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Cruiser im November 2015

Warum man im Spitzensport nicht schwul sein kann

22 SERIE HOMOSEXUALITÄT

22 SERIE HOMOSEXUALITÄT IN GESCHCHTE UND LITERATUR KLEINE GRÜNE IM STOSSVERKEHR Sie sind grün oder rot, aber mit Politik hat das nichts zu tun. In diversen Städten dürfte in diesem Sommer ein Blick an die Verkehrsampeln Überraschung ausgelöst haben. VON ALAIN SOREL stanz in so kurzer Zeit umzustossen, hiess es. Entgegen ersten Befürchtungen aus dem Publikum waren die Ampelpfosten auch nicht mit Sensoren ausgestattet, die homophobe Gedanken eines Passanten erfasst und der nächsten städtischen Antidiskriminierungsstelle gemeldet hätten. Nicht immer verstecken sich hinter Sie hielten sich, auch im grössten Stossverkehr, zärtlich an den Händen oder fassten sich um die Schultern: die schwulen und lesbischen Ampelpärchen, mit denen in Wien dieses Jahr die Lichtsignalanlagen extra für Anlässe wie den Life Ball (zugunsten HIV-infizierter und an Aids erkrankter Menschen) und den European Song Contest ausgerüstet worden waren. Frankfurt, München und weitere Städte zogen für den Christopher Street Day entsprechend nach. Zusammen mit heterosexuellen Duos hatten damit die homosexuellen Zweierteams das für Ampelmasten sonst übliche trostlose Singledasein vieler grüner und roter Figürchen unterbrochen. So ist denn nun die Darstellung der Gleichgeschlechtlichkeit nach dem Erscheinen in Literatur, in Kunst oder Film auch in die an sich nüchterne Welt der Verkehrsplanung vorgerückt. Soll noch jemand sagen, Behörden seien fantasielos! KEINE SCHWEINEREI Dabei verfolgte diese Installierung, die zeitlich befristet sein sollte, keineswegs das Ziel, «Gehen» oder «Warten» nach sexuellen Vorlieben zu regeln. Ein aufleuchtendes schwules, lesbisches oder auch heterosexuelles Ampelpärchen hiess also mit- nichten, dass nur Menschen mit den entsprechenden Vorlieben die Strasse überqueren dürften oder anzuhalten hätten. Auch die Gefahr, dass beispielsweise ein Hetero auf dem Weg von einer Strassenseite zur andern durch einen Blick auf die beiden männlichen Typen an der Lichtsignalanlage plötzlich hätte schwul werden können, wurde von Experten als ziemlich gering eingestuft. Es bräuchte da wohl einiges mehr, um die sexuelle Orientierung auf so kurzer Di- WER NUN ABER AN «SAFER SEX» DENKT, LIEGT FALSCH. Massnahmen der öffentlichen Hand irgendwelche Schweinereien. Im Gegenteil: Die Verantwortlichen wollten mit dieser Idee einerseits die Riesendemo von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern sowie den europäischen Liederwettbewerb und den Ball ehren, und anderseits auch mehr Sicherheit im Verkehr erreichen. SIGNAL FÜR INTEGRATION UND TOLERANZ Sicherheit im Verkehr: Wer nun aber an «Safer Sex» denkt, liegt falsch. Der Hintergedanke war vielmehr, dass die Pärchen in Rot wegen des besonderen Hinguckeffekts die Fussgänger häufiger davon abhalten würden, verbotenerweise loszulaufen und sich damit zu gefährden. Und andere. Gerade etwa für Kinder sind Erwachsene, die nicht bereit sind, geduldig auf Grün zu warten, schlechte Vorbilder und torpedieren jede Verkehrserziehung. Insgesamt aber sollten die Ampelpärchen mit dem zwischen ihnen FOTO: FOTOLIA (1) CRUISER NOVEMBER 2015

23 und, in ihrer eigenen, realen Welt: Hampelmänner. Nicht etwa Hampelmännchen, denn «Hampelmann» genügt vollauf als Verkleinerungsform, als Schimpfwort für einen, der nicht ernst genommen, dem keine Autorität zugebilligt wird. Ein Hampelmann in einem Amt oder einer Firma lässt es zu, dass ein Mächtigerer als graue Eminenz bei ihm die Fäden zieht. Unter den mit kleinen Händen tast- und greifbaren Spielsachen eines Kindes hatte der Hampelmann aus Holz einst einen beruhigenden Einfluss, gab dem Mädchen oder dem Buben ein Gefühl von Macht. Ob es diese Welt noch gibt? Doch das ist eine andere Geschichte. WAS IN WIEN BEGANN, WURDE BALD EIN GLOBALES PHÄNOMEN schwebenden Herz buchstäblich ein Signal setzen für Integration und Toleranz, das dank den homosexuellen unter ihnen zweifellos verstärkt wurde. KEINE PORNO-AMPELN Es ist nicht verwunderlich, dass der Einfall nicht allen politischen Parteien und Personen gefallen hat. Natürlich war die Aktion nicht gratis zu haben, aber man wird den Verdacht nicht los, bei einigen Kritikern sei der finanzielle Aspekt nur vorgeschoben gewesen, um nicht als die entlarvt zu werden, die sie in Wahrheit sind: prüde Gralshüter einer rigiden Moral. HOMOSEXUALITÄT IN GESCHICHTE UND LITERATUR Mehr oder weniger versteckt findet sich das Thema Männerliebe in der Weltgeschichte, der Politik, in antiken Sagen und traditionellen Märchen – aber auch in der Technik, in der Computerwelt. «Cruiser» greift einzelne Beispiele heraus, würzt sie mit etwas Fantasie, stellt sie in zeitgenössische Zusammenhänge und wünscht bei der Lektüre viel Spass – und hie und da auch neue oder zumindest aufgefrischte Erkenntnisse. Diese Folge befasst sich mit grünen und roten Männchen, aber sie sind nicht vom Mars. Andere wurden von der besonderen rot-grünen Koalition in ihrem Blickfeld regelrecht schöpferisch angestachelt: Spötter haben im Internet bereits die Porno-Ampel der Zukunft entworfen. Mit Stellungen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Dazu wird es nicht kommen. Nie wird ein Ampelmännchen das andere auf einer öffentlichen Kreuzung aufs Kreuz legen. Es wird bei verhaltenen Gesten bleiben. Auch, um Unfälle infolge von Ablenkungen zu vermeiden … Bei den offiziell eingeführten Figuren mutet die Bezeichnung «schwule Ampelmännchen» dank dem Wortteil «-männchen» liebevoll an und kommt schlank über die Lippen. Bei ihren weiblichen Pendants entstand glücklicherweise kein «lesbisches Ampelfrauchen». Gesprochen wird von «lesbischen Ampelpärchen», «homosexuellen Ampelfrauen», «lesbischen Ampelfrauen» oder «Ampellesben», was sich nun wiederum etwas neutral bzw. streng anhört. Man sieht: Die Miniaturwelt dieser gleichgeschlechtlichen Doppel, denen da bestimmt war, im Takt von Minuten aufzuleuchten und zu erlöschen, war mit all den Nuancen auch in der Lage, dem Sprachempfinden den Takt vorzugeben. Menschen erzeugen Ampelmännchen für eine virtuelle Existenz – PRIESTER UND SCHÜTZENKÖNIG Die neckischen Ampelpärchen waren zwar Gefangene ihrer Automaten, dazu verdammt, immer dasselbe zu tun. Aber die wortlosen Gesten des Händchenhaltens und der Schulterumarmung, mit denen sie Fortbewegung oder Stillstand anzeigten, waren doch vielsagend, waren stille Botschaften der Zärtlichkeit, der Vertrautheit, der Nähe, die möglicherweise Alleinstehende, Vereinsamte unter all den Unzähligen aus Fleisch und Blut berührten, die sich da Tag für Tag nach den leicht erhöhten grünen oder roten Minifigürchen vis-àvis am Strassenrand zu richten hatten. In Wien jedenfalls lösten sie ein so lebhaftes Echo aus, dass die Stadt beschloss, die abgeänderten Ampeln im Dienst zu belassen. Wie stark Freundschaft und Liebe sein können und ein festes Band gegen Einsamkeit zu knüpfen vermögen, zeigten gerade wieder die letzten Tage, als sich der polnische Priester Krzysztof Charamsa offen zu seiner Homosexualität und zu seinem Lebenspartner bekannte. Und der SPD-Politiker Udo Figge stellte für seine Krönung zum Düsseldorfer Schützenkönig seinen Mann, indem er seinen Mann an die Feier mitnahm. Dass da etliche im Vatikan oder bei den Schützen Rot wie an der Ampel sahen, dürfte niemanden erstaunen. Aber gerade diese Paare haben mit Mut und Zivilcourage ins Schwarze getroffen und sich für eine grüne Welle auf ihrer Lebensstrasse entschieden. CRUISER NOVEMBER 2015