Cruiser im Oktober 2015

cruisermagazin

Cruiser im Oktober: Kann das mit der LGBT Community überhaupt funktionieren? Ausserdem: Was macht eigentlich Sängerin Sandra?

OKTOBER 2015 CHF 7.50

LGBT: EINHEIT ODER DIVERSITÄT?

WIE DIE COMMUNITY ZU SICH SELBST STEHT

MONOGAMIE

Kopieren Gays das Heteromodell?

FITNESS

Wer wo wie trainiert

NEUE SERIE

Cruiser auf Reisen


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SYPHILIS

IM OKTOBER ZUM GRATISTEST

SYPHILIS-TESTWOCHEN

Für Männer, die Sex mit Männern haben

1. bis 31. Oktober 2015 bei teilnehmenden Teststellen

Teststellen unter drgay.ch

Mit freundlicher Unterstützung


EDITORIAL

3

Lieber Leser

Wir erhalten täglich Mails (und ganz selten auch mal einen Brief) mit Leserkommentaren,

Meinungen und Inputs. Dabei fällt uns auf, dass die verschiedenen

Fraktionen der LGBT-Community oft ganz unterschiedliche Ansichten

über unseren redaktionellen Output haben. Was den einen gefällt, finden die anderen unmöglich.

Da stellt sich natürlich die Frage: Warum macht eine LGBT-Allianz überhaupt Sinn?

Denn weder ist die Sexualität der verschiedenen Gruppierungen gleich noch ihre Anliegen.

Grund genug also, dieser Frage in unserer Titelgeschichte genauer nachzugehen.

Besonders freut uns, dass wir als einziges Gay-Magazin neu WEMF-zertifiziert sind. Wir

haben unsere gedruckte Ausgabe offiziell und ordentlich bei der WEMF AG für Werbemedienforschung

beglaubigen lassen und sind daher nun quasi das «amtlich beglaubigte Gay-

Magazin» und daher auch klar Nummer 1 auf dem Markt. Das macht Freude und ist eine

unglaubliche Motivation für die ganze Cruiser-Crew!

INHALT

04 THEMA LGBT: EINHEIT ODER DIVERSITÄT?

09 NEWS NATIONAL

10 REPORTAGE MONOGAME BEZIEHUNGEN

13 INTERVIEW SIND ALLE GAYS UNTREU?

14 NEWS INTERNATIONAL

Herzlich, Haymo Empl

CHEFREDAKTOR

16 KOLUMNE WEISSBERGS WARME WEISSHEITEN

18 KULTUR SO WIRD DER HERBST

20 KOLUMNE BÖTSCHI KLATSCHT

21 HOMOSEXUALITÄT IN GESCHCHTE UND LITERATUR:

ZWEI KRIEGER IM ZELT

23 KOLUMNE MICHI RÜEGG

24 KOLUMNE PIA SPATZ

25 RATGEBER AIDS-HILFE DR. GAY

26 IKONEN VON DAMALS

SANDRAS VERZWEIFELTE COMEBACK-VERSUCHE

28 NEUE SERIE

CRUISER AUF REISEN

29 LIFESTYLE WER WO WIE RUMSTRAMPELT

30 KOLUMNE THOMMEN MEINT

FOTO UMSCHLAG: FOTOLIA

IMPRESSUM

CRUISER MAGAZIN PRINT

Herausgeber & Verleger: Haymo Empl, empl.media

Infos an die Redaktion: redaktion@cruisermagazin.ch

Chefredaktor Haymo Empl

Stv. Chefredaktor Daniel Diriwächter

Bildredaktion Haymo Empl

Art Direktion Ana Lewisch

Redaktion Print Vinicio Albani, Thomas Borgmann, Bruno Bötschi, Daniel Diriwächter,

Andreas Empl, Martin Ender, Andreas Faessler, René Gerber, Moel Maphy,

Michi Rüegg, Alain Sorel, Pia Spatz, Peter Thommen, Marianne Weissberg

Lektorat

Ursula Thüler

Anzeigen Said Ramini, Telefon 043 300 68 28

anzeigen@cruisermagazin.ch

Auflage

Druck

12 000 Exemplare,

WEMF beglaubigte Auflage: 11 539 Exemplare

Druckerei Konstanz GmbH

Wasserloses Druckverfahren

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CRUISER OKTOBER 2015


4 THEMA

LGBT

LGBT: EINHEIT

ODER DIVERSITÄT?

LGBT? Oder LGBTI? Oder vielleicht LGBTQ? Was der Oberbegriff

für eine Gemeinschaft sein soll, ist in Tat und Wahrheit der Oberbegriff

eines politischen Schlachtschiffes, das immer schneller in See sticht.

Dies mit einer Vielfalt an Anliegen und Meinungen.

VON DANI DIRIWÄCHTER

Früher, da war vieles gut. Heute

ist alles besser.

Manchmal wäre ich froh, es wäre

wieder gut», so ein Zitat des Schweizer

Texters Andreas Marti. Ähnliche

Stimmen sind immer öfter aus der

Community zu hören: «LGBT, was

ist das schon?» Ein wachsendes und

undurchsichtiges Konstrukt. Denn

früher, da konnte man noch einfach

schwul sein. Und Lesben waren Lesben.

Punkt. Diese Stimmen bedenken

aber nicht, dass in diesem «Früher»

die Konsequenz eines Mauerblümchendaseins

gesteckt hätte. Die direkte

Einfahrt ins Ghetto.

An diesem «Früher» lohnt es sich

nicht zu kleben. Wir leben in einer

modernen Zeit und es gilt in ebensolchen

Ländern die Meinungsfreiheit.

Und wir reden heute über die

LGBT-Community. Eine Abkürzung,

die, wie viele andere auch, aus dem

Englischen stammt: Lesbian, Gay,

Bisexual und Transgender. Seit Anfang

der 1990er sind die vier Buchstaben

auf dem Vormarsch und bieten

einen schützenden Deckmantel

für die sogenannten «Minderheiten».

Aber es blieb nicht einfach bei vier

Buchstaben. «Wir benutzen heute

den Begriff LGBTI, so wie es die Bundesverwaltung

auch macht», betont

Bastian Baumann, der Geschäftsführer

des Schweizer Dachverbands der

Schwulen, «Pink Cross».

Plus ein «I» also, das für Inter*/

intersexuelle Menschen steht. Baumann

hält aber auch fest, dass politisch

derzeit für Pink Cross die ersten

vier Buchstaben im Vordergrund

stehen. Es gehe im Prinzip «nur»

um den Überbegriff, denn die unterschiedlichen

Interessen innerhalb

des LGBTI-Universums seien einfach

zu unterschiedlich. Und Bastian Baumann

konkretisiert weiter: «Bei Pink

SEIT ANFANG DER

1990ER SIND DIE VIER

BUCHSTABEN AUF

DEM VORMARSCH UND

BIETEN EINEN SCHÜTZEN-

DEN DECKMANTEL

FÜR DIE SOGENANNTEN

«MINDERHEITEN».

Cross stehen das ‚G’ und das ‚B’, also

Schwule und Bisexuelle, im strategischen

Fokus.» Und selbst darunter

befände sich eine Vielfalt an Meinungen

oder Lebensauffassungen, was

die Arbeit der Organisation oft nicht

ganz einfach mache.

DAS G

Eine extreme Breite zeigt sich unter

dem «G». Angeführt von Pink Cross,

will man das Maximum an Rechten

(und Pflichten) für die Gleichberechtigung

verlangen. «Wir wollen die bestmöglichen

Ziele erreichen, Schritt für

Schritt», so Baumann. Dass konservative

Kritiker Pink Cross eine Salamitaktik

vorwerfen, kann er sogar unterstützen,

denn schliesslich sei das

Usus im politischen System. Viel eher

ist der Geschäftsleiter erstaunt, wenn

ein Mitglied, wie kürzlich geschehen,

seinen Austritt aus Pink Cross bekannt

gibt, weil die Organisation die

Adoption auch für gleichgeschlechtliche

Paare favorisiert.

Angesicht der Fortschritte, die

schwule Männer erreicht haben, wird

nun ersichtlich, dass der Regenbogen

eben nicht nur sieben Farben hat, sondern

selbst eine Jumbo-Farbstiftbox

mit der Vielfalt der schwulen Welt –

im Fachjargon: Diversität – nicht mithalten

kann. Längst gibt es nicht nur

die «Normalen», die Tunten oder die

Ledertypen. Heute darf man schwul

sein – und auch Chef von Apple. Man

darf schwul sein – und auch in der SVP

agieren. Klischees wurden verworfen

oder bilden nun Teil der schwulen

Realität, die Baumann trotz aller Anstrengungen,

die es braucht, um diese

auf einen Nenner zu bringen, definitiv

als erfreulich bezeichnet.

FOTOS: FOTOLIA (1)

CRUISER OKTOBER 2015


DAS L

Dass besagtes «L» hier erst an zweiter

Stelle aufgeführt wird, dürfte in

lesbischen Kreisen sauer aufstossen

– wo es doch den Begriff «LGBT»

anführt. Oder ist diese Meinung nur

eines der Vorurteile, mit denen lesbische

Frauen konfrontiert werden? «In

der Tat gibt es noch viele Vorurteile

gegenüber uns lesbischen Frauen,

ganz oben das der Kampflesbe», sagt

Barbara Lanthemann, Geschäftsführerin

der Lesbenorganisation LOS.

Nicht zuletzt kommt dieses Vorurteil

auch von schwulen Männern. Nichtsdestotrotz

ist LOS die engste Verbündete

von Pink Cross. Für die «Ehe für

alle» oder die Adoption setzt auch sie

sich ein – logisch.

«Viele lesbische Frauen sind aber

auch Feministinnen», so Lanthemann.

Die Gleichberechtigung der

Frau steht noch immer nicht dort, wo

sie sein sollte. Und auch Lanthemann

weiss, dass die Vielfalt an Frauenthemen

– und an Frauen selber – es für

LOS nicht einfach macht, im Sinne

aller zu agieren. Aber auch sie begrüsst

die Diversität. Wobei Lanthemann

im Begriff «LGBT» das «B» als

etwas «schwierig» bezeichnet, da

LGBT: EINE COMMUNITY, DIE

SICH AUSSCHLIESSLICH ÜBER DIE

SEXUALITÄT DEFINIERT?

sich die LOS für alle Frauen einsetzt

welche sich zu Frauen hingezogen

fühlen. «Bisexuelle Frauen waren bei

LOS bisher kein eigenständiges Thema»,

erklärt sie – und wundert sich

zugleich. Wenn das Bedürfnis und die

Ressourcen bestehen, seien die Türen

weit offen, um sich auch speziell diesem

Thema zu widmen.

DAS B

Bisexualität – die fast unbekannte

Grösse im «LGBT»-Bereich. Bisexuelle

Menschen in der Schweiz verfügen

über keinen eigenen Dachverband

wie LOS oder Pink Cross. Anlaufstellen

wie bi-net.ch sind im Netz zwar

zu finden, ansonsten bieten alle

HA-Gruppen (HAZ, HAB und HABS)


6

«DIE BISEXUALITÄT

WIRD NUR DURCH EIN

COMING-OUT SICHTBAR.

UND SELBST DANN STEHT

SIE IM VERDACHT, ETWAS

ANDERES ZU SEIN.»

einen Bi-Treff an. Hannes Rudolph,

Geschäftsführer der HAZ, sieht eines

der Probleme der Bisexuellen darin,

dass sie «so gut wie unsichtbar» seien.

Als Beispiele nennt er etwa die

bisexuelle Frau, die Hand in Hand

mit einem Mann geht und als hetero

angesehen wird. Ebenso gilt der bisexuelle

Mann, der einen Mann küsst,

als schwul.

«Die Bisexualität wird nur durch

ein Coming-out sichtbar. Und selbst

dann steht sie im Verdacht, etwas

anderes zu sein», so Rudolph. Vorurteile

wie «Bi-Menschen können nicht

monogam sein» oder müde Sprüche

wie «man habe sich noch nicht entschieden»,

zermürben. «Viele lesbische

Frauen, und sicher auch einige

schwule Männer, können nicht nachvollziehen,

wie diese Art von Sexualität

gelebt werden kann», meint

Barbara Lanthemann von LOS. Dabei

sei Bisexualität eine sexuelle Orientierung,

die genauso wenig der Rechtfertigung

bedürfe wie jede andere sexuelle

Orientierung, erklärt Rudolph.

DAS T

Das grosse «T» im Begriff holt derzeit

mächtig auf. Und das muss es, denn

anders als um die Sexualität wie bei

«LGB», geht es im «T» um die Identität.

Seit der Gründung von Transgender

Network Switzerland (TGNS) vor

fünf Jahren hat sich in der Schweiz

das Bild der Transmenschen bereits

geändert. Beispielsweise wird heute

nicht mehr der Begriff «transsexuell»

verwendet, sondern trans*.

TGNS steht für alle Menschen ein, die

sich mit dem Geschlecht, das ihnen

bei Geburt zugewiesen wurde, nicht

oder nicht ausschliesslich identifizieren

können. Aber anders als Lesben,

Schwule und Bisexuelle stehen

Transmenschen noch relativ am Anfang

ihrer – auch politischen – Emanzipation.

Anderen Menschen immer

und immer wieder zu erklären, das

trans* nichts mit Sexualität zu tun

hat, gleicht oftmals einer Sisyphusarbeit.

Dass es Heteros, Homos und Bi’s

unter den Transmenschen gibt, wird

oft nicht verstanden.

«Aber auch bei uns Transmenschen

gibt es viele verschiedene Meinungen»,

weiss Claudia Sabine Meier,

die mit zwei Präzendenzfällen in Bezug

auf Namens- und Personenstands-

FOTOS: FOTOLI

CRUISER OKTOBER 2015


THEMA

LGBT

7

EIN EFFEKTIVES

«MITEINANDER»

EXISTIERT IN DER

LGBT-GEMEINSCHAFT

NUR SELTEN.

AM ENDE IST «LGBT»

EIN SPIEGELBILD DER

GESELLSCHAFT.

EIN SAMMELSURIUM AN

FARBE, AN LIEBE,

AN KRAFT, ABER AUCH AN

DEMUT, AN STREITIG-

KEITEN ODER AN MISS-

GUNST.

änderung für Schlagzeilen sorgte (siehe

Cruiser Juli/August). Sie erlebte

einen gewissen Neid unter den Transmenschen,

etwa in Hinsicht darauf,

wer den grösseren Nachteil hat. «Jeder

Weg, egal wie gross die Hürden

und die Tücken auch sind, hat seine

Vorteile», so Meier. Tatsächlich bemerkte

sie aber auch immer wieder

einen Graben zwischen denen, die

alle medizinischen geschlechtsangleichenden

Massnahmen ausschöpfen

und denen, die nicht alle Operationen

machen, die möglich sind.

Hannes Rudolph von der HAZ,

selbst ein schwuler Transmann, bemerkt

dazu, dass viele Transmenschen

auch die Geschlechterordnung

und die Rollenbilder oder das Zweigeschlechtersystem

generell hinterfragen.

Immerhin, schwule Männer stehen

seiner Erfahrung nach schwulen

Transmännern mit viel Neugierde gegenüber.

Nicht umsonst wurde an der

dritten Schweizer Transtagung extra

ein Workshop abgehalten, um schwul

und trans* gemeinsam zu präsentieren.

EIN I

UND DIE ZUKUNFT

Wie eingangs erwähnt, wird das «I»

der Inter*/intersexuellen Menschen

bereits grossgeschrieben – und es gebührt

ihm Beachtung. Die HAZ hingegen

benutzt «LGBTQ» – weil das

«Q» (queer) für viele, die entweder ihr

Begehren oder ihr Geschlecht nicht

in Schubladen packen möchten, eine

Selbstbeschreibung ist. Weitere Bezeichnungen

und Buchstaben machen

die Runde, so etwa das «P», das für

Pansexuelle steht (Personen, die nicht

bi sind, sondern den Menschen an

sich sexuell anziehend finden). Eine

berechtigte Frage ist, wie viele Gruppen

«LGBT» noch aufnehmen kann.

Dieser kurze Einblick in die Begrifflichkeit

vermag selbstverständlich

nicht die unzähligen Facetten

der Sexualität zu beschreiben. Aber

der Dampfer ist in See gestochen und

nimmt Kurs auf. Am Ende ist «LGBT»

ein Spiegelbild der Gesellschaft. Ein

Sammelsurium an Farbe, an Liebe,

an Kraft, aber auch an Demut, an

Streitigkeiten oder an Missgunst. Die

Vielfalt kommt zum Vorschein – vielleicht

dürfte das der Grund sein, weshalb

konservative Kräfte vor Angst erzittern.

Denn was die Menschlichkeit

lebendig macht, lässt sich schwer regieren

und schon gar nicht in Schubladen

stecken. Aber das ist eine ganz

andere Geschichte.

Alle Adressen der Fachstellen auf

www. cruisermagazin.ch

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CRUISER OKTOBER 2015


NEWS

NATIONAL

9

FOTOS: FOTOLIA (2)

NATIONALE

NEWS

ZÜRICH

STÄNDERATSWAHLEN

IM KANTON ZÜRICH:

WER VERTRITT UNS?

In Bern werden in den

kommenden vier Jahren viele

der LGBTIQ-relevanten

Themen behandelt: «Ehe für

alle», das Adoptionsrecht

oder auch Fragen des Diskriminierungsschutzes.

Alle sieben Zürcher Kandidierenden

wurden, wie vor allen Wahlen, von

der HAZ (Homosexuelle Arbeitsgruppen

Zürich) zu diesen Themen befragt.

Auf www.regenbogenpolitik.ch

sind die Antworten nachzulesen, hier

die Zusammenfassung:

Bezüglich der Eheöffnung für

gleichgeschlechtliche Paare sind alle

Kandidaten überraschend offen. Maja

Ingold (EVP), Ruedi Noser (FDP) und

Hans-Ueli Vogt (SVP) schränken allerdings

ein, eine Lebensgemeinschaft

von gleichgeschlechtlichen Paaren

sollte nicht «Ehe» heissen.

Anders gestalten sich die Fronten

im Bereich Adoptionsrecht. Alle Befragten

sind für die Stiefkindadoption.

Ein generelles Adoptionsrecht lehnt

Ruedi Noser ab, Barbara-Schmid Federer

(CVP) hat sich noch keine Meinung

gebildet. Daniel Jositsch (SP),

Bastien Girod (Grüne), Martin Bäumle

(GLP) und Hans-Ueli Vogt sind dafür,

dass gleichgeschlechtliche Paare Kinder

adoptieren dürfen wie Ehepaare

auch. Gemäss der HAZ-Umfrage

führen in Sachen LGBT-Freundlichkeit

Girod und Jositsch, beide stehen

hinter jedem Anliegen – gefolgt von

Bäumle (lediglich «keine Position» zur

künstlichen Befruchtung bei eingetragenen

Partnerinnen). Anhand des

Fragebogens ist Barbara Schmid-Federer

aufgeschlossener als Maja Ingold,

Ruedi Noser und Hans-Ueli

Vogt, die alle etwa gleich viele Bedenken

zu verschiedenen Fragen haben.

Weitere Infos:

www.regenbogenpolitik.ch

CHECKPOINT

IM GESPRÄCH

Bei «Checkpoint im Gespräch»

informieren und diskutieren

die Mannen vom Checkpoint

bekanntlich über die unterschiedlichsten

Themen rund

um die schwule Gesundheit.

In ungezwungener Atmosphäre präsentieren

ausgewählte Referenten

neueste Erkenntnisse; im Oktober

wird es zum Thema «Der schwule

Mann und sein Arzt – ein starkes

Team?» sein. Das Fragezeichen ist

insofern berechtigt, als man beim

Arzt nach einer Diagnose oft rausgeht

und denkt: «Weiss ich jetzt, was ich

wissen wollte? Warum habe ich nicht

nachgefragt? Und eigentlich ist mir

überhaupt nicht klar, warum meine

Medikamente umgestellt wurden.»

Egal ob Hausarzt, Psychologe, Physiotherapeut,

Heilpraktiker oder

Zahnarzt – zwischen Therapeut und

Patient ist Vertrauen eine Grundbedingung

für eine erfolgreiche Betreuung.

Wie man nun was genau fragen

soll, erklärt Roger Fontana. Er ist

langjähriger medizinischer Berater

im Checkpoint Zürich und Masterstudent

der Pflegewissenschaften; er

wird aus seinem Erfahrungsschatz

berichten.

Die Veranstaltungen der Reihe

«Checkpoint im Gespräch» finden immer

am dritten Donnerstag im Monat

ab 18.00 Uhr im Restaurant «Bubbles»

an der Werdstrasse 54 in Zürich

statt; eine Anmeldung ist nicht erforderlich.


10

REPORTAGE

MONOGAMIE

MONOGAMIE

DAS EINZIGE REZEPT ZUM GLÜCK?

«… und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage». Alles ein Märchen?

Der kirchlichen Trauungsformel «Bis dass der Tod euch scheidet» steht eine hohe

Scheidungsrate gegenüber. Da stellt sich die Frage: Müssen Gays die offenbar

untaugliche monogame Hetero-Ehe kopieren?

VON MARTIN ENDER

FPraktisch jede zweite Hetero-Ehe

wird geschieden. «Bis dass der

Tod euch scheidet» ist ein Ideal,

das kaum noch zu halten ist. Das

grosse Scheitern monogamer Beziehungen

zeigt es deutlich. Kirchen

geben nach wie vor die Durchhalteparole

raus. Doch Psychologen raten

immer öfter zum Seitensprung. Der

könnte ein Lösungsversuch für Probleme

in der Partnerschaft sein. Aber

eben, nicht die Lösung, nur ein Versuch,

die Partnerschaft zu retten, indem

durch das Fremdgehen Gespräche

in Gang kommen und man sich

so über nicht erfüllte Bedürfnisse klar

werden kann.

VON LEBENSLANG

ZUM LEBENSABSCHNITT

Das Versprechen einer unauflöslichen

Ehe hatte in früheren Jahrhunderten

eine völlig andere und überlebenswichtige

Bedeutung. Leid, Krankheit,

Hunger sollte man gemeinsam

durchstehen. Die Ehe bot also Schutz.

Dieser Lebensbund war eine Art Lebensversicherung

für beide Partner

und damit verbunden auch für deren

meist zahlreiche Kinder. Heute ist

die Ehe keine unmittelbare Versorgungseinrichtung

mehr. Sollte sie in

die Brüche gehen, ist für die materielle

Sicherheit von Frau und Kindern

gesorgt dank gerichtlich festgesetzter

Unterhaltszahlungen. Die «lebenslange»

Ehe war früher ausserdem einfa-

cher auszuhalten. Die Leute wurden

schlicht nicht so alt. Nachdem die

Kinder grossgezogen waren – das

war der Zweck der Ehe – machte man

keine grossen Sprünge mehr, sondern

stellte sich bereits gemeinsam auf den

herannahenden Lebensabend ein.

Um 1700 lag das Durchschnittsalter

bei 50 Jahren, um 1900 bei 65

Jahren und heut liegt es bei rund 80

Jahren. So stellen sich die Menschen

auf mehrere Lebensphasen ein. Man

gibt in der Mitte des Lebens nicht auf,

macht allenfalls eine Weiterbildung,

wechselt den Beruf, startet eine neue

Karriere und sogar Rentner entdecken

noch neue Welten. Oder man

erfüllt sich nochmals den Traum einer

neuen Beziehung. So ist auch das

nicht gerade schöne Wort «Lebensabschnittpartner»

entstanden.

SCHEITERN ODER

GLEICH SINGLE BLEIBEN?

Im Jahre 2010 war die Scheidungsrate

in der Schweiz am höchsten, in

den Jahren bis 2014 sank sie leicht.

Gemäss dem Bundesamt für Statistik

betrug sie damals 54,4 Prozent.

In Zahlen: 22081 Scheidungen auf

43257 Eheschliessungen. Das bedeutet,

mehr als die Hälfte der Ehen

scheitern und dies nach durchschnittlich

nur 14 Jahren. Im gleichen Jahr

wurden in der Schweiz 720 eingetragene

Partnerschaften begründet und

77 aufgelöst. (Da die eingetragene

ERSTMALS LEBTEN

ENDE LETZTEN JAHRES

MEHR EINWOHNER

MIT DEM ZIVILSTAND

«LEDIG» IN DER SCHWEIZ

ALS VERHEIRATETE.

Partnerschaft noch nicht so lange

existiert, ist das Zahlenverhältnis natürlich

nicht vergleichbar.) Dass die

offiziellen monogamen Beziehungen

immer seltener werden, zeigt auch

folgender Statistikauszug. Erstmals

lebten Ende letzten Jahres mehr Einwohner

mit dem Zivilstand «ledig»

in der Schweiz als Verheiratete. Laut

dem Bundesamt für Statistik (BFS)

sind 3,54 Millionen Menschen ungebunden,

3,53 Millionen verheiratet.

In zahlreichen Kulturen werden monogame

Beziehungen durch soziale

Strukturen wie die Ehe gefördert und

stellen immer noch eine Norm dar.

Neuerdings kommen in vielen Ländern

die Homo-Ehen oder die gleichgeschlechtlichen

Partnerschaften hinzu.

Ist aber der Mensch tatsächlich

für das Glück zu zweit gemacht? Im

Prinzip ja, behaupten Wissenschaftler

der US-amerikanischen Nationalen

Akademie der Wissenschaften. Aller-

FOTOS: FOTOLIA, ZVG

CRUISER OKTOBER 2015


11

dings räumen sie ein, dass monogame

Beziehung nicht mehr ein Leben

lang halten, es würden nach einer

Beziehung andere folgen. Der Bergriff

«serielle Monogamie» wurde kreiert.

VON MONOGAM

BIS ZUR POLYAMORY

Es stellt sich die Frage, wie viel Sinn

es macht, das monogame Heterokonzept

für Schwule und Lesben zu

übernehmen. Ist die treue monogame

Beziehung zwischen Mann und Mann

oder Frau und Frau genauso zum

Scheitern verurteilt? Oder scheitert

sie noch schneller, weil meist keine

Kinder da sind, aufgrund derer die

Beziehung durchgezogen wird? Gibt

es allenfalls andere erfolgsversprechende

Modelle? Dazu eine Auflistung

und Begriffserklärung.

Unter monogam versteht man eine

Eins-zu-eins-Beziehung und stellt

sich diese idealerweise treu vor. Bigamie

– gleichzeitig mit zwei Partnern

verheiratet sein – ist in unseren

Breitengraden offiziell verboten. Bei

der Polygamie gibt es die Polyandrie

(Vielmännerei), die Polygynie (Vielweiberei)

und die Polygynandrie. Bei

letzterer Form der «Gruppenehe»

MONOGAMIE: WARUM

DAS BEI GAYS NICHT

FUNKTIONIERT.

ODER EBEN DOCH.

haben Frauen und Männer jeweils

mehrere Ehemänner und Ehefrauen.

Dem ähnelt auch die Polyamory, die

aber nicht an gesellschaftliche Institutionen

und Normen wie die Ehe gebunden

ist, und sie betont die Wahlfreiheit

der Beteiligten. Insbesondere

müssen diese nicht miteinander verheiratet

sein. Besonderes Kennzeichen

dieser Form der gleichzeitigen

vielfachen Liebesbeziehungen ist,

dass sie mit vollem Wissen und Einverständnis

aller beteiligten Partner

geschehen. Für Polyamory-Anhänger

werden herkömmliche Liebeskonzepte

wie die Ehe als besitzergreifend,

ökonomisch begründet und unfrei

kritisiert.

DEHNBARE REGELN

Das Bestreben, den Rahmen der Monogamie

zu sprengen und die Grenzen

der Treue zu dehnen, hat es immer

wieder mal gegeben. Die 68er-Generation

propagierte die freie Liebe. Es

entstanden Swingerclubs, Schlüsselpartys,

und offene Ehen wurden erprobt.

Auf dem Monte Verità vereinten

sich vor über 80 Jahren die Aussteiger

und Weltverbesserer und verkündeten

in einer einzigartigen Mischung

freie Liebe, Vegetarismus, Anthroposophie,

Anarchie und kommunistisches

Gedankengut. Auch Kirche und

Staat waren einst recht «flexibel». Bei

den Normannen und Wikingern wurde

die Möglichkeit, eine Zweitfrau zu

ehelichen, nach deren Christianisie-

DIE KOMUNE 1 WAR EINE

POLITISCH MOTIVIERTE WOHN-

GEMEINSCHAFT IN BERLIN.

CRUISER OKTOBER 2015


12

REPORTAGE

MONOGAMIE

rung eine Zeit lang als More danico

(dänische Sitte) seitens der Kirche geduldet.

Der Reformator Martin Luther

gab dem Landgrafen von Hessen, Philipp

dem Grossmütigen, «auf Grundlage

der Bibel» den Segen zur Heirat

mit zwei Frauen, schränkte das

Recht aber auf die Herrscherschicht

ein. Diese sogenannten morganatischen

Ehen erfolgten meist mit der

Absicht des Mannes, die bestehende

Liebesbeziehung zu einer Mätresse

als öffentlich anerkanntes Verhältnis

zu legitimieren. Im Täuferreich von

Münster wurde 1534 wegen eines erheblichen

Frauen überschusses sogar

die allgemeine Polygynie eingeführt.

ÜBER DEN EMOTIONALEN

SCHATTEN SPRINGEN

Die Geschichte lehrt, dass in Sachen

Liebesbeziehungen alles schon da gewesen

ist. Findet deshalb in der Hetero-Welt

ein Revival der Monogamie

statt – allerdings unter dem neuen

Vorzeichen der «seriellen Monogamie»?

Ist das bei schwulen Partnerschaften

anders? Ob sie nun offiziell

beim Standesamt eingetragen sind

oder nicht, sei hier ausser Acht gelassen.

Für viele Gays ist Monogamie

gleichbedeutend mit Monotonie und

sie sehen sich gerne als Trendsetter.

Warum aber funktionieren visionäre,

zukunftsorientierte Liebesbeziehungen

doch nicht so toll? Ohne Kinder

wären viele doch prädestiniert für die

Polyamory. Paartherapeutin Claudia

Haebler glaubt, dass – geschlechterunabhängig

– früher oder später die

Eifersucht einen Strich durch die

Rechnung macht und formuliert es

so: «Es ist sehr anspruchsvoll, die

verschiedenen Bedürfnisse unter einen

Hut zu bringen – das ist schon

in einer Zweierbeziehung schwierig

genug. Aber ich kann mir vorstellen,

dass es so mehr Befriedigung bringt,

weil man nicht einen Partner für den

anderen aufgeben muss.» In der Literatur

ist ausserdem zu lesen, dass

Menschen in Mehrfachbeziehungen

«frubbelig» sein müssen. Frubbelig

ist kurz gesagt das Gegenteil von eifersüchtig.

Die Emotion geht dabei

sogar soweit, dass der eine Partner

glücklich ist, wenn der andere Partner

mit dem dritten Partner glücklich

ist – ohne dabei anwesend sein zu

müssen. Nach dem Motto, geteiltes

Glück ist doppeltes Glück – oder gar

BIS DASS DER TOD SIE SCHEIDET …

GLEICHGESCHLECHTLICH VERPARTNERT

dreifaches. «Offene Beziehung» ist bei

Gayromeo ein viel gelesenes Zauberwort.

Und wo man hinschaut, gibt es

Paare, die sich «Freiheiten» erlauben.

Man kann damit «gut leben», solange

dadurch der Partner nicht verletzt

wird. Ansonsten heisst es, Rückkehr

ins Single-Leben oder in die treue

Zweierkiste.

(Ein Pladoyer für die streng

monogame Beziehung finden Sie auf

Seite 13.)

DIE UNGEHEUREN

ERWARTUNGEN

Der deutsche Buchautor Eric Hegmann,

der u. a. die Schwulen-Kolumnen

«Jungs in Beziehungskisten»

schrieb, meint dazu: «Auf jeden

Schwulen, der sich Monogamie nicht

vorstellen kann, kommt einer, dessen

schlimmster Alptraum ein untreuer

Freund wäre.» Und Erich Fromm, ein

deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker,

Philosoph und Sozialpsychologe

kommt in seinem Bestseller

«Die Kunst des Liebens» zum Schluss:

«Es gibt kaum ein Unterfangen, das

mit so ungeheuren Erwartungen begonnen

wurde und das mit einer solchen

Regelmässigkeit fehlschlägt wie

die Liebe.»

Die niederländische «Paartherapeutin

Prof. Evje van Dampen» (Hape

Kerkeling), die sich auf der Bühne in

ihrem Seminar als «Mutter Theresa

der lebensabschnittspartnerschaftlichen

Beziehungsarbeit» sieht, bringt

es auf den Punkt: «Liebe ist Arbeit,

Arbeit, Arbeit.»

DAS NEUE FAMILIENRECHT

Was sagt der Staat heute zu den unterschiedlichen

Lebensformen? Der

Bundesrat sieht Handlungsbedarf

und will das Familienrecht den heutigen

Realitäten anpassen. Er will das

Familienrecht modernisieren und hat

dazu 2013 drei Gutachten in Auftrag

gegeben. Für Diskussionen sorgte im

Vorfeld die Offenheit auch bei Fragen

rund um die Polygamie.

Grundsätzlich mischt sich der

Staat nicht in die Privatspäre ein. Jeder

soll die Lebensform wählen, die

für ihn richtig ist. Für alle, die einen

rechtlichen Schutz wünschen, schafft

der Staat jedoch Institute wie die

Ehe (evtl. in Zukunft in veränderter

Form) oder die eingetragenen Partnerschaft

(evtl in Zukunft aufgewertet

oder gleichgestellt mit der Ehe).

Der im März präsentierte Bericht des

Bundesrates ist eine Antwort auf das

Postulat Fehr. Dass der Bundesrat

selber noch zuwartet, hängt auch mit

der CVP-Volksinitiative zusammen,

die die Ehe exklusiv auf «Mann und

Frau» beschränken will. Für Zündstoff

in der parlamentarischen und

öffentlichen Diskussion ist gesorgt.

UND DIES ZUM SCHLUSS

Bei aller Rede über offene Beziehungen,

Mehrfachbeziehungen und weitere

Wunsch- Beziehungsmodelle: Am

Ende entscheidet das eigene Bauchgefühl.

Dabei wird man feststellen,

dass das Herz längst nicht so flexibel

ist, wie man sich das in seinen kühnen

Träumen erhofft hat.

FOTO: FOTOLIA

CRUISER OKTOBER 2015


INTERVIEW

SIND ALLE GAYS UNTREU?

13

«ICH HABE NOCH NIE EIN TREUES SCHWULES

PAAR KENNENGELERNT»

Ist der schwule Mann nicht zur sexuellen Treue fähig, so wie es der

EDU-Politiker Marco Giglio zu wissen glaubt? Lucas P.*, 28, schwört auf die

Monogamie. Und wurde dafür innerhalb der Szene kritisiert.

Cruiser: Lucas P.*, beschreib uns

dein Verständnis von Monogamie in

der schwulen Welt.

Lucas P.: Monogamie bedeutet für

mich eine Liebe zwischen zwei Menschen,

die bereit sind, miteinander

durchs Leben zu gehen. Die Liebe,

in der man sich ewige Treue schwört

und jemanden so liebt, wie er ist.

Dass quasi zwei Menschen sich eine

kleine gemeinsame Welt bauen und

aus «mir» und «dir» ein «wir» wird.

Denkst du, deine Einstellung könnte

sich einmal ändern?

Diese Frage beantworte ich mit einem

klaren Nein. Ich würde mich niemals

auf eine offene Beziehung einlassen.

Denn wenn ich das Bedürfnis habe,

mit anderen zu schlafen, gehe ich keine

Beziehung ein, sondern tobe ich

mich erst einmal aus.

Du hast den Eindruck, dass Monogamie

in der Szene keinen Bestand hat.

Warum ist das deiner Meinung nach

so?

Gegenseitige Treue hat in der Szene

keinen hohen Wert. Mir scheint,

dass die Szene sehr oberflächlich und

auch sexuell orientiert ist. Mit meinen

Erlebnissen auf Gay-Dating-Portalen

habe ich erlebt, wie schwierig es

ist, Liebe zu finden, und das, obwohl

mein Profil nicht auf eine sexuelle

Schiene ausgerichtet war.

Die sogenannte Szene ist doch

grösser, hast du nie ein «treues» Paar

kennengelernt?

Die Szene ist zwar gross, aber die

«Treuen» unter uns gehören zu einer

Minderheit und ich habe leider keine

kennengelernt.

Woher kommt denn dein Bedürfnis

nach Treue?

Es ist ein Bedürfnis, das aus vielen

Aspekten entsteht, wie z. B. der Erziehung,

der Selbstachtung oder ganz

einfach, dass ich als Schwuler auch

ein normales Leben führen möchte.

Als Schwuler möchte ich dadurch definiert

werden, dass ich Männer liebe,

und nicht, dass ich dauernd nur an

Sex denke.

Man darf sagen, dass schwule Männer

offener mit der Sexualität umgehen

als heterosexuelle. Wie würdest

du einem heterosexuellen Paar begegnen,

das sich gegenseitig heimlich

«betrügt»?

Heterosexuelle werden immer wieder

gerne als Argument benutzt nach

dem Motto «die sind einander ja auch

nicht treu». Das sind doch nur Ausreden.

Aber ich bin noch nie bewusst

einem Heteropaar begegnet, das sich

heimlich betrügt.

Du wurdest für deine Einstellung kritisiert,

was genau ist passiert?

Ich werde ständig kritisiert, aber nur

in der Szene. Sobald ich das Wort

«Monogamie» erwähne, werde ich in

Sekundenschnelle darüber belehrt,

wie langweilig ich sei und dass doch

eine offene Partnerschaft viel mehr

Spass mache. Und dann merke ich,

wie schwierig es ist, wenn man einfach

die Liebe seines Lebens sucht,

und wie viele Stimmen von aussen

man überhören muss, um sich selbst

treu bleiben zu können. Das ist sehr

anstrengend.

Die oben genannten Fragen stellen

wir deshalb, weil du sehr jung bist –

wo findet dein Leben als schwuler junger

Mann statt?

Ich lebe ganz normal wie jeder andere

auch. Ich treffe Freunde, gehe

aus und geniesse die Zeit mit meinem

Freund. Ich muss auch betonen, dass

ich keine anderen schwulen Freunde

habe; dafür habe ich mich bewusst

entschieden. So erspare ich mir unnötige

Missgunst und Intrigen.

Also sind dir andere Schwule in deinem

Leben bis jetzt ohne Toleranz

oder gar Akzeptanz begegnet?

Ich denke nicht. Aber viele redeten

mir ein, dass ich in einer Fantasiewelt

lebe und dass ich nie das finden

würde, was ich suche. Ich vermute,

das war nur Selbstschutz, weil diese

Männer sich nicht vorstellen konnten,

mit nur einem Partner ihr Leben zu

verbringen.

Würdest du den Menschen, egal ob

hetero, homo oder bi, deine Meinung

«vorschreiben» – oder kannst du akzeptieren,

dass es andere Lebensformen

gibt?

Leben und leben lassen. Vorschreiben

würde ich niemanden was. Ich

habe als Homosexueller eine Stimme

und rede nur aus meiner Sicht

der Dinge. Ich möchte als Schwuler

wahrgenommen werden, der einen

Mann liebt, mit dem ich auch eine

kleine Familie gründen möchte. Wir

können nicht für Gleichberechtigung

und für die «Ehe für alle» kämpfen,

wenn wir dauernd das Gegenteil vorleben.

Dann bleiben Vorbildfunktion

und Verantwortungsbewusstsein auf

der Strecke.

*Name der Redaktion bekannt

CRUISER OKTOBER 2015


14

NEWS

INTERNATIONAL

INTERNATIONALE

NEWS

USA

GAY OR NOT GAY?

«How to get away with

Murder»-Star Jack Falahee

will nicht verraten, ob er nun

schwul ist oder nicht, weil

er nicht auf seine sexuelle

Ausrichtung reduziert werden

möchte.

Unter den Fans ist der 25-jährige

Schauspieler, der in der Rolle als

Connor Walsh offen schwul ist, schnell

zum Favoriten der Serie geworden.

Die teilweise sehr ausführlich dargestellten

Szenen sind ungewöhnlich

fürs amerikanische Fernsehen. In der

Krimiserie setzt der Protagonist ganz

unverfroren seine Sexualität ein, um

an Geständnisse (oder allerlei Sonstiges)

heranzukommen. Diese Szenen

werden dann durchaus gezeigt,

allerdings natürlich so, dass es gerade

noch ins Abendprogramm des

US-Senders ABC passt. Hinter der Serie

steckt eine alte Bekannte: Shonda

Rhimes, afroamerikanische Hit-Serien-Produzentin

und Drehbuchautorin.

Shonda war schon für «Greys

Anatomy» (inklusive legendärem Ärzte-Lesben-Drama)

oder «Scandal»

verantwortlich und ist bekannt dafür,

dass sie das prüde Amerika gerne mal

etwas konsterniert.

Bei HTGAWM-Star Falahee alias

«Ich hoffe, die sexuelle

Ausrichtung wird

irgendwann kein Thema

mehr sein.»

TV-Serienstar Jack Falahee

Connor Walsh wäre es nun natürlich

passend, wenn der Darsteller

der Figur auch im wirklichen Leben

gay wäre. Falahee meint aber, dass

es keine Rolle spiele, was er auf diese

Frage antworten würde, es gäbe

sicher immer jemanden, der sagen

würde, es sei nicht wahr. In den zahlreichen

Interviews, in welchen Falahee

zu diesem Thema befragt wurde,

betonte er immer wieder, er hoffe,

dass diese Frage irgendwann mal

nicht mehr relevant sein würde.

SCHWULER

SICHERHEITSBEAMTER

GEFEUERT

In Denver wurden zwei Sicherheitsmitarbeiter

der US-Flughafensicherheitsbehörde

TSA

fristlos entlassen, weil sie sich

ein System ausdachten, das es

ihnen ermöglicht hat, attraktiven

Passagieren in den Schritt

zu fassen.

Der eigentlich sehr simple Trick funktionierte

folgendermassen: Wenn dem

schwulen Sicherheitsbeamten ein

Mann gefiel, machte er seiner Kollegin

ein Zeichen. Diese gab im Scanner

den Passagier als Frau ein, worauf

die Abweichung der Geschlechtsmerkmale

logischerweise eine genauere

Untersuchung erforderte. Der

inzwischen fristlos entlassene Beamte

befummelte die Passagiere dann im

Schritt und im Genitalbereich.

Durch den anonymen Hinweis eines

Kollegen flog das Ganze auf. Die

Behörden nahmen die beiden genauer

unter die Lupe und fanden mittels

der Überwachungskameras die

Vorwürfe bestätigt. Mindestens zehn

Mal sollen Passagiere auf diese Weise

begrapscht worden sein. Zu einer Anklage

ist es bisher noch nicht gekommen,

da sich keines der Opfer an die

Behörden gewandt hat.

GROSSBRITANNIEN

NEUER JAMES-BOND-

TITELSONG WIRD VON

SAM SMITH GESUNGEN

Er ist erst 23 Jahre alt, offen

schwul und seit 1965 der erste

britische Solokünstler, der

den neuen James-Bond-Titelsong

singen darf.

Der Shootingstar Sam Smith ist der

Interpret des Titelsongs des im November

in die Kinos kommenden

James-Bond-Films «Spectre». Neben

dem kultigen Daniel Craig als

Geheim agent seiner Majestät können

wir uns auf weitere grosse Namen wie

Monica Bellucci, Ralph Fiennes und

Christoph Waltz als Bösewicht freuen.

Der Song, den Smith zusammen mit

seinem Hitproduzenten Jimmy Napes

geschrieben hat, wird weltweit am

25. September veröffentlicht werden

und soll den Titel «Writing's on the

Wall» tragen. Smith erklärte kürzlich

in den Medien, dass das eines seiner

Highlights seiner Karriere sei. «Ich

freue mich sehr, nun ebenfalls ein

FOTOS: ZVG (3)

CRUISER OKTOBER 2015


15

Teil dieses Bond-Vermächtnisses zu

sein und es ehrt mich, dass ich mich

unter einige meiner grössten musikalischen

Inspirationen einreihen darf.»

Er sei erleichtert, dass die Geheimniskrämerei

endlich ein Ende habe und

er offen über seine Beteiligung beim

neuen Bond-Film sprechen könne.

SÜDAFRIKA

MR. GAY WORLD

2010 GESTORBEN

Mit nur 33 Jahren hat Charl

van den Berg seinen Kampf

gegen den Krebs verloren.

Wie die Veranstalter des «Mr. Gay

World» auf ihrer Webseite mitteilten,

habe van den Berg «seinen gnädigerweise

sehr kurzen Kampf gegen

Lymphdrüsenkrebs» verloren. «Wir

haben ein Mitglied unserer Familie

verloren, einen Helden und einen

Freund. Charl van der Berg wird für

viele Menschen auf dieser Welt immer

eine Ikone bleiben», hiess es dort.

Charl van den Berg arbeitete als

Unterwäschemodel und war auch

Restaurantbesitzer. 2009 wurde er

zum «Mr. Gay South Africa» gewählt.

Knapp ein Jahr später konnte er

sich in Oslo gegen 20 Konkurrenten

durchsetzen und holte sich entsprechend

den Titel als «Mr. Gay World».

Charl van den Berg setzte sich weltweit

für die Rechte der LGBT-Community

ein, so auch auf den Philippinen,

als dort eine von der Bevölkerung

umstrittene Mr.-Gay-Wahl auf seine

Unterstützung zählen konnte.

THAILAND

NEUES ANTIDISKRIMI-

NIERUNGSGESETZ

In Thailand ist ein neues

Gesetz in Kraft getreten, das

Diskriminierung aufgrund des

Geschlechts, der geschlechtlichen

Identität oder der sexuellen

Orientierung verbietet.

Der neue Passus soll nun auch in Thailand

verhindern, dass Menschen aufgrund

ihrer geschlechtlichen Identität

oder sexuellen Orientierung diskriminiert

werden. Wer gegen diesen neuen

Passus verstösst, soll künftig mit Geldstrafen

von umgerechnet 500 Schweizer

Franken oder gar Gefängnis bestraft

werden. Wie das neue Gesetz

dann aber de facto zur Anwendung

kommt und wie es in der Praxis umgesetzt

wird, ist noch unklar. (HE/AE)

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16

KOLUMNE

WEISSBERGS WARME WEISSHEITEN

WIE DER TEFLONPFANNEN-TINNITUS-FAKTOR

MEIN LEBEN VERÄNDERTE!

Kolumnistin Marianne Weissberg entdeckt, wie

angenehm das Leben sein kann, wenn man falsche

Fuffziger und Nervensägen treffsicher erkennt

und mit der richtigen Taktik raffiniert abrutschen und

verstummen lässt.

VON MARIANNE WEISSBERG

Man sagt, die besten Einsichten

kommen einem unter der

Dusche. Wie wahr. Während

das Wasser plätscherte und ich mich

einschäumte, grübelte ich eines Morgens

darüber nach, wieso ich oft den

Kurzen zog. Du bist einfach kein richtiges

Arschloch, dachte ich, so wie

jene schreibende Schrullette, die alle

wegradiert, die ihr im Weg stehen

und damit überall Erfolg hat.

«DU BIST EINFACH KEIN

RICHTIGES ARSCHLOCH,

DACHTE ICH, SO WIE

JENE SCHREIBENDE

SCHRULLETTE, DIE ALLE

WEGRADIERT.»

«Harry, ich muss dich etwas fragen.

Ich glaube, ich habe den Arschloch-Faktor

entdeckt! Muss das jedoch

noch anhand eines Beispiels ratifizieren»,

erklärte ich anderntags meinem

schwulen Busenfreund Harry.

Mit ihm kann ich alles diskutieren.

«Schiess los», freute sich Harry. «Du

kennst doch das Frölein Filetta F.

Die schreibt so Bügelbrett-Literatur

(Bücher, die man neben dem Bügeln

lesen kann), kommt jedoch überall

rein, weil sie so aussieht wie die nette

Migros-Kassiererin. In Wahrheit ist

die total hinterfotzig», erinnerte ich

ihn an sehr damals, als ich für ein

Sonntagsblatt ein Portrait schrieb,

und sie mich nach dessen Erscheinen

anschrie, weil sie mir zwar an ihrem

Küchentisch ihr ganzes Leben vorgejammert

hatte, das gedruckte Resultat

leider nicht ihrem lieblichen Selbstbild

entsprach. «Die hat exakt den

von dir entdeckten Arschloch-Faktor,

will heissen, sie gibt sich offen, tritt

aber umgehend alle, die ihr nicht nützen»,

wusste Harry.

«Aha, der Arschloch-Faktor funktioniert

also am besten, wenn dessen

Träger scharmantschliffrig daherkommt,

sozusagen wie eine menschliche

Teflonpfanne, auf der du quasi

ausrutscht und dir das Genick

brichst?», präzisierte ich. «Stimmt»,

sagte Harry. Wir schwiegen und

liessen all die Deppen Revue passieren,

die es bis ganz oben schafften,

obwohl sie intrigant, ungebildet und

auch noch grottenmolchhässlich sind.

Oder grad deswegen. In einem solchen

Club will ja niemand Nettes mitmachen.

Nun beschloss ich, mir ab sofort

auch einen etwas speziellerenTeflonpfannen-Faktor

zuzulegen. Sozusagen

ganz auf meinen Körper zugeschnitten.

Mein Argument, mit dem ich jetzt

alles, was nervt, abgleiten lasse, ist:

«Habe leider grad Tinnitus. Kann

drum auf unbestimmte Zeit nicht, es

strengt mich halt soo an zuzuhören.»

Prinzipiell stimmt das sogar, das erste

Mal fingen meine Ohren an zu pfeifen,

als mich ein schleimiger und dazu

gieriger Verleger überreden wollte,

ein Buchprojekt in wenigen Wochen

zu liefern. Da ich erst nicht realisierte,

in welche Abrissfalle ich tappte,

machten meine Trommelfelle Lärm,

bis ich endlich ablehnte. Danach wur-

FRAU WEISSBERG LIESS SICH

DIESMAL DURCH DIESE SCHLICHTE

TEFLONPFANNE INSPIRIEREN.

de ich meine eigene Verlegerin. Hie

und da klingelt es wieder in meinen

Ohren. Seither weiss ich aber: Sobald

ich mich entschieden habe, Leute, die

mit einem 100%-igen Arschlochfaktor

agieren, mich zuverlässig versetzen,

mies bescheissen, mit ihrem Seelenmüll

zutexten, Leute, die sich nie hinterfragen,

was sie damit bei anderen

anrichten, teflonmässig abgleiten zu

lassen oder explizit ins Pfefferland zu

senden – ja dann tritt aahhhh heilsame

Stille in meinem Kopf ein, und

ich kann mich dem widmen, was ich

wirklich machen will. Nicht so viel

und das mit Menschen, die ich wirklich

mag.

Was haben Sie gesagt: Sowas geht

doch nicht, man muss im Leben doch

Kompromisse machen!? Sorry, kann

Sie leider nicht mehr hören, Sie wissen

ja, mein Tinnitus…

MARIANNE WEISSBERG

Ist Historikerin, Autorin & Inhaberin

des Literaturlabels Edition VOLLREIF

(www.vollreif.ch).

Ihre Werke u. a. «Das letzte Zipfelchen

der Macht» oder die Kolumnenkollektion

«Tränen ins Tiramisu» sind mittlerweile

schon fast Kult.

FOTOS: ZVG

CRUISER OKTOBER 2015


CRUISER

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18

KULTURTIPPS

SCHWEIZ

DER HERBST WIRD BUNT

UND SCHRILL

OKTOBERFEST:

ACTION IN DER

«MÄNNERZONE»

UND IM «TIPTOP»

ZÜRICH

Petra serviert im Dirndl Würste

und auch in der «Männerzone»

wirds ein heisser Oktober.

Das Oktoberfest in München ist das

grösste Volksfest der Welt und wird

von über 6 Millionen Menschen besucht.

Nach dem Vorbild dieses Festes,

welches anlässlich der Hochzeit

zwischen Prinzessin Therese und

Kornprinz Ludwig 1810 zum ersten

Mal stattfand, entstanden weltweit

ähnliche Volksfeste.

So auch in der «Männerzone» und

im «TipTop» in Zürich. Passenderweise

auch im Oktober und praktischerweise

unter gleichgesinnten

Prinzen und Prinzessinnen, mit oder

ohne Lederhose ...

Während vier Nächten (16. und

17., sowie 23. und 24. Oktober) gibts

in der «Männerzone» massig Bier

vom Fass, Weisswürste und Brezel

sowie eine Live-Show mit Drag-Queen

Romy. Und apropos Königin: Petra

und Entourage rüsten am Oktoberfest

ebenfalls auf; in ihrem «TipTop»

am Seilergraben wird oktoberfestlich

dekoriert, statt Cüpli gibts Mass und

natürlich dazu auch Weisswurst und

Brezeln und – das ist schon beinahe

Tradition – am Dienstag, 20.10., wird

Mme. Petra im Dirndl servieren. Dazu

gibts die übliche Gastfreundlichkeit

und passende Musik.

www.tip-top-bar.ch

www.maennerzone.ch

VORMERKEN!

QUEERSICHT-

FILMFESTIVAL

Auch dieses Jahr werden in

Bern wieder viele spannende

Kurzfilme rund ums Thema

LGBT zu sehen sein.

Vom 5.-11. November findet in Bern

das älteste lesbisch-schwule Filmfestival

«Queersicht» statt. In den drei

Kategorien Spiel-, Dokumentar- und

Kurzfilme mit LGBT-Kontext, welche

sich durch Originalität, Qualität und

Aktualität auszeichnen, werden Filmfreunde

ganz auf ihre Kosten kommen.

Ausserdem wird auch dieses Jahr

wieder der mit 2000 Franken dotierte

Publikumspreis «Rosa Brille» für den

besten Kurzfilm verliehen.

Details zum Rahmenprogramm

und die Namen der Gäste waren bis

Redaktionsschluss noch nicht bekannt

– aber in den letzten Jahren gelang

es dem OK stets, immer wieder

neu mit einer feinen Filmprogrammierung

und spannenden Gästen zu

faszinieren.

Weitere Informationen unter

www.queersicht.ch

«MEIN SCHWULES

AUGE 12» – DAS

SCHWULE JAHR-

BUCH DER EROTIK

Zum 12. Mal erscheint das

320 Seiten umfassende Jahrbuch,

welches einen bunten

Einblick in die Szene gewährt

und nicht nur Freunde der

schwulen Erotik begeistern

wird.

Die Herausgeber Rinaldo Hopf und

Axel Schock setzen auf eine Mischung

aus Prosatexten und Lyrik (zu verschiedenen

Aspekten des schwulen

Lebens, Liebeslebens und Sexlebens)

sowie Fotos, Zeichnungen, Malereien

und Collagen zum Thema schwule

Erotik.

«Mein schwules Auge 12» wird

nicht nur Freunde der schwulen

Erotik begeistern, sondern auch

FOTOS: ZVG (2), PAUL SIXTA (1)

CRUISER OKTOBER 2015


19

Kunst- und Literaturliebhaber, denn

die Werke genügen sowohl in Bezug

auf die Technik als auch auf die Umsetzung

durchaus auch hohen ästhetischen

Ansprüchen.

Die aktuelle Edition steht unter

dem Thema «Rausch» und umfasst

Texte über Drogen, die auch in der

schwulen Szene eine Rolle spielten

und spielen, aber auch über die Ekstase

beim Sex, über die Trunkenheit

der Liebe und die Sucht nach den kleinen

Gelüsten des Lebens. Und auch

negative Folgen des Rauschs, wie

beispielsweise die Abhängigkeit oder

Drogen-Entzugserscheinungen sowie

Kontrollverlust werden thematisiert.

PINKPANORAMA

Vom 12.-18. November 2015

gibt’s in der Innerschweiz wieder

viel zu sehen: Bereits zum

14. Mal findet im Stattkino

Luzern das lesbischwule Filmfestival

statt.

Vom 12.-18. November 2015 gibts

in der Innerschweiz wieder viel zu

sehen: Bereits zum 14. Mal findet

im Stattkino Luzern das lesbischwule

Filmfestival statt. Thematisch

liegt der Programmschwerpunkt auf

«Vorbilder»; dieses Thema wird umfassend

filmografisch beleuchtet. Im

Film «Je suis à toi» stellt der 50-jährige

belgische Bäcker Henry einem jungen

Südamerikaner nach und nimmt

diesen bei sich als Lehrling im Betrieb

auf. Erst später realisiert er, dass der

Jüngling seinem Bild vom Lover nicht

gerecht werden kann, da dieser hetero

ist und als Escort davon lebt, den

Leuten das Bild ihrer Sehnsucht zu

vermitteln.

Im Dokumentarfilm «Mirco» beschäftigt

sich Regisseurin Silvia Chiogna

mit Menschen, die sich über die

binäre Geschlechtereinteilung hinwegsetzen.

Die drei Protagonistinnen

Océan, Theresa und L. Cavaliero bewegen

sich jenseits der üblichen Einteilung

zwischen Mann und Frau. Sie

wollen nicht in eine von zwei Schubladen

gedrückt werden und setzen

sich für fliessende Gender ein.

Dies nur zwei der verschiedenen

Filme, die im November gezeigt

werden.

Mehr auf www.cruisermagazin.ch

und www.pinkpanorama.ch.

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Nº 19

5. - 11. November

5 - 11 novembre

DAVY

Vom Queersicht verweht.

queersicht.ch

& facebook

QUEERSICHT

LGBTI-Filmfestival Bern

Festival de films LGBTI de Berne


20

KOLUMNE

BÖTSCHI KLATSCHT

VON DER SCHWÄNIN UND MEINEM

KUTSCHERARSCH

Vorab eine Entschuldigung: Diesmal wiederhole ich

mich in meiner Kolumne mehrmals. Ich ziehe gerade

um und ging deshalb nicht so viel weg. Zudem verrate

ich, wie aus einem Kutscherarsch ein Kütschliärschli

wurde. Und eine Schwänin kommt auch noch vor.

VON BRUNO BÖTSCHI

Ich könnte wieder eine Primeur-Geschichte

über Reto Hanselmann

ausplaudern. Nur: Ich kann ja nicht

ständig über die gleichen netten Menschen

berichten. Deshalb nur kurz:

Der Zürcher It-Boy will einen Fitnessclub

eröffnen, momoll. Noch ist

es nicht soweit. Im vergangenen Sommer

pilgerte er deshalb nochmals

mehrmals nach Ibiza. Sun, fun and

nothing to do – unter anderem mit

seiner Lieblingsfreundin, der Fernsehmoderatorin

und Schauspielerin

Viola Tami. Am Strand soll der Reto

der Viola meine «Cruiser»-Kolumne

vorgelesen haben. Herzig. Viola meinte,

Reto könne sich von schreiben,

weil ich derart nett über ihn berichtet

hätte. Ich könne auch anders. Meine

Güte, ich wusste gar nicht, dass ich so

ein Bad-Boy-Image habe.

Getroffen habe ich den Reto im Restaurant

Schützengasse. Die «Schütz»,

das Lokal von Fabio Gardoni und

Bruno Exposito, ist gerade einer der

«places to be» im Millionen-Zürich.

Die «Schützi» feierte kürzlich ihren

4. Geburtstag. Alle kamen, die

Ex-Missen sogar im Dutzend (Karina

Berger, Dominique Rinderknecht,

Melanie Winiger). Nicht da war Hildegard

Schwaninger, the Queen of Züri-Klatsch.

Das Schützi-Fest ist etwas

für die jüngere Generation. Wie ich

trotzdem auf die Schwänin komme?

Kürzlich meinte einer, der es wissen

muss, ihre Kolumne in der «Weltwoche»,

dem Kampfblatt der Rechten

und Gerechten, sei fad geworden. Ich

werde mich hüten, die Schwänin zu

kritisieren. Die mag das ganz und gar

nicht. Sie war deswegen schon ganz,

ganz böse auf mich. Dabei behauptet

sie bisweilen, sie kenne mich überhaupt

nicht. Ach Hildi, werden wir

nicht alle betriebsblind irgendwann?

Kabarettist Emil Steinberger

träumte als Kind von Rolltreppen.

«VIOLA MEINTE,

RETO KÖNNE SICH VON

SCHREIBEN, WEIL ICH

DERART NETT ÜBER IHN

GESCHRIEBEN HÄTTE. ICH

KÖNNE AUCH ANDERS.»

Psychoanalytiker und Satiriker Peter

Schneider wollte den Nobelpreis in

Chemie bekommen. Der Tausendassa

Frank Baumann träumte davon,

fliegen zu können. Schriftsteller Pedro

Lenz hatte Lust auf Hamburger

und wollte deshalb mit einer Harley

Davidson durch die USA reisen. Und

Starkoch Rico Zandonella hasste es,

wenn seine Mutter am Freitag Zwiebelkuchen

und Quiche Lorraine buk,

weil man das bis in die Schule roch.

– Warum ich das alles weiss? Sechs

Jahre lang interviewte ich für die

«Schweizer Familie» jede Woche eine

bekannte Persönlichkeit und befragte

sie über ihre Träume. In dieser Zeit

erfuhr ich einiges über das Innenleben

der helvetischen Promis. Es

reichte sogar für ein Buch: «Traumfänger»

ist sein Titel. Erschienen sind

meine 53 Interviews mit bekannten

Persönlichkeiten im Applaus Verlag,

Zürich.

Eigenlob stinkt. Ich weiss. Aber

natürlich hat es einen Grund, warum

ich mein Buch erwähne, zum wiederholten

Mal. Erstens wegen meiner

Züglerei, zweitens wegen den Schaufenstern

im Kiosk «Quellenstrasse»

in Zürich: Besitzer Joe Bürli dekoriert

die mit viel Liebe. Und im Oktober

liegt eben mein Buch bei ihm im

Fenster auf. Bitte gucken gehen – und

am besten gleich ein Exemplar kaufen.

Oder zwei. Ist schliesslich Weihnachten

demnächst. Oder so.

Und wenn ich mich schon wiederhole,

sei diesmal auch nochmals

erwähnt: Mein Lieblingsverkäufer in

Zürich ist der Arthur vom «Kitchener

Plus». Er warf mir einmal an

den Kopf, ich hätte einen Kutscherarsch.

Besser bedient wurde und

werde ich trotzdem nur selten. Ehrlichkeit

währt länger. Übrigens: Der

Kutscher arsch ist heute nur noch

Kütschliärschli. Sagt auch der Arthur.

Wie ich das geschafft habe? Weniger

Kohlenhydrate, mehr Badminton.

Eigenlob stinkt. Ich weiss, ich wiederhole

mich. Nur: Hin und wieder

drehen wir uns doch alle im Kreis.

Schliesslich ist wieder Ballsaison, gell

Hildi.

www.brunoboetschi.ch

CRUISER OKTOBER 2015


SERIE

HOMOSEXUALITÄT IN GESCHCHTE

UND LITERATUR

21

ZWEI KRIEGER

IM LUXUSZELT

Sie waren im griechischen Heer vor Troja, aber lange liessen sie den Kampf

bleiben. Sie wuchsen wie zwei Brüder auf und hatten sich gern. Der Freund von

Patroklos war der Mann mit der verwundbaren Ferse. Aus dem grossen Krieg

kehrten beide nicht nach Hause zurück.

VON ALAIN SOREL

FOTO: ZVG (1)

Die Rolle war massgeschneidert

für ihn: Brad Pitt spielt in «Troja»,

dem legendären Monumentalfilm

von Wolfgang Petersen, den

Achill, den Superhelden der griechischen

Streitkräfte bei der Belagerung

der kleinasiatischen Stadt Troja an

der türkischen Küste. Ja, akkurat wie

Brad Pitt hätte der Achill der griechischen

Sage aussehen können: blondes

halblanges Haar, ein herbes Gesicht

umrahmend, blitzende, wachsame

Augen, sehniger Körper, perfekt umschlossen

von einer glänzenden Rüstung.

Unerschrocken im Kampf, kühn

vorwärtsstürmend ist der Achill von

Brad Pitt, genau so, wie er in der Literatur

geschildert wird. Ein Schrecken

seiner Feinde. Gemäss mythologischer

Überlieferung hatte sich Achill

an der Spitze seiner Myrmidonen dem

griechischen Expeditionsheer angeschlossen,

das Troja für den Raub der

Spartakönigin Helena bestrafen wollte.

Doch zum «Spaziergang» wurde

der Feldzug nicht, auch wenn ihn der

Film auf wenige Wochen verkürzte

(immerhin unter Bezugnahme auf vorangegangene

Kämpfe). Der Dichter

Homer setzt mit seiner Versdichtung,

der «Ilias», im zehnten Jahr eines

zermürbenden Stellungskrieges und

militärischen Patts ein, in dem die

Griechen gegen Troja anstürmten und

mehrmals fast aufgerieben wurden.

BRAD PITTS

DER COMPUTERTECHNIK

Die Trojaner – eine brandgefährliche

Spezies. «Wem sagt ihr das», würden

neben Achill auch andere griechische

Heldengestalten uns zurufen. Nun, die

Trojaner von heute haben es gleichfalls

in sich. Sie stecken zwar nicht

in schimmernden Wehren, haben

keine Lanzen und Schwerter, stellen

sich nicht in den Weiten einer Landschaft

auf, aber verstehen es meisterhaft,

verdeckt zu operieren und dabei

Datenwege zu benützen. Sie heissen

nicht Hektor oder Aeneas, sondern

beispielsweise «Dyre» und infizieren

Rechner. Trojaner vermögen Chaos

und Schaden in Elektronengehirnen

anzurichten.

WIE DER WIRKLICHE ACHILL

AUSGESEHEN HAT, WEISS MAN

HEUTE NICHT MEHR SO GENAU.

Sie schmeicheln sich ein auf der

Festplatte, tarnen sich als hilfreich

und nützlich wie seinerzeit das Trojanische

Pferd, von dem sie den Namen

haben. Dieses hölzerne Ungetüm, als

vermeintliche Opfergabe der Griechen

an die Göttin Pallas Athene

von den scheinbar mit ihrer Flotte

abgezogenen Belagerern am Strand

zurückgelassen und von den verblendeten

Bewohnern Trojas in die Stadt

hineingezogen, versteckte in seinem

Bauch griechische Helden, die sich

bereithielten, um in der Nacht hinauszuklettern,

Schlüsselpositionen zu

CRUISER OKTOBER 2015


22

SERIE

HOMOSEXUALITÄT IN GESCHCHTE

UND LITERATUR

besetzen, die Stadttore für die sich

mit ihren Schiffen nur versteckt haltenden

Kampfgenossen zu öffnen und

die Stadt endlich einzunehmen.

Aktuell ausgedrückt war nicht ein

«Grexit» eingetreten, ein Abzug der

Griechen aus der Troja-Zone, wie der

Trojaner-König Priamos gemeint hatte.

Nein, im Gegenteil: Es erfolgte ihr

Einmarsch in Troja, wo sie unter den

Einwohnern ein fürchterliches Blutbad

anrichteten.

EIN UNERHÖRTER

VORGANG: EIN OFFIZIERS-

UND SOLDATENSTREIK

In der Sage sind in logischer Konsequenz

die Trojaner die Opfer, im

Internet in einer Umkehrung der Tatsachen

die Angreifer. Um diese Trojaner

zu bekämpfen, braucht es Brad

Pitts der Computertechnik. Muskeln

sind dabei nicht so wichtig. Köpfchen

müssen die haben, wie es – ja, wie es

auch der Erfinder des Trojanischen

Pferdes hatte, Odysseus. Kriegslisten

gegen Trojaner – damals wie heute.

Die erotische Ausstrahlungskraft

der mythologischen Trojaner war

ungleich stärker als die der elektronischen.

Und ihre griechischen Gegner

konnten da problemlos mithalten. Neben

Achill ist etwa auch an Patroklos

zu denken, seinen Freund und Waffengefährten.

ACHTGEBEN AUFEINANDER

Während antike Autoren Achill und

Patroklos nicht nur Tisch, sondern

auch Bett teilen liessen, mussten

Brad Pitt und Garrett Hedlund den sexuellen

Aspekt der Beziehung in Petersens

Film nicht durchspielen. Die

Originale in der Sage aber hatten sich

so lieb, dass sie wussten: Würde der

eine vor Troja fallen, wäre der andere

gebrochen.

Dann gab es – und wir halten uns

an die Zeitrechnung von Homer – im

zehnten Jahr des Krieges ein schweres

Zerwürfnis zwischen dem von

Ehrgeiz zerfressenen Oberbefehlshaber

der Armee, Agamemnon, und

Achill. Mit der Folge, dass der Myrmidonenherrscher

mit den Seinen

den Kampfhandlungen ab sofort fernblieb.

Ein unerhörter Vorgang: Ein

Offiziers- und Soldatenstreik. Aber

Achill konnte sich das leisten: Sein

Vater Peleus war ein mächtiger König,

seine Mutter, die Meeresnymphe

Thetis, gar eine Unsterbliche, weshalb

der Sohn ein Halbgott war. Unter

den Griechen wollte sich niemand

mit Achill anlegen. Und weil er in der

Liebesbeziehung mit Patroklos der

Beschützer, der gutmütige, grosse

Bruder war, verbot er auch Patroklos

den weiteren Waffengang mit den

Trojanern. Mit dem Hintergedanken

natürlich, damit auch das Leben des

Freundes schonen zu können. «Make

love, not war» lautete gewissermassen

Achills Devise. Sie schliefen zusammen

in ihrem Luxuszelt vor Troja

und kuschelten, anstatt Schwerter

und Speere zu schwingen und jene zu

töten, die nichts anderes wollten, als

ihre Stadt zu verteidigen.

Achill war, vielleicht gerade im

sicheren Bewusstsein seiner Riesenkräfte,

keine Kriegsgurgel. Einen Moment

lang hatte er sich bei Ausbruch

des Streits mit Agamemnon sogar

überlegt, mit seinen Myrmidonen

in sein Reich Phthia heimzukehren.

Denn die Trojaner hätten ihm eigentlich

nichts getan, nur aus Solidarität

sei er mitgezogen. Was der Dichter

in der «Ilias» durch Achill antönt, hat

sich in der Realität in allen Epochen

bestätigt: Die Menschheit hat sehr

viele Kriege geführt, die hätten vermieden

werden können.

Achill und Patroklos blieben – und

vor Troja sollten ihre Lebenswege zu

Ende gehen, die sich in ihrer Kindheit

HOMOSEXUALITÄT

IN GESCHICHTE UND

LITERATUR

Mehr oder weniger versteckt findet sich

das Thema Männerliebe in der Weltgeschichte,

der Politik, in antiken Sagen

und traditionellen Märchen – in der Literatur

ganz allgemein – immer wieder. Cruiser

greift einzelne Beispiele heraus, würzt

sie mit etwas Fantasie, stellt sie in zeitgenössische

Zusammenhänge und wünscht

bei der Lektüre viel Spass – und hie und

da auch neue oder zumindest aufgefrischte

Erkenntnisse. Diese Folge befasst sich mit

einem Freundespaar, das in einem Krieg

mitmischt.

erstmals gekreuzt hatten. Patroklos

war in der Familie des Achill gross

geworden. Die beiden Burschen wurden

schnell einmal ein Herz und eine

Seele – und ihre Körper fanden sich

auch …

MAHNUNG NICHT BEHERZIGT

Schauplatz Troja: Eines Tages drang

der Kampflärm näher und näher zu

den Freunden. Die Trojaner trieben

die ohne Achill geschwächten Griechen

vor sich her zu den Schiffen, die

allein die Rückkehr in die Heimat gewährleisteten.

Jetzt konnte Patroklos

nicht mehr an sich halten, bestürmte

Achill, endlich von seinem Zorn abzulassen

– oder aber ihm zu erlauben,

mit den Myrmidonen einzugreifen.

Wollte nun der mächtige Freund

dem Drängenden endlich wieder einmal

ein Erfolgserlebnis gönnen oder

verkannte er in seiner selbstgewählten

Zwangspause die Gefahr? Achill

gab nach – mit einem letzten grossen

Akt der Fürsorglichkeit. Er erlaubte

Patroklos nur, die Attacke des Gegners

auf die Schiffe abzuwehren.

Doch Patroklos vergass – buchstäblich

in der Hitze des Gefechts – die

Mahnung, setzte den nun wieder

fliehenden Trojanern nach und wurde

vor den Stadtmauern von Hektor,

dem stärksten Verteidiger der Stadt,

mit der Lanze erlegt. Mit seinem Tod

erkaufte er die Rückkehr Achills ins

Kampfgetümmel, denn dieser, halb

wahnsinnig vor Leid um den gefallenen

Freund und getrieben von Rachedurst,

suchte den Zweikampf mit

Hektor und tötete den trojanischen

Prinzen.

Doch Achill selbst traf kurze Zeit

später in der Schlacht ein Pfeil aus

dem Hinterhalt in die berühmte Ferse,

die einzige Stelle seines Körpers,

die verwundbar war – die Achillesferse

eben – und brachte ihm den Tod.

Jeder, und sei er noch so unangefochten

sonst, hat Schwachpunkte – auch

solche, die als Halbgötter gelten, haben

eines Tages loszulassen. Den Fall

Trojas erlebte Achill nicht mehr – nur

bei Brad Pitt war das anders. Der

Film wollte ihn unbedingt im Trojanischen

Pferd haben, weshalb die Regie

den Tod des Helden kurzerhand auf

die Nacht verschob, in der Troja in

Schutt und Asche gelegt wurde.

CRUISER OKTOBER 2015


KOLUMNE 23

MICHI RÜEGG

DIE GUTEN MÄNNER

VON SZECHUAN

VON MICHI RÜEGG

Ich bin neulich in ein Flugzeug gestiegen

und nach China geflogen.

Nach Chengdu, im Südwesten, in

der Provinz Szechuan. Das ist eine

in Europa mehrheitlich unbekannte

Siedlung mit lächerlichen 13 Millionen

Menschen. Wenig überraschend

sind fast alle davon Chinesen, wobei

man auch auf Minderheiten wie

Tibeter, Qiang, Muslime und Schwule

trifft. Es war meine erste Reise nach

China. Und ich fand auch die putzigen

Altstadthäuser mit ihren typischen

geschwungenen Dächern vor.

Wobei, die waren mehrheitlich aus

Kunststoff, nachgebaut, für die (chinesischen)

Touristen. Der Rest ist

moderne Stadt.

Das mit dem Kapitalismus haben

die mittlerweile recht gut im Griff:

Die Louis-Vuitton-Filiale umfasst drei

Stockwerke und der Bally-Laden ist

etwa doppelt so gross wie derjenige

in St. Moritz. Die Leute shoppen den

ganzen Tag, wobei sie kaum je etwas

kaufen. Ausser am Wühltisch im japanischen

Department Store.

Das Staatsfernsehen hat sogar einen

englischsprachigen Sender. Dort

verlesen schöne weisse Menschen,

die in Europa nach ihrem Journalismusstudium

keinen Job gefunden haben,

den ganzen Tag Nachrichten aus

aller Welt. Als ich im Lande weilte,

berichtete der Sender über die Vorbereitungen

zur grossen Militärparade

– zum Jahrestag des Endes des

Zweiten Weltkriegs. Draussen auf der

Strasse sassen derweil alte Männer

auf Plastikstühlen und zogen sich Tag

und Nacht Kriegsfilme über die Gräueltaten

der japanischen Besatzer rein,

projiziert auf Grossleinwände.

Der Staatsjournalist, der am Fernsehen

über den Beitrag der Luftwaffe

zur anstehenden Parade berichtete,

interviewte einen hohen Offizier.

Dieser erklärte, die Armee im Reich

der Mitte stünde mitten in einem

Reformprozess. Man kaufe viele moderne

Flugzeuge. Die Militärstrategie

Chinas sei bislang auf Verteidigung

ausgerichtet gewesen. Nun wolle man

eine Armee, die auch Angriffe führen

könne. Damit, so der Mann, würde

die Armee der neuen Rolle gerecht,

die das Land auf der Welt einnehme.

Keine Frage, hier reagiert China auf

den japanischen Premier, der vor

einer Weile sein Verteidigungs- in

Kriegsministerium umtaufte.

Allerdings verspürt der ganz und

gar pazifistische westliche Besucher

angesichts dieser stolzen Ankündigung

ein gewisses Unbehagen. Wen

möchte Beijing denn genau angreifen?

Russland und Indien scheiden

aus, Japan wohl auch, sonst gibts ein

Gemetzel. Verbleiben ein paar kleinere

Länder Indochinas und Korea. Und

die werden sich sagen: Ach herrje, ob

wir nun von chinesischen Billigtouristen

oder von ihrer Armee überrannt

werden, kommt nun wirklich auf dasselbe

heraus.

Allerdings fragt sich der Beobachter

aus dem Westen auch, wie denn

China einen solchen Überfall auf einen

Nachbarstaat an die Hand nehmen

wollte – angesichts der Tatsache,

dass der typische Chinese permanent

mit einer Hand an seinem Smartphone

rumspielt. «Moment, ich schiesse

gleich, nur noch schnell whatsappen.»

Doch die Ablenkung durch iPhone

und Samsung Galaxy ist nicht das einzige

Problem, mit dem die chinesische

Militärführung im Falle eines solchen

Angriffsplans zu kämpfen hätte.

ACH HERRJE, OB WIR NUN

VON CHINESISCHEN BIL-

LIGTOURISTEN ODER VON

IHRER ARMEE ÜBERRANNT

WERDEN, KOMMT NUN

WIRKLICH AUF DASSELBE

HERAUS.

Denn während China in Asien nun

den starken Mann spielt, verliert die

männliche Bevölkerung drastisch an

Männlichkeit. Zwar wimmelt es von

Penisträgern – denn die Ein-Kind-Politik

verunmöglichte es so manchem

weiblichen Fötus, sich einzunisten;

es wurde freudigst abgetrieben, bis

ein Stammhalter in der Gebärmutter

sass. An Männern herrscht also kein

Mangel.

Das wiederum führt dazu, dass die

junge chinesische Frau aus einem

ganzen Arsenal von Kerlen aussuchen

kann. Und natürlich stellt sie Ansprüche

an Galanterie. So sieht man selten

eine junge Chinesin ihre Handtasche

selber tragen – diese Aufgabe obliegt

ihrem Partner. Wer also Männer mit

den neusten Täschchen von Michael

Kors und Co. (alles Originale, die

Kopien fertigt man für weisse Mittelmeertouristen

an) sehen möchte, der

muss nach China. Ruppiges Verhalten

kommt bei den Damen hingegen weniger

gut an. Der Mann muss hilfsbereit,

geschmeidig und einfühlsam

sein. Sonst wird er ausgewechselt gegen

einen, der das besser kann.

Die Ein-Kind-Politik hat damit

letztlich zwar biologisch gesehen

mehr Männer produziert. Doch sie

hat ebenso die Männlichkeit gekillt.

Denn der neue chinesische Mann ist

einer, der es punkto Qualitäten mit

jeder Frau aufnehmen kann. Und

der nicht mit dem Maschinengewehr

übers Reisfeld rennt, sondern

das Handtäschchen selbstbewusst

in der einen, das Smartphone in der

anderen Hand, durch die glitzernden

Shoppingmalls des neuen China

schlurft.

CRUISER OKTOBER 2015


24

KOLUMNE

PIA SPATZ

SEHEN UND

GESEHEN WERDEN

Pia guckt in diverse dunkle Öffnungen hinein

und würde liebend gerne auch in die Augen ihres

Arztes sehen.

VON PIA SPATZ

Ich sehe, also bin ich – so mein Motto

für den Oktober, ihr Lieben. Nicht,

dass ich dabei das Denken vergesse:

Cogito ergo sum versteht sich das

ganze Jahr über. Allerdings verfügen

wir nicht alle über Supermans Röntgenblicke,

um in dunkle Abgründe

oder auch in weniger tiefe Körperöffnungen

zu spähen. Lasst uns deshalb

über die Syphilis reden, eine ziemlich

fiese Bakterie, die immer mal wieder

zum Comeback ansetzt. Wir denken,

wir kennen das Miststück, weil sie

an primären Geschlechtsteilen einige

Tage nach der Infektion unschöne

«LASST UNS DESHALB

ÜBER DIE SYPHILIS

REDEN, EINE ZIEMLICH

FIESE BAKTERIE.»

Krater hinterlässt – die dann nicht

einmal weh tun! Aber dieses Ding

kann auch im schönen Kussmund

oder im super durchgespülten Füdli

vorkommen, halt überall dort, wo

man sich angesteckt hat. Weil: «tut

nicht weh» heisst: «merke nüt!» Also

trägt man die Syphilis gut und gerne

in die Welt hinaus. Doch hier kommen

meine tollen und erfahrenen Männer

vom Checkpoint Zürich ins Spiel. Im

Oktober bieten sie wieder Gratis-Syphilistests

an und machen es uns einfach,

diesen versteckten Bakterien

TIPPS UND TRICKS

GIBT DAHER DER CHECK-

POINT-TALK, DAMIT DER

NÄCHSTE BESUCH BEIM

ARZT AUF GLEICHER

AUGENHÖHE ABLÄUFT.

den Garaus zu machen! In Saunas

und Clubs werden sie diese Tests

vornehmen; ein Picks und die Sache

ist geritzt. Zeigt der Test an, dann ist

eine Syphilis leicht mit Antibiotika zu

behandeln. Bringen wir also Licht ins

Dunkel, damit es auch das nächste

Mal bei Kerzenschein wieder so richtig

Spass macht.

Von wegen sehen und gesehen

werden: Ein Besuch beim Gott in

Weiss, sprich, dem Arzt des Vertrauens

(oder einer Göttin), läuft ja oft sowohl

verbal wie auch körperlich ab.

Dabei ist der Augenkontakt enorm

wichtig und schafft Vertrauen. Nicht,

dass eine ärztliche Visite sexy wäre (je

nach Gottheit ...), aber es lohnt sich,

erwähntes Vertrauen einzuholen und

– bei Bedarf – über Sex und Lifesty-

le zu reden. Sonst weiss der Gute ja

nicht, wo er überhaupt suchen soll.

Weswegen der nächste «Checkpoint

im Gespräch» am 15. Oktober genau

dieses Thema unter das Mikroskop

nimmt: Reden mit dem Arzt. Keine

Sorge, man soll sich nicht «Grey’s

Anatomy»-mässig durch 15 Minuten

Selbstbehalt quatschen – aber ist ein

ideales Gespräch überhaupt möglich,

wenn sich Onkel Doktor hinter Laborwerten

und Display verbirgt? Viele

Männer bewegen sich bei solchen

Besuchen zudem in einer Art «neutralen

Zone». Was einem konkret mit

anderen Männern und unter welchen

Umständen Spass macht, kommt dabei

zu kurz – und der arme Doc zäumt

das Ross sozusagen am Schwanz

auf. Tipps und Tricks gibt daher der

Checkpoint-Talk, damit der nächste

Besuch beim Arzt auf gleicher Augenhöhe

abläuft.

Apropos Augen auf die Weide lassen:

Am Pink Monday 2015 – das

schwule Oktoberfest geht am 26. Oktober

in die nächste Runde – werden

800 Familienmitglieder erwartet, um

die Bierglasböden und strammen

Wädli mit Argusaugen zu erkunden.

Logisch, dass ich dort mit Weitsicht

und meinem Chörbli aufwarte.

CRUISER OKTOBER 2015


RATGEBER AIDS-HILFE 25

DR.GAY

Dr. Gay

ER IST NICHT GEOUTET

Seit etwa einem Monat habe ich einen

Freund und es läuft eigentlich alles

super. Nur ist er nicht ganz geoutet,

vor allem wegen seines Arbeitsplatzes.

Irgendwie stört es mich, dass er

nicht klar zu mir und unserer Beziehung

stehen kann. Björn (23)

Hallo Björn

Das Coming-out deines Freundes ist

eine sehr persönliche Angelegenheit.

Wenn es schlussendlich sein Wunsch

ist, sich nicht zu outen, solltest du das

respektieren. Ich denke nicht, dass

dies ein Zeichen dafür ist, dass er

nicht zu eurer Beziehung steht. Wie

du selber schreibst, läuft doch sonst

eigentlich alles super. Wenn ihr, du

oder dein Freund, weitere Unterstützung

beim Coming-out braucht, könnte

das kostenlose Beratungsangebot

«Du bist du» vielleicht helfen. Weitere

Informationen findest du unter:

www.du-bist-du.ch.

IST DAS EIN HIV-RISIKO?

Ich hatte ein Abenteuer mit einem

mir nicht näher bekannten Mann.

Wir hatten Oralsex ohne Sperma im

Mund und haben uns gegenseitig gewichst.

Er kam zuerst und hat mir auf

die Brust gespritzt. Soweit also kein

HIV-Risiko. Nach etwa zwei Minuten

hat er seine Hand mit Gleitmittel eingerieben

und mir einen runtergeholt.

Ich habe es zwar nicht gesehen, aber

wenn er noch Sperma an der Hand

gehabt hätte, wäre das ein HIV-Risiko?

Marcel (25)

Hallo Marcel

Ich kann dich beruhigen. Eine Übertragung

von HIV durch Spermareste

auf der Hand, so wie du es beschreibst,

ist kaum denkbar. HIV ist ein relativ

schwer übertragbares Virus. Für eine

Infektion braucht es unter anderem

eine ausreichende Menge an infektiöser

Körperflüssigkeit, was hier nicht

der Fall war. Abgesehen davon verliert

das HI-Virus an der Luft relativ

rasch an Infektiosität. Anders sieht es

allerdings aus, wenn die ganze Ladung

Sperma direkt als Wichs- oder Gleitmittel

verwendet wird. Davon rate ich

klar ab. Wenn du trotzdem einen Test

machen willst, ist dieser bereits nach

2 Wochen möglich. Er muss aber

nach drei Monaten mit einem Antikörper-Test

bestätigt werden. Das kannst

du beispielsweise beim Checkpoint

machen. www.mycheckpoint.ch

DR. GAY

Dr. Gay ist eine Dienstleistung der Aids-

Hilfe Schweiz. Die Fragen werden online

auf www.drgay.ch gestellt. Die Redaktion

druckt die Fragen genau so ab, wie sie

online gestellt werden.

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Fesche Bua‘n, Weisswurst und a Mass,

machen im Tip Top an sauglatten Spass.

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26

SERIE

PERSÖNLICHKEITEN

IKONEN VON DAMALS

SANDRA

In unserer Serie stellen wir Ikonen aus vergangenen Dekaden vor, berichten über

gefallene Helden und hoffnungsvolle Skandalsternchen aus längst vergangenen

(Gay-)Tagen. Dieses Mal: Sandra oder der verzweifelte Versuch eines Comebacks.

VON HAYMO EMPL

Eigentlich hatten wir Kim Wilde

im Programm für diese Ausgabe;

Kim ziert sich aber bezüglich eines

Interviews noch etwas und daher

ziehen wir Sandra vor. In den 80ern

schmetterte sie «Maria Magdalena»,

«In The Heat Of The Night» und natürlich

«Everlasting Love» (in einer

grandiosen Maxi-Single-Version, dies

so nebenbei).

2007 WIRKTE SANDRA

IN EINEM TV-INTERVIEW

SICHTLICH «DOWN

TO EARTH» UND ETWAS

FRUSTRIERT.

SANDRA HEUTE: IHRE KOMMERZIELLEN MISSERFOLGE

SCHLAGEN SICH AUCH OPTISCH NIEDER.

Sandra – eigentlich Sandra Ann

Lauer aus Saarbrücken – verkaufte

33 Millionen Tonträger. Und das vor

allem in den 1980er-Jahren. Beinahe

wöchentlich war sie auf dem

Bravo-Cover zu sehen und obschon

sie nie eine grosse Gay-Affinität hatte,

mutierte Sandra schnell zu einer

Gay-Ikone. Vielleicht lag es einfach

auch daran, dass die von Michel Cretu

komponierten Hits den «cheesy-groove»

haben, den die Gays oft so lieben.

Cretu komponierte, Sandra sang sich

FOTO: PD (1)

CRUISER OKTOBER 2015


27

SANDRA IN DEN 1980ER-JAHREN AUF

DEM HÖHEPUNKT IHRER KARRIERE.

im audiotechnischen Hall durch die

Charts und dann war plötzlich nichts

mehr. Keine Hits. Nada. Bis dann

plötzlich während des 1. Golfkrieges

seltsam spirituelle Ethnoklänge aus

dem Radio klangen. (Man hatte das

damals noch.) Lange war nicht klar,

wer hinter dem Hit «Sadeness» (und

warum der Titel falsch geschrieben

wurde seinerzeit steckte) – bis dann

quasi das Outing erfolgte. Sandra

mit noch mehr Hall und noch sinnfreieren

Texten. Produziert von Cretu,

der mittlerweile mit der Sängerin

verheiratet war. Es folgten dann

noch ein paar frühe 1990er-Hits mit

Engima und dann begann das grosse

Jammern. Denn: Sandra hätte gerne

weitergemacht, Ehemann Michel

Cretu produzierte aber lieber weitere

Enigma-Alben und Sandra durfte

dabei nur hauchen und ein bisschen

sprechen.

Immerhin: Der Busenfreund von

Michel Cretu – Jens Gand – erbarmte

sich und nahm mit Sandra neue Solo-CDs

auf. Der Erfolg blieb aus, die

Hits fehlten. 2007 wirkte Sandra in einem

TV-Interview sichtlich «Down To

Earth» und etwas frustriert. Auch gab

sie sich nicht mehr ganz so sexy. Ob

die 2012er-Zusammenarbeit mit DJ

Bobo kurz zuvor («Secrets Of Love»)

taktisch eine kluge Entscheidung war,

bleibt dahin gestellt. Der mangelnde

Erfolg scheint der Sängerin nicht so

gut zu bekommen; ihre Stimme ist

live einfach zu dünn (und mittlerweile

auch sehr rauchig) und bei einem

Playbackauftritt in Russland 2014 ist

die Gute auch sichtlich aus dem Leim

gegangen, wie unser Bild beweist.

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damit Sie den finanziellen Herausforderungen in jeder Lebensphase

gewachsen sind. Fragen Sie nach unserer Erbschaftsberatung.


28

NEUE SERIE

JOURNEYLICIOUS

NEUE SERIE:

JOURNEYLICIOUS

Gerade wenns draussen wieder kälter wird, packt viele das Fernweh. So auch

unsere Reisefüdlis Jenny & Tanja. Die beiden fliegen in den kommenden Monaten

einmal um die Welt und berichten künftig an dieser Stelle von Tops & Flops,

von spannenden Begegnungen und weniger erfreulichen Konfrontationen.

VON HAYMO EMPL

Cruiser: Was muss man arbeiten, um

sich einfach mal im Stil von «Ich bin

dann mal weg» für ein Jahr verabschieden

zu können?

Jenny: Ich bin «Kundenberaterin Zeitungsdruck»

in einer Druckerei.

Tanja: Ich habe als Reiseverkehrskauffrau

natürlich eine hohe Affinität

zum Reisen …

Wohin solls denn gehen?

Jenny: Bangkok – Singapur – Bali –

Australien – Fidschi – Mexico – Los

Angeles – Vancouver … – dort bleiben

wir dann etwas länger und hoffen in

Vancouver für einige Monate einen

Job zu finden. Aber wer weiss? Vielleicht

stellen wir die Route unterwegs

auch noch spontan um.

Was ist die Motivation hinter dieser

Reise? Es könnte doch einfach ein

längerer Urlaub sein, es muss ja nicht

gerade eine Weltreise sein!

Tanja: Wir sind beide chronisch

reisesüchtig und wollten schon immer

eine Weltreise machen.

In einem Urlaub hat man immer ein

sehr begrenztes Zeitfenster, man

muss sich stark einschränken und

vorausplanen. In diesem Jahr freuen

wir uns auf das Ungewisse und die

Flexibilität.

Wir lieben es Neues zu entdecken,

neue Menschen und fremde Kulturen

kennenzulernen, fremdes Essen zu

kosten. Wir möchten beide noch einmal

dem Alltagstrott entfliehen (wir

waren bereits 2008/2009 zusammen

für ein Jahr in Kanada – Work&Travel)

und ein Leben ausserhalb der gesellschaftlichen

Norm leben.

Jenny: Das Näherrücken der 30 (ich

dieses Jahr & Tanja nächstes Jahr)

war zudem ein kleiner «Schubs»,

nochmals was «Grosses» zu machen.

«Jetzt oder nie» ist die Devise.

Wie macht ihr es mit dem Gepäck?

Rucksack … Koffer … oder immer alles

neu kaufen?

Jenny: Wir sind keine klassischen

Backpacker, eher sogenannte «Flashpacker»…

Das heisst, wir werden einen Kofferrucksack

mitnehmen. Sehr praktisch,

da er sich wie eine Reisetasche packen

und wie ein Trolley auf zwei Rädern

ziehen lässt. Und wenn es das

Terrain verlangt, kann er einfach zu

einem bequemen Backpack umfunktioniert

werden.

Was macht euch Bauchschmerzen

bzw. Kopfzerbrechen? Gab oder gibt

es noch besondere Hürden?

Tanja: Die besondere Hürde für Jenny

war wohl, dass sie ihren Job kündigen

musste, weil ihr Arbeitgeber ihr

kein Sabbatical gewähren konnte. Für

mich wars und ists eher in Bezug auf

die Packerei eine Herausforderung:

Wie soll ein Jahr in einen Kofferrucksack

passen?

Was ist mit euren Wohnungen? Vermietet

ihr die? Oder habt ihr sie aufgelöst?

Tanja: Die Wohnungen sind bereits

aufgelöst und wir wohnen – um zu

sparen – bis zur Abreise bei unseren

Eltern.

JENNY UND TANJA

werden ab 1. Dezember in unregelmässigen

Abständen auf www.cruisermagazin.ch in

ihrem Reiseblog über ihre Erlebnisse

berichten.

CRUISER OKTOBER 2015


LIFESTYLE

FITNESS

29

WER, WO UND

WIE RUMSTRAMPELT

700 000 Schweizer stählen mehr oder weniger

regelmässig die Muskeln. Ein Weltrekord, der sich

in Helvetien mit einem Gym an jeder Ecke zeigt.

Doch, wer trainiert wo? Und wie sieht es mit den

Flirtchancen aus?

FOTOS: FOTOLIA (2)

VON MOEL MAPHY

Wie pflegte Fitness-Ikone Jane

Fonda zu sagen: «And up. And

down. And breathe. And now

to the left …» – oder an die Kraftmaschine,

und davon stehen überall jede

Menge. Doch wer schwitzt wo? Um

das herauszufinden, genügen zwei

Indizien: das Outfit und die Gadgets.

Beginnen wir mit den Outfits.

Wenn im Gym die Sportbegeisterten

in einem langärmligen «Abercrombie»-Shirt

schwitzen, dann tun sie das

ziemlich sicher im «David-Gym» am

Letzigraben in Zürich. Denn dort wird

seriös und nicht mehr ganz zeitgemäss

(siehe Outfit) trainiert. Das Ziel:

rapider Muskelzuwachs. Weil man

den Konkurrenten an der Maschine

gegenüber über seinen Bizepsumfang

aber im Unklaren lassen will, trainiert

man in – genau! – einem langärmligen

Shirt.

Wer in einer Muskelbude gelandet

ist und dort zwischen Hanteln und

Laufbändern weniger Muskeln als

plaudernde Menschen sieht (mobiler

Champagner-Cüplihalter inklusive),

der hat sich in einen Migros-Fitness-Park

verirrt, mit bekanntlich

hohem Gay-Faktor. In Zürich wäre

das derjenige im «Puls 5». Denn dort

– also in jenem Club – treffen sich all

die Leute wieder, die sich zuvor schon

im Café Gloria im Kreis 5 getroffen

haben. Und weil alle selbstständig erwerbend

sind, wird beim Cüpli auch

gleich übers Business geredet.

BEGINNEN WIR MIT DEN

OUTFITS. WENN IM GYM

DIE SPORTBEGEISTERTEN

IN EINEM LANGÄRMLIGEN

«ABERCROMBIE»-SHIRT

SCHWITZEN, DANN TUN

SIE DAS ZIEMLICH SICHER

IM «DAVID-GYM» AM

LETZIGRABEN IN ZÜRICH.

Hat man sich vom Hipster-Look

bereits verabschiedet und trägt Funktionsfitnesskleidung,

dann trainiert

man ziemlich sicher in einem der

«Holmes Places». Diese Kette gibt

sich nobel, hat aber in den letzten

Jahren etwas an Glamour eingebüsst.

Man trifft dort gerne Ex-Szenies,

Ex-Hipsters und in der Regel auch

noch seinen Ex. Aktuell verlost «Holmes

Place» gerade einen Trip in einen

Robinson-Club in Spanien. Robinson-Club?

Das sind doch diese Ressorts

aus den 1980er-Jahren? Genau.

Andere wiederum legen Wert auf

Betreuung. Outfit: egal. Diese Spezies

trainiert gerne in kleinen Fitnessclubs,

dort darf man sich aber natürlich

nicht als Gay outen, denn das

würde für Verwirrung sorgen. Dort

FÜR EINEN STAHLHARTEN

BODY BRAUCHT ES DAS

RICHTIGE FITNESSCENTER

hört man auch ziemlich selten mittels

Kopfhörer Musik, sondern diskutiert

eher über die neusten Nahrungsergänzungsmittel

(und anderes, das es

noch so gibt, um schnell Muskeln zu

bekommen). Apropos Musik: Geht

man nach den Gadgets, lassen sich

wiederum verschiedene Fitnesscenters

und Typen ausmachen. Wer beispielsweise

eine Apple-Watch als Fitnesstracker

trägt, trainiert ziemlich

sicher in einem «Activ Fitness»-Studio.

Diese Kette ist günstig und daher

kann man sich mit dem Ersparten

ein solches Teil leisten. Und genau so

unstylish und uncool wie die «Activ

Fitness»-Centers sind, ist passenderweise

auch die Apple-Uhr. Mehr Zurückhaltung

zeigt, wer «Fitbit» trägt.

Funktionelles Gadget, entsprechendes

Fitnesscenter. Beispielsweise die

Muskelbuden von «Silhouette». Dort

trifft so ziemlich jeder auf alle, und

das ganz unprätentiös. Auf dem Vitaparcours

gehts ebenfalls schlicht zu

und her. Dort braucht man aber idealerweise

als Gadget einen Hund. Dies

empfiehlt sich generell, wenn es darum

geht, mit Leuten ins Gespräch zu

kommen. Denn dafür sind alle Gyms

in der Regel absolut ungeeignet.

CRUISER OKTOBER 2015


30

KOLUMNE

THOMMEN MEINT

«WENN ICH NICHT

LIEBEN DARF...

… dürfens andere auch nicht!»* Das ist eine Haltung –

auch unter Männern –, die sich heute wieder mehr und

mehr verbreitet. Sehr oft wird dabei der Sex «mitgemeint»

oder gar gleichgestellt, angelernt in der Familie

und der heterosexuellen Kultur – und ein Teil der

Männerliebenden möchte da auch unbedingt dabei sein!

VON PETER THOMMEN

Klara Obermüller schrieb in der

NZZaS ** über Papst Franziskus,

er habe eigentlich nirgendwo

eine «Wende» eingeleitet, er sei einfach

«konzilianter» geworden. «Wenn

jemand schwul ist und Gott mit ganzem

Herzen sucht, wer bin ich, über

ihn zu urteilen?», zitiert sie ihn. Ich

habe schon früh den Eindruck bekommen,

dass Männerliebende gerne

über sich selber und andere «urteilen».

Die «queer community» beeilt sich

seit einiger Zeit, darüber zu urteilen,

wer von all diesen Grüppchen, die mit

Buchstaben bezeichnet werden, mehr

oder weniger diskriminiert sei. Ich

sehe aber alle einfach jeweils anders

diskriminiert. Und der Konzilblick ist

eben mehr als ein Papstblick. Oder

der auf einen definierten Body.

Die Willkommenskultur von heute

lässt den Gayblick auf die individuellen

Vergangenheiten fast nicht mehr

zu. Es kann uns doch nur noch besser

gehen? Ich werde immer wieder genötigt,

den Blick von der Vergangenheit

abzuwenden und auf die Gegenwart

zu richten. Wir sollten vielleicht

doch alles ruhen lassen? Ich denke

daran, dass viele Männerliebenden

einen grossen Rucksack mit sich herumtragen,

worin ihre Biografien ruhen.

Und bei jedem Date und jedem

Beziehungsversuch, jeder Enttäuschung

und jeder Beleidigung wird er

grösser. Und die Suche mit ganzem

«UND JETZT, NACH

ETWA DREI JAHRZEHNTEN,

ERGIBT DAS ENDLICH

EINEN SINN FÜR MICH!

ER WOLLTE DEN BALLAST

IN SEINEM RUCKSACK

LOSWERDEN!».

Herzen nach einem Prinzen wird immer

inbrünstiger ...

Ich weiss schon lange, dass

Männerliebende für sich selbst das

allergrösste Verständnis für ihre Situation

und ihre Probleme erwarten

und gar auch einfordern. Aber mit

dem Verständnis für die anderen

Männerliebenden sind sie dann doch

überfordert. Wer sollte dieses Verständnis

auch aufbringen können,

wenn er damit bei sich selbst schon

überfordert ist?

Ich erinnere mich grad an einen

sehr jungen Schwulen, der vor vielen

Jahren den Kontakt zu mir gesucht

hatte und zu einem Date kam.

Er stellte sich erst vor und erzählte

mir dann alle seine Sünden und

Missetaten, die er verbrochen hatte

und fragte mich zuletzt: «Und jetzt

du?» Ich war völlig überrascht. – Und

jetzt, nach etwa drei Jahrzehnten, ergibt

das endlich einen Sinn für mich!

Er wollte den Ballast in seinem Rucksack

loswerden!

Es gibt für Männerliebende keinen

Beichtstuhl wie bei Franziskus,

der übrigens weiterhin selber beichten

geht. Aber es gibt überall viel

Beichtmaterial, das uns daran hindert,

Freundschaften «aufzubauen».

Wenn ein Date schon nicht zur Ehe

führt, dann könnte es wenigstens zu

Solidarität reichen. Sein «Solo» hergeben,

um eine individuelle Gruppe

zu gewinnen.

P.S. Für Willige: Horst. E. Richter,

Lernziel Solidarität, Rowohlt TB

7251, 1979, 310 S.

PETER THOMMEN

Peter Thommen (65), von Jugend an

ausgeprägt gleichgeschlechtlich orientiert

und späterhin eine Art Dokumentarist

der schwulen Szene in Basel und anderswo,

hat einen rosa Blick auf Geschichte

und Tagesaktualitäten. Er hat im letzten

Jahrhundert auch schwule Radiosendungen

produziert. Trotzdem er im Kopf

immer mal den Briefkasten mit dem

Papierkorb verwechselt, hat er sich fleissig

durchs schwule Leben geschrieben und

findet auch in alten Büchern immer wieder

überraschend Aktuelles.

* So lautet der Titel eines Buches

von Siegfried Rudolf Dunde aus dem

Jahr 1987.

** NZZaS vom 13.9.15, S. 26

ILLUSTRATIONEN: ANASTASIYA UDOVENKO

CRUISER OKTOBER 2015


Demokratie

braucht Dich,

Dandy.

Foto: Stefan M./photocase.de

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