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Cruiser im November 2015

Warum man im Spitzensport nicht schwul sein kann

20 KOLUMNE WEISSBERGS

20 KOLUMNE WEISSBERGS WARME WEISSHEITEN MEIN GUTES ALTER IST WIE MEINE LIEBLINGSSCHUHE! Kolumnistin Marianne Weissberg hat eine wertvolle Alters-Weis(s)heit ausgerechnet von ihren Lieblingsschuhen gelernt. Doch dafür musste sie jahrelang in ihnen herumlaufen, bis … aber lesen Sie doch selbst! VON MARIANNE WEISSBERG IHRE HANDSCHUHBEQUEMEN HERBST- TRETER WÜRDE FRAU WEISSBERG NIE MEHR GEGEN QUÄL-STÖGELI EIN- TAUSCHEN. pair». Nei, das ist kein Schmiermittel für Flugzeugturbinen, sondern eins für Menschen wie du und ich. Also auch fürs mittelalte Ex-Supermodel Christy Turlington, die deren (sehr gephotoshoppte) Werbebotschafterin «DAS ALTER WILL SICH DOCH ENTFALTEN, DAMIT MAN SICH ENDLICH ENTSPANNEN KANN!» ist. Im Werbespot sieht das so aus: Du schmierst dir das sauteure Zeugs frühmorgens auf die Falten, danach machst du in einem blütenweissen Gwändli gelenkigst zwei Stunden Yoga, gehst singend drei Stunden joggen, wirst durch all den Stress fix repariert, so dass du in deinem Glamour-Job (irgendwas mit viel Boni) wundervoll erfolgreich walten darfst. Ich weiss nicht, wer diesen Schrott noch glaubt. Sie öppe? Also ich kaufe prinzipiell keine Produkte, in denen ich für blöd verarscht werde. Alt werden ist nämlich eine aufregende Lebensaufgabe. Wieso sollte ich sie hysterisch verneinen und unbedingt aussehen wollen wie Kurt Aeschbacher (66) in falschblond und zu engen, violetten Anzügen? Oder wie der umgekrempelte Bruce Jenner (65), der inmitten seiner gelifteten Kardäschian-Mischpoche in Panik geriet, dachte, oh, ich könnte doch auch mal Frau sein, aber bitte faltenlos und jung. Das Resultat ist schaudervoll. Wobei, ich finde die angestrengt schril- Ich wette, niemand von Ihnen jubelt: Juhu, ich werde jeden Tag älter, und das finde ich toll! So was könnte sein, wenn Sie elf sind, es grässlich finden, dass Sie noch nicht in Filme «ab 16» reingehen können, was damals, als ich elf war, mein schlimmstes Problem war. Doch da Elfjährige vermutlich dieses Magazin nicht lesen( ausser sie haben es bei Papi, der sich nicht outen will, im Nachttischli gefunden und möchten nun wissen, was Papi da Komisches liest …), wende ich mich an die übrigen Normalen, die beim morgendlichen Blick in den Spiegel murmeln: Aha, ich sehe heute gaanz ALT aus! Ist vielleicht ziemlich normal … Sowas geht jedoch schlicht nicht, jedenfalls in den Augen der mir sehr unsympathischen Werbefuzzis, die Kosmetikwerbung verbrechen. Beispiel: Biotherm. Die machen aktuell Werbung für «Accelerated Blue Rele Stil-Ikone Iris Apfel (ca. 100) oder den Immernochdauervamp Madonna (60 minus) auch nicht vorbildlich. Das Alter will sich doch entfalten, damit man sich endlich entspannen kann! So meine Alters-Weissheit. Doch wehe, wenn ich so was propagiere. Als ich kürzlich die Worte AHV und «ich bin gern alt» aussprach, kriegte mein bester, schwuler Freund Harry (mittelalt) sofort die Krise. Es war so, wie wenn ich ihm erzählen würde, dass ich mich auf einen Tripper freue. Ja, er hat sogar das Telefon eingehängt und strich seine Dinner-Einladung. Vermutlich fürchtete er, ich würde in Krampfadern-Stützstrümpfen und lilarosa Betondauerwellen erscheinen. Nein, lieber Harry, soweit ist es noch nicht, aber ich werde sicher meine besten Schuhen (sehr vintage) vorführen. Als ich diese Schuhe kaufte, lagen sie unbequem eng an, ich versorgte sie im Schrank und wollte sie nicht ansehen, dann begann ich sie irgendwann doch zu tragen, trotzig, und siehe da, sie wurden immer weicher. Ich begann sie zu lieben und heute sind sie meine Favoriten. Aber so eine Erkenntnis will eben süferli erlaufen werden. Halt so wie (m)ein gutes Alter. Gäll Harry? MARIANNE WEISSBERG Ist Historikerin, Autorin & Inhaberin des Literaturlabels Edition VOLLREIF (www.vollreif.ch). Ihre Werke u. a. «Das letzte Zipfelchen der Macht» oder die Kolumnenkollektion «Tränen ins Tiramisu» sind mittlerweile schon fast Kult. FOTO: ZVG CRUISER NOVEMBER 2015

KOLUMNE MICHI RÜEGG 21 DAS KREUZ MIT DEM SPENDEN Michi Rüegg würde gerne Blut spenden. Und Sex haben. Beides geht aber nicht, was suboptimal ist. Denn: Nur der keusche Schwule ist ein guter Schwuler. VON MICHI RÜEGG So mancher schwule Mann ist spendierfreudig. Etwa wenn ein Objekt seiner Begierde am Tresen steht. Manche von uns sind auch spendenfreudig, beispielsweise beim Sperma. So würde ich sofort jeder gebärfähigen Lesbe mit minimalem IQ ihren Kinderwunsch erfüllen, sofern sich das via Plastikbecher machen liesse und daraus keine weiteren Verpflichtungen erwachsen täten. Ist ja kein Aufwand, früher hab ich den hierfür notwendigen Vorgang sogar mehrmals täglich ausgeführt. Etwas zeitaufwändiger als die Sperma- ist die Blutspende. Da wird nicht gerubbelt, da wird gestochen. Ich erinnere mich noch an mein erstes Mal. Ich lag im Spital, den Arm ausgestreckt, während eine junge Dame mit der Nadel in der Hand verzweifelt meine schüchternen Venen aufzuspüren suchte. Sie liess mich unzählige Male eine Faust machen, bis sie letztlich eine ganz dünne Ader fand. Nach etwa 40 Minuten und einem halbvollen Sack Blut beendeten wir das Experiment. Das Sandwich und den O-Saft bekam ich trotzdem. Mein erstes war auch mein letztes Mal. Ich wäre zwar jederzeit wieder für einen guten Zweck zum Aderlass zu motivieren gewesen. Aber meine guten blutspenderischen Absichten fielen den Umständen zum Opfer. Genauer gesagt: Dem Umstand, dass ich alsbald die körperliche Liebe entdecken durfte. Hierauf öffneten sich zwar die Pforten zur Hölle, es schlossen sich hingegen diejenigen der Blutspendendienste. So sehr ich daran hämmerte und flehend meinen Willen bekundete, das Personal zeigte sich unbarmherzig. Wenn mich jeweils die jungen Leute an der Züspa fürs Blutspenden gewinnen wollten, musste ich beschämt zugeben, dass NUR DER KEUSCHE SCHWULE IST EIN GUTER SCHWULER. SOWOHL AUS THEOLOGISCHER ALS AUCH AUS MEDIZINISCHER SICHT. mir das nicht erlaubt sei. Vermutlich hielten sie das für die Lüge eines Egoisten, der nicht zu teilen gewillt ist. Irgendwann, so glaube ich mich zu erinnern, schlug eine halbschlaue Politikerin vor, dass künftig nur noch im Notfall Blut empfangen solle, wer selber auch gespendet habe. Oi. Nun wird das bisherige Verbot gelockert. Allerdings hat die Sache wie fast alles im Leben einen Haken. Blut spenden soll der schwule Mann nur dürfen, wenn er zuvor ein Jahr lang keinerlei Sex hatte. Diese Nachricht, neulich gelesen, musste ich erst ein paar Minuten setzen lassen. Ein Jahr lang keinen Sex. Ich will ehrlich sein, ich hatte die ersten fast 20 Jahre meines Lebens keinen Sex. Genauso wie ich fast 20 Jahre lang kein Blut gespendet hatte. Aber nach dem ersten Mal wurde Sex zur Gewohnheit. Und Gewohnheiten lassen sich nicht so leicht auf einmal pro Jahr reduzieren. Immerhin weiss ich nun, dass mein Blut nicht länger weniger wert sein soll als dasjenige eines Heterosexuellen. Ich muss es einfach ein Jahr lang in Ruhe reifen lassen, bevor es gezapft wird. Schwules Blut ist also quasi Grand-Cru-Blut. Erst nach einem Jahr wird es geerntet. Das zumindest ist das einzige Korsett aus der Schublade des positiven Denkens, in das ich die Sachlage zu stopfen vermag. Werfe ich den unerschütterlichen Optimismus für einmal über Bord, bleibt ein eher schaler Nachgeschmack: Das Rote Kreuz, das sich verdankenswerterweise der koordinativen Aufgaben rund ums Einsammeln von Blut annimmt, stellt endlich sein zentrales Symbol in den Vordergrund – das Kreuz. Denn das Kreuz steht wie kein anderes Zeichen in der westlichen Welt für die Ausgrenzung von Männern, die Männer lieben. Genauso wie die andere gekreuzigte Weltorganisation, die katholische Kirche, sagt uns das Rote Kreuz, dass wir zwar schwul sein dürfen – aber unsere Identität nicht ausleben sollen. Als keusche Menschen sind wir willkommen, sei es auf den Bänken der Kirchen oder in den plastikbezogenen Sesseln der Blutspendedienste. Nur der keusche Schwule ist ein guter Schwuler. Sowohl aus theologischer als auch aus medizinischer Sicht. Ich bin froh, dass man mir dies einmal mehr so deutlich zu verstehen gibt. CRUISER NOVEMBER 2015