Es weihnachtet - Das Weihnachtsmagazin des Freistaates Sachsen

sachsen

Lassen Sie sich mit diesem Heft auf eine Reise in den Freistaat mitnehmen zu all den Menschen, die dafür sorgen, dass Weihnachten Weihnachten ist. Und wenn Sie bei dem Gewinnspiel auf Seite 31 mitmachen und etwas Glück haben, kommt vielleicht sogar ein wenig sächsisches Weihnachtsflair zu Ihnen nach Hause. Frohes Fest!

Winter 2015 | Das Weihnachtsmagazin des Freistaates Sachsen

SACHSEN

Es weihnachtet

SCHLESISCH SCHLEMMEN

Pazifistische Bomben und Weißwurst mit

Zitrone: Auch zum Fest geht Heimatliebe

in Görlitz durch den Magen

BACHS ORATORIUM

Jauchzet! Frohlocket! Ein Forscher

und eine Kantorin erklären das Opus

von Leipzigs großem Komponisten

DER DUFT DES FESTES

Auf die Weihrauchkerzen der Familie

Huss wären selbst die Heiligen

Drei Könige neidisch gewesen


2

SCHLOSS

WACKERBARTH

Feines und Edles kann

man auf dem Markt des

Sächsischen Staatsweinguts

kaufen Seite 4

HUTZENABEND

Im Erzgebirge traf man

sich früher aus praktischen

Gründen in privaten

Stuben – heute wegen

der Gemütlichkeit Seite 6

SCHLESISCH

SCHLEMMEN

Liegnitzer Bomben, Bratwürste

und Mohnklöße:

In Görlitz wird schlesisch

gekocht Seite 8

TOMBOLA

NAPOLETANA

Die Adventsbräuche der

italienischen Gemeinde

sind in Leipzig fast schon

Tradition Seite 11

BACHS

ORATORIUM

Ein Forscher und eine

Kantorin aus Leipzig

über Bachs große Festmusik

Seite 12

VOLKSKUNST

Was immer in Sachsen

geschnitzt und gedrechselt

wurde, findet man

im Museum im Dresdner

Jägerhof Seite 14

ERLEBNISMARKT

MEISSEN

Früher geheim, heute

offen für alle: die Porzellan-Manufaktur

Seite 15

ADVENTSREKORDE

AUS DEM FREISTAAT

Weihnachten ist den

Sachsen so wichtig, dass

sie darin immer die Besten

sein wollen Seite 16

DER DUFT

DES FESTES

Bei Familie Huss in Neudorf

qualmt es äußerst

wohlriechend Seite 18

ASCHENBRÖDEL–

AUSSTELLUNG

Schloss Moritzburg präsentiert

Neues zu dem

Kultfilm, der seit 1974

jedes Jahr zu Weihnachten

im TV läuft Seite 20

NEUE ENGEL

Nach langem Ringen

versöhnt Friederike

Curling-Aust Kunst und

Kunsthandwerk Seite 21

KURRENDE-KINDER

Frieren, freuen und frohlocken:

mit den jungen

Chorsängern aus dem

Weihnachtsdorf Seiffen

auf Tour Seite 22

CHRISTMARKT

FREIBERG

In der Silberstadt steht

schon immer alles im

Zeichen des Bergbaus.

Natürlich leben die Traditionen

auch auf dem

Weihnachtsmarkt fort

Seite 25

GESCHENKE FÜR

GEFLOHENE

In Werdau erinnert eine

Initiative seit 25 Jahren

daran, dass man Weihnachten

auch „Fest der

Liebe“ nennt Seite 26

VOGTLAND-

STOLLEN

Die Stollen von Bäcker

Wunderlich reifen im

Stollen – kein Wortspiel,

sondern Realität Seite 28

WEIHNACHTS-

MARKT PLAUEN

Im Vogtland dreht sich

auch im Advent alles um

die Spitze Seite 30

MÄRKTE UND FESTE

Die schönsten Weihnachtsmärkte

und -feste

im Überblick Seite 31

Für Sachsens Weihnachtszauber sind vor allem die Menschen

verantwortlich, die singen, schnitzen und ihr Brauchtum pflegen.

Wenn die Natur dann noch mitspielt und die Landschaft mit weißem

Glitzerschnee überzieht (hier den Fichtelberg im Erzgebirge),

ist die Adventsstimmung perfekt.


Es weihnachtet

Wissen Sie noch, was Sie dieses Jahr im Januar gemacht haben? Vielleicht

sind Sie Ski gefahren oder joggen gegangen, haben also etwas gegen die

Pfunde getan, die sich zwischen den Jahren irgendwie am Bauch niedergelassen

hatten? In Sachsen setzten da fleißige Pfefferküchler bereits den

Lebkuchenteig für die nächste Saison an.

Und was haben Sie im Frühling gemacht, etwa im April? Waren Sie mit

dem Rad unterwegs, haben Sie Ostereier gesucht? In Sachsen schnitzten

sie Engel und Räuchermännchen und produzierten die Weihrauchkerzen,

dank derer die Jungs aus Holz so wohlriechend qualmen.

Im September, als Sie wahrscheinlich auf einem Weinfest einen Schoppen

oder auf dem Oktoberfest eine Maß Bier genossen haben, schoben die

Stollenbäcker die ersten Laibe in ihre Öfen, und die Kirchen- und Laienchöre

bliesen den Staub von den Notenblättern des Weihnachtsoratoriums

und fingen an, sich warm zu singen.

Und jetzt? Freuen sich die Sachsen, weil bald all das zum Einsatz kommt,

was sie teils schon seit Monaten vorbereiten. Es weihnachtet wieder –

endlich! Lassen Sie sich mit diesem Heft auf eine Reise in den Freistaat

mitnehmen zu all den Menschen, die dafür sorgen, dass Weihnachten

Weihnachten ist. Und wenn Sie bei dem Gewinnspiel auf Seite 31 mitmachen

und etwas Glück haben, kommt vielleicht sogar ein wenig sächsisches

Weihnachtsflair zu Ihnen nach Hause. Frohes Fest!

Ihre Redaktion

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Fotos: Sebastian Arlt (Cover); Getty Images / Martin Rügner


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Das Schloss der

Edelhandwerker

MANUFAKTUREN-MARKT/

RADEBEUL

Fotos: Sebastian Arlt; Thomas Kube

Pinselmacher, Seidenblumendreher,

Porzellanmaler: Die Riege der Manufakturisten,

die sich jedes Jahr am dritten

Adventswochenende auf Schloss Wackerbarth

versammelt, ist ziemlich exklusiv

und teilweise recht exotisch. Aber genau

das macht den Reiz dieses Weihnachtsmarktes

aus: Angeboten wird hier nur,

was exquisit ist und in Handarbeit im

Freistaat hergestellt wurde – Massenware

gibt es auf dem Manufakturen-Markt

nicht, außergewöhnliche Geschenkideen

dafür umso mehr. Manche Hersteller haben

ihre Maschinen mitgebracht, und

man kann ihnen dabei zuschauen, wie

sie ihre Kostbarkeiten fertigen – beim

Reifendreher etwa fliegen die Späne, bis

aus großen Holzscheiben filigrane Figuren

geworden sind. So exklusiv wie

das Angebot ist auch der Ort, der dem

Markt seinen Rahmen gibt: Das Ensemble

aus barocker Schloss- und Parkanlage

ist Sächsisches Staatsweingut – und

als eine der Heimstätten des Glühweins

(siehe auch S. 17) sicher der richtige

Ort, um bei einer Tasse zu verweilen.

www.schloss-wackerbarth.de


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6

Frank Salzer (o.) hat die Schnitzschürze gegen das Bergmannshabit getauscht und erklärt den Gästen in der Stube den

Aufbau eines Schaubergwerks. Weil solche Holzmodelle auf dem Rücken getragen wurden, nannte man sie „Buckelbergwerke“.

Hutzen statt heizen

IM ERZGEBIRGE WERKELTEN FRÜHER NACHBARN

GEMEINSAM IN EINER STUBE, UM HEIZMATERIAL

ZU SPAREN. HEUTE TRIFFT MAN SICH WIEDER ZU

HUTZENABENDEN – WEIL SIE GEMÜTLICH SIND


Fotos: Sebastian Arlt

Seit bald 30 Jahren beschäftigt

sich Erich Mehlhorn

(li.) mit den Liedern

der Bergmänner – an der

Universität, als Musiklehrer,

als Veranstalter und

natürlich auch als Musiker

auf der Bühne. Im Advent

tritt er am liebsten in dem

1769 erbauten Fachwerkhaus

der Familie

Salzer in Zwönitz auf, das

nach langer Sanierung

wieder erstrahlt und vor

dem sich im Advent eine

große Pyramide dreht

(Mi.). Auch der Ortskern,

ein paar Minuten die

Straße hinunter, ist in der

Vorweihnachtszeit festlich

geschmückt (u.).

www.salzerhaus.de

Ob ein Geburtshelfer unter den Besuchern sei, will

der Gastgeber wissen. Oder jemand von der

Feuerwehr? Nein? „Dann bitte jetzt alle Handys

aus!“ Frank Salzer, Holzbildhauer, Sänger und

selbst ernannter Traditionspfleger macht gleich zu

Beginn klar: Heute Abend zählt nur, was hier und

jetzt passiert, heute machen wir es uns gemütlich.

Gemütlich wird es aber in erster Linie für

die Gäste, die in der gut geheizten Stube des alten

Fachwerkhauses am Ortsrand von Zwönitz

Platz genommen haben. Für Frank Salzer wird der

Abend deutlich anstrengender, er wird am Ende sogar

ins Schwitzen geraten. Weil der Kachelofen so

schön bullert, aber vor allem, weil er so viel singen,

erzählen und erklären wird. Salzer hat zum Hutzenabend

eingeladen, einem alten Brauch im Erzgebirge.

Im Winter trafen sich früher abends die Nachbarn

reihum in einem Haus; die Frauen klöppelten,

die Männer schnitzten. So sparte man Heizkosten,

und weil man zusammen weniger allein war, gingen

die Arbeiten leichter von der Hand.

Diese alte Tradition geriet in Zeiten von Zentralheizung,

elektrischem Licht und TV in Vergessenheit.

Frank Salzer belebte sie eher unbeabsichtigt

wieder, als er das fast 250 Jahre alte Fachwerkhaus

in Zwönitz vor dem Abriss rettete. In dem Teil, wo

früher das Vieh untergebracht war, richtete er seine

Schnitz- und Holzbildhauer-Werkstatt ein. Bald

kamen viele Leute zum Zuschauen und Plaudern

vorbei und Salzer kaum noch zum Arbeiten. „Das

geht so nicht weiter“, dachte er sich da.

Heute ist die Werkstatt verschlossen, wenn Salzer

schnitzt, dafür steht die Hutzenstube regelmäßig

für angemeldete Gäste offen. Gemeinsam mit

Erich Mehlhorn, einem Musiklehrer, den er schon

lange kennt, hat Salzer ein kleines Programm ausgearbeitet.

Geschichten und Anekdoten von früher,

ein bisschen erzgebirgische Heimatkunde, Lieder

der Bergmänner – Mehlhorn spielt, Salzer singt mit

einer für einen Laien überraschend starken Stimme,

manchmal begleitet von Janina, seiner Frau.

Während die Gäste in der Pause ein paar Fettbemmen

(Schmalzbrote) verdrücken, schneidet Janina

Salzer in der Küche hinter der Stube Gebäck

auf großen Blechen. „Das ist Kartoffelkuchen“,

sagt sie, „der wird aus dem Teig gemacht, der beim

Stollenbacken übrig bleibt.“ Den richtigen Stollen

schneide man im Erzgebirge nämlich erst zu Heiligabend

an, erklärt Frank Salzer, diese Tradition

sei ihm heilig. Deutlich heiliger jedenfalls als der

Blechkuchen, denn: „Was heute nicht wegkommt,

kriegen die Gänse.“ Edles Futter, mit einem kleinen

Haken: „Nicht alle Tiere werden das Weihnachtsfest

überleben“, verrät Salzer. Aber zumindest solange

er nun im zweiten Teil des Hutzenabends erzählt,

singt und schwitzt, können es sich auch die

Gänse noch gemütlich machen.

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Neuer Name, altes

Rezept: Barbara und

Klaus Schreiber backen

in ihrer Konditorei

Giersch ihre

Ostritzer Klosterkuchen.

An den Ruhestand

haben die

beiden schon einmal

gedacht, die Idee aber

wieder verworfen –

„wer würde dann die

Klosterkuchen backen?“

8

Der Verkaufsraum der Fleischerei

Büchner in Görlitz mit seinen

historischen Kacheln (u.) war

schon Drehort für verschiedene

Filme. Thomas Büchner (re.) stellt

seine Schlesischen Bratwürste (o.)

aber mit modernem Gerät her.

Wichtigste Zutat: Zitronen.

Schlesisch schlemmen

im Advent

GÖRLITZ UND UMGEBUNG

GEHÖRTEN EINST ZU SCHLESIEN.

HEUTE VERSTEHT MAN SICH ALS

EUROPASTADT – DOCH VOR

ALLEM IM ADVENT GEHT DIE

HEIMATLIEBE NOCH IMMER

DURCH DEN MAGEN

Fotos: Sebastian Arlt


Kurz hätten sie überlegt, zum alten Namen zurückzukehren,

erzählen Barbara und Klaus Schreiber,

sich dann aber dagegen entschieden. „Man kennt

uns doch so“, sagt Barbara Schreiber, „und Ostritz

ist nun schon eine Ewigkeit unser Zuhause.“ Und

so heißt das Adventsgebäck, dessen Teig Klaus

Schreiber immer bereits im Januar ansetzt, eben

weiterhin Ostritzer Klosterkuchen.

Für manche ist sie ein in Zellophan verpacktes

Stück Heimat: Die schlesische Lebkuchenspezialität

mit Frucht-Marzipan-Füllung wurde einst

in Liegnitz erfunden, das heute Legnica heißt und

in Polen liegt. Kurt Giersch, der Vater von Barbara

Schreiber, stammte zwar nicht von dort, sondern

aus Schönberg, heute Sulików, keine 15 Kilometer

nordöstlich von Ostritz. Als schlesischer Bäcker fertigte

er vor Weihnachten aber selbstverständlich die

berühmten Liegnitzer Bomben – und wollte das

auch tun, als er nach 1945 westlich der Neiße den

Neustart wagte. Zu DDR-Zeiten war das nicht so

einfach: wegen des Rohstoffmangels, aber auch weil

Liegnitzer Bomben den DDR-Oberen zu militaristisch

und revanchistisch klang. Auch heute mag

man noch kurz zusammenzucken, wenn man die

Begriffe „Schlesien“ und „Heimat“ in einem Satz

hört – dabei vergisst man aber, dass auch die Gegend

um Görlitz einst zu Schlesien gehörte. Durch

den Magen geht die Heimatliebe hier noch vielen,

besonders im Advent.

Der Verdacht, es mit rückwärtsgewandten

Menschen zu tun zu haben, kommt einem bei den

Schreibers sowieso nicht: Sie wollten schon immer

etwas mitbekommen von der Welt – und lernten

sich auf einem der beiden Kreuzfahrtschiffe der

DDR kennen. Er hatte dort als Kellner angeheuert,

sie als Konditorin, „und man musste sich nach

Dienstschluss ja irgendwie beschäftigen auf dem

Kahn“, sagt Klaus Schreiber und lacht. Die beiden

heirateten, Schreiber lernte auch Konditor und

backt seither die Klosterkuchen in Handarbeit.

Barbara Schreibers Vater hatte nämlich einen

Weg gefunden: Der Abt von Kloster Marienthal,

dem sehenswerten Barockgemäuer am anderen Ende

des Ortes, hatte vorgeschlagen, das Naschwerk

in Klosterkuchen umzutaufen. Mit Improvisations-

und Organisationstalent wurden die Zutaten

aufgetrieben. Die Ostritzer kauften die nun pazifistischen

Bomben, manche davon landeten im

Westen. Viele Familien mit schlesischen Wurzeln

bestellen sie noch heute – oder holen sie selbst ab.

Sich die Weihnachtsspezialität persönlich abzuholen,

das empfiehlt sich auch in der Fleischerei

Büchner in Görlitz, knappe 15 Kilometer die

Neiße abwärts, denn die Schlesische Bratwurst

von Meister Thomas Büchner wird nicht gebrüht

und sollte deshalb frisch verzehrt werden. Inzwischen

drückt Büchner aber auch mal ein Auge zu

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10

Fotos: Sebastian Arlt; imago / Torsten Becker

und macht manche Würste schweren

Herzens haltbar für den Transport

zu Exil-Schlesiern in der ganzen

Republik – die verpassen aber einen

weiteren Höhepunkt, den es beim

Einkauf vor Ort gratis dazu gibt: die

Besichtigung des Ladens, der 1911

mit fein bemalten Jugendstilkacheln

ausgeschmückt wurde und den

Büchner nach langen Jahren des Verfalls

originalgetreu restaurierte.

Die kleine Wurstküche dahinter

ist topmodern; die Rezepte, an

denen sich Büchner orientiert, sind

dagegen uralt: Sein Großvater, stolzer

Schlesier, war Landesobermeister

und somit Spezialist für die Bratwurst,

die manchem als Schlesische

Weißwurst bekannt ist und oft mit

brauner Lebkuchensoße gegessen

wird. „Eigentlich wurde die nur kurz

vor Weihnachten produziert“, brüllt

Büchner gegen die Maschine an, die

Kalbfleisch, Eis, Speck und Gewürze

zerkleinert, „jetzt machen wir sie den

ganzen Dezember, die Leute fragen

ständig danach.“ Als aus den Zutaten

ein sämiger Teig geworden ist,

schmeißt Büchner ganze Zitronen in

die Maschine. – „Der Clou!“, ruft er,

„geschmacklich der Wahnsinn!“

Wie die einst so exotische Zitrusfrucht ihren

Weg in schlesische Traditionswürste fand, ist Bernd

Schade ein Rätsel. Der Koch, der in der Görlitzer

Innenstadt das Restaurant Lucie Schulte im Hof

hinter dem berühmten Flüsterbogen betreibt, beschreibt

die schlesische Küche nämlich als eine sehr

geerdete, regionale und saisonale: „Schweinefleisch

und Süßwasserfische, Gurken, Meerrettich, Petersilie

und Dill, Trockenobst und Äpfel“ kommen

dem gebürtigen Görlitzer in den Sinn, wenn er an

die Gerichte seiner Vorfahren denkt. Die höheren

Weihen der Kochkunst hat Schade in Westdeutschland

und den USA gelernt, seit vier Jahren kocht

er nun wieder in der Heimat. „Das Lucie Schulte

ist zwar nach einer alten Wirtin aus dem schlesischen

Breslau benannt“, erzählt er, doch hier koche

er international. Gerichte wie das „Himmelreich“,

den Klassiker mit Schweinebauch, Trockenobst

und Klößen, serviere er aber eher im rustikaleren

Bürgerstübl, das er neu übernommen hat. Ein regionales

Gericht gibt es jedoch im Wirtshaus und

im Gourmettempel: Schlesische Mohnklöße, ein

typisches Weihnachts- und Silvesterdessert. Süßes

aus Schlesien scheint also nicht nur unter zwei unterschiedlichen

Namen zu funktionieren, sondern

auch in zwei unterschiedlichen Welten.

Die Kochkunst von Bernd Schade wird von

Fachblättern wie dem Feinschmecker

gerühmt. www.lucieschulte.de

Über die Brücke in Görlitz’ verschneite Innenstadt:

Die Viertel östlich der Neiße gehören

heute zu Polen und firmieren unter

dem Namen Zgorzelec – gemeinsam mit der

Schwestergemeinde versteht sich Görlitz

als „Europastadt“. Auf die gemeinsamen

schlesischen Wurzeln besinnt man sich

heute auf beiden Seiten des Grenzflusses

wieder stärker – vor allem in den Küchen.

www.goerlitz.de

SCHLESISCHE

MOHNKLÖSSE

Rezept von Bernd Schade

Restaurant Lucie Schulte

Zutaten für 6–8 Personen

1 l Milch

250–300 g Mohn, ggf. gemahlen

(sonst auch ganz, in diesem Fall den Mohn

in der Milch kochen, damit er platzt)

200 g Zucker

1 Vanilleschote

50–75 g Weichweizengrieß,

je nach gewünschter Saftigkeit

(aber daran denken, dass Löffelbiskuit und

Weißbrot noch Flüssigkeit binden)

Abrieb von 1/2 Zitrone

1 Orange, gepresst

100 g Rosinen

50 g Mandeln, gehackt

50 g Haselnüsse, gemahlen

50 ml Rum oder Weinbrand

200 g Löffelbiskuit oder

entrindetes Kastenweißbrot

Zubereitung

Milch mit Zucker, Rosinen, Rum,

Zitronenschale, Vanillemark und der

ausgekratzten Schote aufkochen, anschließend

Mohn im Sturz beigeben

und glattrühren. Nun einige Minuten

leise köcheln lassen, Nüsse und

Mandeln sowie den Grieß hinzufügen

und ausquellen lassen.

Die Masse abschmecken und den

Orangensaft unterrühren. Nun die

Mohnmasse schichtweise und abwechselnd

mit dem Löffelbiskuit

bzw. Weißbrot in eine Schüssel oder

ein viereckiges Gefäß geben. Nach

dem Erkalten ist die Masse 4–5 Tage

im Kühlschrank haltbar.

Vor dem Servieren die Klöße mit

einem tiefen Esslöffel aus der Masse

ausstechen, anrichten – und mit

schön dicker Vanillesoße und Rumtopffrüchten

essen.

Gutes Gelingen!


Adventsgemütlichkeit? Bingo!

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Fotos: Dirk Brzoska

LEIPZIGS ITALIENISCHE

GEMEINDE HAT IHRE EIGENEN

TRADITIONEN MITGEBRACHT –

SIE PASSEN HERVORRAGEND ZU

STRIEZEL UND GLÜHWEIN

«Buonasera e benvenuto a tutti!» – Die Begrüßung

von Dottoressa Margherita Siegmund im Leipziger

Programmkino Prager Frühling fällt italienisch

herzlich aus. „Guten Abend und herzlich willkommen

zur Tombola“, wiederholt sie in perfektem

Deutsch mit charmantem Akzent. „In meiner Heimat

Neapel gehört es in der Weihnachtszeit einfach

dazu, tombola napoletana zu spielen, unsere Art

Bingo.“ Sie deutet auf ein Spielbrett vor sich, ungefähr

50 mal 30 Zentimeter groß. Darauf sind Zahlen

und Symbole zu sehen. „Jeder numero (Zahl) ist

eine smorfia, ein Bildchen, zugeordnet“, erklärt sie.

„Die 22 steht für den Verrückten, die 44 für das

Gefängnis oder die 90 für …“ – „Die Angst!“, ruft

ein Italiener aus dem Publikum. „Rrrichtig!“, freut

sich die 50-Jährige, die zu allen Bildchen auch kleine

Anekdoten weiß und gern erzählt. Jeder Gast

hat eine Zahlentabelle mit ausgewählten Ziffern

von 1 bis 90 auf den Knien liegen. Die Spielleiterin

zieht nun aus einem kleinen Körbchen einzelne

Nummern – wer zuerst alle Zahlen aus seiner

Tabelle abhaken konnte, hat gewonnen. Als Preise

hat die Dottoressa italienische Spezialitäten mitgebracht,

Pesto zum Beispiel, cantuccini, die beliebten

Mandelkekse, Rotwein aus der Heimat.

Die Tradition dieser kleinen italienischen Weihnachtsfeier

kommt weit aus dem Süden, passt aber

perfekt hier in den Norden: Es gibt Kinderpunsch,

Glühwein und Kekse zum Naschen. Zeit wird miteinander

verbracht, Geschichten werden erzählt,

Lieder werden gesungen. Italienische Lebensfreude

verbindet sich mit sächsischer Gemütlichkeit, als

würden beide schon immer zusammengehören.

Seit sieben Jahren kommen die rund hundert Italiener

und Italien-Liebhaber im Advent zur tombola

zusammen. Danach gibt es meist etwas Kulturelles

– einen Film, ein Hörspiel oder gemeinsames

Singen, wie heute. Mit Tu scendi dalle stelle, dem

wohl bekanntesten italienischen Weihnachtslied,

geht es los. Und Margherita Siegmund geht das

Herz auf. „Ich fühle mich in Leipzig wohl, bin verwurzelt

hier und liebe den sächsischen Winter“,

lacht sie. Gleichzeitig genießt sie es, die Lieder aus

ihrer alten Heimat zu hören, aus der sie vor 23 Jahren

der Liebe wegen nach Deutschland kam.

Eine Anekdote hier,

ein Lächeln dort:

Margherita Siegmund

(li.) gibt bei der

tombola napoletana

die charmante Spielleiterin.

Wenn sie ihre

Tabellen mit den Zahlen

und Bildchen austeilt

(o. re.), ist das

Kino Prager Frühling

voll (Mi.). Alle hoffen,

dass sie die richtigen

Nummern zieht (u.).


„Selbst

abgebrühte

Musiker sind

ergriffen“

DAS WEIHNACHTS-

ORATORIUM WURDE

ZUM MYTHOS. EIN

BACH-FORSCHER UND

EINE KANTORIN

ERKLÄREN WARUM

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Prof. Dr. Peter Wollny (54) leitet das

Bach-Archiv Leipzig, in dem auch das

Original-Textheft verwahrt wird (o.).

Von der Partitur (u.) besitzt man nur

ein Faksimile. www.bach-leipzig.de

Vor 281 Jahren erklangen hier in Leipzig knappe

zweieinhalb Stunden Musik, die heute untrennbar

zum Fest gehören. Wie kam es dazu?

Peter Wollny: Ohne Weihnachtsoratorium wäre

heute nicht richtig Weihnachten. Für das evangelische

Leipzig und die Thomaskirche war so etwas

damals aber vollkommen unüblich: Geistliche

Musik war sonst immer nur Teil der Gottesdienste,

nie abendfüllend. Aber Bach hatte sich wohl vorgenommen,

ein wirklich großes Werk zu komponieren,

und musste sich etwas einfallen lassen. Seine

Idee war, das Werk in sechs Abschnitte aufzuteilen

und an aufeinanderfolgenden Feiertagen aufzuführen

– dafür bot sich Weihnachten natürlich an.

Warum wagte Bach ausgerechnet im Jahr 1734

dieses Experiment?

Christiane Bräutigam

(40) ist Kantorin der

Evangelisch Reformierten

Kirche zu Leipzig. Mit ihren

50 Chorsängerinnen

und -sängern führt sie

das Oratorium am

12. Dezember auf.

www.reformiertleipzig.org


Fotos: Sebastian Arlt

Wollny: Nach zehn Amtsjahren in Leipzig war er an

einem Punkt angelangt, wo er in der Kirchenmusik

vieles schon einmal ausprobiert hatte. Er suchte

nach neuen Herausforderungen, wagte mehr und

schrieb modernere Melodien.

Christiane Bräutigam: Interessant, da lassen sich so

starke Veränderungen ablesen? Beim Spielen achte

ich selten auf das genaue Jahr der Komposition.

Wollny: Absolut. Viele Stücke aus dem Weihnachtsoratorium

hatte Bach kurz zuvor für andere Zwecke

geschrieben. Schon bei ihnen merkt man, dass

der Ausdruck eingängiger und ergreifender wird.

Bach hat bei sich selbst abgeschrieben?

Wollny: Das war damals gang und gäbe – und auch

sinnvoll. Wenn die kurfürstliche Familie nach Leipzig

kam, bei ihr Namenstage oder Geburtstage anstanden,

hatte Bach eine Kantate zu schreiben. Diese

Musik erklang dann nur ein einziges Mal, dem

Kurfürst konnte man ja nicht zweimal dasselbe Geschenk

machen. Um sie zu retten, hat Bach sie für

das Weihnachtsoratorium recycelt. Obwohl, eigentlich

glaube ich: Als Bach diese Vorgängerkantaten

schrieb, wusste er schon genau, dass er die Melodien

für ein großes Werk verwenden will.

Wieso ist das Oratorium so berühmt geworden?

Bräutigam: Weihnachten ist das am meisten kommerzialisierte

Fest, viele einstmals kleine Traditionen

sind heute ungeheuer aufgeladen und quasi

Selbstläufer. Auch der Heiligenschein des Oratoriums

ist mittlerweile riesig und zieht immens. Seine

Musik ist aber auch wirklich unvergleichlich: Der

Start der ersten Kantate mit der Pauke – da sind

selbst die abgebrühtesten Musiker jedes Mal wieder

ergriffen. Das merke ich ja an mir selbst.

Erging es den Hörern 1734 genauso?

Wollny: Es wurde weder getwittert, noch haben

Zeitungen über die Erstaufführung berichtet. Wir

haben auch noch keinen schriftlichen Beleg gefunden,

in dem jemand erzählt, dass er es gehört hat.

Ich glaube aber, dass die Zuhörer spürten: Hier passiert

etwas ganz Neues. Wir besitzen übrigens das

Textbuch von damals. Wollen Sie mal reinschauen?

Bräutigam: Das hier ist das Originalheft?

Wollny: Ja! Bis vor einigen Jahren hätte ich sogar gesagt,

dass es das einzig erhaltene ist – inzwischen ist

aber ein weiteres davon aufgetaucht. Bach hat vielleicht

500 Exemplare drucken lassen, man konnte

sie am Kircheneingang kaufen. Sie waren gleichzeitig

Programm und Textheft: Es ist angegeben,

wann welcher Teil in der Thomas- und wann in der

Nikolaikirche aufgeführt wurde. Und hier im Text

kann man an der Schriftart erkennen, ob das nun

ein Choral ist, ein Rezitativ, eine Arie …

Weiß man, wie lange Bach am Weihnachtsoratorium

gearbeitet hat?

Wollny: Er war stark eingespannt: Es gab Verpflichtungen

in der Schule, außerdem musste für jeden

Sonntag eine neue Kantate vorbereitet werden. Der

Advent aber war damals eine Fastenzeit, bis zum

ersten Weihnachtsfeiertag wurde in der Kirche keine

Musik gespielt. In dieser Zeit konnte Bach machen,

was er wollte – wahrscheinlich hat er also im

Advent 1734 daran gearbeitet.

Dann führen Sie und Ihr Chor das Stück ja zur

falschen Zeit auf, Frau Bräutigam!

Bräutigam: Ich weiß, wir diskutieren das jedes Jahr

aufs Neue. Dieses Jahr singen wir die Kantaten I bis

III am 12. Dezember, nach Heiligabend wäre für die

meisten Sänger und das Publikum die Luft raus – für

sie gehört das Oratorium zur Adventszeit wie das

Plätzchenbacken. Komisch wird es vor allem, wenn

wir den zweiten Teil im Advent singen: Laut dem

Text ist da der Messias nämlich schon lange da.

Sie müssten solche Zeitsprünge ja gewohnt sein:

Die Proben beginnen recht früh …

Bräutigam: Meist habe ich so ab August plötzlich

Teile des Oratoriums im Kopf. In den unpassendsten

Situationen, etwa beim Paddeln auf dem See.

Richtig los geht es dann aber erst im November.

Ich habe einen sehr erfahrenen Chor, wir kommen

mit fünf großen Proben aus.

Zweieinhalb Stunden Musik – nur fünf Proben?

Bräutigam: Wir führen ja jedes Jahr nur eine Hälfte

auf – so ist es nur etwas mehr als eine Stunde. Für

Wiedereinsteiger gebe ich außerdem Extraproben,

und viele Anfänger üben vorab mit CDs oder Dateien

aus dem Netz. Für manche ist das Oratorium

ein Lebensziel, ähnlich wie einmal den New York

Marathon zu laufen. Und dafür trainieren sie.

Ist das Oratorium schwer zu singen?

Bräutigam: Bach hat beim Komponieren eher instrumental

gedacht, die Melodieführung ist selten

auf die Stimme zugeschnitten. Es sind große

Sprünge zu meistern, es gibt kaum Atempausen,

die Gesangslinien sind sehr lang.

Wollny: Deshalb habe ich das Oratorium bisher

auch nur auf der Geige begleitet.

Bräutigam: Nun, wenn Sie das ändern wollen: Wir

proben jeden Mittwochabend.

In Sachsen singen unzählige Laienchöre das

Weihnachtsoratorium, oft begleitet von Berufsmusikern.

Woher kommt dieses Engagement?

Bräutigam: Wir profitieren ironischerweise ein wenig

vom DDR-Erbe. In der Kirche zu singen war

nicht gern gesehen und wurde kaum gefördert.

Deshalb war das private Engagement städtischer

Musiker wichtig, etwa aus dem Gewandhaus. Dieser

Geist ist geblieben. In westdeutschen Städten

wäre es eher unwahrscheinlich, dass Profimusiker

für so kleines Geld „auf Mucke fahren“.

Wollny: Hier in Leipzig fühlt man sich Bachs Musik

sehr verbunden. An genau der Stelle zu stehen,

wo er einst gewirkt hat, und seine Werke selbst zur

Aufführung bringen – das ist etwas Besonderes.

13


Seyfferts

Sammelsurium

DIE EXPONATE IN DRESDENS

MUSEUM FÜR SÄCHSISCHE

VOLKSKUNST SIND NAIV UND

VIRTUOS ZUGLEICH. MANCHE

ERLANGTEN WELTRUHM

14

Museumsdirektor zu sein, das ist manchmal wie

Weihnachten: „Die schönsten Dinge“, sagt Igor

Jenzen, „bekommen wir geschenkt.“ Zwar bemüht

sich sein Museum für Sächsische Volkskunst in

Dresden, die Sammlung auch mit Ankäufen zu

erweitern. Am größten sei die Freude aber, wenn

plötzlich Bescherung ist und in Jenzens Büro im

Dachgebälk des Jägerhofes Kostbarkeiten getragen

werden, von deren Existenz bisher niemand wusste.

Nun könnte man sagen: Wer schon 25.000 Exponate

im Bestand hat und aus Platzgründen gerade

mal 15 Prozent davon zeigen kann, braucht keine

neuen Stücke. Die Sache ist nur: Die Volkskunst

Sachsens ist so lebendig und vielfältig wie die Menschen,

die in der Region lebten und leben und bis

heute stetig Neues schaffen. „Abgeschlossen wird

unsere Sammlung deshalb wohl nie sein“, konstatiert

Jenzen – zumal Volkskunst ein wirklich breites

Feld ist. Den Begriff erfand Oskar Seyffert, Professor

an der Kunstgewerbeschule Dresden, der Ende

des 19. Jahrhunderts die klassische Kunst in einer

Sackgasse sah. Er wollte sich an den „naiven,

aber beseelten Ausdrucksformen des kleinen Mannes“

orientieren. An den Figuren, die Bergmänner

schnitzten, den Trachten, die sorbische Frauen bestickten,

an den kleinen Kostbarkeiten aus Holz

oder Blech, die Amateure am Feierabend schufen.

Seyffert begann zu sammeln und gründete

1913 das Museum im ehemaligen kurfürstlichen

Jägerhof, zuletzt eine Kaserne. Seither lassen sich

dort kreative und kuriose Werke bestaunen, die

teils ziemlich geschickte, teils etwas naive Künstler

schufen. L’art pour l’art war Volkskunst jedoch

Direktor Igor Jenzen (u. li.)

lässt in den Ausstellungshallen

(u. re.) jedes Jahr 35 Weihnachtsbäume

schmücken –

„Tradition und Highlight in

unserem Haus". Besucher können

außerdem Volkskünstlern

bei der Arbeit zusehen oder

in Workshops testen, ob sie

selbst Talent haben. Um einen

Bergmann so perfekt wie den

im oberen Bild hinzubekommen,

braucht es aber viel davon.

www.skd.museum

nur selten, häufiger ein Mittel, um ein wenig Geld

dazuzuverdienen. Etwa für die Menschen aus dem

Erzgebirge; Jenzen zeigt hier am liebsten die alten

Arche-Noah-Sets, „eine Art frühes Playmobil,

das bis in die USA verkauft wurde“. Ein paar Vitrinen

weiter grüßt ein Engel mit weißen Punkten auf

grünen Flügeln. „Eine Schülerin Seyfferts drechselte

den 1914 für ihren Bruder an der Front“, erklärt

Jenzen. Grete Wendt hieß die Dame, ein Jahr später

gründete sie die Manufaktur Wendt & Kühn. Dieses

Jahr feiert die Firma ihr 100. Jubiläum – und

die Nachfolger der nur scheinbar naiven Schnitzerei

sind als Grünhainichener Engel weltberühmt.

Fotos: Sebastian Arlt


In der Mine des

weißen Goldes

ERLEBNISMARKT/MEISSEN

Als die Wissenschaftler von Kurfürst August

dem Starken als erste Europäer die Porzellanherstellung

entdeckten, war die Formel des

„weißen Goldes“ ein gut gehütetes Geheimnis.

Die Manufaktur, die 1710 ihre Arbeit

aufnahm, produzierte hinter den dicken Mauern

der Albrechtsburg, nichts sollte nach außen

dringen. Das hat sich gründlich geändert:

Heute lädt man in Meißen gern in die Schauwerkstatt

– und im Advent natürlich auch zum

Weihnachtsmarkt ein. Am 5. und 6. Dezember

lassen sich dort die verschiedensten Kostbarkeiten

aus sächsischen Manufakturen bestaunen,

vor allem natürlich die, die das Markenzeichen

mit den gekreuzten Schwertern tragen.

Dass deren Herstellung aber noch ähnlich

aufwändig betrieben wird wie vor 300 Jahren,

zeigt sich, wenn man bei einem Glühwein

die Porzellanmaler beobachtet: In mühevoller

Kleinarbeit bemalen sie weihnachtliche Figuren

– Linie für Linie, Strich für Strich.

www.meissen.com

15

Foto: Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen


Advent, Advenster, am Adventesten

16

DAS FEST DER LIEBE UND DIE MIT

IHM VERBUNDENEN TRADITIONEN

SIND DEN SACHSEN SO WICHTIG,

DASS SIE IMMER DIE BESTEN SEIN

WOLLEN. WEIHNACHTLICHE

REKORDE IM ÜBERBLICK

Riesenraucher

Der größte Räuchermann

der Welt steht, wie sollte es

anders sein, seit 2014 im

Spielzeugdorf Seiffen im

Erzgebirge. „Ehrenfried“, so

heißt der Koloss, sitzt zwar

genau genommen. Seine

5,12 Meter Größe und zwei

Tonnen Gewicht sind aber

trotzdem Weltspitze.

208 Millionen

Sultaninen

… kamen in den Teig, als

Bäcker 2013 für das 20. Stollenfest

ein Riesengebäck vorbereiteten.

Am Ende war der

Stollen 4,34 Meter lang und

4246 Kilo schwer – Weltrekord!

Die gigantomanischen

Backwerke sind übrigens Tradition

und kein moderner

Marketing-Gag: Schon 1730

ließ August der Starke einen

1,8-Tonnen-Stollen backen,

um die Gäste einer Truppenschau

zu versorgen.

Spielschule

Die Herstellung von Spielzeug

nehmen die Erzgebirgler

so ernst, dass die Kunst

des Schnitzens und Drehens

seit 1852 an einer eigenen

Schule gelehrt wird. Die

Holzspielzeugmacher- und

Drechslerschule Seiffen, wie

sie heute heißt, ist die einzige

in Deutschland – und wohl

die älteste weltweit.

Reise-Riesen

Im Herbst 2014 wurden

zehn XXL-Holzfiguren aus

Gahlenz im Erzgebirge auf

den Weg gebracht. Ihr Ziel:

die Bahamas. Die 2,40 Meter

langen und mit einer Polizeiuniform

bemalten Kerle

dürften die größten Traveller

unter den sächsischen Weihnachtsbotschaftern

sein.

Da gärt was

Wie viel Weile will Gutes

haben? In Pulsnitz, wo man

die besten Pfefferkuchen

macht, war man früher der

Meinung: sehr lange. Wenn

ein Bäcker einen Sohn bekam,

setzte er einen Teig an

und ließ ihn gären. Die erste

Hälfte bis zur Konfirmation,

die zweite bis zur Hochzeit

des Sohnes. Länger geht

wohl kaum.


Bogen-Battle

Beim Thema „Stadt mit dem

größten Schwibbogen“ geht

es ins Detail: In Gelenau

steht wohl der höchste der

Welt, allerdings angelehnt

an ein Gebäude. Den größten

begehbaren reklamiert

der Striezelmarkt in Dresden

für sich, den größten freistehenden

Johanngeorgenstadt.

Dass dort 1726 der allererste

Schwibbogen entzündet wurde,

ist zumindest unstrittig.

Gigantischer

Nussknacker

Von den mehr als 5500 Knackern

im Nussknackermuseum

von Neuhausen ragt

einer besonders hervor: Er

ist unglaubliche 10,10 Meter

hoch und damit nicht nur

der größte am Platz, sondern

auch der Welt.

In Paradeform

Glück auf, der Steiger kommt:

Nie erklingt das Lied kräftiger

als am 21. Dezember in

Annaberg-Buchholz, wenn es

1200 Bergmänner gemeinsam

mit bis zu 30.000 Zuschauern

anstimmen, bei der

größten Bergparade des Erzgebirges.

Heiße Idee

Er suchte ein Rezept gegen

Geldmangel und fand eines

gegen kalte Finger: Als der

Gutsbesitzer Raugraf von

Wackerbarth 1843 überlegte,

wie er mäßig schmeckenden

Wein durch Gewürze verbessern

und somit verkaufen

könnte, schrieb er das älteste

erhaltene Glühweinrezept

nieder. Vielleicht nicht der

Welt, aber immerhin ganz

sicher Mitteldeutschlands.

Lange Freude

Wer hat’s erfunden? Um den

Titel „Ältester Weihnachtsmarkt“

lässt sich streiten:

1434, also vor 581 Jahren,

gewährte der sächsische Kurfürst

ein Privileg für den

Verkauf, aus dem der Dresdner

Striezelmarkt werden

sollte. In Bautzen wird ein

vorweihnachtlicher Markt

schon 1384 erwähnt, nur

gibt es keine offizielle Urkunde.

Deshalb nennt man den

Wenzelsmarkt dort „den vermutlich

ältesten“.

Neun Gänge

Wurst, Kraut, Linsen, Klöße,

Gans, Kompott, Semmelmilch,

Rote Rüben, Brot und

Salz: Das „Neinerlaa“ aus

dem Erzgebirge ist das wohl

vielfältigste Festtagsessen,

das man sich einfallen lassen

kann. Zu allem Überfluss

variieren die Zutaten auch

noch von Dorf zu Dorf.

Internationale

Stars

Weihnachtsdeko für die

ganze Welt: Nachdem im

19. Jahrhundert ein Lehrer

seinen Schülern die Konstruktion

eines Papiersterns

als Hausaufgabe verordnet

hatte, verbreiteten sich die

Herrnhuter Sterne um den

Globus. Die von ihren Familien

getrennten Internatsschüler

schickten sie als Geschenke

an ihre Eltern, die in

den hintersten Winkeln des

Planeten für die Herrnhuter

Brüder-Unität missionierten.

Dreh dich!

Auch um den Titel der größten

Pyramide wird gerungen:

Der Dresdner Striezelmarkt

beansprucht die höchste

Erzgebirgspyramide für sich

(14,62 Meter), Johanngeorgenstadt

hält mit einer eher

modernen Stahl-Holz-

Konstruktion dagegen

(26 Meter).

17

Illustration: Gina Müller


Glühende Leidenschaft für gute Gerüche

DA WÄREN SELBST DIE HEILIGEN DREI KÖNIGE NEIDISCH: SEIT 1930

FERTIGT FAMILIE HUSS IM ERZGEBIRGE WEIHRAUCHKERZEN –

DIE MAN AUF KEINEN FALL RÄUCHERKERZEN NENNEN SOLLTE

18

Fotos: Sebastian Arlt; privat

Seinen ersten Arbeitslohn bekam Jürgen Huss vor

etwa einem halben Jahrhundert. Auf der Anrichte

in der Wohnküche lagen „zwei Ostmark, zwei Apfelsinen

aus ’nem Westpaket und Pulsnitzer Pfefferkuchen“

– für den kleinen Jürgen ein Schatz, ein

ganzes Jahr hatte er dem Opa dafür geholfen. Wie

viel sich seither in dieser Frage verändert hat, schildert

Huss’ Tochter Debora Köhler: „Unser Lohn

waren die Reisen, die wir mit den Eltern machen

durften“ – anstatt auf Apfelsinen aus dem Westpaket

zu warten, fuhr man dorthin, wo sie wachsen.

Gleichzeitig scheint sich das Erzgebirge nie zu

verändern. Wenn es hart auf hart kommt, denken

sich seine Bewohner etwas aus. Das war bei Jürgen

Huss’ Großvater so, der sich in den Krisenzeiten

Ende der 20er Jahre bei einem befreundeten Drogisten

ein paar gut riechende Stoffe besorgte, um

Duftkerzen für all die Räuchermänner zu ziehen,

die in der Gegend gedrechselt wurden. Und als Jürgen

Huss 60 Jahre später sein Schicksal nach der

Wende lieber in die eigenen Hände nehmen wollte,

machte er es wie der Großvater und produzierte in

der Karlsbader Straße in Neudorf Räucherkerzen –

wobei der heute 56-Jährige da sofort widerspricht.

„Wir machen keine Räucherkerzen, sondern ,Weihrichkarzle‘,

erzgebirgisch für Weihrauchkerzen.“

Was der Unterschied ist, zeigt Tochter Debora.

Die 30-Jährige ist im Familienunternehmen im

Vertrieb tätig. Wenn Gäste kommen, schnallt sie

sich aber auch mal die Schürze um und bittet in

die Schauwerkstatt. Hier sind Schalen mit Harzen,

Düften und Gewürzen aufgereiht, von denen sie

ein halbes oder ganzes Löffelchen in eine Schüssel

gibt. Vanillezucker, Benzoeharz, Zimt, Sandelholz

– und eben Weihrauch. Dazu kommt aufgekochte

Speisestärke und ein schwarzes Pulver, „Kohle

aus Buche oder Linde – die lässt unsere Karzle ganz

langsam verglühen“. Wegen der Kohle werden die

Kerzen so schwarz bleiben wie der Teig, den Debora

Köhler nun knetet. Die Räucherkerzen von den

drei Mitbewerbern aus dem Erzgebirge und namenlosen

Herstellern aus Fernost würden hingegen

oftmals auf der Basis von Holzmehl gemischt. Das

lasse die Räuchermännchen zwar stärker qualmen,

überdecke aber eben auch manchmal die Aromen.

Köhler knetet und knetet den Teig, „alle Harzkrümel

müssen zerdrückt werden“, dann rollt sie ihn

aus, schneidet ihn in Streifen und die wiederum

in kleine Dreiecke. „Schnuppern Sie mal“, sagt sie

und hält einem schwarze Pampe unter die Nase,

„riecht nach gar nichts, oder?“ Was für eine Weihrauchkerze

aber eher eine Auszeichnung sei als ein

Mangel. „So verriechen die Aromen auch nicht –

sie sind eingeschlossen, bis die Kerzen entzündet

werden.“

Während Debora Köhler nun die kleinen Dreiecke

zu Kegeln dreht, lässt sich ein Blick in die Stube

nebenan werfen. Mit dem alten Holzofen ist

sie in etwa so eingerichtet wie die, in der ihre Ur-


Stärke, Weihrauch, Benzoeharz, Zimt, Vanille

und noch mehr – in der Schauwerkstatt der

Firma Jürgen Huss in Neudorf stehen die Zutaten

für die Weihrichkarzle (li.) bereit. Je nach

gewünschter Duftrichtung werden sie mit Holzkohle

vermischt und nach ausgiebigem Kneten

erst zu kleinen Dreiecken geschnitten, dann zu

pyramidenförmigen Kerzen gedreht (re.).

großeltern mit dem Karzldrehen begannen. An der

Wand hängt ein Foto von damals, es zeigt die Familie

bei der Heimarbeit in Schwarz-Weiß, aufgenommen

vor ihrem alten Haus. Inzwischen hat

Huss das ehemalige Forsthaus von Neudorf dazugekauft

und umgebaut, hier befindet sich der Laden

und die Schauwerkstatt, in der Tochter Debora

nun die Karzle zum Trocknen in eine Schachtel

gibt. Kreuz und quer durcheinander, wichtig nur:

„Sie sollten liegen und nicht stehen.“

Die Weihrauchkerzen für den Verkauf fertigt Jürgen

Huss inzwischen in der Halle des Maschinenbauunternehmens,

das er auch noch aufgebaut

hat. Mit selbst konstruierten Apparaten; jedes Jahr

schaffe er so eine halbe Million Packungen – sein

Vater und sein Großvater kamen etwa auf ein Hundertstel.

Auch wenn die Menge viel größer ist, bis

heute produziert der Chef jede Kerze persönlich.

„Freitags zwischen vier und acht Uhr morgens ist

Karzlzeit.“ Und noch eine Sache ändert sich wohl

nie: Wenn Köhlers elfjährigen Zwillingen in den

Ferien langweilig ist, dürfen sie mithelfen, etwa

beim Verpacken. Wer weiß, vielleicht legt ihnen der

Opa ja am Jahresende etwas auf die Anrichte.

Jürgen Huss (li.) ist Tüftler

durch und durch, genießt

es aber, „beim Karzlmachen

einfach mal das Hirn auszuschalten

und die Hände

fleißig sein zu lassen“. Drei

seiner sechs Kinder arbeiten

heute im Betrieb, darunter

auch Tochter Debora Köhler

(Mi.), die nicht nur Kerzen in

der Schauwerkstatt dreht,

sondern auch gern mal eine

anzündet (re.).

www.juergen-huss.de

19


400 Mythen zu Aschenbrödel

DER WOHL SCHÖNSTE WEIHNACHTSFILM ENTSTAND IN SACHSEN –

SCHLOSS MORITZBURG FEIERT DAS MIT EINER NEUEN AUSSTELLUNG

Werden sich Aschenbrödel und der Prinz (li.)

bekommen – oder funkt die böse Stiefmutter

dazwischen (re.)? Das lässt sich im Märchenkino

im Schlossturm herausfinden, wenn

der Film im Rahmen der Ausstellung gezeigt

wird, beispielsweise am 29. November,

20. Dezember und 10. Januar.

www.schloss-moritzburg.de

20

Das Barockschloss (li.) liegt

15 Kilometer nördlich von

Dresden – einen schöneren

Arbeitsplatz als Ausstellungskuratorin

Margitta

Hensel (re.) kann man

eigentlich kaum haben.

Neues über Altbekanntes zu berichten, das ist immer

schwierig. Wie soll das erst bei einem Film gelingen,

der in schlechten Jahren 15-mal, in guten Jahren fast

30-mal im deutschen Fernsehen läuft? Den halb Europa

in Teilen auswendig mitsprechen kann?

Auf Schloss Moritzburg hat man sich trotzdem dieser

Aufgabe angenommen, das ist ja schließlich Ehrensache.

Denn seit ein tschechisch-deutsches Filmteam

1973 ein armes Bauernmädel einen Schuh auf der großen

Freitreppe verlieren ließ, ist Moritzburg für die

meisten Menschen eher das Schloss aus Drei Haselnüsse

für Aschenbrödel als das barocke Jagdschloss von August

dem Starken. „Wir sind in die Studios Babelsberg

und ins Filmarchiv Potsdam gefahren, haben Drehpläne,

Akten und Dokumente gewälzt und so die Entstehungsgeschichte

des Films noch einmal von Grund auf

neu aufgerollt“, erzählt Margitta Hensel, die sich auf

Schloss Moritzburg um Ausstellungen kümmert. Die

Ergebnisse sind von nun an in einer neuen Sammlung

zu sehen, die zwar kleiner ist als frühere Schauen zum

Film auf dem Schloss, „aber auch feiner“.

Neben der Filmgeschichte steht für die Besucher

das Erleben im Mittelpunkt. In drei Räumen können

sie, umgeben von Szenenbildern und Kulissen, direkt

in Aschenbrödels Welt eintauchen. Einige heimlich gehegte

Jugendträume dürften da in Erfüllung gehen,

auch wenn das historisch nicht ganz korrekt ist, wie

Hensel eingesteht. „Auf und um Moritzburg wurden

zwar sehr viele Außenaufnahmen gemacht – doch die

Bilder innen wurden alle im Studio gedreht.“

Warum der Film so erfolgreich wurde? Sicher weil

Regisseur Václav Vorlíček bei der Auswahl seiner Mitarbeiter

ein hervorragendes Händchen hatte, vom

Drehbuch über die Musik bis zu den Darstellern. Aber

es gibt auch noch eine andere Erklärung: „Das Mädchen

mit der bösen Stiefmutter scheint ein Urmythos

zu sein. Wir haben in verschiedensten Kulturen mehr

als 400 Märchen und Geschichten gefunden, die mit

Aschenbrödel korrespondieren.“ Das Thema scheint die

Menschheit zu bewegen, weltweit – und vor allem: alle

Jahre wieder, allein im Fernsehen bis zu 30-mal.

Fotos: Sebastian Arlt; Schlösserland Sachsen / Schloss Moritzburg und Fasanenschlösschen; DEFA-Stiftung


Fotos: Sebastian Arlt

Aus kleinem

Schuppen in die

große Welt

FRIEDERIKE CURLING-AUST

ZEIGT MIT IHREN FIGUREN

AUS HOLZ, DASS KUNST UND

TRADITIONSHANDWERK GUT

ZUSAMMENPASSEN

Große Kunst, so sagen manche, entsteht erst durch

die innere Zerrissenheit des Künstlers. Insofern

müsste außer Frage stehen, dass die Figuren von

Friederike Curling-Aust große Kunst sind – denn

seit sie diese drechselt, schnitzt und bemalt, steckt

sie in einem Zwiespalt. Denn die Radebeulerin

hat Malerei und Grafik studiert, aber unter ihren

Kommilitonen galt nur der etwas, der schwere

Kost fabrizierte, „Dinge eben, die betroffen machen

und unter die Haut gehen“. Und Friederike

Curling-Aust? Drechselte zu Hause zur Ablenkung

auch gern mal „Männel“, die klassischen Holzfiguren

aus dem Erzgebirge, die meist Engel und Bergmann

zeigen. „Auf der Akademie habe ich mich

kaum getraut zu sagen, dass mich die Herstellung

von so traditionellen Dingen beseelt und belebt“,

In einer langen Tradition

stehend und doch sehr

modern: Die Figuren von

Friederike Curling-Aust zieren

mittlerweile in vielen Ländern

die Regale von Sammlern und

Freunden Sachsens, jüngst

ging zum Beispiel ein Paket

nach Hanoi. Wer möchte, kann

die Männel auf dem Weihnachtsmarkt

des Weinguts

Aust in Radebeul bestaunen

und erwerben, in diesem

Jahr findet er am 28. und

29. November statt.

www.weingut-aust.de

erzählt sie. Heute sieht man die Figuren in einer

winzigen Bude beim kleinen Weihnachtsmarkt auf

dem Weingut des Bruders; die Künstlerin zeigt sie

inzwischen gern. „Je älter ich wurde, desto alberner

fand ich die strenge Trennung von Kunst und

Kunsthandwerk“, sagt sie. „An manchen Tagen

male ich und zermartere mir dabei meinen Kopf,

an anderen arbeiten meine Hände wie von selbst.“

​Ihr Drechselschuppen liegt nur 20 Meter vom

Verkaufsstand entfernt, einmal um ein Lagerfeuer

herum und ein paar Stufen hinauf. Hier hat Curling-Aust

schon als Kind an der Drehbank experimentiert;

ihr Vater, ein Restaurator und Architekt,

hatte das Anwesen zu DDR-Zeiten als Rückzugsraum

gekauft. Mit den Kindern und Freunden ging

er oft in die Werkstatt und bastelte dort kleine Welten,

in denen all der Witz, das Augenzwinkern und

die Ästhetik steckten, die er draußen vermisste.

Anders als damals sind die Tore des Gutes an

der Sächsischen Weinstraße heute weit offen: Bruder

Karl-Friedrich, der sich am Kölner Dom zum

Steinmetz ausbilden ließ, ist seit einigen Jahren

Winzer – und lädt gern ein, zum Beispiel zu dem

kleinen, aber sehr persönlichen Weihnachtsmarkt.

Auch die Figuren von Friederike Curling-Aust stehen

für diese Offenheit. In den Formen folgen sie

den traditionellen Mustern, in der Bemalung aber

nicht: „Ich mag Uniformen nicht, die sind mir zu

militaristisch. Meine Männel bekommen deshalb

keine Bergmannskluft, sondern auch schon mal alte

Turnanzüge oder Schwimmwesten.“ Und jedes

von ihnen ist ein Unikat – mit so was muss man

sich auch als Künstler nicht verstecken.

21


1 / AUFWÄRMEN Für Besucher des Spielzeugdorfs

Seiffen sind die festlichen Adventsmusiken

in der Bergkirche ein absoluter

Höhepunkt. Für Raphael (12), Leonie (12),

Nathanael (10), Lori (8) und Pia (11) heute

nur Vorspiel: „Uns zum Heiland erkoren /

Gottes Sohn, der heut’ geboren“, trällern sie,

dann geht es zum „Häusersingen“.

1

2 / UMZIEHEN Davor aber noch schnell

warme Unterhosen an und Mütze auf! Die

Zuhörer, die in langen Schlangen vor der

Kirche anstanden, hatten deren Innenraum

schön aufgeheizt. Wenn es jetzt aber von

Haus zu Haus geht, wird es ziemlich kalt –

spätestens wenn es dunkel wird.

3 / ANSCHALTEN Die Chöre, die durch

Dörfer und Städte ziehen, um die frohe Botschaft

zu verkünden, nennt man in Sachsen

„Kurrende“, das kommt vom lateinischen

Verb currere, also „laufen“. Früher sangen

bedürftige Schüler gegen Geld, heute singen

die Kinder, um Mitmenschen eine Freude

zu machen. Bevor es losgeht, knippst Pia

noch schnell den Stern an.

2

22

3

Die Kinderlein kommen!

EINE ALTE TRADITION WIRD IM ERZGEBIRGE

NOCH IMMER GELEBT: JUNGE CHORSÄNGER –

KURRENDE GENANNT – ZIEHEN VON HAUS ZU

HAUS UND BRINGEN DEN BEWOHNERN

WEIHNACHTSLIEDER DAR. DIE KINDER AUS

SEIFFEN LADEN SIE EIN: KOMMEN SIE MIT!

Fotos: Sebastian Arlt; LOOK-foto / Heinz Wohner


23

5

4

4 / KLINGELN „Wir laufen als Kurrende und frieren

an die Hände“, singen die Kinder, als sich die Tür des

ersten Wohnhauses öffnet. Das ist zwar grammatikalisch

nicht ganz korrekt und wegen der dicken

Handschuhe der fünf ein bisschen geschwindelt,

weil aber die nächsten Zeilen stimmen, bekommen

die Kinder Süßigkeiten als Belohnung: „Auch frier’n

wir an den Zeh’n, doch singen wir sehr schön.“

5 / SINGEN Etwa 20 Weihnachtslieder haben die

Seiffener Kurrende-Kinder drauf; welches sie singen,

entscheiden sie spontan. In der Gaststätte

Holzwurm geben sie gleich 20 Prozent ihres Repertoires

zum Besten – 4 Lieder.

6

6 / STÄRKEN Dafür gibt es dann aber auch Schnitzel

mit Pommes zur Belohnung, denn Singen macht

hungrig. Pia und Lori beißen in die Zitrone und –

Überraschung: „Iiiiih, ist das sauer!“ Der Schrei der

beiden ist fast noch höher als der höchste Ton von

Süßer die Glocken nie klingen.

7

7 / LEUCHTEN Figuren von Kurrende-Sängern sind

beliebte Weihnachtsdeko; zu ihnen gehört ein Miniaturmodell

der Bergkirche, die jetzt am Abend angestrahlt

ist. Mit seinem achteckigen Grundriss, der

eine vereinfachte Form der Dresdner Frauenkirche

darstellen soll, wurde das Gotteshaus zur Ikone.


8 / DOPEN Die fiese Adventskälte

kann schon mal auf die Stimme

schlagen. Gut dass die Mutter, die

den Trupp manchmal begleitet,

Bonbons dabei hat. Ganz normales

Süßzeug scheint das aber nicht

zu sein: „Kurrende-Droge!“, rufen

die Kinder mit vollem Mund – und

schieben schnell noch einen zweiten

Drops hinterher.

9 / RUMEIERN Häusersingen

macht mehr Spaß als Gottesdienste,

da sind sich die fünf einig. „So

können wir rumeiern und müssen

nicht still sitzen“, erklärt Lori.

Rumeiern bedeute, sich einfach

durch den Ort treiben zu lassen.

Wenn sich eine Haustür öffnet,

hofft Pia immer, dass auch ein

Hund seine Schnauze herausstreckt.

Den könne sie nach dem

Singen streicheln. Wenn keiner da

ist und es gleich weitergeht, wie

hier in der Pension, ist Nathanael

ganz froh: „Ich bin nicht so der Fan

von Kläffern“, gesteht er.

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8

9

10 11

10 / MITSINGEN Bei der nächsten

Station, einem Geschäft für

Weihnachtsdeko, singen die fünf

das Raachermannel-Lied. Die „inoffizielle

Hymne des Erzgebirges“,

erklärt Raphael. Der Mann hinter

dem Verkaufstresen jedenfalls

fällt sofort in den Gesang ein.

11 / DURCHHALTEN Nach drei

Stunden Marschieren, Singen und

Sternschleppen werden Hände

und Finger wirklich kalt. Und auch

wenn Pia das jetzt nicht zugeben

möchte: Die Augenlider werden

ebenfalls schon ein bisschen

schwer. Aber was sagt Leonie, die

Dienstälteste? „Die Straße hier

machen wir noch fertig, die Leute

warten doch auf uns!“

Fotos: Sebastian Arlt

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„Regressschreiber: Erzgebirgische Volkskunst/Ersatzteile“,

„Blaufarbenwerker: Glühwein“, „Bergältester: Allerlei

Süßkram“ – in Freiberg steht alles im Zeichen des

Bergbaus, und das bereits seit 850 Jahren, als die ersten

Silbervorkommen entdeckt wurden. Die Minen sind

heute erschöpft, vergessen hat man hier aber nichts:

Und darum prangt über jeder der 90 Buden, die vom

24. November bis zum 22. Dezember auf dem Obermarkt

stehen, ein solches Schild. Mit ihnen erinnert

die Stadt an all die Berufe, die ihr einst zu Reichtum

und Ansehen verhalfen. Dabei finden sich recht spezielle

Wahrheiten: Dass der Bergphysicus, also der Arzt,

die Pulsnitzer Pfefferkuchen mit den bekömmlichen

Gewürzen vertreibt, macht Sinn. Und wer

anders als der Bergälteste – also quasi der nette

Opa – könnte „allerlei Süßkram“ für die Kinder

bereithalten? www.freiberg-service.de

Süßkram

vom Bergältesten

CHRISTMARKT/

FREIBERG

25

Foto: imago / epd


26

„Fußball Anzug Real Madrid“ steht auf dem Wunschzettel des kleinen

Ayham (u. li.). Teure Originaltrikots zu besorgen ist dem Arbeitskreis (o. li.)

aber kaum möglich. Spielzeug konnte er jedoch jede Menge sammeln (u.)

– die Jesidin Kamla und Raju aus Myanmar müssen Marianne Hertel (Mi.)

gleich noch beim Einpacken helfen. www.kirche-werdau.de


Fotos: Sebastian Arlt

Fest der

Nächstenliebe

IN WERDAU SORGT EIN

ARBEITSKREIS DAFÜR, DASS

ES AUCH FÜR JENE EINE BE-

SCHERUNG GIBT, DIE ALLES

ZURÜCKLASSEN MUSSTEN

Kamla braucht einen Christbaum

– und Marianne Hertel

bittet ihre Mitstreiter, eine

Fichte im Garten zu fällen.

Marianne Hertel zu widersprechen ist gar nicht

so einfach. Man kann es zwar versuchen, so wie

Raju, der eigentlich gerade zurück ins Wohnheim

müsste, oder so wie Christfried, der nur

ganz kurz vorbeischauen wollte. Nur bringt es

nicht viel: „Ihr bleibt da“, ruft die 83-Jährige

und drückt die beiden zurück in ihre Sessel, „es

gibt später doch noch Kürbissuppe!“

Die siebzehnfache Groß- und zehnfache Urgroßmutter

weiß, dass sie recht durchsetzungsfähig

sein kann. Aber es dient ja einer guten Sache:

Seit einem Vierteljahrhundert ist Marianne

Hertel im Ökumenischen Arbeitskreis

für Asylbewerber,

Ausländer und Aussiedler in

Werdau am Rande des Erzgebirges

engagiert. Der hatte sich

gegründet, um den vietnamesischen

Arbeitern zu helfen, die

nach der Wende völlig hilflos

waren. Um so einen lockeren

Bund über eine so lange Zeit

zusammenzuhalten, braucht es

eben Entschlossenheit.

Dass einige Schlagzeilen zur

Flüchtlingsthematik, die in letzter

Zeit aus Sachsen dringen,

nicht gerade freundlich sind,

treibt Marianne Hertel um:

„Mir geht nicht in den Kopf“,

sagt sie, „warum man Menschen,

die so viel durchgemacht

haben, nicht erst einmal annehmen und fragen

kann: Wie können wir euch helfen?“ Und ihr

Mitstreiter Christfried Kattner kann selbst erzählen,

wie es sich anfühlt, Flüchtling zu sein: „Meine

Familie kam einst aus Breslau – mit nichts in

den Händen.“ Dass aber dumpfe Parolen in der

immer schneller werdenden Nachrichtenmühle

mehr Resonanz erzeugen als stille Arbeit wie

die des Arbeitskreises in Werdau, weiß Marianne

Hertel natürlich auch – nur ist sie viel zu bescheiden,

um sich darüber zu beschweren.

Und genau genommen hat sie auch gar keine

Zeit dazu: In den letzten Wochen hat sie unzählige

Wunschzettel bei den jungen Bewohnern

im Wohnheim für Asylbewerber und bei

den Familien verteilt, die in der Stadt in Wohnungen

leben. Zum Beispiel bei Kamla, einer

Jesidin, die mit ihren zwei Töchtern im Kindergartenalter

aus dem Irak geflohen ist. „Erzähl

doch, Kamla“, fordert Marianne Hertel

die Frau auf. Weil die aber ein wenig schüchtern

ist, schildert Hertel später selbst in knappen

Sätzen, was ihr Kamla erzählt hat. Über die

Bedrohung durch den „Islamischen Staat“, über

die Schwierigkeiten, wenn man nach langer

und komplizierter Flucht beim Asylverfahren

keine Geburtsurkunde vorweisen kann, über

die Probleme, die eine ihrer Töchter mit dem

Laufen hat.

Um solche Dinge wenigstens für kurze Zeit

in den Hintergrund treten zu lassen, organisiert

der Arbeitskreis jedes Jahr eine Weihnachtsfeier,

„nicht um den Flüchtlingen unsere Religion

auf die Nase zu drücken, sondern um ihnen

einfach ein paar schöne Stunden zu bereiten“.

Und weil für Kinder natürlich eine Bescherung

unter das Stichwort „Schöne Stunden“ fällt, hat

Marianne Hertel beim Austeilen

der Wunschzettel mal wieder die

Uhrzeit vergessen: „Meine Familie

hat mich zum Kaffee zurückerwartet

– um sechs Uhr abends hatte

ich aber noch nicht mal die Hälfte

meiner Tour geschafft!“

Die richtige Arbeit beginnt jedoch,

wenn die Zettel wieder eingesammelt

sind: Dann versucht

der Arbeitskreis die Wünsche zu

erfüllen, so gut es eben geht. Das

Budget ist dabei recht überschaubar,

1000 Euro steuert die Evangelisch-Lutherische

Landeskirche jedes

Jahr bei; den Rest müssen sie

woanders auftreiben.

Manchmal kommt die Hilfe

sogar von weit her: Als Hertels bei

Stuttgart lebende Schwester einen

Artikel über den Arbeitskreis in ihrer Kirchengemeinde

aufhängte, fuhr bald darauf ein Auto

vor, vollgepackt mit Puppen, Fußbällen und

Plüschtieren. Die warten jetzt in einem Zimmer

in Hertels Haus darauf, eingepackt zu werden –

Raju und Christfried werden wohl auch nach

der Suppe nicht gleich gehen dürfen.

IMPRESSUM

SachsenEs weihnachtet

als Beilage in der Welt am

Sonntag, der Süddeutschen

Zeitung, der Frankfurter

Allgemeinen Sonntagszeitung

und der ZEIT.

Herausgeber

Freistaat Sachsen

Sächsische Staatskanzlei

01095 Dresden

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Die Ideen des Herrn Wunderlich

EIN BÄCKER AUS DEM VOGTLAND SCHICKT SEINEN

STOLLEN TIEF UNTER DIE ERDE – UND IST SICH

SICHER: DER STOLLEN AUS DEM STOLLEN BEKOMMT

SO EIN GANZ EIGENES AROMA

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Roman Wunderlich

begutachtet seine

Stollen in der Grube

Tannenberg (o.). „Man

kann sie unter Tage

schon auf mehrere

Hundert Meter riechen“,

schwärmt er. Bevor sie

in den Verkauf gehen,

bekommen die Laibe

aber noch eine Schicht

Puderzucker (u.).

Scherze mit Namen verbieten sich eigentlich,

schließlich kann ja keiner etwas für seinen. Im

Falle von Roman Wunderlich darf man aber eine

Ausnahme machen: Zum einen haben seine Ideen

wirklich schon viele für ein wenig wunderlich gehalten

– bis sie eingestehen mussten, dass die Geistesblitze

des Mannes aus Markneukirchen im Vogtland

gar nicht so abwegig waren. Und zum anderen

hat er ja selbst einen großen Hang zum Wortspiel,

wenn er sich wieder etwas Neues überlegt.

Meistens haben diese Ideen etwas mit Stollen

zu tun. Kein Wunder, denn Wunderlich ist Bäcker

und führt einen Familienbetrieb mit 16 Filialen in

der dritten Generation; mit seinem Sohn steht die

vierte schon bereit. Stollen, das ist Wunderlichs

Passion und Paradedisziplin. Zunächst war da etwa

der Spitzenstollen. Bei dem der erste Teil des

Namens natürlich auf die Qualität Bezug nimmt,

„klaro“, da kann Wunderlich zu Recht ganz unbescheiden

sein. Mit „Spitze“ war aber auch die feine

vogtländische Häkelware gemeint, die als Plauener

Spitze weltberühmt wurde – denn der Spitzenstollen

wird eingeschlagen in ein kleines Deckchen verkauft,

das beim Servieren als dekorative Unterlage

dient. Und dann ist da der Grubenstollen. Also ein

Stollen, der in einem Stollen reift – und dadurch

wirklich zu etwas Einzigartigem wird, wie der Bäcker

wieder und wieder versichert.

Dass Roman Wunderlich stetig solche Ideen

entwickelt, liegt vielleicht daran, dass er Vogtländer

ist, also aus dem südwestlichen Eck des Freistaates

stammt. „Wer von hier kommt und den Mund

aufmacht, wird im Norden für einen Franken gehalten

und im Süden für einen Paradesachsen“, erklärt

er – und tatsächlich, da klingen beide Idiome

durch. Und das sei nur ein Beispiel. Manchen ist

Fotos: Sebastian Arlt; picture alliance / dpa / Hendrik Schmidt; imago / epd


Wunderlich verkauft die Stollen nur in

seinen Filialen und im Netz: „Supermärkte

beliefern wir nicht, da könnten wir die Qualität

nicht halten.“ www.grubenstollen.de

vielleicht noch der Musikinstrumentenbau ein Begriff.

„Aber sonst? Stehen wir im Schatten der Dresdener

und der Erzgebirgler, und wir müssen uns

etwas einfallen lassen, um aufzufallen.“ Vor allem

gelte das in Sachen Weihnachtsgebäck: Der Vogtlandstollen

sei keinen Deut schlechter als der berühmte

Dresdner Striezel, macht Wunderlich klar,

ganz im Gegenteil: „Er ist perfekt: saftig, aber nicht

teigig, und in der Würzung so ausgewogen, dass er

ein Bouquet entfaltet wie ein guter Wein.“

Was das richtige Stichwort ist: Auf einem Betriebsausflug

in den Weinkeller des Sächsischen

Staatsweinguts Schloss Wackerbarth kam Wunderlich

auf die Idee, dass seinem Stollen ein ähnliches

Klima auch guttäte, um zu reifen. „Nach dem

Backen muss ein Stollen mindestens vier Wochen

ruhen, damit sich die Aromen der Gewürze mischen“,

erklärt der Bäcker. Die Großmütter, die

ihre Stollen bis heute um den ersten Advent herum

backen, würden die Laibe deshalb bis Heiligabend

auf dem Speicher lagern, in Kisten auf dem

Schrank oder unterm Bett im Schlafzimmer. Und

da in einem Stollen das Klima konstanter ist als auf

dem Speicher oder unter dem Bett, müssten die

Vogtlandstollen dort eigentlich noch besser werden.

Roman Wunderlich spricht mit einem Bekannten

darüber, der im nahe gelegenen Schaubergwerk

Tannenberg arbeitet. Gemeinsam suchen die beiden

einen Gang, in dem es nicht tropft und in dem

genug Luftzug herrscht, damit das Gebäck nicht

schimmelt. Dann bringen sie die erste Fuhre gut einen

Kilometer tief in den Schacht, in Holzkisten.

Fehler! „Nach vier Wochen haben die Stollen geschmeckt,

als würde man in einen Baum hineinbeißen

– die haben komplett den Geruch des Holzes

angenommen.“ Trotz des Rückschlags weiß Wunderlich

nun eines: Da unten, wo die Temperatur

konstant zwischen 3 und 5 Grad liegt und die Luftfeuchtigkeit

bei steten 93 Prozent, ist in Sachen

Aroma viel möglich.

Bei den nächsten Versuchen nimmt Wunderlich

erst Körbe, dann Pappkisten. Schließlich landet

er bei Plastikkisten, in die er Luftlöcher gebohrt

hat. Jetzt ist er zufrieden; von nun an fahren seine

Arbeiter jeden September bis zu 5000 Laibe mit einem

eigens angeschafften Höhlenfahrzeug in den

Berg. „Wir nehmen genau dieselben Zutaten wie

für unseren normalen Stollen“, sagt Roman Wunderlich,

„doch die Gewürze verbinden sich dort

unten auf wirklich wunderliche Weise.“ Ob dieses

Wortspiel gerade beabsichtigt war?

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Dieser Markt ist ziemlich Spitze – und das

auf vielfältige Art. Man findet Tischdecken

und Untersetzer, aber auch Mode und sogar

Schwibbögen aus den filigran gestickten

Stoffornamenten. Kein Zufall, hier im Vogtland

wurden die Techniken zur Herstellung

der Stickware entschieden weiterentwickelt

und „Plauener Spitze“ in der Folge zu einem

weltweit geschützten Markenbegriff. Der

Weihnachtsmarkt findet seit mehr als

300 Jahren statt. 2015 beherrscht die Vorfreude

aufs Fest den Altmarkt vor dem historischen

Rathaus vom 24. November bis

zum 21. Dezember. Und natürlich gibt es

hier nicht nur Spitze: An den Buden mit

Glühwein und Leckereien verweilen die

Plauener bis weit in die Dämmerung.

www.plauen.de

Vorfreude

im Vogtland

WEIHNACHTSMARKT/

PLAUEN

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Foto: huber-images.de / Gräfenhain


Märkte und Feste

SIE BRAUCHEN NOCH MEHR ANREGUNGEN FÜR EINEN

ADVENTSAUSFLUG NACH SACHSEN? BITTESCHÖN!

Fotos: Sylvio Dittrich, dresden-fotografie; Tobias Schilling; ddp images / Tilo Grellmann; BUR Werbeagentur GmbH

27.11.–23.12. | CHEMNITZ

Weihnachtsmarkt

Die riesige Spieldose, die lebensgroßen

Bergmann- und

Engelfiguren sowie die Pyramide

(o.) muss man zwischen

den über 200 Ständen rund um

das Chemnitzer Rathaus erst

mal entdecken, so groß ist der

Markt. Den mit 800 Lichtern

geschmückten Weihnachtsbaum

entdeckt man hingegen sofort.

www.chemnitz.de

5.12. | DRESDEN

22. Stollenfest

Pflichttermin für Liebhaber des

Traditionsgebäcks: Nach einem

festlichen Umzug mit mehr als

500 Teilnehmern schneiden

Dresdens Bäcker ihren mehrere

Tonnen schweren Stollen auf

dem berühmten Striezelmarkt

an – wer da nichts abbekommt,

macht wohl schon Winterschlaf.

www.dresdnerstollenfest.de

4.–13.12. | SCHWARZENBERG

Weihnachtsmarkt

Der Weg hinauf in die Schwarzenberger

Altstadt ist steil –

doch er lohnt sich: Die historischen

Fassaden der Bürgerhäuser

und die Mauern der Burg bilden

die perfekte Umrahmung für

einen der stimmungsvollsten

Märkte im Erzgebirge, der schon

seit 480 Jahren stattfindet. Höhepunkt

ist die große Bergparade

am 12. Dezember.

www.schwarzenberg.de

Ab sofort können

Sie auch mit einer

App das Weihnachtsland

Sachsen

kennenlernen: „X-MAS

SACHSEN“ steht für Sie zum

kostenfreien Download bereit –

für Android-Smartphones im

Google Play Store und für

iPhones im App Store.

24.11.–23.12. | LEIPZIG

Weihnachtsmarkt

Familien schätzen den Markt

wegen seiner Kinderfreundlichkeit

und dem großen Rahmenprogramm.

Kulturbeflissene

lauschen, wenn die traditionellen

Posaunenbläser auf dem

Rathausbalkon spielen. Und

wer hoch hinaus will, steigt ins

38 Meter hohe Riesenrad.

www.leipzigerweihnachtsmarkt.de

28.11.–20.12. | FESTUNG

KÖNIGSTEIN

Historisch-romantischer

Weihnachtsmarkt

Den Weihnachtsmarkt hoch

über dem Elbtal erreicht man

am besten mit dem Aufzug – an

den Adventswochenenden geht

es hier aber weniger modern zu,

fahrendes Volk und Vertreter alter

Handwerkskünste entführen

in die Vergangenheit (u.).

www.festung-koenigstein.de

27.11.–20.12. | BAUTZEN

630. Wenzelsmarkt

Vielleicht der älteste Deutschlands

(siehe S. 17), ganz sicher

aber einer der stimmungsvollsten:

Auf dem nach König Wenzel

IV. (1361–1419) benannten

Markt in der Altstadt (o.) lässt

es sich angenehm nach kleinen

Geschenken stöbern – und natürlich

eine Bratwurst essen.

Unbedingt empfehlenswert, vor

allem wegen des Senfes, denn

der kommt von hier.

www.bautzen.de

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GEWINNSPIEL

Ein Stückchen Sachsen für Ihren Weihnachtsbaum – nein, gleich zwei!

Wer beantworten kann, seit wann die Staatliche Porzellan-Manufaktur

in Meißen schon feinste Kostbarkeiten produziert, kann

mit etwas Glück ein Paar exquisite Christbaumkugeln aus

Meißner Porzellan gewinnen. Die hochwertigen Sammlerstücke

werden aus flüssigem Porzellan gegossen und dann im Biskuitbrand-Verfahren

gefertigt, die Motive wechseln in jedem Jahr. Schicken

Sie eine frankier te Postkarte mit der Lösung an: Redaktion Weihnachtsland,

c/o Ketchum Pleon, Goetheallee 23, 01309 Dresden. Oder senden

Sie eine E-Mail an: gewinnen@so-geht-saechsisch.de. Unter

allen Einsendungen wird der Gewinner ausgelost. Ein kleiner Tipp:

Die Lösung ist im Heft zu finden. Viel Glück!

Teilnehmen darf jede natürliche Person außer Mitarbeiter der Sächsischen Staatsregierung sowie deren Angehörige. Personenbezogene Daten werden nicht an Dritte weitergegeben, ausschließlich für den genannten

Zweck genutzt und anschließend gelöscht. Einsendeschluss: 12.12.2015. Der Gewinner wird schriftlich benachrichtigt. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.


WIR MACHEN WELTSTARS.

OHNE CASTINGSHOWS.

WIRSACHSEN LIEBEN DIEKÜNSTEUND DIEKULTUR: DerLeipziger Thomanerchor

und der Dresdner Kreuzchor –gleich zwei der berühmtesten Knabenchöre der

Welt sind in SachsenzuHause. Aufder sächsischen Notenspur reihen sich Musikgenies

wieBach, Mendelssohn,Schumann und Wagner aneinander.Klangkörperwie das

Leipziger Gewandhausorchesterund dieSächsischeStaatskapelle begeistern Musikliebhaberauf

derganzenWeltund in derHeimat. DieWeihnachtszeitist füruns

auch musikalisch einerder Höhepunkte desJahres.

www.so-geht-sächsisch.de

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