann, geistig

unabhängig zu werden. Dies zeigte sich auch in seiner

immer stärkeren Opposition gegen die Herrenhuter

und in der Weigerung, sich bei ihnen konfirmieren

zu lassen. Seine weitere Schulbildung erhielt

er daraufhin an verschiedenen Orten: teilweise im

weltoffenen Haushalt eines Vetters, teilweise durch

gelehrte Hauslehrer und abschließend im berühmten

Gymnasium von Eisleben. Hier erhielt er eine humanistische

Bildung und beschäftigte sich mit den klassischen

antiken Denkern und Dichtern.

Über-setzen

Von seinem Vater, welcher Zeit seines Lebens eine

wichtige Rolle bei allen seinen Berufs- und

Studienentscheidungen spielte, wurde Friedrich von

Hardenberg zum Studium der Jurisprudenz nach Jena

geschickt (1790). Der junge Student wurde jedoch

mehr von den geschichtlich-philosophischen Vorlesungen

Friedrich Schillers angezogen. Er gewann die

Freundschaft Schillers und wurde zu seinem Verehrer

und Verteidiger. Seine Schrift „Apologie Friedrich

Schillers“ zeigt, das er sich endgültig von der Orthodoxie

seines Elternhauses gelöst hatte.

In Jena kam er auch erstmals mit den Schriften

Kants in Berührung. Hier gewann Friedrich von Hardenberg

auch die Freundschaft Friedrich Schlegels,

welcher Zeit seines Lebens einer seiner wichtigsten

Begleiter war. Durch ihn wurde insbesondere sein

Interesse an der Philosophie geweckt. Doch auch

darüber hinaus hatte Schlegel einen großen Einfluss

auf die Erweckung des unabhängigen, freien Geistes

Hardenbergs. Obwohl ihm seine Beschäftigung mit

den Geistesgrößen seiner Zeit, mit Philosophie und

Geschichte wichtiger war, schloss er sein juristisches

Studium nach einem Wechsel an die Universität

Leipzig im Jahr 1794 ab.

In den folgenden Jahren entwickelte sich sein berufliches

Leben in einer klassischen Beamtenlaufbahn.

Zunächst in den verschiedensten Ämtern Sachsens,

dann als Beamter der Salinendirektion. Die ihm

neben seiner Amtstätigkeit verbleibende freie Zeit

verwendete er auf philosophische Studien. Von den

1794 beginnenden Fichte-Studien sind uns viele

Mitschriften und Gedanken erhalten.

Durch Fichte kam Friedrich von Hardenberg auch in

einen vertieften Kontakt zu den Ideen Kants. Fichte

stand mit seiner Philosophie in engem Austausch

mit Goethe, Schelling und Hegel. Zentral war für

Fichte die eigene Denkaktivität, welche sich mit der

Moralität zum Handeln verbinden sollte. Dies zeigt

sich in dem Zitat: „Nicht Wissen, sondern das Tun ist

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20

Über-setzen

… Novalis – Übersetzer zwischen den Welten

die menschliche Bestimmung.“ Dies galt für ihn

äußerlich, aber auch innerlich. Der Mensch müsse,

so Fichte, sein Ich ergreifen, er müsse 'ichen'. Das Ich

wird nur durch die Tätigkeit greifbar. Ein weiterer

zentraler Punkt Fichtes war der Zugang zur geistigen

Welt. Er sah den Menschen auch schon im irdischen

Leben als Teil der geistigen Welt: „Ich bin und ich bin

mit all meinen Zielen nur in der geistigen Welt. *

Wolle sein, was du sein sollst, was du sein kannst

und eben darum sein willst.“ Der Tod ist damit nur

für den irdischen Leib und für die auf der Erde

zurückbleibenden von Bedeutung. Das Ich des

Menschen wird „(…) in einem höheren Leben wiedergeboren.“

Das Leben in der geistigen Welt gehört für

Fichte zum Menschsein, in ihm liegt und aus ihm

empfängt der Mensch seine Bestimmung. Mit Hilfe

des Denkens kann er in sich die Anlage zum Geistesauge

erwecken und damit das Geistige sehen.

Diese Ideen Fichtes wurden auch für das Denken

Hardenbergs von großer Bedeutung. Zentrale Gedanken,

die er von Fichte übernahm, waren die

Konsequenz im Denken und Handeln, das Ziel der

ästhetischen Schönheit und das Streben nach

Wissenschaft. Von Fichte übernahm er auch das dialektische

Denken, das Denken der Gegensätze und

der Einheit: „Gott. Notwendig. Natur. Wirklich. Ich.

Möglich.“ Er sucht nach der Universalität des Ichs

und beurteilt seine eigenen Auseinandersetzung mit

Fichte: „Spinoza stieg bis zur Natur – Fichte bis zum

Ich, ich bis zur These Gott.“ Hier zeigt sich Hardenbergs

Bestreben über Fichte hinaus zu gehen und

sein Denken mit der Idee Gottes zu verbinden.

Diese Fichte-Studien gehen einher mit der wichtigsten

Schicksalsbegegnung Friedrich von Hardenbergs.

Am 17. November 1794 lernte er die noch

nicht dreizehnjährige Sophie von Kühn kennen. Die

erste Viertelstunde ihrer Begegnung bestimmte sie

beide für den Rest ihres Lebens. Sie verlieben sich

ineinander und verloben sich wenig später. Für den

Dichter Novalis wird Sophie die Inspiration seines

weiteren Schaffens, sie erweckt den Dichter ihn ihm.

Nachdem er schon seit seiner Jugend immer wieder

eigene Gedichte geschrieben hatte, entstand nun

sein eigener, nicht mehr durch seine großen

Vorbilder geprägter Stil. Dem Paar war jedoch nur

eine kurze gemeinsame Zeit auf der Erde vergönnt:

Sophie von Kühn erkrankte schwer und starb kurz

nach ihrem fünfzehnten Geburtstag.

Die folgenden Monate und Jahre seines Lebens

waren für Friedrich von Hardenberg ein Einweihungsprozess

und ermöglichten ihm erst seine großen

dichterischen und philosophischen Werke. Dies

wird unter anderem an der Schilderung des ersten

Besuchs am Grab der Sophie deutlich, welche er später

in den „Hymnen an die Nacht“ verarbeitet:

„Wie ich da nach Hülfe umherschaute, vorwärts nicht

konnte und rückwärts nicht, und am fliehenden, verlöschenden

Leben mit unendlicher Sehnsucht hing: –

da kam aus blauen Fernen – von den Höhen meiner

alten Seligkeit ein Dämmerungsschauer – und mit

einem Male riss das Band der Geburt – des Lichtes

Fessel. Hin floh die irdische Herrlichkeit und meine

Trauer mit ihr – zusammenfloss die Wehmut in eine

neue, unergründliche Welt – du Nachtbegeisterung,

Schlummer des Himmels kamst über mich – die

Gegend hob sich sacht empor; über der Gegend

schwebte mein entbundner, neugeborener Geist. Zur

Staubwolke wurde der Hügel – durch die Wolke sah

ich die verklärten Züge der Geliebten. In ihren Augen

ruhte die Ewigkeit – ich fasste Ihre Hände, und die

Tränen wurden ein funkelndes, unzerreißliches Band.

Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne, wie

Ungewitter. (…) und erst seitdem fühl' ich ewigen,

unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht

und sein Licht, die Geliebte.“


Novalis schildert hier ein klassisches Einweihungserlebnis.

Die „Hymnen an die Nacht“ zeigen, dass das

äußere, irdische Leben für Novalis seine Bedeutung

verloren hatte. Er geht durch ein Todeserlebnis und

wird im Geiste neu geboren. Eine wichtige Rolle

spielt dabei die Beziehung und die Liebe zu seiner

verstorbenen Sophie. Dass Friedrich von Hardenberg

sich einen Zugang zur geistigen Welt errungen

hatte, wird von nun an in all seinen Werken deutlich.

So auch in den „Geistlichen Liedern“:

„Da ich so im stillen krankte,

Ewig weint' und wegverlangte,

Und nur blieb vor Angst und Wahn:

Ward mir plötzlich wie von oben

Weg des Grabes Stein gehoben,

Und mein Innres aufgetan.

Wen ich sah, und wen an seiner

Hand erblickte, frage keiner,

Ewig werd' ich dies nun sehn;

Und von allen Lebensstunden

Wird nur die wie meine Wunde

Ewig heiter, offen stehn.“

Friedrich von Hardenberg durchdrang mit seinem

Denken die Ideen des deutschen Idealismus und verband

sie mit den Inspirationen der göttlichen Welt.

So konnte Novalis die letzten Jahre seines Lebens ein

Übersetzer zwischen den Welten werden und kann

durch seine Werke auch heute noch ein Fährmann in

die geistige Welt sein.

Nach drei Jahren des intensiven Schaffens verstarb

er mit 29 Jahren an einer schweren Krankheit.

Alle Zitate aus „Hymnen an die Nacht“ in: Kluckhohn, Paul;

Samuel, Richard (Hgg): Novalis Schriften, Darmstadt 1977, Bd. 1

© siehe Impressum

Friedrich von Hardenberg1772-1801

Gemälde von Franz Gareis, um 1798

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Gedanke – Wort – Schrift

| Astrid Bruns, 3. Trimester

„Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig“

-2. Korinther, 3

Wir machen uns in der Regel nicht bewusst, was für

ein phantastischer Vorgang dem Lesen zugrunde

liegt. – Wenige Striche und Bögen können ein ganzes

Universum bedeuten, still wartend, dass jemand

kommt und den Inhalt herausliest.

Was geht da vor sich?

Zunächst ist da der Autor, der einen Gedanken hat,

den er teilen, mitteilen möchte. Vielleicht weiß er

schon genau, was er ausdrücken möchte, die Gedanken

sind fertig in seinem Innern, und doch lassen

sie sich nicht so ohne weiteres in Sprache übersetzen.

Wenn wir genau beobachten, sind unsere

Gedanken in den seltensten Fällen Wortgedanken.

Viele Gedanken sind als Ganzes da, unmittelbar und

müssen dann mühsam in Worte gefasst werden,

wenn wir sie ausdrücken wollen. Manchmal sind sie

wie hörbar, erlauschbar, aber eher musikalisch als

sprachlich, wie feine Schwingungen, die bestimmte

Muster bilden, fast sphärisch. Und dann gibt es

Bildgedanken, die plastisch und beweglich farb- und

formfroh in uns leben. Immer geht mit diesem Übersetzungsvorgang

ein gewisses Ohnmachtsgefühl

einher. Wir spüren, dass die Sprache dem, was wir in

uns tragen, nicht gerecht wird. Wir können nur hindeuten

auf das, was wir sagen wollen, nie können

wir wirklich zufrieden sein.

Gedanken die bereits Worte sind – gibt es die? Bei

Wortgedanken liegt immer der Verdacht nahe, dass

es sich um leere Phrasen oder Worthülsen handelt.

Diese muss ich zunächst mit Inhalt füllen und beleben,

bevor ich sie mit gutem Gewissen verwenden

kann. Habe ich ein direktes Gegenüber, mit dem ich

spreche, vollzieht sich der Übersetzungsvorgang von

Gedanken in Sprache sehr schnell, indem wir uns

unbewusst aufeinander einstimmen, einschwingen.

Dabei fällt es umso leichter, je besser ich mein

Gegenüber kenne. Aber auch bei einem Fremden

kann ich ein Gespür dafür entwickeln, ob meine

Worte bei ihm ankommen, und ich kann mich zur

Not immer wieder anders auszudrücken versuchen.

Die Modulation der Stimme ist dabei eine große

Hilfe, denn nicht nur was, sondern auch wie ich

etwas sage, hat Aussagekraft. Selbst bei einer größeren

Zuhörerschaft ist es möglich, ein Stimmungsbild

wahrzunehmen und auf Rückfragen direkt einzugehen,

so dass Missverständnisse ausgeräumt werden

können.

Beim Schreiben eines Artikels für eine zum großen

Teil unbekannte Leserschaft fällt dieser ganze Vorgang

weg. Jedes Wort, das ich benutze, muss ich

gründlich abwägen und immer wieder neu abspüren,

ob man das Geschriebene so verstehen kann, wie es

von mir gemeint ist.

Der Leser hat am Ende nur schwarze Striche und

Bögen auf dem Papier und muss sich diese in

Sprache zurückübersetzen. Dabei muss er sich auf

den Autor einlassen, in dessen Gedankengänge einsteigen.

Er hat keine Unterstützung durch die Stimme

und die Art, wie etwas gesagt wird. Und doch ist

es möglich, sich auf den Autor einzuschwingen, in

Resonanz zu treten und das Gewebe des Textes in

ein Gedankengebäude zurück zu übersetzen. Es ist

möglich, Texte gänzlich fremder Autoren zu verste-


hen, aus den völlig abstrakten Zeichen auf dem

Papier lebendige Gedanken herauszulesen.

Und seltsamer Weise gelingt uns dies bei verschiedenen

Autoren ganz unterschiedlich gut. Manche Texte

erschließen sich mir unmittelbar, andere muss ich

mehrmals lesen und entdecke immer neue Ansätze,

wieder andere bleiben mir verschlossen, ich kann

oder mag dem Autor nicht folgen.

Woran liegt das?

Hat es etwas damit zu tun, was „zwischen den

Zeilen“ steht? Diesen Ausdruck kennt jeder Leser,

obwohl er mit Verstandeslogik kaum zu begründen

ist. Was steht denn da, zwischen den Zeilen? Ist es

die Haltung des Autors, die Intention, mit der er seinen

Text geschrieben hat? Und die meinen wir, herauslesen

zu können?

Wie können wir so etwas?

Ich behaupte, wir können es, indem wir nicht nur mit

dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen lesen.

In unseren Herzen haben wir ein untrügliches Organ,

das uns befähigt, in Resonanz mit anderen Wesen,

Bildern, Gedanken u.ä. zu treten. Wir spüren, ob die

entstehenden Schwingungen harmonisch sind, sich

wohlklingend ineinander fügen, oder ob es zu

Dissonanzen und Schwebungen kommt, zu heraus-

© siehe Impressum

fallenden Schwingungen, die darüber schweben

bleiben und Missstimmung erzeugen.

Es ist etwas anderes festzustellen, ob die Thesen

eines Textes logisch haltbar sind oder nicht, oder

hinzuspüren, ob sie uns zu Herzen sprechen. Heutzutage

kommt es viel weniger darauf an, was jemand

sagt, als darauf, wer etwas sagt. Denn der gleiche

Inhalt ist bei verschiedenen Autoren lange noch

nicht derselbe. Auf diesen Umstand hat Rudolf

Steiner öfter hingewiesen: In Zukunft werde es

immer mehr darauf ankommen, dieses Gespür des

„zwischen den Zeilen Lesens“ und „hinter die Worte

Hörens“ zu entwickeln.

1918 sagt Rudolf Steiner in einem Vortrag

sinngemäß:

Worte sind letztlich nur Gebärden, und man muss

den Menschen kennen, der diese Gebärde macht. Es

ist ein Unterschied, ob im persönlichen Ich erkämpft

wird Satz für Satz, oder aber ob es von unten oder

von oben oder von seitwärts her in irgendeiner

Weise zum Beispiel eingegeben ist.

Wir müssen auf den ganzen menschlich-geistigen

Zusammenhang desjenigen sehen, der da spricht.

Es kommt nicht allein darauf an, was da für Worte

stehen, sondern vor allem, aus welchem Geiste heraus

sie sind.

Doch um dies zu bemerken, braucht es Zeit und

Aufmerksamkeit. Das flüchtige Drüberlesen was wir

uns oft, besonders beim Lesen digitaler Texte, angeeignet

haben, lässt ein tieferes Hineinspüren in den

Text meist kaum mehr zu.

Ich selbst erlebe es für mich als hilfreich und gesund,

lieber weniger und dafür gründlicher und mit voller

Aufmerksamkeit zu lesen. Es tun sich mir dann

Facetten auf, die mir sonst verschlossen bleiben.

Aber das mag jeder für sich selbst überprüfen.

Steiner, Rudolf: Der Tod als Lebenswandlung

(GA 182), Vortrag vom 16.10.1918.

Über-setzen

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Über-setzen

Hilfe, ich verstehe mich selbst nicht mehr!!!

| Stefanie Schäfer, derzeit im Praktikum in Wuppertal

Wer übersetzt mir mich selbst? Diese Frage, die ein

wenig amüsant klingt, ist jedoch ernste Realität; und

wir begegnen ihr überall in unserem Alltag. Verstehe

ich mich selbst richtig? Und kann ich dann nach diesem

Verständnis mein Leben ordnen?

Dass der Mensch sich selbst und sein Leben nicht

mehr versteht, scheint eine immer häufiger auftretende

Erscheinung zu sein. Und immer da, wo ein

Bedürfnis auftaucht, schießen die Bedürfnisbefriediger

wie Pilze aus dem Boden. Auf den Türschildern

der „Übersetzungsbüros“ steht dann

Psychoanalyse, Psychotherapie, Gesprächstherapie,

Biografieberatung, spirituelle Lebensbegleitung usw.

Der Erfolg, der daran zu messen wäre, dass sich der

Kunde hinterher tatsächlich besser versteht, liegt

nicht im Namen und der Methode, die das Türschild

preisgibt. Er stellt sich einzig und allein dann ein,

wenn der Therapeut, Lebensbegleiter oder Analytiker

die Fähigkeit mitbringt, in eine echte Übersetzungsarbeit

gehen zu können.

Der Computer scheint diese Fähigkeit nicht zu besitzen.

Er übersetzt eins zu eins auf der horizontalen

Ebene, so dass meist ein ziemlicher Unfug dabei herauskommt

wie z.B. „Machst du des öfteren dort

Urlaub?“ wird zu: Do you frequently holiday there?

Oder:„And his tongue shall be filled with praise.“ wird

zu: Und seine Zunge wird mit Lob gefüllt werden.

Was Sprache ausdrückt, scheint nicht programmierbar

zu sein. Um ein Gedicht in eine andere Sprache

zu übersetzen, so dass es Dichtung bleibt, muss der

Übersetzer alles, was äußere Sprache ist, völlig auslöschen

und zu dem Wesentlichen des Gedichts

gelangen. Da heraus muss er es ganz neu schöpfen,

allerdings in der Intention des Dichters, nicht in seiner

eigenen. Wer Dichtung übersetzt, muss also

selbst Dichter sein, doch ein völlig selbstloser Dichter,

damit Baudelaire Baudelaire bleibt und Blake Blake

und nicht etwa zu Anton Grünschnabel mutiert.

Der Übersetzer von technischen Gebrauchsanweisungen

jedoch sollte sich selbst in Technik auskennen,

wenn die Gebrauchsanweisung sinnvoll und

verständlich sein soll.

Was muss der Übersetzer

meiner selbst demnach sein?

Ein Mensch! Ein Mensch, dem nichts Menschliches

fremd sein darf. Haben wir ein Problem mit uns

selbst (und wir haben ja immer nur Probleme mit uns

selbst, nie mit den anderen), so schätzen wir in der

Regel gar nicht so sehr die Rede eines anderen, sondern

etwas ganz anderes. „Der kann gut zuhören!“,

sagen wir dann, wenn wir uns verstanden fühlen.

Wann aber bin ich ein guter Zuhörer? Wenn ich mich

für den Moment des Hörens selbst auslösche, meine

Gedanken, Erfahrungen, mein Wissen, meine

Assoziationen. Wenn ich auf all das, was mich so

reich macht, verzichte. Erst dann kann ich ganz in

das Wesen des anderen Menschen eintauchen und

ihn in mich aufnehmen. Was ich da aber aufnehme,

ist das, was ihm selbst verborgen ist, weshalb er ja

sich selbst nicht mehr versteht. Es ist sein höheres

Wesen, sein höheres Ich. Aus dem Wahrnehmen dieses

Höheren, aus dem Verständnis desselben kann

ich so dem anderen etwas sagen, worin er sich selbst

erkennt und versteht. Dann habe ich nicht aus mir

gesprochen, sondern aus dem eigentlichen Wesen

des anderen.

Rudolf Steiner nennt diesen Vorgang das soziale

Urphänomen. Wir lassen uns durch das Sprechen des

anderen „einschläfern“ und retten im „Aufwachen“

sein Wesen in unser Bewusstsein, wodurch wir ihn

für sich selbst übersetzen können. Wer ist aber der

eigentliche Übersetzer? Wer ist der Selbstlose, sich

Auslöschende, sich an das andere Wesen Hingebende?

Bleiben wir im Zuhören in unserem Verstand, wollen

wir mit dem Verstand aufnehmen, was der andere

uns mitteilt, werden wir genauso wenig verstehen


wie sein eigener Verstand. Ein echtes Verstehen geht

durch alle äußeren Worte hindurch von Herz zu

Herz. Im Herzen aber wartet Christus. Er ist der

eigentliche Übersetzer. Christus ist derjenige, der uns

das Wesen des anderen verstehen lässt, so dass wir

aus Christus sprechen in unserer Übersetzung.

Immer da, wo wir tatsächlich aus Christus sprechen,

fühlt sich der andere von uns verstanden und versteht

sich dadurch selbst besser.

Fichte – Wirken durch das Ich

| Julia Ballaty, 3. Trimester

Wenn eine Idee zum Gegenstand des Willens wird,

d.h. der Wille zur praktischen Verwirklichung einer

Idee entsteht, sprechen wir von einem Ideal. Was wir

als Idee vor Augen haben, nennen die Griechen idea

– diese leitet sich von dem Wort eidon (ich sah) ab.

Im Ideal werden aus den geistigen Bildern der Idee

geistige Impulse, die wir ins Praktische umsetzen

wollen.

Bezeichnend für die Zeit des deutschen Idealismus

(~1780 bis ~1832) ist, dass in diesen Jahren bedeutende

Persönlichkeiten lebten, die ihre großartigen

Ideen mit vollkommener Hingabe zur Realisierung

bringen wollten, die ihr Leben ihren Idealen opferten.

Nur einige von ihnen seien hier genannt: Kaspar

David Friedrich in der Malerei, Ludwig van

Beethoven und Wolfgang Amadeus Mozart mit der

Musik, Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von

Über-setzen

Die letzte Frage daran anknüpfend lautet: Gibt es

eine endgültige Übersetzung? Ein: So! Jetzt hab ich’s

für alle Zeiten? Wir müssen uns darüber im Klaren

sein, dass alles, was uns begegnet in der irdischen

Welt und was wir bemüht sind zu übersetzen, selbst

schon Übersetzung ist, sei es die Bibel, ein Gemälde

oder die physische Erscheinung des Menschen. Es ist

das übersetzte Werk einer Idee, eines geistigen

Wesens, welches dahintersteht oder in ihm verborgen

ist. Es ist übersetzt für eine jeweilige Bewusstseinsstufe

des Menschen. Gehen wir davon aus, dass

der Mensch ein Werdender, ein sich Wandelnder ist,

so müssen die Übersetzungen selbst sich wandeln. In

diesem Werden und Wandeln wandelt Christus mit

uns und hilft uns, uns gegenseitig Übersetzer zu sein.

Goethe und Novalis als Dichter und die Philosophen

Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Wilhelm Joseph

Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel.

Obwohl jeder dieser Menschheitsgenies einen

Kosmos für sich bildet, haben sie alle das Prinzip des

Idealismus gemeinsam. Jeder von ihnen ermöglichte

der Menschheit auf seine Weise den Zugang zu einer

höheren Geistigkeit, indem er selbst seine Ideen aus

dieser geistigen Ebene über den Weg des Ideals im

Physischen verwirklicht hat.

Um auf die im Deutschen Idealismus vorherrschende

Dynamik im Detail einzugehen, werfen wir einen

Blick auf Johann Gottlieb Fichte. Ihm gelingt es, in

wenige Sätze gebündelt das auszudrücken, was sein

philosophisches Wirken und dessen Ziele im Wesentlichen

ausmacht. Im Mittelpunkt seiner Philosophie

steht das Ich. „In ihm ist das System der ganzen

Lernen

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Lernen

… Fichte – Wirken durch das Ich

Geisterwelt...“ 1 So tritt das Ich als Möglichkeit für

den Menschen hervor, in bewusste Wechselbeziehung

mit der geistigen Welt zu treten. Diese Möglichkeit

zu ergreifen und auch die ganze Menschheit

dazu zu bewegen, scheint Fichte als tiefste Grundmotivation

zu erfüllen; denn er erkennt eine existenzielle

Bedeutung der Ichtätigkeit im Sinne der Aufnahme

höherer Geistigkeit darin, dass sich diese

Ichtätigkeit auf die Welt und dadurch auf die Göttlichkeit

auswirkt und dass infolge dessen „mit der

fortrückenden Kultur des Menschen zugleich die

Kultur des Weltalls fortrücken werde“ 2 . Dieses Vorgehen

beschreibt Fichte prägnant: „... in jedem Moment

seiner Existenz reißt er [der höhere Mensch]

etwas Neues außer sich in seinen Kreis mit fort, und

er wird fortfahren, an sich zu reißen, bis er alles in

denselben verschlinge: bis alle Materie das Gepräge

seiner Einwirkung trage und alle Geister mit seinem

Geist einen Geist ausmachen.“ 3

Fichtes Handeln entspricht durchaus den eindeutigen

Gedanken, die er sich über die Weltzusammenhänge

macht. Wo die Umstände der Zeit nicht seinen

Ideen, die aus seinem Innersten heraus entstehen,

entsprechen, weist er mit Vehemenz darauf hin, ändert

sie, oder verlässt die Uneinsichtigen, die sich

den Neuerungen widersetzen. Zurückhaltend in dem,

was auf seinen Idealen beruht, ist er keinesfalls.

Beispielsweise gibt er der Mutter derjenigen Kinder,

für die er vom Herbst 1788 bis zum Frühling 1790 in

Zürich als Hauslehrer arbeitet, in einer Zuschrift

deutlich zu erkennen, dass ihm die Erziehung der

Kinder keinerlei Schwierigkeiten bereite, dass aber

die Mutter erzogen werden müsse, und riskiert damit

eine Kündigung. Etwa zwanzig Jahre später wird

Fichte damit beauftragt, einen Plan für die neue

Universität in Berlin zu erstellen. In seinem

'Deducierten Plan einer zu Berlin zu errichtenden

höheren Lehranstalt' entwickelte er in konkreter

Darstellung sein Konzept für „eine Schule der Kunst

des wirklichen Verstandesgebrauchs.“ 4

Aus seinem geisterfüllten Ich heraus wirkte in Fichte

eine Kraft, die sich unmittelbar in seiner energischen

aber klaren Handlungsweise widerspiegelt. „Innerhalb

dieser Tätigkeit [der Menschenseele] findet er

in der Seele auch die Stelle [nämlich das Ich], wo

Weltengeist im Seelengeist sich offenbart. Es webt

und wirkt durch alles Sein für diese Weltanschauung

der Weltenwille.“ 5

Fichte steht also neben einigen seiner Zeitgenossen

als wirklicher Idealist für eine gesamtmenschheitliche

Entwicklungsstufe, in der sich das Ich zum

Gefäß der geistigen Impulse öffnet, um sie in die

praktische Tat überfließen zu lassen. Im Deutschen

Idealismus konnte dieser an Fichte deutlich zu

erkennende Impuls verdichtet einschlagen und weiter

in die Zukunft wirken.

1 Fichte, Johann Gottlieb: Die Bestimmung des Menschen,

Vorlesung „Über die Würde des Menschen“, S. 151.

2 Ebd., 3 Ebd. S. 153, 4 Fichte, Johann Gottlieb: Sämtliche

Werke Band VIII, S. 102.

5 Steiner, Rudolf: Vom Menschenrätsel, GA 20, S. 33.

© siehe Impressum


Dag Hammarskjöld

| Michael Rheinheimer, 3. Trimester

Dag Hammarskjöld wird am 29. Juli 1905 in eine der

angesehensten schwedischen Adelsfamilien hineingeboren.

Sein Geburtsort ist die Stadt Jönköpping

am südschwedischen Vätternsee. Dag ist der jüngste

der vier Söhne des damaligen Justiz- und Kultusministers

Schwedens, Hjalmar Hammarskjöld, der während

des Ersten Weltkriegs drei Jahre schwedischer

Premier- und Verteidigungsminister sein wird. Seit

Jahrhunderten ist es in der Familie Hammarskjöld

Tradition, Staat und Gesellschaft in herausragenden

Spitzenämtern zu dienen: als Politiker, Diplomaten

oder als Offiziere beim Militär.

Der Adelsname Hammarskjöld, zu deutsch „Hammerschild“,

ist auf dem Familienwappen verewigt: zwei

Hämmer über Kreuz auf einem weißen Schild. Name

und Wappen lassen spontan auch an den nordischgermanischen

Donnergott Thor mit seinem Hammer

denken, womit Hammarskjöld selbst Zeit seines

Lebens gerne kokettiert hat. (Als neu gewählter Generalsekretär

der Vereinten Nationen wird er aus der

Bedeutung seines Namens sein Selbstverständnis als

UNO-Chef ableiten: „... ein Schmiedehammer für die

Realisierung der UN-Charta und ein Schutzschild für

die kleinen blockfreien Staaten.“) Der altnordische

Vorname Dag heißt schwedisch „Tag“, das bedeutet

„Zeit, da die Sonne brennt“. Bezeichnenderweise ist

in seinem Geburts- und Todesjahr, 1905 und 1961,

jeweils eine totale Sonnenfinsternis in Teilen Europas

sichtbar gewesen.

1907 zieht die Familie nach Uppsala, dem historischen

Zentrum Schwedens, weniger als 100 Kilometer

nordwestlich von Stockholm, wo Dags Vater

mit Frau und den vier Kindern als neuer Regierungspräsident

im so genannten Roten Schloss residiert.

Seinem Kindermädchen Erna gilt Dag als „das merkwürdigste

Kind der Welt mit seinen strahlend wissenden

Augen-Blicken.“ So vertraut sie seiner Mutter

den heimlichen Eindruck an, dass Dag „einer der bedeutendsten

Männer der Welt werden würde.“

Auch die Mutter wird eines Abends von ihrem Sohn

überrascht, als der beim Nachtgebet eine Schutzbitte

für die kleinen Negerkinder in Afrika hinzufügt.

Niemand in der Familie kann sich erklären, woher

dieses Anliegen bei ihm kommt. Von dem elfjährigen

Knaben, der allein wie in einem Märchen den großen

roten Turm der Schlossburg bewohnt, sind folgende

Zeilen wie ein Menetekel überliefert: „An dem Tag, an

dem du geboren wurdest, waren alle froh – du alleine

weintest. Lebe so, dass in deiner letzten Stunde

alle anderen weinen, und du der einzige bist, der

keine Träne zu verlieren hat. Dann wirst du ruhig dem

Tod begegnen, wann immer er auch kommt.“ 1 Die

Tagebuchaufzeichnungen, die man nach seinem Tod

in seiner New Yorker Privatwohnung findet, werden

ein beredtes Zeugnis dieses Lebens geben.

In der Privatschule der Villa Totembo, die er ab 1911

besucht, ist er als Klassenprimus während der gesamten

Schulzeit seinen Kameraden intellektuell

und bildungsmäßig weit voraus. Dag profitiert von

den hochrangigen Bekanntschaften und Kontakten

seines prominenten Vaters. Einige Mitschüler werden

ihn später auch als unnahbar und abgehoben

beschreiben. Andere erwähnen den tiefen Eindruck,

den seine ungewöhnliche Reinheit, sein großer Ernst

und die christliche Reife auf sie machen.

Zu Dags Konfirmation 1921 schenkt seine Mutter

Agnes ihm „Die Nachfolge Christi“ von Thomas von

Kempen, jenen Klassiker der geistlichen Weltliteratur,

den man vierzig Jahre später zusammen mit

dem Amtseid des UNO-Chefs in seinem Hotelzimmer

finden wird. Die Konfirmation wird in der Domkirche

von Uppsala vollzogen, die auf einer ehemaligen

Mysterienstätte des schon erwähnten germanischen

Gottes Thor gebaut ist.

Nach dem glänzend absolvierten Abitur studiert er in

Uppsala erst Literaturgeschichte und Philosophie,

dann in alter Familientradition Volkswirtschaft,

Lernen

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Lernen

… Dag Hammarskjöld

Rechts- und Wirtschaftswissenschaften. Seine akademische

Ausbildung wird 1930 mit dem Abschluss

einer Dissertation über Zyklen der Konjunkturausbreitung

gekrönt, was im Königreich Schweden einer

Habilitation gleichkommt. Als Volkswirt arbeitet er

nun für den schwedischen Finanzminister Ernst Wigforss

als Assistent und wird mit einunddreißig Jahren

Staatssekretär im Finanzministerium. Er gehört zu

einem Kreis von Leuten, die an dem Modell des so genannten

schwedischen Wohlfahrtsstaates mitwirken.

1949 wird er Unterstaatsekretär im Außenministerium.

Von 1951 bis 1953 ist er zwei Jahre stellvertretender

schwedischer Außenminister und stellvertretender

Leiter der schwedischen Delegation in der

UNO-Generalversammlung. Hammarskjöld ist die

ganzen Jahre über parteilos und wird sowohl von

konservativer, als auch sozialdemokratischer Seite als

hochkompetenter Fachmann geschätzt.

Am 7. April 1953 wird Dag Hammarskjöld dann in

New York, auch für ihn selbst überraschend, zum

zweiten Generalsekretär der Vereinten Nationen vorgeschlagen

und eingesetzt. Obwohl man dem international

noch unbekannten schwedischen Diplomaten

anfangs die nötige Härte zur Lösung internationaler

Konflikte nicht wirklich zutraut, wird er

1957 von der UN-Generalversammlung einstimmig

wiedergewählt. Nachdem es Hammarskjöld 1954

gelungen war, vier amerikanische Kriegsgefangene

des Koreakrieges in Peking frei zu bekommen, war

die allgemeine Skepsis weltweit in Respekt umgeschlagen.

Sein geistiges und auch mystisches Leben und

Arbeiten, das erst 1963 nach der Veröffentlichung

seines Tagebuches der Öffentlichkeit bekannt werden

wird, hält er selbst vor seinen engsten Vertrauten

geheim.

„Die längste Reise

ist die Reise nach innen.

Wer sein Los gewählt hat,

wer die Fahrt begann

zu seiner eigenen Tiefe

(gibt es denn Tiefe?)

noch unter euch,

ist er außerhalb der Gemeinschaft.“ 2

Sture Linner, ein ehemaliger Mitarbeiter, wird später

im Hinblick darauf über Hammarskjöld sagen, auf

dessen Initiative hin sogar ein Meditationsraum im

New Yorker UNO-Gebäude errichtet wird: „Hätten

bestimmte Mächte gewusst, was in Dag Hammarskjöld

wirklich vorgeht, hätten sie ihn niemals zum

Generalsekretär gewählt.“ 3 Und der Herausgeber seines

Tagebuches wird bei der Veröffentlichung darüber

sagen: „Wohl nie ist aus dem Kreis der Mächtigen

ein Dokument erschienen, das wie dieses Tagebuch

eine Art Weißbuch ist schonungsloser Verhandlungen

mit dem Ich und seinem Gott.“ 4

In seinen Aufzeichnungen 1955 schreibt der schwedische

Spitzendiplomat selbst, dem als Friedensvermittler

mehr als einmal zu verdanken ist, dass es

nicht zu einem weltweiten Atomkrieg kommt: „Als

derjenige, der du im Innersten sein musst, um deine

Aufgabe zu erfüllen, darfst du dich nicht zeigen –

damit man dir gestattet, sie zu erfüllen.“ Immer wieder

bekennt er, dass ihm, „ob als nächtliches Traumbild

oder als kurze Vision im Tagesgeschehen, geistige

Phänomene wie zeitweise Hellsichtigkeit nicht

fremd gewesen sind.“ 5 So heißt es bei Hammarskjöld

auch an einer Stelle: „Im Prozess dieser absoluten

Aufrichtigkeit kann einer bei einer Erkenntnis ankommen

von dem, was sich ereignen wird.“ 6

Das, was sich dann tatsächlich ereignen wird, davon

sprechen große Teile der mehr als 500 Einträge dieses

spirituellen Tagebuches in Form von Gedichten,

Aphorismen, oder Meditationen, die Hammarskjöld


sowohl als Student, als Wirtschaftsexperte und Kabinettssekretär

als auch als Generalsekretär der Vereinten

Nationen niedergeschrieben hat:

„Öffnen seh ich geblendet

Das Tor zur Arena

Und geh hinaus, um nackt

Den Tod zu treffen.

Die andern sah ich.

Jetzt bin ich der Erwählte,

fest gespannt auf den Block,

Opfer zu werden, …“ 7

© siehe Impressum

heißt es an einer Stelle. An einer anderen: „Früher

war der Tod immer mit dabei. Heute ist er Tischkamerad:

ich muss Freund mit ihm werden.“ 8

Schließlich: „Um Bürden batest du-. Und wimmertest,

als du beladen wurdest. Dachtest du dir eine

andere Last? Glaubtest du, das Opfer sei anonym?“

fragt Hammarskjöld sich selbst. „Das Opfer der

Opferhandlung ist, als sein Gegenteil beurteilt zu

werden. O Cesarea Philippi. Die Verurteilung als die

Frucht und Voraussetzung des Einsatzes hinzunehmen,

dies hinzunehmen, wenn man seinen Einsatz

kennt und wählt.“ 9 Und an seinem letzten Weihnachtsabend

1960 schreibt er: „Wie richtig, dass

Weihnachten dem Advent folgt. Für den Vorausblickenden

ist Golgatha der Platz für die Krippe und

das Kreuz schon in Bethlehem errichtet.“ 10

Einige Rezensenten werden ihm nach der Lektüre

des Buches Größenwahn und Blasphemie vorwerfen:

„Das Schockierende an diesem Mythos ist, dass Dag

Hammarskjöld offensichtlich davon überzeugt war,

er sei wie Christus von Gott zum Opferlamm ausersehen

worden, und dass er glaubte, er könne durch

Hinnahme dieses Loses ebenso wie Christus die

Menschheit erlösen.“ 11

Als am 18. September 1961 das Flugzeug Hammarskjölds

über der kongolesischen Provinz Katanga

durch ein raffiniertes Komplott internationaler Geheimdienste

zum Absturz gebracht wurde, entdeckte

man auf dem Nachttisch in seinem Hotelzimmer seinen

Amtseid in dem Buch des christlichen Mystikers

Thomas von Kempen: „Die Nachfolge Christi.“ Artikel

99 der UN-Charta, dem Gründungsvertrag der

Vereinten Nationen, auf den er ihn 1953 vor den 51

Gründungsmitgliedern der UN-Vollversammlung in

New York mit einer Hand geschworen hat, lautet:

„Der Generalsekretär kann die Aufmerksamkeit des

Sicherheitsrats auf jede Angelegenheit lenken, die

nach seinem Dafürhalten geeignet ist, die Wahrung

des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit

zu gefährden.“

Dag Hammarskjöld hat seinen Amtseid im Sinne

der UN-Charta mit dieser letzten Botschaft erfüllt.

1 Mögle-Stadel, Stephan: Dag Hammarskjöld. Stuttgart 1999, S. 57.

2 Hammarskjöld, Dag: Zeichen am Weg. Stuttgart 2011, S. 97.

3 Mögle-Stadel, Stephan: Dag Hammarskjöld, S. 94.

4 Nordmeyer, Barbara: Zeitgewissen. Stuttgart 1966, S. 10.

5 Mögle-Stadel, Stephan: Dag Hammarskjöld, S. 94.

6 Hammarskjöld, Dag: Zeichen am Weg. Stuttgart 2011, S. 156.

7 Ebd. S. 213, 8 Ebd. S. 134, 9 Ebd. S. 79, 10 Ebd. S. 207.

11 Stolpe, Sven: Dag Hammarskjölds geistiger Weg. Frankfurt/Main

1956, S. 115

Lernen

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Lernen

Referate im Wintertrimester | 2012

Grundstudium 2. Trimester

Ballaty, Julia Simone Weil – ihr Durchbruch zur Christus-Erfahrung

Güttinger, Nikolaus Fercher von Steinwand

Rheinheimer, Michael Dag Hammarskjöld

Steinberg, Rose Emil Bock

Tietz, Helge Paracelsus

Vertiefungsstudium 5. Trimester

Davit, Soledad Über „Glaube, Liebe Hoffnung“ (GA 130; 2. u. 3.12.1911)

Referate im Sommertrimester | 2012

Grundstudium 3. Trimester

Bruns, Astrid Die Freundschaft von Goethe und Schiller

Horsington, Ben Julian Apostata

Hurst, Diana Jeanne d'Arc

Kluge, Andrea Schelling

Kruczek, Anna Janusz Korczak

Lapointe, Cécile George G. Ritchie

Rögge, Julian Origenes

Vertiefungsstudium 6. Trimester

Zu öffentlichen Vorträgen von Rudolf Steiner

Nowak, Rafal A. Die physische Welt und die moralisch-geistigen Impulse

Vier Stufen des inneren Erlebens (GA 84; Dornach am 21.4.1923)

Der Seminargeist

Liebe Leser des Seminarbriefes!

Nach guter, bewährter Sitte möchten wir alle Förderer im Winter- und Sommertrimester 2012 wieder sehr

herzlich einladen, gemeinsam mit uns die Hauptkurse des 1. Jahres wahrzunehmen (Ausnahmen sind mit *

gekennzeichnet). Die Kurse finden in der Regel von Montag bis Samstag von 9.15 bis 10.30 Uhr statt.

Gerne können Sie auch in den Kurswochen mit uns morgens um 7.30 Uhr die Menschenweihehandlung in der

Kapelle des Priesterseminars feiern und uns danach bei einem guten Frühstück in geselliger Runde besser kennen

lernen. Bei Interesse melden Sie sich bitte möglichst frühzeitig im Sekretariat des Seminars an, denn die

Teilnehmerzahl ist begrenzt.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!


Hauptkurse Sommertrimester 2012

Grundstudium 3. Trimester

April 23.04.-28.04. Das erste christliche Jahrtausend Gisela Thriemer

Mai 30.04.-04.05. Lukasevangelium Engelbert Fischer

05.05. freier Studientag

07.05.-12.05. Trinität Michael Debus

14.05.-19.05. Wie bildet sich ein musikalisches

Verhältnis zu Christus? Lothar Reubke

21.05.-26.05. Geheimwissenschaft im Umriß Stephan Meyer*

Pfingsten freie Studienwochen (internationale Jugendtagung in Überlingen)

Juni 04.06.-09.06. Christus und der Gral Andrew Wolpert

11.06.-16.06. Weltreligionen Milan Horák

18.06.-23.06. Theaterimprovisation Jörg Andrees*

25.06.-30.06. Reformation Carola Gerhard

Juli 02.07.-07.07. Junikurs Georg Dreißig*

Vertiefungsstudium 6. Trimester

April 23.04.-05.05. Apokalypse M.Oltmann-Wendenburg

Mai 07.05.-12.05. Einführung in die Idee der sozialen

Dreigliederung mit besonderem Blick

auf die Gemeinde Alfred Wohlfeil

14.05.-19.05. Wie bildet sich ein musikalisches

Verhältnis zu Christus? Lothar Reubke

21.05.-26.05. eigene Projekte

Pfingsten freie Studienwoche (internationale Jugendtagung in Überlingen)

Juni 04.06.-09.06. eigene Projekte

11.06.-16.06. Gemeindearbeit (auch Ehe) Gisela Thriemer

18.06.-23.06. Theaterimprovisation Jörg Andrees

25.06.-30.06. Pastoralmedizin (männlich/weiblich) Christian Schikarski

Juli 02.07.-07.07. Christologie Joachim Knispel

Vorstellung der Projektarbeiten

Änderungen vorbehalten, den aktuellen Stand entnehmen Sie bitte unserer

Homepage: www.priesterseminar-stuttgart.de

Lernen

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Lernen

Rudolf Köhler

Im Vorbereitungskurs, der dem Weihekurs vorausgeht,

ist es eine gute Sitte, dass jeder Kandidat sich

aus dem Kreis der Urpriester einen Paten aussucht.

Die Beschäftigung mit dem Leben dieses gewählten

Urpriesters begleitet den Kandidaten durch die

gesamte Vorbereitungszeit, an deren Ende er die

Biografie in einem Vortrag innerhalb seiner Gruppe

vorstellt. Paul Newton hat sich bereit erklärt, auch für

uns über seinen Paten etwas zu schreiben.

In den 1960er Jahren reiste Dr. Rudolf Köhler als

Lenker für Nordamerika häufig zwischen Toronto

(Kanada) und Chicago hin und her. Er war mit der

Schweizer Familie Zinniker bekannt, die in die USA

gezogen war und dort in der Nähe von East Troy/

Wisconsin, einige Stunden nördlich von Chicago eine

biologisch-dynamische Farm betrieb.

Rosemarie Bergman, die erste Chicagoer Priesterin,

die im September 2011 starb, erzählte mir, wie Dr.

Köhler so oft wie möglich diese Familie besuchte

und manchmal auch ein Kind taufte, wenn er dort

war. Aber er wollte auch eine reale Verbindung

schaffen zwischen dem sakramentalen Leben der

Christengemeinschaft und der Arbeit einer heilenden

Landwirtschaft. Frau Bergman berichtete, wie Dr.

Köhler einmal zu Besuch war und einen LKW vorbeifahren

sah, der ein Fertighaus geladen hatte. Da kam

ihm die Idee, eine solche Konstruktion zu kaufen, auf

die Farm zu bringen und dort als Kapelle zu nutzen.

Gesagt, getan – die folgenden 50 und mehr Jahre

kam fast jeden Monat ein Priester aus Chicago, um

an einem Samstag auf der Zinniker-Farm zu zelebrieren.

Diese Farm ist die älteste biologisch-dynamische

Farm in den USA, und die Mitglieder dieser

Gemeinde kommen aus einem weiten Umkreis. Eine

derjenigen, die die Christengemeinschaft durch die

Gemeinde in East Troy kennenlernten, ist meine Weiheschwester

Ann Burfeind.

Rudolf Köhler wurde 1899 geboren und war wie

Rudolf Steiner Sohn eines Eisenbahnangestellten.

Die Familie war deutsch, lebte aber im Gebiet der

heutigen Tschechischen Republik. Mit zehn Jahren

ging Rudolf Köhler auf das Gymnasium in Dresden.

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs leistete er einige

Monate Militärdienst. Danach begann er sein

Theologiestudium und steuerte auf eine Position in

der evangelischen Kirche zu. In dieser Zeit lernte er

die Anthroposophie kennen und engagierte sich sehr

bald im örtlichen Zweig der Anthroposophischen

Gesellschaft. Eines Tages fand er bei seiner Rückkehr

in seine Studentenbude einen Zettel von Rudolf

Frieling an der Tür, der ihn einlud, an den Vorbereitungen

zur Gründung der Christengemeinschaft

teilzunehmen. Damit begann eine lebenslange

Freundschaft, die darin ihren Höhepunkt fand, dass

beide in den 70er Jahren im Siebenerkreis zusammenarbeiteten.

Rudolf Köhler war an Missionsarbeit interessiert und

wurde ausgewählt, an einer Missionsreise der evangelischen

Kirche nach China teilzunehmen. Er lernte

Chinesisch und stürzte sich enthusiastisch auf das

Studium der chinesischen Kultur. Weil er Priester der

neuen Bewegung für religiöse Erneuerung wurde,

konnte er dieses Ziel nicht verwirklichen. Dieser

Leidenschaft verdanken wir aber zwei sehr interessante

Artikel über China, die er Mitte der 20er Jahre

für die Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“

schrieb. Darin erklärte er, dass die Intention “Christus

aller Erde” (so der Titel anderer früher Publikationen

unserer Bewegung) auch das riesige und sehr wichtige

China einschließe. Er schreibt über die großen


spirituellen Traditionen Chinas, über Konfuzianismus,

Taoismus und Buddhismus. Man bemerkt, dass

er wie ein Missionar denkt (im positiven Sinne),

insofern er wirklich versucht, die Kultur und Spiritualität

Chinas zu verstehen und, ein ganz wesentlicher

Punkt, wie man diese unterschiedlichen

Traditionen mit dem Christentum verbinden könnte.

Sehr viel später führten Dr. Köhler seine priesterlichen

Aufgaben nach Fernwest statt nach Fernost.

Vor dem Krieg aber gründete er die Christengemeinschaft

in der Schweiz. Die erste Gemeinde entstand

in St. Gallen, wo er auch heiratete und wo sein

erstes Kind auf die Welt kam. Danach gründete er

zusammen mit Rudolf Frieling die Wiener Gemeinde

neu und diesmal erfolgreich. Später ging er nach

Leipzig. Nach dem Krieg gab es eine aufregende

Entwicklung in den USA. Zwei junge Amerikaner,

Greg Brewer und Richard Lewis, kamen ans Stuttgarter

Priesterseminar, wo auch Dr. Köhler lehrte.

Rev. Lewis beschrieb, wie er Dr. Köhler in der Zeit

erlebte: Er war groß und hielt sich sehr aufrecht, die

Schultern hochgezogen. Er war extrem höflich, ja

vornehm.

Es war geplant, dass Frieling nach New York gehen

sollte und Köhler nach Chicago. 1950 ging er nach

London, um Englisch zu lernen, und wartete auf sein

Visum. Weil er aber als deutscher Soldat im Krieg

gewesen war – wenn er sich auch geweigert hatte,

Offizier zu werden –, war für die Arbeit in Amerika

gesperrt. Deshalb segelte er 1953 zusammen mit

seinem jüngsten Sohn Andreas, der später ebenfalls

Priester werden sollte, nach Kanada. Er ließ sich in

Toronto nieder und gründete schnell eine Gemeinde,

wobei ihm seine alten Verbindungen aus Wiener

Zeiten halfen. Er besuchte regelmäßig Quebec und

Ottawa und reiste jeden Monat 1300 km in seinem

kleinen englischen Auto „Esmeralda“. Wie schwer es

war, die urkanadische Bevölkerung zu erreichen,

berichtete er 1955:

„Das ist überall schwierig, an eigentliche Kanadier

heranzukommen. Die seit Generationen hier Ansäs-

sigen sind reiche und exklusive Leute und scheinen

keine religiösen Probleme zu haben. Sie nehmen die

zahllosen Kirchen und Sekten wie Naturereignisse

hin und werten sie nach ihrer Art für ihre persönlichen

oder sozialen Interessen aus — oder ignorieren

sie ganz. Auch in der Anthroposophischen Gesellschaft,

die kurz bevor wir kamen hier begründet

wurde, sind nach fünzehnjährigen Bemühungen

nicht mehr als zwei geborene Kanadier. Alle anderen

kommen aus Europa oder den Vereinigten Staaten.

Wenn wir in den drei Städten jetzt kleine Gemeinde

haben, so sind sie nicht durch öffentliche Vortragstätigkeit

entstanden, sondern durch die Weihehandlung,

Predigten, Studienkreise und Seelsorge. Wir

haben gleich mit der Weihehandlung angefangen

am 1. Advent 1953 und auf das Kultische den größten

Wert gelegt.”

Später konnte Köhler in die USA reisen und wurde

dort 1961 Lenker. Im selben Jahr weihte er Dorothy

Hegg in Toronto als erste in Nordamerika.

Ein kleines Detail über ihn kommt aus seiner späten

Zeit in England. Er war Anfang der 70er Jahre nach

Europa zurückgekehrt, arbeitete mit Frieling im

Siebenerkreis und zog später nach England, wo er

ein zweites Mal heiratete – die viel jüngere Margaret

Roberts.

Kapelle auf der Zinniker-Farm

Lernen

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Lernen

… Rudolf Köhler

Frau Ute Schobbert erinnert sich, dass Dr. Köhler aus

ästhetischen Gründen, wie er sagte, einen Abscheu

vor Kunstpostkarten hatte. Er nannte ihre häufige

Verwendung in unseren Kreisen eine „anthroposophische

Krankheit”.

Ein anderes Detail aus seinen späten Jahren zeigt

eine ganz andere Seite von ihm. Oliver Steinrueck,

inzwischen selbst Lenker für Nordamerika, verbrachte

in seiner Jugend einige Jahre in Stuttgart im selben

Haus wie Dr. Köhler. Eines Abends übte er auf

seiner Blockflöte, als es an der Tür klopfte. Dr. Köhler,

Anfang 80, erklärte ihm, dass er selbst gerade

Blockflöte lernen würde und ob sie nicht zusammen

spielen könnten. Wenn wir in der Weihe die Worte

hören, die den Priester als „Werdenden“ bezeichnen,

dann können wir an jenen würdigen alten Herrn

denken, der es in seinem hohen Alter noch unternahm,

ein Musikinstrument zu erlernen.

Dr. Köhler schrieb ein Büchlein für die Christengemeinschaft:

„Weihe des Sterbens“ (1930). Wenn

Die Welt als Gleichnis –

wie wird Geist greifbar?

Öffentlicher Sommer-Kurs am Priesterseminar

Stuttgart

„Kloster auf Zeit“

von Mittwoch, 11. Juli 2012, 17.00 Uhr

bis Mittwoch, 18. Juli 2012, 21.15 Uhr

Leitung: Andreas Weymann in Zusammenarbeit mit

Sabine Layer und Dr. Barbara Hoos de Jokisch.

Weitere Informationen bei:

Priesterseminar Stuttgart

Spittlerstr. 15 | D-70190 Stuttgart

Tel: 0711-166 83 08 | Fax: 0711-16 68-24

e-mail: info@priesterseminar-stuttgart.de

man dies zusammen nimmt mit den Berichten über

seine Aktivitäten, kann man sein tiefes Gefühl für die

Sakramente mitempfinden. Man kann verstehen,

dass er nach seiner Zeit im Siebenerkreis zur Arbeit

als Gemeindepfarrer zurückkehren wollte.

Rudolf Gädecke, der kurze Biografien der Gründer

aufgeschrieben hat, zitiert Dr. Köhler: „Es ist zum

Chinesisch-Werden interessant.” Man könnte sich

fragen, ob er nicht tatsächlich diesen ursprünglich

weltumfassenden Christusimpuls in dieser Richtung

nach seinem Tod nahm.

Ich danke den Priestern Richard Lewis, Werner

Grimm, Oliver Steinrueck, Jim Hindes und Pearl

Goodwin sowie Frau Ute Schobbert in Stuttgart und

Irene Mayerhofer in Toronto für ihre Hilfe bei meinen

Versuchen, mehr über das Leben von Rudolf

Köhler herauszufinden. Nur ein kleiner Teil meiner

Erkenntnisse fand Raum in diesem Artikel. Ich würde

gern mehr über ihn herausfinden. Bitte schreiben Sie

mir unter: paulknewton@msn.com.

Priester werden – ich?

Unter dieser Fragestellung hat auch in Graz (A)

ein Proseminar-Keimling mit Teilnehmern aus

Österreich, Slowenien und Kroatien erste grüne

Blätter hervorgebracht.

Seit September 2011 trifft man sich im Monatsrhythmus

an Wochenenden zur Arbeit an

Evangelium und Credo und zur Vertiefung der

Sakramentenkunde und Christologie, Übungen

an der Sprache und Eurythmie gehören dazu.

Die weitere Entwicklung wird derzeit beraten.

Informationen können angefordert werden bei:

Engelbert Fischer

Menendorfberg 64

A-8042 Graz


Neugeweihte Priester

Von links nach rechts

sitzend

Von links nach rechts

stehend

Ann Burfeind, 1970, USA (entsandt nach Chicago, USA)

Ardan Heerkens, 1973, Niederlande (entsandt nach Amsterdam, Niederlande)

Arnold Lansing, 1983, Deutschland (entsandt nach Hannover, Deutschland)

Paul Newton, 1964, Großbritannien (entsandt zunächst nach Stroud, UK)

Daan Ente, 1960, Niederlande (entsandt nach Herdecke, Deutschland)

Darryl Coonan, 1957, Australien (entsandt nach Boston, USA)

Lernen

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Lernen

Der Beginn einer Reise mit Paulus

| Adam Ricketts, derzeit im Praktikum in Basel

Im zweiten Trimester des zweiten Jahres am

Priesterseminar nehmen die Paulusbriefe eine zentrale

Stellung ein. Während dieser zehn Wochen

waren wir aufgerufen, jeweils zu zweit einen der

Briefe zu studieren, vorzubereiten und dann zwei

Kursstunden über diesen Brief zu gestalten. Darüber

hinaus hatten wir die Möglichkeit, in zwei Projektwochen

an den Paulusbriefen oder an damit

verwandten Themen zu arbeiten.

Für viele und auch für mich sind die Paulusbriefe

immer wieder eine Entdeckung. Manches kennt man

sicherlich, doch an wie vielen glänzenden Juwelen,

die so überreich in der Lehre des Paulus verstreut

sind, geht man vorüber, ohne sie wirklich wahrzunehmen!

Umso mehr erstaunt man darüber, wie ein

einziger Mensch, ein Riese von einem Menschen im

Grunde, das Christentum in der bekannten Welt

alleine verbreiten konnte. Und wie er aus seinem Erlebnis

vor Damaskus und seiner daraus entstandenen

Beziehung zum auferstandenen Christus sein tiefes

Wissen schöpfte und seine Lehre entwickeln konnte.

Paulus beschreibt sich selbst als „zu früh geboren“.

Was meinte er damit? An der Art seines Ausdrucks

und an dem Entwicklungsprozess, den er in seinen

Briefen durchmacht, können wir verfolgen, wie er

mit seinem starken Willen ringt, einem Willen, der

ihn vorwärts treibt und der nach einem blinden

Fanatismus gegen die Christen immer mehr von den

Kräften eines neuen Bewusstseins durchdrungen

wird. Aus diesem Willen entwickeln sich lebendige

Begriffe und Ideen, die nicht abstrakt und fertig sind,

sondern keimende Samen für die heutige Zeit bilden.

Paulus lebt nicht nur mit einer Bewusstseinsseele in

der Kultur der sich entwickelnden Verstandesseele,

1500 Jahre bevor sich die Bewusstseinsseele in der

ganzen Menschheit durchzusetzen begann, sondern

erstreckte sich noch über diese hinaus. Er mühte sich

ab, die hervorbrechenden Kräfte der Selbstreflexion,

des Verstandes, sich entgegen den Tendenzen der

Bewusstseinsseele in Abstraktionen zu bewegen, mit

lebendigen Ideen aus der Wärme des Herzens und

dem gebündelten Willen zu durchtränken. Es ist ein

schönes Bild, sich vorzustellen, wie Paulus durch die

mysterienreichen Orte Kleinasiens wandelt, vorbei

an der schönen und kunstvollen Geschichte

Griechenlands, hin zu den genialen Gesetzesmachern

und Technikern Roms. Paulus ging seinen Weg

von den Willenskräften der Mysterien, durch das

vom Gefühl der Weite durchdrungene Leben Griechenlands

zu der starken, formenden Verstandeskraft

Roms. Er verstand alle Menschen die er traf,

war fähig, sie dort abzuholen, wo sie standen und

ihnen einen Weg zu einem Bewusstsein des neuen

Impulses zu zeigen, der alles bisher Entstandene beleben

und in die Zukunft fortsetzen wollte.

In seiner Aussage, dass der auferstandene Christus

die Verkörperung des Gesetzes und dass „das Gesetz“

nunmehr das Ideal „einander zu lieben“ geworden sei,

zeigt er, wie weit sein visionärer Geist in zukünftige

Zeiten reicht. Gab es jemals einen Menschen, der den

Geist des Wandels so radikal, selbstlos, leidenschaftlich

und menschlich verkörperte wie Paulus?

In der „Philosophie der Freiheit“ beschreibt Rudolf

Steiner, wie die Menschheit an Stelle der von außen

an sie herangetragenen Richtlinien mehr und mehr

dazu kommt, ihre eigenen, intuitiv erkannten moralischen

Impulse als Wegweiser zu sich selbst anzuerkennen.

Dieser Prozess birgt in sich das Ziel, die Gelegenheit

und auch die Verantwortung, eine neue

Welt zu schaffen, die auf der Liebe gründet.

Paulus versuchte diese Ideen und Impulse schon vor

zweitausend Jahren zu erfassen. Seit dieser Zeit ist

er eine zentrale Figur in der Entwicklung des Christentums,

die Millionen von Menschen bei ihrer Frage

nach einer Beziehung zu Christus inspiriert und

begeistert, manchmal missverstanden, manchmal

aus dem Zusammenhang gerissen, missbraucht, aber


immer im Zentrum. Man kann das Gefühl bekommen,

dass es noch viel gibt, was Paulus uns sagen

will und dass erst spätere Zeiten die wahre Tiefe seines

Werkes enthüllen werden. Es ist, als ob wir erst

jetzt beginnen würden, die Sinne zu entwickeln, die

wir brauchen, um seine Bilder zu verstehen.

Vor diesem Hintergrund scheint es wichtig, die paulinischen

Ideen und Konzepte nicht nur als „inspirierend“

oder „ermutigend“ zu betrachten. In der Sprache

seiner Zeit entwickelte er eine Reihe von Bildern,

die sein tiefes Verständnis des sich entwickelnden

Verhältnisses des Menschen zum lebendigen Christus

zeigen.

Ich möchte im Folgenden das Bild der göttlichen

Waffenrüstung näher betrachten. Paulus macht

deutlich, dass wir als Menschheit nicht gegen

Mächte aus Fleisch und Blut, sondern gegen geistige

Mächte der höchsten Hierarchien kämpfen. Wir

sind aufgerufen, die göttliche Rüstung anzulegen,

um uns in diesem Kampf zu schützen. Das beginnt in

der Körpermitte: Wir sollen unsere Hüften mit Wahrhaftigkeit

gürten, die Brust mit dem Harnisch der

Rechtschaffenheit schützen, unsere Füße mit der

Bereitschaft, das Evangeliums des Friedens zu verbreiten,

beschlagen, den Schild des Glaubens aufnehmen,

unser Haupt mit dem Helm des Heils schützen

und das Schwert des Gotteswortes ergreifen.

Vieles in diesem Bild kann uns schon Stärke geben,

uns inspirieren, uns standhaft machen und uns

ermutigen, unseren Weg zu gehen. Doch wir können

noch etwas Grundsätzlicheres in diesem Bild sehen.

Wenn wir diese Waffenrüstung darstellen wollen,

können wir dies etwas abstrahiert in der folgenden

Art und Weise tun:

Helm des Heils

Schwert des Wortes | Schild des Glaubens

Harnisch der Rechtschaffenheit

Schuhe des Friedens | Gürtel der Wahrhaftigkeit

Dann sehen wir: Der Mensch wird in Kreuzgestalt

gekleidet, und dieses Kreuz schützt ihn von allen

Seiten mit den Eigenschaften der göttlichen Waffenrüstung.

Wir sehen dann, wie eine klare Unterscheidung

zwischen dem inneren und äußeren Sein

des Menschen besteht. Während wir im normalen

Leben Schutzkleidung anziehen können und dadurch

automatisch geschützt sind, müssen wir bei der

göttlichen Waffenrüstung selbst aktiv werden. Wir

müssen dafür aufwachen, was es im täglichen Leben

bedeuten kann, diese Rüstung anzulegen. Bekleide

ich mich mit den Schuhen des Friedens, bringe ich

auch wirklich Frieden oder etwas anderes? Fordert

der Gürtel nicht Wahrhaftigkeit in dem, was ich tue?

Was lebt in meinen Gedanken und Vorstellungen –

das Heil oder etwas anderes?

Lernen

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Lernen

… Der Beginn einer Reise mit Paulus

Die göttliche Waffenrüstung wird dann nicht nur ein

Schutz, sondern auch ein Fenster in mein eigenes

Sein. Wahrhaftigkeit sollen wir dort umlegen, wo

unsere Bedürfnisse, Instinkte und Impulse schlafen,

im völlig unbewussten Bereich des Willens. Und

doch ist Wahrhaftigkeit nicht ohne das Licht des

Bewusstseins und die Kräfte des Herzens zu erlangen.

Den Gürtel der Wahrhaftigkeit um die Hüften

zu legen, wird damit zur Aufforderung, die verschwommenen

Tiefen unseres Selbst mit Bewusstsein

zu durchdringen. Genauso bin ich aufgerufen,

den Bereich des Denkens und seine Tendenz, sich

selbst zu isolieren und sich in abstrakten, gedanklichen

Bildern zu verhärten, mit den belebenden

Kräften der Erlösung zu durchdringen, mit den Kräften

der Wärme, mit dem neuen Leben künstlerischer

Beweglichkeit.

Die Bewusstseinsseele ist der Teil unseres Seins, der

es uns erlaubt, objektiv auf uns selbst zu schauen, zu

lernen, wie wir aus uns selbst und in der Welt handeln.

Die göttliche Waffenrüstung gibt uns das

Werkzeug in die Hand, uns selbst zu erkennen und

wir selbst zu werden.

Paulus ist ein Mensch unserer Zeit, und was er

gelehrt hat, richtet sich an uns. Zweitausend Jahre

sind seither vergangen. Ist es für die Menschheit

nicht langsam an der Zeit, sich auf den Weg zu

machen und „aufgefordert durch Paulus“ Ruf, die

göttliche Waffenrüstung anzulegen?

Haikus über das erstorbene Wort

| Blütenlese aus dem Wortkurs im vergangenen Herbsttrimester

Lebenslos und still

Die Worte auf dem Papier

Schwarz auf weiß und leer.

Karin Eppelsheimer

Forest filled with life

Becomes a page where I plant

The urns filled with dust.

Rafal Nowak

Leben. Es erstarrt.

Kalte leblose Hülle

Bleibt zurück. Leer. Tot.

Caspar v. Loeper

In mir war der Sinn

Weil das Wort in mir lebte

Bis der Verstand kam.

Sebastian Schütze

Für dich ging ich ganz

In den kalten schwarzen Tod.

Wirst du mich lieben?

Geert Möbius

Katastrophal arm

Mit vielberedtem Schweigen

Prahlt modernes Wort

Annette Semrau


Leben mit einem Weihekandidaten

| Ein kleiner Einblick von Angélique Heerkens

Am Tag, als der Vorbereitungskurs begann, hat unser

Sohn das erste Mal laut gelacht. Er war sechs

Wochen alt und wir so verliebte Eltern, dass der Blick

in den Kinderwagen ihn wahrscheinlich so sehr freute.

Sein mutiger Schritt in das Erdenleben hat uns

eigentlich das ganze halbe Jahr, das der Weihekurs

dauerte, getragen. Er erinnerte uns, wie viel Kraft

und Mut man als Mensch haben kann aus Liebe zu

dieser Welt, zum Leben.

Auf diesen mutigen Schritt haben wir lange gewartet,

weil wir ihn viel eher erwartet hatten. Der Bauch

wurde größer und größer, und der errechnete Termin

war schon überschritten. Wir kamen an einen Punkt,

wo es fast nicht mehr zum Aushalten war, die

Spannung so groß, dass doch endlich etwas passieren

musste. Als wir durch diesen Punkt hindurch

gegangen sind, waren wir ruhiger als zuvor, konnten

die Zeit aushalten, die es brauchte, bis unser Sohn

den Kairos des Erdenlebensbeginns empfunden hat.

Für mich, aus der Peripherie betrachtet, ist der

Vorbereitungs- und spätere Weihekurs nicht das

Absolvieren bestimmter Lerninhalte, sondern es bildet

sich ein Raum, in dem die Kandidaten so sehr mit

sich selbst in Berührung kommen können, dass sie

einen ebensolchen mutigen Schritt machen können.

Denn das ist auch deutlich wahrnehmbar: dass in

dieser Zeit jeder für sich prüft, ob er diesen schicksalsprägenden

Schritt machen möchte, ob die

Berufung zum Priester wirklich seine ist in diesem

Leben.

Diese Bewegungen haben wir als Familie natürlich

mitgemacht, weil auch unser Leben sich dadurch

stark verändern wird. Es sind Fragen, die man nicht

einfach so entscheiden kann, da gibt es nichts abzuwägen,

es ist eher ein Aushalten, die Fragen tragen,

bis man spürt, ob das Leben da mitgehen will.

Rilke hat in einem Brief an den jungen Dichter Franz

Xaver Kappus geschrieben, dass er die Fragen „leben“

soll. „Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten,

die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie

nicht leben könnten. Leben Sie die Fragen. Vielleicht

leben Sie dann allmählich … in die Antwort hinein.“

Für dieses Hineinleben in die Fragen, dafür bildet der

Vorbereitungskurs den Raum. So haben wir also

jeden Tag mehr in die Antwort hinein gelebt und

wurden nicht zuletzt durch das Strahlen unseres

Sohnes darin bestärkt, dass die Antwort richtig ist.

Leben & Begegnung

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Leben & Begegnung

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Vom Werden ... und wie man Priester wird.

| Eindrücke von der Orientierungswoche und anschließenden Priesterweihe

| März 2012, Corinna Gehrmann

Ich sitze in der Sonne und denke an eine Woche zurück,

die mit einer Suche begann und einer Priesterweihe

endete. Ende Februar führte mich meine

Suche ins Priesterseminar nach Stuttgart zu einer

Orientierungswoche. Ich wusste zwar, dass es dort

zur selben Zeit eine Priesterweihe geben würde,

doch das interessierte mich nicht primär. Mich interessierte

vielmehr, was es mit mir und dem Priesterseminar

auf sich hat. Der Ort war schnell gefunden,

der innere Weg, der mich dorthin führte, war weniger

klar. So saß ich in Stuttgart erst einmal nachdenklich

im Schlosspark. Es nieselte.

Grübelnd, warum ich hier bin, wurde mir klar: Ich

folge einem Ruf. Am Priesterseminar angekommen,

etwas nervös doch auch voller Vorfreude, traf ich auf

meine Mitteilnehmenden. Eine bunte, internationale

Gruppe aus Interessierten, Suchenden und Fragenden

tummelte sich um einen bereits für uns gedeckten

Tisch. (An dieser Stelle sende ich einen Dank an

die Köchinnen für das gute Essen und an alle Seminarmitarbeiter

und -bewohner für die Gastfreundschaft.)

Und bald stellte sich heraus, dass sie alle

irgendwie einem Ruf folgten, ob sie nun Antworten

auf ihre Fragen oder ihre Aufgabe in der Welt suchten.

Wie es bei den Orientierungswochen üblich ist,

nahmen wir im Lauf dieser Woche am Hauptkurs der

Seminaristen des 2. Trimesters teil, an Fachstunden

und ein bisschen am Alltag des Seminarlebens. Der

Hauptkurs war die Einführung in die Priesterweihe.

Da erst stellte ich fest, welches Glück ich hatte,

genau an diesem Orientierungskurs teilzunehmen.

Denn zum Einen konnte ich meine lange gehegten

Vorbehalte gegen die Begriffe „Kirche“ und „Priester“

endlich auflösen. Zum Anderen konnte ich einen

Eindruck von den Mitgliedern des Siebenerkreises

gewinnen, die für die Priesterweihe anreisten und als

Lenkende das „administrative Herz“ der Christengemeinschaft

bilden. Im Hauptkurs bewegten wir zunächst

die Frage, was denn Kirche und Priestertum

heute noch bedeuten. Und wir lernten: „Die Kirche

kann, wenn sie sich selber richtig versteht, nur die

eine Absicht haben, sich unnötig zu machen auf dem

physischen Plane, indem das ganze Leben zum

Ausdruck des Übersinnlichen gemacht wird.“ 1 Allein

dieser Satz ließ mich aufatmen, denn er beinhaltet

den wunderschönen Gedanken, dass in der Begegnung

mit einem anderen Menschen eine Begegnung

mit Gott stattfinden kann, dass wir ein „Tempel

Gottes“ sein können 2 .

Nun folgte natürlich die logische Frage, wozu wir

denn Priester brauchen, wenn die Kirche sich doch

eigentlich unnötig machen soll? Wir hörten einen

Kurzabriss der Historie der Einweihungsriten, des

Bedeutungswandels der Einweihung in die geistige

Welt bis hin zur heutigen Situation, in der der

Mensch mit allem Wissen über die geistige Welt

bereits geboren wird. Leider, um alles im Lauf des

Heranwachsens zu vergessen, um es dann neu lernen

zu müssen. Oder auch nicht „leider“?

Passend zu dieser Frage fand in dieser bemerkenswerten

Woche im Rudolf-Steiner-Haus ein Vortrag

von Herrn Debus statt, zum Thema „Die Karmafrage

als soziale Frage“. Herr Debus referierte über die

Bedeutung von Gemeinschaftsprozessen für das

Karma Einzelner. Um die Gemeinschaft fähig zu

machen, an einem Tempel zu bauen, müsse jeder

Einzelne das verwirklichen können, was er eigentlich

will. Denn in diesem „eigentlich“ stecke der Inkarnationsimpuls,

den dieser Mensch mit auf die Erde

bringe. Und die soziale Aufgabe bestehe auch darin,

dieses Wollen im Anderen zu erkennen ... Michael

Debus nannte es „interpretieren“.

Diese Aufgabe könnte also auch eine besonders

befähigte Arbeitsberatung des „Jobcenters“ sein.

Dafür braucht es keine Priester. Auch das Jobcenter

hat übrigens das Ziel, sich selbst unnötig zu machen,

ebenso wie ein guter Therapeut, Erzieher oder

Zahnarzt. All diese Berufsbilder übernehmen die

Aufgabe, einen hilfsbedürftigen Zustand eines

Menschen zu erkennen und diesen Menschen zu


egleiten, bis er keiner Hilfe mehr bedarf, um gesund

und aus sich heraus lebensvoll zu sein. Wir lernen,

„Werkzeuge“ zu benutzen, Zahnbürsten oder eben

seelische Werkzeuge, wie z.B. die Stimme unseres

Gewissens, die uns sagt, ob wir mit dem, was wir

sein wollen, übereinstimmen. Nun wiederholt sich

die Frage: Wenn, optimistisch ausgedrückt, unsere

Gesellschaft alles bereithält, um einen Menschen

gesund zu machen und in seinen Fragen unterstützend

zu begleiten: Wozu brauchen wir dann noch

Priester?

Nun, der Clou liegt hier im Bewusst-Werden unserer

geistigen Herkunft und des „göttlichen Ebenbildes“

in uns. Die Mitglieder christlicher Gemeinschaften

oder auch verschiedener spiritueller Strömungen

ahnen ja zumindest, dass sich in der Stimme des

Gewissens mehr verbirgt, als nur ein Wegweiser für

ein zufriedenes Leben oder das Mit-sich-im-Reinensein.

Sie suchen einen Raum, in dem sie diesem

„Mehr“ begegnen können. Und hier werden in der

christlichen Gemeinschaft die Priester gebraucht. In

der Menschenweihehandlung entsteht so ein Raum,

in dem jedem Einzelnen die Möglichkeit gegeben

wird, in seinem Ich das, was wir „Christuskraft“ oder

„Christuswesenheit“ nennen, als wirksam zu erleben.

In der Menschen-Weihe-Handlung sagt der Priester

„Christus in euch“. Der Ministrierende antwortet:

„Und Deinen Geist erfülle er“. Denn es kann nur ein

von Christus erfüllter Geist glaubwürdig einen Kultus

vollziehen, der eine so unglaubliche Strahlkraft

hat wie die Menschenweihehandlung. Als Pfarrer

und Mensch unter Menschen ist es dann unter anderem

eine Aufgabe, Einzelnen zu helfen, diesen in der

Menschenweihehandlung erlebten Raum als verinnerlichten

Raum zu etablieren. (Ich nenne diesen

Raum manchmal augenzwinkernd meine innere

„docking station“).

Ich habe während dieser Orientierungswoche erlebt,

mit welchem Ernst der Weg verbunden ist, der einen

zu einem Priester und Pfarrer für die Menschen

macht. Man muss leer werden, um Gott völlig in sich

aufnehmen zu können. 3 Tiefe innere Gespräche und

Auseinandersetzungen mit sich selbst sind Teil des

Studiums am Priesterseminar.

Aber auch Lachen und Herzlichkeit durften wir erleben.

Parallel zu unserem „Schnupperkurs“ fanden die

Vorbereitungen der Weihekandidaten für die Priesterweihe

statt. Ein interessantes Bild: Lustig herumflatternde

Neugierige in den Fluren, recht ernste

Zeremonien hinter einzelnen Türen...

Im weiteren Verlauf des Hauptkurses lernten wir

noch so manches über den Ablauf der Priesterweihe,

die gesprochenen Worte, die Handlungen und den

tieferen Sinn all dessen. Während der Priesterweihe

selbst war es, als wären wir Gast bei einem abschließenden

Ritual eines lange zuvor begonnenen Weges.

Die Kandidaten wurden durch die Gemeinschaft der

Priester und durch die Anerkennung ihres steten

Werdens zu neuen Mitgliedern der Gemeinschaft der

Priester ernannt. Und in diesem Werden, das zu dem

eigentlichen Wollen dazugehört, wird ihnen hoffentlich

alle erdenkliche Unterstützung zuteil.

1 Rudolph Steiner: „Was tut der Engel in unserem Astralleib?“

In: Der Tod als Lebenswandlung (GA 182), Vortrag vom 09.10.1918

2 Frei nach Paulus: 1. Korinther 3,16.

3 Frei nach Meister Eckhart: Das Buch der göttlichen Tröstung.

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Leben & Begegnung

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Brauergärten

| Nikolaus Güttinger, 3. Trimester

In Zürich gibt es ein Rotlichtmilieu. Es ist nicht groß,

erstreckt sich aber doch über einige Straßen und

Gässchen. Im rausten Eck, es wird im Volksmund

Bermuda-Dreieck genannt, weil dort nicht Schiffe,

aber Menschen verschwinden, möchte ich einen

mobilen Garten auf einem Kiesplatz gründen. Bis

August dieses Jahres soll ein schöner Quartiergarten

mitten im Milieu entstehen. Was wie eine Utopie

klingt, möchte ich tatsächlich versuchen.

Ein Garten aus Recyclingmaterial

Angepflanzt wird in so genannten Pflanzboxen. Das

sind Kisten und Säcke, die aus Recyclingmaterial bestehen

und aus der Lebensmittelbranche stammen.

Diese Pflanzboxen werden mit Bioerde befüllt. Dann

wird gesät, gesetzt und gesteckt. Aus einem alten

Einkaufskorb wächst so z.B. ein Kopfsalat, in einer

ausgemusterten Brotbox eine Handvoll Karotten, in

einem Reissack gedeiht Kohl, aus alten Milchpacks

kommt Pfefferminze, Erdbeeren wachsen in Einkaufswägen.

All diese verschiedenen mobilen Pflanzboxen werden

dann auf dem Kiesplatz, welchen ich von der Stadt

gepachtet habe, zu einem Garten angelegt. Statt in

den üblichen Beeten, wachsen die Pflanzen in diesem

Garten also in Boxen und Säcken, die gut

zugänglich, unproblematisch zu bewässern und zu

pflegen sind. Alle Pflanzboxen sind ohne maschinelle

Hilfe transportierbar. Mit dieser Gartenbauart

kann unabhängig von der Bodenbeschaffenheit und

Bodenqualität jeder Standort begrünt werden, auch

die versiegelte Fläche an der Brauerstrasse, wo der

Garten entstehen soll. Und sie ist nicht nur versiegelt,

sondern mit Bauabfall kontaminiert. Sie darf

deshalb nicht einfach gepflügt und mit guter Erde

angereichert werden. Die Fläche muss so bleiben,

wie sie ist, denn die Stadt möchte diese Fläche

irgendwann einmal verbauen. Darum ist der Vertrag

auf drei Jahre beschränkt, danach muss der ganze

Garten umziehen. Ich hoffe aber, dass die Stadt bis

dahin kein Baugesuch erstellt hat.

Ziele

Mit dem Garten will ich zusammen mit den

Anwohnern einen kleinen friedlichen Platz in einer

sehr rauen und zuweilen auch brutalen Gegend

schaffen. Es soll eine kleine grüne Garteninsel mit

Blumen, Gemüse, Beeren und kleinen Bäumchen

entstehen. Ich will nicht missionieren oder Menschen

verändern oder bekehren - sondern einfach

nur gärtnern. Gärtnern ist sinnvolle Arbeit, und sinnvolle

Arbeit verbindet Menschen. Da braucht es

nicht „Sozikulturellanimationstherapeuten“, sondern

die Möglichkeit, dass jeder seine eigenen Fähigkeiten

einbringen kann. Im Garten gibt es immer etwas,

das jeder kann und sei es nur Erdbeeren probieren

oder gießen oder staunen. Das Gartengelände ist

umringt von Nachtclubs und Bordellen. Wenn ich an

den Wochenenden vom Bahnhof zum Garten gehe,

werden mir Drogen und Frauen angeboten. Es ist

schon ein bisschen eine andere Welt als im

Priesterseminar. Die Sprache, der Umgang und vor

allem die Kleidung ist anders. Aber auch an der

Brauerstrasse sind es nur Menschen, Menschen die

etwas suchen - ähnlich wie am Seminar, nur auf eine

andere Art.


Organisation

Die Schweiz ist ein Vereinsland. Es gibt für alles

Vereine. Und tatsächlich: will man etwas auf die

Beine stellen, funktioniert das besser als Verein, als

wenn man nur Privatperson ist. Die Leute haben

mehr Vertrauen, wenn man ein Verein ist. Ich weiß

nicht, woher dieser Vereinswille kommt, wahrscheinlich

hängt das mit dem Kantönligeist zusammen.

Ich habe darum auch einen Verein gegründet.

Dazu braucht man Statuten (Satzung), ein Gründungsprotokoll,

einen Kassier, einen Protokollschreiber

und einen Präsidenten. Die Statuten und

das Gründungsprotokoll habe ich in den Weihnachtsferien

geschrieben. Dann habe ich meinen

Kumpel gefragt, ob er Kassier werden will, und er

sagte zu. Darauf fragte ich meinen Bruder, ob er das

von mir geschriebene Gründungsprotokoll mit seinem

Namen unterschreiben könne, und er tat`s. Nun

war der Verein schon fast gegründet. Es fehlte nur

noch der Präsident. Ich stellte mich zur Verfügung

und wurde ohne Gegenstimme gewählt. So wurde

ich am 2. Dezember 2012 Präsident des Vereins

Brauergarten.

Meine Aufgabe als Möchtegern-Präsident ist alles

Organisatorische. Ich investiere viel Zeit mit dem

Schreiben irgendwelcher Budgets und Konzepte. Alle

wollen Budgets und Konzepte, es scheint, als wäre

die Welt verrückt danach, dabei ist es eine kleine

Fläche von nur 200 m 2 . Auch ist die Suche von

Plastikkisten schwieriger, als ich bis anhin dachte.

Aber der Verein (ich) ist optimistisch, bis Ende März

genügend Kisten, Einkaufswägen und Säcke beisammen

zu haben, damit wir dann endlich mit dem

Gartenaufbau beginnen können und das „nur drüber

reden“ aufhört.

Vorblick

Anfang März war das Grundstück noch ein Kiesplatz.

Mitte März, wenn im Seminar Ferien sind, werden 22

m 2 Bioerde, ca. 150 alte Reissäcke, ca. 100 Plastikkisten,

10 Obstbäume sowie mehrere alte Salzkisten

als Geräteschuppen geliefert. Dann beginnt die

große Aufstellarbeit. Kisten und Säcke werden mit

Erde gefüllt, Regenwassertonnen und Infotafeln aufgestellt,

Samen und Setzlinge organisiert, Interessenten

informiert ... aber, wenn ich ehrlich bin: Wie

genau das vonstatten gehen wird, weiß ich noch

nicht. Irgendwie wird es schon gehen...

Ende März wird der erste Infotag auf dem Gelände

des zukünftigen Gartens stattfinden. Quartierbewohner

werden eingeladen, mit alten Tetrapacks auf

das Gelände zu kommen. Dort wird erklärt, was entstehen

soll, und sie dürfen selbst ein bisschen Garten

gründen. Dazu können sie ihre mitgebrachten

Tetrapacks zu Setzlingsboxen umfunktionieren. Das

geht so: Deckel abschneiden, Löcher in Boden

machen, Tonscherben auf den Grund legen, mit

Aussaaterde auffüllen, Samen stecken, gießen und

auf die Fensterbank stellen. Irgendwann im Mai sind

dann alle Gartengründer herzlich eingeladen, ihre

Setzlinge zu bringen und im Garten in ein großes

Beet zu pflanzen.

Mir ist bewusst, dass nicht alle Pflänzchen von den

Gartengründern gedeihen, darum bekomme ich von

einer Demeter-Gärtnerei noch weitere Setzlinge. Mit

der Gartengründungsaktion geht es nicht direkt um

Setzlinge, sondern darum, alle Interessierten mit einzubeziehen.

Leben & Begegnung

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Leben & Begegnung

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… Brauergärten

Zeitplan

Im August gibt es dann ein großes Einweihungsfest.

War der Garten bis dahin nur für aktive Brauergärtner

zugänglich, ist er ab dem Fest für alle offen. Der

Garten soll dann ein Quartiergarten werden. Man

kann kommen und schauen, wenn man will mithelfen,

reden, genießen, sich austauschen. Aus Erfahrung

kenne ich des Gärtners zwei liebste Beschäftigungen.

Das eine ist das Ernten, das andere ist Tipps

geben. Jeder Gärtner vergibt unheimlich gerne Tipps.

Genau das soll gefördert werden. Es soll ein Soziound

Biotop für kreatives Stadtgärtnern werden.

Nun stellt sich die Frage, wie man von

Stuttgart aus einen Garten pflegen kann?

Es ist das Ziel, in den Frühlingsferien den Garten so

weit vorzubereiten, dass ich während des Sommertrimesters

alle Arbeiten von Stuttgart aus „telegieren“

kann und nur an den Wochenenden nach Zürich

reise. Es haben sich schon viele Freunde und Bekannte

fürs Gießen und Jäten angemeldet, drum bin

ich optimistisch, dass alles klappt.

Idee

Die Idee, in recycelten Gefäßen Pflanzen zu ziehen,

ist mir Anfang August letzten Jahres im Nachtzug

von Zürich nach Ljubljana gekommen. Schon davor

fand ich es nicht gut, alte Einkaufswägen und Körbe

in den See zu schmeißen. Da müsste man was tun,

dachte ich. Plötzlich war die Idee da, in alten Einkaufskörben

Kräuter anzupflanzen. Wochen später

hörte ich durch Zufall von einem Garten in Berlin, der

genau das tut. Noch bevor ich ins Seminar ging, reiste

ich in die Hauptstadt. Und tatsächlich, sie hatten

„meine“ Idee schon zwei Jahre davor verwirklicht.

Zwar nicht genau so, aber sehr ähnlich. Die Idee ließ

mich aber nicht los, und so begann ich in Zürich

geeignete Flächen für ein solches Projekt zu suchen.

Ich musste aber rasch erkennen, dass man als normaler

Bürger in der Verwaltung der Stadt nicht viel zu

sagen hat. Man wird von der einen Warteschleife zur

nächsten weitergeleitet. Als nach drei Wochen immer

noch keine Rückmeldung von der Liegenschaftsverwaltung

kam, schrieb ich der Stadtpräsidentin einen

Brief und ein Kurzkonzept mit Bildern. Und plötzlich

bewegte sich etwas, langsam aber immerhin. Nach

vielen Telefonaten und Gesprächen bekam ich im

Dezember 2011 die Aussicht auf eine kleine Fläche im

Rotlichtmilieu, die als illegale Mülldeponie am Vermüllen

war. Ich schaute mir die Fläche an der Brauerstrasse

von Stuttgart aus auf Google Maps an und

sagte, noch bevor ich dort war, zu. In den Trimesterferien

ging ich dann gleich vorbei und unterschrieb

den Vertrag. So kam das alles zustande. Schon komisch,

hätte nie gedacht, dass meine erste gepachtete

Fläche als Bauer ein Kiesplatz mitten im Züricher

Milieu sein wird, aber man muss ja mal anfangen.

Ich glaube, ein solches Gartenkonzept wäre auch

etwas fürs Seminar, denn in Schwaben gehört ja der

Gehsteig zum Garten. Anstatt ihn immer nur zu kehren,

könnte man die Hälfte für Gemüse nutzen. Das

würde Kosten sparen und wäre sinnvoller. Aber das

müsste jemand anders in die Hand nehmen, denn

mir reicht im Moment ein Garten in einem speziellen

Milieu.


„Ist das etwa die Hefepaste aus dem Seminar?"

| Bericht von einer Woche in Dornach (13.-17.11.2011) Geert Möbius, 6. Trimester

Zum Ausgleich für eine ausgefallene Kursstunde

besuchte uns Frau Glöckler im Pfadfinderheim zum

Abendessen und erkannte mit diesem Ausruf den

glänzendbraunen Inhalt eines unbeschrifteten

Schraubglases. Es war wie alle Abende ein fröhliches

Zusammensein in dem großen Aufenthaltsraum des

Pfadiheims, heizbar nur mit einem offenen Kamin,

den wir auch über Nacht nicht ausgehen ließen.

Außer dem Aufenthaltsraum und ein paar großen

Schlafräumen gab es noch eine Küche, in der wir aus

den liebevoll von der Hauswirtschaft zusammengestellten

Vorräten unsere Mittagessen für die 10

Stuttgarter (Seminarleiter mitgezählt) und 4 Hamburger

Teilnehmer zubereiteten. Das Pfadiheim liegt

auf halber Höhe zwischen dem Goetheanum und der

Burgruine Dorneck. Unser Lebensrhythmus war

schlicht: Nach dem Aufstehen Lesung eines Teils der

Menschenweihehandlung mit anschließendem Gespräch,

Frühstück, Abstieg aus der Hütte zum

Goetheanum, Morgenkurs, Aufstieg und Mittagessen,

Abstieg und Nachmittagsprogramm, Aufstieg und

Abendessen mit gemütlichem Ausklang. Und alles

begleitet von dem schönsten sonnigen Herbstwetter.

Der Hauptkurs mit Frau Glöckler behandelte die

Stellung der Anthroposophischen Gesellschaft und

der Hochschule in der Welt und auch ihr Verhältnis

zur Christengemeinschaft. Die Woche diente so im

Wesentlichen dazu, Gesichtspunkte zu erfahren, um

unser eigenes, individuelles Verhältnis zur anthroposophischen

Bewegung zu bilden und zu vertiefen.

Neben dem Hauptkurs gab es Führungen durch das

Gebäude und das Archiv und in drei Gesprächsrunden

standen uns aus dem Vorstand Paul Mackay,

Bodo von Plato und Seija Zimmermann zur Verfü-

gung. Ein spontanes Geschenk war die Begegnung

mit Mathias Ganz, einem früher am Goetheanum

tätigen Architekten, der uns erläuternd durch das

Atelier, das Sterbezimmer und die Scheune führte.

Die Besichtigung des Menschheitsrepräsentanten

und der Fenster des großen Saales konnten wir selbständig

unternehmen. Abgerundet wurde das Programm

durch ein Gespräch mit den Interimsleitern

der Jugendsektion. Abgesehen von den Spaziergängen,

die wir in der freien Zeit in der Umgebung

unternehmen konnten, ließ uns die Besichtigung der

Eremitage erleben, an was für einem besonderen

geografischen Ort das Herz der Anthroposophischen

Bewegung sein Zentrum gefunden hat.

Ein zusätzliches Erlebnis war die Besichtigung einer

Ausstellung von Ninetta Sombart in der Ita-

Wegmann-Klinik. Frau Sombart beantwortete geduldig

jede Frage, und wir konnten sie sogar später

noch einmal in ihrem Atelier besuchen, wo sie gerade

an dem neuen Altarbild für Spring Valley, USA,

malt.

Unsere Seminargemeinschaft hat in Dornach eine

wichtige Belebung und Intensivierung erfahren. Und

vor allem ist sie größer geworden: Das Zusammensein

mit den vier Mitseminaristen aus dem

Hamburger Seminar hat den Blick auf die Größe

unserer Gemeinschaft wunderbar erweitert. Es ist

ein bisschen schade, dass der Kontakt jenseits einer

solchen Gelegenheit so schwierig zu pflegen ist. Wir

haben alle bemerkt: Es wäre schön, dies nicht nur

weiter zu pflegen, sondern möglichst nach zusätzlichen

Gelegenheiten zur Begegnung zu suchen.

Leben & Begegnung

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Leben & Begegnung

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Kairos – weltweite Jugendfesttage in Überlingen

| Ute Lorenz, derzeit im Praktikum in Überlingen

Warum am Bodensee? Warum zu Pfingsten 2012?

Kairos – Wirklichkeit jetzt. Das ist der Titel, der den

Jugendlichen aus aller Welt sagen soll, was die

Hoffnung, die Sehnsucht, das Ziel dieser Tagung der

Christengemeinschaft am Bodensee ist. In der Vorbereitung

haben wir viele Menschen befragt, was für

sie „Wirklichkeit“ sei. Es gab erstaunlich viele philosophische

Antworten.

Wenn Wirklichkeit entstehen soll, so hat das offenbar

viel mit der Wahrnehmung und Wachheit im

Augenblick zu tun. Die möglichen erkenntnistheoretischen

Erörterungen werde ich hier überspringen. Es

wird aber deutlich, dass eine liebevolle Hinwendung

zur Welt und zu den Menschen, ein warmes Interesse

an allem nötig ist, damit wir im Jetzt wahrnehmen

und damit Wirklichkeit entstehen kann.

Ich habe mich gefragt, ob dieses Thema nicht vielleicht

mehr mit dem Bodensee und seiner Umgebung

als Ort des weltweiten Treffens zu tun hat, als wir

ahnen. Der Ort wurde von den Jugendlichen ausgesucht.

Anna Cecilia Grünn, eine ehemalige Schülerin der

Freien Waldorfschule am Bodensee, berichtet über

ein Erlebnis im Umgang mit der Landschaft des

Bodensees. Mit dem Pferd reitet sie vom Bodensee

aus nach Norden und befragt auf ihrer Reise die

Naturgeister, für deren Leben und Sprechen sie

Wahrnehmungsfähigkeiten hat. Den Hüter der Bodenseelandschaft

fragt sie nach der Entwicklung

dieser Gegend. Seine von ihr übersetzte Antwort lautet:

„Diese Landschaft könnte innerhalb von Gesamtdeutschland

eine Art Ohr werden. Das ist so

gemeint, dass hier die für das Land wichtigen Impulse

aufgenommen und an das ganze Land weitergegeben

werden. Also hier könnte ein Tor zu allem

Neuen entstehen Ein Ort, der der Erde und den

Sternen lauscht und ihre Zukunftsmusik empfängt.“ 1

Und auf die Frage nach der Zukunft der Kultur in

dieser Landschaft antworten die sogenannten Zivilisationsbegleiter:

„In dieser kulturellen Landschaft

wird mehr und mehr die Fähigkeit wachsen, Toleranz

und Charakter zu verbinden.“ 2

Wenn diese Gegend eine Art Ohr wird, dann kann es

schon sein, dass Menschen, die sich hier begegnen,

genauer hinhören, lauschen, um jemandem aus

einem ganz anderen Teil der Welt zu begegnen. Das

wäre auch die Grundlage für Toleranz auf seelischer

Ebene, für Wirklichkeit auf geistiger Ebene.

Die Erde als lebendigen Organismus mit Organen zu

begreifen, war auch im Mittelalter eine Sehnsucht

der Menschen. Sie ahnten, dass die Erde als der Leib

Christi dem menschlichen Leibe ähnlich sein muss.

So gibt es eine Vorstellung von Europa als Sophien-

Gestalt, deren Haupt in Spanien liegt und deren

Füße bis zum Ural reichen. 3


Der Rhein fließt durch ihre Brust und pulsiert als

Herz (nicht auf diesem Bild sichtbar) im Bodensee.

Nimmt man das Bild vom Ohr mit jenem vom Herzen

zusammen, so könnte man einen Satz aus dem

„Kleinen Prinzen“ von Antoine de St. Exupéry abwandeln

und sagen: Man hört nur mit dem Herzen

gut! Wenn uns dieses Motiv bei der Begegnung mit

den Jugendlichen aus aller Welt leiten könnte, so

entstünde „Wirklichkeit jetzt“.

Die Frage nach dem Ort der Tagung lässt aber

sogleich auch die Frage nach der Zeit entstehen.

Welche Bedeutung hat es, dass die weltweite

Begegnung der Jugendlichen zu Pfingsten 2012

stattfinden soll? Ich möchte nur eine Antwort versuchen,

es gibt sicher viele: Am 1. Juli 2012 jährt sich

zum 10. Mal das Flugzeugunglück über dem Bodensee.

Dieser Unfall damals war so unwahrscheinlich,

dass es ihn eigentlich nicht hätte geben dürfen. In

einer langen Nacht las ich das Unfallprotokoll mit

den vielen Einzelereignissen, die sich verketten

mussten, um ein solches Unglück geschehen zu lassen.

In der sternklaren Nacht des 1. Juli 2002 trafen

über dem Bodensee der DHL-Flug 611 von Bergamo,

Italien, kommend mit dem Flug der Bashkirian-Airlines

von Ufa in einem fast exakt rechten Winkel

zusammen. 71 Opfer waren zu beklagen, darunter 49

Kinder und Jugendliche. Sämtliche Wrackteile landeten

in der Umgebung von Überlingen, ohne auf

der Erde einen einzigen Menschen zu verletzen. Mir

fiel auf, dass viele Nationalitäten in diesem Drama

eine Rolle spielten. Neben den Abflugorten Baschkirien

und Italien, den Zielorten Spanien und Belgien

waren als Heimatorte der Kapitäne Kanada, England

und Russland beteiligt. Der Unfall selbst geschah

über der Fläche des Bodensees, die sich die Länder

Deutschland, Österreich und Schweiz teilen. Sie ist,

im Obersee, die einzige Gegend Europas, für die in

der gesamten Geschichte nie feste Grenzen oder

Zugehörigkeiten festgelegt wurden. Das ist auffällig.

Und wenn sich nun gerade hier über diesem geografischen

Herzorgan Toleranz entfalten könnte durch

vertieftes Hinhören und Lauschen?

Mir wurde berichtet, dass nach diesem Absturz

Frauen und Männer erstmals gemeinsam in einer

Moschee in Ufa beteten. Und was noch erstaunlicher

ist: Christliche und muslimische Kinder wurden erstmals

auf einem gemeinsamen Friedhof nebeneinander

bestattet. Vor diesem Hintergrund erscheint

auch die Eröffnungsveranstaltung der Tagung in

einem ganz neuen Licht: „Nathan, der Weise“ von

Lessing soll in einer veränderten Form von Jugendlichen

aus Deutschland und Israel gemeinsam dreisprachig

aufgeführt werden, auf Deutsch, Arabisch

und Hebräisch. Ein neues Wirklichkeits-Erlebnis für

Ohr und Herz entsteht.

1 Grünn, Anna Cecilia: Ellenlang. Meine Reise mit den Naturgeistern

durch Deutschland.

2 ebd.

3 Europa als Reichskönigin in: Heinrich Bünting: Itinerarium Sacrae

Scripturae, 1588

Leben & Begegnung

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Leben & Begegnung

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Priesterweihe in Nordamerika

| Jakob Butschle

Als ich nach der Priesterweihe in Stuttgart nach

Hause fuhr, erfüllt von den Erlebnissen dieses Tages,

dachte ich mir: „Das war dieses Jahr aber wieder

schön.“

Knapp eine Woche später wurde ich von einer

Studentin des Priesterseminars von Spring Valley

vom Flughafen Newark abgeholt und tauchte in das

Seminarleben des nordamerikanischen Seminars ein.

Sowohl die Studenten als auch die Gemeindemitglieder

fieberten einem großen Ereignis entgegen:

dem zweiten Teil der diesjährigen Priesterweihen,

die am 16., 17. und 18. März hier an der

Ostküste der USA stattfinden würden. Seit der

Begründung der Christengemeinschaft in Nordamerika

1948 hatte es erst zwei Weihen in Nordamerika

gegeben, deshalb waren diese Ereignisse, die da

kamen, ein „big deal“.

Drei Kandidaten aus Australien, England und

den USA wurden in diesen drei Tagen geweiht.

Die erste Weihe war am Freitag, den 16. März in der

Gemeinde Taconic Berkshire Region, im Norden des

Bundesstaates New York. Wie der Name schon sagt,

eine Gemeinde für eine ganze Region, wunderschön

gelegen in einem kleinen Tal in der Nähe eines

Flusses; manche Gemeindemitglieder haben einen

Anfahrtsweg von eineinhalb Stunden. In der Woche

vor der Weihe hatte eine Priestersynode stattgefunden

mit Gästen aus Südafrika, Südamerika, Großbritannien

und Australien, so dass ca. 30 Priester an

der Weihe teilnehmen konnten. Die Gemeinde hat

großzügige Gemeinderäume und eine schöne, mittelgroße

Kirche, die fast aus allen Nähten platzte. Im

Anschluss an die Weihe gab es ein Buffet und eine

Möglichkeit der Begegnung, bevor sich der Großteil

der Festgemeinschaft auf den Weg nach Spring

Valley machte, wo die anderen beiden Weihen stattfinden

sollten.

Spring Valley liegt ca. 40 Minuten von New York City

entfernt in direkter Nachbarschaft zu einer Waldorfschule,

einem Waldorflehrerseminar, einer

Eurythmieschule, einem biologisch-dynamischen

Ausbildungszentrum für Gärtner, einer Dreigliederungsgemeinschaft

und einem anthroposophischen

Altersheim. Außerdem befindet sich hier das Priesterseminar

der Christengemeinschaft, das allerdings

noch keine eigenen Räumlichkeiten hat. Die

Gemeinde hat einen wunderschönen Weiheraum,

aber nur sehr kleine Gemeinderäume, so dass ein

großes Zelt aufgestellt werden musste, das vor der

Weihe als Ausweichsakristei fungierte und nach der

Weihe als Festzelt.

Dicht an dicht standen die Stühle im Weiheraum, so

dass alle anwesenden Priester und rund 140 Gemeindemitglieder

und Angehörige an den Weihen

teilnehmen konnten. Am Samstag fand ein festlicher

Nachmittag mit humorvollen und ernsten Beiträgen

statt. Am Sonntagnachmittag gab es eine Zusammenkunft

mit Musik und abschließenden Worten,

wo u.a. einer der Frischgeweihten an die in Stuttgart

geweihte Hälfte der Weihegruppe erinnerte, über

jeden von ihnen ein paar Worte sagte und die drei

auf diese Weise auch anwesend sein konnten.

Es war für viele Menschen wichtig, dass diese

Weihen hier in den USA stattfinden konnten. Zum

einen natürlich für die Kandidaten selbst, um in ihrer

Muttersprache das Sakrament zu erleben, aber auch

für die Angehörigen, Freunde und Gemeindemitglieder,

die die weite Reise nach Deutschland vielleicht

nicht auf sich genommen hätten. Für fast alle

der acht Studenten des Priesterseminars waren es

die ersten Weihen, die sie miterlebten. Sie waren

sehr dankbar für die Möglichkeit, in den Räumen, in

denen sonst der Seminarbetrieb stattfindet, Zeuge

zu sein, wie drei Studenten zu Kandidaten wurden,

dann zu Priestern und zum ersten Mal zelebrierten,

die Kommunion austeilten.


Verehrte, liebe Freunde des Seminars,

Im Thema dieses Seminarbriefs – dem Übersetzen –

können wir mühelos die besondere Aufgabe des

Erdenmenschen erkennen – vor allem dann, wenn

wir dabei nicht nur an die etwas staubige Beschaulichkeit

einer Schreibtischexistenz denken, sondern

vielmehr an den, der auf seinem Weg mutig über

einen Abgrund setzt, um auf die andere Seite zu

gelangen.

Ein Sprung, ein Satz wird getan, wenn etwas Unausgesprochenes

ins Wort, in den Begriff findet. Nie

gelingt das völlig. Das ausgesprochene Wort kann

immer nur als Hinweis auf etwas weiterhin Unausgesprochenes

dienen. Das Übersetzen wird letztlich

zur Aufgabe dessen, der das Wort hört und bereit ist,

es als Sprungbrett ins Ungesagte zu nutzen.

Mit jedem Wort, das wir äußern, tun wir einen Satz:

von innen nach außen, aus dem Übersinnlichen ins

Sinnliche, aus dem Ungesagten ins Gesagte. Mit

jedem Wort springt die Tür zwischen zwei Welten

auf; im Wort finden sie zusammen, werden sie eins,

werden ein und dasselbe. D.h. aber zugleich, dass

dasselbe nun auf zweierlei Art wahrgenommen werden

will von dem, der beide Aspekte in dem Einen erfassen

will. Der Sinn muss tiefer dringen, als er zunächst

von sich selbst aus dringen kann: von außen

nach innen, aus dem Sinnlichen ins Übersinnliche,

aus dem Gesagten ins Ungesagte.

Der Mensch ist nicht nur ein sprechendes Wesen,

weil er Worte aus seinem Mund hervorgehen lässt,

sondern er ist selbst Wort, d.h. ein Sprung, ein Satz

über den Abgrund. Er eint in seinem Wesen fortwährend

zwei Welten und ist nur zu verstehen, wenn er

auf zweifache Art verstanden wird: sinnlich und

übersinnlich, als Form und als Impuls, als Erden-Ich

und als Himmelsbote. (Wenn wir unser Seelenleben

beobachten, bemerken wir bald, dass dies die fort-

währende Tätigkeit ist, die wir leisten: Im eigenen

Inneren ersinnen wir, was wir in der Welt verwirklichen

wollen – sei es die nächste Mahlzeit, die wir

zubereiten wollen, sei es unser Berufsziel. Die

Tätigkeit unseres Wesens ist Übersetzen.)

Im Kultus drängt der übersinnliche Teil unseres

Wesens und der Welt weiter in die Sinneswelt vor als

gewöhnlich. Gerade diese Tatsache macht nötig, das

Übersinnliche, das sich offenbaren will, seiner

Wesensart gemäß wahrzunehmen und zu begreifen.

Wir sind eingeladen, im Anschauen, im Anhören, im

Ertasten den Sprung zu tun, den Satz in die Welt des

Geistigen und sie in solchem eigenen Anteilnehmen

– wahrnehmend wahrmachend – mit der Erdenwelt

zu vereinen.

Diese Tätigkeit üben wir hier am Seminar verständlicherweise

etwas ausgiebiger als an anderen Orten

– und fühlen dabei natürlich auch, wie anstrengend

dieses Übersetzen ist; wir werden gelegentlich ein

bisschen atemlos. Immer aber reicht unser Atem, um

Ihnen zu danken, dass Sie uns in unserem Tun auf

Ihre liebevolle, treue Art unterstützen, sich hineindenken

in unsere Arbeit und den Grund schaffen,

dass wir – immer wieder neu – den Sprung wagen

können von hier nach dort und von dort nach hier.

Und da stehen wir wieder vor Ihnen, verneigen uns

vor Ihnen und fühlen uns herzlich mit Ihnen verbunden.

Im Namen der ganzen Seminargemeinschaft grüßt

Sie

Ihr

Grußwort der Seminarleitung

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Alle Studenten

S. 11 Grenzgänger: Konrad Witz, La Pêche miraculeuse,1444, Photo : Bettina Jacot-Descombes mit frdl.

Genehmigung des Musée d’art et d’histoire, Ville de Genève, inv. n° 1843-11. S. 17 Moral und Naturgesetz:

Collection Kröller-Müller Museum, Otterlo, the Netherlands. S. 21 Novalis: Verlag Urachhaus.

S. 22/23 Gedanke Wort Schrift:http://upload.wikimedia.org/ wikipedia/commons/a/ae/ Metal_movable_

type.jpg?uselang=de. S. 26 Fichte: Verlag Urachhaus. S. 29 Hammarskjold: Dag Hammarskjold: UN/DPI.

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