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Cruiser im November 2015

Warum man im Spitzensport nicht schwul sein kann

16 SERIE HOMOSEXUALITÄT

16 SERIE HOMOSEXUALITÄT AUF DEM LAND SCHWUL IM AARGAU «Im Aargäu sind zwöi Liebi, es Maiteli und es Büebli, die händ enand e so gern, gern, gern». Im alten Volkslied wird die Heteroliebe besungen. Inzwischen lieben sich im Rüeblikanton aber auch «Büebli und Büebli» oder «Maiteli und Maiteli». Nur, wo sind sie? «Cruiser» ging auf die Suche. VON MARTIN ENDER Der Aargau fällt nicht gerade durch ein offen schwules Leben auf. Dabei ist der Aargau mit 640 000 Menschen bevölkerungsmässig der viertgrösste Kanton der Schweiz. Da müssten doch tief geschätzt 60 000 Menschen der LGBT*-Comunity angehören. Die staatlichen Partnerschaftszahlen zeigen natürlich nur den kleinsten Teil aller Beziehungen zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau im Kanton Aargau. Seit der Gesetzeseinführung werden es bis Ende 2015 rund 400 eingetragene Partnerschaften sein (Stand Ende 2014: 359). Der Aargau und die Aargauer werden mit etlichen Klischees und Vorurteilen eingedeckt: «Das sind doch die mit den weissen Socken, das ist der Kanton, den man vom Durchfahren kennt, es ist der Rüeblikanton». Zugegeben, Städter haben die Nase in Sachen Mode etwas weiter vorne. (Aus nicht aargauischer Sicht: Sie tragen sie auch etwas hoch.) Betrachtet man die Geschichte, muss man das hinterwäldlerische Image korrigieren. Der Stammsitz der Habsburger, die nach ihrem glänzenden Aufstieg im Spätmittelalter ein Weltreich beherrschten, lag im Aargau. Ende des 18. Jahrhunderts war die Stadt Aarau für kurze Zeit Hauptstadt der Helvetischen Republik und damit erste Hauptstadt der Schweiz. Der Kanton FOTOS: FOTOLIA (1), ZVG CRUISER NOVEMBER 2015

17 besitzt Kulturdenkmäler von europäischem Rang wie z. B. die Klosterkirche Königsfelden oder die ehemaligen Benediktinerabtei. Die Kantonschule Aarau, 1802 gegründet, ist das älteste nicht kirchliche Gymnasium der Schweiz. Der Kanton Aargau gehörte damals zu den liberalen Kantonen. Heute gilt er jedoch als konservativster der grösseren Kantone. Da stellt sich die Frage, wie es sich als Schwuler im Aargau leben lässt. «Cruiser» ging auf die Suche und ist auf vier unterschiedliche Gay-Lebensläufe gestossen. Gianni, einst voll in der Rolle des Familienvaters, ist nach seinen eigenen Worten «auf dem zweiten Bildungsweg schwul geworden». Walter, ehemaliger Kantonsschullehrer für Englisch- und Russisch, lebt in Aarau, einer «Zurich Metropolitain Area». Florian, mit 25 Jahren bereits Grossrat, will die Welt, sprich, den Aargau vor dem Konservatismus retten. Walter, in Partnerschaft lebend, bis vor Kurzem eingefleischter Stadtzürcher, heute im Freiamt, ist überrascht, wie selbstverständlich man auf dem Lande Schwulen begegnet. GIANNI BORTOLIN, 48, ZOFINGEN Gianni ist in Zofingen aufgewachsen, hat nebenan in Rothrist die Lehre gemacht, arbeitet heute aber in Bern. Auf die Frage, wie das denn mit seinem Coming-out gewesen sei, ob er sein Schwulsein im Aargau oder eben mehr in Zürich oder Bern ausgelebt habe, kann er das nicht in einem Satz beantworten: «Es ist nicht so einfach. In jungen Jahren lebte ich in der Heterowelt. Ich bin sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg schwul geworden. Ich hatte zwar mit dem Gedanken gespielt – im Sinne eines Experimentes mit der Sexualität – mit einem Mann Sex zu haben. Aber ich konnte damals keine Gefühle für einen Mann entwickeln. Ich war verheiratet und lebte voll in der Heterowelt. Ich habe drei Kinder. Bei der Suche nach einem neuen sexuellen Erlebnis habe ich Kari getroffen. Bei diesem Kontakt vor gut zwölf Jahren habe ich das erste Mal gespürt, was es heisst, verknallt zu sein. Ich wollte eigentlich nur Sex. Aber ich wurde übermannt von Gefühlen. Das Coming-out haben wir aber noch lange nicht gemacht. Vor allem meiner Kinder wegen. Die waren noch klein. Ich wollte nicht, dass sie sich in der Schule Sprüche anhören müssten. Einer meiner Söhne ist Balletttänzer. Er wurde schon deswegen mit dem Attribut ‹schwul› in Verbindung gebracht. Sollte ich da noch einen draufsetzen mit ‹dein Vater ist ja auch schwul›? Wir haben uns aber nicht versteckt. Wir waren in der Szene, im Aargau und Umgebung, und haben uns auch öffentlich gezeigt. Aber ich habe keine Fragen beantwortet, die nicht gestellt wurden. Das hat sich gut acht Jahre bewährt. Dann kam der Moment des Outings. Mein Freund Kari ist liiert mit einer Frau. Ihr gegenüber haben wir uns geoutet. Eine Woche darauf haben wir das Outing bei meinen Schwestern gemacht. Die meinten: ‹Das wissen wir doch längst. Wenn du acht Jahre lang mit Kari zusammen bist, und wenn wir sehen, wie du strahlst, wenn du mit ihm zusammen bist, dann ist alles klar.› Auch meine Kinder wissen nun über mein Leben Bescheid. Aber auch heute tragen Kari und ich unsere Sexualität nicht vor uns her. Das macht ja schliesslich auch kein Hetero. Wer fragt, seid ihr ein Paar, dem sagen wir klar ja. Dem, der nicht fragt, binden wir das nicht auf die Nase.» So begegnet Gianni auch den Nachbarn. Im Haus in der untersten Wohnung lebt eine Frau, die einen schwulen Sohn hat, der aber nicht geoutet ist. Man lässt es dabei bleiben, dass angeblich keiner weiss, dass er schwul ist. Ausserdem kennt man im Hochhaus nebenan ein schwules Paar und Gianni ergänzt: «Wir haben hier im Umkreis etliche Schwule, auch in der Altstadt. Einige davon gehören zu unserem Bekanntenkreis.» Sein Freund Kari war eine Zeit lang mehr in der Szene verankert, schliesslich war er mal Besitzer der Samurai-Bar in Bern und das kam so: «Ich hatte die Samurai-Bar gekauft, weil ich einen Sohn habe, der schwul ist und der bereits im Gastgewerbe gearbeitet hatte. Ich wollte ihm damit eine eigene, selbstständige Existenz ermöglichen. Das hat sich gut angelassen. Aber aufgrund gesundheitlicher Probleme des Sohnes haben wir später die Samurai-Bar wieder verkauft.» Auch wenn Gianni seine Sexualität nicht vor sich hertragen will und nicht mit wehender Gayfahne durch den Aargau läuft, engagiert er sich doch inzwischen an vorderster Front für die Aargauer Gays. Er ist nämlich Präsident der Vereins Aargay. Hier will er sich genau für jene Gays einsetzen, die, wie er, nicht geradlinig und offen schwul sein können. Aus was für Gründen auch immer. (Mehr über Aargay siehe im Anhang.) WALTER MAURER, 63, AARAU Walter ist Single und seit einem Jahr pensioniert. Er war an der Alten Kantonsschule Aarau als Englisch- und Russischlehrer tätig und findet: «Es lebt sich gut im Aargau, vor allem da ich hier so nahe bei Zürich und anderen Städten wohne. In den USA wäre Aarau ohnehin ‹Zurich Metropolitain Area› – eine knappe halbe Stunde Zugfahrt von Zürich weg.» Walter findet die Bevölkerung in seinem Umfeld erstaunlich offen gegenüber Homosexuellen: «Ich hatte nie Probleme, auch an der Schule nicht – bei vielen KollegInnen war ich geoutet.» Der Kontakt zur Nachbarschaft ist gut. «Ich lebe in der Überbauung ‹Telli›: vier riesige Wohnblöcke, genannt Staumauer, da sie quer zum Tal stehen. Es ist eine stark durchmischte Gesellschaft, u. a. gibt es hier viele Ausländer. Bei einigen Nachbarn bin ich geoutet, bei anderen nicht. Viele schwule Paare und auch sonst Schwule wohnen hier.» Walter fühlt sich teilweise als CRUISER NOVEMBER 2015