Die Geschichte in die Eigenen Hände nehmen

rev.aufbau

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Inhalt

Einleitung 5

Leonie Kascher

Die Konferenz zu Zimmerwald und ihre Bedeutung 9

Leonie Kascher und das Erbe von Zimmerwald 17

Anhang; Manifest der Kommunistischen Partei Schweiz 32

Revolutionärer Aufbau Schweiz,

AG Klassenkampf, Herbst 2015

Postfach 8663 8036 Zürich

Email: info@aufbau.org

Internet: www.aufbau.org

Aufbau Vertrieb Zürich: An- und Verkauf proletarischer

und kommunistischer Literatur,

Kanonengasse 35 (im Hinterhaus, Eisentreppe),

geöffnet jeden Samstag von 12 bis 17 Uhr.

Einführung : Lenin und Clausewitz 37

Erster Teil : Die Kriegstheorie 39

Zweiter Teil : Imperialistischer Krieg und Befreiungskrieg 45

Dritter Teil : Krieg und Revolution 51

Vierter Teil : Der revolutionäre Krieg 57

Lenin und der Krieg


Einleitung

Diese Broschüre ist anlässlich der Kampagne zum

100-jährigen Jubiläum der Konferenz von Zimmerwald

entstanden. Sie ist einerseits ein Ausdruck der

Konfrontation mit der eigenen, revolutionären Geschichte,

andererseits greift sie die höchst aktuelle

Bruchlinie zwischen Reformismus und Revolution

auf, welche heute, wie vor 100 Jahren, von grösster Bedeutung

ist.

Der erste Teil der Broschüre zeigt die inhaltliche Debatte

auf, welche an der Zimmerwalder Konferenz

geführt wurde. Zudem widmet er sich der Bedeutung

der Zimmerwalder Konferenz für die damalige revolutionäre

Linke und er konkretisiert Fragen, die bis

in die Gegenwart reichen. Die Beschäftigung mit der

eigenen Geschichte ist zentral, denn die Geschichte

ist ein weiteres gesellschaftliches Feld, wo „eindeutige“

Interpretationen von oben diktiert werden. „Die

Geschichte in die eigenen Hände nehmen“ bedeutet,

in diesem Kampffeld zu agieren, denn Geschichte ist

nicht nur das, was gestern war, sondern dient den

Herrschenden viel zu oft der Legitimation gegenwärtiger

Politik. Geschichtsbewusstsein entwickeln bedeutet

demnach, sich nicht nur mit der Vergangenheit zu

beschäftigen, sondern auch mit dem, was weiterwirkt

und damit, wie sich das aktuelle politische Geschehen

konstituiert.

Der zweite Teil hat die Auseinandersetzung mit Leonie

Kascher zur Grundlage. Sie, die in die Schweiz

immigrierte Studentin aus Polen, war nach 1916

massgeblich an der revolutionären Organisierung in

der Schweiz beteiligt und war tragend für die Positionsfindung

jener Gruppen, die sich zur Kommunistischen

Partei der Schweiz (KPS) zusammengeschlossen

haben. Ihre Person ist wichtig, weil sich an ihrer

eigenen politischen Geschichte der Einfluss der Zimmerwalder

Konferenz auf die Revolutionärinnen und

Revolutionäre nachzeichnen lässt. Lange haben wir

in Archiven und Bibliotheken der Schweiz, von Polen

und Russland sowie in den Privatarchiven der Angehörigen

Leonie Kaschers nach Dokumenten gesucht

und einiges zusammengetragen. Zentraler Bestandteil

der Quellensammlung ist Kaschers Autobiographie,

die wir vom Russischen ins Deutsche übersetzt haben.

Anhand dieser und anderer Schriften konnten wir die

Beteiligung Kaschers an der revolutionären Organisierung

präzise nachzeichnen und können sie nochmals

zu Wort kommen lassen, in dem wir ihre Beobachtungen

und Interpretation der Geschehnisse in unsere

Aufarbeitung der historischen Erzählung integrieren.

Der dritte Teil der Broschüre, ein Gastbeitrag von T.

Derbent, befasst sich mit einem weiteren, zentralen

Inhalt der Zimmerwalder Konferenz: Dem imperialistischen

Krieg. Es wird im Beitrag aufgezeigt, wie

damals die Zimmerwalder Linke hinter den Erscheinungen

der kapitalistischen Krise und des imperialistischen

Krieges die Tendenzen zu einer revolutionären

Veränderung erkannten. Lenin hatte bereits 1905 erkannt,

dass der Massenstreik als Waffe nicht ausreicht

und sich intensiv mit dem Krieg, mit dem Kriegstheoretiker

Clausewitz und mit revolutionären Kriegsformen

auseinandergesetzt. Im dritten Teil der Broschüre

wird diese Thematik vertieft.

Und heute? Wie sind die ökonomischen Theorien des

Imperialismus, die eine ganze Epoche kennzeichnen,

mit den heutigen politischen Ereignissen verknüpft?

Sind die immer häufiger werdenden imperialistischen

Kriege noch episodisch oder sind Anzeichen eines

„grossen“ Krieges zwischen den imperialistischen

Mächten auszumachen? Ist mit dem Erstarken reaktionärer

Kräfte das Herannahen einer neuen Entwicklung

des Imperialismus verbunden? Und, für uns

zentral, welche Kampfmethoden stehen in dieser Situation

für die KommunistInnen zur Debatte?

Um diese Kernfragen geht es in allen drei Beiträgen.

Selbst in Momenten reaktionärster Verwerfungen und

einer scheinbar unerschütterlichen kapitalistischen

Gesellschaft gibt es Möglichkeiten, die Aktualität des

revolutionären Prozesses als Massstab des politischen

Handelns zu bestimmen. Nicht in dem Sinne, dass die

sozialistische Revolution jederzeit zu verwirklichen

sei. Auch wenn seitens der proletarischen Kräfte fundamentale

Veränderungen stattgefunden haben, geht

es um den Grundton der andauernden imperialistischen

Epoche. Es gibt nicht die Wahl zwischen Krieg

und Frieden, sondern die Wahl zwischen dem imperialistischen

Krieg und dem revolutionären Krieg gegen

den Krieg!

Nehmen wir die Geschichte in die eigenen Hände!

Revolutionärer Aufbau Schweiz,

Herbst 2015

Anmerkung: Alle Zitate, sofern nicht anders notiert,

entstammen der Autobiographie von Leonie Kascher.

Diese ist auf Deutsch wie Russisch bei uns einsehbar.

Mail an: info@aufbau.org

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Die Konferenz zu Zimmerwald und ihre Bedeutung

1. Von fortwirkender Vergangenheit

Wer der Geschichte der revolutionären

ArbeiterInnenbewegung nachgeht, betritt ein

Terrain, das nicht nur von Zurückgebliebenem,

sondern auch von Weiterwirkendem besetzt ist. Die

Wahrnehmung und Deutung dieser Vergangenheit

bildet den historisch begründeten Ausgangspunkt für

den revolutionären Prozess der Gegenwart. Sowohl

Handlungsmöglichkeiten als auch perspektivische

politische Ziele werden daraus abgeleitet. Allerdings

findet die Produktion dieser kollektiven Prozesse

inmitten der Klassenauseinandersetzungen statt, in

einem Raum ständiger Kämpfe um das kollektive

Gedächtnis. Dieser Kampf um die Geschichte ist

daher eine bedeutende Machtfrage. Die historische

Deutungsmacht der Herrschenden dient der

Legitimation ihrer Politik. Für die Bourgeoisie,

in allen ihren Entschlüssen und Massnahmen

richtungsgebend, ist ausschliesslich der Standpunkt

ihrer Interessen, des Erfolges, der ökonomischen

Zwänge, sprich der Kapitalakkumulation. Getrieben

durch die Gier nach schnellem konkretem Erfolg,

kann sie sich keine durch den historischen

Standpunkt geforderte Einschätzung leisten, die

über die unmittelbaren Notwendigkeiten hinaus

gehen.

Historisches Bewusstsein benennt die Vergangenheit

so, dass in der Analyse der Geschichte zugleich ihre

Funktion für den aktuellen Kampf sichtbar wird.

Mit anderen Worten, dass sich historische Kritik in

kritische revolutionäre Praxis verwandelt.

Die Aneignung der Vergangenheit des proletarischen

Klassenkampfes leistet insofern Sinnbildung, als

sie hilft, die Gegenwart als historisches Moment

der Entwicklung von Klassenkämpfen zu begreifen;

Identitätsfindung, da sie die revolutionären

Traditionen der ArbeiterInnenklasse ins Heute

vermittelt; und Lernmöglichkeiten, weil sie hilft,

die aktuelle Etappe des revolutionären Prozesses zu

bestimmen.

2. Für einen marxistischen Revolutionsbegriff

Die Herrschenden sind bestrebt, den

Revolutionsbegriff total zu verwässern, aktuell

wie historisch. Mit Blick auf die momentane

gesellschaftliche Situation ist der grosse Stellenwert

der Geschichte als politische Waffe offensichtlich.

Die Aufrechterhaltung, beziehungsweise die

Revision eines revolutionären, identitätsstiftenden

Geschichtsnarrativs erzielt in Phasen des

reaktionären Aufschwungs für den revolutionären

Prozess eine besonders weit reichende Wirkung. Es

geht in solchen Phasen auch um die emanzipative

und progressive Veränderung der kapitalistischen

Gesellschaft, um ihren sozialistischen Gehalt, und

das ist ohne Revolution, ohne Zerschlagung des

Kapitalismus, nicht zu haben. Reformen, seien sie

noch so „radikal“, verändern die gesellschaftlichen

Verhältnisse nicht, sondern zementieren sie noch

fester.

Der tiefe, historische Sinn der Revolutionen ist,

dass ihre von Zeit zu Zeit stattfindenden Ausbrüche

je einen Abschluss einer Phase des Klassenkampfes,

beziehungsweise den Übergang einer

Gesellschaftsformation in eine andere bedeuten.

Wenn die herrschende Geschichtsschreibung

dies aus den Erfahrungen der Vergangenheit

ausmerzt, so geschieht dies aus demselben Grund,

aus welchem sie auch aus der Politik dieselben

Erscheinungen ausmerzt, verschweigt oder leugnen

möchte. Und sogar dort, wo es für sie unumgänglich

wird, aus revolutionären Ereignissen die Lehre

zu ziehen, ist sie bestrebt, die Revolutionen als

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Ausnahmen, als Verirrungen, als historische

3. Ein Ausgangspunkt in Zimmerwald

masslos enttäuscht waren, wie ein Magnet. Die

Verzerrung des Kommunismus, kaum vorstellen,

Erkrankungen, als hie und da vorgekommene,

Weltrevolution hatte einen Mittelpunkt, und

wie der Geist internationaler Solidarität, der

aber nie wieder zurückkehrende, ausserordentliche

Eine zentrale Rolle bei der Konstituierung einer

bald begann sich das organisierte revolutionäre

Wille und die Fähigkeiten der russischen, aber

Ereignisse hinzustellen. Vor allem aber hütet

internationalen sozialistischen Opposition

Proletariat um diesen Fixpunkt zu scharen.

auch der ungarischen, deutschen, finnischen,

sie sich, die Revolutionen, die nicht nur keine

gegen den imperialistischen Krieg spielten

Die Entstehung der Komintern verlieh dem

italienischen und anderen Revolutionäre, ihre

historischen Ausnahmefälle, sondern eine alleinige

die Konferenzen von Zimmerwald (5. bis 8.

revolutionären Prozess wichtige Impulse. Die

äusserst kultivierten Analysen, ihre revolutionäre

Gesetzmässigkeit sind, mit gesellschaftlichen

September 1915), Kiental (24. bis 30. April 1916)

der Gründung folgende Periode war durch

Bescheidenheit und Herzlichkeit in den breiten

Kämpfen, mit Klassengegensätzen, mit dem

und schliesslich Stockholm (September 1917).

grosse revolutionäre Erfolge gekennzeichnet:

Massen Respekt und Kampfbereitschaft hervorrief.

unausgesetzten Kampf zwischen Unterdrückern

Die grosse Bedeutung der Konferenzen für

Die Ausrufung der ungarischen und bayerischen

Ohne diesen gegenseitigen Austausch von

und Unterdrückten, Ausbeutern und Ausgebeuteten

die ArbeiterInnenbewegung liegt allerdings in

Räterepublik und die Gründung kommunistischer

Erfahrungen und Impulsen, ohne eine unmittelbare

in irgendeinen Zusammenhang zu bringen.

der Ausdifferenzierung der unterschiedlichen

Parteien in vielen Ländern der ganzen Welt.

Orientierung am revolutionären Russland,

Positionen innerhalb der Sozialdemokratie, die

wären die revolutionären Erhebungen und die

Die Interpretation der internationalen

letztendlich die Gründung der Kommunistischen

Auch aus der Sichtweise des gegenwärtigen

Gründungen kommunistischer Parteien in fast allen

sozialistischen Antikriegsbewegung 1915 als

Internationale 1919 ermöglichte.

revolutionären Prozesses dient die Gründungszeit

Ländern Europas, und damit die Entstehung der

„Friedensbewegung“ durch die Sozialdemokraten,

der Kommunistischen Internationale nach wie vor

Kommunistischen Internationale, kaum möglich

entspricht ihrer damaligen wie aktuellen

Lenin und Radek legten der Konferenz eine

als Orientierung. Zugleich drängt sich die Frage

gewesen.

heuchlerischen Politik: Unterstützung der

Resolution vor, in welcher der Krieg als

auf, wie dieses revolutionäre Klassenbewusstsein

Kriegskredite 1914 damals, Mittragen der meisten

imperialistischen Militärinterventionen heute. Ist

imperialistisch bezeichnet wurde und die meisten

Führer der alten Internationale als Opportunisten

entstehen konnte, diese Atmosphäre der

proletarischen Solidarität? Waren es die objektiven

5. Imperialistischer Krieg

damit „sozialistische Friedenspolitik“ gemeint, wie

die SP zu „100 Jahre Zimmerwalder Konferenz“

schreibt?

Zwar akzeptieren Reformisten verschiedener

Schattierungen rückwirkend die Theorie des

Klassenkampfes und den Gedanken der sozialen

Gesetzmässigkeit der Revolutionen. Revolutionen

aller Art werden akzeptiert: Je weiter geografisch

entfernt um so besser, nur nicht als etwas

Aktuelles hier. Diese zeitliche, allenfalls auch

örtliche Verschiebung der Revolutionen, sowohl

nach rückwärts wie nach vorwärts, hat zur Folge,

dass jede Realität der Klassenkämpfe und der

Revolutionen letztlich negiert wird. Bei dieser

Auffassung hört die Geschichte auf, das Ergebnis

von Erfahrungen zu sein, welche für das wirkliche

Leben richtunggebend sind. Stattdessen wird sie zur

Geschichte, in welcher Revolutionen als exotische

Legende dargestellt werden: Ein „Marxismus“ also,

der sich auf die Vergangenheit und die Zukunft

bezieht, die Gegenwart aber elegant aussen vor lässt.

kritisierte, die „das Proletariat dem Imperialismus

ausgeliefert“ hätten.

Aufgabe der sozialistischen Parteien sei es, das

Proletariat zum „revolutionären Kampf gegen die

kapitalistischen Regierungen um die Eroberung

der politischen Macht, zwecks sozialistischer

Organisation der Gesellschaft“ zu führen. Auch

wenn diese Position der Bolschewiki mit 12 zu

19 Stimmen abgelehnt wurde, entstand auf dieser

politischen Grundlage die Zimmerwalder Linke,

auf die wir uns beziehen. Die Neuformierung der

revolutionären Marxisten führte über die russische

Revolution und den Aufständen in Europa

zur Gründung der Kommunistischen Parteien

und schliesslich zur Dritten Kommunistischen

Internationale.

4. Eine revolutionäre Internationale als Ziel

Die Gründungsproklamation der Dritten

Internationale im März 1919 wirkte im Chaos der

Nachkriegszeit auf alle revolutionären Kräfte, die

von der reformistischen Zweiten Internationale

Verhältnisse, die Erfahrungen des Krieges, in dem

Millionen von Arbeitern massakriert wurden, die

riesige Arbeitslosigkeit, die brutale Ausbeutung

durch die Kapitalisten? Sicher, revolutionäres

Klassenbewusstsein entwickelt sich aus den

gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber nicht nur

und schon gar nicht geradlinig. Es ist vielmehr an

eine subjektive Eigendynamik gebunden, an eine

Kette von subjektiven, kämpferischen und teilweise

erfolgreichen Erfahrungen, in der jedes Glied das

andere antreibt, beeinflusst und Orientierung bietet.

In der Reihe der historischen Ereignisse, die die

Gründung der Dritten Internationale beeinflussten,

steht die Oktoberrevolution an erster Stelle. Die

Tatsache, dass ArbeiterInnen und Bauern mit der

Waffe in der Hand eine bürgerliche Regierung

gestürzt hatten und eine revolutionäre Macht

aufbauten, löste in der revolutionären Bewegung

eine riesige Begeisterung aus. Diese Realität weckte

bei den ArbeiterInnen nicht nur Solidarität, sondern

spornte zur Nachahmung an. Wir können uns

heute, nach der dogmatischen und reformistischen

Zu den wichtigsten objektiven Gründen, welche

die revolutionäre Welle 1917 auslöste, zählt der 1.

Imperialistische Krieg von 1914 bis 1918. Dieser

Krieg war mit den vorhergegangenen Kriegen nicht

zu vergleichen. Nicht nur seiner Weltdimension

und seiner verheerenden Zerstörung von

Menschenleben wegen. Zum ersten Mal stiessen

in einem Krieg Massenarmeen aus Arbeitern

und Bauern aufeinander. Aufgehetzt durch

nationalistischen Hass wurden die Massen von

einer reaktionären Gewalt in ihrer schlimmsten

Form erfasst – töten und getötet werden. Das Elend

in den Schützengräben setzte bei vielen Arbeitern

einen Denk- und Erkenntnisprozess in Gang: Wer

profitiert von diesem Krieg?

Die Vorstellungen der meisten Sozialisten von der

Revolution der Vorkriegszeit waren schon lange

im reformistischen Sumpf untergegangen. Erst

durch den Weltkrieg entwickelte sich die Krise in

eine revolutionäre Situation, welche die russische

Revolution und die Klassenkämpfe in Europa

ermöglichte. Viele Arbeiter wurden durch den

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Krieg auf den bewaffneten Aufstand vorbereitet

erforderlich, das Proletariat zu bewaffnen und

multinationalen Konzernen um die Neuaufteilung

für die Landesverteidigung und die Verstärkung

und die vielen Kriegsgefangenen in Russland

einen Block des revolutionären Proletariats mit

der Welt gekennzeichnet, was zu bald verdeckten,

der nationalen Armee einsetzten und somit

wurden durch die Bolschewiki für den Kampf in

den Ländern der siegreichen Revolution zu bilden.

bald offenen imperialistischen Kriegen führt.

die Interessen der Herrschenden vertraten. Die

ihren Heimatländern politisiert.

• Zweitens, die zunehmende

Zentristen, wie vor allem Robert Grimm einer war,

6. Reform versus Revolution

7. Die Praxis der Zimmerwalder Linken auf der

Strasse im November 1917 in Zürich

Ungleichmässigkeit der ökonomischen

Entwicklung der einzelnen kapitalistischen Länder

macht die abhängigen Länder zum Spielball der

vereinigten linke Erklärungen mit einer rechten

Praxis und wurden wegen ihres Opportunismus

von den Linken besonders scharf bekämpft.

Am Ende des Jahres 1918 wurden die

Bemühungen zur Gründung der Kommunistischen

Internationale (Komintern) erheblich intensiviert.

Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei

Russlands (Bolschewiki) erliess am 24. Dezember

den ersten radiotelegraphischen Appell an die

internationale revolutionäre Bewegung, auch als

Reaktion auf die Einberufung der internationalen

sozialistischen Konferenz der Reformisten am

6. Januar 1919 in Lausanne. Die revolutionäre

Internationale bedeutete ein Gegengewicht

zur Internationale der Sozialchauvinisten, der

Internationale der Vaterlandsverteidiger, der

Internationale, welche den imperialistischen Krieg

unterstützt hatte. Die Erneuerung der Zweiten

Internationale und damit die Festigung der

Hegemonie des Reformismus sollte verhindert

und ein Zentrum der Polarisierung für alle

klassenbewussten revolutionären ArbeiterInnen

geschaffen werden. Mit welcher politischen

Perspektive führte die Komintern diesen Kampf?

Im Zentrum ihrer Politik stand die Machtfrage; die

wichtigsten Kampfmittel umfassten Massenaktionen

des Proletariats bis hin zur Anwendung des

bewaffneten Kampfes. Der einzige Ausweg aus der

Krise war für das Proletariat die Machteroberung

und die Schaffung ihrer Diktatur. Keine falsche,

rein formale bürgerliche Demokratie, sondern

alle Macht in die Hände der ArbeiterInnenräte

– als konkrete Form des proletarischen Staates.

Dies war und ist die Garantie für die Enteignung

der Bourgeoisie und den Aufbau des Sozialismus.

Für die Verteidigung der Revolution war es zudem

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Die Erhebung vom 17. November 1917 ist für

die revolutionäre Bewegung des schweizerischen

Proletariats von grosser Bedeutung. Ermutigt

durch die russische Revolution wurde erstmals

auf revolutionärem Weg das kapitalistische System

grundsätzlich in Frage gestellt. Die massive

Reaktion der Herrschenden mittels Bullen und

Armeeeinsatz, der psychologischen Kampfführung

durch die Zeitungen und schliesslich der Einsatz

der Klassenjustiz macht dies deutlich; ein Teil

des Proletariats stellte die Machtfrage. Kaum

noch erwähnenswert: Der Polizeivorstand wurde

vom Sozialdemokraten Vogelsanger gestellt.

Die Sozialdemokraten Lang und Klöti, ebenfalls

Mitglieder des Stadtrates, wünschten, dass das

Militär auf Pikett gestellt wurde.

Zwar sind die Ereignisse in diesen Tagen von

spontanen Bewegungen der Massen geprägt, die

subjektive Seite noch zu wenig entwickelt und daher

die Organisation der Kämpfe auf der Strasse als auch

eine klare, politische Bestimmung nur im Ansatz

vorhanden. Trotzdem, in der Novembererhebung

drückten sich die revolutionären Inhalte der

Zimmerwalder Linken erstmals deutlich in der

Schweiz auf der Strasse aus. Die revolutionären

Kämpfe polarisierten die proletarische Bewegung

und zwang die reformistische Sozialdemokratie,

offen gegen die im Manifest der Zimmerwaldner

Linken formulierten Inhalte Stellung zu nehmen.

Nämlich:

• Erstens, ist der Imperialismus in seiner

Spätphase weiterhin – und seit dem Zusammenbruch

der sozialistischen Länder noch verschärft –

durch den Kampf der Grossmächte mit ihren

imperialistischen Länder in diesen Konflikten um

die Aufteilung der Welt.

• Drittens, der internationale Klassenkampf

hin zum revolutionären Bürgerkrieg gegen die

imperialistische Bourgeoisie muss aus der Defensive

heraus, unter Berücksichtigung der Widersprüche

zwischen imperialistischen und abhängigen Staaten

entwickelt und aufgebaut werden. Dieser richtet

sich in erster Linie gegen das System als solches,

ohne dessen Überwindung es immer wieder

imperialistische Kriege geben wird.

• Schliesslich ist es die Aufgabe des

wissenschaftlichen Marxismus, die jeweiligen

Besonderheiten der revolutionären Kämpfe an den

verschiedenen Brennpunkten zu ermitteln und sie

für den internationalen Klassenkampf dort und

hier nutzbar zu machen.

Trotz der veränderten gesellschaftlichen Verhältnisse

haben diese Inhalte grundsätzlich nichts von ihrer

Bedeutung verloren. Der Sieg der Revolution in

Russland kam dem Sieg der Zimmerwalder Linken

gleich, im Übrigen waren es die Bolschewiki, die

konsequent den imperialistischen Krieg beendeten.

8. Die organisatorischen Konsequenzen von

Zimmerwald

Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz, als

damals die wichtigste Organisation des Proletariats,

setzte sich aus vier Positionen zusammen, die

teilweise schon antagonistischen Charakter

hatten. Die Rechten, wie Herman Greulich,

Paul Pflügler et cetera gruppierten sich um eine

sozialchauvinistischen Position, die sich unbedingt

Schon 1915/16 bildete sich in Zürich eine Gruppe

von linken Sozialdemokraten, in der neben einigen

Russen auch verschiedene Schweizer Genossen

und Genossinnen kämpften. Es war eine Art

von Schulungskollektiv. Darüber hinaus gewann

Lenin und die Zimmerwalder Positionen grossen

Einfluss, insbesondere in der Sozialistischen

Jugendorganisation, die wiederum im Kampf am

17. November 1917 eine wichtige Rolle spielte. Der

Leiter der Jugendorganisation, Willi Münzenberg,

wurde nach dem 17. November verhaftet und letztlich

aus der Schweiz ausgewiesen. Es entstand eine

Linke mit Positionen gegen den imperialistischen

Krieg und für den internationalen Klassenkampf.

Willi Münzenberg, Fritz Platten, Rosa Bloch-

Bollag, Alfred Bucher, Anni Morf, Willi Trostel und

andere waren in Zürich die Exponentlnnen dieser

Position. Die meisten von ihnen waren Mitglieder

der Sozialistischen Jugendorganisation.

Vorbehaltlos, das heisst auch in der Praxis, vertrat

die revolutionäre Position der Zimmerwalder

Linken die „Gruppe Forderung“ mit den Genossen

Anton Waibel, Hans Itschner, Jakob Herzog, der

spätere Mitbegründer der 1921 gegründeten

zweiten Kommunistischen Partei der Schweiz,

Leonie Kascher und andere. Die meisten dieser

Militanten waren auch in der sozialistischen

Jugendorganisation organisiert, quasi ihr

revolutionärer Flügel. Im Oktober 1917 erschien

die erste Nummer ihrer Zeitung „Die Forderung

- Organ für sozialistische EndzieIpolitik“. In

ihr kam letztlich eine Position zum Ausdruck,

die mit der Sozialistischen Jugendorganisation

unvereinbar war. „Vergleicht man nämlich den

Inhalt der „Forderung“ mit dem Bolschewiki-

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Programm und den Tendenzen der Zimmerwalder

als Psychopathen bezeichnete und ihn aus

einen Aufruhr zu benützen», wie der Staatsanwalt

Unterschieden auch gewisse Parallelen zu heute

Linken, so ergibt sich, dass die „Forderung“ gar

einer Sitzung der Zimmerwalder Linken warf.

später meinte. Nicht, dass sie der Meinung gewesen

sichtbar. Denen gehört unser spezielles Interesse:

nichts Neues brachte und nichts verkündigte,

wären, dass aus diesem Kampf praktisch die

Die sozialen-ökonomischen Rahmenbedingungen,

was nicht schon Gemeingut der Massen war und

Zwar ist es richtig, sich die Frage des

Machtübernahme hervorgehen würde. Nein, sie

also die Grundlage des revolutionären Prozesses

ihrem Geisteszustand entsprach.“ (Zitiert aus

organisatorischen und politischen Mittelpunkts

waren der Ansicht, dass an der Revolution nur

überhaupt; wie war die Klassengesellschaft konkret

dem Untersuchungsbericht der Staatsanwaltschaft

eines Aufstandes zu stellen – spontane Aufstände

inmitten der realen Kämpfe zu arbeiten sei.

zusammengesetzt, wie war damals das kapitalistische

betreffend der Ereignisse im November 1917)

wurden meistens schnell zerschlagen – doch

Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnis

sind in den Positionen Münzenbergs und der

9. Für den internationalen Klassenkampf!

strukturiert, so dass sich die proletarischen

Charakteristisch für die Auseinandersetzungen

Sozialistischen Jugendorganisation die Wurzeln für

Massen schon alleine durch diese Situation

innerhalb der Sozialistischen Jugendorganisation

spätere Entwicklungen angelegt, die letztlich von

Heute, 100 Jahre nach diesen Ereignissen, hat sich

revolutionierten? Das Wesen des Kapitalismus ist

waren nicht nur die öfters verwendete Denunziation

der Machtfrage in der Praxis wegführten. Wie kann

die Situation in der Tat grundlegend verändert.

dasselbe, damals wie heute, von wegen, es hätte

und Demagogie gegen die „Gruppe Forderung“. So

von einer isolierten Aktion gesprochen werden,

Der Kapitalismus hat sich weltweit zur alles

sich alles grundsätzlich geändert. Und doch- die

verortete die sozialdemokratische Führung links

wenn Tausende Menschen sich auf der Strasse

bestimmenden Produktionsweise entwickelt.

kapitalistische Ausbeutung gliedert sich nicht

von ihnen grundsätzlich nur „blinde Kräfte mit

bewegen? Die Machtfrage wird nicht nur an einem

Mehr noch, im Stadium des Imperialismus

nur anders, auch der Bewusstseinsprozess der

disziplinlosen Sonderaktionen“, auch in der späteren

optimal organisierten, finalen Aufstand gestellt,

ist seine Entwicklungsfähigkeit nur zum Preis

ausgebeuteten Klasse verläuft weniger geradlinig

Berichterstattung darüber wurden revolutionäre

sondern an ihr wird in einem langandauernden

einer gewaltigen Zerstörung gegeben. Der lange

aus den unmittelbaren Lebensverhältnissen heraus,

Positionen, insbesondere von den Revisionisten,

Prozess, der auch auf der Strasse stattfindet,

Aufschwung von 1945 bis Anfang der 1970er Jahre

genauso wie die revolutionäre Seite, die politischen

immer als „anarchistisch“ denunziert, obwohl sie sich

gearbeitet. „Der Sozialismus bricht an! Er kann in

war nur möglich durch die mit zwei Weltkriegen

Positionen und ihr jeweiliger organisatorischer

stark an den russischen Bolschewisten orientierten.

Russland nur siegen, wenn er auch in der Schweiz

überwundene Krise. Der Preis für diese erneute

Ausdruck des kämpfenden Proletariats. Daraus

und überall in Europa siegt. Die grosse Zeit des

Entwicklungsfähigkeit des Kapitalismus ist

ergeben sich die entscheidenden Fragestellungen

Die Sozialistische Jugendorganisation wurde

Blutgeldsackes des Kapitalismus ist vorbei und es

bekannt, Millionen von Toten und die Zerstörung

auch im aktuellen Prozess. Und damals wie heute

zwar von den Ereignissen im November 1917

naht unsere grosse Zeit, die Zeit des Sozialismus.

von ganzen Städten und Landstrichen.

entwickeln sich die revolutionären Positionen und

überrollt, versuchte jedoch, eine klare Position

Unsere Pflicht ist, die soziale Revolution auch in der

Strategien mitten in der revolutionären Praxis, im

einzunehmen. Grundsätzlich war sie der Ansicht,

Schweiz zu entfachen, sonst sind wir Verräter und

Die Krisen bildeten aber auch immer wieder

Kampf der verschiedenen Linien innerhalb der

die Auslösung des revolutionären Aufstandes

Deserteure der Revolution.“ (Aus Beilage zu Nr. 3

den Nährboden für revolutionäre Prozesse. In

Klasse. Das Wesen der politischen Debatten ist

käme zu früh, weil die planmässige Vorbereitung

der „Forderung“)

Russland und China haben in diesen Jahren die

dasselbe geblieben: Wie lässt sich der revolutionäre

in politischer wie organisatorischer Hinsicht zu

ArbeiterInnen, zusammen mit den kleinen Bauern

Prozess entwickeln, wo lauern die reformistischen

wenig vorangeschritten sei. Der Aufstand vom

17. November war gegen ihren Willen in Gang

gekommen, und ihre Beteiligung beschränkte sich

darauf, den offen ausgebrochenen, sehr militanten

Klassenkampf zu unterstützen und ihn nicht

unkontrolliert eskalieren zu lassen. Münzenberg

intervenierte beim entstandenen Aktionskomitee

und versuchte vergeblich, die Genossen und

Genossinnen von der „Unzweckmässigkeit

ihrer isolierten und von den breiten Massen der

Arbeiterklasse getrennten Aktion“ zu überzeugen.

Diese Debatten zwischen Münzenberg und

den GenossInnen der „Gruppe Forderung“

spielten sich keineswegs in einem friedlichen

Rahmen ab, ganz im Gegenteil; die Widersprüche

waren schon so tief, dass Münzenberg Waibel

Die Mitglieder der „Gruppe Forderung“ organisierten

sich nach den spontanen Kämpfen – respektive

der von den Antimilitaristen durchgesetzten

Schliessung der Munitionsfabriken vom 15. und 16.

November – mit anderen GenossInnen in einem

Aktionskomitee. Jakob Herzog befand sich schon

im Gefängnis, aber andere wie Waibel und Itschner

sprangen in die Bresche. Dieses Aktionskomitee

organisierte die Protestkundgebung des nächsten

Tages, eben den 17. November. Die Genossen

und Genossinnen der „Gruppe Forderung“ – ihre

Zeitung wurde nach den Kämpfen 1918 vom

Bundesrat verboten – versuchten, den folgenden

Kämpfen eine revolutionäre Orientierung zu geben,

die „revolutionäre Stimmung der ArbeiterInnen für

und LandarbeiterInnen, die Macht ergriffen.

Die Liquidierung dieser ersten sozialistischen

Staaten, an der auch die Revision des Marxismus

ihren Anteil hatte, und die damit einhergehende

Wiederherstellung des Kapitalismus, schmälert diese

Tatsache keineswegs. Auch die Machtergreifung der

Bourgeoisie erfolgte nicht von heute auf morgen,

sondern war ein 200-jähriger Prozess, verbunden

mit zahlreichen Rückschlägen. Weshalb sollte dies

für das Proletariat anders sein?

Unserer Interesse an der Zimmerwalder Linken

ist ausnahmslos durch den Bezug zu Fragen des

aktuellen revolutionären Kampfes geprägt. Mit

einem Schnitt quer durch die damalige objektive

und subjektive Situation sind neben den deutlichen

Gefahren? Auch die linke Sektiererei wurde

schon damals thematisiert. Aber die politischen

Rahmenbedingungen haben sich mit der

Entwicklung hin zum Revisionismus grundsätzlich

verändert, die breite, Massen mobilisierende

Begeisterung für den Aufbau des Sozialismus in

der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken ist

einer tiefen Resignation gewichen. Revolutionäre

Alternativen zum eigenen, ausgebeuteten und

entfremdeten Leben scheinen unerreichbar.

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Leonie Kascher und das Erbe von Zimmerwald

Im revolutionären Sturm nach 1915 treffen wir auf

Leonie Kascher, die polnische Studentin, die bei

der Organisierung der revolutionären Kräfte in der

Schweiz eine wichtige Rolle spielen wird. Von hier

aus haben wir ihre Spur aufgenommen, die uns

auch zur Zimmerwalder Linken führte.

Leonie Kascher reiste 1913 in die Schweiz, um ein

Studium in Philosophie und Psychologie an der

Universität Zürich aufzunehmen. Als Frau, als

Polin und als Jüdin in dieser Zeit alles andere als

eine Selbstverständlichkeit: Der zaristische Staat

– Polen war damals Teil des Russischen Reichs

– schränkte den Universitätszugang für Frauen

stark ein und limitierte die Anzahl jüdischer

Studentinnen und Studenten. Dies waren wohl

entscheidende Gründe, weshalb Leonie Kascher

nach Zürich kam. Ihre Bildung in Polen musste

sie sich erkämpfen: Im Jahr 1905, in welchem es

im Russischen Zarenreich und insbesondere in

Warschau zu heftigen Aufständen kam, verliess sie

die Familie: „Der despotische Charakter des Vaters

und die religiöse Atmosphäre haben mich bedrückt,

was mich derart beeinflusst hatte, dass ich sehr

früh – mit 15 Jahren – das Elternhaus verliess und

ein selbständiges Leben begann.“ Nur durch die

Unterstützung der vier Tanten Leonie Kaschers –

sie nahmen alle an der revolutionären Bewegung

von 1905 teil und waren Mitglieder der Polnischen

Sozialdemokratischen Arbeiterpartei – konnte sie

eine Mittelschulbildung und ein Hochschulstudium

in Pädagogik absolvieren: „In dieser Frühperiode des

Lebens war es für mich sehr schwer vom Standpunkt

der materiellen Lebensumstände aus. Ich hatte keinen

Platz zum Wohnen“, erinnert sich Leonie Kascher.

In dieser Periode – der „schweren Jahre der Not“,

wie sie diese selbst bezeichnet – unterstützte sie die

revolutionäre Tätigkeit ihrer Tanten mit illegaler

Arbeit, durchlief aber auch zahlreiche Krankheiten.

Ihre Tanten konnten den Vater Leonie Kaschers

schliesslich überzeugen, dass sie in die Schweiz

zum Studium fahren könne.

In Zürich kam Leonie Kascher in Kontakt mit

polnischen SozialistInnen; dies führte aber mit

Beginn des Ersten Weltkrieg – nur ein Jahr

später – zu einem Unterbruch des Studiums in

Zürich: „Nach dem Anfang des Ersten Weltkriegs

haben die polnischen Sozialisten in Zürich lebhaft

für den Eintritt in die polnischen Legionen für

den Kampf um die Unabhängigkeit Polens vom

Zarismus agitiert. Mit dem Willen, um jeden Preis

am Befreiungskampf teilzunehmen, bin ich mit

anderen Studenten nach Polen gefahren, wo ich im

Hospital und bei den Sanitätstruppen arbeitete.“

Bald gelang sie aber zur Überzeugung, dass dieser

nationale Befreiungskampf auf der Seite Polens

„nicht für die Befreiung der Arbeiterklasse und für

den Sozialismus“ geführt werde, wie sie selbst sagte,

weshalb sie anfangs 1916 enttäuscht wieder nach

Zürich zurückkehrte. Der Krieg traumatisierte

sie: „Fräulein Kascher ist ein intelligentes, aber

sehr exaltiertes Mädchen, dessen gemuẗliches

Gleichgewicht durch die Erlebnisse, die sie als

Teilnehmerin in der polnischen Legion mitmachte,

auch noch in Zürich in einem labilen Gleichgewicht

gewesen sein dürfte. Hier hat sie nach ihren eigenen

und nach den Aussagen ihres Landsmannes Spanin,

der bei mir war, in den letzten Semestern aüsserst

ärmlich gelebt und war wohl unterernaḧrt, was

ebenfalls die nervöse Widerstandskraft schwächen

kann“, steht in einer psychiatrischen Notiz des

Professors Hans Wolfgang Maier.

Da sie keine Mittel zum Leben hatte, arbeitete

Leonie Kascher neben dem Studium als Arbeiterin

in einer Fabrik. Die Erfahrungen als Arbeiterin

und die Erfahrungen des Kriegs, führten sie dazu,

17


sich der revolutionären Linken in der Schweiz

Was, ausgehend vom Programm der

unerbitterliche Lenin‘sche Prinzipientreue, welche

in der Schweiz noch eine kleine, aber zielbewusste

anzuschliessen.

neuen Internationale, eigentlich als eine

die Vertuschung von Meinungsverschiedenheiten

kommunistische Bewegung. Die Wurzel und die

Selbstverständlichkeit betrachtet werden könnte,

und die Unterdrückung der Kritik von unten, von

Schule dieser kommunistischen Bewegung liegt in

„In der Fabrik habe ich mich schnell an das Klima

war zu jener Zeit innerhalb der Linken in der

den Massen, nicht zuliess – angesichts davon, dass

der Zimmerwalder Linken, deren Geist auch bei

der Arbeiter, an die Arbeiterbewegung, gewöhnt,

Schweiz heftig umstritten. Die organisatorischen

Platten eine sehr einflussreiche Gruppe vertrat“,

uns in der Schweiz verbreitet war“, stellte Kascher

habe an einem Streik teilgenommen, trat in die

Forderungen Leonie Kaschers, insbesondere

erinnert sich Kascher.

ihre Organisation am Gründungskongress der

Gewerkschaft und später – im Sommer 1916 – in die

die Abspaltung der Parteilinken von den

Komintern vor. Den Bezug zur Zimmerwalder

Sozialdemokratische Partei der Schweiz ein. Mir war

Sozialdemokraten und die Gründung einer

Die zentralen Forderungen Leonie Kaschers am

Linken stellte sie nicht nur über die revolutionäre

klar, dass nur der revolutionäre Kampf des Proletariats

einheitlichen revolutionären kommunistischen

Gründungskongress – vollständiger Bruch mit dem

Politik her. Zentral sowohl für Zimmerwald als auch

der echte Weg zu seiner Befreiung ist. Sofort habe

Partei in der Schweiz, werden sich erst 1921

Reformismus – wurden aber trotzdem zwei Jahre

für die von Kascher vertretene Kommunistische

ich mich der linken Seite der Sozialdemokratischen

durchsetzen. Und dies nur deshalb, weil es die SP

später von den Parteilinken und insbesondere von

Partei ist das Stellen der Machtfrage: „Wir wussten

Partei angeschlossen, die zusammen mit dem

vehement ablehnen wird, Mitglied in der Dritten

Fritz Platten übernommen, und die ehemaligen

schon, es gibt ein Ziel – die Eroberung der Macht“,

Jugendbund damals die Plattform verteidigte, die

Internationale zu werden.

Parteilinken innerhalb der Sozialdemokraten

brachte Kascher am Gründungskongress der

von Wladimir Iljitsch Lenin in den Konferenzen der

fusionierten mit der bestehenden Kommunistischen

Dritten Internationale hervor. Diese sei aber

äussersten Linken Seite in Zimmerwald und Kiental

Eigentlich hätte Leonie Kascher gar nicht am

Partei. Da die opportunistischen Strömungen am

unweigerlich mit praktischen Forderungen und

vorgeschlagen worden war. Unter der ständigen

Kongress teilnehmen sollen. Offizielle Vertretung

Kongress doch relativ stark waren, war es denn auch

Tagesforderungen verknüpft: „Aber die Schweizer

Leitung von Wladimir Iljitsch und mit seiner

der Schweiz an der Gründungstagung war nicht

alles andere als klar, ob sich die Kommunistische

Arbeiterschaft begnügt sich nicht mit diesen

unermüdlichen, geduldsamen Hilfe den Mitgliedern

etwa die Kommunistische Partei der Schweiz,

Internationale überhaupt gründen sollte. „Es kam

allgemeinen Zielen, sie sucht eine klar umschriebene

der schweizerischen Partei, besonders der Jugend,

als deren Sprecherin Kascher auftrat, sondern

zur heftigen Debatte“, schreibt Kascher in ihren

Parole, sie ist praktisch, sie will wissen, wozu sie in

haben wir einen permanenten, grundsätzlichen

die Parteilinken der Sozialdemokraten. Fritz

Memoiren. „Ich näherte mich Lenin und fragte,

den Kampf tritt. Die die Massen beschäftigenden

Kampf gegen die opportunistischen Strömungen in

Platten, Sitzungsleiter des Gründungskongresses

ob ich mit den Einwänden gegen Eberlein (Gegner

Fragen waren erstens der Achtstundentag, zweitens

der Partei geführt, und wir arbeiteten inmitten der

und damals noch Linksoppositioneller innerhalb

einer Gründung der Komintern, Anmerkung

die Teuerung und die Unzufriedenheit mit den

Massen.“

der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz,

der Redaktion) auftreten dürfe. Lenin hat mir das

ökonomischen Verhältnissen. Wir haben eine Parole

war empört, dass Leonie Kascher überhaupt

Wort gegeben und ich trat zum zweiten Mal auf

formuliert: Beschlagnahme der Lebensmittel und ihre

1. Die Gründung der Komintern

am Kongress auftreten sollte, unter vielen

(nach dem Auftritt für den Bruch mit der SP in

Verteilung, nicht nach dem Besitz, sondern nach dem

Teilnehmenden hatte sie zudem als Linksradikale

der Schweiz, Anmerkung der Redaktion), gegen

Bedarf, unter der Kontrolle der Arbeiterschaft. Diese

„Was wir von der Zimmerwalder Linken gelernt

den Ruf, eine Abenteurerin zu sein. Wladimir

die Verschiebungstaktik. Lenin hat die Frage nicht

zwei Parolen schienen uns für die Schweizer Arbeiter

haben, ist, Massenaktion zu verlangen, und zwar

Iljitsch Lenin insistierte aber, dass Kascher am

von vornherein beantwortet, obwohl er sich stark für

entsprechend eingreifend, es war etwas anderes

nicht in weiter Zukunft, sondern schon in dem

Kongress teilnehmen dürfe, und so wurde sie zum

die Gründung der Kommunistischen Internationale

als das, was man sonst aufgestellt hat. Sie trugen,

gegenwärtigen Moment.“

Kongress zugelassen:

äusserte. Ich habe über die Erwartungen der Arbeiter

besonders die zweite, einen sozialistischen Stempel,

der weit entfernten Schweiz erzählt (...). (Deren)

und ihre Verwirklichung bedeutete einen Kampf mit

Im März 1919, am Gründungskongress der

„Lenin hat mir erklärt, dass ich am Kongress als

Hoffnungen darf man nicht betrügen. (...) Uns hat

der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.“

Dritten Internationale, griff Leonie Kascher die

Vertreterin der Kommunistischen Gruppe mit

Lenin unterstützt und wir haben gesiegt.“

als opportunistisch wahrgenommene Politik

beratender Stimme teilnehmen werde und fragte,

Es war klar, dass eine Politik der Massenaktionen,

der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz,

ob ich den Vortrag über unsere Arbeit halten und

Zur Tat schreiten, praktisch werden – dies waren,

eine Politik der Praxis vom Staat nicht unbeantwortet

beziehungsweise deren linken Flügel an, welche

mit ihm an den Sitzungen des Kongresses auftreten

die für damals keineswegs selbstverständlichen,

blieb. Zum Zeitpunkt des Kongresses lebte Leonie

ebenfalls am Kongress beteiligt war. Was sie forderte,

könne. Mit Freude habe ich diesem Vorschlag

Kernpunkte der Politik Kaschers. Sie war als

Kascher nicht mehr in der Schweiz; sie wurde vor

war der Bruch mit dem Opportunismus und

zugestimmt. Da ich wusste, dass am Kongress von

Mitbegründerin Teil der ersten Kommunistischen

dem Kongress aus der Schweiz ausgewiesen.

Reformismus, war die Abspaltung der revolutionär

der Parteilinken der Sozialdemokraten Platten

Partei der Schweiz, welche aus der „Gruppe

gesinnten Genossen von der Sozialdemokratischen

anwesend sein werde, habe ich ihn gefragt, ob ich über

Forderung“ hervorging und vor allem in Zürich aktiv

2. Die Sozialistische Jugendorganisation

Partei. Was sie forderte war – prägnant formuliert –

die meines Erachtens zu vorsichtige, opportunistische

war; deren Politik war geprägt von einer militanten,

revolutionäre Praxis.

Taktik Plattens berichten müsse; mit noch grösserer

radikalen Linie. „Neben der Sozialistischen Partei

Am 9.12.1918 erfolgte die Verfügung des

Freude hörte ich das harte ‚Ja‘ Lenins. Es war jene

und der Sozialistischen Jugendorganisation existiert

Bundesrates: Leonie Kascher, geboren in Warschau,

18

19


sei auszuweisen. Sie erhielt die Erlaubnis, mit

der Zimmerwalder Linken, angeschlossen, die von

einem Politemigrantenzug aus Zürich auszureisen.

Lenin geleitet wurde“, schrieb sie. Die Frage des

In Moskau angekommen, erfuhr sie gleich

Krieges wurde überall kontrovers diskutiert und

vom bevorstehenden Gründungskongress der

die Möglichkeit der Einbeziehung der Schweiz in

Komintern. Nach Rücksprache mit den in der

den Krieg lag im Raum. In den Vorbereitungen

Schweiz verbliebenen Genossen konnte sie sogleich

des Berner Kongresses der Sozialdemokratischen

an diesem teilnehmen.

Partei der Schweiz wurde Kascher mit dem harten

Kampf der verschiedenen Richtungen konfrontiert.

Die Ausweisung erfolgte vor dem Hintergrund

Kascher und ihre GenossInnen erklärten

der heftigen Strassenkämpfe in Zürich vom 17.

das imperialistische Wesen des Krieges, die

November 1917 und des Landesstreiks ein Jahr

Interessen der Kapitalistenklasse, den Verrat der

später. Zu jenen Zeitpunkten studierte Leonie

Zweiten Internationale. Konkret ging es um die

Kascher Psychologie und Philosophie an der

Ausarbeitung der Resolution für den Kongress

Universität Zürich, war aber in der erst kürzlich, im

der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz – im

Oktober 1917 gegründeten „Gruppe Forderung“

Juni 1917 fand ein ausserordentlicher Parteitag

aktiv, aus welcher 1919 die Kommunistische Partei

der SP in Bern zur Militärfrage statt – die man in

der Schweiz entstand und welche innerhalb der

den überall durchgeführten Parteiversammlungen

Sozialistischen Jugendorganisation agierte.

unterbreiten und verteidigen wollte. Massnahmen

und mögliche Kampfmittel mussten vorgeschlagen

Die Sozialistische Jugendorganisation war zur Zeit

werden. Die Wege des Kampfes, der Organisierung

des Ersten Weltkriegs die treibende revolutionäre

der ArbeiterInnen gegen den Krieg, Wege der

Kraft in der Schweiz. Nach der Zimmerwalder

Distanzierung von den SozialchauvinistInnen

Konferenz im September 1915 fand eine

und PazifistInnen, die Unterschiede zwischen den

Linksentwicklung unter den Sozialisten statt, an

verschiedenen Strömungen in der Partei, Rechte,

der die Jugend ihren Anteil hatte. Sie entwickelte

Linke und Zentristen, mussten entwickelt werden.

sich zu einer Massenorganisation mit mehreren

Tausenden Mitgliedern. Auseinandersetzungen mit

Über diese drei Strömungen hielt Kascher Vorträge

den staatlichen Repressionsapparaten „Polizei“ und

an Parteiversammlungen. Unter dem Einfluss

„Militär“ und zum Teil gegen sie aufgehetzte Teile

der Diskussionen in Zürich mit Lenin analysierte

der Bevölkerung zeigten den Herrschaftscharakter

sie die Rolle der rechten Grütlianer während

der bürgerlichen Demokratie auf und führten

des Krieges und deren Verletzung der Lehre von

zu einer Verstärkung des Kampfeswillen der

Marx und Engels und der Interessen der Klasse

sozialistischen Jugend.

der Arbeiterinnen und Arbeiter, die Rolle der

Zentristen mit Grimm an der Spitze, die mit

Für Leonie Kascher war es bei ihrer Rückkehr nach

linken Parolen die ArbeiterInnen und Arbeiter

einem Pflegeeinsatz in Polen im Zusammenhang

praktisch in die Irre führten sowie die Rolle der

mit dem imperialistischen Krieg 1916 nach Zürich

revolutionären bolschewistischen Seite, die ihr

sofort klar, wo sie sich positionierte: „Da ich von

die klaren Thesen lieferten, an denen sie und die

der chauvinistischen Politik der Sozialdemokraten

anderen Revolutionären sich orientierten. „In der

tief enttäuscht war – als Augenzeugin hatte ich

die Möglichkeit, mich an Ort und Stelle davon zu

überzeugen, habe ich mich sofort nach meinem

Beitritt in die Partei der revolutionärsten Seite,

20

Zimmerwalder Linken haben nur die Bolschewisten

und wenige andere Delegierte das revolutionäre

Programm konsequent durchgeführt. Die Zentristen

mit Robert Grimm an der Spitze, beschäftigten sich

Leonie Kascher

21


mit der Phrasendrescherei, und in ihren Parteien

die Revolution zum Parteigesetz erhoben und –

Propaganda für den Sozialismus zu organisieren

dass es sich hier um eine künstlich aufgestachelte und

führten sie eine reaktionäre Politik. Die Rechten

soweit sie aus Schweizern bestand – zugleich das

und Vorbereitungen für die kommende revolutionäre

verhetzte Masse handelte, zu revidieren. Wohl ist die

haben die Zimmerwalder-Organisation bald

Vaterland als einen toten Begriff anerkannt, wertlos

Bewegung zu treffen. Die Kommunisten widersetzten

Arbeiterschaft aufgestachelt, aber aufgestachelt von

verlassen und sind nicht mehr zu den Beratungen

verteidigt zu werden und nur noch bestimmt in dem

sich den Bestrebungen des Zentralvorstandes der

Faktoren, die ausserhalb der Arbeiterbewegung, die

gekommen. Sie haben sich in der Praxis in ihrem

Chaos dieser Revolution (...).“

Jugendorganisation und des Genossen Platten, die die

in unserer Wirtschaftsordnung und namentlich in

eigenen Land in nichts von ihren Kollegen aus der

Soldatenorganisation vorläufig für die Verbesserung

den Bedrohung wurzeln, vor denen das arbeitende

Zweiten Internationale unterschieden“, ist die

1917 kam es nicht nur innerhalb der

der Lage der Soldaten gebrauchen wollten. Sie behielt

Volk haute ausnahmslos steht“, beschreibt das

Meinung Leonie Kaschers. Diese theoretischen

Sozialdemokratischen Partei, sondern auch

ihren rein revolutionären Charakter und entwickelte

sozialdemokratische „Volksrecht“ die Versammlung.

Thesen, welche die Bolschewiki den Zimmerwalder

innerhalb der Sozialistischen Jugendorganisation

sich sehr rasch.“

Aufgrund des grossen Erfolges dieser Aktion fand

und Kientaler Konferenzen unterbreiteten, betrafen

zu heftigen Auseinandersetzungen; es standen

am nächsten Tag eine weitere Kundgebung statt,

hauptsächlich den Kampf gegen den Krieg und den

sich eine Gruppe um Jakob Herzog und Leonie

3. Der Novemberaufstand 1917

zu der mit folgendem Text mobilisiert wurde:

Verrat der Zweiten Internationale.

Kascher und eine um Willi Münzenberg

„Internationale Aktion der Arbeiter gegen Krieg.

gegenüber. Erstere vertraten eine Linie, welche

Die schweizerische Arbeiterklasse sah sich 1917

Arbeiter, erscheint in Massen! Es gilt die Tat! Es gilt

„Nach der Versammlung hat man mich von allen

militante Aktionen befürwortete und die Partei-

nach drei Jahren Krieg nicht nur den widrigen

zu wirken, geredet ist genug!“

Seiten umringt und begonnen, mich über die

und Gewerkschaftsführung heftig kritisierte,

Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgesetzt,

Perspektiven der Revolution in Russland zu befragen

während letztere auf ein gutes Verhältnis mit

sie hatte zu einem gewissen Teil auch schon

An jener Demonstration am 16. November 1917 kam

dieses Thema war von brennendem Interesse –

der Sozialdemokratischen Partei und den

Erfahrungen in Auseinandersetzungen mit der

es erstmals zu Zusammenstössen mit der Polizei,

man hat gefragt, wie Lenin lebt und mir aufgetragen,

Gewerkschaften ausgerichtet war und der deshalb

Polizei gesammelt und sich zu einem beträchtlichen

als 27 Exponenten der Bewegung verhaftet wurden.

ihn zu grüssen. Sie haben ihre Empörung anlässlich

auch vorgeworfen wurde, opportunistisch zu sein.

Teil in Parteien und Gewerkschaften organisiert.

Unter den Verhafteten war auch Leonie Kascher; sie

der spalterischen und verbrecherischen Rolle der

Der Konflikt eskalierte in einen Machtkampf um

Das Eintreffen der Neuigkeit über die russischen

rief nach Angaben der Staatsanwalts zur Revolution

Zweiten Internationale im imperialistischen Krieg

den Platzvorstand in Zürich; im Mai 1917 wurden

Oktoberrevolution in Zürich befeuerte die

auf. Kascher wurde aber nur vorübergehend auf der

geäussert. (...) Ein alter Arbeiter trat heraus, seine

zwar Herzog – und durch Kooptation auch Leonie

Stimmung in der Arbeiterschaft. Dies führte dazu,

Kreiswache festgehalten und noch am gleichen Tag

Augen schossen Blitze und er schüttelte die Fäuste:

Kascher – in den Vorstand der Sozialistischen

dass eine Kundgebung der bekannten Pazifisten

wieder entlassen. Emil und Maria Acklin, ebenfalls

Diese Verräter aus der Zweiten Internationale

Jugendorganisation gewählt, jedoch bereits einen

Max Dättwyler und Max Rotter am Donnerstag, 15.

Mitglieder der „Gruppe Forderung“ wurden auch

haben uns, die Arbeiter, der Bourgeoisie verkauft.

Monat danach wieder abgewählt. Mitte Oktober

November 1917 zum Friedensdekret der Russischen

vorübergehend verhaftet: Emil Acklin entriss einem

Sie schauen gleichgültig darauf, wie das Proletariat

entschieden sich dann die Revolutionäre um Jakob

Räte auf grosses Beteiligung stiess. Leonie Kascher

Polizisten den Säbel und rannte mit diesem davon,

aus verschiedenen Ländern einander wegen den

Herzog, die vierzehntäglich erscheinende Zeitung

berichtete über die politische Situation: „Was die

kam aber zu Fall. Den herbeigeeilten Polizisten, der

Gewinnen der Kapitalisten und Imperialisten

„Forderung“ herauszugeben – deshalb der Name

Kommunisten erreicht haben, war, dass die Schweizer

den Säbel wieder an sich reissen wollte, traktierte

ermordet. Nieder mit der Zweiten Internationale!

„Gruppe Forderung“. Kascher berichtet: „Ich muss

Arbeiterschaft unter dem Druck der Verhältnisse,

Maria mit Fusstritten.

Teilen Sie Lenin mit, dass es höchste Zeit ist, die

gestehen, klare Prinzipien, ein klares Programm

der Teuerung, der Unzufriedenheit und unter dem

Dritte Internationale der Arbeiter und Bauern zu

haben wir damals von der Zimmerwalder Linken

Einfluss der ansteckenden, begeisterten Bewegung

Leonie Kascher beschrieb die Ereignisse in Zürich:

gründen!‘ „

nicht erhalten können. Man wollte ein klares

in Russland ihre volle Solidarität mit der russischen

Diese Massen verlangten die Befreiung der am

kommunistisches Programm schaffen, aber sowohl

Revolution bekundete.“ An die Kundgebung, welche

Vorabend verhafteten Arbeiter. (...) Der Reihe nach

Die Zürcher Staatsanwaltschaft resümierte über

die Zeit wie auch Schriften und Überlieferungen

auf Weisung des Stadtrates nur in der Stadthalle

kletterten die Redner auf die umgekippten Wagen

den Ausgang des ausserordentlichen Parteitages der

darüber fehlten. Im Jahre 1917 hat der Genosse

stattfinden durfte, kamen so viele Arbeiterinnen

hinauf und hielten kurze flammende Reden über die

SP: „Durch die Agitation der Russen (gemeint sind

Itschner zusammen mit ein paar anderen Genossen in

und Arbeiter, dass sie auf Druck der Anwesenden

russische Revolution, über den Frieden, darüber, wie

die russischen politischen Emigranten um Lenin,

der Schweiz eine Zeitung ‚Die Forderung‘ gegründet

doch noch auf dem Helvetiaplatz durchgeführt

sich die schweizerische Demokratie zu den Söhnen

Anmerkung der Redaktion) und der Zimmerwalder

und diese begann, die schärfste Kritik gegenüber der

wurde. Später zog man als Demonstrationszug vor

und Töchtern verhält, über die Armut und Opfer der

Linken und die in Zürich erscheinende, in deren

Partei und Propaganda für das kommunistische

die lokale Munitionsfabrik und setzte dort einen

Arbeitermassen. Die ringsum stehenden Polizisten

Dienst stehende Parteipresse, auf den Ausbruch der

Programm unter der Arbeiterschaft zu führen.

Produktionsunterbruch durch. „Wer von unseren

haben die Redner festgenommen und fortgeführt, und

sozialistischen Revolution bei uns vorbereitet, unter

Auch hatte im Sommer 1917 Genosse Herzog eine

Gegnern die gestrige mächtige Arbeiterversammlung

wir, die daneben standen, haben sie verteidigt, indem

der Depression der wirtschaftlichen Verhältnisse

Soldatenorganisation gegründet. Diese Organisation

in der Stadthalle in Zürich miterlebt hätte, wäre wohl

wir die Zielscheibe für die Polizeigummiknüppel

leidend und dadurch verbittert, sah die Masse nun

hatte den Zweck, unter den Soldaten der Armee

oder übel in den Fall gekommen, seine Auffassung,

waren. Nichts konnte die Auftretenden stoppen.

22

23


Ein Genosse wechselte den anderen ab, und man

und im Einverständnis mit den Behörden der Stadt

sprach über den grossen Lenin, der der Inspirator

und des Kantons Zürich ein Infanterie-Regiment von

der Oktoberrevolution und der Begründer des ersten

der Front nach Zürich beordert und ausserdem drei

Staates der Arbeiter und Bauern in der Welt war, der

Dragoner-Schwadronen aufgeboten worden sind und

der Welt den Frieden gebracht hat.

die Sorge für die öffentliche Sicherheit auf dem Platze

Aus den Polizeikordons liefen Polizisten heraus

Zürich an die Militärgewalt übertragen werden

und begannen auf uns zu schiessen. Wir brachen

Steine aus dem Pflaster und warfen damit auf die

Polizisten. ‚Auf die Barrikaden!‘ – ertönte der Ruf.

Aus den umgekippten Wagen und Steinen haben

wir Barrikaden gebaut, die Frauen haben von

irgendwoher mit Sand gefüllte Säcke und Fässer

gebracht. So hat das unbewaffnete Volk der Reaktion

Widerstand geleistet. (...)

Am Morgen, mit blauen Flecken und zerrissenem

Kleid, geriet ich in die gleiche Polizeistelle, in der

unsere Genossen schmachteten. Sie sassen ruhig und

stolz da. Einige von ihnen haben den jungen Polizisten

musste“, stellt ein Militärgericht zu den Ereignissen

fest. Dass die Schweizer Armee eingesetzt werden

musste, und dass der General selbst den Entscheid

zur Aussendung des Militärs gab, zeigt, wie mächtig

die Demonstrationen waren.

Am 17. November 1917 wurde erneut zu einer

Demonstration auf dem Helvetiaplatz in Zürich

aufgerufen, wieder erschienen Tausende, unter

ihnen viele Frauen. Vom Helvetiaplatz bewegte

sich ein Demonstrationszug in Richtung des

Verlagsgebäudes der Neuen Zürcher Zeitung,

um gegen deren hetzerische Berichterstattung

Szenen vom Novemberaufstand Zürich 1917

den Charakter der schweizerischen Freiheiten erklärt.

Die Führer der Arbeiter, die Funktionäre der

Gewerkschaften, die sozialdemokratischen

Deputierten konnte man auf dem Helvetiaplatz

nicht sehen. Am anderen Tag schrieb man in

den sozialdemokratischen Zeitungen über wilde

Kasakenausfälle der Polizei- und Militärtruppen. Sie

schrieben: ‚Man will brüllen und weinen wenn man

diese zahlreichen Opfer und die Brutalität unserer

Mächte sieht.‘“„

Die Polizei war mit der Situation überfordert,

so dass das Militär zur Verstärkung nach Zürich

beordert wurde: „In den Tagen des 15. bis 18.

November 1917 fanden in Zürich Kundgebungen

zugunsten eines gewaltsamen Friedens und gegen die

Munitionsfabriken statt (...). Diese Demonstrationen

arteten in eigentliche Unruhen und in Revolten gegen

die Polizei aus, sodass, nachdem sich die Ohnmacht

der Zugezogenen Stadt- und Kantonspolizei und

der herbeigerufenen Landsturm-Kompagnie 11/57,

sowie der Infanterie-Medailleur-Rekruten-Kompanie

5 erwiesen hatte, am Morgen des 18. November 1917

vom General auf Ansuchen des Platzkommandos

24

um die vorangegangenen Demonstrationen zu

protestieren. Auch Leonie Kascher nahm daran

teil. Als die Demonstration über die Badenerstrasse

ins Quartier Aussersihl zurückkehrte, kam es zu

Strassenkämpfen mit der Polizei. Gegen 10 Uhr

hatten diese dann eine solche Heftigkeit erreicht,

dass Militäreinheiten – die Platzwachtkompanie

und Infanterierekruten – zugezogen wurden.

An der Ecke Badener-/Zweierstrasse wurde von

den demonstrierenden Arbeitern eine Barrikade

errichtet; an dieser Stelle befand sich eine Baustelle.

Auch Leonie Kascher stand an der Barrikade. Das

Militär räumte die Barrikade weg und platzierte

zwei Maschinengewehreinheiten der Rekruten.

Maria Acklin, ebenfalls ein Mitglied der „Gruppe

Forderung“, versuchte, die Rekruten – zum

grossen Teil wohl auch Arbeiter – vom Gebrauch

der Schusswaffe abzuhalten: „Die Angeklagte

Nr. 2, Frau Acklin, zusammen mit anderen

Frauenpersonen, unter anderem der dann von der

Polizei verhafteten Frau Rosa Bloch, machte sich an

die ihre Maschinengewehre bedienenden Rekruten

heran, redete auf dieselben ein und versuchte

sie, vor der Erfüllung ihrer militärischen Pflicht,

insbesondere der Pflicht zum eventuellen Gebrauch

der Schusswaffe abzuhalten, indem sie zu ihnen sagte:

Sie (die Rekruten) hatten doch gewiss auch Brüder

und Schwestern, sie (die Demonstranten) seien

Schwestern und Brüder, wie sie (die Rekruten) solche

zuhause hätten, sie (die Rekruten) sollten nicht auf sie

(die Demonstranten) schiessen, wenn dazu der Befehl

erteilt würde. Die Mitrailleur-Rekruten wurden dann

bald nachher, nachdem sich die Tumultanten etwas

zerstreut hatten, zurückgenommen und kehrten in

die Kaserne zurück, mussten aber nach Mitternacht

wiederum zur Unterstützung der bedrängten

Polizei zu Hülfe gerufen werden.“In dieser Nacht

starben vier Personen – drei Demonstranten und

eine Unbeteiligte. Die Stimmung war äusserst

angespannt.

Am nächsten Tag, am 18. November, waren die

Arbeiterquartiere Zürich unter militärischer

Besatzung. Die eidgenössischen Truppen bewachten

alle strategisch wichtigen Stellen. Die „Gruppe

Forderung“, unter ihnen auch Leonie Kascher, traf

sich sogleich um 11 Uhr und beschloss, Flugblätter

an die Soldaten zu verteilen. Noch am selben Abend

gingen diese in Druck. Am Montag, 19. November,

wurden die Flugblätter an die Soldaten abgegeben:

„Schweizer Soldaten!“, steht im Aufruf, „Wieder

hat der Staat euch aufgeboten, um die bedrohte

‚Ordnung‘ zu stützen. Man sagt euch, die Unruhen

der letzten Tage seien verursacht von roten Hetzern

und Wühlern; die Kapitalistenblätter sprechen von

Gesindel, Radaubrüdern, das ihr Mores lehren sollt.“

Es versucht, die Ereignisse den Soldaten zu erklären:

„Leute aus allen Parteien haben sich daran beteiligt,

neben den Fabrikarbeitern sah man Bundesbahner,

Beamte und Angestellte. Besonders zahlreich waren

die Frauen da. Sie alle sind auf die Strasse gegangen,

weil die wachsende Not, die furchtbare Ausbeutung

durch Kapitalisten, Schieber und Wucherer ihnen

kaum mehr die Möglichkeit lässt, den nackten Hunger

zu stillen. Sie demonstrierten, weil sie wissen, dass

unsere Regierung nichts Ernsthaftes gegen die Not

tut, nichts tun will. (...) Deshalb gibt es nur ein Mittel,

die Not zu lindern: die alte Herrenregierung muss

durch eine Volksregierung ersetzt werden. Unsere

Behörden sind fast aus lauter Hablichen und Reichen

zusammengesetzt. Unser Nationalrat ist eher ein

Kapitalistenrat. Erst wenn keine Kapitalistenräte,

25


sondern Arbeiterräte regieren, dann wird man die Not

Bauerntruppen in die Städte einbezogen, liessen

Plätzen, in den Fabriken und in der Armee haben

Zentristen und verschiedenen Opportunisten

der Armen mit dem Überfluss der Reichen lindern.

sie auf die Menschen stürzen mit dem Befehl, aus

die Arbeiter und Soldaten die Räte gewählt, aber es

haben die Leitung erobert, um auf diese Weise im

Das wollten die Demonstranten in Aussersihl, nichts

kleinstem Anlass zu schiessen. Die Vertreter der

gab keine Führung in diesen aktiven Handlungen.

Interesse der Bourgeoisie zu handeln, die ihnen

anderes. Und zum Schutze der Kapitalisten hat man

Arbeiter in den Parlamenten und Kommunen

Die Massen lauschten unseren Losungen, forderten

die Bedingungen diktierte. Es wurde das bekannte

jetzt Euch Soldaten aufgeboten. Soldaten, Bürger

haben ohne sich zu schämen diese Massnahmen

Aktionen. Man konnte nicht weiter abwarten. So

Oltener Komitee gebildet – Zentrum der Bewegung

der freien Schweiz! Glaubt es nicht, wenn man Euch

nicht verhindert, manchmal sogar unterstützt. Auf

versammelten wir eine mittelgrosse Gruppe von

des Landes, das dem allgemeinen Streik 1918 beitrat.

sagt, dass wir eine Bande von Bösewichten seien.

den Strassen herrschten Riemenpeitsche, Säbel,

Vertretern aus verschiedenen Organisationen

Die Novembertage dieses Jahres zeichneten sich

Wir wollen Freiheit und Brot für alle. Nicht Euch,

Maschinengewehr.“

zwecks Wahlen eines Organisationskomitees für

durch noch härtere Kämpfe aus. Es gab noch mehr

Soldaten, hassen wir. Auch Ihr seid Besitzlose, arme

die Gründung der kommunistischen Partei und der

Opfer. Die aufgestandenen Massen, vom Umfang

Teufel, Proletarier im Waffenrock. Unsere Sache ist

4. Landesstreik 1918

Ausarbeitung der Plattform für die Diskussion des

und Ausmass begeistert, haben beharrlich ihre

auch Euere Sache.“ Das Flugblatt schloss mit einem

Parteiprogramms. Eine solche Plattform war von mir

ökonomischen Forderungen gestellt: Erhöhung des

Appell, welches – wäre ihm nachgekommen worden

Während Kascher im Gefängnis sass, überschlugen

in Form von Thesen ausgearbeitet und zur Behandlung

Arbeitslohns, Reduzierung der Preise, Verkürzung

– das Ende der kapitalistischen Wirtschaftsordnung

sich die Ereignisse in der Schweiz. „Ein Streik nach

in der erweiterten Beratung vorgelegt worden. Diese

des Arbeitstages, Vernichtung der Militärspekulation

in der Schweiz hätte bedeuten können: „Wenn

dem anderen fand statt und es gab Zusammenstösse

Aufgabe war nicht so leicht zu erfüllen, da ich fast

und Krieg dem Krieg .

Soldaten und Arbeiter zusammenhalten, dann hat

mit den Gendarmen an den Barrikaden. Die

keine Materialien hatte. Zeitungen aus Russland

das Reich des kapitalistischen Blutgeldsackes ein

Situation führte zum grandiosen Landesstreik von

erhielt ich nicht, und ich hatte keinen, den ich fragen

Während des Generalstreiks begann das Oltener

Ende. Dann hat Krieg und Elend ein Ende. Dann

1918“, berichtete Kascher. „In der Schweiz, dem

und bei dem ich lernen konnte. Ich richtete mich nur

Komitee, die Positionen aufzugeben. Entlarvt haben

kommt eine schönere Zeit, wo jeder Mensch gleiches

kleinen, aber industriell entwickelten Land, waren

danach, was ich einst von Lenin erfahren hatte und

sich Grimm und seine Helfershelfer, die Zentristen.

Recht auf Freiheit, und Brot hat. Soldaten helft uns,

die Werktätigen von den Ideen Lenins begeistert

worüber meine Genossen aus den Nachbarländern

Platten, als Leiter der Linken, hat aus Protest das

nicht den Kapitalisten! – Die Demonstranten.“ Am

und vom Geist der ersten Revolution in Russland

geschrieben haben: aus Deutschland, Österreich und

Komitee verlassen. Die Arbeitermassen blieben ohne

selben Tag wurde Leonie Kascher im Büro der

durchdrungen. Sie haben feurig auf die Revolution

Holland. Ich erinnerte mich besonders an die Worte

Führung Auge in Auge mit dem Verrat ihrer Vertreter.

Sozialistischen Jugendorganisation verhaftet.

reagiert, freilich spontan, unorganisiert, weil die

von Lenin, dass man von den Massen lernen, den

Gleich darauf fügten sie sich den Anforderungen der

Im eigentlichen Sinne handelte es sich beim Flugblatt

revolutionäre Partei in dieser Zeit erst zur Welt kam.

Massen zuhören muss.

Kapitalisten. In Zürich jedoch haben sie den Streik

um einen Aufruf an die Soldaten, die Waffen zu

1918 kam der Moment, wo die getrennten Aktivisten

nicht aufgegeben.

wenden, nicht mehr auf die Arbeiterinnen und

in den verschiedenen Parteiorganisationen dringend

Die Hauptpunkte in den Thesen waren: Kontrolle der

Arbeiter, sondern auf die Kapitalisten zu richten

die Vereinigung und eine klare politische Plattform

Produktion seitens der Arbeiter und Vertretungen

In den Werken, auf den Plätzen, an den Kundgebungen

– den Aufruf zu einer bewaffneten Revolution.

verlangten. Dies sollte dazu führen, die Parteiarbeit

in der Leitung der Unternehmen, Beschlagnahme

wurden die Räte der Arbeiter gewählt. Ihnen schlossen

Dementsprechend heftig war auch die Reaktion

völlig zu klären und sich organisierter in den

und Nationalisierung der Banken (eben war der

sich die Räte der Soldaten an, die früher in den Truppen

des Staates. Alle an der Produktion des Flugblattes

vorhandenen Kämpfen zwischen der Arbeiterklasse

allgemeine Streik von Bankangestellten) und der

gewählt worden waren. Auf den Strassen erschienen

beteiligten – insbesondere der Drucker, welcher

und dem Kapital vorwärts zu bewegen. Es

grossen industriellen Betriebe, Bodenreform, Wahlen

die Losungen von ganz politischem Charakter. Vom

keine politische Absichten verfolgte – wurden

kam die Zeit, wo in verschiedenen Ländern die

der Räte von Arbeitern, Bauern und Soldaten und

Verrat der Opportunisten tief erschüttert, verfluchten

verhaftet und an einem Militärgericht der Meuterei

kommunistischen Parteien entstanden.

andere. Die Plattform wurde angenommen und das

die Massen das System des Kapitalismus, dessen

angeklagt. Im Januar 1918 erfolgte das Urteil: Leonie

Organisationskomitee gewählt.“

falsche Demokratie und dessen Parlament, das man

Kascher wurde zu vier Monaten Haft verurteilt,

Bei uns in Zürich war die Lage bezüglich den

jetzt Schwatzbude nannte. Es ertönten die Ausrufe:

welche sie nach ihrer eigenen Angaben in strenger

Parteikadern katastrophal. Alle hervorragenden Leiter

Mit dem Landesstreik vom 11. bis zum 14.

‚Wollen wir die Räte der Arbeiter, Bauern und

Einzelhaft verbrachte.

der revolutionär eingestellten Gruppen, Parteien,

November 1918 kam es in der Schweiz zu der

Soldaten wählen, wie in Russland? Nehmen wir die

Gewerkschaften und anderen Organisationen

besonderen Situation, dass sich eine breite Masse

Macht in unsere Hände!‘“

Heftige Kritik übte Leonie Kascher denn auch

waren verhaftet, unter ihnen der erprobte Leiter

mobilisieren liess, welche aber aufgrund der

am passiven Verhalten der sozialdemokratischen

der Zürcher Arbeiter Jakob Herzog. Die linke Seite

reformistischen Politik der Streikleitung, dem

Das Verhalten des Oltener Komitees führte in der

Führung während der Ereignisse vom November

der sozialdemokratischen Partei mit Platten an der

Oltener Komitee, nicht genutzt wurde: „Die Arbeiter

Folge zur Gründung der Kommunistischen Partei

1917: „Die örtlichen Mächte haben alle Mittel

Spitze hat während der stürmischen Ereignisse und

kämpften heroisch. Letzten Endes haben sie ihre

der Schweiz durch die „Gruppe Forderung“. Ihren

des Kampfes gegen die Massen konzentriert und

des allgemeinen Streiks eine abwartende Position

Führung gezwungen, an der Spitze der Bewegung

Genossinnen und Genossen berichtete Leonie

angewendet. Sie haben eine grosse Menge von

eingenommen. In den Kundgebungen, auf den

zu stehen. Die gewerkschaftlichen Bürokraten,

Kascher am Gründungskongress der Komintern:

26

27


„Wir sahen das jämmerliche Zusammenklappen des

gezeigt, dass eine weitere Zusammenarbeit mit

regionalen kommunistischen Kampfgruppen, die

zwischen Revolutionäre und Opportunisten

Oltener Komitees voraus und bekämpften es vom

ihnen nicht mehr möglich war. Es fand eine grosse

sich im Mai 1919 zur Kommunistischen Partei

in dem Sinne entschieden wurde, dass eine

ersten Tag an. Mit uns ging ein beträchtlicher Teil

öffentliche Versammlung statt: die Gründung einer

der Schweiz vereinigten arbeitete Leonie Kascher

organisatorische Trennung stattfand. Sie wurde am

der Arbeiterschaft. Zu dieser Zeit erklärten wir, dass

Kommunistischen Partei wurde beschlossen.“

intensiv an der Positionsfindung. Im Zentrum

Gründungskongress beschlossen:

die Zeit des Parlamentarismus vorbei sei, dass wir

stand die Forderung, nach der mit dem Aufbau

nichts mehr von dieser bürgerlichen Institution zu

Obwohl die Organisation äusserst vorsichtig und

von ArbeiterInnen- und Soldatenräten unmittelbar

Die Zimmerwalder und Kienthaler Konferenzen

erwarten hätten. Wir haben damals jede Möglichkeit

klandestin arbeitete, wurde Leonie Kascher ein

begonnen werden sollte – auch als Konsequenz des

hatten zu der Zeit Bedeutung, in der es wichtig

der Mitarbeit an der Parteipresse verloren.

zweites Mal verhaftet. Am Abend zuvor war es ihr

opportunistischen Verrats des Generalstreiks, dass

war, alle diejenigen Elemente des Proletariats zu

Sogar Versammlungsannoncen wurden von dem

noch gelungen, einem Genossen ihren Entwurf

neue Zeiten auch neue Kampfformen erforderten.

vereinigen, welche bereit waren, in dieser oder

‚Volksrecht‘ nicht mehr aufgenommen, wir mussten

der Plattform der Kommunistischen Partei der

Diese Linie, die auch im Programm der KPS

jener Form gegen das imperialistische Morden

Handzettel in den Fabriken persönlich verteilen.

Schweiz zu übergeben – es sollte als Flugblatt für

zum Ausdruck kam, entwickelte Leonie Kascher

zu protestieren. Aber in die Zimmerwalder

Auch die Soldatenorganisationen wurden verfolgt.

die Streikenden verwendet werden.

ebenfalls in ihrer Rede am Gründungskongress der

Vereinigung sind zusammen mit ganz entschieden

Man musste geheim arbeiten, man wurde bespitzelt.

Kommunistischen Internationale.

kommunistischen Elementen auch Elemente des

Es machte sich auch unter den kommunistischen

„Wie angenehm erstaunt war ich, als ich einige Zeit

‚Zentrums‘, pazifistische und schwankende Elemente

Gruppen ein immer stärkeres Verlangen geltend,

später während eines der Verhöre in der Hand des

In den Linienkämpfen zwischen opportunistischen

eingetreten. Diese Elemente des Zentrums, wie das die

dass man zur Trennung schreiten sollte. Da kam ein

Untersuchungsführers das frisch gedruckte Flugblatt

und revolutionären Strömungen innerhalb der

Berner Konferenz zeigte, verbinden sich jetzt mit den

Moment, wo die Trennung tatsächlich notwendig

mit dem Titel ‚Manifest der Kommunistischen Partei

Linken – sei es in der Schweiz oder auf internationaler

Sozialpatrioten zum Kampf gegen das revolutionäre

wurde. Es war im Oktober 1918, nach dem

der Schweiz‘ sah, welches mir der Untersuchungsführer

Ebene – bezog Leonie Kascher stets klar Position.

Proletariat und nutzen auf diese Weise das Banner

Bankangestelltenstreik in Zürich. Der einmütige

mit den Worten reichte: ‚Haben Sie das geschrieben?‘

In den Anfangsjahren, in welchen Leonie Kascher

von Zimmerwald im Interesse der Reaktion aus. Zu

Sympathiestreik der Zürcher Arbeiter hatte sicher

(...) Nach den wiederholten Verhaftungen hat mich

in der Schweiz aktiv war, war die revolutionäre

derselben Zeit ist die kommunistische Strömung in

nicht nur den Zweck, die paar ausbleibenden, besser

die Regierung als Ausländerin aus der Schweiz

Strömung relativ schwach, obwohl sie auf relativ

einer ganzen Reihe von Ländern erstarkt, und der

gesagt, verspäteten Unterschriften der Bankherren

ausgewiesen und mir erlaubt, mit dem Zug für

grosse Zustimmung in der Arbeiterschaft stiess,

Kampf mit den Elementen des Zentrums, die die

einzuholen, sondern er war eine elementare

russische politische Emigranten auszureisen. Ich

wie die Ereignisse im November 1917 zeigten. Die

Entwicklung der sozialen Revolution hemmen, ist

Entladung der Spannung, welche seit Monaten in

wurde mit einer Eskorte mit dem Zug zur Grenze

Situation änderte sich nach der Oktoberrevolution

eine der dringendsten Aufgaben des revolutionären

Zürich herrschte und der das Streben zugrunde lag,

gebracht.“

jedoch schnell: In der Schweiz dauerte es zwar

Proletariats geworden. Die Zimmerwalder

für den Achtstundentag einen kantonalen Streik

bis 1921, bis sich die Forderung Kaschers

Vereinigung hat sich überlebt. Alles, was wirklich

durchzuführen. Für die Arbeiterunion Zürich und die

Die Ausweisung durch den Bundesrat führte sie

durchsetzte, dass sich die Parteilinke innerhalb der

revolutionär in der Zimmerwalder Vereinigung war,

Streikführer dagegen, die Genossen Platten und Küng,

nach Moskau – wo eben die Vorbereitungen für

Sozialdemokratischen Partei von dieser abspalten

geht in die Kommunistische Internationale über.“

war die Bewegung ein Mittel, um die Bankangestellten

den Gründungskongress der Kommunistischen

solle und eine revolutionäre kommunistische

in die Organisation zu bringen (was ihnen gar nicht

Internationale anliefen.

Partei gründen solle; am Weltkongress der Dritten

gelungen ist: die Bankangestellten haben während

Internationale konnten sich aber die revolutionären

des Generalstreiks nicht mitgemacht). Die empörte,

5. Das Erbe von Zimmerwald

Kräfte gegen die Opportunisten durchsetzen

aufgeregte Menge stimmte dem Vorschlag des

und die Kommunistische Internationale

Genossen Herzog, weiter für den Achtstundentag zu

Das Manifest der Zimmerwalder Linken, die mit

wurde als revolutionärer Kontrapunkt zur

streiken, einstimmig zu, war aber infolge des scharfen

der These der Bolschewiki von der Umkehrung des

alten, reformistischen Zweiten Internationale

Widerstandes der Delegiertenversammlung und der

imperialistischen Krieges in den revolutionären

gegründet. Aufgrund von objektiven Faktoren –

Arbeiterunion am folgenden Tag nicht erschienen.

Bürgerkrieg die Machtfrage ins Zentrum der

Oktoberrevoution in Russland, Ende des Ersten

Diese Sonderaktion der ‚Forderungs‘-Leute wurde

politischen Auseinandersetzungen rückte und daher

Weltkriegs, Umsturz in Deutschland – war die

öffentlich verpönt, der Genosse Herzog und andere

mit dem Reformismus der Zweiten Internationale

revolutionäre Linie erstarkt.

aus der Partei ausgeschlossen, die Gruppen scharf

brach, hatte für den revolutionären Teil der

getadelt.

schweizerischen ArbeiterInnenbewegung einen

Die Dritte Internationale trat dann auch das Erbe

entscheidenden Einfluss. In der „Gruppe Forderung“

der Zimmerwalder Linken an, welche sich an jenem

Diese Stellungnahme der Parteiinstanzen hat

und der daraus entstandenen verschiedenen

Kongress für aufgelöst erklärte, da der Linienkampf

28

29


Jüdische Widerstandskämpferinnen in Warschau 1943

In Erinnerung an Fela Kascher (Helena Russezka)

Fela Kascher

Alle drei Schwestern Leonie Kaschers waren politisch

als kommunistische Revolutionärinnen

aktiv.

Felicia – oder Fela – Kaszer wurde im Januar

1896 in Warschau im vom russischen Zarenreich

besetzten Polen geboren. Sie schloss sich in den

1920er Jahren der illegalen kommunistischen

Bewegung in Warschau im nun unabhängigen

Polen an. Während ihre Geschwister Polen verliessen,

blieb Fela in Warschau. Kurz nach der

Besetzung Warschaus im September 1939 durch

das faschistische Deutschland wurde ihr Mann

Marek Garfinkel verhaftet, gefoltert und exekutiert.

Fela Kaszer musste mit ihren zwei Kindern

– Hanka und Inka (Celinda) – im Herbst 1940 in

das Warschauer Ghetto ziehen, in welchem die

jüdische Bevölkerung Warschaus gefangen gehalten

wurde. Die noch junge Hanka wurde von

den Nazis bald schon ermordet. Fela entschied

sich, sich dem bewaffneten Untergrundkampf

gegen die deutschen Besatzer anzuschliessen und

nahm den Namen ‘Helena Rusiecka’ an. Sie trug

jederzeit Gift auf sich, welches sie im Falle einer

Festnahme eingenommen hätte. Mit gefälschten

Papieren verhalf sie vielen Menschen zur Flucht

aus dem Warschauer Ghetto und bewahrte sie

damit vor der Ermordung durch die Nazis. Für

ihre zweite Tochter kam die Hilfe jedoch zu spät:

Inka wurde Ende 1942 ins Konzentrationslager

Treblinka deportiert und dort ermordet. Fela

nahm als aktive Kämpferin am Aufstand im

Warschauer Ghetto vom April bis Mai 1943 teil.

1955 lebte sie kurzzeitig in Moskau, um ihre

schwerkranke Schwester Leonie zu pflegen.

1968 trat sie aus der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei

aus Protest gegen die rassistische

Märzkampagne aus.

Fela Kascher starb 1992 in Warschau.

31


Anhang I: Manifest der Kommunistischen Partei der Schweiz

An die Arbeiter!

Die Revolution hat in allen Ländern Europas

ihren Einzug gehalten. Während sie in den

einen schroff und stürmisch wütet, fegt sie

in anderen die alten morschen Stützen der

alten Ordnung im Stillen weg. Auch die

schweizerische Arbeiterschaft hat das Gebot

der Stunde erkannt. Hinter ihr liegt der erste

grosse Kampf, allein sie ging geschlagen aus

diesem ersten Kampf hervor. Geschlagen nicht

durch die Macht des Gegners, sondern durch

die ängstliche kleinbürgerliche Politik ihrer

eigenen Führer. Warum haben diese Führer

versagt? Weil sie nicht aus eigenem Willen und

freudigem Herzen in den Kampf gezogen sind,

sondern gestossen und gedrängt vom Willen

der Arbeiterschaft. Sie mussten versagen, weil

sie nicht den Willen hatten, für das zu kämpfen,

wofür die Arbeiter in den Kampf zogen – für

den Sozialismus.

Nun jubelt das Bürgertum und nützt seinen „Sieg“

entschlossen und zielbewusst aus. Vergessen

sind alle die schönen Versprechungen: die

sozialen Reformen. Die Regierung trottet im

alten Tempo weiter. Die Reaktion wütet mit

jedem Tag stärker, viele unserer Genossen

schmachten in den Gefängnissen. Ja, noch mehr,

das Bürgertum, dass, dank seiner Schulung und

Intelligenz, die Verhältnisse ganz anders zu

überblicken vermag als die grosse Masse der

Arbeiterschaft, hat fieberhaft und systematisch

begonnen, sich zum Bürgerkrieg zu rüsten, zum

energischen, erbitterten Klassenkampf.

Arbeiter, Genossen, und wir? Wollen wir ruhig

abwarten, bis es zu spät ist? Bis eines Tages die

Arbeiterschaft von einer weissen Garde, von einem

bis zum letzten Mann aufgebotenen Bürgertum

umzingelt ist und ihr die Möglichkeit genommen

ist, sogar nur einen einfachen Streik durchzuführen.

Nein! Der Kampf, der hinter uns liegt, ist nur eine

Etappe einer Reihe noch kommender Kämpfe

um unser Ziel. Aber wollen wir unseren nächsten

Kampf wieder einem Oltener Aktionskomitee

anvertrauen? Wenn noch so geniale und radikale

[unlesbar] Männer darin sitzen, wollen wir

uns wieder auf Gnade und Ungnade ausliefern,

damit sie wieder im entscheidenden Momente

zusammenklappen? Arbeiter, Genossen, lernen

wir von den uns umgebenden Ländern. Neue

Zeiten erfordern auch neue Kampfformen und

diese Kampfformen, die allein die Gewähr bieten,

dass wir aus den kommenden Kämpfen siegreich

hervortreten, sind die

Arbeiter- und Soldatenräte.

An Stelle des Oltener Aktionskomitee und

der Arbeiterkongresse fordern wir einen

Schweizerischen A r b e i t e r r a t, der direkt

den Willen der klassenbewussten Arbeiter zum

Ausdruck bringt, mit ihnen in ständigen Kontakt

steht, indem er gebildet ist aus Arbeiterbrüdern,

die wir wählen an den Arbeitsstätten direkt aus den

Betrieben. Dieser Arbeiterrat hat den Grosskampf

zu führen auf Weisung der lokalen Arbeiterräte.

Wir wollen uns endlich klar werden, wie es das

Bürgertum längst ist, dass die kommenden Kämpfe

einen anderen Charakter annehmen müssen, sollen

sie zum Erfolge führen. Sehen wir das ein, so müssen

wir aber auch die Taktik des Kampfes ändern. Diese

neue Taktik lässt sich zusammenfassen in folgende

Punkte:

• Alle Macht in die Hände der Arbeiterräte.

• Der nächste Kampf soll ein revolutionärer

Generalstreik sein. Schon jetzt müssen

Vorbereitungen getroffen werden, vor allem eine

rege Propaganda, speziell unter den Soldaten.

Die Arbeiterräte haben zusammen mit

den Soldatenorganisationen für die Bildung der

Soldatenräte zu sorgen.

Die Arbeiterräte haben die Arbeiter

fachlich aufzuklären für die Uebernahme der

wirtschaftlichen Macht, d. h. der Produktion in

den Betrieben.

• Es soll eine andere Bauernpolitik getrieben

werden. Rege Propaganda unter den Kleinbauern

und Knechten. Aufklärung über den Sozialismus,

der ihnn ja zum Vorteil wird.

Arbeiter, Genossen! Wir wissen, dass wir nicht

mit einem Schlage den Sozialismus verwirklichen

können, sondern dass uns noch eine Reihe grosser

Kämpfe bevorstehen, bis wir unser Ideal errungen

haben. Was wir aber wollen, das ist mit jedem

Kampfe einen Schritt dem Ziel entgegenzugehen.

Darum sind unsere P a r o l e n f ü r d e n n

ä c h s t e n K a m p f noch nicht das Endziel

selbst, sondern Parolen, die uns dem Endziel näher

bringen. Nämlich:

• Der Achtstundentag zum Gesetz.

• Kontrollrecht der Arbeiter im Staate über

die Lebens- und Bedarfsartikel.

• Erweiterte Kontrolle der Arbeiter über die

Produktion.

Wie entstehen Arbeiterräte?

Arbeiterräte werden gebildet, indem in allen

Fabriken und Betrieben Werkstätteversammlungen

einberufen werden. Aus deren Mitte heraus sollen die

Arbeiterratsdelegierten gewählt werden. Wählbar

und berechtigt zur Wahl sind alle arbeitenden

Männer und Frauen – ob organisiert oder nicht.

Auf 30 Arbeiter im Betrieb und eine Bruchzahl von

30 soll ein Delegierter in den örtlichen Arbeiterrat

gewählt werden. Die Branchen mit sehr kleinen

Betrieben sollen Bezirksarbeiterversammlungen

durchführen und aus diesen Versammlung heraus

die Delegierten bestimmen. Aus der Mitte der

örtlichen Arbeiterräte werden die Delegierten

zum schweizerischen Arbeiterrat gewählt. In

solchen Betrieben, wo die Arbeiterschaft noch

zu wenig aktionsfähig, zu konservativ ist, hat die

vorwärtsdrängende Minderheit den Delegierten

zu bestimmen. Es ist nicht nötig, dass vom ersten

Tage an dem örtlichen Arbeiterrat alle Betriebe

angeschlossen sind. Die Hauptsache ist, dass überall

a n g e f a n g e n und nicht geruht wird, bis alle

Arbeiter Delegierte schicken.

Der grosse Vorteil dieses neuen Kampfmittels,

der Arbeiterräte, besteht darin, dass sie von der

Bourgeoisie nicht tot gemacht werden können

und jederzeit, ohne lange und grosse Reklame die

Massen von heute auf morgen, zu jeder Stunde

in Bewegung setzen können. Beschliesst ein

Arbeiterrat in der Nacht eine Aktion, so können

die Delegierten am Morgen in den Betrieben die

Arbeiter und Arbeiterinnen von den gefassten

Beschlüssen benachrichtigen und diese danach

handeln. Der Wille zum Kampf ist freilich die

erste Bedingung für das Gedeihen des neuen

Kampfmittels. Es steht und fällt mit ihm! Handelt

anderseits der Betriebs- oder Bezirksdelegierte

nicht nach dem Willen der arbeitenden Wähler, so

kann er sofort abberufen und durch einen andern

im Betriebe beschäftigten ersetzt werden. Nur in

den Betrieben und Fabriken selbst Arbeitende sind

zu delegieren, keine Sekretäre oder sonstige von

Partei und Gewerkschaften angestellte Beamte. Weg

von den Instanzen, die sollen nur administrative

Funktionen besitzen. Der immer inmitten seiner

Kameraden und Kameradinnen beschäftigte

Arbeiter kennt am besten, was ihnen not tut. Ein

so konstituierter Rat muss produktiv sein und kann

nicht zum Schweigen gebracht werden. Verhaftet

eine Regierung ein Mitglied oder den ganzen Rat,

so wählen die Arbeiter einen neuen.

Bildet überall sofort Arbeiterräte!

Tretet ein in die soz. Soldatenorganisationen!

33


Einführung: Lenin und Clausewitz

Die Arbeiten, die ich über die Beziehungen

zwischen Clausewitz, dem Kriegstheoretiker und

Zeitgenossen Napoleons, und den revolutionären

Militärdoktrinen verfasst hatte, haben zur jetzigen

Einladung geführt, mit Euch über die Beziehung

Lenins zum Krieg zu plaudern. Die Verbindung

zwischen den von Clausewitz in seinem Buch

Vom Kriege entwickelten Theorien und den

Entscheidungen von Lenin bildet dabei den roten

Faden. Man könnte dieses Vorgehen monomanisch

nennen, aber ich sehe darin einen legitimen und

produktiven Angriffspunkt, weil Clausewitz’

Einfluss auf Lenin bedeutend war.

Eine Anekdote gibt uns eine Idee über diese

Bedeutung. Als Lenin drei Monate vor der

Oktoberrevolution nach aufständischen

Demonstrationen in Sankt Petersburg von der

provisorischen Regierung von Kerenski per

Haftbefehl gesucht wurde, verliess er die Hauptstadt

und überschritt klandestin die finnische Grenze

mit sehr leichtem Gepäck, darunter zwei Bücher:

Der Bürgerkrieg in Frankreich von Karl Marx

und Vom Kriege von Carl von Clausewitz, das er

zwei Jahre früher mit Anmerkungen versehen

hatte. Clausewitz‘ Einfluss auf den Marxismus-

Leninismus beginnt mit der Lektüre durch Engels,

vertieft sich mit der von Mehring und wird durch

Lenins Analyse bestimmend.

in der Philosophie oder Adam Smith‘ in der

Ökonomie: alle drei sind fundamentale Quellen

des Marxismus-Leninismus. Allerdings sind es

erst später die militärischen Schriften von Mao

Zedong, der selber ein grosser Leser von Clausewitz

war 1 , welche eine vollständige und kohärente

revolutionäre Militärpolitik theoretisierten. Weder

Marx und Engels noch Lenin oder Stalin haben ein

Werk verfasst, das Vom Kriege in derselben Weise

übertreffen würde wie Das Kapital den Wohlstand

der Nationen übertrifft.

Die Frage, ob Mehrings Schriften Lenin dazu

brachten, Clausewitz zu lesen, ist noch nicht

geklärt. Sicher ist, dass Lenin Mehring, der das

Denken von Clausewitz aufgriff und propagierte,

gelesen hatte, bevor er in der Bibliothek in Bern

in seinem zweiten Exil 2 zwischen Herbst 1914

und Frühling 1915 – Vom Kriege studierte 3 . Er

kopierte umfangreiche Auszüge (auf Deutsch) in

sein Notizbuch mit einigen Anmerkungen dazu

(auf Russisch). Es ist auffällig, dass diese Auszüge

ausführlicher und zahlreicher wurden, je weiter

Lenin im Studium dieses Buches fortschritt.

Alles scheint den patriotischen und

monarchistischen preussischen Militär vom

russischen Berufsrevolutionär zu unterscheiden.

Aber eine tiefe gedankliche Verwandtschaft

verbindet sie: eine dialektische, methodische,

zupackende, kreative und auf eine solide

philosophische Kultur gegründete Geisteshaltung.

Lenin erkannte sofort die Originalität und die

Reichhaltigkeit des Clausewitz‘schen Denkens,

das sonst von der Militärkaste in Frankreich

und Deutschland missverstanden, verdreht und

ausgelaugt wurde, was die Kriegskunst auf ein

sehr mittelmässiges Niveau fallen liess. Und so wie

Clausewitz wichtig für Lenin war, war es auch Lenin

für Clausewitz, da er als erster Staatsmann dessen

Gedanken in der politischen Aktion zur Geltung

brachte.

Das Gedankengut von Clausewitz entspricht in

der Kriegswissenschaft dem Gedankenguts Hegels

37


Erster Teil: Die Kriegstheorie

1.1. Der Krieg als politisches Instrument

Die erste These von Clausewitz, die Lenin notiert,

ist die berühmte Formel « dass der Krieg nichts ist

als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln.

» Er zitiert sie aus der Nachricht von 1827 über den

Zustand des Manuskriptes 4 , bevor er die ganze Ziffer

24 des Ersten Kapitels des Ersten Buches kopiert. 5 .

Und wenn Clausewitz diese Frage erneut im Kapitel

6 B des Achten Buches behandelt, schreibt Lenin

sehr lange Auszüge daraus ab und notiert am Rand:

« Das allerwichtigste Kapitel » 6 .

Von welcher Politik ist der Krieg die Fortsetzung?

Zunächst von der objektiven Politik, (auf Englisch

politics genannt), also der Gesamtheit der

historischen, sozialen ökonomischen, technischen,

kulturellen und ideologischen Faktoren, welche

die sozialen Bedingungen eines Krieges darstellen

und diesen zu einem sozialgeschichtlichen Produkt

machen 7 . Dann auch von der subjektiven Politik

(policy), also der politischen Aktion, der politischen

„Geschäftsführung“, die durch Motive inspiriert

und von einem Ziel geleitet ist; und in diesem

Sinn umfasst das Clausewitz’sche Konzept der

„Fortsetzung“ folgendes:

1° Das Spezifische des Krieges, nämlich der

Gebrauch der Streitkräfte, was eine besondere

Situation unter der Regie spezifischer Gesetze

schafft.

Die Einbeziehung des Krieges in ein Ganzes, das

politisch ist. Der Krieg ist nur eines der Mittel, um

Politik zu machen 8 .

3° Eine komplexe Beziehung zwischen dem Ziel im

Krieg (z.B. die Vernichtung der feindlichen Armee,

die Einnahme der Hauptstadt oder einer Provinz)

und dem Zweck des Krieges (die angestrebte neue

Situation am Ende des Krieges z.B. die Eroberung

einer Provinz, die Installation eines neuen Regimes

oder die Annexion des feindlichen Landes).

Trennte man den Krieg von der Politik, bemerkt

Clausewitz, wäre er nur ein Ausdruck des Hasses

zwischen zwei Völkern. Nun kann man aber die

Kriege nicht auf eine einfache Feindseligkeit

reduzieren, auf einen Todeskampf, in den zwei

Völker blind gegeneinander geworfen werden. Wie

Lenin in einer Randbemerkung schreibt: „Der Krieg

= Teil eines Ganzen“ „dieses Ganze = die Politik“. Die

Beziehung, die Clausewitz herstellt, macht aus dem

Krieg ein Objekt der Theorie 9 .

Alle Kriege werden in diesem Licht zu gleichartigen

Erscheinungen.

1.2. Krieg und Antagonismus

Ein Gemeinplatz des konterrevolutionären

Diskurses, ob von links oder von rechts, reduziert

die Gewalt ausschliesslich auf ihre Ausübung. Man

findet ihn in gelehrter Form in der Aussage, dass

bei Lenin die Politik die Weiterführung des Krieges

sei. Diese Anklage wurde gegen Lenin, gegen den

Marxismus sowie gegen die UdSSR als Staat erhoben.

Man findet eine solche kernige Aussage bei J. F. C.

Fuller, der manchmal als «der grösste Militärdenker

des 20. Jahrhunderts» bezeichnet wird. Er schrieb

(im Jahr 1961!), dass «die sowjetischen politischen

Beziehungen, sowohl im inneren als auch gegen

aussen, [...] denen innerhalb und zwischen

primitiven Stämmen analog [sind]. Für beide, den

Mann eines Stammes und den Revolutionär, lautet die

herrschende Devise „zerstören oder zerstört werden“,

und wie in der Tierwelt gibt es keinen Unterschied

zwischen Krieg und Frieden.»

Diese Einschätzung wird auf viele Arten

durchgespielt. Eine der vernünftigsten ist noch

die von Jean-Vincent Holeindre: «[Lenins] Politik

denkt vom Klassenkampf her, der notwendigerweise

einen gewaltsamen Charakter hat, und mit dem

Horizont des Friedens, der dank der Realisierung

der kommunistischen Idee errichtet wird. Hier wird

Clausewitz‘ Formel umgedreht: In den Augen Lenins

geht die Gewalt dem Frieden voraus und begründet

diesen. In der leninistischen Theorie muss die Gewalt

von der Avantgarde-Partei entworfen und umgesetzt

werden. Die Politik ist nicht dazu berufen, die Gewalt

zu zähmen, sondern sie im revolutionären Moment

mit dem Ziel zu organisieren, ihr ein für alle Male

ein Ende zu setzen vom Augenblick an, an dem die

Ziele der Revolution realisiert sind» 11 Die Zähmung

der Gewalt als den Zweck der Politik anzuschauen

steht in der Tradition von Hobbes, ist liberal und

nicht nur Lenin fremd, sondern auch Clausewitz,

Machiavelli und vielen anderen, für welche Krieg

nicht das Versagen der Politik bedeutet, sondern

eine ihrer Verwirklichungen.

39


Das marxistisch-leninistische Verständnis von

Geschichte basiert auf dem Widerspruch, der den

Charakter des sozialen Antagonismus annehmen

kann. So wie es im Manifest der Kommunistischen

Partei gleich zu Beginn heisst: « Die Geschichte

aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte

von Klassenkämpfen. Freier und Sklave, Patrizier

und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger

und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte

standen in stetem Gegensatz zueinander, führten

einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald

offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer

revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft

endete oder mit dem gemeinsamen Untergang der

kämpfenden Klassen.» 12

Ihr als Deutschsprachige kennt das Problem nicht,

aber auf Französisch sind wir seit Langem mit

einem sich wiederholenden Übersetzungsfehler

konfrontiert, der die entsprechende Komplexität der

Frage aufzeigt. Die französische Übersetzung setzt

für Kampf das Wort guerre = Krieg ein statt „lutte“

oder allenfalls „combat“. Dieser Irrtum verfälscht

den Sinn schwerwiegend, weil Antagonismus

nicht einfach „Kriegführung“ bedeutet, und dies

umso mehr, als es sich um einen «bald versteckten,

bald offenen Kampf» handelt – eine wesentliche

Präzisierung, die nicht heisst, dass die historischen

Akteure ihre Absichten verstecken, aber dass der

Antagonismus manchmal auch vor ihren eigenen

Augen versteckt ist.

Für den Marxismus-Leninismus ist ausserdem das

Feld der Politik breiter als der Kampf zwischen

antagonistischen Klassen. Die Gesellschaften sind

von Klassenwidersprüchen durchzogen, welche

Bedingungen für historischen Umwälzungen

schaffen, aber auch von zahlreichen anderen

Interessenskonflikten, solchen zwischen Völkern,

Nationen, Klassen, einzelnen sozialen Schichten,

Teilen von Klassen, usw. Nicht alle diese

Interessenskonflikte beinhalten eine Kriegslogik:

Erstens, weil sie durch eine höhergestellte

Gemeinsamkeit der Interessen ausgeglichen

werden können, und zweitens, weil der Krieg teuer

und dessen Ausgang ungewiss ist. Es kann dann

scheinen, als wäre das Kriegsspiel die Mühe nicht

wert. Im Kampf zwischen der englischen Bourgeoisie

und der Aristokratie war die kriegerische Zeit

Cromwells viel kürzer als die ganze Zeitperiode

der Bekehrung der Aristokratie zum Hochgenuss

des Kapitalismus. Auch heute gibt es z.B. zwischen

den USA und China viele Interessenskonflikte,

die zu unfreundlichen Akten verschiedener Art

führen (Spionage, Desinformation, Besteuerung

und Limitierung von Importen, usw.). Und

trotzdem herrscht zwischen den USA und China

grundsätzlich Frieden. In der Politik ist der Friede

nicht die Ausnahme. Friede bedeutet nicht die

Abwesenheit von Widersprüchen, sondern ist der

Zustand, in welchem die bewaffnete Gewalt nicht

als Lösung der Interessenskonflikte angesehen wird.

Im Fall von Widersprüchen, bei denen

antagonistische Klassen gegeneinander

stehen, besteht ein gewisses, auch gespanntes

Kriegsverhältnis in friedlichen Zeiten weiter.

Erstens, weil die gewalttätigen Episoden der

Vergangenheit in der Gegenwart auch in friedlichen

Zeiten präsent bleiben (z.B. das grosse Gewicht

des Gedenkens an die Pariser Kommune). Und

zweitens, weil einige politische Kräfte mit hohem

Klassenbewusstsein, die sich keine Illusionen

über die Zusammenarbeit der Klassen mit

antagonistischen Interessen machen und von der

Unvermeidbarkeit der Konfrontation überzeugt

sind, die kriegerischen Akte in friedlichen Zeiten

als Vorbereitung/Vorausnahme auf kriegerische

Zeiten einsetzen 13 .

Das Verständnis über die friedlichen Zeitperioden

zwischen antagonistischen Klassen führt zurück

zur Art, wie im Manifest der Kommunistischen

Partei vom bald versteckten, bald offenen Kampf

gesprochen wird. Sobald die Macht einer Klasse

gut gesichert ist, werden ihre Dispositive zur

Zwangsausübung nur selten angewandt. Ihre

ideologische Allmacht erreicht es ohne das,

jede spezifische Äusserung von Interessen der

beherrschten Klasse zu verhindern oder zumindest

unter der Schwelle des Antagonismus zu halten.

In diesem Stadium nimmt sich der grösste Teil

der beherrschten Klasse nicht als solche wahr,

sondern verdünnt und spaltet ihre Identität in

Funktion anderer sozialen Kluften (nationale,

ethnische, religiöse). In diesen Zeiten mit fehlenden

erklärten Feinden und mit der Illusion der

eigenen ideologischen Kategorien versteht sich die

herrschende Klasse selber als Teil einer nationalen

oder religiösen Gemeinschaft. Dies ist nicht ein

verdeckter Kriegszustand, sondern ein Zustand des

Klassenfriedens, der anhält, bis die historischen

Kräfte (objektive: Krieg, Wirtschaftskrise;

subjektive: politische Aktion) die Klasse an sich in

eine Klasse für sich verwandeln.

Für Lenin sind die friedlichen Strategien nur

pazifistische Illusionen, und nur die Revolution

vermag es, den Knoten der sozialen Widersprüche

zu durchschlagen. Der Klassenkampf soll sich

durch die Akkumulation von quantitativen

Veränderungen (mehr Klassenbewusstsein, mehr

Organisierung, mehr revolutionäre Theorie und

Praxis) zu qualitativen Veränderungen (Übergang

vom friedlichen zum bewaffneten Kampf) und

damit zum Bürgerkrieg erweitern: « Der Marxist

steht auf dem Boden des Klassenkampfes und nicht des

sozialen Friedens. In bestimmten Perioden scharfer

ökonomischer und politischer Krisen entwickelt sich

der Klassenkampf zum unmittelbaren Bürgerkrieg,

d.h. zum bewaffneten Kampf zwischen zwei Teilen

des Volkes. » 14

.

Das Proletariat konstituiert sich als Klasse für

sich über Teilkämpfe und das Bestreben, sich zu

organisieren und das Bewusstsein anzuheben,

aber das macht es noch nicht zur Kriegspartei.

Das Bewusstsein eines radikalen Widerspruchs

zwischen Klasseninteressen führt nicht zwingend

zur Überzeugung über die Notwendigkeit des

Krieges. Die Vorstellung, dass das Parlament oder

der Staat über den Klassen steht oder dass sie

zumindest für die Veränderung der Gesellschaft

nützlich seien, bewirkt eine pazifistische Politik. Der

Krieg ist kostspielig und riskant; dazu werden noch

die alten moralischen Vorstellungen verletzt. Also

ist es unvermeidbar, nicht gewaltsamen Strategien

zu bevorzugen, wenn es scheint, als ob sie zum Ziel

führen können. Darüber hinaus ist der Prozess,

der von der Klasse an sich zur Klasse für sich führt

und vom Klassenkampf zum Klassenkrieg nicht

linear. Der Prozess kennt plötzliche Fortschritte

und auch plötzliche Rückschläge. Darum

kritisierte Lenin auch die bewaffnete Aktion der

Narodniki, als die proletarische Politik sich eher

auf Bewusstseinsarbeit und Organisation mit

eine antagonistische Dimension (Streiks usw.)

konzentrieren sollte, die aber noch keine bewaffnete

Gewalt benötigte.

1.3. Der Krieg als historisches Objekt

Im Kapitel 3 B des Achten Buchs schrieb Lenin

die Passagen ab, welche die Transformationen

des Krieges in Funktion der geschichtlichen

Veränderungen behandeln, speziell denen, die

durch die Französische Revolution herbeigeführt

worden waren. Nach Clausewitz muss man die

Gründe für die von ihren Armeen vollbrachten

Wunder nicht in neuen Ideen und neuen Verfahren

suchen, welche die Französische Revolution in die

Kriegskunst einführte, sondern im neuen sozialen

Status und seinem nationalen Charakter.

Nur eine Macht, die alle Sonderrechte, inneren

Schranken, Monopole und Partikularismen los ist,

welche das Ancien Régime kennzeichneten, konnte

eine veritable nationale Mobilisierung und eine

veritable Kriegsökonomie auf die Beine stellen.

Alle Ressourcen Frankreichs sind im Dienst

des Krieges mobilisiert worden, und die Macht,

die daraus resultierte, übertraf bei weitem

die kumulierte der gegnerischen Mächte der

Adelsdynastien. Im Gegensatz zu den Armeen der

Prinzen – Söldnerarmeen, die aus Vagabunden im

Bruch mit ihrer Schicht zusammengesetzt, durch

Drill dressiert und mit dem Schlagstock geführt

waren – war die französische Armee eine nationale

und eine Bürgerarmee, bei denen nach Verdiensten

und nicht nach der Geburt rekrutiert und befördert

wurde.

Mit den Armeen der Revolution (von der

Napoleon erbte) erfuhr der Krieg wichtige

Formveränderungen, nicht weil die französische

Regierung sich von den Zwängen der Politik

emanzipiert hätte, sondern weil die Revolution die

Grundlagen der Politik verändert und die Kräfte

geweckt und die Mittel entwickelt hatte, welche

es erlaubten, die Kriegsenergie zu erhöhen und in

andere Bahnen zu lenken. Die in die Kriegskunst

eingeführten Veränderungen waren die Konsequenz

der Veränderungen, die in der Politik stattgefunden

hatten.

Im Kapitel mit dem Titel Von der Grösse des

kriegerischen Zweckes und der Anstrengung, kommt

Clausewitz auf die historischen Veränderungen

im Charakter der Kriege zurück (er schreibt über

Halbgebildete Tartaren, Republiken der alten Welt,

Lehnsherren und Handelsstädte des Mittelalters;

Ende des 17. Und 18. Jahrhunderts) :

… « Das Volk also, welches bei den Tartarenzügen a l l e s

im Kriege ist, bei den alten Republiken und im Mittelmeer,

wenn man den Begriff desselben gehörig auf die eigentlichen

Staatsbürger beschränkt, sehr vieles gewesen war, ward bei

diesem Zustand des achtzehnten Jahrhunderts u n m i t t e l b a r

n i c h t s, sondern hatte bloss durch seine allgemeinen Tugenden

oder Fehler noch einen mittelbaren Einfluss auf den Krieg 15 .(...)

Die (französische) Revolution hat das alles umgestaltet. (…)

Der Krieg war plötzlich wieder eine Sache des Volkes geworden.

(...) das ganze Volk trat mit seinem natürlichen Gewicht in die

Waagschale. Seit Bonaparte hat also der Krieg, indem er zuerst

auf der einen Seite, dann auch auf der anderen, Sache des

ganzen Volkes wurde, eine ganz andere Natur angenommen,

oder vielmehr er hat sich seiner wahren Natur, seiner absoluten

Vollkommenheit, sehr genähert. Die Mittel, welche aufgeboten

worden sind, hatten keine sichtbare Grenze, sondern diese verlor

40

41


sich in der Energie und dem Enthusiasmus der Regierungen und

ihrer Untertanen. (...) So war also das kriegerische Element,

von allen konventionellen Schranken befreit, mit seiner ganzen

natürlichen Kraft losgebrochen. Die Ursache war die Teilnahme,

welch den Völkern an dieser grossen Staatsangelegenheit wurde;

und diese Teilnahme entsprang teils aus den Verhältnissen,

welche die Französische Revolution in dem Innern der Länder

herbeigeführt hatte, teils aus der Gefahr, womit alle Völker

von dem französischen bedroht waren. (...) Ob es nun immer

so bleiben wird, ob alle künftigen Kriege in Europa immer mit

dem ganzen Gewicht der Staaten und folglich nur um grosse,

den Völkern naheliegende Interessen geführt sein werden oder

ob nach und nach wieder eine Absonderung der Regierung von

dem Volke eintreten wird, dürfte schwer zu entscheiden sein,

und am wenigsten wollen wir uns eine solche Entscheidung

anmassen. (...) [Unser Ziel]: ...zu zeigen, wie jede Zeit ihre

eigenen Kriege, ihre eigenen beschränkenden Bedingungen, ihre

eigene Befangenheit hatte. Jede würde also auch ihre eigene

Kriegstheorie behalten, selbst wenn man überall, früh und spät,

aufgelegt gewesen wäre, sie nach philosophischen Grundsätzen

zu bearbeiten. Die Begebenheiten jeder Zeit müssen also mit

Rücksicht auf ihre Eigentümlichkeiten beurteilt werden, und nur

der, welcher nicht sowohl durch ein ängstliches Studium aller

kleinen Verhältnisse als durch einen treffenden Blick auf die

grossen, sich in jede Zeit versetzt, ist imstande, die Feldherren

derselben zu verstehen und zu würdigen.“ 16

Lenin kopierte diese Passage, qualifizierte sie als wichtig

und fasste zusammen: «Jede Zeit hat ‘ihre eigenen

Kriege‘. » So wird es auch mit den revolutionären Kriegen

sein.

1.4. Die Steigerung der Clausewitz’schen

Dreifaltigkeit zum Äussersten

Lenin markierte auch sein Interesse für die

Analyse der politischen Ursache der Steigerung

zum Äussersten, aber auch für die Deeskalation,

weil schwache Motive und Spannungen den Krieg

von seinem „Idealtyp“ oder „abstrakten“ Modell

entfernt, also vom absoluten Krieg, von der

Entfesselung der grenzenlosen Gewalt, die darauf

abzielt, Herr über den Gegner zu werden.

Bei der Behandlung der Unterschiede in der Natur

des Krieges entwickelte Clausewitz einen wahrhaft

dialektischen Gedankengang, den Lenin sorgfältig

abschrieb:

« Je stärker die Motive des Krieges sind, je mehr

sie das Ganze Dasein der Völker umfassen (…)

umso mehr fallen das kriegerische Ziel und der

politische Zweck des Krieges zusammen, um so reiner

kriegerisch, weniger politisch, scheint der Krieg zu

sein. Je schwächer aber Motive und Spannungen

sind, umso weniger wird die natürliche Richtung

des kriegerischen Elementes, nämlich die Gewalt,

in die Linie fallen, welche die Politik gibt, umso

mehr muss also der Krieg von seiner natürlichen

Richtung abgelenkt werden, um so verschiedener ist

der politische Zweck von dem Ziel eines i d e a l e

n Krieges, umso mehr scheint der Krieg politisch zu

werden. 17

Auch wenn der Krieg Erscheinungsformen hat, die

das Bild eines absurden und blinden Krieges abgeben

und die Gründe seiner äussersten Steigerung aus

sich selbst zu schöpfen scheint, wenn er entfesselte

Völker aufeinander hetzt, bleibt folglich die Politik

das Bestimmende des Krieges – sie bestimmt ihn

sogar noch mehr denn je. Nur wenn der Krieg sich

von der politischen Macht mässigen lässt, lässt er

die Schwäche seiner Sache und seiner politischen

Bestimmungen erkennen. Und Lenin synthetisiert:

« Schein ist noch nicht Wirklichkeit. Der Krieg scheint

umso « kriegerischer » zu sein, je tiefer politisch er ist;

- umso « politischer », je weniger tief politisch er ist.»

Aus Anlass der Zerschlagung der Revolution von

1905 und der ihr folgenden Repression konnte

Lenin den Wert der Lektionen von Marx über die

Pariser Kommune erkennen. Diese im Bürgerkrieg

in Frankreich dargestellten Lehren können so

zusammengefasst werden: Zentralisation, Initiative

und Gewaltanwendung. Dennoch haben sich die

Bolschewiki erst mit dem Ansteigen der Gefahren die

Mittel für den Bürgerkrieg gegeben: Die Einrichtung

der Tscheka war improvisiert und spielte erst nach

der Ermordung des bolschewistischen Anführers

Wododarski wirklich eine Rolle. Die Todesstrafe

selbst, die Abschreckungsmassnahme schlechthin,

wurde erst im Frühjahr 1918 eingeführt. Aber trotz

des Zögerns und der Improvisationen konnten die

Bolschewiki die Gewalt „zum Äussersten steigern“

und dadurch die Revolution vor den Gefahren

retten, welche sie in Finnland, Polen, Ungarn und

Deutschland niedergeworfen hatte.

Nach Clausewitz (und Lenin schrieb diese Passage

ebenfalls ab) sind die Kriege so verschieden wie die

Motive, die ihn herbeiführen und die politischen

Beziehungen, die ihm vorausgehen. « Der Krieg ist

also nicht nur ein wahres Chamäleon, weil er in jedem

konkreten Falle seine Natur etwas ändert, sondern

er ist auch seinen Gesamterscheinungen nach, in

Beziehung auf die in ihm herrschenden Tendenzen,

eine wunderliche Dreifaltigkeit, zusammengesetzt

aus der ursprünglichen Gewaltsamkeit seines

Elements, dem Hass und der Feindschaft, die wie ein

blinder Naturtrieb anzusehen sind, aus dem Spiel

der Wahrscheinlichkeiten und des Zufalls, , die ihn

zu einer freien Seelentätigkeit machen, und aus der

untergeordneten Natur eines politischen Werkzeugs,

wodurch er dem blossen Verstande anheimfällt. » 18

Die Dreifaltigkeit bezieht sich also auf das feindselige

Gefühl und die feindselige Absicht, (die die Völker

beseelen), auf das Spiel der Wahrscheinlichkeiten

(welche der oberste General entwirren muss) und

auf die rationalen Zwecke (über die die Regierung

entscheidet).

1.5. Lenin und einige andere Aspekte des

Clausewitz’schen Denkens

Beim Lesen und Kommentieren von Clausewitz

verweilte Lenin auch bei der Rolle der Bevölkerung

im Krieg 19 , bei der Rolle des Generalstabs 20 , bei

der Kritik der „Doktrin der Schlüsselstellung“

(„meistens liegt der beste Schlüssel zum Land im

feindlichen Heer“, sagt Clausewitz)— und Lenin

notiert am Rand: « geistreich und klug ! »), bei der

Führung und dem Charakter einer regulären Armee,

beim Konzept der « Entscheidungsschlacht », bei

den Vorteilen der Verteidigung, bei der Enge der

Sicht der Generalstäbe etc.

Er verweilte bei der Frage der Kühnheit (jener

der Kämpfenden gegenüber den körperlichen

Gefahren und jener des Feldherrn gegenüber

den Verantwortlichkeiten) und bei den Exkursen

von Clausewitz bezüglich der Legitimität der

theoretischen Arbeit und der Dialektik zwischen

dem Besondern und dem Allgemeinen, welche

diese charakterisieren muss.

Die Auszüge und Randglossen Lenins über

Clausewitz zeigen ein spezielles Interesse an den

Thesen über « Kriegerische Tugenden » im Gegensatz

zu den Qualitäten einer regulären Armee, die durch

Siege und Niederlagen gehärtet ist: Tatsächlich

theoretisiert Clausewitz den „Innungsgeist (Esprit

de Corps = Korpsgeist)“ regulärerer Truppen, um

sie von der „Kriegerischen Tugend“ des Volkes

unter Waffen zu unterscheiden, um ihre jeweiligen

Verdienste und die Situationen einzuschätzen, in

denen besser das eine oder andere eingesetzt wird,

etc.

In dem Mass, in dem man nie die freie Wahl der

Modalitäten der Konfrontation hat, erfordern

gewisse Bedingungen, dass die Kräfte der Revolution

sich die Mittel geben, welche der „Innungsgeist“ oder

Korpsgeist regulärer Armeen eigen sind, denn die

Qualitäten eines Volkes unter Waffen (Enthusiasmus,

Kampfgeist, Kreativität) können nicht auf alle

Probleme eine Antwort geben. Lenin hat als erster

innerhalb des proletarischen militärischen Denkens

verstanden, dass die Bewaffnung der Massen

unter gewissen Bedingungen nicht ausreichen

kann und dass sich die Revolution mit einem

stehenden Heer ausstatten sollte. Das bedeutet,

dass man sich vielen Vorurteilen entgegenstellen

muss, welche der antimilitaristischen Tradition

der ArbeiterInnenbewegung entstammen, und es

heisst, die Schwierigkeiten einer Volksregierung

vorauszusehen, welche mit einem klassischen Krieg

konfrontiert wird (Russland 1918-21, Spanien

1936, etc.).

42

43


Zweiter Teil: Imperialistischer Krieg und Befreiungskrieg

2.1. Der Klassencharakter des Krieges

Clausewitz schrieb in Erwägung des neuen

Charakters des Krieges im revolutionären

Frankreich, dass « der Krieg (...) plötzlich wieder

eine Sache des Volkes geworden (war). (...) das

ganze Volk trat mit seinem natürlichen Gewicht

in die Waagschale» 21 . Nach Lenin, der hier die

Klassenanalyse einführte, handelte es sich um

den Krieg «der französichen Bourgeoisie und

vielleicht der ganzen Bourgeoisie » — auch wenn die

Revolutionskriege und die kolonialen Kriege einen

gewissen nationalen Charakter haben konnten, da

sie auch den Kampf der Volksmassen gegen den

Absolutismus, die nationale Repression und den

Feudalismus darstellten.

Im selben Kapitel schreibt Clausewitz auch:

«Man weiss freilich, dass der Krieg nur durch den

politischen Verkehr der Regierungen und der Völker

hervorgerufen wird ; aber gewöhnlich denkt man

sich die Sache so, dass mit ihm jener Verkehr aufhöre

und ein ganz anderer Zustand eintrete, welcher nur

seinen eigenen Gesetzen unterworfen sei. » 22

Die Politik, weit davon entfernt, beim Krieg

aufzuhören, geht weiter und bestimmt den Krieg.

Genau auf diesem Grundsatz griff Lenin Kautsky

und Plechanow an, die die imperialistischen Ziele

ihrer Regierungen in Friedenszeiten kritisierten,

aber in Kriegszeiten in der „Union Sacrée“ 23

mitmachten. Im Mai-Juni 1915 setzte Lenin seine

Erkenntnisse aus der kürzlichen Lektüre von

Clausewitz in seiner Broschüre ein, die gegen die

Vorhut der Sozialchauvinisten gerichtet war:

« Selbst eine so abgedroschene Plattheit weiß Plechanow

mit der bei diesem Schriftsteller nicht zu umgehenden

jesuitischen Berufung auf „die Dialektik» aufzuputzen: in

Anbetracht der konkreten Situation, der man Rechnung

tragen müsse, habe man vor allem den Anstifter des Kriegs

festzustellen und mit ihm abzurechnen, alle übrigen

Fragen aber habe man aufzuschieben bis zum Eintreten

einer anderen Situation. (...) Plechanow greift aus der

deutschen sozialdemokratischen Presse ein Zitat heraus:

die Deutschen selber hätten vor dem Kriege Österreich

und Deutschland als die Anstifter betrachtet – und damit

basta. Dass die russischen Sozialisten die Eroberungspläne

des Zarismus in Bezug auf Galizien, Armenien usw. viele

Male enthüllt haben, das verschweigt Plechanow. Er

macht nicht den geringsten Versuch, die ökonomische

und diplomatische Geschichte, sei es auch nur der letzten

drei Jahrzehnte, zu berühren; diese Geschichte beweist

aber unwiderlegbar, dass gerade die Besitzergreifung von

Kolonien, der Raub fremder Länder und die Verdrängung

und Ruinierung des erfolgreichen Konkurrenten in der

Politik der beiden nun kriegführenden Mächtegruppen die

Hauptsache darstellen. In ihrer Anwendung auf die Kriege

hat die von Plechanow so schamlos zu Nutz und Frommen

der Bourgeoisie entstellte Dialektik zur grundlegenden

These den Satz, dass „der Krieg einfach eine Fortsetzung

der Politik mit anderen (nämlich gewaltsamen) Mitteln»

ist. So lautet die Formulierung von Clausewitz, einem

der großen Schriftsteller in Fragen der Kriegsgeschichte,

dessen Ideen von Hegel befruchtet worden waren. Und das

war auch stets der Standpunkt von Marx und Engels, die

jeden Krieg als die Fortsetzung der Politik der betreffenden

interessierten Mächte – und der verschiedenen Klassen

innerhalb dieser Mächte – im betreffenden Zeitraum

auffassten. Der grobe Chauvinismus Plechanows steht

vollkommen auf derselben theoretischen Basis wie der

raffiniertere, der versöhnlich-süßliche Chauvinismus

Kautskys, wenn dieser letztere den Übergang der

Sozialisten aller Länder auf die Seite „ihrer» Kapitalisten

mit folgender Betrachtung sanktioniert: „Alle haben das

Recht und die Pflicht, ihr Vaterland zu verteidigen; der

wahre Internationalismus besteht in der Zuerkennung

dieses Rechts für die Sozialisten aller Nationen, darunter

auch derer, die mit meiner Nation Krieg führen…“ (...) Als

der wahre Internationalismus soll also die Rechtfertigung

dessen gelten, dass im Namen der „Vaterlandsverteidigung»

die französischen Arbeiter auf die deutschen schießen und

die deutschen auf die französischen! Aber wenn wir uns

die theoretischen Voraussetzungen der Betrachtungen

Kautskys näher besehen, so finden wir eben die Ansicht,

die rund achtzig Jahre früher von Clausewitz verhöhnt

worden ist: mit Kriegsausbruch hört der historisch

vorbereitete politische Verkehr zwischen den Völkern und

den Klassen auf und es tritt eine gänzlich andere Situation

ein! – „einfach» Angreifer und Verteidiger, „einfach»

Abwehr der „Feinde des Vaterlands»! Die Unterdrückung

einer ganzen Reihe von Nationen, die mehr als die

Hälfte der Bevölkerung der Erdkugel ausmachen, durch

die imperialistischen Großmächte, die Konkurrenz

unter der Bourgeoisie dieser Länder um die Teilung der

Beute, das Bestreben des Kapitals, die Arbeiterbewegung

zu zerschlagen und zu unterdrücken, – all das ist auf

einmal aus dem Gesichtsfeld Plechanows und Kautskys

45


verschwunden, obwohl gerade diese so geartete „Politik»

vor dem Krieg ganze Jahrzehnte hindurch von ihnen selber

immer geschildert worden war. » 24

Es gab tatsächlich in der Zweiten Internationale

Debatten darüber, ob die zunehmenden Kriege

(Burenkriege, der spanisch-amerikanische und

der russisch-japanische Krieg) ein Ausdruck der

aktuellen Umstände waren oder einer historischen

Tendenz. Die Charakterisierung des Weltkrieges

als imperialistischer Krieg war Teil seiner Arbeiten

über den Imperialismus 25 . Die Bezeichnung als

imperialistischer Krieg denunziert nicht nur die

annektionistischen Ziele der Kriegsführenden.

Sie erklärt den historischen Gehalt des Krieges,

nachdem die kapitalistische Produktionsweise

sich auf die ganze Welt ausgedehnt hat, es keine

«jungfräulichen» Territorien zum Kolonisieren und

keine Expansionsmöglichkeiten für eine Macht

gibt, die nicht auf Kosten einer anderen Macht geht.

Die Einsicht Lenins über den Klassencharakter des

Krieges erweitert den Horizont der Theorie von

Clausewitz. Lenin geht davon aus, dass die Politik

(und der Krieg, der davon ausgeht) den Interessen

der einen Klasse dient und den Interessen einer

anderen entgegensteht. Diese Ansicht steht im

Gegensatz zu jener der Bonzen der Zweiten

Internationalen, die schnell den nationalen

Charakter des Krieges in den Vordergrund stellten.

Auch wenn der Krieg einen nationalen Charakter

anzunehmen scheint, weil ein Teil der Massen sich

für den Krieg begeistert, ist der wahre Charakter

des Krieges in seiner politischen Ursache zu suchen,

d.h. in diesem Fall in den imperialistischen Zielen

der kriegsführenden Mächte. Die imperialistische

Politik ist die Ursache des Krieges; sie gibt dem

Krieg Bedeutung und bestimmt seinen Charakter,

aber auch seine revolutionären Möglichkeiten.

Oder wie Lukács schrieb: « Der Krieg ist, nach der

Definition von Clausewitz, nur die Fortsetzung der

Politik; er ist es aber in jeder Beziehung. Das heißt,

nicht nur für die äußere Politik eines Staates bedeutet

der Krieg bloß das äußerste und aktivste Zu-Ende-

Führen jener Linie, die das Land bis dahin, im

‚Frieden›, verfolgt hat, sondern auch für die innere

Klassenschichtung eines Landes (und der ganzen

Welt) steigert der Krieg bloß aufs Höchste und spitzt

bis ins Letzte jene Tendenzen zu, die innerhalb der

Gesellschaft bereits im ‚Frieden‘ wirksam gewesen

sind» 26

Die Frage der Begeisterung von Teilen der Masse für

den Krieg, die Frage des «Kriegsverantwortlichen»

(zu wissen, welche Macht den interimperialistischen

Krieg ausgelöst hat) oder die Frage der Gründe, die

die Mächte angeben (Kampf für die Freiheit, für die

Zivilisation, usw.) verschleiern den tatsächlichen

Charakter des Krieges, statt ihn zu erhellen.

2.2. Das politische Subjekt des Krieges

Für Clausewitz ist das politische Subjekt der Staat,

und der Krieg ist der Krieg zwischen den Nationen.

Er berücksichtigt die individuellen oder kollektiven

Partikularinteressen, aber für ihn ist die Politik

der entscheidende Faktor, «denn die Politik ist ja

nichts an sich, sondern ein blosser Sachwalter all

dieser Interessen [der rationalen Interessen des

Staates und der Bürger] gegen andere Staaten.

Dass sie eine falsche Richtung haben, dem Ehrgeiz,

dem Privatinteresse, der Eitelkeit der Regierenden

vorzugsweise dienen kann, gehört nicht hierher;

denn in keinem Fall ist es die Kriegskunst, welche

als ihr Präzeptor betrachtet werden kann, und wir

können hier die Politik nur als Repräsentanten aller

Interessen der ganzen Gesellschaft betrachten.» 27 .

Kurz gesagt «repräsentiert» der Staat auf die

eine oder andere Art die Nation, die er regiert.

Der Staat kann diese Nation in den Krieg führen

und ist so ein politischer Akteur schlechthin.

In Clausewitz‘ Inventar der Konflikte von der

Antike bis zum Napoleonischen Reich zählt er

weder den Bauernkrieg in Deutschland, noch die

Religionskriege in Frankreich und England, noch

irgendeinen Bürgerkrieg auf. Es gibt also in Vom

Kriege eine offensichtliche Befangenheit, was diese

Konflikte betrifft.

Nach Lenin gibt es im obigen Abschnitt, den

er sorgfältig in sein Notizbuch kopiert hat, eine

„Annäherung an den Marxismus“. Aber nur eine

Annäherung. Die Politik ist für den Marxismus das

komplexe Ganze der verschiedenen Manifestationen

der Klasseninteressen. Sie ist die mehr oder weniger

kohärente und organisierte Aktion der Klassen

(und der Klassenfraktionen) für die Realisierung

der Interessen und in einem höheren Stadium die

Aktion der Institutionen der Klassen (Partei, Staat,

Sowjet, Gewerkschaft, Armee, usw.). Lenin selber

stellt sich auf den Standpunkt einer nichtstaatlichen

politisch-militärischen Kraft: der russischen

Arbeiterbewegung, die von den Bolschewiki

organisiert wird. In diese neue, breitere und tiefere

Konzeption des politischen Subjekts baut Lenin

Punkt für Punkt die Clausewitz’sche Analyse ein.

Der Krieg hat (wie die Verhandlung) die Logik

der Politik, aber eine eigene „Grammatik“ (wie

die Diplomatie eine eigene hat). Die Analyse des

Krieges stellt spezifische Gesetze heraus, darunter

die Tendenz zum Äussersten (und die Dämpfung

dieser Extreme durch den politischen Einsatz) und

den dreieinigen Charakter (politische Rationalität,

Kriegskunst und feindselige Einstellung).

Die Zweckmässigkeit, die Frage, ob es angebracht

ist, die Thesen von Clausewitz auf nichtstaatliche

Akteure anzuwenden, wird nach wie vor kontrovers

beantwortet. Nach Martin Van Creveld, dem

israelischen Militäressayisten, der ein Referenzwerk

über die Substituierung der klassischen Kriege

durch asymmetrische Kriege veröffentlicht hat,

schreibt…

« Somit besagt der Satz, der Krieg sei die Fortsetzung

der Politik, nicht mehr und nicht weniger, als dass

der Krieg ein Instrument in den Händen des Staates

bilde, soweit der Staat zu politischen Zwecken Gewalt

einsetzt. Der Satz besagt nicht, dass der Krieg jeder

beliebigen Gemeinschaftsform diene. Falls aber genau

das gemeint war, dann ist er nicht viel mehr als eine

abgedroschene Phrase. » 28 Für Van Creveld erscheint

dieser Typ von Krieg nicht nur sehr spät in der

Geschichte, sondern ist wieder am Verschwinden

und damit auch die Lektionen von Clausewitz.

Eine Strömung der US-Militärdenker hat auf diese

angebliche „Entdeckung“ des asymmetrischen

Krieges reagiert. Für diese Strömung ist das

Wesentliche der Strategie, die Vorteile und

Schwächen des Gegners herauszufinden 29 . Dies führt

Conrad Crane dazu, zwei Arten der Kriegsführung

zu unterscheiden: „die asymmetrische und die

stumpfsinnige“ 30 . Wenn man hier berücksichtigt,

dass man beim asymmetrische Krieg nicht vom

Krieg des Schwachen gegen den Starken spricht

(das wäre der unsymmetrische Krieg), sondern

von der Strategie (die Bevölkerung und die zivile

Verwaltung als Ziel nehmen und nicht bewaffnete

Kräfte oder die Bevölkerung als das Kampf- und

Streitfeld zu verstehen), so sieht man auch hier, dass

der „asymmetrische Krieg“ nichts grossartig Neues

ist.

Zudem haben die nichtstaatlichen Akteure in

sogenannten « asymmetrischen » Kriegen (die

maoistische Guerilla auf den Philippinen, die PKK

in Kurdistan, die Hizbollah im Libanon, usw.) eine

gleiche und manchmal sogar höhere politische

Vernunft als die Staaten, die sie bekämpfen. Die

zwischenstaatlichen Kriege, die revolutionären

Kriege, die nationalen Befreiungskriege lassen

dieselbe politische Vernunft erkennen. Van

Creveld irrt sich, wenn er nur den Staaten die

politische Vernunft zuschreibt, den Krieg als

Mittel zu benutzen 31 . Es gibt bewaffnete Gruppen

ohne politische Vernunft (Mafia, religiöse Sekten,

rassistische Banden, Strassengangs), aber die treten

nur sehr selten als Kriegsparteien auf, was allerdings

vom Ausmass der dschihadistischen Phänomene

kaschiert wird 32 .

2.3. Gerechter Krieg, ungerechter Krieg

Von Clausewitz‘ Idee, den Krieg mit der Politik in

Verbindung zu setzen, haben wir bisher nur das

Primat der Politik über das Militärische in Betracht

gezogen. Indem Lenin bei der Untersuchung

des politischen Charakters des Krieges den

Klassencharakter analysiert, kann er seinen

historischen und moralischen Charakter freilegen.

Dadurch kann er gerechte von ungerechten

Kriegen unterscheiden: «Die Verteidigung des

Vaterlandes anerkennen heißt die Legitimität und

Gerechtigkeit eines Krieges anerkennen. Legitimität

und Gerechtigkeit von welchem Standpunkt? Nur

vom Standpunkt des sozialistischen Proletariats und

seines Kampfes für seine Befreiung: einen anderen

Standpunkt erkennen wir nicht an. Wenn die Klasse

der Ausbeuter einen Krieg führt, um ihre Herrschaft

als Klasse zu stärken, so ist das ein verbrecherischer

Krieg, und die „Vaterlandsverteidigung“ in einem

solchen Krieg ist eine Niedertracht und ein Verrat

am Sozialismus. Wenn das Proletariat, das bei sich

die Bourgeoisie besiegt hat, einen Krieg führt zur

Festigung und Entwicklung des Sozialismus, dann ist

der Krieg berechtigt und „heilig“» 33 .

Dies ist eine beträchtliche Bereicherung der Theorie

von Clausewitz‘, denn der letztere sieht ausser dem

moralischen Vorteil der angegriffenen Nation nur

die moralischen Faktoren, die nicht im Charakter

des Krieges liegen (wie die militärische Tugend der

Truppen, die beide Kriegsparteien gleichermassen

besitzen können). Die militärische Bedeutung der

marxistisch-leninistischen Unterscheidung besteht

darin, dass die Volksmassen im gerechten Krieg

grundlegend beteiligt sind, woraus ein höherer

Mobilisierungsgrad, eine grössere Ausdauer und

Kampfkraft resultieren.

Mehring ebnete den Weg dahin, indem er das

Konzept des „defensiven Krieges“ zugunsten des

„gerechten Krieges“ verworfen hat. Das Konzept

des „defensiven Krieges“ kann nämlich den

imperialistischen Charakter eines Krieges verbergen.

Es war im Namen der legitimen Verteidigung, dass

1914 Deutschland gegen Russland und Frankreich

gegen Deutschland mobilisierte. Auf dieser Basis

haben sich die deutschen und die französischen

Sozialchauvinisten ihrer Bourgeoisie angeschlossen.

46

47


Ganz anders ist das Konzept des gerechten Krieges,

in Form revolutionärer Kriege und nationaler

Befreiungskriege, in denen die Massen für ihre

eigenen Interessen kämpfen.

« Es liegt auf der Hand, daß in dieser Frage (...)

nicht der Angriffs- oder Verteidigungscharakter des

Krieges, sondern die Interessen des Klassenkampfes

des Proletariats, oder besser gesagt, die Interessen

der internationalen Bewegung des Proletariats jenen

einzig möglichen Standpunkt bilden, von dem aus

die Frage nach der Stellung der Sozialdemokratie

zu der einen oder anderen Erscheinung in den

internationalen Beziehungen betrachtet und

entschieden werden kann.» 34 Diese Überlegung

notierte Lenin schon 1908, aber die Problematik

trat vor allem 1914 gewaltig zutage, als die Führer

der Zweiten Internationalen sich auf die Seite ihrer

Bourgeoisie schlugen und behaupteten, dass die

feindliche Macht den Krieg erklärt habe.

2.4. Nationaler Befreiungskrieg

Lenin ist in dieser Ansicht ein wahrer «Reiniger»

des Marxismus. Es war ein weiter Weg! 1848

waren die politischen, sozialen und nationalen

Fragen aller Akteure vermischt. Die bourgeoisen

Liberalen und die proletarische Avantgarde

waren für die «nationale Befreiung» (die hier die

Form einer deutschen Vereinigung annahm - in

Opposition zum verstaubten reaktionären Adel).

Die Reaktionäre kämpften gleichzeitig gegen die

Partisanen der deutschen Vereinigung und der

Demokratie.

So erklärt sich auch der Enthusiasmus der

demokratischen Partei im Deutsch-Dänischen

Krieg, wo als Gewinn für Preussen Schleswig-

Holstein herausschaute. Und es erklärt auch

die starke Ablehnung von Marx und Engels der

tschechischen nationalistischen Sache gegenüber 35 .

Die Position von Marx und Engels war also von

einem «Grossdeutschland» geprägt, auch wenn das

höhere Interesse an der revolutionären Sache diese

Position begründete. Sie lehnten die tschechische

nationale Sache nämlich vor allem deshalb ab, weil

die slawischen nationalen Strömungen (und vor

allem der Panslavismus) die Politik des Russischen

Imperiums unterstützten. Das Russische Imperium

war als wichtigste reaktionäre Kraft Europas nicht

nur innerhalb seiner Grenzen (in Polen) militärisch

eingeschritten, sondern auch ausserhalb (in

Ungarn), und es war absolut gegen jede Änderung

der Ordnung, die im Wiener Kongress 1815 durch

die Heilige Allianz hergestellt wurde.

48

Zwar klärten Marx und Engels ihre Positionen.

Lenin verteidigte die Positionen von Marx und

Engels über die Südslaven, aber erst er befreite

die nationale Frage von ihrer vormarxistischen

Gangart.

Raymond Aron glaubt, einen Widerspruch

bei Lenin gefunden zu haben: « Um die Natur

des Krieges zu definieren, schiebt Lenin die

nationalen Leidenschaften gleichgültig beiseite und

beschränkt sich auf die marxistische Analyse der

Staatengemeinschaft. Dagegen bezieht er sich, um die

Annexion zu definieren, auf den Willen des Volkes.

Er verurteilt den patriotischen Enthusiasmus von

1914, er stimmt im voraus dem Willen Finnlands,

Polens oder sogar der Ukraine zur Lostrennung zu.

» 36 Lenin beurteilte die nationalen Gefühle der

Massen als berechtigt, wenn es um die Befreiung

von Polen ging, aber als vernachlässigbar (und als

ein Produkt der bourgeoisen Propaganda), wenn es

um die «Befreiung» von Lothringen-Elsass ging.

Die Bilanz einer Diskussion über das Recht der

Nationen auf Selbstbestimmung ist ein beachtlicher

Text, weil er die leninistische Position gegen

die chauvinistische Rechte definiert, aber auch

gegen die marxistische Zimmerwalder-Linke, die

schrieb: « Wir wissen, daß der Sozialismus jede

nationale Unterdrückung aufheben wird, weil er die

Klasseninteressen aufhebt, die zu ihr treiben. ».

Lenin wendet ein: «Wozu diese Betrachtung über die

ökonomischen Voraussetzungen für die Beseitigung

der nationalen Unterdrückung, die längst bekannt

und unbestritten sind, wo doch der Streit um eine

der Formen der politischen Unterjochung geht, und

zwar um das gewaltsame Festhalten einer Nation

innerhalb der Staatsgrenzen einer anderen Nation?

Das ist doch weiter nichts als ein Versuch, den

politischen Fragen aus dem Wege zu gehen!» 37

« Unter dem Kapitalismus kann die nationale (und

überhaupt die politische) Unterdrückung nicht

beseitigt werden. Dazu ist die Aufhebung der Klassen,

d. h. die Einführung des Sozialismus unerläßlich.

Doch wenn der Sozialismus auch auf der Ökonomik

begründet ist, erschöpft er sich doch keineswegs darin.

Zur Beseitigung der nationalen Unterdrückung

ist ein Fundament notwendig - die sozialistische

Produktion; aber auf diesem Fundament bedarf es

noch einer demokratischen Organisation des Staates,

einer demokratischen Armee usw. Hat das Proletariat

den Kapitalismus in den Sozialismus umgestaltet, so

schafft es die Möglichkeit für die völlige Beseitigung

der nationalen Unterdrückung; diese Möglichkeit

wird „nur» - „nur»! - dann zur Wirklichkeit werden,

wenn die Demokratie auf allen Gebieten vollständig

durchgeführt sein wird - bis zur Festlegung der

Staatsgrenzen entsprechend den „Sympathien» der

Bevölkerung, bis zur völligen Freiheit der Lostrennung

einschließlich. Auf dieser Basis wird ihrerseits in der

Praxis die absolute Beseitigung auch der kleinsten

nationalen Reibungen, des geringsten nationalen

Mißtrauens erfolgen und damit die beschleunigte

Annäherung und Verschmelzung der Nationen, die

durch das Absterben des Staates vollendet werden

wird. Das ist die Theorie des Marxismus. » 38

Wann haben die Kämpfe für eine nationale Befreiung

einen Klassencharakter? Lenin ist hier klar: Man

muss hier das Recht auf Lostrennung (bis zum

bewaffneten Aufstand) der nationalen Minderheiten

und der unterdrückten Nationen unterstützen, auch

wenn sie keinen progressiven Charakter haben,

ausser sie dienen als Instrument der internationalen

Reaktion. Z.B. sollen die Marxisten (der Artikel

wurde 1916 geschrieben) einen Aufstand der

Belgier gegen die Deutschen unterstützen, der

Armenier gegen Russland, der Galizier gegen

Österreich, auch wenn diese Bewegungen von

den nationalen Bourgeoisien geführt wurden. Die

Marxisten dürfen sich nicht, auch nicht passiv,

zu Komplizen gegen das Recht der Völker auf

Selbstbestimmung machen. Die einzige Ausnahme

ist: « wenn es nicht ein Aufstand einer reaktionären

Klasse ist. » 39 : « Die einzelnen Forderungen der

Demokratie, darunter das Selbstbestimmungsrecht,

sind nichts Absolutes, sondern ein kleiner Teil

der allgemein-demokratischen (jetzt: allgemeinsozialistischen)

Weltbewegung. Es ist möglich, daß

in einzelnen konkreten Fällen der Teil dem Ganzen

widerspricht, dann muß man den Teil verwerfen.

Es ist möglich, daß die republikanische Bewegung

in einem Lande nur das Werkzeug einer klerikalen

oder einer finanzkapitalistisch-monarchistischen

Intrige anderer Länder ist - dann dürfen wir diese

gegebene, konkrete Bewegung nicht unterstützen; es

wäre aber lächerlich, aus diesem Grunde die Losung

der Republik aus dem Programm der internationalen

Sozialdemokratie hinauswerfen zu wollen. » 40

49


Dritter Teil: Krieg und Revolution

3.1. Krieg und Revolution

Das Verhältnis von (imperialistischem) Krieg und

(proletarischer) Revolution steht im Zentrum

der leninistischen Erfahrung, und dies seit dem

Russisch-Japanischen Krieg (1905) und dem

Balkankrieg (1912-1913). Dieses Verhältnis

erscheint in zwei Formen:

1. Der imperialistische Krieg ist, wenn nicht

hauptsächlich, wenigstens teilweise ein Instrument

der Konterrevolution. Auf der ideologischen Ebene

werden die klassenkämpferischen Positionen und

die Einheit der internationalen Arbeiterbewegung

durch eine nationalistische und chauvinistische

Propaganda angegriffen. Konkret erlaubt es ein

Kriegszustand, politische und gewerkschaftliche

Organisationen der Klasse zu zerstören.

2. In einem gegensätzlichen (aber dialektisch

verbundenen) Mechanismus verschärft der

imperialistische Krieg die Widersprüche durch die

Massaker, die Zwangsarbeit, die Misere und die

Zerstörung.

Die internationale Arbeiterbewegung war auf

den ersten Punkt konzentriert. Der Kampf gegen

den Krieg war ein humanitärer Imperativ, aber

für die Zweite Internationale auch erforderlich,

um die «altbewährte Taktik» weiterzufahren, im

Glauben, dass die Zeit, das Geschichtsbewusstsein,

der historische Determinismus, die Entwicklung

des Kapitalismus und seiner Widersprüche dem

Sozialismus zuspielen würden. Die pazifistischen

Fortschritte der Arbeiterbewegung schienen

unaufhaltbar, und sie schienen den Frieden und

damit die Gewissheit des Sieges aufrecht zu

erhalten. Lenin fiel aus dem Rahmen, als während

des internationalen Kongresses in Stuttgart 1907

die sozialdemokratischen Führer die Möglichkeiten

zur Vermeidung des Krieges suchten. Er legte dar,

dass man nicht ausschliesslich versuchen sollte,

den Krieg zu verhindern, sondern im Fall des

Scheiterns die Krise, die durch den Krieg ausgelöst

wird, dazu benutzen, die Bourgeoisie zu stürzen.

Dadurch, dass Lenin den Krieg als Katalysator

der sozialen Widersprüche sah, hob er sich von

denen ab, die den Krieg nur als Katastrophe für die

Arbeiterbewegung sahen. Lenins Änderungsantrag

stiess die Rechte innerhalb der Internationalen

vor den Kopf. Bebel fürchtete, dass eine solche

revolutionäre Deklaration zu Prozessen führen

würde, und so wurde sie «juristisch unangreifbar»

formuliert, aber auch weniger klar.

In der Theorie Lenins fördert der Krieg allerdings

nicht zwingend den revolutionären Prozess. Er hob

sich von Radek und der deutschen Linksextremen

ab, welche die «Konvulsionen des Krieges» als den

kürzesten Weg zur Revolution auffassten. Lenin

glaubte, dass Kriege auf Grund der Entwicklung

des Imperialismus unvermeidbar waren. Aber die

konkreten historischen Bedingungen, die sehr

schwierig zu durchschauen sind, bestimmen,

ob ein Krieg den Klassenkampf bremst oder

beschleunigt. Der eine Krieg verschärft die

revolutionären Widersprüche, der andere wirft

die Arbeiterbewegung zurück. Für Lenin war

wichtig, dass im Krieg das Ziel der Revolution

beibehalten wird und « daß man in den Massen

das Bewußtsein der Notwendigkeit revolutionärer

Aktionsmethoden in Verbindung mit den Krisen, die

der Krieg unvermeidlich im Gefolge hat, entwickeln

muß » 41 . In den Konferenzen von Zimmerwald und

Kiental kämpfte er eine doppelte Schlacht: gegen

aussen gegen die Sozalchauvinisten, die sich mit

ihrer Bourgeoisie vereinigt haben, und gegen innen

gegen diejenigen Zimmerwalder, die als einziges

Ziel den Frieden hatten, den sofortigen Frieden

ohne Annexionen. Diese pazifistische Linie war in

Zimmerwald in der Mehrheit, sogar Clara Zetkin

und Angelica Balabanowa stimmten ihr zu 42 . Die

revolutionären Thesen von Lenin vereinigten nur

sieben oder acht der vierzig TeilnehmerInnen.

Lenin hatte nicht auf Zimmerwald gewartet, um

den Pazifismus zu bemängeln: « Der Krieg ist kein

Zufall, keine „Sünde», wie die christlichen Pfaffen

glauben (die nicht schlechter als die Opportunisten

Patriotismus, Humanität und Frieden predigen),

er ist vielmehr eine unvermeidliche Etappe des

Kapitalismus, eine ebenso gesetzmäßige Form des

kapitalistischen Lebens wie der Frieden. Der Krieg

unserer Tage ist ein Volkskrieg. Aus dieser Wahrheit

folgt indes nicht, daß man mit dem „Volks»strom

des Chauvinismus schwimmen soll, sondern daß die

Klassengegensätze, von denen die Völker zerfleischt

werden, auch zur Kriegszeit, auch im Krieg und dem

Krieg angepaßt, fortbestehen und in Erscheinung

treten werden. Kriegsdienstverweigerung, Streik

51


gegen den Krieg usw. ist einfach eine Dummheit, ein

jämmerlicher und feiger Traum von unbewaffnetem

Kampf gegen die bewaffnete Bourgeoisie, ein Seufzen

nach Beseitigung des Kapitalismus ohne erbitterten

Bürgerkrieg oder eine Reihe solcher Kriege. Die

Propaganda des Klassenkampfes bleibt auch im

Heer Pflicht der Sozialisten; die Arbeit, die auf die

Umwandlung des Völkerkrieges in den Bürgerkrieg

abzielt, ist in der Epoche des imperialistischen

bewaffneten Zusammenpralls der Bourgeoisie aller

Nationen die einzige sozialistische Arbeit. Nieder mit

dem pfäffisch-sentimentalen und törichten Seufzen

nach „Frieden um jeden Preis»! Entrollen wir das

Banner des Bürgerkriegs!» 43

3.2. Kautskys Der Weg zur Macht

Lenin war angewidert von Kautskys grundlegender

Kehrtwende beim Ausbruch des Weltkrieges.

Die Resolution von Stuttgart 1907, die 1910 in

Kopenhagen und 1912 in Basel bestätigt wurde,

gibt den SozialistInnen den folgenden Auftrag:

« Falls der Krieg dennoch ausbrechen sollte, ist es die

Pflicht, für dessen rasche Beendigung einzutreten

und mit allen Kräften dahin zu streben, die durch den

Krieg herbeigeführte wirtschaftliche und politische

Krise zur Aufrüttelung des Volkes auszunutzen

und dadurch die Beseitigung der kapitalistischen

Klassenherrschaft zu beschleunigen» 44 . Nun aber

schrieb Kautsky in Die Neue Zeit vom 2. Oktober

1914: « Kommt es trotz aller Bemühungen der

Sozialdemokratie darob zu einem Kriege, dann muss

sich eben jede Nation ihrer Haut wehren, so gut sie

kann. Daraus folgt für die Sozialdemokraten aller

Nationen das gleiche Recht oder die gleiche Pflicht,

an dieser Verteidigung teilzunehmen, keine darf der

anderen daraus einen Vorwurf machen. » 45 Kurz:

Proletarier aller Länder, tötet euch...

Die aussergewöhnliche Feindschaft gegen «den

Renegat Kautsky» erklärt sich aus der Rolle, die

Kautsky vordem bei der Definition der proletarischen

Politik gegenüber dem Krieg spielte 46 : 1887 hatte

Kautsky in einem Artikel in der Neuen Zeit mit dem

Titel Die moderne Nationalität zur nationalen Frage

und der Verbindung zur sozialen Frage geschrieben.

Kautsky kam verschiedentlich auf diese Fragen

zurück (vor allem 1886 und 1905). 1907, als der

Krieg anlässlich der marokkanischen Krise 47 bereits

drohte, veröffentlichte er eine Broschüre mit dem

Titel Patriotismus und Sozialdemokratie 48 , in der

er jede « Union Sacrée » zwischen Proletariat und

Bourgeoisie ablehnt: « Die heutigen Gegensätze der

Staaten können keinen Krieg mehr bringen, dem der

proletarische Patriotismus nicht aufs entschiedenste

zu widerstreben hätte».

1909 behandelte Kautsky selbst die Frage der

Beziehung Krieg-Revolution in einem Werk,

worauf Lenin hinwies 49 : Der Weg zur Macht. Diese

Broschüre bleibt seit ihrem Erscheinen ein zentraler

Bezugspunkt Lenins – und hört nie auf, es zu sein.

Und wenn Lenin im Oktober 1914 an Schliapnikow

schreibt: « Kautsky hasse und verachte ich jetzt

am allermeisten: das ist dreckige, lumpige und

selbstzufriedene Heuchelei.» 50 , schreibt er ihm vier

Tage später: «Besorgen Sie sich unbedingt Kautskys

„Weg zur Macht» und lesen Sie es noch einmal (oder

bitten Sie jemand, es Ihnen zu übersetzen) - was hat

er dort über die Revolution unserer Zeit geschrieben!!

Und jetzt - welche Gemeinheit von ihm, das alles zu

widerrufen!» 51

Kautsky berücksichtigte drei Fälle, in denen der

Krieg eine Revolution auslösen könnte:

1. Wenn ein Land, das im Krieg unterliegt, alle

nationalen Kräfte mobilisieren will und deshalb das

Proletariat an die Macht beruft;

2. Wenn die besiegte Armee, nach grossen Opfern,

sich gegen die eigene Regierung stellt und das Volk

einen Aufstand macht, um dem desaströsen Kriege

ein Ende zu setzen;

3. Wenn die Armee und das Volk sich gegen die

Regierung erheben, die einen schmachvollen

Frieden unterzeichnet hat.

Nach Kautsky gingen Europa und die ganze

Welt, nach einer Generation von Stabilität und

Fortschritt, auf eine neue Epoche von Kriegen

und Revolutionen zu, die ein nie gesehenes

Ausmass annehmen sollten (wegen der weltweiten

Dimension der technologischen Fortschritte

und der neuen Kommunikationsmöglichkeiten).

Diese Umwälzungen würden sowohl sozialistische

Revolutionen in Europa als auch demokratische

Revolutionen und nationale Befreiungskriege

in beherrschten Ländern hervorrufen. Dieser

Übergang von einer nicht-revolutionären zu einer

revolutionären Situation würde neue radikale

Taktiken erfordern. In diesem Sinne wäre in der

Zuspitzung der Klassenantagonismen, wenn sich

die Aktualität der sozialistischen Revolutionen

zeigt, jede Klassenzusammenarbeit ein politischer

Suizid: « Es heisst der Sozialdemokratie politischen

Selbstmord zumuten, wenn man von ihr gerade jetzt

die Teilnahme an einer Koalitions-, einer Blockpolitik

verlangt, wo das Wort von der ‚reaktionären Masse‘ 52

zur Wahrheit geworden ist. Es heisst, von der

Sozialdemokratie moralischen Selbstmord verlangen,

wenn man will, sie solle sich durch eine Blockpolitik

mit bürgerlichen Parteien verbinden, eben jetzt, wo

diese sich prostituiert und aufs tiefste kompromittiert

haben; (...)» 53

Das Zusammenspiel der sozialistischen

und demokratischen (anti-absolutistischen)

Revolutionen, der nationalen und

antikolonialistischen Befreiungskriege bedeutet

die Zurückweisung vereinfachender Modelle,

wonach die «fortgeschrittenen» Länder den

«zurückgebliebenen» den Weg zeigen. Kautsky

beschreibt, dass in Russland und in den beherrschten

orientalischen Ländern diese Zusammenarbeit der

verschiedenen Formen der Revolutionen neue

Möglichkeiten eröffnen könnten .54

Die SPD war soweit vom Opportunismus vermint,

dass die erste Version dieser Broschüre von Kautsky

auf Bebels Befehl dem Reisswolf übergeben wurde,

weil darin betont wurde, dass « Niemand naiv genug

sei zu behaupten, dass wir friedlich und unmerklich

vom militarisierten Staat zur Demokratie übergehen

werden». Kautsky akzeptierte, seine Broschüre

umzuschreiben und alles zu streichen, das einen

Prozess provozieren könnte, aber sie bewahrte

den revolutionären Charakter.: « Darum sei hier

nochmals, wie so oft schon früher, darauf aufmerksam

gemacht, dass es sich nicht etwa darum handelt,

ob Arbeiterschutzgesetze und sonstige Gesetze im

Interesse des Proletariats, ob Gewerkschaften und

Genossenschaften notwendig und nützlich sind oder

nicht. Darüber gibt es nicht zweierlei Meinungen

unter uns. Bestritten wird bloss die Anschauung,

als könnten die ausbeutenden Klassen, die über die

Staatsgewalt verfügen, eine solche Entwickelung

dieser Faktoren zulassen, dass sie eine Befreiung vom

kapitalistischen Druck bedeuteten, ohne vorher mit

allen Machtmitteln solchen Widerstand zu leisten,

dass er nur durch einen Entscheidungskampf beseitigt

werden könnte» 55

Kurz, wie Lenin zusammenfasst: « Und Kautsky

brachte 1909 die unbestrittene Ansicht aller

revolutionären Sozialdemokraten zum Ausdruck,

als er sagte, daß von einer vorzeitigen Revolution in

Europa nun nicht mehr die Rede sein könne und daß

der Krieg die Revolution bedeute. » 56

3.3. Die Umwandlung des imperialistischen

Krieges in den revolutionären

Der Ausbruch des ersten Weltkrieges ist tatsächlich

ein Schlag für die Arbeiterbewegung. Im Juli

1914 gab es in Russland politische Streiks mit

aufständischen Demonstrationen, die bei der

Kriegserklärung einen Monat später zerschlagen

wurden. Die bolschewistischen Abgeordneten, die

in der Duma gegen die Kriegskredite gestimmt

hatten, wurden nach Sibirien deportiert und die

meisten Fabriken wurden unter die Kontrolle und

Überwachung der Armee gestellt. Alle sozialen

Rechte, die während des grossen Kampfes seit dem

Beginn des Jahrhunderts erkämpft worden waren,

wurden während des Konflikts „suspendiert “57 .

Dennoch verwendete sich Lenin, der sich sicher

war, dass die reaktionäre Propaganda wegen der

Misere des Krieges wirkungslos werden würde, ab

dem Sommer 1914, mitten in der chauvinistischen

Hysterie dafür, den „imperialistischen Krieg in

einen Bürgerkrieg“ umzuwandeln.

Georges Haupt bemerkt, dass das Studium der

Schriften von Lenin schwierig sei, da sie die

Notwendigkeit der revolutionären Pädagogik

mit der von taktischen Manövern vermischt 58.

Haupt behauptet zum Beispiel, dass die Losung

„den imperialistischen in einen Bürgerkrieg

umwandeln“ seine Bedeutung im Verlauf des

Krieges verändert habe. Von der einfachen

Bekräftigung der revolutionären Prinzipien

gegenüber der opportunistischen Zweiten

Internationalen und gegenüber den Menschewiki

ohne reale Möglichkeit der Umsetzung 1914, über

die eventuell realisierbare Möglichkeit zur Zeit der

Konferenzen von Zimmerwald und Kiental hin

zum konkreten unmittelbaren Ziel 1917.

Diese These von Haupt ist zu bezweifeln. Ab 1914

gab Lenin dieser Losung einen konkreten Inhalt.

Er wusste, dass die Zeit des Bürgerkrieges noch

nicht gekommen war, aber es war mehr als eine

Bekräftigung der Prinzipien. Es war ein konkretes

Ziel, das eine konkrete Organisation und konkrete

Aktionen brauchte und eine « allseitige, sowohl unter

den Truppen als auch auf den Kriegsschauplätzen zu

treibende Propaganda für die sozialistische Revolution

und für das Gebot, die Waffen nicht gegen die eigenen

Brüder, die Lohnsklaven anderer Länder, zu richten,

sondern gegen die reaktionären und bürgerlichen

Regierungen und Parteien in allen Ländern. Es ist

unbedingt notwendig, für eine solche Propaganda in

allen Sprachen illegale Zellen und Gruppen in den

Armeen aller Nationen zu organisieren. Gegen den

Chauvinismus und „Patriotismus» der Kleinbürger

und Bourgeois ist in ausnahmslos allen Ländern ein

schonungsloser Kampf zu führen. Gegen die Führer

der jetzigen Internationale, die den Sozialismus

verraten haben, muss unbedingt an das revolutionäre

Klassenbewusstsein der Arbeitermassen appelliert

werden, die alle Last des Krieges tragen und dem

Opportunismus und Chauvinismus zumeist

feindselig gegenüberstehen. » 59

52

53


In Wahrheit handelte es sich seit dem ersten

Moment um ein strategisches Projekt. Dieses war

auf der Theorie der subjektiven und objektiven

Bedingungen begründet (so wie sie waren und wo

und wie sie sich entwickeln sollten), aber auch,

was Haupt nicht beachtete, auf den historischen

Vorläufern der Pariser Kommune und der

Revolution von 1905. Diese beiden grossen

Erfahrungen von revolutionären Bürgerkriegen, auf

die sich Lenin so oft bezog, waren beide aus einem

imperialistischen Krieg entstanden: dem deutschfranzösischen

Kriege von 1870 und dem Russisch-

Japanischen Krieg von 1905.

Lenin erwägt die Perspektive der Umwandlung des

imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg ab

1914 sehr konkret: « Die Bourgeoisie betrügt die

Massen, indem sie den imperialistischen Raubzug mit

der alten Ideologie des „nationalen Krieges» verbrämt.

Das Proletariat entlarvt diesen Betrug und verkündet

die Losung der Umwandlung des imperialistischen

Krieges in den Bürgerkrieg. Eben diese Losung war in

der Stuttgarter und der Basler Resolution vorgesehen,

die nicht einen Krieg schlechthin, sondern gerade den

gegenwärtigen Krieg voraussahen und die nicht von

der „Verteidigung des Vaterlandes» sprachen, sondern

davon, dass man „die Beseitigung der kapitalistischen

Klassenherrschaft beschleunigen», zu diesem Zweck

die durch den Krieg herbeigeführte Krise ausnutzen

und dem Beispiel der Kommune folgen müsse. Die

Kommune war die Umwandlung eines Völkerkrieges

in einen Bürgerkrieg. Eine solche Umwandlung ist

natürlich nicht leicht und kann nicht „auf Wunsch»

einzelner Parteien vollzogen werden. Aber gerade

diese Umwandlung entspricht den objektiven

Bedingungen des Kapitalismus im allgemeinen und

seiner Endepoche im besonderen. In dieser und nur in

dieser Richtung haben die Sozialisten zu wirken. Nicht

für Kriegskredite stimmen, nicht dem Chauvinismus

des „eigenen» Landes (und der verbündeten Länder)

Vorschub leisten, sondern in erster Linie gegen den

Chauvinismus der „eigenen» Bourgeoisie kämpfen;

sich nicht auf legale Kampfesformen beschränken,

nachdem die Krise begonnen und die Bourgeoisie die

von ihr geschaffene Legalität selbst aufgehoben hat -

das ist die Linie der Arbeit, die auf den Bürgerkrieg

abzielt und in diesem oder jenem Zeitpunkt des

europäischen Brandes zu ihm führen wird.» 60

Es ist offensichtlich, dass es nicht darum geht, sich auf

die Eventualität eines Bürgerkrieges vorzubereiten,

sondern dass es darum geht eine Aktionslinie zu

verfolgen, die darauf zusteuert. In diesem Rahmen

bleibt Lenins Gedankengut realistisch: Es lauert auf

54

Entwicklungen, Gegenschläge, Überhitzung von

Prozessen sowie deren konkreten Manifestationen.

Er stellt zum Beispiel ein Ereignis fest, das im

Russisch-Japanischen Krieg 1905 noch unbekannt

war: die Verbrüderung in den Schützengräben: «

Es ist klar, daß [die Verbrüderung] das brüderliche

Vertrauen zwischen den Arbeitern der verschiedenen

Länder fördert, stärkt und festigt. Es ist klar, daß

dieser Weg die verdammte Zuchthausdisziplin des

Kasernenhofes zu brechen beginnt, die Disziplin

des Kadavergehorsams der Soldaten gegenüber

„ihren» Offizieren und Generalen, gegenüber ihren

Kapitalisten (denn die Offiziere und Generale

gehören größtenteils zur Kapitalistenklasse, oder

aber sie vertreten deren Interessen). Es ist klar, daß

die Verbrüderung die revolutionäre Initiative der

Massen verkörpert, das Erwachen des Gewissens,

der Vernunft, der Kühnheit der unterdrückten

Klassen, daß sie, mit anderen Worten, ein Glied

ist in der Kette der Schritte zur sozialistischen,

proletarischen Revolution. (...)Aber das genügt

noch nicht. Es ist notwendig, daß die Soldaten

jetzt zu einer Verbrüderung übergehen, bei der ein

klares politisches Programm besprochen wird. (...)In

unserem Aufruf an die Soldaten aller kriegführenden

Länder haben wir denn auch unser Programm der

Arbeiterrevolution in allen Ländern dargelegt:

Übergang der gesamten Staatsmacht an die Sowjets

der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Genossen

Soldaten! Besprecht dieses Programm in eurem Kreis

und zusammen mit den deutschen Soldaten! » 61

Und Lenin setzt sich dafür ein, « daß Aufrufe in

russischer Sprache herausgegeben, ins Deutsche

übersetzt und an der Front verbreitet werden; zweitens,

daß mit Hilfe von Übersetzern Meetings russischer

und deutscher Soldaten an der Front veranstaltet

werden» etc. 62 . Die Bolschewiki werden massenhaft

eine Prawda der Schützengräben (Okopnaja Pravda)

herausgeben, die zur Verbrüderung aufruft.

Die Taktik und die Ideologie bei Lenin zu entflechten

ist fast unmöglich, da er die Kunst, Theorie und

Praxis in ein dialektisches Verhältnis zu setzen,

zum Höchsten getrieben hat und diese Dialektik in

eine flexible, da solide, und eine solide, da flexible

Strategie synthetisiert und sie für die Polemik,

die Agitation und die Propaganda formuliert hat.

Wenn man die Tiefe und die Reichhaltigkeit von

Lenins Dialektik nicht versteht, kann einem Lenin

entweder als stumpfsinniger Ideologe erscheinen,

der ungeschickt am Jahrhundert herumschnippelt,

um es seinem Ideal anzugleichen, oder als ein

absoluten Empirist, der unablässig seine Linie und

seinen Diskurs ändert, sobald es seinen Zielen zu

dienen scheint.

Soldaten beobachten 1919 von den Dächern Berlins den Spartakusaufstand

55


Vierter Teil:Der revolutionäre Krieg

4.1. Der Aufstand

Das Interesse Lenins an militärischen Fragen war

natürlich auch mit der militärischen Dimension

des revolutionären Kampfes verbunden. Ab Januar

1905, also vor der Aufstandswelle, begannen

die Bolschewiki, eine bewaffnete Organisation

aufzubauen. Am zweiten Londoner Kongress (12.-

27. April 1905) wurde ein militär-technisches Büro

eingerichtet, das dem Zentralkomitee nahe stand,

und die lokalen Komitees wurden dazu angehalten,

einen Aufstandsplan auszuarbeiten und sich darauf

vorzubereiten.

Die Aufstandswelle von 1905 überraschte die

SDAPR, die keinen eigentlichen militärischen Arm

hatte und keine andere Doktrin als Engels‘ Schriften

über den Aufstand. Das militär-technische Büro

beteiligte sich beim Anheben des Niveaus des

revolutionären Kampfes der Massen, indem es

Informationskampagnen, Aktionen gegen Führer

und Kräfte des Regimes und Enteignungen für

die Finanzierung durchführte. Aber die Kräfte

und die Auswirkungen waren ungenügend. Die

Bolschewiki – und Lenin im Besonderen – zogen

sofort Lehren aus den Erfahrungen, um die

Effizienz ihrer Kampfgruppen zu steigern. Im

Oktober schrieb Lenin an die Kampforganisation:

« Ich sehe mit Entsetzen, wahrhaftig mit Entsetzen,

daß man schon länger als ein halbes Jahr von

Bomben spricht und noch keine einzige hergestellt

hat! (...) Geht zur Jugend. Gründet sofort

Kampfgruppen, überall und allerorts, sowohl bei

den Studenten als auch besonders bei den Arbeitern

usw. usf. Trupps von 3 bis 10, bis zu 30 usw. Mann

sollen sich unverzüglich formieren. Sie sollen sich

unverzüglich selber bewaffnen, so gut jeder kann, mit

Revolvern, Messern, petroleumgetränkten Lappen,

um Feuer anzulegen usw. Diese Kampfabteilungen

sollen sich unverzüglich Führer wählen und sich

nach Möglichkeit mit dem Kampfausschuß des

Petersburger Komitees in Verbindung setzen.

Verlangt keinerlei Formalitäten, pfeift um Himmels

willen auf alle Schemas, schickt um Gottes willen alle

„Funktionen, Rechte und Privilegien» zum Teufel.

Besteht nicht auf dem Beitritt zur SDAPR — das

wäre für den bewaffneten Aufstand eine absurde

Forderung. Weigert euch nicht, mit jedem Zirkel in

Verbindung zu treten, auch wenn er nur aus drei

Personen besteht, unter der einzigen Bedingung, daß

er in bezug auf die Polizei unverdächtig und bereit ist,

gegen die zaristischen Truppen zu kämpfen.» 63

In ihren Memoiren beschreibt N. K. Krupskaia den

Fleiss, den Lenin ins Studium der militärischen

Kunst steckte: « Er beschäftigte sich mit diesem Zweig

viel mehr als man weiss, und seine Gespräche über

die Stosstrupps während des Partisanenkriegs, über

« Fünfer- und Zehnergruppen hatten nichts gemeinsam

mit dem Geschwätz eines Laien, sondern enthüllten

einen in allen Details durchdachten Plan.» 64 . Im Januar

1905 hatte Lenin wieder den Artikel von Marx über

den Aufstand gelesen und das Kapitel von Cluserets

(dem General der Pariser Kommune) Memoiren über

die Strassenkämpfe übersetzt. Die Memoiren von

Cluseret wurden in Wperiod (Vorwärts) mit einer

Einleitung und einer biographischen Notiz von Lenin

veröffentlicht » 65 .

Am 5. Dezember beschloss die bolschewistische

Konferenz von Moskau einstimmig, den aufständischen

Generalstreik auszurufen, gefolgt am 7. Dezember

vom Moskauer Sowjet (mit bolschewistischer

Mehrheit). Der Streik und die Demonstrationen

führten zur bewaffneten Konfrontation, aber der

Rat der Koalitionen der Kampfgruppen 66 , wo die

Bolschewisten die Minderheit darstellten, erwies

sich als unfähig, die Führung des Aufstands zu

übernehmen. Die Moskauer Arbeiter widerstanden,

aber es waren nur 8000 militärisch organisiert. Die

SDAPR versuchte mit allen Mitteln den Aufstand zu

unterstützen (vor allem indem sie Züge aufzuhalten

versucht, die Truppen nach Moskau bringen67) aber

am 18. Dezember fiel das Quartier Presnia im Osten

Moskaus, wo sich die letzten Kämpfer verschanzt

hatten.

Die Menschewiki (z.B. Plechanow) zogen aus dem

Absterben der revolutionären Bewegung 1905

und vor allem aus dem Aufstand in Moskau ihren

Schluss, dass es ein „taktischer Wahnsinn“ und

eine „unglaubliche Leichtsinnigkeit“ war 68 . Die

Bolschewiki erklärten auch nach den Niederlagen von

Moskau, Donezk und Rostow, dass das Problem ein

Mangel an Kräften, an organisatorischer, militärischer

und theoretischer Vorbereitung war: « Es gibt somit

nichts Kurzsichtigeres als die von allen Opportunisten


aufgegriffene Ansicht Plechanows, es hätte keinen

Sinn gehabt, den unzeitgemäßen Streik zu beginnen,

„man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen». Im

Gegenteil, man hätte entschlossener, energischer

und offensiver zu den Waffen greifen, hätte den

Massen die Unmöglichkeit eines bloß friedlichen

Streiks und die Notwendigkeit eines furchtlosen und

schonungslosen bewaffneten Kampfes klarmachen

müssen. Wir müssen jetzt endlich offen und allen

vernehmlich erklären, daß die politischen Streiks

unzureichend sind, müssen in den breitesten Massen

für den bewaffneten Aufstand agitieren, ohne diese

Frage durch irgendwelche „Vorstufen» zu vertuschen,

ohne sie durch irgend etwas zu verschleiern. Den

Massen die Notwendigkeit eines erbitterten, blutigen,

vernichtenden Krieges als unmittelbare Aufgabe der

bevorstehenden Aktion verhehlen heißt sich selbst

und das Volk betrügen. » 69

Lenin zieht daraus auch taktische Lektionen, die

Kautskys in Die Chancen der russischen Revolution

skizziert. Dass die Aufständischen in Moskau

den Elitetruppen des Regimes einen derartigen

Widerstand entgegensetzen konnte, zeigte, dass die

Verurteilung der Barrikadenkämpfe durch Engels

überdacht werden musste. Es war eine bestimmte

Barrikadentaktik, die durch das Aufkommen von

Kanonen unmöglich wurde. Mit der Erfahrung von

Moskau konnte aber eine neue Taktik entwickelt

werden.

Die gelernte Lektionen führten schrittweise zur

aufständischen Doktrin, die im Oktober 1917 in

Praxis umgesetzt wurde. Diese Doktrin berief sich

nicht mehr auf Barrikadenkämpfe und spontanen

Massendemonstrationen, sondern auf offensive

Aktionen, die abgestimmt und geplant waren,

auf trainierte und disziplinierte Einheiten von

bewaffneten Arbeitern 70 , auf die Beherrschung

von militärischen Techniken 71 und auf

Zermürbungsarbeit gegen die bürgerliche Armee

durch Agitation und Propaganda 72 . Die Doktrin

stützte sich endlich auf eine präzise aktuelle Analyse

der subjektiven und objektiven Bedingungen:

politische Systemkrise, Unzufriedenheit der

Massen, Existenz einer anerkannten revolutionären

Avantgarde und Unterstützung der Bauern für

die proletarische Revolution. Die Doktrin bedingt

eine lange Arbeit in Vorbereitung, Vergrösserung

und Qualifizierung der militärischen Kräfte. Der

schliesslichen Umsetzung ging eine lange politischmilitärische

Phase voraus, die von Lenin in Der

Partisanenkrieg analysiert wurde. Diese Doktrin

schreibt dem bewaffneten Kampf drei Rollen zu:

eine subjektive Rolle der politischen Mobilisierung

der Mitglieder und der Massen, eine Rolle der

Gewinnung von Kräften in nichtrevolutionären

Phasen und eine finale und entscheidende Rolle im

bewaffneten Aufstand.

4. 2. Der Partisanenkrieg

Lenin musste den Streit gegen Plechanow führen.

Dieser wollte die Kampfgruppen auflösen, um nur

noch über die Aktionen der Abgeordneten in der

Duma Politik zu machen. Die Bolschewiki billigten

Banküberfälle (deren Ertrag für das Funktionieren

einer klandestinen Partei notwendig war), und

führten sie auch aus, ebenso bewaffnete Aktionen

gegen Mitglieder des Repressionsapparates, speziell

gegen Spitzel.

Eine Schule für Militär-Instruktoren wurde in

Kiew und eine andere für die Verwendung von

Bomben in Lemberg gegründet. Im November

1906 berief Lenin über das militärtechnische Büro

eine Konferenz der Kampfgruppen in Tammersfors

in Finnland ein. Dort begegnete Jarorslawski, einer

der hauptsächlichen Militärführer, Lenin: « Ich bin

in Finnland angekommen, wo ich Wladimir Iljitsch

getroffen habe, der mich mit Fragen überfiel. Ich

spürte sofort, dass ich es mit einem Genossen zu

tun hatte, der unsere Arbeit à fond kannte und sich

ernsthaft interessierte. Vladimir Iljitsch begnügte

sich nicht mit allgemeinen Antworten. Er wollte

die Details kennen, die Mechanik unserer Arbeit,

unsere Projekte, unsere Kontakte. Er interessierte

sich lebhaft für die Schule der Militärinstruktoren,

die wir organisiert hatten und wo wir unseren

Militanten die Handhabung und Herstellung von

Sprengstoffen beibrachten, die Bedienung der

Maschinengewehre und anderer Waffen, wo man das

Handwerk der Sappeure-Mineure lehrte, die Taktik

der Strassenkämpfe, in einem Wort, wo man die

Leiter der Kommandanten unserer Kampfeinheiten

für die zukünftige Revolution vorbereitete.» 73

In den Leitungsgremien der SDAPR gab es

ausser dem offiziellen Zentralkomitee (von den

Menschewiki kontrolliert) ein bolschewistisches

Zentrum (Komiteebüro der Mehrheit), deren

militärische Organisation (Komitee für Finanzund

Militärangelegenheiten) von Lenin , Krassin 74

und Bogdanow 75 geleitet wurde.

Im Hinblick auf den Stockholmer Kongress

(10.-20. April 1906) schrieb Lenin folgenden

Resolutionsentwurf :

« In der Erwägung:

1. daß es seit dem Dezemberaufstand fast

nirgends in Rußland zur völligen Einstellung der

Kampfhandlungen gekommen ist, die jetzt von

Seiten des revolutionären Volkes in einzelnen

Partisanenüberfällen auf den Feind zum Ausdruck

kommen;

2. daß derartige Partisanenaktionen, die beim

Vorhandensein zweier feindlicher bewaffneter Kräfte

und beim Wüten der vorübergehend triumphierenden

militärischen Unterdrückung unvermeidlich

sind, zugleich der Desorganisierung des Feindes

dienen und die kommenden offenen bewaffneten

Massenaktionen vorbereiten;

3. daß derartige Aktionen auch für die

Kampferziehung und militärische Ausbildung

unserer Kampfgruppen notwendig sind, die sich

während des Dezemberaufstands an vielen Orten

praktisch als unvorbereitet auf die für sie neue Sache

erwiesen haben;

erklären wir und beantragen, der Parteitag wolle

beschließen:

1. die Partei muß die Partisanenaktionen der

Kampfgruppen, die zur Partei gehören oder sich

an sie anlehnen, als prinzipiell zulässig und in der

gegenwärtigen Periode zweckmäßig anerkennen;

2. die Partisanenkampfaktionen müssen so geartet

sein, daß sie der Aufgabe Rechnung tragen, Kader von

Führern der Arbeitermassen während des Aufstands

zu erziehen und Erfahrung in überraschenden

Angriffshandlungen zu vermitteln;

3. als unmittelbare Hauptaufgabe solcher

Aktionen ist die Zerstörung des Regierungs-,

Polizei- und Militärapparats zu betrachten sowie

der schonungslose Kampf gegen die aktiven

Schwarzhunderterorganisationen, die der

Bevölkerung gegenüber zu Gewalt greifen und sie

einzuschüchtern suchen;

4. Kampfaktionen sind gleichfalls zulässig, um

Geldmittel, die dem Feind, d. h. der absolutistischen

Regierung gehören, zu erbeuten und diese Mittel für

die Erfordernisse des Aufstands zu verwenden, wobei

streng darauf zu achten ist, daß die Interessen der

Bevölkerung möglichst geschont werden;

5. die Partisanenkampfaktionen müssen unter

Kontrolle der Partei durchgeführt werden, und zwar

so, daß. die Kräfte des Proletariats nicht unnütz

vergeudet werden und daß dabei die Bedingungen

der Arbeiterbewegung in dem betreffenden Ort und

die Stimmung der breiten Massen berücksichtigt

werden. » 76

Aber der mehrheitlich aus menschewistischen

Delegierten zusammengesetzte Kongress diskutierte

die Frage nicht. Lenin kommt im September 1906

auf die Frage zurück und bekräftigt:

« Der Partisanenkampf ist eine unvermeidliche

Kampfform in einer Zeit, wo die Massenbewegung

in der Praxis schon an den Aufstand heranreicht

und mehr oder minder große Pausen zwischen

den «großen Schlachten» des Bürgerkriegs

eintreten. (...) Es ist daher durchaus natürlich und

unvermeidlich, daß in einer SOLCHEN Epoche,

in der Epoche der das ganze Volk erfassenden

politischen Streiks, der AUFSTAND nicht die alte

Form von Einzelaktionen annehmen kann, die sich

auf eine sehr kurze Zeitspanne und auf ein sehr

kleines Gebiet beschränken. Es ist ganz natürlich

und unvermeidlich, daß der Aufstand die höheren

und komplizierteren Formen eines langwierigen,

das ganze Land erfassenden Bürgerkriegs, d.h. des

bewaffneten Kampfes des einen Teils des Volkes

gegen den anderen, annimmt. Einen solchen Krieg

kann man sich nur vorstellen als eine Reihe von

wenigen, durch verhältnismäßig große Zeitabstände

voneinander getrennten großen Schlachten und eine

Menge von kleineren Scharmützeln im Verlauf dieser

Zwischenzeiten. Wenn das so ist - und zweifellos ist es

so -, dann muß die Sozialdemokratie unbedingt ihre

Aufgabe darin sehen, Organisationen zu schaffen,

die in möglichst hohem Maße dazu befähigt sind, die

Massen sowohl in diesen großen Schlachten als auch,

nach Möglichkeit, in diesen kleineren Scharmützeln

zu führen.» 77

Doch wurde die Auflösung der Kampfgruppen

auf dem Dritten Londoner Kongress (13. Mai bis

1 Juni 1907) von der menschewistischen Mehrheit

beschlossen.

4.3. Lenin als Feldherr

Die Rolle Lenins als Feldherr wird falsch

eingeschätzt und die diesbezügliche Beurteilung

Adam Ulams weitgehend geteilt 78 . Die Sowjetologen

und Trotzkisten schrieben, von offensichtlichen

politischen Interessen getrieben, die militärischen

Verdienste Trotzki zu. Nicht mindere Interessen

führten die sowjetische Geschichtsschreibung zur

Überschätzung der Rolle Stalins, Woroschilows

und Frunses. Alle sind sich einig, Lenin als

ersten politischen Rollenträger anzuerkennen,

und alle vernachlässigen seine militärische

Rolle. Er selbst tat nichts, um sein Interesse an

Militärfragen hervorzuheben: Er besuchte weder

die Generalstäbe noch die Schützengräben und traf

sich mit Kommandanten und Soldaten der Roten

Armee nur wenn es sich aufdrängte – keinerlei

Militärsymbolik verbindet sich mit ihm.

Trotzdem hatte er zwischen dem 1. September und

dem 24. Dezember 1918 an 143 von 175 Sitzungen

des Verteidigungsrates den Vorsitz. Allein 1919

leitete er die Arbeiten von 14 Sitzungen des

58

59


Zentralkomitees der Partei und 40 Sitzungen des

Politbüros, die militärische Fragen prüften. Es gibt

tausende solcher Fragen, welche Lenin bei diesen

Gelegenheiten untersuchte 79 . Lenin versandte

mindestens sechshundert Briefe und Telegramme

über Angelegenheiten der Verteidigung.

Die trotzkistische Version der Geschichte, wonach

Lenin Trotzki zu Militärfragen „Carte blanche“

gegeben haben soll, wird durch mehrere Vorfälle

widerlegt, wobei die berühmteste die Ersetzung des

Kommandanten der Roten Armee, J. Wazetis durch

S. S. Kamenew war 80 .

Es stimmt, dass Lenin das Wesentliche der

Kriegführung an die Kommandanten und

Kommissare delegierte, an deren Auswahl er

beteiligt war, allen voran des Kriegskommissars

selbst. Seine Aktivität griff selten in die der

Kommandanten ein.

Im November 1917, als Kerenski die der

provisorischen Regierung treu gebliebenen Armeen

zusammenzog, um auf Petrograd zu marschieren,

und als diese Gatschina eingenommen hatten und

Zarskoje Sjelo 81 , 25 km von der Hauptstadt entfernt,

bedrohten, sah man Lenin am häufigsten auf die

taktische Ebene „hinabsteigen“. Dabei provozierte

er einen Zusammenstoss mit Nicolai Podwoiski,

dem Organisator der Roten Garde und ersten

Volkskommissar für Heereswesen 82 .

Mehrere übereinstimmende Zeugnisse berichten

über die Art, wie Lenin die Flotte für die

Feuerunterstützung an der Front von Zarskoje Sjelo

einsetzte.

L. Wachromejew, Delegierter der Baltischen Flotte,

wurde von Lenin in die Direktion des Kommandos

des Militärbezirks Petrograd zitiert. Er schreibt: « Er

betrachtete eine Karte von Petrograd und Umgebung.

Iljitsch wandte sich an mich: „Ist die Flotte in der Lage,

die Landfront zu unterstützen?“ Kerenski befand

sich damals gerade in Zarskoje Sjelo. Nachdem ich

mich über sämtliche Entfernungen genau informiert

hatte, antwortete ich: „Wir können Zarskoje Sjelo von

zwei Seiten aus bombardieren. Im Kanal können wir

den Kreuzer ‚Oleg‘ postieren: er wird Zarskoje Sjelo

aus seinen schweren Geschützen bestreichen. Dann

werden wir zwei oder drei Torpedoboote vom Typus

‚Nowik‘ die Newa hinauf bis Rybazkoje bringen und

können dann von der Newa aus von Osten her mit

vierzölligen Kanonen feuern. Auf diese Weise wird

Kerenski zweifellos zur Räumung von Zarskoje Sjelo

gezwungen werden“.

Iljitsch zeigte sich äusserst interessiert, befragte mich

genau über sämtliche Einzelheiten, und, nachdem

er sich vollständig von der Durchführbarkeit der

Operation überzeugt hatte, gab er mir sogleich den

Befehl, unverzüglich an die Ausführung dieses Plans

zu schreiten und ihn über den Verlauf der Aktion auf

dem laufenden zu halten. » 83

Aber Lenin holte noch (mindestens) eine zweite

Meinung ein, die eines andern Bolschewiken der

Flotte, F. Raskolnikow, der beinahe identische

Ausführungen lieferte: gedrängte Diskussion um

die Karte herum, Studium der Tiefe der Fahrrinnen,

des Effektes der Gezeiten, der Schiesspläne etc. 84

Der dritte Bericht stammt von N. Ismailow,

Vorsitzender des Zentralkomitees der Baltischen

Flotte. Er referierte seine telegrafische Konversation

mit Lenin, welcher fragte, wie viele Schiffe er in

welcher Zeit ausstatten könne und innert welcher

Frist, ob sie mit Lebensmitteln und drahtloser

Telegrafie ausgestattet seien, etc. 85 . Das Manöver

wurde ausgeführt, die Flotte vertäute sich gewisse

Kabellängen von Zarskoje Sjelo und Beobachter

wurden auf dem Höhen von Pulkowo postiert, um

das Schiessen zu leiten, aber der plötzliche Rückzug

von Kerenskis Truppen machte diese Aufstellung

unnötig.

Es ist schwierig, die militärische Relevanz von

Lenins Entscheidungen zu beurteilen 86 .

Trotzkis Zeugnis darüber ist oft verdächtig. Er hatte

die Schwäche, angebliche „Fehler des militärischen

Urteils“ Lenins hochzuspielen, um sich ins gute

Licht zu rücken. Lenins militärische Aktivität

besteht im Wesentlichen im Sammeln der Mittel,

Mitreissen der Energien, die richtigen Personen

ans richtige Ort zu schicken und jenen den Kopf zu

waschen, die es nötig hatten.

Ein gutes Beispiel ist das Telegramm an Gussew 87

vom 16 September 1919:

« In Wirklichkeit aber herrscht bei uns Stillstand,

beinahe Zusammenbruch.

An der sibirischen Front hat man irgend so einen

Lump Olderoge und die Memme Posern hingestellt

und „sich beruhigt». Das ist geradezu schändlich!

Und man beginnt, uns zu schlagen! Wir werden

dafür den Revolutionären Kriegsrat der Republik

verantwortlich machen, wenn nicht energisch

vorgegangen wird! Es ist eine Schande, den Sieg aus

den Händen zu geben.

Mit Mamontow Stillstand. Offenbar eine Verspätung

nach der anderen. Verspätet haben sich die Truppen,

die sich vom Norden nach Woronesh begeben

haben. Verspätet hat man sich mit der Beförderung

der 21. Division nach dem Süden. Verspätet mit

den Maschinengewehren. Verspätet mit dem

Nachrichtenwesen. (...)

Das Ergebnis ist Stillstand sowohl mit Mamontow als

auch bei Seliwatsdiow (an Stelle täglicher „Siege», wie

man es in kindischen Zeichnungen versprach - wissen

Sie noch, daß Sie mir diese Zeichnungen zeigten? und

daß ich sagte: „Man hat den Gegner vergessen!!“ 88 ).

Wenn Seliwatschow flüchtet oder seine Divisionschefs

Verrat üben, dann ist der Revolutionäre Kriegsrat der

Republik daran schuld, denn er hat geschlafen und

alle beruhigt, aber das Erforderliche nicht getan.

Die besten, die energischsten Kommissare müssen

nach dem Süden geschickt werden, aber keine

Schlafmützen.

Mit der Formierung von Truppenteilen verspäten

wir uns auch. Wir lassen den Herbst verstreichen —

Denikin aber verdreifacht seine Kräfte, er bekommt

Tanks usw. usw. So geht es nicht. Man muß das

schläfrige Arbeitstempo ablegen und zu einem

lebendigen übergehen. » 89

In einem Abschnitt, den Lenin ebenfalls kopierte,

schrieb Clausewitz: « Verbindet sich mit jener Energie

der Kräfte eine weise Mässigung in den vorgesetzten

Zwecken, so entsteht jenes Spiel von glänzenden

Schlägen und vorsichtiger Zurückhaltung, welches

wir in Friedrichs des Grossen Kriegen bewundern

müssen » 90

Immer wieder bewies Lenin dieses Gleichgewicht

von Qualitäten: Die Kühnheit beim Auslösen

des Oktoberaufstandes, die Vorsicht anlässlich

der Verhandlungen von Brest Litowsk.

Und wenn man Lenin sieht, wie der die

Kommandanten und Kommissare zum Beweis

ihrer Initiative, ihrer Kühnheit und ihres

Kampfgeistes drängt, so drängt er sie niemals

zur Unvorsichtigkeit – obschon Kühnheit und

Trägheit Zwillinge sind, wenn sich jenes Fehlen von

Gewissenhaftigkeit zeigt, das er verabscheut.

Der Beweis ist ein Telegramm vom 3. Juni 1920

an Trotzki bezüglich eines Angriffsplans: « Das

ist offensichtlich eine Utopie. Wird das nicht zu

viele Opfer kosten? Wir würden unzählige unserer

Soldaten in den Tod treiben. Das muss man zehnmal

überlegen und abwägen; Ich schlage folgende Antwort

an Stalin vor: „Ihr Vorschlag über den Angriff der

Krim ist so schwerwiegend, dass wir Informationen

einholen und sehr sorgfältig überlegen müssen.

Warten sie unsere Antwort ab. Lenin. Trotzki“.» 91

4.4. Der Angriff und die Verteidigung

Clausewitz bemerkte, in Passagen, die von Lenin

weitgehend notiert wurden, dass es leichter ist

zu halten als zu nehmen, dass die Verteidigung

die stärkere Form der Kriegführung sei. Wenn

der Angriff an sich, über das positive Ziel hinaus,

(zum Beispiel die Eroberung einer Provinz),

der Verteidigung überlegen wäre, würde kein

Kriegführender diese anwenden. Wer ein positives

Ziel verfolgt, kann mit dem Angriff nicht sparsam

sein und muss sich deshalb die Mittel geben, welche

denen des Feindes überlegen sind, um die der

Verteidigung eigene Überlegenheit auszugleichen.

Wenn man dem Feind unterlegen ist, kann die Wahl

der Verteidigung diese Unterlegenheit teilweise

oder ganz ausgleichen.

Der Verteidiger profitiert von allen

unvorhergesehenen Ereignissen, von der Zeit und

von der Abnützung des Feindes. Der Angreifer hat

gewiss den Vorteil der umfassenden Überraschung

(und auch die Wahl des Momentes des Krieges),

aber der Verteidiger zieht Vorteile aus der taktischen

Überraschung. Der Verteidiger hat den Vorteil des

Geländes: Er kennt es, hat sich darin eingerichtet,

besetzt die Festungen und die vorteilhaftesten

Punkte, kann eine verdeckte Stellung einnehmen,

die ihm erlaubt, mit inneren Linien zu spielen etc.

Die Stellung des Verteidigers nützt sich weniger

schnell ab als die des Angreifers; dem Verteidiger

kommen die Hilfe der Bevölkerung zugute sowie

die Sympathien und moralischen Vorteile, die aus

seinem Status als Angegriffener hervorgehen.

Gewisse der Verteidigung inhärente Vorteile

wirken sogar bevor sich der Verteidiger in die

Tiefe seines Territoriums zurückzieht, aber sie

nehmen im Verhältnis zur Tiefe des Rückzuges zu.

Da dieser Rückzug teuer ist (weil er ein Aufgeben

von Territorium einschliesst), darf er nur gewählt

werden, wenn das anfängliche Ungleichgewicht

der Kräfte so gross ist, dass es aller Vorteile der

Verteidigung braucht, um es wettzumachen.

Der Verteidiger kann sich, entsprechend der

Bedeutung dieses Ungleichgewichtes, entschliessen,

den Feind anzugreifen, wenn er die Grenze passiert.

Wenn er dazu nicht stark genug ist, kann er noch

warten und den Feind angreifen, wenn er bis

zu einem für die Schlacht gewählten Punkt in

sein Territorium eingedrungen ist (z.B. an einen

Flusslauf). Er kann auch, wenn er sich immer noch

zu schwach fühlt, darauf warten, dass der Feind

diese Stellung angreift. Ist das Ungleichgewicht

60

61


immer noch zu gross, kann der Verteidiger seine

Wartestellung verlängern, bis der feindliche Angriff

seinen Höhepunkt erreicht hat. Verteidigung

bedeutet nicht Passivität: Der Verteidiger kann

so die Initiative behalten, kann beim Rückzug die

Kämpfe vermehren, die Guerilla im Rücken des

Feindes auslösen etc.

1918 wandte Lenin diese Doktrin Punkt für

Punkt an. Er war ein erbitterter Gegner des

«Revolutionären Krieges» gegen Deutschland,

doch blieb er mit seiner Position in der Minderheit:

Die Hälfte der Bolschewiki wollten den Krieg,

ein Viertel den Frieden und ein Viertel « weder

Krieg noch Frieden », was Trotzki befürwortete.

Dieser zwang den Verhandlungen seine Linie

auf und provozierte damit ihr Platzen und einen

neuen, für Russland katastrophalen deutschen

Angriff. Am 3. März 1918 musste Russland den

Vertrag von Brest-Litowsk unterzeichnen, durch

den Deutschland Polen und die baltischen Staaten

an sich riss und die Unabhängigkeit der Ukraine,

Finnlands und der drei transkaukasischen

Republiken durchsetzte. Die Gründung der Roten

Armee am 15. Januar 1918 ermöglichte die ersten

Siege über die Weissen Armeen im Ural, am

Don, in Donezk, im Kuban-Gebiet und auf der

Krim, aber im Mai 1918 marschierten (infolge des

Aufrufs der bürgerlichen Nationalisten, die durch

die Entwicklung der ukrainischen und finnischen

revolutionären Bewegungen bedroht waren)

die deutschen und österreichischen Armeen

unwiderstehlich in der Ukraine und in Finnland

ein: « Seitdem wir Vertreter der herrschenden Klasse

geworden sind, die den Sozialismus zu organisieren

begonnen hat, fordern wir von allen eine ernste

Einstellung zur Verteidigung des Landes. Die

Verteidigung des Landes ernst nehmen heißt sich

gründlich vorbereiten und das Kräfteverhältnis streng

in Rechnung stellen. Wenn wir offenkundig schwach

sind, so ist das wichtigste Mittel der Verteidigung der

Rückzug in das Innere des Landes (wer darin eine

nur für diesen Fall zurechtgebogene Formel sieht,

kann bei dem alten Clausewitz, einem der großen

Militärschriftsteller, über die Ergebnisse der Lehren

der Geschichte in dieser Beziehung nachlesen). (...)

Es wird unsere Pflicht, die Kräfte aufs vorsichtigste

zu berechnen und aufs sorgfältigste abzuwägen, ob

unser Verbündeter (das internationale Proletariat)

rechtzeitig zur Stelle sein wird. Das Kapital ist daran

interessiert, den Feind (das revolutionäre Proletariat)

einzeln zu schlagen, noch bevor die Arbeiter aller

Länder sich (praktisch, d. h. durch den Beginn der

Revolution) zusammengeschlossen haben. Wir

dagegen sind daran interessiert, alles nur mögliche

zu tun, selbst die kleinste Chance auszunutzen, um

den entscheidenden Kampf aufzuschieben bis zu dem

Zeitpunkt (bzw. „bis nach» dem Zeitpunkt) einer

solchen Vereinigung der revolutionären Trupps der

großen internationalen Armee» 92 .

Lenin schrieb diese Zeilen also in dem Moment,

als das Kräfteverhältnis weitgehend zu Ungunsten

der Sowjetmacht stand: Die deutschen und (und in

geringerem Mass) die österreichisch-ungarischen

Armeen waren deutlich stärker, besser bewaffnet,

kriegserfahrener und besser betreut als die junge

Rote Armee. Der revolutionäre Krieg gegen

Deutschland war purer Voluntarismus, was sein

erster Befürworter, Bucharin, 10 Jahre später

anerkennen wird. 93 .

Als Lenin das Prinzip des Rückzugs ins Kerngebiet

anwandte, entschied er sich für die höhere Form

der Verteidigung. Diese Verteidigung erlaubte es

der Revolution, ihre Kräfte zu entwickeln (die Rote

Armee war im vollen Aufbau), die inneren Linien

auszuspielen (man konnte je nach Bedarf und den

Prioritäten die Einheiten des Nordens in den Süden,

des Ostens in den Westen schicken und so Zug

um Zug die angestrebte Überlegenheit erreichen,

um eine Entscheidungsschlacht zu gewinnen). Sie

führte dazu, dass die deutschen Streitkräfte sich

von ihren Versorgungsbasen entfernten und sich

mehr und mehr einer intensiven Aktivität der

roten Partisanen der Ukraine aussetzten, – und

dass sich die pazifistischen und revolutionären

Losungen in Deutschland und in der deutschen

Armee verbreiteten. Lenin zählt ganz wesentlich

auf diesen letzten Faktor. Im Januar 1918 waren

bereits revolutionäre politische Streiks mit der

Gründung von Arbeiterräten in Berlin, Wien,

Hamburg, Kiel, Düsseldorf, Leipzig, Essling und

anderswo ausgebrochen. Aber erst im November

fing die revolutionäre Welle Feuer: Mehr als 10‘000

Arbeiter- und Soldatenräte konstituierten sich und

bemächtigten sich Berlins. Die Revolution wurde

niedergeschlagen, aber ihre Wirkungen, verbunden

mit denen des Waffenstillstandes, zogen den

Rückzug der deutschen Truppen aus der Ukraine

und der Krim nach sich.

4.5. Eine « Militarisierung » des Marxismus?

Der Prozess zur « Militarisierung » des Marxismus

kennt zwei Anklageschriften:

Die eine behauptet, sie sei gleichsam „angeboren“,

zusammengehörig, wie bei Anibal Romero : «Für

Clausewitz bedarf die Politik nicht unbedingt des

Krieges ; für Lenin ist die Politik Klassenkrieg, der

Staat ist nur ein Unterdrückungsinstrument, und

der Triumph des Proletariates – der nur von einem

Gewaltakt herrühren kann, von extremer Gewalt

– muss zur Auslöschung des Staates führen und

schliesslich zum Verschwinden der Politik selbst 94 .

Die andere sieht sie als geschichtlich erworben an,

wie bei Jacob Kipp, für den die « Militarisierung » des

Marxismus bei Lenin ein durch den Weltkrieg, die

Lektüre von Clausewitz und die Oktoberrevolution

ausgelöste Tendenz ist, die ihre Vollendung 1922-

23 findet:

«Lenin vollendete einen ganzen Kreis. Krieg und

Politik wurden als Subjekt und Objekt vertauscht.

Hier wurde die Politik zur Fortsetzung des Krieges mit

anderen Mitteln. Die NEP war ein taktisches Mittel,

um die nationale Wirtschaft wiederherzustellen

und, angesichts der Aufstände in Kronstadt und

der Region Tambov, die Unterstützung der Bauern

zurückzugewinnen.» 95

Kipp irrt sich allgemein und speziell bezüglich

des Kalenders, denn Lenin „demilitarisiert sich“

kalr am Ende des Bürgerkrieges, wie sein Bericht

an dem XI. Parteitag der Kommunistischen

Partei bezeugt (1922): « In der vorhergegangenen

Entwicklungsperiode unserer Revolution, als

die ganze Aufmerksamkeit und alle Kräfte

hauptsächlich von der Aufgabe beansprucht, ja fast

ganz absorbiert waren, die Invasion abzuwehren,

konnten wir über diesen Zusammenschluß [mit der

Bauernwirtschaft] nicht genügend nachdenken —

wir hatten anderes zu tun. Man konnte und mußte

ihn bis zu einem gewissen Grade vernachlässigen, als

wir vor der absolut unaufschiebbaren und direkten,

alles überragenden Aufgabe standen, die Gefahr

abzuwehren, von den gigantischen Kräften des

Weltimperialismus sofort erdrückt zu werden. (…)

Die kommunistische Gesellschaft mit den Händen der

Kommunisten aufbauen zu wollen ist eine kindische,

eine ganz kindische Idee. Die Kommunisten sind

ein Tropfen im Meer, ein Tropfen im Volksmeer.

(…) Den Ausbeuter unschädlich machen (...) das

haben wir im wesentlichen gelernt. Hier muß ein

gewisser Druck ausgeübt werden, doch das ist leicht.

Der zweite Teil des Sieges aber besteht darin, mit

nichtkommunistischen Händen den Kommunismus

aufzubauen, es zu verstehen, praktisch das zu tun,

was ökonomisch getan werden muß, nämlich den

Zusammenschluß mit der bäuerlichen Wirtschaft zu

finden, die Bauern zufriedenzustellen » 96 .

Der Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie, zur

Eroberung der staatlichen Macht ist gehört

wesentlich zum Leninismus, aber nicht mehr als das

Bündnis der kleinen und mittleren Bauernschaft

und der Intelligenz mit dem Proletariat. Die Öffnung

gegenüber diesen Klassen und sozialen Gruppen

sind ebenso politisch wie die Feindseligkeiten gegen

die Junker und die Kapitalisten. Der Friede mit den

einen und der Krieg mit den anderen bilden eine

allgemeine Politik, sie sind in gleicher Weise Teil

des leninistischen Projektes 97 .

Die Schlacht von Kronstadt und die

Niederschlagung des Aufstands von Tambow oder

der Machnowschtschina hatten einen anderen

Charakter als der Krieg gegen die weissen und

von aussen angreifenden Armeen. Für Lenin,

der sich hauptsächlich auf die Pariser Kommune

bezog, musste ein Krieg gegen die Streitkräfte der

herrschenden Klassen, gleichsam gegen Versailles,

kommen. Nichts dergleichen mit Kronstadt,

Tambow oder der Machnowschtschina. Dies

waren « aufgezwungene » Kriege sozusagen in

dem Sinn, dass sie nicht auf dem Programm

standen. Wohlverstanden, die Entscheidungen

der Kommissare waren bei der Entstehung dieser

Konflikte bestimmend, insbesondere die Wehrpflicht

und die Prodraswerstka, die Zwangsrequirierung

der landwirtschaftlichen Überschüsse, um die

Städte zu ernähren, aber die Bolschewiki konnten

hoffen, keine derartigen Kriege führen zu müssen.

Abgesehen von den konterrevolutionären Agenten,

welche Öl ins Feuer gossen, waren die Feinde

der Bolschewiki in Kronstadt, in Tambow und in

der Ukraine soziale Gruppen, in erster Linie die

Mittelbauern 98 , mit denen Lenin auf ein Bündnis

hoffte. Die Aufständischen positionierten sich

als Feinde der sowjetischen Macht weil sie sie als

antagonistische Macht wahrnahmen, und vom

Moment an, als sie zu den Waffen griffen, wurden

sie wie Feinde behandelt, aber die Schärfe, mit der

sie unterdrückt wurden 99 , entstammte nicht einer

allgemeinen antagonistischen Politik.

Für den durch die Tscheka erschossenen

Aufständischen ist dieser feine Unterschied nur

mässig tröstlich, aber er ist entscheidend für die

theoretische Frage des leninistischen Verhältnisses

zum Krieg. Während die Gegnerschaft gegen die

Selbstherrschaft, die Grossgrundbesitzer und die

Kapitalisten als unversöhnlich beurteilt wird, ergriff

die bolschewistische Macht Massnahmen, um

die Klasseninteressen der mittleren Bauernschaft

zu schonen: Kurz nach der Niederschlagung

der Revolte von Tambow ersetzte der Rat der

Volkskommissare die Prodrazverstka durch die

Prodnalog, eine fixe Steuer, zahlbar in Naturalien

(in Korn), was für die Bauern viel eher annehmbar

war. Also, auch wenn Lenin den Parteikadern die

62

63


Lektüre von Clausewitz empfahl, weil die politische

und die militärische Taktik Nachbargebiete sind 100 ,

auch wenn die Rhetorik kriegerisch blieb 101 , verliert

die leninistische Politik 1922 die Charakteristik der

Kriegführung, anders als Kipp behauptet 102 .

Die leninistische Politik auf den Krieg zu reduzieren

bedeutet nicht nur, alles zu disqualifizieren,

was vor dem Krieg kommt (die Organisierung

und Bewusstseinsbildung der Arbeiterklasse

auf nationaler und internationaler Ebene, die

Organisierung und Vereinigung der Revolutionäre

um ein strategisches Projekt, die Annäherung der

Klassen und sozialen Gruppen, die ein objektives

Interesse an einer revolutionären Veränderung haben

etc.), sondern auch alles, was nach ihm kommt (die

organisierung der neuen Macht, die Entwicklung

neuer sozialer Verhältnisse, die Reorganisierung

der Produktion und der Raumordnung, die

Kulturrevolution etc.). Und wenn die Ziele der

vorrevolutionären Politik tatsächlich erlauben

sollen, den revolutionären Krieg zu führen und zu

gewinnen, müssen sie es auch erlauben, den Frieden

zu gewinnen. Gemäss Clausewitz muss man immer

« mit dem Frieden den Zweck als erreicht und das

Geschäft des Krieges als beendigt ansehen » 103 , und so

versteht es auch Lenin: Wenn der Klassenfeind (die

Reaktionäre und die imperialistischen Angreifer)

einmal geschlagen sind, geht es um den friedlichen

Aufbau des Sozialismus. Auch dieser Aufbau ist ein

Kampf: Kampf um die Produktion, die Kultur, die

Verbesserung der sozialen Beziehungen und des

sozialen Bewusstseins, Kampf gegen die Faulheit,

die Nachlässigkeit, den Egoismus, die Routine

und die Bürokratie und gegen das, was Lenin

„Oblomowismus“ nannte. Aber diese Kämpfe sind

keineswegs Kriege. Es ist der Friede (der hier die

Form des Aufbaus des Sozialismus annimmt), was

in Übereinstimmung mit den Clausewitz’schen

Begriffen die Wahrheit des leninistischen Krieges

ist.

In der Aussenpolitik ist es anders. Auf dem VIII.

Kongress der bolschewistischen Partei bat Lenin

die Stenographen, ihrev Bleistift abzulegen, damit

er bezüglich der Friedensangebote von Lloyd

Georges und Woodrow Wilson an den Kreml ohne

Furcht vor Indiskretionen sagen konnte, was er

dachte. Für Lenin waren diese Angebote durch das

Scheitern der Militärintervention in Russland und

durch die revolutionären Wellen in Europa diktiert

und nicht vom Wunsch, einen modus vivendi

mit den Bolschewiken zu finden 104 . Für Lenin ist

der Widerspruch mit den bürgerlichen Staaten

antagonistisch; die Verbissenheit der Angreifer

zeigte ihre ganze Feindschaft gegenüber dem ersten

sozialistischen Staat. Wenn die Erschöpfung, die

inneren Widersprüche (Meutereien, Streiks etc.) und

die Aufreibung der Weissen sie auch dazu brachten,

auf die Intervention zu verzichten, machten sie

doch den Feindseligkeiten kein Ende. Der Friede,

die internationalen Verträge sind von da an nichts

anderes als ein verlagerter Krieg. Es kommt nicht

darauf an, ob das Kriegswerkzeug das einheimische

aufständische Proletariat oder die Rote Armee

ist: Die leninistische internationale Politik ist eine

Politik der gemässigten Kriegführung, denn sie

ist von der Überzeugung geleitet, dass die inneren

Widersprüche des Feindes die grössere Rolle bei

seiner Niederlage spielen werden. Lenin hielt die

Einrichtung normaler Beziehungen zwischen

Sowjetrussland und den kapitalistischen Staaten

für unmöglich, und er gehörten zu denen, wie

Wynn Catlin, welche die Diplomatie als die Kunst

betrachtete, „du nettes Hündchen!“ zu sagen,

während man mit den Augen einen guten Stein

sucht....

Anmerkungen

1 Cf. Zhang Yuan-Lin : Mao Zedong und Carl von

Clausewitz : Theorien des Krieges, Beziehung, Darstellung

und Vergleich. Inauguraldissertation zur Erlangung des

akademischen Grades eines Doktors der Philosophie der

Universität Mannheim. Mannheim, 1995.

2 Dieses Exil folgte auf die Repressionswelle nach

der gescheiterten Revolution von 1905. Lenin begab sich

zunächst nach Galizien, welches damals österreichisches

Gebiet war; bei Ausbruch des Krieges im Sommer 1914

musste er auch von dort wieder verschwinden.

3 Schlössler beschreibt diesen Einfluss als

wahrscheinlich, beginnend mit Mehrings Artikel aus dem

Jahr 1904 über den russisch-japanischen Krieg. Dietmar

Schössler : Clausewitz Engels Mahan : Grundriss einer

Ideengeschichte militärischen Denkens, LIT Verlag, Berlin,

2009, Seiten 388 und 393.

4 Carl von Clausewitz, Vom Kriege, herausgegeben

von Werner Hahlweg, Bonn: Ferd. Dümmlers Verlag,

19. Aufl. 1980, S. 179-183, (im Folgenden zitiert als Vom

Kriege); Lenin: Clausewitz Werk Vom Kriege, Auszüge

und Randglossen, Verlag des Ministeriums für Nationale

Verteidigung, Berlin (Ost) 1957, abgedruckt in: T. Derbent:

Clausewitz und der Volkskrieg, Zambon-Verlag 1912 (im

Folgenden zitiert als Lenins Glossen über Clausewitz), S. 15.

5 Vom Kriege, S. 210, Lenins Glossen über

Clausewitz, S. 15f.

6 In diesem Kapitel findet sich die berühmte

Passage: « Man weiss freilich, dass der Krieg nur durch

den politischen Verkehr der Regierungen und der Völker

hervorgerufen wird ; aber gewöhnlich denkt man sich

die Sache so, dass mit ihm jener Verkehr aufhöre und ein

ganz anderer Zustand eintrete, welcher nur seinen eigenen

Gesetzen unterworfen sei. Wir behaupten dagegen: Der

Krieg ist nichts als eine Fortsetzung des politischen Verkehrs

mit Einmischung anderer Mittel» Vom Kriege, S. 990f;

Lenins Glossen über Clausewitz, S. 35f.

7 « (…) wie jede Zeit ihre eigenen Kriege, ihre

eigenen beschränkenden Bedingungen, ihre eigene

Befangenheit hatte.» Vom Kriege, 973.

8 « Hiernach kann der Krieg niemals von dem

politischen Verkehr getrennt werden (...) » Vom Kriege, S991

9 Später wird der Krieg zu einem theoretischen

Objekt durch die Fürbitte anderer Beziehungen: Bouthoul

et Feund werden ihre Polemiken auf eine gewisse

Anthropologie stützen.

10 Major Général John Frederick Charles Fuller, The

Condut of War (1789-1961) A Study of the Impact of the

French, Industrial, and Russian Revolution on War and tis

Conduct. New Brunswick, New Jersey, Rutgers University

Press 1951 Seite 202, eigene Überwsetzung.

11 Jean-Vincent Holeindre : Violence, guerre et

politique Études sur le retournement de la “Formule”

de Clausewitz, in Res militaris, vol. 1, n°3, Sommer

2011, verfügbar unter https://www.google.ch/?gws_

rd=ssl#q=Holeindre+Violence%2C+guerre+et+politique,

eigene Übersetzung.

12 Marx-Engels, Werke, Band 4, Dietz Verlag, Berlin,

1977, Seite 462.

13 So wie in Italien während des intensiven

Klassenkampfes Ende der 60er und anfangs der 70er Jahre,

wo die Roten Brigaden mit der bewaffneten Propaganda

das Ziel hatten, die Massen zur bewaffneten Revolution zu

führen, während im anderen Lager die P2 mittels Attentaten

und Massakern das Kriegsrecht auslösen wollte.

14 Lenin : Der Partisanenkrieg, LW 11, S. 209.

15 Hervorhebungen von Lenin.

16 Vom Kriege, S. 967, 970, 972f., Lenins Glossen

über Clausewitz, S. 32f.

17 Vom Kriege, S. 221, Lenins Glossen über

Clausewitz, Seite 16.

18 Vom Kriege S. 212f, Lenins Glossen über

Clausewitz, Seite 17.

19 « Obgleich der Einfluss eines einzelnen Bewohners

des Kriegsschauplatzes auf den Krieg in den meisten

Fällen nicht bemerklicher ist als die Mitwirkung eines

Wassertropfens bei dem ganzen Strom, so ist doch selbst

in Fällen, wo von gar keinem Volksaufstand die Rede ist,

der Gesamteinfluss, den die Einwohner des Landes auf den

Krieg haben, nichts weniger als unmerklich. Vom Kriege, S.

637.

20 Lenin verweilt ebenfalls bei der Reflexion von

Clausewitz aus dem 20. Kapitel des Sechsten Buches,

wonach der Generalstab dazu neigt, jene Fragen zu

überschätzen, die für ihn direkt relevant sind (wie die

topografischen Eigenschaften des Kriegstheaters). Da

der Generalstab «derjenige Teil des Heeres zu sein pflegt,

welcher am meisten schreibt und drucken lässt: so folgt,

dass diese Teile der Feldzüge historisch mehr fixiert sind »

auf Kosten von anderen, nicht weniger wichtigen. Lenins

Glossen über Clausewitz, Seite 26.

21 Vom Kriege, S. 971.

22 Vom Kriege, S. 990, Lenins Glossen über

Clausewitz, S.35f.

23 So wurde in Frankreich die Aussetzung

innenpolitischer Streitigkeiten angesichts der Verteidigung

der Nation im Ersten Weltkrieg bezeichnet; der Begriff ist

hier natürlich nicht auf Frankreich beschränkt [Anm. d. Ü.].

24 Lenin : der Zusammenbruch der II. Internationale,

LW 21, S. 210-214.

25 Der Imperialismus als höchstes Stadium des

64

65


Kapitalismus wurde von Lenin 1916 verfasst.

Internationale (erschienen am 1. November 1914), LW 21,

57 Rémi Adam : La première guerre mondiale : Dix

der Erhebung riesigen Nutzen bringen. Eine Kampfgruppe,

26 Georg Lukács : Lenin, Studie über den

S.27 .

millions de morts pour un repartage du monde, Les bons

die zu schießen versteht, wird einen Polizisten entwaffnen,

Zusammenhang seiner Gedanken, Neuwied: Luchterhand

44 Karl Kautsky, Neue Zeit, 2 Oktober 1914.

caractères éditions, collection Histoire Éclairage, Pantin

wird überraschend eine Streife überfallen, wird sich Waffen

3. Aufl. 1969, S. 50. https://www.marxists.org/deutsch/

45 Karl Kautsky : Die Sozialdemokratie im Kriege.

2010, Seite 78.

verschaffen. Eine Kampfgruppe, die nicht zu schießen

archiv/lukacs/1924/lenin/kap4.htm

Die Neue Zeit 33 - 1, 2. Oktober 1914, S. 7.

58 Georges Haupt : Guerre et révolution chez Lénine,

versteht oder sich keine Waffen verschaffen konnte, wird

27 Vom Kriege, S. 993.

46 Politik im Sinn von “policy”, im Sinn von

zum ersten Mal erschienen in Nr. 2 der Revue française

beim Barrikadenbau helfen, wird Kundschafterdienste

28 Martin Van Creveld : Die Zukunft des Krieges.

“politics”, kommt die Rolle Franz Mehring zu.

de sciences politiques (1971), wieder aufgenommen in

leisten, wird behilflich sein, die Verbindungen zu

Gerling Akademie Verlag, München 1998, 3. überarbeitete

47 Die feindlichen Gelüste Frankreichs und

L’historien et le mouvement social (Maspéro, 1980) und

organisieren, den Feind in einen Hinterhalt zu locken,

deutsche Ausgabe, Hamburg, Murmann 2004 S. 189f.

Deutschlands gegen Marokko - einem der letzten

jetzt auf dem Netz zugänglich : http://alencontre.org/societe/

ein Gebäude in Brand zu stecken, in dem sich der Feind

29 Was Clausewitz als das « Prinzip der Polarität »

unabhängigen Staaten in Afrika, hätte 1905 beinahe

histoire/guerre-ou-revolution-linternationale-et-lunion-

festgesetzt hat, Wohnungen zu besetzen, die zu Stützpunkten

bezeichnet.

zum Krieg geführt. Die Krise wurde erst 1911 gelöst:

sacree-en-aout-1914.html

für die Aufständischen werden können; mit einem Wort, die

30 Conrad Crane lehrt am ‘U.S. Army War College,

Deutschland verzichtete auf den Anspruch auf Marokko im

59 Lenin : Die Aufgaben der revolutionären

losen Verbände von Leuten, die entschlossen sind, auf Leben

Lukas Milevski an der National Defense University. Vgl.

Tausch gegen die Vergrösserung der Kolonie von Kamerun

Sozialdemokratie im europäischen Krieg (geschrieben

und Tod zu kämpfen, die mit der Örtlichkeit bestens vertraut

den Artikel, publiziert von der NDUin n°4 (2014) des Joint

um 272.000 km² auf Kosten der benachbarten französischen

spätestens im August 1914), LW 21, Seite 4.

und aufs engste mit der Bevölkerung verbunden sind, werden

Force Quaterly. Dieser Artikel ist im Netz verfügbar.

Kolonien.

60 Lenin : Lage und Aufgaben der sozialistischen

Tausende der allerverschiedensten Aufgaben erfüllen.» Die

31 Die Überlegungen über den Algerienkrieg,

48 Leipzig, Verlag der Leipziger Buchdruckerei

Internationale (erschienen am 1. November 1914),LW

Auflösung der Duma und die Aufgaben des Proletariats LW

die er zur Unterstützung seiner Analyse macht, sind

Aktiengesellschaft 1907, Seite 23

21,Seite 26f.

11, S. 113.

so geistesgestört, dass sie nur von seinen zionistischen

49 In Die proletarische Revolution und der Renegat

61 Lenin : Die Bedeutung der Verbrüderung (11 Mai

71 « Die militärische Taktik hängt von dem Niveau

Positionen im israelisch-palästinensischen Konflikt

Kautsky stellt Lenin im Kapitel Was ist Internationalismus?

1917), LW 24, Seiten 311-313.

der militärischen Technik ab diese Tatsache hat Engels

herrühren können.

(LW 28, S. 283), gegen die antisowjetischen Positionen von

62 Lenin : Petrograder Stadtkonferenz der SDAPR(B),

wiederholt erläutert und den Marxisten eingehämmert. Die

32 Die Kriege der dschihadistischen Bewegung zeigen

Kautsky dessen eigenen Schriften entgegen, speziell Der

14.—22. April (27. April bis 5. Mai) 1917LW 24, Seite 153.

militärische Technik ist jetzt eine andere als in der Mitte

teilweise (und in unterschiedlichen Proportionen) politische

Weg zur Macht, geschrieben «als Kautsky noch Marxist

63 Lenin : An den Kampfausschuß des St.

des 19. Jahrhunderts. Gegen die Artillerie scharenweise

Rationalität, teilweise in dem was Creveld «die Fortsetzung

war», wobei er noch « von dem Nahen einer Ära der

Petersburger Komitees, LW 9, Seite 342f.

vorzugehen und mit Revolvern die Barrikaden zu verteidigen

der Religion mit anderen Mitteln » nennt.

Revolutionen » sprach. In « Staat und Revolution » schreibt

64 Zitiert im Vorwort von B. Ponomarev zu La lutte

wäre eine Dummheit. (..). In der allerletzten Zeit macht

33 Lenin : Über « linke » Kinderei und über

er, dass dies seine beste Broschüre sei, obschon er Kautsky

des partisans selon les auteurs classiques du marxisme-

die militärische Technik wiederum neue Fortschritte. Der

Kleinbürgerlichkeit, LW 27, S. 324 .

sonst verreisst.

léninisme, Éditions en langues étrangères, Moskau, 1945,

japanische Krieg hat die Handgranate eingeführt. Die

34 Lenin : Der streitbare Militarismus und die

50 Lenin : Brief an A. Schljapnikow. 27. Oktober, LW

Seite 5. In Krupkajas Erinnerungen konnte diese Passage

Gewehrfabriken haben das Selbstladegewehr auf den

antimilitaristische Taktik der Sozialdemokratie, LW15, S.

35, S. 142.

nicht gefunden werden; eigene Übersetzung.

Markt geworfen. Beide werden in der russischen Revolution

194

51 Lenin Brief an A. Schljapnikow. 31. Oktober, LW

65 Institut de Marxisme-Léninisme près le C.C.

zwar schon erfolgreich angewandt, aber bei weitem noch

35 Simon Petermann : Marx, Engels et les conflits

35, 146.

du P.C.U.S. : Lénine : Vie et uvre, Éditions du Progrès,

nicht in genügendem Maße. Wir können und müssen uns

nationaux, Émile Van Ballberghe, collection Documenta et

52 An einer früheren Stelle der Broschüre (Seite

Moskau, 1983, page 118.

technische Vervollkommnungen zunutze machen, müssen die

opuscula n°5, Bruxelles, 1987.

11) erinnert Kautsky daran, dass « Marx und Engels stets

66 In Moskau Ende Oktober 1905 gegründet, um den

Arbeiterabteilungen lehren, Bomben in Massen herzustellen,

36 Raymon Aron: Clausewitz. Den Krieg denken,

das Wort von der reaktionären Masse bekämpft » haben,

Schwarzen Hundert entgegenzutreten. Vereinigte Vertreter

müssen ihnen und unseren Kampfgruppen helfen, sich

Frankfurt am Main, Berklin, Wien : Propyläen, 1980, S.

« weil es zu sehr die Gegensätze verdeckt, die zwischen

der Kampfgruppen des Moskauer Komitees der SDAPR,

Vorräte an Sprengstoffen, Zündern und Selbstladegewehren

399f.

den verschiedenen Fraktionen der besitzenden Klassen

der sozialdemokratischen Gruppe Moskaus, des Moskauer

zu besorgen. » : Die Lehren des Moskauer Aufstands LW 11,

37 Lenin : Die Ergebnisse der Diskussion über die

herrschen » .

Komites der sozialrevolutionären Partei und anderer

162-163..

Selbstbestimmung, LW 22, S. 327f.

53 Kautsky, Der Weg zur Macht, a.a.O. Seite 103.

Kampfgruppen. Der Rat wurde von den Sozialrevolutionären

72 « daß von einem ernsten Kampf keine Rede

38 Lenin : Die Ergebnisse der Diskussion über die

54 Nach Lars T. Lih allerdings werden diese

und den Menschewiki kontrolliert.

sein kann, solange die Revolution nicht zu einer

Selbstbestimmung, LW 22, S. 331.

Eventualitäten von Kautsky als wenig wahrscheinlich

67 Lenin erwähnt die Wichtigkeit der Frage der

Massenbewegung geworden ist und nicht auch die Truppen

39 Lenin : Die Ergebnisse der Diskussion über die

beurteilt (er glaubt daran, dass die Arbeiterbewegung

Eisenbahner im Fall des Aufstandes in Die Auflösung der

erfaßt hat. Selbstverständlich ist die Arbeit unter den

Selbstbestimmung, LW 22, S. 339.

den Krieg verhindern kann, auch wenn es nur sei, weil

Duma und die Aufgaben des Proletariats LW 11, S. 107.

Truppen notwendig. Aber man darf sich diesen Übergang

40 Lenin : Die Ergebnisse der Diskussion über die

es der Bourgeoisie Angst einjagen würde) und dass es

68 In den Nummern 3 und 4 der Hefte des

der Truppen nicht als einfachen, einmaligen Akt vorstellen,

Selbstbestimmung, LW 22,S. 348.

abenteuerlich wäre darauf eine Strategie aufzubauen. - Lars

Sozialdemokraten, die er in Genf herausgab, fällte

der das Ergebnis einerseits der Überzeugung und anderseits

41 Lenin : Der Internationale Sozialistenkongress in

T. Lih : Lenin en 1914, La « nouvelle époque de guerre et

Plechanow dieses Urteil und verdammte den Aufstand. Er

des Bewußtseins ist. Der Moskauer Aufstand zeigt uns

Stuttgart (1907), in LW 13, S. 71.

révolution ». Artikel auf dem Netz : http://alencontre.org/

rief stattdessen dazu auf, « der Gewerkschaftsbewegung der

anschaulich, wie schablonenhaft und lebensfremd eine

42 Mehrere pazifistische Zimmwerwalder schlossen

societe/histoire/lenine-en-1914-la-nouvelle-epoque-de-

Arbeiter eine nachhaltigere Aufmerksamkeit zu schenken ».

solche Auffassung ist. In der Praxis führt das Schwanken der

sich später Lenins Positionen an und werden, wenn nicht

guerre-et-revolution.html.

69 Lenin : Die Lehren des Moskauer Aufstands LW

Truppen, das jede wirkliche Volksbewegung zwangsläufig

Gründer der kommunistischen Parteien in ihren Ländern, so

55 Karl Kautsky : Der Weg zur Macht, Berlin, Verlag:

11, 159f.

mit sich bringt, bei Verschärfung des revolutionären

wenigstens Verteidiger von Sowjetrussland in der westlichen

Buchhandlung vorwärts 1909, Seite 11.

70 « Lose Kampfverbände, Kampfgruppen”, um einen

Kampfes im wahrsten Sinne des Wortes zum Kampf um das

sozialistischen Bewegung.

56 Lenin : Der tote Chauvinismus und der lebendige

Ausdruck zu gebrauchen, der in den großen Dezembertagen

Heer. » Die Lehren des Moskauer Aufstands LW 11, 160.

43 Lenin : Lage und Aufgaben der sozialistischen

Sozialismus (Dezember 1914), LW 21, Seite 87.

in Moskau solchen Ruhm gewann, werden im Augenblick

73 Emelian Jaroslawski : Vladimir Ilitch dirige les

66

67


activités combatives du Parti (Une page d’histoire des

83 L. Wachromejew : Lenin in den Oktobertagen,

Aproximación a la Política, Universidad Simón Bolívar,

104 Cf. Marcel Body : Les groupes communistes

organisations militaires et de combat de notre parti), in

in Lenin in den ersten Tagen der Sowjetmacht,

Instituto de Altos Estudios de América Latina, Caracas,

français de Russie 1918-1921. In Contributions à l’histoire

Lénine tel qu’il fut : Souvenirs de contemporains, tome 1,

nach Erinnerungen von Teilnehmern jener Tage.

1994,gleiche Website , anderes pdf, Seite 84).

du Comintern, (sous la direction de Jacques Freymond),

Éditions en langues étrangères, Moskau, 1958, Seiten 465-

Zusammengestellt nach ausgewähltem Material des Marx-

95 Jacob W. Kipp : Lenin and Clausewitz: The

Publication de l’Institut Universitaire de Hautes Études

466, eigene Übersetzung.

Engels-Lenin-Instituts Verlagsgemeinschaft ausländischer

Militarization of Marxism, 1914-1921. Military Affairs,

Internationale n°45, Librairie Droz, Genève, 1965, Seite 51.

74 Leonid Krassin (1870-1926), Anführer der

Arbeiter in der UdSSR, Moskau-Leningrad 1944, S. 56.

octobre 1985, Seite 189, traduction maison, auf dem

Revolution von 1905 in St. Petersburg, Ingenieur von Beruf,

84 F. Raskolnikow : Die Oktoberrevolution, in Lenin

Internet unter

organisierte die klandestine Werkstatt für Bombenbau in

Moskau. Er leitete die bolschewistische Kampforganisation,

in den ersten Tagen der Sowjetmacht, a.a.O. S. 38f.

85 N. Ismailow : Das Zentralkomitee der Baltischen

96 Lenin : Politischer Bericht des Zentralkomitees der

KPR(B) an den XI. Parteitag der KPR(B), 27. März 1922,

Bildbeschreibung

die vor allem grosse Enteignungsoperationen durchführte,

bis zu seiner Verhaftung 1908. Nach der Revolution wurde er

Volkskommissar des Aussenhandels.

75 Alexander Bogdanow (1873-1928)

bolschewistischer Militanter, nahm an der Revolution

von 1905 teil. Seine philosophischen Thesen wurden von

Lenin 2011 massiv kritisiert. Er war 1918 der Gründer des

Proletkult.

76 Lenin : Taktische Plattform zum

Vereinigungsparteitag der SDAPR., LW 146f.

77 Lenin : Der Partisanenkrieg LW 11, S.

208, 212f .

78 « Lenin war kein Feldherr. Während

der Jahre des Bürgerkrieges nach der Revolution träumte

er niemals davon, die Funktionen eines Generalissimus

Flotte (Centrobalte) während der Tage des Aufstandes.

Der Telegrammverkehr findet sich in LW 26, S. 258f. Sein

Bericht divergiert von früheren darin, dass nicht der Kreuzer

Oleg sondern das Linienschiff Respublika (früher Kaiser

Paul 1er) erwähnt wurde es war nur wegen des zu starken

Wasserflusses, dass schliesslich der Kreuzer Oleg gewählt

wurde.

86 Die sowjetischen Publikationen präsentieren

diese alle natürlich als sinnvoll, wenn nicht entscheidend,

so wie Kedrow, Kommandant der Front von Archangelsk,

die Entsendung einer schweren Artilleriebatterie nach

Kotlas auf direkten und persönlichen Befehl Lenins Befehl

kommentiert. Vgl. M. Kedrow : Guide de l’Armée rouge, in

Lénine et les forces armées de l’URSS, supplément au n°12

(décembre) 1979 de la Revue Militaire Soviétique, Seite 4.

LW 33 253-278.

97 Man könnte einwenden, dass die Öffnung

Lenins gegenüber den Bauern und der Intelligenz durch

strategische Zwänge (weil das Proletariat im Bürgerkrieg

Verbündete braucht) diktiert war, aber dieses Interesse reicht

weiter. Lenin pflegt die Allianz mit der Bauernschaft und der

Intelligenz in der Perspektive des friedlichen Aufbaus der

neuen Gesellschaft. Wenn Lenin sich dafür verwendet, die

Intelligenz in den Dienst einer Kulturrevolution zu stellen

und alle aufkommenden kulturellen Kräfte der Massen zu

unterstützen, dann tut er das nicht, damit die Rote Armee

gebildetere Rekruten hat. Es ist eines der Mittel, die er für

den sozialistischen Aufbau für notwendig hält.

98 Gemäss den gebräuchlichen Kategorien : Bauern

die wohlhabend genug sind, um von ihrem Land und

S. 4: Digitalisiertes Bild von den Barrikaden in Paris (1871)

S. 4/5: Gruppenbild mit Leonie Kascher

S. 8: Spartakisten hinter Barrikaden in Berlin (1919)

S. 16: Spartakusaufstand in Berlin (1919)

S. 34/35: Spartakusaufstandes in Berlin bei der heutigen

Karl-Marx-Allee (1919)

S. 36: Postkarten: Wladimir Iljitsch Lenin Lenin mit einer

Delegation (1921)

S. 38: Szenen der Oktoberrevolution in der frühen

Sowjetunion (undatiert)

S. 44: Gruppe des Roten Frontkämpferbundes (1928)

S. 50: Wladimir Iljitsch Lenin in Petersburg (1917)

S. 56: Feier zum zweijährigen Jubiläum der

Oktoberrevolution in Moskau (1919)

einzunehmen oder als solcher zu posieren. Im Gegensatz zu

87 Sergei Ivaniwisch Gussev (1874-1933) nahm an

ihrem Vieh zu leben, aber nicht genug wohlhabend, um

Trotzki und Stalin hat ihn die Uniform nicht interessiert, und

den Revolutionen von 1905 und 1917 teil, war 1917 Mitglied

Lohnarbeiterinnen anzustellen.

er gab niemals vor, imstande zu sein, Militärangelegenheiten

des Militärkomitees von Petrograd, dann des Revolutionären

99 Gegen die Aufständischen von Tambow wurden

technisch zu beurteilen.» Adam B. Ulam : Les bolcheviques,

Kriegsrates der Republik. Er war einer der wichtigsten

massiv chemische Waffen eingesetzt.

Fayard, collection L’Histoire sans frontière, Paris, 1973,

politischen Führer der Roten Armee..

100 In seinem Artikel Marxismus, Taktik, Lenin ,

Seite 283, eigene Übersetzung.

88 Eine im Grund typisch Clausewitz’sche Ironie.

erschienen in Nummer 1 der Prawda Jahrgang 1928, zitierte

79 Général-Major N. Pankratow : Lénine, chef de la

89 Lenin : 224 An S. I. Gussew LW 35, S. 396f.

W. Sorine eine Bemerkung, die er von Lenin gehört hatte. :

défense de la patrie socialiste, in Revue Militaire Soviétique

90 Vom Kriege, S. 505, Lenins Glossen über

« die politische und die militärische Taktik bedeuten etwas,

n°10 (octobre) 1978, Seite 4.

Clausewitz, S. 23.

das man auf Deutsch ‘Grenzgebiet’ nennt, und die Militanten

80 Beide waren ehemalige zaristische Obersten.

91 Lenin : Telegramme 1918-20, Seite112.

der Partei würden mit grossem Gewinn die Arbeiten des

Kamenew selbst berichtete, von Lenin zurechtgewiesen

92 Lenin : Über linke Kinderei und über

grossen deutschen Militärtheoretikers Clausewitz lesen ».

worden zu sein, als er ihm die Schönheit armierter Manöver

Kleinbürgerlichkeit, LW 27, S. 324f.

101 Lenin vergleicht zum Beispiel im bereits zitierten

zu beschreiben getraute. Lenin sagte ihm trocken, seine

93 « Die äusseren Belastungen, die grossen inneren

Bericht das ökonomische Regime der NEP mit einem

Arbeit bestehe im Schlagen der gegnerischen Armee, und

Schwierigkeiten, all das, so schien es uns, sollten durch

Rückzug : «Der Rückzug verlief im großen und ganzen

ob er das kunstvoll mache oder nicht sei von keinerlei

den revolutionären Krieg ausgeräumt werden». Zitiert

ziemlich geordnet, obwohl Panikstimmen, zu denen auch die

Interesse....

von Christian Salmon in Le rêve mathématique de Nicolaï

Arbeiteropposition’ gehörte (...), in einzelnen Fällen dazu

81 Teil der heutigen Stadt Puschkin (Anm. d. Übers.)

Boukharine, Le Sycomore, collection Contradictions, Paris,

führten, dass der oder jener abgeschnitten, die Disziplin

82 Auf die gleiche Weise wie Lenin den Arbeitern

1980, Seite 116.

verletzt und der geordnete Rückzug zerstört wurde. Das

der Fabrik Puillow befahl, die Züge zu Panzern und zu

94 Aníbal Romero: Lenín y la militarización del

gefährlichste bei einem Rückzug ist die Panik. Wenn sich

bewaffnen und sie an die Front zu führen. Wobei Podwoiski

marxismo, Universidad Simón Bolívar, Caracas 1983, (Seite

eine ganze Armee (ich spreche hier in übertragenem Sinne)

mässigend schrieb: « Es ist wahr, dass diese befehle weder

4 des .pdf, verfügbar auf der Website von Anibal Romero,

zurückzieht, dann kann die Stimmung nicht so gut sein, wie

die militärischen Operationen noch die Einheiten betrafen,

http://www.anibalromero.net/estudios_filo.html). Für

wenn alle auf dem Vormarsch sind (S. 267).

sondern ausschliesslich die Mobilisierung von « Allem und

Romero geht diese Militarisierung aus der Ablehnung des

102 Sie findet sich teilweise wieder mit der

Jedem » für die Verteidigung. Aber diese Doppelspurigkeit

« friedlichen Weges » als reformistisch hervor und betrifft

Wiederbelebung des Klassenkampfes auf dem Land infolge

der Arbeit nervte gewaltig». Nicolai Podwoiski ; Les

auch Mao Zedong und sogar Gramsci in dem Mass als er

der Getreidekrise von 1928, welche die Eskalation des

journées d’Octobre, in Lénine tel qu’il fut : Souvenirs de

die Kategorie des Krieges benützt (idem, Seite 40). In einem

Saatstreiks und der Zwangskollektivierung nach sich zog.

contemporains, tome 1, op. cit., page 751.

anderen Dokument fügt er Stalin hinzu (Aníbal Romero:

103 Vom Kriege, S. 215.

68

69


Die Geschichte in die eigenen Hände nehmen. Aufruf zur Revolution 1918.

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